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Berufsorientierung am Ende des Gymnasiums: Die Qual der Wahl

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Katja Driesel-Lange und Ernst Hany<br />

<strong>Berufsorientierung</strong> <strong>am</strong> <strong>Ende</strong> <strong>des</strong> <strong>Gymnasiums</strong>:<br />

<strong>Die</strong> <strong>Qual</strong> <strong>der</strong> <strong>Wahl</strong><br />

Bericht aus dem Forschungsprojekt „Evaluation von Lehreraktivitäten zur<br />

För<strong>der</strong>ung geschlechtsunabhängiger Berufswahlorientierungen im Bereich<br />

Naturwissenschaft und Technik“, geför<strong>der</strong>t vom TKM aus HWP-Mitteln<br />

Glie<strong>der</strong>ung und Inhaltsverzeichnis<br />

0 Zus<strong>am</strong>menfassung ............................................................................................ 2<br />

1 Anliegen <strong>der</strong> Studie ........................................................................................... 3<br />

1.1 Bedeutung <strong>der</strong> Berufswahlorientierung für den Berufseinstieg..................... 3<br />

1.2 Berufliche Orientierung <strong>am</strong> Gymnasium....................................................... 6<br />

1.3 Untersuchungsbedarf ................................................................................... 7<br />

2 Design <strong>der</strong> Studie .............................................................................................. 9<br />

2.1 Stichprobe .................................................................................................... 9<br />

2.2 Instrument................................................................................................... 10<br />

3 Ergebnisse ....................................................................................................... 11<br />

3.1 Stand und Bedeutung <strong>der</strong> Berufswahl ........................................................ 11<br />

3.2 Berufsbezogenes Wissen und Sicherheit ................................................... 13<br />

3.3 Berufliche Orientierung in Schule und Freizeit............................................ 15<br />

3.4 Spezifität <strong>der</strong> beruflichen Orientierung und Information.............................. 18<br />

3.5 Geschlechtstypizität <strong>des</strong> Berufswahlverhaltens.......................................... 21<br />

3.6 Informationssuchverhalten bei atypischen Berufswünschen ...................... 22<br />

4 Ausblick............................................................................................................ 24<br />

Erfurt 2005


2<br />

Zus<strong>am</strong>menfassung<br />

<strong>Die</strong> Überprüfung <strong>der</strong> Berufswahlorientierung von Schulabgängern liefert Erkenntnisse<br />

über die Leistung <strong>der</strong> Schule und die selbst gesteuerten Schritte <strong>der</strong> Jugendlichen<br />

bei <strong>der</strong> <strong>Wahl</strong> ihrer weiterführenden Ausbildung bzw. ihres Berufs. Dass solche<br />

Erkenntnisse nötig sind, zeigen die nach wie vor hohen Abbruchquoten bei<br />

Studien- und Berufsanfängern. Gezielte Informationen können die Arbeit <strong>der</strong> Schulen<br />

bei <strong>der</strong> Berufswahlorientierung ihrer Schülerinnen und Schüler verbessern helfen.<br />

Zu diesem Zweck wurde 386 Abiturienten bei<strong>der</strong>lei Geschlechts ein Fragebogen<br />

vorgelegt, <strong>der</strong> den Stand ihrer Berufs- und Studienwahl, ihre Informationstätigkeiten,<br />

ihre Einstellungen zur Berufswahl und weitere Faktoren erfasste.<br />

Insges<strong>am</strong>t zeigt sich, dass die Befragten die Berufswahl ernst nehmen, einiges<br />

dafür getan haben und <strong>des</strong>halb zu einem hohen Anteil sicher sind, eine passende<br />

<strong>Wahl</strong> für die kommende Zeit getroffen zu haben. Bei genauerem Hinsehen wird<br />

jedoch offenkundig, dass vor allem solche beruflichen Aspekte, die über den unmittelbaren<br />

Berufseinstieg bzw. den Studienbeginn hinausgehen, weitgehend unbekannt<br />

sind und mangels zugänglicher Informationen mit erheblicher Unsicherheit<br />

verbunden sind. Insges<strong>am</strong>t fühlen sich 50% <strong>der</strong> Befragten noch nicht in <strong>der</strong> Lage,<br />

eine klare Berufsentscheidung zu treffen.<br />

Grund für diese Unsicherheit ist das mangelnde Informationsangebot bzw. die<br />

unzureichende Informationsnutzung. <strong>Die</strong> von <strong>der</strong> Schule verfügbar gemachten Angebote<br />

werden nicht immer als hilfreich angesehen, und zu den eigentlich wichtigen<br />

Informationen aus erster Hand gelangen die Schülerinnen und Schüler aus<br />

eigener Kraft nicht.<br />

Aus den empirischen Befunden lassen sich Empfehlungen für die schulische<br />

Berufswahlvorbereitung ableiten. So sollten die bereits verfügbaren und vielfach<br />

eingesetzten Maßnahmen so durchgeführt werden, dass sie die Zielgruppe auch<br />

vollständig erreichen. <strong>Die</strong> mögliche Methodenvielfalt gerade bei <strong>der</strong> Informationsvermittlung<br />

in diesem Bereich scheint noch wenig im Schulalltag umgesetzt zu<br />

sein. Beson<strong>der</strong>s die Nutzung neuer Medien und die Vermittlung von Informationen<br />

„aus erster Hand“, d. h. direkt von Berufstätigen, kommt an <strong>der</strong> Schule viel zu kurz,<br />

genauso wie die Reflexion <strong>des</strong> beruflichen Alltages und <strong>der</strong> persönlichen Entwicklung<br />

in dem einmal gewählten Beruf.


1 Anliegen <strong>der</strong> Studie<br />

Seit dem Jahr 2004 wird an <strong>der</strong> Universität Erfurt ein Forschungsvorhaben durchgeführt,<br />

das aus HWP-Mitteln geför<strong>der</strong>t wird (Projektnehmer: Prof. Dr. Ernst Hany;<br />

Projektbearbeiterin: Dipl.-Päd. Katja Driesel-Lange). Ziel dieses Vorhabens ist die<br />

Untersuchung <strong>des</strong> Erfolgs von schulischen Maßnahmen zur <strong>Berufsorientierung</strong> bei<br />

Schülerinnen und Schülern <strong>der</strong> gymnasialen Sekundarstufe I und die Ermittlung<br />

erfolgsrelevanter Bedingungsfaktoren. Das Vorhaben ist über einen Zeitraum von<br />

drei Jahren geplant. Im ersten Projektjahr wurden zus<strong>am</strong>men mit den vom Thüringer<br />

Kultusministerium abgeordneten Lehrern die schulischen Aktivitäten zur Berufswahlför<strong>der</strong>ung<br />

geplant und erste Trainings durchgeführt. Ferner wurden Abiturienten<br />

zum Stand ihrer Berufswahl und den d<strong>am</strong>it verbundenen Aktivitäten innerhalb<br />

und außerhalb <strong>der</strong> Schule befragt. <strong>Die</strong>se Befragung, mit <strong>der</strong> <strong>der</strong> aktuelle<br />

Handlungsbedarf bei <strong>der</strong> Berufswahlvorbereitung ermittelt werden sollte, steht im<br />

Mittelpunkt dieses Berichts.<br />

1.1 Bedeutung <strong>der</strong> Berufswahlorientierung für den Berufseinstieg<br />

Es ist im gesellschaftlichen Interesse, dass Jugendliche schon vor Abschluss ihrer<br />

schulischen Ausbildung<br />

- eine weitere Ausbildung bzw. den unmittelbaren Berufseinstieg als persönlich<br />

wertvolles Ziel sehen,<br />

- soweit zu einer informierten Entscheidung über den weiteren berufsrelevanten<br />

Werdegang gelangt sind, dass sie ohne Verzögerung ihre weitere Ausbildung<br />

antreten bzw. in den Beruf einsteigen,<br />

- für diese Entscheidung (a) ausreichend Wissen ges<strong>am</strong>melt haben, (b) sich über<br />

ihre eigenen Stärken und Schwächen Klarheit verschafft haben und (c) sich<br />

nicht von unzutreffenden Geschlechterstereotypen und Geschlechtsnormorientierungen<br />

einseitig beeinflussen lassen.<br />

Da <strong>Berufsorientierung</strong> mehr ist als das Festlegen auf einen Wunschberuf und<br />

die passgenaue Vorbereitung auf einen Arbeitsplatz, müssen Angebote zur Vorbereitung<br />

<strong>der</strong> Berufswahl sowohl die Prozesshaftigkeit <strong>der</strong> Entscheidung als auch die<br />

d<strong>am</strong>it zus<strong>am</strong>menhängenden Lebensentwürfe berücksichtigen. Neben <strong>der</strong> Gewinnung<br />

von Informationen zu Berufswegen und berufskundlichen Kenntnissen sollen<br />

vor allem Interessen erkundet, Fähigkeiten exploriert und bei<strong>des</strong> geför<strong>der</strong>t werden.<br />

3


4<br />

Dabei ist ein beson<strong>der</strong>es Augenmerk auf den Bereich <strong>der</strong> Schlüsselkompetenzen<br />

zu setzen. <strong>Die</strong>se umfassen Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft und methodische<br />

Kompetenzen zur Gewinnung und Bewertung von Informationen, um nur<br />

einige <strong>der</strong> so genannten soft skills zu nennen. Gemeint sind d<strong>am</strong>it <strong>Qual</strong>ifikationen,<br />

die nicht nur das Bestehen im Arbeitsleben sichern. Dort werden sie immer stärker<br />

eingefor<strong>der</strong>t und haben im Sinne eines Fähigkeits- und Wissenserwerbs im Gegensatz<br />

zu fachlichen <strong>Qual</strong>ifikationen lebenslange Gültigkeit. 1 Sie stellen außerdem<br />

grundlegende Eckpfeiler einer erfolgreichen Berufswahlvorbereitung dar, da<br />

sie die Basis für die Klärung <strong>der</strong> eigenen Perspektiven bzw. <strong>der</strong> Bewältigung <strong>der</strong><br />

beruflichen Entwicklungsaufgaben bilden. <strong>Die</strong> <strong>Wahl</strong> <strong>des</strong> zukünftigen Berufsweges<br />

bzw. <strong>der</strong> erfolgreiche Berufseinstieg hängen wesentlich davon ab, wie gut vorbereitet<br />

Jugendliche auf ihre Entscheidung sind, d.h. inwieweit sie in <strong>der</strong> Lage sind, die<br />

Passung von Fähigkeiten und Interessen im Vergleich zu den Anfor<strong>der</strong>ungen im<br />

gewählten Beruf bzw. <strong>der</strong> gewählten Ausbildung zu beurteilen. Dass dies lei<strong>der</strong> oft<br />

nicht <strong>der</strong> Fall ist, machen die hohen Quoten bei den Studien- und Ausbildungsabbrüchen<br />

deutlich. So brechen rund 30% <strong>der</strong> Studierenden in Deutschland (über<br />

alle Fächergruppen hinweg) ihr Studium aus Gründen falscher Vorstellungen von<br />

Studieninhalten o<strong>der</strong> mangeln<strong>der</strong> Kenntnisse <strong>der</strong> Berufsmöglichkeiten mit Abschluss<br />

<strong>des</strong> gewählten Studienfachs ab. 2 Bei den Ausbildungsberufen sind ähnliche<br />

Quoten zu verzeichnen. Als Abbruchgründe werden Schwierigkeiten mit Vorgesetzten<br />

3 und falsche Vorstellungen vom Beruf angegeben. Also tritt auch hier<br />

das Problem <strong>der</strong> fehlenden Passung von Befähigung und Anfor<strong>der</strong>ung auf.<br />

In den letzten Jahren sind die Entscheidungsprozesse, die junge Menschen im<br />

Zuge ihrer Ausbildungs- und Berufswahl treffen, umfassend erforscht worden.<br />

Demnach sind unter an<strong>der</strong>em die Einschätzung <strong>der</strong> beruflichen Anfor<strong>der</strong>ungen, die<br />

Selbsteinschätzung <strong>der</strong> eigenen Fähigkeiten, von außen vermittelten Fähigkeitszuschreibungen<br />

sowie soziale Normen maßgeblich für die <strong>Wahl</strong> von Ausbildungsgängen<br />

und Berufskarrieren. <strong>Die</strong> Schwierigkeit für Jugendliche, eine Berufswahl zu<br />

treffen, ergibt sich aus den hohen Anfor<strong>der</strong>ungen an die Entscheidungskompetenz<br />

1<br />

Nach einer Untersuchung <strong>des</strong> Instituts <strong>der</strong> deutschen Wirtschaft erklärt je<strong>des</strong> zweite Unternehmen,<br />

dass den Schlüsselqualifikationen die gleiche Bedeutung beigemessen wird wie den Fachqualifikationen.<br />

Vgl. Ziehm, S. (2002). Berufseignung aus betrieblicher Sicht. Berufsbildung, 56,<br />

16-16.<br />

2<br />

Heublein, U., Schmelzer, R., Spangenberg, H.& Sommer, D. (2002). HIS-Studienabbruchstudie<br />

2002.<br />

3<br />

Bun<strong>des</strong>ministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.). (2004). Berufsbildungsbericht 2004, Heft<br />

85. Berlin: BMBF.


<strong>der</strong> jungen Menschen. So müssen eigene Interessen und Fähigkeiten in Beziehung<br />

zu den strukturellen Gegebenheiten <strong>des</strong> Arbeitsmarktes gesetzt werden. Dabei<br />

sind Entscheidungen zu treffen, <strong>der</strong>en Folgen im Einzelnen nicht abgesehen<br />

werden können. Diskrepanzen ergeben sich zwischen <strong>der</strong> eigenen Wahrnehmung<br />

<strong>der</strong> Anfor<strong>der</strong>ungen <strong>des</strong> Arbeitsmarktes, dem eigenen Können und den tatsächlichen<br />

Anfor<strong>der</strong>ungen in verschiedenen Berufsfel<strong>der</strong>n. Berufswahlentscheidungen<br />

werden so oft in Unkenntnis von Berufsmöglichkeiten und <strong>der</strong>en Perspektiven <strong>am</strong><br />

Arbeitsmarkt und mit <strong>der</strong> mangelnden Fähigkeit <strong>der</strong> Selbsteinschätzung getroffen.<br />

Dabei sind Unterschiede im Berufswahlverhalten junger Frauen und junger Männer<br />

festzustellen. Nicht nur die Unkenntnis über die Bandbreite <strong>der</strong> möglichen<br />

Ausbildungsberufe und Studienfächer, son<strong>der</strong>n auch tradierte Rollenklischees führen<br />

bei Mädchen und Jungen zu einer <strong>Wahl</strong>entscheidung, die oft in typische „Frauenberufe“<br />

bzw. „Männerberufe“ 4 mündet. Beispielsweise finden technische Berufe<br />

bei Mädchen wenig Berücksichtigung, obwohl Wirtschaft und Bildungspolitik seit<br />

Jahren den Anteil <strong>der</strong> Frauen in technischen Berufen zu erhöhen suchen. Viele<br />

Mädchen haben falsche Vorstellungen von naturwissenschaftlich-technischen Berufen<br />

und vermuten <strong>des</strong>halb Anfor<strong>der</strong>ungen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen.<br />

Außerdem sorgen subtile Etikettierungsprozesse im Elternhaus und durch<br />

Gleichaltrige dafür, dass Mädchen und junge Frauen sich selbst die nötigen Fähigkeiten<br />

<strong>des</strong> mathematischen und räumlichen Denkens fälschlicherweise aberkennen.<br />

<strong>Berufsorientierung</strong> muss also mehr sein als die Vermittlung von berufskundlichen<br />

Kenntnissen. Ebenso sollte die Reflexion <strong>der</strong> eigenen Geschlechtsrolle und<br />

d<strong>am</strong>it verbundener gesellschaftlicher Zuschreibungen Bestandteil pädagogischer<br />

Lerninhalte innerhalb <strong>der</strong> beruflichen Orientierung sein. <strong>Die</strong> För<strong>der</strong>ung <strong>des</strong> Erkennens<br />

<strong>der</strong> eigenen Persönlichkeit, <strong>der</strong> eigenen Interessen und Fähigkeiten und d<strong>am</strong>it<br />

verbundener Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsnotwendigkeiten sollten<br />

den Kern pädagogischen Handelns in <strong>der</strong> <strong>Berufsorientierung</strong> bilden. Schule<br />

soll in diesem Zus<strong>am</strong>menhang die Orientierungs-, Bildungs- und Identitätsprozesse<br />

von Jugendlichen in Bezug auf die Dimension Arbeit und Beruf unterstützen und<br />

begleiten.<br />

4 Zur Definition von „Frauenberufen“ und „Männerberufen“ vgl. Nissen, U., Keddi, B. & Pfeil, P.<br />

(2003). Berufsfindungsprozesse von Mädchen und jungen Frauen. Erklärungsansätze und empirische<br />

Befunde (S. 46ff.). Opladen: Leske + Budrich.<br />

5


6<br />

1.2 Berufliche Orientierung <strong>am</strong> Gymnasium<br />

Schulische <strong>Berufsorientierung</strong> im Sinne einer vorberuflichen Bildung hat in<br />

Deutschland ihre Wurzeln in den aufklärungspädagogischen Konzepten <strong>der</strong> Industrieschulen<br />

<strong>des</strong> 18./19. Jahrhun<strong>der</strong>ts. 5 Mit den Bildungsreformen <strong>der</strong> 1960er Jahre<br />

wurden didaktische Entwürfe zur beruflichen Orientierung vorgelegt, die allerdings<br />

nicht in einem Unterrichtsfach mündeten. In den 1980er Jahren wurden Lehrpläne<br />

für ein Fach „Arbeitslehre“ entwickelt, die in den zentralen Bereichen Arbeit und<br />

Beruf (neben Wirtschaft, Technik und Haushalt) mündeten. Es k<strong>am</strong> jedoch nicht<br />

zu einer schulformübergreifenden Einführung <strong>des</strong> Unterrichtsfaches „Arbeitslehre“,<br />

eher konzentrierten sich die Diskussionen auf die Durchführung sozialpädagogischer<br />

Maßnahmen für gefährdete Randgruppen. <strong>Die</strong> Konzepte zur vorberuflichen<br />

Bildung in den Polytechnischen Oberschulen <strong>des</strong> DDR-Bildungssystems fanden<br />

keinen Nie<strong>der</strong>schlag. Nach <strong>der</strong> Wende 1989 wurden die Erfahrungen in <strong>der</strong> <strong>Berufsorientierung</strong><br />

nicht weiter verfolgt. Es k<strong>am</strong> zu einer raschen Anpassung an die<br />

<strong>Berufsorientierung</strong>smodelle <strong>der</strong> alten Bun<strong>des</strong>län<strong>der</strong>. 6<br />

<strong>Die</strong> „Hinführung zur Berufs- und Arbeitswelt“ ist durch die KMK 1993 für die Sekundarstufe<br />

I aller Schulformen vorgeschrieben worden, ohne diese jedoch zu präzisieren.<br />

Es gibt kein einheitliches Bild, wo sich berufsorientierende Inhalte im<br />

Lehrplan wie<strong>der</strong> finden. Der Lernbereich (Arbeitslehre) wird teilweise als Fach, im<br />

Fächerverbund o<strong>der</strong> in bestehenden Fächern unterrichtet. Am Gymnasium konzentriert<br />

sich die Auseinan<strong>der</strong>setzung mit berufsorientierenden Inhalten zumeist<br />

auf die Klassenstufen 9 und 10 mit nur wenigen Stunden. 7<br />

Trotz politischer For<strong>der</strong>ungen nach einer stärkeren Verzahnung von Wirtschaft<br />

und Schule erfährt die schulische <strong>Berufsorientierung</strong> eine mangelnde fachliche<br />

Verankerung und didaktische Ausgestaltung. Insbeson<strong>der</strong>e für das Gymnasium<br />

wird die Notwendigkeit einer beruflichen Orientierung weiterhin teilweise negiert.<br />

<strong>Die</strong> Ursachen liegen einerseits in einem Verständnis von <strong>Berufsorientierung</strong>, die<br />

sich ausschließlich an „bedürftige“ Jugendliche mit niedrigem Schulabschluss richtet<br />

und an<strong>der</strong>erseits in pädagogischen Traditionen. In Deutschland gibt es eine<br />

5<br />

Vgl. De<strong>der</strong>ing, H. (1996). Handbuch zur arbeitsorientierten Bildung. München: Oldenbourg<br />

6<br />

De<strong>der</strong>ing, H. (2002). Entwicklung <strong>der</strong> schulischen <strong>Berufsorientierung</strong> in <strong>der</strong> Bun<strong>des</strong>republik<br />

Deutschland. In J. Schudy (Hrsg.), <strong>Berufsorientierung</strong> in <strong>der</strong> Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele.<br />

Bad Heilbrunn: Klinkhardt.<br />

7<br />

Wensierski, H.-J. et al. (2005). Berufsorientierende Jugendbildung. Grundlagen, empirische Befunde,<br />

Konzepte. Weinheim: Juventa.


institutionelle Trennung von allgemeiner und beruflicher Bildung. 8 Gymnasiale Bildung<br />

soll Allgemeinbildung und d<strong>am</strong>it „zweckfrei“ sein. Schülerinnen und Schülern<br />

sollen die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten erwerben, also eine Studierfähigkeit<br />

erlangen. Berufliche Bildung hingegen führt zur Ausbildung für einen bestimmten<br />

Beruf, ist also inhaltlich zweckbezogen. 9<br />

Der Arbeitsmarkt ist heute einem starken Wandel unterworfen. Es ist unwahrscheinlich,<br />

einmal „den Beruf fürs Leben“ zu erlernen und diesen bis zum Rentenalter<br />

auszuüben. <strong>Die</strong> d<strong>am</strong>it verbunden strukturellen Verän<strong>der</strong>ungen und Herausfor<strong>der</strong>ungen<br />

für die erfolgreiche Gestaltung einer individuellen Berufsbiographie<br />

bedingen erhöhte Anfor<strong>der</strong>ungen an Berufswähler unabhängig vom Schulabschluss.<br />

1.3 Untersuchungsbedarf<br />

<strong>Die</strong> psychologischen Berufswahltheorien beschreiben Entwicklungsschritte und<br />

Entwicklungsprozesse, die je<strong>der</strong> junge Mensch durchläuft, bis er eine Berufsposition<br />

erreicht hat. <strong>Die</strong>se Prozesse können durch schulische und außerschulische Anregungen<br />

geför<strong>der</strong>t o<strong>der</strong> durch ungünstige Faktoren behin<strong>der</strong>t werden. Individuelle<br />

Unterschiede in <strong>der</strong> Persönlichkeit Jugendlicher tragen zur weiteren Varianz <strong>der</strong><br />

individuellen Berufsvorbereitungsprozesse bei, angesichts <strong>der</strong>er die zielgenaue<br />

Planung pädagogischer Maßnahmen schwierig wird. Deshalb werden Daten benötigt,<br />

die darüber Auskunft geben, welches durchschnittliche Niveau Jugendliche<br />

nach Abschluss <strong>der</strong> Sekundarstufe II im Bereich <strong>der</strong> Berufswahlvorbereitung erreicht<br />

haben und wo sie genau hinsichtlich ihres Selbstkonzepts, ihres Informationsverhaltens,<br />

ihrer Berufspräferenzen, ihrer Interaktion mit Kooperationspartnern<br />

usw. stehen.<br />

Im besten Fall könnte eine solche Befragung zeigen, dass die bereits in das<br />

Schulleben und die Lehrpläne implementierten Maßnahmen zur Berufsvorbereitung<br />

so umfassend erfolgreich sind, dass die Abiturienten bestens vorbereitet die<br />

Schule verlassen. In diesem Falle wären weitere pädagogische Maßnahmen unnö-<br />

8 D<strong>am</strong>mer, K.-H. (2002). <strong>Die</strong> institutionelle Trennung beruflicher und allgemeiner Bildung als historische<br />

Bürde <strong>der</strong> Berufswahlorientierung. In J. Schudy (Hrsg.), <strong>Berufsorientierung</strong> in <strong>der</strong> Schule.<br />

Grundlagen und Praxisbeispiele. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.<br />

9 <strong>Die</strong> geistigen Grundlagen finden sich in Humboldts Differenzierung zwischen allgemeiner (zweckfreier,<br />

auf die Entfaltung <strong>des</strong> Ichs bezogener) und specieller Menschenbildung, wobei die specielle<br />

Bildung die Ausbildung von Fertigkeiten meint und d<strong>am</strong>it beschränkend wirkt. Vgl. Lange, U. et al.<br />

(2001). Studienbuch Theorien <strong>der</strong> beruflichen Bildung. Grundzüge <strong>der</strong> Diskussion im 20. Jahrhun<strong>der</strong>t.<br />

Bad Heilbrunn: Klinkhardt.<br />

7


8<br />

tig. Im ungünstigsten Fall könnten diese Daten jedoch zeigen, dass Abiturienten<br />

noch weit davon entfernt sind, ihre weitere Studien- und Berufslaufbahn eigenständig,<br />

auf soli<strong>der</strong> Informationsbasis und nach reiflicher Überlegung zu planen<br />

und zu verfolgen. <strong>Die</strong>s würde die Notwendigkeit pädagogischer Maßnahmen über<br />

das bereits Erreichte heraus nicht nur begründen, son<strong>der</strong>n auch konkreter planen<br />

helfen. Denn diese Maßnahmen können beson<strong>der</strong>s dort ansetzen, wo sich inakzeptable<br />

Lücken in <strong>der</strong> Berufswahlvorbereitung zeigen.<br />

<strong>Die</strong> vorliegende Untersuchung erhebt also den gegenwärtigen Normalzustand<br />

an Thüringer Gymnasien. In die Ergebnisse können allerdings solche Maßnahmen<br />

zur Berufswahlvorbereitung, die vielleicht erst jüngst auf niedrigeren Klassenstufen<br />

eingerichtet wurden, nicht einfließen, da sich die Erhebungen auf einen Altersjahrgang<br />

beziehen, <strong>der</strong> die Mittelstufe bereits vor mehreren Jahren durchlaufen hat.<br />

1.4 Fragestellung <strong>der</strong> Studie<br />

<strong>Die</strong> Studie will insges<strong>am</strong>t klären, wie stark Haltungen und Merkmale <strong>der</strong> Berufswahlreife<br />

vorhanden sind, d. h. wie weit Abiturientinnen und Abiturienten <strong>der</strong> 12.<br />

bzw. 13. Jahrgangsstufe in ihrer Berufswahlentscheidung vorangeschritten sind.<br />

Konkret wird danach gefragt,<br />

- wie hoch sie die persönliche Bedeutung <strong>der</strong> Berufswahl einschätzen,<br />

- in wieweit sie bereits ein Berufsziel haben und wie sie dieses erreichen können,<br />

- wie sicher sie in ihrer Entscheidung sind,<br />

- welche schulischen und eigen gesteuerten Aktivitäten sie zur <strong>Berufsorientierung</strong><br />

unternommen haben und wie sie <strong>der</strong>en Nutzwert einschätzen,<br />

- inwieweit sie ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen exploriert haben,<br />

- inwieweit berufsbezogenes Wissen im Bezug auf ihre Berufswahlentscheidung<br />

vorhanden ist und<br />

- welche Berufswünsche Mädchen und Jungen haben.<br />

Durch schulische Maßnahmen, individuelle Maßnahmen und weitere Einflussgrößen<br />

(F<strong>am</strong>ilie, Freun<strong>des</strong>kreis, Medien) können Haltungen und Merkmale beeinflusst<br />

werden. <strong>Die</strong> Kenntnis dieser Einflussfaktoren ist wichtig für die Gestaltung<br />

von Interventionen, mit denen die erwünschten Merkmale <strong>der</strong> Berufswahlreife geför<strong>der</strong>t<br />

und ungünstige Einflüsse korrigiert werden. Insbeson<strong>der</strong>e auf die <strong>Wahl</strong> geschlechtstypischer<br />

Berufe und d<strong>am</strong>it einhergehen<strong>der</strong> Beschränkungen <strong>der</strong> Perspektiven<br />

ist zu achten. <strong>Die</strong> Einschränkung <strong>des</strong> <strong>Wahl</strong>spektrums aufgrund tradierter


Rollenzuschreibungen könnte insbeson<strong>der</strong>e bei Mädchen zu einer Abwahl naturwissenschaftlicher<br />

und technischer Studien- und Berufsrichtungen führen. Abgesehen<br />

von mangeln<strong>der</strong> För<strong>der</strong>ung <strong>der</strong> Interessen für diesen Bereich führen falsche<br />

Vorstellungen und mangelnde Kenntnisse über Tätigkeiten sowohl in geschlechtsuntypischen<br />

als auch geschlechtstypischen Berufen zu einer Festlegung auf wenige<br />

Berufe. <strong>Die</strong>s könnte vor allem für junge Frauen die <strong>Wahl</strong> von Tätigkeitsfel<strong>der</strong>n<br />

vorrangig im Bereich <strong>der</strong> <strong>Die</strong>nstleistungsberufe bedeuten, die oft mit ungünstigen<br />

Bedingungen <strong>der</strong> Vereinbarkeit von Beruf und F<strong>am</strong>ilie, schlechten Arbeitsmarktchancen<br />

und niedriger Bezahlung verbunden sind.<br />

Berufsorientierende Maßnahmen sollten daher immer den Faktor „Geschlecht“<br />

berücksichtigen, d. h. Aktivitäten zur Berufsvorbereitung sollten so arrangiert werden,<br />

dass <strong>der</strong> Blick aus <strong>der</strong> Geschlechterperspektive möglich ist. <strong>Die</strong>s gilt insbeson<strong>der</strong>e<br />

bei <strong>der</strong> Selbstexploration. Das Reflektieren über Geschlechtsrollenzuschreibungen<br />

und d<strong>am</strong>it verbundene „Berufswahlfallen“ ist Voraussetzung für eine<br />

Berufswahl unter Einbeziehung größtmöglicher Chancen und Perspektiven.<br />

2 Design <strong>der</strong> Studie<br />

2.1 Stichprobe<br />

Insges<strong>am</strong>t nahmen 386 Jugendliche an <strong>der</strong> Befragung teil. Zu zwei Messzeitpunkten<br />

(Juni und Dezember 2004) wurden jeweils Daten <strong>der</strong> Klassenstufe 12 (bzw. 13<br />

an <strong>der</strong> Integrierten Ges<strong>am</strong>tschule) erhoben. Es wurden 444 Fragebögen an Schülerinnen<br />

und Schüler an fünf Thüringer Gymnasien im Schuljahr 2003/2004 ausgegeben.<br />

<strong>Die</strong> Fragebögen wurden den Schülerinnen und Schülern zur häuslichen<br />

Bearbeitung mit <strong>der</strong> Bitte um Rücksendung im Freiumschlag ausgehändigt. Aufgrund<br />

<strong>des</strong> unbefriedigenden Rücklaufs von 123 Fragebögen wurde im Schuljahr<br />

2004/2005 mit den Schulen verabredet, eine Befragung <strong>des</strong> nächsten Abiturientenjahrganges<br />

in <strong>der</strong> Schule durchzuführen. 263 Fragebögen konnten im Schuljahr<br />

2004/2005 in die Auswertung einbezogen werden. <strong>Die</strong> beteiligten Schulen sind<br />

Projektschulen im TKM-Projekt „Studien- und Berufswahlorientierung für Schülerinnen<br />

und Schüler an Thüringer Gymnasien unter dem beson<strong>der</strong>en Aspekt <strong>der</strong><br />

Zukunftsberufe in Naturwissenschaft und Technik“ (vgl. Tabelle 1).<br />

11<br />

Kracke, B. (2000). Berufsbezogene Exploration bei Jugendlichen. Habilitationsschrift, Universität<br />

Mannheim.<br />

9


10<br />

Tabelle 1: Beteiligte Projektschulen<br />

Schule<br />

Staatliches Gymnasium "Albert Schweitzer" Erfurt<br />

Staatliches Gymnasium "Adolf Reichwein" Jena<br />

Staatliche Integrierte Ges<strong>am</strong>tschule Erfurt<br />

Staatliches Gymnasium „Am Lindenberg“ Ilmenau<br />

Staatliches von-Bülow-Gymnasium Neudietendorf<br />

Aufgrund fehlen<strong>der</strong> Angaben und einer Ungleichverteilung <strong>der</strong> Anzahl von Mädchen<br />

und Jungen wurde die Stichprobe für manche statistischen Auswertungen<br />

adjustiert (vgl. Tabellen 2 und 3), d. h. so verringert, dass sich die Zellenbesetzungen<br />

als Produkt <strong>der</strong> Randverteilungen ergaben. In die so gestalteten Auswertungen<br />

gingen dann die Fragebögen von 344 Jugendlichen ein.<br />

Tabelle 2: Originalstichprobe<br />

männlich weiblich o. A. Ges<strong>am</strong>t<br />

Gruppe 1 34 85 4 123<br />

Gruppe 2 97 158 8 263<br />

ges<strong>am</strong>t 131 243 12 386<br />

Legende: Gruppe 1 = Befragte <strong>am</strong> <strong>Ende</strong> <strong>der</strong> letzten Gymnasialklasse; Gruppe 2 = Befragte<br />

zu Beginn <strong>der</strong> letzten Gymnasialklasse<br />

Tabelle 3: Für statistische Analysen verwendete Stichprobe<br />

männlich weiblich o. A. Ges<strong>am</strong>t<br />

Gruppe 1 34 75 - 109<br />

Gruppe 2 77 158 - 235<br />

ges<strong>am</strong>t 111 233 - 344<br />

2.2 Instrument<br />

Für die Untersuchung wurde ein Fragebogen verwendet, <strong>der</strong> aus mehreren Teilen<br />

besteht. Ein großer Teil <strong>der</strong> Items entst<strong>am</strong>mt früheren Untersuchungen und wurde<br />

von Prof. Dr. Bärbel Kracke (Universität Erfurt) zur Verfügung gestellt. 11 Mit dem<br />

Fragebogen wurden Einstellungen, Haltungen, Erfahrungen und Aktivitäten zur<br />

Berufswahl erfasst, die in adäquaten Skalen operationalisiert sind.


Nachfolgend werden nur diejenigen Skalen vorgestellt, die anschließend in <strong>der</strong><br />

Ergebnisdarstellung verwendet wurden. Neben den Skalen werden zahlreiche Ergebnisse<br />

auf <strong>der</strong> Basis einzelner Fragen und Aussagen berichtet.<br />

Tabelle 4: Ausgewählte Skalen<br />

N<strong>am</strong>e <strong>der</strong> Skala Anzahl Beispielitem Mittelwert Reliabilitäts-<br />

Items<br />

kennwert<br />

Subjektiver Informationsbedarf<br />

a<br />

5 Ich weiß nicht, woher ich Informationen<br />

bekomme.<br />

Ich fühle mich noch nicht ausreichend<br />

vorbereitet<br />

2.58 .63<br />

Selbstexploration a 9 Ich überlege mir, was ich beson<strong>der</strong>s<br />

gut kann und was ich gerne mache.<br />

Ich denke darüber nach, wo meine<br />

Stärken und Schwächen in <strong>der</strong><br />

Schule liegen.<br />

3.27 .80<br />

Nutzwert <strong>der</strong> schulischen<br />

Berufsexploration b<br />

Nutzwert <strong>der</strong> privaten Berufsexploration<br />

b<br />

17 Ich habe das BIZ/Arbeits<strong>am</strong>t besucht.<br />

Ich habe ein Praktikum gemacht.<br />

13 Ich habe mich mit meiner Mutter<br />

darüber unterhalten, was ich beruflich<br />

machen könnte.<br />

Ich habe in den Ferien o<strong>der</strong> in meiner<br />

Freizeit gejobbt.<br />

.57 .72<br />

.77 .82<br />

Spannweite: a 1-4 (1 stimmt nicht, 2 stimmt weniger, 3 stimmt etwas, 4 stimmt genau); b 0-3 (1= 3 Punkte, Note 2 = 2<br />

Punkte, Note 3 = 1 Punkt, Noten 4-6, bzw. „nicht gemacht“ = 0 Punkte)<br />

3 Ergebnisse<br />

<strong>Die</strong> Darstellung <strong>der</strong> Ergebnisse orientiert sich an für die Berufswahlentscheidung<br />

relevanten Aspekten und greift die unter Abschnitt 1.4 aufgeworfenen Fragen auf.<br />

3.1 Stand und Bedeutung <strong>der</strong> Berufswahl<br />

Tabelle 5 zeigt die Verteilung <strong>der</strong> Antworten auf die Fragen zur Bedeutung <strong>der</strong> Berufswahl.<br />

<strong>Die</strong> Abiturien/inn/en mehrheitlich gehen davon aus, dass die Berufswahl<br />

gründlich überlegt und geplant sein muss. Etwa 70% sprechen sich für eine gründliche<br />

Planung aus und fast 100% für gründliche Überlegungen. 80% erkennen,<br />

dass man vor <strong>der</strong> Entscheidung verschiedene Berufswege vergleichen muss. Allerdings<br />

ist auch 90% <strong>der</strong> Befragten klar, dass eine gute Ausbildung noch keinen<br />

sicheren Arbeitsplatz garantiert.<br />

11


12<br />

Tabelle 5: Persönliche Bedeutung <strong>der</strong> Berufswahl<br />

Wie stark stimmen Sie folgenden Aussagen zu? stimmt<br />

nicht<br />

<strong>Die</strong> <strong>Wahl</strong> <strong>des</strong> eigenen Berufsweges muss sehr gründlich überlegt<br />

werden.<br />

Nach dem Abitur sollte man erst einmal seine Freiheit genießen,<br />

bevor man ans Arbeiten o<strong>der</strong> Studieren denkt.<br />

Eine gute Ausbildung garantiert noch keinen sicheren Arbeitsplatz.<br />

Man sollte sich erst dann für einen Beruf entscheiden, wenn<br />

man viele Berufswege verglichen hat.<br />

Man sollte seinen Berufsweg gar nicht so gründlich planen, weil<br />

sowieso vieles vom Zufall abhängt.<br />

Tabelle 6: Entscheidungsprozess<br />

Für wie schwierig halten Sie es zu wissen, welchen Beruf<br />

Sie später einmal haben möchten und wie Sie dieses Ziel<br />

erreichen können?<br />

Wie häufig machen Sie sich Gedanken darüber, welchen<br />

Beruf Sie später einmal haben möchten und wie Sie dieses<br />

Ziel erreichen können?<br />

Wie häufig sprechen Sie mit an<strong>der</strong>en darüber, welchen Beruf<br />

Sie später einmal haben möchten und wie Sie dieses Ziel<br />

erreichen können?<br />

stimmt<br />

weniger<br />

stimmt<br />

etwas<br />

stimmt<br />

genau<br />

0,3 0,9 11,3 87,5<br />

16,3 39,5 36,0 8,1<br />

1,2 4,4 43,7 50,7<br />

2,3 16,6 48,8 32,3<br />

29,7 42,2 24,4 3,8<br />

6,1 Gar nicht schwierig.<br />

27,1 Etwas schwierig.<br />

46,4 Schwierig.<br />

20,4 Sehr schwierig.<br />

1,2 Nie o<strong>der</strong> fast nie.<br />

8,7 Selten.<br />

49,6 Öfter.<br />

40,5 Sehr häufig.<br />

3,5 Nie o<strong>der</strong> fast nie.<br />

22,4 Selten.<br />

57,1 Öfter.<br />

16,9 Sehr häufig.<br />

Zwei Drittel <strong>der</strong> Befragten sind <strong>der</strong> Auffassung, dass <strong>der</strong> Weg zu einer klaren Berufsentscheidung<br />

schwierig ist (Tabelle 6). Wohl auch aus diesem Grund machen<br />

sich 90% Gedanken über den weiteren Berufsweg und fast drei Viertel <strong>der</strong> Befragten<br />

sprechen auch öfter mit an<strong>der</strong>en darüber, wie man zu einer guten Entscheidung<br />

gelangen kann. <strong>Die</strong> Sorge und das Bemühen um gute und richtige Entscheidungen<br />

sind also zweifelsohne bei sehr vielen Schulabgängerinnen und Schulabgängern<br />

vorhanden.


3.2 Berufsbezogenes Wissen und Sicherheit<br />

Fragt man die Schülerinnen und Schüler aber danach, wie weit sie selbst schon<br />

auf dem Weg zu einer verantwortlichen Entscheidung vorangekommen sind, so<br />

müssen 60% <strong>der</strong> Schüler zu Beginn <strong>der</strong> gymnasialen Abschlussklasse eingestehen,<br />

dass sie noch gar nicht o<strong>der</strong> erst ansatzweise vorangekommen seien<br />

(Abbildung 1). Bis zum <strong>Ende</strong> <strong>der</strong> Abschlussklasse hat sich das Bild nicht wesentlich<br />

verbessert: Es sind immer noch 50% <strong>der</strong> Abgänger, die keine klare Vorstellung<br />

von ihrem weiteren Werdegang haben.<br />

Häufigkeiten in Prozent<br />

60<br />

50<br />

40<br />

30<br />

20<br />

10<br />

0<br />

Anfang Klasse 12<br />

<strong>Ende</strong> Klasse 12<br />

Noch gar nicht Ansatzweise Weitgehend Voll<br />

Abbildung 1: Antworten auf die Frage „Wie weit haben Sie es schon erreicht<br />

zu wissen, welchen Beruf Sie später einmal haben möchten und wie Sie dieses<br />

Ziel erreichen können“<br />

Woher kommt diese offensichtliche Ratlosigkeit bei <strong>der</strong> Hälfte <strong>der</strong> Schulabgänger?<br />

Wir sind <strong>der</strong> Frage nachgegangen und haben die Schülerinnen und Schüler mehrere<br />

Aussagen vorgelegt, so dass sie ihre Informations- und Orientierungsdefizite<br />

detaillierter angeben konnten.<br />

So zeigt Tabelle 7, dass viele Befragte durchaus wissen, woher sie Informationen<br />

bekommen. Viele haben wohl auch schon einen Wunschberuf vor Augen, sind<br />

aber unsicher darüber, ob diese Ausbildung o<strong>der</strong> dieser Beruf zu ihnen passt. Etwa<br />

50% <strong>der</strong> Befragten haben anscheinend Sorge hinsichtlich <strong>der</strong> Höhe <strong>der</strong> Anfor<strong>der</strong>ungen<br />

und wissen nicht so recht, ob sie sich diese Ausbildung zutrauen dürfen.<br />

13


14<br />

Tabelle 7: Informationsbedarf<br />

Inwiefern treffen die folgenden Aussagen auf Ihre jetzige<br />

Situation zu?<br />

Ich weiß nicht, wo ich genauere Informationen über die für mich<br />

in Frage kommenden Studien- und Berufsmöglichkeiten bekommen<br />

kann.<br />

Ich fühle mich bisher noch nicht ausreichend auf meine Studien-<br />

und Berufswahl vorbereitet.<br />

Ich möchte gern wissen, ob die gegenwärtig von mir ins Auge<br />

gefasste Ausbildung / das Studium wirklich das Richtige ist.<br />

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die von mir angestrebte Ausbildung<br />

/ das Studium wirklich schaffen werde.<br />

Ich weiß noch zu wenig darüber Bescheid, welche Anfor<strong>der</strong>ungen<br />

in den für mich in Frage kommenden Berufen gestellt werden.<br />

stimmt<br />

nicht<br />

stimmt<br />

weniger<br />

stimmt<br />

etwas<br />

stimmt<br />

genau<br />

50,0 24,7 21,5 3,8<br />

18,9 21,8 38,1 21,2<br />

11,3 16,9 34,6 37,2<br />

20,6 29,1 35,5 14,8<br />

25,9 31,7 29,9 12,5<br />

Der Wunschberuf scheint also für viele junge Menschen Quelle mancher Sorgen<br />

und Zweifel zu sein. Deshalb wurde genauer erfragt, was denn an diesem Beruf<br />

o<strong>der</strong> <strong>der</strong> gewünschten Ausbildung schon geklärt bzw. noch ungeklärt ist.<br />

Tabelle 8 zeigt die Verteilung <strong>der</strong> Häufigkeiten bei den Items, die das berufsbezogene<br />

Wissen erfassen. Über 80% <strong>der</strong> Befragten geben an, gut über die Art <strong>der</strong><br />

Tätigkeiten und über die Fähigkeiten, die im gewählten Beruf bzw. Ausbildungsgang<br />

verlangt werden, Bescheid zu wissen. Knapp 90% <strong>der</strong> Abiturienten kennen<br />

die schulischen Voraussetzungen <strong>des</strong> gewählten Berufes bzw. Ausbildungsganges.<br />

70% wissen, ob man den Beruf in Heimatnähe ausüben kann.<br />

Das Wissen <strong>der</strong> Befragten konzentriert sich d<strong>am</strong>it aber auf den Berufseinstieg.<br />

Bei den Informationen zum Berufsverlauf (Verdienst, Aufstieg, Vereinbarkeit Beruf-<br />

F<strong>am</strong>ilie) müssen etwa 50% <strong>der</strong> Befragten passen. <strong>Die</strong>ser Wissensstand ist unbefriedigend.<br />

Sicher ist es wichtig, an das Nächstliegende zu denken. Aber den einmal<br />

gewählten Beruf will man vielleicht viele Jahrzehnte beibehalten. Deshalb sollte<br />

man sich vor dem Berufseinstieg auch über die längerfristigen Umstände und<br />

Merkmale <strong>des</strong> Berufs informiert haben.


Tabelle 8: Berufsbezogenes Wissen<br />

Wie gut wissen Sie über die folgenden Dinge bei demjenigen<br />

Beruf o<strong>der</strong> Ausbildungsgang Bescheid, den Sie ernsthaft<br />

in Betracht ziehen?*<br />

noch<br />

gar<br />

nicht<br />

15<br />

eher<br />

schlecht eher gut sehr gut<br />

über die Art <strong>der</strong> Tätigkeiten 2,1 15,0 54,5 28,4<br />

über die Fähigkeiten, die man dafür haben muss 1,5 12,3 48,5 37,7<br />

über die schulischen Voraussetzungen, die man dazu haben<br />

muss<br />

1,2 9,4 33,9 55,6<br />

über die Höhe <strong>des</strong> Verdienstes 14,9 44,7 28,7 11,7<br />

über die Aufstiegsmöglichkeiten 11,1 36,0 36,8 16,1<br />

ob <strong>der</strong> Beruf auch langfristig sicher ist, d.h. ob <strong>der</strong> Beruf immer<br />

gebraucht wird.<br />

ob sich bei dem Beruf F<strong>am</strong>ilie und Arbeit gut vereinbaren lassen<br />

5,0 16,7 38,9 39,5<br />

10,2 33,6 33,3 22,8<br />

ob es den Beruf in Ihrem Heimatort gibt 11,7 17,6 25,2 45,5<br />

ob es nach <strong>der</strong> Ausbildung / dem Studium genügend Arbeitsplätze<br />

gibt<br />

wie die Arbeitszeiten geregelt sind, d.h. ob es Wochenendarbeit<br />

gibt o<strong>der</strong> ob man viele Überstunden machen muss<br />

10,8 36,5 36,3 16,4<br />

15,8 30,7 26,3 27,2<br />

welche Nachteile <strong>der</strong> Beruf hat 10,8 33,9 36,0 19,3<br />

welche ähnlichen Berufe (Alternativen) es im gleichen Tätigkeitsbereich<br />

gibt<br />

9,4 34,5 39,8 16,4<br />

ob in diesem Beruf vorwiegend Frauen o<strong>der</strong> Männer arbeiten 13,7 26,6 32,7 26,9<br />

welche Möglichkeiten zum Wie<strong>der</strong>einstieg es z.B. nach <strong>der</strong><br />

„Babypause“ gibt<br />

* Angaben in Prozent; fehlende Angaben sind nicht aufgeführt.<br />

46,9 32,3 12,3 8,5<br />

<strong>Die</strong> Hypothese, dass die Abiturient/inn/en überzeugt sind, über genügend Wissen<br />

zu verfügen, um ihre Entscheidung für eine Studien-/Berufslaufbahn zu treffen,<br />

muss für min<strong>des</strong>tens die Hälfte <strong>der</strong> Befragten zurückgewiesen werden. Offensichtlich<br />

habe viele Schulabgänger ein Hochschulstudium ins Auge gefasst, über <strong>des</strong>sen<br />

Zugangsvoraussetzungen sie informiert sind. Sie sind aber unsicher, ob diese<br />

Ausbildung zu ihnen passt und ob sie sie bewältigen werden. Viel Unsicherheit<br />

herrscht auch darüber, wie es nach dem Studium weitergeht und wie das Berufsleben<br />

generell aussieht.<br />

Natürlich kann man nicht alle Unsicherheiten vollständig beseitigen, da die Dyn<strong>am</strong>ik<br />

<strong>des</strong> Arbeitsmarkts eine klare Prognose <strong>der</strong> Entwicklungen verhin<strong>der</strong>t. Dennoch<br />

sollte <strong>der</strong> Befund, dass über 50% <strong>der</strong> Befragten angeben, eigentlich noch<br />

nicht ausreichend für die Studien- und Berufswahl vorbereitet sein, zu denken geben.<br />

Hier ist die Schule gefor<strong>der</strong>t, noch mehr Berufswahlvorbereitung zu leisten.


16<br />

3.3 Berufliche Orientierung in Schule und Freizeit<br />

Wenn junge Leute um und nach dem Abitur sich in ihrem weiteren Bildungs- und<br />

Berufsweg noch nicht sicher sind, könnte das daran liegen, dass sie zu wenige<br />

Informationen eingeholt haben und ihnen auch schulisch zu wenig angeboten wurde.<br />

In welchem Umfang die Befragten bestimmte Explorations- und Informationsaktivitäten<br />

unternommen haben, war Gegenstand einer weiteren Frage.<br />

Tabelle 9 zeigt, welche einzelnen Bereiche dabei erfasst wurden. <strong>Die</strong> vier Bereiche<br />

Medien, Arbeits<strong>am</strong>t, Berufswelt und Hochschule wurde mit jeweils mehreren Items<br />

(Aussagen) erfasst. Deren Werte wurden <strong>der</strong> Übersichtlichkeit halber zu je einem<br />

Ges<strong>am</strong>twert zus<strong>am</strong>mengefasst. Über die Antworthäufigkeiten bei den einzelnen<br />

Aussagen informiert Tabelle 9, summarische Informationen zu den vier Bereichen<br />

findet man in Abbildung 2.<br />

Tabelle 9: Informationsquellen für die Exploration<br />

Explorations- Beispielitems Schule Freizeit Schule<br />

fel<strong>der</strong><br />

& Freizeit<br />

Medien Ich habe Internetrecherchen betrieben.<br />

Ich habe berufskundliche Filme,<br />

Fernseh- o<strong>der</strong> Rundfunksendungen<br />

gesehen<br />

/ gehört.<br />

Arbeits<strong>am</strong>t Ich habe das BIZ/Arbeits<strong>am</strong>t besucht.<br />

Ich habe Vorträge von <strong>der</strong> Berufsberatung<br />

gehört.<br />

Ich habe Gespräche mit einem<br />

Berufsberater geführt.<br />

Berufswelt Ich habe an Betriebsbesichtigungen<br />

teilgenommen.<br />

Nicht<br />

gemacht<br />

0,6 77,6 6,7 14,6<br />

2,6 40,5 2,6 53,6<br />

27,4 30,9 19,0 22,4<br />

45,2 11,4 14,6 28,0<br />

12,5 32,7 8,2 45,8<br />

6,7 18,4 3,5 70,8<br />

Ich habe ein Praktikum gemacht. 32,9 15,7 9,3 40,8<br />

Ich habe eine Berufsinformationsmesse<br />

besucht.<br />

Hochschule Ich habe <strong>am</strong> Tag <strong>der</strong> offenen Tür<br />

einer Hochschule teilgenommen.<br />

Ich habe an<strong>der</strong>e Angebote <strong>der</strong><br />

Hochschulen (z.B. Sommeruniversität)<br />

genutzt.<br />

8,5 21,9 1,5 67,6<br />

2,0 28,1 1,5 68,4<br />

0,0 5,0 1,0 94,2


Offensichtlich werden die meisten Aktivitäten in <strong>der</strong> Freizeit, d. h. außerhalb <strong>der</strong><br />

Unterrichtszeit, durchgeführt. Vorträge <strong>der</strong> Berufsberatung finden jedoch in aller<br />

Regel in <strong>der</strong> Schule statt und die Schulen organisieren auch Praktika und den Besuch<br />

<strong>des</strong> Berufsinformationszentrums (BIZ). Allerdings erreichen die beiden letzten<br />

Maßnahmen nicht einmal die Hälfte <strong>der</strong> Befragten.<br />

Augenfällig ist außerdem, dass die Angebote <strong>der</strong> Hochschulen wie z. B. Tage<br />

<strong>der</strong> offenen Tür, Schnupperstudium o<strong>der</strong> Studienberatung sehr wenig genutzt werden.<br />

Auch hier finden kaum Verknüpfungen mit schulischer <strong>Berufsorientierung</strong><br />

statt. Der direkte Kontakt zu Firmen, z.B. auf Messen (fast 70% geben an, nicht auf<br />

Messen zu gehen), ist für die Befragten nicht relevant. Auch <strong>der</strong> Pool an Informationen<br />

und die Gesprächs- und Beratungsmöglichkeiten <strong>des</strong> Arbeits<strong>am</strong>tes (45% haben<br />

nie mit einem Berufsberater gesprochen) finden nur wenig Anklang bei den<br />

Schulabgänger/inn/en.<br />

1,0<br />

0,9<br />

0,8<br />

0,7<br />

0,6<br />

0,5<br />

0,4<br />

0,3<br />

0,2<br />

0,1<br />

0,0<br />

Medien<br />

Arbeits<strong>am</strong>t<br />

Berufswelt<br />

Hochschule<br />

nicht gemacht in d. Schule in d. Freizeit Schule u. Freizeit<br />

Wo und wie intensiv gemacht?<br />

Abbildung 2: Berufliche Exploration in Schule und Freizeit<br />

Vergleicht man die innerhalb und außerhalb <strong>der</strong> Unterrichtszeit durchgeführten Aktivitäten<br />

zur <strong>Berufsorientierung</strong> (Abbildung 2), so fällt auf, dass sich die Nutzung<br />

von Medien und die Kontakte zu den Hochschulen fast nur außerhalb <strong>der</strong> Schule<br />

abspielen. Angesichts <strong>der</strong> verstärkten Bemühungen, Computertechnologie und die<br />

rechnergestützte Erarbeitung von Informationen in den Unterricht zu integrieren,<br />

17


18<br />

muss man lei<strong>der</strong> feststellen, dass – in Bezug auf die Abiturjahrgänge – das Medium<br />

Internet in <strong>der</strong> schulischen <strong>Berufsorientierung</strong> noch nicht angekommen ist. <strong>Die</strong>s<br />

ist umso bedauerlicher, als es sehr viele und vielseitige internetgestützte Informationsangebote<br />

zur <strong>Berufsorientierung</strong> gibt, die Schülerinnen und Schüler aber eine<br />

systematische Anleitung benötigen, um ihre Informationsziele zu erreichen.<br />

3.4 Spezifität <strong>der</strong> beruflichen Orientierung und Information<br />

Für Lehrerinnen und Lehrer wäre es nicht schwer, die konkreten Ausbildungs- und<br />

Berufswünsche <strong>der</strong> Jugendlichen zu erfragen. Auf dieser Informationsbasis könnten<br />

sie – eventuell klassenübergreifend – spezifische Informationen zu den bevorzugten<br />

Bildungs- und Berufsfel<strong>der</strong>n anbieten. Wie Tabelle 10 zeigt, wollen viele<br />

Abiturienten studieren. Dabei stehen Universitäten höher im Kurs als Fachhochschulen.<br />

Ein größerer Teil denkt aber auch eine Berufsausbildung.<br />

Tabelle 10: Gewählter Bildungsweg nach dem Abitur (Mehrfachnennungen<br />

möglich)<br />

Prozent<br />

Universität 67,9<br />

Fachhochschule 26,8<br />

Berufsakademie 10,7<br />

Berufsausbildung 31,5<br />

Fachschule 5,2<br />

weiß nicht 7,6<br />

In <strong>der</strong> Schule werden diese unterschiedlichen Bildungswege aber nicht durch spezifische<br />

<strong>Berufsorientierung</strong>sangebote unterstützt (Abbildung 3). <strong>Die</strong> Schülerinnen<br />

und Schüler erhalten in <strong>der</strong> Regel dieselben Angebote. Selbst Studieninteressierte<br />

erhalten mehr Informationen über die Berufswelt als über Hochschulen. Didaktische<br />

Konzepte zur beruflichen Orientierung sollten aber stärker als bisher die Individualität<br />

<strong>des</strong> Berufswahlprozesses berücksichtigen.<br />

Dass eine individuelle <strong>Berufsorientierung</strong> möglich ist, demonstrieren die<br />

Schülerinnen und Schüler selbst. Betrachtet man nämlich <strong>der</strong>en Aktivitäten<br />

außerhalb <strong>der</strong> Schule, d. h. in ihrer Freizeit (Abbildung 4), wird deutlich, dass die<br />

Jugendlichen gezielter ihren Interessen nachgehen als in <strong>der</strong> Schule. Alle<br />

Jugendlichen nutzen Medien für die Berufswahlvorbereitung, aber<br />

Ausbildungswillige informieren sich stärker an <strong>der</strong> Berufswelt, während<br />

Studieninteressierte die Informationsangebote <strong>der</strong> Hochschulen nutzen.


<strong>der</strong> Hochschulen nutzen.<br />

0,7<br />

0,6<br />

0,5<br />

0,4<br />

0,3<br />

0,2<br />

0,1<br />

0,0<br />

Weitere Ausbildung<br />

Universität<br />

Fachhochschule<br />

Berufsakademie<br />

Berufsausbildung<br />

Medien Arbeits<strong>am</strong>t Berufswelt Hochschule<br />

Exploration in <strong>der</strong> Schule<br />

Abbildung 3: Schulische Berufsexploration nach Ausbildungsweg<br />

0,7<br />

0,6<br />

0,5<br />

0,4<br />

0,3<br />

0,2<br />

0,1<br />

0,0<br />

Weitere Ausbildung<br />

Universität<br />

Fachhochschule<br />

Berufsakademie<br />

Berufsausbildung<br />

Medien Arbeits<strong>am</strong>t Berufswelt Hochschule<br />

Exploration in <strong>der</strong> Freizeit<br />

Abbildung 4: Exploration in <strong>der</strong> Freizeit nach Ausbildungsweg<br />

19


20<br />

Da ist es kein Wun<strong>der</strong>, dass die Schulabgänger mit ihren eigenen Aktivitäten zur<br />

<strong>Berufsorientierung</strong> wesentlich zufriedener sind als mit den schulischen Aktivitäten.<br />

Auf einer Schulnotenskala von 1 bis 6 bewerteten die Schülerinnen und Schüler<br />

alle Angebote. <strong>Die</strong>se Werte wurden in eine Skala von 0 bis 3 umgerechnet, bei <strong>der</strong><br />

3 für „sehr nützlich“ und 0 für „ziemlich nutzlos“ steht. Wie Abbildung 5 zeigt, erreichen<br />

die schulischen Angebote durchschnittlich den Wert 0,5, gelten also als relativ<br />

nutzlos. Es gibt kaum einen Schüler, <strong>der</strong> <strong>der</strong> Schule einen Wert von 1,5 o<strong>der</strong><br />

besser attestiert. <strong>Die</strong> eigene Exploration <strong>des</strong> Berufsfel<strong>des</strong> schneidet dagegen besser<br />

ab (ohne Abbildung). Der Mittelwert aller Einschätzungen liegt etwa bei 1,0,<br />

und etwa 50% <strong>der</strong> Schüler vergeben Werte zwischen 1,0 und 2,0. Allerdings muss<br />

man auch hier feststellen, dass die Schülerinnen und Schüler nicht übermäßig zufrieden<br />

sind mit dem, was sie im persönlichen Umfeld und auf eigene Initiative hin<br />

erfahren haben. Eine systematische Anleitung könnte die subjektive Informationslage<br />

sicher noch erheblich steigern.<br />

Anzahl Beobachtungen<br />

110<br />

100<br />

90<br />

80<br />

70<br />

60<br />

50<br />

40<br />

30<br />

20<br />

10<br />

0<br />

0,0 0,4 0,8 1,2 1,6 2,0 2,4 2,8<br />

Nutzwert <strong>der</strong> schulischen Berufsexploration<br />

Abbildung 5: Nutzwert schulischer Berufsexploration (Kodierung <strong>der</strong> Einzelbewertungen:<br />

Note 1= 3 Punkte; Note 2 = 2 Punkte; Note 3 = 1 Punkt; Noten 4-6<br />

bzw. „nicht gemacht“ = 0 Punkte)


3.5 Geschlechtstypizität <strong>des</strong> Berufswahlverhaltens<br />

Bereits bei <strong>der</strong> <strong>Wahl</strong> <strong>des</strong> Leistungskurses kann eine deutliche geschlechtstypisierte<br />

Verteilung festgestellt werden (Tabelle 11). Deutlich mehr Jungen als Mädchen<br />

wählen Mathematik als Leistungsfach, während die Verteilung im Fach Deutsch<br />

genau in umgekehrter Weise erfolgt. Wählen Mädchen eine Naturwissenschaft als<br />

Leistungsfach, so ist dies fast immer die Biologie. Jungen wählen signifikant öfter<br />

Physik als Leistungsfach als Mädchen.<br />

Tabelle 11: <strong>Wahl</strong> <strong>der</strong> Leistungskurse<br />

Leistungskurse Jungen Mädchen t FG p<br />

Deutsch 0,35 0,73 -7,76 371 0,000<br />

Mathematik 0,65 0,27 7,73 370 0,000<br />

Fremdsprache 0,20 0,37 -3,55 370 0,000<br />

Biologie 0,11 0,24 -3,03 370 0,003<br />

Chemie 0,01 0,00 1,87 370 0,062<br />

Physik 0,28 0,02 8,38 370 0,000<br />

Geschichte 0,24 0,22 0,35 371 0,725<br />

Erdkunde 0,01 0,01 -0,48 371 0,633<br />

Legende: Angeführt sind Anteile, die sich pro Spalte zu ca. 2,0 addieren, weil alle Befragten<br />

zwei Leistungskurse absolviert haben. (Selten gewählte Kurde wurden nicht mit aufgeführt.)<br />

<strong>Die</strong> t-Statistik prüft den Geschlechtsunterschied dieser Anteile auf zufällige o<strong>der</strong><br />

systematische Abweichung. Ist <strong>der</strong> p-Wert kleiner als 0,05, kann man davon ausgehen,<br />

dass sich Mädchen und Jungen systematisch unterscheiden.<br />

Auch die Berufswünsche spiegeln geschlechtstypisiertes <strong>Wahl</strong>verhalten wie<strong>der</strong>.<br />

Während Jungen <strong>am</strong> stärksten Berufe aus den Ingenieurwissenschaften (19%)<br />

und aus dem Spektrum <strong>der</strong> Sicherheitsberufe 12 (13%) präferieren, äußern die<br />

Mädchen Berufswünsche vorwiegend aus den Geistes- und Wirtschaftswissenschaften<br />

13 (14,5%) sowie den künstlerischen (11%) und Gesundheitsberufen 14<br />

(11%). Somit zeigt sich auch dieser Stichprobe die üblichen geschlechtsspezifischen<br />

Präferenzen: bei den männlichen Schulabgängern überwiegen wissenschaftliche<br />

und technische Bereiche, bei den weiblichen soziale und künstlerische.<br />

12 Unter Sicherheitsberufen sind Tätigkeiten bei <strong>der</strong> Bun<strong>des</strong>wehr und <strong>der</strong> Polizei zu verstehen.<br />

13 Geistes- und Wirtschaftswissenschaften umfassen Studienwünsche wie Sprachwissenschaften,<br />

Archäologie, Philosophie und Betriebswirtschaft.<br />

14 Zu den Gesundheitsberufen zählen z.B. Physiotherapeuten, Krankenschwestern, medizinisch-technische<br />

Assistenten, also nichtakademische Berufe, die an Fachschulen ausgebildet werden.<br />

Ärztberufe bilden eine eigene Kategorie.<br />

21


22<br />

3.6 Informationssuchverhalten bei atypischen Berufswünschen<br />

Wenn die Schülerinnen und Schüler sich <strong>der</strong> eigenen Orientierung an Geschlechterstereotypen<br />

bewusst wären, würden sie bei <strong>der</strong> <strong>Wahl</strong> geschlechtsatypischer<br />

Ausbildungsgänge beson<strong>der</strong>s vorsichtig sein. Sie müssten eigentlich einen beson<strong>der</strong>s<br />

hohen Informationsbedarf haben und die Berufswelt und sich selbst ausführlich<br />

explorieren. Denn um sich für einen für das eigene Geschlecht atypischen Beruf<br />

zu entscheiden, muss man zunächst die Merkmale <strong>der</strong> eigenen Person erforschen<br />

und sich gegen die üblichen Geschlechtsrollenzuschreibungen abgrenzen.<br />

Interessanterweise gehen geschlechtsatypische Präferenzen nicht mit erhöhter<br />

Aufmerks<strong>am</strong>keit einher. Wie Abbildung 6 zeigt, unterscheiden sich männliche und<br />

weibliche Abiturienten nicht im Ausmaß ihres Informationsbedarfs, je nachdem, ob<br />

sie ein naturwissenschaftliches o<strong>der</strong> ein geisteswissenschaftliches Studium anstreben.<br />

Subjektiver Informationsbedarf<br />

3,4<br />

3,2<br />

3,0<br />

2,8<br />

2,6<br />

2,4<br />

2,2<br />

2,0<br />

1,8<br />

1,6<br />

Mädchen<br />

Jungen<br />

Naturwiss. Geisteswiss.<br />

Abgestrebte Studienrichtung<br />

Bei<strong>des</strong><br />

Abbildung 6: Subjektiver Informationsbedarf <strong>der</strong> Abiturientinnen bzw. Abiturienten<br />

in Abhängigkeit von <strong>der</strong> angestrebten Studienrichtung<br />

Genauso wenig ergibt sich ein Unterschied im Ausmaß <strong>der</strong> Selbstexploration, also<br />

<strong>der</strong> Beschäftigung mit <strong>der</strong> eigenen Person, wenn jemand eine geschlechtsatypische<br />

Studienrichtung einschlägt (Abbildung 7). <strong>Die</strong>s wäre dann nicht weiter bedenkenswert,<br />

wenn die Abiturienten unabhängig von ihrem Geschlecht die Studienrichtungen<br />

anstreben würden. Bei den befragten jungen Männern ist dies tatsäch-


lich <strong>der</strong> Fall: sie verteilen sich gleichmäßig auf Natur- und Geisteswissenschaften.<br />

<strong>Die</strong> jungen Frauen hingegen entscheiden sich im Verhältnis 3:1 für geisteswissenschaftliche<br />

Fächer. Abbildung 7 zeigt zwar überraschen<strong>der</strong>weise, dass Frauen generell<br />

eine höhere Selbsterforschung betreiben als Männer, aber die Studienrichtung<br />

scheint darauf keinen Einfluss zu haben.<br />

Ausmaß <strong>der</strong> Selbstexploration<br />

4,0<br />

3,8<br />

3,6<br />

3,4<br />

3,2<br />

3,0<br />

2,8<br />

2,6<br />

2,4<br />

Mädchen<br />

Jungen<br />

Naturwiss. Geisteswiss.<br />

Studienrichtung<br />

Bei<strong>des</strong><br />

Abbildung 7: Umfang <strong>der</strong> Selbstexploration <strong>der</strong> Abiturientinnen bzw. Abiturienten<br />

in Abhängigkeit von <strong>der</strong> angestrebten Studienrichtung<br />

In den Daten findet sich sogar ein Ergebnis, das nachdenklich macht: Überprüft<br />

man, ob die Selbstexploration davon abhängt, dass man einen typisch weiblichen<br />

o<strong>der</strong> einen typisch männlichen Beruf ergreifen will, so ist es auch hier so, dass die<br />

Missachtung <strong>der</strong> gesellschaftlichen Konventionen keine beson<strong>der</strong>e Selbsterforschung<br />

auslöst. Im Gegenteil! Wie Abbildung 8 zeigt, neigen vor allem diejenigen<br />

männlichen Abiturienten, die einen typisch weiblichen Beruf anstreben, dazu, ganz<br />

wenig über sich selbst nachzudenken. Möglicherweise ist es die pure Gedankenlosigkeit,<br />

die junge Männer zu Entscheidungen führt, die für die spätere berufliche<br />

Identität und häufig auch für Aufstiegschancen große Auswirkungen hat. Es sind<br />

also nicht die pädagogische Überzeugungsarbeit und die reifliche Überlegung, die<br />

junge Männer dazu führt, einen Beruf außerhalb <strong>der</strong> wissenschaftlich-technischen<br />

Standardberufe zu wählen. <strong>Die</strong> offensichtliche Gedankenlosigkeit kann sich aber<br />

23


24<br />

später rächen, und Studienabbrüche sind im Einzelfall sicher schon vorprogr<strong>am</strong>miert.<br />

Selbstexploration<br />

3,6<br />

3,4<br />

3,2<br />

3,0<br />

2,8<br />

2,6<br />

2,4<br />

2,2<br />

Mädchen<br />

Jungen<br />

"männliche" "neutrale"<br />

Berufswünsche<br />

"weibliche"<br />

Abbildung 8: Umfang <strong>der</strong> Selbstexploration <strong>der</strong> Abiturientinnen bzw. Abiturienten<br />

in Abhängigkeit von <strong>der</strong> Geschlechtstypikalität <strong>des</strong> Wunschberufs<br />

4 Ausblick<br />

Viele Abiturienten sind schon relativ sicher im Hinblick auf die Anfor<strong>der</strong>ungen <strong>des</strong><br />

Berufs und die Voraussetzungen, die man dafür mitbringen muss. Dabei beziehen<br />

sich viele Befragte auf das geplante Studium, das wohl etwa zwei Drittel nach dem<br />

Abitur anstreben. Sie haben demnach ihr Studium gewählt und betrachten sich von<br />

den Abiturnoten her als geeignet für die Ausbildung. Viel weiter hat ein großer Teil<br />

<strong>der</strong> Befragten nicht gedacht, einfach auch <strong>des</strong>halb, weil Informationen schwer verfügbar<br />

sind, vor allem solche aus erster Hand. Wenngleich diese als beson<strong>der</strong>s<br />

wichtig und wertvoll eingeschätzt werden, schafft es nur ein geringer Teil <strong>der</strong> Abiturient/inn/en,<br />

an solche Informationen heranzukommen. <strong>Die</strong> übliche Berufsinformation<br />

in <strong>der</strong> Schule wird als wenig ergiebig angesehen. Sehr informativ scheint das<br />

Betriebspraktikum zu sein, das aber nur von ca. 60% <strong>der</strong> Befragten absolviert wurde.<br />

Dementsprechend berichten ca. 50%, dass sie noch nicht ausreichend für die<br />

Berufsentscheidung vorbereitet seien. Es ist anzunehmen, dass diese zunächst<br />

eine breitere Ausbildung wählen, mit <strong>der</strong> sie sich mehrere Berufswege offen halten


wollen und die endgültige Entscheidung hinausschieben können. Es ist zwar im<br />

Grund positiv zu werten, dass man angesichts <strong>der</strong> Dyn<strong>am</strong>ik <strong>der</strong> Arbeitsmärkte und<br />

Industrien sich nicht zu früh auf ein enges Berufsziel festlegt, aber viele Abiturient/inn/en<br />

scheinen hier aus <strong>der</strong> Not eine Tugend zu machen: Ohne spezifische<br />

Informationen über Berufsfel<strong>der</strong>, die Anfor<strong>der</strong>ungen <strong>des</strong> Berufsalltags und Entwicklungsmöglichkeiten<br />

können die Absolventen <strong>der</strong> Gymnasien nicht viel an<strong>der</strong>s tun<br />

als entwe<strong>der</strong> in Wartestellung zu bleiben o<strong>der</strong> eine Standardkarriere zu wählen.<br />

Insges<strong>am</strong>t zeigen die Ergebnisse, dass die schulische <strong>Berufsorientierung</strong> nur<br />

eine marginale Rolle in <strong>der</strong> Berufswahlvorbereitung Jugendlicher spielt. <strong>Die</strong><br />

Schulabgänger nutzen von schulischer Seite her vor allem die Angebote <strong>des</strong> Arbeits<strong>am</strong>ts.<br />

Im Zus<strong>am</strong>menhang mit schulischer <strong>Berufsorientierung</strong> gibt es ein großes<br />

Potential an weiteren Maßnahmen, die für unterrichtliche Zwecke genutzt werden<br />

könnten: Dazu gehören <strong>der</strong> selten gepflegte Umgang mit neuen Medien, die<br />

Durchführung von Praktika o<strong>der</strong> <strong>der</strong> Besuch von Messen. Dabei sollte nicht nur<br />

dem Umgang mit Informationen und beruflicher Exploration Raum gegeben, son<strong>der</strong>n<br />

die Maßnahmen müssen in Beziehung zu individuellen Fähigkeiten und Interessen<br />

gesetzt werden. 15 Des Weiteren sollten die Angebote außerschulischer<br />

Partner (z.B. Hochschulen) noch viel mehr in Anspruch genommen werden.<br />

Schule kann und soll natürlich nur einen Teil <strong>der</strong> Berufswahlvorbereitung leisten.<br />

<strong>Die</strong> Jugendlichen übernehmen die Verantwortung für ihre Berufswahlentscheidung,<br />

sollten sich aber im Prozess <strong>der</strong> Orientierung auf Kooperationspartner stützen können.<br />

Schule kann dabei Anregungen geben und Ausgangspunkt für zusätzliche<br />

private Berufsexplorationen sein.<br />

Maßnahmen zur <strong>Berufsorientierung</strong> sollten vielfältige Anlässe zur praktischen<br />

Erprobung <strong>der</strong> notwendigen Fertigkeiten und Fähigkeiten sowohl unterrichtlich (z.<br />

B. Projektarbeit) als auch außerunterrichtlich (z. B. Expertenbefragungen, Praktika)<br />

schaffen. <strong>Die</strong> Realisierung <strong>des</strong>sen ist mit fachübergreifendem Unterricht 16 einerseits<br />

und einem durchgängigen <strong>Berufsorientierung</strong>skonzept an<strong>der</strong>erseits geboten.<br />

<strong>Die</strong>s geht auch aus <strong>der</strong> Evaluationsstudie zur Berufswahlvorbereitung in Thüringen<br />

15<br />

<strong>Die</strong>s entspricht auch den Ergebnissen einer Studie, die die erwünschten Hilfestellungen von Jugendlichen<br />

bei <strong>der</strong> Berufswahl erhoben hat. Dabei werden insbeson<strong>der</strong>e <strong>der</strong> mangelnde Bezug<br />

zum motivationalen Bereich und das fehlende individuelle Eingehen auf die Schüler und Schülerinnen<br />

in <strong>der</strong> <strong>Berufsorientierung</strong> konstatiert. Vgl. Prager, U. & Wieland, C. (2005). Jugend und Beruf.<br />

Repräsentativumfrage zur Selbstwahrnehmung <strong>der</strong> Jugend in Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann<br />

Stiftung.<br />

16<br />

Das Thüringer Kultusministerium hat dafür in Form <strong>der</strong> Empfehlungen zur Berufswahlvorbreitung<br />

die Lehrplangrundlage geschaffen.<br />

25


26<br />

hervor, zeigen doch die Ergebnisse Verän<strong>der</strong>ungsbedarf in Bezug auf die Angebote<br />

und <strong>der</strong>en Verknüpfung. 17<br />

Bei <strong>der</strong> Festlegung <strong>der</strong> eigenen Bildungs- und Berufslaufbahn scheint die Auseinan<strong>der</strong>setzung<br />

mit den Geschlechtsrollenerwartungen weitgehend zu fehlen. <strong>Die</strong><br />

Berufwünsche folgen wie eh und je bestimmten Geschlechtsprofilen und begünstigen<br />

eine Unterrepräsentation bei<strong>der</strong> Geschlechter in bestimmten Berufszweigen.<br />

Nur etwa 10% <strong>der</strong> Abiturientinnen und Abiturienten nennen einen Wunschberuf,<br />

<strong>der</strong> eigentlich für das jeweils an<strong>der</strong>e Geschlecht typisch ist. Alle an<strong>der</strong>en folgen<br />

den gesellschaftlichen Erwartungen o<strong>der</strong> entscheiden sich für neutrale Berufe. Offensichtlich<br />

findet keine Reflexion dieser unterschwelligen Einflüsse auf die Laufbahnentscheidung<br />

statt. Es entsteht vielmehr <strong>der</strong> Eindruck, dass „abweichende“<br />

Entscheidungen weniger von bewusster als von oberflächlicher Überlegung ausgehen.<br />

Da zu befürchten ist, dass solche Entscheidungen schnell wie<strong>der</strong> revidiert<br />

werden, stellt sich hier immer noch eine wesentliche Aufgabe für die schulische<br />

<strong>Berufsorientierung</strong>: Sie muss dafür sorgen, dass junge Menschen bewusst eine<br />

Laufbahn einschlagen, die ihren Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnissen entspricht,<br />

ohne sich von überkommenen Rollenklischees vereinnahmen zu lassen.<br />

Anschrift <strong>der</strong> Autorin/<strong>des</strong> Autors:<br />

Dipl.-Päd. Katja Driesel-Lange / Prof. Dr. Ernst Hany<br />

Fachgebiet Psychologie, Universität Erfurt<br />

Nordhäuser Str. 63, D-99089 Erfurt<br />

email: katja.driesel-lange@uni-erfurt.de<br />

ernst.hany@uni-erfurt.de<br />

17 Roth, R. (2003). Berufswahlvorbereitung an Staatlichen Schulen im Freistaat Thüringen. Evaluation.<br />

Bad Berka: Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien.

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