Interview Stefan Grass - Mountain Wilderness

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Interview Stefan Grass - Mountain Wilderness

«Die Annahme, man könne nachhaltige kleinere Spiele

durchführen, ist einfach nur naiv»

Stefan Grass, Leiter des Komitees Olympiakritisches Graubünden, wehrt sich vehement

gegen die Austragung der Olympischen Winterspiele (OWS) im Kanton Graubünden.

Das grösste Problem dabei ist für ihn das Internationale Olympische Komitee (IOC),

welches nach seinen Aussagen dem Gigantismus verfallen ist und gar keine «kleinen»

Spiele will. Ebenso traut er den bisherigen Kostenschätzungen nicht, beziffert diese als

«eher doppelt so hoch». Das Bündner Volk wird den Entscheid über die Spiele an einer

Abstimmung für die ganze Schweiz fällen.

Von Martin Kempf

Stefan Grass, Sie sind gegen die Olympischen Winterspiele 2022 in St. Moritz und

Davos. Diese werden als nachhaltige Spiele, als «weisse Spiele» mit kurzen Wegen, als

umweltverträglich angepriesen. Ist das denn nicht gut?

Stefan Grass: Grundsätzlich schon, doch die Aussagen widerspiegeln nur die

Wünsche der Organisatoren und haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Ähnliches

wurde vor den Winterspielen 2006 in Turin und 2010 in Vancouver gesagt. Schaut man

sich diese Austragungsorte heute an, dominieren Bauruinen und Schuldenberge. Wenn

das Internationale Olympische Komitee nicht umschwenkt und sich vom Gigantismus

abwendet, ist die Annahme, dass kleinere und wirklich nachhaltige Spiele organisiert

werden, einfach nur naiv.

Betrachtet man die Machbarkeitsbeurteilung des Vereins Olympische Winterspiele

Graubünden 2022, fällt auf, dass die Organisatoren den gesamten Verkehr für

Zuschauer, Athleten und Funktionäre mit dem ÖV abwickeln wollen. Da steht praktisch

nichts von Parkplätzen für Tagestouristen in den Austragungszentren, auch nichts von

grossen Verkehrsströmen auf den engen Strassen im Bündnerland. Ist das realistisch?

Grass: Es steht etwas über Parkplätze, doch die befinden sich an den

Grenzübergängen nach Italien und Österreich und im Raum Sargans. Dass unser

öffentlicher Verkehr grosse Menschenmassen aufnehmen kann, hat die Expo.02 gezeigt.

Damals blieben die Parkplätze praktisch leer, weil alle mit dem ÖV anreisten, da dieser

im Einritt inbegriffen war. Mit dem neuen Albula-Tunnel, der bis 2021 auch ohne OWS

fertig sein wird, und dem Vereina-Tunnel, entsteht eine Ringstrecke, auf der die

Rhäthische Bahn fährt. In der Gegenrichtung werden Busse eingesetzt. Auf diesen

Strecken werden vor allem Volontäre, Touristen und Sportler transportiert, es dürfte

zwischendurch ziemlich eng werden. Ich denke, es ist machbar – ob es für die

Einheimischen wünschbar ist, bezweifle ich.

Und wie reisen die IOC-Funktionäre und VIPs?

Grass: Aus Platzgründen gibt es für die IOC-Funktionäre und die VIPs keine separaten

Fahrspuren auf den Strassen, nur der Bahnweg von Kloten nach Chur wird ausgebaut.

Ein grosser Teil der VIPs und Funktionäre wird vermutlich per Helikopter und Flugzeug

nach Samedan fliegen und dort ein Taxi nehmen. Ob die Einheimischen an diesem

Verkehrskonzept und an den zusätzlichen Flugbewegungen, die es auch durch

Transporte an den Austragungsorten geben wird, Freude hat, ist eine andere Frage. In

diesem kleinräumigen Gebiet fühlt sich das gesamte Verkehrskonzept sehr

hineingezwängt an. Darüber und über die Durchführung der Olympischen Spiele 2022

wird das Bündner Volk stellvertretend für die ganze Schweiz am 3. März 2013

vorentscheiden.

Wie sieht denn der Rückhalt der Organisatoren in der Bevölkerung aus?

Grass: Entscheiden werden ja nur die Bündner, der Rest der Schweiz hat nichts dazu

zu sagen. 1988 wurde die selbe Frage für den Austragungsort Chur mit 77% abgelehnt,

2002 lehnten die Berner ihr Vorhaben mit 78% ab. Das waren jeweils deutlich klarere

Ergebnisse als von den Befürwortern erhofft. Denn es ist so, dass zum Beispiel viele

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Angestellte im Tourismusbereich gegen die Position ihrer offiziellen Verbände stimmen,

das vorher aber nicht öffentlich sagen. Der Tourismus lebt von der Stammkundschaft,

die während den Spielen vertrieben wird. Verfolgt man bei grossen Tageszeitungen

diverse Kommentare zum Thema, tendiert die Stimmung ganz klar gegen die

Kandidatur.

Was geschieht bei einem Ja bei allen drei Abstimmungen zu den Winterspielen 2022?

Grass: Dann werden für das Vorprojekt und die Kandidatur dreissig Millionen vom

Bund (vorbehältlich Parlament), acht vom Kanton, fünf von St. Moritz und zwei von

Davos freigegeben. Danach zeigt sich, ob die Schweiz als einer der drei Kandidaten

vom IOC angenommen wird. Erhält die Schweiz den definitiven Zuschlag, folgen die

Host City-Verträge mit dem IOC, und erst dann kommen die einseitigen Auflagen. Die

Verträge mit dem IOC sind knüppelhart. Ob die Kosten dann noch innerhalb des

Kandidaturbudgets bleiben, ist klar zu bezweifeln.

Sie sprechen die Kosten an, welche für noch zu erstellende Infrastrukturanlagen und

die Durchführung mit 4,5 Milliarden Franken angegeben werden. Zum Vergleich, Sotschi

2014 wird sicher 30 Milliarden US-Dollar kosten, in Vancouver 2010 waren es rund 7

Milliarden kanadische Dollar (siehe Grafik). Ist die Schweizer Prognose realistisch?

Grass: Eher nicht. Die Sicherheitskosten werden mit 250 Millionen Franken

angegeben. Das wird bei den Einsätzen von Polizei, Militär und privaten Firmen ganz

bestimmt nicht ausreichen, sollte aber in der Defizitgarantie von einer Milliarde

Franken, die der Bund gesprochen hat, inbegriffen sein. Kommt dazu, dass der Ausbau

des Wolfgang-Tunnels und der Bahnstrecke Chur-Kloten sowie der Sportinfrastrukturen

ebenfalls mehr kosten werden, als bisher geplant. Acht bis zehn Milliarden Franken

Gesamtkosten sind realistischer.

Wer trägt dann das anfallende Defizit, da die Einnahmen mit 1,5 Milliarden Franken

beziffert werden?

Grass: Der Bündner Regierungsrat hat bisher eine Defizitgarantie verweigert. Doch

wenn die Spiele stattfinden, wird das IOC die TV-Einnahmen einstreichen, einen Teil je

nach Erfüllung ihrer Verträge weitergeben, aber sich vor allem aus der Verantwortung

stehlen. So steht es jeweils in den Verträgen, die das IOC aufsetzt. Also werden

Ausrichterorte, Kanton und am Schluss der Bund die Kosten tragen. Das ist einfach so.

In Davos und im Engadin werden diverse Hallen und andere Wettkampfstätten

errichtet, viele temporär. Betreffen diese Bauten auch geschützte Gebiete?

Grass: Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil wir die detaillierte Planung gar

nicht kennen, nur die 17 Seiten der vagen Machbarkeitsbeurteilung. Fest steht, dass bis

zum Zeitpunkt der Machbarkeitsstudie im vorletzten Monat zwar 40 Experten im

Mandat der Organisatoren standen, darunter kein einziger Ökologe. Bisher findet keine

ökologische Begleitung der Planung statt. Aktuell läuft der Innovationsprozess, der

aufzeigen soll, was die Winterspiele alles an Positivem mit sich bringen. Aber die

Umweltbelange bleiben bisher aussen vor.

Es werden grosse Flächen beschneit werden müssen, um die Durchführungssicherheit

zu gewährleisten. Braucht es dazu neue Infrastruktur wie zum Beispiel Staubecken für

Wasser?

Grass: Ganz sicher, denn die heute beschneiten Flächen für die Pisten sind viel

kleiner. Das IOC wünscht, dass für ein schönes Fernsehbild rund um die Sportanlagen

überall alles ganz weiss sein muss, auch bei den Sportarten in der Fläche. Das

wiederum heisst, dass zum Beispiel für die ganzen Zuschauertribünen und die Flächen

neben den Stadien und Wettkampfstrecken auch Kunstschnee aufbereitet werden muss.

Im Engadin und in Davos bleibt der Kunstschnee und wenn es schneit, der Naturschnee

dank der tiefen Temperaturen wenigstens liegen. Doch wer weiss schon, wie kalt oder

eben warm der Winter 2022 wird?

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Die Umweltverbände haben sich bisher ganz aus der Planung rausgehalten, wurden

aber auch nicht für eine Mitarbeit angefragt. Wer garantiert die kommunizierte

Nachhaltigkeit im Kandidaturgremium?

Grass: Niemand. Das Komitee Olympiakritisches Graubünden wird von den Bündner

Umweltorganisationen, der SP, JUSO und Verda–Grüne Graubünden getragen und wird

in seinem Widerstand gegen eine Winterolympiade in den Alpen von den

schweizerischen Umweltorganisationen unterstützt. Seit dem Widerstand gegen die

Olympiakandidaturen Davos 2010 und Zürich/Graubünden 2014 ist klar, dass die

Umweltorganisationen keinen Einsitz in Trägerschaften nehmen und nicht mitarbeiten

werden. Denn Olympische Winterspiele sind weder umweltschonend noch sozial

verträglich.

Gibt es aus Ihrer Sicht doch noch etwas Gutes, wenn die Olympischen Winterspiele

2022 in Graubünden stattfinden würden?

Grass: Nein. Wir müssen den Sommertourismus für die Zukunft fördern, nicht den

Wintertourismus. Die Klimaerwärmung lässt grüssen.

Stefan Grass, herzlichen Dank für das Interview.

Links: www.olympia-nein.ch; www.gr2022.ch.

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