Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

Grunewald hat sie niAt aus dem Nidits gesdiafFen: Es gibt soldie Bilder von Stein, wie sie

Mathis mit malerischen Mitteln in Fleisdi und Blut auf seine Sockel stellt. Da ist — um nur ein

Paar zu nennen — Hans Muftscßers Schmerzensmann und Meister Hartmanns St. Martin.

Ist es wieder nur ein Zufall, daß sie am Ufmer Münster stehen? ''*''

Grünewalds Heilige sind

keine vor Hintergründe gestellte, von vorn herein mensdilicii gedachte, ins Göttliche erhobene

Gestalten, sondern es sind richtig auf Sockel gestellte Figuren, in ßauficßem Zusammenhange

gedachte Zieraten eines kirchlidien Bauwerkes und afs sofcße ins rein Malerische übertragen —

eine Aufgabe von solcber Sdhwierigkeit und eine Lösung von solcher Kühnheit, dap sie nur ein

groljer und vollkommen selbständiger Herrsciier im Gebiete seiner Kunst zu lösen vermodite.

Wie durchdacht das Ganze ist, geht aus dem Umstände hervor, dal) er die Figuren nicht etwa

vor einen stark betonten baulieben Hintergrund stellt, denn dann wäre die Natur des Stande

bildes zu sehr hervorgetreten. Er stellt sie aber ebensowenig auf den flachen Boden, denn dann

wären sie menschlich, allzu menschlich geworden. Sockel und Säule, beide malerisch behandelt,

genügen, um das zu erreichen, was Mathis wollte: die vollkommene Lösung der Aufgabe, das

Standbild eines Heiligen malerisch wiederzugeben, so dap es lebt! Dazu bedurfte es einer Um»

weit, mit der er seine Gestalt in lebendige Beziehungen setzt. Beim heiligen Anton plagt der

die Fensterscheiben zertrümmernde Versucfier den in unerschütterlicher Ruhe verharrenden Hei»

ligen,- beim heiligen Sebastian bringen Engel aus sonniger Landschaft durchs Fenster die Zeichen

der Blutzeugenschaft. So haben wir malerische Bilder von Standbildern, die einzigartig inner«

halb ihrer Kunst nur so und gar nicht anders in gleicher Vollkommenheit vorstellbar sind.

Erst nach und nach gelang die Lösung: Eine Vorstufe bilden die Frankfurter Tafeln der Wzxs

ligen Lorenz und Zyriak. Noch sind sie in Flachmalerei ^"^ ausgeführt,- der einfache Ton soll

uns mahnen, dal) wir es mit der Nachahmung steinerner Standbilder zu tun haben. Auch sie

stehen auf Socieln, und sind dennoch höchst lebendige Gestalten, sind Bilder eines malerischen

Gedankenspiels, dem trotz der Farbe von wenigen Tönen die Übertragung eines toten Bildes

aus dem körperlichen Stein zum malerischen Schein gelungen ist, wenn auch nicht so vollkommen

wie bei den ganz farbigen Isenheimer Heiligen. Dürer hatte das verlangt,- hatte die Tafeln selbst

dazu vorbereitet: was wäre unter seiner Hand daraus geworden? Mathis schlug dem gropen

Nürnberger Nebenbuhler ein Schnippchen. Äußerlich sind der heilige Lorenz und sein Genosse

zwar „Steinfarben", aber ihre Wirkung ist trotzdem farbig — ebenso farbig, wie uns eine Ra«

dierung Rembrandts anmutet. Letzten Endes nehmen alle Einzelheiten an dieser seiner Kunst=

gesinnung teil, und es ist nicht schwer, sich den Täufer der Kreuzigung auf einem Sockel stehend

vorzustellen, auf dem selbst der Markgraf von Brandenburg-Erasmus ganz ebensowenig be=

fremden würde, wie der heilige Mauritius. So treffen wir hier von einem ganz anderen Aus«

gangspunkte her wieder mit der zur Plastik drängenden malerischen Kunstgesinnung Mathis'

zusammen.

Liegt aber dieser Zug so tief im Wesen des Meisters, so müssen wir sein ganzes Werk unter

diesen Gesichtspunkt stellen, d. h. wir müssen es begreifen können, wenn wir ihn, der von der

Glasmalerei ausgeht, sich zu der Erkenntnis durchringen sehen, daß er sein Erkennen und

Können nur mit den Mitteln der Tafelmalerei zu verwirklichen vermag. In diesem Sinne ist

Grünewald zeit seines Lebens ein abtrünniger Glasmaler geblieben: er verliel) das Schiff, als

es unrettbar dem Untergange zusteuerte, zur rechten Zeit und baute sich ein neues Fahrzeug,

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