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(<strong>Verlagssignet</strong>)


Die <strong>Deutsche</strong>n <strong>Inschriften</strong><br />

Herausgegeben<br />

von den Akademien der Wissenschaften in<br />

Düsseldorf · Göttingen<br />

Heidelberg · Leipzig · Mainz · München ·<br />

und der<br />

Österreichischen Akademie der<br />

Wissenschaften in Wien<br />

60. Band<br />

Mainzer Reihe 8. Band<br />

Die <strong>Inschriften</strong> des Rhein-Hunsrück-Kreises I<br />

(Boppard, Oberwesel, St. Goar)<br />

2004<br />

Dr. Ludwig Reichert Verlag Wiesbaden<br />

2


Die <strong>Inschriften</strong> des<br />

Rhein-Hunsrück-Kreises I<br />

(Boppard, Oberwesel, St. Goar)<br />

Gesammelt und bearbeitet<br />

von<br />

Eberhard J. Nikitsch<br />

Mit 350, zum Teil farbigen Abbildungen auf 112 Tafeln, 4 Tafeln mit Marken und<br />

Steinmetzzeichen und 1 Karte<br />

2004<br />

Dr. Ludwig Reichert Verlag Wiesbaden<br />

3


Gefördert<br />

durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn, das Ministerium für<br />

Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz,<br />

den Geschichtsverein für Mittelrhein und Vorderhunsrück e. V.<br />

und die Kreissparkasse Rhein-Hunsrück, Simmern.<br />

Die <strong>Deutsche</strong> Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der <strong>Deutsche</strong>n<br />

Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über<br />

http://dnb.ddb.de abrufbar<br />

ISBN 3-89500-346-8<br />

© 2004 by Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz.<br />

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich<br />

geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist<br />

ohne Zustimmung der Akademie und des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt<br />

insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die<br />

Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.<br />

Gesamtherstellung: Offizin Chr. Scheufele, Stuttgart. Printed in Germany.<br />

Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier.<br />

4


(Frontispiz)<br />

5


INHALT<br />

Geleitwort.............................................................................................................................IX<br />

Vorwort.................................................................................................................................XI<br />

Einleitung und Auswertung................................................................................................XIII<br />

1. Vorbemerkungen und Benutzungshinweise...................................................................XIII<br />

2. Kurzer historischer Überblick.....<br />

2.1 Beschreibung und Geschichte der wichtigsten Standorte.....<br />

2.1.1 Boppard, kath. Pfarrkirche St. Severus (ehem. Stiftskirche).....<br />

2.1.2 Boppard, ehem. Benediktinerinnen-Kloster Marienberg.....<br />

2.1.3 Boppard, kath. Kirche (ehem. Karmeliterkirche).....<br />

2.1.4 Boppard, ehem. Franziskanerinnen-Kloster St. Martin.....<br />

2.1.5 Boppard-Bad Salzig, kath. Pfarrkirche St. Ägidius.....<br />

2.1.6 Boppard-Hirzenach, kath. Pfarrkirche St. Bartholomäus (ehem.<br />

Benediktinerpropstei-Kirche).....<br />

2.1.7 Oberwesel, kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau (ehem. Stiftskirche).....<br />

2.1.8 Oberwesel, kath. Pfarrkirche St. Martin (ehem. Stiftskirche).....<br />

2.1.9 St. Goar, evang. Stiftskirche.....<br />

2.1.10 St. Goar, Burg, Schloß und Festung Rheinfels.....<br />

3. Die Quellen der nicht-originalen Überlieferung.....<br />

4. Die <strong>Inschriften</strong>träger.....<br />

4.1 Denkmäler des Totengedächtnisses.....<br />

4.1.1 Die frühchristlichen Grabsteine aus Boppard: Gestaltung, Inschrift und Datierung.....<br />

4.1.2 Die äußere Gestaltung der Grabdenkmäler.....<br />

4.1.3 Form und Inhalt der Grabinschriften.....<br />

4.2 Malerei.....<br />

4.2.1 Wandmalerei.....<br />

4.2.2 Glasmalerei.....<br />

4.2.3 Tafelmalerei.....<br />

4.3 Glocken.....<br />

4.4 Bauwerke, kirchliche Ausstattungsstücke und sonstige <strong>Inschriften</strong>träger.....<br />

4.5 Meister und Werkstätten.....<br />

5. Die Schriftformen.....<br />

5.1 Vorkarolingische Kapitalis.....<br />

5.2 Romanische und gotische Majuskel.....<br />

5.3 Frühhumanistische Kapitalis.....<br />

6


5.4 Kapitalis.....<br />

5.5 Gotische Minuskel; Versalien.....<br />

5.6 Fraktur.....<br />

5.7 Humanistische Minuskel.....<br />

5.8 Sonderformen.....<br />

5.9 Worttrenner und Satzzeichen.....<br />

6. Nicht aufgenommene <strong>Inschriften</strong>.....<br />

Katalog der <strong>Inschriften</strong> Nrr. 1–464.......................................................................................1<br />

Abkürzungsverzeichnis.....<br />

Literaturverzeichnis.....<br />

Die <strong>Deutsche</strong>n <strong>Inschriften</strong>. Verzeichnis der bisher erschienenen Bände.....<br />

Register.....<br />

1. Standorte.....<br />

2. Orts- und Personennamen, Institutionen.....<br />

2a. Initialen und Monogramme.....<br />

2b. Künstler, Meister und Werkstätten.....<br />

3. Wappen<br />

3a. Nicht identifizierte Wappen<br />

4. Epitheta, Berufe, Stände, Titel.....<br />

5. Initien, Sprüche, Devisen.....<br />

6. Formeln und besondere Wendungen.....<br />

7. Epigraphische Texttypen und <strong>Inschriften</strong>arten nach Sprachen.....<br />

7a. Zitate und Paraphrasen aus Bibel, liturgischen Texten und Literatur.....<br />

8. <strong>Inschriften</strong>träger.....<br />

9. Schriftarten.....<br />

10 Sachregister.....<br />

10a. Biblische, heilige und historische Personen in Nennung und Darstellung.....<br />

Bildtafeln (mit Abbildungsnachweis)<br />

Tafeln der Marken und Steinmetzzeichen<br />

Karte des Bearbeitungsgebietes<br />

7


GELEITWORT<br />

Als Frucht langjähriger Forschungen kann der Bearbeiter des hier vorgelegten Bandes Dr.<br />

Eberhard J. Nikitsch über 500 <strong>Inschriften</strong> des Mittelalters und der frühen Neuzeit, genauer<br />

gesagt vom 5. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, aus den Städten Boppard, Oberwesel und<br />

St. Goar bekannt machen: aus den unterschiedlichsten historischen Denkmälern, aus<br />

literarischen Quellen und gelegentlichen Erwähnungen zusammengetragen, gelesen – oft<br />

heißt das bei den schlecht erhaltenen Denkmälern: mühsam entziffert – , transkribiert, wenn<br />

nötig, aus dem Lateinischen übersetzt, in ihren historischen Kontext gestellt, d. h. die in den<br />

<strong>Inschriften</strong> erwähnten Ereignisse, Personen und Rechtshandlungen erschlossen und<br />

erläutert, ihre literarische Form und die Schriftgestalt untersucht und alles dem Leser<br />

verständlich dargelegt. Manche dieser Texte enthalten wichtige historische Quellen, wie die<br />

Rechtsinschriften der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts von der Bopparder Stadtmauer mit<br />

ihrer Festlegung der Baulast für die Städte Oberwesel und Niederlahnstein, denen dafür<br />

Zollfreiheit gewährt wird. <strong>Inschriften</strong> berichten vom Kampf der Stadt mit dem Trierer<br />

Erzbischof um die Reichsfreiheit oder über die Geschichte der landesherrlichen Burg<br />

Rheinfels. Bauinschriften gewähren Aufschluß über Baubeginn, -verlauf und -ende<br />

wichtiger für die Entwicklung der Stadt zentraler Bauten, wie der großen Stiftskirchen.<br />

Einzelne <strong>Inschriften</strong> sind Bestandteil großer Kunstwerke; die historisch zuverlässige und<br />

sachgerechte Klärung ihres Inhaltes trägt auch zum kunsthistorischen Verständnis dieser<br />

Werke bei. Andere, auch die unscheinbaren, spiegeln immer noch die Alltags-Geschichte<br />

dieser drei im Mittelalter so bedeutenden Städte am Mittelrhein.<br />

Besonderes Interesse werden die frühen Grabsteine aus Boppard als ehrwürdige<br />

Zeugnisse der in römische und frühe fränkische Zeit zurückreichenden Vergangenheit<br />

dieser Stadt finden. Mittelalterliche Grabsteine mit ausführlichen <strong>Inschriften</strong> und bildlichen<br />

Darstellungen sind sonst erst seit den Jahren um 1300 überliefert, nicht wenige darunter von<br />

beachtlicher künstlerischer Qualität. Ausführlich berichten zuweilen die späteren<br />

Grabplatten und die dann aufkommenden Epitaphien von den Taten und Leistungen der<br />

Verstorbenen, bringen Nachrichten, die sonst nicht bekannt wären. Neben dieser für die<br />

Epigraphik wichtigsten Denkmäler-Gattung, neben den nicht wenigen erhaltenen<br />

mittelalterlichen Glocken mit Meister- und anderen <strong>Inschriften</strong> stehen die aus Bronze<br />

gegossenen städtischen Maßgefäße, sog. Sömmer, mit ihren deutschen <strong>Inschriften</strong>, die der<br />

Bearbeiter des Bandes aufschlußreich mit der spezifischen politischen Situation der Stadt<br />

Boppard im Jahre 1327 verbinden kann. Einen Komplex besonderen Ranges stellen die<br />

Glasmalereien der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus der Karmeliterkirche in Boppard<br />

dar, die inzwischen über europäische und amerikanische Museen verstreut sind. Vieles<br />

wäre zu nennen; es liegt in der Natur eines solchen Corpus-Bandes, daß er denkbar<br />

unterschiedliches historisches Material für die verschiedensten Wissenschaften bereitstellt.<br />

Der Band enthält die epigraphischen Zeugnisse der Städte Boppard, Oberwesel und St.<br />

Goar und damit einen wesentlichen Teil der <strong>Inschriften</strong> des heutigen Rhein-Hunsrück-<br />

Kreises. Die Bearbeitung der übrigen Orte ist weit gediehen; ihre <strong>Inschriften</strong> sollen,<br />

zusammen mit denen des anschließenden Landkreises Birkenfeld, in einem zweiten Band<br />

vorgelegt werden.<br />

Im Rahmen des von der Österreichischen Akademie der Wisenschaften in Wien und den<br />

deutschen Akademien der Wissenschaften gemeinsam getragenen großen<br />

Editionsvorhabens eines umfassenden Corpus aller erhaltenen und überlieferten<br />

lateinischen und deutschen <strong>Inschriften</strong> des Mittelalters und der frühen Neuzeit kann die<br />

Akademie in Mainz aus den ihr zur Bearbeitung zugefallenen Bundesländern Hessen,<br />

Rheinland-Pfalz und Saarland den achten Band vorlegen. Zwar war die Verpflichtung zur<br />

Edition schon 1959 übernommen, eine entsprechende Akademie-Kommission 1969<br />

begründet worden. Die ernsthafte Arbeit konnte jedoch erst beginnen, als 1976 Prof. Dr.<br />

8


Harald Zimmermann den Vorsitz übernahm. Seiner Tatkraft und zielgerichteten<br />

Anstrengung ist es zu verdanken, daß in Mainz inzwischen vier engagierte<br />

wissenschaftliche Mitarbeiter hauptamtlich an der Edition der <strong>Inschriften</strong> arbeiten können.<br />

1984 konnte er den ersten Band mit den Zeugnissen der Stadt Oppenheim vorlegen,<br />

kontinuierlich folgten sechs weitere. Auch der achte ist im wesentlichen noch unter seiner<br />

fördernden Hand entstanden. Die Kommission schließt sich gern der Widmung dieses<br />

letzten von ihm großenteils noch verantworteten Bandes durch den Autor an. Mit dem Dank<br />

an Herrn Zimmermann, der über 25 Jahre die Geschicke der Mainzer Kommission und<br />

Arbeitsstelle gelenkt hat, verbinden die Mitarbeiter und der Schreiber dieser Zeilen die<br />

Versicherung, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um die Arbeit nach den von ihm<br />

gesetzten Maßstäben wissenschaftlicher Qualität und in derselben Kontinuität fortzusetzen.<br />

Neben dem langjährigen Vorsitzenden und dem Bearbeiter des Bandes gilt der Dank der<br />

Kommission auch den Photographen der Arbeitsstelle Brunhild Escherich und Thomas G.<br />

Tempel, Herrn Tempel auch für die Gestaltung des Abbildungsteils. Der Geschichtsverein<br />

für Mittelrhein und Vorderhunsrück und die Kreissparkasse Rhein-Hunsrück in Simmern<br />

haben zu den Druckkosten namhafte Beträge beigesteuert. Mögen die Vereinsmitglieder<br />

und die Kunden der Sparkasse sich durch das Studium der zahlreich hier ausgebreiteten<br />

Quellen zur Geschichte ihrer Städte reich entschädigt fühlen.<br />

Mainz, im März 2004 Rainer Kahsnitz<br />

9


VORWORT<br />

Für die vollständige Edition der vom Verfasser seit 1994 gesammelten und bearbeiteten<br />

mittelalterlichen und frühneuzeitlichen <strong>Inschriften</strong> des Rhein-Hunsrück-Kreises wurde im<br />

Jahr 2000 angesichts der unerwarteten Materialfülle und des außerordentlich hohen Anteils<br />

an erhaltenen <strong>Inschriften</strong> eine Zweiteilung beschlossen: Der vorliegende erste Band widmet<br />

sich den Rheinstädten Boppard, Oberwesel und St. Goar und enthält in 466 kommentierten<br />

Katalognummern mehr als 500 Einzelinschriften, darunter weit über 100<br />

Erstveröffentlichungen. Die <strong>Inschriften</strong> des restlichen Rhein-Hunsrück-Kreises sollen in<br />

einem zweiten Band vorgelegt werden, gemeinsam mit den <strong>Inschriften</strong> des südwestlich<br />

angrenzenden Landkreises Birkenfeld. Zusammen mit den vom Bearbeiter veröffentlichten<br />

<strong>Inschriften</strong> des Landkreises Bad Kreuznach (DI 34) und den anderen <strong>Inschriften</strong>bänden der<br />

Mainzer Arbeitsstelle wird dann der historischen Forschung ein großer<br />

zusammenhängender Bereich in Rheinland-Pfalz und Hessen zur Verfügung stehen.<br />

In den besuchten Archiven und Bibliotheken standen die Mitarbeiter den Wünschen des<br />

Bearbeiters stets aufgeschlossen und hilfsbereit gegenüber, so im Zentralarchiv der<br />

Staatlichen Museen Berlin – Preußischer Kulturbesitz, in der Archivstelle Boppard des<br />

Landeskirchlichen Archivs Düsseldorf, im Generallandesarchiv Karlsruhe, im<br />

Landeshauptarchiv Koblenz, im Archiv des Hansen-Ordens auf Rheinfels in St. Goar sowie<br />

in der Heimatwissenschaftlichen Zentralbibliothek Bad Kreuznach, in der<br />

Universitätsbibliothek Mainz und in den Stadtbibliotheken Boppard, Mainz und Trier.<br />

Herzlich bedanken möchte ich mich für die gute und unkomplizierte Zusammenarbeit mit<br />

den Dienststellen des Landesamtes für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz in Mainz und<br />

Koblenz-Ehrenbreitstein, vornehmlich bei Ursula Kummert (Bibliothek), Heinz Straeter<br />

(Fotoabteilung) und Dr. Günther Stanzl (Referat Bauforschung).<br />

Bei der Organisation der Arbeit sowie bei der Suche und Aufnahme der <strong>Inschriften</strong> vor<br />

Ort waren mir neben den vielen Helfern, denen an entsprechender Stelle in den<br />

Anmerkungen gedankt wird, auf ihre jeweils eigene Art und Weise besonders behilflich:<br />

Klaus-Georg Brager, Michael Koelges, Dr. Heinz E. Mißling und Heinrich Nick in<br />

Boppard; Hans Josef Henrich, Dipl.-Ing. Edmund Lahnert (#) und Dr. August Weiler in<br />

Oberwesel; Dipl.-Ing. Rudolf Ackermann in St. Goar.<br />

Dechant Werner Assmann und sein Nachfolger Pfarrer Hermann Josef Ludwig in<br />

Boppard, Pfarrer Walter Bongartz und sein Nachfolger Pfarrer Bernhard Jakobs in<br />

Oberwesel sowie Pfarrer Wolfgang Krammes in St. Goar gestatteten freundlich die<br />

<strong>Inschriften</strong>aufnahme in den ihnen anvertrauten Kirchen, die von den jeweiligen<br />

Küsterinnen und Küstern hilfsbereit unterstützt wurde.<br />

Herzlicher Dank gilt Dr. Michael Frauenberger und Alfred Schaaf, die durch die gerade<br />

noch rechtzeitig erfolgte Publikation der von ihnen für Boppard bzw. Oberwesel<br />

vorgelegten umfangreichen Bürger- bzw. Familienbücher die Voraussetzung boten,<br />

zahlreiche bis dahin unbekannte prosopographische Informationen zu den Familien des<br />

Mittelrheintals in die Katalogtexte einzuarbeiten.<br />

Nachdem die Kommentare zu den einzelnen <strong>Inschriften</strong> geschrieben waren, erklärten sich<br />

dem Unternehmen verbundene Wissenschaftler freundlicherweise bereit, ihre<br />

fachspezifischen Kenntnisse zur Verfügung zu stellen: Prof. Dr. Friedrich Karl Azzola<br />

(Trebur) überprüfte die Wappen und Marken nach Handwerkerzeichen, Prof. Dr. Wolfgang<br />

Haubrichs (Universität Saarbrücken) brachte die Artikel über die frühchristlichen<br />

<strong>Inschriften</strong> auf den neuesten namenskundlichen Stand der Forschung, und Jörg Poettgen<br />

(Rheinisches Institut für Glockenkunde, Overath) unterzog die Texte über die Glocken einer<br />

gewissenhaften Korrektur. Aufgrund ihrer fundierten orts- und regionalgeschichtlichen<br />

Kenntnisse waren Michael Koelges für Boppard, Josef Heinzelmann für Oberwesel und<br />

10


Alexander Ritter M.A. für St. Goar so freundlich, zusätzliche gewichtige Informationen<br />

beizutragen.<br />

Von den immer diskussions- wie hilfsbereiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der<br />

befreundeten Schwester-Arbeitsstellen der Akademien der Wissenschaften in Deutschland<br />

und Österreich ist besonders Dr. Helga Giersiepen in Bonn für die Beschaffung rheinischer<br />

Literatur zu danken, zudem Dr. Harald Drös in Heidelberg für die Kontrolle der<br />

Wappenbeschreibungen und für die hervorragende Umzeichnung der zahlreichen Marken<br />

und Steinmetzzeichen im Abbildungsteil.<br />

Olaf Meding, dem Lektor der Mainzer Akademie, sei für seine freundliche und<br />

kompetente Betreung während der Drucklegung des Buches herzlich gedankt.<br />

Trotz aller Hilfe von außen hätte der <strong>Inschriften</strong>band ohne Unterstützung der eigenen<br />

Arbeitsstelle in der vorliegenden Form kaum fertiggestellt werden können. Als<br />

kunsthistorisch ausgebildete wissenschaftliche Hilfskräfte haben Susanne Kern, Gepa<br />

Spitzner und Christiane Wessels neben ihren üblichen Tätigkeiten auch stets ihr<br />

Spezialwissen eingebracht; dabei ist vor allem Gepa Spitzner für das äußerst sorgfältige<br />

Korrekturlesen des gesamten <strong>Inschriften</strong>bandes zu danken. Die beiden Fotografen der<br />

Arbeitsstelle, Brunhild Escherich und Thomas G. Tempel, haben mit großem Engagement<br />

eine Vielzahl der fotografischen Aufnahmen für den Abbildungsteil hergestellt, der von<br />

Thomas G. Tempel in bewährter Weise abschließend betreut wurde. Meiner Kollegin Dr.<br />

Yvonne Monsees verdanke ich wertvolle Hinweise aus Bibliotheken und Archiven, meinem<br />

Kollegen Priv.-Doz. Dr. Sebastian Scholz die sorgfältige Überprüfung der Übersetzungen<br />

aus dem Lateinischen, dazu zahlreiche Verbesserungsvorschläge und poetologische<br />

Identifizierungen. Ganz besonders danke ich meinem Kollegen Dr. Rüdiger Fuchs für seine<br />

genaue, dabei anregende und stets mit weiterführender Kritik verbundene Durchsicht des<br />

umfangreichen Katalogs; letztlich ist die hohe Quote gelesener, kaum mehr zu entziffernder<br />

<strong>Inschriften</strong> seiner Hartnäckigkeit und seinem geschulten Blick zu verdanken.<br />

Prof. Dr. Rainer Kahsnitz, seit Sommer 2002 Vorsitzender der Mainzer <strong>Inschriften</strong>-<br />

Kommission, hat die Vollendung des <strong>Inschriften</strong>bandes mit Sympathie und förderndem<br />

Interesse verfolgt. Mein abschließender herzlicher Dank gilt nicht nur ihm, sondern auch<br />

seinem Vorgänger, Herrn Prof. Drr. h. c. Dr. Dr. Harald Zimmermann, für den jahrelangen<br />

unverdrossenen Einsatz in epigraphicis – ihm sei mit großem Respekt dieses Buch<br />

gewidmet.<br />

Mainz, im Dezember 2003 Eberhard J. Nikitsch<br />

11


EINLEITUNG UND AUSWERTUNG<br />

1. VORBERMERKUNGEN UND BENUTZUNGSHINWEISE<br />

Der vorliegende Teilband enthält die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen <strong>Inschriften</strong> der<br />

Städte Boppard, Oberwesel und St. Goar und ihrer Stadtteile 1 bis 1689, dem Jahr der<br />

Verwüstung weiter Teile des Mittelrheintals im Pfälzischen Erbfolgekrieg 2 . Das<br />

Bearbeitungsgebiet umfaßt große Bereiche des ehemaligen Landkreises St. Goar und bildet<br />

heute den östlichen Teil des 1969 neu entstandenen Rhein-Hunsrück-Kreises 3 .<br />

Aufgenommen wurden alle zugänglichen erhaltenen <strong>Inschriften</strong> des Bearbeitungsgebietes<br />

mit ihren Trägern. Ebenso wurden nach außerhalb verbrachte <strong>Inschriften</strong> berücksichtigt,<br />

deren Herkunft aus dem Bearbeitungsgebiet nachgewiesen werden konnte. Ediert wurden<br />

auch alle nur noch in Abschrift, im Druck, in Nachzeichnung oder auf Fotos überlieferten<br />

<strong>Inschriften</strong>, die heute verschollen oder ganz verloren sind. Vollständigkeit der Erfassung<br />

wurde angestrebt 4 , dürfte aber angesichts der erst ansatzweise aufgearbeiteten Archivalien<br />

der zahlreichen Kirchen, Klöster und Stifte des Bearbeitungsgebietes im kopialen Bereich<br />

nicht erreicht worden sein.<br />

Die Bearbeitung der <strong>Inschriften</strong> folgt den für das <strong>Inschriften</strong>unternehmen der deutschen<br />

Akademien der Wissenschaften und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften<br />

geltenden Richtlinien 5 . Da <strong>Inschriften</strong> in der Regel Unikate darstellen, werden<br />

reproduzierbare Texte – wie sie etwa auf Medaillen, Münzen, Siegeln bzw. auf Ofen- und<br />

Takenplatten zu finden sind – nicht berücksichtigt; zudem sind diese Quellen Gegenstand<br />

eigener Fachdisziplinen. Von der Edition ausgeschlossen bleiben nach wie vor auch Runen<br />

und (Haus-)Marken, Steinmetz-, Meister-, Goldschmiede- und Beschauzeichen sowie<br />

Monogramme und Einzelbuchstaben, sofern sie nicht in Verbindung mit einer Inschrift<br />

auftreten. Singuläre Jahreszahlen eines Standortes werden in der Regel in einer<br />

Sammelnummer zusammengefaßt und unter der frühesten Jahreszahl im Katalog<br />

eingeordnet.<br />

Die Reihenfolge der <strong>Inschriften</strong> im Katalogteil ist chronologisch bestimmt. Die einzelnen<br />

Artikel gliedern sich nach folgendem Schema.<br />

In der Mitte der Kopfzeile steht der heutige Standort der Inschrift, eventuell ergänzt<br />

durch die in runden Klammern gesetzte Angabe des (bzw. eines) früheren Standortes. Bei<br />

1 Stadt Boppard mit den Stadtteilen Bad Salzig, Buchenau, Buchholz, Herschwiesen mit Ortsteil Windhausen<br />

und Burg Schöneck, Hirzenach, Holzfeld, Oppenhausen mit Ortsteil Hübingen, Rheinbay, Udenhausen und<br />

Weiler mit Ortsteil Fleckertshöhe; Stadt Oberwesel mit den Stadtteilen Boppard (Weiler), Dellhofen,<br />

Engehöll, Langscheid und Urbar; Stadt St. Goar mit den Stadtteilen Biebernheim und Werlau.<br />

2 Während Boppard einigermaßen verschont blieb und sich in St. Goar – bis auf die Zerstörung der Festung<br />

Rheinfels – die Verluste in Grenzen hielten, waren in Oberwesel die durch die Truppen des französischen<br />

König Ludwigs XIV. verursachten Kriegsschäden erheblich: Die Schönburg wurde gesprengt, das<br />

Seitenschiff von St. Martin zerstört ebenso die Katharinen- und die Wernerkapelle, das städtische Hospital,<br />

Türme und Pforten der Stadtmauer, beide Rathäuser, zwei Adelshöfe und insgesamt 115 Bürgerhäuser; vgl.<br />

dazu Grebel, St. Goar 133 und Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 98, 445 und 723f. sowie im Überblick Euskirchen,<br />

Reformation 124ff.<br />

3 Vgl. dazu Wagner, Neugliederung pass. – Der neue Landkreis umfaßt hauptsächlich die Gemeinden der<br />

aufgelösten Landkreise Simmern und St. Goar (mit Ausnahme der Stadt Bacharach); Kreissitz wurde die<br />

Stadt Simmern.<br />

4 Davon ausgenommen ist die Aufnahme von Flurdenkmälern, insbesondere von Grenzsteinen, die aufgrund<br />

ihrer problematischen Standorte nur dann berücksichtigt werden konnten, wenn sie in situ angetroffen oder<br />

bereits in der Literatur behandelt worden waren.<br />

5 Bis zur geplanten Veröffentlichung kann eine maschinenschriftliche Ausfertigung in der Mainzer Arbeitsstelle<br />

eingesehen werden. Im Druck erschienen sind die etwas modifizierten Richtlinien für die 'Wiener Reihe'; vgl.<br />

dazu Koch, Bearbeitungs- und Editionsgrundsätze pass.<br />

12


verlorenen <strong>Inschriften</strong> wird der letzte bekannte Standort angegeben. Kirchen und Klöster<br />

sind in der Regel mit ihrer gegenwärtigen Bezeichnung benannt.<br />

1 Links in der Kopfzeile steht die fortlaufend gezählte Katalognummer.<br />

1# Ein lateinisches Kreuz signalisiert, daß die Inschrift nicht mehr vorhanden<br />

ist.<br />

1(#) Steht das Kreuz zwischen runden Klammern, weist dies entweder auf<br />

erhaltene und verlorene <strong>Inschriften</strong> innerhalb einer Katalognummer hin<br />

oder auf stark überarbeitete bzw. modern ausgeführte <strong>Inschriften</strong> auf<br />

originalen Trägern.<br />

1400 Am rechten Rand der Kopfzeile steht das Entstehungsjahr bzw. der<br />

erschlossene Entstehungszeitraum der Inschrift. Die Datierung ist in der<br />

Regel der Inschrift entnommen, falls nicht eindeutige Anzeichen auf<br />

frühere oder spätere Herstellung vorliegen. Todesdaten nach dem Trierer<br />

Stil werden umgerechnet 6 . Undatierte <strong>Inschriften</strong> werden am Ende des<br />

ermittelten Zeitraumes eingefügt. Bei einer zufälligen Wiederverwendung<br />

des <strong>Inschriften</strong>trägers werden die <strong>Inschriften</strong> getrennt und unter Verweis<br />

auf den Träger unter dem jeweiligen Entstehungsjahr eingeordnet, dagegen<br />

bei einer offensichtlich bewußt konzipierten Wiederverwendung – etwa im<br />

familiären Bereich – gemeinsam unter der ältesten Inschrift. Sind auf einem<br />

Träger zahlreiche eigenständige <strong>Inschriften</strong> aus verschiedenen<br />

Entstehungsjahren angebracht, werden entsprechend mehrere Datierungen –<br />

durch Komma getrennt – in die Kopfzeile gesetzt; die älteste Inschrift<br />

bestimmt dabei die Einordnung in den Katalog.<br />

1400? Unsichere Datierungen erhalten ein Fragezeichen.<br />

Der auf die Kopfzeile folgende Absatz nennt zunächst den <strong>Inschriften</strong>träger (bzw. die<br />

<strong>Inschriften</strong>art) und gibt möglichst präzise Informationen zu seinem Standort bzw. seiner<br />

Herkunft. Es folgt eine kurze Beschreibung des Trägers mit Bemerkungen zum Material,<br />

zur Anbringung und Herstellungstechnik der Inschrift und zum Erhaltungszustand. Mehrere<br />

eigenständige <strong>Inschriften</strong> innerhalb eines Trägers sind mit A, B, C (usw.) bezeichnet,<br />

mehrere eigenständige <strong>Inschriften</strong>träger innerhalb eines Standortes mit I, II, III (usw.).<br />

Außer bei der Blasonierung von Wappen erfolgt die Beschreibung immer vom Blickpunkt<br />

des Betrachters aus.<br />

Bei verlorenen <strong>Inschriften</strong> endet dieser Absatz mit der Nennung der für die<br />

Textwiedergabe maßgeblichen Quelle. Sonst folgen die Maßangaben des <strong>Inschriften</strong>trägers<br />

und der Buchstaben (in cm, gemessen an n/N) sowie die genaue Bezeichnung der Schriftart.<br />

Außerhalb des Satzspiegels steht die zugehörige Nummer der im Tafelteil wiedergegebenen<br />

Abbildung.<br />

Die Texte der <strong>Inschriften</strong> werden fortlaufend aufgeführt, dabei beidseitig eingerückt. Nur<br />

<strong>Inschriften</strong> in gebundener Sprache sind versweise abgesetzt. Bei der Wiedergabe der<br />

<strong>Inschriften</strong> werden folgende Zeichen verwendet:<br />

/ Ein Schrägstrich markiert das reale Zeilenende auf dem Träger, bei<br />

Grabplatten mit Umschrift die Ecken, bei Schriftbändern einen markanten<br />

Knick im Band.<br />

6 Da in der Erzdiözese Trier abweichend zu den anderen Bistümern des deutschen Sprachraums seit dem 12.<br />

Jahrhundert zunächst vereinzelt, dann regelmäßig ab den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts in Urkunden<br />

der Annunziationsstil mit Jahresbeginn 25. März verwendet wurde (vgl. dazu ausführlich Schmidt, Mos<br />

Treverensis pass. und Fuchs, Mos Treverensis 105ff.), wurden in der Regel alle zwischen<br />

Weihnachten/Neujahr und diesem Datum liegenden Todesdaten auf Grabplatten entsprechend umgerechnet<br />

(Nrr. 20, 28, 33, 92, 97, 163, 187, 207, 217). Da die Berechnung nach diesem Stil etwa seit dem 2. Viertel<br />

des 17. Jahrhunderts aus den Trierer Urkunden verschwindet, wurden die Todesdaten auf den Grabplatten des<br />

17. Jahrhunderts – mit einer Ausnahme (Nr. 368) – unverändert beibehalten. Offen bleibt, warum die<br />

Rechnung nach dem Trierer Stil auf den Grabplatten des Bearbeitungsgebiets nur einmal im Jahr 1548 (Nr.<br />

196) thematisiert wird.<br />

13


Ein doppelter Schrägstrich kennzeichnet den Übergang auf ein anderes<br />

<strong>Inschriften</strong>feld, innerhalb der Zeile die Unterbrechung der Schrift durch<br />

eine Darstellung.<br />

= Worttrennstriche am Zeilenende originaler <strong>Inschriften</strong> sind durch<br />

Doppelstrich wiedergegeben.<br />

() Abkürzungen werden unter Wegfall des Kürzungszeichens zwischen<br />

runden Klammern aufgelöst. Auch wenn die Kürzungszeichen aufgrund des<br />

schlechten Erhaltungszustandes der Inschrift nicht mehr zu erkennen sein<br />

sollten, werden dennoch runde Klammern verwendet. Bei Kürzungen ohne<br />

Kürzungszeichen wird ebenso verfahren und der Befund in der Regel<br />

vermerkt.<br />

[] Eckige Klammern kennzeichnen Textverlust, nicht mehr lesbare Stellen,<br />

Ergänzung aus nichtoriginaler Überlieferung sowie Zusätze des Bearbeiters.<br />

[...] Ist bei Textverlust eine Ergänzung nicht möglich, zeigen in eckige<br />

Klammern gesetzte Punkte in etwa den Umfang des verlorenen Teils an.<br />

[- - -] Ist die Länge einer Fehlstelle ungewiß, werden stets nur drei durch Spatien<br />

getrennte Bindestriche gesetzt.<br />

Bei der Entstehung der Inschrift absichtlich freigelassene Stellen – etwa für<br />

später nachzutragende Sterbedaten – sind mit spitzen Klammern kenntlich<br />

gemacht, die entweder Auslassungszeichen oder den tatsächlichen Nachtrag<br />

enthalten.<br />

NE Unter die Buchstaben gesetzte Bögen bezeichnen Nexus litterarum,<br />

Bogenverschmelzungen oder Ligaturen. Andere Formen von<br />

Buchstabenverbindungen (Enklaven, Verschränkungen) werden in den<br />

Anmerkungen erläutert.<br />

Bei erhaltenen <strong>Inschriften</strong> wird der erkennbare Buchstabenbestand wiedergegeben.<br />

Nichtoriginale <strong>Inschriften</strong> werden nur dann buchstabengetreu ediert, wenn der Quelle eine<br />

textgetreue Übernahme zuzutrauen ist. Andernfalls werden lateinische Texte normalisiert<br />

und die Eigennamen groß geschrieben. <strong>Deutsche</strong> Texte folgen der Vorlage. In beiden Fällen<br />

werden eventuell vorhandene Kürzungen nicht vermerkt.<br />

Im Anschluß an einen fremdsprachigen <strong>Inschriften</strong>text folgt in der Regel die<br />

Übersetzung, die Auflösung des Datums, die Angabe der Reimform oder des Versmaßes<br />

sowie die Nennung der am Träger befindlichen Wappen oder Marken. Bei Ahnenproben<br />

wird die Anordnung der Wappen durch Spaltendruck kenntlich gemacht. In der Literatur<br />

nicht nachweisbare, nicht identifizierte sowie zusammengesetzte Wappen werden beim<br />

ersten Vorkommen in den Anmerkungen blasoniert.<br />

Der anschließende Kommentarteil enthält Bemerkungen zum epigraphischen Befund, zu<br />

Sprache und Formular, zu den genannten Personen, zum historischen Hintergrund und<br />

gegebenenfalls zur kunsthistorischen Einordnung des Trägers. Die in der<br />

Schriftbeschreibung verwendeten Ausdrücke orientieren sich an der von den Mitarbeitern<br />

der Akademien erarbeiteten "Terminologie".<br />

Der Apparat gliedert sich in Buchstaben- und Ziffernanmerkungen. Die<br />

Buchstabenanmerkungen enthalten textkritische Angaben wie etwa Textvarianten,<br />

unsichere Lesarten, orthographische und paläographische Besonderheiten. Die<br />

Ziffernanmerkungen umfassen Zitat- und Literaturnachweise und geben ergänzende<br />

Erläuterungen zu Beschreibung und Kommentar.<br />

Das abschließende, chronologisch geordnete Literaturverzeichnis verzeichnet die<br />

erreichbaren ungedruckten und gedruckten Überlieferungen und Abbildungen der Inschrift<br />

auf.<br />

Am Ende des Katalogteils führt das Literaturverzeichnis die benützte, in den<br />

Katalognummern stets mit Kurztiteln zitierte Literatur auf. Das Register bereitet das<br />

<strong>Inschriften</strong>material nach verschiedensten Gesichtspunkten auf; die <strong>Inschriften</strong> sind dort<br />

14


nach der jeweiligen Katalognummer zitiert. Der Abbildungsteil, die Tafel der Marken und<br />

Steinmetzzeichen sowie die Karte des Bearbeitungsgebietes beschließen den<br />

<strong>Inschriften</strong>band.<br />

2. KURZER HISTORISCHER ÜBERBLICK 7<br />

Die linksrheinisch zwischen Bingen und Koblenz im oberen Mittelrheintal gelegenen Städte<br />

Boppard, Oberwesel und St. Goar mit den ihnen zugehörigen Orten weisen nicht nur<br />

naturräumliche, sondern in weiten Bereichen auch historische Gemeinsamkeiten auf. So<br />

lassen sich in den Seitentälern des Rheins – den tief in das Rheinische Schiefergebirge<br />

eingesenkten Tallandschaften – die ältesten, seit der vorrömischen Eisenzeit vermutlich von<br />

Fischern und Fährleuten dauerhaft besiedelten Plätze nachweisen. Da seit der Eroberung<br />

Galliens durch die Römer eine militärische Sicherung der am linken Rheinufer<br />

verlaufenden Fernstraße erforderlich war und sich in diesem Zusammenhang auch Römer<br />

im Rheintal niederließen, konnten durch sie Namen von Siedlungen offenbar keltischer<br />

Treverer überliefert werden – mit Sicherheit Bodobrica (Boppard) und Vosolvia<br />

(Oberwesel). Die topographisch zwar bekannten, aber noch nicht ergrabenen "villae<br />

rusticae" des Mittelrheintals, die frühen römischen Militär- und Zivilsiedlungen in Boppard<br />

und Oberwesel 8 , das Mitte des 4. Jahrhunderts in Boppard errichtete römische Steinkastell<br />

mit der dort durch frühchristliche Grabsteine (Nrr. 1-12, 6a) und eine frühmittelalterliche<br />

Kirche belegten gallo-romanischen bzw. fränkischen Gemeinde sowie die frühe<br />

klosterartige Ansiedlung des 6./7. Jahrhunderts in St. Goar zeugen von der zentralen<br />

Bedeutung dieser Gegend in spätantiker und frühmittelalterlicher Zeit.<br />

Ohne näher auf die komplizierten Fragen nach den Siedlungs-, Rechts- und<br />

Wirtschaftsstrukturen in nachrömischer Zeit eingehen zu wollen 9 , läßt sich zumindest<br />

soviel feststellen 10 , daß das Mittelrheingebiet in früh- und hochmittelalterlicher Zeit eine<br />

außerordentlich bedeutende Kernlandschaft des Reiches war, über die Könige und Kaiser<br />

jahrhundertelang als Kron- und Fiskalgut (Fiskus) verfügen konnten: Dies belegen auch die<br />

bis etwa Mitte des 12. Jahrhunderts – allerdings verhältnismäßig zurückhaltend – getätigten<br />

Schenkungen aus Reichsbesitz an Kirchen, Stifte und Klöster, an Adelige und<br />

Ministerialen. Nur nebenbei sei angemerkt, daß Kaiser Otto I. den Wirtschaftshof<br />

Oberwesel im Jahr 966 dem Benediktinerkloster und späteren Erzstift St. Mauritius in<br />

Magdeburg schenkte 11 und daß der Fiskus Boppard sowohl der Gemahlin Kaiser Ottos II.<br />

als auch später der Gemahlin Kaiser Heinrichs II. als Heiratsgut zugesprochen war.<br />

Während in und um St. Goar bereits seit dem 8. Jahrhundert die Benediktinerabtei Prüm in<br />

der Eifel und seit dem Ende des 11. Jahrhunderts die Herren und späteren Grafen von<br />

Katzenelnbogen die Herrschaft ausübten (vgl. Nrr. 26, 40), faßten die Staufer Boppard und<br />

Oberwesel als eigenständig agierende Reichsstädte (vgl. Nrr. 13, 14) zu einer Prokuration<br />

7 Vgl. zum Folgenden die viele Einzelaspekte behandelnden Beiträge in dem von F.-J. Heyen 1966 hg.<br />

Sammelband 'Der Kreis St. Goar', die fundierten Einleitungen zu den 1988 und 1997 publizierten<br />

Kunstdenkmalinventarbänden Boppard und Oberwesel sowie die beiden umfangreichen Bände 'Das Rheintal<br />

von Bingen und Rüdesheim bis Koblenz', die im Vorfeld der Aufnahme des Mittelrheintals im Sommer 2002<br />

in die Liste des Weltkultur- und Naturerbes der UNESCO erarbeitet worden sind. – Vgl. zu diesem Vorgang<br />

Schüler-Beigang, Mittelrheintal pass.<br />

8 Vgl. dazu Heinzelmann, Vosolvia pass.<br />

9 Vgl. dazu ausführlich Volk, Wirtschaft und Gesellschaft pass.<br />

10 Vgl. zum Folgenden Heyen, Reich pass., ders. Reichsgut pass. und zur räumlichen Ausdehnung<br />

Heinzelmann, Trigorium 57f. mit Karte S. 53.<br />

11 Hauptgrund dürfte die Versorgung des Klosters mit Rheinwein gewesen sein; vgl. Heinzelmann, Magdeburg<br />

am Rhein 8ff.<br />

15


zusammen und versuchten durch den Rückerwerb früherer Schenkungen oder veräußerter<br />

Rechte das Gebiet als nördlichen Eckpunkt ihres Reichsgutkomplexes im Rhein-Main-<br />

Gebiet zu etablieren.<br />

Mit dem Ende der Staufer begann auch der Niedergang der reichsstädtischen Freiheiten:<br />

Während sich Rudolf von Habsburg noch mit der Verpfändung verschiedener Einzelrechte<br />

beider Städte begnügte, verfügte der 1309 neugewählte König Heinrich VII. die Einsetzung<br />

seines Bruders Balduin, Kurfürst und Erzbischof von Trier, als Vogt und Gubernator der<br />

Städte Boppard und Oberwesel und verpfändete ihm schließlich – rechtlich umstritten –<br />

beide Städte für 12000 Mark Heller. Mit der Erhöhung der Pfandsumme auf 26000 Mark<br />

Heller im Jahr 1314 durch dessen Nachfolger König Ludwig den Bayern war eine bis dahin<br />

immer noch mögliche Rückkehr zu reichsstädtischen Verhältnissen faktisch<br />

ausgeschlossen; Boppard und Oberwesel verloren ihren besonderen Status und wurden<br />

letztlich – trotz des Widerstandes ihrer Bürger (vgl. Nrr. 25, 27) – zu kurtrierischen<br />

Amtsstädten. Mit dem verlorenen (Ober-)Weseler Krieg von 1390/91 und dem Scheitern<br />

des letzten großen Aufbegehrens Bopparder Bürger und Adeliger gegen diese Verhältnisse<br />

im Bopparder Krieg von 1497 12 (vgl. Nrr. 117, 118) verblieb das katholische Kurtrier in<br />

beiden Städten bis zum Ende des Alten Reiches die bestimmende Macht. Die durch<br />

zahlreiche Klosterhöfe, Adelshöfe und Bürgerhäuser geprägte urbane Struktur in Boppard<br />

und Oberwesel spiegelt sich – inschriftlich gesehen – fast ausschließlich in Jahreszahlen<br />

(vgl. Nrr. 82, 199, 210, 274, 279, 338 sowie die Sammelnrr. 112 und 202), die Errichtung<br />

oder Umbau dieser Häuser dokumentieren. In beiden Städten haben frühe herausragende<br />

Einzelereignisse spätere inschriftliche Spuren hinterlassen: so etwa die Auffindung<br />

vermeintlicher Märtyrergräber im Jahre 1280 in Boppard (Nr. 160) oder die mutmaßliche<br />

rituelle Ermordung des Knaben Werner von Oberwesel durch Juden im Jahre 1287 (Nr.<br />

218).<br />

Dagegen nahm die Geschichte des mittlerweile katzenelnbogisch gewordenen St. Goar<br />

mit dem Ausbau der 1245 errichteten Burg Rheinfels zur (zeitweiligen) Residenz der<br />

reichsweit bedeutenden Grafen von Katzenelnbogen eine andere Richtung. Mit dem 1479<br />

erfolgten Tod des in vielerlei Hinsicht herausragenden Grafen Philipp des Älteren starb das<br />

territorial- wie reichspolitisch höchst erfolgreiche Geschlecht im Mannesstamm aus, und<br />

der umfangreiche Besitz ging über die Ehe dessen einzig überlebender Tochter Anna mit<br />

Heinrich III. an die Landgrafen von Hessen (vgl. Nr. 114). Da diese unter Landgraf Philipp<br />

dem Großmütigen in ihren Ländern früh für die Einführung der Reformation sorgten, kam<br />

es bereits Ende 1527 zur Visitation der nun hessischen Niedergrafschaft Katzenelnbogen<br />

und am 1. Januar 1528 zur ersten evangelischen Predigt in der Stiftskirche zu St. Goar.<br />

Aufgrund der wechselnden Besitzverhältnisse innerhalb der verschiedenen Linien der<br />

Landgrafen von Hessen, unter denen Landgraf Philipp der Jüngere von Hessen-Rheinfels<br />

(vgl. Nr. 261) in der 2. Hälfte des 16. und der zum katholischen Glauben konvertierte<br />

Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels-Rotenburg (vgl. Nrr. 419, 421, 446) in der 2. Hälfte<br />

des 17. Jahrhunderts St. Goar mit Schloß Rheinfels zu ihrer Residenz bestimmten, blieb die<br />

Stadt bis zum Ende des Alten Reiches stets hessisch und überwiegend evangelisch.<br />

Nachdem im Jahr 1794 die französischen Revolutionstruppen das Rheintal eingenommen<br />

hatten, geriet das Gebiet zwischen Mosel und Rhein unter vorläufige französische<br />

Verwaltung, die sich durch die endgültige Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich<br />

im Jahr 1801 und der Einrichtung des Département de Rhin-et-Moselle mit Sitz in Koblenz<br />

für längere Zeit etablieren konnte. Da in den 1815 verabschiedeten Beschlüssen des Wiener<br />

Kongresses die Abtrennung der Rheinlande von Frankreich beschlossen und die Gebiete<br />

zwischen Rhein, Mosel und Nahe dem Königreich Preußen zugeschlagen worden waren,<br />

kam es 1816 auch in der späteren preußischen Rheinprovinz zur Bildung von<br />

Regierungsbezirken und Landkreisen, wobei Boppard, Oberwesel und St. Goar mit den<br />

12 Vgl. dazu ausführlich Volk, Bopparder Krieg pass.<br />

16


ihnen zugehörigen Gemeinden und zusammen mit Bacharach den neuen Landkreis St. Goar<br />

mit Kreissitz in St. Goar bildeten. 1968 entstand aus großen Teilen der aufgelösten Kreise<br />

St. Goar und Simmern im Hunsrück der heutige Rhein-Hunsrück-Kreis.<br />

2.1 Beschreibung und Geschichte der wichtigsten Standorte<br />

Die folgenden Kapitel dienen lediglich als Überblick über die oft kompliziert verlaufene<br />

Geschichte der einzelnen Standorte und sollen in erster Linie deren Zusammenhang mit den<br />

im Katalogteil edierten <strong>Inschriften</strong> veranschaulichen.<br />

2.1.1 Boppard, katholische Pfarrkirche St. Severus 13<br />

Die heutige katholische Pfarrkirche und ehemalige Stiftskirche wurde im 12. und 13.<br />

Jahrhundert als dreischiffige Emporenbasilika mit zwei flankierenden Chortürmen neu<br />

erbaut; an gleicher Stelle im Bereich des spätrömischen Kastells konnten in den sechziger<br />

Jahren des 20. Jahrhunderts mindestens zwei, vielleicht auch drei Vorgängerkirchen<br />

archäologisch nachgewiesen werden: ein frühmittelalterlicher Rechteckbau mit<br />

eingezogener Apsis, der in karolingischer Zeit zumindest eine Umgestaltung erfuhr, und<br />

eine ottonische Saalkirche. Vermutlich sind sechs bzw. sieben frühchristliche Grabsteine<br />

(Nrr. 1-6a) mit einem noch früheren, bisher unbekannten Sakralbau, die restlichen sechs<br />

fränkischen Grabsteine (Nrr. 7-12) mit der ergrabenen ersten Kirche in Verbindung zu<br />

bringen 14 . Der ottonische Bau wird zunächst in einer 975 ausgestellten Schenkungsurkunde<br />

Kaiser Ottos II. als Petruskirche erwähnt, als (Kollegiat-)Stift erst im Jahr 1000. Im Jahr<br />

1179 ist erstmals Severus als Mitpatron bezeugt, der sich dann bis spätestens 1225 als<br />

Hauptpatron durchgesetzt haben dürfte. Die Stiftsgeistlichkeit bestand seit dem Ende des<br />

12. Jahrhunderts aus einem Propst (zeitweise einem Kustos) und fünf Kanonikern, die zu<br />

Residenz, täglichem Chordienst, aber auch zur Seelsorge in dem ausgedehnten Bopparder<br />

Großpfarrbezirk zu beiden Seiten des Rheins verpflichtet waren. Folglich lag auch das<br />

Begräbnisrecht für Boppard grundsätzlich bei St. Severus.<br />

Von der frühen Ausstattung der wohl 1237 neu geweihten Kirche haben sich Teile eines<br />

Reliefs mit der Darstellung der Geburt Christi (Nr. 15), das Triumphkreuz (mit wesentlich<br />

später hinzugefügter Inschrift; vgl. Nr. 143) und die Severus-Glocke von 1249 (Nr. 17)<br />

erhalten, dazu – allerdings nur in Überlieferung – wenige Reste einer Inschrift von den<br />

ehemals großflächigen Wandmalereien mit der Vita des hl. Severus (Nr. 16). Inschriftliche<br />

Reflexe der seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts nachweisbaren Zugehörigkeit der<br />

Bopparder Propstei zum Stift St. Martin in Worms zeigen sich durch die vor 1379 erfolgte<br />

Stiftung eines Kelches durch den für Boppard zuständigen Wormser Propst und<br />

Kardinalbischof Johannes (Nr. 51) für die sechs Kanoniker sowie durch eine verlorene<br />

Gedenkinschrift an dem ehemaligen Propsteigebäude (Nr. 94); inwieweit die beiden 1379<br />

für St. Severus gegossenen Glocken (Nrr. 49, 50) mit dieser Kelchstiftung<br />

zusammenhängen, bleibt allerdings offen. Im Jahr 1437 stiftet ein bürgerliches Ehepaar eine<br />

Ölberggruppe (Nr. 69) für den angrenzenden Friedhof und zwei Jahre später wird die<br />

Kirche mit einer zusätzlichen Glocke (Nr. 70) ausgestattet; zudem dürfte sie im Verlauf des<br />

15. Jahrhunderts mit kleineren Wandmalereien (Nr. 127) geschmückt worden sein. Gegen<br />

Ende des Jahrhunderts erhält die Kirche einen weiteren kostbaren Kelch (Nr. 142; vgl. auch<br />

Nr. 266) und hll. Ölgefäße (Nr. 146) sowie eine Kreuzigungsgruppe (Nr. 161) für den<br />

Pfarrfriedhof. Die einzige bekannte Bauzahl (Nr. 375) für St. Severus bezieht sich wohl auf<br />

eine Renovierungsmaßnahme Mitte des 17. Jahrhunderts. Jüngst in Privatbesitz<br />

13 Vgl. zum Folgenden Pauly, Stifte 1ff. und Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 195ff.<br />

14 Vgl. dazu ausführlich unten Kap. 4.1.1.<br />

17


nachgewiesene silberne Beschläge eines 1662 erworbenen Missales (Nr. 403) geben einen<br />

kleinen Eindruck von den nahezu vollständig verlorenen liturgischen Schriften des Stiftes.<br />

Der ehemalige Hochaltar der Kirche (vgl. Nr. 422) befindet sich heute in der Bopparder<br />

Karmeliterkirche. Die Inkorporation der Propstei St. Martin in Worms – und damit auch der<br />

Bopparder Propstei – in die Tafelgüter des Erzstiftes Trier im Jahr 1521 blieb ebenso wie<br />

die zu Beginn des 17. Jahrhunderts erfolgte faktische Umwandlung des Stiftes in eine<br />

Pfarrei ohne inschriftliche Resonanz.<br />

Auffallenderweise haben sich – bis auf ein Fragment der Grabplatte eines unbekannten<br />

Geistlichen des 17. Jahrhunderts (Nr. 457) – mittelalterliche und frühneuzeitliche<br />

Grabdenkmäler der Stiftsgeistlichkeit, die sich im Laufe des 14. Jahrhunderts durch Vikare<br />

ergänzte und im 17. Jahrhundert aus Präbendaten, Dezimatoren und Pfarrern bestand, nicht<br />

erhalten. Möglicherweise stammt eine im ehemaligen Schaafschen Haus verbaute<br />

Grabplatte des 14. Jahrhunderts (Nr. 59) aus St. Severus. Erst ab der Mitte des 16.<br />

Jahrhunderts lassen sich einige wenige, heute noch in St. Severus befindliche<br />

Grabdenkmäler Bopparder Bürger nachweisen 15 . Abgesehen von der nur abschriftlich<br />

überlieferten Inschrift für den humanistisch geprägten, 1547 verstorbenen Zollschreiber und<br />

Amtmann Christoph Eschenfelder (Nr. 194) haben sich nur noch fragmentarische<br />

Grabplatten für Maria Fenger (Nr. 221), für eine weitere Bopparder Bürgerin (Nr. 297) und<br />

zwei unbekannte Bopparder Schöffen (Nrr. 314, 355) erhalten. Lediglich zwei qualitätvoll<br />

gearbeitete Denkmäler für Angehörige Bopparder Ratsfamilien – ein Epitaph (Nr. 316)<br />

bzw. ein Andachtsbild (Nr. 332) – geben noch einen kleinen Eindruck von der sepulkralen<br />

Ausstattung der Kirche in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.<br />

Der Grund für diesen erstaunlichen Mangel liegt in der unter der Leitung des<br />

Kreisbaumeisters Stratmann durchgeführten, schon von einigen Zeitgenossen als mißlungen<br />

empfundenen "Wiederherstellung" 16 der seit 1804 als katholische Pfarrkirche genutzten<br />

Kirche in den Jahren 1840 und 1841, die auch zur Entfernung zahlreicher, damals<br />

offensichtlich noch im Boden der Kirche liegenden Grabplatten führte. Möglicherweise<br />

erfolgte bei dieser Gelegenheit die auffällige Durchnumerierung der Grabplatten mit auf<br />

dem Kopf stehenden Zahlen 17 . Die ausgebauten Grabplatten wurden zunächst neben der<br />

Kirche gelagert, dann 1851 auf den damals neuen, heute sogenannten Alten Friedhof (und<br />

späteren Sportplatz) verlegt und schließlich "auf der Terrasse neben dem Leichenhause<br />

aufgestellt" 18 . Dort verblieben sie bis ins Jahr 1931, als sie im Zuge der Neugestaltung des<br />

Städtischen Museums im Hof der Kurfürstlichen Burg an dessen vier Wänden angebracht<br />

wurden 19 . Ob es sich bei den damals bewegten "etwa ein Dutzend mächtiger<br />

Steinepitaphien" 20 um den gesamten noch vorhandenen Bestand gehandelt hat, muß<br />

bezweifelt werden 21 . Die Grabplatten dürften dann bei den Baumaßnahmen der siebziger<br />

15 Zu den zahlreichen nach außerhalb verbrachten Grabplatten siehe weiter unten.<br />

16 So Schubert, Regierung 205f. – Vgl. dagegen eher positiv referierend Rhein. Antiquarius II 5, 483ff.<br />

17 Insgesamt konnten bislang 15 mit Ziffern markierte Grabplatten aus St. Severus ausfindig gemacht werden,<br />

dabei ist die niederste Zahl die 3 (Nr. 348), die höchste die 58 (Nr. 254). Allerdings sind diese<br />

Beobachtungen nur hinsichtlich der Gesamtzahl einigermaßen aussagefähig, da einige Fragmente und die<br />

ebenfalls mit Ziffern gekennzeichneten Grabplatten der Zeit nach 1689 nicht berücksichtigt werden konnten.<br />

Zudem gibt es vereinzelt auch Grabplatten mit doppelter Markierung (Nr. 365) bzw. ohne Markierung (Nrr.<br />

230, 280, 319).<br />

18 Vgl. dazu Rhein. Antiquarius II 5, 489f. sowie 477 (Zitat) mit Hinweis auf "einen Stein von der damals gewiß<br />

achtbaren und vornehmen Familie Adenau herrührend" (ebd.), bei dem es sich um die noch erhaltene<br />

Grabplatte des Johann von Adenau (Nr. 351) gehandelt haben dürfte.<br />

19 Vgl. dazu und zum Folgenden Schüller, Heimatmuseum pass. – Nicht nachvollziehbar ist die auf<br />

Kubach/Verbeek fußende Angabe bei Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 422, die Grabplatten im Burghof seien erst<br />

1860 aus der Kirche entfernt und an die Mauer des damals neuen Friedhofs versetzt worden.<br />

20 So Schüller, Heimatmuseum 26.<br />

21 So ist etwa die bei Rhein. Antiquarius II 5, 477 erwähnte Grabplatte einer Familie Philips nicht mehr<br />

nachweisbar.<br />

18


Jahre des 20. Jahrhunderts 22 wiederum versetzt und nun zusammen mit einigen<br />

zwischenzeitlich entdeckten Stücken in der heutigen Anordnung aufgestellt worden sein.<br />

Zusammen mit den inzwischen neu aufgefundenen Fragmenten handelt es sich dabei um<br />

knapp zwanzig im Original erhaltene Grabplatten mit meist figürlichen Darstellungen<br />

Bopparder Bürger und ihrer Angehöriger (Nrr. 238, 254, 280, 319, 321, 335, 349 u.ö.),<br />

städtischer Amtsinhaber wie Rats- und Gerichtsschöffen (Nrr. 228, 253, 312, 328, 348, 351)<br />

und kurfürstlich-trierischer Amtspersonen wie etwa Zollschreiber (Nrr. 230, 251).<br />

Aufgrund dieses Befundes kann kein Zweifel daran bestehen, daß sich die in St. Severus in<br />

zahlreichen Bruderschaften organisierte Bopparder Bürgerschaft zumindest im 16. und 17.<br />

Jahrhundert auch dort bevorzugt begraben ließ. Da gegenwärtig intensiv über eine neue<br />

Nutzung der Kurfürstlichen Burg nachgedacht wird, sollte das weitere Schicksal dieser für<br />

die Bopparder Stadtgeschichte wichtigen, in ungewöhnlich dichter Reihe erhaltenen<br />

bürgerlichen Grabplatten besonders aufmerksam verfolgt werden.<br />

2.1.2 Boppard, ehemaliges Benediktinerinnen-Kloster Marienberg 23<br />

Die im März 1738 weitgehend abgebrannte, aber in den folgenden Jahren in barocken<br />

Formen wieder aufgebaute Klosteranlage 24 liegt südöstlich im Hang oberhalb der<br />

mittelalterlichen Stadtmauer Boppards. Sie bestand im Kern aus einem vierflügeligen<br />

Komplex mit einer im Norden gelegenen einschiffigen Kirche mit fünfseitigem Chorschluß<br />

und daran nördlich anschließender St.-Anna-Kapelle 25 . Neuesten Untersuchungen 26<br />

zufolge handelt es sich bei dem bislang als 'Gründungsurkunde' des Klosters betrachteten<br />

undatierten Diplom Heinrichs V., das in den Jahren 1122-1125 entstanden sein soll, zwar<br />

um eine Fälschung, jedoch um eine mit historischem Kern: Kaiser Heinrich bestätigt das<br />

von Bopparder Bürgern an der Stelle einer Marienkapelle gestiftete Kloster und unterstellt<br />

es der Abtei St. Eucharius (St. Matthias) bei Trier. Die bereits 1147 als im Besitz dieses<br />

Klosters befindlich erwähnte "cella", die erstmals 1212 mit Sicherheit als Frauenkloster<br />

bezeichnet wird, wurde sowohl von Bopparder Bürgern, den dort ansässigen Ministerialen<br />

als auch von dem rheinischen Hochadel materiell wie finanziell reich beschenkt 27 . Ebenso<br />

verfuhren die deutschen Kaiser und Könige, die in ihren Urkunden stets die hervorgehobene<br />

reichsunmittelbare Stellung des Klosters betonten: Marienberg sollte bei einer etwaigen<br />

Verlehnung oder Verpfändung der Stadt Boppard stets Reichskloster bleiben. Die späteren<br />

Auseinandersetzungen zwischen dem Erzbischof von Trier und dem Abt von St. Matthias<br />

um den bestimmenden Einfluß auf das Kloster ist inschriftlich ohne erkennbare Resonanz<br />

geblieben.<br />

Wenn auch bereits in den Jahren 1225 und 1262 erste Begräbnisse von Adeligen erwähnt<br />

werden, setzt die inschriftliche Überlieferung von Grabdenkmälern erst zu Beginn des 14.<br />

Jahrhunderts mit zwei verschollenen <strong>Inschriften</strong> für den 1303 verstorbenen, sonst nicht<br />

bezeugten Klostergeistlichen und Beichtvater Gerlach (Nrr. 20, 21) ein: wohl ein Zeugnis<br />

für die seelsorgerische Tätigkeit des für Marienberg zuständigen Trierer Benediktiner-<br />

Klosters St. Matthias. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts sind weitere Grabdenkmäler von<br />

Personen überliefert, die dem Kloster entweder als Klostergeistliche dienten – wie Petrus<br />

Fankell (Nr. 417), Adolf Stuedger (Nr. 436) und Maternus Kutthaeus (Nr. 441), oder die als<br />

22 Vgl. dazu den Hinweis bei Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 405.<br />

23 Vgl. zum Folgenden Rupp, Beiträge pass., Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 270–296 und Jaeschke, Marienberg<br />

pass.<br />

24 Vgl. dazu Antiquarius II 5, 308–314.<br />

25 Vgl. dazu die zeichnerische Darstellung des Klosters vor dem Brand bei d'Hame, Confluvium I 2, nach S.<br />

816.<br />

26 Vgl. zum Folgenden Jaeschke, Marienberg 79f.<br />

27 Vgl. dazu im Überblick, Nick, Regesten pass.<br />

19


Keller oder Schaffner fungierten – wie Anton Roisbach (Nr. 285; vgl. auch Nr. 256) und<br />

Petrus Gras (Nrr. 406, 407).<br />

Die älteste erhaltene Grabplatte gehört einer offensichtlich hochrangigen, 1336<br />

verstorbenen Adeligen (Nr. 28), deren Identität nicht befriedigend geklärt werden konnte.<br />

Mit der vor 1355 hergestellten figürlichen Grabplatte für den Ritter Heinrich (gen. der Alte)<br />

Beyer von Boppard (Nr. 43) tritt bereits eine der führenden adeligen Bopparder Familien<br />

ins Licht, die sich Kloster Marienberg zur Grablege ihres Geschlechts erwählt hatte.<br />

Großzügig bedacht wurde das Kloster sowohl von dessen 1376 verstorbenem Enkel<br />

Heinrich (dem Jungen) Beyer von Boppard und seiner 1399 verstorbenen Frau Lisa von<br />

Pyrmont (Nr. 56) sowie deren gemeinsamen Sohn Conrad und seiner Frau Merga von<br />

Parroye (Nr. 65). Obwohl sich die Nachkommen dieses Ehepaars bereits dauerhaft in<br />

Lothringen niedergelassen hatten, wurden im Kloster Marienberg weiterhin Mitglieder der<br />

Großfamilie begraben (Nrr. 67, 92), die – wie Maria Beyer von Boppard (Nr. 200) –<br />

gelegentlich auch als Nonnen nachweisbar sind. Sogar der 1598 bei der gewaltsamen<br />

Einnahme von Budapest ums Leben gekommene Georg Freiherr Beyer von Boppard, der<br />

letzte männliche Vertreter seines Geschlechts, erhielt in der Begräbniskirche seiner<br />

Vorfahren mit einem Epitaphaltar ein aufwendiges Grabdenkmal (Nr. 258).<br />

Weitere Grabinschriften für männliche adelige Laien sind nicht bekannt, dagegen eine<br />

Reihe von Grabdenkmälern für weibliche Laien wie Gertrud Spay (Nr. 303), die als<br />

praebendaria im Kloster lebte, oder wie Amalia Troscana aus Simmern (Nr. 224),<br />

Margarethe Bornhof(en) (Nr. 302), Maria Martha von Büchel (Nr. 342) und Felicitas von<br />

Breitbach (Nr. 353), deren Funktion bzw. deren Beziehung zum Kloster allerdings nicht<br />

immer klar ersichtlich ist – vielleicht handelte es sich bei ihnen um Mitglieder der sonst<br />

schwer faßbaren Gruppe der Laienschwestern.<br />

Die lange Reihe der zum Teil erhaltenen, zum Teil von dem Marienberger Keller Konrad<br />

d'Hame 28 im 18. Jahrhundert abschriftlich bzw. in Nachzeichnung überlieferten<br />

Grabdenkmäler der Nonnen setzt erst im 15. Jahrhundert mit der Grabplatte der 1469<br />

verstorbenen magistra Isengart von Greiffenclau zu Vollrads (Nr. 87) ein, die nach der von<br />

ihr 1437 mit durchgeführten Klosterreform den Titel ‘abbatissa‘ führen durfte. Dagegen<br />

verbessert sich die Überlieferung im 16. und 17. Jahrhundert erheblich: Bekannt sind die<br />

<strong>Inschriften</strong> für die Äbtissinnen Anna Apollonia Kämmerer von Worms gen. von Dalberg<br />

(Nr. 176), Amalia Zandt von Merl (Nr. 340), Maria Margaretha Zandt von Merl (Nr. 390)<br />

und Eva von Greiffenclau zu Vollrads (Nr. 449), für die Priorinnen Guda Kämmerer von<br />

Worms gen. von Dalberg (Nr. 164), Veronika Neuer von Montabaur (Nr. 292), Eva<br />

Margaretha von der Leyen (Nr. 415), für die Kellerinnen Anna Apollonia von Büchel (Nr.<br />

357) und Catharina Elisabetha von Greiffenclau zu Vollrads (Nr. 399), für die<br />

Sangmeisterinnen Amelia von der Leyen (Nr. 377) und Eva Cordula von der Leyen (Nr.<br />

435), sowie für die Nonnen Anna, Johanna und Margaretha aus der Familie der Herzöge<br />

von Pfalz-Zweibrücken (Nrr. 167, 170, 175), Odilia und Maria aus der Familie der Herzöge<br />

von Pfalz-Simmern (Nrr. 201, 223), Gertrud Kämmerer von Worms gen. von Dalberg (Nr.<br />

168), Maria Barbara Wentz von Niederlahnstein (Nr. 200), Anna von Disteling (Nrr. 298,<br />

299), Magdalena, Maria Elisabetha und Maria Regina aus der Familie der Greiffenclau zu<br />

Vollrads (Nrr. 301, 405, 445), Anna von Blanckard (Nr. 336), Gertrud von der Fels (Nr.<br />

347) und Maria Magdalena von Frankenstein (Nr. 437). Unklar bleibt, wie die abschriftlich<br />

überlieferte Inschrift einer sonst nicht nachweisbaren, als religiosa virgo bezeichneten<br />

Rheingräfin Beatrix (Nr. 291) zu werten ist.<br />

Obwohl die Zahl der erhaltenen wie überlieferten, sich auf die Konventualinnen<br />

beziehenden <strong>Inschriften</strong> hoch erscheint, muß dennoch bedacht werden, daß sich zur<br />

Blütezeit des Klosters in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis zu 150 Chor- und<br />

Laienschwestern gleichzeitig in ihm aufhielten. Aus den oben angeführten Grabinschriften<br />

28 Vgl. zu ihm unten Kap. 3.<br />

20


und den sonst bekannten Personallisten geht klar hervor, daß das Kloster in der Hauptsache<br />

zur Versorgung der ledigen Töchter und gelegentlich wohl auch der Witwen des<br />

rheinischen Adels diente. Der Begräbnisplatz für alle Schwestern befand sich ursprünglich<br />

innerhalb des Kreuzgangs. Wegen Überbelegung durften ab 1475 dort nur noch die<br />

Chorschwestern begraben werden, den Laienschwestern wurde eine offene Stelle im<br />

Kreuzgarten – das sogenannte Nonnengras – zugewiesen. Als im Verlauf des späten 16.<br />

Jahrhunderts die Zahl der Chorschwestern erheblich abnahm, wurden sie spätestens ab 1624<br />

in der Klosterkirche 29 , die Laienschwestern dagegen wieder im Kreuzgang beigesetzt.<br />

Unverändert blieb der Begräbnisplatz für die "Dienstleute" des Klosters; sie wurden "von<br />

jeher bis in die letzte Zeit" auf dem "Gottesacker vor der ursprünglichen Kirchenthüre"<br />

begraben 30 .<br />

Von der mit <strong>Inschriften</strong> versehenen Ausstattung des Klosters im Berichtszeitraum ist –<br />

abgesehen von den Grabdenkmälern – nichts erhalten geblieben: Verschollen sind der 1493<br />

von dem Trierer Erzbischof Johann II. von Baden konsekrierte Tragaltar (Nr. 113), das<br />

1538 von Graf Reinhard I. zu Leiningen-Westerburg gestiftete Kreuzreliquiar (Nr. 190), der<br />

1617 von der Äbtissin Amalia Zandt von Merl aufwendig erneuerte Kreuzaltar (Nr. 324)<br />

sowie der 1666 von zwei Nonnen aus der Familie von der Leyen errichtete Marienaltar (Nr.<br />

412) und schließlich alle zwölf um 1665 gestifteten Glasfenster der nach dem 30jährigen<br />

Krieg restaurierten Klosterkirche mit ihren zahlreichen Stifterinschriften, Wappen und<br />

figürlichen Darstellungen (Nr. 410).<br />

Kloster Marienberg 31 wurde 1802 aufgehoben und an einen Fabrikanten verkauft, der die<br />

Kirche umgehend abreißen und in der verbliebenen Anlage eine Baumwollspinnerei und<br />

eine Strumpfweberei betreiben ließ. Diesen Maßnahmen dürften wohl die meisten der von<br />

d'Hame überlieferten Grabdenkmäler zum Opfer gefallen sein 32 . 1824 wurde eine<br />

christliche Erziehungsanstalt in den Räumen des ehemaligen Klosters eingerichtet, die ab<br />

1838 zu einer später weithin bekannten Kaltwasserkuranstalt umgebaut wurde. Vermutlich<br />

zur Unterhaltung der Kurgäste dürften in dieser Zeit einige der erhalten gebliebenen<br />

Grabdenkmäler im Bereich des ehemaligen Kreuzgangs aufgestellt worden sein. Zumindest<br />

wurden wohl damals die drei oben erwähnten figürlichen Grabplatten der Beyer von<br />

Boppard (Nrr. 43, 56, 65) aus dem ehemaligen Kapitelsaal geholt und an der Wand der<br />

südlichen Vorhalle des Kreuzgangs befestigt. Dort scheinen sie die Aufmerksamkeit des<br />

Wiesbadener Kunstagenten Louis Reinhard erregt zu haben 33 , der sie am 5. Januar 1914<br />

dem damaligen Kaiser-Friedrich Museum zu Berlin für "20,000 Mark mit Provision" 34 zum<br />

Kauf anbot. Nach einigen Verhandlungen, bei denen es hauptsächlich um die<br />

Provisionsforderungen des Agenten ging, machte Emil Emmel, der damalige Direktor des<br />

Kurhauses, dem Berliner Museum ein Verkaufsangebot von 15000 Mark 35 , nicht ohne<br />

darauf hinzuweisen, daß das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg sowie ein<br />

ungenannter Antiquar ebenfalls stark an den drei Steinen interessiert seien. Nachdem das<br />

29 Anläßlich der Schließung der Arkaden des Kreuzgangs im Jahr 1736 wurde dort eine heute noch vorhandene<br />

Erinnerungstafel angebracht, die Namen und Todesdaten von zwölf von 1519 bis 1624 dort begrabenen<br />

Klosterschwestern enthält; vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 289 mit Abb. 180.<br />

30 So Rhein. Antiquarius II 5, 342.<br />

31 Vgl. zum Folgenden ausführlich Rhein. Antiquarius II 5, 365ff. und zusammenfassend Hoestermann,<br />

Marienberg 26ff.<br />

32 Zwei der verschollenen Grabplatten konnten in Boppard wiederaufgefunden werden (vgl. Nrr. 377 und 437),<br />

gleiches gilt für die in der Vorhalle des Klosters aufgestellte Grabplatte der 1780 verstorbenen Äbtissin Maria<br />

Philippina von Lobenthal; vgl. dazu Bopparder Zeitung 7 (1900) (freundlicher Hinweis von Herrn Viktor<br />

Knoll, Boppard) und Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 284 mit Abb. 179.<br />

33 Der hier nur kurz skizzierte, in seinen Einzelheiten bislang unbeachtete Vorgang läßt sich aus den Beständen<br />

des Zentralarchivs der Staatlichen Museen Berlin nahezu lückenlos rekonstruieren. – Meiner Kollegin Frau<br />

Dr. Luise Hallof, Berlin-Wilhelmsruh, danke ich herzlich für die sorgfältige mühevolle Transkription der im<br />

Folgenden ausgewerteten Archivalien.<br />

34 Acta F 55/1914.<br />

35 Acta F 451/1914.<br />

21


Berliner Museum das Angebot zu diesem Preis akzeptiert hatte 36 , wurden die drei<br />

Grabplatten vom 16. bis 20. April 1914 ausgebaut, am 21. April mit der Bahn nach Berlin<br />

transportiert 37 (unter AE 363-365 im Inventar der Ausstattungsstücke eingetragen) und erst<br />

einmal im Magazin untergebracht. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges dürfte die geplante<br />

Verwendung der Grabplatten als Ausstellungsobjekte verhindert haben 38 . In Boppard gab<br />

es unterdessen unerwarteten Ärger. Noch während der Ausbaumaßnahmen war die<br />

weitgehend geheimgehaltene Aktion in der Stadt bekannt geworden und in der Bevölkerung<br />

entstand ein "großer Jam[m]er darüber, daß diese für die Geschichte Boppards so<br />

interessanten Steine (...) wegkämen" 39 . Bereits am 18. April hatte die Bopparder Zeitung<br />

von diesem Vorgang berichtet und am 20. April den Verkauf als "schreiende Verletzung der<br />

Bestrebungen für Heimatschutz" 40 gebrandmarkt, auch mit dem Hinweis, daß dieser<br />

Vorgang den gerade laufenden Planungen für ein städtisches Museum vehement<br />

entgegenstände. Dieser großes Aufsehen erregende, von der Kölnischen Volkszeitung und<br />

zahlreichen anderen Blättern nachgedruckte Bericht wurde von Direktor Emmel letztlich<br />

mit der Bemerkung kommentiert, daß er sich trotz aller Anfeindungen darüber freue, "daß<br />

die 3 Grabsteine dem deutschen Vaterlande erhalten worden sind" 41 .<br />

Im Jahr 1918 wurde Marienberg vom Orden der Ursulinen übernommen und in den<br />

folgenden Jahrzehnten als Internatsschule betrieben. Nach deren Schließung 1981 gelangte<br />

die Klosteranlage über Umwege schließlich in Privatbesitz. Ihr weiteres Schicksal und<br />

damit auch das der wenigen im ehemaligen Kreuzgang und im Bereich der<br />

Wirtschaftsgebäude noch verbliebenen Grabdenkmäler ist ungewiß.<br />

2.1.3 Boppard, kath. Kirche (ehemalige Karmeliter-Klosterkirche) 42<br />

Die Kirche des 1262 erstmals als Niederlassung erwähnten Karmeliterklosters wurde ab<br />

dem frühen 14. Jahrhundert als einschiffiger Bau mit fünfseitigem Chorschluß errichtet, an<br />

den Mitte des 15. Jahrhunderts ein nördliches Seitenschiff angefügt wurde (Nr. 72 VI und<br />

VII). Die im Rahmen eines Bibelzitats überlieferte Jahreszahl 1633 (Nr. 358) am<br />

ehemaligen Windfang des Westportals des Seitenschiffes bezieht sich nur auf denselben.<br />

Die Konventsgebäude des ursprünglich außerhalb der Stadtmauer gelegenen Klosters<br />

wurden 1728 wegen Baufälligkeit abgerissen und in barocken Formen neu aufgeführt.<br />

Offensichtlich stammt die erste erhaltene Grabplatte eines wohl 1293 ums Leben<br />

gekommenen (Karmeliter?-)Mönches Heinrich (Nr. 18) noch aus einem nicht näher<br />

bekannten Vorgängerbau. Außer dieser frühen, vieldiskutierten Platte (vgl. Nr. 278) haben<br />

sich nur noch zwei Grabplatten der Mitglieder des Konvents erhalten, nämlich die<br />

vermutlich noch in situ im Boden des Chors liegenden figürlichen Grabplatten zweier<br />

Klostervorsteher, des 1359 verstorbenen Priors Sybert von Troisdorf (Nr. 44) und des 1480<br />

verstorbenen Priors Dr. Matthias Emich (Nr. 95), die zudem als Weihbischöfe von Trier<br />

bzw. von Mainz amtierten. Von dem Prior Nicolaus de Spica ist lediglich die Ortsangabe<br />

"ante summum altare" bekannt 43 , wo er 1433 begraben wurde. Die Grabinschrift für den<br />

36 Acta F 726/1914.<br />

37 Acta F 1101/1914.<br />

38 Offen bleibt, wie die Mitteilung des damaligen <strong>Deutsche</strong>n Museums Berlin aus dem Jahr 1933 an das<br />

Bürgermeisteramt Boppard zu werten ist, die drei Bopparder Grabsteine hätten im Museum "einen<br />

hervorragenden Platz" gefunden; vgl. dazu Koelges, Altertumssammlung 66.<br />

39 Acta F 1101/1914.<br />

40 Acta F 1271/1914.<br />

41 Acta F 1381/1914.<br />

42 Vgl. zum Folgenden Milendunck, Historia pass.; Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 329ff. und Kreuzberg,<br />

Bopparder Karmel pass.<br />

43 So Libler, Notabilia Historica fol. 58.<br />

22


1526 verstorbenen Prior Cornelius Castenholtz (Nr. 187) ist nur noch abschriftlich<br />

überliefert.<br />

Dagegen ist die Kirche reich an Grabdenkmälern des in Boppard sitzenden Adels,<br />

daneben finden sich – aus späterer Zeit – auch solche von Vertretern des Bürgertums 44 .<br />

Von der frühen Bedeutung des Geschlechts derer von Schöneck zeugt die abschriftlich<br />

überlieferte Grabplatte eines Ehepaars (Nr. 45), das sich 1364 mitten im Chor der Kirche<br />

bestatten ließ und dessen Nachkommen 1407 die Kirche mit Wandmalereien (Nr. 63)<br />

versahen. Bekannt sind weiterhin figürlich gearbeitete Grabdenkmäler einiger für Boppard<br />

wichtiger Familien wie der Kolb von Boppard (Nr. 55), der Peltz von Boppard (Nr. 91), der<br />

von Schwalbach bzw. der von Leyen (Nrr. 97, 117), der von Eltz bzw. der von Breitbach<br />

(Nrr. 166, 196) und der von Scharfenstein gen. Pfeil (Nr. 313). Einigen dieser<br />

Grabdenkmäler waren Totenschilde zugeordnet, von denen sich drei ebenfalls erhalten<br />

haben (Nrr. 96, 116, 195). Gelegentlich erscheinen die Totenschilde aber auch ohne<br />

zugehöriges Grabdenkmal, etwa für Angehörige der Familien von Eltz (Nr. 212), von<br />

Flersheim (Nr. 219), Boos von Waldeck bzw. Zandt von Merl (Nr. 220 und 272). Die<br />

bürgerlichen Grabdenkmäler repäsentieren Vertreter unterschiedlichster Berufe: etwa den<br />

1595 verstorbenen Bäcker Weirich Krai (Nr. 244), dann im 17. Jahrhundert den<br />

Wirtschaftsverwalter des Eberbacher Klosterhofes Michel Morsdorf (Nr. 333), die<br />

SCHVLTISIN Anna Schutz(in) von Zollferin (Nr. 346) und den Ratsherrn und<br />

Gerichtsschöffen Johannes Mertloch (Nr. 368), der für sich und seine Familie (Nrr. 378,<br />

386) im westlichen Seitenschiff sogar eine Art Grablege eingerichtet hatte. Nicht mehr<br />

zuordnen läßt sich die fragmentarische Grabplatte eines Kindes (Nr. 458). Die Wirren des<br />

30jährigen Krieges werden durch die Begräbnisse zweier 1636 verstorbener, in kaiserlichen<br />

Diensten stehender hochrangiger Soldaten illustriert, eines Oberst-Wachtmeisters (Nr. 363)<br />

und eines Oberst-Leutnants (Nr. 364).<br />

Neben der oben genannten Wandmalerei von 1407 war die Kirche mit weiteren, heute<br />

nur noch fragmentarisch erhaltenen Malereien geschmückt (Nrr. 119, 126); zudem wurden<br />

die sieben Fenster des zwischen 1440 und 1446 angebauten Seitenschiffs mit Glasmalereien<br />

versehen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts verkauft wurden und von denen sich heute<br />

zahlreiche Scheiben in amerikanischen und europäischen Museen bewundern lassen (Nr. 72<br />

I-VII). An sonstigen beschrifteten Ausstattungsstücken haben sich ein Kruzifix mit der<br />

Kopie einer erstmals 1465 ausgeführten Weihe- und Ablaßinschrift (Nr. 263) sowie eine<br />

1502 gegossene Glocke des Meisters Heinrich von Prüm (Nr. 148) erhalten, zudem ein<br />

Flügel eines in das dritte Drittel des 14. Jahrhunderts datierten Altarretabels (Nr. 57) sowie<br />

ein vollständiges dreiflügeliges Altarretabel aus dem Jahr 1491 (Nr. 110). Die von dem<br />

Prior Cornelius Castenholz 1521 gestiftete Vertäfelung des Kapitelsaals (Nr. 173) dürfte<br />

dem Abriß der Konventsgebäude zum Opfer gefallen sein. Über der oben erwähnten Gruft<br />

der Familie Mertloch errichteten die Nachkommen 1652 einen Altar (Nr. 387). Im Jahr<br />

1673 stifteten Unbekannte ein Ölbild (Nr. 422), und 1685 tätigte die Freifrau Antonetta von<br />

Landsberg eine Meßstiftung (Nr. 443).<br />

Das im Jahr 1802 aufgehobene Kloster wurde der Stadt Boppard zugewiesen und diente<br />

in den folgenden Jahren als Lateinschule, später als Gymnasium. Für große Aufregung<br />

sorgte in der Stadt der Verkauf der oben erwähnten spätmittelalterlichen Glasfenster des<br />

Seitenschiffs (Nr. 72 I-VII) an Graf Hermann von Pückler-Muskau im Jahr 1818. Im Tausch<br />

gegen die ehemalige Franziskanerkirche gelangte die Karmeliterkirche 1856 in den Besitz<br />

44 Da das Begräbnisrecht für Boppard grundsätzlich bei der Pfarr- und Stiftskirche St. Severus lag, schlichtete<br />

erst eine 1369 ausgestellte Urkunde des Trierer Erzbischofs einen schon länger währenden Streit (vgl. dazu<br />

Pauly, Stifte 71f.): Jeder Verstorbene, der bei den Karmelitern begraben zu werden wünschte, mußte zunächst<br />

nach St. Severus gebracht werden, wo der erste Trauergottesdienst gehalten wurde; erst dann konnte der Sarg<br />

– unter Begleitung des Stiftsklerus – in die Karmeliterkirche zum Begräbnis gebracht werden. Zudem hatten<br />

die Karmeliten den Stiftsherrn eine einmalige Abfindung von 53 Goldgulden zu zahlen, außerdem noch einen<br />

bestimmten Anteil aus ihren Einnahmen von jedem ersten Trauergottesdienst in ihrer Kirche.<br />

23


der katholischen Kirchengemeinde. Nach starken Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg<br />

wurde die zeitweise geschlossene Kirche mehrfach wiederhergestellt und 1987<br />

wiedereröffnet. In den renovierten Klostergebäuden befindet sich gegenwärtig die<br />

Stadtverwaltung. Der Grund, daß heutzutage nur noch eine verhältnismäßig geringe Zahl an<br />

Grabplatten in der Kirche vorzufinden sind, könnte darin zu suchen sein, daß die einst<br />

zahlreichen, den Boden der Kirche deckenden Grabplatten offenbar gegen Ende des 19.<br />

Jahrhunderts "in verständnisloser Weise herausgerissen und vertan" 45 wurden. Wie in St.<br />

Severus (s. d.) waren auch hier einige Grabplatten mit Nummern versehen 46 .<br />

2.1.4 Boppard, ehemaliges Franziskanerinnen-Kloster St. Martin 47<br />

Die weit vor der östlichen Bopparder Oberstadt gelegene Klosteranlage wurde nach einigen<br />

vorhergehenden Renovierungsmaßnahmen im Jahr 1765 endgültig niedergelegt und in den<br />

folgenden Jahren als zweigeschossiger Barockbau neu errichtet. Der Vorläufer der<br />

mittelalterlichen Anlage ist bereits 911 als Martinskapelle bezeugt, die ihren Aufschwung<br />

der 1280 erfolgten Aufdeckung von vermeintlich christlichen Märtyrergräbern verdankte.<br />

Dies führte zunächst zu einer Wallfahrt, dann zur Errichtung einer Beginenklause, aus der<br />

sich nach 1425 ein kleines Franziskanerinnen-Kloster entwickelte. Der Tätigkeit des<br />

gelehrten Bopparder Priesters und Humanisten Johannes Flaming, der dort zu Beginn des<br />

16. Jahrhunderts als Klostergeistlicher wirkte, ist ein kleiner, aber hochinteressanter<br />

Komplex von in Distichen verfaßten <strong>Inschriften</strong> zu verdanken: Sie schildern einmal in<br />

religiös-humanistischer Diktion die Auffindung der verehrten Gebeine, überliefern auch an<br />

ihnen angebrachte <strong>Inschriften</strong> (Nr. 160), bringen dann eine zum Teil in griechisch verfaßte<br />

Inschrift einer von ihm gestifteten Tafelmalerei (Nr. 188) und schließlich ein von ihm<br />

verfaßtes Grabgedicht (Nr. 189) auf sich selbst. Von der sonstigen Ausstattung des Klosters<br />

hat sich kaum etwas erhalten, Ausnahmen bilden ein 1612 datiertes Grabkreuz für Maria<br />

Elbert (Nr. 305) und die 1680 entstandene Grabplatte für die beiden Töchter des<br />

katholischen Landgrafen Wilhelm von Hessen-Rheinfels-Rotenburg (Nr. 434), der dem<br />

Institut als Gönner verbunden war.<br />

Das 1802 aufgehobene und zunächst zu einem "Wirtshaus und Bierbrauerei" 48<br />

umfunktionierte Kloster dient heute der Zentralverwaltung der evangelischen Stiftung<br />

Bethseda-St. Martin und als Sitz der Evangelischen Archivstelle Boppard.<br />

2.1.5 Boppard-Bad Salzig, katholische Pfarrkirche St. Ägidius 49<br />

Die erstmals Ende des 10. Jahrhunderts genannte Kapelle des 922 als "Salzachu" sicher<br />

bezeugten Ortes gehörte zusammen mit der Propstei des Stiftes St. Severus in Boppard (s.<br />

d.) dem Martinsstift in Worms. Von der kleinen, auf einer Anhöhe südwestlich des alten<br />

Dorfkerns gelegenen spätgotischen Kirche haben sich Chor und Westturm erhalten, die in<br />

den 1899-1902 errichteten Neubau miteinbezogen wurden. Eine überlieferte Bauzahl aus<br />

dem Jahr 1611 (Nr. 295) dürfte sich auf eine nicht weiter bekannte<br />

Restaurierungsmaßnahme beziehen. Bis auf die 1471 gegossene Marienglocke (Nr. 90) des<br />

Meisters Paul von Üdersdorf hat sich von der ehemaligen Ausstattung der Kirche kein<br />

weiterer <strong>Inschriften</strong>träger erhalten. Um so bemerkenswerter sind daher die 19 Grabkreuze<br />

45 So Kreuzberg, Bopparder Karmel 63.<br />

46 Vgl. dazu Rhein. Antiquarius II 5, 530f.<br />

47 Vgl. zum Folgenden die um 1640 verfaßte Chronik St. Martin des Paters Pius Bodenheim, sowie Pauly, St.<br />

Severus 125ff. und Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 319ff.<br />

48 So Rhein. Antiquarius II 5, 447.<br />

49 Vgl. zum Folgenden Stein, Bad Salzig pass. und Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 703ff.<br />

24


des 16. und 17. Jahrhunderts 50 , die aus dem auch heute noch die Kirche umgebenden<br />

Friedhof stammen und gegenwärtig an der langen, zum Hauptportal der Kirche führenden<br />

Treppe aufgestellt sind. Mit ihren knappen <strong>Inschriften</strong> und ihrer sparsamen Ausführung<br />

geben sie einen guten Eindruck von der Art und Weise wieder, wie sich in jener Zeit die<br />

meist aus Bauern und Handwerkern bestehende Einwohnerschaft des kleinen Dorfes<br />

bestatten ließ. So finden wir einerseits nur Initialen und Todesjahre aufweisende<br />

Grabkreuze (Nrr. 203, 216, 307, 308, 309, 315 u.ö), die jedoch durch die stets beigefügte<br />

Marke wenigstens einer bestimmten Familie zuzuordnen waren, andererseits aber auch<br />

ausführlichere Formulare mit vollständigen (zum Teil heute noch in Salzig nachweisbaren)<br />

Namen wie Nürenberg, Moskop(f), Kemp(en), Fickus, Spitz, Breder, Bach und Neyer (Nrr.<br />

354, 366, 374, 420, 427, 432, 447, 448, 450). Besonders hervorzuheben ist dabei das<br />

aufwendig gestaltete Grabkreuz (Nr. 206) für den 1566 verstorbenen Antonius Hufschmidt<br />

(HOFSCHMEIT) mit einer neunzeiligen Sterbeinschrift auf der einen und einer aus seinen<br />

Arbeitswerkzeugen zusammengesetzten, menschenähnlichen Figur auf der anderen Seite.<br />

2.1.6 Boppard-Hirzenach, katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus 51<br />

Die heutige katholische Pfarrkirche und ehemalige Kirche der Benediktinerpropstei wurde<br />

in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als dreischiffige Pfeilerbasilika mit eingezogenem<br />

Westturm erbaut, wobei die romanische Apsis um die Mitte des 13. Jahrhunderts durch den<br />

heutigen fünfseitig geschlossenen Chor ersetzt wurde. Bauherr war die Benediktinerabtei<br />

Siegburg (Rhein-Sieg-Kreis), die durch die Errichtung dieser Außenstation die Verwaltung<br />

ihrer umfangreichen Güter an Rhein und Mosel gesichert haben wollte. Geleitet wurde die<br />

mit sechs bis zwölf Mönchen besetzte Zelle von stets ortsfremden, meist zuvor in der<br />

Mutterabtei tätigen Pröpsten, die sich offensichtlich in der Kirche bestatten ließen.<br />

Während durch die 1968-70 durchgeführten Ausgrabungen im Inneren der Kirche vierzehn<br />

zum Teil in den Fels gehauene Gräber nachgewiesen konnten, haben sich oberirdisch nur<br />

noch sechs der zugehörigen Grabplatten erhalten, davon vier aus dem Berichtszeitraum: Sie<br />

beginnen mit der figürlichen Grabplatte für den 1390 verstorbenen Johann (Lutter) von<br />

Kobern (Nr. 54), setzen sich fort mit der ebenfalls figürlichen Platte für den 1574<br />

verstorbenen Roland von Waldenburg gen. Schenkern (Nr. 225) und enden mit den jetzt nur<br />

noch wappengeschmückten Grabplatten für den 1635 verstorbenen Adam von Lintzenich<br />

(Nr. 359) und seinen 1658 verstorbenen Nachfolger Johann Georg von Lieser (Nr. 394).<br />

Offenbar war es in Hirzenach üblich, daß jeweils der neue Propst für die Herstellung und<br />

Anbringung des Grabdenkmals seines Vorgängers verantwortlich war (vgl. Nrr. 225, 359).<br />

Die einzige, wenn auch stark fragmentarisch erhaltene Grabplatte eines Nicht-Geistlichen<br />

dürfte einem Mitglied der Familie von Lieser (Nr. 369) zuzurechnen sein. Die Pröpste<br />

traten auch als Bauherren hervor: So wurde 1569 unter Roland von Waldenburg eine<br />

Brunnenanlage (Nr. 214) errichtet und unter Bertram von Bellinghausen 1664 ein<br />

unbekanntes Gebäude (Nr. 409). An Grabdenkmalen für die Mönche der Propstei hat sich<br />

lediglich ein Grabkreuz mit Kelch und Initialen (Nr. 233) erhalten, das einem 1584<br />

verstorbenen Priester gesetzt wurde.<br />

Daß die Propsteikirche spätestens im 16. Jahrhundert alle Funktionen der benachbarten,<br />

vermutlich etwas älteren Pfarrkirche St. Bartholomäus übernommen hatte, zeigen die<br />

zahlreichen Grabkreuze des 16. und 17. Jahrhunderts, die – wie in Bad Salzig – heute noch<br />

im Bereich des um die Kirche gelegenen Friedhofs vorhanden sind. Allerdings finden wir<br />

hier nur ein Grabkreuz mit Initialen und Todesjahr (Nr. 215), ansonsten herrschen die<br />

50 Drei weitere Grabkreuze aus den Jahren 1705, 1744 und 1776 haben sich ebenfalls erhalten.<br />

51 Vgl. zum Folgenden Wisplinghoff, Siegburg 82-84 und 194-196, Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 831ff. und<br />

Schoebel, Hirzenach pass.<br />

25


Kreuze mit ausführlichem Formular vor wie das für den 1600 verstorbenen BVRGER IN<br />

HIRTZNACH Johannes Gerart (Nr. 268), die aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts<br />

stammenden für Angehörige der Familien Scherin (Nrr. 275, 310) und Rühl (Nrr. 294, 320)<br />

sowie die für die aus Lorch im Rheingau stammende Elisabeth Huter (Nr. 300) und den<br />

1622 verstorbenen Reichard Mallmann (Nr. 334). Mit den einfachen Grabkreuzen für<br />

Petrus Kron von 1667 (Nr. 414) und einer Margaretha von 1675 (Nr. 424) sowie dem<br />

aufwendig gearbeiteten, mit der Darstellung der Kreuzigung und dem Abbild des davor<br />

knienden Verstorbenen geschmückten Grabkreuz von 1676 (Nr. 428) endet die Reihe dieser<br />

Denkmäler.<br />

Die Hirzenacher Propstei wurde 1802 aufgehoben, die Kirche dient heute als katholische<br />

Pfarrkirche.<br />

2.1.7 Oberwesel, katholische Pfarrkirche Unserer Lieben Frau (ehem. Stiftskirche, sogen.<br />

Liebfrauenkirche) 52<br />

Die heutige katholische Pfarrkirche und ehemalige Stiftskirche wurde in der ersten Hälfte<br />

des 14. Jahrhunderts als dreischiffige querhauslose Basilika mit fünfseitigem Chorschluß<br />

und eingezogenem Westturm erbaut. Von der damals außerhalb der Stadtmauer gelegenen,<br />

1213 erstmals als Pfarrkirche erwähnten Vorgängerkirche "ecclesie s. Marie" haben sich<br />

nur wenige Ausstattungsgegenstände erhalten, von den beschrifteten nur eine kleine<br />

Marienglocke mit aus Wachsfäden hergestellter Inschrift (Nr. 19). Die offensichtlich<br />

erfolgreiche, 1258 unter Beteiligung adeliger Familien der damaligen Reichsstadt – etwa<br />

der von Milwalt (vgl. Nr. 31) – vorgenommene Gründung eines Kollegiatstiftes mit einem<br />

Dekan und sechs Kanonikern 53 führte ab 1308 (Nr. 27) zum Bau der neuen Kirche, die im<br />

Jahr 1331 geweiht wurde und um die Jahrhundertmitte fertiggestellt worden sein dürfte.<br />

Aus diesem Zeitraum stammen die vier mit <strong>Inschriften</strong> versehenen Standbilder der<br />

Evangelisten (Nr. 37) im Lettner, die Glocke des Johann von Mainz (Nr. 39) sowie die 1354<br />

gegossene Glocke (Nr. 42) eines unbekannten Meisters. Im Jahr 1404 kamen zwei weitere<br />

Glocken (Nrr. 61, 62) zur Ergänzung des bis dahin dreiteiligen Geläuts hinzu. Weithin<br />

bekannt ist die Liebfrauenkirche für ihren Reichtum an erhaltenen Tafelmalereien, die zum<br />

Teil mit umfangreichen <strong>Inschriften</strong> versehen sind: Sie beginnen um 1450 mit dem von<br />

einem unbekannten Oberweseler Ehepaar gestifteten Heiligenretabel (Nr. 77) bzw. dem von<br />

einem Kanoniker gestifteten Retabel mit dem Marienleben (Nr. 78), setzen sich fort mit<br />

einem wohl als Antependium verwendeten Gemälde der Hl. Sippe (Nr. 123) und erreichen<br />

ihren Höhepunkt in drei von Petrus Lutern, Kanoniker an Liebfrauen und Propst von St.<br />

Martin gestifteten Retabeln – einem von 1503 mit den Darstellung des Gastmahls Christi<br />

bei Martha und Maria (Nr. 151) und einem von 1506 mit der Nikolauslegende (Nr. 153)<br />

sowie der vor 1515 entstandenen Lehrtafel mit den Zeichen der letzten 15 Tage vor dem<br />

Jüngsten Gericht (Nr. 157). Zudem hat sich aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein<br />

vollständiges Altarretabel mit Szenen aus der Passion (Nr. 383) mit zugehöriger Predella<br />

(Nr. 384) erhalten. Weitere Ausstattungsgegenstände verdankt die Kirche sowohl dem 1524<br />

zum Dekan des Stiftes ernannten Valentin Schonangel, der wohl aus diesem Anlaß ein Bild<br />

der Muttergottes (Nr. 177) herstellen ließ, als auch unbekannten Bürgern, die 1602 eine<br />

hölzerne Renaissance-Kanzel (Nr. 277) in Auftrag gaben, bzw. der Fabrikbruderschaft von<br />

Liebfrauen, die 1625 die Anschaffung eines zehn Meter hohen Altaraufsatzes (Nr. 343) für<br />

den gotischen Goldaltar im Hauptchor ermöglichte. Die heute vorhandene (stark<br />

überarbeitete) Ausmalung des Kirchengewölbes mit Evangelistensymbolen (Nr. 131) und<br />

musizierenden Engeln (Nr. 132) stammt aus dem 15. Jahrhundert, die Bemalung der Wände<br />

52 Vgl. zum Folgenden Pauly, Stifte 267ff. und Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 102ff.<br />

53 Der von der Stiftsgeistlichkeit zu betreuende Pfarrbezirk von Liebfrauen umfaßte den südlichen Teil<br />

Oberwesels mit den Filialen Boppard (Weiler), Dellhofen, Engehöll, Langscheid und Perscheid.<br />

26


mit Heiligen (Nrr. 138, 139, 141, 180, 182, 197) und biblischen Figuren (Nrr. 181, 183,<br />

184, 185) bzw. mit Darstellungen der Länge Christi (Nr. 140) oder auch einer Wallfahrt<br />

(Nr. 179) wurde in mehreren Etappen in den folgenden Jahrzehnten ausgeführt. Auch hier<br />

trat der Kanoniker und Propst Petrus Lutern als Stifter in Erscheinung (Nr. 158).<br />

Die erhaltene Deckplatte des 1336 verstorbenen Dekans Johannes (Nr. 29) eröffnet eine<br />

interessante Reihe figürlicher Grabdenkmäler der Oberweseler Stiftsgeistlichkeit, die wohl<br />

keinen besonderen Begräbnisplatz hatte 54 . Abgesehen von der Fremdbestattung des<br />

Speyerer Domdekans Hartmann von Landsberg (Nr. 33) im Jahr 1340 hat sich aus der<br />

Gründungsphase noch die Grabplatte eines unbekannten Kanonikers (Nr. 30) erhalten. Bei<br />

dem 1410 verstorbenen pastor und canonicus Eberhard von Reichenberg (Nr. 64) handelt<br />

es sich vermutlich um einen illegitimen Sohn eines Grafen von Katzenelnbogen. Der für<br />

Oberwesel bedeutenden Familie der Frey von Pfaffenau, die auch als Patrone von<br />

Liebfrauen in Erscheinung traten, gehört der 1430 verstorbene Kanoniker Friedrich (Nr. 68)<br />

an. Die Identität eines 1451 verstorbenen Stiftsherrn (Nr. 81) kann nicht mehr geklärt<br />

werden. Offen bleibt ebenso, ob die zahlreichen Fragmente von Schiefer- und<br />

Sandsteinplatten des 15. Jahrhunderts (Nrr. 73, 120, 128, 129, 130, 144) in jedem Fall<br />

Kanonikern zuzuordnen sind. Eine weitere bisher unidentifizierte Grabplatte aus dem Jahr<br />

1500 kann dem Stiftsherrn Petrus Winkel (Nr. 135) zugewiesen werden. Mit dem<br />

hervorragend gearbeiteten Epitaph für Petrus Lutern (Nr. 159), dem 1515 verstorbenen<br />

Propst von St. Martin in Oberwesel und Kanoniker von Liebfrauen, dessen bereits 1492<br />

verstorbene Mutter ebenfalls in Liebfrauen begraben liegt (Nr. 111), bricht die Reihe der<br />

figürlichen Grabdenkmäler des Oberweseler Stiftsklerus ab. So erhält der 1558 verstorbene<br />

Kantor und Dekan Petrus Pellifex nur noch eine schlichte Schrifttafel (Nr. 207) als Epitaph<br />

– möglicherweise bereits eine Reaktion auf die finanziell angespannte Lage des Stiftes in<br />

der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, die 1576 zur einer durchgreifenden Stiftsreform führt.<br />

Da seit dieser Zeit der Dekan den Titel "pastor primarius" trägt, kann eine neu entdeckte<br />

fragmentarische, vor 1623 hergestellte Grabplatte (Nr. 339) den beiden kurz nacheinander<br />

verstorbenen Dekanen Heinrich Löhr und Heinrich Fuchs zugewiesen werden.<br />

Neben diesen Bestattungen der Geistlichkeit lassen sich bereits früh Begräbnisse adeliger<br />

Laien nachweisen (Nr. 32; vgl. auch Nrr. 35, 36). Eine besondere Rolle spielen dabei die<br />

unweit der Kirche auf der Schönburg residierenden Herren von Schönburg auf Wesel, die<br />

sich die Liebfrauenkirche als Grablege wählten und sich im Chor des nördlichen<br />

Seitenschiffs in einer (vermutlich 1842 zugeschütteten) Gruft bestatten ließen. Die Reihe<br />

erhaltener Grabdenkmäler dieser als bedeutende Förderer von Liebfrauen nachweisbaren<br />

Familie beginnt mit dem neu entdeckten Fragment für den 1340 verstorbenen Ritter<br />

Humbert von Schönburg auf Wesel (Nr. 34) und setzt sich in der zweiten Hälfte des 14.<br />

Jahrhunderts mit der Grabplatte des Ritters Lamprecht (Nr. 46), der Doppelgrabplatte des<br />

Johann Schmidtburg von Schönburg auf Wesel und seiner Frau Gertrud Marschall von<br />

Waldeck (Nr. 52) sowie der Grabplatte für Friedrich den Alten (Nr. 86) fort. Offensichtlich<br />

war die Anziehungskraft dieser Grablege so stark, daß sich dort im 15. Jahrhundert<br />

gelegentlich auch eingeheiratete Schwiegersöhne (Nr. 75) bzw. Schwiegertöchter (Nr. 84)<br />

bestatten ließen. Auch während des 16. und 17. Jahrhunderts diente Liebfrauen als<br />

Grablege – manchmal auch eingeheirateter Mitglieder – dieser Familie, so im Jahr 1518 für<br />

Agnes von Dienheim (Nr. 163), die mit dem 1550 verstorbenen Friedrich dem Älteren (Nr.<br />

204) verheiratet war. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts lassen sich wieder die Grabdenkmäler<br />

für Angehörigen dieses Geschlechts nachweisen: Kurz hintereinander sterben im Jahr 1605<br />

Johann Friedrich (Nr. 283), 1606 Heinrich Eberhard (Nr. 284), vor 1608 Peter Ernst (Nr.<br />

289) und im Jahr 1608 Simon Rudolf von Schönburg auf Wesel (Nr. 290). Für ihn und<br />

seine 1627 verstorbene Frau Magdalena von Naves hat sich eine gemeinsame Grab- bzw.<br />

Gruftplatte (Nr. 345) erhalten.<br />

54 Vgl. dazu Pauly, Stifte 313.<br />

27


Neben dieser ungewöhnlich hohen Zahl an Begräbnissen der Familie von Schönburg auf<br />

Wesel finden sich ganz vereinzelt auch Bestattungen anderer Adelsfamilien, so im Jahr<br />

1520 die Ludwigs von Ottenstein mit seiner Ehefrau Elisabeth Freifrau von Schwarzenberg<br />

(Nr. 169) oder die eines unbekannten Ehepaars (Nr. 171). Etwa vom letzten Drittel des 16.<br />

Jahrhunderts an bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts häufen sich auffallenderweise<br />

Grabdenkmäler aus der bürgerlichen Schicht Oberwesels, so 1572 für Catharina Pinter (Nr.<br />

217), 1579 für einen Unbekannten (Nr. 229), 1583 für die Kinder der Familie Pletz (Nr.<br />

231) sowie für einen Winrich (Nr. 232), weit vor 1593 für Klaus und Franz Klockenhencker<br />

(Nrr. 241, 242), 1597 für Hans Wendel Weiman (Nr. 252), 1598 für das Ehepaar<br />

Hieronymus und Agatha Becker (Nr. 257), 1599 für den Ratsherrn Conradt Torner und<br />

seine 1633 verstorbene Frau Gertrudt Laudert (Nr. 260) und für einen Unbekannten (Nr.<br />

264), im Jahr 1601 sowohl für den Ratsherrn Theobald Richard (Nr. 270) als auch für<br />

Wilhelma Lorbecher (Nr. 273) sowie 1609 für ein unbekanntes Wickelkind (Nr. 293). Aus<br />

der Folgezeit lassen sich nur noch wenige Grabdenkmäler für Angehörige dieser Schicht<br />

nachweisen (vgl. Nr. 461), so für zwei kurfürstlich-trierische Stadtschultheißen, den 1632<br />

verstorbenen Michael Stahl (Nr. 356) und den 1662 verstorbenen Ludwig Vogt (Nr. 401).<br />

Von den Grabdenkmälern des im Süden und Westen der Liebfrauenkirche gelegenen<br />

(heute noch genutzten) Pfarrfriedhofs 55 haben sich einige aus Basalt hergestellte<br />

Grabkreuze erhalten 56 : aus dem Jahr 1617 für Severus Horter (Nr. 317), 1623 für Leonhart<br />

und Nilges Nasteen (Nr. 337), 1635 für Gertrud Volmar (Nr. 362), aus der Zeit um 1640 für<br />

Adam Leyendecker (Nr. 371) und aus dem Jahr 1677 für eine Angehörige der Familie<br />

Murmeling (Nr. 430) sowie für einen Unbekannten (Nr. 464).<br />

Das Stift wurde 1802 aufgelöst und die Kirche zur katholischen Pfarrkirche für<br />

Oberwesel bestimmt. Ebenso wie in Boppard erregte die purifizierende Restaurierung der<br />

Kirche unter Kreisbaumeister Stratmann in den Jahren 1842 bis 1845 einiges Aufsehen 57 :<br />

So wurden nicht nur die als Fortsetzung des Lettners dienenden "aus reichgegliedertem und<br />

durchbrochenem Steinwerk" 58 bestehenden Abschlußgitter der beiden Seitenchöre<br />

abgerissen, sondern auch die zahlreichen Grabplatten aus dem Inneren der Kirche 59 entfernt<br />

und in den Boden des Kreuzgangsüdflügels verlegt 60 bzw. an dessen Wand angebracht.<br />

Einige der dort stehenden Platten wurden dann 1987/88 innen an der Wand der Liebfrauen<br />

benachbarten Michaelskapelle aufgestellt bzw. 1990/91 im neu errichteten Nordflügel des<br />

Kreuzgangs aufgestellt.<br />

2.1.8 Oberwesel, katholische Pfarrkirche St. Martin (ehem. Stiftskirche) 61<br />

Die beherrschend im Nordwesten über der Stadt gelegene heutige katholische Pfarrkirche<br />

und ehemalige Stiftskirche St. Martin wurde nach neuen bauhistorischen Untersuchungen in<br />

der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts an der Stelle einer wesentlich älteren, jedoch erst ab 1219<br />

bezeugten Vorgängerkirche erbaut. Von der nachweislich dreischiffig geplanten,<br />

querschifflosen Basilika konnte zunächst nur das Mittelschiff mit fünfseitigem Chorschluß<br />

55 Eine von Caspar Scheuren um 1850 angefertigte Bleistiftzeichnung (vgl. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, Abb.<br />

246) zeigt den damaligen Zustand des mit zahlreichen Grabkreuzen bestückten Friedhofes.<br />

56 Da keines der Grabkreuze in Oberwesel am ursprünglichen Ort aufgefunden wurde, ist allerdings damit zu<br />

rechnen, daß sie auch von den Friedhöfen von von St. Martin (s. d.) sowie des Minoriten- und<br />

Zisterzienerinnen-Klosters stammen können.<br />

57 Vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 115 mit weiterführender Literatur.<br />

58 So die Beschreibung bei NN., Liebfrauenkirche 6.<br />

59 Ein von L. Lange gezeichneter und von J. Richter hergestellter Stahlstich der "Innere(n) Ansicht der Kirche<br />

zu Oberwesel" (im Besitz des Bearbeiters) zeigt noch die im Boden liegenden Grabplatten.<br />

60 Bei dieser Aktion wurden auch Grabdenkmäler zerschlagen, so die Grabplatte des 1454 verstorbenen Dekans<br />

und päpstlichen Gesandten Helwich von Boppard; vgl. dazu NN., Liebfrauenkirche 12 und Pauly, Stifte 371f.<br />

61 Vgl. zum Folgenden Pauly, Stifte 415ff. und Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 433ff.<br />

28


und eingezogenem Westturm ausgeführt werden, an das erst im 15. oder zu Beginn des 16.<br />

Jahrhunderts das nördliche Seitenschiff angefügt wurde. Aus der im Jahr 1303 zum<br />

Kollegiatstift mit Propst, Dekan und fünf Kanonikern 62 erhobenen Kirche hat sich lediglich<br />

die zweitverwendete Grabplatte (Nr. 38) von einem der in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts<br />

amtierenden Pröpste oder Dekane erhalten. Weitere Grabdenkmäler der Stiftsgeistlichkeit,<br />

deren genaue Begräbnisstätte nicht bekannt ist, lassen sich nur noch vereinzelt nachweisen:<br />

So die Grabplatte des 1470 verstorbenen Propstes Dr. Johannes Fluck (Nr. 88) und die des<br />

1655 verstorbenen Propstes Philipp Saxler (Nr. 392); die Grabinschrift des Dekans und<br />

Pfarrers Friedrich Bettingen (Nr. 341) von 1624 ist dagegen nur noch abschriftlich<br />

überliefert. Die kleine Zahl erhaltener bzw. überlieferter <strong>Inschriften</strong> für diesen<br />

Personenkreis mag auch damit zusammenhängen, daß die Geistlichkeit durch ein 1576<br />

erlassenes Reformdekret des Trierer Erzbischofs von fünf auf zwei Kanoniker reduziert und<br />

das Amt des Dekans mit der Funktion des Hauptpfarrers zusammengelegt wurde.<br />

Daß die Martinskirche im Gegensatz zu Liebfrauen offenbar eher von Bürgerlichen als<br />

von Adeligen als Begräbnisstätte bevorzugt wurde, zeigen auch die noch vorhandenen<br />

Grabdenkmäler 63 , bei denen es sich durchweg um solche bürgerlicher Laien handelt.<br />

Während die älteste, vor 1509 entstandene Platte wahrscheinlich mit der eines gelehrten<br />

Bürgers (Nr. 156) zu identifizieren ist, ist die bislang als Äbtissinnengrabplatte<br />

mißverstande Platte für die 1522 verstorbene Katharina Feyst (Nr. 174) eindeutig dem<br />

Bürgertum zuzurechnen. Aus dem Jahr 1607 stammt ein schmuckloses Epitaph für Eva<br />

Dreys und ihre Kinder (Nr. 286), aus dem gleichen Jahr ein dagegen aufwendig gestaltetes<br />

für die mit ihnen als Paten verbundenen Reichmann Reichardt und dessen Frau Dorothea<br />

Schragen (Nr. 287). Bei den Grabkreuzen für einen 1597 verstorbenen unbekannten Bürger<br />

(Nr. 249) und für den Ratsherrn Nikolas Lohrum von 1680 (Nr. 433) dürfte es sich<br />

sicherlich allein um einen kleinen Rest dieser Denkmälergruppe aus dem heute noch an der<br />

Kirche gelegenen Friedhofes handeln.<br />

Da die Herren von Schönburg auf Wesel das Patronatsrecht über das Stift innehatten,<br />

traten sie früh als Stifter verschiedener Ausstattungsgegenstände in Erscheinung. So finden<br />

wir ihre Wappen an einem in die Mitte des 14. Jahrhunderts datierten Reliquienschrein (Nr.<br />

41) ebenso wie im Gewölbe des im 3. Viertel des 14. Jahrhunderts mit<br />

Evangelistensymbolen (Nr. 48) ausgemalten Chors. Die in der zweiten Hälfte des 15.<br />

Jahrhunderts in Verbindung mit einer Jahreszahl über dem inneren Westportal aufgemalten<br />

Wappen (Nr. 115) weisen auf die Vollendung des Mittelschiffs hin. Möglicherweise ist den<br />

Herren von Schönburg auf Wesel auch die kurz nach 1400 entstandene, erst vor wenigen<br />

Jahrzehnten bewußt zerstörte Wandmalerei mit acht paarweise zusammengestellten<br />

Propheten (Nr. 60) zu verdanken. Weitere Wandmalereien des 15. bis 17. Jahrhunderts mit<br />

unterschiedlichen Darstellungen befinden sich auf einem Sakramentshäuschen (Nr. 79), vor<br />

allem aber an den Turmpfeilern (Nrr. 125, 137, 379, 397).<br />

An mit <strong>Inschriften</strong> versehener Tafelmalerei haben sich drei interessante Stücke erhalten:<br />

einmal eine um 1380/90 entstandene, sogenannte volkreiche Kreuzigungsdarstellung (Nr.<br />

53; vgl. auch Nr. 370), ein Mariengruß auf einem Reliquienschrein (Nr. 122) und<br />

schließlich Szenen aus dem Leben Jesu (Nr. 124), die letzten beiden aus dem Ende des 15.<br />

Jahrhunderts. Aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammen die beiden der<br />

62 Da das Amt des Propstes weder Residenz noch Präsenz erforderte, lag die Verpflichtung zu gemeinsamen<br />

Chorgebet und der Seelsorge im Pfarrbezirk von St. Martin (nördliches Stadtgebiet mit den Filialen<br />

Damscheid, Niederburg, Wiebelsheim und Urbar) bei dem Dekan und den Kanonikern.<br />

63 Die Herren von Schönburg auf Wesel waren zwar die Patronatsherren von St. Martin, hatten ihr Erbbegräbnis<br />

aber in Liebfrauen (s. d.). – Der im Unterschied zur Liebfrauenkirche auffallende Mangel an erhaltenen<br />

Grabplatten könnte auch darauf zurückzuführen sein, daß in der Martinskirche anscheinend früh mit deren<br />

Wiederverwendung begonnen wurde: So bestehen die Treppenstufen im Westturm im unteren Drittel aus<br />

entsprechend zugeschnittenen Grabplatten (vgl. dazu den Hinweis bei Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 441), die<br />

allerdings so stark abgetreten sind, daß von ihren <strong>Inschriften</strong> nicht mehr als einzelne Buchstaben zu entziffern<br />

sind.<br />

29


Martinskirche verbliebenen mittelalterlichen Glocken. Während bei der 1458 von Tilmann<br />

von Hachenburg gegossenen Glocke (Nr. 83) aufgrund des ungewöhnlichen Formulars noch<br />

eine Mitwirkung der Stiftsherren angenommen werden kann, dürfte die andere, von dem<br />

Frankfurter Meister Martin Moller gegossene Glocke (Nr. 93) 1477 im Auftrag der Stadt<br />

hergestellt worden sein. In St. Martin wird das einzige noch vorhandene spätmittelalterliche<br />

Meßgewand (Nr. 76) Oberwesels verwahrt; offen bleibt allerdings, aus welcher der<br />

Oberweseler Kirchen es ursprünglich stammt. Ein weiteres Unikat stellt der im Mittelalter<br />

als "Fürhang" bezeichnete Altarbehang mit Mariengruß (Nr. 147) dar, eine Seidenstickerei<br />

aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Die 1617/18 von drei Oberweseler Familien in<br />

Auftrag gegebene Kanzel (Nr. 327) wurde 1967/68 abgebaut und befindet sich heute in der<br />

Michaelskapelle bei Liebfrauen. Im Jahr 1682 wurde durch die Eheleute Martin Eschweiler<br />

und Margareta Uhler ein neuer Hochaltar (Nr. 438) gestiftet. Mit <strong>Inschriften</strong> versehene vasa<br />

sacra haben sich nicht erhalten 64 .<br />

Während das geplante südliche Seitenschiff der Kirche unausgeführt blieb, wurde das<br />

nördliche Seitenschiff 1689 durch französische Truppen zerstört und anschließend in<br />

spätbarocken Formen wieder aufgebaut. Im Zuge der Neuordnung der kirchlichen<br />

Verhältnisse wurde das Stift 1802 aufgelöst und nachdem St. Martin zugleich der Rang<br />

einer Pfarrkirche aberkannt worden war, wurde die Kirche 1803 zum Annex der zur<br />

Pfarrkirche für Oberwesel erhobenen Liebfrauenkirche. Obwohl dieser rechtliche Zustand<br />

bis heute gilt, führt die Pfarrei den Titel Liebfrauen und St. Martin.<br />

2.1.9 St. Goar, evangelische Stiftskirche 65<br />

Zwischen einer in merowingischer Zeit an der Wirkungsstätte des hl. Goar (vgl. Nr. 85)<br />

erbauten kleinen Marienkirche und einer seine Gebeine verwahrenden Goars-Kapelle<br />

entstand um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert an der Stelle einer karolingischen<br />

Kirche als dritter sakraler Bau die Stiftskirche St. Goar, die heutige evangelische Kirche.<br />

Aus dieser Zeit stammen die dreischiffige Krypta der Stiftskirche und Teile des<br />

aufgehenden Mauerwerks im Bereich des um die Mitte des 13. Jahrhunderts errichteten<br />

Chors mit seinen beiden ihn flankierenden Türmen. Die bei der Zelle lebende<br />

Klerikergemeinschaft wurde in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts von der Abtei Prüm<br />

in der Eifel übernommen, als Vögte fungierten zunächst die Grafen von Arnstein, dann<br />

deren Erben, die Grafen von Katzenelnbogen. Aus dieser Entwicklung erklärt sich die<br />

Existenz der ältesten noch vorhandenen Denkmäler der Kirche – offenbar beabsichtigten<br />

die zunächst in der neben der Kirche gelegenen Talburg 66 , dann auf Burg Rheinfels<br />

residierenden Katzenelnbogener sich in der St. Goarer Stiftskirche und nicht in Mainz oder<br />

im Zisterzienser-Kloster Eberbach im Rheingau begraben zu lassen. Vermutlich sollte die<br />

ebenerdige Kapelle im südlichen Chorflankenturm als Begräbnisort dienen: Dort liegt die<br />

schlichte Grabplatte der 1329 verstorbenen Gräfin Elisabeth von Katzenelnbogen (Nr. 26)<br />

wohl noch in situ im Boden vor dem ehemaligen Altar Johannes des Evangelisten, dessen<br />

zu dieser Zeit gemaltes Wandbild (Nr. 22) sich ebenfalls erhalten hat. Auch die figürliche<br />

Grabplatte ihres 1350 verstorbenen Sohnes Diether von Katzenelnbogen (Nr. 40), Abt des<br />

64 Aufgrund der drei in den Jahren 1668, 1678 und 1684 erstellten, weit über 100 Positionen verzeichnenden<br />

Inventare des Kirchenschatzes von St. Martin (vgl. dazu Pauly, Stifte 419-422, Zitat S. 420), die offenbar nur<br />

Hinweise auf <strong>Inschriften</strong> überliefern ("zwei Humeralia, das eine mit zwölf, das andere mit neun silbernen und<br />

vergoldeten Buchstaben verziert"), ist von einem nicht unbeträchtlichen Verlust an unbekannten <strong>Inschriften</strong><br />

auszugehen. Diese im Bistumsarchiv Trier (Abt. 71, 129 Nr. 235) verwahrten Inventare konnten nicht<br />

eingesehen werden.<br />

65 Vgl. zum Folgenden Pauly, Topographie 66-75 und ders. Stifte 147ff.<br />

66 Zu Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts konnten "umfangreiche Baureste" dieser durch den<br />

Bahnbau des 19. Jahrhunderts zerstört geglaubten Burg wiederaufgefunden werden; vgl. dazu Denkmalpflege<br />

in Rheinland-Pfalz 44-46 (1989-1991) 256.<br />

30


für St. Goar zuständigen Benediktinerklosters Prüm in der Eifel, ist noch vorhanden. Diese<br />

Denkmäler haben zusammen mit zwei weiteren, allerdings inschriftlosen Grabdenkmälern –<br />

dem Epitaph für Elisabeth von Katzenelnbogen und der Tumbendeckplatte des hl. Goar<br />

(vgl. Nr. 395) 67 – den vor 1444 erfolgten Abbruch des Kirchenschiffs überstanden.<br />

Der Erneuerung des Langhauses ab 1444 durch den Vogt und inzwischen auch<br />

Patronatsherrn Graf Philipp von Katzenelnbogen wird durch eine in deutscher Sprache<br />

gereimte Bauinschrift (Nr. 71) gut dokumentiert. Die neue dreischiffige Emporenhalle<br />

erhielt in der Zeit nach ihrer vorläufigen Fertigstellung 1469 (vgl. Nrr. 380, 381) bis 1489<br />

eine nahezu komplette, oft von <strong>Inschriften</strong> begleitete Ausmalung, die sich – wenn auch in<br />

stark restaurierter Form 68 – weitgehend erhalten hat: Neben einer Apostelreihe mit Texten<br />

aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis (Nr. 99 A-L) finden sich biblische Szenen (Nrr.<br />

100, 102, 103, 105, 108, 109) ebenso wie Ausschnitte aus Heiligenviten (Nrr. 101, 104,<br />

106, 108). Oft sind die jeweiligen Stifter der Malereien dargestellt, die der Geistlichkeit<br />

(Nrr. 99, 101, 106), gelegentlich dem Adel (Nrr. 102, 105) oder auch dem Bürgertum (Nr.<br />

104) angehören. Als Stifter von Malereien treten auch Bruderschaften (Nr. 107 A-B) in<br />

Erscheinung, in denen sich weltliche und geistliche Mitglieder organisierten. Von den mit<br />

<strong>Inschriften</strong> versehenen Glasmalereien des Mittelschiffs ist nur noch eine jüngst entdeckte<br />

Scheibe (Nr. 79) mit der Darstellung des Mariengrußes vorhanden. Der endgültige<br />

Abschluß der Bauarbeiten dürfte durch die Jahreszahl 1517 (Nr. 162) dokumentiert sein.<br />

Die erhaltenen Grabdenkmäler der aus zwölf Kanonikern und neun Vikaren bestehenden<br />

Stiftsgeistlichkeit (darin einbegriffen Dekan, Kustos und Kantor), die auch den Pfarrbezirk<br />

St. Goar seelsorgerisch zu betreuen hatte, setzen ebenfalls mit der Fertigstellung des<br />

Mittelschiffs nach 1469 ein. Sie umfassen die Grabplatte eines unbekannten Kanonikers<br />

(Nr. 145), des Kanonikers Daniel Placzfus (Nr.165), des Vikars Nicolaus Wel(le) (Nr. 89<br />

A), des Kustoden Johannes Welle (Nr. 89 B) und (vermutlich) des Dekans Johannes Riet<br />

(Nr. 98). Daneben diente die Kirche bereits vor der Reformation dem Bürgertum bzw. den<br />

seit 1479 in landgräflich-hessischen Diensten stehenden Beamten als Begräbnisstätte – so<br />

einem 1503 verstorbenen unbekannten Bürgerlichen (Nr. 150), dem kurz danach<br />

verstorbenen Amtmann Johann von Breidenbach gen. Breidenstein (Nr. 152), der 1521<br />

verstorbenen Liebmut von Arscheid (Nr. 172), Mutter des damaligen St. Goarer Dekans,<br />

sowie des St. Goarer Schultheißen Johann Thebis (Nr. 186). Zur Ausstattung der<br />

Vorreformationszeit gehören die um 1460 entstandene Steinkanzel (Nr. 85) und die beiden<br />

1506 durch den Meister Wilhelm von Rode gegossenen Glocken (Nrr. 154, 155), auf denen<br />

sich ein nur hier nachweisbares Pilgerzeichen der Wallfahrt zum hl. Goar befindet.<br />

Die auffallende Armut an <strong>Inschriften</strong> im zweiten und dritten Viertel des 16. Jahrhunderts<br />

läßt sich vermutlich mit der allgemeinen Ungewißheit während der von den Landgrafen von<br />

Hessen verantworteten (allmählichen) Umwandlung des Kollegiat-Stifts in eine<br />

evangelische (Stifts-)Kirche ab 1528 erklären. Ein deutliches Zeichen der neuen<br />

Verhältnisse zeigt sich in der 1578 getätigten Kelchstiftung (Nr. 227) des Landgrafen Georg<br />

von Hessen-Darmstadt, eines Bruders des zu dieser Zeit in St. Goar residierenden Philipp<br />

von Hessen-Rheinfels. Daß sich auch die neue evangelische Geistlichkeit in der Kirche<br />

begraben ließ, beweist die kürzlich entdeckte Grabplatte des 1587 verstorbenen Pfarrers<br />

Johannes Erlenbach (Nr. 234), der sich bereits zuvor auf einem Dachschiefer seiner Kirche<br />

(Nr. 198 B) und durch eine Hausinschrift verewigt hatte (Nr. 209). Ein nur noch<br />

fragmentarisch erhaltenes Epitaph (Nr. 248) für den 1597 verstorbenen St. Goarer<br />

Schulmeister und späteren Pfarrer bzw. Superintendenten Melchior Schott dokumentiert das<br />

bewegte Leben eines evangelischen Geistlichen in dieser Zeit. Schott dürfte wie seine im<br />

gleichen Jahr verstorbene Enkelin Anna Maria (Nr. 255) der damals im Rheintal<br />

grassierenden Pest zum Opfer gefallen sein. Offen bleibt, ob eine neu aufgefundene, um<br />

67 Vgl. zu beiden Denkmälern Kessel, Grabmäler pass. (mit Abb.).<br />

68 Vgl. dazu unten Kap. 4.3.<br />

31


1600 zu datierende Grabplatte (Nr. 344) einem Lehrer oder ebenfalls einem Geistlichen<br />

zuzurechnen ist.<br />

Wohl im Zusammenhang mit dem Regierungsantritt des Landgrafen Philipp von Hessen-<br />

Rheinfels im Jahr 1569 (vgl. Nrr. 213, 261) setzen im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts<br />

die Grabdenkmäler der Angehörigen der landgräflich-hessischen Verwaltung ein, die einen<br />

guten Einblick in die soziale Struktur dieser Zeit sowie in die Funktionen der Verstorbenen<br />

und deren verschiedene Ämter erlauben. So war eine Tochter der wohl aus St. Goar<br />

stammenden Margarete Wigand (Nr. 245) und des 1589 verstorbenen hohen Finanzbeamten<br />

Otto Heusner (Nr. 236) mit dem landgräflich-hessischen Kammerschreiber Ludwig Zöllner<br />

von Speckswinkel (Nr. 259; vgl. auch Nr. 262) verheiratet, eine zweite Tochter Elisabeth<br />

mit dem in St. Goar tätigen Juristen Dr. Johannes Röder (vgl. Nr. 269 A). Röder setzte nicht<br />

nur seinen drei zwischen 1597 und 1600 verstorbenen Kindern ein gemeinsames Epitaph<br />

(Nr. 269), sondern auch seinen Schwiegereltern und deren 1602 verstorbenem Sohn (Nr.<br />

276). Da die Ehe des auf Rheinfels residierenden, 1583 verstorbenen Landgrafen Philipp<br />

mit der erst 1609 verstorbenen Anna Elisabeth von Pfalz-Simmern ohne Nachkommen<br />

blieb, beschränken sich die landgräflichen Grabdenkmäler in St. Goar auf ein Kenotaph<br />

(Nr. 262) bzw. ein inschriftloses Epitaph, die in der eigens dafür konzipierten Gruftkapelle<br />

im nördlichen Seitenschiff der Kirche aufgestellt wurden. Ein hervorragend gearbeitetes<br />

Renaissance-Epitaph (Nr. 247) illustriert den hohen Rang des aus Kassel stammenden, 1597<br />

verstorbenen Kanzlers Dr. Friedrich Nordeck, dessen Nachkommen sich in St. Goar<br />

niederließen, Häuser und Höfe besaßen, ein Gasthaus führten und im 17. und 18.<br />

Jahrhundert etwa als Bürgermeister, Amtmänner und Zollschreiber fungierten (vgl. Nrr.<br />

352, 400). Der 1601 verstorbene Oberamtmann Johann Heugel (Nr. 271) erhielt ein ebenso<br />

qualitätvolles Grabdenkmal wie der im gleichen Jahr an Blattern verstorbene<br />

Kammerdiener Johann Conrad von Dermbach (Nr. 272). Mit dem Epitaph für den<br />

Zollschreiber Caspar Dryander von 1612 (Nr. 304) liegt ein Zeugnis für den ranghöchsten<br />

Beamten der landgräflich-hessischen Zollverwaltung vor, der auch einem seiner zuvor<br />

verstorbenen Kinder ein Denkmal (Nr. 296) setzen ließ. Weitere, in den folgenden Jahren<br />

des 17. Jahrhunderts entstandene Denkmäler gehören Kunigunde Sonnenschmidt (Nr. 318),<br />

Frau eines Oberamtsschreibers, dem Oberamtmann Otto Wilhelm von Berlepsch (Nr. 323),<br />

dem Schultheißen Conrad von Hael gen. Schütz (Nr. 352), dem Oberamtmann Dominik<br />

Pors und seiner Frau (Nrr. 372, 373), dem Zollbeseher Welcker (Nr. 393), dem Reservaten-<br />

Kommissar Johann Conrad Nordeck (Nr. 400) sowie den Zöllnern Martin Fischbach (Nr.<br />

408) und Jakob Fabricius (Nr. 413). Die 1635 errichteten Grabdenkmäler für das Ehepaar<br />

von Grorodt (Nrr. 360, 361) dokumentieren den Versuch, sich während der Pestzeit von<br />

Wiesbaden in das vermeintlich sichere St. Goar zu flüchten.<br />

Die Gründe für die ungewöhnlich vielen nur noch als Fragmente erhaltenen<br />

Grabdenkmäler dürften sowohl in den bekannten Maßnahmen während der Reformation, als<br />

auch in den purifizierenden Restaurierungen der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts zu<br />

suchen sein. Offenbar wurden dabei einige Denkmäler beseitigt 69 bzw. beiseite geschafft,<br />

andere aber auch nur durch die damals vorgenommene Erhöhung des Fußbodens verdeckt.<br />

Etliche dieser Grabdenkmäler kamen während der Wiederherstellung des Fußbodens im<br />

Jahr 1966 bzw. während des Einbaus einer Fußbodenheizung im Sommer 2000 70 wieder<br />

zum Vorschein, darunter auch mehrere bislang unbekannte. Zudem konnten Teile der im<br />

Februar 1896 von der evangelischen Gemeinde an das damalige Provinzialmuseum nach<br />

Bonn geschenkten Gruppe "trefflich gearbeiteter Stücke von Grabmälern hessischer<br />

Beamten" 71 vom Bearbeiter im Magazin des heutigen Rheinischen Landesmuseums Bonn<br />

wiederaufgefunden werden (vgl. Nrr. 246, 304, 325).<br />

69 Vgl. dazu Grebel, St. Goar 35, Berichte 1 (1896) 52 sowie unten Kap. 6.<br />

70 Vgl. dazu Hachemer, Grabkammer pass. sowie ausführlich Nikitsch, <strong>Inschriften</strong> 42f.<br />

71 So der Hinweis in Berichte 1 (1896) 64.<br />

32


2.1.10 St. Goar, Burg, Schloß und Festung Rheinfels 72<br />

Die nach 1245 von den Grafen von Katzenelnbogen über St. Goar neu erbaute Burg diente<br />

ihnen bis zu ihrem Aussterben 1479 als Residenz. Wenn auch davon ausgegangen werden<br />

muß, daß dieses "reichste und bedeutendste mittelalterliche Grafengeschlecht am Rhein" 73<br />

zahllose inschriftenrelevante Gegenstände besessen haben muß – wie etwa das nur noch in<br />

Resten erhaltene Prunkgeschirr des berühmten Katzenelnbogener Silberschatzes 74 – haben<br />

sich inschriftliche Zeugnissse aus diesem Zeitraum nicht erhalten. Zentrale Ereignisse aus<br />

der Geschichte der Grafen von Katzenelnbogen fanden dennoch auf einer heute<br />

verschollenen Tafel (Nr. 114) inschriftlichen Niederschlag, die von den sie beerbenden<br />

Landgrafen von Hessen zwischen 1479 und 1493 angefertigt wurde und auf Rheinfels<br />

öffentlich zu sehen war. Aus der frühen landgräflich-hessischen Zeit, als Burg und<br />

Herrschaft von Amtsleuten verwaltet wurden, sind ebenfalls keine <strong>Inschriften</strong> bekannt. Dies<br />

änderte sich erst mit dem 1569 realisierten Entschluß Landgraf Philipps d. J., Sohn des<br />

Reformationslandgrafen Philipps des Großmütigen, die Burg zur Residenz der von ihm<br />

begründeten Seitenlinie Hessen-Rheinfels auszubauen. Wenn auch aus der Zeit bis zu<br />

seinem Tod 1583 (vgl. Nr. 269) nur zwei mit den Initialen seiner Frau Anna Elisabeth<br />

bezeichnete Schmuckstücke (Nr. 213) überliefert sind, so geben doch die erhaltenen<br />

Inventare einen geradezu überwältigenden Eindruck von dem wieder, was einmal an<br />

persönlichen Besitztümern und Ausstattungsgegenständen vorhanden gewesen sein muß<br />

und mit <strong>Inschriften</strong> versehen war bzw. gewesen sein könnte 75 : So befanden sich 1567<br />

neben zahlreichen mit Wappen geschmückten Becher, Kannen und Pokalen unter anderem<br />

auch folgende Gegenstände im Besitz des Landgrafen Philipp: "zwei silberne Halsbänder,<br />

eins mit den Namensbuchstaben des Vaters" sowie "drei Anrichteplatten (...) die Landgraf<br />

Wilhelm an Stelle der zehn, auf denen sein Name steht, von den 31 neuen Silberstücken<br />

eingetauscht hat". 1583 wird in dem damals aufgestellten eigenen Inventar seines<br />

Silberschatzes ein "silbernes Halsband für den Affen mit Namen und Wappen" Philipps<br />

erwähnt. Daß sich auf den zahlreichen Geschützen, den fast 100 Gemälden und sonstigen<br />

Ausstattungsgegenständen der Burg Rheinfels, wie etwa den über zwei Dutzend<br />

Wandbehängen, die z. B. "mit der Schilderung des Lebens und der Taten von Julius Caesar"<br />

versehen waren, weitere im Wortlaut nicht überlieferte <strong>Inschriften</strong> befunden haben dürften,<br />

versteht sich von selbst.<br />

Der einzige große Komplex an teilweise sogar erhaltenen <strong>Inschriften</strong> auf Rheinfels ist der<br />

Regierungszeit des Landgrafen Ernst von Hessen-Rotenburg-Rheinfels zu verdanken, der<br />

nach 1649 ebenfalls eine eigene Linie begründete und Rheinfels zur "stärksten und<br />

modernsten Festung des Reiches" 76 ausbaute. Der 1652 zum katholischen Glauben<br />

konvertierte Landgraf ließ die Burgkapelle mit religiösen Sprüchen und entsprechender<br />

Wandmalerei ausschmücken (Nrr. 388, 389) und errichtete zudem nach 1654 eine neue<br />

katholische Kirche am Rand der Stadt, die er 1658 mit einer St.-Goars-Glocke (Nr. 396)<br />

und dem aus der Krypta der evangelischen (Stifts-)Kirche herbeigeschafften Grabdenkmal<br />

des hl. Goar (Nr. 395) ausstatten ließ. Aus dem Jahr 1660 hat sich mit einem beschrifteten<br />

Wappenstein (Nr. 398) ein erstes Zeugnis seiner Bautätigkeit erhalten, zwei weitere<br />

beziehen sich auf den Bau von Fort Scharfeneck (Nr. 419) und auf die Vollendung der<br />

gewaltigen, als Zentrum der Festungswerke dienenden und nach ihm benannten Ernst-<br />

Schanze (Nr. 446). Daß sich auch er – wie seine Vorgänger – der langen Geschichte von<br />

Rheinfels bewußt war, zeigt die 1672 über der innersten Zugbrücke angebrachte Tafel mit<br />

einer ausführlichen chronikalischen Inschrift in lateinischer Sprache (Nr. 421), die zunächst<br />

72 Vgl. zum Folgenden Demandt, Rheinfels pass. und Caspary, Rheinfels 82ff.<br />

73 So Demandt, Rheinfels, Vorwort IX.<br />

74 Vgl. dazu Demandt, Rheinfels 27f. und 40.<br />

75 Vgl. zum Folgenden Demandt, Rheinfels 233ff. und 301.<br />

76 So Fischer, Rheinfels 5.<br />

33


noch einmal die wichtigsten Geschehnisse aus der katzenelnbogischen und frühen<br />

hessischen Geschichte Revue passieren läßt, dann aber in einem zweiten Teil auf die<br />

wesentlichsten Ereignisse seiner eigenen Zeit eingeht. Landgraf Ernst trat 1683 auch noch<br />

als Stifter des sogenannten dritten Hansenbechers (Nr. 440) in Erscheinung, der – wie seine<br />

beiden älteren Pendants (Nrr. 239, 240) – dem "seit undenkbaren Zeiten" in St. Goar<br />

agierenden "Hanss=, Bursch= oder Halsband=Orden" zur Absolvierung seiner<br />

Aufnahmezeremonien diente.<br />

Zerstört wurde die Festung Rheinfels erst im Jahr 1796, nachdem sie den französischen<br />

Revolutionstruppen kampflos übergeben worden war.<br />

3. DIE QUELLEN DER NICHT-ORIGINALEN ÜBERLIEFERUNG<br />

Von den über 500 im vorliegenden Band (in 465 Katalognummern) erfaßten <strong>Inschriften</strong> 77<br />

haben sich über 400 im Original erhalten, lediglich etwa 100 78 verschollene wurden zum<br />

großen Teil durch die im Folgenden vorzustellenden Gewährsleute kopial überliefert.<br />

Angesichts der bedeutenden <strong>Inschriften</strong>standorte des Bearbeitungsgebietes läßt sich diese<br />

auffallend kleine Zahl nur durch das Fehlen von frühen <strong>Inschriften</strong>sammlungen erklären.<br />

Dies macht sich vor allem bei den traditionell inschriftenreichen Standorten wie Kirchen<br />

und Klöstern 79 bemerkbar, besonders schmerzlich dann, wenn sich dort nur wenige oder<br />

keine beschrifteten Träger erhalten haben: So sind von dem Mitte des 13. Jahrhunderts<br />

gegründeten und 1802 aufgelösten Minoritenkloster in Oberwesel zwar noch<br />

beeindruckende Ruinen vorhanden 80 ; trotz einiger Anniversar-Stiftungen und<br />

Begräbnisnachrichten konnten bislang für dieses Kloster jedoch weder erhaltene noch<br />

kopial überlieferte <strong>Inschriften</strong> nachgewiesen werden. Auch von den Bewohnerinnen der<br />

mittelalterlichen Beginenklause bzw. des späteren Franziskanerinnen-Klosters St. Martin in<br />

Boppard ist bislang keine einzige Grabinschrift bekannt geworden. Nicht viel besser steht<br />

es mit dem in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründeten und 1802 aufgehobenen<br />

Zisterzienserinnen-Kloster Allerheiligen in Oberwesel 81 , wo sich außer der Grabplatte einer<br />

1637 verstorbenen Äbtissin (Nr. 367) nichts inschriftlich Verwertbares erhalten hat. Auch<br />

aus dem Mitte des 12. Jahrhunderts gegründeten, aber bereits Mitte des 16. Jahrhunderts<br />

aufgegebenen Augustiner-Klosters Peternach 82 bei Boppard ist außer der Jahreszahl eines<br />

späteren Umbaus von 1601 (Nr. 274) nichts derartiges bekannt.<br />

Der Beginn der kopialen Überlieferung setzt mit zwei sonst nicht bekannten <strong>Inschriften</strong><br />

(Nrr. 21, 189) zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein und ist dem historischen Interesse des<br />

(Früh-)Humanismus zu verdanken. Daß auch an unerwarteter Stelle <strong>Inschriften</strong><br />

weitergegeben werden, zeigt das um 1600 verfaßte "Urbarium oder Zinß-buch" des<br />

Liebfrauenstiftes in Oberwesel mit ebenfalls zwei bislang unbekannten Grabinschriften<br />

77 Die Diskrepanz zwischen Katalogzählung und tatsächlicher Anzahl der <strong>Inschriften</strong> erklärt sich dadurch, daß<br />

in einigen Katalognummern mehrere <strong>Inschriften</strong> zusammengefaßt bzw. einige <strong>Inschriften</strong>träger zu<br />

unterschiedlichen Zeiten mit <strong>Inschriften</strong> versehen wurden.<br />

78 Da durch die unterschiedlichen Restaurierungsstufen vor allem bei Wand-, Glas- und Tafelmalerei eine<br />

eindeutige Festlegung zwischen original erhalten, (stark) überarbeitet und neu ausgeführt nur selten getroffen<br />

werden kann, sollen die Zahlenangaben nur einen ungefähren Eindruck von dem gegenseitigen Verhältnis<br />

vermitteln.<br />

79 In den städtischen Kirchen und auf den sie umgebenden Friedhöfen des Bearbeitungsgebietes waren<br />

Begräbnisse in der Regel bis zum Jahr 1778 möglich; dann ordnete die von dem Trierer Erzbischof Clemens<br />

Wenceslaus erlassene Trauerordnung aus hygienischen Gründen die Verlegung aller Friedhöfe vom<br />

Stadtinnern nach draußen an; vgl. dazu Stollenwerk, Kurfürst pass.<br />

80 Vgl. dazu und zum Folgenden Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 630ff.<br />

81 Vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 699ff.<br />

82 Vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 698ff.<br />

34


(Nrr. 241, 142). Einiges an inschriftlicher Überlieferung ist in Reisetagebüchern und<br />

Reisebeschreibungen der späteren Jahrhunderte (Nrr. 218, 388, 389, 395) enthalten.<br />

Da die Standorte des Bearbeitungsgebietes seit mittelalterlicher Zeit zum Gebiet des<br />

Erzbistums Trier zählen, liegen von dem sonst so aktiven Mainzer Domarchivar und<br />

<strong>Inschriften</strong>sammler Georg Helwich (1588-1632) 83 naturgemäß keine entsprechenden<br />

Sammlungen vor. Gleichwohl stellte Helwich 1626 in den "Epitaphia Dalbergiorum"<br />

Abschriften von <strong>Inschriften</strong> der Grabdenkmäler der Kämmerer von Worms gen. von<br />

Dalberg zusammen, die allerdings 1944 verbrannten. Da aber bereits 1821 aus dieser<br />

Handschrift Auszüge mitgeteilt wurden, haben wir dadurch Kenntnis von nur dort<br />

mitgeteilten Grabinschriften zweier Dalberger Nonnen in Kloster Marienberg zu Boppard<br />

(Nrr. 164, 168).<br />

Die um 1640 von Pater Pius Bodenheim, dem Beichtvater des Franziskanerinnen-Klosters<br />

St. Martin 84 , begonnene Klosterchronik überliefert zwar keine Grabinschriften der Nonnen,<br />

dafür aber zwei sonst unbekannte, die Bopparder Kloster- bzw. Stadtgeschichte betreffende<br />

<strong>Inschriften</strong> (Nrr. 94, 118) und die zum Teil ins <strong>Deutsche</strong> übersetzten, mit der Tätigkeit des<br />

Frühhumanisten Johannes Flaming zusammenhängenden Texte (Nrr. 160, 188, 189).<br />

Die früheste Niederschrift der beiden für das Bopparder Karmeliterkloster zentralen<br />

<strong>Inschriften</strong> für den 1293 verstorbenen Mönch Heinrich (Nrr. 18, 278) findet sich in den<br />

1648 geschriebenen, sonst aber keine weiteren <strong>Inschriften</strong> enthaltenden historischen<br />

Notizen des dortigen Konventualen Petrus Libler 85 .<br />

Bis 1675 verfaßte der Bopparder Karmelitermönch Jakob Milendunck seine vielbändige<br />

"Historia provinciae Carmelitorum", wobei er im fünften Band ausführlich sein eigenes<br />

Kloster behandelte. Historisch-chronologisch vorgehend, überliefert Milendunck dabei<br />

hauptsächlich die für ihn wichtigen <strong>Inschriften</strong> der zu seiner Zeit noch vorhandenen<br />

Grabdenkmäler, die sich weitgehend bis heute erhalten haben. Dennoch stellt er für einige<br />

inzwischen verschollene <strong>Inschriften</strong> (Nrr. 45, 173, 187, 387) die einzige und wohl auch<br />

verläßliche Quelle dar. Der am 20. März 1682 im Alter von 71 Jahren im Karmeliterkloster<br />

verstorbene Milendunck, der "bedeutendste Geschichtsschreiber der Niederdeutschen<br />

Provinz im 17. Jahrhundert" 86 , wurde auch dort begraben, ohne daß jedoch seine<br />

Grabinschrift überliefert worden wäre.<br />

Der oldenburgische und bremische Rat Johann-Just Winkelmann (1620-1699) 87<br />

veröffentlichte in seiner 1697 gedruckten hessischen Geschichte neben einer sonst<br />

unbekannten Inschrift aus St. Goar (Nr. 209) auch zahlreiche die Grafen von<br />

Katzenelnbogen betreffende <strong>Inschriften</strong>, darunter die fünf prosopographischchronikalischen<br />

<strong>Inschriften</strong> auf der ehemals auf Burg Rheinfels verwahrten Tafel (Nr. 114)<br />

aus dem Ende des 15. Jahrhunderts.<br />

Der aus St. Goar gebürtige "Hochfürstlich Leiningen Westerburgische Archiv Rath"<br />

Johann Ludwig Knoch verfaßte 1752 eine handschriftliche "Historisch-Topographische<br />

Beschreibung der Alterthümer" seiner Vaterstadt, in die er gelegentlich auch <strong>Inschriften</strong><br />

einfließen ließ, so die des inzwischen verschollenen sogenannten ersten Hansenbechers (Nr.<br />

239).<br />

Der Konvent des bei Boppard gelegenen Benediktinerinnen-Klosters Marienberg ließ<br />

zwischen dem großen Klosterbrand von 1738 und 1768 mehrere gleichartige Gedenksteine<br />

für einige Nonnen anfertigen, die wohl deren offenbar zerstörte Grabsteine ersetzen sollten.<br />

Es handelte sich um zum Teil heute noch vorhandene, große hochrechteckige Platten aus<br />

83 Vgl. zu ihm Fuchs, Helwich pass. und die entsprechenden Passagen in den Einleitungen zu DI 29 (Stadt<br />

Worms), DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach), DI 38 (Lkrs. Bergstraße), DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis), DI 49<br />

(Stadt Darmstadt und Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) und DI 51 (Stadt Wiesbaden).<br />

84 Er übte diese Funktion in den Jahren 1637 bis 1640 aus, wurde dann versetzt und starb am 3. Mai 1662 als<br />

Beichtvater des Annunziatinnen-Klosters in Aachen; vgl. dazu Rhein. Antiquarius II 5, 446.<br />

85 Die Kenntnis dieser Quelle verdanke ich einem freundlichen Hinweis von Frau Gepa Spitzner, Mainz.<br />

86 So Koch, Karmelitenklöster 36.<br />

87 Vgl. zu ihm Bonnet, Nassau 107.<br />

35


otem Sandstein in Form eines gedrungenen Kreuzes mit nur andeutungsweise ausgeführten<br />

Kreuzarmen 88 . Oben im Feld ist ein von Lorbeerkränzen oder Palmwedeln umgebenes<br />

Wappen angebracht, darunter die jeweilige, in einer barocken Mischschrift ausgeführte<br />

Gedächtnisinschrift. Da sich das verwendete Formular offenbar nur mit geringen textlichen<br />

Abweichungen an den Vorbildern orientierte, konnten – mit aller Vorsicht – zwei dieser<br />

Gedächtnissteine (Nrr. 201, 223) ebenfalls als <strong>Inschriften</strong>überlieferer in Anspruch<br />

genommen werden. Abgesehen von dem unten ausführlich behandelten Bereich der Wandund<br />

Tafelmalerei gilt Ähnliches für eine kleine Gruppe unterschiedlicher <strong>Inschriften</strong>, die<br />

auf dem originalen Träger in moderner Ausführung wiedergegeben wurden (Nrr. 85, 263,<br />

380).<br />

Im Jahr 1768 bereisten "auf höchsten Churfürstlichen Befehl (...) Gerichtsrath Kremer<br />

und der Secretarius Acad(emiae Lamey)" 89 Teile der an die Kurpfalz grenzenden Gebiete<br />

und notierten bei dieser Gelegenheit auch die inzwischen zum Teil verlorenen <strong>Inschriften</strong><br />

der in Kloster Marienberg begrabenen Nonnen aus dem Haus der Herzöge von Pfalz-<br />

Zweibrücken bzw. Pfalz-Simmern (Nrr. 170, 175; vgl. auch 291). Wie ein Vergleich mit<br />

noch erhaltenen <strong>Inschriften</strong> (Nr. 167) eindeutig zeigt, überliefern Kremer/Lamey textlich<br />

recht zuverlässig und geben sogar Buchstabenformen mit Kürzungszeichen korrekt wieder.<br />

Vergleichbare andere, in den "Acta Academiae" der kurpfälzischen Akademie zu<br />

Mannheim gedruckten Berichte teilen gelegentlich sonst nicht bekannte <strong>Inschriften</strong> mit<br />

(Nrr. 190, 196 B).<br />

Eine ganz außergewöhnliche und noch längst nicht erschöpfend behandelte Quelle für die<br />

Geschichte des Benediktinerinnen-Klosters Marienberg 90 liegt in der vier umfangreiche<br />

Bände umfassendenen Handschrift "Confluvium historicum monasterii B. M. V. prope<br />

Boppardiam" 91 vor. Das von dem seit 1758 zunächst als Cellerar, dann ab 1762 als Propst<br />

und Beichtvater des Klosters tätigen Konrad d'Hame 92 (1729-1782) in den Jahren 1772 bis<br />

1773 niedergeschriebene Kompendium enthält (u. a.) nicht nur Abschriften sonst<br />

unbekannter <strong>Inschriften</strong> aus unterschiedlichen Bereichen des klösterlichen Lebens – wie die<br />

eines Tragaltars (Nr. 113), zweier Altarstiftungen (Nrr. 324, 412) oder der<br />

Barockverglasung der Kirche (Nr. 410), sondern auch detailgenaue Nachzeichnungen<br />

zahlreicher Grabdenkmäler von Angehörigen der Marienberger Klosterfamilie. In diesem<br />

Zusammenhang stellt d'Hame für viele inzwischen untergegangene Denkmäler den ersten<br />

abschriftlichen Nachweis (Nrr. 91, 194, 200, 224, 298, 303, 324, 363, 364, 407) bzw. den<br />

ersten durch Nachzeichnung (Nrr. 20, 176, 258, 285, 299, 301, 302, 336, 340, 342, 347,<br />

353, 357, 390, 399, 405, 406, 415, 435, 436, 445, 449) erbrachten Beleg dar. Da einige der<br />

von d'Hame überlieferten Denkmäler erhalten geblieben sind, wird seine durchaus<br />

verschiedenartige Arbeitsweise erkennbar. Zwar versucht er in einigen wenigen Fällen bei<br />

der Nachzeichnung des jeweiligen Grabdenkmals nicht nur den Inhalt der Inschrift<br />

wiederzugeben, sondern auch die originale Form der Buchstaben nachzuahmen (Nrr. 28,<br />

176, 258), in der Regel bleibt es aber bei der einigermaßen verläßlichen textlichen<br />

Wiedergabe. Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Original und Überlieferung<br />

lassen sich gut an der unlängst wiederaufgefundenen Grabplatte der 1682 verstorbenen<br />

Nonne Maria Magdalena von Frankenstein (Nr. 437) illustrieren: Von der äußeren Form her<br />

gesehen, stimmt die Nachzeichnung der Grabplatte mit Umschrift zwischen Linien, dem<br />

von einem Lorbeerkranz umgebenem Vollwappen der Verstorbenen und den vier<br />

Ahnenwappen in den Ecken mit dem Original überein, allerdings sind die<br />

88 Vgl. dazu die Abb. 177 und 178 in Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 288.<br />

89 Vgl. Kremer/Lamey, Varia fol. 1.<br />

90 Vgl. dazu die Auswertungen bei Rupp, Beiträge pass. (mit Beschreibung der Handschrift S. 4ff.), Kdm.<br />

Rhein-Hunsrück 2.1, 270ff. und Jaeschke, Marienberg pass.<br />

91 Eine handschriftliche deutsche Übersetzung der Chronik in fünf Bänden aus dem Jahr 1778 befindet sich in<br />

der Privatsammlung Heinrich Nick, Boppard.<br />

92 Vgl. zu ihm Becker, Benediktinerabtei 769f.<br />

36


Wappenbeischriften bei d'Hame abweichend in auf der Grabplatte nicht vorhandene<br />

Schriftbänder gesetzt. Auch die von ihm für die Wiedergabe der Inschrift verwendete<br />

Schriftform unterscheidet sich deutlich vom Original: hier durchgehend mit Kürzungen<br />

versehene Kapitalis, dort der von d'Hame aufgelöste Text, geschrieben in einer Art<br />

humanistischer Minuskel mit kapitalen Versalien. Die textlichen Abweichungen der<br />

Inschrift sind zwar vom Inhaltlichen her gesehen vernachlässigbar, im Einzelnen doch<br />

erheblich: Anno 1682. Die 27ma Decembris bei d'Hame statt AN(N)O D(OMI)NI 1682 DIE<br />

27 DECE(M)P(RIS) im Original, weiterhin & statt AC, sowie de Frankckenstein statt V(ON)<br />

V(ND) ZV FRANCKANSTEIN. d'Hame versucht also offenbar, ihm auffallende Fehler<br />

teilweise zu verbessern, was ihn aber nicht daran hindert, seiner Abschrift im Original nicht<br />

Vorhandenes hinzuzufügen, so etwa das Amen der Fürbitte.<br />

Im 19. Jahrhundert setzt die <strong>Inschriften</strong>überlieferung verhältnismäßig spät mit der<br />

zwischen 1854 und 1876 von Wilhelm Schlad 93 "mühsam gesammelt(en) und freudig<br />

bearbeitet(en)" Chronik der Stadt Boppard ein; in dieser mehr als 300 Seiten starken<br />

Handschrift finden sich neben vielen anderen interessanten Beobachtungen auch zwei sonst<br />

nicht bekannte Grabinschriften (Nrr. 333, 368) aus der Karmeliterkirche. Auf Schlad gehen<br />

zudem die inschriftenreichen Kapitel über die Stadt Boppard und ihre Kirchen sowie über<br />

das Kloster Marienberg zurück, die einen nicht unwesentlichen Teil des 1856 gedruckten 5.<br />

Bandes des Rheinischen Antiquarius ausmachen. Seinem 1868 verstorbenen Bruder<br />

Nikolaus Schlad 94 verdanken wir neben zahlreichen Federzeichnungen des Bopparder<br />

Stadtbildes auch eine vor 1854 angefertigte Nachzeichnung von Wandmalereien aus der<br />

Bopparder Karmeliterkirche (Nr. 63).<br />

Durch die zeichnerische Dokumentation der 1868 in Boppard gemachten<br />

Ausgrabungsfunde, sind zwei inzwischen verschollene frühchristliche Grabsteine (Nrr. 9,<br />

11) in Nachzeichnung überliefert worden.<br />

Paul Lehfeldt verzeichnete in seinen 1886 erschienen Bau- und Kunstdenkmälern der<br />

Rheinprovinz neben zahlreichen erhalten gebliebenen Denkmälern auch zwei nicht mehr<br />

vorhandene <strong>Inschriften</strong> (Nrr. 110 C, 444) sowie die <strong>Inschriften</strong> zweier eingeschmolzener<br />

Glocken (Nrr. 47, 149).<br />

Nicht nur dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tätigen Pfarrer und Gelehrten<br />

Johann Nick 95 verdanken wir wesentliche historische Arbeiten, sondern auch seinem<br />

zwischen den dreißiger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Boppard agierenden<br />

Neffen Jean Nick, der die Grabkreuze in Bad Salzig (s. d.) sowie auch einen verschollenen<br />

frühchristlichen Grabstein (Nr. 6) in Boppard zeichnerisch überlieferte.<br />

Gelegentlich sind Denkmäler mit ihren <strong>Inschriften</strong> auf Karteikarten in Museen<br />

verzeichnet bzw. durch hand- oder maschinenschriftliche Inventare überliefert: So ein nach<br />

1327 in Boppard gefertigter Sömmer (Nr. 25), ein um 1500 datierter Bopparder Kelch (Nr.<br />

142) sowie Schmuckstücke aus dem Besitz Anna Elisabeths von Hessen-Rheinfels (Nr.<br />

213). Schließlich können auch Nachzeichnungen, fotografische Aufnahmen, Repliken oder<br />

Abschriften aus jüngerer Zeit als letzte Zeugen verschollener <strong>Inschriften</strong> (Nrr. 60, 129, 198,<br />

249, 261 D, 279 A, 293, 317, 322, 331, 350, 358, 362, 371, 424, 429, 440, 460) dienen.<br />

Ergänzend ist noch anzumerken, daß in der vor allem in der ersten Hälfte des 19.<br />

Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Rhein-Romantik stark angewachsenden<br />

Reiseliteratur 96 erstaunlich wenig <strong>Inschriften</strong> überliefert worden sind (Nr. 389); in der<br />

Regel beließ man es bei Hinweisen auf aufzusuchende Orte und deren meist allgemein<br />

gehaltenen Beschreibungen.<br />

93 Vgl. zu ihm Das alte Boppard 94-96 sowie Stollenwerk, Christian von Stramberg pass.<br />

94 Vgl. zu ihm Das alte Boppard 92f.<br />

95 Vgl. zu ihm Schüller, Nick pass.<br />

96 Vgl. dazu Blum, Kunstwerke pass. und Schmitt, Rhein-Beschreibungen pass.<br />

37


4.1 Denkmäler des Totengedächtnisses 97<br />

4. DIE INSCHRIFTENTRÄGER<br />

Wie in fast allen bisher publizierten <strong>Inschriften</strong>bänden bilden auch im Bearbeitungsgebiet<br />

die Denkmäler des Totengedenkens die weitaus größte Gruppe. Daher sollen sie im<br />

Folgenden hinsichtlich ihrer formalen wie inhaltlichen Entwicklung ausführlich gewürdigt<br />

werden. Den 13 frühchristlichen Grabsteinen ist aufgrund ihrer singulären Stellung und<br />

ihrer außergewöhnlichen Bedeutung ein eigenes Kapitel gewidmet.<br />

4.1.1 Die frühchristlichen Grabsteine aus Boppard: Gestaltung, Inschrift und Datierung<br />

Ebenso wie in anderen Ortschaften des römischen Germaniens wurden auch von der auf<br />

dem Gebiet des späteren Boppard siedelnden römischen 98 , dann gallo-romanischen bzw.<br />

fränkischen Bevölkerung Grabdenkmäler unterschiedlicher Art zum Gedenken an die<br />

Verstorbenen errichtet. Die im Gegensatz zu den römischen Brandgräbern meist in<br />

Reihengräbern bestatteten Toten 99 der gallo-romanischen bzw. fränkischen Gemeinde<br />

wurden in der Regel in von Stein- oder Schieferplatten umstellten und abgedeckten<br />

körpergroßen Gräbern, seltener in Trockenmauergräbern oder schmucklosen Sarkophagen<br />

beigesetzt. Wie durch die zum Teil noch in situ aufgefundenen Gräber in Boppard<br />

nachgewiesen werden konnte, waren sie gelegentlich durch kleine beschriftete Grabsteine<br />

bezeichnet, die wohl oberidisch und damit sichtbar am Kopfende des Grabes plaziert<br />

waren 100 . Aus dem Stadtgebiet Boppards sind seit 1868 101 – als während der Anlage eines<br />

Kanalgrabens zufällig ein Feld mit Reihengräbern angeschnitten wurde – bis heute dreizehn<br />

mit <strong>Inschriften</strong> versehene frühchristliche Grabsteine 102 dieser Art bekannt geworden (Nrr.<br />

1-12, 6a). Aber nur ein Teil der Bopparder Steine stammt mit Sicherheit aus diesem großen,<br />

in der Gemarkung "Im Proffen" liegenden Gräberfeld 103 . Weitere dort aufgefundene Steine<br />

waren bereits zweitverwendete Spolien, gleiches gilt für die übrigen Funde aus dem<br />

heutigen Stadtbereich 104 . Bisher konnten in Boppard insgesamt 18 größere und kleinere<br />

Fundstätten 105 nachgewiesen werden. Abgesehen von der wohl nicht mehr zu<br />

beantwortenden Frage nach der tatsächlichen Herkunft der zweitverwendeten Grabsteine,<br />

ergibt sich ein weiteres Problem aus dem Umstand, daß bei den fast 190 in Boppard mehr<br />

97 Vgl. zur ihrer Terminologie Seeliger-Zeiss, Grabstein pass.<br />

98 Der erste Siedlungsplatz der Römer, ein unbefestigter, auf keltische Ursprünge zurückgehender Straßenvicus,<br />

lag etwa einen Kilometer rheinabwärts vom heutigen Stadtkern im Mündungsbereich des Mühltales direkt am<br />

Rhein. Durch Funde ist eine kontinuierliche Belegung dieses "Fischer- und Händlerdorfes" (Wegner, Ur- und<br />

Frühgeschichte 31) für das 1. bis 3. nachchristliche Jahrhundert gesichert, so Eiden, Militärbad 81.<br />

99 Vgl. zum Folgenden den Überblick bei Neumayer, Grabfunde 7ff.<br />

100 Vgl. dazu besonders Nrr. 9 und 11 sowie zur ähnlichen Grabmarkierung in spätrömischer Zeit Kaufmann,<br />

Epigraphik 17ff. und Haffner, Gräber 41.<br />

101 Vgl. zum Folgenden den Ausgrabungsbericht von Bendermacher, Grabstätten pass. und den Stand aus<br />

heutiger Sicht bei Neumayer 166ff.<br />

102 Vgl. zur Definition Boppert, Andernach 121, wonach als frühchristlich diejenigen Grabinschriften in den<br />

gallisch-germanischen Provinzen bezeichnet werden, die frühestens gegen Ende des 4. Jahrhunderts und vor<br />

der sogenannten karolingischen Renaissance um 800 entstanden sind. – Neben einem Grabstein mit<br />

runenähnlichen Zeichen fanden sich auch einige wenige mit Kreuzen, geometrischen Mustern und einfachen<br />

Ritzungen.<br />

103 Vgl. zu diesem letztmals 1978 (im Bereich Säuerling) archäologisch untersuchten Gräberfeld Wegner,<br />

Denkmäler 759.<br />

104 Noch 1995 und 2003 wurden in Boppard zwei als Spolien verbaute <strong>Inschriften</strong>steine (Nr. 10 und 6a)<br />

entdeckt; mit weiteren (Zufalls-)Funden ist zu rechnen.<br />

105 Vgl. zu den Fundstellen Neumayer, Grabfunde 166-176 mit Karte 1.<br />

38


oder weniger gut dokumentierten frühchristlichen Gräbern 106 offensichtlich nur ein kleiner<br />

Teil durch mit <strong>Inschriften</strong> versehene Grabsteine gekennzeichnet war. Da aber beschriftete<br />

Grabsteine eigentlich die Voraussetzung für den christlichen Akt des Totengedenkens<br />

bilden, bleibt zu fragen, ob es möglicherweise entsprechend beschriftete Denkmäler aus<br />

Holz gab, wie sie zumindest als hölzerne Grabmale bzw. Pfeiler etwa auf den benachbarten<br />

Friedhöfen von Mayen und der Pellenz nachgewiesen wurden 107 .<br />

Um zu einer einigermaßen gesicherten zeitlichen Einordnung der ausnahmslos<br />

undatierten bzw. ohne Todesjahr ausgeführten frühchristlichen Grabsteine im Rheinland zu<br />

gelangen, ist die Beachtung der Fundumstände, die vergleichende Analyse des<br />

Namensmaterials und des Formulars sowie der Schreibweisen und Schriftformen<br />

unumgänglich 108 . Hinzu kommt im Falle Boppards die Auseinandersetzung mit den<br />

Ergebnissen der archäologischen Forschung, der neben der (meist eher zufälligen)<br />

Entdeckung von frühchristlichen Gräbern und Grabsteinen auch der aufsehenerregende<br />

Nachweis einer frühen Kirche aus vorkarolingischer Zeit gelang: Die 1963 bis 1968 von<br />

Eiden durchgeführte (bislang aber nur teilweise publizierte) Ausgrabung 109 im Bereich des<br />

Marktplatzes und der heutigen spätromanischen Kirche St. Severus belegte eine<br />

Saalkirche 110 mit um Mauerstärke eingezogener Apsis, die mit einem leicht erhöhten<br />

Chorraum (ohne Priesterbank und festem Altar), einem fünf Meter langen Gang (solea) mit<br />

dreiviertelrunder Altar-Kanzel (bema/ambo) sowie – durch eine Schranke getrennt – einen<br />

westlich anschließendem Taufraum (baptisterium) mit begehbarem Taufbecken (piscina)<br />

ausgestattet war. Wurde dieser – im Einklang mit den zeitgenössischen<br />

Bestattungsvorschriften 111 – eindeutig als Gemeinde- und Taufkirche konzipierte Sakralbau<br />

von Eiden aufgrund des Grabungsbefundes und formaler Indizien, aber auch mit Hinweis<br />

auf den schon länger bekannten Grabstein des Armentarius (Nr. 1) 112 in das 5. bzw. in die<br />

zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts 113 datiert, so führt die unlängst von Ristow vorgelegte<br />

Neudatierung seiner liturgischen Einbauten 114 eher zu der Annahme, daß diese frühe<br />

Kirche erst im 6. Jahrhundert erbaut wurde, vielleicht sogar erst nach 567 115 . Wenn auch<br />

mit diesem späteren Datierungsansatz wieder neue, noch zu diskutierende Fragen<br />

aufgeworfen werden, so bietet er doch den Vorteil, aus aktuellen Fragestellungen<br />

gewonnene Erkenntnisse zu berücksichtigen: Da es sich bei der Auf- und Neubearbeitung<br />

älterer Kirchengrabungen immer wieder gezeigt hat, daß die früher oft mit leichter Hand<br />

vorgenommenen Frühdatierungen christlicher Kirchen im Rheinland vom archäologischen<br />

106 Vgl. dazu die Übersicht bei Volk, Boppard 68 und 166ff.<br />

107 Vgl. dazu die Hinweise bei Böhner, Grabmäler 660 und 666 sowie Neumayer, Grabfunde 11.<br />

108 Vgl. etwa die entsprechende Behandlung der frühchristlichen <strong>Inschriften</strong> Andernachs bei Boppert,<br />

Andernach pass. und Wiesbadens in DI 51 (Wiesbaden) Nrr. 2-6.<br />

109 Vgl. dazu und zum Folgenden Eiden, Militärbad 91ff. und ders., Ausgrabungen pass.<br />

110 Vgl. dazu den zeichnerischen Rekonstruktionsversuch bei Eiden, Ausgrabungen Abb. 7. – Diese Kirche war<br />

ihrerseits in die zum gleichen Zeitpunkt ausgegrabene Thermenanlage des um die Mitte des 4. Jahrhunderts<br />

errichteten römischen Steinkastells Bodobrica eingebaut.<br />

111 Vgl. dazu ausführlich Scholz, Grab pass.<br />

112 Eiden, Frühzeit 30 bezeichnet ihn – allerdings ohne nähere Begründung – als Beweis für eine bereits seit<br />

dem 4. bzw. 5. Jahrhundert existierende christliche Gemeinde in Boppard.<br />

113 Die neueren Publikationen haben sich diesen Datierungen in der Regel diskussionslos angeschlossen; vgl.<br />

etwa Vorromanische Kirchenbauten 400f.; Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 204; Wegner, Ur- und Frühgeschichte<br />

47 und ders., Denkmäler 757. Im Katalog Spätantike und Frühes Mittelalter 65 wird als Erbauungszeit das<br />

ausgehende 5. bzw. das frühe 6. Jahrhundert angegeben.<br />

114 Vgl. zum Folgenden ausführlich Ristow, Einordnung pass. und ihm folgend Polfer, Kirchenbauten 76f. und<br />

Weber, Zeugnisse 508. – Bereits Gauthier, L' Évangélisation 239 und Engemann, Epigraphik 36 haben darauf<br />

hingewiesen, daß die Kirche in Boppard aufgrund ihrer liturgischen Einbauten, vor allem aufgrund der<br />

schlüssellochförmigen Amboanlage wohl nicht vor dem 6. Jahrhundert erbaut wurde.<br />

115 Da der erhöhte Chorbereich offensichtlich durch eine Schrankenanlage vom eigentlichen Kirchenraum<br />

abgetrennt war, könnte dieser Befund – so Ristow – als ein Reflex auf die Beschlüsse der Synode von Tours<br />

567 gewertet werden, in denen eine sichtbare Trennung zwischen Presbyterium und Laienraum gefordert<br />

wurde.<br />

39


und kunsthistorischen Standpunkt her kaum bestätigt werden konnten 116 , hat es offenbar –<br />

so das überraschende Resümee – "eine nennenswerte christliche Kirchbautätigkeit des 5.<br />

Jahrhunderts im Rheinland (...) nicht gegeben" 117 .<br />

Da die Entdeckung der frühchristlichen Kirche in Boppard von der Forschung stets mit<br />

der Existenz einer christlichen Gemeinde und ihren Grabsteinen in Verbindung gebracht<br />

wurde, ergibt sich durch diese neuen Überlegungen ein grundsätzliches Problem für die<br />

zeitliche Einordnung eines Teils der beschrifteten, bislang von der Mitte des 5. bis ins 8.<br />

Jahrhundert datierten Bopparder Grabsteine 118 . Bevor dazu ein Lösungsvorschlag<br />

unterbreitet werden kann, soll zunächst untersucht werden, ob sich aus den äußeren und<br />

inneren Merkmalen dieser Bopparder Grabsteine Gruppen bilden lassen, die zumindest<br />

ansatzweise zu einer relativen Chronologie führen.<br />

Bereits ein kurzer vergleichender Blick auf die zehn erhaltenen und drei in<br />

Nachzeichnung bzw. als Foto überlieferten Grabsteine legt die Einteilung in zwei Gruppen<br />

nahe. Trotz vieler Gemeinsamkeiten, etwa in der verwendeten Schrift (Kapitalis) und<br />

Sprache (Vulgärlatein) sowie im Formular (Eingangsformel mit dem Namen des<br />

Verstorbenen, Lebenszeit- und Altersangabe, Todesdatum nach dem römischen Kalender),<br />

ergeben sich bei näherer Betrachtung dennoch auffällige Unterschiede.<br />

In der ersten Gruppe lassen sich mit den Grabsteinen für Armentarius, Besontio, Eusebia,<br />

Nomidia, Saturnalis, dem Dies-Fragment (Nrr. 1-6) und für Achifracius (Nr. 6a) sieben<br />

Denkmäler zusammenfassen, von denen die erhaltenen – mit Ausnahme des Besontio- und<br />

Achifracius-Steins – als plastisch gerahmte Tafeln aus Kalkstein mit zeilenweise<br />

eingehauener Inschrift zwischen Linien ausgeführt sind. Vier dieser Grabsteine sind mit<br />

christlichen Symbolen geschmückt: Christogramm und Tauben bei Armentarius und<br />

Besontio, lateinische Kreuze bei Besontio und Nomidia, ein Palmzweig bei dem Dies-<br />

Fragment. Abgesehen von dem durch eine metrische Inschrift hervorgehobenen Stein der<br />

Nomidia und dem eine Sonderstellung einnehmenden Achifracius-Stein beginnen die<br />

<strong>Inschriften</strong> der anderen Tafeln stets mit der Eingangsformel HIC (IN PACE) QVIESCIT<br />

bzw. QVIESCVNT. Noch ganz in der Tradition paganer römischer Grabsteine stehen die<br />

Mitteilung der Inschriftsetzung und die namentliche Nennung der Dedikanten: Bei<br />

Armentarius werden als Stifter des TITOLVM Vater und Mutter, bei Nomidia wird die<br />

Schwester aufgeführt. Weiterhin können nahezu alle auf den Grabsteinen vorkommenden<br />

Namen wie Agripina, Armentarius, Besontio, Berancio, Eu(c)haria, Eusebia, Justiciola,<br />

Nomidia und Saturnalis auf gallo-romanische Formen 119 zurückgeführt werden. Die<br />

entscheidende Übereinstimmung zeigt sich aber bei allen Grabsteinen dieser Gruppe in dem<br />

Gebrauch der gleichen Schriftvariante der Kapitalis, der sogenannten spätrömischchristlichen<br />

Schrift 120 , die sich durch die Aufnahme unklassischer Elemente deutlich von<br />

der römischen Monumentalschrift abhebt.<br />

Die zweite Gruppe wird durch die Grabsteine für Audulpia, Bilefridus, Chrodebertus,<br />

Fredoara, Nonnus, und (...)dis (Nrr. 7-12) gebildet, die – bis auf den Audulpia-Stein – aus<br />

kleinen hochrechteckigen Quadern aus Kalkstein mit zeilenweise eingehauener Inschrift<br />

zwischen Linien bestehen. Ihre <strong>Inschriften</strong> beginnen stets mit der Eingangsformel HIC<br />

REQVIESCIT IN PACE 121 , weisen (außer NONNVS) germanische Namensformen auf und<br />

116 Vgl. dazu den Hinweis bei Ristow, Einordnung 255 und insgesamt die grundlegenden Ausführungen von<br />

Engemann, Epigraphik pass., der zahlreiche überzeugende Belege für den politischen, kulturellen und<br />

wirtschaftlichen Niedergang des Rheinlands im 5. Jahrhundert zusammengetragen hat.<br />

117 So Engemann, Epigraphik 28.<br />

118 Vgl. dazu Boppert, <strong>Inschriften</strong> 125-139 mit der Edition von sechs Grabsteinen und Neumayer, Grabfunde<br />

166-176 unter Berücksichtigung fünf weiterer <strong>Inschriften</strong>steine.<br />

119 Vgl. dazu die umfangreiche Liste galloromanischer Namen bei Haubrichs, Romanen 386ff.<br />

120 Vgl. dazu und zum Folgenden unten Kap. 5.1.<br />

121 Boppert, Andernach 124 und 130 hat für die dortigen frühchristlichen <strong>Inschriften</strong> das gleiche Phänomen des<br />

späteren Gebrauchs dieser Formel festgestellt, die sie ins 6./7. Jahrhundert datiert. In die gleiche Richtung<br />

40


verzichten durchgehend auf die Formel der Inschriftsetzung, die Nennung der Stifter sowie<br />

auf christliche Symbole. Und auch hier besteht die auffälligste Gemeinsamkeit in dem<br />

Gebrauch einer neuen Schriftvariante der Kapitalis, der hauptsächlich durch<br />

Schaftverlängerung und eckige Buchstaben charakterisierten fränkischen Schrift 122 . Die<br />

sonst für Grabsteine dieser Art typische Verzierung mit Zick-Zack-Linien läßt sich<br />

allerdings nur auf dem Audulpia-Stein nachweisen.<br />

Eine interessante Zwischenstellung nimmt der erst unlängst aufgefundene Achifracius-<br />

Stein (Nr. 6a) 123 ein. Zwar ist er aufgrund seines charakteristischen Schriftbildes – trotz<br />

Abweichungen, die wohl auf das Unvermögen des Herstellers zurückzuführen sind –<br />

eindeutig der ersten Gruppe zuzurechnen, erfüllt aber ansonsten vom Format, Formular und<br />

germanischer Namensform her gesehen gleichermaßen die Kriterien der zweiten Gruppe.<br />

Bewertet man nun alle Merkmale im Hinblick auf eine relative Chronologie, so kann kein<br />

Zweifel daran bestehen, daß es sich bei den <strong>Inschriften</strong> der ersten Gruppe um die früheren,<br />

bei denen der zweiten Gruppe um die späteren Grabsteine handeln muß. Unterstützt wird<br />

diese Einordnung durch die folgenden aus frühchristlichem <strong>Inschriften</strong>material der<br />

weströmischen Provinzen gewonnenen Datierungskriterien 124 : Die Verwendung des<br />

Christogramms mit Kreis und Tauben als christliches Symbol ist etwa zwischen der Mitte<br />

des 4. und der Mitte des 6. Jahrhunderts belegt, ohne Kreis Anfang des 5. bis nach der Mitte<br />

des 6. Jahrhunderts; der Palmzweig Mitte des 5. bis Ende des 6. Jahrhunderts, in Trier<br />

hauptsächlich im 5. Jahrhundert; der Formularteil HIC IN PACE QVIESCIT ist<br />

hauptsächlich vom Ende des 4. bis Mitte des 6. Jahrhunderts nachzuweisen 125 ; FAMVLVS<br />

DEI (beim Armentarius-Stein) ist in Gallien in der 2. Hälfte des 5. und der 1. Hälfte des 6.<br />

Jahrhunderts bezeugt; die namentliche Nennung der Dedikanten (bei Armentarius und<br />

Nomidia) spricht noch für eine Datierung ins 5. Jahrhundert. Die – wenn auch singuläre –<br />

Verwendung des griechischen Namens EVSEBIA weist ebenfalls in die Zeit vor 600 126 . Der<br />

einzige problematische Formularteil besteht in der Mitteilung des Todestages nach dem<br />

römischen Kalender, was nach Le Blant für eine grundsätzliche Datierung nach 550 spricht<br />

und als Phänomen außer in Boppard nur noch in Trier und Andernach 127 , nicht aber in den<br />

sonstigen frühchristlichen <strong>Inschriften</strong> des Rheinlands nachzuweisen ist 128 . Da jedoch in<br />

Boppard <strong>Inschriften</strong> aus beiden Gruppen dieses Merkmal tragen, kann es als<br />

Datierungskriterium nicht wirklich berücksichtigt werden 129 – möglicherweise handelt es<br />

sich hier um eine Bopparder Besonderheit 130 .<br />

deutet auch das Wiesbadener (vgl. DI 51, Stadt Wiesbaden, Nr. 2) und sogar das Trierer Material mit 101<br />

Nachweisen für quiescit und lediglich 21 meist späteren für requiescit; vgl. dazu Gauthier, Recueil 38.<br />

122 Vgl. zur Definition Bauer, Epigraphik 12ff. und Boppert, <strong>Inschriften</strong> 5.<br />

123 Der Anfang Juni 2003 entdeckte Grabstein wurde durch den Bearbeiter in einem am 17. Juli 2003 in Mainz<br />

gehaltenen Vortrag erstmals öffentlich vorgestellt; vgl. dazu die Zusammenfassung des Vortrages von G. K.,<br />

Grabinschriften.<br />

124 Vgl. zum Folgenden auch Anm. 129 sowie die entsprechenden Kapitel bei Le Blant, Manuel; Bauer,<br />

Epigraphik; Boppert, <strong>Inschriften</strong>; Krämer, Grabinschriften und Gauthier, Recueil.<br />

125 Einzelne Belege sind aber von der Mitte des 4. bis ins 8. Jahrhundert bezeugt; vgl. dazu ausführlich Krämer,<br />

Grabinschriften 21ff.<br />

126 Vgl. dazu die entsprechenden Beispiele bei Gauthier, Recueil I 49f.<br />

127 Vgl. dazu ebd. 48, Boppert, Andernach 131 und die Zusammenstellung bei Vogel, Funde (Liste 2: Tabelle<br />

der <strong>Inschriften</strong>formulare, 2. Teil). – Auffällig ist in den Beständen von Andernach, Boppard und Trier der<br />

überwiegende Gebrauch des Akkusatives statt des (dann im Mittelalter verbreiteten) Genitives bei der<br />

Zählung nach Kalenden bzw. Nonen; hier handelt es sich um ein signifikantes Beispiel für die Bewahrung der<br />

klassischen Latinität.<br />

128 Diese geben in der Regel nur die Dauer der Lebenszeit an.<br />

129 Die von Le Blant und anderen anhand der frühchristlichen <strong>Inschriften</strong> aus den spanischen, gallischen und<br />

germanischen Provinzen aufgestellten Datierungskriterien sind stets mit Vorsicht zu benutzen, da sie sich<br />

nicht ohne weiteres auf rheinische Verhältnisse übertragen lassen. So läßt sich etwa in dem umfangreichen<br />

Trierer Material (etwa 1000 christliche Grabsteine und Fragmente) die sonst für die Spätzeit charakteristische<br />

fränkische Schrift nur ganz vereinzelt nachweisen. Wie für die anderen rheinischen Bestände auch können<br />

daher die von Gose, Katalog pass.; Krämer, Grabinschriften pass.; Gauthier, Recueil pass. und zuletzt von<br />

41


Kombiniert man nun abschließend die aus den Schrift-, Namens- und<br />

Formularvergleichen gewonnenen Ergebnisse mit den Erkenntnissen aus der<br />

archäologischen Forschung, so kann es keinen Zweifel daran geben, daß die vornehmlich<br />

durch die spätrömisch-christliche Schrift und die gallo-romanischen Namensformen<br />

charakterisierten Grabsteine der ersten Gruppe im 5. bzw. in der 1. Hälfte des 6.<br />

Jahrhunderts entstanden sind. Obwohl am Mittelrhein mit einer allmählichen<br />

Durchdringung des Christentums 131 bereits während des 4. Jahrhunderts gerechnet werden<br />

kann, dürfte sich die christliche Gemeinde in Boppard in größerem Umfang erst mit der<br />

Aufgabe des römischen Vicus und der nachfolgenden Besiedelung 132 des Mitte des 4.<br />

Jahrhunderts mit 28 Türmen erbauten und bereits Anfang des 5. Jahrhunderts wieder<br />

aufgegebenen Steinkastells entwickelt haben. Da aber die Nennung eines priesterliche<br />

Funktionen ausübenden Diakons auf dem Grabstein des Besontio bereits eine entsprechend<br />

christlich strukturierte Gemeinde voraussetzt 133 , muß es im Bereich des Kastells einen<br />

frühen christlichen Kultraum 134 gegeben haben, der als kirchlicher Versammlungsort<br />

diente. Da auffallenderweise alle Grabsteine dieser noch gallo-romanisch geprägten<br />

Zivilgemeinde als Spolien verbaut aufgefunden wurden, können über deren Herkunft und<br />

die eigentliche Lage des Begräbnisplatzes nur Vermutungen angestellt werden:<br />

Möglicherweise lag dieser im Bereich des ehemaligen Städtischen Friedhofes 135 , in<br />

südlicher Hanglage zwischen dem römischen Vicus und dem späteren Kastell.<br />

Im Verlauf der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts dürfte der inzwischen wohl mit<br />

zugewanderten Franken durchsetzten Gemeinde ihr bislang unbekannter kirchlicher<br />

Versammlungsraum zu klein geworden sein, so daß sie sich in der zweiten Hälfte des 6.<br />

Jahrhunderts im Bereich des durch Brand zerstörten Kastellbades eine neue große Taufund<br />

Gemeindekirche 136 erbaute. Da die durch fränkische Schrift und Namen<br />

gekennzeichneten Grabsteine dieser zweiten Gruppe ausschließlich im Bereich des<br />

Gräberfeldes "Im Proffen" aufgefunden wurden und dieses Gräberfeld aufgrund seiner<br />

prominenten Hanglage etwa 150 Meter südlich der Kirche direkt hinter der römischen<br />

Kastellmauer in seiner jüngeren Belegung vermutlich im Zusammenhang mit eben dieser<br />

Kirche aus der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts entstanden sein dürfte, ergibt sich für diese<br />

Gruppe aus archäologischer Sicht eine Datierung etwa in die 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts<br />

bzw. ins 7. Jahrhundert. Die oben beschriebenen Eigentümlichkeiten der Schriftgestaltung<br />

sowie die Formular- und Namensformen unterstützen diese Einordnung. Daß der terminus<br />

ante quem nach oben hin offen bleiben muß, versteht sich bei der Unsicherheit der<br />

Datierungskriterien von selbst. Doch spätestens mit der Aufgabe von Bestattungen in<br />

Reihengräbern im Verlauf des 7. Jahrhunderts zugunsten von Friedhöfen neben den<br />

Kirchen 137 und der durch die karolingische Renaissance Anfang des 9. Jahrhunderts<br />

ausgelösten Orientierung der epigraphischen Schrift an der klassisch-römischen<br />

Merten, <strong>Inschriften</strong> pass. anhand des Trierer Materials erarbeiteten Richtlinien für die chronologische<br />

Einordnung der <strong>Inschriften</strong> nur als "Orientierungshilfe" (so Boppert, Andernach 124) dienen. Sehr zu<br />

begrüßen wäre daher eine Neubearbeitung aller rheinischen frühchristlichen <strong>Inschriften</strong>, wie sie von W.<br />

Boppert seit längerem angekündigt wird.<br />

130 Vgl. dazu Vogel, Funde pass. mit Hinweis auf die Tendenz zur regionalen Ausprägung der Formulare<br />

rheinischer <strong>Inschriften</strong>standorte.<br />

131 Vgl. dazu Pfeiffer, Mission 204ff. sowie Pauly, St. Severus 19-26.<br />

132 Durch archäologische Funde ist nach Wegner, Vor- und Frühgeschichte 40 eine Besiedelung des Kastells in<br />

"fränkischer und mittelalterlicher Zeit (5.-9. Jahrhundert)" nachweisbar.<br />

133 Vgl. dazu Binsfeld, Geschichte 48.<br />

134 Wobei es sich nicht um eine Kirche im heutigen Sinne gehandelt haben muß, eher um einen sakral<br />

genutzten Raum eines Zivilhauses; vgl. dazu Brenk, Spätantike 18ff.<br />

135 Vgl. dazu Neumayer, Grabfunde 111.<br />

136 Sowohl die Größe der Kirche mit fast 32 Metern Länge und 9 Metern Breite als auch ihre<br />

außergewöhnlichen liturgischen Einbauten dürften als Zeichen ihrer überregionalen Bedeutung verstanden<br />

werden.<br />

137 Vgl. dazu Koch/Wieczorek, Totenruhe 1021.<br />

42


Monumentalschrift war die Zeit dieser fränkischen Grabsteine vorbei. Vermutlich auch in<br />

Zusammenhang mit einer veränderten Liturgie wurden in der zweiten Hälfte des 8.<br />

Jahrhunderts Kanzel und Taufbecken der frühchristlichen Kirche Boppards abgerissen und<br />

der Fußboden verfüllt 138 , um den Nachfolgebauten in ottonischer und staufischer Zeit Platz<br />

zu machen.<br />

4.1.2 Die äußere Gestaltung der Grabdenkmäler<br />

Trotz der archäologisch wie historisch nachgewiesenen Kontinuität in der Nutzung der<br />

Kapellen und Kirchen in Boppard, Oberwesel und St. Goar haben sich im<br />

Bearbeitungsgebiet (spät)mittelalterliche Grabdenkmäler 139 erst aus der Wende vom 13.<br />

zum 14. Jahrhundert 140 erhalten. Allerdings liegt bereits mit dem ältesten Grabdenkmal –<br />

der Grabplatte des 1293 verstorbenen Mönches Heinrich (Nr. 18) – die Grundform des für<br />

das 14. und 15. Jahrhundert charakteristischen Grabmals vor: Eine große hochrechteckige<br />

Platte mit Umschrift zwischen (Ritz-)Linien, die sich hier einzeilig im Feld fortsetzt und in<br />

dem der Verstorbene unter einer wimpergbekrönten Spitzbogenarkade in Ritzzeichnung<br />

figürlich dargestellt ist. Denkmäler dieser Art waren waagerecht im Boden eingelassen und<br />

dienten zur Abdeckung und Kennzeichnung der jeweiligen Begräbnisstätte 141 . Daß die in<br />

dieser Art gestaltete Grabplatte des Mönches Heinrich nur eine von vielen Möglichkeiten<br />

darstellt, versteht sich von selbst: In der Regel tragen die Grabplatten für Männer, Frauen<br />

oder Ehepaare im 14. und 15. Jahrhundert ein oder mehrere Wappen und sind mit<br />

figürlichen Darstellungen wie etwa Hunden, Löwen, Drachen oder auch Engeln geschmückt<br />

(Nrr. 20, 28, 29, 30, 31, 33 u. ö.). Gleichzeitig kann das Feld einer Grabplatte aber auch leer<br />

bleiben (Nr. 26) oder nur Wappen (Nrr. 32, 34, 68, 75, 92) bzw. Wappen und Symbole (Nrr.<br />

68, 89) als Hinweis auf Stand oder Herkunft des (oder der) Verstorbenen enthalten. Hierbei<br />

sind im 14. Jahrhundert die mit einem oder zwei Wappen versehenen Grabdenkmäler die<br />

Regel: Die erste Ahnenprobe mit vier Wappen für ein Ehepaar stammt aus dem Jahr 1385<br />

(Nr. 52), für eine Einzelperson aber erst aus dem 2. Viertel des 15. Jahrhunderts (Nr. 75);<br />

die erste Ahnenprobe mit acht Wappen für eine Einzelperson aus dem Jahr 1519 (Nr. 166).<br />

Eine interessante Alternative zur üblicherweise einheitlichen Gestaltung der Figuren ist<br />

in Oberwesel seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts zu beobachten (Nrr. 52, 64, 81) 142 :<br />

Während der Körper in Ritzzeichnung ausgeführt wurde, erscheint die Kopfpartie als Relief<br />

und erhält dadurch eine auffällig individuelle Note.<br />

Die funktionelle Veränderung einer Grabplatte zur Deckplatte eines Hochgrabes 143 läßt<br />

sich vor allem an der abweichenden Gestaltung der Randleisten erkennen. Sie werden in der<br />

Regel stark nach außen abgeschrägt 144 und nehmen die durch den früher wohl vorhandenen<br />

Unterbau erhöht liegende und gut zu lesende Inschrift auf. Dieses Phänomen zeigt sich<br />

erstmals auf der Platte des 1336 verstorbenen Stiftsdekans Johannes (Nr. 29), dann um 1340<br />

bei dem Denkmal eines höherrangigen Adeligen (Nr. 35), im 15. Jahrhundert auf der Platte<br />

138 Vgl. dazu Eiden, Militärbad 96f.<br />

139 Vgl. zur Entwicklung der Grabdenkmäler in den vorhergehenden Jahrhunderten den anregenden Überblick<br />

von Meier, Königsgrab 212ff.<br />

140 Im Kloster Disibodenberg lassen sich immerhin drei erhaltene Grabdenkmäler aus der 1. Hälfte des 12.<br />

Jahrhunderts nachweisen; vgl. DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) Nrr. 1, 5, 6 und im Kloster Eberbach noch eine<br />

Grabplatte aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts; vgl. DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nr. 15.<br />

141 Vgl. dazu Seeliger-Zeiss, Grabstein 285f.<br />

142 In der Zeit zwischen 1392 und 1407 läßt sich bei drei Grabplatten in Kloster Eberbach das gleiche<br />

Phänomen nachweisen; vgl. dazu DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Taf. 25.<br />

143 Vgl. dazu Seeliger-Zeiss, Grabstein 286.<br />

144 Andernorts festgestellte Deckplatten mit nach innen abgeschrägten Leisten ließen sich im<br />

Bearbeitungsgebiet nicht nachweisen; vgl. dazu DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XXX und Fey, Begräbnisse<br />

286ff.<br />

43


des 1470 verstorbenen Propstes Dr. Johannes Fluck (Nr. 88) und auch noch 1483 bei dem<br />

Ehepaar Wilhelm von Schwalbach und Anna von Leyen (Nr. 97).<br />

Grundsätzlich ist festzustellen, daß im 14. und 15. Jahrhundert alle möglichen<br />

Kombinationen der bisher geschilderten Elemente hinsichtlich der Gestaltung einer<br />

Grabplatte denkbar sind – daher kann von einer an sich naheliegenden allmählichen<br />

Entwicklung etwa von der einfach zur komplex gestalteten Grabplatte nicht gesprochen<br />

werden. Auch im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts werden weiterhin Grabplatten in<br />

verschiedensten Ausprägungen (Nrr. 163, 167, 170, 171, 174, 176, 186) zur Kennzeichnung<br />

des Grabes verwendet – darunter auch ein Sonderfall mit einer auf der Figur des<br />

Verstorbenen plazierten <strong>Inschriften</strong>tafel (Nr. 165). Nach einer Unterbrechung von etwa 50<br />

Jahren lassen sich bis zum Ende des Bearbeitungszeitraumes abermals Grabplatten mit<br />

Umschrift zwischen Linien nachweisen, die nun eine auffällige Neuheit aufweisen: Jetzt<br />

wird das Feld nicht nur für meist von einem (Lorbeer-)Kranz umgebene Wappen oder<br />

Marken genutzt (Nrr. 217, 238, 251, 292, 297, 336 u. ö.), sondern auch für zusätzliche<br />

zeilenweise ausgeführte <strong>Inschriften</strong>, die sich häufig in mit Roll- bzw. Beschlagwerk<br />

gerahmten Tafeln befinden (Nrr. 221, 225, 228, 231, 234, 236 u. ö.). Die Grabplatten<br />

konnten aber auch streng zweigeteilt und unterschiedlich ausgefüllt werden: etwa oben mit<br />

der Halbfigur des Verstorbenen, darunter mit dem Wappen (Nrr. 209, 302, 321) oder oben<br />

unter einer Arkade mit dem väterlichen, darunter mit dem mütterlichen Wappen, letzteres<br />

umgeben von der Umschrift (Nrr. 299, 301). Bei den wenigen Grabplatten, die im Feld nur<br />

ein Datum bzw. Namen und Datum aufweisen (Nrr. 229, 319), könnte es sich um Platten<br />

gehandelt haben, die zum Verschluß einer Familiengruft dienten (vgl. auch Nr. 345). Eine<br />

darüber hinausgehende Neuerung besteht bei figürlichen Grabplatten – die im 16. und 17.<br />

Jahrhundert immer noch konventionell ausgeführt sein können (Nrr. 244, 293, 367) –<br />

gelegentlich im Verzicht auf die Umschrift, die dann als mehrzeilige Inschrift unter die<br />

(Halb-)Figur des Verstorbenen gesetzt werden kann (Nrr. 208, 230, 402). Ähnliches gilt für<br />

die seit den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts auftretenden Grabplatten mit<br />

unbeschrifteten Leisten (Nrr. 351, 359, 369, 372, 373, 401, 413, 426) bzw. für<br />

umschriftlose Grabplatten (Nrr. 393, 394, 434), bei denen sich die <strong>Inschriften</strong> auf Tafeln im<br />

Feld oder auch direkt im Feld befinden.<br />

Wie auch sonst im Rheinland sind im Bearbeitungsgebiet etwa ab der Mitte des 16.<br />

Jahrhunderts datierte Grabkreuze aus Basalt nachzuweisen 145 , die anstelle der für das<br />

Begräbnis in der Kirche vorgesehenen Grabplatten für die Bestattungen auf den Friedhöfen<br />

dienten und in der Regel für Nicht-Adelige gesetzt wurden. In einem Fall (Nr. 233) verweist<br />

das Symbol des Priesterkelchs auf das Begräbnis eines Geistlichen außerhalb seiner Kirche.<br />

Die meisten Exemplare sind als einfache, oft einseitig beschriftete Kreuze mit kurzen<br />

Kreuzarmen und leicht verbreitertem Kreuzfuß gestaltet (Nrr. 203, 206, 208, 215, 216, 235<br />

u. ö.), wobei die Kreuzarme die Inschrift und die Kreuzvierung das Wappen oder die Marke<br />

des Verstorbenen aufnehmen. Ein etwas veränderter Typ des Grabkreuzes mit rund oder<br />

eckig gefüllten Kreuzwinkeln ist ab 1640 nachzuweisen (Nrr. 371, 414, 427, 428, 432, 433,<br />

442, 448). Gelegentlich lassen sich auch Grabkreuze beobachten (Nrr. 206, 268, 275, 317,<br />

334, 371, 408, 420, 448, 450), bei denen die Inschrift eine Seite vollständig bedeckt bzw.<br />

von dem Wappen oder der Marke des Verstorbenen abgeschlossen wird. Zweiseitig<br />

beschriftete Grabkreuze sind eher selten und verdanken ihre Existenz außergewöhnlichen<br />

Details (Nr. 206), nachgetragenen <strong>Inschriften</strong> innerhalb einer Familie (Nr. 326), der<br />

offensichtlichen Unzufriedenheit des Auftraggebers (Nr. 362) oder auch sonstigen Gründen<br />

(Nrr. 337, 447).<br />

Neben den Grabplatten ist bereits seit Beginn des 14. Jahrhunderts im Bearbeitungsgebiet<br />

eine zweite Grundform von Grabdenkmälern nachzuweisen, die zusätzlich zu der das<br />

jeweilige Grab deckenden Platte angefertigt und vermutlich in der Nähe der Begräbnisstätte<br />

145 Vgl. dazu den Hinweis bei Müller-Veltin, Grabkreuze 149. – Für den Stadtbereich Bonn ist das erste<br />

datierte Grabkreuz 1564 nachgewiesen; vgl. dazu DI 50 (Stadt Bonn) XXV.<br />

44


an der Wand angebracht wurden. Diese sogenannten Epitaphien 146 liegen ihrerseits in zwei<br />

Typen vor: einmal als Tafel mit zeilenweise ausgeführter Inschrift 147 (Nr. 21), zum andern<br />

als von vornherein für die senkrechte Aufstellung konzipiertes, meist figürlich<br />

ausgearbeitetes Grabdenkmal, das – wie am Epitaph der Gräfin Elisabeth von<br />

Katzenelnbogen zu sehen ist 148 – im Falle einer vorhandenen Grabplatte auch ohne<br />

Inschrift auskommen kann. Eine Zwischenstellung zwischen liegender und stehender<br />

Konzeption nimmt das figürliche Grabdenkmal für den 1393 verstorbenen Edelknecht<br />

Conrad Kolb von Boppard (Nr. 55) ein, bei dem die untere Zone bereits wie eine<br />

Standfläche gearbeitet ist 149 und daher an dieser Stelle keine Inschrift aufweist. Ohne daß<br />

sich das gewohnte Formular der Inschrift (s. u.) verändert hätte, läßt sich mit dem<br />

Grabdenkmal für die 1425 verstorbene Adelheid von Ippelborn (Nr. 67) erstmals im<br />

Bearbeitungsgebiet ein erhaltenes Exemplar vom Typ tafelförmiges Epitaph 150 nachweisen,<br />

hier in Form einer kleinen querrechteckigen Platte mit zeilenweise gegliederter Inschrift<br />

und zwei Wappen in den Ecken.<br />

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts nimmt die Zahl der Epitaphien allmählich zu. Ist das<br />

Epitaph der 1492 verstorbene Hilla von Lutern (Nr. 111) mit seiner fast quadratischen,<br />

profilierten Tafel und zeilenweise ausgeführter Inschrift noch dem eben beschriebenen Typ<br />

zuzurechnen, so liegt mit dem Epitaph für den Ritter Siegfried von Schwalbach von 1497<br />

(Nr. 117) zweifellos die oben besprochene zweite Variante vor. Es handelt sich nach wie<br />

vor um eine Platte mit Umschrift auf breiter Leiste, allerdings bleibt die untere Randleiste<br />

inschriftenlos: Sie ragt leicht abgeschrägt nach vorne und dient so eindeutig als Standfläche<br />

für die reliefiert ausgeführte Figur des Verstorbenen. Durch dessen auffällige Ausrichtung<br />

zum Sakramentshaus bzw. zu einem Altar der Kirche ist dieses Epitaph – wie auch das<br />

Epitaph der 1521 verstorbenen Liebmut von Arscheid (Nr. 172) – der im Spätmittelalter<br />

öfters nachweisbaren Gruppe vom Typ der "Ewigen Anbetung" 151 zuzurechnen.<br />

Der zu Beginn des 16. Jahrhunderts abgeschlossene Wandel vom ursprünglich liegenden<br />

zum von vornherein zur Aufstellung konzipierten Grabdenkmal wird durch das Epitaph des<br />

1515 verstorbenen Propstes Petrus Lutern (Nr. 159) in Oberwesel eindrucksvoll<br />

dokumentiert 152 . Neben Merkmalen wie die zur vertikalen Ansicht gearbeitete<br />

Zierarchitektur mit darunter stehender Standfigur und in Nischen gesetzten<br />

Assistenzfiguren zeigt das Denkmal auch das wohl deutlichste Charakteristikum eines<br />

Epitaphs: eine in der Sockelzone angebrachte, von Putten gehaltene Tafel, auf der die<br />

Inschrift nun zeilenweise zu lesen ist. Gleiches gilt für das Epitaph für Ludwig und<br />

Elisabeth von Ottenstein von 1520 (Nr. 169), das erstmals ein ritterliches Ehepaar als<br />

Standfiguren zeigt, sowie für das im Jahr zuvor angefertigte Epitaph für Margarethe von<br />

Eltz (Nr. 166), die gemeinsam mit ihrem Sohn vor dem die Dreifaltigkeit symbolisierenden<br />

Gnadenstuhl kniet.<br />

146 Vgl. dazu Seeliger-Zeiss, Grabstein 286f.<br />

147 Gattungsgeschichtlich bestehen Verbindungen zu den kleinformatigen, tafelförmigen Epitaphien<br />

("Memoriensteine") des 8. bis 12. Jahrhunderts mit zeilenweisen <strong>Inschriften</strong>; vgl. dazu die niederrheinischen<br />

Beispiele bei Binding, Grabsteine pass. und Nisters-Weisbecker, Grabsteine Nrr. 91-120 sowie DI 50 (Stadt<br />

Bonn) XXXIff.<br />

148 Vgl. Nr. 26 mit Anm. 2.<br />

149 Dieses Phänomen läßt sich im Kloster Eberbach bereits im Jahr 1330 nachweisen, vgl. DI 43 (Rheingau-<br />

Taunus-Kreis) XLVI; im Kreuznacher Karmeliterkloster dagegen erstmals 1422, vgl. DI 34 (Lkrs. Bad<br />

Kreuznach) XXXI.<br />

150 Ähnliche an der Kirchenwand befestigte Tafeln des 15. Jahrhunderts für Kleriker oder auch weniger<br />

bedeutende Adelige haben sich in Oppenheim und im Rheingau erhalten; vgl. dazu DI 23 (Oppenheim)<br />

XXXIX und DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) XLVII.<br />

151 Vgl. dazu ausführlich DI 49 (Stadt Darmstadt und Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) Nr. 64.<br />

152 Eine ähnliche Entwicklung läßt sich für die benachbarten Bearbeitungsgebiete feststellen: 1496/1513 in<br />

Hirschhorn (DI 38, Lkrs. Bergstraße, Nr. 77), 1512 in Kloster Eberbach (DI 43, Rheingau-Taunus-Kreis, Nr.<br />

352), 1521 in St. Johannisberg bei Kirn (DI 34, Lkrs. Bad Kreuznach, Nr. 257).<br />

45


Dieses um 1430 in der Gegend um Tournai erstmals nachweisbare 153 und im Verlauf des<br />

ersten Drittels des 16. Jahrhunderts weiterentwickelte Motiv des betend vor einem<br />

Andachtsbild knienden Verstorbenen 154 wird in veränderter Form auch in dem 1548<br />

fertiggestellten, als dreiachsige Ädikula konzipierten Epitaph für das Ehepaar Johann von<br />

Eltz und Maria von Breitbach (Nr. 196) aufgegriffen, dann wieder 1598 bei dem<br />

Epitaphaltar für den vor einem Kruzifix knienden Georg Beyer von Boppard (Nr. 258)<br />

sowie bei dem gemalten Epitaph der 1612 verstorbenen Nonne Anna von Disteling (Nr.<br />

298) und dem Epitaph des 1613 ermordeten Arnold von Scharfenstein gen. Pfeil (Nr. 313).<br />

Eine weitere Ausprägung dieses Typs zeigt sich mit dem Epitaph für die 1601 verstorbene<br />

Wilhelma Lorbecher (Nr. 273), die gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren Kindern vor<br />

einem Andachtsbild als Reihe kniender Beter dargestellt ist; gleiches gilt für das Epitaph<br />

des Ehepaars Reichmann Reichart und Dorothea Schragen von 1607 (Nr. 287) und für das<br />

1614 für das Ehepaar Jakob Adenau und Margaretha Brant errichtete Epitaph (Nr. 316).<br />

Neben diesen Varianten läßt sich in der zweiten Hälfte des 16. und der ersten Hälfte des 17.<br />

Jahrhunderts gelegentlich der Typ des mitunter auch mehrachsig bzw. mehrgeschossig<br />

ausgeführten Standfigurenepitaphs nachweisen, mit über bzw. unter der Figur des<br />

Verstorbenen angebrachten <strong>Inschriften</strong>-Tafeln (Nrr. 204, 261, 290). Eine weitere Variante<br />

zeigt sich in der nach 1600 zweimal nachweisbaren Darstellung des Verstorbenen in Form<br />

eines nahezu vollplastischen Hüftbildes (Nrr. 283, 284).<br />

Nach der Mitte des 16. Jahrhunderts und verstärkt um die Wende zum 17. Jahrhundert<br />

lassen sich wieder tafelförmige, hoch- oder querrechteckige Epitaphien mit zeilenweise<br />

angeordneten <strong>Inschriften</strong> beobachten (Nrr. 194, 207, 246, 248, 252, 269 u. ö.), im<br />

Gegensatz zu den älteren Exemplaren nun mit fundamental verändertem Formular (s. u.).<br />

Obwohl sich von diesen Epitaphien meist nur noch die bloße Schrifttafel erhalten hat, ist<br />

davon auszugehen, daß sie – wie noch vorhandene Exemplare zeigen (Nrr. 247, 255, 323) –<br />

ursprünglich mit Wappen und einer architektonischen Rahmung ausgestattet waren.<br />

Ab dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts läßt sich im Bearbeitungsgebiet eine dritte<br />

Grundform von Epitaphien nachweisen, die offenbar nur von Adeligen in Anspruch<br />

genommen wurde: Es handelt sich um die stets mit Wappen, oft auch mit <strong>Inschriften</strong><br />

versehenen Totenschilde 155 , die vermutlich dem Leichenzug vorangetragen wurden und<br />

später über dem Grabdenkmal des Verstorbenen bzw. an einem beliebigen Ort in der Kirche<br />

aufgehängt werden konnten. In der Karmeliterkirche zu Boppard haben sich 15 dieser farbig<br />

bemalten Holzschilde erhalten 156 , davon sieben beschriftete. Während die Totenschilde für<br />

zwei 1483 und 1497 verstorbene Angehörige derer von Schwalbach noch als<br />

hochrechteckige Schilde mit oben vorkragendener, beschrifteter Randleiste gestaltet sind<br />

(Nrr. 96, 116), zeigen die Schilde aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert (Nrr. 195, 212,<br />

219, 220) die normale runde Form mit umlaufender Inschrift; eine Ausnahme bildet der<br />

achteckige Totenschild des 1575 verstorbenen Johann Boos von Waldeck (Nr. 222).<br />

4.1.3 Form und Inhalt der Grabinschriften<br />

Ähnliches wie für die äußere Gestaltung der Grabdenkmäler gilt auch im 14. und 15.<br />

Jahrhundert für die Entwicklung der in der Regel in lateinischer Sprache abgefaßten<br />

Grabinschriften. Wenn auch das für diesen Zeitraum charakteristische Anno-domini-<br />

153 In Deutschland ist dieses Motiv fast gleichzeitig bei einem von Hans Multscher angefertigten Modell für das<br />

(nicht ausgeführte) Grabdenkmal Herzog Ludwigs des Gebarteten von Bayern-Ingolstadt verwendet worden,<br />

vgl. dazu Kahsnitz, Modell pass.<br />

154 Vgl. dazu Seeliger-Zeiss, <strong>Inschriften</strong> pass. mit Hinweis auf die im katholischen Süddeutschland<br />

stattgefundene Entwicklung dieses Typs; dagegen Dölling, Eigenarten 189 mit Hinweis auf dessen<br />

Entstehung "in unmittelbarer Umgebung Luthers" durch die Cranach-Schule.<br />

155 Vgl. dazu Seeliger-Zeiss, Grabstein 287.<br />

156 Vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 386-389.<br />

46


Formular 157 mit der bekannten, mehr oder weniger konsequent durchgehaltenen<br />

formelhaften Abfolge von Todesjahr, Todestag, Sterbevermerk obiit, Namen des<br />

Verstorbenen (ggf. mit Epitheta, Stand oder Funktion) und der Fürbitte cuius anima<br />

requiescat in pace (amen) – mit einer frühen Ausnahme ora pro me (Nr. 26) – von Anfang<br />

an nachweisbar ist (Nrr. 20, 29, 30, 31, 32, 33 u. ö.), so zeigen doch die hexametrisch<br />

gereimten <strong>Inschriften</strong> für den Mönch Heinrich (Nr. 18) von 1293, für den Kleriker Gerlach<br />

von 1303 (Nr. 21), für die 1336 verstorbene Adelige Lucia (Nr. 28), für den Abt Diether<br />

von Katzenelnbogen von 1350 (Nr. 40), für einen 1446 verstorbenen Kleriker (Nr. 73) und<br />

für die Äbtissin Isengart von Greiffenclau zu Vollrads von 1469 (Nr. 87) ebenfalls von<br />

Anfang an gewichtige Ausnahmen von dieser Regel. Die <strong>Inschriften</strong> dieser offensichtlich<br />

nur hervorgehobenen Persönlichkeiten 158 errichteten Denkmäler weichen vom Annodomini-Formular<br />

völlig ab und thematisieren in leoninischen Hexametern die Verdienste<br />

des Verstorbenen, schildern die Umstände seines Lebens und Todes und bitten um die<br />

Fürbitte des Lesers.<br />

Die Angabe des Todestages nach der römischen Datierungsweise durch Iden, Nonen und<br />

Kalenden (Nrr. 20, 29, 30, 34, 44, 52 u. ö.) geht in etwa gleichzeitig einher mit der<br />

Datierung nach dem kirchlichen Festkalender (Nrr. 26, 28, 31, 32, 33, 43, 45 u. ö.). Die<br />

heute geläufige Datierung nach Tagen und Monaten setzt zwar erst um die Wende zum 15.<br />

Jahrhundert ein (Nrr. 54, 55, 64), wird aber dann im 15. Jahrhundert (Nrr. 65, 69, 81, 84, 86<br />

u. ö.) gleichberechtigt mit den anderen beiden Datierungsweisen verwendet. Ab der Mitte<br />

des 15. Jahrhunderts bieten einige nicht gereimte Grabinschriften eine zusätzliche Variante,<br />

indem das Todesjahr in lateinischen Zahlworten wiedergegeben wird (Nrr. 75, 86, 135).<br />

Eine Präzisierung des Sterbedatums durch die Angabe der Todesstunde ist erstmals im Jahr<br />

1600 (Nr. 269) festzustellen, dann erst wieder 1612 (Nr. 304) und 1615 (Nr. 318) – diese<br />

andernorts oft nachzuweisende Variante konnte sich im Bearbeitungsgebiet offensichtlich<br />

nicht durchsetzen.<br />

Hinsichtlich der Verwendung von Standesbezeichnungen und Epitheta in den nichtgereimten<br />

<strong>Inschriften</strong> des 13. bis 15. Jahrhunderts läßt sich eine ähnliche Entwicklung wie<br />

in den angrenzenden Bearbeitungsgebieten 159 feststellen: Adelige (armiger, comitissa,<br />

domicella, miles, patronus, relicta, uxor, vidua), Geistliche (abbas, canonicus, clericus,<br />

custos, decanus, episcopus, magistra, monachus, pastor, pater, praepositus, vicarius) und<br />

Laien (magister operis, meyster, mulier, werkmeister) erhalten zunächst nur ihre Standes-,<br />

Berufs- oder Funktionsbezeichnungen, oft auch in Verbindung mit der vor den Namen<br />

gesetzten ehrenden Bezeichnung dominus/domina 160 (Nrr. 20, 31, 43, 45 u. ö.) bzw. mit<br />

dem den Adel kennzeichnenden de (Nrr. 26, 31, 33 u. ö.) oder gelegentlich auch mit dem<br />

eine bürgerliche Herkunft anzeigenden von bzw. de in Verbindung mit einer eindeutigen<br />

Ortsangabe (Nrr. 39, 111). Um die Mitte des 14. Jahrhunderts werden mit strenuus vir<br />

erstmals Epitheta für einen Adeligen aus der bedeutenden Familie der Beyer von Boppard<br />

(Nr. 43) bzw. mit venerabilis in christo für einen hohen Geistlichen (Nr. 44) verwendet. Im<br />

weiteren Verlauf des Jahrhunderts wird noch ein Adeliger vereinzelt als strenuus (Nr. 45)<br />

bezeichnet und erst 1399 bzw. 1421 erhalten weitere Mitglieder der Beyer von Boppard<br />

(Nrr. 56, 65) das zu dieser Zeit eigentlich dem Hochadel vorbehaltene Epitheton nobilis –<br />

wie es in der deutschen Form edel im Jahr 1444 für Graf Philipp von Katzenelnbogen<br />

verwendet wurde. Eine weitere Ausnahme bildet das eigentlich dem geistlichen Stand<br />

zustehende Epitheton honorabilis 161 für ein im Jahr 1437 als Stifter agierendes bürgerliches<br />

157 Vgl. dazu Scholz, Totengedenken 51ff. sowie DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LI mit den aus dem 13. und<br />

14. Jahrhundert stammenden Erstbelegen der benachbarten Bearbeitungsgebiete.<br />

158 Vgl. dazu DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) L mit der gleichen Beobachtung.<br />

159 Vgl. dazu DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XXXIff. und DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LIIIff.<br />

160 Im Gegensatz zu dem dem Vornamen nachgestellten dominus, das den edelfreien Inhaber einer Herrschaft<br />

bezeichnet; vgl. dazu Spieß, Ständische Abgrenzung 203f.<br />

161 Vgl. dazu DI 29 (Stadt Worms) XCI, DI 38 (Bergstraße) XXX und DI 49 (Stadt Darmstadt, Lkrse.<br />

Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) XXXI. – Gelegentlich läßt sich das Epitheton auch im weltlichen<br />

47


Ehepaar aus Boppard (Nr. 69). Erstaunlicherweise setzt sich der allgemeine Gebrauch von<br />

Epitheta erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts durch und wird in der ersten Hälfte<br />

des 16. Jahrhunderts beibehalten, nun zum Teil mit den entsprechenden deutschen<br />

Begriffen. Hochadelige werden jetzt als illustris, Adelige als nobilis, gegen Ende des<br />

Jahrhunderts als vest, dann als edel, edel und fromm, ehrbar bezeichnet, Geistliche und<br />

Nonnen als honorabilis, religiosa, reverendus/reverendissimus, venerabilis – im Einzelfall<br />

auch als vir integer – und Bürgerliche lange Zeit als honestus bzw. ehrsam. Eine gewisse<br />

Wandlung in der Verwendung der Epitheta tritt im Verlauf der zweiten Hälfte des 16.<br />

Jahrhunderts ein. Hochadelige erhalten nun die Bezeichnung illustrissimus, Adelige nobilis,<br />

generosus bzw. edel (meist in Kombination mit) ehrenfest, ehrentugendhaft,<br />

ehrentugendreich, gestreng, tugendreich. Geistliche behalten ihre Epithetha, die aber in<br />

entsprechenden Fällen etwa mit doctissimus ergänzt werden können. Bürgerliche sind<br />

ehrbar, ehrenhaft, ehrsam, tugendhaft, tugendsam, tugendreich; die <strong>Inschriften</strong> der für<br />

einfache Bürger gesetzten Grabkreuze weisen – mit einer Ausnahme (Nr. 317) – keine<br />

Epitheta auf. War bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine gewisse<br />

Epithetahäufung zu beobachten, so setzt sich diese Tendenz im 17. Jahrhundert bei allen<br />

Ständen unvermindert fort. Hochadelige erhalten zwar nach wie vor das Epitheton<br />

illustrissimus, in der 2. Hälfte des Jahrhunderts aber auch serenissimus. Adelige werden als<br />

nobilis/nobilissimus, nobilis et eximiaeque virtutis; nobilissima et pientissima; nobilissimus<br />

et strenuus; praenobilis; praenobilis et strenuus; bzw. edel, gestreng und fest; edel und<br />

gestreng; hochwohlgebohren; wohledel gestreng bezeichnet; Geistliche erhalten neben den<br />

gewohnten Epitheta nun auch admodum reverendus, pereruditus, ehrwürdig und<br />

Bürgerliche je nach Stellung clarissimus et doctissimus; honestissima; ehrengeacht und<br />

vornehm; ehrenfest; ehrenhaft und achtbar; ehrenfest und mannhaft; ehrenvoll;<br />

hochachtbar und wohlgelehrt; gestreng und ehrenfest; ehrentugendsam; ehrentugendreich;<br />

viel ehren und tugendreich; wohlehrenfest und hochachtbar.<br />

Deutsch als <strong>Inschriften</strong>sprache wird in Grabinschriften erst verhältnismäßig spät<br />

eingeführt; die frühen Texte finden sich anderswo: Während das erste deutsche Wort colwri<br />

(zollfrei) bereits in einer Rechtsinschrift aus der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts verwendet<br />

wurde (Nr. 13), lassen sich die beiden ersten vollständigen deutschsprachigen <strong>Inschriften</strong><br />

auf zwei vor 1327 hergestellten Maßgefäßen (Nrr. 23, 24) nachweisen. Weiterhin sind im<br />

14. Jahrhundert Glocken (Nrr. 39, 49, 50, 74, 90, 93), Wandmalerei (Nrr. 63, 107, 140) und<br />

Glasmalerei (Nr. 72) Träger deutscher <strong>Inschriften</strong>. Auch die zum Teil gereimte Bauinschrift<br />

der Stiftskirche in St. Goar von 1444 (Nr. 71) wurde auf deutsch verfaßt. Deutsch als<br />

<strong>Inschriften</strong>sprache wird erst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in den Grabinschriften der<br />

Adeligen verwendet, dann aber von ihnen während des 16. und 17. Jahrhunderts – mit einer<br />

Ausnahme (Nr. 313) – durchgehend beibehalten. Nur die Grabinschriften der in der<br />

Liebfrauenkirche zu Oberwesel bestatteten Herren von Schönburg auf Wesel sind sowohl in<br />

Deutsch als auch in Latein abgefaßt. In die Grabinschriften des Bürgertums findet die<br />

Volkssprache dagegen nur zögernd Eingang 162 : Erstmals 1520 und 1522 (Nrr. 171, 174)<br />

vereinzelt nachgewiesen, läßt sie sich erst wieder auf den nach 1556 (Nr. 206) einsetzenden<br />

Grabkreuzen und dann verstärkt ab 1572 auch wieder auf Grabplatten (Nrr. 217, 221, 228,<br />

230, 238 u. ö.) beobachten. Interessanterweise werden um die Wende zum 17. Jahrhundert<br />

auf Grabdenkmälern des Adels und des Bürgertums vielfältige Formen gemischtsprachiger<br />

<strong>Inschriften</strong> verwendet: So kann auf ein und demselben Denkmal die Sterbeinschrift in<br />

Deutsch und ein anderer zugehöriger Text wie eine Stifterinschrift (Nr. 231), ein<br />

Grabgedicht (Nrr. 234, 236) oder ein Bibelspruch (Nrr. 255, 273, 283, 356) in Latein<br />

Bereich nachweisen, dann aber für Vertreter des Adels bzw. Hochadels; vgl. dazu DI 43 (Rheingau-Taunus-<br />

Kreis) Nrr. 167 und 198 sowie den Hinweis bei Fuchs, Adel und Nicht-Adel 399.<br />

162 Daher kann die von Wulf, Typologie 133 vertretene Beobachtung, im 15. Jahrhundert sei davon<br />

auszugehen, "daß Latein und Deutsch in <strong>Inschriften</strong> weitgehend gleichberechtigt waren", für das<br />

Bearbeitungsgebiet nicht bestätigt werden.<br />

48


abgefaßt sein. In einem Fall (Nr. 247) liegen sogar alle Arten von Grabinschriften in Latein<br />

und nur der zugehörige Bibelspruch in Deutsch vor. Spätestens seit dem Ende des 16.<br />

Jahrhunderts bevorzugte das (ratsfähige) städtische Bürgertum – mit einigen Ausnahmen<br />

(Nrr. 287, 316, 404, 426) – deutschsprachige Grabinschriften; in St. Goar trifft diese<br />

Beobachtung auch etwa für die Hälfte der in der Stiftskirche begrabenen landgräflichhessischen<br />

Beamten zu. Ebenso sind die <strong>Inschriften</strong> auf dem vor 1599 hergestellten<br />

Kenotaph der Landgräfin Anna Elisabeth von Hessen-Rheinfels (Nr. 261) in St. Goar<br />

durchgehend deutschsprachig.<br />

Insgesamt gesehen konnte die Volkssprache das Latein in den Grabinschriften des 17.<br />

Jahrhunderts nicht verdrängen, dazu dürfte zumindest in Boppard und Oberwesel der<br />

Einfluß der katholischen Stiftsgeistlichkeit und der dortigen Klöster zu stark gewesen sein.<br />

Die Grabinschriften dieses großen und heterogenen Personenkreises wurden mit nur<br />

wenigen Ausnahmen (Nrr. 302, 353, 367) nach wie vor in Latein verfaßt, ebenso die<br />

zahlreicher höherrangiger Amtsträger und landesherrlicher Beamter, desgleichen die der<br />

protestantischen Geistlichkeit in St. Goar. Auch Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels ließ<br />

in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts alle unter seinem Einfluß entstandenen<br />

<strong>Inschriften</strong> in lateinischer Sprache abfassen – vielleicht genauso ein Reflex auf seinen 1652<br />

vollzogenen Konfessionswechsel hin zur katholischen Kirche. Die 1680 von seinem Sohn<br />

Wilhelm für zwei frühverstorbene Töchter in Auftrag gegebene Grabplatte (Nr. 434) aus<br />

dem Franziskanerinnen-Kloster in Boppard trägt ebenfalls eine lateinische Inschrift.<br />

Wie auch sonst nachgewiesen werden kann 163 , ändert sich mit dem Ende des 15.<br />

Jahrhunderts einsetzenden Gebrauch des <strong>Deutsche</strong>n in Grabinschriften ein bestimmter Teil<br />

des ansonsten unverändert beibehaltenen Formulars: cuius anima requiescat in pace wird<br />

nicht etwa wortgetreu übersetzt, sondern stets mit dem/der Gott gnad (und Varianten)<br />

wiedergegeben. Diese Formulierung erscheint erstmals auf dem Totenschild (Nr. 116) bzw.<br />

dem Epitaph (Nr. 117) des 1497 verstorbenen Siegfried von Schwalbach, dann auf einem<br />

um 1500 zu datierenden Grabplattenfragment (Nr. 144) und auf der Grabplatte des nach<br />

1503 verstorbenen landgräflich-hessischen Amtmannes Johann von Breidenbach (Nr. 152).<br />

Neu sind auch die der Fürbitte dem Gott gnad angeschlossenen Zusätze wie und allen<br />

Gläubigen bzw. gegen Ende des 16. Jahrhunderts auch ganz neue Fürbitten wie etwa deren<br />

Seelen Gott um Christi willen eine fröhliche Auferstehung verleihen wolle. Der letztlich nur<br />

um diesen vielfältig variierenden Formularteil veränderte Gebrauch des alten Annodomini-Formulars<br />

läßt sich auf vielen Grabplatten bis zum Ende des<br />

Bearbeitungszeitraumes beobachten.<br />

4.2 Malerei 164<br />

<strong>Inschriften</strong> in Verbindung mit Wand-, Glas- und Tafelmalereien haben sich im<br />

Bearbeitungsgebiet zwar in ungewöhnlich hoher Zahl erhalten, stellen aber aufgrund<br />

früherer und heutiger Restaurierungsmaßnahmen grundsätzlich ein editorisches Problem<br />

dar. Vor allem bei den im Lauf der Zeit zunächst überstrichenen und dann wieder<br />

freigelegtenWandmalereien und auch bei den Glasmalereien muß aufgrund jüngster<br />

Untersuchungen davon ausgegangen werden 165 , daß sie spätestens im 19. und dann zu<br />

Beginn des 20. Jahrhunderts erheblich überarbeitet worden sind und daher nur sehr<br />

eingeschränkt für kunsthistorische wie paläographische Fragestellungen herangezogen<br />

werden können.<br />

163 Vgl. dazu Wulf, Typologie 135f.<br />

164 Ausführliche Angaben zur Aufdeckungs- bzw. Restaurierungsgeschichte der jeweiligen Malerei sowie zu<br />

den daraus resultierenden Schrifteigentümlichkeiten finden sich in der entsprechenden Katalognummer.<br />

165 Vgl. dazu künftig die beiden (auch) das Mittelrheingebiet behandelnden grundlegenden Dissertationen von<br />

Kern, Wandmalerei und Spitzner, Glasmalerei.<br />

49


4.2.1 Wandmalerei<br />

Bei den ältesten, in Verbindung mit Wandmalereien stehenden <strong>Inschriften</strong> des<br />

Bearbeitungsgebietes, die im 2. Viertel des 13. Jahrhunderts in St. Severus zu Boppard<br />

entstanden sind, handelte es sich offensichtlich um Bildbeischriften zu Darstellungen aus<br />

den Viten des hl. Severus und des hl. Ägidius, sowie aus der Legende der Zehntausend<br />

Märtyrer. Diese zu unbekanntem Zeitpunkt überstrichenen Malereien wurden nach ihrer<br />

Aufdeckung Ende des 19. Jahrhunderts vollständig entfernt, um einer kompletten<br />

Neuausmalung Platz zu machen – abschriftlich überliefert wurde lediglich ein kleiner Rest<br />

einer Bildbeischrift aus der Severus-Vita (Nr. 16). Da sich aber nur das damals neu gemalte<br />

Bildprogramm, nicht aber die dafür konzipierten inschriftlichen Texte an dem<br />

ursprünglichen Zustand orientierten, konnten die heute in St. Severus vorhandenen<br />

<strong>Inschriften</strong> für die vorliegende Edition nicht berücksichtigt werden. Dagegen dürfte die<br />

Namensbeischrift über der Anfang des 14. Jahrhunderts in der Stiftskirche zu St. Goar<br />

gemalten Figur des hl. Johannes Evangelist (Nr. 22) trotz Restaurierungen noch weitgehend<br />

den originalen Bestand bewahrt haben – eine seltene Ausnahme. Aus dem 3. Viertel des 14.<br />

Jahrhunderts stammen die ältesten Wandmalereien in Oberwesel, die im Chor von St.<br />

Martin Evangelistensymbole und die zugehörigen, in gotischer Majuskel wie gotischer<br />

Minuskel ausgeführten Namensbeischriften zeigen (Nr. 48). Nur wenig später entstand das<br />

komplexe Bildprogramm der Kapelle in der kurfürstlich-trierischen Burg zu Boppard. Es<br />

zeigt im Altarbereich neben den durch Namensbeischriften bezeichneten vier Evangelisten,<br />

Aposteln und verschiedenen Heiligen auch den stiftenden Trierer Erzbischof mit seinem<br />

Wappen.<br />

Vermutlich zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde in St. Martin zu Oberwesel das<br />

westliche Chorjoch mit acht paarweise zusammengestellten Propheten ausgemalt (Nr. 60),<br />

denen nicht nur die üblichen Namensbeischriften beigegeben waren, sondern auch<br />

Schriftrollen mit Bibelsprüchen, die in Visionen und Weissagungen auf den kommenden<br />

Christus hinweisen. Bedauerlicherweise fiel dieses ganz ungewöhnliche Programm den<br />

Restaurierungen der Jahre 1965/66 zum Opfer und wurde durch die Rekonstruktion einer<br />

offensichtlich älteren Ausmalung mit Sonne, Mond und Sternen ersetzt. In den beiden<br />

Jochen des Hauptchors von Liebfrauen in Oberwesel läßt sich eine ähnliche Konstellation<br />

beobachten (Nr. 132): Acht paarweise gruppierte Engel tragen jeweils Spruchbänder, deren<br />

<strong>Inschriften</strong> in diesem Fall – nacheinander gelesen – den Beginn eines bekannten<br />

Marienliedes ergeben. Auch die gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstandene Darstellung<br />

des Martyriums des Achatius und der Zehntausend Märtyrer in St. Martin in Oberwesel ist<br />

inschriftlich mit dem Beginn eines Kirchenliedes versehen (Nr. 125). Eine interessante (nur<br />

noch teilweise erhaltene) Kombination von Darstellungen aus der Vita des heiligen Alexius,<br />

zweier namentlich bezeichneter Heiliger sowie einer Stifterdarstellung mit auf 1407<br />

datierter Herstellungsinschrift bietet die Südwand der Karmeliterkirche in Boppard (Nr.<br />

63). Aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammen zwei ganz unterschiedliche Malereien:<br />

einmal Szenen aus dem Marienleben mit dem Mariengruß und der Fürbitte des dargestellten<br />

Stifters (Nr. 78; vgl. auch Nr. 119) in Liebfrauen sowie eine Kreuzigung mit Titulus auf<br />

dem Sakramentshaus von St. Martin (Nr. 79; vgl. auch Nr. 127). Aus dem Ende des 15.<br />

Jahrhunderts sind in Boppard zwei als Wandmalerei ausgeführte historische <strong>Inschriften</strong><br />

überliefert, die zum einen Kaiser Otto III. als Gründer des Wormser Stiftes St. Martin<br />

rühmen (Nr. 94) und zum andern den zwischen der Stadt Boppard und dem Erzbischof von<br />

Trier geführten Krieg des Jahres 1497 betreffen (Nr. 118). Die von Wappen begleitete<br />

Jahreszahl 1495 (Nr. 115) gibt einen Hinweis auf das damalige Patronat der Herren von<br />

Schönburg auf Wesel in St. Martin zu Oberwesel. Im gleichen Zeitraum finden sich<br />

namentlich bezeichnete Evangelistensymbole in St. Goar (Nr.121) und Oberwesel (Nr.<br />

50


131). Auf ein wiederum ganz ungewöhnliches Programm weisen die wenigen<br />

<strong>Inschriften</strong>reste im Chor der Bopparder Karmeliterkirche hin (Nr. 126), die sich<br />

offensichtlich auf das Sakramentshaus und die darin verwahrten Hostien bezogen haben. Im<br />

letzten Drittel des 15. Jahrhunderts erhielt das neuerbaute Schiff der Stiftskirche in St. Goar<br />

eine nahezu vollständige Ausmalung, von der weite Teile noch vorhanden sind (Nrr. 99-<br />

109). Darunter befinden sich die Darstellung der Apostel mit ihnen beigegebenen Texten<br />

aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis (Nr. 99), zwei inschriftlich benannte<br />

Bruderschaften und außerdem mit Tituli versehene Kreuzigungsdarstellungen (Nrr. 100,<br />

109), Stifter mit an Heilige gerichteten Fürbitten (Nrr. 101, 102, 106) sowie Heilige und<br />

biblische Figuren, die mit Bibelzitaten, Namensbeischriften und Fürbitten versehen sind<br />

(Nrr. 103, 104, 105, 108). Singulär ist eine nur noch fragmentarisch erhaltene, in schwarzer<br />

Farbe handschriftlich ausgeführte Spruchinschrift in der Taufkapelle der Stiftskirche (Nr.<br />

133), die offensichtlich als eine Art Mahnung an die Kirchenbesucher gerichtet war.<br />

In der Zeit um 1500 entstanden in Oberwesel mehrere Heiligendarstellungen mit<br />

Namensbeischriften (Nrr. 137, 138, 139), darunter auch die des hl. Martin mit einer Fürbitte<br />

(Nr. 141). Dort findet sich auch die Darstellung des Schmerzensmannes (Nr. 140) mit dem<br />

außergewöhnlichen inschriftlichen Hinweis auf die Länge Christi als Bildbeischrift.<br />

Möglicherweise ist dem als Stifter dargestellten Kanoniker und Propst Petrus Lutern (Nr.<br />

158) auch die Ausmalung von Liebfrauen im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts zu<br />

verdanken, die vornehmlich namentlich bezeichnete Heilige (Nrr. 180, 181, 182, 183; vgl.<br />

auch Nr. 197) und Kreuzigungsdarstellungen (Nrr. 184, 185) zeigt. Dagegen dürfte die<br />

Wandmalerei mit der Fürbittinschrift an den hl. Jakobus (Nr. 179) von den als Pilger<br />

dargestellten Oberweseler Bürgern selbst in Auftrag gegeben worden sein.<br />

Im 17. Jahrhundert lassen sich in Oberwesel nur noch vereinzelt mit <strong>Inschriften</strong><br />

versehene Wandmalereien nachweisen, so drei Stifter- bzw. Renovierungsinschriften (Nrr.<br />

379, 431, 451) und eine gereimte Spruchinschrift (Nr. 397). Wohl in Zusammenhang mit<br />

der Einführung des reformierten Bekenntnisses in St. Goar erhielt Meister Michel Wolff im<br />

Sommer 1603 den Auftrag, die evangelische Stiftskirche komplett weiß zu streichen und an<br />

den Bogen und Architekturteilen eine rote Quaderung anzubringen; besonders sollte er<br />

darauf achten, daß „die farben sonderlich ahn denen orttenn, da die gemalten Bilder stehen“<br />

so beschaffen seien, daß „sie nit abfalle, sondern bestandt habe, vnndt man die gemälte nit<br />

dardurch erkennen könne“ 166 . Dagegen ließ der zum katholischen Glauben konvertierte<br />

Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels nach 1652 die ehemalige Kapelle auf Schloß<br />

Rheinfels bildlich ausschmücken und mit religiösen Sprüchen, Devisen sowie mit<br />

Namensbeischriften Heiliger (Nrr. 388, 389) versehen.<br />

4.2.2 Glasmalerei<br />

Von dem ehemals reichen Bestand an mittelalterlicher Glasmalerei in den Kirchen und<br />

Kapellen des Bearbeitungsgebietes sind an Ort und Stelle nur noch einzelne Scheiben<br />

erhalten geblieben, darunter nur wenige mit <strong>Inschriften</strong> versehene Stücke. So war es<br />

besonders erfreulich, daß der Bearbeiter in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern des CVMA<br />

im Jahr 1995 die längst verschollen geglaubte Bauinschrift in den Chorfenstern der<br />

Liebfrauenkirche zu Oberwesel wiederentdecken konnte. Diese um 1331 entstandene<br />

Bauinschrift (Nr. 27) teilt nicht nur als einzige Quelle den Beginn der Bauarbeiten an<br />

Liebfrauen im Jahr 1308 mit, sondern erlaubt auch (spekulative) Einblicke in die damaligen<br />

politischen Auseinandersetzungen um die Reichsfreiheit Oberwesels.<br />

166 Evang. Archivstelle Boppard, Pfarrarchiv St. Goar, Nr. 71-2,1 (Kasten 17). – Die Kenntnis dieser bislang<br />

unbeachteten Quelle verdanke ich Herrn Alexander Ritter M.A. mit Hinweis auf seine in Vorbereitung<br />

befindliche Dissertation.<br />

51


Die Mehrzahl der im Jahr 1818 verkauften, insgesamt wohl weit über 200 Einzelscheiben<br />

der sieben monumentalen spätgotischen Glasfenster (Nr. 72 I-VII) aus dem Seitenschiff der<br />

Bopparder Karmeliterkirche hat sich erfreulicherweise erhalten und befindet sich heute in<br />

amerikanischen und europäischen Museen bzw. in Privatsammlungen. Die zugehörigen<br />

<strong>Inschriften</strong> bieten ein breites inhaltliches Spektrum und variieren je nach dem gewählten<br />

Thema des einzelnen Fensters: Es handelt sich um erklärende Bildbeischriften etwa zu<br />

Darstellungen der Tugenden, um Namensbeischriften von Heiligen und Propheten, um<br />

Fürbitten dargestellter Stifter oder sogar um Zitate aus dem Ambrosianischen Lobgesang<br />

bzw. um die Texte der Zehn Gebote. Nicht zu vergessen sind die nur auf diesen Scheiben<br />

mitgeteilten Daten zu Beginn und Fertigstellung der Bopparder Fenster und ihrer<br />

Verglasung. Weitere mit <strong>Inschriften</strong> versehene Glasmalereien aus Boppard haben sich – bis<br />

auf eine Ausnahme – nicht erhalten: Eher zufällig ist eine in London verwahrte, mit dem<br />

Namen des Jörg Beyer von Boppard bezeichnete Einzelscheibe aus dem Jahr 1546 (Nr.<br />

193) bekannt geworden.<br />

Im Gegensatz zu den Glasmalereien der Karmeliterkirche haben die Fenster der Kirche<br />

des Benediktinerinnen-Klosters Marienberg ein doppelt unglückliches Schicksal erfahren:<br />

Während ihre mittelalterliche Verglasung bereits im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges<br />

untergegangen sein dürfte, fielen die in den sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts von den<br />

Familien der damaligen Äbtissin Eva Greiffenclau zu Vollrads und ihrer Priorin Eva<br />

Margaretha von der Leyen gestifteten zwölf Fenster dem Abbruch der Kirche im Jahr 1802<br />

zum Opfer. Nur der 1773 erfolgten genauen Beschreibung des Klosterschaffners Konrad<br />

d'Hame (s. o.) ist es zu verdanken, daß das bildliche Programm mit den zugehörigen<br />

<strong>Inschriften</strong> überliefert ist (Nr. 410 I-XII): Es handelte sich hauptsächlich um mit<br />

Adelswappen geschmückte Fenster, die mit Namen und Stand der Stifter und der<br />

entsprechenden Jahreszahl versehen waren; nur auf einem Fenster war die Priorin kniend<br />

vor der Muttergottes dargestellt.<br />

Von der ehemaligen spätgotischen Verglasung der Stiftskirche zu St. Goar haben sich<br />

außer drei isolierten inschriftenlosen Feldern nur noch geringe Reste in situ erhalten –<br />

allein das Maßwerk einer der Seitenkapellen bewahrt unter anderem eine mit dem<br />

Mariengruß beschriftete, erst vor wenigen Jahren entdeckte Verkündigungsszene (Nr. 80).<br />

4.2.3 Tafelmalerei<br />

Zur Tafelmalerei zählen nicht nur die mit meist mehrteiligen Altarretabeln<br />

zusammenhängenden Stücke, sondern ebenso die von vornherein als Einzeltafeln<br />

konzipierte Werke, die oft einen kontemplativen oder auch lehrhaften Charakter 167<br />

aufweisen.<br />

Die dort verwendeten <strong>Inschriften</strong>arten ähneln zunächst stark den bei Wand- und<br />

Glasmalerei verwendeten. Je nach Bildprogramm finden wir seit der 2. Hälfte des 14.<br />

Jahrhunderts auf den Tafeln in Oberwesel und Boppard ebenso Bibelzitate, Kreuztituli und<br />

Namensbeischriften (Nrr. 41, 53) sowie Fürbitten in Verbindung mit dem dargestellten<br />

Stifter (Nr. 57). Die Vielfältigkeit der Möglichkeiten lassen die <strong>Inschriften</strong> auf dem um<br />

1450 hergestellten dreiteiligen Altarretabel in Oberwesel (Nr. 77) erkennen: Die Mitteltafel<br />

zeigt die Muttergottes in einer Flußlandschaft umgeben von zahlreichen, in den Nimben<br />

namentlich bezeichneten Heiligen. Interessant wird die Szene durch drei über den Figuren<br />

flatternde Spruchbänder, deren zum Teil metrische <strong>Inschriften</strong> die Szene kommentieren,<br />

interpretieren bzw. eine Fürbitte äußern. Auf der Innenseite des linken Flügels erscheint die<br />

namentlich bezeichnete hl. Ursula als Schutzmantelheilige, die auch das reich gekleidete<br />

Stifterehepaar unter ihren Mantel nimmt; auf der des rechten Flügels ist das Martyrium des<br />

167 Vgl. zu diesem in jüngster Zeit näher erforschten Typus Boockmann, Belehrung pass. und Slenczka,<br />

Bildtafeln pass.<br />

52


hl. Achatius und der Zehntausend Märtyrer dargestellt, über der Szene schwebt Gottvater<br />

mit einem Spruchband, in dem der Beginn einer zum Magnificat gehörenden Antiphon zu<br />

lesen ist. Aus dem Ende des 15. Jahrhunderts haben sich weitere Tafelmalereien erhalten<br />

(Nrr. 110, 122, 124), die wiederum Spruchinschriften, Tituli, Bibelzitate und<br />

Namensbeischriften, gelegentlich auch Jahreszahlen und Stifterbilder enthalten. Diese<br />

<strong>Inschriften</strong>arten finden sich ferner auf den beiden von dem Kanoniker und Propst Petrus<br />

Lutern gestifteten dreiflügeligen Altarretabeln mit der Darstellung des Gastmahls Christi<br />

bei Martha und Maria (Nr. 151) aus dem Jahr 1503 bzw. mit Szenen aus der<br />

Nikolauslegende aus dem Jahr 1506 (Nr. 153); zudem lassen sich hier als Besonderheit<br />

vermutlich als Zier gedachte Buchstabeninschriften an den Gewändern beobachten.<br />

Dem oben erwähnten Typus des Andachtsbildes dürfte die Ende des 15. Jahrhunderts in<br />

Oberwesel entstandene Tafelmalerei mit der Darstellung der Heiligen Sippe (Nr. 123)<br />

zuzurechnen sein. Neben den in Schriftbändern ausgeführten Namensbeischriften der<br />

Verwandtschaft Jesu findet sich als Eigentümlichkeit ein kleines Schrifttäfelchen, auf dem<br />

in winziger Schrift die Buchstaben des Alphabets aufgemalt sind. Als eine gelehrte<br />

Variante des Andachtsbildes könnte man auch die vor 1532 entstandene, heute verlorene<br />

Tafelmalerei (Nr. 188) im Franziskanerinnen-Kloster in Boppard betrachten, die den<br />

Hausgeistlichen und Humanisten Johannes Flaming kniend vor zwei Heiligen zeigte, die in<br />

einem von ihm verfaßten, lateinisch-griechischen Distichon verherrlicht werden. Auch von<br />

dem Typus der Lehrtafel hat sich in Oberwesel mit der Darstellung der Zeichen der letzten<br />

15 Tage vor dem Jüngsten Gericht (Nr. 157) ein besonders anschauliches Beispiel erhalten.<br />

Die das Geschehen schildernden fünfzehn Einzelbilder sind mit erklärenden <strong>Inschriften</strong><br />

versehen, die wohl der um 1270 von Jakobus de Voragine zusammengestellten Sammlung<br />

"Legenda Aurea" entnommen sein dürften. Begonnen wird die Bilderfolge allerdings mit<br />

der Darstellung des hl. Hieronymus und einer Inschrift, die ihn als Quelle für das Folgende<br />

angibt, und beschlossen mit der Darstellung des Stifters und einer ihm beigegebenen<br />

hexametrisch gereimten Fürbitte.<br />

Aus dem Beginn des 17. Jahrhundert ist noch auf eine verlorene, als Epitaph einer<br />

Marienberger Nonne ausgeführte Tafelmalerei (Nr. 298) hinzuweisen; dann auf den 1625<br />

für den Goldaltar in Liebfrauen zu Oberwesel angefertigten Altaraufsatz mit<br />

Spruchinschrift, Bauinschrift und einem Marienhymnus (Nr. 343) sowie auf das dortige<br />

dreiflügelige Altarretabel (Nr. 383) mit zahlreichen Szenen aus der Passion und der<br />

Verherrlichung Christi, die durch Bibelzitate des Alten wie Neuen Testaments kommentiert<br />

werden. Mit einem zwölfeckigen Ölbild (Nr. 422) im Auszug des Nebenaltars der<br />

Karmeliterkirche in Boppard mit Jahreszahl und Initialen der Stifter endet die lange Reihe<br />

dieses im Mittelrheingebiet kunstgeschichtlich noch längst nicht befriedigend gewürdigten<br />

Genres.<br />

4.3 Glocken 168<br />

Von den 23 bislang bekannt gewordenen und mit <strong>Inschriften</strong> versehenen Glocken des<br />

Bearbeitungsgebietes haben sich noch 20 im Original erhalten; die drei verlorenen sind<br />

lediglich in Abschrift überliefert. Daß sich in den Glockenstühlen und Dachreitern der<br />

zahlreichen Kirchen und Kapellen sowie in den entsprechenden Türmchen in öffentlichen<br />

und privaten Bauten weitaus mehr Glocken befunden haben müssen, liegt auf der Hand. Im<br />

Laufe der Zeit dürften einige Glocken kriegerischen Maßnahmen, Feuersbrünsten 169 oder<br />

auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Säkularisation zum Opfer gefallen sein.<br />

168 Vgl. zum Folgenden die grundsätzlichen Bemerkungen in DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XXXIXf.<br />

169 Durch das 1738 im Benediktinerinnen-Kloster Marienberg ausgebrochene Feuer wurden insgesamt fünf<br />

Glocken vernichtet; von den an ihrer Stelle noch im gleichen Jahr neugegossenen hat sich eine Glocke<br />

erhalten; vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 262 und 275.<br />

53


Vergleichsweise gering war dagegen der Verlust in den beiden Weltkriegen: Wie auch<br />

andernorts nachweisbar, wurden vor allem während des Zweiten Weltkrieges zwar viele<br />

mittelalterliche und frühneuzeitliche Glocken als kriegswichtige Metallreserve<br />

beschlagnahmt und in Sammellager überführt, sie kehrten aber in der Regel nach<br />

Kriegsende wieder an ihre ursprünglichen Standorte zurück 170 .<br />

Bei der 1249 gegossenen ältesten noch erhaltenen Glocke aus St. Severus in Boppard (Nr.<br />

17) handelt es sich gleichzeitig um die älteste datierte Glocke im Rheinland. Ihre offenbar<br />

bereits aus Modeln gewonnenen Buchstaben sind in gotischen Majuskeln ausgeführt und<br />

befinden sich zwischen doppelten Rundstegen an der für <strong>Inschriften</strong> typischen Stelle im<br />

Schulterbereich der Glocke. Die außergewöhnliche Inschrift, eine in leoninischen<br />

Hexametern gereimte Kombination von Herstellungs- und Weiheinschrift, ist sicher dem<br />

Einfluß der Stiftsgeistlichkeit von St. Severus zuzuschreiben. Die Inschrift der Majuskel-<br />

Glocke aus dem 4. Viertel des 13. Jahrhunderts (Nr. 19) aus Oberwesel ist dagegen noch in<br />

der altertümlichen Technik handgefertigter Wachsfäden ausgeführt und besteht lediglich<br />

aus einem als Anrufung gedachten Ave-Maria. Der unbekannte Gießer, dem zwei weitere<br />

Glocken im Taunus zugeschrieben werden können, fügte als Glockenzier zu Beginn, in der<br />

Mitte und am Ende des kurzen Textes Münzen ein. Während eine weitere, sonst<br />

schmucklose Oberweseler Glocke von 1354 in lateinischer Sprache den nun vollständigen<br />

Mariengruß mit der Datierung verbindet (Nr. 42), bringt die dritte Glocke aus Oberwesel<br />

(Nr. 39) erstmals eine Meisterinschrift in deutscher Sprache, die aufgrund der<br />

Namensnennung des auch sonst als Glockengießer gut bezeugten Meisters Johann von<br />

Mainz in die 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert werden kann. Als Glockenzier dienen<br />

hier vier unter den Text gesetzte Rosettenmedaillons.<br />

Vermutlich mit der verlorenen Glocke aus Boppard-Herschwiesen von 1374 (Nr. 47)<br />

setzen im Bearbeitungsgebiet früh die in gotischer Minuskel ausgeführten<br />

Glockeninschriften ein 171 ; hier in Form einer in drei leoninischen Hexametern gereimten<br />

Kombination aus Datierung in lateinischen Zahlworten, Widmungs- und<br />

Herstellungsinschrift; auch in diesem Fall dürfte der Text unter dem Einfluß der für die<br />

Kirche zuständigen Geistlichkeit entstanden sein. Die beiden 1379 von dem im Rhein-<br />

Main-Gebiet tätigen Meister Johann von Frankfurt für St. Severus in Boppard gegossenen<br />

Glocken (Nrr. 49, 50) zeigen dagegen erstmals deutschsprachige Spruchinschriften und<br />

apotropäische Evangelistennamen sowie mit der Namensansage maria heysen ich den<br />

Beginn des später oft verwendeten stereotypen Formulars "NN. heiße ich, zu NN. Ehren<br />

läute ich, NN. goß mich" mit anschließender Jahreszahl. Da auf beiden Glocken neben dem<br />

Jahr auch noch der jeweilige Tag ihres Gusses angegeben ist, erlauben sie zudem einen<br />

interessanten Einblick in die zeitlichen Abläufe des mittelalterlichen Glockengusses. Als<br />

Glockenzier dienen Kreuzigungsreliefs, die von dem Gießer zur Kennzeichnung des<br />

Textbeginns eingesetzt wurden.<br />

Die beiden im Jahr 1404 für Liebfrauen in Oberwesel gegossenen Glocken (Nrr. 61, 62)<br />

sind unter den <strong>Inschriften</strong> mit schmückenden Kruzifixen versehen und enthalten mit dem<br />

Mariengruß und der Bitte um Frieden o rex glorie christe veni cum pace zu dieser Zeit auf<br />

Glocken bereits weit verbreitete Texte. Aufgrund der verwendeten Schrift und der<br />

identischen Glockenzier können beide dem gleichen, bislang noch unbekannten Meister<br />

zugeschrieben werden. Die erste, 1422 für Oberwesel-Urbar gegossene Glocke (Nr. 66) läßt<br />

sich aufgrund des Muttergottes-Reliefs, das als Markierung des Beginns der<br />

Widmungsinschrift eingesetzt wurde, dem Umfeld des Meisters Gerlach von Frankfurt<br />

170 Vgl. dazu Pauly, St. Severus Abb. S. 166 und Kahl, Rückführung pass.<br />

171 In den benachbarten Bearbeitungsgebieten sind Minuskel-Glocken erst in späteren Jahren nachweisbar:<br />

1401 in Geisenheim, vgl. DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nr. 159; 1402 in Nieder-Beerbach, vgl. DI 49<br />

(Stadt Darmstadt und Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) Nr. 21; 1408 in Unter-Schönmattenwag,<br />

vgl. DI 38 (Lkrs. Bergstraße) Nr. 41; 1428 in Hennweiler, vgl. DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) Nr. 113. Für<br />

Mainz und Worms sind keine frühen Minuskelglocken überliefert.<br />

54


zuschreiben; die zweite aus dem Jahr 1449 (Nr. 74) stammt dagegen aus der Hand des<br />

berühmten Glockengießers Tilmann von Hachenburg und zeigt neben einem Blumenkreuz<br />

als Kennzeichnung des Textbeginns eine gereimte Kombination aus Namensansage,<br />

Wetterbann, Meisterinschrift und Datierung. Auf der dem Andernacher Meister Heinrich<br />

Klockengießer zugeschriebenen Meßglocke in Boppard von 1439 (Nr. 70), die lediglich das<br />

beliebte Ave-Maria mit Datumsangabe als Inschrift führt, wird neben einem Relief der<br />

stehenden Muttergottes erstmals auch ein vegetabiler Fries als Glockenzier eingesetzt. Die<br />

zweite, 1458 für St. Martin in Oberwesel gegossene Glocke Tilmanns von Hachenburg (Nr.<br />

83) trägt auffallenderweise nicht das auch von ihm oft verwendete "NN. heißen ich"-<br />

Formular, sondern eine offenbar von der Stiftsgeistlichkeit konzipierte, aus zwei<br />

lateinischen Bibelzitaten zusammengesetzte Inschrift. Zudem ist die Glocke mit einem zu<br />

beiden Seiten der Inschrift angeordneten Maßwerkfries versehen und weist zum ersten Mal<br />

im Bearbeitungsgebiet Wallfahrts- bzw. Pilgerzeichen auf: das von Liebfrauen zu Hadamar<br />

und das von Liebfrauen zu Worms. Eine 1477 von dem Frankfurter Meister Martin Moller<br />

für St. Martin in Oberwesel gegossene Glocke (Nr. 93) trägt wiederum das "NN. heißen<br />

ich"-Formular; eine unsignierte, etwas früher gegossene Glocke aus Boppard-Bad Salzig<br />

(Nr. 90) mit ähnlichem Formular kann aufgrund von Schrifteigentümlichkeiten erstmals<br />

Paulus von Üdersdorf, einem Werkstattgenossen Tilmanns von Hachenburg zugeschrieben<br />

werden. Diese sonst schmucklose Glocke trägt ebenfalls ein Pilgerzeichen – jetzt von der<br />

Wallfahrt zum hl. Servatius in Maastricht.<br />

Zwei im Jahr 1502 gegossene Glocken zeigen die ganze Bandbreite unterschiedlicher<br />

Gestaltungsmöglichkeiten zur gleichen Zeit. Während die verlorene Glocke aus St. Goar<br />

(Nr. 149) offenbar nur mit einer Jahreszahl versehen war, weist die erhaltene Glocke aus<br />

der Karmeliterkirche zu Boppard (Nr. 148) eine komplizierte zweizeilige Inschrift auf: Sie<br />

beginnt nach einer floral verzierten Raute in lateinischer Sprache mit dem Ave-Maria-<br />

Gebet, dann folgt in deutscher Sprache das bekannte "NN. heißen ich"-Formular mit der<br />

Nennung des gut bezeugten Glockengießers Heinrich von Prüm, und sie endet mit der<br />

Namensinschrift der hl. Anna. Der Mantel der Glocke ist – im Unterschied zu den bisher<br />

besprochenen – mit auffällig vielen figurenreichen Reliefs geschmückt, die in der Art der<br />

im Rhein-Main-Gebiet im 15. Jahrhundert entwickelten Auflagen-Reliefs (Intaglien)<br />

hergestellt wurden. Eine noch reichere Glockenzier (insgesamt 18 Reliefs) gepaart mit<br />

eigenwilligen <strong>Inschriften</strong> findet sich auf den beiden 1506 von dem sonst eher im<br />

nordtrierischen Raum tätigen Meister Wilhelm von Rode für St. Goar gegossenen Glocken.<br />

Während die eine Glocke (Nr. 154) eine lateinische Inschrift aufweist, die in drei<br />

Hexametern (darunter ein leoninisch gereimter) den Kirchenpatron anruft, die<br />

apotropäische Funktion des Glockenklangs beschwört, den ausführenden Meister, die<br />

Widmung der Glocke und das Gußjahr nennt, bietet die zweite Glocke (Nr. 155) eine<br />

Variante des "NN. heißen ich"-Formulars, das nun die Namensnennung der Glocke, die<br />

Fürbitte, die Nennung des Kirchenpatrons, den Wetterbann, den Namen des Gießers und<br />

das Jahr des Gusses enthält. Hervorzuheben ist bei der ersten Glocke das hier zum ersten<br />

und bislang auch einzigen Mal nachweisbare Wallfahrtszeichen des hl. Goar, der unter<br />

einem Spitzbogen-Baldachin dargestellt ist, seine Attribute in den Händen und den<br />

Höllendrachen zu Füßen.<br />

Zwei schlichte, im Jahr 1541 von dem Binger Meister Paul Fischer gegossene Glocken<br />

für die katholische Kirche in Oberwesel-Langscheid (Nrr. 191, 192) dokumentieren nicht<br />

nur den inzwischen vollzogenen Wechsel von der gotischen Minuskel zur zeitgemäßen<br />

Kapitalis, sondern auch eine nachreformatorisch beeinflußte Textvariante des immer noch<br />

verwendeten "NN. heißen ich"-Formulars: Zwar werden der Name der Glocke und der des<br />

Gießers immer noch genannt, die Funktion der Glocke besteht jetzt aber nur noch darin ZV<br />

GOTES DINST zu rufen bzw. ZV GOTES LOB zu läuten.<br />

Auffällig ist das völlige Fehlen von Glocken in der zweiten Hälfte des 16. und der ersten<br />

Hälfte des 17. Jahrhunderts. Offenbar waren alle Kirchen und Kapellen zu dieser Zeit gut<br />

55


versorgt und es bestand kein größerer Bedarf an neuen Glocken. So wird es verständlich,<br />

daß die 1658 von dem Kölner Meister Nikolaus von Unckel gegossene Glocke (Nr. 396) auf<br />

die von dem konvertierten Landgraf Philipp neu gegründete katholische Kirche in St. Goar<br />

zurückzuführen ist und daß sie in ihrer lateinischen Inschrift den hl. Goar und die hl.<br />

Elisabeth um Fürbitte anruft. Provenienz und Ausführung des verlorenen, nur mit der<br />

Jahreszahl 1677 versehenen Glöckchens aus Boppard (Nr. 429) sind unbekannt.<br />

Ein abschließender Blick auf die sprachliche und formale Entwicklung der<br />

Glockeninschriften im Bearbeitungsgebiet ergibt ein erstaunlich disparates Bild: Abgesehen<br />

von den beiden Glocken des 13. Jahrhunderts läßt sich seit der ersten Hälfte des 14.<br />

Jahrhunderts bis zum Ende des Bearbeitungszeitraums die gleichzeitige Verwendung<br />

lateinischer wie deutschsprachiger <strong>Inschriften</strong> beobachten, erstaunlicherweise sowohl in<br />

Prosa als auch in gereimter Form. Während das erstmals 1379 nachweisbare, dann in der<br />

Folgezeit überaus häufig verwendete deutschsprachige "NN. heißen ich"-Formular nicht nur<br />

im Bearbeitungsgebiet, sondern offenbar auch sonst für das Rheinland als geradezu<br />

typische Glockeninschrift bezeichnet werden kann 172 , sind die meist gereimten lateinischen<br />

<strong>Inschriften</strong> textlich ungewöhnlich, entstammen daher nicht dem <strong>Inschriften</strong>-Repertoire der<br />

Glockengießer, sondern sind sicherlich unter dem Einfluß der jeweils zuständigen (Stifts-<br />

)Geistlichkeit entstanden. Die mit dem Guß der Glocken beauftragten Gießer stammen etwa<br />

bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts aus dem Rhein-Main-Gebiet mit Schwerpunkt Frankfurt,<br />

in der zweiten Hälfte des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts eher aus dem Rhein-<br />

Mosel-Gebiet 173 mit Standorten in Andernach und Trier.<br />

4.4 Bauwerke, kirchliche Ausstattungsstücke und sonstige <strong>Inschriften</strong>träger<br />

Die einfachsten Bauinschriften sind die im Bearbeitungsgebiet reichlich vorhandenen<br />

Jahreszahlen (Sammel-Nrr. 112, 178, 202), die oft in Verbindung mit Wappen, Initialen<br />

oder Namen (Nrr. 331, 376, 409, 452) Beginn, Dauer oder Ende einer Baumaßnahme<br />

bezeugen. Sie befinden sich meist in schlichter Ausführung in den Scheitelsteinen der<br />

Portale von Hof-, Haus- oder Kellereingängen oder auf den Holzbalken der<br />

Fachwerkhäuser; manchmal aber auch auf einer Bauskulptur (Nr. 82) oder auf den<br />

betreffenden Objekten wie an einer Brunnenanlage (Nr. 214), an Brunnentrögen (Nrr. 281,<br />

282), an einem Postament (Nr. 305), am Kirchengestühl (Nr. 311), an Treppen (Nr. 338)<br />

oder an einem Altarbild (Nr. 422). Sie können aber auch als kleine Kunstwerke erhaben in<br />

Stein (Nr. 162), in Eisen (Nr. 205) oder in Holz (Nrr. 277, 279, 327, 338) gearbeitet sein.<br />

Die älteste erhaltene, um 1331 entstandene Bauinschrift mit längerem Text ist als<br />

Glasmalerei ausgeführt (Nr. 23) und befindet sich in den Chorfenstern der Liebfrauenkirche<br />

zu Oberwesel. Sie teilt dort in monumentalen Buchstaben das Jahr des sonst nicht<br />

bekannten Baubeginns der Kirche mit; verwendet wird dazu das auch sonst gelegentlich<br />

nachweisbare Formular INCHOATA FVIT. Ebenfalls in einem Kirchenfenster findet sich<br />

eine frühe deutschsprachige Bauinschrift (Nr. 72 VII), die mit dem Jahr 1440 vermutlich<br />

den Baubeginn des Seitenschiffs der Karmeliterkirche in Boppard, mit dem Jahr 1446 mit<br />

Sicherheit die Fertigstellung von dessen Verglasung angibt. Nur wenige Jahre zuvor wurde<br />

in St. Goar eine mehrzeilige Bauinschrift in den östlichen Strebepfeiler der Stiftskirche<br />

eingehauen (Nr. 71). Diese älteste deutschsprachige Bauinschrift des Bearbeitungsgebietes<br />

bezieht sich – zum Teil in Reimversen – auf den nur hier bezeugten Baubeginn des neuen<br />

Langhauses und nennt zum ersten Mal in einer Bauinschrift mit dem Dekan Heinrich<br />

Mulner, dem Patron Graf Philipp von Katzenelnbogen und dem Baumeister Hans Wynt die<br />

verantwortlich am Bau beteiligten Personen. Weitere Baumaßnahmen im Innern der<br />

Stiftskirche werden durch zwei lange gereimte Bauinschriften dokumentiert (Nrr. 380, 381),<br />

172 Vgl. dazu Poettgen, Trierer Glockengießer 75f.<br />

173 Vgl. dazu die Karte bei Poettgen, Glockengießerwerkstatt 38.<br />

56


die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts unter Beachtung älterer Texte innen an die<br />

Turmpfeiler gemalt wurden. Daß auch ganz unterschiedliche Bauvorgänge in <strong>Inschriften</strong><br />

thematisiert werden können, zeigen Beispiele aus dem 16. und 17. Jahrhundert: So läßt sich<br />

zu Beginn des Jahrhunderts erstmals eine Bauinschrift nachweisen, die über die<br />

durchgeführte Renovierung einer Kirche berichtet (Nr. 158; vgl. auch Nr. 431), in der Mitte<br />

des Jahrhunderts ist erstmals eine Bauinschrift überliefert, die mit der durch den<br />

Humanismus wieder in Gebrauch gekommenen Formel fieri curavit den Umbau eines<br />

Adelshofes mitteilt (Nr. 199), zum Jahr 1564 berichtet eine gereimte deutsch/lateinische<br />

Inschrift vom Brand und Wiederaufbau eines Pfarrhauses (Nr. 209), gegen Ende des<br />

Jahrhunderts erfahren wir von der Grundsteinlegung eines zu Kloster Marienberg<br />

gehörenden Kelterhauses (Nrr. 256), und 1633 bezeichnet eine Jahreszahl in Verbindung<br />

mit einem Bibelzitat (Nr. 358) eine unbekannte Baumaßnahme am Westportal der<br />

Bopparder Karmeliterkirche. Von den anzunehmenden zahlreichen <strong>Inschriften</strong> im Inneren<br />

der Häuser hat sich lediglich eine gereimte, schwer zu deutende Spruchinschrift (Nr. 210)<br />

erhalten.<br />

Ein eigener Komplex lateinischsprachiger Bauinschriften entstand mit dem Ausbau von<br />

Burg bzw. Schloß Rheinfels zu einer barocken Festung durch Landgraf Ernst von Hessen-<br />

Rheinfels ab 1657. In Texten unterschiedlicher Länge wird die Fertigstellung einzelner<br />

Forts oder Schanzen mitgeteilt (Nrr. 398, 419, 446), stets begleitet durch Sinnsprüche und<br />

Bibelzitate. Zusammenfassend gewürdigt werden die Tätigkeiten des Bauherrn auf einer<br />

eigenen Tafel als Schluß einer chronikalischen Inschrift (Nr. 421), nicht ohne deutlichen<br />

Hinweis darauf, daß Landgraf Ernst für den Ausbau – ohne Geld der Untertanen zu<br />

verwenden – hunderttausend Reichstaler aus eigenem Vermögen ausgegeben habe.<br />

Wie bereits die beiden ältesten mittelalterlichen <strong>Inschriften</strong> des Bearbeitungsgebietes<br />

(Nrr. 13, 14) dokumentieren, können Mitteilungen über bauhistorische Vorgänge auch in<br />

anderen als reinen Bauinschriften enthalten sein. So regeln die beiden Bopparder<br />

Rechtsinschriften die Zuständigkeiten von Stadtfremden für zwei Bopparder Stadttürme<br />

und gewähren ihnen dafür Zollfreiheit. Ähnliches gilt für die deutschsprachigen<br />

Rechtsinschriften der beiden vor 1327 hergestellten Bopparder Maßgefäße (Nrr. 24, 25), in<br />

denen letztlich der Grund für ihre Herstellung thematisiert wird, und schließlich auch für<br />

chronikalische Texte (Nrr. 114, 421), in denen ebenfalls Baunachrichten enthalten sein<br />

können.<br />

An inschriftlich bezeichneten kirchlichen Ausstattungsgegenständen haben sich neben<br />

den schon besprochenen <strong>Inschriften</strong>trägern wie Glocken und Altarretabeln aus dem Bereich<br />

der liturgischen Geräte nur einige wenige Kelche erhalten 174 . In der Regel tragen diese<br />

meist silbervergoldeten Gefäße den Kreuztitulus bzw. Gottes- und Marienanrufungen, die<br />

durch die Initialen, den Namen oder das Wappen des Stifters und die Jahreszahl ergänzt<br />

werden können (Nrr. 142, 227, 266, 444). Eine gewichtige Ausnahme bildet der Bopparder<br />

Kelch von 1379 (Nr. 51) mit der Stifterinschrift des Kardinalbischofs und Wormser<br />

Propstes Johannes de Blandiaco, in der er die Schenkung dieses Kelches an die ihm<br />

unterstellten sechs Bopparder Kanoniker von St. Severus mitteilt. Ohne weitere<br />

Vergleichsbeipiele im Bearbeitungsgebiet sind der eine hexametrische Weiheinschrift<br />

aufweisende Tragaltar von 1493 aus Kloster Marienberg (Nr. 113), die beiden um 1500<br />

hergestellten Gefäße aus St. Severus, markiert mit den Anfangsbuchstaben der darin<br />

174 Neben dem bekannten Schwund an vasa sacra im Zusammenhang mit der Säkularisation zu Beginn des 19.<br />

Jahrhunderts sind auch frühere Verluste nachzuweisen: So verkaufte etwa der Oberweseler Stadtrat im Jahr<br />

1794 einen erheblichen Bestand des Kirchenschatzes von Liebfrauen, St. Martin und des Minoritenklosters,<br />

um französische Kontributionen zu befriedigen; vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 341, 560 und 636. – In<br />

St. Goar sorgte die Einführung der Reformation in den Jahren nach 1528 für einen erheblichen Verlust an<br />

kirchlichen Gerätschaften, die bereits 1525 in einem Inventar des Stifts erfaßt worden waren; darunter<br />

befanden sich ein silbernes Hand- und ein silbernes Kopfreliquiar des hl. Goar; vgl. dazu Struck, Inventar<br />

274f. – Aus dem Verkauf von vasa sacra im Jahr 1533/34 erzielte man einen Erlös von 920 Talern;<br />

freundlicher Hinweis von Herrn Alexander Ritter, Mainz.<br />

57


enthaltenen liturgischen Öle (Nr. 146), zwei vermeintliche Märtyrer-Reliquien mit<br />

zugehörigen Beischriften aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts (Nr. 160), ein verschollenes<br />

Kreuzreliquiar aus Kloster Marienberg von 1538 (Nr. 190), dessen Inschrift Graf Reinhard<br />

zu Leiningen als Stifter ausweist, ein ebenfalls verschollenes Reliquiar der Märtyrersäule<br />

des (hl.) Werner mit zugehörigen Gedächtnisinschriften (Nr. 218), die Predella des heutigen<br />

Martha-Altars in Liebfrauen mit einer paraliturgischen Gebetsinschrift (Nr. 384) und<br />

schließlich die silbernen Buchbeschläge eines Missale aus St. Severus mit Namensinschrift<br />

und Fürbitte (Nr. 403). An beschrifteten Paramenten hat sich lediglich eine spätgotische<br />

Kasel in Oberwesel erhalten (Nr. 76), die mit dem Kreuztitulus sowie Jesus- und<br />

Marienanrufungen versehen ist, an sonstigen Textilien ein als Altarbehang dienender<br />

sogenannter Fürleger mit dem Mariengruß (Nr. 147).<br />

Zur Ausstattung einer Kirche gehören auch figürliche Darstellungen biblischer und<br />

heiliger Personen, die als Einzel- oder Figurengruppen nicht nur in Wand-, Glas- und<br />

Tafelmalerei sondern auch als eigenständige Reliefs ausgeführt werden konnten. Die<br />

zugehörigen Beischriften beschränken sich in der Regel auf die erklärende Namensnennung<br />

der dargestellten Personen (Nr. 37), bei Kreuzigungsdarstellungen meist auf den Titulus<br />

(Nrr. 134, 161), gelegentlich ergänzt um die Evangelistennamen (Nr. 143). Sie können aber<br />

auch – wie im Falle des um 1300 entstandenen Reliefs mit der Darstellung der Geburt<br />

Christi (Nr. 15) – theologisch reflektierte Erkenntnisse wiedergeben oder – wie bei der<br />

Ölbergruppe von 1437 (Nr. 69) und bei dem Votivbild der Muttergottes (Nr. 177) – mit<br />

Stifterinschrift und Fürbitte versehen sein. Als außergewöhnlich ist die zu einem<br />

wundertätigen Kreuz in der Bopparder Karmeliterkirche gehörige Weihe- und<br />

Ablaßinschrift (Nr. 263) zu werten, ebenso die 1658 angefertigte Translationsinschrift über<br />

dem anepigraphen Grabdenkmal des hl. Goar (Nr. 395) und letztlich auch die Inschrift<br />

SDAT BOPPARD an einem hölzernen Prozessionskreuz (Nr. 462) aus dem Ende des 17.<br />

Jahrhunderts.<br />

Während die spätgotische Steinkanzel in St. Goar (Nr. 85) noch hauptsächlich mit<br />

Namensbeischriften der sie schmückenden Figuren des hl. Goar und der vier Evangelisten<br />

versehen war, erhielt die 1602 hergestellte Kanzel aus Liebfrauen in Oberwesel (Nr. 277)<br />

neben Jahreszahl, Initialen und Wappen der Stifter auch ein Bibelzitat, das in<br />

großformatigen Buchstaben auf die von Gott verliehene Kraft der das Evangelium<br />

verkündenden Prediger hinweist. Ähnliche <strong>Inschriften</strong> und das gleiche Zitat weist die<br />

1618/19 für St. Martin in Oberwesel geschaffene Kanzel auf (Nr. 327), jetzt aber vermehrt<br />

um ein weiteres Bibelzitat und eine separate Herstellungs- bzw. Widmungsinschrift.<br />

Auch anläßlich der Stiftung, Erneuerung oder sogar der Neukonzeption von Altären<br />

wurden entsprechende Stifter-, Widmungs- und Herstellungsinschriften angebracht, so 1617<br />

am Heilig-Kreuz-Altar in Kloster Marienberg (Nr. 324), 1625 am Goldaltar in Liebfrauen<br />

(Nr. 343), hier ergänzt mit einer Spruchinschrift und einem Marienhymnus, an einem 1652<br />

neu errichteten Altar in der Bopparder Karmeliterkirche (Nr. 387), an dem 1666 gestifteten<br />

Marienaltar (Nr. 412) im Kloster Marienberg und an dem 1682 tiefgreifend veränderten<br />

Hochaltar von St. Martin in Oberwesel (Nr. 438). An dem bereits bestehenden Marienaltar<br />

in der Bopparder Karmeliterkirche wurde 1685 eine ewige Messe gestiftet und dies<br />

inschriftlich festgehalten (Nr. 443).<br />

Der einzige beschriftete Taufstein im Bearbeitungszeitraum ist lediglich mit der<br />

Jahreszahl 1670 (Nr. 418) versehen.<br />

Auftraggeber und Hersteller der 1521 angefertigten Vertäfelung des Kapitelsaals im<br />

Karmeliterkloster zu Boppard haben sich in einer diesbezüglichen Inschrift (Nr. 173)<br />

ebenso verewigt wie spätere Kirchenbesucher mit Initialen und Jahreszahlen an<br />

Grabdenkmälern (Nrr. 204, 207, 217, 257, 286), Fensterlaibungen (Nr. 329),<br />

Kirchenbänken (Nr. 311) und an der Lettnerbrüstung von Liebfrauen zu Oberwesel (Nr.<br />

423).<br />

58


Die zum Teil schon erwähnten chronikalischen <strong>Inschriften</strong> befanden sich zum einen als<br />

Wandmalerei an der Mauer des Propsteihofes bzw. in der kurfürstlich-trierischen Burg zu<br />

Boppard, zum andern auf Tafeln aus Holz bzw. Stein, die auf Burg Rheinfels ausgestellt<br />

waren. Während die eine Bopparder Inschrift einen mit der Gründungsgeschichte des<br />

Stiftes St. Martin in Worms zusammenhängenden Text (Nr. 94) enthält und die andere den<br />

Verlauf des zwischen der Stadt Boppard und dem Trierer Erzbischof geführten Bopparder<br />

Krieges von 1497 aus Trierer Sicht zusammenfaßt (Nr. 118), handelt es sich bei der<br />

zwischen 1479 und 1493 entstandenen Rheinfelser Tafel (Nr. 114) um fünf die Grafen von<br />

Katzenelnbogen betreffende Texte, die zentrale Ereignisse aus der Geschichte der Grafen<br />

von Katzenelnbogen zum Inhalt haben. Wohl in Kenntnis dieser Quelle ließ viele Jahre<br />

später Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels eine ähnliche Tafel anfertigen (Nr. 421), in der<br />

er in einer ausführlichen lateinischen Inschrift zunächst die Bedeutung dieses Ortes für die<br />

Landgrafen von Hessen würdigen ließ, um dann in einem zweiten Teil auf die Ereignisse<br />

seiner Zeit und auf seine eigenen Leistungen einzugehen. Eine weitere verlorene Tafel aus<br />

dem Franziskanerinnen-Kloster St. Martin in Boppard (Nr. 160) enthielt in acht Distichen<br />

die Gedenkinschrift über die Auffindung von vermeintlichen Märtyrergräbern im Jahr 1280.<br />

Als außergewöhnliche <strong>Inschriften</strong>träger sind die drei (teilweise verschollenen) zu<br />

unterschiedlichen Zeiten angefertigten Silberbecher (Nrr. 239, 240, 440) zu bezeichnen,<br />

deren Stiftungs-, Gedenk-, Widmungs- und Herstellungsinschriften in Verbindung mit<br />

Jahreszahlen, Wappen, Devisen, Namen und Initialen eine wichtige Quelle zur Geschichte<br />

des "seit undenkbaren Zeiten" in St. Goar tätigen Hansen-Ordens darstellen. Daß auch ein<br />

Glasgefäß (Nr. 453) oder schließlich Schmuckstücke Träger von <strong>Inschriften</strong> sein können,<br />

zeigen die beiden unterschiedlichen, mit den Initialen der Anna Elisabeth von Pfalz-<br />

Simmern versehenen Exemplare (Nr. 213).<br />

Abgesehen von dem 1620 am Bopparder Rheinufer errichteten Wegekreuz mit Titulus,<br />

Initialen und Jahreszahl (Nr. 330) und dem im Freien aufgestellten Kreuz für den 1630<br />

verstorbenen Matthias Ramsch (Nr. 350) sind an inschriftlich bezeichneten Flurdenkmälern<br />

lediglich einige wenige translozierte Grenz- und Gütersteine bekannt geworden (Nrr. 211,<br />

288, 322, 416, 439, 454), deren ursprüngliche Standorte an den jeweiligen<br />

Gemarkungsgrenzen in keinem Fall sicher zu rekonstruieren waren. Es handelt sich dabei<br />

meist um Basaltquader mit flachem oder gerundetem Kopf, die auf einer, manchmal auch<br />

auf beiden Seiten mit Jahreszahlen, Initialen und Wappen versehen sind.<br />

Wie einer zuverlässigen zeichnerischen Überlieferung zu entnehmen ist, dienten sogar<br />

Dachschiefer als Träger von <strong>Inschriften</strong> (Nr. 198) der Verbreitung interessanter<br />

prosopographisch verwertbarer Informationen.<br />

4.5 Meister und Werkstätten<br />

Bereits in der ältesten mittelalterlichen Inschrift des Bearbeitungsgebietes, der in der ersten<br />

Hälfte des 12. Jahrhunderts entstandenen Bopparder Zollbefreiungsinschrift für Oberwesel<br />

(Nr. 14), wird ein sonst nicht bezeugter MAGISTER OPERIS Heinrich genannt, der wohl<br />

für die Durchführung der Bauarbeiten an einem Turm der Bopparder Stadtmauer<br />

verantwortlich war. Meisternennungen zu dieser frühen Zeit sind selten 175 , sie lassen sich<br />

im Bearbeitungsgebiet in der Regel erst auf Glocken des 14. Jahrhunderts nachweisen (vgl.<br />

Kap. 4.3).<br />

Sowohl durch die Übereinstimmungen in der Form als auch durch spezielle historische<br />

Überlegungen zur politischen Situation in Boppard im Jahr 1327 konnten zwei Bopparder<br />

Bronze-Sömmer (Nrr. 23, 24) erstmals dem schwer faßbaren Kannengießer (CANTIFEX)<br />

175 Vgl. dazu Gerstenberg, Baumeisterbildnisse 6ff.<br />

59


Meister Johann von Koblenz zugeschrieben werden, von dem bislang lediglich ein<br />

undatiertes, aber signiertes drittes Maßgefäß (Nr. 25) überliefert war.<br />

Als Hersteller der Glasfenster und damit der um 1331 angefertigten Bauinschrift der<br />

Liebfrauenkirche in Oberwesel (Nr. 27) dürfte eine in Mainz ansässige Werkstatt in Frage<br />

kommen, die zwischen 1320 und 1340 auch in Bacharach, Mainz und Oppenheim tätig war.<br />

Weiterhin entstanden im Zusammenhang mit dem Neubau der Liebfrauenkirche in der<br />

ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts einige bedeutende Ausstattungsgegenstände und<br />

Grabdenkmäler, die unlängst von kunsthistorischer Seite zu einer Gruppe<br />

zusammengefaßt 176 und den unter König bzw. Kaiser Ludwig dem Bayern arbeitenden<br />

sogenannten "Rheinpfälzischen Werkstätten" zugeschrieben wurden. Dazu sollen<br />

hauptsächlich die mit Namensbeischriften versehenen Statuen der vier Evangelisten in<br />

Oberwesel (Nr. 37) gehören, sowie zwei anepigraphe Grabdenkmäler in St. Goar: zum<br />

einen die um 1330 angefertigte Tumbendeckplatte für den hl. Goar (vgl. Nr. 395), zum<br />

andern das Epitaph der Gräfin Adelheid von Katzenelnbogen (vgl. Nr. 26). Nachfolger<br />

dieser vornehmlich im süddeutschen Raum arbeitenden Werkstatt sollen zudem die<br />

Grabdenkmäler der in Oberwesel begrabenen Dekane Johannes (Nr. 29) und Hartmann (Nr.<br />

33) geschaffen haben. Auch die Grabplatte für den 1350 verstorbenen Abt Diether von<br />

Katzenelnbogen (Nr. 40) in St. Goar gilt noch als später Ausläufer dieser Werkstatt.<br />

Inwieweit diese Zuschreibungen 177 schlüssig sind und ob nicht auch das Wirken<br />

unabhängiger oder nur am Rande beeinflußter lokaler und regionaler Werkstätten<br />

angenommen werden kann, bedarf noch der weiteren Diskussion.<br />

Nicht mehr als der im Jahr 1444 inschriftlich dokumentierte Name Hans wynt und die<br />

Funktion als werkmeister (Nr. 71) sind von dem für die praktische Durchführung des<br />

Neubaus der Stiftskirche in St. Goar Verantwortlichen überliefert. Die um 1460 eingebaute<br />

Steinkanzel (Nr. 85) der Kirche wird dem von 1454 bis 1488 in Koblenz nachweisbaren<br />

Meister Hermann Sander zugeschrieben, der sich möglicherweise in einem kleinen<br />

figürlichen Relief selbst dargestellt hat.<br />

Von zwei unterschiedlichen Werkstätten wurden zwischen 1440 und 1446 für das<br />

neuerbaute Seitenschiff der Bopparder Karmeliterkirche sieben monumentale Glasfenster<br />

angefertigt (Nr. 72 I-VII). Aufgrund der kunsthistorischen Analyse der Glasmalereien<br />

konnten für die eine, eher konservativ arbeitende und noch dem Weichen Stil verpflichtete<br />

Werkstatt Kölner Einflüsse geltend gemacht werden, für die zweite Werkstatt mit ihrer<br />

typischen "knittrigen, hart und eckig gebrochenen" 178 Faltengebung eher Einflüsse des<br />

moderneren oberrheinischen Kunststils. Der epigraphische Befund unterstützt diese<br />

Einteilung.<br />

Einer sonst nicht weiter in Erscheinung getretenen mittelrheinischen Werkstatt wird von<br />

kunsthistorischer Seite das um 1450 gemalte dreiteilige Altarretabel mit der von Heiligen<br />

umgebenen Muttergottes (Nr. 77) zugeschrieben, ein 1491 datiertes Retabel mit der<br />

Kreuzigungsdarstellung (Nr. 110) dagegen dem Umkreis des jüngeren Kölner<br />

Sippenmeisters.<br />

176 Vgl. dazu ausführlich Kessel, Grabmäler pass. und Suckale, Hofkunst pass. – Während Kessel hauptsächlich<br />

auf die interessanten historischen und kunsthistorischen Zusammenhänge zwischen den Grabdenkmälern für<br />

Adelheid von Katzenelnbogen und den hl. St. Goar eingeht und lediglich auf die stilistische Nähe zu anderen<br />

Grabdenkmälern und Kunstwerken in Lich, Oberwesel, Kloster Eberbach und Mainz verweist, berücksichtigt<br />

Suckale einen weitaus größeren Kreis von Denkmälern in Bayern, Schwaben und Tirol, die er diesen von ihm<br />

unter dem Notnamen "Rheinpfälzische Werkstätten" in die Forschung eingeführten, namentlich unbekannten<br />

Künstlern und ihren Nachfolgern zuweist.<br />

177 Nach Suckale, Hofkunst 103ff. findet sich speziell der Stil der Oberweseler Bildhauer an folgenden<br />

Grabdenkmälern wieder: An der Deckplatte des um 1330 entstandenen Hochgrabes für Graf Eberhard I. von<br />

Katzenelnbogen in Kloster Eberbach, vgl. zu seiner fragmentarischen Grabplatte DI 43 (Rheingau-Taunus-<br />

Kreis) Nr. 21 von 1311; an dem Grabdenkmal des 1330 verstorbenen Mainzer Domkantors Eberhard von<br />

Oberstein (vgl. ebd. Nr. 41) und an der Deckplatte des Hochgrabes für Kuno von Falkenstein (# 1333) und<br />

Anna von Hessen (# 1329) in Lich (Wetterau-Kreis).<br />

178 So Wentzel, Glasmalerei-Scheibe 177.<br />

60


Das im Jahr 1515 unter Verwendung spätgotischer und renaissancezeitlicher Formen mit<br />

großer Meisterschaft hergestellte Epitaph des Oberweseler Kanonikers und Propstes Petrus<br />

Lutern (Nr. 159) galt lange Zeit als eigenhändiges Werk des bekannten Mainzer Bildhauers<br />

Hans Backoffen, wird aber heute aus stilgeschichtlichen Gründen einem seiner<br />

unbekannten, später in Oberschwaben tätigen Schüler zugewiesen. Das ähnlich konzipierte,<br />

kurz nach dem Tod Backoffens entstandene Ottenstein-Epitaph in Oberwesel (Nr. 169)<br />

dürfte ebenso in der Nachfolge Backoffens hergestellt worden sein wie noch 1524 das<br />

dortige Votivbild der Muttergottes (Nr. 177). Ob die 1516 geschaffene Kreuzigungsgruppe<br />

(Nr. 161) vom ehemaligen Friedhof von St. Severus in Boppard tatsächlich einer sonst<br />

unbekannten niederrheinischen Werkstatt oder vielleicht auch der Backoffen-Werkstatt<br />

zuzurechnen ist, müßte von kunsthistorischer Seite noch geklärt werden.<br />

Eine bemerkenswerte Ausnahmestellung nimmt das signierte, 1519 für Margarethe von<br />

Eltz gefertigte Epitaph (Nr. 166) des Eichstädter Bildhauers Loy Hering in der Bopparder<br />

Karmeliterkirche ein, dessen Darstellung des Gnadenstuhls einen Holzschnitt Albrecht<br />

Dürers variiert. Die Vielfalt künstlerischer Betätigung dokumentiert die 1521 erfolgte<br />

Neuvertäfelung des dortigen Kapitelsaals (Nr. 173) durch den ortsansässigen Meister<br />

Heinrich Tabularius. Daß größere Schreiner- und Holzbildhauerarbeiten auch nach auswärts<br />

vergeben werden konnten, zeigt die Bestellung des monumentalen Altaraufsatzes (Nr. 343)<br />

für den Goldaltar in Liebfrauen zu Oberwesel bei dem Freiburger Meister Matthäus Heller.<br />

Mit dem 1548 datierten Epitaph für das Ehepaar Johannes und Maria von Eltz in Boppard<br />

(Nr. 196) und dem 1555 datierten Epitaph für Friedrich von Schönburg auf Wesel in<br />

Oberwesel (Nr. 204) haben sich zwei unsignierte Grabdenkmäler erhalten, die aufgrund<br />

epigraphischer, dekorativer und figürlicher Details dem sonst hauptsächlich in Trier<br />

arbeitenden Meister Hieronymus Bildhauer zuzuschreiben sind. Ebenfalls nach Trier weist<br />

das Fragment einer Bopparder <strong>Inschriften</strong>tafel (Nr. 226), die aufgrund der<br />

charakteristischen Schriftformen zwischen 1570 und 1600 in der Werkstatt des gut<br />

bekannten Trierer Bildhauers Hans Ruprecht Hoffmann hergestellt worden ist.<br />

Daß die Landgrafen von Hessen bei der Auftragsvergabe die in ihrem Einflußbereich<br />

tätigen Künstler und Meister bevorzugten, zeigen sowohl der von dem St. Goarer<br />

Goldschmied Wilhelm Reinhart 1591 angefertigte Hansenbecher (Nr. 240) als auch die<br />

beiden Grabdenkmäler in der Stiftskirche zu St. Goar (Nr. 261): Das Epitaph des 1583<br />

verstorbenen Landgrafen Philipp von Hessen-Rheinfels wurde von dem Architekten und<br />

Bildhauer Wilhelm Vernuiken ausgeführt, das später entstandene Kenotaph für seine Gattin<br />

Anna Elisabeth hingegen von dem Mainzer Bildhauer Gerhard Wolff; beide Bildhauer sind<br />

auch sonst in landgräflich-hessischen Diensten nachweisbar. Wolff dürfte überdies auch<br />

noch das Epitaph für die 1601 verstorbene Wilhelma Lorbecher (Nr. 273) in Oberwesel<br />

hergestellt haben.<br />

Ab dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts lassen sich in Oberwesel, in St. Goar und in<br />

Boppard bislang unbeachtete lokale Werkstätten nachweisen, denen aufgrund besonderer<br />

Merkmale in der formalen Ausführung und in der Schriftgestaltung jeweils einige<br />

Grabdenkmäler zugewiesen werden können. Ungeklärt bleibt jedoch, ob und wie diese<br />

Werkstätten miteinander in Verbindung standen. Die Reihe beginnt in Oberwesel mit zwei<br />

1572 und 1583 entstandenen Grabplatten (Nrr. 217, 231) der dortigen Werkstatt I und setzt<br />

sich mit den beiden 1597 und 1598 angefertigten Grabdenkmälern (Nrr. 252, 257) der<br />

Werkstatt II fort. Zwischen 1600 und 1602 stellte eine Werkstatt in St. Goar drei Epitaphien<br />

für Familienmitglieder der landgräflich-hessischen Beamtenschaft her (Nrr. 269, 272, 276),<br />

und etwa zur selben Zeit fertigte eine andere Werkstatt in Oberwesel figürliche Epitaphien<br />

für das Geschlecht der Herren von Schönburg auf Wesel (Nrr. 283, 284, 290). Aufgrund der<br />

Schrifteigentümlichkeiten könnten in dieser Werkstatt in den Jahren 1612 und 1615 auch<br />

zwei Epitaphien für St. Goar (Nr. 304, 318) entstanden sein. Zwei nahezu identische<br />

Grabplatten von 1641 und 1642 (Nrr. 372, 373) entstammen mit Sicherheit wieder einer<br />

lokalen Werkstatt in St. Goar.<br />

61


Aufgrund der Ähnlichkeit im formalen Aufbau, vor allem wegen der nahezu identischen<br />

Schrift ist auch bei dem Epitaph für das Ehepaar Jakob Adenau und Margaretha Brant von<br />

1614 (Nr. 316) und einem 1621 hergestellten Andachtsbild (Nr. 332) in St. Severus von<br />

einer gemeinsamen Bopparder Werkstatt auszugehen. Noch ungeklärt ist die Frage, ob auch<br />

die zahlreichen frühneuzeitlichen Basalt-Grabplatten des Bopparder Bürgertums aus dieser<br />

Werkstatt stammen. Aufgrund der Beobachtung, daß einige dieser oft sehr ähnlich<br />

konzipierten Grabplatten zwar für <strong>Inschriften</strong> vorgesehene Tafeln aufweisen, die aber keine<br />

<strong>Inschriften</strong> tragen (Nrr. 280, 312, 328, 347, 382, 463), muß zumindest davon ausgegangen<br />

werden, daß sich um 1600 und später in Boppard eine Werkstatt befunden haben muß, die<br />

diese Grabplatten sozusagen auf Vorrat fertigte.<br />

5. DIE SCHRIFTFORMEN<br />

Da es sich bei den in einigen Kirchen des Bearbeitungsgebietes in großer Zahl<br />

anzutreffenden mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wandmalereien in der Regel nicht<br />

mehr um originale, vielmehr meist zu Beginn des 20. Jahrhunderts (und später) stark<br />

überarbeitete Kunstwerke 179 handelt, bei denen der originale Schriftbefund kaum mehr<br />

zuverlässig zu rekonstruieren ist, können im Folgenden nur wenige aussagefähige<br />

Einzelbeispiele aus diesem Bereich für schriftgeschichtlich relevante Aussagen<br />

herangezogen werden.<br />

5.1 Vorkarolingische Kapitalis<br />

Die ältesten und sämtlich undatierten <strong>Inschriften</strong> des Bearbeitungsgebietes (Nrr. 1-12; 6a)<br />

stammen aus dem Bereich des frühchristlichen Boppard und sind in der Regel in einer in<br />

scriptura continua gehaltenen Kapitalis 180 gestaltet. Trotz dieses gemeinsamen Merkmals<br />

lassen sie sich bei genauerer Betrachtung in zwei von den Schriftformen her deutlich<br />

voneinander unterscheidbare Gruppen einteilen.<br />

Die <strong>Inschriften</strong> der ersten Gruppe mit den Grabsteinen für Armentarius, Besontio,<br />

Nomidia, Eusebia, Saturnalis und dem Dies-Fragment (Nrr. 1-6) sind fast durchgehend in<br />

einer einheitlichen, feinstrichigen Kapitalis ausgeführt und können aus den oben<br />

dargelegten Gründen in das 5. bis in die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts datiert werden 181 .<br />

Aufgrund seiner Schriftformen ist auch der jüngst entdeckte Achifracius-Stein (Nr. 6a)<br />

dieser Gruppe zuzuweisen, selbst wenn er wegen einiger abweichenden Merkmale etwas<br />

später ins 6. Jahrhundert datiert werden muß. Die Schreibung der Buchstaben dieser Gruppe<br />

orientiert sich zwar noch spürbar an den Grundformen der capitalis quadrata, der klassischrömischen<br />

Monumentalschrift 182 , weist aber gleichzeitig durch graduelle wie fundamentale<br />

179 Vgl. dazu ausführlich oben Kap. 4.2.<br />

180 Bei der Beschreibung der Buchstabenformen der frühchristlichen Grabsteine ist stets zu bedenken, daß die<br />

in der Regel moderne, meist mit roter Farbe vorgenommene Ausmalung der oft schlecht erhaltenen<br />

<strong>Inschriften</strong> zu irreführenden Beobachtungen verleiten kann; vgl. dazu Nr. 2 und auch DI 51 (Stadt<br />

Wiesbaden) Nr. 2.<br />

181 Vgl. dazu oben Kap. 4.1.1.<br />

182 Im Idealfall sollte eine völlige Ausgeglichenheit der einzelnen, in Keilschnitt ausgeführten Buchstaben<br />

erreicht werden, möglichst mit exakt senkrecht und waagerecht geführten Linien, die Rundungen als genaue<br />

Kreissegmente gezogen "und die ganzen Buchstaben so gestaltet, daß sie nach Möglichkeit ein Quadrat<br />

füllen", so die Charakterisierung von Meyer, Epigraphik 38. – Angestrebt wurden zudem eine Verstärkung<br />

der linksschrägen Schäfte, leichte Bogenverstärkung, Serifenbildung und (als Einzelphänomen) die<br />

62


Abweichungen in der Gestaltung einzelner Buchstabenelemente fremde Einflüsse auf. Es<br />

sei zumindest darauf hingewiesen, daß neben den in klassischen Formen ausgeführten stets<br />

auch weit weniger qualitätvolle <strong>Inschriften</strong> angefertigt wurden, bei denen einige der unten<br />

erwähnten Abweichungen – wie etwa schräggestellte Schäfte bei M, kleingeschriebenes O<br />

oder offenes R – nachweisbar sind 183 . Überhaupt ist bei der <strong>Inschriften</strong>produktion der<br />

römischen Spätzeit grundsätzlich von einer geringeren Fertigkeit der Steinmetze und von<br />

einem Verlust der Kenntnisse von Schreibregeln auszugehen.<br />

Abweichend von den Standardformen der Monumentalis werden bei den verschiedenen<br />

<strong>Inschriften</strong> innerhalb der ersten Gruppe verwendet: spitzes A mit links- wie rechtsschrägem<br />

bzw. mit geknicktem Mittelbalken und nach oben verlängerten, sich daher<br />

überschneidenden Schrägschäften, halbunziales B, F mit Schrägrechtsbalken oben und<br />

rechts angesetztem Balken am unteren Schaftende, G mit linksschräger Cauda, K mit direkt<br />

am Schaft ansetzendem, verkürztem unteren Schrägbalken, L mit schräggestelltem Balken,<br />

M mit eingezogenem Mittelteil bzw. stark schräggestellten Schäften, nicht kreisrundes bzw.<br />

kleingeschriebenes O, unziales Q, offenes R, S mit zu einem rechtsschrägen Schaft<br />

umgeformten unteren Bogen, T mit nach oben hin in spitzem Winkel geknickten<br />

Deckbalken und X mit leicht geschwungenem rechten Schrägschaft. Die variantenreiche<br />

Buchstabenbildung dieser Grabsteine, die sich in reicher Zahl in Mainz 184 und vor allem in<br />

Trier 185 nachweisen lassen, entspricht im großen und ganzen auch den Buchstaben der in<br />

das 5. bis 6. Jahrhundert datierten Wormser und Wiesbadener Grabsteine 186 sowie denen<br />

der meisten frühchristlichen Grabsteine aus dem weiteren Mittelrheingebiet 187 .<br />

Die zweite Gruppe setzt sich aus den <strong>Inschriften</strong> für Audulpia, Fredoara, Chrodebertus,<br />

Nonnus, Bilefridus und (...)dis zusammen (Nrr. 7-12) und kann aus den oben dargelegten<br />

Gründen (vgl. Kap. 4.1.1) in die 2. Hälfte des 6. bis ins 7. Jahrhundert datiert werden.<br />

Bezüglich der Schriftformen unterscheidet sie sich von der ersten Gruppe grundsätzlich<br />

durch die eigentümliche Schaftverlängerung (etwa bei B, C, D, E, F, L, N, P, R) sowie<br />

durch auffällige eckige Formen, wie etwa eckiges C und rautenförmiges O. Hierbei markiert<br />

das Phänomen des runden C mit zusätzlichem Schaft am äußeren Bogenabschnitt eine<br />

Übergangsphase zum eckigen, zum Teil sogar mit Schaftverlängerung versehenen C.<br />

Weitere eigentümliche Buchstabenformen zeigen sich bei dem innen offenen B, bei G mit<br />

unverbunden um den unteren Bogenabschnitt halbkreisförmig gelegter Cauda, K mit<br />

verlängertem unteren Schrägbalken, konischem M mit halbhohem Mittelteil, N mit<br />

eingezogenem Schrägschaft, unzialem Q mit offenem Bogen und unverbunden nach rechts<br />

unten weisender Cauda und bei T mit schrägrechtem Balken. Geradezu kennzeichnend für<br />

die zweite Gruppe der Bopparder Grabinschriften sind die weiten Winkel bei A und V sowie<br />

die auffallende Konstruktionweise des S, dessen Bögen an einen geraden bzw. linksschräg<br />

gestellten und beidseitig verlängerten Schaft angesetzt sind. Der dadurch entstandene,<br />

völlig neue X-ähnliche Buchstabe konnte außerhalb Boppards bislang nur einmal in<br />

England und kürzlich auch auf einer Ende des 7./Anfang des 8. Jahrhunderts beschrifteten,<br />

bei St. Irminen in Trier aufgefundenen Tonscherbe nachgewiesen werden 188 . Diese<br />

grundlegende Veränderung der Schrift hängt wohl mit der allmählichen Durchdringung der<br />

germanischen und gallischen Provinzen des Römischen Reiches durch fränkische Stämme<br />

stachelförmig ausgebildete Cauda des R; vgl. dazu grundsätzlich Muess, Alphabet pass. und im Überblick<br />

Terminologie 26.<br />

183 Vgl. dazu die schriftvergleichenden Tabellen bei Kaufmann, Epigraphik 453ff. und die Mainzer Beispiele<br />

bei Selzer, Steindenkmäler Abb. 46, 83, 91 und 102.<br />

184 Vgl. dazu immer noch Boppert, <strong>Inschriften</strong> 13ff.<br />

185 Vgl. dazu Krämer, Grabinschriften pass. sowie die Editionen von Gauthier, Recueil pass. und Merten,<br />

Katalog pass.<br />

186 Vgl. dazu DI 29 (Stadt Worms) Nrr. 1-3 und DI 51 (Stadt Wiesbaden) Nrr. 1-7.<br />

187 Vgl. dazu im Überblick Boppert, <strong>Inschriften</strong> pass. und Engemann/Rüger, Spätantike 7-171.<br />

188 Vgl. dazu Okasha, Hand-List Nr. 23 (Carlisle I) und Clemens, Graffito pass. mit Abb. 1; freundliche<br />

Hinweise meines Kollegen Dr. Rüdiger Fuchs.<br />

63


seit dem Ende des 5. Jahrhunderts zusammen und läßt sich als "eigenartige germanische<br />

Lapidarschrift" 189 im 6. und 7. Jahrhundert vom Rhein bis ins westgotische Spanien<br />

nachweisen.<br />

Die Benennung der beiden Schriftformen als spätrömisch-christlich (vorkarolingische<br />

Kapitalis 1) für die zeitlich frühere bzw. als fränkisch (vorkarolingische Kapitalis 2) für die<br />

spätere Gruppe folgt den von Konrad F. Bauer anhand des vorwiegend Mainzer Materials<br />

entwickelten Termini 190 .<br />

5.2. Romanische und gotische Majuskel<br />

Trotz der nachweisbaren kontinuierlichen Besiedlung Boppards, Oberwesels und St. Goars<br />

in karolingischer und ottonischer Zeit 191 haben sich dort keine <strong>Inschriften</strong>träger aus diesem<br />

Zeitraum erhalten. Im Zuge der Schriftreform unter Karl dem Großen wurde bei<br />

Monumentalschriften wieder auf den oben beschriebenen Typ der römischen Kapitalschrift<br />

zurückgegriffen und als sogenannte karolingische Kapitalis 192 mehr oder weniger<br />

unverändert weiterbenutzt. Doch bereits Ende des 9. Jahrhunderts und verstärkt im 10.<br />

Jahrhundert werden Ansätze einer neuen Entwicklung bemerkbar: Die Buchstaben strecken<br />

sich und werden schmal, neben den (zum Teil auch eckigen) kapitalen erscheinen vereinzelt<br />

auch schon unziale bzw. runde Formen, die im 11. Jahrhundert verstärkt Ligaturen und<br />

Enklaven ausbilden und dann als romanische Majuskelschrift bezeichnet werden 193 .<br />

Die drei ältesten mittelalterlichen <strong>Inschriften</strong> des Bearbeitungsgebietes sind in dieser<br />

linear konzipierten Majuskelschrift ausgeführt und können auch aufgrund ihrer<br />

charakteristischen Mischung aus eckigen und runden Buchstabenformen problemlos dieser<br />

Schriftform zugerechnet werden. Die beiden undatierten, im Katalog aus epigraphischen<br />

Erwägungen (spitzes A, fast vollrundes O, gerade Cauda bei R) erstmals in die erste Hälfte<br />

des 12. Jahrhunderts datierten Bopparder Rechtsinschriften (Nrr. 13, 14) zeigen kapitale<br />

und unziale Varianten von D, E und H sowie kapitale und runde Varianten von F, N und T.<br />

Die Verwendung von sowohl spitzem als auch trapezförmigem A mit beidseitig bzw. nach<br />

links überstehendem Deckbalken, links geschlossenem unzialem M, N mit eingezogenem<br />

Schrägschaft und verschränktem bzw. aus zwei aneinandergesetzten V konstruiertem W<br />

vermitteln einen guten Eindruck von der Formenvielfalt dieser Schrift. Eine gewisse<br />

Weiterentwicklung läßt sich bei dem Ende 12./Anfang 13. Jahrhundert datierten Relief mit<br />

der Darstellung der Geburt Christi (Nr. 15) feststellen: Die kurze Inschrift verzichtet auf<br />

konservatives spitzes A, weist neben trapezförmigem A mit geknicktem Mittelbalken auch<br />

unziales A auf, neben kapitalem auch gebogenes L, durchgehend unziales E sowie R mit<br />

geschwungener Cauda. Zudem sind die Sporen an den Buchstabenenden ausgesprochen<br />

stark ausgebildet.<br />

Die offenbar bereits aus Modeln hergestellten Buchstaben der 1249 gegossenen<br />

Bopparder Mittagsglocke (Nr. 17) sind mit leichter Bogenschwellung, kräftiger<br />

Schaftverbreiterung sowie mit keilförmig verbreiterten Buchstabenenden ausgeführt und<br />

zeigen damit typische Kennzeichen der sich entwickelnden gotischen Majuskel 194 ; dazu<br />

gehört auch der auffällige, übergroße Bogen des P. Die variantenreiche, kapitale wie runde<br />

bzw. unziale Buchstaben verwendende Schrift weist aber im Einklang mit ihrer<br />

189 So Bauer, Epigraphik 12.<br />

190 Vgl. dazu ausführlich Bauer, Epigraphik 5 und 12 sowie den Überblick bei Kloos, Epigraphik 114ff.<br />

191 Vgl. dazu Heyen, Gebiet 304ff.<br />

192 Vgl. dazu DI 38 (Lkrs. Bergstraße) XXXIXff.<br />

193 Vgl. dazu Kloos, Epigraphik 123-128 und die knappe Charakterisierung in Terminologie 28. – Über den<br />

Weg von der "romanischen" zur "gotischen" Majuskel und die Benennung der Schriftarten wird derzeit<br />

diskutiert; vgl. dazu die grundsätzlichen Überlegungen von Koch, Anmerkungen pass. und Bayer, Versuch<br />

pass.<br />

194 Vgl. dazu grundsätzlich Kloos, Epigraphik 129-134 und Terminologie 28.<br />

64


Herstellungszeit noch keine eindeutigen Abschlußstriche auf, die hier so wirkenden Formen<br />

bei unzialem E und rundem F sind auf die Berührung der verbreiterten Buchstabenenden<br />

zurückzuführen. Wie unterschiedliche Herstellungstechniken erheblich abweichende<br />

Formen derselben Schriftart hervorbringen können, zeigen die wenigen Buchstaben der<br />

undatierten Marienglocke aus Oberwesel (Nr. 19). Im Gegensatz zu der Herstellung aus<br />

Modeln erlauben die von Hand aus Wachsfäden gerollten, durchgehend mit gerundeter<br />

Oberfläche versehenen Buchstaben eine weitaus feinere Ausführung der einzelnen<br />

Buchstabenelemente mit unterschiedlichsten Zierformen. So ist jeder Buchstabe<br />

verschieden; besonders auffallend sind die beiden A in MARIA gebildet: zum einen mit<br />

eingerollten Schaftenden, doppelt gebogenem Mittelbalken und zwei begleitenden,<br />

beidseitig eingerollten Zierlinien am gerundeten Scheitel, zum andern mit dreiecksförmigen<br />

Schaftenden, einem Mittelbalken aus zwei sich kreuzenden Linien und zwei kleinen<br />

hakenförmig gekrümmten Zierlinien am Scheitel. Die Datierung der Glocke in das 4.<br />

Viertel des 13. Jahrhunderts orientiert sich an dem eindeutig geschlossenen unzialen E.<br />

Dabei handelt es sich um ein zentrales, hier erstmals im Bearbeitungsgebiet nachweisbares<br />

Merkmal der gotischen Majuskel, die durch die Tendenz zur allmählichen Schließung der<br />

Buchstaben mittels eines Abschlußstriches gekennzeichnet ist.<br />

Weitere Stufen dieser Entwicklung vermittelt die Inschrift der wohl 1293 angefertigten<br />

Grabplatte des Mönches Heinrich aus Boppard (Nr. 18). Die sehr schlanken, nur mit<br />

leichten Schwellungen versehenen Buchstaben sind mit stark keilförmig verbreiterten<br />

Enden versehen, dabei laufen Bögen vereinzelt in umgebogene Zierlinien aus. Neben<br />

Varianten wie flachgedecktem trapezförmigem A mit geschwungenem linken Schaft, G mit<br />

stark eingerollter Cauda, symmetrisch unzialem M und R mit untereinander getrennt am<br />

Schaft ansetzendem Bogen und Cauda wird nun fast durchgehend geschlossenes E und<br />

meist auch geschlossenes C eingesetzt. Daß sich diese deutliche Tendenz zur Abschließung<br />

der Buchstaben jedoch nicht überall zwangsläufig fortsetzen muß, zeigt die noch stark<br />

kapital geprägte Schrift auf der aus prosopographischen Gründen in die 2. Hälfte des 14.<br />

Jahrhunderts datierten Glocke des Meisters Johann von Mainz in Oberwesel (Nr. 39), bei<br />

der bis auf das E alle anderen Buchstaben eben noch nicht geschlossen sind.<br />

Flächigkeit als weiteres Element der ausgebildeten gotischen Majuskel läßt sich erstmals<br />

in der als Wandmalerei ausgeführten, in den Anfang des 14. Jahrhunderts datierten<br />

Namensbeischrift des hl. Johannes Evangelist in St. Goar (Nr. 22) beobachten. Die<br />

<strong>Inschriften</strong> der drei um 1327 in der Technik des Glockengusses hergestellten Maßgefäße<br />

aus Boppard (Nrr. 23-25) zeigen eine auffallend variantenarm geformte Majuskel, die zwar<br />

noch eher verhalten ausgebildete Schwellungen, sonst aber ein deutliches Streben zur<br />

Abschließung einzelner Buchstaben mit kräftigen Abschlußstrichen (bei C, E und M)<br />

erkennen lassen. Fast quadratische Proportionen besitzt die für die Entstehungszeit<br />

bemerkenswert feinstrichig ausgeführte gotische Majuskel auf der Grabplatte der 1329<br />

verstorbenen Adelheid von Katzenelnbogen in St. Goar (Nr. 26). Auffallend ist die dort<br />

vorgenommene variable Gestaltung der Buchstabenenden: An Stelle der sonst verwendeten<br />

Dreieckssporen bleibt beim unzialen E der Ansatzpunkt des Abschlußstriches am Bogen<br />

dünnstrichig, ebenso wie gelegentlich bei G und S nur ein feiner Strich statt des<br />

Dreiecksporns angesetzt ist. Ausgeprägte Bogenschwellungen finden sich erstmals bei der<br />

um 1331 auf Glas ausgeführten Oberweseler Bauinschrift (Nr. 27), ab diesem Zeitpunkt<br />

aber in reicher Zahl auf den Grabdenkmälern der folgenden Jahre.<br />

Bei einigen dieser Grabdenkmäler ist auf eine schon mehrmals beobachtete Besonderheit<br />

in der Schriftgestaltung aufmerksam zu machen. Sie weisen oft breit angelegte Buchstaben<br />

auf, die aus dem Stein nur flach mit aufgerauhten Untergrund ausgehauen wurden,<br />

offensichtlich um eine bessere Haftung einer aufzubringenden kontrastierenden<br />

Füllmasse 195 zu gewährleisten. Erfreulicherweise haben sich auf den Grabplatten der 1336<br />

195 Vgl. dazu ausführlich DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XLVI mit Anm. 152.<br />

65


verstorbenen Lucia (Nr. 28) im Kloster Marienberg, des ebenfalls 1336 verstorbenen<br />

Dekans Johannes in Oberwesel (Nr. 29), eines dortigen Kanonikers aus dem Folgejahr (Nr.<br />

30) und des 1340 ebenfalls in Oberwesel verstorbenen Speyerer Domdekans Hartmann von<br />

Landsberg (Nr. 33) noch beträchtliche Reste dieser glattgestrichenen schwärzlichen<br />

Masse 196 erhalten. Auch durch den so erzielten Kontrast mit dem meist roten Sandstein<br />

erhalten die derart behandelten Buchstaben einen äußerst dekorativen Charakter, der die<br />

sonst wenig variantenreich gestalteten Buchstaben deutlich aufwertet. Aber auch die<br />

konventionell ausgeführten <strong>Inschriften</strong> dieser Zeit weisen Besonderheiten in der<br />

Formensprache auf: So zeigt etwa die schlanke Majuskel auf der Grabplatte der 1337<br />

verstorbenen Lucardis von Milwalt in St. Goar-Werlau (Nr. 31) gegen den Duktus breites P<br />

mit weit unter die Schaftmitte gezogenem Bogen und außerdem X mit zwei nach unten<br />

durchgebogenen, also nicht geschwungenen Schrägschäften. Auf anderen Grabplatten<br />

laufen Buchstabenenden gelegentlich in umgebogene Zierlinien aus (Nrr. 34 und 43).<br />

Hinsichtlich der Proportionierung der gotischen Majuskel ergibt sich für die erste Hälfte<br />

des 14. Jahrhunderts eindeutig ein Nebeneinander von schlanken, gestreckten und breiten,<br />

gedrungenen Buchstabenformen 197 . Somit entfällt – zumindest im Bearbeitungsgebiet –<br />

Proportion als isoliertes Datierungskriterium 198 .<br />

Nur auf der Oberweseler Marienglocke von 1354 (Nr. 42) ist auch die anderweitig<br />

festgestellte, für das dritte Viertel des 14. Jahrhunderts typische Schriftvariante mit spitz<br />

ausgezogenen Bogenschwellungen 199 nachzuweisen. Der so entstehende unruhige Eindruck<br />

wird auf der Oberweseler Glocke noch verstärkt, indem die in der Größe stark variierenden<br />

Buchstaben eine den Konturen folgende Zierlinie erhalten, die ihrerseits zum Teil an den<br />

Bogeninnenseiten von Punkten oder Dreiecken begleitet wird. Zudem variieren einige<br />

Buchstaben und sind auch sonst höchst eigenwillig gestaltet: So erscheint A sowohl in<br />

vollrund pseudounzialer Form ohne gebogenen Deckbalken als auch spitz zulaufend mit<br />

weit überstehendem Deck- und geknicktem Mittelbalken. Daneben steht symmetrisch<br />

unziales, unten gerade geschlossenes M mit spitz zulaufendem Oberteil und mit Punkten<br />

verziertem Mittelschaft sowie O mit spitz ausgezogener Bogenschwellung und ovaler, mit<br />

zwei senkrecht angeordneten Zierpunkten geschmückter Innenkontur. Die letzte<br />

nachweisbare gotische Majuskel auf der Grabplatte des 1364 verstorbenen Lamprecht von<br />

Schönburg auf Wesel (Nr. 46) besitzt dieses Merkmal nicht, dafür aber schon relativ früh<br />

unziales E mit Ausrundung der Winkel an Bogen und Balken 200 . Der ungewöhnliche<br />

Umstand, daß im Bearbeitungsgebiet nach 1364 keine Majuskel mehr belegt ist, resultiert<br />

aus der offensichtlich lückenhaften Überlieferung, denn bis zum Jahr 1385 (Nr. 52) haben<br />

sich nur wenige <strong>Inschriften</strong> und keine Grabplatten erhalten.<br />

5.3. Frühhumanistische Kapitalis<br />

Ende des 15. Jahrhunderts wird im Bearbeitungsgebiet ganz vereinzelt eine neue kapitale<br />

Schriftart 201 verwendet, die ihre Ursprünge im humanistisch geprägten Italien hatte und<br />

sich ab Mitte des Jahrhunderts von Süddeutschland aus verbreitete. Vermittelt über<br />

196 Laut einer mikroanalytischen Untersuchung, die an neu aufgefundenen Grabplattenfragmenten aus St.<br />

Kastor in Koblenz mit vermutlich entsprechender Füllung durchgeführt wurde, handelt es sich bei dieser mit<br />

farblosen Partikeln durchsetzten Masse um mit Pflanzenschwarz pigmentiertes Kolophonium (Harz); vgl.<br />

dazu Nikitsch, Grabdenkmäler 347f. mit Anm. 16.<br />

197 Vgl. dazu zuletzt die Ausführungen in DI 51 (Stadt Wiesbaden) XLIIIf.<br />

198 Vgl. dazu Kloos, Epigraphik 132.<br />

199 Vgl. dazu DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XLVI, DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXVII, DI 49 (Stadt<br />

Darmstadt, Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) XXXVI und DI 54 (Ehem. Lkrs. Mergentheim) LII.<br />

200 Vgl. zu diesem Datierungskriterium der späten gotischen Majuskel DI 29 (Stadt Worms) LXII.<br />

201 Vgl. dazu immer noch Neumüllers-Klauser, Schriften pass. sowie Fuchs, Übergangsschriften pass. und<br />

Koch, Frühhumanistische Kapitalis pass.<br />

66


Musteralphabete, Zeichnungen und unterschiedliche Objekte ist sie als dekorative<br />

Auszeichnungsschrift – wie andernorts auch – meist auf Spruchbändern, Nimben oder<br />

Gewandsäumen zu finden. Merkmale dieser in klarer Linearität konzipierten Schrift sind<br />

Buchstaben, die sowohl Formen der klassisch-römischen Antike und des 13./14.<br />

Jahrhunderts aufnehmen, wie auch Elemente der griechisch-byzantinischen Schrift<br />

rezipieren; häufig nachweisbar sind etwa das zweibogige E, H mit halbrunder Ausbuchtung<br />

am Balken, I mit Nodus und das byzantinische M.<br />

Die früheste datierte Inschrift mit Formen dieser Schriftart findet sich im<br />

Bearbeitungsgebiet auf einem wohl 1491 entstandenen Bopparder Retabel (Nr. 110). Hier<br />

sind die beiden I des gemalten Titulus mit winzigen Halbnodi geschmückt, und das N wird<br />

durch einen hauchdünnen rechten Schrägschaft zur spiegelverkehrten Variante. Auch bei<br />

den wohl als Zier gedachten Buchstaben auf den Gewandsäumen zweier Figuren des 1506<br />

gefertigten Nikolaus-Retabels in Oberwesel (Nr. 153) lassen sich bei der in sehr kleinen<br />

Buchstaben aufgemalten Kapitalis mit spitzem A, unzialem D, M mit hochgezogenem<br />

Mittelteil und R mit kleinem Bogen und gestreckter Cauda frühhumanistische Elemente<br />

beobachten. Aber erst auf der Grabplatte der 1520 verstorbenen Pfalzgräfin Anna in Kloster<br />

Marienberg (Nr. 167) zeigt sich zum einzigen Mal das reiche Formenrepertoire dieser<br />

Schriftart: Oben gerundetes pseudounziales A steht neben spitzem A mit beidseitig bzw. nur<br />

links überstehendem Deckbalken, B ist mit einander nicht berührenden Bögen ausgeführt, D<br />

unzial wie kapital, E zweibogig und kapital, I mit Nodus, M mit hochgezogenem Mittelteil,<br />

N mit Nodus am Schrägschaft, O spitzoval, P mit offenem, weit unter die Schaftmitte<br />

gezogenem Bogen, R mit kleinem Bogen und gestreckter Cauda, S spiegelverkehrt, T mit<br />

nach rechts ansetzendem Balken am unteren Schaftende und X mit gerade gestelltem<br />

Linksschrägschaft. Zudem unterstützen die auffallend dünn ausgeführten Schrägschäfte bei<br />

M und N zusätzlich den dekorativen Charakter dieser an Nexus litterarum reichen Schrift.<br />

5.4. Kapitalis<br />

Im Unterschied zur frühhumanistischen Kapitalis orientierte sich die in den beiden letzten<br />

Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts im Mittelrheingebiet auftretende Kapitalis 202 wiederum<br />

voll und ganz an den Formen der antiken klassisch-römischen Monumentalschrift.<br />

Vermittelnde Zentren bildeten dabei die rheinischen Bischofsstädte Mainz und Worms<br />

sowie die kurpfälzische Universitätsstadt Heidelberg.<br />

Abgesehen von einigen um 1500 entstandenen <strong>Inschriften</strong> (Nrr. 136, 146, 153), die noch<br />

mit Elementen der gotischen Majuskel bzw. der frühhumanistischen Kapitalis<br />

experimentieren, dürften die ohne Ausbildung von Sonderformen in unauffälliger Kapitalis<br />

aufgemalten <strong>Inschriften</strong> der Tituli auf dem Martha-Retabel von 1503 bzw. dem Nikolaus-<br />

Retabel von 1506 in Oberwesel (Nrr. 151, 153) die frühesten, wenn auch noch an<br />

unscheinbarer Stelle eingesetzten Vertreter dieser Schriftart darstellen. Etwa zehn Jahre<br />

später läßt sich diese Schrift erstmals auf dem Epitaph des 1515 verstorbenen Kanonikers<br />

und Propstes Petrus Lutern in Oberwesel (Nr. 159) monumental in Stein gehauen<br />

nachweisen. Der klare Bezug zur klassischen römischen Kapitalis wird durch die<br />

ausgewogenen Proportionen der sorgfältig gearbeiteten Buchstaben hergestellt, die<br />

Serifenbildung zeigen und mit deutlicher Linksschrägenverstärkung und leichter<br />

Bogenverstärkung versehen sind. Sogar R weist die ideale (später nur noch selten erreichte)<br />

stachelförmige Cauda auf. Die Proportion und Drängung der Buchstaben, auch die größeren<br />

Längenunterschiede der Balken des E, der etwas gedrückte Bogen des G, das durchgehend<br />

geschlossene P und die an der unteren Bogenmitte des Buchstabens ansetzende, kurze<br />

202 Vgl. dazu und zum Folgenden den Überblick bei Fuchs, Schrift/Typographik Sp. 1094ff. sowie zum<br />

regionalen Aspekt DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XLVIIf., DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXVIIIf. und DI<br />

51 (Stadt Wiesbaden) XLIVf.<br />

67


hakenförmige Cauda des Q verweisen auf die renaissancezeitliche Entstehung dieser<br />

Inschrift. Ähnlich gut ausgeführte Buchstaben mit vergleichbaren Merkmalen finden sich<br />

auf der Grabplatte des St. Goarer Kanonikers Daniel Platzfuß von 1519 (Nr. 165) und in der<br />

Meisterinschrift des Loy Hering auf dem Epitaph der Margarethe von Eltz in Boppard aus<br />

dem gleichen Jahr (Nr. 166) – letztere weist allerdings unklassische Punkte über I und Y<br />

auf. Bei der ansonsten gut proportionierten Inschrift des 1524 gestifteten Votivbildes in<br />

Oberwesel (Nr. 177) sind durch den Einsatz erhöhter Anfangsbuchstaben und die<br />

Gestaltung des M mit stark schräggestellten Schäften und auf die Buchstabenmitte<br />

hochgezogenem Mittelteil weitere Abweichungen vom antiken Ideal zu beobachten. Bei<br />

den aufgrund ihrer besonderen Herstellungsart ein breites, flaches Profil aufweisenden<br />

Buchstaben der beiden 1541 gegossenen Glocken in Oberwesel-Langscheid (Nrr. 191, 192)<br />

sind nur gelegentlich die Ausbildung der Bogen- und Schaftenden mit Sporen, außerdem<br />

keilförmig gestaltete Balken zu beobachten. Dieses Phänomen zeigt sich auch bei den<br />

erhaben ausgeführten <strong>Inschriften</strong> auf dem Eltz/Breitbach-Epitaph von 1548 in Boppard (Nr.<br />

196). Während die Bogenenden der Buchstaben regelmäßig in Sporen auslaufen, sind<br />

Schaft- und Balkenenden zumeist nur keilförmig gestaltet. Außerdem weist die aufgrund<br />

des breiten flachen Profils recht kompakt wirkende Kapitalis I durchgehend mit Punkt und<br />

R mit leicht geschwungener Cauda auf.<br />

Für die Entwicklung der Kapitalis ab dem 2. Viertel des 16. Jahrhunderts sind zwei<br />

Themenbereiche in den Blick zu nehmen: erstens die eher regellosen, stark vom Kanon<br />

abweichenden Produktionen und zweitens neue werkstattimmanente Schriftkonzeptionen.<br />

Etwa ab der Mitte des 16. Jahrhunderts entfernt sich die Kapitalis im Bearbeitungsgebiet<br />

deutlich von ihrem klassischen Vorbild und bildet Ansätze einer neuen Formensprache aus.<br />

Wie zunächst bei den frühen Grabkreuzen (Nrr. 206, 208, 215, 216) zu beobachten ist, wird<br />

die Linksschrägenverstärkung meist zugunsten gleichstrichig ausgeführter Schrift<br />

aufgegeben. Daneben kommt es in der Folgezeit zum verstärkten Einsatz von M mit<br />

hochgezogenem Mittelteil und von spiegelverkehrtem N. Weiterhin erscheinen offenes<br />

kapitales D, R mit gerader, am Schaft ansetzender Cauda und S mit waagerecht<br />

ausgeführten Bogenabschnitten (Nr. 210) sowie E mit stark verkürztem Mittelbalken (Nr.<br />

217) bzw. mit stark verlängertem unteren Balken (Nr. 221) oder auch mit nahezu gleich<br />

langen oberen und unteren Balken (Nr. 236). C und G mit überstehendem oberen<br />

Bogenabschnitt sowie spitzovales O lassen sich erstmals auf der Grabplatte eines 1574<br />

verstorbenen Propstes in Hirzenach (Nr. 225) nachweisen. Weitere Besonderheiten zeigen<br />

die <strong>Inschriften</strong> zweier Grabplatten von 1583 (Nrr. 230, 231): spitzes A mit nach links<br />

überstehendem Deckbalken, B mit sich nicht berührenden Bögen und R mit weit außen am<br />

Bogen ansetzender Cauda. Auf einem Hirzenacher Grabkreuz des Folgejahres (Nr. 233)<br />

findet sich erstmals H mit nach oben ausgebuchtetem Mittelbalken sowie offenes D mit<br />

nach rechts geknicktem Schaft, zudem oben spitzes zweistöckiges Z in der Grabinschrift für<br />

die 1591 verstorbene Judith Weller in Boppard (Nr. 238).<br />

Daß in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts neben der eben skizzierten Entwicklung<br />

auch die erwähnte eigenständige Ausprägung bzw. "werkstattimmanente<br />

Individualisierung" 203 in der Schriftgestaltung feststellbar ist, zeigt die Inschrift des<br />

zwischen 1573 und 1578 entstandenen Epitaphaltars in Boppard (Nr. 226). Die schlanke,<br />

stark nach rechts geneigte Kapitalis nimmt wieder die klassische Linksschrägenverstärkung<br />

auf und hat als Besonderheit weit überstehende Serifen an den Buchstabenenden. Aufgrund<br />

charakteristischer Buchstabenformen wie spitzes A mit langer, exakt gearbeiteter Spitze, C<br />

mit spitz auslaufendem unteren Bogenende, R mit leicht geschwungener, spitz unter die<br />

Grundlinie laufender Cauda sowie S mit steil stehendem Mittelteil und kleinerem oberen<br />

Bogen konnte die <strong>Inschriften</strong>tafel der Werkstatt des gut bekannten Trierer Bildhauers Hans<br />

Ruprecht Hoffmann zugewiesen werden. Auch die Inschrift auf der neu entdeckten<br />

203 Vgl. dazu DI 49 (Stadt Darmstadt, Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) XXXIX und DI 51 (Stadt<br />

Wiesbaden) XLIV (Zitat).<br />

68


Grabplatte des Bopparder Pfarrers Johannes Erlenbach von 1587 (Nr. 234) weist<br />

wenigstens teilweise noch klassizierende Formen wie Linksschrägen- und<br />

Bogenverstärkung auf, zudem M mit bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil. Gleiches gilt<br />

für die sorgfältig ausgeführte Kapitalis auf dem Epitaph des landgräflich-hessischen<br />

Kanzlers Friedrich von Nordeck in St. Goar (Nr. 247; vgl. auch Nrr. 276, 277).<br />

Um die Wende zum 17. Jahrhundert lassen sich – neben unauffälligen – verstärkt an<br />

Nexus litterarum reiche <strong>Inschriften</strong> mit zeittypischen, oft auch eigenwilligen Formen<br />

feststellen (Nrr. 246, 252, 257, 283, 284): A mit verlängertem rechten Schaft und<br />

rundbogigem Anschluß des linken, G mit eingestellter Cauda, K sowohl mit fast geradem,<br />

als auch mit geschwungenem, unter die Grundlinie gezogenem unteren Schrägbalken, M mit<br />

schräggestellten äußeren Schäften und kurzen, nach oben gebogenen Schäften des<br />

Mittelteils, N mit nach rechts unter die Grundlinie verlängertem, spitz zulaufendem<br />

Schrägschaft, O mit linksschräger Achse, R mit weit ausgestellter und unter die Grundlinie<br />

reichender Cauda sowie S mit geschwollenem Mittelteil. Insgesamt dürfte das Phänomen<br />

der Schaft- und Bogenverlängerungen verbunden mit der Tendenz zur Ausbildung<br />

dreiecksförmiger Sporen an den Buchstabenenden charakteristisch für das letzte Drittel des<br />

16. Jahrhunderts sein.<br />

Abgesehen von mehr oder weniger stark ausgeprägten Varianten dieser Schriftformen<br />

sind im 17. Jahrhundert nur noch wenige fundamentale Veränderungen zu konstatieren. So<br />

läßt sich geschwungener Schrägschaft bei N erstmals 1627 nachweisen (Nr. 345) sowie<br />

1631 zweibogiges E, J als eigenständiger Buchstabe und vor allem die Verwendung des<br />

runden U statt V (Nr. 352). Insgesamt scheint in der zweiten Jahrhunderthälfte die Tendenz<br />

zu breiteren Proportionen vorzuherrschen.<br />

5.5. Gotische Minuskel; Versalien<br />

Im Verlauf des 11. Jahrhunderts entwickelt sich aus der karolingischen Minuskel in<br />

Nordfrankreich und Belgien eine neue Buchschrift 204 (Textura) mit dem auffälligen<br />

Merkmal der Brechung von Bögen und Schäften der auf der Zeile stehenden<br />

Kleinbuchstaben (Gemeine). In der gleichen Region beginnt die Verwendung dieser<br />

Buchschrift als epigraphische – als gotische Minuskel 205 bezeichnete – Schrift: Sie<br />

erscheint erstmals 1261 auf einer Grabplatte des nordfranzösischen Klosters Ourscamp. Im<br />

deutschen Sprachraum zunächst sehr verhalten rezipiert, wird sie – stets in Konkurrenz zur<br />

gotischen Majuskel – in den zwanziger und dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts<br />

vornehmlich in Werken der Wand- und Glasmalerei bzw. von Glockengießern und<br />

Goldschmieden verwendet. Im weiteren Mittelrheingebiet läßt sie sich als Lapidarschrift<br />

erstmals auf den wohl vor 1340 angefertigten Tumbendeckplatten der Mainzer Erzbischöfe<br />

Peter von Aspelt (#1320) und Matthias von Bucheck (#1328) 206 im Dom zu Mainz<br />

nachweisen, dann 1341 und 1346 auf Grabplatten des Zisterzienser-Klosters Eberbach im<br />

Rheingau 207 . Erstaunlicherweise scheint zwischen den <strong>Inschriften</strong> auf den Mainzer<br />

Grabdenkmälern und der ersten erhaltenen Minuskel im Bearbeitungsgebiet auf der<br />

Grabplatte des 1350 verstorbenen Abtes Diether von Katzenelnbogen (Nr. 40) in St. Goar<br />

eine Verbindung zu bestehen. Obwohl es sich im Gegensatz zu Mainz hier um eine<br />

schmucklose, noch etwas unsicher ausgeführte gotische Minuskel ohne Einsatz von<br />

Versalien handelt, sind die Übereinstimmungen hinsichtlich ungewöhnlicher Formen nicht<br />

zu verkennen: Das Ende des oberen Bogens des a ist gerade verlaufend zum Schaft<br />

204 Vgl. dazu und zum Folgenden Bischoff, Paläographie 163ff. und Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache<br />

64f.<br />

205 Vgl. dazu Terminologie 46f.<br />

206 Vgl. dazu die neue Datierung bei Kessel, Sepulkralpolitik 16ff.<br />

207 Vgl. DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nrr. 65 und 66.<br />

69


zurückgebogen und berührt den unteren Bogen, der obere Bogenabschnitt des c ist<br />

waagerecht umgebogen und verhältnismäßig lang, der Bogen des h reicht weit nach links<br />

gebogen bzw. abgeknickt unter die Grundlinie, im oberen Schaftdrittel des langen s ist links<br />

ein Sporn angesetzt, der Balken des t ist sehr breit, das v spitz zulaufend.<br />

Offensichtlich fand diese neue Schriftform im Mittelrheingebiet zunächst nur wenig<br />

Nachahmung, da sie – abgesehen von der textlich sehr reduzierten Verwendung auf einem<br />

gemalten Altarretabel (Nr. 41) bzw. als Wandmalerei (Nr. 48) – als Monumentalschrift erst<br />

auf zwei 1379 gegossenen Bopparder Glocken (Nrr. 49, 50) erneut nachweisbar ist.<br />

Auffällig ist hier der Abschluß der oberen Schaftenden der Buchstaben mit Oberlänge (b, h,<br />

k, l) mit einem sonst ungebräuchlichen Querstrich, zudem weist y keine Unterlänge auf.<br />

Neben der Verwendung als erhaben ausgearbeitete Inschrift auf einem Kelch für St.<br />

Severus in Boppard (Nr. 51) begegnet uns die gotische Minuskel als ausgebildete<br />

Lapidarschrift erst das nächste Mal auf der 1385 hergestellten Grabplatte für ein ritterliches<br />

Ehepaar (Nr. 52) in Oberwesel. Als Besonderheit kann hier der erstmalige Einsatz von<br />

Versalien bezeichnet werden, die – mangels eigener Großbuchstaben – sowohl Formen der<br />

gotischen Majuskel als auch Formen handschriftlicher Auszeichnungsschriften adaptieren<br />

(vgl. auch Nrr. 55, 56, 60, 65, 67 sowie den letzten Absatz dieses Kapitels). Vermutlich auf<br />

die abweichende Herstellungstechnik zurückzuführen ist die der gotischen Minuskel<br />

wesensfremde runde Ausführung des unteren Bogens des s mit nach innen gezogenem Ende<br />

auf einer 1380/90 entstandenen Tafelmalerei in Oberwesel (Nr. 53).<br />

Ende des 14. Jahrhunderts (Nrr. 56 und 57) treten mit Zierhäkchen und Zierstrichen erste<br />

schmückende Elemente bei den Buchstabenenden der Gemeinen auf. 1421 sind auf der<br />

Grabplatte eines adeligen Ehepaars in Kloster Marienberg (Nr. 65) lange, rechts am Balken<br />

des t angesetzte Zierstriche sowie v mit nach links oben verlängertem linken Schaft zu<br />

beobachten ebenso erstmals g mit leicht durchgebogenem rechten Schaft. Diese Tendenz<br />

zur untypischen Rundung einzelner Buchstabenteile läßt sich bei einem der zwischen 1440<br />

und 1446 hergestellten Glasfenster der Bopparder Karmeliterkirche (Nr. 72 VI.) bei dem<br />

durchgebogenen unteren Bogen des g, dem runden Schrägschaft des zweistöckigen z und<br />

dem durchgebogenen rechten Schrägschaft des y (als Ersatz für i bzw. j) weiterverfolgen;<br />

zudem wird hier erstmals mit der später üblich gewordenen Schaftspaltung der Oberlängen<br />

experimentiert. Die gemalte Inschrift eines um 1450 entstandenen Altarretabels in<br />

Oberwesel (Nr. 77) bietet weitere Spielarten dieser Entwicklung: zum Teil beidseitige<br />

Zierstriche an den Buchstabenenden, p mit Schaftspaltung der Unterlänge sowie l und<br />

langes s mit Schaftverdickung. Andere Zierformen wie einseitig gezackte Gemeine finden<br />

sich auf der Grabplatte einer 1469 verstorbenen Äbtissin im Kloster Marienberg (Nr. 87).<br />

Weitere Besonderheiten zeigen sich mit als i-longa gestaltetem i bei d(omi)ni auf der<br />

Grabplatte eines St. Goarer Bürgerlichen von 1503 (Nr. 150) und mit flachgedecktem g auf<br />

dem Oberweseler Martha-Altar (Nr. 151); hier finden sich auch fast schon als<br />

Buchstabenverbindungen zu bezeichnende Kombinationen ch, ci, ct und cu, die durch die<br />

Berührung des waagrecht umgebogenen oberen Bogenabschnitts des jeweiligen c mit dem<br />

nachfolgenden Buchstaben entstehen. Der Wechsel von Bogen- und Schaft-r sowie das<br />

Schaft-r mit (weit) abgesetzter Fahne in Form einer zum Teil mit Zierstrichen<br />

geschmückten Quadrangel (Nrr. 156, 157) lassen sich als besondere Gestaltungsmittel auf<br />

zwei vor 1515 entstandenen <strong>Inschriften</strong>trägern nachweisen. Wenn auch vermehrte<br />

Bogenrundung als typisches Merkmal der späten Minuskel zu werten ist (Nr. 163), finden<br />

sich zu Beginn der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts nach wie vor exzellent<br />

ausgeführte, im Grunde immer noch kanonisch konzipierte Schriften, die dann allerdings<br />

meist spezielle Sonderformen ausbilden (Nrr. 166, 169, 171, 172, 174). Mit diesen sicher<br />

datierten Grabdenkmälern endet die Verwendung der gotischen Minuskel im<br />

Bearbeitungsgebiet, die letzten Beispiele sind auf in das 1. Viertel des 16. Jahrhunderts<br />

datierten Wandmalereien zu finden (Nrr. 179-184) sowie auf der fragmentarischen<br />

Grabplatte eines St. Goarer Schultheißen (Nr. 186).<br />

70


Die Ablösung der gotischen Minuskel durch die Kapitalis setzt also – wie etwa in den<br />

benachbarten Bearbeitungsgebieten Landkreis Bad Kreuznach und Rheingau-Taunus-<br />

Kreis 208 – verhältnismäßig früh ein; die noch gebrochen ausgeführten Gemeinen auf dem<br />

1598 entstandenen Grabdenkmal für Hieronymus und Agatha Becker in Oberwesel (Nr.<br />

257) dürfte nur mehr als Spielart aufzufassen sein.<br />

Da der gotischen Minuskel kein eigenes Alphabet mit Großbuchstaben zur Verfügung<br />

steht, konnte bei Bedarf (Textbeginn, Zahlzeichen, Anfangsbuchstabe bei Personennamen)<br />

grundsätzlich auf Formen der gleichzeitigen gotischen Majuskel zurückgegriffen werden.<br />

Allerdings zeigt schon die früheste Verwendung von Versalien auf einer 1385 entstandenen<br />

Grabplatte (Nr. 52), daß man von Anfang an auch mit Formen handschriftlicher Gebrauchsund<br />

Auszeichnungsschriften experimentierte (vgl. auch Nrr. 56, 67): So entspricht das A bei<br />

ANNO einem pseudounzialen Majuskel-A mit der besonderen Zierform eines feinstrichigen,<br />

als schräg verlaufender Doppelstrich ausgeführten Mittelbalkens, I erscheint als I-longa mit<br />

einseitig gezacktem Schaft und G in einer leicht eingerollten, oben fast geschlossenen Form<br />

mit nach außen umgebogenem oberen Bogenabschnitt. Obwohl bereits Ende des 14.<br />

Jahrhunderts wohl von der Minuskel beeinflußte Brechungen einzelner Elemente von<br />

Großbuchstaben zu beobachten sind (Nr. 55), wird erstmals auf einer Stifterinschrift von<br />

1437 (Nr. 69) die Absicht spürbar, durch Vergrößerung oder Umformung der gotischen<br />

Minuskel selbst eigene Großbuchstaben zu schaffen (vgl. auch Nrr. 71, 84). Gleichzeitig<br />

werden aber auch mehr oder weniger direkt übernommene Versalien der gotischen<br />

Majuskel eingesetzt (Nrr. 72, 75, 78, 85, 97 u. ö.). Kurz nach der Mitte des 15. Jahrhunderts<br />

lassen sich erstmals Majuskel-Versalien nachweisen (Nr. 84), die an durch Brechungen,<br />

Knickungen und Bogenverdoppelungen gekennzeichnete Versalien aus Druckschriften und<br />

Schreibmeisterbüchern erinnern (vgl. auch Nr. 121). Gegen Ende des Jahrhunderts sind<br />

Anklänge an mit Zierformen versehene Kapitalisschriften spürbar, so bei dem mit<br />

Zierhäkchen versehenem spitzen A mit weit überstehendem Deckbalken, leicht nach außen<br />

gezogenen Schaftenden und gebrochenem, durch einen angefügten kleinen Schaft<br />

erweiterten Mittelbalken und fast kreisrundes O (Nr. 111; vgl. auch Nrr. 116, 117). Die<br />

gemalten Versalien auf der Ende des 15. Jahrhunderts entstandenen Oberweseler<br />

Sippentafel (Nr. 123) lassen die ganze Vielfalt der Möglichkeiten der Versaliengestaltung<br />

in der Spätzeit der gotischen Minuskel erkennen: Die Anfangsbuchstaben der Namen<br />

werden teils durch konturierte, teils durch mit gerundeten Schäften ausgeführte Gemeine<br />

hervorgehoben, aber auch durch der zeitgenössischen Schreib- oder Druckschrift bzw.<br />

immer noch der gotischen Majuskel entlehnte Versalien (vgl. auch Nr. 150). Stärker<br />

kapitale Elemente lassen sich erstmals auf der Grabplatte eines nach 1503 verstorbenen<br />

Amtmannes in St. Goar ausmachen (Nr. 152), wenig später bereits frakturähnliche auf<br />

einem 1506 hergestellten Alltarretabel in Oberwesel (Nr. 153). Deutliche Anregungen aus<br />

Majuskel, Minuskel und Schreibschrift nehmen die sehr eigenwilligen Versalien einer vor<br />

1515 gemalten Lehrtafel in Oberwesel (Nr. 157) auf, daneben zeigen sich hier und auch<br />

später verstärkt frakturähnliche Einflüsse (Nrr. 163, 174, 186). Nachweislich aus<br />

Schreibmeisterbüchern und typographischen Schriften stammen die Großbuchstaben des<br />

von Loy Hering gearbeiteten Eltz-Epitaphs in Boppard (Nr. 166). Mit der Kombination<br />

runder und gebrochener Formen auf zwei zu Beginn der zwanziger Jahre in Oberwesel<br />

entstandenen Epitaphien (Nrr. 169, 172) endet der Einsatz von Versalien aus der gotischen<br />

Minuskel.<br />

5.6. Fraktur<br />

208 Vgl. dazu DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXXII.<br />

71


Charakteristische Merkmale dieser Groß- und Kleinbuchstaben aufweisenden neuen<br />

Schriftart 209 sind Schwellzüge und Schwellschäfte, bei Großbuchstaben die Tendenz zu Sförmigen<br />

Anschwüngen und zur (zum Teil gebrochenen) Verdoppelung von Schäften und<br />

Bögen; bei Kleinbuchstaben an- und abschwellende Linien, spitzoval geschlossene Bögen<br />

und nicht stumpfe, sondern meist gespaltene Enden der Oberlängen. Im Gegensatz zur<br />

gotischen Minuskel ist das a meist einstöckig, reichen f und langes s unter die Grundlinie,<br />

zudem sind bei den Gemeinen die Unterlängen oft faden- oder schlingenförmig ausgebildet.<br />

Obwohl das 1513 gedruckte Gebetbuch Kaiser Maximilians und sein 1517 erschienener<br />

Theuerdank als bestimmende Vorbilder dieser Schrift bezeichnet werden können, läßt sich<br />

Fraktur als epigraphische Schrift im Bearbeitungsgebiet erst 1547 und 1575 auf bemalten<br />

Totenschilden nachweisen (Nrr. 195, 222). Zuvor sind – wie oben erwähnt – lediglich<br />

frakturähnliche Elemente in Versalien der gotischen Minuskel zu beobachten.<br />

Ganz im Gegensatz zu den benachbarten Bearbeitungsgebieten, in denen Fraktur in der<br />

Regel ab der Mitte des 16. Jahrhunderts verstärkt nachzuweisen ist, konzentriert sich die<br />

Verwendung dieser Schrift im Mittelrheintal in dem engen Zeitraum der Wende vom 16.<br />

zum 17. Jahrhundert. Eingesetzt wurde sie auf knapp einem Dutzend Grabdenkmäler meist<br />

bei deutschsprachigen Grabinschriften (Nrr. 245, 255, 260, 267, 269, 273), bei Bibeltexten<br />

(Nrr. 247, 261, 269, 271), gelegentlich aber auch bei Grabgedichten (Nr. 250) und als<br />

Textverbesserung (Nr. 257). Ohne daß sich eine wesentliche Veränderung in der<br />

Formensprache ergeben hätte, ist erst viele Jahre später eine Wiederaufnahme dieser<br />

Schriftart festzustellen, jetzt aber mit beliebigen Texten auf unterschiedlichen<br />

<strong>Inschriften</strong>trägern: singulär auf einem Grabkreuz für einen um 1640 verstorbenen<br />

Oberweseler Dachdecker (Nr. 371), auf drei nur noch fragmentarisch erhaltenen<br />

Wandmalereien (Nrr. 379, 431, 451) bzw. fragmentarischen Grabplatten (Nrr. 385, 461)<br />

sowie noch 1682 als gut ausgeführte Stifterinschrift auf dem Hochaltar von St. Martin in<br />

Oberwesel (Nr. 438).<br />

5.7. Humanistische Minuskel<br />

Möglicherweise ist die verhältnismäßig sparsame Verwendung der Fraktur darauf<br />

zurückzuführen, daß im 16. Jahrhundert neben der Kapitalis auch noch die humanistische<br />

Minuskel 210 als epigraphische Schrift zur Verfügung stand. Entstanden als Buchschrift<br />

Ende des 14. Jahrhunderts durch den bewußten Rückgriff der Humanisten auf die<br />

karolingische Minuskel, wurde sie vom Buchdruck rezipiert und ist seit der zweiten Hälfte<br />

des 16. Jahrhunderts vermehrt auch als <strong>Inschriften</strong>schrift nachweisbar 211 . Charakteristische<br />

Merkmale der humanistischen Minuskel sind neben runden Bögen vor allem ohne Brechung<br />

auf der Grundlinie endende Schäfte. Bei der gelegentlich auftretenden schrägliegenden,<br />

nach rechts geneigten Variante können allerdings die Schäfte von f und langem s auch unter<br />

die Grundlinie reichen; zudem erhält i stets einen überschriebenen Punkt, und bei allen<br />

Buchstaben ist verstärkte Serifenbildung zu beobachten. Bei der Verwendung von Versalien<br />

wird in der Regel auf das Formengut der Kapitalis zurückgegriffen. Im Gegensatz zu den<br />

benachbarten Bearbeitungsgebieten 212 hat sich im Mittelrheintal in dieser Schriftart eine<br />

209 Vgl. zum Folgenden immer noch Kautzsch, Frakturschrift pass. und Zahn, Beiträge pass., sowie<br />

Terminologe 48.<br />

210 Vgl. zum Folgenden Steinmann, Humanistische Schrift 382ff., Kloos, Epigraphik 143ff. sowie<br />

Terminologie 48.<br />

211 Nicht aber die zwischen gotischer und humanistischer Minuskel stehende Gotico-Antiqua, die als<br />

epigraphische Schrift nahezu ausschließlich im süd(west)deutschen Bereich verwendet wurde; vgl. dazu Epp,<br />

Gotico-Antiqua pass.<br />

212 DI 2 (Stadt Mainz) mit nur zwei Frühbelegen von 1484 bzw. 1485 und einem singulären Beleg von 1531<br />

(Nr. 1164a); DI 29 (Stadt Worms) mit 11 Belegen meist aus der 2. H. 17. Jahrhunderts; DI 34 (Lkrs. Bad<br />

Kreuznach) kein Beleg; DI 38 (Lkrs. Bergstraße) mit 1 Beleg von 1640; DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) mit<br />

72


vergleichsweise hohe Anzahl Grabdenkmäler mit meist hervorragend ausgeführten<br />

lateinischen <strong>Inschriften</strong> erhalten.<br />

Die beiden frühesten Beispiele der bereits voll ausgeprägten humanistischen Minuskel<br />

sind in Oberwesel zu finden, einmal auf dem 1555 errichteten Epitaph des Friedrich von<br />

Schönburg auf Wesel (Nr. 204), zum andern auf dem drei Jahre später gestifteten Epitaph<br />

des Dekans Petrus Pellifex (Nr. 207). Ein Vergleich der Buchstabenformen zeigt eindeutig,<br />

daß beide <strong>Inschriften</strong> trotz zeitlicher und räumlicher Nähe von verschiedenen Händen<br />

ausgeführt worden sind 213 . Zudem zeigt die erste Inschrift als Besonderheit kapitales K als<br />

Kleinbuchstabe, die zweite Inschrift eine ungewöhnliche Zierform durch den langen<br />

geschwungenen Anstrich am oberen Schaftende des t. Erst um die Wende zum 17.<br />

Jahrhundert läßt sich wieder – ähnlich wie bei der Fraktur – eine auffallende Häufung im<br />

Gebrauch der humanistischen Minuskel feststellen, die dann gelegentlich Sonderformen<br />

ausbildet. So fallen etwa auf dem Epitaph eines 1597 verstorbenen St. Goarer<br />

Superintendenten (Nr. 248) die zahlreichen Versalien auf, die nicht immer von vergrößerten<br />

Kleinbuchstaben der humanistischen Minuskel zu unterscheiden sind (vgl. auch Nr. 272).<br />

Bei dem 1601 errichteten Epitaph eines Oberweseler Ratsherrn (Nr. 270) kommen als i-<br />

Punkte gesetzte Quadrangel und frakturähnliche Zierschleifen beim zweibogigen E hinzu.<br />

Zudem sind dort die oberen Schaftenden bei b, d, h, und l sowie die unteren Schaftenden<br />

bei p und q nach rechts abgeschrägt. Die nach rechts geneigte Variante der Schrift läßt sich<br />

erstmals auf dem Epitaph eines im gleichen Jahr verstorbenen hessischen Beamten in St.<br />

Goar (Nr. 272) beobachten, sie diente dort zur Kenntlichmachung des Stifters und des<br />

Todesdatums. Auf dem 1602 errichteten Epitaph eines St. Goarer Ehepaars (Nr. 276) wird<br />

sie dagegen zur Hervorhebung von gereimten Grabsprüchen eingesetzt. Mit dem Epitaph<br />

für ein Ehepaar aus Oberwesel von 1607 (Nr. 287) endet die Verwendung dieser Schriftart<br />

auf Grabdenkmälern; merkwürdigerweise wird sie in den Folgejahren nur noch auf Altären<br />

(Nrr. 313, 343, 383, 438, 443) verwendet.<br />

Die in humanistischer Minuskel abgefaßten <strong>Inschriften</strong> geben in der Regel Texte in<br />

lateinischer Sprache wieder und beschränken sich zunächst auf Grabdenkmäler bedeutender<br />

Adeliger (Nrr. 204, 258, 313), hoher Kleriker (Nrr. 207, 248; vgl. auch Nr. 255), Ratsherren<br />

(Nrr. 270, 287) oder hochrangiger Landesbeamter (Nrr. 259, 269, 272, 276) und deren<br />

Nachkommen. Generell handelt es sich dabei um Grabinschriften, gelegentlich auch um<br />

Bibelzitate (Nrr. 255, 269) oder gereimte Grabsprüche (Nr. 276). Erst später wird die<br />

humanistische Minuskel auch für unterschiedliche <strong>Inschriften</strong> auf Altären (s. o.) verwendet,<br />

zuletzt als – ausnahmsweise in deutscher Sprache ausgeführte – Inschrift einer Bopparder<br />

Meßstiftung (Nr. 443).<br />

5.8. Sonderformen<br />

Gemessen am Bestand der erhaltenen <strong>Inschriften</strong> des Bearbeitungsgebietes lassen sich nur<br />

wenige Beispiele nachweisen, die in außergewöhnlichen Schriftformen abgefaßt wurden. Es<br />

handelt sich in der Regel um schreibschriftlich geprägte Kursiven, wie sie etwa im 15.<br />

Jahrhundert als gotische Schreibschrift für eine aufgemalte Spruchinschrift in der<br />

Turmkapelle der Stiftskirche zu St. Goar (Nr. 133) verwendet wurde. Ab der Mitte des 16.<br />

Jahrhundert finden wir auf den nur noch in Nachzeichnung überlieferten Dachschiefern (Nr.<br />

198) der gleichen Kirche zahlreiche Namensinschriften in zeitgenössischer Kursive, ebenso<br />

auch einmal einen nachträglich eingeritzten Namen auf einem Epitaph (Nr. 207 C). Singulär<br />

2 Belegen kurz vor 1650; DI 49 (Stadt Darmstadt, Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) mit 7 Belegen<br />

zwischen 1576 und 1622; DI 51 (Stadt Wiesbaden) mit 4 Belegen zwischen 1575 und 1600.<br />

213 Ein sicheres Indiz für zugehörige bzw. unterschiedliche Ausführungen stellt die Formenanalyse des meist<br />

höchst individuell gestalteten Buchstabens g dar.<br />

73


ist die gravierte Barock-Kursive auf dem Buchbeschlag eines 1662 geschriebenen Missale<br />

aus St. Severus in Boppard (Nr. 403).<br />

5.9. Worttrenner und Satzzeichen<br />

Wie Schriftformen sind auch die auf nahezu allen <strong>Inschriften</strong>trägern verwendeten<br />

Worttrenner und Satzzeichen einer gewissen Entwicklung unterworfen und können<br />

ebenfalls – vor allem bei Fragmenten – zur Klärung von Datierungsfragen herangezogen<br />

werden.<br />

Da die frühchristlichen <strong>Inschriften</strong> im Bearbeitungsgebiet durchgehend in scriptura<br />

continua abgefaßt sind, werden dort – im Gegensatz zur römischen Praxis mit den<br />

gelegentlich verwendeten Efeublättern oder dreiecksförmigen Worttrennern – keine<br />

epigraphischen Zeichen dieser Art benötigt. Worttrenner lassen sich daher erstmals auf den<br />

beiden Bopparder Rechtsinschriften aus der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts (Nrr. 13, 14)<br />

nachweisen: Es handelt sich hier um (halbkugelig vertiefte) Punkte, die sich – wie auch<br />

anderorts mehrfach beobachtet 214 – auf allen frühen <strong>Inschriften</strong>trägern wiederfinden lassen<br />

und weit bis ins 14. Jahrhundert hinein verwendet werden; letztmals auf der Grabplatte<br />

eines 1364 verstorbenen Ritters (Nr. 46). Variationen finden sich auf der Oberweseler<br />

Marienglocke aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts (Nr. 19) mit drei erhabenen<br />

übereinander gesetzten Punkte bzw. mit Einzelpunkten auf den drei um 1327 gegossenen<br />

Bopparder Maßgefäßen (Nrr. 23-25).<br />

Im Unterschied zu den benachbarten Kreisen werden im Bearbeitungsgebiet bereits weit<br />

vor der Mitte des 14. Jahrhunderts neue Zeichen als Worttrenner eingesetzt. Dies beginnt<br />

1329 mit der singulären Verwendung von kleinen Kreisen auf der Grabplatte der Gräfin<br />

Adelheid von Katzenelnbogen in St. Goar (Nr. 26) und setzt sich fort mit den auffällig<br />

großformatigen Quadrangeln auf der Deckplatte des Hochgrabes des 1336 verstorbenen<br />

Stiftsdekans Johannes in Oberwesel (Nr. 29). Die nächsten Jahrzehnte sind von einem<br />

Nebeneinander von Punkten und Quadrangeln geprägt, wobei der Gebrauch der Punkte<br />

gleichzeitig mit der gotischen Majuskel verschwindet (letztmals Nr. 46 von 1364), die<br />

Quadrangel jedoch als Worttrenner der gotischen Minuskel weiterbenützt werden. Eine<br />

Sonderstellung nimmt die in die 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts datierte Glocke des Meisters<br />

Johann von Mainz (Nr. 39) ein, der zwar seinen Namen noch zwischen erhabene Punkte<br />

setzt, für den Rest der in gotischer Majuskel ausgeführten Inschrift aber Sternchen<br />

verwendet. Auch diese Zeichen werden ins Repertoire der gotischen Minuskel<br />

aufgenommen und in der Regel auf Glocken als Worttrenner verwendet, so 1379 in<br />

Boppard (Nrr. 49, 50); hier sogar im Wechsel mit Quadrangeln, die mit vier Zierhäkchen<br />

geschmückt sind. Auch ein vor 1379 für Boppard gestifteter Kelch (Nr. 51) bietet mit dem<br />

Wechsel von erhabenen Punkten und Rosetten ein ähnliches Bild. In der Folgezeit<br />

bestimmen dann zweifellos Quadrangel unterschiedlicher Größe das Bild; sie lassen sich oft<br />

als an den Ecken mit zwei oder auch vier Zierhäkchen geschmückte Worttrenner bis weit<br />

ins 16. Jahrhundert hinein nachweisen, von verstreuten späteren abgesehen letztmals – jetzt<br />

mit Ranken verziert und wohl nicht zufällig in Verbindung mit gotischer Minuskel – auf der<br />

Grabplatte der 1522 verstorbenen Katharina Feyst (Nr. 174).<br />

Bei den <strong>Inschriften</strong> auf Glocken bietet sich ein wesentlich variantenreicheres Bild: Hier<br />

findet sich eine Vielzahl unterschiedlichster Zeichen wie Sternchen im punktierten Kreis<br />

(Nr. 61 von 1404), Rosetten (Nr. 70 von 1439), Rauten (Nr. 74 von 1449) und Tatzenkreuze<br />

(Nr. 154 von 1506). Einen singulären Befund bietet eine vor 1515 angefertigte Tafelmalerei<br />

aus Oberwesel (Nr. 157) mit der gleichzeitigen Verwendung von Punkten, Quadrangeln,<br />

punktierten Rauten, Blüten und Sternchen.<br />

214 Vgl. dazu und zum Folgenden DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) LIIIff. und DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis)<br />

LXXIIIf.<br />

74


Mit dem Aufkommen der Kapitalis Anfang des 16. Jahrhundert findet das Dreieck, ein im<br />

Bearbeitungsgebiet seit der klassisch-römischen Antike nicht mehr gebräuchliches Zeichen,<br />

Eingang in das epigraphische Instrumentarium: Erstmals auf dem Epitaph des 1515<br />

verstorbenen Kanonikers und Propstes Petrus Lutern in Oberwesel (Nr. 159) nachgewiesen,<br />

setzt es sich rasch durch und wird der bestimmende Worttrenner in den Kapitalisinschriften<br />

des 16. und 17. Jahrhunderts. Daneben wird aber auch vereinzelt auf bereits bekannte<br />

Formen zurückgegriffen, so um die Mitte des 16. Jahrhunderts auf halbkugelig vertiefte<br />

Punkte (Nr. 196 I, gelegentlich auch später; vgl. Nrr. 227 von 1578 bzw. 243 von 1593).<br />

Etwa zur gleichen Zeit läßt sich jedoch mit dem erstmaligen Auftreten von Satzzeichen<br />

anstelle von Worttrennern der Beginn einer grundlegenden Veränderung feststellen, die auf<br />

lange Sicht zum allmählichen Verschwinden der Worttrenner aus der epigraphischen<br />

Schrift führt. Bezeichnenderweise findet sich der erste Beleg für bewußt gesetzte Kommata<br />

in der 1555 in humanistischer Minuskel ausgeführten Inschrift des Friedrich von Schönburg<br />

auf Wesel (Nr. 204); gleiches gilt für die Inschrift des 1558 verstorbenen Dekans Petrus<br />

Pellifex in Oberwesel (Nr. 207). Erstmals 1572 ist auf der Grabplatte der Catharina Pinter<br />

(Nr. 217) die gleichzeitige Verwendung von kleinen Dreiecken und Quadrangeln zu<br />

beobachten, ein Jahr später die von Punkten und Quadrangeln (Nr. 220). Die Wahl von<br />

winzigen Kreisen und Punkten als Worttrenner der zwischen 1591 und 1696 angebrachten<br />

<strong>Inschriften</strong> auf dem silbernen Hansenbecher aus St. Goar (Nr. 240) dürfte sicherlich mit<br />

dem dafür geeigneten Material zusammenhängen. Eine interessante Variante bietet eine in<br />

Kapitalis ausgeführte Inschrift in St. Goar von 1596 (Nr. 246), in der gelegentlich Kommata<br />

gesetzt und Worttrennungen am Zeilenende konsequent durch Doppelstriche angezeigt<br />

werden. Die früheren Worttrenner in Form von mit Häkchen verzierten Quadrangeln<br />

erscheinen hier in ihrer eigentlichen Funktion nur noch bei dem Nachweis eines<br />

Bibelzitates, sonst dienen sie als Kennzeichen des Textendes. Die Ende des 16.<br />

Jahrhunderts spürbare Unsicherheit spiegelt sich auch in der Inschrift für den 1597<br />

verstorbenen Kanzler Dr. Friedrich Nordeck in St. Goar wieder (Nr. 247, vgl. auch Nr.<br />

248), in der neben Quadrangel als Worttrenner auch Kommata, Doppelpunkte und<br />

Doppelstriche sowie Punkte (als Zeichen des Satzendes) zur Gliederung des Textes<br />

eingesetzt werden. Die offensichtliche Tendenz zum ausschließlichen Gebrauch von<br />

Satzzeichen läßt sich vor allem bei der humanistischen Minuskel, aber auch bei der Fraktur<br />

beobachten (Nrr. 255 von 1597, 261 von vor 1599, 269 von 1600, sowie 270, 272 und 273<br />

von 1601 u. ö.). Das 17. Jahrhundert bietet keine wesentlichen Neuerungen.<br />

Ohne Worttrenner ausgeführte <strong>Inschriften</strong> lassen sich zunächst vereinzelt, dann verstärkt<br />

im gesamten Bearbeitungszeitraum nachweisen, wobei eine deutliche Konzentration für die<br />

Zeit nach 1600 festzustellen ist.<br />

6. NICHT AUFGENOMMENE INSCHRIFTEN<br />

Der folgende, keinesfalls vollständige Überblick soll abschließend über diejenigen<br />

<strong>Inschriften</strong> des Bearbeitungsgebietes informieren, die aus unterschiedlichen Gründen nicht<br />

in den Katalogteil aufgenommen werden konnten.<br />

Das kunsthistorisch um 1480 datierte Mittelbild des Hochaltars der katholischen<br />

Pfarrkirche in St. Goar mit der als Tafelmalerei ausgeführten Darstellung der Kreuzigung<br />

und einem ansatzweise in Kapitalis ausgeführten Titulus wurde erst 1890/91 erworben und<br />

soll aus einer Kirche in oder bei Neustadt an der Haardt 215 bzw. aus der Frankfurter<br />

215 So Spennemann-Weber-Haupt, St. Goar 14.<br />

75


Peterskirche 216 stammen. Die kunsthistorisch um 1510/15 datierten Holzfiguren 217 des<br />

neugotischen Flügelaltars am vierten Pfeiler der Karmeliterkirche in Boppard wurden 1846<br />

über den Kunsthandel aus der Wallfahrtskapelle Hagnau am Bodensee erworben und zuerst<br />

in der Kreuzbergkapelle, dann am heutigen Standort aufgestellt. Unter den Figuren der in<br />

der Werkstatt des Ulmer Meisters Nikolaus Weckmann hergestellten Kreuzigungsgruppe<br />

befindet sich auch Johannes mit einer in erhabener Kapitalis geschnitzten Buchstabenfolge<br />

am Mantelsaum.<br />

Ein bislang unbeachteter, im ehemaligen Stadtmuseum Oberwesel (künftig Kulturstiftung<br />

Hütte, Oberwesel) verwahrter Zinnpokal (Inv.-Nr. 14,1) unbekannter Provenienz wurde<br />

ausweislich der in einer Barock-Kursive ausgeführten Inschrift am 7. April 1637 Dem<br />

Zunftmeister Joh(ann) Peter Schunk von den Bader=Meistern zu Merseburg zu Ehr gestift<br />

und müßte daher einschließlich der zehn folgenden Meisternamen in einem Nachtrag zu DI<br />

11 (Stadt Merseburg) ediert werden.<br />

Die zwanzig, meist mit <strong>Inschriften</strong> versehenen Ölgemälde des 17. und 18.<br />

Jahrhunderts 218 , die sich heute zum Teil in der Wallfahrtskapelle zur Schwarzen<br />

Muttergottes in Herschwiesen-Windhausen, zum Teil im Pfarrarchiv Herschwiesen<br />

befinden, stammen aus der Sammlung religiöser Malerei des Koblenzers Philipp Wilhelm<br />

Burret, die ursprünglich für die Ausstattung der Schloßkapelle der von ihm 1805<br />

erworbenen (zu Herschwiesen gehörenden) Burg Schöneck vorgesehen war. Da die<br />

Herkunft der von ihm zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus dem Bestand aufgelöster Kirchen<br />

und Klöster erworbenen Gemälde nicht mehr feststellbar ist, konnten sie im vorliegenden<br />

Katalog nicht berücksichtigt werden.<br />

An zahlreichen Häusern des Bearbeitungsgebietes befinden sich offensichtlich modern<br />

ausgeführte Jahreszahlen, die ihre Existenz einem wie auch immer gearteten historischen<br />

Bewußtsein der Eigentümer verdanken. Diese Jahreszahlen wurden in der Regel nicht in<br />

den Katalog aufgenommen, es sei denn, es handelte sich um eine nachweisbare kopiale<br />

Überlieferung einer originalen Inschrift.<br />

Offensichtlich ließ der Konvent des Benediktinerinnen-Klosters Marienberg nach dem<br />

Klosterbrand von 1738 Ersatzdenkmäler für untergegangene Grabplatten herstellen (vgl.<br />

dazu Kap. 3); außerdem auch Denkmäler für die 1546 verstorbene Äbtissin Maria von<br />

Sonnenberg und die 1576 verstorbene Äbtissin Barbara Gräfin von Leiningen, die<br />

vermutlich zur Komplettierung der Äbtissinnenreihe dienen sollten. Wegen der äußeren<br />

Form, der verwendeten Schrift und des Formulars können diese Platten nicht als<br />

Wiederholung von älteren, anläßlich des Todes beider Äbtissinnen hergestellten angesehen<br />

werden 219 .<br />

Das von Kdm. in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts datierte Ölgemälde in der<br />

Propstei zu Hirzenach mit der S. ANNO bezeichneten Darstellung des von Engeln<br />

umgebenen Heiligen 220 wurde nach der am unteren linken Bildrand aufgemalten Signatur<br />

im Jahr 1732 hergestellt.<br />

Von den zehn gemalten Bildern mit Darstellungen der Leiden Christi, mit denen die<br />

Äbtissin des Benediktinerinnen-Klosters Marienberg vor 1513 die Wände des Kreuzganges<br />

schmücken ließ, waren Ende des 19. Jahrhunderts nur noch zwei vorhanden 221 . Ob sie mit<br />

<strong>Inschriften</strong> versehen waren, ist nicht überliefert.<br />

Die von Lehfeldt 1886 im Boden des Mittelschiffs der Karmeliterkirche zu Boppard ohne<br />

Mitteilung der <strong>Inschriften</strong> genannten Grabplatten für den 1620 verstorbenen Achatius Engel<br />

216 So Dehio Rheinland-Pfalz 915.<br />

217 Vgl. zum Folgenden Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 347f. und 394f. mit Abb. 225.<br />

218 Vgl. zum Folgenden Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 794f. und 817f. mit zahlreichen Abb.<br />

219 Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 287f. mit Abb. 174 und 178 suggeriert sogar eine durch den Tod unmittelbar<br />

veranlaßte Herstellung.<br />

220 Vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 868 mit Abb. 721.<br />

221 So Nick, Regesten 35f., ohne mögliche <strong>Inschriften</strong> mitzuteilen.<br />

76


und die 1658 verstorbene Anna Eva Boos von Waldeck 222 dürften der Erneuerung des<br />

Fußbodens Ende des 19. Jahrhunderts zum Opfer gefallen sein (vgl. Kap. 2.1.3).<br />

Bei den Grabplatten, die laut Kdm. im unteren Drittel des Westturms von St. Martin zu<br />

Oberwesel als Treppenstufen wiederverwendet wurden 223 , ließen sich mit Sicherheit nur<br />

auf der 13. und 15. Stufe von unten Buchstabenreste in gotischer Majuskel feststellen, die<br />

aber aufgrund ihres schlechten Erhaltungszustandes keinen edierbaren Text erlaubten. Das<br />

Gleiche gilt für eine als Treppenstufe zur Sakristei zweitverwendete Grabplatte in der<br />

Stiftskirche zu St. Goar, die nur noch wenige Reste der zwischen Linien ausgeführten<br />

Inschrift in gotischer Minuskel erkennen ließ.<br />

Im Fußboden des Kellers des früheren evangelischen Schulhauses und heutigen<br />

Finanzamtes sollen sich um 1925 noch Grabplatten aus der gegenüberliegenden Stiftskirche<br />

St. Goar befunden haben 224 ; bedauerlicherweise führte die Überprüfung dieser Angaben zu<br />

dem Befund, daß der Kellerboden dieses Gebäudes Mitte der achtziger Jahre des 20.<br />

Jahrhunderts mit einer Betondecke versiegelt wurde.<br />

Unter den im 19. Jahrhundert aus St. Severus in Boppard entfernten Grabsteinen (vgl.<br />

Kap. 2.1.1) soll sich auch einer "angeblich aus dem Jahre 1217" 225 befunden haben; hier<br />

dürfte es sich um eine Verlesung der Datumsangabe gehandelt haben.<br />

Ein im Innenhof des Rathauses zu Oberwesel verwahrter Grenzstein unbekannter<br />

Provenienz mit dem namentlich bezeichneten Wappen S(ANK)T GOAR auf der einen und<br />

dem der Stadt Boppard auf der anderen stammt aufgrund der ST-Kürzung wohl aus dem 18.<br />

Jahrhundert. Gleiches gilt für den (abgearbeiteten) Grenzstein mit Wappen und Inschrift,<br />

der in die Wand des Hauses Heerstr. 102 in St. Goar eingelassen ist und auch für einige<br />

neben dem Museum auf Rheinfels aufgestellten Exemplare.<br />

Innen links neben dem Eingang zum südlichen Treppenturm von Liebfrauen zu<br />

Oberwesel sind in einen Quader aus rotem Sandstein drei 5 bis 7 cm hohe, kapitale W<br />

eingehauen, die aufgrund ihrer Ausführung vermutlich erst im 18. Jahrhundert entstanden<br />

sind.<br />

Eine bislang falsch zugeordnete verlorene, die stiftende Tätigkeit Kaiser Ottos III.<br />

rühmende Inschrift war nicht etwa über dem Kircheneingang des Bopparder<br />

Franziskanerinnen-Klosters angebracht 226 , sondern befand sich zweifellos an der Kirche<br />

des Martinsstiftes zu Worms 227 .<br />

222 Vgl. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 571.<br />

223 Vgl. dazu den Hinweis bei Kdm. 2.2, 441.<br />

224 So Knab, St. Goar 236.<br />

225 Vgl. dazu NN., Veränderungen pass. mit Hinweis auf eine entsprechende Nachricht aus der Bopparder<br />

Zeitung vom 10. November 1875.<br />

226 So Rutsch, Boppard 74 und ihm folgend Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 328.<br />

227 Vgl. dazu Nr. 94 mit Anm. 5.<br />

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