Polarsternrohr αUMi ÜBER TAGE_09 Kunstprojekte für das ...

rolandfuhrmann.de

Polarsternrohr αUMi ÜBER TAGE_09 Kunstprojekte für das ...

Roland Fuhrmann

1966 geboren in Dresden, lebt in Berlin

1991-95 Studium an der Hochschule

für Kunst und Design, Halle

1995-97 Studium an der Ècole Nationale

Superieure des Beaux-Arts, Paris

Stipendien

2008 POLLEN, Monflanquin, F

2000-01 Deutsch-Französischer Kulturrat

2000 Kaiserringstipendium,

Mönchehausmuseum, Goslar

1997-98 Graduiertenstipendium des

Landes Sachsen-Anhalt

1995-96 DAAD-Stipendium Paris

Einzelausstellungen

2009 Hamish Morrison Galerie, Berlin

2008 POLLEN, Monflanquin, F

2006 Museum Goch

2004 Spielhaus Morrison Galerie

2000 Mönchehausmuseum für

Moderne Kunst, Goslar

ÜBER TAGE_ 09

Kunstprojekte für das Lausitzer Seenland

ÜBER TAGE zielt seit 2007 auf eine behutsame Integration von

Gegenwartskunst in das Lausitzer Seenland. Landschaftsraum wird

dabei als Zusammenspiel von Naturraum, Kulturraum und

Sozialraum verstanden. Bei den Kunstprojekten von

ÜBER TAGE_09 geht es wie in den Vorjahren um eine

Mischung aus temporären und längerfristigen Kommentaren.

Die Werke verstehen sich als Integrationsmodelle mit den

Nutzern vor Ort und beziehen auch kulturtouristische

Aspekte mit ein.

Kuratorin/Projektleitung: Susanne Altmann

Produktion: Reinhardt von Bergen-Wedemeyer

Dank an: Bauhof Boxberg, Peter Hopperdietzel,

Geyer-Edelstahl/Berlin, www.landurlaub-sachsen.de

Herausgeber: Gemeinde Boxberg

Redaktion/Text: Susanne Altmann

Abbildungen: Roland Fuhrmann (Simulation Titel,

Sternenkarte, Foto oben), Susanne Altmann (Foto innen)

1. Auflage: 1000 Exemplare, 2009

Realisierung: www.holger-siegert.de

Alle Bild- und Textrechte bei den Autoren

ÜBER TAGE_09

wird gefördert von der

Gemeinde Boxberg und der

Kunst im öffentlichen Raum

2008 Venus von Minden,

Minden/Westfalen

2005-08 Roter Berg, Rathaus Goch

2006 Treibender Rhythmus,

Palucca Schule Dresden

2003 Sandbank, Bitterfeld

2001 Ornisonorium/Lebensfaden,

MLU Halle-Saale

2000 Regenweg,

Stadtwerke Halle-Saale

2000 Max-Planck-Struktur,

MPI Halle-Saale

1998 Lichtbegegnung,

Stadtwerke Halle

www.rolandfuhrmann.de

Treibender Rhythmus,

Palucca Schule Dresden, 2006

156

Bahnhofstr.

Kirche

Uhyst

P

P

P

Übersichtsplan Uhyst

Schloss

www.ueber-tage.de

Bärwalder See

Sichtachse Uhyster Ufer:

Polarsternrohr αUMi

Volkspark

P

156

Kunstprojekte für das Lausitzer Seenland

www.ueber-tage.de

Roland Fuhrmann

Polarsternrohr αUMi

Ort: Bärwalder See, Uhyster Ufer (Sichtachse Schloss)


αUMi - Polarsternrohr am Bärwalder See

Roland Fuhrmann

Das Universum dreht sich um den Bärwalder See. Zumindest wenn man durch das Sichtrohr

von Roland Fuhrmanns Edelstahlplastik „αUMi“ blickt. Als „Alpha UMi“ bezeichnet

die Astronomie den Polarstern, der bereits in der Dämmerung eindrucksvoll über

dem Nordufer des Sees zu sehen ist. Er markiert die Verlängerung des

Achspunktes der Erddrehung ins Weltall. Von der Erde aus gesehen, ist

er der einzige Punkt im Universum, der scheinbar still steht. Dieser

Stern ist zu jeder Zeit im Mittelpunkt des Rohres zu sehen, tagsüber

theoretisch, nachts tatsächlich.

Durch das simple Rohr richten wir unser Auge auf jenen

Punkt des Universums, um den sich scheinbar alles

dreht. Mit dem unabgelenkten, konzentrierten Blick

halten wir inne und lassen uns für einen Moment

auf diesen kosmischen Ruhepol ein.

Das „Fernrohr“ richtet dabei lediglich den Fokus

auf „αUMi“, der eigentlich eine Sternengruppe

ist. Die außerordentliche Leuchtkraft des Gestirns

macht Linsensysteme überflüssig. Auch

in einem kleinen Ausschnitt des Nachthimmels

und unter weniger guten Sichtverhältnissen

ist es leicht erkennbar.

Spätestens seit dem 17. Jahrhundert

folgten Barockgärten und Landschaftsparks

mit ihren Achsensymmetrien

und geometrischen Anlagen den

Gesetzen des Kosmos. Auch der Schlosspark

von Uhyst macht hier keine Ausnahme.

Er entstand um 1740 und seine

axialsymmetrische Ausrichtung, die vom

Gutshaus ausgeht, ist heute noch – trotz

späterer Veränderungen – gut zu verfolgen.

Mit den Umgestaltungen, die mit der

Renaturierung des Braunkohleabbaugebiets

und der Anlage des Bärwalder See einhergingen,

wurde diese Linie von der Eingangsseite

des barocken Gebäudes her verlängert.

Diese schlüssige Lösung der heutigen Landschaftsplaner

hätte der Erbauer, Friedrich Caspar

Reichsgraf von Gersdorf, sicherlich unterstützt. Mit

der neuen Sichtachse wird nicht nur der See in die

Wahrnehmung einbezogen, sondern auch das imposante

Kraftwerk Boxberg am anderen Ufer. Mit seiner markanten

Silhouette bietet es sowohl einen Gegenpol zu der reichen

Historie von Uhyst wie auch ein Beispiel für heutige „Herrschaftsarchitektur“.

Denn wurden nicht die gesellschaftlichen und letztlich

auch die ästhetischen Bedingungen besonders des 20. Jahrhunderts von

Industriearchitektur bestimmt? In diesem Sinne ist die Sichtachse von Uhyst

auch als begehbarer Zeitstrahl zu verstehen, der uns aus der Vergangenheit in die

Gegenwart leitet.

Der barocke Garten bildete gern eine paradiesische Welt ab, die jedoch gleichzeitig von

Logik durchdrungen war. Diese Gartenideen wollten in kosmischer wie auch spiritueller

Hinsicht Abbilder des Himmels auf Erden sein. Um eine solche Symbolik und

räumliche Dimensionen erfahrbar zu machen, waren Blickachsen damals wie

heute unverzichtbare Mittel. Die Idee, mit einem Garten den Kosmos oder

zumindest damit verbundene Fragen abzubilden, faszinierte im ausgehenden

20. Jahrhundert den amerikanischen Gartengestalter und

postmodernen Theoretiker Charles Jencks. Er legte in Schottland

seinen „Garden of cosmic speculation“ (Der Garten der

kosmischen Spekulation) an. Auch er versuchte, komplexe

Entwürfe aus historischen Parks mit heutigen natur- und

geisteswissenschaftlichen Fragen in ein begehbares

Bild aus allerlei plastischen und vegetativen Elementen

zu verwandeln: Der Park dient als Bühne

für Erholung und Erkenntnisgewinn zugleich.

Roland Fuhrmann

mit Modell am Bärwalder See

Mit der Achse von „αUMi“ wird eine ähnliche

Parkidee, die ihren Ursprung im Barock hat,

bis hinaus ins Weltenall verlängert. Im Barock

stand am Ende von Sichtachsen häufig eine

Skulptur der antiken Gottheit Venus – der

helle Abendstern erhielt ihren Namen. Sein

astronomisches Symbol verweist noch immer

auf den Handspiegel, in dem die Göttin ihre

Schönheit betrachtete und von dem aus ein

Abglanz auf die Umgebung fiel. Insofern

ist das Werk „αUMi“ von Roland Fuhrmann

auch ein sehr poetisches Gleichnis für die

Kraft von Mythen, die uns trotz aller rationalistischen

Abgeklärtheit bei der Naturbetrachtung

noch immer berührt. Mit dem einstigen

herrschaftlichen Gut Uhyst und seinem

unverwechselbaren Park im Rücken, blicken wir

auf See und den Polarstern und empfinden die

unergründliche Weite des Kosmos. Die Kulisse

des Kraftwerks blendet sich stets in diese kontemplative

Betrachtung ein. Schauen wir aber nur durch

das Sichtrohr, so rückt der mächtige Komplex aus

Blickfeld und Bewusstsein. Das Universum dreht sich

für einen Moment um den Bärwalder See.

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