Tasmanien Neuseeland Australien - Deutscher Alpenverein

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Tasmanien Neuseeland Australien - Deutscher Alpenverein

Auf Maria Island findet eine

kleine Känguru-Population hervorragende

Lebensbedingungen.

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Australien

Tasmanien

Neuseeland

DAV Panorama 5/2005


TASMANIEN UNTERWEGS

Ein

Naturparadies

zum Genießen

Die Inselbewohner Tasmaniens stehen für die Erhaltung ihrer faszinie-

renden Natur besonders engagiert ein. In 18 Nationalparks und einem

weitläufigen Weltnaturerbe kann man Tiere, Pflanzen und Wildnis

erleben wie es sonst kaum noch möglich ist auf unserem Planeten.

Und dazu bedarf es nicht der Strapazen einer aufwändigen Expedition.

� VON LUTZ BORMANN

DAV Panorama 5/2005 43

Foto: Don Fuchs


Der lange Flug und die belastende Zeitverschiebung sind

schnell vergessen, als wir am Vormittag in Tasmaniens

Hauptstadt Hobart ankommen. Neben dem einladenden

Stadtbild, dem malerischen Hafen Victoria Wharf,

den vielen Pubs, Bars, Cafes und Gourmet-Restaurants

hat dies noch einen sehr plausiblen Grund: Man

kommt aus der kühlen, regnerischen Jahreszeit in Europa in

den Sommer der anderen Hemisphäre. Ob es nur

daran liegt, dass die Menschen hier offener und

freundlicher wirken, dass sie einen unbekannterweise

anstrahlen und grüßen? Wir fühlen

uns auf Anhieb unglaublich wohl unter

dem tiefblauen Himmel und atmen begierig

die angeblich sauberste Luft des Plane-

ten ein. Tasmanien gilt weltweit als ökologisches

Paradies. Nicht umsonst ist Hobart

Gastgeber für die Ecotourism Australia Conference

vom 28.11. bis 2.12.2005.

Viel Platz, wenig Menschen

Wir fahren zur besseren Übersicht auf den Mount Wellington,

der mit 1270 Meter Höhe schon zu den höheren Bergen

Tasmaniens zählen darf. Zahlreiche Aussichtsplattformen

rund um das Besucherzentrum geben den Blick frei auf

die Küstenverläufe, die gleißende Tasman Sea und das weitläufige

Hobart mit der dominierenden Tasman Bridge über

Bis

vor wenigen

Jahrzehnten galt

Tasmanien als das

Armenhaus Australiens,

heute pulsiert das

Leben...

den Derwent River. Fischfang, Ackerbau, Schafzucht und

Tourismus sind die wesentlichen Einnahmequellen, von denen

die Bewohner des australischen Bundeslands nicht

schlecht leben. Bis vor wenigen Jahrzehnten war Tasmanien

das Armenhaus Australiens, heute pulsiert das Leben vor allem

in den beiden Metropolen Hobart und Launceston, wo

mehr als die Hälfte der insgesamt 480.000 „Tassies“ leben.

Platz hätten sie also genug, insgesamt etwa die Flä-

che Bayerns. Paradoxerweise ist Tasmaniens ehemalige

Armut ein wesentlicher Grund für den

heutigen Reichtum. Für große ausländische

Kapitalmärkte zu uninteressant und zu arm

für eigene industrielle Investitionen blieb

Tasmanien verschont von den Ballermän-

nern und Benidorm-Architekten dieser

Welt.

Dies vor etwa 15 Jahren als den eigentlichen

Schatz Tasmaniens zu erkennen und

gezielt zu fördern, ist das ebenso geniale wie inzwischen

oft kopierte Konzept der damaligen tasmanischen

Regierung (s. Interview mit Stuart Lennox und John

Pugsley). Von den 68.000 Quadratkilometern Tasmaniens

sind 14.000 zum Weltnaturerbe erklärt worden. Es gibt 18

Nationalparks und inzwischen steht über ein Drittel der tasmanischen

Landfläche unter Naturschutz. Dies ist auch

dringend notwendig, denn eine sehr einflussreiche Holz-

44 DAV Panorama 5/2005


Fotos: Don Fuchs, Lutz Bormann (1)

industrie macht es den Naturschützern zunehmend schwerer,

die einzigartige Qualität Tasmaniens zu retten.

Pinguinparadies Diamond Island

Wir wollen möglichst alle Aspekte unserer ökologischen

und sportlichen Rundreise ausloten und beginnen mit der

Fahrt entlang der Ostküste Richtung Norden. Wer beim Anflug

die geometrischen Flächen auf Tasmanien bemerkt, findet

am Boden die Erklärung. Acker- und Weideland sind

parzelliert, runde Flächen zeugen von kreisförmiger Bewässerung.

In den küstennahen Regionen bleiben lange die

Niederschläge aus, so dass zum Beispiel die Weingärten

künstlich bewässert werden müssen.

Das Ergebnis ist alle Mühen wert. Tasmanische Weine

sind bei uns noch Raritäten, rangieren bei Kennern höher

als die der australischen Nachbarn und sind leider aufgrund

der geringen Erträge erheblich teurer als vergleichbare europäische

Produkte.

Blick von Maria Island über die Gipfel von Bishop & Clerk

auf das tasmanische Meer. Tasmaniens Hauptstadt Hobart

am Fuße des Mt. Wellington ist eine blühende Metropole

mit attraktiven kulturellen Angeboten. Pinguine auf Diamond

Island, umgeben von Bull Kelp.

DAV Panorama 5/2005

TASMANIEN UNTERWEGS

Parkgelegenheiten entlang der Küste bieten erste Möglichkeiten,

sich mit der exotischen Flora zu befassen, Kasuarinen

wie Black She Oak und Bull Oak sowie Grasbäume

(Xanthorrhoea australis) und die aus dem Mittelmeerraum

vertrauten Araukarien prägen das Landschaftsbild.

Entlang der Küste bis zum Fischerhafen von Triabunna

mit den berühmten Austernbänken, vorbei an den nächsten

Zielen Maria Island und Freycinet National Park geht es bis

zum Anfang des Douglas-Apsley National Parks nach Bicheno.

Zwei Kilometer nördlich des Fischernests liegt unser

Ziel Diamond Island. In diesen Küstengewässern ziehen

nicht nur Delphine in Sichtweite vorbei, mit etwas Glück erspäht

man auch Buckelwale. Die Hauptattraktion ist die

Pinguinkolonie auf der winzigen Diamond Insel, die unter

strengem Naturschutz steht und bei Ebbe zu Fuß erreichbar

ist. Nachts kommen die Tiere ans Festland und quälen

sich mühsam das steile Ufer empor bis zu ihren seit Generationen

angestammten Brutplätzen. Tierschützer und Fachleute

schützen den Fortbestand dieser Kolonie und leiten

nächtliche Führungen für Gruppen.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass in nahezu jedem Nationalpark

Tasmaniens ein drakonisches Regelwerk greift.

Die Eintrittsgelder sind moderat, die limitierenden Faktoren

sind Aufenthaltsdauer und Bettenzahl. Wenn es für eine Region

gleich welcher Größe eben nur zehn Schlafplätze in den

stationären Camps gibt und der Trip vier Tage dauert, sind

in dem Gebiet in dieser Zeit auch nur zehn Menschen unterwegs.

Wirft einer von ihnen ein Bonbonpapier weg, das von

der nächsten Gruppe gefunden wird, so lässt sich schnell

nachvollziehen, wer sich hier nicht an die Spielregeln gehalten

hat. Dies kommt höchst selten vor, denn das gemeinsame

Interesse an einer makellosen Natur ist so groß, dass es

keiner Androhung von Strafe bedarf.

Wie eindrucksvoll dadurch das Naturerlebnis wird, lässt

sich mit Worten nur schwer wiedergeben. Dafür haben wir

uns zu sehr an Wohlstandsmüll, Verlärmung und Luftverpestung

gewöhnt. Nach einer Woche Tasmanien und kilometerlangen

Wanderungen ohne auch nur ein Fitzelchen Abfall

oder Zivilisationsgeräusch dringt die Essenz durch alle Poren

ein: So sehr wir erst unsere Naturkenntnisse bereicherten,

so stark wird nun das sinnliche und emotionale Erlebnis.

Der Freycinet National Park

Unser nächstes Ziel ist der Freycinet National Park. Hier

leiten Simon und Alison Stubbs die Freycinet&Strahan Adventures

Company und veranstalten jede Form von Outdoor-Erlebnis.

Das besondere an ihrem Familienbetrieb:

Beide sind selbst starke Sportler und engagierte Umweltschützer.

Mit ihrem „Minimal Impact“-Konzept haben sie

reihenweise Preise im Bereich Öko-Tourismus abgeräumt

und sind ein oft kopiertes und selten erreichtes Vorbild für

andere Organisationen. Mit ihrer Einstellung sind sie in ihrer

Heimat Coles Bay gerade am richtigen Fleck. Im April

45


2003 platzte dem Bäcker Ben Kearney der Kragen. Er ließ

Papiertüten anfertigen mit dem Aufdruck „Coles Bay Tasmania

– Australias first plastic bag free town“. Alle machten

mit, die Sache sprach sich in Australien herum und andere

Orte folgten. 2005 erhielt Kearney den australischen

„Local Hero Award“, den „Environmental Excellence

Award“ und die Auszeichnung „Tasmanian of the Year“.

Mit Seekajaks starten wir von Coles Bay und paddeln

vorbei am Richardsons Beach und der Honeymoon Bay

vorbei bis zum Hazards Beach, der einer kleinen Gipfelkette

vorgelagert ist. Ein paar Schritte vom Ufer entfernt hat Simon

während der Sommermonate ein stationäres Camp mit

mehreren Zelten und Biotoilette eingerichtet. Alles was hereingebracht

wird, muss entsorgt werden. Am Ende der Saison

bleiben in dem lichten Wäldchen keinerlei Spuren von

den Besuchern übrig.

Tasmaniens schönste Bucht

Am nächsten Morgen führt eine kurze Wanderung über den

Isthmus Track zum Ostufer der Freycinet-Halbinsel in die legendäre

Wineglass Bay. Der weiße Sand, die üppige Ufervegetation,

die perfekte Form und das glasklare Wasser haben

ihr einen Rang unter den zehn schönsten

Buchten der Erde eingetragen. Das macht sie

Einwohner: 480.000

Fläche: 68.331 km 2

20% Weltnaturerbe

38% Fläche geschützt

46

18 Nationalparks

1642 entdeckt

1803 besiedelt

300 Inseln

Tasmanien

zwar nicht schöner, aber bevölkerter. So können sich an schönen

Wochenenden schon einmal 20 bis 30 Besucher an dem

drei Kilometer langen Strand tummeln. Den schönsten Blick

auf das Idyll bietet der Mount Amos, aber auch schon die

Aussicht vom Wineglass Lookout auf dem Rückweg nach

Coles Bay ist atemberaubend. Der Freycinet National Park

bietet zahlreiche Möglichkeiten für lange Bergtouren. Da es

unterwegs keine Einkehrmöglichkeiten gibt, sollte ausreichend

Proviant mitgenommen werden.

Überzeugungstäter für die Umwelt

Mein persönlicher Favorit unter den Küstenstreifen liegt weiter

nördlich. Vor wenigen Jahren wurden die elf Kilometer

„Friendly Beaches“ in den Nationalpark integriert. Keine

Menschenseele weit und breit, wilde Dünenlandschaften und

ein paar versteckte Plätze zum freien Campieren. Es gibt

Toiletten, offenes Feuer ist verboten. Einige Kilometer entfernt

kann man auf dem Mount Paul in gut ausgestatteten

Öko-Häusern wohnen. Solarenergie, Photovoltaik und

umweltverträgliche Entsorgung wie auf den heimischen

DAV-Schutzhütten. Auf meine Frage an die Eigentümerin,

warum sie sich dazu entschlossen habe, meinte sie lapidar:

„Weil ich glaube, dass es richtig ist und es genügend

Gäste gibt, die diese Ansicht teilen“.

Hobart


Stanley/histor. Gebäude, 19. Jhd.

Launceston/Queen Victoria Museum

Bicheno/Wildlife & Seaside Park

Hobart/Tasmanian Museum, Art Gallery

DAV Panorama 5/2005

Fotos: Don Fuchs, Lutz Bormann (1)


Landschaftliche Superlative wie der Isthmus zwischen Hazards Beach und Wineglass Bay lassen

sich am besten vom Mt. Amos besichtigen. Mit dem Mountainbike radeln wir unter gewaltigen

Zypressen oder genießen einsam die kilometerlangen Friendly Beaches im Freycinet National Park.

Öko-Haus auf dem Mt. Paul mit modernster Umwelttechnik.

Sie ist ein Paradebeispiel für den Siegeszug der grünen

Partei Tasmaniens, die hier eine stärkere politische Kraft ist

als irgendwo sonst. Während in vielen Ländern jüngere

Menschen aus intellektuellen Kreisen der grünen Idee folgen,

zieht sich der Trend in Tasmanien quer durch die

gesamte Gesellschaft. Und an jedem Tag unseres

Aufenthalts wird uns deutlicher, wie wichtig

dies für die Insel ist.

Eine Autostunde südlich von Coles Bay

setzen wir in Triabunna mit der Fähre zu

Maria Island über und fahren in Begleitung

einiger Delphine an den Holzschnipselbergen

vorbei, die hier auf Schiffe verladen

werden und in japanischen Papierfabriken

landen. Die Holzschnipsel sind der Rest von

großen Bäumen, wie wir sie im Mount Field Nationalpark

bewundern. Ein übermächtiger Konzern

wandelte die traditionelle Holzverarbeitung mit politischer

Rückendeckung um in eine massive Rodung großer alter

Waldbestände. Seit einigen Jahren kämpft die zwanzigköpfige

Initiative „Gunns 20“ gegen den Goliath Gunns Ltd.

Solarenergie,

Photovoltaik und

umweltverträgliche

Entsorgung wie auf

den heimischen DAV-

Schutzhütten

TASMANIEN UNTERWEGS

Im August 2005 mit Erfolg, denn am Supreme Court von

Melbourne wurde die Einschüchterungsmethode von

Gunns zunächst eingebremst. Immer wieder versucht die

Aktiengesellschaft, mit Schadensersatzklagen in Millionenhöhe

Mitglieder von „Gunns 20“ einzuschüchtern.

Öko-Refugium Maria Island

Als wir Maria Island betreten, müssen wir

die Schuhe desinfizieren. Es gibt auf dem

Festland Pilze, die nicht über die Schuhsohlen

eingeschleppt werden sollen, weil

sie das ökologische Gleichgewicht gefährden.

Dieser merkwürdige Empfang verleiht

der Insel den Nimbus eines verletzlichen und

exotischen Außenseiters. Der Eindruck

täuscht nicht und wird verstärkt durch die Tatsache,

dass gefährdete Tiere auf Maria Island ausgewildert

werden, weil sie hier größere Überlebenschancen

haben. So finden sich hier mehr endemische oder seltene

Tiere als auf dem Festland und von einigen Arten sind es eigentlich

zu viele. Die Verdrängung aus Tasmanien erhöht

DAV Panorama 5/2005 47


Botanisches Paradies

Mit fast zehn Prozent endemischen Pflanzen ist Tasmanien ein Tummelplatz

für Botaniker aus aller Welt. Besonders auffallend ist die

Vielfalt der Eukalyptusbäume (Gum Tree). Eucalyptus regnans

(Königseukalyptus, Swamp Gum) ist der höchste Baum der Erde. In

Australien erreichten Exemplare bis zu 150 Meter Höhe, auf Tasmanien

im Mt. Field National Park immerhin 80 Meter. Hier gibt es auch

die ältesten Bäume. Der Wurzelstock einer Huon Kiefer (Lagarostrobos

franklinii) ist 10.500 Jahre alt und treibt noch immer aus. Inzwischen

ist die in der Regel bis 2000 Jahre alte Huon Kiefer auf

Tasmanien geschützt, da sie in der Vergangenheit für Möbel und

Kunstgegenstände zu stark eingeschlagen wurde. Erstaunlicherweise

findet sich die größte Pflanzenvielfalt nicht auf Meereshöhe,

sondern in den kälteren Regionen um 1000 Meter. Wer den Mt. Field

National Park besucht, sollte sich für das ausgezeichnete Visitors

Center und die faszinierende Flora viel Zeit nehmen. Gewaltige

Baumfarne und die Pandanis (Richea pandanifolia) versetzen den

Besucher in die Vegetation zur Zeit der Saurier. An den Küsten ist

die Vegetation vergleichsweise karg. Auffallend die leuchtend orangeroten

Flechten (Caloplaca) auf den riesigen Boulderblöcken an nahezu

allen Küstenstreifen sowie die leuchtend roten Zylinderputzer

des Mountain Bottlebrush (Callistemon montanus).

Die Tierwelt Tasmaniens

Auch wenn die Landschaft teilweise stark an deutsche Gefilde erinnert,

die Tierwelt Tasmaniens unterscheidet sich sehr stark von

unserer. Unter den Vögeln dominieren Kormorane, Ruß-Austernfischer,

Pinguine und Dickschnabelmöwen an den Küstenstreifen.

Im Binnenland gibt es zahlreiche Papageienarten, den allgegenwärtigen

Lachenden Hans aus der Familie der Eisvögel und die

endemische Krähenart „Black Currawong“. Es gibt keine Riesen

unter den Säugetieren Tasmaniens. Und die kürzlich mit hohen

Preisgeldern geschürte Legende, von den Tasmanischen Tigern

hielten sich im Nordwesten noch einige Exemplare, wird von Experten

nicht gestützt. Der letzte „Thylacine“ starb 1936 in Gefangenschaft.

Der ebenso legendäre Tasmanische Teufel aus der

Familie der Raubbeutler ist zwar noch sehr verbreitet, bedarf

aber großer tierärztlicher Unterstützung. Eine rätselhafte Krebskrankheit

dezimiert seit Jahren die Bestände auf dramatische

Weise. Ebenfalls bedroht sind die marderähnlichen Quolls, die eine

leichte Beute für verwilderte Hauskatzen sind. Stark verbreitet

sind Opossums und die murmeltierähnlichen Wombats. Das

häufigste Säugetier (mit entsprechend vielen Wildschäden auf

den Straßen) ist das känguruähnliche Wallaby, dessen Fleisch

auch auf tasmanischen Küchentischen landet.

Carpobrotus rossii Snow Gum Xanthorrhoea australis Cape Barron Geese Green Rosella Wallabies


Fotos: Don Fuchs, Michael Vogeley (1), Lutz Bormann (1)

den Druck auf die Insel: Das Boot ist voll! Der Besucher

sieht freilich nur das Idyll und ist begeistert. Eine ausgedehnte

Wanderung führt auf die Zwillingsgipfel Bishop &

Clerk, ein gemäßigter Ausflug wartet mit dem pittoresken

Spektakel der Painted Cliffs auf. Eine mehrtägige Wanderung

zu einem der stationären Camps mit einem Be-

such der faszinierenden Isthmus-Strände zählt

sicherlich zu den größten Erlebnissen auf Tasmanien.

Hier findet sich auf kleinem Raum

exemplarisch auch die Erschließungs- und

Besiedlungsgeschichte ganz Tasmaniens

wieder. Das denkmalgeschützte historische

Wohnhaus des Pioniers Diego Bernacchi

dient heute als ehrwürdige Unterkunft. Im

originalgetreuen Ambiente wird die Vergangenheit

hautnah spürbar. Nach ausgiebigen

Wanderungen – Mountainbike-Strecken sind

ebenfalls ausgewiesen – hört man auf der Veranda die

Schreie des Black Currawong, des Green Rosella und das

Krächzen der seltenen Cape Barron Goose. Im Besucherzentrum

wird alles erläutert: Flora, Fauna, Besiedlung und

Infrastruktur der einstigen Gefangeneninsel. Aber kein

Wort von der gewaltigen Allee, die zwischen Anlegestelle

und dem einzigen Ort der Insel, Darlington, liegt. Jahrhun-

DAV Panorama 5/2005

Die

Schreie des

Black Currawong,

des Green Rosella und

das Krächzen der

seltenen Cape

Barron Goose

TASMANIEN UNTERWEGS

derte alte Zypressen mit mehreren Metern Stammdurchmesser

(!) und mindestens 15 Meter Höhe, ein Galaauftritt

von Cupressus macrocarpa.

Mit seinen strengen Auflagen für Besucherzahl und Verweildauer

macht Maria Island noch einmal in besonderem

Maße den Stellenwert des tasmanischen Ökosys-

tems klar, das eigentliche Faszinosum dieser Insel.

Wie woanders auch kann man hier per

Mountainbike, Seekajak oder Raft, auf dem

Overland Track oder dem berüchtigten

South Coast Trail an seine Grenzen gehen.

Nur für den sportlichen Kick fliegt niemand

rund um den Globus, auch wenn die

Langstreckenprofis von Qantas Airways

den Flug so angenehm als nur möglich machen.

Nach Tasmanien reist man beispielsweise,

um am Bay of Fires Walk teilzunehmen,

dem Höhepunkt unserer Rundreise.

Traumwanderung an der Bay of Fires

Von Launceston aus gelangt man nach gut zweistündiger

Busfahrt in den Mount William National Park im Nordosten

Tasmaniens. Es hat abgekühlt, der Himmel ist bedeckt

und ein intensiver Geruch nach Meer und Seetang drückt

Die kilometerlange Wanderung an der Bay of Fires

hinterlässt tiefe Spuren in Geist und Seele des

naturverbundenen Wanderers. Durch eine abwechslungsreiche

Dünenlandschaft führt sie auch

über die riesigen Muschelberge der „aboriginal

midden“, vorbei an mit leuchtend roten Flechten

bewachsenen Blöcken. Impressionen von Darlington,

der einzigen Siedlung auf Maria Island, und

den hier lebenden Kängurus.

durchs triefnasse Heideland. Zunächst trotten wir etwas

missmutig hinter unseren Begleitern Victoria und Simon

her, die in gewaltigen Rucksäcken frische Verpflegung ins

stationäre Camp tragen. Starker Seegang spült meterlangen

Kelp (Durvillea potatorum) ans Land. „Bull kelp“, murmelt

Michael, „hätte uns auf dem Kajak Trip nach South Georgia

fast in ernste Schwierigkeiten gebracht“. Damit hat der

passionierte Abenteurer und Fotograf unseren Begleiter aus

der Reserve gelockt. Erst hält Simon einen botanischen

Vortrag über Kelp, die leuchtend roten Flechten (Caloplaca)

und dann kommt die gesamte Heidevegetation an die

Reihe.

Simon studiert in Melbourne Biologie und führt für den

Reiseveranstalter und Architekten Ken Latona während der

Semesterferien die Bay of Fires Tour. Victoria ist eher auf

die Tierwelt spezialisiert und kann am nächsten (Sonnen-)

49


Tag mit einer giftigen Copperhead-Schlange

aufwarten. Wie so viele junge Reisebegleiter

verbinden sie Leidenschaft und Beruf.

Die botanische Exkursion lässt das

schlechte Wetter vergessen und wir fachsimpeln

nach 15 Kilometern Strand- und Heidemarsch

im trockenen Camp bis in die späte Nacht.

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne vom Himmel und es

offenbart sich ein Naturparadies, das uns den Atem verschlägt.

Ein endloser Sandstrand mit einer Perlenkette farbiger

Boulder-Blöcke verliert sich am Horizont im tiefblauen

Himmel. Ein knapper Dünenaufschwung und dahinter

das Heideland, zur Linken der schillernde Flor des tasmanischen

Meers. Immer näher legen wir unsere Schritte hin

zur Brandung, beobachten, wie unsere Spuren vom Wasser

gelöscht werden. Seitdem wir vor einem Tag das Fahrzeug

50

Ohne

Entbehrungen

aufzubürden,

entfaltet Tasmanien

ein sanftes

Feuerwerk für

die Sinne.

verlassen haben, haben wir keinen Müll

mehr gesehen und seit Stunden nichts als

das Meer, den Wind und unseren Atem

gehört. Nach weiteren zehn Kilometern Fußmarsch

entdecken wir an der Steilküste ein

futuristisch anmutendes Gebäude. Holz, Glas,

Stahl, luftig, leicht, filigran und fast zerbrechlich

wirkend reckt es sich weit über den Hang hinaus.

Die berühmte Bay of Fires Lodge

Wir können es kaum erwarten, die legendäre Bay of Fires

Lodge zu betreten, das preisgekrönte architektonische

Meisterwerk von Ken Latona. Die Blickachse des auf einem

Holzgestell ruhenden Gebäudes folgt dem Sonnenlauf. Den

Sonnenaufgang über dem Meer erlebt man auf der Ostseite,

den Sonnenuntergang mit dem lauten Spektakel der „Laug-

Der Stararchitekt Ken Latona und sein Meisterwerk, die Bay of Fires Lodge. Seit 25 Jahren verbindet

Latona Ökologie, Tourismus und Architektur zu dem einzigartigen Konzept seiner „Eco-Lodges“. Die

stumpfe Gipfelkuppel des Mt. Ossa ist mit 1617 Metern der höchste Punkt Tasmaniens.

Spektakuläre Station auf dem Overland Track: Beim Rundblick vom Cradle Mountain herrscht

oft raues Klima. Beschauliche Kajaktour auf dem Franklin River, der einst von Staudammplänen

bedroht war. Tausende Tasmanier protestierten für den heutigen Nationalpark, einige mussten

deswegen für Wochen ins Gefängnis.

DAV Panorama 5/2005


hing Kookaburras“ und „Green Rosellas“ auf dem gegenüberliegenden

Aussichtsdeck.

Wer duschen will, muss mit einer Handpumpe das solargeheizte

Warmwasser in einen Druckbehälter pumpen.

Die meisten Gebäudefronten bestehen vom Boden bis zur

Decke aus kippbaren Acryl-Lamellen. Wenn sie gekippt

sind, fühlt man sich drinnen wie draußen. Das Essen ist vorzüglich,

das Abendrot im Ozean ein Traum und der Kloß im

Hals wird immer größer. Diese Harmonie von Zivilisation

und Natur erscheint uns globalisierten Westeuropäern wie

das verlorene Paradies. Ohne Entbehrungen aufzubürden,

entfaltet Tasmanien ein sanftes Feuerwerk für die Sinne.

Cradle Mountain

Ken Latonas zweites großes Projekt sind die Cradle Huts,

nach dem gleichen Öko-Prinzip erbaute Hütten im Cradle

Mountain National Park. Kilometerlange „Boardwalks“

waren die einzige umweltverträgliche Erschließungsmöglichkeit

in dem sumpfigen Hochland und den Regenwäldern.

60 Kilometer Wegenetz überspannt der Overland

Track, der durch die einsame weitläufige Region vorbei an

Tasmaniens höchstem Berg, dem Mount Ossa führt. Die

sechstägige Bergtour beginnt am Lake Dove und führt durch

das seenreiche Bergland bis zum Lake St. Clair. Die zahlrei-

DAV Panorama 5/2005

Fotos: Don Fuchs, Tourism Tasmania (1), Lutz Bormann (1)

TASMANIEN UNTERWEGS

Stuart Lennox – ein Leben

für die Nationalparks

Das Erfolgskonzept für Tasmaniens

Naturparadies ist verblüffend einfach.

Der Naturschutz war von Anfang

an Kernthema der tasmanischen

Entwicklung. Schon 1804

wurden den ersten europäischen

Siedlern drakonische Strafen angedroht,

wenn sie die Flüsse verunreinigten

oder das Unterholz an deren

Ufern rodeten. 1915 und 1916 entstanden

die ersten Nationalparks,

Mt. Field und Freycinet. Erfolgreich

wehrte man sich gegen die Übererschließung

des Gordon und Franklin

River für die Wasserkraft. Von 1979

bis 1983 tobte die längste Auseinandersetzung

zwischen Energieversorgern

und Tasmaniern in Australiens

Geschichte. Das Projekt sah

u. a. zur Gewinnung von Arbeitsplätzen

das Aufstauen des Gordon

Rivers auf 37 Kilometer Länge und

des Franklin River auf 33 Kilometern

vor. Nach heftigen Protesten

machte die Verwaltung zwei alternative

Kompromissvorschläge mit kleineren Staudammprojekten.

44 Prozent der tasmanischen Bevölkerung strichen den Wahlzettel

durch und schrieben quer drüber „No dams“. Als 1982 die neue

Regierung sich auf die Seite der Energieversorger stellte, erklärten

sich über 2000 Einwohner zum Widerstand bereit. Sie ketteten

sich an und stellten sich den Baufahrzeugen in den Weg. Busseweise

wurden sie inhaftiert. Als 1983 die Hardliner Tasmaniens abgewählt

wurden, war das Staudammprojekt vom Tisch und ein neues Stück

Weltkulturerbe gewonnen.

Stuart Lennox ist Marketing Manager für die tasmanische Fremdenverkehrsverwaltung

und sitzt im Vorstand der australischen Gesellschaft

für Ökotourismus. Er entwickelt als Mittler zwischen Veranstaltern

und Regierung Strategien für den umweltverträglichen

Tourismus. „Unser bester Schachzug war vielleicht die Zusammenlegung

großer Ministerialabteilungen unter unserer Federführung.

1987 dockte die Boden- und Grundstücksverwaltung an, 1989 kam

das Kulturerbe hinzu, 1993 der Umweltschutz und 1998 die Landwirtschaft.

2002 folgte der Kulturbetrieb und komplettierte damit

das heutige ‚Department of Tourism, Parks, Heritage and Arts‘.“

Für seinen Bereich Tourismus ergänzt John Pugsley: „Wir haben begünstigt

von der geringen Größe unserer Administration früh begriffen,

dass wir nicht gegeneinander sondern miteinander arbeiten

müssen. Das klingt vielleicht etwas kaufmännisch, aber wir verständigten

uns auf das Ziel, mit vereinten Kräften ein neues Produkt

mit dem Namen ‚Tasmanien‘ zu schaffen. Die saubere Natur,

die intakte Tier- und Pflanzenwelt, die neuen Museen, das hochkarätige

Symphonieorchester, der rege Kulturbetrieb in Hobart und

Launceston, der extrem hohe Standard in der Gastronomie und die

Spitzenqualität der Weine, das sind Resultate dieses Konzepts.“

Das Gespräch führte Lutz Bormann.

51


UNTERWEGS

Fotos: Don Fuchs

TASMANIEN

chen Wasserläufe eignen sich übrigens auch für rasante Rafting-Touren,

beispielsweise auf dem wild tosenden Franklin

River.

Noch einmal kehren wir aus der Bergeinsamkeit in den

Trubel von Launceston mit seinem vielfältigen kulturellen

Angebot zurück, um am nächsten Tag frisch gestärkt die

Wildnis aus der Perspektive von Craig Williams zu

erleben. Er ist eine lebende Legende uns als solche

weit über die Grenzen Tasmaniens hinaus

bekannt. Er hat sein Leben der Flora und

Fauna Tasmaniens verschrieben und ist

Schnee auf dem höchsten Gipfel Tasmaniens, dem Mt. Ossa, mit seinen bizarren Basaltsäulen. Im

kühlfeuchten Mount Field National Park findet sich für Botaniker der größte Artenreichtum der

Insel. Hier stehen die gewaltigen Swamp Gums und mannshohe Baumfarne.

wohl einer ihrer profundesten Kenner. An

seiner Seite erfährt man die Wildnis hautnah

und nicht akademisch. Craig deutet

auf Tiere, die man erst Sekunden später

selbst erspäht, hält mitten auf der Bergstraße

den Wagen an und pflückt im Unterholz den

Zweig eines Sassafras-Sprößlings, lässt einen

Blätter des tasmanischen Pfeffers zerkauen, die leider

so scharf sind wie Jalapeno-Chili und tröstet den gequälten

Gaumen mit einer Flasche Boags Bier. Er zeigt uns die

nachtaktiven Wombats, Wallabies, Possums, Quolls und

Hier

endlich sehen

wir sie, die größten

Bäume Tasmaniens:

Swamp Gum, Königseukalyptus,Eucalyp-

tus regnans.

andere Nagetiere. Wer Tasmaniens Wildnis möglichst intensiv

mit glühendem Herzen erleben will, kommt an Craig

Williams nicht vorbei.

Mount Field National Park

Der Abschied von Tasmanien fällt schwer und so folgt kurz

entschlossen noch ein Abstecher zum kühl gemäßig-

ten Regenwald des Mount Field National Parks,

der bereits vor fast hundert Jahren gegründet

wurde. Hier endlich sehen wir sie, die größten

Bäume Tasmaniens: Swamp Gum, Kö-

nigseukalyptus, Eucalyptus regnans mit

knapp 80 Meter Höhe. Ein botanischer

Lehrpfad führt durch die artenreichste Region

der Insel. Baumfarne, Pandanibäume,

alle Arten Eukalyptus – eine Vegetation wie

im Jurassic Park. Jeder australische Dollar

Eintrittsgeld landet zweckgebunden wieder in

den Töpfen der Nationalparks. Hier ist ein gesunder

Tourismus wirklich die stärkste Lobby für die Wildnis, für

dieses bedrohte Naturparadies, ein Meisterwerk der Natur

und jener Menschen, die sie schützen. �

52 DAV Panorama 5/2005

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