Heilpädagogik online 3/09 - sonderpaedagoge.de!
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Ausgabe 03|<strong>09</strong><br />
Die Fachzeitschrift im Internet<br />
Karlheinz Kleinbach<br />
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
Udo Wilken<br />
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und<br />
Bildung bei Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung<br />
Rezensionen<br />
ISSN 1610-613X / Jg. 8<br />
3/ <strong>09</strong><br />
Ferdinand Klein<br />
50 Jahre Lebenshilfe – Gemeinsame Verantwortung für<br />
Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung<br />
Interview<br />
Karin Evers-Meyer<br />
Jitka Vítová<br />
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer<br />
Sinnesbehin<strong>de</strong>rung
Inhalt<br />
Editorial...................................................................2<br />
Sebastian Barsch, Tim Bendokat, Markus Brück<br />
In eigener Sache: Peer-Review in <strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>..3<br />
Karlheinz Kleinbach<br />
Der Pfeil ist ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit.....................8<br />
Udo Wilken<br />
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und<br />
Bildung bei Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung .........27<br />
Ferdinand Klein<br />
50 Jahre Lebenshilfe. Gemeinsame Verantwortung für<br />
Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung..........................59<br />
Interview: Karin Evers-Meyer...................................77<br />
Jitka Vítová<br />
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit<br />
dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung........................................84<br />
Rezensionen...........................................................92<br />
Hinweise für Autoren..............................................100<br />
Leserbriefe und Forum............................................101<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong><br />
ISSN 1610-613X<br />
Herausgeber und V.i.S.d.P.:<br />
Dr. Sebastian Barsch Tim Bendokat<br />
Lin<strong>de</strong>nthalgürtel 94 Südstraße 79<br />
5<strong>09</strong>35 Köln<br />
48153 Münster<br />
Erscheinungsweise: 4 mal jährlich<br />
http://www.heilpaedagogik-<strong>online</strong>.com<br />
- 1 -<br />
Markus Brück<br />
Simmererstraße 12<br />
5<strong>09</strong>35 Köln<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Editorial<br />
Liebe Leserinnen und Leser,<br />
Editorial<br />
in dieser Ausgabe möchten wir Sie zunächst auf wichtige Än<strong>de</strong>rungen<br />
bei „<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>“ aufmerksam machen. Ab 2010 gehen<br />
wir hinsichtlich <strong>de</strong>r Qualitätssicherung <strong>de</strong>r bei uns veröffentlichten<br />
Artikel neue Wege und wer<strong>de</strong>n ein Peer-Review Verfahren<br />
einführen. Näheres dazu erfahren Sie im Text „In eigener Sache“.<br />
Karlheinz Kleinbach geht <strong>de</strong>r sehr spannen<strong>de</strong>n Frage nach, inwieweit<br />
Bil<strong>de</strong>r und Grafiken als Mittel <strong>de</strong>r Kommunikation in son<strong>de</strong>rpädagogischen<br />
Texten hilfreich sein können. Dabei hinterfragt er,<br />
welche Rolle <strong>de</strong>m Grafischen bei <strong>de</strong>r Erläuterung son<strong>de</strong>rpädagogisch<br />
relevanter Sachverhalte zukommt und welches Verständnis<br />
dabei unthematisiert transportiert wird.<br />
Udo Wilken befasst sich mit <strong>de</strong>n Möglichkeiten <strong>de</strong>r gleichberechtigten<br />
gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung<br />
und dazu för<strong>de</strong>rlichen Erziehungsprozessen. Diese arbeitet<br />
er exemplarisch an <strong>de</strong>n Fel<strong>de</strong>rn Arbeit, Freizeit, Wohnen und Partnerschaft<br />
heraus.<br />
Ferdinand Klein blickt auf 50 Jahre Lebenshilfe zurück und zeigt,<br />
welchen Einfluss dieser Verband auf das vergangene und gegenwärtige<br />
Rehabilitationsrecht in <strong>de</strong>r Bun<strong>de</strong>srepublik hatte und hat.<br />
Darüber hinaus spannt er <strong>de</strong>n Bogen zu aktuellen Aufgaben <strong>de</strong>r Lebenshilfe.<br />
Zusätzlich fin<strong>de</strong>n Sie in in dieser Ausgabe ein Interview mit Karin<br />
Evers-Meyer, <strong>de</strong>r Beauftragten <strong>de</strong>r Bun<strong>de</strong>sregierung für die Belange<br />
behin<strong>de</strong>rter Menschen. Wir sprachen mit ihr über die Auswirkungen<br />
<strong>de</strong>r Behin<strong>de</strong>rtenrechtskonvention auf das <strong>de</strong>utsche Schulsystem.<br />
In einem Praxisbericht zeigt Jitka Vítová die Möglichkeiten, die <strong>de</strong>r<br />
Computer für Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung, in diesem<br />
Fall <strong>de</strong>r Taubblindheit, bietet.<br />
Wir wünschen Ihnen eine spannen<strong>de</strong> Lektüre und einen schönen<br />
Sommer!<br />
Sebastian Barsch Tim Bendokat Markus Brück<br />
- 2 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
In eigener Sache<br />
Sebastian Barsch, Tim Bendokat, Markus Brück<br />
In eigener Sache: Peer Review in <strong>Heilpädagogik</strong><br />
<strong>online</strong><br />
In Hinblick auf <strong>de</strong>n Anschluss an internationale Standards wer<strong>de</strong>n<br />
ab <strong>de</strong>r Ausgabe 1/2010 nur noch Artikel in <strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong><br />
veröffentlicht, welche zuvor ihre Qualität hinsichtlich Wissenschaft<br />
lichkeit und Darstellung in einem Peer-Review-Verfahren unter Be<br />
weis gestellt haben. Im Frühjahr 20<strong>09</strong> haben wir im Herausgeber<br />
team damit begonnen, <strong>de</strong>n genauen Ablauf eines Peer-Review-Ver<br />
fahrens für unsere Zeitschrift zu erarbeiten und festzulegen. Da<br />
nach wur<strong>de</strong>n mögliche Gutachter angeschrieben.<br />
Zusammensetzung <strong>de</strong>s Gutachter-Gremiums<br />
Wir konnten insgesamt zwölf Kolleginnen und Kollegen aus unter<br />
schiedlichen Arbeitsfel<strong>de</strong>rn und mit verschie<strong>de</strong>nen Arbeits- und For<br />
schungsschwerpunkten gewinnen. Damit hoffen wir, <strong>de</strong>r Breite <strong>de</strong>s<br />
Faches gerecht wer<strong>de</strong>n zu können. Im Einzelnen gehören die fol<br />
gen<strong>de</strong>n Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler <strong>de</strong>m Gutachter-<br />
Gremium an:<br />
• Prof. Dr. Johann Borchert, Universität Kiel<br />
• Prof. Dr. Gerd Hansen, Universität Köln<br />
• Ruppert Hei<strong>de</strong>nreich, ehemaliger Leiter <strong>de</strong>s Referates Son<strong>de</strong>rpäd<br />
agogik im Kultusministerium/ Schulministerium in NRW<br />
• Dr. Karlheinz Kleinbach, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg<br />
• Dr. Christian Liesen, HfH Zürich<br />
• Prof. Dr. Susanne Nußbeck, Universität Köln<br />
• Prof. Dr. Ute Ritterfeld, Universität Amsterdam<br />
• Dr. Martina Schlüter, Universität Köln<br />
• Prof. Dr. Saskia Schuppener, Universität Leipzig<br />
• Dr. Marc Willmann, Humboldt-Universität Berlin<br />
- 3 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
• Dr. Rudolf Zelfel, IQPR Köln<br />
• Prof. Dr. Julia Zinsmeister, Fachhochschule Köln<br />
In eigener Sache<br />
Für ihre Bereitschaft zur Mitwirkung im Gutachter-Gremium von<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> möchten wir uns sehr herzlich bei allen Gut<br />
achterinnen und Gutachtern bedanken!<br />
Zeitplan für das Peer-Review-Verfahren<br />
Mit <strong>de</strong>m Peer-Review-Verfahren wer<strong>de</strong>n wir zur Ausgabe 1/2010<br />
hin beginnen. Ab sofort wer<strong>de</strong>n zur Veröffentlichung eingereichte<br />
Artikel in anonymisierter Form zur Begutachtung verschickt. Der<br />
genaue Ablauf <strong>de</strong>s Verfahrens ist in <strong>de</strong>r anschließen<strong>de</strong>n Übersicht<br />
dargestellt. Diesen Ablauf wer<strong>de</strong>n wir in <strong>de</strong>n ersten Monaten er<br />
proben und prüfen. Gera<strong>de</strong> mit Blick auf die Erfahrungen unserer<br />
Gutachter und Autoren kann es auch noch zu Verän<strong>de</strong>rungen <strong>de</strong>s<br />
Peer-Review-Verfahrens kommen.<br />
Ablauf <strong>de</strong>s Peer-Review-Verfahrens bei <strong>Heilpädagogik</strong> onli<br />
ne<br />
1. Eingereichte Artikel wer<strong>de</strong>n von <strong>de</strong>n Herausgebern hinsicht<br />
lich <strong>de</strong>r formalen Gestaltung geprüft.<br />
2. Zur Veröffentlichung zu prüfen<strong>de</strong> Artikel wer<strong>de</strong>n in anonymi<br />
sierter Form an zwei Gutachter weitergeleitet.<br />
3. Die Gutachter erstellen innerhalb von 4 Wochen eine knapp<br />
gehaltene Bewertung hinsichtlich folgen<strong>de</strong>r Kriterien:<br />
• Aktualität <strong>de</strong>r Fragestellung<br />
• Überprüfung <strong>de</strong>r methodischen Herangehensweise (De<br />
sign <strong>de</strong>r Studie, Aktualität <strong>de</strong>r herangezogenen Litera<br />
tur, Stringenz <strong>de</strong>r Argumentation)<br />
• Relevanz <strong>de</strong>r Fragestellung und Ergebnisse<br />
• Signifikanz und Validität bei empirischen Arbeiten<br />
- 4 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
In eigener Sache<br />
4. Abschluss <strong>de</strong>r Bewertung ist eine ein<strong>de</strong>utige begrün<strong>de</strong>te Aus<br />
sage:<br />
• Qualität <strong>de</strong>s Studien<strong>de</strong>signs und <strong>de</strong>r Methodik<br />
• entspricht <strong>de</strong>m Standard und kann veröffentlicht wer<br />
<strong>de</strong>n<br />
• benötigt geringe Überarbeitung und kann dann veröf<br />
fentlicht wer<strong>de</strong>n<br />
• benötigt erhebliche Überarbeitungen vor <strong>de</strong>r Veröffent<br />
lichung<br />
• entspricht nicht <strong>de</strong>m Standard und kann nicht veröf<br />
fentlicht wer<strong>de</strong>n<br />
• Fachliche Be<strong>de</strong>utung<br />
• be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong>r fachlicher Beitrag<br />
• wichtiger neuer Ansatz<br />
• wenige, aber relevante neue fachliche Impulse<br />
• keine neuen fachlichen Einsichten<br />
• Qualität <strong>de</strong>r Darstellung<br />
5. Nach Abschluss <strong>de</strong>r Begutachtung wer<strong>de</strong>n die Bewertungen<br />
aus Punkt 3 von <strong>de</strong>n Herausgebern in anonymisierter Form<br />
an die Verfasser weitergeleitet. Diese haben ggf. 8 Wochen<br />
Zeit, eine überarbeitete Fassung einzureichen.<br />
Neue Zitierrichtlinien<br />
Im Zuge <strong>de</strong>r Zielsetzung <strong>de</strong>s Anschlusses an internationale Stan<br />
dards haben wir außer<strong>de</strong>m beschlossen, in Anlehnung an die Zitier<br />
richtlinien <strong>de</strong>r APA eigene Richtlinien zu formulieren.<br />
1) Zitate und Literaturangaben wer<strong>de</strong> in Anlehnung an die APA-<br />
Richtlinien kenntlich gemacht.<br />
- 5 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
In eigener Sache<br />
2) Quellenangaben im Text folgen <strong>de</strong>m Schema Name, Jahr, Sei<br />
te. Beispiel: (March, 1992, 32). Bei zwei Autoren wird ein & zwi<br />
schen die Autorennamen eingefügt, bei mehreren Autoren wird das<br />
& vor <strong>de</strong>m Letztgenannten eingefügt: (Keeley, Redley, Holland &<br />
Clare, 2008, 22).<br />
3) Für das Literaturverzeichnis gilt: Zeitschriftennamen bzw.<br />
Buchtitel sind kursiv zu setzen. Je<strong>de</strong> Angabe ist mit einem Punkt zu<br />
versehen. Bei Herausgeberwerken sind zusätzlich die Seitenzahlen<br />
<strong>de</strong>s Artikels anzugeben. Bei Internetpublikationen wird <strong>de</strong>r Zeit<br />
punkt <strong>de</strong>s Zugriffs angegeben. Beispiele:<br />
Diekmann, A. (2007): Empirische Sozialforschung. Grundlagen,<br />
Metho<strong>de</strong>n, Anwendungen. 18. Aufl., Reinbek: Rowohlt.<br />
Decker, O., Rothe, K., Weissmann, M., Geißler, N. & Brähler, E.<br />
(20<strong>09</strong>). Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und<br />
<strong>de</strong>mokratischer Einstellungen in Deutschland. http://library.fes.<strong>de</strong>/<br />
pdf-files/do/05433.pdf (Zugriff am 26.4.20<strong>09</strong>).<br />
March, P. (1992). Do photographs help adults with severe mental<br />
handicaps make choices? British Journal of Mental Subnormality,<br />
38, 122-128.<br />
Perry, J. (2004). Interviewing People with Intellectual Disabilities.<br />
In: Emerson, E., Hatton, C., Thompson, T. & Parmenter, T. (Eds.).<br />
The International Handbook of Applied Research in Intellectual Dis<br />
abilities (S. 115-131). Chichester: Wiley.<br />
- 6 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
In eigener Sache<br />
4) Weitere Informationen zum korrekten Formatieren fin<strong>de</strong>n Sie<br />
hier:<br />
http://visor.unibe.ch/zentral/A%20Gui<strong>de</strong>%20To%20Good%20APA<br />
%20Style.pdf<br />
Die Umsetzung dieser Richtlinien wird in <strong>de</strong>n kommen<strong>de</strong>n Ausga<br />
ben erfolgen.<br />
- 7 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
Karlheinz Kleinbach<br />
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
Dieser Beitrag rückt Bil<strong>de</strong>r (im Gegensatz und als Ergänzung<br />
zu Texten) als Mittel <strong>de</strong>r Kommunikation in <strong>de</strong>r Son<strong>de</strong>rpädagogik<br />
in <strong>de</strong>n Fokus. Welchen Beitrag leisten visuelle Argumente<br />
bei <strong>de</strong>r Erzeugung und Logik dieser Disziplin? In welchem<br />
Verhältnis stehen Bil<strong>de</strong>r zu textbasierten Formen, in<br />
<strong>de</strong>nen Fragestellungen <strong>de</strong>s Faches bearbeitet wer<strong>de</strong>n? Die<br />
Aufmerksamkeit <strong>de</strong>r Son<strong>de</strong>rpädagogik für Fotos, Grafiken<br />
und an<strong>de</strong>ren Bildmedien bezüglich ihres Gegenstandsbereiches<br />
ist nicht neu, erinnert sei beispielsweise an die Arbeit<br />
von Christian MÜRNER „Die Normalität <strong>de</strong>r Kunst: das Bild,<br />
das wir Normalen uns von Behin<strong>de</strong>rten machen“ (Köln<br />
1989). An<strong>de</strong>rs als dort wird nachfolgend gefragt, welche<br />
Rolle <strong>de</strong>m Grafischen bei <strong>de</strong>r Erläuterung son<strong>de</strong>rpädagogisch<br />
relevanter Sachverhalte zukommt und welches Verständnis<br />
dabei unthematisiert transportiert wird. Ein solcher<br />
Zugang könnte nicht nur hilfreich sein für Studienanfänger;<br />
mit ihm bliebe auch die schleichen<strong>de</strong> Folklorisierung <strong>de</strong>r<br />
Disziplin durch unbefragte Selbstverständlichkeiten („Ganzheitlichkeit“,<br />
„Leiblichkeit“, „För<strong>de</strong>rung“) im Blick und damit<br />
diskutierbar.<br />
Schlüsselwörter: Son<strong>de</strong>rpädagogische Diagnostik, Diagrammatik, Semiotik,<br />
Hochschuldidaktik, Bildwissenschaft, Wissenschaftstheorie<br />
This contribution focuses on graphical representations in<br />
Special Education. It scrutinises how graphical representations<br />
affect the philosophy of this discipline. It further<br />
shows the relation between graphical representations and<br />
text-based forms. Christian MÜRNER’s book “Die Normalität<br />
<strong>de</strong>r Kunst: das Bild, das wir Normalen uns von Behin<strong>de</strong>rten<br />
machen“ (Köln 1989) already showed the interest of Special<br />
Education on photos, graphics and other visual media. Unlike<br />
Mürner this articel <strong>de</strong>als with the functions linked to<br />
graphical representations when explaining relevant facts.<br />
This may help to call popular approaches like “holistic<br />
paradigm”, “body-subject" and “promotion” into question.<br />
Keywords: educational diagnostics, diagramatics, semiotics, didactics for adult<br />
education, iconography, philosophy of science<br />
- 8 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Abbildung 1:<br />
STANKOWSKI 1972, 29<br />
Fragestellung<br />
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
„Wenn man die Einwän<strong>de</strong> rekonstruiert,<br />
gegen die sie sich richten,<br />
wer<strong>de</strong>n wissenschaftliche Artikel<br />
und technische Objekte<br />
so interessant wie eine Oper.“<br />
Bruno Latour 1996a, 83<br />
Wie kommt es eigentlich, dass visuelle Mo<strong>de</strong>lle <strong>de</strong>n Eindruck von<br />
Korrektheit und Klarheit vermitteln? In einem Aufsatz zur Methodo-<br />
logie zeigt Bruno Latour die Forschungslogik auf, die zu solchen<br />
Produkten führt: „Damit die Welt erkennbar wird, muß sie zu einem<br />
Laboratorium wer<strong>de</strong>n, und um einen jungfräulichen Urwald in ein<br />
Laboratorium zu verwan<strong>de</strong>ln, muß er die Form eines Diagramms<br />
annehmen“ (LATOUR 1996c, 212). Sodann macht er <strong>de</strong>utlich, wie<br />
sich die einzelnen Schritte <strong>de</strong>s Forschungsvorganges zu einer Serie<br />
verketten, die quer zur Differenz zwischen <strong>de</strong>n Dingen und <strong>de</strong>n<br />
Worten steht. „Die Referenz ist eine Eigenschaft <strong>de</strong>r Kette in ihrer<br />
Gesamtheit und nicht <strong>de</strong>r adaequatio rei et intellectus. Die Wahr-<br />
heit zirkuliert in ihr wie die Elektrizität entlang eines Drahtes, und<br />
zwar solange, wie er nicht zerschnitten wird“ (ebd., 238).<br />
Auch <strong>de</strong>r son<strong>de</strong>rpädagogischen Diagnostik liegen solche Verkettun-<br />
gen einzelner Forschungsabschnitte zugrun<strong>de</strong>. Diagramme können<br />
darin sowohl die Position seitlicher als auch transformativer Refe-<br />
renten einnehmen. Seitlich begleitend illustrieren sie Details <strong>de</strong>s<br />
Prozesses. Sie können aber auch als eigenständige Inskription eine<br />
Position im Prozess einnehmen. Für bei<strong>de</strong> Funktionen, ihre illustrie-<br />
ren<strong>de</strong> als auch die inskribieren<strong>de</strong>, müssen die Verkettungsfunktio-<br />
nen „stimmen“.<br />
An drei prominenten Beispielen aus Einführungstexten zur son<strong>de</strong>r-<br />
pädagogischen Diagnostik soll <strong>de</strong>utlich wer<strong>de</strong>n, warum es notwen-<br />
- 9 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
dig ist, fundierte Kriterien zur Formulierung von Heuristiken zur Er-<br />
stellung „guter“ Diagramme zu erarbeiten. Meine Aufmerksamkeit<br />
beschränkt sich dabei auf die taktische Ebene, nämlich die argu-<br />
mentativen und strukturieren<strong>de</strong>n Aufgaben, die Pfeile in solchen<br />
Grafiken haben. So möchte ich mich also „auf Großaufnahmen kon-<br />
zentrieren und von ihnen aus beiläufig auf das Ganze (…) gehen,<br />
das in Form von Apercus zu veranschlagen ist“ (KRACAUER 1971,<br />
104f). Mit diesem Ganzen ist hier die Frage nach <strong>de</strong>m eigentlichen<br />
Gegenstandsbereich <strong>de</strong>r Son<strong>de</strong>rpädagogischen Diagnostik gemeint:<br />
Ist dieser Gegenstandsbereich matter of fact o<strong>de</strong>r matter of con-<br />
cern (vgl. LATOUR 2007)? Geht es dabei um tatsächliche Dinge<br />
(state of affairs) o<strong>de</strong>r um Dinge, die uns etwas angehen?<br />
Vorgehensweise<br />
Wenn die Begriffe Normalität und Normalisierung sozialwissen-<br />
schaftliche Aufmerksamkeit erlangen, erzeugt die systematische<br />
Forschung ‚Kurvenlandschaften’ (GERHARD/LINK/HOLTEY 2001;<br />
NIKOLOW 2000). Dabei gilt als ausgemacht, dass Grafiken nicht<br />
nur Auslöser für Wissensgenerierung und Handlungen sein können,<br />
Sachverhalte anschaulich machen und damit Wissen inkorporieren,<br />
son<strong>de</strong>rn sie sind auch konstitutive Bestandteile von Argumenten<br />
und Beweisen. Diese Einsicht ist nicht neu. Ludwig FLECK hat be-<br />
reits 1935 aufgezeigt, wie die Produktion von Wahrheit an Denksti-<br />
le gebun<strong>de</strong>n ist und wie dabei I<strong>de</strong>ogramme entstehen, „d.h. gra-<br />
phische Darstellungen gewisser I<strong>de</strong>en, gewissen Sinns, eine Art <strong>de</strong>s<br />
Begreifens“ (FLECK 1980, 183). Dieses <strong>de</strong>nkstilgebun<strong>de</strong>ne Gestalt-<br />
sehen hat zwei Blickrichtungen: Zum einen schafft es eine Unter-<br />
scheidung zwischen esoterischem Wissen <strong>de</strong>r Insi<strong>de</strong>r versus exote-<br />
rischem Laienverständnis. Zum an<strong>de</strong>ren ermöglicht es <strong>de</strong>n Exper-<br />
ten „ein wechselseitiges Hineintreiben in Starrsinn“ (ebd., 158),<br />
weil eine ein<strong>de</strong>utige Weise <strong>de</strong>s Begreifens durch Bil<strong>de</strong>r forciert und<br />
- 10 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
darin zugleich Wirklichkeit produziert wird (GRAB 1993; KÖCHY<br />
2005). Darin, wie Forscher ihre grafischen Darstellungen organisie-<br />
ren, sind sie <strong>de</strong>n Bauhütten nicht unähnlich, „die das Wissen über<br />
die architektonischen Mo<strong>de</strong>lle und die Regeln <strong>de</strong>r Bauausführung in<br />
Bün<strong>de</strong>n schützten und innerhalb <strong>de</strong>ren Grenzen tradierten“ (MAHR<br />
2003, 79). Dagegen stellen sich <strong>de</strong>m naiv vom eigenen Denkstil<br />
befangenen Forscher – ich bin keine Ausnahme! – „frem<strong>de</strong> Denksti-<br />
le wie Phantasiegebil<strong>de</strong> vor“ (FLECK 1980, 185).<br />
Zur Isomorphie von Denkstil und grafischer Darstel-<br />
lung: Mo<strong>de</strong>lle erzeugen, was sie erkennen.<br />
An Einführungen und Handbüchern lässt sich am leichtesten er-<br />
schließen, wie Denkstile funktionieren, <strong>de</strong>nn diese müssen davon<br />
ausgehen, dass die Initiation in <strong>de</strong>n esoterischen Datenverkehr<br />
lehr- und lernbar ist. Die Be<strong>de</strong>utung von Grafiken bei solcher Ver-<br />
mittlungsarbeit soll nachfolgend an drei Beispielen aus <strong>de</strong>m Denk-<br />
kollektiv son<strong>de</strong>rpädagogischer Diagnostik aufgezeigt wer<strong>de</strong>n. Ange-<br />
sichts <strong>de</strong>r grundlegen<strong>de</strong>n didaktischen Be<strong>de</strong>utung, die Grafiken in<br />
<strong>de</strong>r son<strong>de</strong>rpädagogischen Diagnostik haben, ist es erstaunlich, dass<br />
es bisher keinen Zugriff gibt, um diese Gebil<strong>de</strong> zu bestimmen, um<br />
herauszufin<strong>de</strong>n, welchen Regeln sie gehorchen und was sie zu leis-<br />
ten vermögen. Als Versuch in diese Richtung ist <strong>de</strong>r nachfolgen<strong>de</strong><br />
Text zu verstehen. Wie aber verständigt man sich über einen Ge-<br />
genstand, <strong>de</strong>r bislang übersehen wird?<br />
Weitgehend abseits son<strong>de</strong>rpädagogischer Aufmerksamkeit gibt es<br />
seit etwa zehn Jahren das breit angelegte Vorhaben analog zu einer<br />
Allgemeinen Sprachwissenschaft, eine Allgemeine Bildwissenschaft<br />
aka<strong>de</strong>misch zu etablieren. Eine Ausnahme hiervon bil<strong>de</strong>n die Mas-<br />
terstudiengänge Son<strong>de</strong>rpädagogik an <strong>de</strong>n Universitäten Ol<strong>de</strong>nburg<br />
und Dortmund. Hinzuweisen ist auf Christian MÜRNERs Arbeiten zur<br />
Sichtbarkeit von Differenz (MÜRNER 2003; MÜRNER/SCHÖNWIESE<br />
- 11 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
2006), auf Cornelia RENGGLIs Bild-Untersuchungen (2005) sowie<br />
Markus DEDERICHs grundlegen<strong>de</strong>s Plädoyer für eine Aufnahme kul-<br />
tursoziologisch orientierter Bildanalyse (2007). Zu <strong>de</strong>n Protagonis-<br />
ten einer solchen Allgemeinen Bildwissenschaft gehören u. a. For-<br />
schungsgruppen um Sybille KRÄMER, Horst BREDEKAMP und Horst<br />
WENZEL am Berliner Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik<br />
(KRÄMER/BREDEKAMP 2003); BREDEKAMP 2005; WENZEL 2007;<br />
HOFFMANN/RIPPL 2006), Klaus SACHSE-HOMBACH an <strong>de</strong>r TU<br />
Chemnitz (MAJETSCHAK 2005) o<strong>de</strong>r Gottfried BOEHM am Kunsthis-<br />
torischen Seminar Basel (2007), <strong>de</strong>r die Be<strong>de</strong>utung bildgeben<strong>de</strong>r<br />
Verfahren als gemeinsame Forschungsaufgabe von Kunst- und Wis-<br />
senschaftsgeschichte reklamiert.<br />
Dabei kennt die wissenschaftliche Literatur „eigentlich nur zwei For-<br />
men <strong>de</strong>r Darstellung hors texte: Tabellen und Abbildungen“, so<br />
Hans-Jörg RHEINBERGER (2003, 9), letztere enthalten alles Mögli-<br />
che: „von Diagrammen über grafische Kurven bis zu Figurationen,<br />
die als Bil<strong>de</strong>r im engeren Sinne gelten“ (ebd.). LYNCH (1990) und<br />
HEGARTY (2005) unterschei<strong>de</strong>n drei unterschiedliche Kategorien im<br />
Gebrauch von Diagrammen in <strong>de</strong>n Wissenschaften: ikonisch, sche-<br />
matisch und Karten/Graphen. Ikonische Diagramme wie Fotos und<br />
Linienzeichnungen stellen Beschreibungen von konkreten Objekten<br />
dar, bei <strong>de</strong>nen die räumlichen Verhältnisse im Diagramm <strong>de</strong>nen <strong>de</strong>r<br />
dargestellten Sache entsprechen, also formgleich sind. Schemati-<br />
sche Darstellung können Sachverhalte ver<strong>de</strong>utlichen, die nicht „of-<br />
fensichtlich“ und zugänglich sind (z. B. Schnitte). Schematisierun-<br />
gen lassen sich dort mit Gewinn einsetzen, wo es um das Heraus-<br />
stellen von Unterschie<strong>de</strong>n geht. Karten und Graphen wer<strong>de</strong>n in<br />
zahlreichen Disziplinen erstellt und benutzt. Es gilt dabei als selbst-<br />
verständlich, dass Daten sich nur durch Visualisierung beherrschen<br />
lassen. Atomare Bestandteile o<strong>de</strong>r molekulare Präparate lassen sich<br />
nicht direkt beobachten, son<strong>de</strong>rn können nur via Computer visuali-<br />
- 12 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
siert wer<strong>de</strong>n (GRAB 1993, 192; RHEINBERGER 2003, 17). „Am<br />
einen Extrem sind sie (Grafiken, K. K.) heuristischer Natur: <strong>de</strong>r<br />
Stromkreis läßt sich mit Nutzen als stationäres hydrodynamisches<br />
System begreifen (…) Am an<strong>de</strong>ren Extrem sind die Gegenstän<strong>de</strong><br />
metaphysische Festlegungen: die Wärme eines Körpers ist die kine-<br />
tische Energie seiner Teilchen“, schreibt Thomas KUHN (1978,<br />
393).<br />
Gleichviel ob es sich dabei um ikonische, schematische o<strong>de</strong>r karto-<br />
graphische Darstellungen han<strong>de</strong>lt, für alle diese diagrammatischen<br />
Darstellungen gilt: Sie müssen das Problem <strong>de</strong>r Formatkonvertie-<br />
rung zuverlässig lösen, haben also die Aufgabe treue Relationen<br />
(SERRES 1981, 105) herzustellen. Denn wir betrachten Grafiken<br />
nicht um ihrer selbst willen, son<strong>de</strong>rn um etwas an<strong>de</strong>res zu verste-<br />
hen, nämlich wie ein Gerät zu bedienen ist, wie zukünftig ein Ge-<br />
bäu<strong>de</strong> aussehen soll o<strong>de</strong>r wie sich Messdaten anschaulich ordnen<br />
lassen.<br />
Auch für die Son<strong>de</strong>rpädagogische Diagnostik sind diagrammatisch<br />
basierte Mo<strong>de</strong>llierungsverfahren aktiver Teil <strong>de</strong>s Konstruktions- und<br />
Entscheidungsprozesses. Und <strong>de</strong>shalb geht es auch hier um die<br />
Frage, in welche Art von Gestalt das Ausgangsmaterial, also ein<br />
Objekt, ein Text, eine Zahlenreihe dabei verwan<strong>de</strong>lt wird und wel-<br />
che Einsichten durch diese neue Gestaltgebung möglich (o<strong>de</strong>r ver-<br />
hin<strong>de</strong>rt) wer<strong>de</strong>n. Nachfolgend wer<strong>de</strong>n drei Exemplare solch visuel-<br />
ler Optimierung vorgestellt. Sie wur<strong>de</strong>n ausgewählt, weil sie als<br />
Lehrbuchtexte im wörtlichen Sinne disziplinieren<strong>de</strong>n Anspruch ha-<br />
ben: Sie wollen in die Son<strong>de</strong>rpädagogische Diagnostik einführen.<br />
Pfeile haben in diesen drei Grafiken anscheinend stets konstitutive<br />
Funktionen.<br />
- 13 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Konnotationen <strong>de</strong>s Pfeils<br />
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
In epistemologischer Hinsicht erscheint <strong>de</strong>r Pfeil in Grafiken als „Pa-<br />
thosformel ohne Pathos“ (GIESSMANN 2008, 284), weil durch ihn<br />
we<strong>de</strong>r ein klarer Konnex hergestellt noch ein ein<strong>de</strong>utiger Beweis<br />
geliefert wird – übrigens ganz im Gegensatz zu seinem tatsächli-<br />
chen Gebrauch als Schusswaffe. Es ist <strong>de</strong>shalb kein Zufall, dass<br />
dieser eher diffuse und unbestimmbare Zeichen-Gebrauch <strong>de</strong>s<br />
Pfeils zuerst im Bereich <strong>de</strong>r Display-Entwicklung bemerkt und pro-<br />
blematisiert wur<strong>de</strong> (STANKOWSKI 1972; HAHN/KIM 2003; WYSS<br />
2003; STORRER/WYSS 2003; EGENHOFER/KURATA 2006;<br />
SCHETTLER 2007). So hat beispielsweise die Verwendung <strong>de</strong>s Pfeils<br />
auf <strong>de</strong>m Eingabe-Display eines Elektro-Rollstuhls, eines Fahrkarten-<br />
automaten o<strong>de</strong>r eines Mobiltelefons nur einen entsprechend pro-<br />
grammierten Steuerbefehl, muss aber gleichwohl unterschiedliche<br />
intuitive Nutzungsweisen zulassen.<br />
Grobe Richtungen – drei Optimierungen<br />
1. Peter in <strong>de</strong>r Kurvenlandschaft<br />
Abbildung 2: Suchodoletz 2006, 2007<br />
- 14 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
„Die Untersuchungsergebnisse wur<strong>de</strong>n <strong>de</strong>n Eltern anhand einer<br />
grafischen Zusammenfassung <strong>de</strong>r Befun<strong>de</strong> erläutert“<br />
(SUCHODOLETZ 2006, 207). Wir können nicht wissen, wie diese<br />
Erläuterung bei <strong>de</strong>n Eltern von Peter ankam. Zu hoffen ist, dass<br />
wenigstens ein Elternteil über Grundkenntnisse verfügte bezüglich<br />
Normalverteilung, Normbereich, Korrelation zwischen T-Wert und<br />
EQ-Skala o<strong>de</strong>r sich wenigstens beruhigte angesichts <strong>de</strong>r Ortung<br />
von Peter in <strong>de</strong>r Grauzone dieser Kurvenlandschaft.<br />
Die drei Pfeile sollen helfen, beson<strong>de</strong>rs wichtige Messergebnisse<br />
aus unterschiedlichen Tests in <strong>de</strong>r Normalverteilung beson<strong>de</strong>rs her-<br />
auszuheben. „Das Bild allein reicht offensichtlich nicht aus. Man<br />
muß begreifen, daß ein bloßes Bild keinen Referenten hat“<br />
(LATOUR 1996b, 183). Die Pfeile zeigen <strong>de</strong>shalb auf bestimmte<br />
Stellen in <strong>de</strong>r Grafik, richten die Aufmerksamkeit auf Details, die<br />
sonst möglicherweise übersehen wür<strong>de</strong>n. Diese Pfeile haben Ver-<br />
größerungsfunktion, sie zeigen heraus aus <strong>de</strong>r heißen Stelle o<strong>de</strong>r<br />
<strong>de</strong>m wun<strong>de</strong>n Punkt; je<strong>de</strong>nfalls fungieren sie lediglich auf <strong>de</strong>r Ober-<br />
fläche <strong>de</strong>r Grafik, sind für die paradigmatische und syntagmatische<br />
Ebene dieser Normalkurve unerheblich. Es sind supplementäre Ele-<br />
mente <strong>de</strong>r Kurvenlandschaft. Diese Pfeile haben somit eine Kom-<br />
munikationsaufgabe; erst sie vervollständigen <strong>de</strong>n Argumentations-<br />
bezug <strong>de</strong>r Grafik zum Text. Ihr szientistisches Credo lautet: Diese<br />
Grafik besitzt einen Referenten und dieser Referent ist einzigartig<br />
und <strong>de</strong>m Bild äußerlich, vergleichbar <strong>de</strong>r Beziehung zwischen ei-<br />
nem Familienfoto und einer Familie. Dieser Referent heißt: Peter ist<br />
normal. Systematisch übersehen wird dabei, dass sich die vorge-<br />
stellte wissenschaftliche Tatsache (matter of fact) nur durch eine<br />
Transkription konstituiert.<br />
- 15 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
2. Konrad Bundschuhs Mandala<br />
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
„För<strong>de</strong>rdiagnostik orientiert sich am Subjekt beziehungsweise am<br />
Menschen und führt zu Informationen über Entwicklung, Lernver-<br />
halten, Wahrnehmung, soziale Bezüge, Emotionalität, Motorik, all-<br />
gemein über seinen Entwicklungsstand, Lernausgangslage, Fähig-<br />
keiten, Kompetenzen und Bedürfnisse mit <strong>de</strong>r Zielrichtung <strong>de</strong>r Ein-<br />
leitung von För<strong>de</strong>rprozessen (s. Abb.4; hier: Abb. 3, K.K)“<br />
(BUNDSCHUH 2006, 30).<br />
Abbildung 3: Bundschuh 2006, 31<br />
Nicht soll uns interessieren <strong>de</strong>r feine Unterschied zwischen Subjekt<br />
und Mensch, son<strong>de</strong>rn <strong>de</strong>r Konnex zwischen diesem Text und <strong>de</strong>r<br />
Grafik, die <strong>de</strong>n Titel trägt „Querverbindungen kompetenzorientier-<br />
ter Diagnostik“ (ebd.). Welcher Art sind diese Querverbindungen<br />
und welche Information wird durch die Pfeile angezeigt? Dehnt sich<br />
das Kompetenzzentrum aus? Woraus bestehen die hier angezeigten<br />
Einfluss-/Ausflussgrößen? Woraus besteht <strong>de</strong>r Kern dieses Zen-<br />
trums? Auf <strong>de</strong>n vier Seiten dieser Wirklichkeitskarte ist viermal das<br />
Wort ‚För<strong>de</strong>rdiagnostik’ ausgebracht. Ist damit – analog zum Him-<br />
melsäther – gewissermaßen das diagnostische Fluidum angezeigt,<br />
in <strong>de</strong>m diese Figur schwimmt? Halten wir uns an das Sichtbare: Als<br />
(paradigmatische) Elemente lassen sich Wert, Bedürfnis, Subjekt,<br />
Individuum, System unterschei<strong>de</strong>n, zwei unterschiedliche Pfeilarten<br />
- 16 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
wer<strong>de</strong>n verwen<strong>de</strong>t, nämlich Pfeile mit durchgehen<strong>de</strong>r Linie, Doppel-<br />
pfeile mit durchbrochener Linie. Syntagmatisch koppeln die Doppel-<br />
pfeile einige Elemente ringförmig; die aus <strong>de</strong>m ‚Kompetenz’-Zen-<br />
trum in die sechs Ecken führen<strong>de</strong>n Pfeile spannen das Sechseck<br />
aus. Diese Ordnungsi<strong>de</strong>e greift dominierend in das semantische<br />
Feld <strong>de</strong>r ‚Orientierungen’ ein, schafft durch die regelmäßige Sechs-<br />
eckform und <strong>de</strong>ren Verspeichung durch die Pfeile eine harmonische<br />
I<strong>de</strong>alcodierung. In pragmatischer Hinsicht wird hier ein Kräftemo-<br />
<strong>de</strong>ll vorgestellt, das entropische Entspanntheit darstellt, in seiner<br />
Zentralisierung und i<strong>de</strong>alen pythagoreischen Geschlossenheit lässt<br />
es we<strong>de</strong>r zusätzliche Elemente zu, noch dürfen solche fehlen. Eine<br />
Be<strong>de</strong>utungsgewichtung ist nicht möglich, alles ist gleich wichtig.<br />
Wenn es Aufgabe <strong>de</strong>s Lesers ist, „mit erhöhter Wachsamkeit auf<br />
(…) Verän<strong>de</strong>rungen zu achten, die (...) in <strong>de</strong>n Relationen <strong>de</strong>r unter-<br />
schiedlichen be<strong>de</strong>utungsvollen Teile <strong>de</strong>s Diagramms zueinan<strong>de</strong>r<br />
herbeigeführt wer<strong>de</strong>n“ (PEIRCE 1906, 132), dann kommt in dieser<br />
Grafik ein Gedanke zur Ruhe als absolute Erkenntnis. Das Dia-<br />
gramm wird zu einem semiotischen Objekt mit quasi magischem<br />
Charakter. Sinn offenbart sich hier durch die Parallelisierung von<br />
formalen und inhaltlichen Kategorien in einer evi<strong>de</strong>nten geometri-<br />
schen Figur, die sich leicht memorieren lässt, <strong>de</strong>ren Geschlossen-<br />
heit zugleich unempfindlich und einwandsimmun macht. An<strong>de</strong>rs als<br />
bei Peirce sorgt das Diagramm für einen Abschluss, ist nicht Medi-<br />
um <strong>de</strong>s Denkens und <strong>de</strong>r Konstruktion.<br />
3. Kurzschluss im Schaltplan für Mark<br />
Weil manche Erwachsene zwischen gerichtetem und ungerichtetem<br />
aggresiv-dissozialem Verhalten unterschei<strong>de</strong>n ist „immer eine mul-<br />
timethodale und multimodale Diagnostik aggressiv-dissozialer Stö-<br />
rungen nötig. An einem Fallbeispiel eines aggresiv-dissozialen 14-<br />
jährigen Jungen wird das praktische Vorgehen erläutert“ (SEITZ et<br />
- 17 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
al 2006, 89). In knappen Sätzen wer<strong>de</strong>n die Auffälligkeiten von<br />
Mark bilanziert (‚stationär in einem Heim’, ‚Versetzung ausge-<br />
schlossen’, ‚frech und distanzlos’, ‚hält sich nicht an Regeln’, ‚stört<br />
und provoziert’). Diagnostisches Vorgehen könnte hier mit einer<br />
sprachkritischen Analyse einsetzen, etwa mit <strong>de</strong>n Präjudizierungen,<br />
die dieser Text enthält. Statt <strong>de</strong>ssen geht es nachfolgend um die vi-<br />
suellen Plausibilitäten <strong>de</strong>s Pfeils in <strong>de</strong>r grafischen Darstellung <strong>de</strong>r<br />
Analyse. Denn „zur <strong>de</strong>skriptiven Diagnostik gehört zunächst die dif-<br />
ferenzierte Beschreibung <strong>de</strong>s – in Feld 1 <strong>de</strong>r Abbildung 1 angezeig-<br />
ten aggresiv-dissozialen Verhaltens“ (SEITZ 2006, 96). Die Tabelle<br />
selbst trägt <strong>de</strong>n Titel Strukturmo<strong>de</strong>ll für die diagnostische Analyse<br />
aggressiv-dissozialen Verhaltens (ebd., 97).<br />
Abbildung 4: Seitz 2006, 97<br />
Der Pfeil wird hier in ganz unterschiedlichen Funktionen verwen<strong>de</strong>t,<br />
nämlich als Folge, als Reaktion, als Handlungsrichtung, als Verweis<br />
o<strong>de</strong>r als Programmablauf. An<strong>de</strong>rs als in <strong>de</strong>r vorausgehen<strong>de</strong>n Grafik<br />
wird hier ein Prozess visualisiert. Wir kennen solche Darstellungen<br />
aus <strong>de</strong>r Elektrotechnik. Wie in <strong>de</strong>r Halbleitertechnik <strong>de</strong>r Strom, so<br />
- 18 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
fließt hier alles in eine Richtung. Auch wenn unklar bleibt, was hier<br />
fließt, alles ergießt sich wie beim Galton-Brett zuletzt ins Feld 1<br />
(„aktuelles aggressiv-dissoziales Erleben und Verhalten“). Dazwi-<br />
schen liegen Relais-Stationen, in <strong>de</strong>nen sich wie bei Kon<strong>de</strong>nsatoren<br />
etwas sammelt. Doch welche Substanzen fließen dort hinein? Sind<br />
das Datensammlungen, Spannungsenergien, Wahrnehmungsquali-<br />
täten, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Erfahrungen? O<strong>de</strong>r wer<strong>de</strong>n<br />
damit (nur) Feld-Richtungen angezeigt? Dass sich beispielsweise<br />
organische Bedingungen (Feld 4) auf konkrete Gewohnheiten <strong>de</strong>s<br />
Erlebens und Verhaltens (Feld 2 unten) auswirken, lässt sich ent-<br />
we<strong>de</strong>r als Binsenweisheit o<strong>de</strong>r als unangemessene Verkürzung ei-<br />
nes psychosomatischen Sachverhaltes verstehen; das ist jedoch<br />
nur durch die Lektüre <strong>de</strong>s Textes zu klären.<br />
Noch einmal: Konnotationen <strong>de</strong>s Pfeils<br />
Was leisten Pfeile und wozu taugen sie? Es sollte <strong>de</strong>utlich gewor<strong>de</strong>n<br />
sein, dass Pfeile in Grafiken ganz Unterschiedliches leisten. Wie las-<br />
sen sich jeweils <strong>de</strong>ren gemeinte Funktionen herausfin<strong>de</strong>n? Die<br />
nachfolgen<strong>de</strong> Übersicht bietet eine erste Orientierung zur Analyse<br />
<strong>de</strong>r Zeichenbe<strong>de</strong>utung von Pfeilen in Grafiken, die das Textver-<br />
ständnis unterstützen sollen. Diese Übersicht hat keinen systemati-<br />
schen Anspruch. Sie kann jedoch helfen bei <strong>de</strong>r Klärung <strong>de</strong>r Frage,<br />
was durch die Verwendung <strong>de</strong>s Pfeils angezeigt wer<strong>de</strong>n soll: eine<br />
Transgression, -mission, -position, -lokaltion, -formation, -lation<br />
usw. – jedoch wovon?<br />
Wozu wird <strong>de</strong>r Pfeil Satz (formal) Beschreibung, Beispiele <strong>de</strong>r argu-<br />
verwen<strong>de</strong>t?<br />
mentativen Wirkung/Absicht<br />
zeigend A ist A Pfeil als „Hier“-Anzeiger. Wittgenstein<br />
(PU 454; 1999, 462) fragt:<br />
„Wie kommt es, daß <strong>de</strong>r Pfeil →<br />
zeigt?“; genuin <strong>de</strong>iktische Funktion<br />
„Hier“<br />
(materiale) Implikation<br />
A bedingt B Pfeil ist Indikator einer wahrheitsfunktionalen<br />
Aussage: Vertragsma-<br />
- 19 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Folgerungsrelation aus A kann B, C,<br />
D wer<strong>de</strong>n<br />
Kalkül A wird als Beginn<br />
angezeigt<br />
Workflow A dann B, dann<br />
…<br />
dazwischen was passiert zwischen<br />
A und B?<br />
verlagern (topologisch)<br />
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
nagement, Verpflichtung, Kausalität;<br />
bereits in A steckt B; monokausal,<br />
eindimensional<br />
Der Pfeil dient als Subjunktor, eine<br />
Art Halbleitertechnik, eröffnet Optionen:<br />
case scenario, interrogativ,<br />
züchterisch, handlungstheoretisch.<br />
Das Pfeilen<strong>de</strong> „zeigt“ auf <strong>de</strong>n Anfang<br />
<strong>de</strong>s Algorithmus; beim Kalkül ist die<br />
Prozess-Richtung wesentlich.<br />
Der Pfeil bestimmt eine Abfolge,<br />
einen Weg, eine Chronologie; Rezepte,<br />
Anleitungen zur Fehlersuche<br />
und an<strong>de</strong>re operative Linearisierungskonzepte<br />
können dabei auf Begründungen<br />
verzichten.<br />
Der Pfeil enthält eine „Zeitladung“<br />
zwischen Zustand A und B, auf <strong>de</strong>m<br />
Weg von A nach B; statt Grammein<br />
(Einschreiben) ist Dia-grammein, ein<br />
Dazwischenschreiben gemeint.<br />
von A nach B Der Pfeil zeigt die Translokation o<strong>de</strong>r<br />
<strong>de</strong>n Transport von Daten, Tatsachen,<br />
Objekten usw. an; er hat Bewegung<br />
indizieren<strong>de</strong> Funktion<br />
generativ aus A wird B Der Pfeil ist ein Transformationsinstrument:<br />
Gestaltverän<strong>de</strong>rungen,<br />
substituierend statt A nimm B<br />
Umformungen lassen sich anzeigen;<br />
<strong>de</strong>r Zustand o<strong>de</strong>r das Objekt A enthält<br />
die Potenz <strong>de</strong>r Gestaltverän<strong>de</strong>rung.<br />
Der Pfeil zeigt auf einen Ersatz o<strong>de</strong>r<br />
Stellvertreter.<br />
exkludierend B ausglie<strong>de</strong>rn<br />
aus A<br />
Der Pfeil zeigt eine Ausson<strong>de</strong>rungsbewegung:<br />
Aus einer Menge A wird<br />
ein Element B herausgenommen.<br />
stimulierend A regt B an/auf Der Pfeil zeigt transgressiv einen<br />
Impuls, eine Einwirkung o<strong>de</strong>r Animation<br />
an: Die von A gestoßene Billardkugel<br />
trifft auf B und bringt B in<br />
Bewegung.<br />
divisio/dihairese aus A entwickeln<br />
sich B 1 und B 2<br />
Der Pfeil zeigt artbil<strong>de</strong>n<strong>de</strong> Unterschie<strong>de</strong><br />
an.<br />
supposition A meint B Ein Term, Objekt o<strong>de</strong>r Sachverhalt A<br />
steht für Term, Objekt, Sachverhalt<br />
B; A ist Zeichen für B.<br />
vektoriell Punkt A in qualifizierter<br />
Weise im<br />
Kräftefeld B<br />
mesomerisch zwischen A und B<br />
gibt es unscharfe<br />
- 20 -<br />
Der Pfeil ist eine Wertangabe (qualitativ<br />
und/o<strong>de</strong>r quantitativ), sowohl<br />
bezüglich seiner Richtung, seines<br />
Betrags (Länge <strong>de</strong>s Pfeilschafts), er<br />
repräsentiert Einflussgrößen<br />
(Plural!).<br />
Der Pfeil zeigt ungefähr auf B, das<br />
Verhältnis zwischen bei<strong>de</strong>n lässt sich<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
extrahierend aus A läßt sich B<br />
gewinnen<br />
filamentös A verwan<strong>de</strong>lt sich<br />
B an<br />
kollokativ A kommt in <strong>de</strong>r<br />
Nähe von B vor.<br />
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
Relationen in mehrfacher Weise darstellen o<strong>de</strong>r<br />
verstehen; zwischen A und B gibt es<br />
mehrere mögliche Wege.<br />
Kritik <strong>de</strong>r diagnostischen Vernunft<br />
Algorithmus, Regel, Prozessierung,<br />
Programmierung (wie eine Wurzelziehung,<br />
ein In<strong>de</strong>x, B ist enthalten<br />
wie eine Teilmenge)<br />
Der Pfeil dringt „an <strong>de</strong>r Stelle <strong>de</strong>s<br />
geringsten Wi<strong>de</strong>rstan<strong>de</strong>s in die Beute<br />
ein und sprengt <strong>de</strong>ren Bestandteile<br />
auseinan<strong>de</strong>r, <strong>de</strong>ren Trümmer die<br />
Zellen sich einverleiben“ (HESSE<br />
1910, 276).<br />
Der Pfeil markiert eine ohnehin vorhan<strong>de</strong>ne<br />
Nachbarschaft, so wie in<br />
<strong>de</strong>r Sprachwissenschaft die typische,<br />
spezifische und charakteristische<br />
Zweierkombination von Wörtern vorkommt.<br />
Hintergrundwissen als Voraussetzung für das Textverständnis muss<br />
nicht eigens durch Zeichen expliziert wer<strong>de</strong>n. Kognitiven Schemata<br />
und mentalen Skripten liegt eine I<strong>de</strong>e von Rahmung zugrun<strong>de</strong>, die<br />
sich nicht o<strong>de</strong>r nur unzureichend mit <strong>de</strong>m starren Rahmen einer In-<br />
formationsverarbeitung vereinbaren lässt. Solche Einsicht ist nicht<br />
neu: Bereits die Textrezeptionsforschung <strong>de</strong>r 1970er Jahre ging<br />
vom Wissenshintergrund für die Konstitution von Be<strong>de</strong>utungen aus.<br />
Sie konnte <strong>de</strong>utlich machen, dass kein Text alle Hinweise enthalten<br />
kann, die zum Verstehen seines Inhaltes eigentlich nötig sind (vgl.<br />
PLÜMACHER 2006, 248). Semantische Inferenzen, also be<strong>de</strong>u-<br />
tungsgeben<strong>de</strong> Schlussfolgerungen, sind Ausdruck übergreifen<strong>de</strong>r<br />
repräsentationaler Einheiten wie Skripts, Szenarios und mentaler<br />
Mo<strong>de</strong>lle. „Mit ‚Skript’, ‚Szenario’, ‚mentalem Mo<strong>de</strong>ll’ o<strong>de</strong>r auch<br />
‚Schema’ ist ein Wissen um Typik bezeichnet, etwa typische Hand-<br />
lungsabläufe, Szenarien sowie Charakteristika von Dingen und Le-<br />
bewesen. Es wird angenommen, dass es durch geeignete Zeichen-<br />
konstellationen aktiviert wird und im unbewussten kognitiven Hin-<br />
- 21 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
tergrund Interpretationsprozesse lenkt“ (PLÜMACHER 2006, 249f).<br />
In Erfahrung und Urteil spricht HUSSERL (1948, 141) von sog.<br />
‚Sinnrahmen’. Diese stützen sich auf intentionale Horizonte als<br />
Möglichkeiten, die das aktuelle Bewusstsein umgeben. Sie sind the-<br />
matisch ausgerichtet (zeitlich, räumlich, mathematisch usw.) und<br />
korrelieren entsprechend mit disziplinären bzw. perspektivischen<br />
Ordnungen <strong>de</strong>s Wissens. Wenn dies so ist, dann stellt sich die Fra-<br />
ge, ob es lehr- und lernbare Verfahren gibt, in dieses Hinter-<br />
grundwissen hineinzukommen und so Teil eines Denkkollektivs zu<br />
wer<strong>de</strong>n.<br />
Aus <strong>de</strong>m vorgestellten Fokus ließe sich in folgen<strong>de</strong>r Weise hoch-<br />
schuldidaktisches Kapital schlagen: Entgegen <strong>de</strong>r üblichen Abfolge<br />
geht hier die Analyse <strong>de</strong>r Grafiken <strong>de</strong>r Textlektüre voraus. Einge-<br />
bettete Grafiken fungieren üblicherweise aus stabiler Seitenlage.<br />
Durchbricht man diesen Konnex, dann offenbart sich Fragwürdiges<br />
an ihnen, das sich günstigenfalls durch <strong>de</strong>n Text aufklären lässt.<br />
Debugging nennt man bei <strong>de</strong>r Erarbeitung und Erstellung von Com-<br />
puterprogrammen die routinemäßige Bereinigung von Missver-<br />
ständnissen. Ein solchermaßen durchgeführtes Debugging könnte<br />
die Grafik überflüssig wer<strong>de</strong>n lassen o<strong>de</strong>r gar <strong>de</strong>n Text, hoffentlich<br />
nicht bei<strong>de</strong>.<br />
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Analyse von Bil<strong>de</strong>rn zu Behin<strong>de</strong>rung. In: Schweizerisches<br />
Archiv für Volkskun<strong>de</strong> 101, 2005, 1, 79–94.<br />
RHEINBERGER, H.-J.: Präparate – ‚Bil<strong>de</strong>r’ ihrer selbst. In: Bildwelten<br />
<strong>de</strong>s Wissens (Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik<br />
- 24 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
Band 1,2). Oberflächen <strong>de</strong>r Theorie. Berlin: Aka<strong>de</strong>mie 2003, 9–<br />
19.<br />
SCHETTLER, B. (Hg.): Powerpoint-Präsentationen: neue Formen<br />
<strong>de</strong>r gesellschaftlichen Kommunikation von Wissen. Konstanz:<br />
UVK 2007.<br />
SEITZ, W.; KOGLIN,.U.; PETERMANN, F.: Diagnostik bei aggressiv-dissozialen<br />
Störungen. In: Ulrike Petermann, U.; Petermann,<br />
F. (Hg.): Diagnostik son<strong>de</strong>rpädagogischen För<strong>de</strong>rbedarfs.<br />
Göttingen et al: Hogrefe 2006, 89–116.<br />
SERRES, M.: Der Parasit, dt. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1981.<br />
STANKOWSKI, A.; GOMRINGER, E.: Der Pfeil. Starnberg: Josef<br />
Keller 1972.<br />
STORRER, A.; WYSS, E. L. (2003): Pfeilzeichen: Formen und<br />
Funktionen in alten und neuen Medien. In: SCHMITZ,<br />
U./WENZEL, H. (HG.): Wissen und neue Medien: Bil<strong>de</strong>r und<br />
Zeichen von 800 bis 2000. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2003;<br />
http://www.evawyss.ch/_d/publikationsliste.htm (entnommen.<br />
21.06.08).<br />
SUCHODOLETZ, W.: Diagnostik bei Artikulationsstörungen. In:<br />
PETERMANN, U.; PETERMANN, F. (Hg.): Diagnostik son<strong>de</strong>rpädagogischen<br />
För<strong>de</strong>rbedarfs. Göttingen et al: Hogrefe 2006,<br />
187–210.<br />
WENZEL, H.: Mediengeschichte vor und nach Gutenberg. Darmstadt:<br />
Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007.<br />
WYSS, E. L.: Pfeile im World Wi<strong>de</strong> Web. Symbole <strong>de</strong>r Orientierung<br />
o<strong>de</strong>r Quelle für Missverständnisse? In: GANZ-BLÄTT-<br />
LER, U.; MICHEL, P. (HG.) »Sinnbildlich schief«. Missgeschicke<br />
bei Symbolgenese und Symbolgebrauch. Bern: Peter Lang<br />
2003, 38–60; http://www.evawyss.ch/_d/publikationsliste.htm<br />
(entnommen 12.03.08).<br />
WITTGENSTEIN, L.: Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe<br />
Band 1; Frankfurt/M: Suhrkamp 1969.<br />
Über <strong>de</strong>n Autor:<br />
Karlheinz Kleinbach ist Sozialwissenschaftler und Son<strong>de</strong>rpädagoge.<br />
Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an <strong>de</strong>r Pädagogischen<br />
Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen in <strong>de</strong>r Abteilung Allgemeine<br />
und Rehabilitationspädagogik. Seine <strong>de</strong>rzeitige Aufmerksamkeit<br />
liegt u.a. in <strong>de</strong>r Gestaltung von Orientierungssystemen gemeinsam<br />
mit Menschen mit Behin<strong>de</strong>rung.<br />
- 25 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Kontakt:<br />
Dr. Karlheinz Kleinbach<br />
Institut für Allgemeine Son<strong>de</strong>rpädagogik<br />
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg<br />
Fakultät für Son<strong>de</strong>rpädagogik<br />
Pestalozzistrasse 53<br />
72762 Reutlingen<br />
Tel. 07121-271-9342<br />
Fax 07121-271-9360<br />
Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit<br />
Zu zitieren als:<br />
KLEINBACH, Karlheinz: Der Pfeil – ein Emblem <strong>de</strong>r Verlegenheit. In: <strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong><br />
03/<strong>09</strong>, 8-26<br />
http://www.heilpaedagogik-<strong>online</strong>.com/20<strong>09</strong>/heilpaedagogik_<strong>online</strong>_03<strong>09</strong>.pdf,<br />
Stand: Datum <strong>de</strong>s Abrufs<br />
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- 26 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Udo Wilken<br />
Perspektiven einer zukunftsorientierten<br />
Erziehung und Bildung bei Menschen<br />
mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung – dargestellt<br />
an <strong>de</strong>n Herausfor<strong>de</strong>rungen von Arbeit<br />
und Freizeit, Wohnen und Partnerschaft<br />
Im sozial-rehabilitativen Diskurs unserer Tage sind es nicht<br />
so sehr die unterschiedlichen Formen <strong>de</strong>r Lebensgestaltung,<br />
die im Blick auf behin<strong>de</strong>rte und nicht-behin<strong>de</strong>rte Menschen<br />
im Mittelpunkt stehen, son<strong>de</strong>rn es sind die Bedingungen<br />
gleichberechtigter Teilhabe. Dabei wird auf Statusgleichheit<br />
und nicht primär auf An<strong>de</strong>rssein fokussiert. Deshalb auch<br />
können auf <strong>de</strong>m Weg von <strong>de</strong>r Schule ins Leben Alltagskompetenzen,<br />
ein angemessenes Sozialverhalten und spontane<br />
Hilfsbereitschaft als Schlüsselqualifikationen dazu beitragen,<br />
Vorurteile, Stigmatisierungen und Ausson<strong>de</strong>rung zu minimieren<br />
in<strong>de</strong>m sie zu einer Aufwertung <strong>de</strong>r sozialen Rollen<br />
von Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen beitragen.<br />
Schlüsselworter: Berufsbildung, Unterstützte Beschäftigung, Freizeiterziehung,<br />
betreutes Wohnen, Sexualerziehung, assistierte Selbstbestimmung<br />
The present-day discussion about rehabilitation starts from<br />
a view of the handicapped person which measures him or<br />
her in the first place not by what differentiates him from the<br />
non-handicapped, but by what he has in common with him<br />
or her. The discussion is orientated towards his equal status<br />
and not to his ‘otherness’. Therefore on the way ‘from<br />
school to real life’ daily living skills, a good social behaviour<br />
and spontaneous helpfulness may reduce prejudice, social<br />
stigma and segregation; on the other hand these key-qualifications<br />
may strengthen social role valorisation of the ‘disabled’<br />
person because he shows his ‘abilities’.<br />
Keywords: vocational education, supported employment, leisure education, community<br />
living, community support, sexeducation, assisted self-<strong>de</strong>termination<br />
- 27 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
1. Zur Notwendigkeit eines professionellen sozial-reha-<br />
bilitativen Bewusstseins<br />
Jenseits <strong>de</strong>s terminologischen Definitionsstreits um Heil- und Son-<br />
<strong>de</strong>rpädagogik, um Behin<strong>de</strong>rten- und Rehabilitationspädagogik o<strong>de</strong>r<br />
um Integrations- und Inklusionspädagogik ist festzustellen: Heil-<br />
pädagogik ist als rehabilitative Pädagogik (WILKEN 1994, 143) mit<br />
<strong>de</strong>n Ernst- und Grenzfällen <strong>de</strong>r Erziehungs- und Lebenspraxis be-<br />
hin<strong>de</strong>rter Menschen mittelbar und unmittelbar konfrontiert.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> hat als rehabilitative Pädagogik <strong>de</strong>n menschenrecht-<br />
lich gestützten gesellschaftlichen Auftrag, <strong>de</strong>r dann aber auch pro-<br />
fessionell-reflexiv und wissenschaftsbasiert-disziplinär zu verant-<br />
worten<strong>de</strong>n ist, mit altersangemessenen und entwicklungsbezoge-<br />
nen Lern- und För<strong>de</strong>rangeboten dazu beizutragen, dass behin<strong>de</strong>rte<br />
Personen, hier Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, ein ge-<br />
lingen<strong>de</strong>s Leben in individueller Wür<strong>de</strong> und sozialer Teilhabe führen<br />
können. Dem gemäß sind nicht nur behin<strong>de</strong>rte Personen mit ihren<br />
Bedürfnissen in <strong>de</strong>n Blick zu nehmen, son<strong>de</strong>rn es ist auch die Ge-<br />
sellschaft in sozialpolitischer Hinsicht in <strong>de</strong>r Pflicht. Damit ist zu-<br />
gleich aufgegeben, das gesellschaftliche Solidaritätsbewusstsein zu<br />
thematisieren und sozial-didaktisch zu aktivieren.<br />
Wenn wir hier von <strong>Heilpädagogik</strong> als rehabilitativer Pädagogik spre-<br />
chen, so meint Rehabilitation in einer sozial-integrativen Zielset-<br />
zung dreierlei:<br />
1. Die Rehabilitierung und Entstigmatisierung <strong>de</strong>r Betroffenen<br />
und ihrer Angehörigen angesichts <strong>de</strong>r Zuschreibung individu-<br />
eller Verantwortung und eines persönlich mit allen Konse-<br />
quenzen zu tragen<strong>de</strong>n Schicksals von Schädigung, Behin<strong>de</strong>-<br />
rung und Benachteiligung. Dem Begriff Rehabilitation liegt im<br />
Übrigen eine Wertentscheidung zu Grun<strong>de</strong>, <strong>de</strong>rzufolge <strong>de</strong>r<br />
- 28 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
behin<strong>de</strong>rte Mensch in seinem Menschsein nicht erst zu „habi-<br />
litieren“ ist, son<strong>de</strong>rn dass er immer schon „habilis“ ist (lat.<br />
hinreichend, zweckmäßig, geeignet) und damit seine Inklusi-<br />
on in die Gattung Mensch als Träger unveräußerlicher Men-<br />
schenrechte nicht zur Disposition steht.<br />
2. Neben <strong>de</strong>r um Aufhebung <strong>de</strong>s <strong>de</strong>fektiven und culpativen Stig-<br />
mas bemühten Rehabilitierung begrün<strong>de</strong>tet Rehabilitation<br />
<strong>de</strong>n Anspruch auf Reparationsleistungen. Nicht nur aus mit-<br />
menschlich-moralischer Pflicht und <strong>de</strong>m Wissen, dass je<strong>de</strong>r<br />
von Behin<strong>de</strong>rung betroffen wer<strong>de</strong>n kann, son<strong>de</strong>rn auch ange-<br />
sichts vielfältiger gesellschaftlich mitverursachter und <strong>de</strong>shalb<br />
mit zu verantworten<strong>de</strong>r Schädigungen, Behin<strong>de</strong>rungen und<br />
Notlagen ist unsere Gesellschaft im Sinne einer solidarischen<br />
Kollektivverantwortung zur Reparation, d. h. zur Wie<strong>de</strong>rgut-<br />
machung und zum Nachteilsausgleich verpflichtet. Damit wird<br />
<strong>de</strong>utlich, dass erst in <strong>de</strong>r gelebten Solidarität <strong>de</strong>r universelle<br />
Wert <strong>de</strong>r Wür<strong>de</strong> <strong>de</strong>s Menschen evi<strong>de</strong>nt wird.<br />
3. Der Definition von Rehabilitation im Sinne entstigmatisieren-<br />
<strong>de</strong>r Rehabilitierung und umfassen<strong>de</strong>r, solidarischer Reparati-<br />
on folgt als ihr pragmatisches Ziel die Entisolierung <strong>de</strong>r Be-<br />
troffenen durch aktive und selbstbestimmte Partizipation im<br />
Sinne <strong>de</strong>r Teilhabe an <strong>de</strong>r Normalität <strong>de</strong>s gesellschaftlichen<br />
Lebens (WILKEN 1980, 72 f.).<br />
Aus diesen mit <strong>de</strong>r ICF-Klassifikation <strong>de</strong>r WHO kompatiblen rehabi-<br />
litativen Zielen (vgl. HOLLENWEGER 2006), die individuell Wür<strong>de</strong><br />
und soziale Teilhabe sichern wollen und damit zu einem gelingen-<br />
<strong>de</strong>n Leben beitragen möchten, ergeben sich für das professionelle<br />
und disziplinäre Selbstverständnis <strong>de</strong>r <strong>Heilpädagogik</strong> (vgl. WOLFIS-<br />
BERG 2005) vielfältige Herausfor<strong>de</strong>rungen. Dazu zählt auch die<br />
Zusammenarbeit und Arbeitsteilung mit <strong>de</strong>r wissenschaftlichen So-<br />
- 29 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
zialpädagogik und Sozialarbeit, die sich in ihrer Berufsethik in glei-<br />
cher Weise wie die <strong>Heilpädagogik</strong> als offensive Menschenrechtspro-<br />
fessionen legitimieren.<br />
Die dargelegte ganzheitliche Betrachtung von Behin<strong>de</strong>rung und Re-<br />
habilitation führt nun konkret dazu, die bio-psycho-soziale Inter<strong>de</strong>-<br />
pen<strong>de</strong>nz <strong>de</strong>s Menschseins und die daraus folgen<strong>de</strong> individuelle Da-<br />
seinsentfaltung in <strong>de</strong>r jeweiligen Lebenssituation mit <strong>de</strong>n öko-sozio-<br />
kulturellen Verhältnissen <strong>de</strong>r Lebensgestaltung in <strong>de</strong>r jeweiligen Le-<br />
benswelt zu verbin<strong>de</strong>n.<br />
Demgemäß sind die rehabilitativen Intentionen von <strong>Heilpädagogik</strong>,<br />
Sozialpädagogik und Sozialarbeit in einer systemischen Person-in-<br />
<strong>de</strong>r-Umwelt-Perspektive immer auf das individuelle und soziale Ver-<br />
halten <strong>de</strong>s Einzelnen zu richten und zugleich haben sie die kollekti-<br />
ven sozialen Verhältnisse in <strong>de</strong>n Blick zu nehmen, die <strong>de</strong>n Einzel-<br />
nen umgeben (vgl. WILKEN/VAHSEN 1999).<br />
Aus dieser dynamischen Betrachtung von Behin<strong>de</strong>rung und Rehabi-<br />
litation ergibt sich, dass bei bestehen<strong>de</strong>m Unterstützungsbedarf im<br />
individuellen Falle oftmals eine soziale Situation vorliegt, die Hilfen<br />
durch sehr unterschiedliche Professionen erfor<strong>de</strong>rlich macht. Zu-<br />
gleich wird aber <strong>de</strong>utlich, dass bei <strong>de</strong>r umfassend zu leisten<strong>de</strong>n so-<br />
zialen Integration keine Profession für sich eine Allein- und Allzu-<br />
ständigkeit reklamieren kann. Wer immer in <strong>de</strong>n jeweiligen Phasen<br />
<strong>de</strong>r Rehabilitation im Lebenslauf einer Person koordinative Verant-<br />
wortung hat – sei es die Frühför<strong>de</strong>rstelle, das Sozialpädiatrische<br />
Zentrum, die Schule, eine Berufsbildungseinrichtung, die Wohnstät-<br />
te, eine Assistenzgenossenschaft o<strong>de</strong>r <strong>de</strong>r Casemanager eines Sozi-<br />
alleistungsträgers –, wichtig ist, dass eine interdisziplinäre Vernet-<br />
zung und Kooperation <strong>de</strong>r unterschiedlichen Rehabilitations- und<br />
Sozialdienste erfolgt. Allerdings kann es sich bei <strong>de</strong>r notwendigen<br />
Überschreitung von Professionsgrenzen nicht um die Aufhebung<br />
- 30 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
von unterschiedlichen arbeitsfeldtypischen Kompetenzen han<strong>de</strong>ln.<br />
Vielmehr geht es um ein handlungsleiten<strong>de</strong>s Bewusstsein bei <strong>de</strong>r<br />
Erbringung von einheitlichen Aufgaben in einem je berufsspezifi-<br />
schen Kontext.<br />
Da im Ergebnis aller rehabilitativen Bemühungen <strong>de</strong>r <strong>Heilpädagogik</strong><br />
soziale Integration angestrebt wird – sei es im schulischen Bil-<br />
dungsbereich, in <strong>de</strong>n sozialpädagogisch-erzieherischen Handlungs-<br />
fel<strong>de</strong>rn o<strong>de</strong>r in <strong>de</strong>n vielfältigen sozialarbeiterischen Kontexten –,<br />
soll diese Intention im Hinblick auf ihre professionelle heilpädagogi-<br />
sche Realisierung mit <strong>de</strong>m Begriff ‚sozial-rehabilitative Arbeit’ ver-<br />
<strong>de</strong>utlicht wer<strong>de</strong>n.<br />
So ist beispielsweise im Rahmen schulischer Bildung und Erziehung<br />
pädagogisches Tun und Lassen als sozial-rehabilitative Arbeit zu<br />
qualifizieren, sofern es aufgrund heilpädagogischer Kompetenz be-<br />
wusst eine sozial-integrative Zielbestimmung verfolgt - unbescha-<br />
<strong>de</strong>t <strong>de</strong>r jeweiligen Organisationsform als För<strong>de</strong>rschule o<strong>de</strong>r als In-<br />
tegrationsklasse in einer Regelschule.<br />
Dieses einheitliche handlungsleiten<strong>de</strong> sozial-rehabilitative Bewusst-<br />
sein muss ebenso in <strong>de</strong>r heilpädagogischen Frühför<strong>de</strong>rung und Kin-<br />
<strong>de</strong>rgartenarbeit wirksam wer<strong>de</strong>n wie in <strong>de</strong>n weiteren nebenschuli-<br />
schen und nachschulischen Handlungsfel<strong>de</strong>rn, in <strong>de</strong>nen unter-<br />
schiedliche pädagogische, therapeutische und sozialberufliche Pro-<br />
fessionen tätig sind. Erst auf <strong>de</strong>r Basis eines einheitlichen sozial-re-<br />
habilitativen Verständnisses <strong>de</strong>s beruflichen Tuns und <strong>de</strong>r jeweils<br />
daraus erwachsen<strong>de</strong>n beruflichen I<strong>de</strong>ntität kann dann Teamfähig-<br />
keit und interdisziplinäre Kooperation entstehen. Im günstigsten<br />
Falle mag es danach aus fachlich kompetenter Zusammenarbeit<br />
heraus durch Kompetenztransfer zu einem neuen transdisziplinären<br />
Berufsprofil kommen.<br />
- 31 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Nachdrücklich ist jedoch zu betonen, dass die notwendige sozial-in-<br />
tegrative Zielbestimmung auch dort weiter zu verfolgen ist, wo be-<br />
reits partielle Integrationsangebote bestehen. Denn die Erwartung,<br />
dass <strong>de</strong>r vorschulischen, schulischen o<strong>de</strong>r beruflichen Integration<br />
die soziale Integration gleichsam als naturwüchsiger Automatismus<br />
folgt, hat sich weithin als Fehleinschätzung erwiesen (vgl. MARKO-<br />
WETZ 2006, 147). Deshalb soll im Folgen<strong>de</strong>n <strong>de</strong>n dadurch beste-<br />
hen<strong>de</strong>n Herausfor<strong>de</strong>rungen im Blick auf die Gestaltung von Arbeit<br />
und Freizeit, Wohnen und Partnerschaft nachgegangen wer<strong>de</strong>n.<br />
2. Berufstätigkeit als Entwicklungschance für Menschen<br />
mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung<br />
Trotz aller Eigenwertigkeit <strong>de</strong>r schulischen Lebensphase, hat diese<br />
doch immer zugleich auf das Leben vorzubereiten – gemäß <strong>de</strong>r<br />
klassischen Mahnung „non scholae, sed vitae discimus: nicht für die<br />
Schule, für das Leben lernen wir“.<br />
Allerdings ist bei einer zukunftsorientierten Bildung und Erziehung<br />
zu beachten, dass einerseits auf das Leben vorbereitet wird, so wie<br />
es ist, dass aber an<strong>de</strong>rerseits die jungen Menschen <strong>de</strong>m Leben wie<br />
es ist, nicht unterworfen wer<strong>de</strong>n (V. HENTIG 1969, 71). Begreift<br />
zu<strong>de</strong>m die schulische För<strong>de</strong>rung <strong>de</strong>n jungen Menschen als Akteur<br />
seiner Entwicklung (vgl. JELTSCH-SCHUDEL 2008, 79f.), dann wer-<br />
<strong>de</strong>n Ergänzungen durch Maßnahmen unterschiedlicher Dienste und<br />
Leistungsträger nötig, damit es im individuellen Lebenslauf zu ei-<br />
nem nachhaltigen Prozess optimaler Potentialenfaltung kommen<br />
kann. Ausweislich <strong>de</strong>r Lehrpläne für <strong>de</strong>n För<strong>de</strong>rschwerpunkt geisti-<br />
ge Entwicklung (vgl. BAYERISCHES STAATSMINISTERIUM<br />
2003/2007) sollen zu diesem Zweck die Schulen mit Betrieben ko-<br />
operieren, mit Arbeits- und Jugendämtern, mit Sportvereinen, Frei-<br />
zeit- und Kulturstätten sowie mit Sozial- und Selbsthilfeverbän<strong>de</strong>n.<br />
Die Anbahnung und Realisierung solcher Kooperationen sind in so-<br />
- 32 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
zial-integrativer Absicht nicht nur aus <strong>de</strong>r Perspektive <strong>de</strong>r Schüler<br />
und ihrer Familien be<strong>de</strong>utsam. Sie sind es auch hinsichtlich eines<br />
sozial-gesellschaftlich erwünschten Perspektivenwechsels <strong>de</strong>r je-<br />
weiligen Kooperationspartner.<br />
Mit <strong>de</strong>m Schulen<strong>de</strong> und <strong>de</strong>m Eintritt <strong>de</strong>r Volljährigkeit gehen in <strong>de</strong>r<br />
Regel Überlegungen einher, wie <strong>de</strong>r zukünftige Lebensweg <strong>de</strong>s er-<br />
wachsen wer<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n jungen Menschen zu gestalten ist. In <strong>de</strong>n<br />
meisten Familien stellt sich die Frage, wo <strong>de</strong>r Sohn o<strong>de</strong>r die Tochter<br />
nach Abschluss <strong>de</strong>r Schule tätig wer<strong>de</strong>n kann o<strong>de</strong>r wo es bei<br />
schwerster und mehrfacher Behin<strong>de</strong>rung zumin<strong>de</strong>st in einem ‚zwei-<br />
ten Milieu’ ein för<strong>de</strong>rliches Angebot gibt, das angemessen tages-<br />
strukturiert ist.<br />
Diese Schwellensituation <strong>de</strong>s Übergangs in die vorberufliche bzw.<br />
berufliche Lebensphase bietet einen günstigen Anlass zur Übernah-<br />
me neuer, erwachsenentypischer Rollen. Wo immer <strong>de</strong>r junge<br />
Mensch einer sinnvollen beruflichen Tätigkeit, Beschäftigung o<strong>de</strong>r<br />
Tagesgestaltung nachgehen kann, sei es in einer Werkstatt für be-<br />
hin<strong>de</strong>rte Menschen, in einem Berufsbildungswerk o<strong>de</strong>r auf <strong>de</strong>m all-<br />
gemeinen Arbeitsmarkt, – <strong>de</strong>r Beginn <strong>de</strong>r Berufstätigkeit bietet<br />
eine große Chance für die Weiterentwicklung <strong>de</strong>r Persönlichkeit.<br />
Geför<strong>de</strong>rt wird sie nicht zuletzt durch <strong>de</strong>n Stolz auf die eigene Ar-<br />
beit, mit <strong>de</strong>r ein Beitrag zur gesellschaftlichen Wertschöpfung ge-<br />
leistet wird.<br />
In Übereinstimmung mit <strong>de</strong>n schulischen Bildungs- und Erziehungs-<br />
zielen, die auf diesen neuen Lebensabschnitt <strong>de</strong>zidiert vorbereiten,<br />
sollten auch die Eltern bereits während <strong>de</strong>r Schulzeit – aber im<br />
Blick auf die nachschulische Lebensphase – ihrem Kind altersange-<br />
messene Gelegenheiten zu häuslichem und nachbarschaftlichem<br />
Mittun bieten. Dieses Mittun sollte <strong>de</strong>n individuellen Kompetenzen<br />
- 33 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
entsprechen und auch <strong>de</strong>n Bereich <strong>de</strong>r persönlichen Selbstversor-<br />
gung mit einschließen.<br />
Blicken wir auf die berufliche Integration, so ist das Augenmerk<br />
nicht allein auf die behin<strong>de</strong>rte Person und ihre Fähigkeiten zu rich-<br />
ten, son<strong>de</strong>rn ebenso auf eine behin<strong>de</strong>rtengerechte und arbeitspäd-<br />
agogisch angemessene Ausgestaltung <strong>de</strong>s Arbeitsplatzes.<br />
Gleichwohl gibt es aber Persönlichkeitskriterien, die sich als be<strong>de</strong>ut-<br />
same Schlüsselqualifikationen erweisen, die für die Bewältigung <strong>de</strong>r<br />
Anfor<strong>de</strong>rungen dieses neuen Lebensabschnittes basierend sind.<br />
Dazu zählen: Leistungsbereitschaft und soziale Umgänglichkeit,<br />
Konzentration, Sorgfalt und Pünktlichkeit, sowie Ausdauer, Kriti-<br />
sierbarkeit und die Fähigkeit zu kritischer Kontrolle <strong>de</strong>s eigenen<br />
Tuns (vgl. WILKEN 1997, 247).<br />
Die Grundlagen dieser Schlüsselqualifikationen entwickeln sich be-<br />
reits im Kindheits- und Jugendalter sowohl im häuslichen Bereich<br />
als auch in <strong>de</strong>r Schule. Dabei ist zu berücksichtigen, dass vor allem<br />
individuell sinnvolle und auch für an<strong>de</strong>re Menschen nützliche Tätig-<br />
keiten zu unmittelbarer Selbstbestätigung führen können. Solche<br />
Tätigkeiten sind geeignet, Vertrauen in eigene Könnens- und Leis-<br />
tungsmöglichkeiten zu bewirken, wenn sie aus einer konkret bewäl-<br />
tigten Aufgabe herrühren. Der heilpädagogische Bildungs- und Er-<br />
ziehungsimperativ lautet <strong>de</strong>shalb:<br />
Ermögliche Selbstwirksamkeitserfahrungen durch Lernen am Er-<br />
folg!<br />
Damit <strong>de</strong>r Übergang in die Berufstätigkeit sich in <strong>de</strong>r sensiblen Ado-<br />
leszenzphase persönlichkeitsbil<strong>de</strong>nd und i<strong>de</strong>ntitätsför<strong>de</strong>rlich aus-<br />
wirken kann, sollte er durch die Familie, die Schule und die Arbeits-<br />
stelle positiv und ermutigend begleitet wer<strong>de</strong>n. Vor allem aber soll-<br />
- 34 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
te er nicht als ein bedrohen<strong>de</strong>s und ängstigen<strong>de</strong>s Ereignisses ver-<br />
mittelt wer<strong>de</strong>n.<br />
Der Eintritt in die Berufstätigkeit fällt nicht immer leicht. Denn das<br />
vertraute schulische Milieu muss zurückgelassen wer<strong>de</strong>n, damit <strong>de</strong>r<br />
‚Ernst <strong>de</strong>s Lebens’ beginnen kann.<br />
Auch sind die Berufswünsche oft irreal, nicht nur seitens <strong>de</strong>r Ju-<br />
gendlichen, son<strong>de</strong>rn auch seitens <strong>de</strong>r Familien. Da eine angemes-<br />
sene Arbeit jedoch einen rehabilitativen Charakter besitzt, ist es<br />
wichtig, dass von <strong>de</strong>r Familie realistische Berufsvorstellungen un-<br />
terstützt wer<strong>de</strong>n (vgl. DETMAR u. a. 2008, 304). Diese können sich<br />
aus schulischen Praktika sowie aus einer Beratung durch die Arbeit-<br />
sagentur und <strong>de</strong>n Integrationsfachdienst ergeben.<br />
Zu realistischen Berufsvorstellungen können aber auch Informatio-<br />
nen und gemeinsame Exkursionen beitragen, die Elterngruppen mit<br />
ihren Söhnen und Töchtern in Werkstätten für behin<strong>de</strong>rte Men-<br />
schen unternehmen o<strong>de</strong>r zu Projekten <strong>de</strong>r Unterstützten Beschäfti-<br />
gung. In neueren Lehrplänen für die abschließen<strong>de</strong> Schulstufe,<br />
etwa die Berufsschulstufe im För<strong>de</strong>rschwerpunkt geistige Entwick-<br />
lung in Bayern, fin<strong>de</strong>n sich ausführliche Hinweise für eine <strong>de</strong>zidierte<br />
Zukunftsorientierung in Form einer Lebenswegplanung. Zur Gestal-<br />
tung dieser Lebenswegplanung über die Schulzeit hinaus hat sich<br />
die Bildung eines sogen. Unterstützerkreises bewährt, zu <strong>de</strong>m auch<br />
vertraute schulfrem<strong>de</strong> Mitglie<strong>de</strong>r aus <strong>de</strong>m näheren sozialen Umfeld<br />
zählen, die bereit sind, <strong>de</strong>m jungen Menschen beim Übergang in die<br />
Erwachsenenwelt beratend und begleitend zur Seite stehen.<br />
Gemeinsam mit <strong>de</strong>m Jugendlichen, seinen Eltern und <strong>de</strong>n weiteren<br />
Mitglie<strong>de</strong>rn <strong>de</strong>s Unterstützerkreises kann dann im Rahmen einer<br />
durch die Schule initiierten Berufswegekonferenz die aktuelle Zu-<br />
kunftsplanung besprochen und <strong>de</strong>r Bedarf an Unterstützung und<br />
Assistenz gesichert wer<strong>de</strong>n.<br />
- 35 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Bei Überlegungen hinsichtlich <strong>de</strong>s angemessen Beschäftigungsortes<br />
sollte die hohe sozial-integrative Be<strong>de</strong>utung berücksichtigt wer<strong>de</strong>n,<br />
die <strong>de</strong>r Arbeitsplatz für <strong>de</strong>n behin<strong>de</strong>rten Menschen hat. Bei einer<br />
Befragung von Beschäftigten einer Werkstatt für behin<strong>de</strong>rte Men-<br />
schen rangierte auf die Frage „Was ist Ihnen am Arbeitsplatz be-<br />
son<strong>de</strong>rs wichtig?“ die Antwort „Freun<strong>de</strong> haben“ an erster Stelle,<br />
noch vor <strong>de</strong>r Antwort „Geld haben/ausgeben“, die an vierter Stelle<br />
stand (Lebenshilfe-Zeitung, März 1994).<br />
Bei einer Befragung von behin<strong>de</strong>rten Beschäftigten, die als unter-<br />
stützte Arbeitnehmer tätig waren, stand an erster Stelle die Sicher-<br />
heit <strong>de</strong>s Arbeitsplatzes. Wichtig war ihnen sodann, von <strong>de</strong>n Mitar-<br />
beitern ernst genommen und akzeptiert zu wer<strong>de</strong>n. Erst auf Platz<br />
sieben wur<strong>de</strong> genannt: Genug Geld haben, um gut leben zu können<br />
(TIELICKE 2004, 32).<br />
Deshalb ist die sozial-rehabilitative Be<strong>de</strong>utung <strong>de</strong>r Arbeit insbeson-<br />
<strong>de</strong>re bei einer möglichen Integration in <strong>de</strong>n allgemeinen Arbeits-<br />
markt als Alternative zur Beschäftigung in einer Werkstatt für be-<br />
hin<strong>de</strong>rte Menschen zu be<strong>de</strong>nken, damit es nicht zu ‚sozialer’ Ver-<br />
einzelung kommt.<br />
Entschei<strong>de</strong>nd ist die erlebte Wertschätzung durch Kollegen am Ar-<br />
beitsplatz und - zumin<strong>de</strong>st nach Feierabend - das Erleben von rela-<br />
tiv symmetrischer Kommunikation mit Personen, die ähnliche Fä-<br />
higkeiten und Interessen besitzen wie <strong>de</strong>r behin<strong>de</strong>rte Mensch<br />
(ebd.) , so dass nicht nur Anpassung und Unterordnung, son<strong>de</strong>rn<br />
gemeinsames Tun auf gleichem Niveau unmittelbar erfolgen kann.<br />
Bei <strong>de</strong>r Unterstützten Beschäftigung mit Arbeitsassistenz (WILKEN<br />
1999, 55, 36 ff.) ist beson<strong>de</strong>rs darauf zu achten, <strong>de</strong>n Mittelweg<br />
zwischen Helfen und Selbständig-wer<strong>de</strong>n-Lassen mit heilpädagogi-<br />
schem Takt einzuhalten, damit die Assistenz nicht, wie mitunter in<br />
Integrationsklassen <strong>de</strong>r Regelschule (vgl. HARDT u.a. 2008, 275),<br />
durch unreflektierte Hilfe die notwendige Selbstständigkeitsent-<br />
- 36 -<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
wicklung begrenzt und in neue Abhängigkeit o<strong>de</strong>r gar ‚erlernte Hilf-<br />
losigkeit’ führt.<br />
Beim Übergang von <strong>de</strong>n Schule in die Berufstätigkeit ist auch zu<br />
be<strong>de</strong>nken, dass es zum Erwachsen-Wer<strong>de</strong>n gehört, angemessene<br />
Höflichkeitsregeln im Umgang mit an<strong>de</strong>ren Personen zu beherr-<br />
schen. Dies betrifft die sozial-kommunikative Herausfor<strong>de</strong>rung,<br />
Nähe und Distanz in angemessener Balance zu halten. Nur wenn<br />
<strong>de</strong>r junge Mensch frem<strong>de</strong> Personen in <strong>de</strong>r Öffentlichkeit mit ‚Sie’<br />
anre<strong>de</strong>t und nicht in <strong>de</strong>r kindlichen ‚Du-Form’, wächst die Chance,<br />
dass auch er mit <strong>de</strong>m für Erwachsene üblichen ‚Sie’ angere<strong>de</strong>t wird.<br />
„Wenn <strong>de</strong>r Mensch mit einer geistigen Behin<strong>de</strong>rung erwachsen<br />
wird“ schreibt <strong>de</strong>r Son<strong>de</strong>rpädagoge Thomas SCHRECKER in <strong>de</strong>r Le-<br />
benshilfe-Zeitung (29. Jg. 2/2008), „bemerkt die Umwelt nicht<br />
nur an seinem Verhalten und an seinem Äußeren, dass er/sie an-<br />
<strong>de</strong>rs ist. Die allgemein gültigen Höflichkeitsregeln scheinen für ihn<br />
nicht zu gelten. ‚Guten Morgen Moritz!’ So wird <strong>de</strong>r junge Mann<br />
vom Busfahrer begrüßt. Auch die an<strong>de</strong>ren Pendler kennen ‚Moritz’.<br />
Der Zwanzigjährige fällt auf, er hat das Down-Syndrom. Keiner<br />
kennt seinen Nachnamen ...Vor <strong>de</strong>r Schule ... begrüßt ihn sein Leh-<br />
rer: ‚Guten Morgen Moritz! Hat bei dir alles geklappt?’ und er be-<br />
kommt zur Antwort: ’Klar, Herr Müller, und bei dir?’ ‚Moritz’ kennt<br />
es nicht an<strong>de</strong>rs. Er fällt auf: Der Busfahrer, <strong>de</strong>r Bäcker, <strong>de</strong>r Metz-<br />
ger und <strong>de</strong>r Briefträger, alle wer<strong>de</strong>n von ihm geduzt. Alle erkennen<br />
daran sofort, dass es sich um einen Menschen han<strong>de</strong>lt, <strong>de</strong>r offenbar<br />
eine so einfache Sache nicht lernen kann“ (ebd.). Wenn die Re<strong>de</strong><br />
von sozialer Integration o<strong>de</strong>r gar Inklusion über Sonntagsre<strong>de</strong>n<br />
hinaus Bestand haben soll, müssen die jungen Erwachsenen die<br />
Möglichkeit erhalten, die gesellschaftlich gesetzten Regeln <strong>de</strong>r Höf-<br />
lichkeit zu erfahren, zu erleben und vor allem, auch selbst zu erler-<br />
nen.<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
3. Der Aufbau von Freizeit- und Lebensführungskompe-<br />
tenzen<br />
Im Blick auf die Lebensbegleitung von jungen Menschen mit Behin-<br />
<strong>de</strong>rungen stellt sich über <strong>de</strong>n Bereich <strong>de</strong>r zukünftigen beruflichen<br />
Tätigkeit hinaus generell die Frage einer angemessenen Lebensge-<br />
staltung im Erwachsenenalter. Deshalb ist es bei <strong>de</strong>r Berufsfindung<br />
wichtig, darauf zu achten, dass im Zusammenhang mit <strong>de</strong>r Berufs-<br />
ausbildung auch tatsächlich eine berufliche Bildung erfolgt, die nicht<br />
nur eine Einarbeitung in repetitive Arbeitsvollzüge bietet, son<strong>de</strong>rn<br />
die auch das Bildungsangebot <strong>de</strong>r Berufsschule beinhaltet.<br />
Dies sollte auch dann bedacht wer<strong>de</strong>n, wenn durch <strong>de</strong>n zwölfjähri-<br />
gen Son<strong>de</strong>rschulbesuch die allgemeine Schulpflicht erfüllt ist. Denn<br />
das Bildungsangebot <strong>de</strong>r Berufsschule enthält im Rahmen <strong>de</strong>r übli-<br />
chen dualen Ausbildung in Berufsschule und Betrieb auch allge-<br />
meinbil<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n Unterrichtsstoff. Die hier bearbeiteten Themen ge-<br />
hen über die im engeren Sinne berufsbil<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n Qualifikationen hin-<br />
aus und regen zur Auseinan<strong>de</strong>rsetzung mit <strong>de</strong>m neuen Lebensab-<br />
schnitt an. Sie wollen <strong>de</strong>n jungen erwachsen wer<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n Menschen<br />
auch dazu befähigen, sein Leben in <strong>de</strong>r arbeitsfreien Zeit interes-<br />
sengeleitet und weitgehend selbstbestimmt in sozialer Integration<br />
zu gestalten.<br />
Allerdings hängt die eigenaktive Gestaltung <strong>de</strong>s Lebens nach Feier-<br />
abend davon ab, wie viel Angebote zur Entwicklung von Lebensfüh-<br />
rungskompetenzen <strong>de</strong>r junge Mensch erhält (vgl.<br />
MARKOWETZ/CLOERKES 2000). Aber auch allein-bleiben-können<br />
und etwas allein unternehmen setzt aufbauen<strong>de</strong> Lernerfahrungen<br />
voraus, die durch einen Vorschuss an Zutrauen in die Ressourcen<br />
und Potentiale <strong>de</strong>s Jugendlichen von seinen Bezugspersonen zu un-<br />
terstützen sind.<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Es gilt daher Freizeitinteressen zu för<strong>de</strong>rn, die sowohl im individuel-<br />
len, persönlichen und privaten Bereich als auch in Gemeinschaft<br />
mit behin<strong>de</strong>rten und nicht behin<strong>de</strong>rten Personen betrieben wer<strong>de</strong>n<br />
können (WILKEN 2006). Tätigkeiten und Beschäftigungen, die über<br />
das Interesse an <strong>de</strong>r Sache hinaus zugleich kommunikationsför-<br />
<strong>de</strong>rnd sind und dadurch soziale Isolierung und Vereinsamung über-<br />
win<strong>de</strong>n helfen.<br />
Es wäre daher zu überlegen, wie etwa Schulsportangebote in Ver-<br />
einsportaktivitäten ihre Fortsetzung fin<strong>de</strong>n könnten o<strong>de</strong>r wie das<br />
Angebot wohnortnaher Freizeit-, Kultur- und Bildungsstätten sowie<br />
integrativer Jugendtreffs dazu genutzt wer<strong>de</strong>n kann, um Freund-<br />
schaften anzubahnen. Soll sich das Freizeitleben nicht allein vor<br />
<strong>de</strong>m Fernseher ‚ereignen’ so sind für eine angemessene Lebensge-<br />
staltung in <strong>de</strong>r Freizeit wirklichkeitsnahe und alltagstaugliche Le-<br />
bensführungskompetenzen anzubahnen. So hoch die wechselseitige<br />
Be<strong>de</strong>utsamkeit von sozial-integrativen Kontakten auch einzuschät-<br />
zen ist, so sehr ist <strong>de</strong>nnoch darauf zu achten, dass geistig behin-<br />
<strong>de</strong>rte Menschen auch Gleiche unter Gleichen sein dürfen und inte-<br />
grativer Anpassungsdruck vermie<strong>de</strong>n wird, damit eine I<strong>de</strong>ntitäts-<br />
stabilisierung hinsichtlich <strong>de</strong>s eigenen Behin<strong>de</strong>rt-Seins nicht verei-<br />
telt wird .<br />
Gemeinhin wird <strong>de</strong>r quantitative Anteil <strong>de</strong>r berufsarbeitsfreien Zeit<br />
für die persönliche Entwicklung und für eine qualitativ befriedigen-<br />
<strong>de</strong> Lebensgestaltung unterschätzt. Damit wird auch die Notwendig-<br />
keit einer angemessenen Freizeitbildung vernachlässigt. Hierauf hat<br />
mit Nachdruck <strong>de</strong>r Wiener Freizeitforscher Peter ZELLMANN (2002,<br />
113) hingewiesen. Wenn von <strong>de</strong>n 660.000 Stun<strong>de</strong>n einer durch-<br />
schnittlichen Lebenszeit von 75 Jahren für Schlaf 220.000 Stun<strong>de</strong>n<br />
und für Ausbildung und Beruf 90.000 Stun<strong>de</strong>n abgezogen wer<strong>de</strong>n,<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
so verbleiben 350.000 Stun<strong>de</strong>n für ‚Freizeit’; dies sind 53% <strong>de</strong>r ge-<br />
samten Lebenszeit. Diese Zeit zu gestalten – will gelernt sein!<br />
Deshalb bedarf es nicht nur intensiver Bemühungen um eine ange-<br />
messene Erwerbsbefähigung, son<strong>de</strong>rn es sind auch explizite Erzie-<br />
hungs- und Bildungsangebote zur Freizeitfähigkeit erfor<strong>de</strong>rlich so-<br />
wie ‚barrierefreie’ Gelegenheiten zur Gestaltung <strong>de</strong>r Tages-, Wo-<br />
chen-, Jahres- und Lebensfreizeit. Denn ohne eine angemessene,<br />
bedürfnisgerechte Teilhabe am Arbeits- und Freizeitleben sind Le-<br />
bensqualität und Wohlbefin<strong>de</strong>n in Frage gestellt.<br />
Der erwachsene Mensch sollte <strong>de</strong>shalb freizeit-kulturelle Lebens-<br />
führungskompetenzen erworben haben und als rehabilitativen<br />
Nachteilsausgleich ein Bildungsrecht besitzen, wie es Artikel 30 <strong>de</strong>r<br />
UNO-Konvention über die Rechte behin<strong>de</strong>rter Menschen empfiehlt,<br />
um diese Kompetenzen im Lebenslauf weiter auszubil<strong>de</strong>n, damit er<br />
als ‚Akteur seiner Existenz’ besser in <strong>de</strong>r Lage ist, sowohl in <strong>de</strong>r Ar-<br />
beit als auch in <strong>de</strong>r Freizeit Befriedigung und Lebenssinn zu fin<strong>de</strong>n<br />
(WILKEN 2003a, 1<strong>09</strong>f.). Dass die UNO-Konvention Sozialintegration<br />
dabei als wechselseitigen Prozess versteht, wird ebenfalls aus Arti-<br />
kel 30 <strong>de</strong>utlich, wo es heißt, dass behin<strong>de</strong>rte Menschen ihr kreati-<br />
ves und intellektuelles Potential nicht nur für sich selbst, son<strong>de</strong>rn<br />
auch zur Bereicherung <strong>de</strong>r Gesellschaft entfalten und nutzen mö-<br />
gen.<br />
Allerdings bedarf es bei <strong>de</strong>r Entwicklung von freizeit-kulturellen Le-<br />
bensführungskompetenzen einer gewissen kompensatorischen Er-<br />
weiterung, die über die rein komplementär-erlebnisbezogene Funk-<br />
tion <strong>de</strong>r Freizeit hinaus weist.<br />
Unter Bezug auf die Definition von Zeit als Determinationszeit, Ob-<br />
ligationszeit und Dispositionszeit und angesichts <strong>de</strong>r geringen fi-<br />
nanziellen Mittel, über die Personen mit einer geistigen Beeinträch-<br />
tigung in <strong>de</strong>r Regel verfügen, ist mit dieser kompensatorischen Er-<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
weiterung eine <strong>de</strong>zidierte ‚lebenspraktische’ Befähigung hinsichtlich<br />
<strong>de</strong>r hauswirtschaftlichen Selbstversorgung gemeint, die nicht mit<br />
einer mehr o<strong>de</strong>r weniger beliebigen Freizeitgestaltung gleichzuset-<br />
zen wäre. Die Kompetenzen dieser heilpädagogisch zu gestalten<strong>de</strong>n<br />
lebenspraktischen Befähigung sollen auch dazu dienen, von einer<br />
eher passiven ‚Fremdversorgung’ zu einer aktiven und eigenverant-<br />
wortlichen ‚Selbstversorgung’ zu gelangen, wie sie heute etwa für<br />
ambulant betreutes Wohnen wichtig ist. Demnach erführe die Ver-<br />
mittlung von alltagsbezogenen Techniken im Rahmen <strong>de</strong>r Hauswirt-<br />
schaftserziehung etwa im Zusammenhang mit <strong>de</strong>m Wohntraining<br />
<strong>de</strong>r Schule einen neuen Stellenwert, <strong>de</strong>r zu<strong>de</strong>m <strong>de</strong>utlich macht,<br />
dass berufsarbeitsfreie Zeit nicht gleich Freizeit ist.<br />
4. Sexualität und Partnerschaft<br />
Damit erwachsen wer<strong>de</strong>n<strong>de</strong> Jugendliche unter <strong>de</strong>n Bedingungen ih-<br />
rer Behin<strong>de</strong>rung Freundschaften pflegen können, sind sie darauf<br />
angewiesen, dass ihre Familien auch Besuche im Elternhaus gestat-<br />
ten und Kontakte zu an<strong>de</strong>rsgeschlechtlichen Personen nicht verbo-<br />
ten wer<strong>de</strong>n. Es ist dabei für die Eltern nicht immer leicht, ein Inter-<br />
esse an solchen Freundschaften, eine gewisse Neugier, aber auch<br />
sorgenvolle Be<strong>de</strong>nken angemessen zu gewichten. Dennoch sollte<br />
<strong>de</strong>m jungen Erwachsenen, <strong>de</strong>r im elterlichen Haushalt lebt, mit Ein-<br />
tritt <strong>de</strong>r Pubertät ein zunehmend größerer Freiraum für sein Intim-<br />
und Sexualleben zugestan<strong>de</strong>n wer<strong>de</strong>n. Auf <strong>de</strong>r Grundlage eines<br />
einheitlichen heilpädagogischen Sexualerziehungsverständisses<br />
(vgl. WILKEN 2007) sollte darauf von <strong>de</strong>n verschie<strong>de</strong>nen sozial-re-<br />
habilitativen Diensten nachdrücklich hingewiesen wer<strong>de</strong>n.<br />
Immer wie<strong>de</strong>r bricht beim Thema Sexualität nicht nur bei <strong>de</strong>n An-<br />
gehörigen, son<strong>de</strong>rn auch im kollegialen Gespräch im Institutionen-<br />
kontext die Attitü<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Überbehütung hervor mit <strong>de</strong>r Folge, dass<br />
grundsätzlich über Liebe, Eros und Sexualität räsoniert wird und<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
überhöhte Ansprüche an die Konstanz einer Beziehung gestellt wer-<br />
<strong>de</strong>n. Da soll <strong>de</strong>r behin<strong>de</strong>rte Mensch, obgleich nun erwachsen, vor<br />
Enttäuschungen und Kummer bewahrt wer<strong>de</strong>n, weil Liebe nicht nur<br />
Zärtlichkeit und Glückserfahrungen bietet, son<strong>de</strong>rn auch zu Kum-<br />
mer führen kann, wenn eine Beziehung zerbricht und zu seelischem<br />
Verletztsein, wenn <strong>de</strong>r Partner sich einem an<strong>de</strong>ren zuwen<strong>de</strong>t.<br />
Mitunter wird auch die Meinung vertreten, <strong>de</strong>r behin<strong>de</strong>rte Mensch<br />
sei ein mehr o<strong>de</strong>r weniger asexuelles Wesen o<strong>de</strong>r von Natur aus<br />
ungesteuert triebhaft. Unter solchen Perspektiven entwickelt sich<br />
leicht eine doppelte Moral, die zu einer ‚behin<strong>de</strong>rten’ bzw. zu einer<br />
‚verhin<strong>de</strong>rten’ Sexualität’ führt, <strong>de</strong>ren <strong>de</strong>r junge Mensch auf seinem<br />
Weg zu einer gelingen<strong>de</strong>n sexuellen Entfaltung am wenigsten be-<br />
darf. Daher kann es für Eltern und Fachkräfte durchaus hilfreich<br />
sein, sich immer wie<strong>de</strong>r <strong>de</strong>r eigenen Sexualisation zu erinnern.<br />
Mitunter haben Eltern Hemmungen, mit ihrem Kind über <strong>de</strong>ssen<br />
Sexualität zu re<strong>de</strong>n. Hier können Geschwister, nahe Angehörige<br />
o<strong>de</strong>r eine vertrauenswürdige Kontaktperson aus <strong>de</strong>m sozialen Um-<br />
feld <strong>de</strong>s Unterstützerkreises diese Aufgabe übernehmen.<br />
Als eine gute Hilfe haben sich dabei die „Sexualpädagogischen Ma-<br />
terialien <strong>de</strong>r BV Lebenshilfe“ erwiesen sowie das Arbeitsbuch „Ich<br />
bestimme mein Leben ...und Sex gehört dazu“ von Jörg M. FEGERT<br />
u.a. (2007).<br />
Probleme und Sorgen wer<strong>de</strong>n in Gesprächen zur Sexualerziehung<br />
aber auch von jenen Eltern geistig behin<strong>de</strong>rter Kin<strong>de</strong>r geäußert, die<br />
ansonsten eine grundsätzlich positive Einstellung zu Sexualität und<br />
Partnerschaft ihrer Kin<strong>de</strong>r entwickelt haben. Während bei <strong>de</strong>n Söh-<br />
nen häufig über Selbstbefriedigung und schwieriges Verhalten ge-<br />
sprochen wird, bereitet <strong>de</strong>n Eltern von Töchtern die häufige unkriti-<br />
sche Kontaktaufnahme zu Frem<strong>de</strong>n Sorge.<br />
Als beson<strong>de</strong>rs problematisch wird eine mögliche Schwangerschaft<br />
angesehen (vgl. E. WILKEN 1999, 125 f.), die von Eltern erwachse-<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
ner geistig behin<strong>de</strong>rter Kin<strong>de</strong>r in <strong>de</strong>r Regel abgelehnt wird. Dass<br />
<strong>de</strong>m nicht immer so ist, belegt <strong>de</strong>r freimütige Bericht von Ute WIL-<br />
KE (2003) über die Schwangerschaft ihrer 15-jährigen Tochter mit<br />
Down-Syndrom sowie die Herausfor<strong>de</strong>rungen, die sich aus <strong>de</strong>r Mut-<br />
terrolle für ihre Tochter Kim ergaben.<br />
Achten wir auf Äußerungen von behin<strong>de</strong>rten Personen, so ist die<br />
Differenzierung <strong>de</strong>s Kin<strong>de</strong>rwunsches bei weiblichen geistig behin-<br />
<strong>de</strong>rten Personen interessant, die in einer empirischen Erhebung<br />
<strong>de</strong>utlich wur<strong>de</strong>. „Während bei <strong>de</strong>n Jugendlichen noch 100 % einen<br />
Kin<strong>de</strong>rwunsch äußerten, geht er bei <strong>de</strong>n Erwachsenen <strong>de</strong>utlich zu-<br />
rück“ u. z. auf 37,50 % (SEEFELD 1997, 435). „Es ist zu vermu-<br />
ten, daß sich Erwachsene ihrer Behin<strong>de</strong>rung stärker bewußt wer<strong>de</strong>n<br />
und dadurch ein größeres Problembewußtsein entwickeln“ (ebd.).<br />
Auch wenn es sich bei <strong>de</strong>njenigen geistig behin<strong>de</strong>rten Personen, die<br />
Eltern gewor<strong>de</strong>n sind, sehr häufig um Menschen han<strong>de</strong>lt, die als<br />
„leicht geistig behin<strong>de</strong>rt“ gelten und zum Teil <strong>de</strong>m „Grenzbereich<br />
zur Lernbehin<strong>de</strong>rung“ zuzurechnen sind, bleibt <strong>de</strong>nnoch die Aufga-<br />
be bestehen, zwischen <strong>de</strong>m Wunsch <strong>de</strong>r behin<strong>de</strong>rten Eltern, mit ih-<br />
ren Kin<strong>de</strong>rn zusammenzuleben und „<strong>de</strong>r Gewährleistung <strong>de</strong>s Kin-<br />
<strong>de</strong>swohls“ zu vermitteln.<br />
Dabei kann sich eine assistieren<strong>de</strong> familiale Unterstützung als hilf-<br />
reich erweisen, die sich sowohl an die Eltern als auch an die Kin<strong>de</strong>r<br />
richtet (BRENNER/WALTER 1999, 224, 238; vgl. PIXA-KETTNER<br />
2007, 320). Elterliche Kompetenz und Verantwortung wird damit<br />
aus heilpädagogischer Sicht nicht als ein allein individuell zu erfül-<br />
len<strong>de</strong>s Merkmal betrachtet, son<strong>de</strong>rn die Aufgaben <strong>de</strong>r Kin<strong>de</strong>rerzie-<br />
hung wer<strong>de</strong>n auf ein erweitertes Unterstützungs-Netzwerk verteilt<br />
und auch von diesem eingefor<strong>de</strong>rt.<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Da jedoch die überwiegen<strong>de</strong> Mehrzahl <strong>de</strong>r Schwangerschaften von<br />
geistig behin<strong>de</strong>rten Frauen nach <strong>de</strong>n vorliegen<strong>de</strong>n Untersuchungen<br />
ungeplant war (BRENNER/WALTER 1999, 225; PIXA-KETTNER<br />
1996, 54), ergibt sich grundsätzlich die Notwendigkeit, für eine<br />
kontinuierliche sexualpädagogische Begleitung im Lebenslauf Sorge<br />
zu tragen, damit Frauen und Männer ihr Sexualleben selbstbe-<br />
stimmter, d. h. frei von unerwünschter Schwangerschaft, planen<br />
und bedürfnisgerecht gestalten können.<br />
Eine an<strong>de</strong>re Frage ist es, ob dort, wo es auf Grund <strong>de</strong>s häufig be-<br />
stehen<strong>de</strong>n Mangels an geselligen Kontaktmöglichkeiten zu einer er-<br />
sehnten Partnerschaft nicht kommt, die Initiierung <strong>de</strong>r Anbahnung<br />
von Freundschaften stärker beachtet wer<strong>de</strong>n sollte. Hierbei wäre<br />
etwa an die Erfahrungen <strong>de</strong>s Bun<strong>de</strong>svereins ‚Die Schatzkiste e.V.’<br />
zu <strong>de</strong>nken, <strong>de</strong>r in Deutschland als bewährte zielgruppenorientierte<br />
Partnervermittlung gilt.<br />
Solche Kontaktangebote könnten sich als bedürfnisgerechter und<br />
befriedigen<strong>de</strong>r erweisen als eine bezahlte Sexualassistenz wie sie<br />
seit einigen Jahren propagiert wird (vgl. DE VRIES 2004, vgl. WIL-<br />
KEN 2001). Gera<strong>de</strong> weil im Mittelpunkt <strong>de</strong>r jeweils zuständigen<br />
heilpädagogisch-rehabilitativen Fachpersonen das Wohlbefin<strong>de</strong>n<br />
<strong>de</strong>s behin<strong>de</strong>rten Menschen im Rahmen eines gelingen<strong>de</strong>n sozialin-<br />
tegrierten Lebens stehen sollte, sind hier differenzierte Überlegun-<br />
gen jenseits <strong>de</strong>r ‚unsichtbaren Hand’ <strong>de</strong>s Marktes angebracht. Denn<br />
unter <strong>de</strong>n Bedingungen von Liebe und Partnerschaft wer<strong>de</strong>n die<br />
existenziellen Herausfor<strong>de</strong>rungen <strong>de</strong>s Behin<strong>de</strong>rt-Seins immer wie-<br />
<strong>de</strong>r schmerzhaft bewusst und manche gut gemeinte normalisati-<br />
onsfixierte „Integrationsmär“ erweist sich dann als nicht belastbar<br />
(SANDFORT 2008, 6).<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
5. Der Wechsel in ein neues Zuhause<br />
Zur zukünftigen Gestaltung <strong>de</strong>s Lebensweges <strong>de</strong>s jungen volljähri-<br />
gen Menschen mit Behin<strong>de</strong>rung zählen Überlegungen, ob, wann<br />
und wohin ein Auszug aus <strong>de</strong>m bisherigen Familiengefüge als sinn-<br />
voll erscheint. We<strong>de</strong>r müssen Grün<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Überbehütung vorliegen,<br />
wenn vorerst ein weiterer Verbleib in <strong>de</strong>r häuslichen Gemeinschaft<br />
gewünscht wird, noch ist von einer vermeintlichen Vernachlässi-<br />
gung elterlicher Pflichten auszugehen, wenn bereits im jungen Er-<br />
wachsenenalter ein Auszug angedacht wird. Bei <strong>de</strong>r Planung <strong>de</strong>s<br />
zukünftigen Wohn- und Lebensbereiches sollte sowohl die erwach-<br />
senentypische Rollenfindung <strong>de</strong>s behin<strong>de</strong>rter Angehörigen leitend<br />
sein als auch das berechtigte Interesse <strong>de</strong>r weiteren Familienmit-<br />
glie<strong>de</strong>r an einer angemessenen Gestaltung ihrer Lebensbedürfnisse<br />
innerhalb <strong>de</strong>r häuslichen Gemeinschaft, ggf. mit ambulanter Unter-<br />
stützung, sowie <strong>de</strong>r Wunsch einer Entpflichtung <strong>de</strong>r Eltern von per-<br />
manenter kustodialer Sorgetätigkeit (WILKEN 2003b, 157).<br />
Seitens <strong>de</strong>r Sozialpolitik haben gegenwärtig kommunale Hilfestruk-<br />
turen Priorität. Im Sinne <strong>de</strong>s Vorrangs ambulanter vor stationären<br />
Wohnformen sollen behin<strong>de</strong>rte Personen in ihrer Lebenswelt die be-<br />
nötigten Unterstützungsangebote erhalten. Immer öfter wer<strong>de</strong>n<br />
traditionelle Heime verkleinert. Individuelles Wohnen in <strong>de</strong>r eige-<br />
nen angemieteten Wohnung mit ambulanter Betreuung, in kleinen<br />
Wohngemeinschaften von 3-4 Personen o<strong>de</strong>r unterstütztes Wohnen<br />
in Hausgemeinschaften wird konzeptualisiert und bietet teilweise<br />
auch Möglichkeiten für schwerer behin<strong>de</strong>rte Menschen (SEIFERT<br />
2006, 380).<br />
Meistens befin<strong>de</strong>n sich die Bewohner tagsüber auf <strong>de</strong>r Arbeit, nach<br />
Arbeitsen<strong>de</strong> versorgen sie sich weitgehend selbst und gestalten<br />
ihre Freizeit nach eigenen Vorstellungen (vgl. Orientierung 2/2008,<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
43 f; 3/2008, 37 f.). Die Realisierung solcher Wohnkonzepte gelingt<br />
z. Zt. vor allem dann, wenn die behin<strong>de</strong>rten Personen gelernt ha-<br />
ben, relativ selbständig zu leben und aufgrund ihrer Regiekompe-<br />
tenz die benötigten Hilfebedarfe an Betreuung, Unterstützung und<br />
Assistenz mitgestalten können. Ein zukunftsorientierter sozial-reha-<br />
bilitativer Unterricht wird <strong>de</strong>shalb im Rahmen eines realitätsnahen<br />
Wohntrainings entsprechen<strong>de</strong> Fähigkeiten und Fertigkeiten in Zu-<br />
sammenarbeit mit <strong>de</strong>n Eltern lehrplanmäßig und kompetenzorien-<br />
tiert üben (BAYERISCHES STAATSMINISTERIUM 2007, 47 ff.).<br />
Ambulant betreute Wohnformen wollen über assistierte Selbstbe-<br />
stimmung hinaus einen weiteren Zugewinn an Lebensqualität er-<br />
möglichen u. z. im Sinne von ‚Community-Living’ durch ein aktiv-<br />
partizipatives Leben inmitten <strong>de</strong>r Gesellschaft, das vielfältige Ein-<br />
bindungen in die vorhan<strong>de</strong>nen Strukturen <strong>de</strong>s kommunalen Sozial-<br />
raumes eröffnet. An<strong>de</strong>rs als bei <strong>de</strong>n singulär inszenierten Gemein-<br />
schaftsveranstaltungen, <strong>de</strong>n Sommerfesten und Jubiläen <strong>de</strong>r tradi-<br />
tionellen Komplexeinrichtungen, <strong>de</strong>r großen Heime und abgeson-<br />
<strong>de</strong>rten Anstalten, besteht bei diesem Konzept <strong>de</strong>r Gemeinwesenori-<br />
entierung eine größere Chance zu alltäglicher Begegnung und<br />
zwangloser Kommunikation im Wohnquartier.<br />
Es gehört daher zu <strong>de</strong>n sozial-rehabilitativen Aufgaben <strong>de</strong>r Heil-<br />
und Sozialpädagogik wie auch <strong>de</strong>r Sozialarbeit, im Sinne von ‚Com-<br />
munity-Living’ für eine Person-Umwelt-Passung Sorge zu tragen.<br />
Bei dieser Person-Umwelt-Passung, die sich u.a. aus <strong>de</strong>r Menschen-<br />
rechtsnorm von Artikel 19 <strong>de</strong>r UNO-Konvention über die Rechte be-<br />
hin<strong>de</strong>rter Menschen herleiten lässt, geht es nicht nur um <strong>de</strong>n inno-<br />
vativen Umbau von traditionellen Heimen mit ihren fremdbestimm-<br />
ten Strukturen und um <strong>de</strong>n Abbau von architektonischen Barrieren<br />
in <strong>de</strong>r Öffentlichkeit, son<strong>de</strong>rn es soll durch diese sozial-integrativen<br />
Bemühungen zu einer Entstigmatisierung geistig behin<strong>de</strong>rter Men-<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
schen kommen, u. z. durch eine Minimierung von „Barrieren im so-<br />
zialen Leben und in <strong>de</strong>n Urteilen <strong>de</strong>r Mitbürger“, um Gemeinsinn<br />
und ein gesellschaftliches Solidaritätsbewusstsein zu stärken, ohne<br />
die Inklusion ein leeres Versprechen bleibt (WACKER, 2008, 141).<br />
Steht ‚Community-Living’ für ein sozial-integrieren<strong>de</strong>s Konzept, das<br />
Exklusion vermei<strong>de</strong>n möchte, so wer<strong>de</strong>n die notwendigen Betreu-<br />
ungs-, Unterstützungs- und Assistenzaspekte mit <strong>de</strong>m Begriff<br />
‚Community-Care (and support)’ ver<strong>de</strong>utlicht und verweisen auf die<br />
Notwendigkeit einer gestuften, individuell angepassten Unterstüt-<br />
zung und Lebensbegleitung im sozialen Umfeld.<br />
Der Paradigmenwechsel <strong>de</strong>r Behin<strong>de</strong>rtenhilfe von einer räumlich<br />
und sozial eher abgeson<strong>de</strong>rten Einrichtungsorientierung hin zu ei-<br />
ner inklusiven Gemeinwesenorientierung, aber auch von Fremdbe-<br />
stimmung zu mehr Selbstbestimmung, erfor<strong>de</strong>rt nun im Sinne von<br />
‚Community-Care’ <strong>de</strong>n Aufbau verlässlicher lokaler Unterstützungs-<br />
strukturen durch ambulante Sozialdienste und Assistenzgenossen-<br />
schaften. Über die professionellen Dienste hinaus ist zu<strong>de</strong>m die ört-<br />
liche Gemein<strong>de</strong> zur Verwirklichung von ‚Community-Care’ mit auf-<br />
gerufen. Im Sinne eines ‚fürsorgen<strong>de</strong>n’ und mitsorgen<strong>de</strong>n Gemein-<br />
wesens gilt es <strong>de</strong>shalb, Nachbarschaftshilfe und freiwilliges Bürger-<br />
schaftliches Engagement zu för<strong>de</strong>rn.<br />
So könnten sich aus <strong>de</strong>n etablierten individuellen Unterstützerkrei-<br />
sen durch Kooperation informelle soziale Netzwerke entwickeln, die<br />
‚Community-Living’ in <strong>de</strong>r Ortsgemein<strong>de</strong> begleiten (ASELMEIER<br />
2008). Die Prinzipien einer bürgerorientierten Gemeinwesenarbeit,<br />
die sich von ihren Intentionen her nicht nur auf Menschen mit geis-<br />
tigen Beeinträchtigungen beziehen, son<strong>de</strong>rn insgesamt die Bedürf-<br />
nisse von Menschen mit Hilfebedarfen in <strong>de</strong>n Blick nehmen, beför-<br />
<strong>de</strong>rn dann aufgrund ihres Selbstbestimmungsansatzes auch ver-<br />
stärkt die Einbindung <strong>de</strong>r Gestaltungs- und Unterstützungskompe-<br />
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Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
tenz von Selbsthilfegruppen. Vor allem durch die aktive prosoziale<br />
Mitwirkung behin<strong>de</strong>rter Einwohner an <strong>de</strong>n Belangen ihrer Kommune<br />
kann es zu einer bislang kaum möglichen wertschätzen<strong>de</strong>n Aufwer-<br />
tung ihrer sozialen Rolle kommen.<br />
Vieles von <strong>de</strong>m, was hier ange<strong>de</strong>utet wur<strong>de</strong>, ist nicht brandneu,<br />
son<strong>de</strong>rn wur<strong>de</strong> unter <strong>de</strong>n Zielbegriffen von Normalisierung, Inte-<br />
gration, Regionalisierung, Deinstitutionalisierung und gemein<strong>de</strong>na-<br />
her Versorgung schon vor Jahren in Ansätzen entwickelt und ver-<br />
wirklicht.<br />
Neu ist jedoch ein gewan<strong>de</strong>ltes nationales und internationales sozi-<br />
alpolitisches Bewusstsein, das durch Verän<strong>de</strong>rungsprozesse Ein-<br />
gang in die neuere Sozialgesetzgebung gefun<strong>de</strong>n hat.<br />
Große Hoffnungen wer<strong>de</strong>n diesbezüglich in das trägerübergreifen<strong>de</strong><br />
Persönliche Budget nach § 17 SGB IX gesetzt. Ihm liegt eine perso-<br />
nenbezogene finanzielle Unterstützung zu Grun<strong>de</strong>, die eine indivi-<br />
duelle Regiekompetenz ermöglichen soll und nicht mehr wie bisher<br />
eine pauschale institutions- und anbieterzentrierte Rundumversor-<br />
gung (BAUR 2004; Fachdienst <strong>de</strong>r Lebenshilfe 2/2007). Der behin-<br />
<strong>de</strong>rte Mensch han<strong>de</strong>lt nun mit <strong>de</strong>m zuständigen Leistungsträger,<br />
<strong>de</strong>r für die Finanzierung aufkommt, seinen Unterstützungsbedarf<br />
aus. Leistungsträger können auch mehrere Kostenträger sein: z. B.<br />
ein Träger <strong>de</strong>r Sozialhilfe, die Bun<strong>de</strong>sargentur für Arbeit, die Pfle-<br />
gekasse. Der festgestellte Unterstützungsbedarf wird in einem Hil-<br />
feplan aufgeführt und es wird eine bestimmte Summe Geld für die<br />
im Hilfeplan festgelegten Unterstützungsleistungen als Persönliches<br />
Budget bewilligt (vgl. www.pb-lebenshilfe.<strong>de</strong>).<br />
Mit diesem Geld kann <strong>de</strong>r Unterstützungs- und Assistenzbedarf<br />
selbst organisiert und ‚einkauft’ wer<strong>de</strong>n. Dadurch ist <strong>de</strong>r behin<strong>de</strong>rte<br />
Mensch als Budgetnehmer in <strong>de</strong>r Lage eine Wohnung zu mieten so-<br />
wie die für <strong>de</strong>n Arbeits-, Wohn- und Freizeitbereich benötigten<br />
- 48 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Hilfskräfte und Fachkräfte zu engagieren, die er dann aus seinem<br />
Budget zu bezahlen hat. Zu berücksichtigen ist dabei für <strong>de</strong>n Fall<br />
<strong>de</strong>r Überfor<strong>de</strong>rung <strong>de</strong>s behin<strong>de</strong>rten Erwachsenen hinsichtlich <strong>de</strong>r<br />
Aushandlung seines Budgets wie auch <strong>de</strong>r verwaltungstechnischen<br />
Organisation seines individuellen Hilfebedarfs, dass diese Aufgaben<br />
nicht wie selbstverständlich <strong>de</strong>n Eltern aufgebür<strong>de</strong>t wer<strong>de</strong>n, son-<br />
<strong>de</strong>rn dass die individuell notwendige Organisation <strong>de</strong>r Unterstüt-<br />
zung durch selbstbestimmte Assistenz erfolgt o<strong>de</strong>r durch eine ver-<br />
lässliche Assistenzgenossenschaft. Die Ermöglichung solcher assis-<br />
tierten Selbstbestimmung eröffnet dann Chancen zur weiteren Ent-<br />
wicklung <strong>de</strong>r Autonomie <strong>de</strong>s behin<strong>de</strong>rten Menschen.<br />
Freilich sind die erwähnten neueren sozialgesetzlichen Entwicklun-<br />
gen nicht einer überbor<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n finanziellen Unbekümmertheit <strong>de</strong>r<br />
Sozialsysteme und <strong>de</strong>r öffentlichen Hand zu verdanken. Vielmehr<br />
erweist sich das ambulant betreute Wohnen nicht nur als selbstbe-<br />
stimmungsför<strong>de</strong>rlicher und damit als humaner, es ist in <strong>de</strong>r Regel<br />
auch kostengünstiger als das Wohnen in einer Komplexeinrichtung<br />
o<strong>de</strong>r in einem teilstationären Wohnheim. „Ein Wohnheimplatz kos-<br />
tet etwas 40 000 € im Jahr, das ambulant betreute Wohnen nur<br />
etwa 17 000 € (LANDSCHAFTSVERBAND RHEINLAND 2007, 4).<br />
Allerdings wird das trägerübergreifen<strong>de</strong> Persönliche Budget und die<br />
Entwicklung von ‚Community-Living’ und ‚Communiy-Care’ nur<br />
dann Erfolg haben, wenn nicht unter <strong>de</strong>r Hand daraus primär ein<br />
Sparmo<strong>de</strong>lle zur Entlastung <strong>de</strong>r Sozialsysteme und <strong>de</strong>r öffentlichen<br />
Haushalte wird o<strong>de</strong>r ein Instrument zur Reduzierung benötigter<br />
vollstationärer Heimplätze für Menschen mit erhöhtem Unterstüt-<br />
zungsbedarf (vgl. SCHRÖDER 2004, 143). Dies wür<strong>de</strong> zu einer wei-<br />
teren Beeinträchtigung <strong>de</strong>r Glaubwürdigkeit von sozialreformeri-<br />
schen Ansätzen führen, wie dies im Hinblick auf die euphemistische<br />
- 49 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Bezeichnung negativer sozialer Einschnitte seit Jahren geläufige<br />
Praxis ist, in<strong>de</strong>m <strong>de</strong>r Sozialabbau als Reformprojekt <strong>de</strong>s ‚aktivieren-<br />
<strong>de</strong>n Sozialstaates’ mit <strong>de</strong>r Devise ‚För<strong>de</strong>rn & For<strong>de</strong>rn’ kommuniziert<br />
wird (vgl. MAIER 20<strong>09</strong>, 177).<br />
Eine semantische Politik jedoch, die eine‚neue’ Rhetorik erwünsch-<br />
ter Begrifflichkeiten handhabt, um damit positive Verän<strong>de</strong>rungen<br />
lediglich vorzuspielen, täuscht nicht nur <strong>de</strong>n Bürger, son<strong>de</strong>rn führt<br />
zu einer semantischen Aushöhlung sozial verbindlicher Werte (vgl.<br />
LEISERING 2007, 93 ff.). Vergleichbares erfolgt bereits bei <strong>de</strong>r ‚po-<br />
litisch korrekten’ heilpädagogischen Tabuisierung von Begriffen wie<br />
Mitleid und Fürsorge, wodurch Mitleid nicht mehr als Mitlei<strong>de</strong>nsfä-<br />
higkeit und Fürsorge nicht mehr im Kontinuum von Fürsorge, Mit-<br />
sorge und Selbstsorge wahrgenommen wird (vgl. MAIER 20<strong>09</strong>, 172<br />
ff.; TOBIAS 1968).<br />
Es muss <strong>de</strong>shalb von <strong>de</strong>n sozial-rehabilitativ profilierten Professio-<br />
nen kritisch beobachtet wer<strong>de</strong>n, dass durch verselbstständigte<br />
Wohnformen keine Vernachlässigung, Überfor<strong>de</strong>rung und Vereinsa-<br />
mung behin<strong>de</strong>rter Menschen erfolgt und die erfor<strong>de</strong>rliche Assistenz,<br />
Unterstützung, Betreuung und medizinische Versorgung durch die<br />
verschie<strong>de</strong>nen Leistungserbringer auch in <strong>de</strong>r benötigten Qualität<br />
gewährleistet wird (HINZ/NIEHOFF 2008, 114).<br />
Dies gilt nicht nur für die Aufgaben <strong>de</strong>r professionellen Dienste,<br />
son<strong>de</strong>rn auch für das freiwillige bürgerschaftliche Engagement, das<br />
– an<strong>de</strong>rs als manche i<strong>de</strong>alistisch verklärte Vorstellung über eine<br />
‚sorgen<strong>de</strong> Gesellschaft’ – nicht als quasi brachliegen<strong>de</strong> Ressource<br />
auf Aktivierung wartet. Darum gehört es zu <strong>de</strong>n vorantwortungs-<br />
vollen heilpädagogischen Aufgaben bei <strong>de</strong>r Planung ambulanter Hil-<br />
fen, gemeinsam mit <strong>de</strong>m behin<strong>de</strong>rten Menschen und seiner Familie<br />
das soziale Netz in <strong>de</strong>r neuen Umgebung zu knüpfen und tragfähig<br />
zu machen (vgl. JANSSEN/BÜCKER 2005, 215).<br />
- 50 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Trotz aller sozial-integrativer Bemühungen wird es aber für um-<br />
fänglich beeinträchtigte Menschen auch künftig einen individuell ex-<br />
klusiven Bedarf an ‚All Inclusive-Leistungen’ aus einer Hand geben,<br />
<strong>de</strong>r qualitativ eher durch spezialisierte vollstationäre Institutionen<br />
zu sichern ist. I<strong>de</strong>ologische Positionen und Abwehraffekte, die Hei-<br />
me grundsätzlich diskreditieren, wie sie etwa die Initiative „Daheim<br />
statt Heim“ verficht, aber auch manche elterlichen ‚Normalisie-<br />
rungs-Imperative’ sind daher nicht im besten Interesse <strong>de</strong>r behin-<br />
<strong>de</strong>rten Menschen.<br />
Nur ein dynamisch-gestuftes System sozial-rehabilitativer Unter-<br />
stützung in Form von ambulanten, teilstationären und stationären<br />
Wahlangeboten kann für heterogene Bedürfnislagen eine differen-<br />
zierte humane Lösung bieten; so wie dies in einer in plurale Milieus<br />
diversifizierten Gesellschaft ansonsten auch üblich ist: etwa bei <strong>de</strong>r<br />
individuellen Entscheidung für ein Leben in einem Stu<strong>de</strong>ntenheim<br />
o<strong>de</strong>r als älterer Mensch in einem Wohnstift für Senioren. Bei<strong>de</strong> Orte<br />
können <strong>de</strong>m Einzelnen ‚Beheimatung’ und einen ‚Ort zum Leben’<br />
bieten.<br />
So be<strong>de</strong>utsam im individuellen Falle Wahlmöglichkeiten sind, so un-<br />
erlässlich ist jedoch die For<strong>de</strong>rung an professionell tätige und bür-<br />
gerschaftlich engagierte Personen, geistig behin<strong>de</strong>rte Menschen in<br />
je<strong>de</strong>r Wohnform aus einem sozial-rehabilitativen Bewusstsein her-<br />
aus zu begleiten, das 1. ihre Selbstbestimmungsinteressen wert-<br />
schätzt und das 2. aus einer kooperativen Haltung erfolgt, die as-<br />
sistieren<strong>de</strong> Befähigungshilfe leistet, sich an <strong>de</strong>n tatsächlichen Be-<br />
dürfnissen <strong>de</strong>r behin<strong>de</strong>rten Person orientiert sowie an ihren för<strong>de</strong>r-<br />
baren Selbstgestaltungskräften und an ihrem individuellen Wohlbe-<br />
fin<strong>de</strong>n (WILKEN 1999, 35 f.).<br />
- 51 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Neuere Elternbefragungen über erwünschte Wohnformen für ihre<br />
Kin<strong>de</strong>r machen in <strong>de</strong>r Tat <strong>de</strong>utlich, dass „vermehrt Integration an-<br />
gestrebt wird. Dabei ist jedoch zu be<strong>de</strong>nken, dass die meisten El-<br />
tern, die an <strong>de</strong>n Befragungen teilgenommen haben, noch recht jun-<br />
ge Kin<strong>de</strong>r haben, und es sich somit um Überlegungen ohne aktuelle<br />
Be<strong>de</strong>utung han<strong>de</strong>lt. Für 43,9 % <strong>de</strong>r Eltern war betreutes Wohnen<br />
und für 24,7 % eine Wohngemeinschaft wünschenswert. Alleine<br />
wohnen hielten nur 24,4 % für erstrebenswert, aber ein Wohnheim<br />
wur<strong>de</strong> nur von sehr wenigen (0,9 %) als sinnvoll angesehen“ (E.<br />
WILKEN 2004, 153).<br />
Unerlässlich ist es auch, behin<strong>de</strong>rte Personen nach ihren Vorstel-<br />
lungen hinsichtlich <strong>de</strong>r erwünschten Wohnform zu befragen. Häufig<br />
wird dabei <strong>de</strong>utlich, dass sie nicht allein, son<strong>de</strong>rn mit an<strong>de</strong>ren zu-<br />
sammen leben möchten (RÖSNER/PEIFFER 2006, 20). Dort, wo es<br />
im schrittweisen Übergang von <strong>de</strong>r Schule in das nachschulische<br />
Leben ‚Wohntrainingsgruppen’ gibt, können sich Schüler und ihre<br />
Eltern, im besten Falle zusammen mit einem Unterstützerkreis, mit<br />
unterschiedlichen Wohnformen auseinan<strong>de</strong>rsetzen und Entschei-<br />
dungskompetenzen entwickeln. Angesichts <strong>de</strong>s bestehen<strong>de</strong>n Man-<br />
gels an adäquaten Wohnalternativen kann es dadurch zu einem ge-<br />
meinsamen Engagement <strong>de</strong>r Betroffenen in Hinsicht auf die Pla-<br />
nung und Realisierung angemessener Wohn- und Lebensmöglich-<br />
keiten kommen (vgl. ebd., 21).<br />
Wird eine außerfamiliäre Wohn- und Lebensgestaltung begrün<strong>de</strong>t,<br />
so bleibt es für das Verhältnis von Eltern und Kind be<strong>de</strong>utsam, dass<br />
trotz <strong>de</strong>r äußeren Distanz, die mit <strong>de</strong>r Ablösung vom Elternhaus<br />
einhergeht, die emotionale Verbun<strong>de</strong>nheit und innere Nähe weiter<br />
gepflegt wer<strong>de</strong>n kann. Hierbei ergeben sich beson<strong>de</strong>re Herausfor-<br />
<strong>de</strong>rungen für die Fachkräfte <strong>de</strong>r Behin<strong>de</strong>rtenhilfe, zumal eine große<br />
Sorge von erziehungsaktiven Eltern darin besteht, dass durch frem-<br />
- 52 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
<strong>de</strong> Einflüsse und „heilpädagogisch unqualifizierte Mitarbeiter“ verlo-<br />
ren gehen könnte, was in <strong>de</strong>r Familiengemeinschaft über die Jahre<br />
hin als kultureller Lebensstil vermittelt wur<strong>de</strong> und „was die Heilpäd-<br />
agogik mühevoll aufzubauen versucht hat“ (TOBIAS 1968, 76).<br />
Angesichts <strong>de</strong>r zunehmen<strong>de</strong>n Dequalifikation in <strong>de</strong>r Behin<strong>de</strong>rtenhil-<br />
fe (FORNEFELD 2008, 166) mit Fachkraftquoten von 50 % und <strong>de</strong>m<br />
um sich greifen<strong>de</strong>n Missverständnis, als wäre eine Assistenz-bie-<br />
ten<strong>de</strong> Lebensbegleitung bei behin<strong>de</strong>rten Personen vornehmlich eine<br />
‚niedrigschwellige’ Hilfstätigkeit in einem schlecht bezahlten Job,<br />
<strong>de</strong>r sich umstandslos durch bürgerschaftlich engagierte Personen<br />
ersetzen ließe, angesichts dieser Situation sind die Eltern gera<strong>de</strong><br />
auch seitens <strong>de</strong>r zuständigen human- und sozialwissenschaftlichen<br />
Disziplinen und <strong>de</strong>r heilpädagogisch tätigen Professionen in ihren<br />
berechtigten Interessen zu unterstützen, dass ihre erwachsenen<br />
Kin<strong>de</strong>r nicht nur 'versorgt' wer<strong>de</strong>n.<br />
Vielmehr sollen die Bewohner, soweit es die individuelle Lebenslage<br />
erfor<strong>de</strong>rt, geistig, erlebnismäßig und gesundheitsför<strong>de</strong>rlich begleitet<br />
und angeregt wer<strong>de</strong>n, damit sie im Erwachsenenalter nicht ‚ab-<br />
stumpfen’. Es geht daher um erwachsenentypische Angebote, die<br />
geeignet sind, ihr Potential zu entfalten, um die ihnen mögliche<br />
Kompetenz für eine gelingen<strong>de</strong> Lebensgestaltung weiter auszubil-<br />
<strong>de</strong>n o<strong>de</strong>r sie doch wenigstens zu erhalten.<br />
Erst eine zugewandte Begleitung auf <strong>de</strong>r Basis eines sozial-rehabili-<br />
tativen Bewusstseins und einer nachprüfbaren Betreuungsqualität<br />
(vgl. CANDUSSI/FRÖHLICH 2005) sichert die wünschenswerte Le-<br />
bensqualität, die Wohlbefin<strong>de</strong>n ermöglicht. Dies setzt freilich einen<br />
„Stab geschulter und ... gebil<strong>de</strong>ter Mitarbeiter“ voraus (TOBIAS<br />
1968, 71), <strong>de</strong>n Einsatz von Qualitätssicherungs-Maßnahmen und<br />
ein Bewusstsein, dass hiermit keine unbillige For<strong>de</strong>rung gestellt<br />
wird, son<strong>de</strong>rn ein humaner Anspruch, <strong>de</strong>r einzulösen ist, damit die<br />
- 53 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Wür<strong>de</strong> <strong>de</strong>s Menschen – gera<strong>de</strong> auch die <strong>de</strong>s behin<strong>de</strong>rten – gewahrt<br />
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II/2006<br />
WILKEN, U.: Sexualerziehung als ganzheitliche Bildungs- und Kulturaufgabe.<br />
In: <strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 4/2007, 4-37.<br />
WOLFISBERG, C.: Die Professionalisierung <strong>de</strong>r Heil-/Son<strong>de</strong>rpädagogik<br />
in <strong>de</strong>r <strong>de</strong>utschsprachigen Schweiz (1850-1950). In.<br />
HORSTER, D., HOYNINGEN-SÜESS, U., LIESEN, C. (Hrsg.):<br />
Son<strong>de</strong>rpädagogische Professionalität. Wiesba<strong>de</strong>n 2005, 53-66.<br />
ZELLMANN, P.: Arbeit, Erholung und Zeit zum Leben. In: Spektrum<br />
Freizeit. Forum für Wissenschaft, Politik & Praxis. 24. Jg.,<br />
Heft I/2002, 112-122<br />
- 57 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Über <strong>de</strong>n Autor:<br />
Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
Prof. Dr. phil. Udo Wilken, Dipl.-Päd. Son<strong>de</strong>rschullehrer und Pastor<br />
a.D. lehrt Son<strong>de</strong>rpädagogik und Sozialethik an <strong>de</strong>r Fakultät Soziale<br />
Arbeit und Gesundheit <strong>de</strong>r HAWK-Hochschule für angewandt Wissenschaft<br />
und Kunst in Hil<strong>de</strong>sheim.<br />
Kontakt:<br />
E-Mail: Wilken@hawk-hhg.<strong>de</strong><br />
Zu zitieren als: WILKEN, Udo: Perspektiven einer zukunftsorientierten Erziehung und Bildung<br />
bei Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung – dargestellt an <strong>de</strong>n Herausfor<strong>de</strong>rungen<br />
von Arbeit und Freizeit, Wohnen und Partnerschaft. In: <strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/<strong>09</strong>, 27-<br />
58<br />
http://www.heilpaedagogik-<strong>online</strong>.com/20<strong>09</strong>/heilpaedagogik_<strong>online</strong>_03<strong>09</strong>.pdf,<br />
Stand: Datum <strong>de</strong>s Abrufs<br />
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<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
Ferdinand Klein<br />
50 Jahre Lebenshilfe – Gemeinsame<br />
Verantwortung für Menschen mit geistiger<br />
Behin<strong>de</strong>rung<br />
für Sigmar Eßbach<br />
In diesem Artikel wird ein historischer Rückblick auf die Motive<br />
zur Gründung <strong>de</strong>s Vereins „Lebenshilfe“ vollzogen. Er<br />
zeigt <strong>de</strong>n Einfluss <strong>de</strong>r Lebenshilfe auf das vergangene und<br />
gegenwärtige Rehabilitationsrecht in <strong>de</strong>r Bun<strong>de</strong>srepublik<br />
und spannt <strong>de</strong>n Bogen zu ihren aktuellen Aufgaben, die z.B.<br />
in <strong>de</strong>r kritische Begleitung von Prozessen globaler Umbrüche<br />
und <strong>de</strong>r Bioethik-Debatte liegen.<br />
Schlüsselwörter: Lebenshilfe, Geistige Behin<strong>de</strong>rung, Elterninitiative, Geschichte<br />
This article provi<strong>de</strong>s a historical overview over motives for<br />
the establishment of the “Lebenshilfe” association. It shows<br />
the influence of this association on Germany's disability law.<br />
Further it <strong>de</strong>scribes the challenges of globalization and<br />
bioethics the “Lebenshilfe” has to <strong>de</strong>al with.<br />
Keywords: Lebenshilfe, intellectual disabilities, friendly association, history<br />
„Fachleute und öffentliche Meinung wer<strong>de</strong>n dahin kommen müssen,<br />
dass es keine Schan<strong>de</strong> ist, ein geistig behin<strong>de</strong>rtes Kind zu haben,<br />
dass es aber eine Schan<strong>de</strong> ist, nichts dafür zu tun.“<br />
(Ingeborg Thomae, Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom,<br />
Mitbegrün<strong>de</strong>rin <strong>de</strong>r Lebenshilfe, zit. nach Krebs/Gratt 2002, 357)<br />
Persönliche Vorbemerkung<br />
Von 1960 an konnten wir die Erlanger Lebenshilfe-Einrichtung für<br />
mehr als 160 Menschen aller Altersstufen gegen offene und ver-<br />
<strong>de</strong>ckte Wi<strong>de</strong>rstän<strong>de</strong>, gegen die „wegschauen<strong>de</strong> Gesellschaft“ (Mit-<br />
scherlich 1977, 56) aufbauen und an die Tradition <strong>de</strong>r <strong>de</strong>utschen<br />
Hilfsschularbeit anknüpfen. Als mir vier Jahre später die Verantwor-<br />
tung offiziell anvertraut wur<strong>de</strong>, begannen wir in einer ausgedienten<br />
Fabrikbaracke mit <strong>de</strong>r Arbeit - noch etwas außerhalb <strong>de</strong>r Legalität,<br />
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<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
jedoch mit einem vernünftigen Argument. Wir waren überzeugt: Im<br />
aktiven Begleiten und Mitgestalten <strong>de</strong>s Lebens <strong>de</strong>r uns anvertrau-<br />
ten Menschen realisieren wir Solidarität im Sinne <strong>de</strong>s Dichterwor-<br />
tes: „Auf steiler Straße traf ich jüngst ein Mädchen, <strong>de</strong>n kleinen<br />
Bru<strong>de</strong>r auf <strong>de</strong>n Rücken tragend. ’Ei‘ sprach ich, ‚Kind da trägst du<br />
eine schwere Last!‘. Darauf sah verwun<strong>de</strong>rt mich das Mädchen an<br />
und sprach: ’Mein Herr, ich trage keine Last, ich trage meinen Bru-<br />
<strong>de</strong>r‘“.<br />
Menschen mit Behin<strong>de</strong>rung sind Teil <strong>de</strong>s Ganzen. Sie gehören zu<br />
mir (uns) und ich (wir) gehöre(n) zu ihnen.<br />
Motiv für die Gründung <strong>de</strong>r Selbsthilfe-Vereinigung „Le-<br />
benshilfe“<br />
Im ausgehen<strong>de</strong>n 19. und mit Beginn <strong>de</strong>s 20. Jahrhun<strong>de</strong>rts erwach-<br />
te ein breites soziales und pädagogisches Interesse für behin<strong>de</strong>rte,<br />
benachteiligte und ausgegrenzte Menschen. Die Geschichte <strong>de</strong>r<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> zeigt, wie sozial engagierte Menschen ihre Anliegen<br />
aussprachen und ihr Interesse am an<strong>de</strong>ren Menschen darlegten.<br />
Viele trotzten politischen Wi<strong>de</strong>rstän<strong>de</strong>n und stan<strong>de</strong>n dafür mit ih-<br />
rem Leben ein. Ihr Han<strong>de</strong>ln war nicht von <strong>de</strong>n gegebenen Bedin-<br />
gungen bestimmt, son<strong>de</strong>rn von Entscheidungen, die sie trafen<br />
(BUCHKA/ GRIMM/ KLEIN 2002).<br />
Wenige Jahrzehnte nach dieser Phase, in <strong>de</strong>r die menschliche Ver-<br />
nunft sich öffentlich Gehör verschaffte, trat eine absolute Verkeh-<br />
rung <strong>de</strong>r Maßstäbe ein. Die Missachtung <strong>de</strong>s Rechts <strong>de</strong>s An<strong>de</strong>ren,<br />
verbun<strong>de</strong>n mit einem Verfall <strong>de</strong>r Sprache, führte dazu, dass behin-<br />
<strong>de</strong>rten Menschen die Menschlichkeit abgesprochen wur<strong>de</strong>. Sie wur-<br />
<strong>de</strong>n Opfer einer unvorstellbaren Katastrophe, <strong>de</strong>r Diktatur einer<br />
biologistischen Heilslehre.<br />
Diesen Rückfall in die Barbarei möchte ich am Verlust <strong>de</strong>r jüdischen<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> in Deutschland kurz ins Bewusstsein rufen. Diese<br />
- 60 -<br />
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50 Jahre Lebenshilfe<br />
spezielle pädagogische Ausrichtung pflegte im Nationalsozialismus<br />
solidarische Hilfe. Ihr lag die Theorie und Praxis <strong>de</strong>r „Zedaka“ zu-<br />
grun<strong>de</strong>. Zedaka versteht sich als Pflicht zur sozialen Gerechtigkeit,<br />
die von <strong>de</strong>r Überzeugung getragen ist, „dass `die Erhaltung eines<br />
Menschenlebens so gewertet wird, als habe man die ganze Welt er-<br />
halten’“ (ELLGER-RÜTTGARDT 1996, 26).<br />
Nach <strong>de</strong>m 2. Weltkrieg wur<strong>de</strong> die im Reichsschulpflichtgesetz vom<br />
6. Juli 1938 getroffene Abgrenzung <strong>de</strong>r Schulbefreiung schwer be-<br />
hin<strong>de</strong>rter Kin<strong>de</strong>r in die Schulgesetze <strong>de</strong>r frühen Bun<strong>de</strong>srepublik<br />
Deutschland übernommen. Dieses „vergiftete Erbe aus <strong>de</strong>r Nazi-<br />
zeit“ (MÖCKEL 1988, 238) kränkte eine große Anzahl von betroffe-<br />
nen Eltern, <strong>de</strong>nn darin drückte sich in ihren Augen die Missachtung<br />
ihrer Kin<strong>de</strong>r durch <strong>de</strong>n Staat aus.<br />
Erst 13 Jahre nach <strong>de</strong>m En<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Diktatur <strong>de</strong>r Unmenschlichkeit,<br />
am 23. November 1958, grün<strong>de</strong>ten in Marburg 15 Eltern und Fach-<br />
leute die Selbsthilfe-Vereinigung „Lebenshilfe für das geistig behin-<br />
<strong>de</strong>rte Kind e.V.“, die sich 1968 in „Bun<strong>de</strong>svereinigung Lebenshilfe<br />
für geistig Behin<strong>de</strong>rte e.V.“ umbenannte, um <strong>de</strong>utlich zu machen,<br />
dass sie sich um Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung aller Alters-<br />
stufen ein Leben lang kümmert. Die Gründung <strong>de</strong>r Lebenshilfe er-<br />
schien <strong>de</strong>n Eltern „wie ein Lichtstrahl im Schattendasein ihrer be-<br />
hin<strong>de</strong>rten Kin<strong>de</strong>r“, wie <strong>de</strong>r nie<strong>de</strong>rländische Pädagoge Tom Mutters,<br />
treiben<strong>de</strong> Kraft <strong>de</strong>r Initiative und heute Ehrenvorsitzen<strong>de</strong>r <strong>de</strong>r Le-<br />
benshilfe, später sagte. Emilie Neumann, Mitbegrün<strong>de</strong>rin und Mut-<br />
ter eines Kin<strong>de</strong>s mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung, erinnert sich: „Ich weiß<br />
nicht, ob uns allen bewusst war, was wir da getan haben. Wir wa-<br />
ren wohl mitgerissen und begeistert zur Mitarbeit“ (Bun<strong>de</strong>svereini-<br />
gung Lebenshilfe 2008, 11).<br />
Zur gleichen Zeit begann in <strong>de</strong>r Deutschen Demokratischen Repu-<br />
blik Sigmar Eßbach an <strong>de</strong>r Humboldt Universität zu Berlin engagiert<br />
zu forschen, um die Bildung und Erziehung schwer behin<strong>de</strong>rter Kin-<br />
- 61 -<br />
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50 Jahre Lebenshilfe<br />
<strong>de</strong>rn in <strong>de</strong>n rehabilitativen För<strong>de</strong>reinrichtungen zu ermöglichen. Er-<br />
innert sei in diesem Zusammenhang an das „Grundlagenmaterial“<br />
zur Gestaltung <strong>de</strong>r Bildungsarbeit (MINISTERIUM FÜR<br />
GESUNDHEITSWESEN DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN<br />
REPUBLIK 1987).<br />
Die offensive Praxis <strong>de</strong>r Lebenshilfe schafft - in Verbindung mit an-<br />
<strong>de</strong>ren Bürgerinitiativen - einen rechtlichen Rahmen, in <strong>de</strong>m sich so-<br />
lidarisches Han<strong>de</strong>ln entwickelt, das sich nachhaltig auf die Rechts-<br />
ordnung und <strong>de</strong>n gesellschaftlichen Bewusstseinswan<strong>de</strong>l auswirkt.<br />
Wenn nun in Schulgesetzen, wie beispielsweise in Bayern, <strong>de</strong>r Be-<br />
griff <strong>de</strong>r Bildungsunfähigkeit nicht mehr im Schulpflichtgesetz ent-<br />
halten ist und das integrative Schulsystem (einschließlich Kranken-<br />
hausunterricht und Hausunterricht) einen beachtlichen Platz in <strong>de</strong>r<br />
Bildungslandschaft darstellt, dann zeigt sich hier ein humanes Ent-<br />
wicklungspotential, <strong>de</strong>m die vor 50 Jahren gegrün<strong>de</strong>te Lebenshilfe<br />
weiterhin be<strong>de</strong>utsame Impulse gibt.<br />
In <strong>de</strong>r Bun<strong>de</strong>srepublik Deutschland wur<strong>de</strong>n zeitgleich private Le-<br />
benshilfe-Einrichtungen geschaffen, <strong>de</strong>ren Aufgabenbereich sich er-<br />
weiterte. Mit Tagungen, Internationalen Symposien, öffentlichkeits-<br />
gerichteten Appellen und Aktionen, mit Denkschriften, Grundsatz-<br />
programmen, Empfehlungen und Publikationen wur<strong>de</strong> die Politik auf<br />
eklatante Versäumnis im Umgang mit behin<strong>de</strong>rten Menschen auf-<br />
merksam gemacht. Diese offensive Strategie führte von 1963 an zu<br />
län<strong>de</strong>rspezifischen Gesetzen für Kin<strong>de</strong>r im Früh-, Kin<strong>de</strong>rgarten- und<br />
Schulalter (KLEIN 1968). Der erste Schritt zur sozialen Integration<br />
war getan. Im Laufe <strong>de</strong>r Zeit wur<strong>de</strong>n verschie<strong>de</strong>ne kooperative und<br />
integrative Organisationsformen in privaten und staatlichen Mo<strong>de</strong>ll-<br />
versuchen erprobt. Heute steht in einigen Bun<strong>de</strong>slän<strong>de</strong>rn die inte-<br />
grative schulische Betreuung behin<strong>de</strong>rter Kin<strong>de</strong>r als staatliches Al-<br />
ternativangebot bereit. Darüber hinaus gibt es für Erwachsene ver-<br />
schie<strong>de</strong>ne Lebensräume für Arbeiten und Wohnen. Eine flächen<strong>de</strong>-<br />
- 62 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
cken<strong>de</strong> Verbreitung <strong>de</strong>r Familienentlasten<strong>de</strong>n Dienste, einschließ-<br />
lich <strong>de</strong>r Begleitung Sterben<strong>de</strong>r in ihrer vertrauten Wohnumgebung,<br />
ist heute gegeben. Teilhabe, Integration und Inklusion in allen Le-<br />
bensbereichen, Mitbestimmung und Mitgestaltung, weitest mögliche<br />
autonome Selbstbestimmung wer<strong>de</strong>n nach und nach mehr verwirk-<br />
licht. Dieser Wan<strong>de</strong>l zu mehr Gemeinsamkeit auf <strong>de</strong>m Fundament<br />
<strong>de</strong>r republikanischen Rechtsordnung ermöglicht heute die Realisie-<br />
rung einer „Kultur <strong>de</strong>r Vielfalt in <strong>de</strong>r Gemeinsamkeit“ (KLEIN 1997).<br />
Aufgaben <strong>de</strong>r Lebenshilfe heute<br />
Heute wer<strong>de</strong>n mehr als 160.000 Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>-<br />
rung in 16 Lebenshilfe-Lan<strong>de</strong>sverbän<strong>de</strong>n und 527 Orts- und Kreis-<br />
vereinigungen in mehr als 3.000 Einrichtungen und Fachdiensten<br />
von über 60.000 Mitarbeitern und über 15.000 ehrenamtlichen Hel-<br />
fern begleitet und geför<strong>de</strong>rt. In diese nach und nach erkämpften<br />
Organisationsformen und Strukturen gehen die Erfahrungen <strong>de</strong>r<br />
Katastrophe <strong>de</strong>r Humanität als motivieren<strong>de</strong> Kraft ein<br />
(BUNDESVEREINIGUNG LEBENSHILFE 2008).<br />
Garant dieser Bürgerinitiative ist das Grundgesetz (GG): „Die Wür-<br />
<strong>de</strong> <strong>de</strong>s Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist<br />
Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (Art. 1 Abs. 1 GG). In <strong>de</strong>r<br />
Verfassungsreform von 1994 wur<strong>de</strong> das Grundrecht für Menschen<br />
mit Behin<strong>de</strong>rung aufgenommen: „Niemand darf wegen seiner Be-<br />
hin<strong>de</strong>rung benachteiligt wer<strong>de</strong>n“ (Art. 3 Abs. 3 GG). Mit diesem Be-<br />
nachteiligungsverbot fin<strong>de</strong>n Integration und Inklusion von Men-<br />
schen mit Behin<strong>de</strong>rung zum ersten Mal Aufnahme in die rechtliche<br />
Grundordnung. Auf diesem Verfassungsdokument stehen drei Säu-<br />
len <strong>de</strong>r Behin<strong>de</strong>rtenpolitik: Das Neunte Sozialgesetzbuch (2001),<br />
das Behin<strong>de</strong>rtengleichstellungsgesetz (2002) und das Allgemeine<br />
Gleichbehandlungsgesetz (2006). Ein beispielgeben<strong>de</strong>s Rehabilitati-<br />
onsrecht wur<strong>de</strong> geschaffen.<br />
- 63 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
Doch <strong>de</strong>r gesetzlich erreichte Normalisierungsprozess bleibt gefähr-<br />
<strong>de</strong>t. Im Grundsatzprogramm <strong>de</strong>r Lebenshilfe, dass am 10. Novem-<br />
ber 1990 verabschie<strong>de</strong>t wird, heißt es: „Die Lebenshilfe muss<br />
wachsam sein“ und gegenüber Politik und Gesellschaft ihre Interes-<br />
sen vertreten. „Sie muss lebendig sein, um ihre unverzichtbare<br />
Aufgabe als Vereinigung von Betroffenen weiterhin leisten zu kön-<br />
nen. Wie wir die Zukunft meistern, hängt von unserer Aufarbeitung<br />
<strong>de</strong>r Vergangenheit und von unserer Bereitschaft zur Verän<strong>de</strong>rung<br />
und Entwicklung ab“ (GRUNDSATZPROGRAMM 1990, 63). Selbsthil-<br />
fe in diesem Sinne heißt:<br />
*1 „miteinan<strong>de</strong>r re<strong>de</strong>n,<br />
*2 Erfahrungen austauschen,<br />
*3 einan<strong>de</strong>r mit Rat und Tat zur Seite stehen,<br />
*4 sich gegenseitig Mut machen,<br />
*5 geben und nehmen,<br />
*6 sich gemeinsam für die Rechte behin<strong>de</strong>rter Menschen ein<br />
setzen und ihre Interessen vertreten (BUNDESVEREINIGUNG<br />
LEBENSHILFE 2005, 11).<br />
Von Eltern lernen<br />
Empfehlungen <strong>de</strong>s Pädagogischen Ausschusses <strong>de</strong>r Lebens-<br />
hilfe<br />
Eltern behin<strong>de</strong>rter Kin<strong>de</strong>r und ihre Freun<strong>de</strong> erarbeiteten im Pädago-<br />
gischen Ausschuss <strong>de</strong>r Lebenshilfe unter Leitung von Professor Dr.<br />
Heinz Bach von 1965-1968 die „Empfehlungen zur Ordnung von Er-<br />
ziehung und Unterricht an Son<strong>de</strong>rschulen für geistig Behin<strong>de</strong>rte“.<br />
Unsere Arbeit würdigte <strong>de</strong>r Schulausschuss <strong>de</strong>r Ständigen Konfe-<br />
renz <strong>de</strong>r Kultusminister im November 1968 einstimmig „als geeig-<br />
nete Grundlage für die Einrichtung und Gestaltung <strong>de</strong>rartiger Son-<br />
<strong>de</strong>rschulen“. Die Bun<strong>de</strong>slän<strong>de</strong>r übernahmen die Empfehlungen o<strong>de</strong>r<br />
orientierten sich an ihnen. Damit hatten wir im Fachausschuss <strong>de</strong>r<br />
Lebenshilfe die Grundlage für die Einrichtung und weitere Ausge-<br />
- 64 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
staltung <strong>de</strong>r Schulen für Kin<strong>de</strong>r mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung geschaf-<br />
fen.<br />
Frühför<strong>de</strong>rung<br />
Ingeborg THOMAE und Mitarbeiter führten im August 1966 zu-<br />
nächst mit sieben Kin<strong>de</strong>rn <strong>de</strong>n „Mo<strong>de</strong>llversuch <strong>de</strong>r Lebenshilfe Bonn<br />
zur Früherziehung“ (THOMAE 1966, 195 und 1970, 6) durch. Ein<br />
Jahr danach waren 17 Kin<strong>de</strong>r, nach einem weiteren Jahr bereits 50<br />
Kin<strong>de</strong>r erfasst. Diese, aus ersten Anfängen sich entwickeln<strong>de</strong> Ein-<br />
richtung, weist fünf organisatorische und inhaltliche Aspekte auf,<br />
die für eine Konzeption <strong>de</strong>r frühen Hilfe grundlegend geblieben<br />
sind:<br />
• Erstgespräche mit Eltern in <strong>de</strong>r Beratungsstelle<br />
o<strong>de</strong>r zu Hause<br />
• gegenseitig Elternbesuche mit Kin<strong>de</strong>rn o<strong>de</strong>r ohne<br />
Kin<strong>de</strong>r<br />
• Elternaben<strong>de</strong>, möglichst zusammen mit Vätern<br />
• Gesprächskreise mit Fachleuten<br />
• regelmäßige Hausbesuche <strong>de</strong>r Fachkraft<br />
Dem Jahresbericht 1974 kann entnommen wer<strong>de</strong>n, dass <strong>de</strong>r Bera-<br />
tungsstelle in diesem Jahr 80 Kin<strong>de</strong>r vorgestellt wur<strong>de</strong>n. Sie erhiel-<br />
ten „pädagogische Betreuung von unterschiedlicher Zeitdauer“. Na-<br />
hezu die Hälfte <strong>de</strong>r Kin<strong>de</strong>r war unter drei Jahren. Eltern von sechs<br />
Säuglingen mit Down-Syndrom „kamen schon kurz nach bekannt-<br />
wer<strong>de</strong>n <strong>de</strong>r Schädigung in die Beratungsstelle“ (THOMAE 1975,<br />
155).<br />
Gesprächs- und Spielkreise<br />
Dorothea SCHMIDT-THIMME, Mutter einer Tochter mit <strong>de</strong>m Wil-<br />
liams-Beuren-Syndrom, schrieb zu ihrem 80. Geburtstag, dass seit<br />
<strong>de</strong>r Geburt <strong>de</strong>r Tochter Ingrid ihr Leben mit Erfolgen und Misserfol-<br />
gen, mit Freu<strong>de</strong> und Trauer, mit Glück und Leid, mit Gesundheit<br />
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50 Jahre Lebenshilfe<br />
und Krankheit, mit Mut und Verzagen randvoll angefüllt ist. In <strong>de</strong>r<br />
Lebenshilfe-Zeitung äußerte sie folgen<strong>de</strong> Bitte an die Experten:<br />
„Fachliche Ausbildung in allen Bereichen und höchste Qualität ist<br />
ohne Zweifel eine unabdingbare Voraussetzung für <strong>de</strong>n Dienst. ...<br />
Aber bei aller Weiterentwicklung in fachlicher Hinsicht darf das Ele-<br />
ment <strong>de</strong>r persönlichen Nähe, <strong>de</strong>r individuellen Zuwendung, <strong>de</strong>r<br />
herzlichen Zuneigung, <strong>de</strong>r unverfälschten Menschlichkeit nie und<br />
nimmer vernachlässigt wer<strong>de</strong>n“ (SCHMIDT-THIMME 1994, 12).<br />
Schmidt-Thimme hat diverse Bücher und Beiträge geschrieben, u.a.<br />
„Logotherapie und Menschen mit (so genannter) geistiger Behin<strong>de</strong>-<br />
rung“ (KLEIN, SCHMIDT-THIMME 1991).<br />
Sie berichtete ausführlich über ihre Gesprächs- und Spielkreise mit<br />
Erwachsenen, die sie noch im hohen Alter leitete, z.B.: „Angelchen<br />
ist ein zierliches, blondlockiges Kind mit ernstem Gesicht und Au-<br />
gen, die sehen, aber nicht wahrzunehmen scheinen. 'Frühkindlicher<br />
Autismus' lautet die Diagnose. An <strong>de</strong>r Hand <strong>de</strong>r Großmutter nimmt<br />
sie bei Aktivitäten unseres Spielkreises teil. Beim Kreisspiel fasse<br />
ich sie an <strong>de</strong>r Hand, sie lässt es willenlos geschehen, als ob sie es<br />
gar nicht bemerkt. Dann sitzen wir für ein Weilchen auf <strong>de</strong>r niedri-<br />
gen Bank zusammen. Angelchen brummt vor sich hin, wie wir es<br />
von ihr gewohnt sind. “MMM - MMM - MMM" ist zu hören. Ich mei-<br />
ne, sie will mir etwas sagen - warum antworte ich eigentlich nicht<br />
in ihrer Sprache? Jetzt weiß ich plötzlich, worauf sie vielleicht war-<br />
tet: Ich antworte ihr im gleichen Rhythmus "MMM - MMM - MMM''.<br />
Angelchen dreht <strong>de</strong>n Kopf zu mir und wie<strong>de</strong>rholt erstaunt fragend<br />
"MMM - MMM - MMM“. Kurze Pause, ich antworte wie<strong>de</strong>r in unserer<br />
nun gemeinsamen Sprache. Angelchen ist hellwach, ihre Augen bli-<br />
cken nicht mehr ins Leere, sie schaut mich direkt an, wir begegnen<br />
uns. Dieses Gespräch geht zwischen uns hin und her, bis mich ein<br />
an<strong>de</strong>res Kind ablenkt - die Sternstun<strong>de</strong> ist vorbei“ (KLEIN,<br />
NEUHÄUSER 2006, 160).<br />
- 66 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
Diese und ähnliche rehabilitative Bildungsarbeit für und mit Men-<br />
schen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung, die am Beispiel <strong>de</strong>r Frühför<strong>de</strong>rung<br />
und Begleitung Erwachsener skizziert wur<strong>de</strong>n, ist jedoch gefähr<strong>de</strong>t,<br />
wie im Folgen<strong>de</strong>n näher ausgeführt wird.<br />
Zeitdiagnose<br />
Prozesse globaler Umbrüche<br />
Wir stehen inmitten globaler gesellschaftlicher, sozialer und wirt-<br />
schaftlicher Umbrüche (FELBER 2008, GRIMM/KASCHUBOWSKI<br />
2008, SPECK 2008). Das Gesellschaftsmo<strong>de</strong>ll <strong>de</strong>r neoliberalen<br />
Marktwirtschaft, das <strong>de</strong>n sozialen Anspruch <strong>de</strong>s Einzelnen nicht<br />
mehr hinreichend beachtet, steuert einen radikalen Kurs <strong>de</strong>r Um-<br />
verteilung zu Lasten von Menschen, die bereits benachteiligt sind.<br />
Ellenbogenmentalität und soziale Kälte breiten sich aus. Der An<strong>de</strong>re<br />
wird häufig zum Objekt <strong>de</strong>r eigenen Wünsche. Diese Umbrüche und<br />
Entsolidarisierungsten<strong>de</strong>nzen erzeugen Unsicherheiten und Ängste.<br />
Sozialpsychiater sprechen in diesem Zusammenhang von <strong>de</strong>r „Sozi-<br />
alphobie“ und <strong>de</strong>r „autistischen Gesellschaft“ als Zeitkrankheit. Sie<br />
sehen in <strong>de</strong>r autistischen Beziehungsstörung mit <strong>de</strong>r ihr eigenen<br />
und Gefühlskälte und Distanz zum an<strong>de</strong>ren Menschen eine Gefahr<br />
für die Demokratie. Verantwortlichkeit für <strong>de</strong>n alten, kranken, be-<br />
hin<strong>de</strong>rten, ausgegrenzten und sozial benachteiligten Menschen<br />
schwin<strong>de</strong>n.<br />
Die Bioethik-Debatte bedroht das ethische Fundament<br />
Die Amerikanerin Johnson, seit Geburt körperlich behin<strong>de</strong>rt und<br />
von Beruf Juristin, berichtet im New York Times Magazine vom 16.<br />
Februar 2003 von <strong>de</strong>r Begegnung mit <strong>de</strong>m Ethikprofessor Peter<br />
Singer, <strong>de</strong>r von Australien an die Princeton-Universität berufen und<br />
mit <strong>de</strong>m Welttechnologiepreis für Ethik ausgezeichnet wur<strong>de</strong>. Mit<br />
Singer, <strong>de</strong>r in <strong>de</strong>n USA für viele als <strong>de</strong>r einflussreichste Philosoph<br />
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<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
unserer Zeit gilt, diskutierte Johnson über <strong>de</strong>n Präferenz-Utilitaris-<br />
mus. Er antwortet mit glasklaren Gegenargumenten und beginnt<br />
damit, auch sie sei einer jener Menschen, die „zurecht bei <strong>de</strong>r Ge-<br />
burt hätten getötet wer<strong>de</strong>n können“. Johnson schreibt: „Wir re<strong>de</strong>n<br />
zehn Minuten lang hin und her, ob ich existieren solle. Ich kann mir<br />
nicht helfen: ich bin geblen<strong>de</strong>t von seiner verbalen Leichtigkeit. Er<br />
ist so respektvoll, so frei von je<strong>de</strong>r Herablassung, so auf das Argu-<br />
ment konzentriert, dass ich nicht wirklich ärgerlich bin, als die<br />
Show vorüber ist. Ja, ich bin erschüttert, wütend, fassungslos -<br />
doch vor allem wegen meiner 200 vormaligen Kommilitonen, die<br />
mit freundlichem Interesse zuhören, anstatt ihn anständigerweise<br />
aus <strong>de</strong>r Stadt zu jagen“ (JOHNSON 2004, 207).<br />
Die in <strong>de</strong>r jüngeren Vergangenheit heftig geführte Bioethik-Debatte<br />
geht hauptsächlich auf die Philosophie Peter Singers zurück. In sei-<br />
ner „Praktischen Ethik“ schreibt er: „Die Tötung eines behin<strong>de</strong>rten<br />
Säuglings ist nicht moralisch gleichbe<strong>de</strong>utend mit <strong>de</strong>r Tötung einer<br />
Person. Sehr oft ist sie überhaupt kein Unrecht“ (SINGER 1984,<br />
244). Singer und seine Gefolgsleute klammern Menschenwür<strong>de</strong> und<br />
Person-Sein aus und verbin<strong>de</strong>n die Ethik mit Nutzen und Glück:<br />
Menschen mit schwerer Behin<strong>de</strong>rung haben kein eigenes, vollwerti-<br />
ges Recht zu leben. Singers theoretische Welt mit <strong>de</strong>r glasklaren,<br />
gefühlskalten Logik <strong>de</strong>r utilitaristischen Philosophie darf nicht sozia-<br />
le Wirklichkeit wer<strong>de</strong>n. Sein Utilitarismus (Lehre, die im Nützlichen<br />
die Grundlage <strong>de</strong>s sittlichen Verhaltens sieht) glaubt ohne je<strong>de</strong>n re-<br />
ligiösen o<strong>de</strong>r kulturellen Maßstab auszukommen und bricht damit<br />
radikal mit <strong>de</strong>r Auffassung von <strong>de</strong>r Unantastbarkeit <strong>de</strong>r menschli-<br />
chen Wür<strong>de</strong>. Seine Theorie <strong>de</strong>r Ausgrenzung von Menschen ist ein<br />
Dammbruch.<br />
- 68 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Wachsamkeit ist gefor<strong>de</strong>rt<br />
50 Jahre Lebenshilfe<br />
Die skizzierte Zeitdiagnose mahnt zur Wachsamkeit. Das Interesse<br />
am behin<strong>de</strong>rten Menschen droht zu erlahmen. Heute wird in Politik,<br />
politischer Administration und Wissenschaft die Verschie<strong>de</strong>nheit <strong>de</strong>r<br />
Menschen auch als Ungleichwertigkeit unter <strong>de</strong>m Brauchbarkeits-<br />
und Verwertungsaspekt thematisiert. Hier wird die Logik <strong>de</strong>r Markt-<br />
wirtschaft auf <strong>de</strong>n Menschen angewen<strong>de</strong>t. Darin ist <strong>de</strong>r Nährbo<strong>de</strong>n<br />
für Macht über behin<strong>de</strong>rte Menschen und Gewalt gegen sie zu su-<br />
chen. Wir sollten auf Menschen mit Behin<strong>de</strong>rung hören.<br />
In einem Schwerpunktheft <strong>de</strong>r Fachzeitschrift <strong>de</strong>r Lebenshilfe<br />
„Geistige Behin<strong>de</strong>rung“, das sich mit ethischen Fragen befasst, fin-<br />
<strong>de</strong>n wir einen scharfsinnigen Beitrag von Peter Radtke mit <strong>de</strong>m un-<br />
missverständlichen Titel „Wir lassen nicht über uns diskutieren!“<br />
Peter Radtke, 1943 geboren, kam bereits mit drei Knochenbrüchen<br />
auf die Welt und ist wegen Glasknochenkrankheit körperlich schwer<br />
behin<strong>de</strong>rt. Radtke ist verheiratet und unter an<strong>de</strong>rem als promovier-<br />
ter Publizist, Schauspieler und Geschäftsführer <strong>de</strong>r Arbeitsgemein-<br />
schaft „Behin<strong>de</strong>rung und Medien“ tätig. Seit 2003 ist er auch Mit-<br />
glied <strong>de</strong>s Nationalen Ethikrats. Sein Kampfaufruf gegen Diskriminie-<br />
rung und Ignoranz lässt keine Grenzen zu. Sobald Außenstehen<strong>de</strong><br />
Grenzen ziehen, können diese auch verschoben wer<strong>de</strong>n. Hier wird<br />
über <strong>de</strong>n An<strong>de</strong>ren verfügt: „Wir dürfen uns nicht auseinan<strong>de</strong>rdivi-<br />
dieren lassen, geistig Behin<strong>de</strong>rte, Körperbehin<strong>de</strong>rte und Sinnesge-<br />
schädigte, wie dies bereits in <strong>de</strong>n Diskussionen um die Son<strong>de</strong>rein-<br />
richtungen weitgehend geschehen ist. Schon einmal begann das<br />
Unheil bei <strong>de</strong>n geistig Behin<strong>de</strong>rten und Kommunikationsgestörten“<br />
(RADTKE 1990, 276).<br />
Gehört die „Katastrophe <strong>de</strong>r Humanität“ ein für allemal <strong>de</strong>r Vergan-<br />
genheit an? Ist in unserer republikanische Rechtsordnung das Le-<br />
bens- und Bildungsrecht behin<strong>de</strong>rter Menschen durch grundlegen<strong>de</strong><br />
Gesetze, gesellschaftlichen Bewusstseinswan<strong>de</strong>l und engagierte so-<br />
- 69 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
zialintegrative Praxis wirklich hinreichend gefestigt? O<strong>de</strong>r ist Peter<br />
Singers Präferenz-Utilitarismus, <strong>de</strong>r mit <strong>de</strong>r Auffassung von <strong>de</strong>r Un-<br />
antastbarkeit <strong>de</strong>r menschlichen Wür<strong>de</strong> und <strong>de</strong>m Lebensgrundprin-<br />
zip <strong>de</strong>r „Ehrfurcht vor <strong>de</strong>m Leben“ radikal gebrochen hat, auf <strong>de</strong>m<br />
Vormarsch? Marktwirtschaftliches Nützlichkeits- und Verwertungs-<br />
<strong>de</strong>nken drohen die pädagogische Praxis zu beherrschen, Personal-<br />
mangel und Ressourcenabbau gefähr<strong>de</strong>n die erreichte pädagogi-<br />
sche Qualität (SPECK 2008, 38).<br />
Wir dürfen uns nicht in Nischen zurückziehen und so tun, als ob<br />
das, was in <strong>de</strong>r Lebenswirklichkeit geschieht, uns nichts angeht.<br />
Vielmehr ist das Erreichte in <strong>de</strong>r politischen und gesellschaftlichen<br />
Diskussion zu erhalten und nach <strong>de</strong>m Prinzip <strong>de</strong>r republikanischen<br />
Rechtsordnung weiter zu entwickeln. Für diesen Kampf mit <strong>de</strong>m<br />
vernünftigen Argument geben die ethischen Grundaussagen <strong>de</strong>s<br />
Vorstan<strong>de</strong>s <strong>de</strong>r Bun<strong>de</strong>svereinigung Lebenshilfe vom 12. September<br />
1990 eine grundlegen<strong>de</strong> Orientierung (BUNDESVEREINIGUNG<br />
LEBENSHILFE 1990):<br />
„Menschenwür<strong>de</strong><br />
� Menschliches Leben entsteht mit <strong>de</strong>r Zeugung.<br />
� Alle Menschen sind gleichwertig.<br />
� Für behin<strong>de</strong>rtes und nicht behin<strong>de</strong>rtes menschliches Leben<br />
gilt <strong>de</strong>r gleiche Lebensschutz.<br />
� Je<strong>de</strong>r Mensch ist Person und als solche einzigartig und unverwechselbar.<br />
Der Entwicklungsstand einer Persönlichkeit<br />
kann nicht als Kriterium für Menschsein herangezogen<br />
wer<strong>de</strong>n.<br />
� Die Einzigartigkeit menschlichen Lebens verbietet es,<br />
Menschsein mit an<strong>de</strong>ren Lebewesen, ihren Lebensformen<br />
und -interessen zu vergleichen bzw. gleichzusetzen.<br />
Lebensrecht<br />
0. Das Recht auf Leben ist unantastbar. Das Tötungsverbot<br />
darf durch das Selbstbestimmungsrecht <strong>de</strong>s einzelnen<br />
nicht aufgehoben wer<strong>de</strong>n.<br />
1. Die Grundrechte unserer Verfassung gelten uneingeschränkt<br />
für alle Menschen. Für Menschen mit einer Behin-<br />
- 70 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
<strong>de</strong>rung darf es keinerlei diskriminieren<strong>de</strong> Son<strong>de</strong>rregelungen<br />
geben.<br />
2. Experimente an menschlichem Leben sind zu verbieten.<br />
Menschliches Leben, auch vorgeburtliches Leben, darf<br />
nicht geopfert wer<strong>de</strong>n. Grundrechte dürfen nicht Forschungsinteressen<br />
untergeordnet wer<strong>de</strong>n.<br />
3. Allen Abgrenzungsversuchen über Lebenswert und Lebensrecht<br />
ist eine entschie<strong>de</strong>ne Absage zu erteilen.<br />
Zweckmäßigkeitserwägungen müssen ausgeklammert<br />
bleiben.<br />
4. Auch schwerstgeschädigte Neugeborene dürfen nicht getötet<br />
o<strong>de</strong>r <strong>de</strong>m Sterben überlassen wer<strong>de</strong>n.<br />
Behin<strong>de</strong>rung<br />
1. Es ist normal, verschie<strong>de</strong>n zu sein.<br />
Behin<strong>de</strong>rung ist nur eine unter vielen möglichen Eigenschaften<br />
eines Menschen. Sie allein prägt nicht das Wesen<br />
eines Menschen. Menschen mit einer Behin<strong>de</strong>rung<br />
können ebenso sinnerfüllt und glücklich leben wie es<br />
nichtbehin<strong>de</strong>rte Menschen können.<br />
2. Behin<strong>de</strong>rung ist keine Krankheit, son<strong>de</strong>rn eine beson<strong>de</strong>re<br />
Form von Gesundheit.<br />
Gesellschaftliches Han<strong>de</strong>ln<br />
1 Glück- und Lei<strong>de</strong>rfahrungen gehören zum menschlichen<br />
Leben. Sie sind individuell und subjektiv.<br />
2 Auch extreme Lebenssituationen (eigenes Lei<strong>de</strong>n o<strong>de</strong>r<br />
Mit-Lei<strong>de</strong>n) sind keine Legitimation dafür, das Lebensrecht<br />
einzuschränken.<br />
3 Die Gesellschaft ist unteilbar: Für alle Menschen sind<br />
gleichwertige Lebensbedingungen, Unterstützung und Hilfen<br />
zu schaffen. Kosten-Nutzen-Kriterien dürfen bei Entscheidungen<br />
über behin<strong>de</strong>rtes Leben keine Rolle spielen.<br />
Angebote im medizinischen, juristischen o<strong>de</strong>r pädagogischen<br />
Bereich müssen bedürfnisadäquat bereitgestellt<br />
wer<strong>de</strong>n.“<br />
Diese Lebenshilfe-Grundsätze verstehen sich als Leitlinien für<br />
ethisch fundiertes Han<strong>de</strong>ln. „Sie erlauben es nicht, sich auf ein Ja-<br />
Aber-Denken einzulassen“.<br />
- 71 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Dank und Hoffnung<br />
50 Jahre Lebenshilfe<br />
Dank <strong>de</strong>r Elterninitiative ist die Geistigbehin<strong>de</strong>rtenpädagogik in <strong>de</strong>r<br />
Bun<strong>de</strong>srepublik Deutschland eine soziale Bewegung gewor<strong>de</strong>n. Die-<br />
se Pädagogik hat einen erziehungs- und bildungswissenschaftlich<br />
anspruchsvollen Deutungsrahmen erreicht. Sie hat aber auch ein<br />
Mandat und ist zur andauern<strong>de</strong>n Einmischung in die Gesellschafts-<br />
politik verpflichtet. Notwendig ist eine Bildungspolitik <strong>de</strong>r sozialen<br />
Gerechtigkeit, <strong>de</strong>r gesellschaftlichen und staatlichen Verantwortung<br />
auf allen Ebenen. Hier ist das Mandat <strong>de</strong>r Geistigbehin<strong>de</strong>rtenpäd-<br />
agogik gefor<strong>de</strong>rt, das sich an folgen<strong>de</strong>m Axiom orientiert: Die Per-<br />
son konstituiert sich dadurch, dass das Leben <strong>de</strong>s Menschen Wür<strong>de</strong><br />
hat und keinen Preis. Diese „I<strong>de</strong>e“ <strong>de</strong>s Menschen ist heute notwen-<br />
diger <strong>de</strong>nn je, weil <strong>de</strong>r Mensch Macht gewonnen hat über die weite-<br />
re Existenz <strong>de</strong>s Menschen.<br />
Ich hoffe, dass Peter SINGERs theoretische Welt mit ihren kalten<br />
Konstruktionen und Schlüssen nicht Wirklichkeit wird.<br />
Seit 50 Jahren geht es <strong>de</strong>r Lebenshilfe um einen offensiven Kampf<br />
mit <strong>de</strong>m vernünftigen Argument. Sie zeigt mir, uns und <strong>de</strong>n Man-<br />
datsträgern <strong>de</strong>r republikanischen Rechtsordnung, wie <strong>de</strong>r Mensch<br />
mit Behin<strong>de</strong>rung sich mit seinen Fähigkeiten als wertvoll und will-<br />
kommen für die Gesellschaft erleben kann. Hier entsteht seine<br />
Wür<strong>de</strong> im sozialen Prozess <strong>de</strong>r Anerkennung.<br />
Widmung<br />
Ich widme <strong>de</strong>n Beitrag Kollegen Sigmar Eßbach, <strong>de</strong>m „Begrün<strong>de</strong>r<br />
<strong>de</strong>r Geistigbehin<strong>de</strong>rtenpädagogik in <strong>de</strong>r DDR“ (KLEIN 1999). Eß-<br />
bach hat sich um die Erziehung und Bildung <strong>de</strong>r för<strong>de</strong>rungsfähigen<br />
intelligenzgeschädigten Menschen, die heute als geistig behin<strong>de</strong>rt<br />
bezeichnet wer<strong>de</strong>n, in hohem Maße und in beson<strong>de</strong>rer Weise ver-<br />
dient gemacht. Seine Arbeit ist <strong>de</strong>r Humanität verpflichtet. In ei-<br />
nem Interview mit meiner damaligen Doktorandin am Institut für<br />
- 72 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
Rehabilitationspädagogik <strong>de</strong>r Universität Halle-Wittenberg, Ricarda<br />
Hübner, sagte Eßbach: „Unter <strong>de</strong>m Aspekt <strong>de</strong>r Bildungsmöglichkei-<br />
ten und Bildungsvoraussetzungen bei diesen Kin<strong>de</strong>rn habe ich mei-<br />
ne erste Dissertation geschrieben, in <strong>de</strong>r ich nachzuweisen ver-<br />
suchte, dass diese Kin<strong>de</strong>r in <strong>de</strong>r Tat eben nicht bildungsunfähig …<br />
sind“ (HÜBNER 1998a, 36; HÜBNER 1998b).<br />
Bisher hat es die Vergleichen<strong>de</strong> Forschung bis auf wenige Ausnah-<br />
men versäumt die DDR-Rehabilitationspädagogik im Hinblick auf<br />
ihre Wirksamkeit in <strong>de</strong>r sozialen und pädagogischen Praxis zu prü-<br />
fen. Die Pädagogik für Menschen mit Behin<strong>de</strong>rung <strong>de</strong>r DDR sah <strong>de</strong>n<br />
Menschen mit Behin<strong>de</strong>rung als biopsychosoziale Einheit, die Medi-<br />
zin, Pädagogik und Sozialwissenschaft in die interdisziplinäre und<br />
disziplinenübergreifen<strong>de</strong> Verantwortung nimmt (BECKER, GROSSE<br />
2007). Sie hat es verdient, auch im vereinigten Deutschland Aner-<br />
kennung und Beachtung zu fin<strong>de</strong>n.<br />
Literatur<br />
BECKER, K-P./GROSSE, K-D.: Sechzig Jahre Pädagogik für Behin<strong>de</strong>rte<br />
an <strong>de</strong>r Humboldt-Universität zu Berlin 1947-2007. Ein<br />
geschichtlicher Abriss. Münster/New York/München/Berlin 2007<br />
BUCHKA, M./GRIMM, R./KLEIN, F. (Hrsg.): Lebensbil<strong>de</strong>r be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong>r<br />
Heilpädagoginnen und Heilpädagogen <strong>de</strong>s 20. Jahrhun<strong>de</strong>rts.<br />
Reinhardt Verlag, München 2002<br />
BUNDESVEREINIGUNG LEBENSHILFE (Hrsg.): Ethische Grundaussagen.<br />
Marburg, <strong>de</strong>n 12. September 1990 ((Bezug: Bun<strong>de</strong>svereinigung<br />
Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung<br />
e.V., Raiffeisenstraße 18, 35043 Marburg)<br />
BUNDESVEREINIGUNG LEBENSHILFE (Hrsg.): Gemeinsam kommen<br />
wir weiter! Marburg 2005 (Bezug: Bun<strong>de</strong>svereinigung Lebenshilfe<br />
für Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung e.V., Raiffeisenstraße<br />
18, 35043 Marburg)<br />
BUNDESVEREINIGUNG LEBENSHILFE (Hrsg.): 50 Jahre Lebenshilfe.<br />
Aufbruch – Entwicklung – Zukunft. Marburg 2008 (Bezug:<br />
Bun<strong>de</strong>svereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung<br />
e.V., Raiffeisenstraße 18, 35043 Marburg)<br />
- 73 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
ELLGER-RÜTTGARDT, S. L. (Hrsg.): Verloren und Un-Vergessen.<br />
Jüdische <strong>Heilpädagogik</strong> in Deutschland. Deutscher Studien Verlag,<br />
Weinheim 1996<br />
FELBER, CHR.: Neue Werte für die Wirtschaft. Paul Zsolnay Verlag,<br />
Wien 2008<br />
GRIMM, R./KASCHUBOWSKI, G. (Hrsg.): Kompendium <strong>de</strong>r anthroposophischen<br />
<strong>Heilpädagogik</strong>. Reinhardt Verlag, München,<br />
Basel 2008<br />
Grundsatzprogramm <strong>de</strong>r Lebenshilfe vom 10. November 1990<br />
(Bezug: (Bezug: Bun<strong>de</strong>svereinigung Lebenshilfe für Menschen<br />
mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung e.V., Raiffeisenstraße 18, 35043<br />
Marburg)<br />
JOHNSON, M.: Unsägliches Gespräch o<strong>de</strong>r: Wie ich einen Tag als<br />
Alibikrüppel an <strong>de</strong>r Universität von Princeton verbrachte. In:<br />
Seelenpflege in <strong>Heilpädagogik</strong> und Sozialtherapie 23, 4/2004,<br />
S. 206-208<br />
HÜBNER, R.: Anlage zur Dissertation: Die Rehabilitationspädagogik<br />
in <strong>de</strong>r DDR - Zur Entwicklung einer Profession. Halle 1998a<br />
HÜBNER, R.: Die Rehabilitationspädagogik in <strong>de</strong>r DDR - Zur Entwicklung<br />
einer Profession. Dissertation Fachbereich Erziehungswissenschaften<br />
<strong>de</strong>r Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.<br />
Halle 1998b<br />
KLEIN, F.: Die Konzeption einer Schule für geistig Behin<strong>de</strong>rte<br />
nach <strong>de</strong>m Bayerischen Son<strong>de</strong>rschulgesetz. In. Zeitschrift für<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> 19, 11/1968, 481-490<br />
KLEIN, F.: Die För<strong>de</strong>rung früher Hilfen für Behin<strong>de</strong>rte durch Aktivitäten<br />
<strong>de</strong>r Selbsthilfeorganisation Lebenshilfe. In: Son<strong>de</strong>rpädagogik<br />
11, 3/1981, 134 - 137 und 4/1981, 171-179<br />
KLEIN, F.: <strong>Heilpädagogik</strong> in <strong>de</strong>r „Wen<strong>de</strong>zeit“ – Perspektiven <strong>de</strong>r<br />
Rehabilitationspädagogik. In: Zeitschrift für <strong>Heilpädagogik</strong> 48,<br />
9/1997, 354-360<br />
KLEIN, F.: Rehabilitationspädagogik: Wissenschaft, Profession<br />
und ethischer Auftrag – zehn Jahre nach <strong>de</strong>r so genannten<br />
Wen<strong>de</strong>. Reflexionen zum wissenschaftlichen Werk von Sigmar<br />
ESSBACH, <strong>de</strong>m Begrün<strong>de</strong>r <strong>de</strong>r Geistigbehin<strong>de</strong>rtenpädagogik in<br />
<strong>de</strong>r DDR. In: Zeitschrift für <strong>Heilpädagogik</strong> 50, 8/1999, 386-393<br />
KLEIN, F./SCHMIDT-THIMME, D.: Logotherapie und Menschen mit<br />
(so genannter) geistiger Behin<strong>de</strong>rung. In: Görres, S./Hansen,<br />
G. (Hrsg.): Psychotherapie bei Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung.<br />
Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn 1991, 81-104<br />
KLEIN, F./NEUHÄUSER, G.: <strong>Heilpädagogik</strong> als therapeutische<br />
Erziehung. München, Basel 2006<br />
KREBS, H./GRATT, H.: Ingeborg Thomae (1915 – 1983). In:<br />
Buchka, M./Grimm, R./Klein, F. (Hrsg.): Lebensbil<strong>de</strong>r be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong>r<br />
Heilpädagogen und Heilpädagoginnen <strong>de</strong>s 20. Jahrhun<strong>de</strong>rts.<br />
München, Basel 2002, 357–369<br />
- 74 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
MINISTERIUM FÜR GESUNDHEITSWESEN DER DEUTSCHEN DE-<br />
MOKRATISCHEN REPUBLIK (Hrsg.): Grundlagenmaterial zur<br />
Gestaltung <strong>de</strong>r rehabilitativen Bildung und Erziehung in <strong>de</strong>n Rehabilitationspädagogischen<br />
För<strong>de</strong>reinrichtungen <strong>de</strong>s Gesundheits-<br />
und Sozialwesens <strong>de</strong>r DDR. Berlin 1987<br />
MITSCHERLICH; A.: Die Unfähigkeit zu trauern. Piper, München<br />
1977<br />
MÖCKEL, A.: Geschichte <strong>de</strong>r <strong>Heilpädagogik</strong>. Klett-Cotta, Stuttgart<br />
1988<br />
RADTKE, P.: Wir lassen nicht über uns diskutieren. In: Geistige<br />
Behin<strong>de</strong>rung 29, 4/1990, S. 275-279<br />
SINGER, P.: Praktische Ethik. Frankfurt a. M. 1984<br />
SCHMIDT-THIMME, D.: „ ... und wenn es köstlich gewesen ist, so<br />
ist es Mühe und Arbeit gewesen. In: Lebenshilfe-Zeitung<br />
2/1994, 12<br />
SPECK, O.: System <strong>Heilpädagogik</strong>. Eine ökologisch reflexive<br />
Grundlegung. Reinhardt Verlag, München, Basel 2008 (6. Aufl.)<br />
Über <strong>de</strong>n Autor:<br />
Ferdinand Klein<br />
Univ.- Prof. em., geb. 1934; Volks- und Son<strong>de</strong>rschullehrer; bis<br />
1980 Rektor <strong>de</strong>r Erlanger Lebenshilfe-Schule; bis 1990 Professor<br />
an <strong>de</strong>r Universität Mainz; bis 1997 Professor an <strong>de</strong>r Pädagogischen<br />
Hochschule Ludwigsburg, Fakultät für Son<strong>de</strong>rpädagogik in Reutlingen,<br />
beurlaubt für eine 2-jährige Tätigkeit (1992/94) als Aufbaudirektor<br />
am Institut für Rehabilitationspädagogik <strong>de</strong>r Universität Halle-Wittenberg;<br />
seit 2000 Gastdozent in <strong>de</strong>r Slowakei, insbeson<strong>de</strong>re<br />
am Lehrstuhl für <strong>Heilpädagogik</strong> <strong>de</strong>r Pädagogischen Fakultät und <strong>de</strong>r<br />
Evang. Theol. Fakultät <strong>de</strong>r Comenius-Universität Bratislava, von<br />
2005-2008 Gastdozent an <strong>de</strong>r Gusztáv-Bárczi-Fakultät für <strong>Heilpädagogik</strong><br />
<strong>de</strong>r Eötvös-Loránd-Universität Budapest.<br />
Kontakt:<br />
Univ.- Prof. em. Dr. Ferdinand Klein<br />
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Fakultät für<br />
Son<strong>de</strong>rpädagogik Reutlingen in Verbindung mit <strong>de</strong>r<br />
Universität Tübingen<br />
E-Mail: ferdiklein1@yahoo.<strong>de</strong><br />
Privat:<br />
Mühlmoosstraße 2, DE-83043 Bad Aibling<br />
- 75 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
50 Jahre Lebenshilfe<br />
Zu zitieren als:<br />
KLEIN, Ferdinand: 50 Jahre Lebenshilfe – Gemeinsame Verantwortung für Menschen mit<br />
geistiger Behin<strong>de</strong>rung In: <strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/<strong>09</strong>, 59 - 76<br />
http://www.heilpaedagogik-<strong>online</strong>.com/20<strong>09</strong>/heilpaedagogik_<strong>online</strong>_03<strong>09</strong>.pdf,<br />
Stand: Datum <strong>de</strong>s Abrufs<br />
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- 76 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Interview: Karin Evers-Meyer<br />
„För<strong>de</strong>rschulen müssen ihre Schüler für<br />
<strong>de</strong>n ersten Arbeitsmarkt qualifizieren“<br />
Interview mit Karin Evers-Meyer<br />
Zur Person:<br />
Karin Evers-Meyer, Jahrgang<br />
1949, ist seit 2002 Mitglied <strong>de</strong>s<br />
Deutschen Bun<strong>de</strong>stags. Sie ist<br />
seit En<strong>de</strong> <strong>de</strong>r 1970er Jahre Mitglied<br />
<strong>de</strong>r SPD und von Beruf<br />
Autorin und Journalistin. Seit<br />
2005 ist sie die Beauftragte<br />
<strong>de</strong>r Bun<strong>de</strong>sregierung für die<br />
Belange behin<strong>de</strong>rter Menschen.<br />
Sie ist zusätzlich stellvertreten<strong>de</strong>s<br />
Mitglied in <strong>de</strong>n<br />
Ausschüssen Arbeit und Soziales<br />
sowie Verteidigung.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: In Hinblick auf die UN-Konvention zu <strong>de</strong>n<br />
Rechten von Menschen mit Behin<strong>de</strong>rungen: Darf es noch För<strong>de</strong>r-<br />
schulen geben?<br />
Karin Evers-Meyer: Ich bin überzeugt, dass die Zukunft <strong>de</strong>s Bil-<br />
dungssystems in <strong>de</strong>m Konzept „Eine Schule für alle Kin<strong>de</strong>r” liegt.<br />
Die Lernbedingungen an Allgemeinen Schulen müssen so gestaltet<br />
sein, dass je<strong>de</strong>s Kind willkommen ist und nach seinen individuellen<br />
Fähigkeiten unterrichtet wer<strong>de</strong>n kann. Das be<strong>de</strong>utet, die Schule<br />
muss sich <strong>de</strong>n Bedürfnissen <strong>de</strong>r Kin<strong>de</strong>r anpassen und nicht umge-<br />
kehrt; son<strong>de</strong>rpädagogische För<strong>de</strong>rung muss <strong>de</strong>m Kind folgen und<br />
- 77 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Interview: Karin Evers-Meyer<br />
nicht umgekehrt. Bis diese Rahmenbedingungen gegeben sind,<br />
möchte niemand sofort und umfassend die För<strong>de</strong>rschulen abschaf-<br />
fen. Es muss aber bereits jetzt ein Wunsch- und Wahlrecht für die<br />
Eltern behin<strong>de</strong>rter Kin<strong>de</strong>r geben. Die Eltern sollen entschei<strong>de</strong>n kön-<br />
nen, ob ihr Kind inklusiv in einer Allgemeinen Schule o<strong>de</strong>r in einer<br />
För<strong>de</strong>rschule unterrichtet wird. Faktisch gibt es dieses Wahlrecht in<br />
Deutschland <strong>de</strong>rzeit aber nicht.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Momentan wird an vielen Schulen durch<br />
Lernstandserhebungen, zentrale Abschlussprüfungen, G8 etc. ein<br />
enormer Leistungsdruck erzeugt. Viele Schülerinnen und Schüler<br />
und beson<strong>de</strong>rs solche mit son<strong>de</strong>rpädagogischem För<strong>de</strong>rbedarf sind<br />
diesem Druck nicht gewachsen. Wie kann eine Schule für Alle die-<br />
ses Dilemma lösen?<br />
Evers-Meyer: Diese Spannung, <strong>de</strong>r ja alle Kin<strong>de</strong>r unabhängig von<br />
son<strong>de</strong>rpädagogischem För<strong>de</strong>rbedarf ausgesetzt sind, kann nur<br />
durch individuelle För<strong>de</strong>rung behoben wer<strong>de</strong>n. Je<strong>de</strong>s Kind muss<br />
entsprechend seiner individuellen Stärken und Schwächen gefor-<br />
<strong>de</strong>rt und geför<strong>de</strong>rt wer<strong>de</strong>n um die individuell bestmögliche schuli-<br />
sche Entwicklung erreichen zu können. Voraussetzung hierfür ist<br />
ein zieldifferenter Unterricht, entsprechend angepasste Arbeitsma-<br />
terialien und geschulte Pädagoginnen und Pädagogen. Natürlich<br />
geht das nicht unter <strong>de</strong>r bestehen<strong>de</strong>n Rahmenbedingungen mit 30<br />
Schülerinnen und Schülern und einer Lehrkraft.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Wie müsste eine Schule für Alle Ihrer Mei-<br />
nung nach sächlich und personell ausgestattet sein, um je<strong>de</strong>s Kind<br />
mit son<strong>de</strong>rpädagogischem För<strong>de</strong>rbedarf aufzunehmen?<br />
- 78 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Interview: Karin Evers-Meyer<br />
Evers-Meyer: Es bedarf einer Anpassung <strong>de</strong>r Rahmenbedingun-<br />
gen, wenn eine inklusive Schule Realität wer<strong>de</strong>n soll. Alle in Bil-<br />
dungsbereich arbeiten<strong>de</strong>n Professionen müssen sich auf dieses Um-<br />
<strong>de</strong>nken einlassen und bereit sein zusammenzuarbeiten. Kleinere<br />
Klassen und ein Zweilehrerprinzip sind ebenso zentrale Vorausset-<br />
zung wie umfassen<strong>de</strong> Barrierefreiheit min<strong>de</strong>stens bei Um- und Neu-<br />
bauten. Die För<strong>de</strong>rung muss <strong>de</strong>m einzelnen Kind folgen, nicht um-<br />
gekehrt. Nicht das Kind geht in die För<strong>de</strong>rschule, son<strong>de</strong>rn die För-<br />
<strong>de</strong>rung kommt zum Kind an die Regelschule.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Halten Sie die von Ihnen genannten Vor-<br />
aussetzungen (Kleinere Klassen, Zweilehrerprinzip, Barrierefreiheit)<br />
für eine inklusive Schule realisierbar? Wie können Finanzierungs-<br />
partner (Län<strong>de</strong>r, Schulträger) darauf verpflichtet wer<strong>de</strong>n?<br />
Evers-Meyer: Deutschland hat die UN-Konvention ratifiziert und<br />
sich verpflichtet, ihre For<strong>de</strong>rungen umzusetzen – ohne Finanzie-<br />
rungsvorbehalte und unabhängig von <strong>de</strong>r politischen Farbenlehre.<br />
Im Rahmen <strong>de</strong>r Umsetzung <strong>de</strong>s Artikels 24 <strong>de</strong>r UN-Konvention wer-<br />
<strong>de</strong>n wir uns also alle mit <strong>de</strong>m Aufbau eines inklusiven Schulsystems<br />
beschäftigen und ggf. bestehen<strong>de</strong> Gesetze entsprechend anpassen<br />
müssen. Außer<strong>de</strong>m: Es befin<strong>de</strong>t sich bereits viel Geld im System.<br />
Wenn man dieses Volumen trotz sinken<strong>de</strong>r Schülerzahlen beibehält,<br />
wenn man die Anzahl <strong>de</strong>r Pädagoginnen und Pädagogen nicht ver-<br />
ringert, ergeben sich Spielräume für die kleineren Klassen und das<br />
Zweilehrerprinzip. Auch Barrierefreiheit wird nur dann richtig teuer,<br />
wenn sie nachträglich hergestellt wer<strong>de</strong>n muss. Wenn sie aber bei<br />
Neu- und Umbauten von vornherein berücksichtigt wird, hält sich<br />
auch hier die finanzielle Aufwand in überschaubaren Grenzen.<br />
- 79 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Interview: Karin Evers-Meyer<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Wie können die Interessenvertreter <strong>de</strong>r<br />
Gymnasien überzeugt wer<strong>de</strong>n, dass es sinnvoll ist, auch diese<br />
Schulform in ihrer jetzigen Form zugunsten einer Schule für alle<br />
aufzulösen?<br />
Evers-Meyer: Wir sollten keine Schulform-Debatte führen, son-<br />
<strong>de</strong>rn dafür sorgen, dass allen Kin<strong>de</strong>rn eine individuelle schulische<br />
För<strong>de</strong>rung zu gute kommt– auch Schülerinnen und Schüler von<br />
Gymnasien können so noch bessere Lernbedingungen geboten wer-<br />
<strong>de</strong>n. Die Entwicklung sozialer Kompetenzen, die sich bei inklusiver<br />
Beschulung quasi von selbst ergeben, ist ebenfalls eine Kernkom-<br />
petenz, die allen Kin<strong>de</strong>rn zugute kommt. Gera<strong>de</strong> angesichts <strong>de</strong>s <strong>de</strong>-<br />
mografischen Wan<strong>de</strong>ls halte ich es für unerlässlich, allen Kin<strong>de</strong>rn<br />
bestmögliche Bildungschancen zu bieten- und zwar quer durch alle<br />
Schulformen!<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Viele gehörlose Menschen <strong>de</strong>finieren sich<br />
auf Grund ihrer Gehörlosigkeit als einer eigenen Kultur zugehörig.<br />
Schülerinnen und Schüler von Gehörlosenschulen und ihre Eltern<br />
stehen daher einer Auflösung dieser Schulform zugunsten einer<br />
Schule für Alle kritisch gegenüber. Sollte vor diesem Hintergrund<br />
diese Schulform nicht erhalten bleiben?<br />
Evers-Meyer: Noch mal: Ich spreche mich nicht für eine Abschaf-<br />
fung <strong>de</strong>r För<strong>de</strong>rschulen aus. Wenn Eltern für ihr Kind einen speziel-<br />
len För<strong>de</strong>rraum wünschen, soll dies natürlich möglich sein. Für das<br />
Erlernen behin<strong>de</strong>rungsspezifischer Fähigkeiten wie etwa <strong>de</strong>r Gebär-<br />
<strong>de</strong>nsprache o<strong>de</strong>r <strong>de</strong>r Braille-Schrift müssen aber auch in Regel-<br />
schulen die Möglichkeiten geschaffen wer<strong>de</strong>n.<br />
- 80 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Interview: Karin Evers-Meyer<br />
Die Schule soll Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Werthal-<br />
tungen vermitteln, die die Schülerinnen und Schüler in die Lage<br />
versetzen, ihre Entscheidungen selbstständig zu treffen und selbst-<br />
ständig weiterzulernen, um berufliche und persönliche Entwick-<br />
lungsaufgaben zu bewältigen. Wenn Absolventinnen und Absolven-<br />
ten von För<strong>de</strong>rschulen die notwendigen Fähigkeiten für eine Tätig-<br />
keit auf <strong>de</strong>m ersten Arbeitsmarkt erlangen können, steht natürlich<br />
<strong>de</strong>m Besuch einer För<strong>de</strong>reinrichtung nichts entgegen. Faktisch ist<br />
es aber so, dass die Absolventinnen und Absolventen vieler För<strong>de</strong>r-<br />
schulen eben diese Qualifikationen nicht erreichen. Eine Ausnahme<br />
stellen hier sicherlich die angesprochenen Schulen für hör- bzw.<br />
sehbehin<strong>de</strong>rte Kin<strong>de</strong>r dar.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Müssen För<strong>de</strong>rschulen <strong>de</strong>mnach ihre Schü-<br />
ler künftig grundsätzlich für <strong>de</strong>n ersten Arbeitsmarkt qualifizieren,<br />
um ihren Erhalt zu legitimieren?<br />
Evers-Meyer: Ich <strong>de</strong>nke, daran wer<strong>de</strong>n sich För<strong>de</strong>rschulen künftig<br />
messen lassen müssen, ja. Natürlich wird es aber keine grundsätz-<br />
liche Verpflichtung geben, alle Schülerinnen und Schüler für <strong>de</strong>n<br />
Allgemeinen Arbeitsmarkt zu qualifizieren – für einige wird dies ein-<br />
fach nicht möglich sein. Es gilt aber, allen Schülerinnen und Schü-<br />
lern die optimale För<strong>de</strong>rung zukommen zu lassen, die sie individuell<br />
bestmöglich qualifiziert. Es ist nicht von <strong>de</strong>r Hand zu weisen, das<br />
viele Schülerinnen und Schüler von För<strong>de</strong>rschulen durchaus einen<br />
Schulabschluss erreichen könnten – viele För<strong>de</strong>rschulen bietet ih-<br />
nen diesen jedoch gar nicht an. Das muss sich – gera<strong>de</strong> in Anbe-<br />
tracht <strong>de</strong>s bereits angesprochenen <strong>de</strong>mografischen Wan<strong>de</strong>ls – än-<br />
<strong>de</strong>rn. Der Automatismus „Besuch einer För<strong>de</strong>rschule gleich berufli-<br />
che Zukunft ausschließlich in einer Werkstatt für behin<strong>de</strong>rte Men-<br />
schen“ muss unterbrochen wer<strong>de</strong>n. Eine Studie, die ich im vergan-<br />
- 81 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Interview: Karin Evers-Meyer<br />
genen Jahr in Auftrag gegeben habe, belegt, dass dieser vorge-<br />
zeichnete Weg nach <strong>de</strong>m Besuch einer inklusiven Schule sehr viel<br />
öfter verlassen wer<strong>de</strong>n kann als nach <strong>de</strong>m Besuch einer För<strong>de</strong>r-<br />
schule.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Deutschland verfügt über ein ausdifferen-<br />
ziertes Schulsystem wie kaum ein an<strong>de</strong>res Land. Die Differenzie-<br />
rung ist auch für die Son<strong>de</strong>rpädagogik selbst enorm. Die Studieren-<br />
<strong>de</strong>n wur<strong>de</strong>n und wer<strong>de</strong>n dort in erster Linie für ihren beruflichen<br />
Einsatz in einer <strong>de</strong>r <strong>de</strong>rzeit noch existieren<strong>de</strong>n Son<strong>de</strong>rschulformen<br />
ausgebil<strong>de</strong>t. Ist es mit Blick auf eine Schule für Alle sinnvoll, an<br />
dieser Ausdifferenzierung <strong>de</strong>r wissenschaftlichen Son<strong>de</strong>rpädagogik<br />
weiterhin festzuhalten, z.B. weil an einer Schule für alle Son<strong>de</strong>r-<br />
pädagogen aller Fachrichtungen vertreten sein sollten?<br />
Evers-Meyer: Es dürfen in keinem Fall För<strong>de</strong>rkompetenzen verlo-<br />
ren gehen. Die Studieren<strong>de</strong>n <strong>de</strong>r Son<strong>de</strong>rpädagogik erlangen hohe<br />
Qualifikationen zur För<strong>de</strong>rung bestimmter Behin<strong>de</strong>rungsarten. Hier<br />
dürfen in keinem Fall Abstriche gemacht wer<strong>de</strong>n. Eine Schule für<br />
alle Kin<strong>de</strong>r beinhaltet die individuelle optimale För<strong>de</strong>rung aller Kin-<br />
<strong>de</strong>r und nicht eine pauschale son<strong>de</strong>rpädagogische Unterstützung<br />
für je<strong>de</strong>s Kind. Ob nun eine son<strong>de</strong>rpädagogische Lehrkraft je<strong>de</strong>r<br />
Fachrichtung an je<strong>de</strong>r Schule vertreten ist o<strong>de</strong>r ob För<strong>de</strong>rung über<br />
sogenannte mobile Dienste erbracht wird, wird im Einzelfall ent-<br />
schie<strong>de</strong>n wer<strong>de</strong>n und von Schule zu Schule unterschiedlich sein.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Schleswig-Holstein will För<strong>de</strong>rschulen in-<br />
nerhalb <strong>de</strong>r nächsten 10 Jahre abschaffen. Wie lange wird dies Ih-<br />
rer Meinung nach bun<strong>de</strong>sweit dauern?<br />
- 82 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Interview: Karin Evers-Meyer<br />
Evers-Meyer: Ob und wann in Deutschland die För<strong>de</strong>rschulen ab-<br />
geschafft wer<strong>de</strong>n, wird sich in <strong>de</strong>r Diskussion <strong>de</strong>r nächsten Jahre<br />
ergeben. Ich halte es aber für erstrebenswert, innerhalb <strong>de</strong>r nächs-<br />
ten 5 bis 10 Jahre ein Wunsch- und Wahlrecht für Eltern zu etablie-<br />
ren und die entsprechen<strong>de</strong>n Rahmenbedingungen an Allgemeinen<br />
Schulen zu schaffen. Erste Meilensteine auf diesem Weg sind be-<br />
reits erkennbar. So beabsichtigt zum Beispiel Hamburg das Wahl-<br />
recht <strong>de</strong>r Eltern ohne Finanzierungsvorbehalt im Rahmen seiner<br />
Schulreform ins neue Schulgesetz aufzunehmen.<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong>: Frau Evers-Meyer, vielen Dank für das In-<br />
terview!<br />
Das Interview führten S. Barsch , T. Bendokat und M. Brück<br />
Zu zitieren als:<br />
Interview mit Karin Evers-Meyer. In: <strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/<strong>09</strong>, 78-83<br />
http://www.heilpaedagogik-<strong>online</strong>.com/20<strong>09</strong>/heilpaedagogik_<strong>online</strong>_03<strong>09</strong>.pdf,<br />
Stand: Datum <strong>de</strong>s Abrufs<br />
- 83 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
Jitka Vítová<br />
Praxisbericht: Computernutzung bei<br />
Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
Einführung<br />
Das 21. Jahrhun<strong>de</strong>rt gilt als das Jahrhun<strong>de</strong>rt <strong>de</strong>r Innovation im Be-<br />
reich <strong>de</strong>r Informationstechnologien. Die technische Entwicklung<br />
wird massiv Einfluss haben auf Chancen und Möglichkeiten <strong>de</strong>r In-<br />
klusion von Menschen mit Behin<strong>de</strong>rungen, etwa im Bereich <strong>de</strong>r Un-<br />
terstützen<strong>de</strong>n Kommunikation. Eine Gruppe, die beson<strong>de</strong>rs stark<br />
von <strong>de</strong>n technischen Errungenschaften profitieren könnte, ist die<br />
Gruppe <strong>de</strong>r Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung, <strong>de</strong>r sog.<br />
Taubblindheit.<br />
Seit <strong>de</strong>m Leben von Helen Keller, <strong>de</strong>r wohl berühmtesten Vertrete-<br />
rin von Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung, haben sich die Le-<br />
bensbedingungen für diese Gruppe <strong>de</strong>utlich verän<strong>de</strong>rt. Verbesserte<br />
Kompensationshilfsmittel und Kommunikationssysteme ermöglichen<br />
auch eine Steigerung <strong>de</strong>r Qualität von Erziehung und Bildung. Den-<br />
noch ist es einschränkend festzustellen, dass mit <strong>de</strong>r gesellschaftli-<br />
chen Entwicklung immer höhere Ansprüche an taubblin<strong>de</strong> Men-<br />
schen gestellt wer<strong>de</strong>n, wodurch auch ihre Integration in die Gesell-<br />
schaft und Teilhabe an Bildung betroffen ist.<br />
Ein wesentlicher Gegenstand <strong>de</strong>s alltäglichen Gebrauchs und <strong>de</strong>r<br />
gesellschaftlichen Teilhabe ist in <strong>de</strong>r heutigen Zeit <strong>de</strong>r Computer.<br />
Für eine große Zahl von Menschen ist <strong>de</strong>r PC mittlerweile zu einem<br />
üblichen Haushaltsbestandteil gewor<strong>de</strong>n, für an<strong>de</strong>re ein Arbeitsin-<br />
strument o<strong>de</strong>r ein Kompensations- bzw. Hilfsmittel, das die Kom-<br />
munikation mit <strong>de</strong>r Mehrheitsgesellschaft vermittelt und erleichtert.<br />
- 84 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
Ausprägungen <strong>de</strong>r Taubblindheit<br />
Die Nutzung eines Computers durch Menschen mit dualer Sinnes-<br />
behin<strong>de</strong>rung wird von einer Reihe objektiver und subjektiver Fakto-<br />
ren beeinflusst. Die Gruppe <strong>de</strong>r Menschen mit Taubblindheit ist<br />
durch eine breite Heterogenität gekennzeichnet: „Es han<strong>de</strong>lt sich<br />
um eine gleichzeitige Seh- und Hörbehin<strong>de</strong>rung, die so schwer ist,<br />
dass sie ihrem Träger Probleme im psychischen und sozialen Be-<br />
reich und im Alltagsleben verursachen. Die Taubblindheit ist eine<br />
Behin<strong>de</strong>rung eigener Art, gekennzeichnet durch die Notwendigkeit<br />
<strong>de</strong>r individuellen und spezifischen Betreuung <strong>de</strong>r Betroffenen, so-<br />
wohl was <strong>de</strong>n Bereich <strong>de</strong>r Erziehung, als auch <strong>de</strong>n Bereich <strong>de</strong>r Be-<br />
rufsausbildung und <strong>de</strong>r sozialen Rehabilitation angeht. Taubblin<strong>de</strong><br />
Menschen bil<strong>de</strong>n eine heterogene Gruppe, wobei die Behin<strong>de</strong>rung<br />
je<strong>de</strong>s Einzelnen von <strong>de</strong>r Dauer <strong>de</strong>r Erscheinung <strong>de</strong>r Sinnesbehin<strong>de</strong>-<br />
rung und ihrem Ausmaß abhängt“ (LUDÍKOVÁ, 2001, 12, Überset-<br />
zung J.V.).<br />
Die Gruppe kann nach Alter, <strong>de</strong>r Art und <strong>de</strong>m Ausmaß <strong>de</strong>r Beein-<br />
trächtigung in vier Untergruppen unterteilt wer<strong>de</strong>n (AITKEN 2000):<br />
• Menschen, die taubblind geboren sind<br />
• gehörlos o<strong>de</strong>r hörbehin<strong>de</strong>rt geborenen Menschen, die später<br />
erblin<strong>de</strong>t sind<br />
• blind o<strong>de</strong>r sehbehin<strong>de</strong>rt geborenen Menschen, die später er-<br />
taubt sind<br />
• ohne Seh- o<strong>de</strong>r Hörbehin<strong>de</strong>rung geborenen Menschen, die<br />
später erblin<strong>de</strong>t und ertaubt sind.<br />
Die Kommunikationsmöglichkeiten taubblin<strong>de</strong>r Menschen mit ihrer<br />
Umgebung hängen stark vom Entstehungszeitpunkt, <strong>de</strong>m Ausmaß<br />
und <strong>de</strong>r Dauer <strong>de</strong>r Beeinträchtigung ab. Mit Bezug auf LUDÍKOVÁ<br />
(2000) können drei verschie<strong>de</strong>ne Kommunikationsformen innerhalb<br />
dieser Personengruppe unterschie<strong>de</strong>n wer<strong>de</strong>n:<br />
- 85 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
• Kommunikation in <strong>de</strong>r jeweiligen Nationalsprache<br />
– in gesprochener o<strong>de</strong>r geschriebener Form<br />
• Kommunikation in taktiler Gebär<strong>de</strong>nsprache bei<br />
prälingual gehörlose Menschen<br />
• Kommunikation in verbale ohne Sprache – Alter-<br />
native Metho<strong>de</strong>n und Unterstützte Kommunikati-<br />
on<br />
Möglichkeiten <strong>de</strong>r Computernutzung taubblin<strong>de</strong>r Men-<br />
schen<br />
Obwohl sich die Informationstechnologie in einem ständigen und<br />
rasanten Entwicklungsprozess befin<strong>de</strong>t, haben sich die grundlegen-<br />
<strong>de</strong>n Nutzungsmöglichkeiten für taubblin<strong>de</strong> Menschen nur bedingt<br />
gewan<strong>de</strong>lt. Aus diesem Grund ist auch die Glie<strong>de</strong>rung nach<br />
HAMEYER (1987) noch sinnvoll, welcher folgen<strong>de</strong> Einsatzgebiete<br />
<strong>de</strong>r Computernutzung sieht:<br />
� Computer als ein Mittel zur Entwicklung von Sozialkom-<br />
petenzen und zur Persönlichkeitsentwicklung<br />
� Computer als ein Unterrichtshilfsmittel<br />
� Computer als neue Informations- und Kommunikations-<br />
technologie im Bereich <strong>de</strong>s Studiums.<br />
Der Zugang zu Informationstechnologien erscheint für Menschen<br />
mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung zunächst kompliziert und schwierig.<br />
BUBENÍČKOVÁ (2003) weist auf ökonomische wie auch auf die<br />
durch die Funktionsbehin<strong>de</strong>rung <strong>de</strong>s Einzelnen bedingten Barrieren<br />
hin:<br />
1. beschränkte Fähigkeit, einen PC zu bedienen und Informa-<br />
tionen zu notieren<br />
2. Unmöglichkeit o<strong>de</strong>r beschränkte Möglichkeit, die Compute-<br />
maus o<strong>de</strong>r die Tastatur zu benutzen<br />
- 86 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
3. beschränkte Fähigkeit, Informationen vom Bildschirm zu<br />
lesen<br />
4. Unfähigkeit, graphische Darstellungen wahrzunehmen<br />
5. Unfähigkeit, das Flächenbild <strong>de</strong>r Daten auf <strong>de</strong>m Monitor<br />
wahrzunehmen<br />
6. beschränkte Fähigkeit, Informationen zu verstehen und<br />
sich zu verständigen<br />
7. Beschränkte Fähigkeit, alltagsübliche Sprache zu verste-<br />
hen – Bedarf Leichter Sprache<br />
Die Grundvoraussetzung <strong>de</strong>r erfolgreichen Aneignung von PC-<br />
Kenntnissen bei taubblin<strong>de</strong>n Menschen ist ein speziell zusammen-<br />
gestellter PC, <strong>de</strong>r <strong>de</strong>n individuellen Anfor<strong>de</strong>rungen <strong>de</strong>r Klienten ent-<br />
spricht. Bei <strong>de</strong>r Computer-Zusammenstellung und seiner Einstel-<br />
lung muss vom realen Seh- und Hörfunktionen ausgegangen wer-<br />
<strong>de</strong>n.<br />
BUBENÍČKOVÁ (2003) führt als PC-Minimalausstattung für die Men-<br />
schen mit Taubblindheit folgen<strong>de</strong>s an: Neben einer üblichen Aus-<br />
stattung ist ein Scanner für das Abtasten gedruckter Texte sowie<br />
spezifische Hardware entsprechend <strong>de</strong>m Ausmaß <strong>de</strong>r Seh- und Hör-<br />
beeinträchtigung notwendig.<br />
Entsprechend <strong>de</strong>s Ausmaßes <strong>de</strong>r Seh- und Hörbeeinträchtigung und<br />
<strong>de</strong>n individuellen Ressourcen kann die PC-Grundausstattung für<br />
sehbehin<strong>de</strong>rte Menschen noch ergänzt wer<strong>de</strong>n, etwa durch eine<br />
Braillezeile (Hardware) o<strong>de</strong>r Sprach- und Kontaktausgabegeräte,<br />
Bildschirmlupen, PC-Sprachsteuerung und eine zur Texterkennung<br />
gescannter Dokumente (ebd.).<br />
Es ist trotz <strong>de</strong>r technischen Hilfsmittel zu erwarten, das Gehörlose<br />
größere Schwierigkeiten mit <strong>de</strong>m Sprachverständnis geschriebener<br />
Texte haben und gegebenenfalls einen auf die Hilfe eines Dolmet-<br />
schers (für die mündliche Sprachvermittlung, das Dolmetschen in<br />
- 87 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
<strong>de</strong>r nationalen o<strong>de</strong>r einer taktilen Gebär<strong>de</strong>nsprache o<strong>de</strong>r <strong>de</strong>s Lorm-<br />
Alphabets) zum Verständnis gewonnener Informationen zurückgrei-<br />
fen müssen.<br />
Beson<strong>de</strong>rheiten <strong>de</strong>s Computerunterrichts bei Menschen<br />
mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
Wie oben bereits erwähnt wur<strong>de</strong>, zeigt sich die Gruppe <strong>de</strong>r Men-<br />
schen mit Taubblindheit äußerst heterogen. Bereits in <strong>de</strong>r Grund-<br />
schulzeit kann die Computernutzung für die Schüler verschie<strong>de</strong>ne<br />
Funktionen beinhalten: Es kann sich um ein Kompensationshilfsmit-<br />
tel, ein Hilfsmittel für alle Schüler im Standardunterricht o<strong>de</strong>r ein<br />
zur schulischen Ausbildung benutztes Hilfsmittel han<strong>de</strong>ln.<br />
Auch im Bereich <strong>de</strong>r Freizeitaktivitäten können taubblin<strong>de</strong>n Men-<br />
schen durch die Computernutzung Sozialkontakte ermöglicht wer-<br />
<strong>de</strong>n. Es ist notwendig, sich hierbei <strong>de</strong>r Schwierigkeiten bewusst zu<br />
wer<strong>de</strong>n, die durch die unterschiedliche Informationsverarbeitung<br />
taubblin<strong>de</strong>r Menschen bedingt sind. Z.B ist die Nutzung <strong>de</strong>s Inter-<br />
nets trotz technischer Hilfsmittel nicht unproblematisch. Folgen<strong>de</strong><br />
Aspekte müssen beachtet wer<strong>de</strong>n (PAVLÍČEK, 2003):<br />
1. die lineare Informationswahrnehmung und die daraus<br />
folgen<strong>de</strong> fehlen<strong>de</strong> Gesamtansicht <strong>de</strong>r Internetseite auf<br />
<strong>de</strong>m Bildschirm: nichtbehin<strong>de</strong>rte Menschen nehmen In-<br />
ternetseiten zuerst global wahr (die ganze Fläche, die<br />
Bil<strong>de</strong>r, die Farben, die jeweiligen Aufschriften). Men-<br />
schen mit einer Sehbehin<strong>de</strong>rung müssen sich die Inhal-<br />
te systematischer erarbeiten, z.B. Lesen von <strong>de</strong>r obe-<br />
ren linken Ecke zu <strong>de</strong>r unteren rechten Ecke o<strong>de</strong>r bei<br />
Nutzung einer Leselupe o<strong>de</strong>r einer Braillezeile „Buch-<br />
stabe für Buchstabe“.<br />
2. größerer Zeitaufwand bei <strong>de</strong>r Feststellung <strong>de</strong>r Seiten-<br />
struktur und <strong>de</strong>s Seiteninhalts<br />
- 88 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
3. Wahrnehmung nur <strong>de</strong>r Textinformationen (Unmöglich-<br />
keit <strong>de</strong>r Umsetzung <strong>de</strong>r textliche und graphischen In-<br />
formationen in Hör- o<strong>de</strong>r Tastformen bzw. Ausnutzung<br />
alternativer Textlegen<strong>de</strong>n)<br />
Abschließend bleibt jedoch festzuhalten, dass <strong>de</strong>r Computer trotz<br />
<strong>de</strong>r beschriebenen Schwierigkeiten vielfältige Möglichkeiten bietet,<br />
taubblin<strong>de</strong>n Menschen ein aktives gesellschaftliches Leben und <strong>de</strong>n<br />
Zugang zu Informationen zu erleichtern. Zusammenfassend lassen<br />
sich die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Aneignung von<br />
PC-Kenntnissen durch Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung so<br />
zusammenfassen:<br />
• Vorhan<strong>de</strong>nsein einer entsprechen<strong>de</strong>n individuell angepassten<br />
Arbeitsumgebung<br />
• <strong>de</strong>r Unterricht und die Einweisung an speziell für diese Grup-<br />
pe zusammengestellten Computersystemen<br />
• individuelle und permanente Nutzung im Unterricht<br />
• Anwesenheit eines Dolmetschers o<strong>de</strong>r Assistenten<br />
Die Nutzung eines Computers durch Menschen mit dualer Sinnes-<br />
behin<strong>de</strong>rung ist immer durch ein hohes Maß an Unterrichtsindivi-<br />
dualisierung und daraus folgen<strong>de</strong>r personeller Ressourcen, <strong>de</strong>r Su-<br />
che nach geeigneten Metho<strong>de</strong>n und Zugriffen entsprechend <strong>de</strong>n in-<br />
dividuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten <strong>de</strong>s Klienten und auch<br />
durch erhöhte Fachansprüche an individuelle Assistenten sowohl im<br />
Bereich <strong>de</strong>r Informationstechnologien, als auch im Bereich <strong>de</strong>r Son-<br />
<strong>de</strong>rpädagogik gekennzeichnet.<br />
- 89 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
Literatur<br />
AITKEN, S. a kol. Teaching children who are <strong>de</strong>afblind: contact,<br />
communication and learning. London: D. Fulton Publishers,<br />
2000.<br />
BUBENÍČKOVÁ, H. Počítače se speciální úpravou pro těžce zrakově<br />
postižené uživatele, 2003. Online unter:<br />
http://is.braillnet.cz/pocitace.php (Aufruf am 15.6.<strong>09</strong>)<br />
BUBENÍČKOVÁ, H. E-bariéry osob se zdravotním postižením. Dodatek<br />
Sborníku konference: Konference Internet ve státní<br />
správě a samosprávě. Hra<strong>de</strong>c Králové: 2003.<br />
BUBENÍČKOVÁ, H. Jak nevidomí pracují s ICT. Dodatek Sborníku<br />
konference: Konference Internet ve státní správě a samosprávě.<br />
Hra<strong>de</strong>c Králové: 2003.<br />
HAMEYER, U., WALDOW, J. Using the computer in special education.<br />
Kiel: Institut for Science Education 1987.<br />
LUDÍKOVÁ,L. Edukace hluchoslepého dítěte raného věku. Olomouc:<br />
Univerzita Palackého, 2001.<br />
LUDÍKOVÁ, L. Vzdělávání hluchoslepých I. Praha: Scientia, 2000.<br />
PAVLÍČEK, R. Bezbariérový Internet – projekt Blind Friendly Web.<br />
Dodatek Sborníku konference: Konference Internet ve státní<br />
správě a samosprávě. Hra<strong>de</strong>c Králové: 2003.<br />
RŮŽIČKOVÁ, V. Kompenzační pomůcky pro osoby se specifickými<br />
potřebami. Olomouc: 2006.<br />
ROSENSWEIG, H. Computer Trainind Issues for Individuals Who<br />
are Blind, Visually Impaired, or DeafBlind, Royal New Zealand<br />
Foundation of the Blind, 2003. Online unter:<br />
http://www.csun.edu/cod/conf/2003/proceedings/164.htm<br />
(Aufruf am 15.6.<strong>09</strong>)<br />
VEJSADOVÁ, J. , HOUŠKOVÁ, Z. Internet, elektronické informační<br />
zdroje a služby pro osoby se specifickými potřebami v knihovnách.<br />
Dodatek Sborníku konference: Konference Internet ve<br />
státní správě a samosprávě. Hra<strong>de</strong>c Králové: 2003.<br />
Demonstrate knowledge of <strong>de</strong>afblindness and communicate with<br />
a <strong>de</strong>afblind person. New Zealand Qualifications. 2007. Online<br />
unter: http://www.nzqa.govt.nz/nqfdocs/units/doc/23370.doc<br />
(Aufruf am 15.6.<strong>09</strong>)<br />
Über die Autorin:<br />
Jitka Vítová studierte Mathematik und das Lehramt für Grundschulen<br />
sowie Son<strong>de</strong>rpädagogik an Pädagogische Fakultät Palatzky Universität<br />
in Olmütz, wo sie zur Zeit als die Ph.D. Stu<strong>de</strong>ntin für Son<strong>de</strong>rpädagogik<br />
tätig ist. Sie arbeitete als die Lehrerin in Kin<strong>de</strong>rgarten<br />
für die Kin<strong>de</strong>r mit Mehrfachbehin<strong>de</strong>rung, führte die Freizeitkur-<br />
- 90 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Praxisbericht: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung<br />
se <strong>de</strong>s aktiven sozialen Lernens für Menschen mit geistiger Behin<strong>de</strong>rung<br />
und Mehrfachbehin<strong>de</strong>rung.<br />
Kontakt:<br />
Jitka Vítová<br />
Department of Special Education<br />
Faculty of Education<br />
University of Palacky in Olomouc<br />
Czech Republic<br />
E-Mail: jitka.vitova@post.cz<br />
Zu zitieren als:<br />
VÍTOVÁ, Jitka: Computernutzung bei Menschen mit dualer Sinnesbehin<strong>de</strong>rung. In: <strong>Heilpädagogik</strong><br />
<strong>online</strong> 03/<strong>09</strong>, 84-91<br />
http://www.heilpaedagogik-<strong>online</strong>.com/20<strong>09</strong>/heilpaedagogik_<strong>online</strong>_03<strong>09</strong>.pdf,<br />
Stand: Datum <strong>de</strong>s Abrufs<br />
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- 91 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Rezensionen<br />
Schmitt, Gustel/ Sinnlos krank o<strong>de</strong>r sinn-<br />
Geise, Beate & erfüllt leben? Das Sinn-<br />
Holtmann, Martin: erleben chronisch körperlich<br />
kranker Jugendlicher<br />
und junger Erwachsener.<br />
Göttingen 2007<br />
Preis: 29,95€<br />
ISBN: 978-3-8017-2057-5<br />
Rezensionen<br />
Mit <strong>de</strong>m Lebenssinn scheint es sich so ähnlich zu verhalten wie mit<br />
<strong>de</strong>r Gesundheit: so lange man gesund ist, ist Gesundheit gemeinhin<br />
kein Thema und wer sein Leben unmittelbar als sinnhaft erlebt,<br />
stellt sich die Sinnfrage in <strong>de</strong>r Regel nicht. Dass die bloße Frage<br />
nach <strong>de</strong>m Sinn oftmals auf eine Verunsicherung o<strong>de</strong>r gar auf eine<br />
Krise hin<strong>de</strong>utet, ist wohl eine allgemeine Erfahrungstatsache. So<br />
wird diese Frage in <strong>de</strong>r Pubertät beson<strong>de</strong>rs drängend gestellt und<br />
sie kann später dann in als krisenhaft erlebten Lebensphasen o<strong>de</strong>r<br />
aufgrund belasten<strong>de</strong>r Lebensereignisse, etwa bei einer schweren<br />
Erkrankung, mit Vehemenz aufbrechen. Wer sich <strong>de</strong>r Endlichkeit<br />
<strong>de</strong>s Lebens bewusst wird, fragt, was im Leben sinnvoll ist und wo-<br />
für zu leben sich lohnt.<br />
Chronisch körperlich kranke Jugendliche und junge Erwachsene ha-<br />
ben, so gesehen, gleich zwei Motive, sich die Sinnfrage zu stellen –<br />
und die Antworten haben für sie eine unmittelbar existenzielle Rele-<br />
vanz, <strong>de</strong>nn sie wirken sich direkt auf die Krankheitsverarbeitung<br />
und <strong>de</strong>n Umgang mit einer chronischen Krankheit aus. Wenn die<br />
Autoren <strong>de</strong>s vorliegen<strong>de</strong>n Ban<strong>de</strong>s im Titel die zugespitzte Frage<br />
„Sinnlos krank o<strong>de</strong>r sinnerfüllt leben?“ stellen, greifen sie damit die<br />
Frage ihrer jungen Klienten nach <strong>de</strong>m Sinn <strong>de</strong>s Lebens mit einer<br />
- 92 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Rezensionen<br />
schwer wiegen<strong>de</strong>n chronischen Erkrankung angesichts von Ängs-<br />
ten, Schmerzen und Verzicht auf. Schmitt, Geise & Holtmann stel-<br />
len sich damit jedoch auch selbst eine Frage, die in <strong>de</strong>r medizini-<br />
schen und psychologischen, selbst in <strong>de</strong>r psychotherapeutischen<br />
Forschung nicht selbstverständlich ist und die nur selten bearbeitet<br />
wird.<br />
Natürlich wollen und können die Autoren keine gültige Antwort auf<br />
ein Grundproblem menschlicher Existenz geben. Die Frage nach<br />
<strong>de</strong>m Lebenssinn gehört zum Menschen und ihre Antwort kann nur<br />
eine individuelle, vorläufige, nie eine allgemeine und endgültige<br />
sein. Die Unlösbarkeit <strong>de</strong>r Frage verleitet die Autoren jedoch nicht<br />
dazu, ergebnisoffen über sie zu räsonieren. Ganz im Gegenteil: sie<br />
gehen pragmatisch und patientenorientiert davon aus, dass die<br />
Sinnfrage im therapeutischen Prozess bzw. im Rahmen psychoso-<br />
zialer Versorgung bearbeitet wer<strong>de</strong>n sollte, wenn die Patienten im<br />
Jugendalter bzw. im jungen Erwachsenenalter dies wünschen, ja,<br />
dass „das persönliche Fragen nach einem lebenswerten Sinn eines<br />
durch die Krankheit belasteten Lebens eine Ressource darstellt, die<br />
<strong>de</strong>m Alltag und <strong>de</strong>m Leben insgesamt eine Perspektive und Orien-<br />
tierung zu geben vermag“ (19). Diesem Verständnis entsprechend<br />
verfolgen die Autoren das Ziel, die therapeutische Kompetenz pro-<br />
fessioneller Helfer um die Fähigkeit <strong>de</strong>s hilfreichen Umgangs mit<br />
<strong>de</strong>r individuellen Sinnthematik chronisch kranker Jugendlicher und<br />
junger Erwachsener zu erweitern. Ihr Ziel suchen sie über mehrere<br />
Wege zu erreichen, an <strong>de</strong>nen sich auch die Glie<strong>de</strong>rung <strong>de</strong>s Ban<strong>de</strong>s<br />
orientiert.<br />
Auf knappem Raum nähern sich die Autoren im ersten Teil zunächst<br />
<strong>de</strong>m Thema „Sinnerleben“ an, in<strong>de</strong>m sie einen weiten Bogen schla-<br />
gen von allgemeinen, einleiten<strong>de</strong>n philosophischen Gedanken über<br />
- 93 -<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Rezensionen<br />
Erörterungen <strong>de</strong>s Stellenwerts von Sinnerleben in Konzepten seeli-<br />
scher Gesundheit bis zu <strong>de</strong>r Frage, welche Be<strong>de</strong>utung die Sinnfrage<br />
im Rahmen psychotherapeutischer Ansätze hat. Dabei wollen sie<br />
ihre Leser nicht zuletzt zu einer „Reflexion über die eigenen Sinn-<br />
muster“ (21) motivieren, <strong>de</strong>nn aller Erfahrung nach wen<strong>de</strong>n die<br />
jungen Klienten sich bei persönlichem Gesprächs- und Klärungsbe-<br />
darf vor allem an solche Gesprächspartner, bei <strong>de</strong>nen sie Erfahrung<br />
mit existenziellen Sinnfragen und eine grundsätzliche Offenheit die-<br />
ser Thematik gegenüber annehmen.<br />
Das inhaltliche Hauptstück <strong>de</strong>r vorliegen<strong>de</strong>n Arbeit bil<strong>de</strong>n zwei von<br />
<strong>de</strong>n Autoren entwickelte Erfassungsmetho<strong>de</strong>n, ein „Leitfa<strong>de</strong>n zur<br />
Exploration von Aspekten <strong>de</strong>s Sinnerlebens (LEAS)“ und ein „Frage-<br />
bogen zu Persönlichen Zielen (FPZ)“. Die Entwicklung dieser „me-<br />
thodischer Hilfen für einen Zugang zum Patienten“ (21), die Art ih-<br />
res Einsatzes und <strong>de</strong>ssen exemplarisch vorgestellte Ergebnisse<br />
wer<strong>de</strong>n mit vielen wertvollen praktischen Hinweisen umfassend do-<br />
kumentiert. Die Gesprächsbeispiele mit chronisch kranken Jugendli-<br />
chen und jungen Erwachsenen gewähren darüber hinaus einen gu-<br />
ten Einblick in krankheitsbedingte individuelle Erlebens- und Verar-<br />
beitungsweisen. Der inhaltlich und sprachlich auf die Zielgruppe zu-<br />
geschnittene „Leitfa<strong>de</strong>n zur Exploration von Aspekten <strong>de</strong>s Sinnerle-<br />
bens (LEAS)“ glie<strong>de</strong>rt sich in sieben Module. Im Anschluss an eine<br />
thematische Einstimmung, in <strong>de</strong>r die Jugendlichen angeregt wer-<br />
<strong>de</strong>n, über ihren „Platz im Leben“ nachzu<strong>de</strong>nken, wer<strong>de</strong>n sie gebe-<br />
ten zu beschreiben, was ihnen zurzeit in ihrem Leben wichtig ist.<br />
Das dritte Modul konzentriert sich auf Erfahrungen <strong>de</strong>r Jugendli-<br />
chen in ‚guten und schlechten Zeiten’ in Vergangenheit, Gegenwart<br />
und Zukunft. Die Jugendlichen wer<strong>de</strong>n hier auch zu einem Ver-<br />
gleich ihrer Bewertungen und Erwartungen mit <strong>de</strong>nen gesun<strong>de</strong>r<br />
Gleichaltriger angeregt. Die Frage nach persönlichen Zielen in <strong>de</strong>r<br />
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Rezensionen<br />
Zukunft steht im Fokus <strong>de</strong>s vierten Moduls. Anschließend ist ein<br />
Gespräch über die bei vielen chronisch kranken Menschen aufbre-<br />
chen<strong>de</strong> Frage nach <strong>de</strong>r Gerechtigkeit vorgesehen. Das sechste Mo-<br />
dul regt dazu an, Bilanz zu ziehen und Glück und Pech im eigenen<br />
Leben zu vergleichen. Am En<strong>de</strong> <strong>de</strong>s Gesprächs wer<strong>de</strong>n die Teilneh-<br />
mer schließlich gebeten, die eigene Sicht auf das Leben aus <strong>de</strong>r<br />
Perspektive eines guten Bekannten beurteilen zu lassen.<br />
Der „Fragebogen zu Persönlichen Zielen (FPZ)“ enthält 44 Aussa-<br />
gen zu fünf Themenbereichen, die jeweils auf einer sechsstufigen<br />
Ratingskala hinsichtlich ihrer Richtigkeit persönlich bewertet wer-<br />
<strong>de</strong>n können. Die Befragten können auf diese Weise die Gestaltung<br />
ihres Lebens, ihre Beziehung zu an<strong>de</strong>ren Menschen, ihr Aussehen,<br />
ihrer Partnerschaft sowie ihren Gottesglauben und ihre religiösen<br />
Einstellungen einschätzen. Zur Auswertung <strong>de</strong>s Fragebogens geben<br />
die Autoren im Anhang gut verständliche Hinweise. Weiterhin fin-<br />
<strong>de</strong>n sich sowohl <strong>de</strong>r Gesprächsleitfa<strong>de</strong>n mit einigen methodischen<br />
Hinweisen zur Gesprächsdurchführung sowie <strong>de</strong>r Fragebogen im<br />
Anhang <strong>de</strong>s Ban<strong>de</strong>s.<br />
Die Vorstellung dieser bei<strong>de</strong>n methodischen Instrumente als Hilfe-<br />
stellungen zur Erfassung <strong>de</strong>s Sinnerlebens ergänzen die Autoren<br />
durch praxisorientierte Überlegungen zu einer therapeutischen Sin-<br />
narbeit. Hier beziehen sie sich auf die Konzepte <strong>de</strong>r Psychothera-<br />
peuten Irvin Yalom und Viktor Frankl sowie auf <strong>de</strong>n Beitrag einer<br />
philosophischen Lebenskunst zum Sinnerleben. Mit Vorschlägen für<br />
eine sinnstiften<strong>de</strong> psychotherapeutische Tätigkeit und einer Ab-<br />
schlussreflexion beschließen Schmitt, Geise & Holtmann ihren<br />
Band. In Anlehnung an <strong>de</strong>n klientenzentrierten Ansatz nach Carl<br />
Rogers umreißen sie hier Merkmale einer för<strong>de</strong>rlichen therapeuti-<br />
schen Haltung und Beziehungsgestaltung und entwickeln darüber<br />
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Rezensionen<br />
hinaus weitere zu berücksichtigen<strong>de</strong> spezifische Aspekte einer the-<br />
rapeutischen Sinnarbeit. Sehr hilfreich dürften in <strong>de</strong>r Praxis auch<br />
die drei Elemente eines Orientierungsrahmens für die therapeuti-<br />
sche Sinnarbeit sein: Patienten, die ihr persönliches Engagement<br />
als sinnstiftend erleben, die die Fähigkeit zu einer autonomen Moral<br />
haben, also eigene Zielorientierungen weitgehend unabhängig vom<br />
gesellschaftlichen Mainstream entwickeln und die persönliche Res-<br />
sourcen (die Übernahme zur Selbstverantwortung, kreative Aktivi-<br />
täten, die Fähigkeit zur Selbstvergessenheit, zum Enthusiasmus,<br />
die Entwicklung einer för<strong>de</strong>rlichen Lebenseinstellung durch ein Den-<br />
ken in philosophischen Kategorien o<strong>de</strong>r auch die Fähigkeit zum Ge-<br />
nuss und zur Entspannung) zu nutzen vermögen, wer<strong>de</strong>n wahr-<br />
scheinlich eher das Gefühl eines sinnerfüllten Lebens entwickeln als<br />
Patienten, die nicht über diese Fähigkeiten verfügen.<br />
Die Autoren legen in ihrem Band viele Fährten, <strong>de</strong>nen nachzuspü-<br />
ren sich nicht nur für Psychologen, Sozialpädagogen, Lehrer, Ärzte<br />
und Pflegepersonal, Seelsorger, Ehrenamtliche und an<strong>de</strong>re lohnt,<br />
die mit chronisch kranken Heranwachsen<strong>de</strong>n und jungen Erwachse-<br />
nen arbeiten. Fast unweigerlich stellt sich <strong>de</strong>r Leser die Frage nach<br />
seinem eigenen Leben, seiner eigenen Wertehierarchie, nach <strong>de</strong>m,<br />
was <strong>de</strong>n Sinn seines Lebens ausmacht, wofür zu leben sich seiner<br />
Meinung nach lohnt. Wer hier allerdings Großes, allgemein Gültiges<br />
erwartet, wird wohl enttäuscht sein. Individuelle Quellen für Le-<br />
benssinn und Lebensqualität sind vielmehr in <strong>de</strong>n scheinbar kleinen<br />
Dingen, in <strong>de</strong>m, was <strong>de</strong>m einzelnen persönlich wichtig ist und was<br />
Freu<strong>de</strong> und Genuss bereitet zu fin<strong>de</strong>n.<br />
Auch aus schulpädagogischer Sicht ist die Lektüre dieses Ban<strong>de</strong>s<br />
sehr lohnend. Lehrer, die – bsw. in Schulen für Kranke – mit chro-<br />
nisch kranken Jugendlichen arbeiten, leisten zwar keine therapeuti-<br />
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Rezensionen<br />
sche Sinnarbeit im eigentlichen Sinne; die Frage nach <strong>de</strong>m Sinn<br />
<strong>de</strong>s Lebens bzw. nach einem sinnvollen Leben bricht jedoch erfah-<br />
rungsgemäß im Unterricht immer wie<strong>de</strong>r auf. Insbeson<strong>de</strong>re <strong>de</strong>r Re-<br />
ligionsunterricht o<strong>de</strong>r die Fächer Ethik bzw. Praktische Philosophie,<br />
Deutsch, Musik und Kunst können ihren Beitrag zu einer pädagogi-<br />
schen Sinnarbeit mit chronisch kranken Jugendlichen leisten, in<strong>de</strong>m<br />
sie bei <strong>de</strong>r Entwicklung einer autonomen Moral unterstützen, also<br />
emanzipatorisch wirken, individuelle, gera<strong>de</strong> auch kreative Res-<br />
sourcen entwickeln helfen o<strong>de</strong>r auch zu einer Selbstaufklärung in<br />
philosophischer und religiöser Hinsicht anleiten. Die Autoren <strong>de</strong>s<br />
vorliegen<strong>de</strong>n Ban<strong>de</strong>s haben sich ihrem Thema aus einer psycholo-<br />
gisch-psychotherapeutischen Perspektive genähert. Tatsächlich ist<br />
Sinnarbeit mit chronisch kranken Kin<strong>de</strong>rn und Jugendlichen jedoch<br />
in <strong>de</strong>r Praxis eine interdisziplinäre Aufgabe, an <strong>de</strong>r auch Seelsorger<br />
und Pädagogen beteiligt sind. Hilfreich wären daher auch Hinweise<br />
zu Perspektiven interdisziplinärer Zusammenarbeit gewesen.<br />
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Alexan<strong>de</strong>r Wertgen<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Hillenbrand, KlasseKin<strong>de</strong>rSpiel.<br />
C./ Pütz, K.: Spielerisch Verhaltensregeln<br />
lernen.<br />
Hamburg: edition Körber-<br />
Stiftung 2008<br />
Preis: 16 €<br />
ISBN: 978-3-89684-070-7<br />
Rezensionen<br />
Mit <strong>de</strong>m KlasseKin<strong>de</strong>rSpiel stellen Clemens Hillenbrand und Kathrin<br />
Pütz eine <strong>de</strong>utsche Umsetzung <strong>de</strong>s amerikanischen Good Behavior<br />
Games vor. Dieses „stellt eine pädagogische Maßnahme dar, die<br />
gezielt die Situation einer Lerngruppe nutzt, um ganz transparent<br />
Regeln eines respektvollen Miteinan<strong>de</strong>rs einzuüben“ (12).<br />
Für das Spiel wird eine Klasse in Teams aufgeteilt, es wer<strong>de</strong>n ge-<br />
meinsame Regeln entwickelt und Verstöße gegen diese Regeln<br />
(Fouls) <strong>de</strong>finiert. Über eine Spieldauer von zunächst zehn Minuten<br />
wird das Spiel zu Beginn täglich o<strong>de</strong>r mehrmals wöchentlich ge-<br />
spielt: Nach <strong>de</strong>m klar signalisierten Beginn <strong>de</strong>s Spiels wird je<strong>de</strong>s<br />
Foul einer Gruppe sachlich vom Lehrer benannt und notiert. Die<br />
Gruppen, die nach En<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Spieldauer weniger als eine vorher<br />
festgelegte Anzahl an Fouls begangen haben, erhalten eine Beloh-<br />
nung. Nach einer Einführungsphase wird das Spiel dann möglicher-<br />
weise auf weitere Unterrichtssituationen übertragen, ver<strong>de</strong>ckt ge-<br />
spielt, Belohnungen wer<strong>de</strong>n verän<strong>de</strong>rt usw. Das KlasseKin<strong>de</strong>rSpiel<br />
ist zunächst konzipiert für Lerngruppen <strong>de</strong>r Primarstufe. Eine Modi-<br />
fikation (KlasseTeamSpiel) richtet sich jedoch gezielt an Schülerin-<br />
nen und Schüler <strong>de</strong>r Klassen 5 und 6. Diese Modifikation stellen die<br />
Autoren <strong>de</strong>s Buches ebenfalls vor.<br />
Ein wesentliches Merkmal <strong>de</strong>s Good Behavior Games als universel-<br />
les Präventionsprogramm ist seine gut belegte Wirksamkeit: Diese<br />
bezieht sich auf seinen Einsatz ab En<strong>de</strong> <strong>de</strong>r 1960er Jahre im anglo-<br />
amerikanischen Raum. In verschie<strong>de</strong>nen Studien wur<strong>de</strong> festge-<br />
stellt, dass stören<strong>de</strong>s Verhalten in hohem Maße abnahm, mehr Zeit<br />
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<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
Rezensionen<br />
für Unterricht blieb, und dass vor allem langfristig die Entwicklung<br />
<strong>de</strong>r Schüler erheblich positiv beeinflusst wur<strong>de</strong>. Eine erste „Kölner<br />
Evaluationsstudie“ zum KlasseKin<strong>de</strong>rSpiel gibt ebenfalls Hinweise<br />
auf signifikante positive Effekte <strong>de</strong>r Präventionsmaßnahme auch für<br />
<strong>de</strong>n <strong>de</strong>utschsprachigen Kulturraum.<br />
Im Einzelnen glie<strong>de</strong>rt sich das Buch von Clemens Hillenbrand und<br />
Kathrin Pütz in vier Teile: Im 1. Teil wird das KlasseKin<strong>de</strong>rSpiel für<br />
die Anwendung in <strong>de</strong>r Praxis ausführlich dargestellt, eine Anleitung<br />
zur Einführung und Erprobung gegeben sowie Varianten und Modifi-<br />
kationen vorgestellt. Praxisberichte aus Deutschland und <strong>de</strong>n USA<br />
geben einen plastischen Eindruck von <strong>de</strong>r konkreten Arbeit mit <strong>de</strong>m<br />
Spiel. Im 2. Teil wer<strong>de</strong>n die theoretischen Grundlagen <strong>de</strong>s Klasse-<br />
Kin<strong>de</strong>rSpiels dargestellt. Die Autoren gehen auf <strong>de</strong>n wissenschaftli-<br />
chen Hintergrund <strong>de</strong>r Maßnahme ein und erlauben somit eine kriti-<br />
sche Einordnung. Im 3. Teil <strong>de</strong>s Buches wer<strong>de</strong>n die Ergebnisse wis-<br />
senschaftlicher Evaluation zum Good Behavior Game bzw. Klasse-<br />
Kin<strong>de</strong>rSpiel vorgestellt, <strong>de</strong>r 4. Teil bietet Literaturhinweise sowie<br />
zum Einsatz <strong>de</strong>s Spiels notwendige Materialien.<br />
Mit <strong>de</strong>m KlasseKin<strong>de</strong>rSpiel legen die Autoren ein lohnen<strong>de</strong>s, gut<br />
lesbares Buch vor, in <strong>de</strong>m eine evaluierte Präventionsmaßnahme in<br />
ihrer Verzahnung mit <strong>de</strong>n wissenschaftlichen Grundlagen darge-<br />
stellt ist. Es unterstützt Lehrkräfte darin, Kin<strong>de</strong>r in ihren sozialen<br />
und emotionalen Fähigkeiten sowie in <strong>de</strong>r Fähigkeit, selbstständig<br />
zu arbeiten, zu stärken, und zwar wirksam und mit überschauba-<br />
rem Aufwand.<br />
- 99 -<br />
Markus Brück<br />
<strong>Heilpädagogik</strong> <strong>online</strong> 03/ <strong>09</strong>
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