Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

Farbenharmonien, eng zu gleidier Ruhe gebannt." „Diese Kunst einer höheren Welt war das,

was dem XV, Jahrhundert vorausgeht — die glatte Wirklidikeit in überfreulichen Farben, in

ruhelosem Zersprengen des Flächigen das, was ihm folgte. Das XV. Jahrhundert ist der

Übergang. Es hat sich nach der Wirklidikeit gesehnt, nach dem Diesseits, fort aus der glän^^

zend schönen Märchenwelt, in jedem Strich fühlt man das Streben, die Ehrlichkeit des

Suchenden ,

.

."

Der ehrlichste dieser Sucher war Grünewald,- au(h der größte Künstler unter den Suchern.

Er hatte erkannt, was mit der Märchenwelt der Glasmalerei verloren ging. Er suchte davon

zu retten, was künstlerisch davon zu retten war, zeigte mit der Kühnheit des überragenden

Meisters, dal) und wie sie auf die Tafelmalerei übertragen werden mül5te — zeigte den Weg

zur Höhe, ging ihn selbst. Aber niemand folgte dem Einsamen; die „Sehnsucht nach dem Dies=^

seits" stand der wunderbaren Verbindung deutlicher Wirklichkeit mit märchenhafter Kunst-

empfindung verständnislos gegenüber, und so sank die deutsche Kunst herab mit dem ganzen

Volke, das sich noch einmal, zweimal mühsam erhob, um zu Meister Mathis Idealen zurüdi*^

zukehren ...

So wird die Aufgabe verständlich, die Grünewald als der klare Feuerkopf, der er war, sich

stellte: er sagt sich los von der Glasmalerei, weil sie dem unwiderstehlichen Drange zum Aus^

druck der Wirklickkeit und Deutlichkeit alles Empfindens nicht genügt, nicht genügen konnte,

da das ihren innersten Gesetzen nicht entsprach, da sie in die leuchtende Fläche gebannt blieb.

Von dieser aber, der leuchtenden, schier überirdischen Farbe — ist jemals wieder ein solches

Rot gemalt worden wie das des Kleides der Isenheimer Gottesmutter? — wollte er für die mit

einer Fülle neuer Mittel ausgestatteten Tafelmalerei retten, was zu retten war,- es retten zugleich

mit jener deutschen Liebe zur Tiefe des Ausdruciis, der sich nie genug tut und den wahren

niemals ausgeschöpften Schatzcjuell unserer Kunst bildet. Diesen Weg beschritt Grünewald

bewul)t und klar mit dem scharfen Blicice des Technikers, aber auch als der einzig grol)e Künstler

und ganze Deutsche, der er war, und hatte dabei weder Genossen, noch Schüler, noch Nach;»

folger. Dürer, nicht unähnlich veranlagt dem Mathes, aber weniger festgewurzelt in deutschem

Wesen, weniger einseitig, weniger leidenschaftlich, wird von dem Ziele abgedrängt und cjuält

sich vom ersten Augenblicii an, da er den Ful) auf den Boden welschen Kunstempfindens setzt

(wo sich der Nürnberger Bürgerssohn als „Kavalier" fühlt, wie der nach England verschlagene

Holbein als „gentleman") ab, eine ganz andere, eine unmögliche Verbindung romanischer und

germanischer Kunstauffassung zu ergründen. HofSei'n, der geborene Meister des Malens, er*^

reicht das Ziel spielend, ohne Kampf, ohne Leidenschaft: aber die deutsche Kunst ist damit

erschöpft: sie hat ein ihr wesensfremdes hödistes Ziel auf einem Abwege erreicht und ihr eigenes

Hochziel für immer verloren, denn die künstlerisch vollendete Vereinigung aller technischen

Mittel zum Zwecice tiefster Ausdrucksstarke, wie sie der Würzburger Meister Mathis in hef^^

tigstem Ringen mit sich und der Umwelt erstrebte und der Niederländer Rembrandt erreichte,

blieb der deutschen Kunst der Folgezeit versagt.

Mit diesem Ringen, mit dieser künstlerischen Gedankenwelt und der Arbeit angefüllt, die sich

darauf mag aufgebaut haben, sei es, da^ Mathes in dem grollen Betriebe der alles gleich=^

machenden Werkstatt eines Hans Wild oder mit Genossen wie Holbein, Schongauer, Acker

und anderen Ulmer oder Augsburger Künstlern zusammenwirkte, mit dieser Tätigkeit müssen

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