Kapitel 2 - Theorie der Versicherungsmärkte
Kapitel 2 - Theorie der Versicherungsmärkte
Kapitel 2 - Theorie der Versicherungsmärkte
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung:<br />
Eine kurze Einführung in die <strong>Theorie</strong> <strong>der</strong> <strong>Versicherungsmärkte</strong><br />
Bei risikoaversen Individuen besteht <strong>der</strong> Wunsch nach Absicherung (gegen<br />
Einkommensschwankungen im Lebenszyklus bzw. gegen hohe finanzielle<br />
Belastungen durch Krankheit o<strong>der</strong> Arbeitslosigkeit).<br />
Eine solche Absicherung kann in zentralen Bereichen <strong>der</strong> sozialen<br />
Sicherung (Alter, Krankheit, Pflege) prinzipiell auch durch private<br />
<strong>Versicherungsmärkte</strong> erfolgen.<br />
Leitfrage: Weshalb gibt es trotzdem vielfältige staatliche Maßnahmen bei<br />
<strong>der</strong> Absicherung elementarer Lebensrisiken? Weshalb sind diese aus<br />
ökonomischer Sicht gerechtfertigt?<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung: Eine kurze Einführung 15
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
a) Theoretischer Bezugspunkt <strong>der</strong> Argumentation: Der erste<br />
Hauptsatz <strong>der</strong> Wohlfahrtstheorie<br />
“In einer Ökonomie mit rein privaten Gütern und einer gesicherten<br />
Eigentumsordnung ist jedes Marktgleichgewicht bei vollkommener<br />
Konkurrenz und vollkommener Information ein Pareto-Optimum.“<br />
Staatseingriffe werden gebraucht, wenn die Voraussetzungen dieses<br />
Theorems nicht erfüllt sind:<br />
• Existenz öffentlicher Güter und externe Effekte.<br />
• Unvollkommenheit <strong>der</strong> Eigentumsordnung. Dazu gehört auch die<br />
Unmöglichkeit zum Abschluss bestimmter Verträge (etwa mit Kin<strong>der</strong>n<br />
und Ungeborenen).<br />
• Verletzung <strong>der</strong> Bedingung vollkommener Konkurrenz (bei Monopolen<br />
und Oligopolen).<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – a) Der erste Hauptsatz <strong>der</strong> Wohlfahrtstheorie 16
• Unvollkommene Information.<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Im Zusammenhang mit unvollkommener Information im Bereich <strong>der</strong><br />
sozialen Absicherung steht hier ein spezieller Aspekt im Vor<strong>der</strong>grund:<br />
Asymmetrische Information zwischen Versicherern und Versicherten wg.<br />
• Unbeobachtbarkeit von Merkmalen <strong>der</strong> Versicherten (durch die<br />
Versicherer) → Adverse Selektion (Typenrisiko.)<br />
• Beeinflussbarkeit des Schadensrisikos durch die Versicherten<br />
→ Moral Hazard (Verhaltensrisiko).<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – a) Der erste Hauptsatz <strong>der</strong> Wohlfahrtstheorie 17
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
b) Das Versicherungsmarktgleichgewicht mit einem einzelnen<br />
Risikotyp (Referenzfall)<br />
Die Charakteristika eines repräsentativen Individuums sind:<br />
W 0 Anfangsvermögen des Individuums<br />
L (Behandlungs-, Pflege-)Kosten im “Schadensfall“<br />
π Schadenswahrscheinlichkeit<br />
uW ( ) Von-Neumann-Morgenstern-Nutzenfunktion<br />
πuW ( − L) + (1 − π ) uW ( ) Erwartungsnutzen des Individuums ohne<br />
0 0<br />
Versicherung<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – b) VersicherungsmarktGG mit einzelnem Risikotyp 18
Die Bestandteile eines Versicherungsvertrags sind<br />
V ( L)<br />
≤ Deckungssumme<br />
p Prämiensatz<br />
Bei Versicherung ergeben sich dann als Endvermögenswerte<br />
• im Schadensfall W0−pV − L+ V<br />
• im Nicht-Schadensfall W0pV −<br />
Der Erwartungsnutzen bei Versicherung beträgt<br />
EU = πu( W − pV − L+ V) + (1 −π) u( W −<br />
pV)<br />
0 0<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – b) VersicherungsmarktGG mit einzelnem Risikotyp 19
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Annahme: Es gibt eine große Zahl identischer Individuen mit stochastisch<br />
unabhängigen Einzelrisiken.<br />
Das Gleichgewichtskonzept für <strong>Versicherungsmärkte</strong> (nach<br />
Rothschild/Stiglitz) wird durch drei Bedingungen beschrieben:<br />
G 1 Die Versicherten maximieren bei gegebenen Angeboten von<br />
Versicherungsverträgen ihren Erwartungsnutzen EU (Expected<br />
Utility)<br />
G 2 Je<strong>der</strong> Versicherungsvertrag führt beim Anbieter zu einem<br />
nicht-negativen Gewinn-Erwartungswert (→ Die Versicherer<br />
können die Einzelrisiken wg. dem “Gesetz <strong>der</strong> großen Zahl“<br />
poolen und ausgleichen).<br />
G 3 Kein potenziell an<strong>der</strong>es Vertragsangebot führt zu einem<br />
positiven Gewinn-Erwartungswert beim offerierenden<br />
Versicherer (→ Analog zum langfristigen Konkurrenzmarkt-<br />
Gleichgewicht aus <strong>der</strong> Mikroökonomie).<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – b) VersicherungsmarktGG mit einzelnem Risikotyp 20
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Die Bedingung 1. Ordnung für die optimale Deckungssumme V ∗ bei<br />
gegebenem Prämiensatz p lautet gemäß G1:<br />
* *<br />
0 0<br />
π(1 − pu ) ′ ( W − L+ (1 − pV ) ) −(1 −π) pu′ ( W − pV)<br />
= 0<br />
Für den Prämiensatz ˆp im Gleichgewicht gilt:<br />
ˆp ≥ π wg. G 2<br />
ˆp ≤ π wg. G 3<br />
ˆp = π<br />
Der gleichgewichtige Prämiensatz stimmt mit dem “fairen“ Prämiensatz =<br />
Schadenswahrscheinlichkeit überein.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – b) VersicherungsmarktGG mit einzelnem Risikotyp 21<br />
⇒
Bei ˆp = π lautet die Bedingung 1. Ordnung für<br />
* *<br />
0 π 0 π<br />
u′ ( W − L+ (1 − ) V ) = u′ ( W − V ) ⇒<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
*<br />
V dann<br />
*<br />
V = L<br />
Im Versicherungsmarkt-Gleichgewicht kommt es somit zur vollständigen<br />
Abdeckung des Schadens (→ Vollversicherung � Punkt B).<br />
Endvermögen im Schadensfall<br />
Abbildung 2-1<br />
W −π<br />
L<br />
0<br />
W0−L 45 0<br />
B<br />
α<br />
Sicherheitslinie<br />
1−<br />
π<br />
tanα<br />
=<br />
π<br />
Endvermögen im Nichtschadensfall<br />
W0−πL W0<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – b) VersicherungsmarktGG mit einzelnem Risikotyp 22<br />
A
Anstieg <strong>der</strong> fairen Versicherungsgeraden =<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
1− π<br />
−<br />
π<br />
= Anstieg <strong>der</strong> EU-Indifferenzkurven auf <strong>der</strong> Sicherheitslinie.<br />
(Weshalb gilt dies genau?)<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – b) VersicherungsmarktGG mit einzelnem Risikotyp 23
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
c) Versicherungsmarkt-Gleichgewichte bei verschiedenen<br />
Risikotypen und asymmetrischer Information: Das Problem <strong>der</strong><br />
adversen Selektion<br />
c1) Die Annahmen<br />
Jetzt gibt es zwei verschiedene Risikotypen s und g mit gleich hohem<br />
potenziellem Schaden L, aber unterschiedlichen Schadens-/Erkrankungswahrscheinlichkeiten<br />
π s und π g (mit π s > π g).<br />
Die EU-Indifferenzkurven sind für g -Typen in diesem Fall steiler als für s-<br />
Typen.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c1) Die Annahmen<br />
24
Endvermögen im Schadensfall<br />
0<br />
0<br />
45<br />
Bsi<br />
Bg<br />
i<br />
Is<br />
I g<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Endvermögen in Nichtschadensfall<br />
Abbildung 2-2<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c1) Die Annahmen<br />
25
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Intuition: Die Absicherung ist für s-Typen "wichtiger" als für g -Typen<br />
→ Die marginale Zahlungsbereitschaft für eine Versicherung ("Grenzrate<br />
<strong>der</strong> Substitution") ist für s-Typen höher als für g -Typen.<br />
Ergänzungsfrage: Wie folgt diese Aussage genau aus dem<br />
Erwartungsnutzenansatz?<br />
Die Zentrale Annahme ist jetzt: Nur die Individuen selber wissen über<br />
ihren Risikotyp Bescheid, nicht aber die Versicherer<br />
→ Es herrscht asymmetrische Information.<br />
Die Versicherer sollen allerdings den Anteil α <strong>der</strong> g -Typen an <strong>der</strong><br />
Gesamtpopulation kennen.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c1) Die Annahmen<br />
26
c2) Nicht-erreichbare Lösungen<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Im Vollversicherungs-Trenngleichgewicht ergäben sich die<br />
unterschiedlichen fairen Prämiensätze ps = π s und pg = π g und die<br />
zugehörigen Vollversicherungspunkte s B und B g jeweils für die s- und g -<br />
Typen.<br />
Diese ideale Lösung kann bei asymmetrischer Information aber nicht<br />
zustande kommen!<br />
Weshalb? Der Versicherungsvertrag g B ist auch für s-Typen besser als s B<br />
→ s-Typen verstellen sich als g -Typen.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c2) Nicht-erreichbare Lösungen<br />
27
Endvermögen im Schadensfall<br />
W −π<br />
L<br />
0 g<br />
W −π<br />
L<br />
0<br />
W −π<br />
L<br />
0 s<br />
W0−L Bs<br />
W L<br />
B<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Abbildung 2-3<br />
Endvermögen im Nichtschadensfall<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c2) Nicht-erreichbare Lösungen<br />
B g<br />
W −π<br />
L<br />
E<br />
Is ( B )<br />
45 �<br />
Ig ( B )<br />
0 −π s W0−πL 0 g<br />
0 W<br />
A<br />
28
g L π < sL π<br />
Prämienzahlung Erwarteter Schaden pro versichertem s-Typ<br />
→ Die Versicherer machen einen Verlust bei den s-Typen<br />
→ Die Gleichgewichts-Bedingung G2 wird verletzt<br />
→ Die Trennlösung ist nicht durchsetzbar!<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
G2 und G3 wären jedoch erfüllt, falls für alle Individuen <strong>der</strong> Prämiensatz<br />
p = π = απ + (1 − α) π = durchschnittliche Schadenswahrscheinlichkeit<br />
betragen würde.<br />
g s<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c2) Nicht-erreichbare Lösungen<br />
29
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Die Versicherungsgerade beim Prämiensatz p ist AB mit dem Anstieg<br />
1− π<br />
− . Der entsprechende Vollversicherungspunkt ist B (siehe Abbildung<br />
π<br />
2-3).<br />
Die Pooling-Lösung B kann aber ebenfalls kein Gleichgewicht sein.<br />
Warum? Wir betrachten die Indifferenzkurven Is( B ) und Ig( B ) von s- und<br />
g -Typen durch den Punkt B.<br />
Is( B ) hat in B den Anstieg 1− π s − und ist wg. π s > π flacher als AB<br />
π s<br />
→ Is( B ) schneidet AB g oberhalb von A<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c2) Nicht-erreichbare Lösungen<br />
30
Ig( B ) hat in B den Anstieg 1− π g<br />
π<br />
− und ist wg. π g π s<br />
g<br />
→ Rechts von B liegt Ig( B ) unterhalb von I ( B ) .<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
< steiler als I ( B )<br />
Konsequenz: Auf AB g gibt es ein Segment, das unter Is( B ), aber über<br />
I ( B ) liegt.<br />
g<br />
Zusätzliche Annahme: Die Versicherer verfügen über eine<br />
"Rationierungsmöglichkeit", d.h. sie können die Deckungssumme V nach<br />
oben beschränken<br />
Die Versicherer können dann einen z.B. in den Punkt E führenden<br />
Teilversicherungsvertrag anbieten<br />
→ E ist für g -Typen besser und für s-Typen schlechter als B.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c2) Nicht-erreichbare Lösungen<br />
s<br />
s<br />
31
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
→ Nur g -Typen wählen E (Selbstselektion)<br />
→ Die Versicherer machen mit dem Angebot von E einen Gewinn (weil<br />
E unterhalb AB g liegt)<br />
→ G 3 ist in B verletzt<br />
→ Die Mischlösung B ist kein Versicherungsmarkt-Gleichgewicht<br />
Konsequenz: Weil Misch-/Pooling-Lösungen somit ausscheiden, können<br />
Versicherungsmarkt-Gleichgewichte nur komplizierte Trennlösungen sein.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c2) Nicht-erreichbare Lösungen<br />
32
c3) Erreichbare Trennlösungen<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Bei einer Trennlösung erhalten s- und g -Typen unterschiedliche Verträge.<br />
Diese werden grafisch durch die Versicherungspunkte s C und C g für<br />
s- und g -Typen gekennzeichnet (siehe Abbildung 2-4).<br />
Wg. den Bedingungen G 2 und G 3 muss s C auf AB s und g C auf AB g<br />
liegen.<br />
Zusätzlich muss sich g C unterhalb <strong>der</strong> durch C s verlaufenden s-<br />
Indifferenzkurve Is( C s ) befinden → Anreizkompatibilitätsbedingung.<br />
Begründung: s-Typen müssen vom Vertrag C g ferngehalten werden.<br />
(Sonst würden Verluste bei den Versicherern entstehen und G 2 wäre<br />
verletzt.)<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c3) Erreichbare Trennlösungen<br />
33
Endvermögen im Schadensfall<br />
0<br />
I ( C ˆ )<br />
s s<br />
Cˆ s = Bs<br />
I<br />
( ˆ<br />
g )<br />
g C<br />
F<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Abbildung 2-4<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c3) Erreichbare Trennlösungen<br />
B<br />
Bg<br />
H<br />
G<br />
45° -<br />
Linie<br />
Nichtexistenz eines<br />
Gleichgewichts<br />
Ĉ g<br />
A<br />
Endvermögen im Nichtschadensfall<br />
34
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Die Bedingungen G 1,<br />
G 2 und G 3 führen dann zur folgenden für die<br />
Versicherten bestmöglichen Trennlösung:<br />
• s-Typen erreichen den Vollversicherungspunkt ˆ Cs= Bs<br />
• g -Typen erreichen ˆ C g � Schnittpunkt von Is( B s ) mit AB g<br />
Beide Typen zahlen dann ihre jeweilige faire Prämie, die g -Typen erhalten<br />
aber nur einen partiellen Versicherungsschutz (und nicht die von ihnen<br />
eigentlich erwünschte Vollversicherung).<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c3) Erreichbare Trennlösungen<br />
35
c4) Die Gefahr <strong>der</strong> Nicht-Existenz eines Markt-GG<br />
Zusätzliche Schwierigkeit: Auch die Lösung<br />
tatsächlich ein Gleichgewicht. Warum?<br />
Wir betrachten die g -Indifferenzkurve<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
( B , C ˆ ) ist nicht immer<br />
s g<br />
I ( ˆ<br />
g C g)<br />
durch ˆ C g .<br />
Liegt AB teilweise (im Segment GB) über I ( ˆ<br />
g C g)<br />
, sind Mischverträge im<br />
Bereich zwischen GB und I ( ˆ<br />
g C g)<br />
(z. B. H ) für s- und g -Typen besser als<br />
die Trennlösung ( B , C ˆ ) .<br />
s g<br />
In H machen die Versicherer aber einen Gewinn → G 3 ist in ( Cˆ , ˆ<br />
s C g )<br />
verletzt → Die Trennlösung ( B , C ˆ ) ist kein Gleichgewicht!<br />
s g<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) Versicherungsmarkt-GG verschiedener Risikotypen<br />
c4) Die Gefahr <strong>der</strong> Nicht-Existenz eines Markt-GG<br />
36
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Dieses Ergebnis ist zu erwarten, wenn AB steil, d.h. <strong>der</strong> Anteil α <strong>der</strong> g -<br />
Typen hoch ist. Die intuitive Erklärung dafür ist:<br />
In <strong>der</strong> Mischlösung kommt es zu einer Quersubventionierung <strong>der</strong> s-Typen<br />
durch die g -Typen. Ist <strong>der</strong> Anteil <strong>der</strong> s-Typen klein, d.h. α groß, werden<br />
die g -Typen dadurch nur wenig belastet. Die Nutzeneinbuße durch<br />
Beschränkung <strong>der</strong> Deckungssumme in <strong>der</strong> Trennlösung wiegt für die g -<br />
Typen in diesem Fall schwerer!<br />
Ergebnis: Bei hohem α stellt auch die Trennlösung kein Gleichgewicht<br />
dar. Da jedoch eine Mischlösung ebenfalls kein Gleichgewicht sein kann<br />
(s.o.), existiert in diesem Fall überhaupt kein Gleichgewicht.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) Versicherungsmarkt-GG verschiedener Risikotypen<br />
c4) Die Gefahr <strong>der</strong> Nicht-Existenz eines Markt-GG<br />
37
c5) Staatliche Eingriffe zur Allokationsverbesserung<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Bei Nicht-Existenz eines GG (1. Möglichkeit) ist nicht klar, was am<br />
Versicherungsmarkt genau passieren wird. Zu erwarten ist wohl am<br />
ehesten eine erratische Entwicklung mit hoher Unsicherheit für alle<br />
Beteiligten → Der Staat kann in diesem Fall durch eine einheitliche<br />
Zwangsversicherung (“Zwangs-Pooling“) und Herbeiführung des Punktes<br />
B die von den Individuen gewünschte Absicherung erreichen.<br />
Bei Existenz eines GG (2. Möglichkeit) kann <strong>der</strong> Staat durch Einführung<br />
einer partiellen Zwangsversicherung (nach A p in Abb. 2-5) die Allokation<br />
eventuell verbessern.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c5) Staatliche Eingriffe zur Allokationsverbesserung<br />
38
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
A p dient dabei als Ausgangpunkt für die Herstellung eines neuen<br />
Trenngleichgewichts ˆ p<br />
( , ˆ p<br />
CsC g ) , das für die s- und g -Typen besser als<br />
( B , C ˆ ) sein kann.<br />
s g<br />
Endvermögen im Schadensfall<br />
I ( Cˆ<br />
)<br />
s s<br />
I<br />
( ˆ p<br />
I C )<br />
s s<br />
Cˆ s Bs<br />
( ˆ<br />
g )<br />
g C<br />
( ˆ p<br />
I C )<br />
B<br />
g g<br />
B g<br />
ˆ p<br />
Cs<br />
= ˆ p<br />
C<br />
Sicherheitslinie<br />
Abbildung 2-5<br />
Endvermögen im Nichtschadensfall<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c5) Staatliche Eingriffe zur Allokationsverbesserung<br />
g<br />
Cˆ<br />
g<br />
A<br />
p<br />
A<br />
39
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
c6) Ein an<strong>der</strong>es Konzept von Versicherungsmarkt-Gleichgewichten<br />
Die problematische Annahme bei Rothschild/Stiglitz ist: Die Versicherer<br />
dürfen bei jedem angebotenen Einzelvertrag (im statistischen<br />
Durchschnitt) keinen Verlust machen. Eine Quersubventionierung ist also<br />
ausgeschlossen.<br />
Spence/Miyazaki lassen hingegen Mischkalkulation zu: Dann existiert<br />
immer ein Versicherungsmarkt-Gleichgewicht, das sogar (second-best)<br />
optimal ist (schwieriger Beweis).<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c6) Ein an<strong>der</strong>es Konzept von Versicherungsmarkt-Gleichgewichten<br />
40
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
c7) Asymmetrische Information als Konsequenz staatlicher<br />
Regulierung<br />
Asymmetrische Information ist nicht immer naturgegeben, son<strong>der</strong>n wird<br />
durch gesetzliche Vorgaben (Datenschutz, Recht auf informationelle<br />
Selbstbestimmung) künstlich hergestellt.<br />
Beispiel: Verwertungsverbot <strong>der</strong> Erkenntnisse aus <strong>der</strong> Gen-Diagnostik<br />
(wichtig für Kranken- und Lebensversicherungen) in vielen Län<strong>der</strong>n.<br />
Bislang gab es nur eine Selbstverpflichtung <strong>der</strong> Versicherer. Ein<br />
entsprechendes Gendiagnostikgesetz wurde am 24.04.2009 vom<br />
Bundestag verabschiedet. Die zentrale Passage für Versicherungen<br />
lautet:<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c7) Asymmetrische Information als Konsequenz staatlicher Regulierung<br />
41
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
§ 18 Gendiagnostikgesetz (GenDG)<br />
Genetische Untersuchungen und Analysen im Zusammenhang mit dem Abschluss<br />
eines Versicherungsvertrages<br />
(1) Der Versicherer darf von Versicherten we<strong>der</strong> vor noch nach Abschluss des<br />
Versicherungsvertrages<br />
1. die Vornahme genetischer Untersuchungen o<strong>der</strong> Analysen verlangen o<strong>der</strong><br />
2. die Mitteilung von Ergebnissen o<strong>der</strong> Daten aus bereits vorgenommenen<br />
genetischen Untersuchungen o<strong>der</strong> Analysen verlangen o<strong>der</strong> solche Ergebnisse o<strong>der</strong><br />
Daten entgegennehmen o<strong>der</strong> verwenden.<br />
Für die Lebensversicherung, die Berufsunfähigkeitsversicherung, die<br />
Erwerbsunfähigkeitsversicherung und die Pflegerentenversicherung gilt Satz 1 Nr. 2<br />
nicht, wenn eine Leistung von mehr als 300 000 Euro o<strong>der</strong> mehr als 30 000 Euro<br />
Jahresrente vereinbart wird.<br />
(2) Vorerkrankungen und Erkrankungen sind anzuzeigen; insoweit sind die §§ 19 bis 22<br />
und 47 des Versicherungsvertragsgesetzes anzuwenden.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c7) Asymmetrische Information als Konsequenz staatlicher Regulierung<br />
42
Problematik aus ökonomischer Sicht:<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Bei Verwendung aller Informationen wäre das Gleichgewicht ( Bs, B g )<br />
erreichbar, bei beschränkter Nutzbarkeit <strong>der</strong> Informationen aber<br />
allenfalls <strong>der</strong> Pareto-inferiore Zustand ( B , C ˆ ) !<br />
s g<br />
Das Verwertungsverbot von Gen-Diagnosen dient allerdings dem Schutz<br />
von Individuen mit schlechter genetischer Disposition → Es liegt ein<br />
spezifisches Verteilungsproblem vor → Diskussion in Übung!<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – c) VersicherungsmarktGG verschiedener Risikotypen<br />
c7) Asymmetrische Information als Konsequenz staatlicher Regulierung<br />
43
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
d) Verhaltensrisiko auf <strong>Versicherungsmärkte</strong>n ("Moral Hazard")<br />
Wie<strong>der</strong>um bezogen auf ein repräsentatives Individuum<br />
W 0:<br />
das Anfangsvermögen<br />
L: die Schadenshöhe<br />
Jetzt aber hat jedes Individuum die Möglichkeit durch<br />
Vorbeugungsaufwendungen in Höhe von a die<br />
Schadenswahrscheinlichkeit vom ursprünglichen Wert π auf einen Wert<br />
a<br />
π ( < π ) zu senken ("Entwöhnungskur bei Suchtverhalten").<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – d) Verhaltensrisiko auf <strong>Versicherungsmärkte</strong>n 44
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Bei Beobachtbarkeit <strong>der</strong> Vorbeugungsmaßnahme durch die Versicherer<br />
sind zwei Endzustände möglich<br />
• Keine Vorbeugung und anschließend Vollversicherung zur fairen<br />
Prämie ˆp = π :<br />
Erwartungsnutzen des Individuums = uW ( 0 − pL ˆ )<br />
a a<br />
• Vorbeugung und anschließend Vollversicherung zur Prämie pˆ = π :<br />
Erwartungsnutzen des Individuums = uW ( 0 −a− pˆ L)<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – d) Verhaltensrisiko auf <strong>Versicherungsmärkte</strong>n 45<br />
a
A 1<br />
Es werden zwei Annahmen getroffen:<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
→ Ohne Versicherung lohnt sich aus individueller Sicht die Vorbeugung.<br />
A 2<br />
a a<br />
0 0<br />
π uW ( −L− a) + (1 −π ) uW ( − a)<br />
π uW ( − L) + (1 −π)<br />
uW ( )<br />
> 0 0<br />
a<br />
0 0<br />
uW ( −a− pˆ L) > uW ( − pL ˆ ) bzw.<br />
a<br />
( pˆ − pˆ ) L> a<br />
→ Bei Versicherung ist Vorbeugung gesamtwirtschaftlich vorteilhaft.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – d) Verhaltensrisiko auf <strong>Versicherungsmärkte</strong>n 46
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Bei Nicht-Beobachtbarkeit <strong>der</strong> Vorbeugungsmaßnahmen wird die<br />
effiziente Lösung auf dem Versicherungsmarkt aber nicht realisiert.<br />
Warum?<br />
Die Individuen täuschen Vorbeugung vor und “erschleichen“ sich die<br />
a a<br />
niedrige Prämie pˆ = π , obwohl ihre Schadenswahrscheinlichkeit π<br />
beträgt<br />
→ Die Versicherer machen Verluste.<br />
→ Es kommt zu keinem Gleichgewicht beim Prämiensatz ˆ a<br />
p .<br />
Eine partielle Verbesserung ist durch Rationierung/Beschränkung <strong>der</strong><br />
Deckungssumme V möglich.<br />
Die Individuen verlieren dadurch das Interesse an <strong>der</strong> Täuschung, wenn<br />
für V die folgende Anreizkompatibilitäts-Bedingung gilt:<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – d) Verhaltensrisiko auf <strong>Versicherungsmärkte</strong>n 47
Erwartungsnutzen bei Vorbeugung =<br />
a<br />
0 − − +<br />
a<br />
− ˆ + −<br />
a<br />
0 −<br />
a<br />
− ˆ<br />
a a<br />
≥ π uW ( 0 − L+ (1 − pˆ ) V) + (1 −π) uW ( 0 − pV ˆ )<br />
π uW ( L a (1 p ) V) (1 π ) uW ( a pV)<br />
= Erwartungsnutzen ohne Vorbeugung und Täuschung<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Bei V = 0 ist die linke Seite dieser Ungleichung wg. (A1) größer als die<br />
rechte.<br />
a<br />
Bei V = L ist wegen a > 0 die linke Seite uW ( ˆ 0 − p L− a)<br />
kleiner als die<br />
a<br />
rechte uW ( ˆ 0 − p L)<br />
.<br />
Nach dem “Zwischenwertsatz“ existiert dann ein V ∗ (mit 0 V L<br />
∗<br />
< < ), bei<br />
dem gerade Gleichheit herrscht.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – d) Verhaltensrisiko auf <strong>Versicherungsmärkte</strong>n 48
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Konsequenz: Der Versicherungsmarkt kann (nur) eine Teilabsicherung mit<br />
<strong>der</strong> beschränkten Deckungssumme V ∗ zustande bringen!<br />
Die empirische Bedingung für die Realisierung einer solchen Lösung ist:<br />
Der Abschluss mehrerer Teilversicherungen muss unmöglich sein<br />
(“Stückelungsverbot“). Dazu tragen Kontrollmitteilungen zwischen<br />
Versicherern o<strong>der</strong> die Einfor<strong>der</strong>ung von Originalbelegen (etwa bei<br />
Krankenversicherungen) bei.<br />
Ein echter Staatseingriff ist dabei nicht erfor<strong>der</strong>lich.<br />
Bestimmte staatliche Maßnahmen (z. B. Vollversicherungszwang V L<br />
= )<br />
können sogar wohlfahrtsschädlich sein, weil dadurch <strong>der</strong> Anreiz zur<br />
Vorbeugung verschwindet.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – d) Verhaltensrisiko auf <strong>Versicherungsmärkte</strong>n 49
e) Schlussfolgerungen aus <strong>der</strong> Modellanalyse<br />
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Inwieweit versagen private <strong>Versicherungsmärkte</strong> bei <strong>der</strong> Absicherung von<br />
Lebensrisiken aufgrund von adverser Selektion und Moral Hazard? Unsere<br />
theoretische Analyse ergab hier keine eindeutige Antwort.<br />
Ergebnis aus <strong>der</strong> Erörterung adverser Selektion:<br />
Bei asymmetrischer Information besteht die Gefahr, dass kein<br />
Gleichgewicht ("stabile Lösung") zustande kommt. Ein "constant flux" /<br />
„Auf und Ab“ auf dem Versicherungsmarkt und eine unzureichende<br />
Absicherung <strong>der</strong> Individuen sind zu befürchten.<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – e) Schlussfolgerungen aus <strong>der</strong> Modellanalyse 50
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz<br />
Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie<br />
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät<br />
Eine solche Entwicklung droht insbeson<strong>der</strong>e bei privaten<br />
Krankenversicherungen: Bei Abwan<strong>der</strong>ung guter Risiken erhöhen sich die<br />
Prämien <strong>der</strong> schlechten Risiken → Das “Herauslocken“ von Individuen aus<br />
bestehenden KV-Verträgen schafft deshalb ein erhebliches Prämienrisiko<br />
für die Versicherten.<br />
Dazu kommt es auch durch neue Informationen (z.B. Entdeckung einer<br />
niedrigeren Erkrankungswahrscheinlichkeit bei einer bestimmten<br />
Bevölkerungsgruppe) → Ein staatliches “Zwangs-Pooling“ verringert diese<br />
Unsicherheiten am Versicherungsmarkt.<br />
Ergebnis aus <strong>der</strong> Erörterung von Moral Hazard:<br />
Marktversagen (→ Verfehlung <strong>der</strong> optimalen Allokation) kann zwar<br />
festgestellt werden, eine unmittelbare Verbesserung durch staatliche<br />
Maßnahmen ist hier aber nicht erkennbar. Teilweise werden die Probleme<br />
durch staatliche Maßnahmen sogar noch verschärft!<br />
2. Mögliche Effizienzgründe für eine Sozialversicherung – e) Schlussfolgerungen aus <strong>der</strong> Modellanalyse 51