DAS RECHT DER TIERE DAS RECHT DER TIERE - Bund gegen ...

bmt.tierschutz.de

DAS RECHT DER TIERE DAS RECHT DER TIERE - Bund gegen ...

April 2011

DAS RECHT DER TIERE

T IERSCHUTZMAGAZIN VOM B UND G EGEN M ISSBRAUCH DER T IERE E.V.

VERHALTENSFORSCHUNG

Wie stressanfällig

sind Hunde?

TRAURIGE

KONKURSMASSE

HUNDEVERSTEIGERUNG

VOM MASSENZÜCHTER

PROTEST

OSTFRIESLAND GEGEN

HÄHNCHENMAST

BERLIN

NEUES PROJEKT

FÜR GRUNDSCHÜLER


Das Recht der Tiere 1/2011

2

I NHALT

6

Dr. Udo Gansloßer

und Sophie Strodtbeck

über Stress bei Hunden

12

Innovation oder doch eher

Mogelpackung?

Das Tierschutzpaket von Ilse Aigner

18

Gegen Pelz

Aufrüttelnde Kampagne

von bmt und draftcb

4 AKTUELL

Neues Projekt für Grundschüler

6 TITEL

Wie stressanfällig sind Hunde?

Von Dr. Udo Gansloßer und Sophie Strodtbeck

10 DEBATTE IM KÖLNER EXPRESS

"Tierschutz oder Quälerei?"

12 TIERSCHUTZPOLITIK

Im Fokus:

Das Tierschutzpaket von Ilse Aigner

15 AUSLANDSTIERSCHUTZ

Wieder Hundetötungen

in Rumänien?

16 KAMPAGNEN

Petition zum

Welpenhandelsverbot in

parlamentarischer Prüfung

20 "HUNDE KÖNNEN LÄNGER LEBEN, WENN…"

Das neue Schwarzbuch Tierarzt

22

44 Beitrittserklärung

Impressum

DAS RECHT DER TIERE Nr. 1/2011 Mitgliederzeitschrift des Bund

gegen Missbrauch der Tiere e. V.; Herausgeber: Bund gegen Missbrauch

der Tiere e.V, Viktor-Scheffel-Str. 15, 80803 München, Deutschland, Email:

mail@bmt-tierschutz.de; Redaktion: Verantwortlicher Redakteur .i.S.d.P.:

Claudia Lotz, Tel.: (030) 80 58 33 -38, Fax: -39, Petra Zipp, Tel.: (07121)

820 17 -0, Fax: -18; Rubrik Tierschutzpolitik Verantwortliche Redakteure

.i.S.d.P.: Mike Ruckelshaus, Tel.: (06035) 96 11 11, Torsten Schmidt, Tel.:

(04642) 92 24 97; Gestaltung: Stefan Lotz, Andrea Sturm;

bmt-GESCHÄFTSSTELLEN

22 Franziskus-TH Hunde-Versteigerung bei Halle

24 Issum Hope sucht eine Familie

26 TH Elisabethenhof Ernährung nach dem Dioxinskandal

28 Katzenhaus Göttingen gegen Katzen-Kastration

30 TH Hage Protest gegen Hähnchenmast

32 TH Arche Noah Von unsicheren und ängstlichen Hunden

34 Berlin “Kuscheln ohne Folgen”

36 TH Köln Keine Einzelhaltung für Kleintiere

38 TH Kassel Problem: Hunde-Vermittlung via Internet

40 Bayern Schülerhilfe für Esel Beppo

42 TSZ Pfullingen Hunde mit Handicap - na und?

ANZEIGEN Markt & Service 17 und 25

26

"Gesund ernähren -

aber ohne Fleisch!"

Ernährungswissenschaftler

Dr. Markus Keller

Druck: L.N. Schaffrath DruckMedien, Geldern;

Übernahme von Artikeln, auch auszugsweise, nur mit Quellenangabe

gestattet. Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier.

Auflage: 38.000 Exemplare

Verantwortlich für den Anzeigenteil:

Anzeigen-Büro Udo Kraushaar, Email: bmt@anzeigen-buero.de

Tel. (0 28 45) 53 86, Fax (0 28 45) 80 69 49

Titelbild: Emma Todt mit Umann


AUF EIN WORT…

Sie gestalten den bmt mit!

Liebe Mitglieder, liebe Tierfreunde,

2011 ist das Jahr der Neuerungen, zumindest gilt das für den bmt. So wie das Erscheinungsbild

unseres Magazins erneuert und die Vereins-Satzung modernisiert (s. Beihefter) wurde, gab es auch

im Verein selbst Veränderungen.

Dr. Jörg Styrie, bisheriger bmt-Vorsitzender, hat sich zu unserem Bedauern beruflich neu orientiert.

Wie sich der Vorstand künftig zusammensetzen wird, entscheiden auch Sie im Juni auf der

Jahreshauptversammlung des bmt in München. Die Einladung finden Sie im Beihefter.

Doch unabhängig davon, welcher Vorstand den bmt in die Zukunft führen wird, kann ich Ihnen

heute schon eines versichern: Ich habe in 34 Jahren Tierschutzarbeit und Zugehörigkeit für den

Verein viele Menschen kommen und gehen sehen - die Kontinuität des bmt und seiner Arbeit war

immer gesichert und wird es auch bleiben, dank eines handlungsfähigen Vorstands, engagierter

Mitarbeiter, ehrenamtlicher Helfer und nicht zuletzt dank Ihnen und Ihrer großartigen

Unterstützung!

Vor uns liegt ein arbeitsintensives Jahr. Im Vordergrund steht - wie immer - die praktische

Tierschutzarbeit in unseren Tierheimen, die direkte Hilfe für Tiere in Not. Aber auch der politische

Tierschutz hat seine Bedeutung, der wir seit Jahren Rechnung tragen: Der bmt ist in allen wichtigen

Gremien präsent und kämpft dort für gesetzlich verankerte Rechte der Tiere.

Im nächsten Jahr wird der bmt 60 Jahre alt. Ein Jubiläum, das wir mit Ihnen feiern möchten. Denn

jeder Einzelne von Ihnen hat den bmt zu dem gemacht, was er heute ist: Ein leistungsstarker

Verein, der seine schützende Hand über Tiere hält.

Ihre

Petra Zipp, stellvertretende bmt-Vorsitzende

und Auslandstierschutzkoordinatorin

Petra Zipp

E DITORIAL

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

4

Emma ist sechs Jahre, geht seit fast einem Jahr

in die Schule - und hat einen Freund. Ihr Freund

hat mit neun Monaten bereits die Schulterhöhe

eines Fohlens und ebenso lange Beine. Die wenigsten

aus Emmas Klasse kennen die Rasse von

"Umann", einem irischen Wolfshund, und könnten

sagen, was so ein großer Hund täglich frisst,

wie oft er Auslauf braucht, ob er umgänglich mit

Artgenossen ist - und das Entscheidende: wie er

mit Kindern umgeht, angefasst werden darf und

Fremde auf dem Grundstück duldet.

“ Liebe

GEMEINSCHAFTSPROJEKT

VON bmt UND PURINA FÜR GRUNDSCHÜLER

"Es ist wichtig", sagt Stefanie Argow,

"dass Schülern so früh wie möglich

grundlegende Kenntnisse über Tiere

vermittelt werden." Wer viel über Tiere,

ihre natürlichen Bedürfnisse und Ansprüche

weiß, wird ihnen mit Achtung

begegnen und sie zu schützen suchen -

das belegen wissenschaftliche Untersuchungen

seit langem. Um das Verhältnis

Kinder/Tiere von Beginn an in

die richtigen Bahnen zu lenken, hat die

25jährige Diplom-Sozialpädagogin einen

neuen Job angenommen: Sie ist

die Tierschutzlehrerin des Projekts "Lie-

be fürs Leben", einer

gemeinsamen

Initiative von bmt

und Purina, und

wird ab April Schulen

zunächst in Berlin

und im Berliner/Brandenburger

Umland besuchen.

"Hoffentlich kommt

die Tierschutzlehrerin

zuerst in unsere

Klasse", sagt Emma

fürsLeben “

Trinkt eine Katze Milch?

Tierschutzunterricht in einer

Potsdamer Vorschule

gespannt. Über

600 Grundschulen

gibt es in Berlin und

Brandenburg, viele

mit eigenen Tieren,

die - angeleitet von

Lehrkräften - von

den Mädchen und

Jungen eigenständig

betreut werden.

Im vergangenen

Herbst haben sich

der Tiernahrungs-

UNSERE TIERSCHUTZLEHRERIN kommt

Stefanie Argow hat in Berlin Sozialpädagogik mit den Schwerpunkten

"Tiergestützte Soziale Arbeit" und "Sozialmanagement" studiert.

Während ihres Studiums sammelte sie Erfahrungen auf einem Berliner

Kinderbauernhof mit Ausrichtung "Tiergestützte Pädagogik",

führte ein Forschungsprojekt über Tierbesuchsdienste im australischen

Melbourne durch und betreute Kinder in einer Tagesstätte, die

vom pädagogisch angeleiteten Kontakt mit Tieren profitieren sollten.

Um den Kindern den richtigen (sicheren) Umgang mit Hunden zu


hersteller Purina und der bmt zu dem

Gemeinschaftsprojekt "Liebe fürs

Leben" - Tierschutzunterricht für Grundschüler

entschlossen.

Dazu wurde ein Konzept für den Tierschutzunterricht

erarbeitet, das mit didaktisch

aufbereiteten Lehrmaterialien

für die Grundschulen unterstützt wird.

Mit der eigens für das Projekt beauftragten

Tierschutzlehrerin soll Kindern

alles Wichtige über den Umgang mit

Tieren und ihre artgerechte Haltung

vermittelt werden. Eine Projektkoordinatorin

stellt den Kontakt zu den Schulen

her und trägt dafür Sorge, dass

möglichst viele Grundschulen von dem

Projekt profitieren können.

Der bmt zählt seit 1994 zu den ersten

Tierschutzorganisationen in Deutsch-

auch an Ihre Schule!

vermitteln und Hunden mehr Gelassenheit im

Kontakt mit jungen und jüngsten Menschen beizubringen,

engagiert sich die Hundebesitzerin ehrenamtlich

für ein "Hundebiss-Präventionsprogramm".

Dieses, gerade in Großstädten mit hoher

Hundedichte, so wichtige Sicherheitstraining für

Kind und Hund führt sie auch aktuell weiter.

eMail: s.argow@liebefuersleben.net

land, die Tierschutzlehrer an Schulen

schickten, um Mädchen und Jungen für

den richtigen Umgang mit Tieren zu

sensibilisieren. In Baden-Württemberg,

Hessen, Niedersachsen und im Raum

Köln besuchten Tierschutzlehrer im

Auftrag des bmt Grundschulen und arbeiteten

seit 2005 sogar mit eigenem

Lehrmaterial.

Während die bmt-eigene Unterrichtsmappe

aktuelle Tierschutzthemen - von

Massentierhaltung über die Zirkusproblematik

bis zur Kettenhundhaltung im

Ausland - umfasst, sollte das neu zu erstellende

Schulmaterial von bmt und

Purina die Thematik Kleintiere mit

Schwerpunkt auf Hunde und Katzen als

beliebteste Haustiere Deutschlands in

den Vordergrund stellen.

In Zusammenarbeit mit dem Bildungsmedien-Verlag

Careline wurden nahezu

17.000 Exemplare bundesweit an

Grundschulen verschickt. Denn die

Tierschutzlehrerin wird nicht nur in Berlin

und Brandenburg unterrichten, sondern

nach und nach auch in weiteren

bundesdeutschen Städten. Allerdings

können aus logistischen Gründen nicht

alle Städte und Gemeinden in Deutschland

angefahren werden - das Projekt

"Liebe fürs Leben" sieht vor, dass die

Tierschutzlehrerin Stefanie Argow jene

Städte aufsucht, die in unmittelbarer

Nähe der bmt-Tierheime (Hamburg,

Bremen, Kassel, Frankfurt, Köln, Stuttgart)

liegen.

Die als Loseblattsammlung angelegten

Materialien sind liebevoll illustriert und

bieten auf 30 Seiten einen Überblick

über Herkunft von Hund und Katze,

ihre Bedürfnisse, Körpersprache und

-signale. Wann und wie darf man sich

einem Hund nähern, was bedeutet es,

wenn die Katze mit ihrem Schwanz

peitscht und welche Voraussetzungen

müssen gegeben sein, damit sich die

tierischen Freunde bei uns wohl fühlen?

Fundierte, altersgerechte Informationen

über Tiere, ihre Ansprüche an artgerechte

Haltung und Umgang gehören

ebenso zum Lehrstoff wie die

Vermittlung ethisch/moralischer Werte.

Mehr Infos unter:

A KTUELL

www.liebefuersleben.net

eMail: kontakt@liebefuersleben.net

Telefon: 030/22 15 03 97

Das Projekt koordiniert die bmt-Geschäftsstelle

in Berlin.

eMail: claudia.lotz@bmt-tierschutz.de

Text: Claudia Lotz

Das Unterrichtsmaterial

können Sie bestellen unter

kontakt@liebefuersleben.net

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

6

T ITELTHEMA

Ist jeder Hund gleichermaßen stressanfällig?

Wie entwickelt sich Stress,

wie kann er kompensiert werden? Dr.

Udo Gansloßer, Zoologe und Leiter

mehrerer Forschungsprojekte zur sozialen

Interaktion von Hunden, und

Tierärztin Sophie Strodtbeck, Schwerpunkt

Verhaltensfragen, über Stress

bei Tieren.


Wenn die individuelle Anpassungsfähigkeit

von Tieren überfordert ist,

entsteht ...

STRESS

"Der hat bestimmt Stress", wird schnell

gesagt, wenn Mensch oder Tier durch

bestimmte Verhaltensweisen wie Ruhelosigkeit,

Hektik, Aggression oder auch

durch besondere Ängstlichkeit auffallen.

Doch auch positive Änderungen

der Lebensumstände können als Stressoren

wirken und u.U. zu tragischen

Ausgängen führen. So sind schon

wiederholt Hunde oder andere Tiere,

die nach jahrelanger unzureichender

Haltung plötzlich in eine Familie mit

sehr viel Zuneigung und positivem sozialen

Umfeld gebracht wurden, innerhalb

weniger Tage an akuten Stresskrankheiten

gestorben.

Stress entsteht, wenn die Anpassungsfähigkeit

des Tieres

überfordert ist!

Wenn es also auf die Konsequenzen

ankommt, um den Stressbegriff zu verstehen,

sollte man eine Definition verwenden,

die diese Konsequenzen berücksichtigt.

Und dabei ist die

Stressdefinition von Donald Broom,

britischer Tierschutzforscher, hilfreich:

Nach Donald Broom tritt Stress nämlich

immer dann auf, wenn die Anpassungsfähigkeit

eines Tieres überfordert

wird und als Konsequenz daraus

schädliche nachteilige Wirkungen auf

die Gesundheit und die Fortpflanzungsfähigkeit

des Tieres entstehen.

Nicht jede Aufregung, die ein Tier erlebt,

löst Stress aus. Ein Versuch, der

vor einigen Jahren in Holland durchgeführt

wurde, zeigt dies. Familienhunde

wurden in einen Raum geführt, und

ein Mensch hat Lärm gemacht. Eine

Gruppe von Hunden konnte den Menschen

dabei beobachten, die andere

Gruppe nicht. Die Testhunde, die den

Mensch nicht beobachten konnten,

zeigten deutlich erkennbare Anzeichen

von Stress im Verhalten und auch

in den Herz-, Kreislauf- und Hormonwerten.

Jene Hunde, die den Menschen zuschauen

konnten, zeigten aktive Unterwerfung,

hatten aber keinerlei Stressanzeichen,

auch nicht in den Hormonoder

Kreislaufwerten. Offensichtlich

kommt es auf die Fähigkeit an, die Umwelt

zu kontrollieren. Wenn man in der

Lage ist, durch sein eigenes Tun einen

zunächst unerfreulichen oder unbefriedigenden

Zustand für sich selber erträglich

zu machen, muss man keinen

Stress empfinden. Das wäre - im

T ITELTHEMA

Sprachgebrauch von Donald Broom -

als Herausforderung, Stimulation oder

Aufregung zu sehen, aber nicht als

Stress.

Lösen tierschutzrelevante

Haltungen immer Stress aus?

Bei der Beurteilung von Tierschutzfragen

kommt folgendes Problem hinzu:

Der Begriff Stress wird häufig vorschnell

in der Bewertung von tier- und

verhaltensgerechten Unterbringungen,

sei es bei "Nutztieren", Haustieren, Zootieren

oder auch Heimtieren, gebraucht.

Hier ist jedoch Vorsicht geboten!

Insbesondere zeigen viele Untersuchungen,

dass nicht alle Verhaltensweisen

eines Tieres gleiche Wichtigkeit

und gleiche Bedeutung haben.

In wissenschaftlichen Abhandlungen

Stressfaktoren: schlechte Haltung,

keine Sozialkontakte

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

8

T ITELTHEMA

zum Thema Wohlbefinden bei Tieren

wird zunehmend zwischen zwei Gruppen

von Anforderungen und Situationen

entschieden: Zwischen den Notwendigkeiten,

das sind Dinge, die das

Tier zum Überleben und zur Aufrechterhaltung

seiner körperlichen und geistigen

Unversehrtheit unbedingt

braucht, und den Gelegenheiten. Das

sind Dinge, die man zwar nicht unbedingt

braucht, aber Vergnügen empfindet,

wenn man sie hat.

Leiden entsteht nach diesen Überlegungen

dann, wenn die Notwendigkeiten

(Nahrung, Wasser, Schutz vor Fressfeinden,

Sicherheit des Nachwuchses

etc.) beeinträchtigt sind und man nichts

dagegen tun kann. Vergnügen entsteht

dann, wenn Gelegenheiten (Spielkameraden,

süßes oder wohlschmeckendes

Futter etc.) vorhanden sind. Fehlen

die Gelegenheiten, ist das Leben zwar

etwas langweiliger, aber das Wohlbefinden

des Tieres dadurch noch nicht

beeinträchtigt. Bei Hunden gehört

zweifellos der Sozialkontakt (Halter und

Mithund) zu den Notwendigkeiten.

Stereotypien können helfen,

Stresssituationen zu bewältigen

Eine weitere Schwierigkeit sehen wir in

der Bewertung von Verhaltensauffälligkeiten

und Stereotypien. Es ist unbestreitbar,

dass zur Entstehung von Stereotypien

unbefriedigende Zustände

gehören. In der Regel hat jedes Tier,

das Stereotypien zeigt, über einen längeren

Zeitraum mit unzureichenden

und bisweilen auch nicht verhaltensgerechten

Unterbringungen oder Lebenssituationen

Kontakt gehabt.

Sobald die Stereotypie jedoch fixiert ist,

wird sie auch bei vergleichsweise harmlosen

Belastungen und leichten Unzufriedenheiten,

bei Erwartung von Futter

oder anderen durchaus positiven, in

der Zukunft liegenden, Ereignissen etc.

gezeigt. Ein Tier, das eine Stereotypie

zeigt, muss also nicht akut leiden. Es

hat nur in seiner Vergangenheit eine

unbefriedigende, vielleicht auch Leiden

schaffende Situation durchlebt. Dagegen

sind Stereotypien zur Bewertung

der aktuellen Haltungsbedingungen

nicht unbedingt geeignet.

Nicht alle Hunde leiden im

Tierheim

Interessanterweise produzieren Tiere

mit Stereotypien oft in der aktuellen Situation

weniger Stresshormone und

kommen besser klar als Tiere ohne Stereotypien.

Selbst bei unseren Artgenossen

ist dies nachgewiesen: Kinder in

der Schule, die beim Abgefragtwerden

mit den Beinen wippen durften, hatten

geringere Stresshormonwerte als Klassenkameraden,

die das nicht durften.

Unseres Erachtens nach sollten Stereotypien

primär nur dann unterbunden

und durch Umkonditionierung oder

andere Ablenkungsstrategien verringert

werden, wenn sie durch ihre Ausführung

zu gesundheitlichen Problemen

(z.B. Gelenkschäden durch

Weben bei Pferden oder Selbstverletzung

Ergreifen und Hineinbeißen des

Schwanzes bei Hunden) führen. In den

anderen Fällen sollte man vorsichtig

sein, bevor man dem Tier die Stereotypie

verbietet und ihnen damit die selbst

gewählte Bewältigungsstrategie nimmt.

Die Forschung kennt drei

Stressachsen im Körper …

Die wichtigsten Auswirkungen von

Stress auf den Körper eines Tieres sind

nur zu verstehen, wenn wir uns mit den

drei großen Stresshormonsystemen etwas

ausführlicher beschäftigen:

1. Die Gonadenachse wirkt als ein

Stresssystem aus dem Gehirn unmittelbar

auf die Fortpflanzungsorgane.

Stress reduziert die Fortpflanzungsfähigkeit

eines Tieres auf Dauer, wobei

die Auswirkungen bei männlichen Tieren

meist schleichend und daher nicht

sofort erkennbar sind. Die Decklust und

das Sexualverhalten werden etwas weniger

intensiv, die Zahl der lebensfähigen

und befruchtungsfähigen Samenzellen

geht langsam zurück und das

alles in einer Geschwindigkeit, die oft

ohne medizinische Untersuchungen

nicht nachweisbar ist.

Erst bei ziemlich starker Belastung zeigt

sich dann in einer Häufung von erfolglosen

Deckakten oder in einer allgemeinen

Deckunlust, dass hier etwas

nicht stimmt. Beim weiblichen Geschlecht

sind Unregelmäßigkeiten im

Zyklus oder auch eine verringerte Wurfgröße

bei solchen Tieren, die normalerweise

Mehrlingsgeburten haben, die

Regel. Trotzdem ist die Gonadenachse

als Stresssystem (bis auf Haus- und

"Nutztier"forschung) weitestgehend

stiefmütterlich behandelt worden.

2. Das Kampf- und Fluchtsystem als

viel bekannteres Stresssystem. Es soll

den Körper auf zukünftige Gefahren

und deren Bewältigung vorbereiten. Es

arbeitet überwiegend mit den beiden

Hormonen Noradrenalin und Adrenalin.

Noradrenalin ist hierbei im Gehirn

für die Auslösung von aggressiven

Stimmungen, Selbstverteidigungsaggression

etc. verantwortlich, Adrenalin

dagegen eher für Fluchtverhalten.

Die körperlichen Auswirkungen der

beiden Systeme sind ziemlich identisch;

Herz- und Kreislauf werden

angeregt, die Atmungs- und

Pulsrate beschleunigt, die

Durchblutung wird auf bestimmte,

für die Auseinandersetzung

besonders wichtige

Organe konzentriert

(Muskulatur, Herz,

Gehirn und große

Sinnesorgane),

die Aktivität der

Zellatmung wird

beschleunigt

und zugleich

die Blutgerinnungsgeschwindigkeit

erhöht.

All das sind

durchaus biologischsinnvolleVorbereitungsmaßnahmen

für eine

mögliche Aus-


einandersetzung, bei der man ja kräftig

und zielsicher agieren und auch bei

Verletzungen nicht sofort allzu viel Blut

verlieren sollte.

Gesundheitsgefährdend wird es dann,

wenn diese Hormonachse zu lange

oder zu oft hintereinander aktiviert

wird, dann entstehen eben die typischen

Gefäßverschlusserkrankungen

wie Infarkte, Bluthochdruck und andere

Erscheinungen. Durch seine "Sportlerphysiologie"

scheint der Haushund

für diesen Stress nicht so anfällig zu

sein, weil er Stressbelastungen durch

Aktivität/Bewegung etc. kompensieren

kann.

3. Das passive Stresssystem wird auch

als Kontrollverlustsystem bezeichnet.

Hier ist das wichtigste Hormon, beim

Hund wie beim Menschen, das Cortisol

aus der Nebennierenrinde. Es wirkt

sich sowohl körperlich als auch psychisch

eher aktivitätsdämpfend aus. Im

körperlichen Bereich wird der Blutzuckerspiegel

erhöht, die Muskulatur bei

längerer Cortisolausschüttung abgebaut

und in den Stoffwechsel eingeschleust,

das Immunsystem wird geschwächt

und allgemein werden Verdauungsprozesse

angeregt, um dem

Körper für die erwartende Belastung

den notwendigen Brennstoff liefern zu

können.

Psychisch wirkt Cortisol verhaltensdämpfend

und aktivitätsmildernd,

die Tiere können

bis zur

Passivität, Apathie

und depressiver

Verstimmtheit absinken. Angst, Angstaggression,

aber auch Futterverteidigung

werden unter Cortisolwirkung gesteigert.

Lern-, Konzentrations- und

Gedächtnisschwäche, nächtliche Unruhe

und Schlaflosigkeit sind weitere

Symptome im Verhaltensbereich.

Des Weiteren ist zu betonen, dass Cortisol

und Cortison chemisch sehr nahe

verwandt sind, und ein Hund, der systemisch,

also über die Blutbahn oder

den Verdauungstrakt Cortison verab-

reicht bekommt, die gleichen Verhaltensänderungen

zeigen wird, wie einer,

der aus Stress körpereigenes Cortisol

produziert. Und letztlich muss man

noch wissen, dass Cortisolanstiege

auch an der Basis der altersabhängigen

Verhaltensänderungen stehen

können und viele Demenzerscheinungen

bei alten Hunden auch auf einen

übermäßig erhöhten Cortisolspiegel

(z.B. Morbus Cushing) zurückzuführen

sind.

Zu den Autoren:

Schlechte Erfahrungen können

Stereotypien auslösen

T ITELTHEMA

Hunde im gemeinsamen Spiel

Bewegung baut Stress ab!

Wir müssen uns bemühen, unseren

Hunden nicht den Stress in jeder Weise

zu ersparen - viel wichtiger ist es, den

Hunden die Stressbewältigung zu ermöglichen,

indem man ihnen einschlägig

wichtige Verhaltensstrategien vermittelt.

Ein ordentliches Training mit der Möglichkeit,

Stress abbauen zu können, ist

daher wichtiger als die Vermeidung von

Stress, die in der Regel sowieso nicht

wirklich funktioniert. Stress ist keine

Krankheit, sondern ein biologisch sinnvolles

und normales Verhalten, und wir

müssen, sei es als Mensch oder als

Hund, lernen, damit umzugehen, anstatt

ihn zu verteufeln. Stress macht nur

dann krank, wenn wir nicht wissen,

wie wir mit ihm umzugehen haben.

Und das gilt für Hunde genauso wie für

Menschen.

Dr. Udo Gansloßer (geb. 1956) ist Privatdozent für Zoologie

an der Universität Greifswald und Lehrbeauftragter am

Phylogenetischen Museum und Institut für Spezielle Zoologie

der Universität Jena. Seit mehreren Jahren betreut er Forschungsprojekte

über Haushunde und Wildhundeartige. Dabei

geht es vor allem um Fragen von Sozialbeziehungen und sozialen

Mechanismen.

Sophie Strodtbeck (geb. 1975) ist Tierärztin mit Schwerpunkt

Verhalten und Ernährung. Mit Dr. Gansloßer steht sie

Hundehaltern in Kooperation mit den behandelnden Tierärzten

und Hundeschulen in Verhaltensfragen beratend zur Seite.

Mehr Infos zum Projekt: www.einzelfelle.de

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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A KTUELL

TIERHEIME

Im Januar 2011 schaltet sich der Kölner Express

in ein sensibles Thema ein. Unter dem Titel "Tierschutz

oder Quälerei?" wird die Frage aufgeworfen,

ob die jahrelange Betreuung von schwer

vermittelbaren Tierheimhunden tierschutzgerecht

und gerade unter Kostenaspekten zu vertreten

sei.

Obwohl der Artikel eine eindeutige Antwort

schuldig bleibt und die Euthanasie von Tierheimtieren

nicht direkt befürwortet, wird der

Vorsitzende von "Hartz IV-Betroffene e.V." abschließend

mit folgender Einschätzung zitiert:

"Hunde zählen hier mehr als Menschen".

Zu der Debatte nimmt Bernd Schinzel, Tierheimleiter

Köln-Dellbrück, im RdT Stellung.

RdT: Herr Schinzel, Sie arbeiten mittlerweile

über 30 Jahre im Tierschutz und

leiten seit 1995 das größte Tierheim

des bmt, das Tierheim in Köln-Dellbrück

mit einer Aufnahmekapazität von

ca. 500 Tieren. Haben Sie auch die Erfahrung

gemacht, dass in Deutschland

Hunde mehr zählen als Menschen, wie

Jürgen Weber von "Hartz IV Betroffene

e.V." beobachtet haben will?

Bernd Schinzel: Nein, das habe ich

nicht! Hunde sind nicht mehr, aber

nicht weniger wert als Menschen - sie

sind Lebewesen und unsere Schutzbefohlenen.

Ich war erschüttert, als ich

las, wie Herr Weber im Express polarisierte:

Hier werden Hunde als Täter

dargestellt, dabei sind sie im Gegenteil

Opfer gewissenloser Züchter und unfähiger

Halter.

Dass die Aufnahme

eines Hundes Verantwortung

mit

allen Konsequen

IM VISIER

DER BOULEVARDPRESSE

zen von artgerechter Haltung bis zur

ausreichenden Bewegung bedeutet,

machen sich viele Menschen trotz umfangreicher

Aufklärung nicht bewusst.

Die Folgen erleben wir täglich, ohne

dass ich jetzt näher auf die Zuspitzung

der Verantwortungslosigkeit - unseriöse

Zucht und Verkauf von Welpen über

das Internet und Zeitungsannoncen -

eingehen möchte.

RdT: Herr Weber vergleicht den Tagessatz

großstädtischer Tierheime für Hunde

(21 Euro, davon 1,50 Euro für Futter)

mit dem Tagessatz für Kinder (3

Euro) aus Hartz IV Familien. Warum ist

dieser Vergleich wenig hilfreich?

Bernd Schinzel: Erst einmal

grundsätzlich:

Der Vergleich zwischen

Tagessätzen

von HartzIV- Kindern

und Tierheimtieren

ist

völlig unzulässig!

Wir

wissen alle, dass HartzIV ein Leben auf

dem Minimum bedeutet, unter dem besonders

Kinder zu leiden haben. Und

wir wissen auch, dass viele Menschen

unverschuldet in die Arbeitslosigkeit

und Abhängigkeit von staatlichen

Transferleistungen geraten sind.

Doch dafür sind Politiker verantwortlich

und zum Handeln aufgerufen, den

Jüngsten ein würdevolles Heranwachsen

und damit die Teilhabe an der Gesellschaft

zu ermöglichen. Unsere Verantwortung

besteht darin, Schutzbefohlene

für Tiere zu sein, und diese Aufgabe

nehmen wir wahr!

Zum Tagessatz von Hunden: Ich weiß

nicht, wie Herr Weber auf diesen Satz

"Wir sind die Schutzbefohlenen

für die Tiere" (Bernd Schinzel)


kommt. Möglicherweise wurden verschiedene

Kosten (Stundenlohn für

Tierpfleger, Energie, Reinigung etc.) auf

jeden Hund "umgelegt" und so die 21

Euro in den Raum gestellt. Jede Stadt

zahlt unterschiedliche Sätze für die

Fundtierbetreuung. Das Tierheim Köln-

Dellbrück arbeitet sehr gut mit der Stadt

Köln zusammen; es ist eine Symbiose,

wir brauchen die Stadt und sie braucht

uns. Wir haben viele Gespräche geführt

und sind zu einer für beide Seiten

tragbaren Lösung gekommen.

Für die ersten 20 Tage, die ein Hund

bei uns betreut wird, zahlt die Stadt

8,44 Euro, außerdem 80 Euro für die

Kastration eines Rüden, 120 Euro für

die einer Hündin und pauschale 30 Euro

für die Eingangsuntersuchung. Ähnlich

die Regelung für Fundkatzen mit

mehr als vier Euro Tagessatz für die ersten

20 Tage und Übernahme der erwähnten

Kosten. Selbst für Kleintiere

zahlt Köln einen Euro am Tag. Für die

vermeintlich gefährlichen Hunde (§3 und

§10 Landeshundegesetz) zahlt die Stadt

die Unterbringung für zwei Jahre.

Die Kehrseite: Viele Tiere bleiben länger

als 20 Tage bei uns. Wie schnell sie

vermittelt werden können, hängt von

mehreren Faktoren ab: Gesundheits-

zustand, Alter, Verhalten, Charakter,

rassespezifische Eigenarten (Landeshundegesetz)

und nicht zuletzt Farbe

und Aussehen. Je länger wir die Tiere

versorgen müssen, desto höher sind

unsere Kosten.

RdT: Der Express schreibt: "Viele niedliche

Tiere werden schnell vermittelt, für

kranke und verhaltensauffällige Tiere

ist das Heim oft Endstation - insbesondere

für Kampfhunde, die von unverantwortlichen

Haltern "scharf" gemacht

wurden." Stimmt diese Darstellung,

und, wenn ja, wer trägt die Verantwortung

für diese Entwicklung?

Bernd Schinzel: Nicht alle "Kampfhunde"

sind scharf gemacht; eher sind sie

unzureichend sozialisiert oder erzogen

worden. Sie kommen teilweise mit

schweren Traumata zu uns und müssen

aufwendig, oftmals von Ehrenamtlern

mit Anleitung resozialisiert werden (was

man ja übrigens auch recht aufwendig

mit ehemaligen Straftätern macht).

Ich fände eine generelle Eignungsprüfung

für jeden (künftigen) Hundehalter

wichtig und nicht nur für die Besitzer

von §3- und §10 Hunden (z.B. Staffordshire,

Pitbull, Dogo Argentino, Mastiff,

Kangal etc.) im Landeshundegesetz.

Im Übrigen trägt jeder die

Verantwortung für sich selbst und damit

natürlich auch für seinen Hund.

Verantwortung für diese Entwicklung?

Jeder Politiker, der an der unsinnigen

und fachlich völlig inkompetenten Gesetzes"lösung"

mitgestrickt hat, die

Hunde bestimmter Rassen und ihre Abkömmlinge

per se als gefährlich und

unberechenbar stigmatisiert.

RdT: Laut Express fragen sich bereits

Tierschützer, ob die lebenslange Betreuung

im Tierheim noch tierschutzgerecht

ist? Wie sehen Sie das?

Bernd Schinzel: Ich weiß nur, was nicht

tierschutzgerecht ist und bedauerlicherweise

von nur wenigen Menschen

überhaupt wahrgenommen wird: Hunde

lebenslang an der Kette, Hunde eingesperrt

in Kellern, Hütten, Zwingern,

Hunde, zur Bewachung von Schrottund

Autohandelsplätzen abgestellt.

Von Hunden, die mehr als zehn und

zwölf Stunden in die Wohnung gesperrt

A KTUELL

auf ihren Vollzeit arbeitenden Besitzer

warten, gar nicht zu reden.

Hunde sind soziale Wesen, sie müssen

innerartlich und mit Menschen kommunizieren

dürfen - alles andere ist

grob tierschutzwidrig. Diese Voraussetzung

(und noch viele mehr) erfüllen wir

im Tierheim: Hunde werden paarweise

gehalten, gehen in kleinen Gruppen

mit - sachkundigen! - Ehrenamtlichen

spazieren. Auf diesen Ausflügen, die

für jeden Hund Höhepunkt des Tages

sind, bekommen sie Aufmerksamkeit,

Zuwendung und können mit ihrer Bezugsperson

nebenbei noch das "Hunde

Für jeden Hund gibt´s

die "richtigen" Menschen

ABC" auffrischen. Die Sportskanonen

unter den Hunden machen zusätzlich

noch Agility in den Freiläufen…

Was ist ein Tierheim, was sollte es leisten?

Im Begriff steckt die gesamte

Schutzfunktion: Ein HEIM sollte Zuflucht

bieten, zuverlässig sein und Sicherheit

geben. Darum bemühen wir uns - jeden

Tag.

RdT: Im Artikel kommen mehrere Gesprächspartner

zu Wort, die zu der Euthanasie

von Tierheimhunden in Einzelfällen

Stellung nehmen. Was halten

Sie von dieser Diskussion?

Bernd Schinzel: Das Wort habe ich aus

meinem Vokabular gestrichen…und

doch wird es immer und überall Einzelfälle

geben, bei denen eine derartige

Entscheidung streng durch mehrere Instanzen

geprüft werden muss. Wenn

ein Tier leidet, psychisch oder physisch,

und keinerlei Linderung oder Hilfe

mehr möglich ist, sollte man es "gehen"

lassen. Das ist eine Entscheidung, die

der Tierschutz im Sinne einer "Erlösung"

treffen muss.

Text: Claudia Lotz

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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T IERSCHUTZPOLITIK

INNOVATION

oder doch eher

Bundesministerin Ilse Aigner ist nach dem Dioxin-Skandal und vor

weiteren Landtagswahlen bemüht, bei den Verbrauchern das verlorene

Vertrauen zurückzugewinnen. Im Februar stellte sie der Öffentlichkeit

ein Tierschutzpaket vor. Diese Sammlung an Gesetzes- und

Verordnungsinitiativen soll zum großen Teil noch in diesem Jahr umgesetzt

werden.

Kernpunkte sind ein generelles Verbot der in Deutschland unter dem

Begriff "Kleingruppenhaltung" praktizierten Käfighaltung für Legehennen,

ein Verbot der Brandkennzeichnung von Pferden, ein Verbot der unbetäubten Ferkelkastration,

scharfe Haltungsregeln für Mastkaninchen und strengere Regeln für die Wildtierhaltung.

Wie innovativ ist dieses Paket oder ist es, wie die taz meinte, lediglich eine

Mogelpackung?

1 Nach Wunsch der Ministerin

sollen nur noch

Boden-, Freiland- und

Ökohaltung genehmigungsfähig

sein. Dies wäre dann auch

ein Ende der tierschutzwidrigen Käfighaltung

in Deutschland überhaupt, die

verharmlosend als "Kleingruppenhaltung"

vermarktet wurde. Die herkömmliche

Käfighaltung ist in Deutschland

ohnehin seit 2009 verboten. Die rechtliche

Steilvorlage für die aktuelle Initiative

kommt aber nicht von Berlin, sondern

aus Karlsruhe.

Das Bundesverfassungsgericht hatte im

Dezember 2010 die Kleingruppenhaltung

erst einmal gekippt und der Nor-

Mogelpackung?

ENDE DER KLEINGRUPPENHALTUNG?

menkontrollklage des Landes Rheinland-Pfalz

aus formalen Gründen

Recht gegeben. Das Gericht bemängelte,

dass die Bundestierschutzkommission

nicht am Entscheidungsprozess

beteiligt war, so wie es das Tierschutzgesetz

vorsieht. Ministerin Aigner ist somit

gezwungen, rasch zu handeln,

denn das Verfassungsgericht hat eine

Frist bis Ende März 2012 gesetzt. Die

Bundesländer wollen parallel ihre

Möglichkeiten nutzen.

Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen

haben im Februar zusätzlich eine

Bundesratsinitiative für ein Verbot der

Kleingruppenhaltung gestartet. Die politischen

Chancen stehen in der Tat

nicht schlecht, da immer mehr

Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels

und verarbeitende Betriebe

Käfigeier auslisten. Das Verbot

der Kleingruppenhaltung könnte sich

also als Selbstläufer herausstellen.


2

HEISSBRAND BEI PFERDEN

Da Pferde EU-weit seit Juli 2009 mittels Chip gekennzeichnet werden müssen, ist der schmerzhafte

Heißbrand bei Pferden nicht mehr notwendig. Beim Schenkelbrand entstehen partiell

Verbrennungen dritten Grades durch das 800 Grad heiße Eisen. Pferdezuchtverbände beharren jedoch auf

dem "Markenzeichen", weil sich gebrannte Tiere traditionsgemäß profitabler vermarkten lassen. Die Tierschutzrelevanz

des Brandes wird deshalb systematisch klein geredet.

Rückendeckung bekommen sie ausgerechnet von Aigners

Parteikollegen der CDU/CSU-Fraktion.

Im federführenden

Ausschuss für Ernährung,Landwirtschaft

und Verbraucherschutz

wurde der Antrag

von Bündnis 90/

Die Grünen für ein

Verbot des Heißbrandes

im Februar

2011 kurzerhand mit fadenscheinigen Argumenten abgelehnt,

wenige Tage nachdem Ministerin Aigner in ihrem

Tierschutzpaket das Verbot angekündigt hatte.

3

VERBOT DER

FERKELKASTRATION

OHNE BETÄUBUNG

Jährlich werden

in Deutschland

rund 18 Millionen

männliche

Ferkel kastriert,

um das Entstehen

des typischenEbergeruchs

zu vermeiden

- und

zwar bei vollem

Bewusstsein der

Tiere. Die seit

Jahren von Tierschutzverbänden aufgezeigte Problematik

ist nun auch bei den Landwirten angekommen.

In der im Dezember von der EU forcierten "Brüsseler Erklärung"

haben sich alle wichtigen Akteure aus Schweineerzeugenden

Mitgliedsstaaten auf 2018 als Frist zum Umstieg

von der Kastraten- auf die Jungebermast geeinigt. Ab

2012 soll als erster Schritt EU-weit nicht mehr ohne

Schmerzbehandlung und/oder Betäubung kastriert werden

dürfen. Ministerin Aigner findet somit ein gut bestelltes

Feld vor, die politischen Hürden sind weit gehend geräumt.

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Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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T IERSCHUTZPOLITIK

4

HALTUNGSREGELN

FÜR MASTKANINCHEN

Weder in Deutschland noch auf europäischer Ebene gibt es konkrete

Regelungen zur Haltung von Kaninchen, obwohl darüber seit mehr als zehn

Jahren verhandelt wird. Im März 2009 hat deshalb der Bundesrat einen Entschließungsantrag

der Bundesländer Baden-Württemberg und Niedersachsen

angenommen und die Bundesregierung aufgefordert, sich für den raschen Abschluss

der Europaratsempfehlungen zur Haltung von Mastkaninchen einzusetzen.

Sollte dies nicht möglich sein, fordern die Länder von der Bundesregierung, nationale

Vorschriften zu erlassen. Am 29. März 2010 kündigte das Bundeslandwirtschaftsministerium

an, in dieser Legislaturperiode einen entsprechenden

Vorschlag zur Ergänzung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung vorzulegen.

Eine im Ministerium eingerichtete Arbeitsgruppe soll einen entsprechenden

Entwurf ausarbeiten.

Von Seiten des Tierschutzes ist allerdings Skepsis angesagt, ob die Regelungen

tatsächlich auch zum Wohle der Tiere ausfallen werden. So soll nach Willen des

Ministeriums ein Gutachten der Justus-Liebig-Universität Gießen als wesentliche

fachliche Grundlage herangezogen werden, wohl wissend, dass der Gutachter

massiv die klassische tierschutzwidrige Käfighaltung propagiert. Erschreckenderweise

werden in diesem Gutachten selbst Metallgitterböden für die Haltung

als "grundsätzlich geeignet" angesehen, obwohl die Europäische Lebensmittelbehörde

schon 2005 nach umfangreichen Recherchen zum Ergebnis kommt,

dass wunde Läufe aufgrund der Haltung auf Drahtgitterböden der dritthäufigste

Tötungsgrund bei Zuchtkaninchen darstellen.

6

EU-WEITES TIERSCHUTZLABEL

Im Rahmen einer "Charta Landwirtschaft und

Verbraucher" will Ministerin Aigner nicht nur für

strengere Tierschutzvorschriften, sondern auch

für ein europaweites Tierschutzlabel sorgen.

Damit soll der Verbraucher erkennen können, unter welchen

Bedingungen das Produkt erzeugt wurde. Der begrüßenswerte

Vorstoß hat nur zwei Pferdefüße: Das Label soll freiwillig

von der Lebensmittelindustrie angewendet werden

- und die Einführung nicht national, sondern

im europäischen Rahmen stattfinden. Das

kann dauern. Ob am Ende ein einheitliches

Label stehen wird, welche

Kriterien ihm zugrunde liegen

und wie die

Kontrolle

funktionieren soll,

ist völlig offen.

Wenn man also

das von Ministerin

Aigner so positiv

dargestellte Tier-

5

STRENGERE

REGELN FÜR

ZOO- UND

ZIRKUSTIERE

Die von Ministerin Aigner im letzten Jahr

eingerichtete Sachverständigengruppe,

die seitdem die bestehenden (veralteten)

Haltungsempfehlungen für Säugetiere

wild lebender Arten überarbeitet, ist ein

hart erkämpfter Erfolg der Tierschutzorganisationen

in Deutschland.

Seit Jahren hatte man auf verschiedensten

Ebenen für die Überarbeitung gekämpft.

Auch der bmt ist in der Sachverständigengruppe

vertreten.

Das Gutachten wird voraussichtlich im

Sommer 2012 fertig sein. Anschließend

sollen dann die Haltungsempfehlungen

für Zirkustiere überarbeitet werden, wobei

die Länder bereits 2003 in ihrem

Bundesratsbeschluss ein Verbot der Haltung

von wildlebenden Tieren bestimmter

Arten in Zirkussen gefordert hatten.

Auch da somit nicht Neues.

schutzpaket politisch bewertet, stellt man fest, dass Ilse Aigner

überwiegend auf vorbereitete Initiativen der Bundesländer

oder der EU zurückgreift. Die Gefahr, sich "politisch zu

verbrennen" ist also gering. Allenfalls beim Heißbrand bei

Pferden und bei

den Mastkaninchen

wird sich zeigen, ob

den Worten nun

auch Taten folgen

werden.

Text: Torsten Schmidt

Fotos: www.soylent-network.com


OPFER

RUMÄNIEN

ERWÄGT SCHON WIEDER DIE

TÖTUNG VON STRASSENHUNDEN!

Seit über zwei Jahren verbietet das Tierschutzgesetz

in Rumänien das Töten von

Straßenhunden und unterstützt auf dem Papier

ausdrücklich die Geburtenkontrolle

("Fangen, Kastrieren, Wiederaussetzen"),

die die Weltgesundheitsorganisation (WHO)

im Zuge der Tollwutbekämpfung entwickelt

hatte. Diese humane Methode entspricht

dem neuesten Stand der Wissenschaft, der

Überpopulation von Straßentieren in Europa

nachhaltig zu begegnen.

Doch ungeachtet dessen hat Rumänien

die letzten Jahre versäumt, diese

Strategie umzusetzen und vielerorts

Straßenhunde grausamst gesetzwidrig

eingefangen und getötet. Viele Zeugenberichte

dokumentieren dies.

Im vergangenen Jahr forderte dann

der Präfekt von Bukarest die erneute

Legalisierung der Tötung nach 14 Tagen,

festgelegt durch ein entsprechendes

Gesetz. Trotz nationaler und internationaler

Proteste beschäftigte sich

das rumänische Parlament - ohne eine

Lösung zu finden - bis zum Jahresende

mit der Frage, ob und wie das Tötungsverbot

von Straßenhunden aufgehoben

werden könne.

Und nun in diesem Jahr der erneute

Vorstoß: Am 7. März sollten Abgeord-

MEHR INFOS UNTER:

www.bmt-auslandstierschutz.de

Tel: 07121/820 17 -0 oder -23

(Petra Zipp)

bmt-SPENDENKONTO AUSLAND

Stichwort: Rumänien oder Ungarn

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BLZ 500 502 01

IBAN DE 795005 0201 0000847275

SWIFT BIC HELADEF 1822

DER

nete des rumänisches Parlaments über

einen Gesetzentwurf befinden, der das

Schicksal der Straßentiere endgültig

besiegeln würde.

Der Vorschlag sieht vor, Straßenhunde

nach 14 Tagen zu töten und die Entscheidung

über Leben und Tod einzig

den Kommunalverwaltungen zu überlassen.

Damit hinge das Schicksal jedes

einzelnen Tieres vom jeweiligen Bürgermeister

und seiner subjektiven Einstellung

zu Tieren ab. Willkür, Profitstreben

und kriminelle Machenschaften,

wie in den vergangenen Jahren

im Zusammenhang mit Tötungen

von Hunden in großem Stil immer wieder

dokumentiert, wären nicht mehr zu

kontrollieren.

Die Konsequenz aus diesem Gesetz

wäre ein Freibrief zur Tötung aller Straßen-

und Tierheimtiere und würde die

Jagd organisierter Brigaden, im Auftrag

der Städte und Kommunen, auf

heimatlose Hunde wieder eröffnen.

Aufgrund der abermals einsetzenden

nationalen und internationalen Proteste

entschieden die Parlamentarier am

7. März nicht über den Gesetzentwurf,

sondern gaben die Vorlage an die

Fachkommission zur Überarbeitung

zurück. Dort wurde am 5. April wieder

mit 16 gegen 6 Stimmen für die Eutha-

A USLANDSTIERSCHUTZ

WILLKÜR

nasie gestimmt. Nun ist erneut das Parlament

gefragt.

Weil die wiederholte Ankündigung zur

Massentötung von Straßentieren nicht

mit dem Artikel 13 des Lissabon-Vertrags

vereinbar ist, wandten sich mehrere

Mitglieder des Europäischen Parlaments

an den rumänischen Staatspräsidenten

und die Generalsekretärin

des rumänischen Parlaments. Sie appellierten

mit Hinweis auf den Grundsatz

des für alle EU-Mitgliedsstaaten

gültigen Lissabon-Vertrages, der Tiere

als "fühlende Wesen" respektiert, von

der in Aussicht gestellten Tötung der

Straßentiere abzusehen und das Ansehen

des Landes durch Rück-kehr zur

Brutalität und Grausamkeit gegenüber

Tieren nicht zu verspielen.

Protestieren Sie bei der

Rumänischen Botschaft

Dorotheenstraße 62-66, 10117 Berlin,

unter:

office@rumaenische-botschaft.de

und bei dem:

Chamber of Deputies

(Rumänisches Parlament)

Mrs. Roberta Anastase

Fax 0040 / 2131 34931

Text: Claudia Lotz

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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K AMPAGNE

"WÜHLTISCHWELPEN -

Hundewelpen zum Schnäppchenpreis, ohne Rücksicht

auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der

erst wenige Wochen alten, viel zu früh von der Mutter

getrennten Tiere. Im Vordergrund steht nur die

reine Profitgier der Händler. Das tausendfache

Hundeleid zählt dabei nichts. Das war der Anlass zu

der Ende 2009 von bmt, Tasso und ETN gestarteten

Kampagne "Wühltischwelpen - nein Danke!".

Gemeinsam haben die drei Tierschutzverbände

das Jahr 2010 zum "Jahr gegen

den unseriösen Welpenhandel"

ausgerufen.

Aktionsplakat der

gemeinsamen Kampagne

Bereits nach wenigen Wochen konnte

die Aktion erste Ergebnisse vorweisen.

Bei der Presse stieß die Kampagne auf

große Resonanz: Fast jede Woche wurde

im vergangenen Jahr ein Artikel

über die Wühltischwelpen publiziert,

und auch in mehreren Fernsehsendern

wurde teils mit versteckter Kamera über

das bis dahin wenig bekannte Thema

berichtet. Fast 400 Betroffene haben

auf der Internetseite von Tasso ihre Erfahrungsberichte

mit den Welpenhändlern

eingestellt. Das zur Kampagne

zugehörige Informationsmaterial

wurde von einigen Tausend

Tierfreunden angefordert

und weiterverteilt.

Im Sommer 2010 organisierten

der bmt, Tasso und der ETN die

erste Demonstration gegen einen

der größten Welpenhändler

in Deutschland. Rund 150 Menschen

hatten sich zu diesem Aufmarsch

zusammengefunden,

um gegen den profitorientierten

Welpenhandel zu protestieren.

Darunter auch zahlreiche von

dem Händler geschädigte Welpenkäufer.

Im Herbst fand dann

ein erstes deutschlandweites Treffen

statt, bei dem Betroffene ihre Erfahrungen

austauschen konnten. Darüber

hinaus wurden Ideen entwickelt, wie

man möglichst flächendeckend über

die Machenschaften der Welpenmafia

aufklären könne.

Um die Politik zum Handeln aufzufordern,

wurde zum Welttierschutztag eine

NEIN DANKE !"

Petition

zum Welpenhandels-Verbot

jetzt in parlamentarischer Prüfung

öffentliche Petition beim Deutschen

Bundestag eingereicht, die ein Verbot

des gewerblichen gewinnorientierten

Welpenhandels zum Ziel hat.

Rund 32.000 Tierfreunde haben unsere

Petition für ein Verbot des Welpenhandels

beim Deutschen Bundestag

unterzeichnet. An dieser Stelle möchten

wir uns ganz herzlich für diese großartige

Unterstützung bedanken! Am 25.

November 2010 endete die Mitzeichnungsfrist,

und die Petition befindet sich

nun in der parlamentarischen Prüfung.

Das Ergebnis des Petitionsverfahrens

wird voraussichtlich in einigen Wochen

feststehen. Schon jetzt können wir es als

Erfolg ansehen, dass durch die Petition

das Thema Welpenhandel in die öffentliche

und politische Diskussion eingebracht

wurde.

Vielleicht ein erster Schritt, um der Welpenmafia

das Handwerk zu legen?

Wir sind gespannt und werden die

Wühltischwelpen-Kampagne auch

2011 fortsetzen und weiter für die

Rechte der Tiere eintreten. Dabei hoffen

wir auch auf Ihre Unterstützung.

Text: Mike Ruckelshaus


Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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“Fuchs trägt Frau”

Zusammen mit Draftfcb, einer der führenden

Agenturen Deutschlands, haben wir Anfang

2011 unsere "WWW.GEGEN-PELZ.DE"

Kampagne gestartet. Draftfcb stellte uns ein

eindrucksvolles Plakat zur Verfügung, das

im Januar an verschiedenen Standorten in

Hamburg gezeigt wurde. Im Mittelpunkt

steht ein beunruhigendes und zugleich faszinierendes

Motiv: ein Fuchs. Um den Hals

trägt er eine leblose Frau wie eine schicke

Stola und blickt lässig wie ein Cover-Model

in die Kamera.

Das Poster ruft dazu auf, im Internet die Aktionsseite

www.gegen-pelz.de zu besuchen.

Auf dieser Seite findet man den online-Film

"Fuchs". In extremen Nahaufnahmen und

harten Schnitten wird die Kampagnen-Botschaft

auf außergewöhnliche Weise transportiert.

Durch die Verlinkung mit unserer

bmt-homepage bekommt man Informationen

zum Thema Pelz und die Möglichkeit,

sich an unseren Aktionen zu beteiligen, sich

für die Tiere und damit gegen Pelz zu engagieren.

Es ist höchste Zeit.

Pelz ist wiederum ein

Mordsgeschäft

Bis vor einigen Jahren war Pelz out. Niemand wollte

ein derartig tierquälerisch erzeugtes Kleidungsstück

oder Accessoire mehr tragen. Die Dokumentationen

der Tierschutzverbände über das Leiden der Pelztiere,

die grausame Haltung in engen Drahtkäfigen und

die brutalen Tötungsmethoden zeigten Wirkung.


Die Branche vermeldete Umsatzeinbrüche, viele

Modehäuser nahmen Pelz aus dem Sortiment. Proteste und

Verbraucherboykott haben außerdem vielerorts in Europa

zum Rückgang der Pelztierzucht oder zu deren Verbot wie in

Österreich, der Schweiz und Großbritannien geführt. Der

Pelzbranche schien es endgültig an den blutigen Kragen zu

gehen.

Auch in Deutschland ging die Zahl der Pelztierfarmen von

170 auf mittlerweile unter 30 zurück. Ca. 400.000 Nerze

vegetieren weiterhin in ihren Drahtkäfigen. Über die Anzahl

der Füchse, Sumpfbiber, Chinchillas und Marderhunde liegen

der Bundesregierung keine Zahlen vor, das ergab eine

aktuelle Anfrage im Bundestag (Schriftliche Fragen an das

BMELV 12/272 - 12/275 vom 23.12.2010).

Doch inzwischen hat die Pelzbranche reagiert und sich eine

perfide Marketingstrategie ausgedacht, um durch die

Hintertür Pelz wiederum salonfähig zu machen: als Besatz

und Accessoire. Raffinierte Winterjacken mit Pelz-Kragen,

stylische pelzbesetzte Handytaschen, schicke Pullover mit

Pelzapplikationen. Echter Pelz kommt wieder in Mode und

ist für immer weniger Geld zu haben. Einen erheblichen Teil

ihres Umsatzes macht die Branche inzwischen mit diesen

Kleinteilen. So ein bisschen Pelz, und noch dazu so preiswert,

sollen die Kunden glauben, ist doch harmlos. Doch

auch ein bisschen Pelz ist ein blutiges und grausames

Geschäft. Und, mit Hilfe der Textilwirtschaft, wiederum ein

lukratives. Nicht nur auf den Laufstegen, in Boutiquen und

Kaufhäusern, sondern auch in den Katalogen von

Versandhäusern und im Internet feiern Pelz und Pelzbesatz

in allen möglichen Variationen ein Comeback.

Unterstützen Sie

unsere Kampagne GEGEN-PELZ

Diese alarmierende Entwicklung war für uns Anlass unserer

Kampagne. Als Auftakt für weitere Aktionen haben wir uns

K AMPAGNE

bmt und draftfcb starten die

KAMPAGNE

GEGEN PELZ!

im Januar an die Firma Bader gewandt. In den Katalogen

und auf den Internetseiten des Versandhauses findet man

eine große Auswahl von Jacken und Mänteln mit Blau- und

Silberfuchskragen.

In unserem Schreiben haben wir Bader aufgefordert, im

Sinne einer verantwortungsbewussten Verkaufspolitik dem

guten Beispiel anderer Versandhäuser wie Otto zu folgen

und in Zukunft keine Pelzartikel mehr zu verkaufen. Denn

während jetzt am Ende der Saison die letzten Pelzartikel verramscht

werden, ordert die Branche bereits die Wintermode

für die kommende Saison. Jetzt entscheidet sich, wie viel

Pelz wir im nächsten Winter wiederum zu sehen bekommen

müssen. Leider haben wir trotz mehrfacher Nachfrage keine

Stellungnahme der Firma Bader bekommen.

Bitte helfen Sie uns. Setzen auch SIE ein Zeichen GEGEN-

PELZ und unterstützen Sie unsere Forderung nach pelzfreien

Kollektionen.

Was SIE tun können

Schreiben oder mailen Sie an Bader. Den Musterbrief finden

Sie auf unserer homepage unter

www.bmt-tierschutz.de/Aktionen

� Bestellen Sie unser aufrüttelndes Motiv als Aufkleber

und/oder Poster in DIN A2 oder DIN A 3 und tragen Sie

damit zur Verbreitung unseres Anliegens bei. Sie können

per Telefon ordern (089/38 39 52 - 0) oder gerne auch per

Mail: mail@bmt-tierschutz.de

� Setzen Sie sich für ein Ende des Leidens ein - setzen Sie

ein Zeichen bei Ihrem Einkauf:

� Unterstützen Sie Kauf- und Versandhäuser, die sich gegen

den Verkauf von Pelzen entschieden haben. Überprüfen Sie

beim Einkaufsbummel, ob Echt-Pelzprodukte angeboten

werden und kaufen Sie nur dort ein, wo kein Pelz verkauft

wird.

Text: Elvira Schiöberg

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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"HUNDE "HUNDE

können länger

Könnten unsere Hunde und Katzen länger

leben - und vor allem gesünder altern? Ja,

sagt die Tierärztin Dr. Jutta Ziegler aus Hallein

(Österreich). In ihrem neuen Buch führt

sie aus, warum immer weniger Hunde und

Katzen ein höheres

Lebensalter erreichen

und wenn, dann als

chronisch Kranke.

DAS NEUE

SCHWARZBUCH TIERARZT

VON DR. MED. VET. JUTTA ZIEGLER

Rdt: Gerade ist Ihr Buch "Hunde würden

länger leben, wenn…" erschienen.

Was sind die Kernaussagen?

Dr. Jutta Ziegler: Unsere Haustiere -

Hunde und Katzen - werden durch ungeeignetes

Industriefutter sowie durch

unnötige Behandlungen und Impfungen

regelrecht zu Patienten "gemacht".

In diesem Buch möchte ich aufzeigen,

wie stark die Verstrickungen zwischen

Tierärzten und Futtermittelindustrie sind

und mit welchen Mitteln die Pharmaindustrie

ihre Medikamente bewirbt. Allein

der Anstieg der Antibiotika und

Antiparasitaria (Wurmmittel) ist in den

letzten Jahren enorm gestiegen. Sicher

nicht zum Wohl unserer Tiere.

Rdt: Wie reagieren Tierärzteschaft und

Futtermittelindustrie auf Ihr "Schwarzbuch

Tierarzt?" Gibt es auch zustimmende

Kommentare?

Dr. Jutta Ziegler: Seitens der Futtermittelindustrie

gibt es direkt zu mir noch

keine Reaktion. Natürlich reagiert ein

hungriger Löwe nicht freundlich, wenn

man versucht, ihm seinen Knochen

wegzunehmen. Negative Reaktionen

von Tierärzten waren bisher noch spärlich

und wenn, dann unsachlich. Einige

Sätze wie: "Dieses Buch haben wir ge-

rade gebraucht" oder "Ich werde dieses

Buch sicher NICHT lesen" kamen im

Tierärzteforum.

Das ist aber sicher erst der Anfang.

Rdt: Immer mehr Hunde und Katzen

leiden wie ihre Besitzer an einer Zunahme

von so genannten Zivilisationskrankheiten.

Hat die Ernährung - analog

zur Diskussion bei Menschen -

ebenfalls einen weitaus größeren Einfluss

auf die Gesundheit unserer Haustiere,

als bisher angenommen wurde?

Dr. Jutta Ziegler: Die Gesundheit beginnt

im Darm. Wenn ständig Futter

aus minderwertigen Rohstoffen, angereichert

mit künstlichen Geschmacksund

Zusatzstoffen gefüttert wird, ist es

logisch, dass der tierische Organismus

(analog zur Reaktion des Menschen auf

"Junk food") das alles nicht mehr verarbeiten

kann und mit entsprechenden

Krankheiten reagiert.

Tatsache ist: Erkrankungen wie Allergien,

chronische Durchfälle, Leber- und

Nierenerkrankungen und auch Krebs

zeigen einen signifikanten Anstieg seit

Beginn der Fertigfütterung!

Rdt: Welche Auswirkungen kann die

ausschließliche Fütterung von industrieller

Nahrung auf die Gesundheit

von Hund und Katze haben? Können Sie

uns einige Fälle aus Ihrer Praxis mit Ihrem

Behandlungskonzept beschreiben?

Dr. Jutta Ziegler: Da gibt es unendlich

viele Fälle. Mittlerweile gibt es Standardverlaufsformen,

die immer wieder

gleich ablaufen, wie zum Beispiel die

Blasen- und Nierenerkrankungen der

Katze. Diese entstehen vor allem durch

Trockenfutterfütterung. Der Grund:

Trockenfutter ist in seiner Zusammensetzung

keine artgerechte Ernährung,

weil es zu über 50 Prozent aus Getreide

besteht. Die Katze aber kann Getreide

nicht verstoffwechseln und so

kommt es zur Überlastung der Leber

und der Niere.

Auch verändert Getreide den ph-Wert

im Urin hin zum Alkalischen, was der

Harnsteinbildung Vorschub leistet.

Durch zuviel Trockenfutter kommt es

überdies zur Konzentrierung des Harns

in der Harnblase, da Katzen meist zuwenig

trinken. Rohes Fleisch dagegen

hat einen hohen Wassergehalt; hier

nimmt die Katze mit dem Futter genug

Flüssigkeit auf, was bei Trockenfutterfütterung

eben nicht der Fall ist. Auch

die zu hohe Konzentration des Harns

trägt zusätzlich zur ph-Wertverschiebung

bei.


leben,

wenn ..."

Allein durch die Vermeidung solcher

Fertigfutter sowie auch der entsprechenden

Diättrockenfutter erreicht man

in der Regel, dass die Katze ohne Medikamente

keine Rückfälle mehr bekommt.

Rdt: Biologisch artgerechte Rohfütterung

(BARF) ist die einzig tiergemäße

Ernährung, sagen Sie und mit Ihnen

viele Anhänger dieser Kostform. Wie

sieht die Ernährung aus, lassen sich

Hund und Katze problemlos umstellen

und wie geht es ihnen damit?

Dr. Jutta Ziegler: Hunde lassen sich

meist problemlos umstellen, bei Katzen

ist das leider etwas anders. Da muss oft

viel experimentiert werden, was die

Katze überhaupt frisst, und manchmal

verweigert sie auch einfach alles Rohe

- sie ist es nicht gewohnt.

Hier ist die Geduld des Besitzers gefordert.

In schwierigen Fällen kann man

aber auch auf Feuchtfutter (in Dosen)

umsteigen, die einen Fleischanteil von

nahezu 100% haben. Die gibt es auch

für Katzen. Diese hochwertigen Konserven

sind dann das kleinere Übel.

Leider wird die Rohfütterung von vielen

Tierärzten und Züchtern mystifiziert.

Dabei gibt es nichts Einfacheres, wenn

man sich an ein paar einfache Regeln

hält (s. Kasten).

Rdt: Sie raten zu größerer

Zurückhaltung

beim Impfen und in

der Verwendung von

Medikamenten. Warum?

Dr. Jutta Ziegler: In

Kleintierpraxen wird

im Durchschnitt viel zu

viel geimpft. Eine rich-

tige Grundimmunisierung

reicht für ein ganzes Hundebzw.

Katzenleben. Die Unsitte,

gerade ältere Hunde und

Katzen regelmäßig nachzuimpfen

- die Begründungen

dafür sind oft haarsträubend

- ist leider immer noch weit

verbreitet. Hier wird mehr

Schaden angerichtet; den

Nutzen haben nur die Pharmaindustrie

und die Tierärzte.

Auch die Verwendung von

Antibiotika und Cortison wird

sehr oft einfach übertrieben.

Bei jedem Wehwehchen, bei

jedem kleinsten Kratzer werden

scharfe Geschütze aufgefahren

- meist aus Angst zu

wenig zu tun, oft jedoch auch

aus reiner Hilflosigkeit.

Rdt: Warum haben Sie das

"Schwarzbuch" nach über

30jähriger Erfahrung als

Tierärztin jetzt geschrieben?

Dr. Jutta Ziegler: Weil ich erkannt

habe, dass die Entwicklung

des tierärztlichen Kleintierpraktikers

in die falsche

Richtung läuft.

Immer mehr Medikamente

werden gebraucht, Diätfuttermittel

gegen alle möglichen,

auch erfundenen Erkrankungen

neu kreiert …

und unsere Heimtiere werden trotzdem

immer kränker! Erkrankungen, die vor

25 Jahren noch selten vorkamen, treten

heute immer häufiger auf.

So habe ich angefangen, zu recherchieren,

habe Fälle dokumentiert und

auf Berichte der Tierbesitzer mehr ge-

I NTERVIEW

FÜTTERUNGSTIPPS

FÜR HUNDE UND KATZEN

HUNDE sind Omnivoren (Allesfresser),

keine Getreidefresser,

� ca. 2-3% des Körpergewichts des Hundes

sollte als tägliche Futtermenge bereitgestellt

werden (z.B. bei 20 kg Körpergewicht

ca. 500 g Futter)

� die Futterration sollte zu 70% aus rohem

Fleisch (bzw. fleischigen Knochen)

bestehen und zu 30% aus (gedünstetem,

püriertem) Gemüse, Obst und Kräutern

� Gemüse und Obst immer mit hochwertigen

Ölen (Lachs-, Lein-, Distelöl) oder Quark

füttern, damit die fettlöslichen Vitamine

besser aufgenommen werden.

KATZEN sind Carnivoren (Fleischfresser,

93% Eiweiß im Futter), keine Getreidefresser,

� verschiedene Fleischsorten, also auch

Muskelfleisch, Innereien, Knochen, Knorpel,

Fisch, mit verschiedenen Kräutern und

hochwertigem Öl beträufeln,

� rohe Eier, Hüttenkäse, Kefir, Quark

(laktosefreie Milchprodukte).

Mehr Infos unter

www.barf-fuer-hunde.de

achtet. So ist mir beispielsweise auch

bewusst geworden, wie oft Tierbesitzer

gesagt haben, dass gewisse Erkrankungen

immer einige Zeit nach der

Impfung aufgetreten sind. So ist letztendlich

das Buch entstanden.

Text: Claudia Lotz

Das Recht der Tiere 1/2011

21


Das Recht der Tiere 1/2011

22

F RANZISKUS-TH

Der Besuch der Hundeversteigerung ist

eine Gelegenheit, einen Blick hinter die

Kulissen des gewerblichen Hundehandels

zu werfen. Die Vorbesichtigung der

zu ersteigernden Stücke, sprich Hunde,

findet auf dem Gelände der Zuchtgemeinschaft

statt.

Hier gibt es nicht nur einen Züchter,

sondern es haben sich gleich mehrere

Gleichgesinnte zusammengetan, um

mit der Ware Hund das schnelle Geld

zu verdienen. Die "Züchter" haben in

Rassehunde investiert, die auf dem Gelände

der Zuchtgemeinschaft untergebracht

sind. Dort sollen sie als Gebärmaschinen

in möglichst kurzer Zeit

möglichst viel Nachwuchs produzieren.

Ein Investmentmodell, das sich in den

vergangenen Jahren bestens ausgezahlt

hat. Doch die Geschäfte laufen

schlecht, seit sich in der Nähe zwei weitere

Hundehändler niedergelassen haben.

Die "Zuchtgemeinschaft" löst sich

mangels Erträgen auf und jetzt muss

die Konkursmasse versilbert werden.

Versteigerung der Kon

… WO UNTER DEN PFOTEN ZAHLLOSER SCHICKSALE

Der gewerbliche Hundehandel in Deutschland boomt. Täglich

werden in Zeitungsanzeigen und im Internet Tausende

von Hunden zum Verkauf angeboten. Unter den Händlern

ist die Konkurrenz groß. Wenn der Verkauf stockt,

sucht man nach neuen Absatzmöglichkeiten. Ein gewerblicher

Massenzüchter aus der Nähe von Halle lässt seine

Hunde sogar meistbietend versteigern.

Tierheimleiter Frank Weber mit protestierenden Tierschützern

Am Tag der Hundeauktion ist viel los

auf dem Gelände der Zuchtanlage.

Wie sich nach kurzer Zeit herausstellt,

sind es hauptsächlich Tierschützer, die

sich eingefunden haben. Ernsthafte

Kaufinteressenten kann man an einer

Hand abzählen. Es ist bitterkalt, sicher

um die sieben Grad minus. Die ganze

Anlage macht einen verwahrlosten,

heruntergekommenen Eindruck. Mehrere

Zwinger sind auf dem Areal verteilt.

Die Zwingergrößen erfüllen gerade

mal die Mindestanforderungen, der

graue Beton ist bröckelig geworden,

unter den Pfoten der zahllosen Schicksale.

Der Wind pfeift erbarmungslos

durch jede Ritze.

Eine läufige Beaglehündin wird massiv

von einem Rüden bedrängt, sie versucht

sich auf der Hütte in Sicherheit zu

bringen. Es gelingt ihr nicht. Beagle,

Münsterländer und einige Irish Setter

kauern zitternd auf dem kahlen Boden

der Hütten. Wie der "Züchter" versichert

sind die mit Heizkabeln ausgestattet.

Die schaltet er aber erst ab Minus 15

Grad ein. Er ist stolz drauf, dass seine

Tiere diese Kälte überleben. Kalte Aufzucht

nennt er das, bei ihm könne "der

Hund noch Hund" sein. In Hochzeiten

der Zuchtgemeinschaft hatte man hier

über 200 Hunde unterschiedlicher Rassen

auf Lager.

In einem verfallenen Anbau sind eine

Beaglehündin mit ihrem Nachwuchs

und einige Setter und Münsterländerwelpen

untergebracht. Der Putz bröckelt

von den Wänden, die Fliesen sind

aufgesprungen. Hier ist es noch deutlich

kälter als draußen. Die Gitter der

Zwinger sind weiß gefroren. Wenigstens

etwas Stroh hat man eingestreut.

Nach Ansicht des Züchters ist das schon

unnötiger Luxus- eine lästige Auflage

des Veterinäramtes. Für ihn ist der verwahrloste

Verschlag eine geflieste Luxusunterkunft.

Er weiß, wie man mit

Hunden umgehen muss, schließlich

wäre er der einzige gewerbliche Züchter,

der auch Tierpfleger ausbilden darf.


kursmasse Hund

DER PUTZ BRÖCKELT ...

Bei seiner Aufzucht wären die Hunde

abgehärtet, die würden nicht so schnell

krank. Vor ihm im dürftigen Stroh liegt

ein Setterwelpe, vielleicht zehn Wochen

alt. Er zittert wie Espenlaub, ist offenbar

zu schwach zum Aufstehen. Nein, seine

Hunde sind alle gesund, die sind nur

durch die vielen Besucher gestresst.

Der Blick hinter die Kulissen geht weiter.

In der Mitte des Geländes steht ein

Verkaufspavillion, ein Dach auf Holzpfählen

mit Gitterelementen unterteilt.

In den Abteilen stehen winzige Hütten,

davor sitzen die Hundewelpen, die versteigert

werden sollen. Zwei Setter kauern

bewegungslos auf den gefrorenen

Steinboden, zitternd pressen sie ihre

kleinen Körper aneinander. Auf Kritik

reagiert der "Züchter" mit aggressivem

Unverständnis. Den Hunden stehe alles

zur Verfügung, was das Tierschutzgesetz

fordere.

Er reißt den Deckel von einer Hütte herunter,

in der ein weiterer verängstigter

Setterwelpe Zuflucht sucht. Das ist

mehr, als gesetzlich verlangt wird, erklärt

er - die Wände sind sogar mit Styropor

gedämmt. Die anwesenden Tierschützer

sind ihm ein besonderer Dorn

im Auge. Daran lässt er keinen Zweifel

aufkommen. Im Laufe der Vorbesichtigung

erteilt er dem Großteil der sich

kritisch äußernden Besucher Hausverbot.

Seine Äußerungen sind ein Gemisch

aus halbherzigen Rechtfertigungen,

Anschuldigungen und Halbwahrheiten.

Hier treffen zwei fundamental unterschiedliche

Auffassungen aufeinander -

für den "Züchter" sind die Hunde Sachen,

in die er investiert hat und aus denen er

Kapital schlagen will - für die Tierschützer

geht es um Lebewesen, die Kälte und

Schmerz so empfinden wie wir.

Die sich anschließende Versteigerung

ist unspektakulär. Vor dem Veranstaltungsort,

einer Sportgaststätte, haben

sich einige protestierende Tierschützer

eingefunden. In der Gaststätte bleiben

die meisten Stühle leer. Es hat sich nur

ein einziger Bieter eingefunden, dem

das Mindestgebot für den Beaglewelpen

zu hoch ist. Nach nicht einmal fünf

Minuten ist die Auktion beendet. Die

neue Vermarktungsstrategie hat sich

als Flop erwiesen. Doch das Schicksal

der 40 Rassehunde aus der Konkursmasse

der Zuchtgemeinschaft ist weiter

ungewiss. Im Internet buhlt der "Züchter"

weiter um Käufer - der Nachverkauf

läuft, Rassehunde brauchen dringend

ein Zuhause. Aber nur gegen

Bares!

Alle Angebote, die Hunde zu übernehmen

und über den Tierschutz ein neues

Zuhause für sie zu finden, werden

vom "Züchter" konsequent abgelehnt.

Nach seiner Berechnung hat jeder seiner

Hunde einen Verkaufswert von

mindestens 700 €, das macht bei den

40 Hunden aus der Konkursmasse der

Zuchtgemeinschaft einen Wert von

rund 28.000 €. Soviel fordert er auch

vom Tierschutz ein, wenn er die Hunde

übergeben würde.

Damit sind die Möglichkeiten, die der

Tierschutz hat, definitiv ausgeschöpft.

Eine Hundeversteigerung ist juristisch

F RANZISKUS-TH

Franziskus-Tierheim

Geschäftsstelle Hamburg

Lokstedter Grenzstr. 7, 22527 Hamburg

Leiter: Frank Weber

Tel. GSt (040) 55 49 28 - 34, Fax -32

Tel. Tierheim (040) 55 49 28 37

Haspa, BLZ 200 505 50,

Konto 1049220799

www.franziskustierheim.de

ebenso möglich wie die Versteigerung

von Pferden oder Kühen. Und die Haltungsbedingungen

der Hunde der

Zuchtgemeinschaft sind den Veterinärbehörden

in Halle seit gut siebzehn

Jahren bekannt. Dort verweist man

darauf, dass die Mindestanforderungen

für die Hundehaltung eingehalten

würden. Bisher wurde von der Behörde

lediglich das Einbringen von Stroh angeordnet.

Der Züchter müsse sich bei

der Stadt zu den Vorwürfen schriftlich

äußern und diese Angaben seien noch

Setterwelpen kauern auf dem

gefrorenem Steinboden

nicht abschließend geprüft worden. Fazit:

gewerblicher Hundehandel und die

kommerzielle Vermehrung von Hunden

unter katastrophalen Zuständen ist gesetzlich

geschützt und legitim. Mit allen

negativen Auswirkungen auf die Tiere

und deren zukünftige Besitzer.

Text: Frank Weber

Das Recht der Tiere 1/2011

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24

G ESCHÄFTSSTELLE I SSUM

Wie eine Hündin sich das Leben

zurück erobert

Hope

VOM UM-

GANG MIT

steht

für Hoffnung

Seit nunmehr 16 Jahren nimmt Familie Wermuth Hunde für

die Geschäftsstelle Issum auf. Die Pflegestelle aus Neukirchen-Vluyn

ist bekannt für ihre Einfühlsamkeit gerade auch

mit schwierigen Tieren. Vor wenigen Monaten brachte Geschäftsstellenleiterin

Dagmar Weist dem Ehepaar einen

weiteren, nicht ganz einfachen Fall: Eine junge Hündin, die

von einem Auto angefahren und wimmernd auf der Straße

liegen gelassen wurde …

Bis die bewegungsunfähige Hope, wie

sie später genannt wurde, gefunden und

medizinisch versorgt werden konnte,

verging viel wertvolle Zeit. Der behandelnde

Tierarzt war sich denn auch nicht

ganz sicher, ob die Hündin jemals wieder

laufen können würde. Doch drei

Operationen später, in denen eine gebrochene

Gelenkkapsel im linken Bein

entfernt und das rechte Bein entsprechend

dem nun verkürzten Lauf angepasst

werden musste, freut sich der Tiermediziner

über die gewaltigen Fortschritte seiner Patientin.

Dank regelmäßiger Physiotherapie und gezielter Bewegung

hat sich die Muskulatur der inzwischen elf Monate alten

Hündin aufgebaut und soweit gekräftigt, dass

die Knochen im ehemals verletzten linken Bein

ausschließlich durch das Muskelgewebe gehalten

werden können.

Während Hope nach der ersten Operation

noch ihre Hinterhand über

den Boden schleppte, wenn sie

im Spieleifer ihren Artgenossen

schnell

hinter-

herlaufen wollte, ist ihr Bewegungsablauf

nun koordiniert und fast so ebenmäßig

wie bei einem gesunden Hund ihres

Alters. Und weil Dagmar Weist dafür

sorgte, dass Hope nicht nur die beste

physische Behandlung erhielt, sondern

auch den Umgang mit Artgenossen und

die Grundregeln eines umkomplizierten

Miteinanders zwischen Mensch und

Hund in einer Hundeschule erlernen

konnte, ist die Hündin heute "ein ganz

besonderer, ein großartiger Hund, mit

Herz und Charakter", wie Familie Wermuth schwärmt.

Die Kosten für die Operationen und nachfolgende Physiotherapie

wurden von Mitgliedern der Geschäftsstelle Issum

getragen. Eine der großzügigen Spenderinnen, die anonym

bleiben möchte, sagt über Hopes Pflegeeltern: "Ich bewundere

die beiden sehr. Was die Familie Wermuth mit ihrem Einfühlungsvermögen

und ihrer Erfahrung für Tiere geleistet

hat, was sie ihnen mit auf den Weg gibt, ist einzigartig."

Wer Hope ein schönes Zuhause schenken möchte, sollte

neben Erfahrung im Umgang mit Hunden eine besondere Eigenschaft

mitbringen: sie oder er sollten Katzenliebhaber

Geschäftsstelle Issum

Drosselweg 15, 47661 Issum

Leiterin: Dagmar Weist

Tel. (02835) 44 46 97, Fax (02835) -99

Sparkasse am Niederrhein,

BLZ 354 500 00,

Konto 111 500 2063

www.bmt-nrw.de

sein. Derzeit ist Hopes bester

Freund eine Katze -

neben ihrem großen Beschützer,

einem 14 Jahre

alten Schäferhund.

Text: CLaudia Lotz


Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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U MWELT

Zwei Monate nach den Dioxinfunden

in Eiern und Fleisch sind

die meisten Verbraucher wieder

zur Tagesordnung übergegangen

und konsumieren weiter

tierische Produkte in Höchstmengen:

60 Kilo Fleisch und

Wurst werden pro Kopf und Jahr

verzehrt - und die Folgen für

Tiere, Umwelt und Gesundheit

dabei in Kauf genommen.

RdT: In welchen Lebensmitteln reichert

sich Dioxin an? Wie schnell kann es

durch Aufnahme verschiedener belasteter

Nahrungsmittel zu einem Überschreiten

der Höchstgrenzen kommen?

Dr. Markus Keller: Dioxine kommen

überall in der Umwelt vor und entstehen

vor allem als Nebenprodukte von

industriellen Verbrennungsprozessen,

bei denen Chlorverbindungen verwendet

oder produziert werden. Sie sind

sehr langlebig und reichern sich besonders

in tierischen Lebensmitteln wie

Fleisch, Fisch, Milch und Eiern an.

Die Tiere nehmen Dioxin mit Bodenpartikeln

oder Futtermitteln auf. Da sich

Dioxine im Fettgewebe der Tiere konzentrieren,

weisen die genannten Lebensmittel

höhere Gehalte als pflanzliche

Produkte auf. Entscheidend für die

Auswirkungen auf die Gesundheit ist

nicht die täglich zugeführte Menge an

Dioxinen, sondern die im Körper befindliche

Gesamtmenge, die so genannte

Körperlast. So kann nach Ansicht

des Bundesinstituts für

Gesund ernä

"UM UNS GESUND ZU ERNÄHREN, MÜSSEN

Risikobewertung im aktuellen Fall

selbst bei einem (unrealistisch) hohen

Verzehr von täglich zwei extrem mit

Dioxin belasteten Eiern über ein Jahr

eine Gesundheitsgefährdung mit hoher

Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen

werden.

RdT: Was macht Dioxin im menschlichen

Körper?

Dr. Markus Keller: Ebenso wie bei Tieren

reichern sich Dioxine auch beim

Menschen im Fettgewebe an und werden

praktisch nicht abgebaut. Dioxine

werden als krebserregend eingestuft

und können langfristig Störungen des

Immunsystems, der Fortpflanzungsfähigkeit,

des Nervensystems und des

Hormonhaushalts auslösen. Über akute

Vergiftungen wurde bisher nur bei Industrieunfällen

(wie der Chemieunfall

in Seveso 1976) und bei hohen Konzentrationen

am Arbeitsplatz berichtet.

RdT: Welche Vorsichtsmaßnahmen kann

man treffen, um die Dioxin-Aufnahme

so gering wie möglich zu halten?

Dr. Markus Keller: Wie auch bei anderen

langlebigen Umweltgiften gibt es

bei Dioxinen keinen sicheren Grenzwert,

unterhalb dessen eine langfristige

Gesundheitsgefährdung gänzlich ausgeschlossen

werden kann. Deshalb

sollte insbesondere die Aufnahme von

Dioxinen über Lebensmittel so gering

wie möglich gehalten werden. Da tierische

Lebensmittel deutlich mehr belastet

sind als pflanzliche, kann durch eine

(überwiegend) pflanzliche Ernährung

die Dioxin-Aufnahme deutlich verringert

werden.

RdT: Welchen Schutz bietet die vegetarische

Ernährung hinsichtlich der Aufnahme

von Dioxin und anderen Schadstoffen?

Dr. Markus Keller: Einige Umweltschadstoffe

wie Dioxine, PCB (Polychlorierte

Biphenyle) und Organochlor-Pestizide

(z.B. DDT) reichern sich

insbesondere in fettreichen tierischen

Lebensmitteln an. Das Schwermetall

Quecksilber kommt vor allem in Fischen

und Fischprodukten vor.


hren - ohne Fleisch

WIR PFLANZEN ESSEN, ABER KEINE TIERE UMBRINGEN LASSEN!"

Die Aufnahme dieser Schadstoffe kann

somit durch eine vegetarische, besser

noch eine vegane Ernährung, minimiert

werden. Andere Umweltschadstoffe

werden hingegen überwiegend

über pflanzliche Lebensmittel aufgenommen.

Hierzu zählen die Schwermetalle

Blei und Cadmium sowie Nitrat

und Pestizide. Die Experten sind sich jedoch

einig, dass die zahlreichen Gesundheitsvorteile

einer überwiegend

pflanzlichen Ernährung die möglichen

Risiken einer Schadstoffbelastung deutlich

übersteigen. Um die Aufnahme

von Pestiziden zu vermeiden, sollten

Bio-Lebensmittel bevorzugt werden.

Das aktuelle baden-württembergische

Öko-Monitoring zeigt wie in den Jahren

zuvor, dass Bio-Lebensmittel - im

Gegensatz zu Produkten aus konventioneller

Landwirtschaft - praktisch frei

von Pflanzenschutzmittelrückständen

sind. Aufgrund des geringeren Düngereinsatzes

ist Bio-Gemüse zudem

meist nitratärmer als konventionelle

Ware. Auch saisonales Freilandgemüse

ist weniger mit Nitrat belastet als Gemüse

aus beheizten Treibhäusern.

RdT: Warum ist eine vegetarische Ernährung

keine Mangelernährung, wie

von Kritikern immer wieder behauptet?

Dr. Markus Keller: Eine vollwertige und

abwechslungsreich zusammengestellte

vegetarische Ernährung ist bestens geeignet,

den Nährstoffbedarf in allen Lebensphasen

zu decken - das bezweifelt

heute kein ernst zu nehmender Ernährungswissenschaftler

mehr.

Vegetarier sind mit einigen Nährstoffen

sogar besser versorgt als Mischköstler,

beispielweise mit den Vitaminen C, E

und Folat (Folsäure), mit Magnesium

sowie Ballaststoffen und sekundären

Ernährungswissenschaftler Dr. Markus Keller

leitet das Institut für alternative und nachhaltige

Ernährung (IFANE) in Gießen.

Mit Prof. Dr. Claus Leitzmann hat er 2010 die

2., völlig überarbeitete Auflage des Buches

"Vegetarische Ernährung" (UTB-Verlag, ISBN

978-3-8252-1868-3, € 22,90) veröffentlicht.

Pflanzenstoffen (z.B. Beta-Karotin).

Dennoch kann bei vegetarischer Ernährung,

wie auch bei jeder anderen

Ernährungsweise, die tatsächliche Zufuhr

verschiedener Nährstoffe unterhalb

der Empfehlungen liegen. Auf diese

potentiell kritischen Nährstoffe

sollten Vegetarier durch eine entsprechende

Lebensmittelauswahl besonders

achten.

Dies gilt beispielsweise für Zink (vor allem

Jugendliche), Jod (betrifft auch die

Allgemeinbevölkerung) und Eisen (insbesondere

Mädchen und Frauen im

gebärfähigen Alter, unabhängig von

der Ernährungsweise). Übrigens

kommt Eisenmangel, um einen immer

noch weit verbreiteten Mythos zu nennen,

bei Vegetariern nicht häufiger vor

als bei Nichtvegetariern.

RdT: Wo liegen die gesundheitsfördernden

Effekte einer fleischlosen Kost?

Dr. Markus Keller: Zahlreiche Studien

zeigen, dass eine vegetarische Ernährungsweise

das Risiko für zahlreiche

chronische Erkrankungen, wie Übergewicht,

Diabetes Typ 2, Bluthochdruck,

Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verschiedene

Krebsarten, deutlich reduzieren

kann. Fleisch zu meiden, reicht

aber nicht. Die gesundheitsfördernden

Wirkungen kommen dann zum Tragen,

wenn deutlich mehr pflanzliche Lebensmittel,

teilweise als unerhitzte

Frischkost, gegessen werden. Hierzu

zählen vor allem Gemüse, Obst, Vollgetreide,

Kartoffeln, Hülsenfrüchte,

Nüsse, Samen und pflanzliche Öle. Die

Prinzipien einer vollwertigen vegetarischen

Lebensmittelauswahl haben wir

in der Gießener vegetarischen Lebensmittelpyramide

veranschaulicht.

TH ELISABETHENHOF

RdT: Ist eine fleischreiche Ernährung im

Angesicht der Erkenntnisse über die

Massentierhaltung ethisch überhaupt

noch vertretbar?

Dr. Markus Keller: Aus ethischer Sicht

ist der Konsum von Fleisch (oder auch

Fisch) überhaupt nicht vertretbar. Um

uns gesund zu ernähren, müssen wir

Pflanzen essen, aber keine Tiere umbringen

lassen!

Auch die abscheulichen Zustände in

der Intensivtierhaltung sind ja mittlerweile

allen Verbrauchern bekannt, die

gelegentlich den Fernseher einschalten

oder eine Zeitschrift aufschlagen. Fakt

ist aber, dass sich die etwa 60 Kilogramm

Fleisch und Wurst, die derzeit in

Deutschland pro Jahr und Person gegessen

werden, auch nicht anders erzeugen

lassen. Zwar wollen oder können

die meisten Menschen, aus

welchen Gründen auch immer, nicht

von heute auf morgen Vegetarier werden.

Jeder, der seinen Fleischverzehr

einschränkt, indem er beispielsweise

vegetarische Wochentage einbaut und

sein Fleisch aus ökologischer bzw. artgerechter

Erzeugung kauft, geht jedoch

einen Schritt in die richtige Richtung -

für die Tiere, die Umwelt und nicht zuletzt

für seine eigene Gesundheit.

Tierheim Elisabethenhof

Geschäftsstelle Hessen

Siedlerstraße 2, 61203 Reichelsheim

Leiter (GSt): Mike Ruckelshaus

Tel. (06035) 96 11 11

Leiter (TH): Christian Werner

Tel. (06035) 59 16, Fax 96 11 18

Frankfurter Sparkasse,

BLZ 500 502 01, Konto 5975

www.tierheim-elisabethenhof.de

Interview: Mike Ruckelshaus

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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K ATZENHAUS

Abgelehnt!

In Göttingen wird die verpflichtende

Kastration und Registrierung von

Freigängerkatzen vorerst nicht eingeführt.

Die Stadtverwaltung konnte

sich mit der von ihr ausgearbeiteten

und von den Bündnisgrünen leicht

modifizierten Vorlage durchsetzen.

Darin wird lediglich an Katzenbesitzer

appelliert, ihre Katzen kastrieren

zu lassen.

Jeder im Tierschutz Tätige weiß, dass

Tierschützer seit Jahrzehnten Katzenbesitzer

dazu aufrufen - mit dem

bekannten Ergebnis: Das Katzenelend

nimmt Jahr für Jahr zu!

Der ungeplante Katzennachwuchs dieses

Jahres kündigt sich bereits an. Beispielhaft

hierfür steht die kleine Ronja,

die - selber noch nicht ausgewachsen -

bereits trächtig, erkältet und stark

unterernährt einer

unserer Mitarbeiterinnen

zugelaufen ist.

Ronja darf ihre

Jungen bei unserer

Mitarbeiterin

zur Welt bringen

und auch die

kommenden

Wochen dort leben.

Später wird

das Katzenhaus die kleinen Katzen vermitteln.

Die Frage, woher Ronja kam

und warum sie bei unserer Mitarbeiterin

strandete, bleibt offen. Womit wir

wieder bei dem Thema der Kastrationsund

Kennzeichnungspflicht wären.

Eine solche verpflichtende Verordnung

würde Klarheit über Ronjas Status

schaffen: Entweder wäre sie kastriert

und gekennzeichnet - dann könnten

wir sie umgehend in ihr früheres Zuhause

zurückbringen. Oder sie wäre es

eben nicht - dann wüssten wir sicher,

dass sie wirklich heimatlos ist. Wir

NIEDERLAGE

FÜR DEN TIERSCHUTZ:

könnten sie rechtlich abgesichert kastrieren

und kennzeichnen lassen und

sie in ein neues Zuhause vermitteln.

Auch der kleine Floh ist dem “ungeplantenKatzennachwuchs”zuzurechnen.

Darüber hinaus

hatte er Pech,

zu früh von seiner

Mutter getrennt

worden

zu sein. Über

RONJA

seine Herkunft

wissen wir nur

sehr wenig. Er

wurde bereits

im letzten Herbst stark unterernährt

und mit vereiterten Augen gemeinsam

mit seinen Geschwistern im Katzenhaus

abgegeben. Da das Katzenhaus zu

diesem Zeitpunkt unter akutem Platzmangel

litt, nahm sich eine unserer ehrenamtlichen

Unterstützerinnen des

Wurfes kleiner Katzen an. Flohs Geschwister

haben inzwischen ein neues

Zuhause gefunden.

Nur Floh konnte lange Zeit nicht vermittelt

werden - eben weil er ein kleiner

Floh war. Er war der Kleinste aus seinem

Wurf und hatte lange Zeit mit

Göttingen gegen

Kastrations- und

Kennzeichnungspflicht

von Freigänger-Katzen

Durchfällen zu kämpfen. Doch inzwischen

ist er ganz gesund und hat sich

zu einem prächtigen Kater entwickelt,

der nun in ein neues Zuhause vermittelt

werden kann. Den Menschen auf seiner

Pflegestelle fällt es nicht leicht, den

kleinen Floh wieder herzugeben. Doch

auch ihnen ist klar, dass man nicht jede

Katze behalten kann, die man als

Pflegestelle bei sich aufnimmt.

Floh ist seinem Alter entsprechend sehr

verspielt, gleichzeitig verschmust, und

er mag andere Katzen sehr gerne leiden.

Darum sollte es in seinem neuen

Zuhause mindestens eine weitere Katze

geben. Auch möchte Floh gerne die

Möglichkeit zum Freigang haben.

Interessenten können sich gerne im

Katzenhaus melden.

NEU - Unser

Tierschutzstammtisch!

Wie aus dem oben Geschriebenen hervorgeht,

können wir unsere Arbeit nur

mit Hilfe des Engagements vieler ehrenamtlicher

Helfer bewältigen. Ob es

das Verwöhnen der schon lange im

Katzenhaus lebenden Samtpfoten ist,

das 'Zähmen' von halb verwilderten

Neuankömmlingen, die finanzielle

Unterstützung oder die Hilfe bei Festen


FLOH

WER KENNT DEN

‚BLAUEN KLAUS' ?

oder möchte diesen wunderschönen

British-Kurzhaar-Kater bei sich aufnehmen?

Der kastrierte, ca. 3 Jahre

alte und sehr verschmuste Kater, ist in

Göttingen OT Geismar zugelaufen.

Er wartet nun auf einer Pflegestelle

des Katzenhauses dringend auf die

Ankunft seiner Besitzer bzw. die Vermittlung

in ein neues Zuhause.

oder bei Reparaturen

im Katzenhaus ... ohne

all die engagierten Helferinnen

und Helfer wäre

unsere Arbeit nicht

möglich.

Um Anregungen von

Unterstützern des Katzenhauses

besser in

unsere Arbeit einzubinden,

gibt es seit März

2011 unseren Tierschutzstammtisch

für

alle ehrenamtlich und

angestellt Tätigen des

Katzenhauses. Wir treffen

uns alle zwei

Monate um 20

Uhr im Kleinen

Ratskeller, Jüdenstraße 30 in Göttingen. Der nächste

Termin für unseren Stammtisch ist Freitag, der 15. April

2011 um 20 Uhr. Weitere Termine geben wir auf unserer

Homepage, im nächsten RdT und in unseren Rundbriefen

bekannt.

Das Außengehege des Katzenhauses

muss dringend repariert werden!

Nachdem die Dachreparatur im letzten Jahr dank Ihrer Spenden

und Dank des Könnens unseres ehrenamtlichen Helfers,

Herrn Flieger, so wunderbar geklappt hat, erhoffen wir uns

K ATZENHAUS

einen ähnlichen Erfolg

bei der Reparatur unseres

Außengeheges.

Der großzügige, mit

Hilfe der ehrenamtlichen

Unterstützer sehr

liebevoll gestaltete

Freilauf für unsere Katzen

ist eines der Markenzeichen

des Katzenhauses. Unsere Katzen

lieben es, sich bei Wind und Wetter

die frische Luft um die Nase

wehen zu lassen, im hohen Gras

Insekten zu jagen und sich im

Sommer unter die Büsche in den

kühlenden Schatten zu legen.

Doch leider sind etliche der im

Auslauf verbauten Metallstangen

und -türen altersschwach und

müssen repariert werden.

Nach wie vor müssen wir uns ausschließlich über Spenden finanzieren.

Die Stadt Göttingen stiehlt sich nicht nur bezüglich

der Kastrations- und Kennzeichnungspflicht aus der Verantwortung.

Auch die Versorgung von heimatlosen Katzen

finanziert sie ausschließlich im Tierheim Göttingen. Dabei

werden dort alljährlich Katzen mit der Begründung nicht aufgenommen,

dass man keine Kapazitäten mehr zur Verfügung

habe. Diese Katzen nimmt nach Möglichkeit das Katzenhaus

auf - trotz fehlender finanzieller Unterstützung

seitens der öffentlichen Hand.

In Göttingen wird im Herbst gewählt. Der bmt wird das Thema

‚Katzenschutz' gemeinsam mit anderen Göttinger Tierschutzorganisationen

in den Wahlkampf hineintragen.

Wir werden unseren gemeinsamen Informationstisch zum

Thema in der Göttinger Innenstadt fortführen. Unterstützen

Sie uns bei unserer wichtigen Informationsarbeit während

des kommenden Kommu-

"Katzenhaus Luttertal"

Luttertal 79, 37075 Göttingen

Leiterin (GSt): Gabriele Missalla

(06678) 91 85 67

Leiterin (TH): Monika Bossmann

Tel. (0551) 2 28 32

Postbank Hannover,

BLZ 250 100 30, Konto 732 223 06

www.katzenhaus-luttertal.de

nalwahlkampfes, indem

Sie den Druck unseres Informationsmaterials

durch

eine Spende finanzieren,

Infomaterial verteilen oder

zu unserem neuen

Stammtisch kommen, um

dort Ihre Ideen einzubringen.

Text: Gabriele Missalla

Fotos: Monika Bossmann,

Brigitte Busch, Rolf Kohnen

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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T IERHEIM H AGE

Der bmt im großen Protestzug der Tierschützer durch Norden

Bis 0.30 Uhr wurde diskutiert. Die Podiumsdiskussion

im Dezember 2010

war nicht nur die längste der Stadt Norden,

sondern auch die unerbittlichste.

Gegner und Befürworter der Hähnchenmastställe

standen und stehen sich

bis heute unversöhnlich gegenüber:

Denn es geht um nichts weniger als die

Zerstörung ihrer Heimat, wie Kritiker

die geplante Ausweitung der Massentierhaltung

in Ostfriesland sehen.

Und zu Recht: Die gesamte Nordseeküste

ist für ihr Heilklima berühmt und

zieht ganzjährlich zahlreiche Touristen

an, die sich Erholung, Regeneration,

Linderung und Gesundung versprechen

- und keine Kontaminierung der

Luft durch Emissionen aus Geflügelställen.

Die Bürgerinitiative Norden (BI)

- und mit ihr Nordens SPD und Grüne -

befürchtet, dass die agrarindustrielle

Besiedelung sogar den Status des Wattenmeeres

als Weltkulturerbe gefährden

und für Norden und Norddeich die

Hähnchenmast

GIBT ES BALD SÜDOLDENBURGER VERHÄLT

Mit Protestmärschen, Unterschriften, Podiumsdiskussionen

und Mahnwachen versuchen sich die Bürger des Altkreises

Norden gegen eine Entwicklung zu wehren, die

Ostfriesland zu überrollen droht: Agrarindustrielle treiben

den Bau von zahlreichen Hähnchenmastställen in einer

Region voran, die für ihr gesundheitsförderndes Klima

bekannt ist. Besonders zynisch mutet der Antrag eines

jungen Landwirts an: Der 26jährige beantragt die Baugenehmigung

für einen Hähnchenmaststall mit fast

40.000 Tieren im Nordseeheilbad Norddeich in der Westermarsch,

einem Gebiet in unmittelbarer Nähe von Wattenmeer

und angrenzendem Vogelschutzgebiet der EU.

Aberkennung des Titels als Heilbad bedeuten

könne.

Erst vor wenigen Jahren wurde Norden/Norddeich

mit Subventionen der

EU zum Heilbad ausgebaut - und nun

droht dem sensiblen Standort am Watt

mit EU-Vogelschutzgebiet die flächendeckende

Inanspruchnahme durch die

Geflügelbranche. 27 Hähnchenmastställe

sollen in Ostfriesland gebaut und

in jeder Anlage 40.000 bis 80.000 Tiere

gemästet werden. Der sechswöchigen

Turbomast unter den üblichen artwidrigen

Bedingungen der Massentierhaltung

- 24stündiges Kunstlicht, Antibiotikagabe,

drangvolle Enge etc. -

folgt der Transport zum Schlachthof.

Im Umkreis von 500 Metern um Tiertransporte,

so eine Untersuchung des

Bundesumweltamts von 2005, steige

die Konzentration (und damit potentielle

Gesundheitsgefährdung) von Viren,

Bakterien und Keimen in der Luft. Gleiches

gilt für die Umgebung der Mastställe,

so drei Mediziner aus dem Alt-

kreis Norden in ihrer aufwändigen Literaturrecherche.

Nicht nur im Stall selbst, sondern in einem

Umfeld bis zu einem halben Kilometer

sei eine massive Konzentration

der Luft durch Biotoxine (schädliche

Substanzen, die von Tieren und Pflanzen

produziert werden) und Bioaerosole

(luftgetragene Mikroorganismen wie

z.B. Viren, Bakterien, Pilze) nachweisbar.

Als spezifisches Problem der Küstenregion

kommen die Windgeschwindigkeiten

(mit starken Verwirbelungen

im Umkreis der Anlagen) hinzu,

die zur Keimverbreitung beitragen.

Laut Studie fände sich im Umfeld der

Geflügelställe die höchsten Konzentration

an Keimen - wie zum Beispiel Staphylokokken,

Enterobakterien und

Schimmelpilze - die für jeden Menschen

eine potentielle Gesundheitsgefährdung

darstellen könnten, besonders

aber für Lungenkranke,

Asthmatiker, Allergiker und Rekonvaleszenten.


im Heilklima

NISSE AM WATT?

"Die Hähnchenmastställe sind tödlich

für unsere Region" machten die Demonstranten

am 8. Januar 2011 deutlich,

als sie mit ihren Unterstützern

durch die Stadt Norden zogen. Auch

der bmt forderte mit Geschäftsstellenleiter

Dieter Kuhn die Rückkehr zu einer

tier- und umweltgerechten Landwirtschaft.

"Wir sind nicht gegen die Landwirtschaft",

begründet Dieter Kuhn seine

Kritik an den geplanten Anlagen,

"sondern gegen Agrarindustrie, die aus

Tieren bloße Maschinen macht und die

darüber hinaus landwirtschaftliche Betriebe

vereinnahmt."

Weil viele Landwirte keine angemessenen

Preise für ihre Produkte bekämen,

so der Geschäftsstellenleiter aus Norden,

seien sie gezwungen, sich an die

Agrarindustrie zu verkaufen. "Wir müssen

die Region stärken und wieder verstärkt

heimische Produkte erwerben",

appelliert Dieter Kuhn an die Verbraucher,

"nur so können wir uns dieser fatalen

Entwicklung entgegen stellen."

"Ostfrieslands heimliches Wappentier,

die schwarz-bunte Kuh, hat ausgedient.

In Zukunft wird sie wohl durch ein Grillhähnchen

ersetzt", kommentiert auch

die taz den Vorstoß, nach Südniedersachsen

nun auch Ostfriesland mit

Mastanlagen in großem Stil zu überziehen.

Dabei gilt nach Einschätzung

des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums

der Markt für Geflügelfleisch

schon als gesättigt und die

Gewinnspanne - nach dem europaweiten

Preiskampf der Massentierhalter

Wiesenhof und Rothkötter - als niedrig.

Längst ist bekannt, dass die Pläne, die

zum Beispiel auch die Landwirtschaftskammer

Weser-Ems unterstützt,

"nebenbei" ein anderes Ziel verfolgen:

In Wietze (bei Celle) soll gegen den

Widerstand der Bürger der größte

Hähnchenschlachthof Europas entstehen

- mit einem Schlachtrekord von

500.000 Tieren pro Tag! "Da muss zugeliefert

werden", sagt Dieter Kuhn.

Zurück zu dem Antrag des jungen

Landwirts, das Nordseeheilbad Norddeich

um einen Maststall mit ausgerechnet

39.770 Tieren - ab 40.000

muss die Öffentlichkeit in die Bauplanung

einbezogen werden - zu erweitern.

Alle Ratsmitglieder der Stadt Norden

stimmten Mitte März dafür, das

gemeindliche Einvernehmen für die Errichtung

der umstrittenen Anlage in der

Westermarsch zu versagen.

Die Volksvertreter fordern den Landkreis

Aurich als zuständige Genehmigungsbehörde

auf, die Unbedenklichkeit

der Anlage nachzuweisen und eine

Umweltverträglichkeitsprüfung vorzunehmen.

Folgende Punkte sind nach

Auffassung der Politiker aus Norden zu

klären. Wird der geplante Hähnchenmaststall

in unmittelbarer Nähe vom

Watt und damit der touristischen Zone

� den Status des Wattenmeeres als Kulturerbe

der Unesco gefährden?

� (welche) Auswirkungen auf das angrenzende

Vogelschutzgebiet der EU

haben?

� die Aberkennung des gerade errungenen

Titels Nordseeheilbad für Norden

und Norddeich bedeuten?

� sich (wie) auf die Gästezahlen auswirken?

Und, wenn ja, wie dem Aus-

T IERHEIM H AGE

bleiben der Touristen entgegengewirkt

werden kann?

� höhere Verkehrsbelastungen nach

sich ziehen?

Außerdem muss geklärt werden, ob die

erforderlichen Abstände des Stalls zu

dem (bestehenden) Wohnhaus sowie

alle Brandschutzbestimmungen eingehalten

werden, ob die Installation einer

Biogasanlage geplant ist und ein Keimgutachten

vorliegt. Der gesundheitliche

Aspekt ist für die Stadt Norden ein sehr

wichtiger Punkt, weil sie eine besondere

Verantwortung für ihre Gäste hat.

Da es bislang keine Untersuchungen

gibt, in welchem Maße Emissionen

Mensch und Umwelt belasten oder gar

schädigen, haben die drei Mediziner,

unter ihnen Dr. Thomas Fein, Begründer

der Norder Initiative gegen die

Massentierhaltung (BI), die oben erwähnte

Studie erstellt. Die Literaturrecherche

und aktuelle Infos zum Thema

finden Sie unter: www.bi-norden.de

Geschäftsstelle Norden

Nordbuscherweg 17, 26553 Dornum

Leiter: Dieter Kuhn,

und Ursula Sottmeier

Tel. (04933) 99 28 24, Fax 99 28 26

Tierheim Hage

Hagermarscher Str. 11, 26524 Hage

Tel. (04938) 4 25, Fax 91 49 90

Raiffeisen-Volksbank

Fresenae.G.Norden, BLZ 283 615 92

Konto 6302020300

www.tierheim-hage.de

Text: Claudia Lotz

Das Recht der Tiere 1/2011


Das Recht der Tiere 1/2011

32

Wie ein Fels

Wann ist ein Hund ängstlich,

wann unsicher? Tierheimleiter

Stefan Kirchhoff beschreibt, warum

die Abgrenzung beider Verhaltensweisen

wichtig und für

den Umgang grundlegend ist.

Doch ob Angst oder eher Unsicherheit

dominieren - entscheidend

für beide Hundetypen ist

die Leitbildfunktion eines liebevoll-konsequenten

und souveränen

Halters.

VON ÄNGSTLICHEN UND UNSICHEREN HUNDEN

"Wahrscheinlich wurde

er geschlagen",

vermuten die meisten

beim Anblick eines

verängstigten Tieres.

Doch Angst kann

auch aus einem Erfahrungsmangelresultieren,

wie zum

Beispiel der sozialen

Isolation in der Prägephase

und Sozialisierungsphase

(in der

3. bis18. Lebenswoche

nach Feddersen-

Petersen). Weiter tragen

genetische Disposition,Krankheiten,

Schmerzen, un-

KIA klareSozialverhältnisse, Hormone, Konditionierung

(erlernte Angst) und Stress dazu bei, dass der

Hund ein Angst-Verhalten entwickelt.

Dabei beschreiben Angst und Unsicherheit zwei unterschiedliche

Reaktionsmuster: Während der unsichere Typ

noch fähig ist, kritische Situationen mit verschiedenen Verhaltensweisen

wie defensiver Aggression, Flucht oder submissivem

(unterwürfigem) Verhalten zu bewältigen, gelingt

dies einem ängstlichen Hund nicht mehr. Er ist - völlig blokkiert

- nicht mehr in der Lage, ein alternatives Verhalten zu

entwickeln, mit dem er die Angst auslösende Situation meis-

tern könnte. Die meisten Hunde, die uns als ängstliche Charaktere

anvertraut wurden, sind unsicher.

Unsicherheit oder Ängstlichkeit wird besonders für Tierheimhunde

zum Problem, weil viele Besucher bestimmte Verhaltensweisen

falsch interpretieren. Ein Hund, der direkt auf sie

zugelaufen kommt, hat sich seine neuen Besitzer "selbst ausgesucht",

so das immer wieder vertretene Bild von der Liebe

auf den ersten Blick. Doch dieser betreffende Hund würde auf

fast alle fremden Menschen in derselben (entwaffnenden)

Offenheit zugehen - und so sagt dieses Verhalten zwar wenig

über seinen wirklichen Charakter aus, erhöht aber massiv

seine Vermittlungschancen.

Hunde, die ruhig in der Ecke sitzen, ausweichen und keinen

Kontakt zur fremden Person suchen, bleiben häufig entsprechend

länger im Tierheim. Sie "präsentieren" sich einfach

schlecht und ihre Vermittlungschance verringert sich erheblich.

Doch gerade diese zurückhaltenden Kandidaten profitieren

schnell von Vermittlungen in ein gutes Umfeld: Ständiger

Sozialkontakt zur neuen Bezugsperson und die - oft

unterschätzte - Ruhe fernab vom stressigen Tierheimalltag

führen schnell dazu, dass sie ihr unsicheres Verhalten ablegen.

Fallbeispiel Kia:

in der

Brandung

Kia ist in einem türkischen Tierheim unter 900 Hunden geboren

worden, mit Menschen hatte sie kaum Kontakt und die

Außenwelt nie kennengelernt. Mit 1,5 Jahren kam sie in eine

Pflegestelle und schloss sich intensiv den Hunden vor Ort

an. Annäherungsversuche des Menschen ließen sie flüchten,

an der Leine reagierte sie panisch, schnappte um sich.

2005 kam sie ins Tierheim Arche Noah und lebte dort mit einem

Artgenossen zusammen. Für Kia ein Leben mit Qualität,


aber nicht in unseren Augen,

auch sie sollte die Chance zu einer

Vermittlung bekommen. So legten

wir ihr eine Kurzleine an, die sie solange

auch im Auslauf trug, bis sie sich

an den Zug der Leine gewöhnt hatte. Mit

ihrem Mitbewohner Timo wurden dann die

ersten Gassigänge auf dem Tierheimgelände

gemacht, anschließend auf das Umfeld des Tierheims

verlegt. Mit Hilfe der Gassigänger konnte sie

nun endlich auch spazieren gehen.

Anfang Juli 2010

hatte Kia endlich

eine Interessentin

gefunden, deren

Rüde sich Kia

gegenüber wie ein

Gentleman verhielt.

Das Verblüffende

ist, dass sie

innerhalb weniger

WICHTIG:

Ängstliche Hunde sollten

immer doppelt gesichert

werden

Immer wieder geschehen: Hunde in

Panik "rutschen" aus dem zu lockeren

Halsband und fliehen. Darum unser

Tipp: Sichern Sie ängstliche Tiere mit

Halsband und Geschirr.

Wochen so gravierende

Fortschritte

machte, dass sie

heute unangeleint

zwischen Surfern

und Touristen am

Strand von Fehmarn

herumläuft.

Kia war 5 Jahre (!)

bei uns.

An diesem schö-

nen Beispiel sieht man, wie extrem anpassungsfähig Hunde

sind. Oft wird unterschätzt, dass Hunde auch noch

nach ihrer Sozialisierungsphase viel dazu lernen und auch

noch im hohen Alter Beziehungen zum Menschen aufbauen

können.

Tipps im Umgang

mit einem unsicheren Hund

Behandeln Sie Ihren unsicheren Hund nicht wie einen unsicheren

Hund - Sie müssen der Fels in der Brandung für ihn

sein. Führen Sie ihn selbstbewusst und souverän durch den

Alltag. Seien Sie liebevoll und geduldig, aber auch konsequent.

Gerade unsichere Hunde brauchen ein Leitbild, eine

klare soziale Struktur. Wenn Sie und nicht der Hund die Leitbildfunktion

übernehmen sollen, dann müssen Sie sich auch

so verhalten, das heißt: Setzen Sie ihrem Hund Grenzen,

drücken Sie kein Auge zu, wenn er sich daneben benimmt,

nur weil er gerade wieder diesen etwas unsicheren Blick

drauf hat…

Wenn sich unsichere Hunde in der Pflicht sehen, ihre Umwelt

ganz alleine managen zu müssen und sich auch noch Aufgaben

auftragen, für die nicht sie, sondern ihr Besitzer zuständig

sind, geht das Dilemma erst richtig los. Also: Auch

unsichere Hunde brauchen klare Regeln und Grenzen!

Fallbeispiel Abra:

TH ARCHE N OAH

Abra zeigte von Anfang an leichte Unsicherheiten bei uns im

Tierheim, konnte aber dennoch zügig vermittelt werden. Ihr

Reaktionsmuster (Furcht vor fremden Männern, ungewöhnlichen

Dingen wie flatternde Mülltüten etc.) legte sie in der

neuen Umgebung nur bedingt ab, doch die Familie arrangierte

sich. Nach ca. 1 Jahr begann Abra in bestimmten Situationen

Kinder und später auch Erwachsene im Haushalt

zu beißen. Dieses Verhalten passte so gar nicht zu ihr. Wir

untersuchten sie erst einmal tierärztlich, um schmerzbedingte

Aggressionen auszuschließen.

Wir rieten der Familie, mit Abra in eine Hundeschule zu gehen,

um die Führungsstruktur neu aufzubauen. Leider sahen

sich die Besitzer dazu nicht in der Lage, ihrer Beurteilung

nach könnten sie nie konsequent genug sein, um Abra die

adäquate Erziehung zu geben. Schweren Herzens brachte

die Familie die Hündin auf unseren Rat hin zurück.

Mit dem gewonnenen Wissen konnten wir Abra nun gezielt

vermitteln: Sie kam nach intensiven Begleitgesprächen zu einem

erfahrenen Ehepaar, dessen Kinder nicht mehr im Haushalt

lebten. Sie ist jetzt wieder seit fast einem Jahr vermittelt

und hat dank einer guten Erziehung und Ausbildung nicht

wieder zugebissen. Mittlerweile hat die Hündin die Begleithundeprüfung

bestanden und geht noch immer regelmäßig

auf den Hundeplatz, um zu trainieren und beschäftigt zu

werden.

Abras Geschichte zeigt, wie wichtig ein erzieherischer und

konsequenter Umgang auch oder gerade bei unsicheren

Hunden ist. Und vergessen Sie dabei nicht: Ist der Alltag

durchlebt, ist es sehr wichtig, dass der Hund zur Ruhe kommt.

Schlaf und Ruhezeiten sind nötig, um die gesammelten Erfahrungen

zu verdauen.

Unser Tipp: Vielleicht entscheiden Sie sich beim nächsten

Tierheimbesuch ganz bewusst für einen Hund, der nicht sofort

freudig auf

Sie zuspringt.

GSt u. TH "Arche Noah"

Rodendamm 10, 28816 Stuhr/Brinkum

Leiterin (GSt): Anke Mory

Tel. (0170) 632 52 40

Leiter (TH): Stefan Kirchhoff

Tel. (0421) 890171, Fax 80 90 553

Kreissparkasse Syke,

BLZ 291 517 00, Kto. 113 000 29 57

ww.tierheim-arche-noah.de

Text und Fotos: Stefan Kirchhoff

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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Kuscheln uscheln

ohne

Folgen

Einer von unzähligen Fällen in Deutschland,

die sich täglich ereignen, auch in

Berlin. Nicht nur, dass sich die Population

der frei lebenden Katzen in der

Hauptstadt ständig erhöht - ebenfalls

nehmen Tierschutzverstöße wie das

Aussetzen von trächtigen Katzen, Muttertieren

mit ihren Würfen oder verwaiste

Katzenwelpen laufend zu.

Der Grund: Niemand fühlt sich verantwortlich

für den unerwünschten Katzennachwuchs,

selbst die Besitzer unkastrierter

Freigänger-Katzen nicht.

Damit soll nun endlich Schluss sein:

Das Berliner Tierschutzbündnis, ein Zusammenschluss

des Tierschutzvereins

Berlin und Umgebung (TVB), der Tierversuchsgegner

Berlin und Brandenburg

und dem bmt, fordert die Politiker

zum Handeln auf. Eine verpflichtende

Kastrations- und Kennzeichnungspflicht,

wie bereits in mehreren deutschen

Städten (Paderborn, Hildesheim,

Delmenhorst etc.) eingeführt, soll auch

in Berlin das Katzenelend nachhaltig

beenden.

Am 17. März stellte das Berliner Tier-

NEUE KAMPAGNE FÜR DIE HAUPTSTADT

Am Teltowkanal in Berlin/Lichterfelde

steht ein Karton. Er ist

durchweicht und ab und zu bewegt

er sich ein wenig. Ein

Hund macht seine Besitzerin

auf den Fund aufmerksam -

und fassungslos erkennt die

junge Frau, dass es sich um einen

Wurf Katzenwelpen handelt.

Zwei Tiere sind offensichtlich

tot, drei leben noch…

B ERLINER T IERSCHUTZBÜNDNIS FORDERT

KASTRATIONSPFLICHT FÜR FREIGÄNGERKATZEN

schutzbündnis auf einer Pressekonferenz

seine Kampagne unter dem Motto

"Kuscheln ohne Folgen" vor. Das Motiv

ist als Plakat und Postkarte erhältlich;

Letztere werden außerdem kostenlos in

Szene-Kneipen ausgelegt.

Die Podiumsteilnehmer - unter der Moderation

von Tierschutzbotschafterin

Ines Krüger (MDR-Fernsehen) - machten

deutlich, dass eine bundesweite

Tierschutz-Katzenverordnung die seit

langem überfällige Antwort auf das zu-

nehmende Leid

von Katzen sei.

Mehrere Zehntausend,

manche

Zahlen sprechen

sogar von nahezuHunderttausend,

herrenlosen

Katzen versuchen

sich und ihren

Nachwuchs unter schwierigsten Bedingungen

allein in Berlin am Leben zu erhalten.

Halb verhungert, krank, verletzt

und Freiwild für Tierquäler vegetieren

die Samtpfötchen auf verwilderten

Grundstücken, Parks, Gärten und Fabrikanlagen

vor sich hin - und werden

trotz zehrender Umweltbedingungen

und instabiler Gesundheit mehrfach im

Jahr trächtig.

Von links: Tierschutzbotschafterin Ines Krüger, Wolfgang

Apel (DTB), Brigitte Jenner (Tierversuchsgegner) und

Claudia Lotz (bmt) päsentieren die neue Berlin-Kampagne

Die Katzenschutzverordnung, so das

Berliner Tierschutzbündnis, muss ver-


Claudia Lotz

Mitglieder der Geschäftsstelle Berlin

(vormals Landesverband Berlin) haben

im März bereits unser Sonderrundschreiben

erhalten. Dort wurden Sie

über den Personalwechsel informiert:

Dr. Jörg Styrie hat sich beruflich anders

orientiert und seine Ämter (bmt-Vorsitz

und Leitung des ehemaligen Landesverbandes

Berlin) niedergelegt.

bindliche Regelungen für die Haltung, Betreuung und Zucht von Katzen enthalten sowie

die grundsätzliche Verpflichtung zur Kastration und Kennzeichnung von Freigängern.

Die Kastrations- und Kennzeichnungspflicht

von wild lebenden Katzen soll

auch Thema einer weiteren Diskussion

sein. Am 18. September wird in Berlin ein

neues Abgeordnetenhaus gewählt.

Rechtzeitig vorher (voraussichtlich Ende

August) wird das Berliner Tierschutzbündnis

mit dem Berliner Tierschutzbeauftragten,

Dr. Klaus Lüdcke, als Ausrichter

des "Berliner Tierschutztages" eine

Veranstaltung mit Vertretern der Parteien

organisieren.

Hier sollen die Parteien, die sich in Berlin

zur Wahl stellen, zu den Tierschutz-

Brennpunkten in der Hauptstadt Stellung

nehmen. Dazu gehören: Wildtierverbot

in Zirkussen, Versorgung verletzter Wildtiere

in Berlin, Berliner Hundegesetz,

Katzennachwuchs im Frühjahr

Tierheimfinanzierung, Tierversuche in der Hauptstadt und Einführung eines Verbandsklagerechts

für anerkannte Tierschutzvereine in Berlin.

WECHSEL IM EHEMALIGEN LANDESVERBAND BERLIN

Claudia Lotz löst Dr. Jörg Styrie ab

Der Verein bedauert dies sehr und

wünscht ihm für seine neue Herausforderung

alles erdenklich Gute.

Die Leitung der Geschäftsstelle übernimmt

Claudia Lotz, die das Magazin

"Das Recht der Tiere" verantwortlich betreut

und seit nun 17 Jahren für den bmt

tätig ist. Mit dem personellen Wechsel

ist auch die Geschäftsstelle von Berlin/Heiligensee

nach Wannsee umgezogen

und hat nun folgende Anschrift:

Geschäftsstelle Berlin

Sauerbruchstraße 11, 14109 Berlin

Leiterin (GSt): Claudia Lotz

(030) 80 58 33 -38, Fax -39

claudia.lotz@bmt-tierschutz.de

Postbank Berlin,

BLZ 100 100 10, Konto 9603-107

www.tierschutz-bmt-berlin.de

GST B ERLIN

Text: Claudia Lotz

Über alle Termine werden Sie rechtzeitig

auf der Homepage informiert. Bitte

schenken Sie der Geschäftsstelle Berlin

auch weiterhin Ihr Vertrauen und machen

Sie durch Ihre Unterstützung die

so wichtige Tierschutzarbeit in der

Hauptstadt möglich.

Übrigens:

Die schwarz-weißen Geschwister vom

Teltowkanal wurden noch so rechzeitig

gefunden, dass sie sich im Franziskus-

Tierheim des bmt in Hamburg schnell

wieder erholt haben.

Heute leben die drei Kater auf einem

Pferdehof in Schleswig-Holstein und

teilen sich ihre aufregende Umgebung

mit mehreren, ebenfalls kastrierten

Katzen.

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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Artgerechte

Haltung

auch für

Seit fünf Jahren hat sich ein gravierender Wandel in der Vermittlung

der Kleintiere im Tierheim Köln-Dellbrück vollzogen: Kaninchen und

Meerschweinchen werden nicht mehr in die klassische Käfighaltung

vermittelt - auch dann nicht, wenn den Tieren ein täglicher Freilauf zugestanden

wird.

"Wenn Sie uns keine Kaninchen vermitteln wollen, gehen wir eben in

den Zooladen!" Eine solche Antwort nach einem ausgiebigen Beratungsgespräch

in der Tiervermittlung ist für Kleintierbetreuerin Sandra

Kamman frustrierend. Sie leistet enorme Aufklärungsarbeit, was

die Haltung von Kaninchen, Meerschweinchen & Co. angeht.

Während Zoogeschäfte nur auf den

schnellen Verkauf der Tiere aus sind

und die neuen Halter selten über die jeweilige

Tierart und ihre Anforderungen

an Haltung, Umgang und Pflege informieren,

klärt die Tierpflegerin über die

Grundbedürfnisse von Kaninchen,

Meerschweinchen und weiteren Kleintieren

auf. Die wenigsten Kaninchen

und Meerschweinchen werden auch

nur ansatzweise artgerecht gehalten.

Artgerechte Haltung bedeutet, dass

man den Tieren Platz zugesteht - für ein

geräumiges Innen- oder Außengehege,

das die Tiere 24 Stunden nutzen

können und ihrem großen Bewegungsdrang

entspricht.

Für Kaninchen sind das mindestens

zwei bis vier Quadratmeter, bei Meerschweinchen

zwei Quadratmeter - natürlich

mit der entsprechenden

Kaninchen &

Meerschweinchen

abwechslungsreichen Einrichtung. Eine

solche Haltung vermeidet auf lange

Sicht Verhaltensstörungen wie Aggression,

Gitter nagen, Scharren in der

Ecke und Bissigkeit. Auch gesundheitliche

Probleme

werden vermieden,

wie zum Beispiel

die häufigen

Schwierigkeiten

beim Absatz

des Blinddarmkots

aufgrund

von Bewegungsmangel.

Werden die Grundbedürfnisse

der Tiere beachtet und ihr

Lebensraum entsprechend gestaltet,

macht die Haltung doppelt Freude:

Man sieht das ganze Verhaltensrepertoire

von Kaninchen und Meerschweinchen

und kann eine intensivere Beziehung

zu ihnen aufbauen. Hoppeln,

Haken schlagen, Graben etc. sind im

handelsüblichen Käfig nicht möglich.

Sie können nicht artgerecht eingerichtet

werden und sind kein Lebensraum.

Es ist auch nicht damit getan, ein im

Käfig lebendes Kaninchen für ein paar

Stunden im Zimmer oder im zu-

sammengesteckten Gartenauslauf laufen

zu lassen. Ebenfalls ist es häufig der

Fall, dass zwar zwei Kaninchen gehalten

werden, diese sich aber

aufgrund der Enge im Stall nicht vertragen

und in getrennte Käfige gesetzt

werden müssen.

"Viele Kaninchen müssten gar nicht abgegeben

werden, würden die Halter zu

uns kommen und uns um Hilfe bitten.

Aber die einfachste Problembewältigung

ist eben die Abgabe im Tierheim

oder - noch schlimmer - das Aussetzen

der Tiere", erklärt Sandra Kamman.

"Wir stellen Anforderungen an das Tier,

die es zu erfüllen hat, aber sollten wir


uns nicht lieber die Frage stellen, ob wir

den Anforderungen gewachsen sind, das

Tier artgerecht halten zu können?" fragt

die bmt-Mitarbeiterin. Zu ihrer Freude

erlebt sie immer häufiger, dass Besucher

der Kleintierabteilung großes Interesse

an der artgerechten Haltung zeigen

und dankbar für jeden Tipp sind.

Ebenso stellt sich die Tierpflegerin die

Frage, wieso Kaninchen und Meerschweinchen

in Käfigen zur Normalität

gehören, aber ein Hund im Zwinger für

die meisten Menschen ein unerträglicher

Anblick ist.

Kaninchen oder Meerschweinchen scheinen

einen anderen (geringeren) Stellenwert

als Hunde zu haben - woran liegt

das?

Vor Weihnachten und Ostern boomt der

Verkauf von lebenden Tieren in den Zooläden.

Kinderherzen schlagen beim Anblick

von jungen Kaninchen und Meerschweinchen

höher, und Eltern

erfüllen den Wunsch

nach einem Kleintier

eher als

TH Köln-Dellbrück

Iddelsfelder Hardt, 51069 Köln

Leiterin (GSt): Sylvia Bringmann

Leiter (TH): Bernd Schinzel

Tel. (0221) 68 49 26, Fax 68 18 48

Postbank Köln, BLZ 370 100 50

Konto 924 02-505

www.tierheim-koeln-dellbrueck.de

nach einem Hund oder einer Katze.

Denn was macht so ein kleines Tier

schon groß an Arbeit, ist die verbreitete

Ansicht. Weit gefehlt, denn das Sauberhalten

des Käfigs (und auch die Entsorgung

größerer Mengen Mist), die Beschaffung

von gutem Futter, Heu und

Frischkost sowie regelmäßige Tierarztbesuche

(Krallen, Zähne, Parasiten) bedeuten

Zeit und Kosten.

Die Verantwortung obliegt den Eltern

und kann keinem Kind übertragen werden.

Wenn sich die ganze Familie über

die Anschaffung von Meerschweinchen

oder Kaninchen einig ist, sollte man den

Weg ins Tierheim wählen. Die Kleintiere

leben im Tierheim in Köln-Dellbrück in

Freigehegen und Volieren. Aufgrund des

immer größer werdenden Bestands

durch ausgesetzte und abgegebene Tiere

sowie Sicherstellungen durch das Veterinäramt

aus verwahrlosten Haltungen

müssen wir aus Platzgründen oft auf eine

vorübergehende Käfighaltung ausweichen.

Ein Tier in ein artgerechtes und schönes

Zuhause zu vermitteln, gehört zu unseren

wichtigsten Aufgaben und Zielen -

darin sehen wir unsere Verantwortung.

Für jede einzelne Vermittlung

nehmen wir uns Zeit.

Weitere Infos finden Sie auf

den beiden Internetseiten,

die Sandra Kamman erstellt

hat und auch betreut. Sie

können ihr gerne Fragen

rund um Kleintiere stellen:

www.info-kaninchen.de.tl/

www.info-meerschweinchen.de.tl/

TH KÖLN-DELLBRÜCK

Im Vergleich:

Ein völlig unzureichender

Kleinstkäfig und dagegen

eine ideale Ausführung

eines Freilaufgeheges

Fotos: Debra Bardowicks,

www.animal-photography.de

und Heike Bergmann

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

38

Die Anzahl der Anfragen, ob wir den

Tieren helfen oder Projekte unterstützen

können, beträgt mittlerweile ca. 25%

unserer Emails. Sicherlich handeln diese

Menschen, die die Hilferufe im

Schneeballsystem weiterleiten, in guter

Absicht, doch niemand weiß, wer hinter

diesen Aufrufen steckt, wie die Situation

vor Ort tatsächlich aussieht und

ob wirklich ein seriöser Verein oder vielleicht

doch ein dubioser Privatmensch

unter dem Deckmantel Tierschutz

agiert?

Besondere Vorsicht ist dann geboten,

wenn die Hunde ohne Kennenlernphase

nachts auf irgendwelchen Autobahnrastplätzen

übergeben werden

sollen. Zum einen ist es vom Tierschutzgesetz

her verboten, zum anderen

nicht ohne Risiko, wenn Tiere nach

einer langen Fahrt ins Ungewisse im

Dunkeln fremden Menschen, die sie

zum ersten Mal sehen, an einem lauten

und hektischen Ort übergeben werden.

Es ist ja meist eine größere Anzahl von

Hunden, die hier an ihre neuen Halter

übergeben werden soll. Sicherlich stecken

gut gemeinte Absichten hinter solchen

ursprünglichen Hilfsaktionen,

aber was ist, wenn der Hund in Panik

gerät und wegläuft oder die Menschen

am nächsten Tag feststellen, dass der

Hund doch nicht zu ihnen passt?

Darüber hinaus erreichen uns täglich

Anrufe von verzweifelten Tierbesitzern,

die sich über Internet einen neuen vierbeinigen

Partner ausgesucht haben

und nun mit ihm nicht zurechtkommen.

Nur einige Fälle, die wir Ihnen schildern,

machen das Ausmaß dieses neuen

Tierschutzproblems deutlich: Ein

American Staffordshire Terrier-Mix, 11

Monate, von privat aus Frankfurt über

ein Internetinserat

erworben, sucht

ein neues Zuhause,

weil sich seine

Besitzer beruflich

verändern. Ein

Golden Retriever-

Rüde, 6 Monate,

über Internet gekauft,

verliert sein

Heim, weil die Besitzer

merken, dass sie keine Zeit mehr

für den Junghund haben.

Eine 9-Monate-alte Labrador-Mix-

Hündin muss sofort ausziehen, weil sie

der Frau angeblich in die Hand gebissen

und einem Passanten die Jacke zerstört

haben soll. Ein Rehpinscher-Rüde,

7 Monate jung, wurde von einer Züchterin

mit "echten" russischen Papieren

für 400,- Euro gekauft. Nun merkt die

“TIERVERMITTLUNG”

Morgens, 8 Uhr im Tierheim Wau-Mau-Insel,

Kassel. Wie jeden Morgen erwarten

uns ca. 100 Emails. Viele davon kommen

über so genannte Tierschutz-Verteiler,

manchmal 10 oder 20 Nachrichten vom

selben Absender, der gleichzeitig Wale

vor Grönland, Tiger in Malaysia, Hunde

aus den unterschiedlichsten Hundehöllen

in Frankreich, der Türkei, Polen oder Katzen

aus Malta und Italien retten will.

GSt u. TH "Wau-Mau-Insel"

Schenkebier Stanne 20, 34128 Kassel

Leiterin (GSt): Petra Hollstein

Leiter (TH): Karsten Plücker

Tel. (0561) 86 15 680, Fax 86 15 681

Kasseler Sparkasse,

BLZ 520 503 53,

Konto 70 700

Besitzerin, dass sie keine Zeit und kein

Geld für das Tier hat, ein Border Collie-Rüde,

15 Wochen jung, soll sein gerade

erst gefundenes Zuhause wegen

Überforderung der neuen Besitzer wieder

verlassen.

Die Liste mit Beispielen ließe sich - leider

- beliebig fortsetzen.

Insbesondere die Tiere, die bereits

krank den Besitzer wechseln, werden

schnell wieder abgestoßen. Diese Ein-

www.wau-mau-insel.de

bahnstraße muss

über kurz oder lang

zu einem langen

Rückstau führen

und stellt die Tierheime

vor große

Probleme, da sie

gar nicht so viel Tiere

aufnehmen können,

wie täglich abgegeben

werden.

Und auch auf den Kosten bleiben die

Tierheime sitzen, denn die Besitzer

spenden in der Regel keinen Cent.

Das Internet wird zudem immer unübersichtlicher:

Hier inserieren nicht

nur deutsche Tierschützer und Händler,

sondern suchen auch international zigtausende

‚gerettete' und kommerziell

angebotene Hunde ein neues Zuhause.

Bei www.quoka.de finden sich bei-


Mehr

spielsweise folgende Anzeigen-Zahlen:

Hunde 23.310, Katzen10.210, Reptilien/Terraristik

10.347, Vögel 6601,

sonstige Haustiere 10.898 Anzeigen.

Unter www.tiervermittlung.de finden

sich insgesamt 21.581 Anzeigen; bei

den Ebay-Kleinanzeigen 25.972 im Bereich

Hunde und Zubehör, Katzen und

Zubehör 11.539 Anzeigen. Nicht zu

vergessen die unzähligen nationalen

und internationalen Vereine, die auch

alle ein Zuhause für ihre Schützlinge

suchen. Auffallend ist, dass die Zahl

der Anzeigen für Hunde im Vergleich zu

den anderen Haustierrassen wesentlich

höher ist.

Hoffentlich finden all diese Tiere ein

liebevolles und dauerhaftes Zuhause,

aber es gibt ja zur Not noch das Tierheim.

Häufig bekommen die Mitarbeiter

zu hören: "Sie sind doch ein Tierheim

- dafür sind Sie doch da! Wie, Sie

können den Hund nicht gleich aufnehmen?

Na, dann muss ich das Tier aussetzen

- dann müssen Sie ihn doch nehmen,

oder???"

Worum es uns geht, ist an die Vernunft

der Menschen zu appellieren, die ein

Haustier, möglicherweise aus dem Ausland

oder gar über das Internet, adoptieren

wollen.

Gemeinsam mit der Tierärztlichen Vereinigung

für Tierschutz e.V. hat der bmt

die nebenstehende CHECKLISTE für

zukünftige Tierbesitzer erarbeitet.

Text: Claudia Bioly

1. “Auf jeden Topf passt ein Deckel”

In einem ersten Vermittlungsgespräch sollten beispielsweise die Lebensumstände und

Erwartungen des zukünftigen Hundebesitzers geklärt und geschaut werden, ob der

Hund diese Bedingungen erfüllt.

2. Kennenlernphase

Nach dem Beratungsgespräch sollte es die Möglichkeit geben, das Tier kennen zu

lernen, in einigen Fällen kann eine längere Kennenlernphase sinnvoll sein. Lassen

Sie sich nicht unter Druck setzen und zu einem (vor-) schnellen Entschluss nötigen. Zu

langes Zögern kann aber auch nicht im Interesse des Hundes und seines Halters sein.

3. Herkunft des Hundes

bzw. Tieres

Woher kommt das Tier ursprünglich

(Abgabe-/Fundtier oder Übernahme

aus dem Ausland) und sind seine bisherigen

Lebensumstände bekannt?

Was können die Mitarbeiter über seine

Herkunft und seinen Charakter sagen?

Liegen die entsprechenden Gesundheitszeugnisse

vor (Impfpass und

Krankenakte)?

4. Unterbringung & Pflegezustand

des Tieres

Überzeugen Sie sich davon, wie der

Hund untergebracht ist und in welchem

Pflegezustand er sich befindet,

insbesondere bei Welpen sollten Sie

darauf achten, ob das Muttertier dabei

ist und ob der Welpe alleine oder

mit Gleichaltrigen zusammenlebt.

5. Vermittlung nur mit

Tierschutzvertrag !!!

TH WAU-MAU-INSEL

FLUCH als Segen!

ÜBER INTERNET, ZEITUNG & CO

Barco

Schäferhund / Windhundmix (1 Jahr)

wurde über das Internet nach Berlin verkauft.

Er war völlig abgemagert, verstört,

hat hochgradige Furcht vor Männern,

ist nicht sozialisiert und kennt

keine Erziehung. Der zu Frauen zutrauliche

und sehr anhängliche Rüde wartet

in einem befreundeten bmt-Tierheim

auf hundeerfahrene neue Besitzer.

Ein Tier sollte nur mit Schutzvertrag abgegeben werden. Wichtig ist, dass beispielsweise

im Vorfeld geklärt wird, was geschieht, wenn das Tier nicht mehr im neuen Zuhause

bleiben kann. Jeder seriöse Vermittler kümmert sich ein Leben lang um seine

Tiere und nimmt sie auch wieder zurück.

6. Spendengelder & Schutzgebühren bei Tierschutzvereinen

Kann der Verein nachweisen, woher seine Spendengelder/Einnahmen kommen und

wozu diese Mittel verwendet werden? Wenn das Tier aus dem Ausland stammt, wie

sieht die Situation vor Ort aus? Engagiert sich der Verein im Herkunftsland oder importiert

er die Hunde nur?

39


Das Recht der Tiere 1/2011

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Paten

Für Kinder ist die Vorweihnachtszeit

mit all' ihren wundervollen

Traditionen wie dem gemeinsamen

Plätzchen backen, Geschenke

basteln, Schneemänner bauen

oder Schokoladen-Nikoläuse naschen

eine besonders aufregende

Zeit. Dazu gehört auch die

Weihnachtsgeschichte. Als dabei

die Sprache auf den Esel im Stall

kommt, hat Gunda Männel-Kaul

eine ganz wunderbare Idee.

Die engagierte Pastorin, die zuvor

schon über das Internet auf die Arbeit

und die Patentiere des bmt aufmerksam

geworden war, übernahm mit der

Kinderkirche eine Patenschaft für unseren

Esel Beppo - ein Weihnachtsgeschenk,

über das wir uns besonders

freuen. Denn Beppo bekam nicht nur

viele kleine Paten, sondern dank Frau

Männel-Kaul wurden die Kinder auch

auf das Schicksal unserer Tiere aufmerksam

und für den Tierschutz sensibilisiert.

Um die Patenschaft auch zu finanzieren,

haben die Kinder fleißig

und mit großem Erfolg für "ihren" Esel

gesammelt.

Beppo hatte, wie auch unsere drei anderen

Esel, eine schlimme Zeit hinter

sich, bevor er bei uns ein Zuhause

fand. Niemand kümmerte sich um ihn,

er wurde schwer vernachlässigt und

stand allein in einem dunklen Verschlag,

ohne Weide und ohne Sonne.

Heute lebt er mit seinen drei Gefährten

Ida, Hasi und Bärli auf einem unserer

Pflegeplätze in einer sehr schönen, hellen

Offenstallhaltung in Niederbayern.

Längst hat er mit seinen Kumpels inni-

für

Beppo

DIE KINDER DER EVANGELISCH-LUTHERISCHEN OSTERKIRCHE

BRAMFELD UND PASTORIN GUNDA MÄNNEL-KAUL

GEBEN DER WEIHNACHTSGESCHICHTE LEBEN

geFreundschaftgeschlossen, die

vier sind unzertrennlich

und am liebsten

auf der

weiten Weide

mit den Obstbäumenanzutreffen.

Die stolzen Paten mit ihrer Pastorin.

Die Spenden kommen Esel Beppo und

seinen drei Gefährten zugute.

Wie Sie auf

dem Foto sehen

können,

ist die Freude und Begeisterung unserer

jungen Paten nach wie vor ungebrochen.

In der letzten Kinderkirche

haben alle Kinder in Kopie eine eigene

Urkunde über ihre Patenschaft für Beppo

bekommen.

Da die Aktion besonders durch den

Feuereifer der Kinder so erfolgreich

war und viele Spenden in der Osterkirche

zusammenkamen, blieb sogar

noch eine zusätzliche zweckgebundene

Spende für seine drei Gefährten Ida,

Hasi und Bärli übrig. So wurde aus einem

kleinen Weihnachtsgeschenk etwas

BEPPO

ganz Großes.

Wir sagen danke.

Doch die Übernahme

der Patenschaft

für

Beppo war nicht

nur eine außergewöhnliche

Idee, um Kinderherzen höher schlagen

zu lassen. Gunda Männel-Kaul von der

Osterkirche Bramfeld, der wir auf diesem

Weg nochmals herzlich danken,

wird in der nächsten Kirchenzeitung einen

Bericht über die Patenschaft von

Beppo und die Arbeit des bmt veröffentlichen,

um so noch mehr Menschen

auf die Notwendigkeit des aktiven Tierschutzes

aufmerksam zu machen.

Denn ohne die Unterstützung der Tierfreunde

wäre die Arbeit des bmt in die-

ser Form gar nicht möglich.

Text: Tanja Pöch


Zum Jahresauftakt luden

wir Mitglieder und

Freunde zu unserer

Informationsverastaltung

"Ein Nachmittag

für Tiere" ein. Auf

dem Programm stand

dabei auch die Premiere

unseres Films

über die Tiere, die

unsere Geschäftsstelle

aufgenommen hat

und versorgt.

Es sind Tiere, die kein

Glück in ihrem Leben

hatten, die auf der

Strecke geblieben

sind: Tiere aus Beschlagnahmungen,

aus Versuchslabors,

unvermittelbare und verstörte Tiere, die vernachlässigt

und misshandelt wurden, die getötet werden sollten, die

keine Chance mehr hatten. Bei uns haben sie endlich

ein friedliches Zuhause

gefunden.

Viele sind inzwischen

in die

Jahre gekommen,

grau

und altersweisegeworden.

Filmszene:

Die Bayern-Pferde auf dem

Weg zur Weide

In unserem Film

möchten wir sie Ihnen

vorstellen, zugleich

aber auch

auf das Schicksal

all jener Tiere verweisen,

denen wir

nicht helfen können

und für die wir auf

politischer Ebene

kämpfen müssen,

um Verbesserungen

durchzusetzen:

Tiere in den tierquälerischenindustriellenMassentierhaltungen,

auf

GST B AYERN

TIERE SUCHEN PATEN - TIERE BRAUCHEN SIE

FILM ÜBER DIE TIERE DER GESCHÄFTSSTELLE BAYERN IST ONLINE

Alte Hunde - Vortragsthema

auf der Infoveranstaltung

den oft tagelangen Schlachttiertransporten genauso wie

Versuchstiere in den Labors der Wissenschaft und Industrie

oder ausgesetzte streunende Katzen

und Hunde.

Tiere haben keine Lobby, Sie sind

ihre Lobby und nur mit Ihrer Hilfe

und Unterstützung können wir etwas

bewegen. Wir können die

Welt nicht ändern, aber gemeinsam

können wir vieles verbessern,

auch dafür steht unser

Film symbolisch. Sie finden ihn

auf unserer homepage unter

www.bmt-bayern.de .

Text: Elvira Schiöberg

Geschäftsstelle Bayern

Viktor-Scheffel-Straße 15,

80803 München

Leiterin (GSt): Elvira Schiöberg

Tel. (089) 38 39 52-13, Fax -23

Postbank München,

BLZ 700 100 80, Kto. 142 20-802

www.bmt-bayern.de

Das Recht der Tiere 1/2011

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Das Recht der Tiere 1/2011

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T IERSCHUTZZENTRUM

Handicap

Unter uns Zweibeinern finden wir sie

immer wieder in vielen Bereichen

des Lebens - die Menschen mit Handicap.

Sie sind integriert in unsere

Gesellschaft und haben dort selbstverständlich

ihren festen Platz gefunden.

Warum soll das bei Vierbeinern anders

sein? Auch sie sehnen sich mit

ihrer Behinderung nach Wärme und

Geborgenheit, nach Zuwendung und

Zuneigung.

Unter den Schützlingen des Tierheimes Pfullingen, größtenteils

ehemalige rumänische Straßenhunde, gibt es sie immer

wieder - die Hunde mit Handicap. Ihre Behinderungen sind

die Folge von Unfällen auf der Straße oder sogar Misshandlungen.

In Rumänien hätten sie

keine Chance, jemals ein Zuhause

zu finden. Wenn sie Glück

haben, dürfen sie ihr Leben im

geschützten Raum eines Tierheimes

verbringen. Haben sie Pech,

endet ihr oft viel zu kurzes Leben

auf der Straße.

Die behinderten Hunde des rumänischen

Tierheimes Brasov

gehören zu den Glücklichen, sie

haben einen Schutzengel, der

ganz irdisch mit beiden Beinen

fest auf der Erde steht: Petra

BONJO

Zipp, Koordinatorin des bmt-Auslandstierschutzes und Leiterin

des Pfullinger Tierheims, macht sich stark für diese Hunde.

Auch sie sollen die Chance auf ein glückliches Leben bekommen.

Und so dürfen sie ihre große Reise nach

Deutschland antreten.

Die eingehenden medizinischen Untersuchungen zeigen bei

vielen der Hunde, dass eine Operation unumgänglich ist, um

ihnen für die Zukunft ein weitgehend normales und schmerzfreies

Leben zu ermöglichen. Diese Operationen sind oft

sehr aufwendig und können teilweise nur von einem Spezialisten

durchgeführt werden. Doch wenn man nach dem Heilungsprozess

und der eventuell angesetzten Physiotherapie

den Erfolg sieht, weiß man, dass sich jede Mühe gelohnt hat.

Für die vierbeinigen Patienten ist die Zeit der Rehabilitation

- na

und?

AUCH BEHINDERTE HUNDE

HABEN EIN RECHT

AUF LEBEN!

eine echte Herausforderung. Allein im Krankenzimmer, ohne

die gewohnten Artgenossen, wird die Zeit sehr lang und

einsam. Wären die Hunde in dieser Zeit schon in eine Familie

integriert, gäbe es Zuspruch, streichelnde Hände und hier

und da ein Leckerli zur Aufmunterung. Wir

selbst wissen, wie gut so etwas tut.

Zurzeit sind es fünf "Notfelle" mit Handicap,

die im Tierheim Pfullingen

ganz dringend auf ein

liebevolles Zuhause

mit viel Verständnis

für die

unterschiedlichenBehinderungen

warten.

Da ist BONJO,

der fuchsbraune kleine Charmeur.

Ihn hat es besonders hart getroffen. In

seinem hinteren linken Sprunggelenk

waren, vermutlich auch durch einen Unfall,

die Bänder zerstört worden, und Bonjo konnte

Jeder Hund braucht ein eigenes

Zuhause mit Menschen, die ihm Liebe

und tägliche Zuwendung schenken.

Das gilt nicht nur für unsere fünf "Handicap-Hunde",

sondern für alle Vierbeiner

im Tierschutzzentrum.


BIANCA UND VIOLA

Bei Bianca und Viola hat man sich

bisher gegen eine Operation entschieden,

da sich die beiden Hündinnen

trotz ihrer alten, und zum Teil

massiven Verletzungen, schmerzfrei

bewegen können. Sollte sich jedoch

ihr Zustand verschlechtern, wird eine

OP unumgänglich sein.

das Bein beim Laufen

absolut nicht belasten.

In einer aufwendigen

Operation wurde ein

Bandersatz mit Schrauben

im verletzten Bein

eingesetzt. Dadurch

steht das Bein jetzt wieder

im richtigen Winkel.

Durch das künstliche

Band, das auch im Bein

bleiben wird, können

die Belastbarkeit und

der Muskelaufbau langsam

wieder antrainiert

werden.

Bonjo hat gute Chancen,

wieder schmerzfrei

laufen zu können.

Bei TESA, der bildhübschenMischlingshündin,

wurde in einer

Operation ein Oberschenkelbruch

mit einer

Platte stabilisiert und

der Femurkopf am gleichen

Bein entfernt.

Nach der Verheilung der Fraktur muss die Platte wieder entfernt

werden. Eventuell steht auch noch eine Nachoperation

an der Hüfte an. Wenn alles gut verheilt, wird Tesa sich wieder

relativ normal bewegen können. Schon jetzt versucht sie

vorsichtig, ihr Bein zu belasten. Tesa braucht allerdings für

längere Zeit eine physiotherapeutische Behandlung.

TESA

P FULLINGEN

BIANCA, die zweijährige Schäferhundmischlingshündin, ist

eine ganz treue Seele. Sie hat eine alte Verletzung an der Hüfte,

die wahrscheinlich auch, wie bei den meisten Hunden,

durch einen Unfall auf der Straße entstand.

VIOLA, die Zarte, ist eine sehr gelehrige Hündin. Ihren aufmerksamen

Augen scheint nichts zu entgehen. Sie verträgt

sich gut mit anderen Hunden. Katzen lassen sie einfach kalt.

Auch ihr bereitet die alte Beckenfraktur mit einer massiven

Verschiebung der Beckenknochen zurzeit keine Beschwerden.

Erst kurz bei uns ist

KELLY, eine wuschelige

Mischlingshündin, die

sowohl am Ellenbogen

als auch an Knie und

Hüfte der gleichen Seite

alte Verletzungen hat.

Ein genauer medizinischer

Check steht demnächst

an.

Auch wenn die Hunde Kellys Markenzeichen: ihr

sich jetzt schmerzfrei be- bezaubernd intensiver Blick

wegen oder nach ihrer

Operation wieder normal laufen können, steht eines jedoch

fest, sie werden keine Leistungssportler sein!

Behinderte Hunde müssen trotzdem nicht faul auf dem Sofa

liegen, auch wenn Agility oder ähnliche Hundesportarten

nicht auf ihrem Plan stehen können. Spaziergänge in angemessenem

Rahmen sowie Such- und Lernspiele sind ein guter

Ausgleich.

Geben Sie Hunden mit Handicap eine Chance! Sie alle sind

tolle Weggefährten, die es verdienen, in eine Familie integriert

zu werden. Diese Hunde brauchen kein Mitleid! Sie

brauchen Anerkennung, Vertrauen und Liebe, wie jeder nicht

behinderte Hund auch.

Text: Gabriele Rudolph

Tierschutzzentrum

Pfullingen

Leiter (GSt): Dr. Uwe Wagner

Tel. (07121) 820 17 -0, Fax -18

Leiterin (TH): Petra Zipp

Tel. (07121) 820 17 20

Gönninger Straße 201,

72793 Pfullingen

Kreissparkasse Reutlingen,

BLZ 640 500 00, Kto. 75 7889

www.tierschutz-bmt-bw.de

Das Recht der Tiere 1/2011

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„Das Recht der Tiere“ – Postvertriebsstück B 13769 – Entgelt bezahlt

Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.

Als gemeinnützig und besonders förderungswürdig anerkannt

Beiträge und Spenden sind steuerlich absetzbar

Hauptgeschäftsstelle: D-80803 München , Viktor-Scheffel-Str.15

www.bmt-tierschutz.de

WIR SUCHEN PATEN FÜR HALIF UND DIE ÜBRIGEN 163 GNADENBROTTIERE DES bmt!

Der Der gerettete gerettete Araberhengst Araberhengst Halif Halif wird wird liebevoll liebevoll

auf auf einem einem der der 45 Gnadenbrot-Pflegestellen Gnadenbrot-Pflegestellen des des bmt bmt betreut betreut

Neben seinen acht Tierheimen finanziert der

bmt zahlreichen Gnadenbrottieren den Lebensunterhalt.

Diese Tiere, zumeist aus katastrophalen

Haltungsbedingungen befreit, genießen nun

ihr Dasein auf ausgewählten Pflegeplätzen.

Derzeit werden 164 Tiere - unter ihnen Affen,

Lamas, Zebra Daisy, Wölfe, Pferde, Esel, Hunde

und Katzen - auf Bauernhöfen, Wildparks oder

privat in Familien betreut.

Mit einer Patenschaft (ab 15 Euro im Monat)

leisten Sie einen großen Beitrag zu der Versorgung

unserer Gnadenbrottiere, deren Unterhalt

uns fast 19.000 Euro monatlich kostet.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Mehr Infos zu den bmt-Gnadenbrottieren erhalten

Sie von Ihrer zuständigen Geschäftsstelle

oder unter www.bmt-tierschutz.de

Ich unterstütze den Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V. und

werde Mitglied zum selbstbestimmten Jahresbeitrag von Euro ......................................................................

(Mindest-Jahresbeitrag: 20 EURO. Mitgliedschaft kann jederzeit satzungsgemäß beendet werden.)

Nach Überweisung des Beitrages erhalten Sie Ihre Mitgliedsunterlagen.

spende hiermit Euro ..................................................................................................................................................................

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ÜBERREICHT VON:

(Die Spendenkonten finden Sie auf den Seiten der einzelnen bmt-Geschäftsstellen)

Bitte Coupon ausschneiden und frankiert an die Hauptgeschäftsstelle oder untenstehende Geschäftsstelle senden.

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