Kunstmuseum Bern - Ensuite

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Kunstmuseum Bern - Ensuite

ensuite Nr. 78 Juni/Juli 2009 | 7. Jahrgang k u l t u r m a g a z i n Ausgabe Bern


Ich schweige nicht! Kunstmuseum Bern Hodlerstrasse 8 – 12 | CH-3000 Bern 7 T +41 31 328 09 44 | www.kunstmuseumbern.ch Öffnungszeiten: Di 10h – 21h | Mi – So 10h – 17h RETROSPEKTIVE MOSER WEGZEICHEN BIS 14.6.2009 TRACEY EMIN 20 YEARS 24.6 – 27.9.2009 BIS 21.6.2009 Peter Radelfinger Alle haben einen blauen Finger Carl Albert Loosli 1877–1959 Schriftsteller 15. Mai bis 30. August 2009 Schweizerische Nationalbibliothek, Bern Eine Ausstellung der Carl-Albert-Loosli-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek weitere Informationen: www.palma3.ch


Impressum Herausgeber: Verein WE ARE, Bern Redaktion: Lukas Vogelsang (vl); Anna Vershinova (av) // Robert Alther, Jasmin Amsler, Peter J. Betts (pjb), Simon Chen, Luca D‘Alessandro (ld), Sonja Gasser, Isabelle Haklar, Bettina Hersberger, Guy Huracek (gh), Florian Imbach, Till Hillbrecht (th), Ruth Kofmel (rk), Hannes Liechti (hl), Andy Limacher (al), Irina Mahlstein, Monique Meyer (mm), Barbara Neugel (bn), Eva Pfi rter (ep), Tatjana Rüegsegger, Barbara Roelli, Rebecca Panian, Christoph Simon, Kristina Soldati (kso), Antonio Suárez Varela (asv), Willy Vogelsang, Simone Wahli (sw), Konrad Weber, Simone Weber, Sonja Wenger (sjw), Gabriela Wild (gw), Katja Zellweger, Ueli Zingg Cartoon: Bruno Fauser, Bern; Telefon 031 312 64 76 Kulturagenda: kulturagenda.ch; ensuite - kulturmagazin, allevents, Biel; Abteilung für Kulturelles Biel, Abteilung für Kulturelles Thun, interwerk gmbh. Korrektorat: Lukas Ramseyer Abonnemente: 77 Franken für ein Jahr / 11 Ausgaben, inkl. artensuite (Kunstmagazin) Abodienst: 031 318 6050 / abo@ensuite.ch ensuite – kulturmagazin erscheint monatlich. Aufl age: 10‘000 Gesamtaufl age 30‘000 (Bern und Zürich) Anzeigenverkauf: inserate@ensuite.ch Layout: interwerk gmbh: Lukas Vogelsang Produktion & Druckvorstufe: interwerk gmbh, Bern Druck: Fischer AG für Data und Print Vertrieb: Abonnemente, Gratisaufl age an 350 Orten im Kanton Bern; passive attack, Telefon 031 398 38 66 Web: interwerk gmbh Hinweise für redaktionelle Themen (nicht Agendaeinträge!) erwünscht bis zum 11. des Vormonates. Über die Publikation entscheidet die Redaktion. Bildmaterial digital oder im Original senden. Wir senden kein Material zurück. Es besteht keine Publikationspfl icht. Agendahinweise bis spätestens am 18. des Vormonates über unsere Webseiten eingeben. Redaktionsschluss der Ausgabe ist jeweils am 18. des Vormonates. (siehe www.kulturagenda.ch) Die Redaktion ensuite - kulturmagazin ist politisch, wirtschaftlich und ethisch unabhängig und selbständig. Die Texte repräsentieren die Meinungen der Autoren/innen, nicht jene der Redaktion. Copyrights für alle Informationen und Bilder liegen beim Verein WE ARE in Bern und der edition ■ ensuite. «ensuite» ist ein eingetragener Markenname. Redaktionsadresse: ensuite – kulturmagazin Sandrainstrasse 3 CH-3007 Bern Telefon 031 318 6050 E-Mail: redaktion@ensuite.ch ensuite.ch Titelseite und Bild links: Community Arts Festival mit der Candoco Dance Company spielt in der Dampfzentrale am 17. Juni. ENSUITE IM SOMMER ■ Mit dem überwältigenden JA! für den Künstler-PROGR hat Bern kulturpolitisch ein Zeichen gesetzt: Dieses JA! hat eine kulturelle Bewegung formiert und gleichzeitig diese Bewegung der Stadtpolitik entzogen: Der PROGR ist «privatisiert», sozusagen. Die öffentlichen Kulturkonzepte haben auf den PROGR keinen Einfl uss mehr, wie auch die gesamten zukünftigen politischen Interventionen. Das enthält natürlich eine gewisse Brisanz. Ich habe nicht Angst, dass der PROGR mit der Finanzierung Probleme haben wird. Was einem selber gehört, das erhält mehr Herzblut, und es macht jetzt für Aussenstehende Sinn, in den PROGR zu investieren. Die Gefahr lauert sodann auf einer anderen Seite: Aus dem Provisorium freigelassen, kann der PROGR jetzt loslegen und seine Magnetkraft verstärken. Das werden die anderen Kulturveranstalter zu spüren bekommen – just jene, die subventioniert sind. Und so wird die Dynamik des PROGR wie ein Schatten über diesen liegen… Einen langen Schatten wirft aber auch die Diskussion um das Berner Ballett. Weiss der Himmel, was für eine Schnapsidee es ist, ein Ballett zu opfern, nur um ein bisschen Geld sparen zu wollen - obwohl alle wissen, dass es ein Trugschuss ist. Anstatt gewaschen, werden stinkende Socken einfach weggeworfen. Die Stadttheater-Führungskräfte, und dabei meine ich die AdministratorInnen, führen sich auf wie die Kapitäne eines sinkenden Schiffes: Sie springen erst ganz am Schluss. Diese Politik zeigt vor allem auf, wie phantasielos, wirtschaftsfremd und uninteressiert die Leitung vom Stadttheater Bern an ihrem Theater ist. Dabei zeigt gerade eine PROGR-Abstimmung den wahren BernerInnen-Willen. Mit viel Willen bauen wir zur Zeit das ensuite – kulturmagazin neu auf. Mit der Nummer 80 (August) wollen wir ein Zeichen gegen den medialen Zerfall der Kulturmedien setzen. Die «Berner Zeitung» macht auf Promi-Bildli, «Der Bund» wird zum Snob-Tagi, der Tagi-Züritipp ist zu kommerziell und die «NZZ» hat aufgegeben. Zeit, dass die Medien Kultur wieder ernster nehmen. Lukas Vogelsang Chefredaktor INHALT BÜHNE «vielleicht werde ich von der waschküche aus dirigieren müssen!» 4 | prinzessin, hexe, punk und clown – mein leben als theaterstudentin 6 | Lasst mich den Löwen auch noch spielen! 7 | «corpus delicti» von juli zeh am luzerner theater 9 | so ein chaos 9 | tanz der gegenwart: folge XI 11 CINÉMA terminator: salvation 31 | rumble fi sh 32 | state of play 33 KULTUR & GESELLSCHAFT von menschen und medien / fauser cartoon 17 | zwischen bayern und bern – #2: essen und trinken 18 | tratschundlaber 33 | am horizont stand ein riese 37 | nasses muss 39 | verdingkind, aussenseiter, kämpfer, autodidakt... 40 | senioren im web 41 | animationskunst und renaissance-architektur 42 | herr der metalle 43 | wo fotografi e und sprache zusammentreffen 44 LIFESTYLE die alleskönnerin 19 | épis fi ne 28 | mächtig ist, wer isst 29 LITERATUR fi losofenecke 31 | benioff, hermann, shamsie 38 | lesezeit 39 MUSIK variaTango 15 | im karrierefl ug – aber keineswegs abgehoben 21 | ausfl üge des pop 22 | die solitäre 23 | «viele leute sehen in mir nach wie vor den nachrichtensprecher» 25 | «katzenmusik können wir uns nicht leisten» 27 | roberta gambarini - so in love 28 KULTURAGENDA kulturagenda bern 45 | biel 66 | thun 70 Mit Dank für die fi nanzielle Unterstützung: ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 3


Bühne OPERNHAUS BERN: SRBOLJUB DINIC «vielleicht werde ich von der waschküche aus dirigieren müssen!» Interview: Melania Loforti Foto: Valérie Chételat ■ Srboljub Dinic, Chefdirigent und Musikalischer Direktor am Stadttheater Bern, startet zu einem weiteren Höhenfl ug: In der nächsten Spielzeit wird er in einem Hochhaus im Gäbelbach die Oper «La Bohème» dirigieren. Kein leichtes Unterfangen, wie er dem «ensuite - kulturmagazin» verrät. Tatsächlich, Dinic stellt sich gerne schwierigen Aufgaben. Das hat er kürzlich mit der akribisch erarbeiteten Kelten-Oper «Fervaal» bewiesen. «ensuite - kulturmagazin» hat mit Srboljub Dinic über die neue Spielzeit, seine Vorbilder und das Berner Kulturangebot gesprochen, welches in Krisenzeiten beinahe davontanzt. ensuite - kulturmagazin: Herr Dinic, Sie dirigieren in dieser Spielzeit den über vier Stunden langen «Rosenkavalier». Wie bereiten Sie sich auf eine so lange Vorstellung vor? Srboljub Dinic: Für jede Vorstellung des «Rosenkavaliers» bereite ich mich stets einige Tage im Voraus vor. Am Tag der Vorstellung konzentriere ich mich vorwiegend auf die schwierigsten Stellen. Dabei führe ich mir den ganzen Ablauf vor Augen. Ich versuche möglichst ausgeruht und entspannt zu bleiben, um am Abend ganz konzentriert diese anspruchsvolle Musik von Richard Strauss zu dirigieren. Ende Mai fand im Stadttheater die Premiere der Oper «Fervaal» statt, ein weitgehend unbekanntes und sehr anspruchsvolles Werk, das erstmals in Bern zu hören ist. Was war die Schwierigkeit? Die Schwierigkeit liegt darin, den Zugang zu diesem Werk zu fi nden, denn es bestehen kaum Hintergrundquellen zum Stück. Es existiert auch keine integrale Aufnahme, sondern nur wenige Ausschnitte, welche 1962 bei Radio France aufgenommen wurden. Immerhin wurden zwei wissenschaftliche Studien über das Stück veröffentlicht. Diese waren sehr hilfreich und haben mir den Zugang zum Werk ermöglicht. Was für eine Musik erwartet den Besucher? «Fervaal» ist ein sehr komplexes Stück mit einer grossen Orchesterbesetzung und Instrumenten, die nicht täglich zu hören sind, beispielsweise Bügelhörnern, Saxhörnern und Saxofonen. Die Instrumente zeigen eine deutliche Ausprägung des «Wagnérisme» in dieser Musik. 27 Leitmotive begleiten den Hörer durch das ganze Stück. Der französische Komponist Vincent d’Indy liess sich nicht nur vom Orchesterklang, sondern ebenso von der Atmosphäre und dem geschichtlichen Hintergrund von Wagners Opernhandlungen inspirieren. Es vereint das Flair des Komponisten für Wagner mit Klängen von Komponisten der französischen Spätromantik. Wie kam es zur Wahl dieses Stücks? Das Musiktheater verfolgt das Konzept, selten gespielte Stücke mit hoher musikalischer Qualität vorzustellen. «Fervaal» steht zudem im Zusammenhang mit der Ausstellung «Kunst der Kelten» im Historischen Museum Bern. Als Alternative wäre auch Bellinis «Norma» in Frage gekommen. Am Ende fi el die Entscheidung auf «Fervaal» - eine Wahl, welche für alle eine grosse Herausforderung darstellt. In der kommenden Spielzeit werden einige spannende Werke aufgeführt, etwa «Dialogues des Carmélites» von Francis Poulenc oder «Eugen Onegin» von Peter Tschaikowski. Können Sie dazu schon etwas verraten? Eugen Onegin ist meine Lieblingsoper. Es war mein Wunsch, diese dem Berner Publikum vorzustellen. In Anbetracht des grossen Erfolgs von Tschaikowskis «Mazeppa» vor einigen Jahren bin ich überzeugt, dass auch dieses russische Werk beim Publikum grossen Anklang fi nden wird. Bei Poulencs «Dialogues des Carmélites» wiederum ist besonders die grosse Orchesterbesetzung interessant. Soviel kann ich schon verraten: Für die Titelrolle der Blanche konnten wir die in Bern bestens bekannte und beliebte Sopranistin Rachel Harnisch engagieren. Auf diese Zusammenarbeit freue ich mich besonders. Für welches Opernrepertoire können Sie sich am meisten begeistern? Ich habe eine besondere Liebe für das italienische Opernrepertoire, wobei ich besonders Puccini bewundere. Ich freue mich, dass wir die neue Spielzeit mit seinem Werk «La Bohème» eröffnen. Das soll ja spannend werden: «La Bohème» wird in einem Hochhaus im Gäbelbach gespielt und live am Schweizer Fernsehen ausgestrahlt. Wie soll man sich das vorstellen? Das wird ein sehr komplexes Projekt, vor allem in technischer Hinsicht. Es erfordert eine anspruchsvolle Koordination zwischen der Technik, dem Regieteam, den Sängern sowie dem Orchester. Alle Beteiligten werden sich in verschiedenen Wohnungen, in Kellern oder in der Waschküche des Hochhauses aufhalten. Die Herausforderung liegt eben darin, das Orchester und die Sänger unter solchen Rahmenbedingungen zusammen zu führen. Vielleicht werde ich von der Waschküche aus dirigieren müssen. (lacht) Wir werden dafür einige Extraproben im Hochhaus durchführen, und natürlich erhoffen wir uns einen ebenso grossen Erfolg wie «La Traviata» vor zwei Jahren im Zür- 4 ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


cher Hauptbahnhof. Im Mai wurde ein Konzeptentwurf für das Projekt «Neues Theater Bern» vorgestellt. Wie stehen Sie zur Idee, das Berner Symphonieorchester mit dem Stadttheater zu fusionieren? Ich sehe das noch nicht konkret. Was nicht klargestellt wurde, ist die Frage, ob es wirklich zu einer Fusion kommen soll oder ob es sich um eine engere Zusammenarbeit in organisatorischer Art handelt. Viel wichtiger erscheint mir die Tatsache, dass die guten Beziehungen und das gute Arbeitsklima zwischen dem Berner Symphonieorchester und dem Stadttheater weiterhin erhalten bleiben. Nur so können wir das hohe musikalische Niveau, das uns vom Publikum und der Presse gerade in den letzten Jahren immer wieder bescheinigt wird, halten. Momentan erlebt das Kulturleben in Bern turbulente Zeiten. Man denke an das Kulturzentrum Progr oder an die mögliche Streichung des Ballettensembles am Stadttheater. Wie beurteilen Sie das kulturelle Leben in Bern? Die Situation in Bern ist zurzeit tatsächlich problematisch. Die teilweise zu unrecht schlechten Pressestimmen über das Stadttheater sind unerfreulich. Immerhin ist das Stadttheater eine der wichtigsten Kulturinstitutionen in Bern und das einzige grössere Opernhaus im Umkreis von hundert Kilometern. Wir haben gerade auch in der letzten Spielzeit bewiesen, dass wir sehr viele gute Werke auf interessante Art und Weise auf die Bühne bringen können und damit ansehnliche Erfolge bei Publikum und Presse erzielen. Dreht sich am Ende alles ums Geld? Ja, vermutlich schon. Das sehe ich auch in meiner Heimat Serbien, bei Finanzkrisen wird immer zuerst bei der Kultur gespart. Ich bedaure, dass – ob in Serbien oder bei uns in der Schweiz - Entscheidungen getroffen werden, ohne uns Künstler zu fragen. Sie arbeiten seit acht Jahren am Stadttheater Bern. Was sind für Sie bleibende Highlights? Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen: Bisher habe ich 26 Premieren am Stadttheater erarbeitet. Besondere Highlights sind für mich beispielsweise Catalanis «La Wally», Puccinis «Madame Butterfl y», Verdis «Falstaff». Besonders stolz bin ich auf den Grosserfolg von Rossinis «Il barbiere di Siviglia» in der letzten Spielzeit und in diesem Jahr auf den «Rosenkavalier» sowie Verdis «Un ballo in Maschera». Blicken wir zurück: Wie kam es zum Entscheid, Dirigent zu werden? Ich würde nicht sagen, dass es ein bewusster Entscheid war. Ich wurde stark von meinem Grossvater, der ebenfalls Dirigent war, sowie von meiner Mutter, die als Klavierlehrerin gearbeitet hat, beeinfl usst. Daher war klassische Musik immer Teil meines Alltags. Als ich mich mit sechzehn Jahren für eine bestimmte Berufsrichtung entscheiden musste, habe ich die Musik gewählt. Diesen Entscheid habe ich bis heute nie bereut. Welchen Beruf hätten Sie sich sonst noch vorstellen können? Einerseits bin ich sehr an Geschichte interessiert, wenn auch nicht unbedingt im Sinne eines Geschichtslehrers, eher als Archäologe oder Wissenschaftler. Andererseits habe ich eine grosse Bewunderung für die medizinischen Berufe, insbesondere für Chirurgen. Vermutlich wäre das mein Alternativberuf geworden. Sie haben ein Flair für Sprachen. Wie haben Sie sich so viele Sprachen angeeignet? Am Anfang, als ich in die Schweiz kam, war ich gezwungen, neue Sprachen zu lernen. Ich konnte damals nur Serbisch, meine Muttersprache, Russisch und Englisch. Für die Arbeit am Theater ist es sehr wichtig, verschiedene Sprachen zu sprechen, vor allem Italienisch, aber auch Französisch und natürlich Deutsch. Zuerst habe ich Deutsch gelernt, danach Italienisch. Wenn man schon verschiedene Sprachen spricht, fällt das Erlernen einer neuen Sprache leichter. Bei uns am Theater arbeiten Menschen aus 27 Nationen. Ich mag es besonders, die Leute in ihrer eigenen Muttersprache ansprechen zu können; die Leute reagieren ganz anders. Was würden Sie als Ihre persönlichen Stärken und Schwächen bezeichnen? Eigentlich sollte man keine Schwächen zeigen. (lacht) Aber ich kann meine Schwächen schon verraten. Oftmals habe ich, wie mir scheint, ein zu grosses Verständnis für Schwierigkeiten oder Probleme, die eigentlich nicht bei mir, sondern bei den Kollegen liegen. Als weitere Schwäche sehe ich die Erziehung meiner Kinder. Durch sie habe ich mich verändert und gelernt, was es bedeutet, sich in Geduld üben zu müssen. Was hingegen sehen Sie als persönliche Stärken? Meine persönlichen Stärken liegen in meiner grossen Begeisterungskraft für all das, was ich tue und meinen unermüdlichen Einsatz. Ich fi nde die Musik eine so wunderbare Sache, dass ich sie stets mit andern teilen möchte und meine Freude weiter geben will. In den letzen Jahren habe ich auch gelernt, mich durchzusetzen und mit Überzeugung und Einsatz andere zu begeistern. Worüber regen Sie sich auf? Desinteresse und Gleichgültigkeit kann ich nicht ausstehen. Ich rege mich auf, wenn meine Begeisterung bei den Leuten keinen Anklang fi ndet. Welches sind Ihre musikalischen Vorbilder? Mein Lieblingsdirigent ist Carlos Kleiber. Es gibt keine einzige Aufnahme von ihm, die ich nicht längst besitze. (lacht) Kleiber war ein genialer Musiker, wenn auch ein Einzelgänger. Ich bewundere ihn für seine Kompromisslosigkeit und für seine musikalische Interpretation. Man kann nicht über Dirigenten sprechen, ohne Herbert von Karajan zu erwähnen. Er war mein Vorbild in anderer Hinsicht. Generell alte Meister wie Arturo Toscanini, Sergiu Celibidache, Bruno Walter fi nde ich fantastisch. Denn meiner Meinung nach hatten sie eine etwas andere Auffassung der Musik. Zu dieser Zeit gab es noch keine Kurzlebigkeit oder den Anspruch, eine Bühne schnelle und steile Karriere zu verfolgen. Man stand ganz im Dienste der Musik – mit viel Zeit und Hingabe. Bruno Walter beispielsweise war ein grosser Meister, weil er zeitlebens sein Handwerk den jungen Leuten weitergegeben hat. Könnten Sie sich auch vorstellen, ein Projekt mit einem Jugendorchester zu leiten? Ich habe schon auch Erfahrungen mit Jugendsymphonieorchestern. Vor zwei Jahren habe ich mit dem Schweizer Jugendorchester «Jeunesse musicale» gearbeitet. Ich kenne auch ein Jugendorchester aus Freiburg. Das Schöne an der Arbeit mit jungen Musikern ist ihre enorme Begeisterung für die Musik. Ganz abgesehen von den technischen Unvollkommenheiten oder der Ungeduld der Jugendlichen. Ich denke, mit Jugendorchestern kann man Wunder erarbeiten. Welche Projekte stehen als nächstes an? Neben den Opern am Stadttheater dirigiere ich diesen Juni ein Benefi zkonzert für die Kinderklinik des Inselspitals, zusammen mit der Sopranistin Noëmi Nadelmann und dem Berner Symphonieorchester. Ein weiteres wichtiges Projekt wird das Galakonzert am ersten Dezember im Konzerthaus Wien sein, mit der Kammersopranistin Agnes Baltsa und den Nürnberger Symphonikern. Ebenfalls im Dezember dirigiere ich in mehreren Schweizer Städten im Rahmen der jährlichen Postfi nance- Tournee einen Liederabend mit dem mexikanischen Tenor Ramon Vargas und der Württembergischen Philharmonie. Weitere Projekte sind noch in Verhandlung, deshalb möchte ich nichts Näheres dazu sagen. Zwar bin ich nicht abergläubisch -, aber ich möchte lieber abwarten. Srboljub Dinic wuchs in Serbien in einer klassischen Musikerfamilie auf. Er studierte an der Musikakademie Belgrad Klavier, Kammermusik und Dirigieren. Ab 1992 war er Korrepetitor und Assistent für Kammermusik an der Musikakademie Belgrad. Anschliessend arbeitete er als Korrepetitor am Theater Basel und an der Oper Bonn. Seit der Spielzeit 2001/02 lebt Dinic in Bern und ist am Stadttheater Bern engagiert, zuerst als Erster Kapellmeister, seit 2004 als Chefdirigent, und seit 2007 zudem als Musikalischer Direktor. Pro Saison studiert er zusammen mit dem Berner Symphonieorchester mehrere Opernproduktionen ein, darunter etwa «Don Giovanni» oder «Die Zauberfl öte» von Mozart, Bizets «Carmen», «Nabucco», «Rigoletto» oder «La Traviata» von Verdi, oder Strauss’ «Der Rosenkavalier». Dinic hat sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch international einen Namen als Opern- und Konzertdirigent gemacht. Er stand am Pult zahlreicher renommierter Orchester, darunter etwa das Staatsorchester Stuttgart, die Münchner Symphoniker, das Shanghai Symphony Orchestra, das Taipei Symphony Orchestra oder das Sinfonieorchester Basel. In der Spielzeit 2009/2010 dirigiert Dinic am Stadttheater Bern die Neuproduktionen «La Bohème», «Dialogues des Carmélites» und «Eugen Onegin». ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 5


Bühne HOCHSCHULE DER KÜNSTE BERN prinzessin, hexe, punk und clown – mein leben als theaterstudentin Von Laura Kolbe Bild: zVg. 6 ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


■ Ich sitze bei meinen Ersatzgrosseltern im Garten und habe frei. Ich geniesse die Sonne und den Blick auf den Gurten. Meine Ersatzoma bringt mir Erdbeeren mit Schlagsahne und setzt sich zu mir. Ihr Mann zimmert einen Regaleinsatz für meinen Spind in der Schule. Dabei versucht er mir einige Grundbegriffe Berndeutsch beizubringen. Ich stelle mich nicht besonders begabt an, «äs isch no ke meischter vom himmu gfauä». An sonnigen Nachmittagen wie diesem schöpfe ich neue Kraft für den Schulalltag. Der Tag beginnt mit zwei Stunden Akrobatik. Zum Aufwärmen spielen wir Tupfball: Schwarz gegen bunt, bunt ist raus, schwarz gegen weiss, ich mache den entscheidenden Punkt, meine Mannschaft gewinnt. Kurz den Schweiss abwischen, Matten ausrollen, Flickfl ack. Wer macht Hilfestellung? «Spring mehr Richtung Aare!» Ich würde gerne in die Aare springen, aber immerhin reicht es für eine kurze Dusche. «Hei, das ist doch meine Hose, die du da anhast!» Im Sprechunterricht klingt dieser Satz etwa so: Bawobawubawabawebawibawöbawübawäbaweubaweibawau. Das öffnet den Kiefer und macht eine fl inke Zunge. Sind die Sprechwerkzeuge bereit, geht es an die Textarbeit. Neben guter Artikulation braucht es hier klare Gedankenbögen und sinnlichkonkrete Assoziationen. Ich arbeite an einem Monolog aus Schillers «Don Karlos». Wieder und wieder muss ich weinend auf dem Bett zusammenbrechen. Lange feilen wir an dieser Stelle, damit die Zuschauer später den Text auch dann noch verstehen, wenn ich meinen Kopf tief in die Kissen vergrabe. «Der König wisse den Betrug!» Hocherhobenen Hauptes schleudere ich diesen letzten Satz in den Raum. Für einen Moment kann ich mich in eben dieser Rolle auf LASST MICH DEN LÖWEN AUCH NOCH SPIELEN! Die Berner Theaterstudierenden laden zum Mitsommerfest ein. ■ Im Sommer wird es heiss unter dem Dach des alten Ziegelsteingebäudes an der Sandrainstrasse 3, wo der Studienbereich Theater der Hochschule der Künste Bern untergebracht ist. Der Hitze trotzend werden die Fenster weit aufgerissen, so dass ein frischer Wind durch die Flure wehen kann – doch nicht nur der: Am 20. Juni, der Mittsommernacht, öffnen die werdenden Schauspieler Fenster und Türen für die Öffentlichkeit und geben den Blick frei auf allerlei Theater. Zwölf Stunden lang bieten die Studierenden ein abwechslungsreiches Programm von Theater, Musik, Performances, Lesungen und vielem mehr. Wie in Shakespeares «Sommernachtstraum» wird es magisch, verwirrend, erotisch und turbulent zugehen. Die Studierenden zeigen ihre Dar- den Brettern des Wiener Burgtheaters sehen. Endlich Mittagspause. In der Schulküche fi ndet das Familienleben der Theaterstudierenden statt. Ich koche meine Tütensuppe und esse Brot dazu. Eine Kollegin schüttet mir ihr frisch verliebtes Herz aus. Während ich Schwester Herz spiele, kämpfen zwei Kollegen mit Papprohren. Der Gewinner singt eine Siegeshymne, der Verlierer stirbt einen spektakulären Theatertod in fünf Akten. Ein Mitstudent kommentiert den Kampf wie ein Sportreporter. Auf dem Flur besprechen wir, wer vor unserem Theaterfest «A Midsummer Night’s Dream» den Nachbarn eine Flasche Wein als Entschuldigung für eventuellen Lärm bringt. Unser Klassensprecher schlägt eine abgefahrene Mitsommernachts-Performance vor. Seinen genauen Plan will er noch nicht verraten, aber offensichtlich hat er Grosses vor. Ein Blick auf den Stundenplan - der Darstellungsunterricht ist das Herzstück der Theaterausbildung. Hier ist alles Können und Wissen, was wir bisher erworben haben, gefragt, und auch vieles, was wir noch nicht können. Ich spiele eine Szene aus «Tartuffe» von Molière und bin permanent überfordert: «Spiel mit deiner Partnerin, erspiel dir den Raum, lass dich vom Inhalt bespielen, mach keinen Tschechow daraus, sei original, nicht originell.» Immerhin darf ich in der Figur Schokolade essen. Nach der Probe schwirren tausend Gedanken in meinem Kopf. Ich weiss nicht mehr, wo oben und unten ist, aber ich spüre, wie ich an der Arbeit wachse. Danach dürfte der Tag eigentlich zu Ende sein. Bei einem Bürojob wäre das der Fall. Aber weit gefehlt. Ich habe eine Viertelstunde, um im Fundus ein Kostüm für den nächsten Monolog zu fi nden. In der Eile leihe ich etwas für mich Untypisches aus. Das ist gut: «Du hast dich was getraut, so haben wir dich bietungen auf verschiedenen Bühnen, entführen die Besucherinnen und Besucher in ferne Länder und fremde Welten, lassen sie auf Bettler und Königinnen, betrogene Liebhaber und glühende Rebellinnen, wahnsinnige Genies und geheimnisvolle Zauberer treffen. Zusätzlich kann der Besucher, die Besucherin in Workshops selbst in fremde Rollen schlüpfen und Bühnenluft schnuppern. Eine Bar lädt zum Austausch bei Snacks und Getränken ein, bis die Mitsommernacht schliesslich in ein rauschendes Fest mündet. Die Theaterausbildung an der Hochschule der Künste Bern ist in ihrer Art weit über die Schweiz hinaus einzigartig. Die Studierenden sollen sich zu selbständigen Künstlerpersönlichkeiten entwickeln, schon während des Studiums realisieren sie eigene Projekte. Der Dialog mit anderen Kunstformen wird gross geschrieben: Studierende des Studiengangs Theater präsentieren ihre Arbeiten regelmässig auf internationalen Festivals, zum Beispiel am Dresdner Schaubudensommer, beim Skena-Up Festival in Pristhina oder am Outnow Bremen, zeigen eigene Beiträge am Performancefestival ACT oder beteiligen sich an Projekten in den Bereichen Tanz, Musik und Medienkunst. Entsprechend vielseitig präsentieren sich die künftigen Schauspieler und Schauspielerinnen zur Mittsommernacht. Die Auswahl ist gross, jeder Besucher, jede Besucherin kann sich sein, ihr eigenes Programm zusammenstellen – die Dosis macht das Gift, jeder nehme soviel, wie er tragen kann. Wer sich ausgiebig an der Droge Theater berauscht hat, ist eingeladen, bei heissen Beats und kühlen Drinks in den Mitsommermorgen zu tanzen. Das detaillierte Programm fi nden Sie ab dem 15. Juni auf: www.hkb.bfh.ch Bühne noch nie gesehen.» Selbststudium: Dazu gehören Sprechübungen, singen, Text lernen, Monolog proben, Theaterstücke lesen, Schauspieltheorien begreifen, undsoweiterundwiedervonvorne. Zum Abschluss des Tages: Projektprobe Antigone. Griechisches Drama, sehr ernst, es geht um Wut, um Tod, um Ungerechtigkeit. Antigone verhöhnt und beschämt die Gesellschaft, die sie ausstösst und in den Tod schickt. Die Probe verändert mich. Nachdenklich und ruhig komme ich wieder in den Umkleideraum und ziehe mir nach zwölf Stunden in Trainingskleidern und Kostümen wieder private Kleidung an. Das ist schön, wieder ich selbst zu sein, nicht zu spielen. Und nun setze ich mich vor den Computer, meine Schwester aus Hannover hat mir eine lange E-Mail geschrieben, ich nehme mir Zeit, sie zu beantworten. Ich bekomme mit, wie nach und nach die anderen nach Hause gehen, die Putzfrau kommt, unterhält sich mit mir, zeigt mir Fotos von ihrem gerade geborenen Enkel. Sie raucht, trinkt Kaffee und macht sich an die Arbeit. Ich schreibe weiter, langsam werde ich nervös, mir wird heiss, ich beeile mich. Muss noch fertig werden, bevor der Mann von der Securitas kommt. Dann kommt er und ist irgendwie ein Engel, der mir zeigt, dass es ein Draussen gibt, wo die Luft herrlich nach Regen riecht. Ich steige auf mein Fahrrad und radle nach Hause. Um meine Ersatzgrosseltern zu besuchen, ist es schon zu spät. Aber morgen fahre ich wieder hin, sie feiern ein Gartenfest. Dann kommen auch ihre eigenen Enkelkinder. Die Kleinste will auch mal Schauspielerin werden, wie ich. Ich habe versprochen, mit ihr eine Zirkusnummer einzustudieren. A Midsummer Night’s Dream – Das Fest! 20. Juni / 16:00h – 4:00h Hochschule der Künste Bern – Theater Sandrainstrasse 3, 3007 Bern ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 7


© Sven Thielmann / ECM Records Jarrett – Peacock – DeJohnette Jazz Trio Concert Samstag, 11. Juli 2009, 19 Uhr, Konzertsaal Einziges Konzert in der Schweiz Kartenverkauf KKL Luzern, Mo–Fr 13–18.30 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr fon +41 41 226 77 77, www.kkl-luzern.ch Information www.kkl-luzern.ch ensuite Kulturwoche Das neue Online-Magazin und die Newsletter Infos: www.ensuite.ch flüchtlingstag 2009 „aufnahmebereitschaft & akzeptanz“ bern bundesplatz samstag 20. juni 15.00 – 22.00 musik & tanz & kulinarisches aus asien, dem nahen osten & afrika highlights 17.00 rhythm nation hip-hop dance 18.00 effalum & friends worldmusic senegal/ch 19.00 tre cani electro hip-hop reggae 20.30 baladjem blue planet groove 21.30 angel bayfall rap/dj senegal


THEATER LUZERN «corpus delicti» von juli zeh am luzerner theater Von Gabriela Wild ■ Juli Zehs Negativ-Utopie ist in der Mitte des 21. Jahrhunderts angesiedelt. Die zukünftige Gesellschaft gehorcht einzig und allein der Vernunft und hat sich von der Abhängigkeit des Marktes und den Fängen der Religion befreit. Oberstes staatliches Prinzip ist ein von Krankheit und Schmerz befreites Leben. Diese Maxime fordert von jedem einzelnen Bürger die strikte Einhaltung eines staatlich verordneten Gesundheitsprogrammes, welches neben Fitnessprogramm regelmässige Abgabe von Blutwerten und Ernährungsberichten beinhaltet. Missbrauch toxischer Substanzen wie Nikotin und Koffein wird strafrechtlich verfolgt. Zeh skizziert ein totalitäres System à la «1984» oder «Fahrenheit 451» mit rhetorischen Mitteln, die sie gut beherrscht, und lässt ihre Figuren sprachdichte Argumentationsduelle ausfechten oder plakative Plädoyers halten. So predigt Chefi deologe Kramer (Gunter Heun): «Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, was es bedeutet, wenn Menschen verliebt in ihre Krankheiten sind. Jeder klagte über Heuschnupfen, Rückenschmerzen und Verdauungsprobleme und wollte dabei immer nur eines: Die niedrigste Form von unverdienter Aufmerksamkeit. Das störungsfreie, fehlerlose Funktionieren, nichts anderes taugt zum Ideal. Das ist die Essenz.» Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation ist ein Schlüsselwerk der herrschenden Lehre. Mia Holl (Julie Bräuning), eine erfolgreiche Naturwissenschaftlerin, war bis anhin eine treue Verfechterin des Systems «Essenz». Durch den Tod ihres Bruders wird sie aus der Bahn geworfen und vernachlässigt ihre Bürgerpfl ichten zu Hygiene und Gesundheitsvorsorge. Immer mehr ist sie davon überzeugt, dass das System für den Tod ihres Bruders verantwortlich ist. Als die Essenz eine medienwirksame Verleumdungskampagne startet, um einen Justizirrtum zu kaschieren, wird aus Mias Fall ein moderner Hexenprozess. «Das Mittelalter ist keine Epoche, sondern der Name der menschlichen Natur.» (Mia) Filmemacher Samir inszenierte «Corpus Delicti» für das Luzerner Theater. Das bewusst reduzierte Bühnenbild (Werner Hutterli) mag seine Berechtigung in der Begründung, dem Zuschauer Raum für die eigene Phantasie zu lassen, fi nden. Das als Hintergrund dienende Stadtbild von Luzern aus dem Zeitalter des Diavortrags sowie die laienhaften Videoprojektionen wirken allerdings etwas befremdlich. Wirklich störend sind aber die schlecht choreografi erten Bewegungen der Schauspieler. Das unmotivierte Herumlaufen auf der Bühne steht im krassen Gegensatz zu den komplexen Texten, die die Schauspieler in atemberaubendem Tempo (fehlerfrei) herunterrasseln. Und weshalb, um Gottes Willen, muss die «ideale Geliebte» (Daniela Britt) – ein Phantasiegebilde in Mias Kopf – ständig um die Hauptdarstellerin herumhüpfen und sich dabei wie in einem Schultheater aufführen? Hier wäre etwas mehr Zutrauen an die Vorstellungskraft des Zuschauers hilfreich gewesen. Eine dezente Stimme aus dem Off hätte mit Sicherheit mehr Effekt erzielt. Die Tanzeinlage (Marta Zollet, Choreografi e Verena Weiss), die Mias seelische Not ausdrückt, wirkt beim ersten Mal ergreifend. Die Tänzerin rennt gegen eine Plexiglaswand an und verschmiert sie allmählich mit Blut. Beim dritten Mal hat sich die Idee jedoch erschöpft und nervt nur noch. Verhauen ist leider auch der Schluss. Das im Buch verblüffende Ende, das aus Mia nicht die erwartete Märtyrerin macht, kommt im Stück schleichend lahm daher. «Gehen Sie nach Hause, Frau Holl», meint Kramer, macht eine müde abwinkende Geste und trottet von der Bühne. Die zum Einfrieren verurteilte Mia schreit: «Das könnt ihr nicht machen! Ihr schuldet mir das!» Dann befreit sie sich aus ihren Fesseln. «Das Stück ist fertig. Sie dürfen klatschen», scheint diese Geste zu sagen. Nichtsdestotrotz sei die schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller gewürdigt. Mia (Julie Bräuning), Kramer (Gunter Heun) und Rosentreter (Jörg Dathe) glänzen mit hervorragenden Textvorträgen und zeigen, was das Stück «Corpus Delicti» ist: Eine spritzige Thesenschlacht um die Frage, was das einzelne Individuum dem kollektiven Ganzen schuldig ist. Juli Zeh plädiert für ein Recht auf Krankheit und Selbstzerstörung. Denn das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann. Corpus Delicti ist noch bis zum 12. Juni am Theater Luzern zu sehen. Info: www.luzerner-theater.ch Zeh, Juli: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffl ing & Co. Verlag, Frankfurt am Main, 2009. CAMPINGTHEATER SO EIN CHAOS Bild: zVg. Bühne ■ Sommer. Ein Hoch auf die Saison – oder eben Hochsaison auf dem Campingplatz. Doch dieser platzt aus allen Nähten. Das «Puff» ist vorprogrammiert, der Platzwart ist nicht grad effi zient und die Gäste sind so, wie man sich die biedersten Chronisch-Campierer vorstellt: bieder. Geranien, Plastikstühle und bicobello-sauber ist diese Welt - wäre da nicht der Hygieniker, der Rocker, das «Töchterchen» und überhaupt. Erholsam wird so was nichts – aber gesund werden sie alle. Und die Erinnerung an so einen Urlaub bleibt hängen – auf ewig. Strassentheater ist beliebt. Sie erfreuen unsere Pätze mit Schabernack und Unsinn – und befruchten den Geist in der Sommerhitze mit wenigstens ein paar Lachern. Camping Oase hat im La Cappella in Bern auf der Bühne die ersten Erfahrungen mit dem neuen Stück gesammelt. Doch gleich vorweg: Das Stück gehört nach draussen. Auf einer Bühne funktioniert es nicht wirklich, denn das Publikum schwitzt zu wenig und die Spontaneität und der Witz gehen im klinischen Ambiente einer Bühne, im Scheinwerferlicht unter. Wenn die Bühne dazu noch zu klein ist, dann fi ndet das «Puff» nicht im Stück, sondern im Personengerangel statt. Deswegen lohnt es sich umso mehr, die Oase auf einem echten Camping-Platz zu sehen... Die ProtagonistInnen sind Bekannte aus der bernischen Theatersport-Szene und die eine Hälfte von «Hell und Schnell». Da spürt man auch in einigen Requisiten die Hand von Markus Schrag, der ein wunderbares Flair für skurrilkomische Installationen in sich trägt. Achtung: Wenn Sie ein eingefl eischter Camping-Indianer sind, so könnten sie das Stück an einigen Stellen als frech empfi nden... Wir haben sie gewarnt! (vl) Camping Oase Spielt in der halben Schweiz auf den Camping- Plätzen und kann im August am Buskers-Festival in Bern in einer Kurzversion gesehen werden. Info: www.circuisine.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 9


1 von 311 Haltestellen: Badgasse.


TANZ DER GEGENWART: FOLGE XI diesseits vom tanz Von Kristina Soldati Bild: Tanz Akademie Zürich Aram Hasler in «Swarm» von Pablo Ventura, Fussspuren IV / Foto: Bettina Stöss ■ Kein Schweizer Tänzer hat derzeit ein landesweit anerkanntes Diplom in der Tasche. Was schert man sich auch um ein Stück Papier, wenn die Bretter der Bühne einem die Welt bedeuten und auf ihr das pure Können zählt? Kein Theaterdirektor hat je einen Blick auf Diplome verschwendet, Kunst kommt von Können und das sieht (oder hört) man. Daran wird sich auch nichts ändern. Dass hinter der Bühnenreife acht Jahre täglicher Einsatz stecken, braucht nicht eidgenössisch erkannt oder gefordert zu werden. Die zuckenden Kinderbeine fanden schon immer ihren Weg. Bei den einen zum Fussballplatz, bei den anderen ins Tanzstudio. Die Hüpfl ust vor der Ritalin-Ära war Antrieb genug, nachmittags anzutanzen. Kleine Aufführungen brachten den Flair und die Freude am Fortschritt tat das übrige. Woher die Not also für ein Zertifi kat? Zum einen hüpft es sich richtig oder falsch. Falsches Einüben kann zu Knieschäden führen. Schon lange trachten deshalb Fachverbände danach, pädagogische Qualitäten fl ächendeckend zu sichern. Tanzpädagoge ist bislang ein ungeschützter Beruf. Neue Qualifi kationen wie das Weiterbildungsdiplom (seit 2004) oder gar der Weiterbildungsmaster in Tanzpädagogik (seit 2007) an der Züricher Hochschule der Künste (ZHdK) sollen da Kriterien liefern. Die Sorge um Gesundheit und Qualität ist ein Grund für das Zertifi katsfi eber. Der zweite Grund ist die Einsicht, nach jedem noch so erfolgreichen Hüpfen gibt es ein Danach, jenseits vom professionellen Tanz (vgl. ensuite Nr. 76): Die Rekonversion. Die berufl ichen Umschulungsinstanzen fragen nämlich nach ertanzten Diplomen. Der dritte Grund ist strategisch: Diplome führen zu gesellschaftlicher Anerkennung. Und diese fängt bei den Eltern an: «Es sind oft die Eltern, die die tanzlustigen Kinder bremsen», meint Patrice Delay, Leiter der von Balanchine gegründeten Genfer Bühne Schule und des Ballet Junior. Wenn sie öfters kommen wollen, winken die Eltern ab. «Das führt doch zu keinem Beruf!» Die Väter deuten auf das tägliche Schwitzen ihrer Sprösslinge und sehen keine Perspektive. «Besonders hier in der Schweiz», fügt der europaerfahrene Leiter hinzu. Rücken Schulen etwa deshalb vermehrt in die Nähe von Sportvereinen? Die Jagd nach Medaillen als Ersatz für Anerkennung? Als Legitimation? Auf den Schul-Webseiten prangen die glänzenden Verdienste und Tanz wird messbar. Qualifi zierte Lehrer Medaillen haben bekanntlich ihre zwei Seiten. Sie spornen an, sie stellen Talente erstmals einander gegenüber, dann nebeneinander und dann auf ein Podest. Aber es gibt die zweite Seite der Medaille. Diese recht unkünstlerische, bisweilen gar unmenschliche Seite vertanzt gerade das Béjart-Ballet in «Le Concours». Doch so, wie es unserer Wettbewerbsgesellschaft gerade ergeht, könnte ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 11


es auch dem preisverliebten (Ballett-)Tanz ergehen. Auch diesen könnte die Ernüchterung nach einer Krise ereilen. «Immer schneller, immer besser» ist eben nicht nachhaltig. Technische Versiertheit kann forciert werden. Gesundheitliche Strapazen und Risiken nehmen ehrgeizige Schüler wie Schulen in Kauf, denn die Ausfallquoten tauchen in den Bilanzen nicht auf. Oder haben Sie schon irgendwo von der Zahl der Verletzten und Abbrecher in Akademien oder Schulen gelesen? Damit sich Schulen aus dem Profi lierungswahn über Preise lösen können und auf nachhaltige Werte setzen, sind geregelte Lehrerqualifi kationen nützlich. Nützlich sind sie auch, um andererseits dem Diletantismus im Amateurunterricht fehlhüpfender Kinder zu begegnen. Die Förderung der Freude der Kleinen am kreativen Schaffen ebenso wie die unspektakuläre technische Grundlagenarbeit hätten mit Zertifi katen unabhängige Legitimation. Was aber besorgte Väter letztlich in ihrem Zweifel umstimmen können wird ist die Perspektive auf eine Berufslehre mit eidgenössisch anerkanntem Fähigkeitszeugnis (EFZ) für BühnentänzerInnen. Erstmals angeboten ab Herbst 2009 in Zürich. Tanz oder Schule? Wie andere musische Fächer winkt auch der Tanz am Ende des Tunnels eines arbeitsamen Schülertages (Und dem Mama-Taxi davor der Stau). Musik oder Malerei brauchen aber keine Früherkennung von Talenten und keine tägliche Pilgerfahrt zum Ritual. Einzig der Tanz fordert Bühnenreife im Alter von Achtzehn, um in den besten Jahren zu ernten. Und nur der Tanz übt sich nicht allein. Und so verstopfen täglich hunderte Bewegungshungrige erst einmal die Strassen, bevor sie sich an die Ballettstange reihen. Wen wundert’s, wenn Schule und logistisch involvierte Eltern darunter leiden? Wenn Tanz und Schule unvereinbar wird? «Mit der täglichen Mittagspause, dem vierfachen Schulweg kann die Schweiz nicht das Arbeitspensum der Nachbarländer schaffen», meint Marjolaine Piguet, Leiterin der «Danses Etudes» in Lausanne. Sie hat während ihrer Ausbildungszeit im Ausland vorteilhaftere Tagesabläufe kennengelernt. Tanz und Schule sollen nun versöhnt werden, ganz nach dem Vorbild des Lausanner SAEF-Gymnasiums (Sport-Arts-Etudes-Formation), wo gute Schüler ihren musischen oder sportlichen Schwerpunkt in den leicht entschlackten Schulstundenplan integrieren können. Wenige hundert Meter entfernt hat Marjolaine Piguet dasselbe für den Tanz geschaffen: «Danse Etudes». Über dreissig Kinder besuchen tagsüber die Sekundarstufe (I und II) in nächster Nähe und schlüpfen im Tagesverlauf mehrmals in die Trainingshaut. Jedes Jahr schneidert sie als Mitverantwortliche des Collège Béthusy ihren Tanzschülern einzeln den Stundenplan zurecht und stopft Löcher bei Bedarf mit Mathematik- oder Deutschnachhilfe. Doch Schulleistungen seien nicht das Problem. 80 Prozent ihrer Schüler sind ohnehin auf dem Gymnasium oder der gymnasialen Mittelstufe. 2003 hat «Danse Etudes» begonnen und eine Tänzerin mit Matura bereits geliefert. Gleich im Anschluss wurde diese von Patrice Delay in das Genfer Ballet Junior übernommen. Fünf Minuten mit der Metro vom Bahnhof und 12 hundert Schritte von der Station Ours ist das mutige Projekt Realität geworden, das Tanz und Schule verknüpft. Mit dieser guten Lage möchte sie eine Lösung für Begabte der ganzen Westschweiz bieten. Ein Junge kommt etwa täglich aus Freiburg. Dass bisweilen nicht mehr als sechs pro Tanzklasse teilnehmen, erklärt die Leiterin so: «Viel grösser ist die Ausbeute wirklicher Talente der Region nicht.» Von der luxuriösen Überschaubarkeit solcher Klassen profi tiert das Ambiente und die Leistung. Aber auch die Schulaufgaben zwischendurch, denn Disziplin und Motivation stecken an. Mit zwei bis vier modernen beziehungsweise zeitgenössischen Tanzstunden die Woche ist die Ausbildung relativ fortschrittlich. Obwohl wie aus einem Munde die Schüler hier nach mehr rufen. Die Leiterin erwägt durchaus einen Ausbau, denn in der Region soll eine eidgenössisch anerkannte Berufslehre für zeitgenössischen Tanz entstehen. Falls, ja, falls deren stilistische Ausrichtung eine Vorbildung überhaupt vorsieht. Eidgenössisch anerkannt in der Westschweiz Wenn die Deutschschweiz die Berufslehre Bühnentanz klassischer Prägung haben wird, so die Westschweiz diejenige zeitgenössischer. Im Jahr 2010 soll’s losgehen, doch Inhalt und Ort wird seitens des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT) erst dieser Tage publik. Ob Lausanne oder Genf ansteht, ist weniger entscheidend als der stilistische Anspruch. Während sich im modernen Tanz eine Methodik und ein fester Lehrkanon entwickeln konnte (z.B. mit der Limon- , Graham- und Cunningham-Technik), so sind die zeitgenössischen Stile noch nicht autonom «tänzerbildend». «Mit der Zeit haben die unterschiedlichsten Stile, auch der Jazztanz, den Trainingsablauf und viele Übungen des Balletts (von pliés über tendus bis grosse Sprünge) sich einverleibt», meint Caroline Lam, diplomierte Lehrerin für zeitgenössischen Tanz. So widmete sie sich erst eingehend dem Jazz in Paris und konnte dennoch mit achtzehn Jahren in den klassischen Tanz einsteigen. Das klappt offensichtlich, denn nach ihrer Tanzausbildung zirkulierte sie «zeitgenössisch» in der freien Schweizer Szene. Doch beim neuen Lehrgang steht zur Diskussion, ob - ganz nach dem Vorbild des Choreografi ezentrums der Loirestadt Angers - überhaupt eine Vorbildung vonnöten sei. Bei der Mangelware «tanzender Mann» gab es solche Konzessionen schon immer. Doch die vielen fi eberhaft tanzenden Jugendlichen lockt eine solche Toleranzschwelle kaum. Im Alter von 15 bis 16 Jahren können sich viele gar nicht vorstellen, von ihrer täglich feilenden Arbeit zu lassen und mit Tanzunkundigen erst einmal zusammen zu improvisieren... Die scharfe Zweiteilung der Tanz(ausbildungs)landschaft klassisch versus zeitgenössisch kommt ihnen nicht gelegen. Durchlässigkeit quer Aus der Projektphase der neuen dreijährigen Berufslehre zeitgenössischer Tanz in der Westschweiz ist zu hören: «Die Kluft zwischen Klassik und Zeitgenössisch soll überbrückbar werden. Wer nach den ersten fünf Monaten merkt, er habe die falsche Ausrichtung gewählt, soll wechseln dürfen. Im Prinzip.» Es soll also nicht nur der Rös- tigraben samt Sprachbarrieren überwindbar sein, sondern auch der Graben zwischen (system-)freiem zeitgenössischen Tanz und dem Ballett à la Waganova russischer Prägung. Die Zukunft wird es zeigen... Und der Entscheid der künftigen Leitung. Anschluss nach oben Nichts weniger als die Entwicklung eines ganz eigenen Systems im zeitgenössischen Tanz verspricht die Leiterin des Bachelor-Programms in Zürich, Prof. Tina Mantel. Das BA (Bachelor of Arts) ist ein weiteres Zertifi kat, das das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT dem Tanz dieses Jahr vermacht. Der erste Studiengang beginnt kommenden Herbst an der Zürcher Hochschule der Künste. GaGa heisst das System und hat seine Wiege in Jerusalem, in der Batsheva Dance Company. Der berühmte Choreograf und Direktor Ohad Naharin liess seine (klassisch ausgebildeten) Tänzer anfangs einmal, mittlerweile fünfmal pro Woche, «GaGa werden», um sie aufzulockern. Diese Improvisationsmethode verhilft zur ganz eigenen Bewegungssprache, wenn man bereit ist, den angeeigneten Codex aufzubrechen. Géraldine Chollet, die künftige GaGa-Lehrerin des Studiengangs, die selbst den Weg nicht in die begehrte Companie fand, verfolgte unbeirrt diese Methode in Naharins Workshops. Sie überredete ihn, der Methode eine Methodik und ein System abringen zu lassen. Mit fast täglicher Anwendung und jährlichem Besuch aus der Batsheva Company möchte sie genau das in Zürich bewerkstelligen: Ein pädagogisches System. Zürich als Labor für die Batsheva Company? Prof. Tina Mantel lacht: «Ja, durchaus.» Wenn das Experiment klappt, wünscht man ihr auch das Patentrecht. Fast gleichwertig mit den praktischen Fächern der Tanzfertigkeit sind solche der Gestaltung/Produktion und Wissen/Refl exion, wie es im Studienplan heisst. Darunter fallen Performance Research, der akustische und der virtuelle Raum sowie transdisziplinäre Projekte, Kulturmanagement, Anatomie und Dramaturgie. Deshalb erwartet die Leiterin (Berufs-) Maturität von ihren Studenten und das Mindestalter von 18 Jahren. Da gute moderne und zeitgenössische Vorausbildung nur verstreut zu haben ist und kein brotbringender Beruf wartet, ist manch aufgenommener Bewerber ein fertiger Primarlehrer und auch mal 25 Jahre alt. Ob Prof. Tina Mantel sich auf die zertifi zierten Abgänger der neuen Berufslehre zeitgenössischer Tanz der Westschweiz freut? «Ja und nein», sagt sie, «die Besten werden wohl tanzen gehen und nur ehrgeizige, intellektuell Neugierige hängen weitere drei Jahre an.» Für welchen Beruf der Studiengang demnach vorbereitet, muss erneut die Zukunft zeigen. Junior-Ballette Nach der Gründung des NDT2 1978, einer dem Nederlands Danse Theater angegliederten jungen Companie, verbreitet sich das Phänomen: Grosse Companien leisten sich eine Jugend - was heisst: Sie lagern die Jungen aus ihren Reihen aus. «Immer weniger Tanztruppen können sich die Betreuung und das Risiko mit unerfahrenem Nachwuchs leisten», meint der Genfer Junior-Ballet-Direktor Patrice Delay, der in den 80ern noch in den Genuss ebendieses Luxus des Königlichen Flämischen ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


Balletts kam. Am Genfer Theater engagiert man mittlerweile nur erfahrene Solisten, meint Patrice Delay, der sich damals mit der Zeit zum Solisten mausern konnte. Seine Junior-Truppe ist allerdings nicht ans Theater angegliedert, sondern seit knapp dreissig Jahren an die private Schule Ecole de danse de Genève. Der hochkarätige Unterricht und Gastchoreogra- fen ersten Kalibers locken jährlich hundert Bewerber aus aller Welt - um gehaltfrei zu tanzen. Sie sammeln Erfahrungen. Ja, in grossen Companien würden sie in der hintersten Reihe im Chor tanzen. Hier profi - lieren sie sich in spannenden Rollen, so verschieden wie die Weltklasse-Choreografen selbst - ein idealer Präsentierteller für künftige Arbeitgeber, die auch regelmässig geladen werden. Das Junior-Ballett von Heinz Spoerli (seit 2001) erhält die ebenfalls zweijährige Ausbildung an der hauseigenen Opernakademie. Es profi tiert von den Werken des Meisters, für die eigenen Tourneen von der Logistik des Hauses und für Stipendien von dessen Know-how: «Wir haben den grössten und besten Sponsorensammler», erklärt das Ballettmanagement. Zwischen 18 und 21 oder 23 Jahren bietet das weltweite Phänomen Junior-Ballett also hervorragende Weiterbildung mit Einstiegschancen in die Arbeitswelt. Ein Nachgeschmack bleibt: Die ertragreichen Tanzjahre schrumpfen, nicht nur vom Jenseits her (vgl. Rekonversion schon mit Dreissig, ensuite Nr. 77), sondern auch diesseits vom Tanz. Tanzakademie Zürich schleust Schweizer an die Spitze Von den 19 Tänzern im Junior Ballett Zürich sind zwei Schweizer, von zwanzig in Genf nicht mehr. Beim weltweiten Andrang ist dies nicht überraschend. Doch die neue Züricher Akademieleitung, Steffi Scherzer und Oliver Matz, hat sich 2004 vorgenommen, hauseigene Talente von klein auf heranzuzüchten. Die Früchte sind herangereift und man füllt die höhere Ausbildungsstufe nicht mehr mit auswärtigen Schülern. Ab diesem Herbst sind 12 von 15 Schülern «eigene Kultur». Auch das Internat wird vermehrt zum Gewächshaus für «heimische Sorten». Zur Erntezeit fi nden 90 Prozent der Ausgebildeten Abnehmer, Häuser wie das NDT2 in Den Haag, das Stuttgarter Ballett - oder eben vor Ort Heinz Spoerli. Dass sie bei so vielseitigen Companien einsetzbar sind ist der stilistisch aufgeschlossenen Kultivierung zu verdanken: Fast täglich stehen auch Limon, Graham oder zeitgenössischer Tanz auf dem Stundenplan. Bild: Solothurner Tanzwettbewerb 2009 / Foto: Christian Glaus Zum Aufstieg derer mit Berufslehre in die Liga derjenigen mit «eidgenössisch anerkanntem Fähigkeitszeugnis» in diesem Herbst gehört allerdings auch noch etwas anderes auf den Stundenplan. Nämlich Fächer für die Berufsmatur. Für dieses Finale im Kampf um Anerkennung muss sich die Leitung aber noch qualifi zieren. «Das kommt», sagt sie siegesbewusst. Steffi Scherzer gibt ihre Erfahrung Schweizer Lehrern weiter. Sie ist für die Lehrerbildung verantwortlich, seit 2007 in Form eines Masterstudiengangs. «Sie sollen nicht auf Preise hinarbeiten!», empfi ehlt sie den Tanzpädagogen. «Wir haben in der Profi schule natürlich mehr Zeit als die Privatschulen und müssen einzelne Talente nicht auf Preise hinpushen. Die sorgfältige Waganova-Methode, die hier angewendet wird, lässt die Kleinen vorerst nicht viel bewegen. Folglich erzielt unsere Akademie in der Kategorie der Jüngeren auch keine Preise.» Neben den Zertifi katen rund um die praktische Ausbildung spriessen auch solche der akademischen. Die relativ junge Disziplin Tanzkultur, ein Weiterbildungsstudium in Teilzeit an der Universität Bern, baut aus. Neben dem Diplom wird da ab 2010 auch ein Master angeboten. Die Theaterwissenschaft in Bern bietet ihren Master schon seit 2007 in Tanz an. Hoffen wir, dass vor lauter anerkannten Zertifi katen dem Land das Geld für die Orte der Produktion nicht ausgehen. Dem Bern-Ballett drohte man im Mai mit der Aufl ösung... WWW.TANZKRITIK.NET AUSBLICK TANZ Bühne I. Die begabte Jugend Das Junior Ballett von Heinz Spoerli bringt sein frisches Programm aus Meisters Hand noch einmal vor unsere Augen, bevor es auf seine Tourneen entschwindet. Ort: Zürcher Opernhaus, Falkenstrasse 2 Datum: 1. Juni 20:00h Das Ballet Junior de Genève lässt sich nach einem Gastspiel in Paris mit Alexander Ekmans Pulswork in der Westschweiz blicken. Das volle Programm von Paris mit Werken von Thierry Malandain und Stijn Celis wünscht man sich gern auch mal in der Deutschschweiz. Ort: Scène de l’ADC à l’Alhambra terrasse, Genève Datum: Samstag, 20 Juni, 18:30h Ort: Théâtre Arsenic, Lausanne Datum: 27. Juni 19:00h, 28. Juni, 18:00h Die vielversprechenden Choreografen von morgen sind zu suchen in spannenden Companien von heute: Das BernBallett nährt seine ohnehin vielseitigen Mitglieder mit abwechslungsreicher Gastchoreografenkost. Wo Ideen sich so kreuzen und potenzieren dürfen, wird ein guter Wurf wie beim letztjährigen Jungen-Choreografen-Abend gelingen, bei Tanz made in Bern mit zwei Stücken von Hui-Chen Tsai. Nicht verpassen, denn wer weiss, wie lange Bern sich sein Ballett leistet. Ort: Vidmar Hallen, Könizstrasse 161, Bern Datum: 11. Juni, 23. Juni, 19:30h, 21. Juni, 18:00h II. Integrativer Tanz Seit 18 Jahren schon nutzt die britische CandoCo Dance Company den Austausch mit Behinderten künstlerisch. Sie hat sich damit einen Namen und viele Nachahmer gemacht. Die Herausforderung an Phantasie und den veränderten Bewegungsradius ihrer Gastchoreografen führt zu überraschenden Formen der Ästhetik. Ihr Gastspiel beinhaltet «The Perfect Human» der sympathischen Neuentdeckung Englands, Hofesh Schechter. In Genf bietet sie vor ihrer Aufführung ein Workshop für Tanzende und beschränkt Tanzende. Festival inside/outside, «dansehabile» in Genf, 10. bis 14. Juni Community Arts Festival in Bern, 17. bis 21. Juni wildwuchs 09 in Basel, 19. bis 28. Juni Okkupation! Internationales Theaterfestival in Zürich, 10. bis 20 Juni III. Stars, die Grenzgänger geblieben sind Wer die emotionale Nähe zwischen religiöser Hingabe, krankhafter Ekstase und banalen Ticks nachspüren möchte, der sehe die Verwandtschaft in den Bewegungen, erzwungen von pietätsvoller Musik: «Pieté!», ein erschreckendes Meisterwerk von Alain Platel mit den Les Ballets C de la B. Ort: Theaterhaus, Gessnerallee 8, Zürich Datum: 19., 20. Juni 21:00h, 21. Juni 20:00h ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 13


Informationsveranstaltung Master of Advanced Studies in Arts Management Dienstag, 23. Juni 2009, 18.15 Uhr, Raum SW 125 (1. Stock), St. Georgenplatz 2, Winterthur. Anmeldung nicht erforderlich. Start der 11. Durchführung MAS in Arts Management: 26. Februar 2010 ZHAW School of Management and Law – 8400 Winterthur Telefon +41 58 934 78 54 – birgitta.borghoff@zhaw.ch www.arts-management.zhaw.ch Building Competence. Crossing Borders. Zürcher Fachhochschule Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften VVK: WWW.STARTICKET.CH / INFOS: WWW.DAMPFZENTRALE.CH DAMPFZENTRALE BERN, MARZILISTRASSE 47, 3005 BERN School of Management and Law Unterstützt von: Stadt Bern, Kanton Bern, Burgergemeinde Bern, Migros-Kulturprozent, Hotel National Bern. An- und Verkauf von Designklassikern Restaurationen Michael Fischer +41 ( 0)79 280 35 29 Pascal Bucheli +41 ( 0 )79 208 43 55 info@bumadesign.ch www.bumadesign.ch ZOO / THOMAS HAUERT «ACCORDS» FR, 26. & SA, 27. JUNI / 20 H VVK: WWW.STARTICKET.CH / INFOS: WWW.DAMPFZENTRALE.CH DAMPFZENTRALE BERN, MARZILISTRASSE 47, 3005 BERN Unterstützt von: Stadt Bern, Kanton Bern, RESO – Tanznetzwerk Schweiz, Burgergemeinde Bern, Migros-Kulturprozent, Hotel National Bern. Medienpartner: Der Bund.


KLASSIK UND TANGO variaTango Von Flavia Barth – eine Reise nach Lateinamerika Bild: Hartmut Schug ■ Mit welchen Stilen und Künsten lässt sich sinfonische Musik kombinieren? Das Projekt orchester Variaton ist seit seiner Gründung im Sommer 2004 auf der Suche nach neuen Klängen und Formen für inspirierende und spartenübergreifende Konzerte. Schon im Sommer 2004 stand der Name Michael Zisman als musikalischer Partner weit oben auf der Wunschliste von Variaton. Einige Gründungsmitglieder hatten Michael Zisman an Konzerten gehört, in Ensembles und als Solist mit dem Berner Sinfonieorchester bei der Aufführung von Piazzollas «Konzert für Bandoneon und Orchester». Doch wie kann man einen solchen Musiker für eine Zusammenarbeit mit einem unbekannten Orchester gewinnen? Vorerst blieb es bei der Idee - und Variaton erforschte in der Zwischenzeit zusammen mit einem Quintett den sinfonischen Jazz, porträtierte mit dem Schauspieler Hans-Peter Incondi das Ehepaar Clara und Robert Schumann, wagte die Fusion von sinfonischer und elektronischer Musik (zusammen mit dem Berner DJ Ramax und dem Elektro-Cellisten Stefan Baumann) und realisierte ein Projekt mit Videoprojektionen und Lichtdesign. Doch die Idee eines Tango-Projekts mit Michael Zisman liess uns nicht los. Zum fünften Geburtstag des Vereins haben wir es nun geschafft: Michael und Daniel Zisman spielen mit uns auf ein und derselben Bühne - und unser lang gehegter Wunsch geht in Erfüllung. Der Tango ist Ausgangspunkt der diesjährigen Konzerte von Variaton. Gleich vier Uraufführungen gibt es dabei zu entdecken, zwei von Michael Zisman und zwei von Daniel Zisman. Die Kompositionen entfalten sich aus dem sinfonischen Tango heraus, verwenden aber auch Elemente der klassischen Musik, des Jazz und der Klezmermusik. Den Komponisten gelingt das Spiel mit der Variation gekonnt: Ihre Vielseitigkeit macht es möglich, über den bekannten Tango hinaus Neues zu entdecken. Die «Piazzolleana», für Variaton eigens für grosse Sinfonieorchester arrangiert, erinnert stark an das grosse Vorbild Michael Zismans. Das dreisätzige Werk tönt zugleich überraschend und bekannt, tauchen doch hier und dort Themen des Altmeisters Astor Piazzolla auf. Die «Tres Canciones», ein Konzert für Violoncello und Bandoneon, entführt uns in eine Welt besonderer Klangfarben. Die beiden Solisten, Annapaola Jacomella und Michael Zisman, vereinigen den Klang der beiden Instrumente nahtlos. Daniel Zisman arbeitet derzeit intensiv an seiner ersten abendfüllenden Komposition, dem Musical- Theater «Tangos Paralelos». Aus diesem grossen Werk spielt Variaton erstmals die «Rapsodia: por las Calles», welche die Zuhörerschaft auf einen Stadtbummel durch Buenos Aires mitnimmt und die vielen verschiedenen Gesichter und Klänge der Stadt nachzeichnet. Das zweite Werk des gebürtigen Argentiniers trägt den Namen «El cantar de los cantares» und ist für Streicher komponiert worden. Daniel Zisman übernimmt selber den Solopart in den acht Capitolos und versetzt das ganze Orchester in Staunen. Variaton versucht in diesem Projekt den musikalischen Bogen über die ganze Vielfalt der lateinamerikanischen Musik zu spannen. So gesellen sich zu den vier Uraufführungen zwei bestehende Werke für Orchester von Alberto Ginastera und Arturo Márquez. Die Tänze zum Ballett «Estancia» von Alberto Ginastera führen vom urbanen Tango weg und nehmen uns in die argentinische Provinz mit. Das für eine amerikanische Ballettgruppe komponierte Auftragswerk beschreibt das Leben auf einer Estancia. Ein junger Mann aus der Stadt muss sich bei der harten Landarbeit beweisen, um die Liebe eines schönen Mädchens zu gewinnen. Die Tänze erinnern mit ihrer verschachtelten Rhythmik an die argentinische Folklore und zeigen eine ganz andere, zeitgenössische Tonsprache der sinfonischen Musik Argentiniens. Mit dem «Danzon no. 2» des mexikanischen Komponisten Arturo Márquez hat Variaton schliesslich einen Ohrwurm aufgestöbert, der auch die hinterste Reihe nicht kalt lassen wird... Variaton & Michael Zisman, Komposition und Bandoneon, Daniel Zisman, Komposition und Violine, Annapaola Jacomella, Violoncello, Sebastien Fulgido, Gitarre. 6. Juni, ZKO-Haus, Zürich 20:00h 14. Juni, Dampfzentrale, Bern 19:00h Info: www.variaton.ch Molto Scherzando Sa, 13.06.09 19.30 Uhr - Open End Die musikalische Comedy-Night mit: Andrey Boreyko Igudesman & Joo Arkady Shilkloper L’Orchestre de Contrebasses Shigeru Ishikawa Gabriel Vacariu Tickets: BERN BILLETT, Nägeligasse 1A 031 329 52 52 |info@bernbillett.ch www.nachtdermusik.ch Medienpartner: www.kulturagenda.be ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 15


Kunsthalle Bern - Zhang Enli 30.5. – 19.7. 2009 Öffentliche Führungen Sonntag 31.05. 11 h Sonntag 19.07. 14 h Kunstsitzung für Senioren Mittwoch 03.06. 14 h Kunst zum Sattwerden Dienstag 16.06. 12.30 h Dienstag 23.06. 12.30 h Director’s Talk Donnerstag 25.06. 18 h Kunsthalle Bern Helvetiaplatz1 CH-3005 Bern T +41(0)31 350 00 40 F +41(0)31 350 00 41 Courtesy ShangArt Gallery Shanghai, Hauser & Wirth Zürich London Die „Ber ner Schule“ Künstler in der Nachfolge Ferdinand Hodlers 02.04.2009 – 28.06.2009 freude am essen. weit raum für gespräche. blick zeit für zwischentöne. schanzeneckstrasse 25, 3012 bern-länggasse montag-freitag: 11-23 uhr www.veranda-bern.ch, reservationen: 031 305 21 80 - wir vermieten schöne sitzungszimmer - «tavolata», 4 mal jährlich 9-gänger am langen tisch - sa und so offen für gesellschaften


CARTOON www.fauser.ch VON MENSCHEN UND MEDIEN der tagi, der «bund» sein will Von Lukas Vogelsang ■ Nun ist die Katze aus dem Sack: Der Tagi will «Bund» werden. Statt den «Bund» als «Bund» weiterzuführen und ein wirklich beachtliches 160. Jubiläum zu feiern, wird aus der Zeitung noch im 159. Jahr eine Investmentzeitung vom Tagi. Das Alter scheint denn auch der Grund zu sein, warum die Zeitung weiterhin «Bund» heissen soll. Inhaltlich wird ein Tagi kommen, auch das Layout will man dem Tagi anpassen. Das hat nicht mit Wille oder Mut zu tun, sondern mit der Angst, Abonnenten und Marktanteile zu verlieren. Aber die Pressemitteilungen machen alle auf gute Stimmung. Auch die Verbände und die BundianerInnen nicken mit dem Kopf – auch wenn 22 KollegInnen den Bund verlassen müssen. Irgendwie sind alle froh, dass die Mogelpackung so schön mogelt und niemand dagegen sein will. Ich bin’s: Ich fi nde es nicht gut, was hier geschieht. Das Kleingedruckte hat wohl niemand laut gelesen: «...eine Strategie, die sich in den nächsten Jahren bewähren muss.» Auch wenn «Der Bund» schon lange nicht mehr ist, was er mal war oder was wir gerne von ihm hätten und erwarten. In Sachen Regionaljournalismus schreibt er die Themen schon länger der «Berner Zeitung» ab, und in Sachen «Recherche» ist er oft gar zu einseitig und unbeleuchtet. Ich weiss, es gibt Schlimmeres, auch in Bern, aber wir müssen nicht schönreden, was nicht da ist. Aus dieser Sicht ist der Tagi-Bund eigentlich eine gute Sache. Wechsel tut auch gut. Aber man hätte diesen «Bund» sterben lassen oder konsequent «Tagi» nennen müssen - und vor allem müsste man einen neuen Chefredaktor einsetzen. Das währe ehrlicher und vor allem glaubhafter – und so was in dieser Art erwarten wir doch von einer Tageszeitung. Erstaunt habe ich auch zur Kenntnis genommen, dass der Abopreis für den «Nicht-mehr Bund» nach oben gedreht wird. Nun, nachdem das selbsternannte Komitee «Rettet-den-Bund» eine Art Sammelaktion für die Zeitung simulierte und der Tamedia gratis eine Marktstudie erstellte, hat Tamedia Blut geleckt. Wenn 35’000 AbonnentInnen je 50 Franken im Jahr mehr bezahlen «wollen» – dann ist das ein geschenktes Sackgeld, welches man nicht ablehnen darf. Vielleicht braucht die Tamedia dieses Geld, um den Sozialplan für die 22 entlassenen MitarbeiterInnen zu berappen? Warum läuft das Ganze eigentlich nicht umgekehrt? In der ganzen Umbauphase vom Tagi, der sich momentan ebenfalls neu erfi ndet, wäre eine neue Namensgebung in Zürich sinniger gewesen: «Bund» als Zeitungsnamen ist nach wie vor einer der besten in der Schweiz, während «Tagesanzeiger» nach «Fundgruebe» und «billigem Jakob» klingt. Und so weit weg ist Tamedia ja nicht mehr Kultur & Gesellschaft vom «Der Bund – Tagesanzeiger Schweiz». Der Bundesrat würde dann zum «BUNDrat» und Tamedia wäre Alleinunterhalterin Nummer eins. Es könnte eine erfolgreiche Sache werden. Was mir Angst macht sind die aggressiven Zürcher-JournalistInnen, die sich täglich auf Bewährungsprobe befi nden. Das Bundesrats-Bashing kommt aus Zürich, nicht aus Bern. Und es gibt in unserem Hauptstadtdörfl i auch keine Wirtschaftsallmacht – höchstens eine Ohnmacht. Den Tagi näher in Bern zu haben, diese Züri-Aggressoren auf unsere Beamten loszulassen, könnte die Stimmung überhitzen. Ich weiss nicht - meine Zukunftsvisionen erinnern an einen «Stäcklikrieg»... Der Unterschied zwischen den Berner und den Zürcher JournalistInnen? Die von Züri-West kommen im Stadtverkehr mit dem Velo schneller voran, als die anderen mit dem Mercedes. In Bern kaufen die Menschen auch keine Schuhe für 800 Franken und es macht deswegen auch keinen Sinn, Lifestyle-Debatten über 3‘000-fänkige Jeans oder 25‘000-fränkige Uhren abzuhalten. Ja, der Tagi muss noch viel lernen, wenn er sich in Bern niederlassen will. Wir ticken hier wirklich anders. Aber es ehrt Bern natürlich, wenn der Tagi sich ums Verrecken als Berner «Bund» ausgeben will. Unterschätzt uns nur nicht, liebe ZürcherInnen. ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 17


Kultur & Gesellschaft KUTLUR ANDERSWO zwischen bayern und bern – #2: essen und trinken Von Hannes Liechti (München) und Pablo Sulzer (Bern) - Streifzüge durch München und Bern Bilder: Jonathan Liechti ■ Vielfältig ist das Berner Ess- und Trinkangebot allemal. Unter Berninfo.com werden insgesamt 333 Restaurants und 40 Bars aufgelistet. Eindrückliche Zahlen. Was steckt dahinter? Eine Menge, stellt man fest. Zwar nicht nur Gutes, doch sicher zahlreiche (Speise-)Möglichkeiten, in allen Geschmacksrichtungen. Aber eins nach dem anderen… Morgens ist in Bern ein grosszügiger Brunch angesagt. Damit dabei die ersten warmen Sonnenstrahlen richtig ausgekostet werden können, braucht es einen Platz möglichst nah an der Sonne. Kein Problem, der Hausberg ruft zu Tisch. Auf dem Gurten lässt sich der kulinarische Rundgang mit Birchermüsli und Ovo genüsslich beginnen. Nach eher leichter Kost wird es gleich deftig. Im Schwellenmätteli an der Aare bestellt man eine zünftige Portion Berner Rösti oder besucht ein Restaurant in der zentral gelegenen Markthalle. Das Angebot an lokalen und internationalen Gerichten ist immens; für Unentschlossene daher nicht unbedingt geeignet. Bei vollem Portemonnaie eignet sich das Café Fédéral, wo neben dem exzellenten Ambiente und der Topbedienung den Gesprächen der Schweizer Politelite gelauscht werden kann. Präsentiert sich der Himmel wolkenlos und erreicht das Thermometer erfreuliche Werte, steht dem gemütlichen Grillnami nichts mehr im Wege: Cervelats, YB-Würste und Schnägge liegen neben Peperoni und in Alu verpackten Bratkartoffeln auf dem Rost bereit. Nach einer ausgiebigen Siesta werden bei einem Verdauungslikör oder einem Grappa zum Kaffee die (Geschmacks-)Sinne wieder beruhigt, um die letzte Runde in Angriff nehmen zu können. Das Abendessen wird serviert. Läuft man vom Baldachin zum Bärengraben herunter, bieten sich mehr als genug Lokale an, um den Abend zu verbringen. Vegetarier treffen sich im Tibits gleich beim Bahnhof zum Schmaus, andere schwärmen von den unverschämt deliziösen Speisen des Aarbergerhofs. Zwischen Bundeshaus und Polizeiposten gibt es Restaurants soweit das Auge reicht: Turm, Gfeller oder die Brasserie Chez Eddy. Die Liste ist lang und kann nach Belieben weitergeführt werden. Auch die Pizzeria La Vigna neben dem Käfi gturm ist nicht zu verachten. Nicht genug der Auswahl, geht es in der Altstadt Berns munter weiter: Zunft zu Webern, Lirum Larum und zu guter Letzt das Tramdepot – man denke nur an die hausgemachten Spätzli mit Speck und Käse. Lecker! Apropos Tramdepot: Das hier gebraute Bier mag kein allzu grosses internationales Renommee wie Paulaner oder Franziskaner haben. Fragt man aber einen Berner nach seinem Bier, gibt es dank diesem Weltklassebier nichts zu motzen. Mithalten kann es ohne weiteres – wenn nicht gar mehr. 18 ■ In der 6-teiligen Serie «Zwischen Bayern und Bern» berichtet ensuite – Kulturmagazin jeden Monat exklusiv aus München und parallel dazu aus Bern. Dabei werden Themen wie Sport, Leben&Leute und Essen&Trinken aufgegriffen. Weniger als Vergleich konzipiert, sondern viel mehr als Gegenüberstellung, soll der/die LeserIn selbst zu einem individuellen Fazit über die kulturelle Vielfältigkeit der beiden europäischen Städte gelangen. Soviel vorab: Wahrlich keine einseitige oder eindeutige Angelegenheit. Ausblick: #3 im August: Musik ■ In München ist alles Wurscht, in jeglicher Hinsicht. Als «coole Wurscht» bezeichnet zu werden darf man durchaus als Kompliment verstehen. Mit «Des is mir wurscht, passt scho» bekundet der Münchner seine Anspruchslosigkeit oder vielleicht auch seine Unkompliziertheit. So dominiert die Wurst auch die Speisekarte: Bratwürste, Leberwürste, Debreciner, Pfälzerwürste, Milzwürste und natürlich Münchner Weisswürste. Diese sind eine Wissenschaft für sich. So besagt eine alte bayrische Redensart: «A Weißwurscht deaf as Zwölfeleit’n ned hearn», sprich, eine Weisswurst muss vor dem Mittagsgeläute verzehrt werden. Das kommt daher, dass die traditionell am Morgen hergestellte Wurst vor dem Aufkommen moderner Kühltechniken rasch ungeniessbar wurde. Gegessen werden Weisswürste mit Brezel und süssem Senf, was einiger Übung bedarf: Die Wurstspezialität wird ohne den Schweinedarm gegessen. Mit einer bestimmten Technik trennt der Kenner den Darm von der Wurst. Zu Wurst, Senf und Brezel gehört ein kühles Weissbier. In Bayern gilt Bier als Grundnahrungsmittel und muss, wie alle anderen Nahrungsmittel, mit nur 7 Prozent Mehrwertsteuer statt den in Deutschland allgemein üblichen 19 Prozent für Alkoholika belegt werden. Da überrascht es nicht, dass immer und überall Bier getrunken wird. Nicht nur Weissbier notabene. Münchner Brauereien wie Augustiner, Hof- und Löwenbräu, Spaten, Paulaner, Franziskaner und Hacker Pschorr brauen seit jeher nach bayerischem Reinheitsgebot alle möglichen Sorten von Gersten- und Weizensaft. Getrunken und gegessen wird nicht nur im Herbst, wenn es wieder heisst «O’zapft is», sondern das ganze Jahr über in den zahlreichen Biergärten und -hallen, die unverkennbar zu München gehören. Alles immer in der Superlative: Die Mass ist Standard. Zugegeben, Vegetariern und Abstinenzlern wird das Leben in München nicht einfach gemacht. Doch neben Bier, Wurst, Leberkäs und Fleischpfl anzerl gibt es auch noch anderes. So zum Beispiel den vorzüglichen Kartoffel-Gurkensalat, den Hopfenzupfer- Salat. Der Name ist auf die traditionelle, alljährliche Hopfenernte, das Zupfen, zurückzuführen: Um für die Verpfl egung auf den Feldern nicht zu viele verschiedene Gefässe mitnehmen zu müssen, werden Kartoffel und Gurkensalat kurzerhand zusammengemischt. Auch im Supermarkt bleibt man von Würsten nicht verschont. Kürzlich entdeckte ich gar Berner- Würste. Wie sich herausstellte, sind die Würste aber nach deren Erfi nder, einem Koch aus Österreich, benannt, und nicht nach der Aarestadt. Nun gut, das Einzige, was in München fehlt, sind richtige Cervelats aus brasilianischen Rinderdärmen. Die sind den Münchnern wohl wurscht. ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


MODEWELT: JEANS die alleskönnerin Von Simone Weber Bild: zVg. ■ Sie ist in jedem Kleiderschrank zu fi nden, hat längst Kultstatus erreicht und lässt sich aus dem Alltag nicht mehr wegdenken. Laute Stimmen behaupten, sie sei das weltweit am meisten getragene Kleidungsstück. Die Jeans. Keine Hose ist so widerstandsfähig, so pfl egeleicht, so praktisch, so vielfältig wie sie. Keine kann mit so vielen Vorteilen punkten wie die beliebte Königin aus Denim. Dieses grandiose Kleidungsstück für jedermann verdanken wir ihrem Gottvater Levi Strauss. Ursprünglich als Arbeiterhose für Goldgräber gedacht, fertigte er 1853 in Amiland die erste Jeans aus braunem Segeltuch. Schon bald aber stieg er auf den strapazierfähigeren indigogefärbten Drillich, ein Baumwollgewebe aus Nimes, um. Aus Nimes kam also der «Bleu de Nîmes» und wurde zu «Blue Denim». Das zur Färbung verwendete Indigoblau liess Strauss von Genua nach Amerika schippern und schon wurde «Bleu de Gênes» zu «Blue Jeans». Heraus kam die Blue Jeans aus Denim. So war das. Doch die Blue Jeans hatte einen Schwachpunkt: die Nähte. Gelöst wurde das Problem vom Schneider Jacob Davis, der die gefährdeten Stellen mit Kupfernieten rissfest machte. Als Geburtsstunde der heutigen Jeans gilt der 20. Mai 1873, als Davis und Strauss die Denimnietenhose zum Patent anmeldeten. Das robuste Beinkleid fand schnell viele Anhänger. Von Minenarbeitern, Farmern und Cowboys getragen, erfreute sie sich immer grösserer Beliebtheit und wurde in den 30er-Jahren auch bei Städtern gesellschaftsfähig. Im Zweiten Weltkrieg brachten die GI’s die Jeans nach Europa und nach und nach wurde die blaue Denimhose auf der ganzen Welt bekannt. Sie verlor das Image der reinen Arbeiterhose und wurde eines der begehrtesten amerikanischen Produkte. Berühmte Vorbilder wie Marlon Brando und James Dean machten die Jeans in den 50er-Jahren noch populärer. Sie sahen ja auch verdammt scharf darin aus. Schon 1953 gab es die Jeans schliesslich erstmals auch für Frauen. In den 60er- und 70er-Jahren explodierten die Absatzzahlen für Jeans förmlich. Das blaue Beinkleid, das für Lebensfreude, Freiheit und Zwanglosigkeit stand, war vor allem bei jungen Menschen sehr bliebt. Während etablierte Kreise mit Giftpfeilen gegen die Wilden in Nietenhosen schossen, wurde die Jeans zum Ausdruck der Aufl ehnung gegen alte Traditionen und Autoritäten. Sie wurde, getragen von Hippies, Gammlern, Studenten und Popkonzertbesuchern beider Geschlechter, zur Protesthose schlechthin. Die Passform der Jeans musste damals noch in harter Eigenarbeit erreicht werden. Besagte Generation pfl egte aus diesem Grund das Ritual, sich mit der neuen Jeans in die gefüllte Wanne zu sitzen und sie dann am Körper trocknen zu lassen. Die Jeans legte sich dadurch wie eine zweite Haut perfekt über die entscheidenden Körperteile. Designer wie Calvin Klein, Armani und Joop entdeckten das Potential der blauen Denim und nahmen sie in den 80er-Jahren in ihre Kollektionen auf. Den Querulanten war nun das Maul gestopft, die Jeans war büro- und ausgehtauglich. Die Denimhose gehört nun längst in die Prêt-àporter-Liga, und wer reich und dämlich genug ist, gibt gut und gerne 3 000 Franken für sie aus. Heute wird die Jeans jedem Trend gerecht. Es gibt die Röhre für die Schlanken, die Bootcut für Verspielte, das Rüebli für Geschmacklose, die Baggy für die Coolen. Es gibt sie mit Knopfl eiste oder Reissverschluss, in jeder Grösse und in unzähligen Formen. Kurzbeinige, schlanke, grosse, dicke, dünne Menschen, für jeden gibt’s die passende Jeans. Und für einen knackigen Sitz um den Arsch muss Stretch-sei-Dank keiner mehr in die nasse Wanne steigen. Und blau muss die Blaue auch nicht mehr sein. Es gibt sie in schwarz, grau, weiss, rot, grün und allem, was Sie auf dem Farbenkreis sonst noch antreffen. Aber zugegeben, die Bluejeans ist, gefolgt von der Schwarzen, die ungeschlagene Bestsellerin. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Ausbleichungen und in allen Stadien der Zerstörung. Ja, es gibt menschliche Exemplare, die dafür bezahlen, dass sie nicht warten können, bis sie am Lifestyle Stacheldraht hängen bleiben, mit den Inlines auf die Schnauze fallen oder beim Bücken die Naht am Hintern platzt. Die Lieblingsjeans hingegen erzählt wahre Geschichten. Jeder hat ein solches Exemplar im Schrank. Mit dieser Hose geht man durch dick und dünn. Sie begleitet einen zu ersten Dates, man fährt zusammen Fahrrad, Skateboard oder Achterbahn, geht gemeinsam auf Konzerte, ins Theater oder zum Chinesen. Sie reist mit in ferne Länder, Städte oder auf den Campingplatz. Sie wird mit Essen bekleckert, mit Kettenöl versaut und mit Grasfl ecken verfärbt. Diese Hose ist eine wahre Freundin, eine treue Begleiterin, unersetzlich. Die blaue Denim hat aber auch im grossen Sinne Geschichte geschrieben und damit bis heute nicht aufgehört: Auf der Berliner Fashion Week wurde soeben der erste Jeans-Automat, die sogenannte «Magnifi cent Jeans Machine», präsentiert. Was Herr Strauss wohl dazu sagen würde? Alther&Zingg Ein filosofisches Gespräch: «Es ist unmöglich, einen mit nichts zusammenhängenden Gedanken zu denken.» Ted Honderich (1993) Mittwoch, 24. Juni 2009 // 19:15 h Kramgasse 10, 3011 Bern / 2. Stock ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 19


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SLOW MOTION: MINUS 8 im karrierefl ug – aber keineswegs abgehoben Von Luca D‘Alessandro Bild: Joseph Khakshouri ■ Wenn er nicht wäre, gäbe es das Mannheimer Kultlabel «Mole Listening Pearls» nicht: Der Zürcher DJ und Produzent Robert Jan Meyer aka Minus 8 ist seit mehr als fünfzehn Jahren im Elektro-Musik-Geschäft tätig. Er ist Urheber zahlreicher Compilations: Zu seinen erfolgreichsten gehören die Brazil-Trilogie «Batucada» und «Science Fiction Jazz 1 - 11». Bis am 29. Mai 2009 umfasste sein Repertoire fünf Alben, seither ist mit «Slow Motion» der sechste Longplayer verfügbar – und das nach einer fünfjährigen Pause. «Pause? Mein Gott, nein, ich lag keinesfalls auf der faulen Haut. Ich habe diverse Compilations und Musik für Werbespots produziert und war als DJ unterwegs», kontert Minus 8. Die Zeit seit der letzten CD «Eclectica» hat der heute 42-Jährige damit verbracht, neue Sounds auszutüfteln: «Ich habe Exkurse in den Bereich der Dance Music gewagt, auch die eine oder andere Maxi publiziert, doch insgesamt erreichte ich nie die für ein Album notwendige Menge. Vermutlich bin ich doch zu sehr dem Downtempo zugetan, denn es zieht mich immer wieder in diese Sparte.» Tatsächlich hält Minus 8 mit «Slow Motion» an seiner 1996 mit dem Album «Beyond» begonnenen Tradition fest, welche dem sanft-chilligen, ruhig-besinnlichen Spektrum angesiedelt ist. Indes sind auf der aktuellen Platte vermehrt akustische Elemente auszumachen wie Saxophon oder Gitarre. «Das war auch meine Absicht. Ich wollte kein Dancefl oor-Album produzieren, sondern eines, das man sich zu Hause zum Entspannen anhört.» Ein Konzept, das auch Philippe Chrétien gefällt. Der Basler Saxophonist ist seit Längerem in der Welt der Elektronik unterwegs und sofort zur Stelle, wenn interessante und vor allem moderne Projekte anstehen. «Aus diesem Grund habe ich Philippe mit ins Boot geholt. Seine Motivation, die Erfahrung und sein eigenständiger Stil geben dem Album eine besondere Note.» Damit hat er nicht unrecht: Wer Chrétiens Arbeit in den vergangenen Jahren verfolgt hat, stellt beim Hören von «Slow Motion» fest, dass sowohl Titellied als auch «Soverato 09» unmissverständlich seine Prägung tragen. Stilmässig bewegt sich das Album im Bereich des Soul und Funk, geht abschnittweise über in Jazz und Lounge. «Es ist melodiöse Musik», so Robert, «in fast jedem Stück gibt es Gesangspassagen.» Das sei der wesentliche Unterschied zu einer Danceplatte, fügt er hinzu, denn «Musik für den Dancefl oor ist mehrheitlich instrumental». Nebst Eigenproduktionen schweben dem Hörer vereinzelt Evergreens um die Ohren, so zum Beispiel in «We’re Waiting», wo Text und Melodie an den Hit «Sweet Dreams» von Eurythmics erinnern. Beheimatet ist Minus 8 beim Münchner Elektrolabel Compost. «Das hat seine Vorteile», denn für einen Produzenten sei ein auf ein bestimmtes Genre spezialisiertes Label Gold wert. Das stellt Robert Jan Meyer besonders dann fest, wenn es darum geht, die eigene Musik auf dem deutschen Markt einzuführen. «Die Konkurrenz ist riesig, und als Schweizer Produzent hat man es besonders schwer, in Europa überhaupt Fuss zu fassen.» Er aber hat diesen Schritt schon längst vollzogen, so durfte er als DJ an prestigeträchtigen Festivals wie Amsterdam Dance Valley, Montreux Jazz und Roskilde auflegen. Seine Tourneen brachten ihn nach Nordeuropa, Asien, in die Vereinigten Staaten bis hin nach Kuba. Dank seinem Gespür für feine Klänge machte er sich auch auf dem Gebiet des Sound-Design einen Namen. Er bekam verschiedentlich die Gelegenheit, Werbespots zu vertonen und Klangkulissen für deutsche Spielfi lme zu gestalten; ein Bereich, in dem sich als Musiker heute noch Geld verdienen lässt. Mit CDs und Compilations ist das Überleben nicht gesichert, denn die zahlreichen Raubkopien machen auch Minus 8 zu schaffen. «Trotzdem will ich nicht klagen, in den letzten Jahren hat die Zahl der illegalen Downloads aus dem Internet abge- Musik nommen», sagt Robert. Die Arbeit an der eigenen Musik lohne sich allemal, «wenn du in der Musik die Leidenschaft siehst, darfst und wirst du sie nie aufgeben.» Ach ja, wie war das nun eigentlich mit Mole Listening Pearls? «Dieses Label wurde für meine Samplerreihe ‹Science Fiction Jazz› ins Leben gerufen. Zuerst produzierte ich diese für ‹Under Cover Music Group›, die Verantwortlichen merkten aber sofort, dass mein Stil nicht in ihr Leitbild passen würde. Dennoch gefi el ihnen meine Arbeit. Sie wollten mich unbedingt behalten und haben – wegen mir – Mole lanciert.» Heute ist das Label erfolgreich: Es beherbergt Musiker wie Yonderboi, Alphawezen, Lemongrass, Moodorama und war Ende der Neunzigerjahre massgeblich am Aufbau des Heidelberger Bandprojekts De Phazz beteiligt. Die Mole ist also gesetzt und «Slow Motion» im Plattenhandel erhältlich. Minus 8 segelt nun diversen Events entgegen: Am 5. Juni steht er anlässlich der CD-Taufe im Zürcher Tanzkarussell auf der Bühne, am 13. Juni kommt er ins Berner Sous Sol. Trotz seines Erfolges ist Robert Jan Meyer bescheiden geblieben. Vermutlich deshalb ist er für viele Schweizer DJs und Produzenten ein Vorbild. Minus 8 on stage Freitag, 5. Juni: Slow Motion – CD-Taufe im Zürcher Tanzkarussell (Alte Börse), ab 22:00h Samstag, 13. Juni: Minus 8 @ Sous Sol, Bern, ab 22:00h Sonntag, 14. Juni: La Balera Barfussbadi, Zürich, 20:00h bis 23:00h Minus 8 on air Lounge on Radio 1, jeden Freitagabend, 20:00h bis 24:00h Minus 8 on CD Slow Motion. Compost Records, 2009. Info: www.minus8.net ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 21


Musik SCHWEIZER-POP: PATRIK ZELLER ausfl üge des pop Von Andy Limacher - Play Patrik: Versatile Bild: zVg. ■ Mit dem Zigeuner-Pop der Feet Peals und dem Electro-Pop von Morphologue zieht der Musiker Patrik Zeller seit einigen Jahren durchs Land. Unter dem Namen Play Patrik hat der Berner Ende März nun sein erstes Solo-Album «Versatile» veröffentlicht und setzt dabei auf das, was er am besten kann: Popmusik in seinen verschiedensten Facetten zu zeigen. Beim ersten Durchhören von «Versatile» fällt vor allem die Liebe Zellers zu den Achtzigerjahren auf. So erinnern Rhythmik und Synthesizer von «Our Dreams To Reach» passagenweise an The Cure und der Chorus von «Too Shy To Dance» ruft unvermeidlich Assoziationen mit Depeche Mode hervor. Hier handelt es sich um durchaus gelungene Kompositionen, aber erst bei «Eastwest Collaboration» zeigen sich die wahren Qualitäten von Play Patrik: Meine Turnschuhe beginnen zu leuchten, die Sonnenbrille fühlt sich doppelt so cool an und in meiner Sporttasche befi nden sich nicht mehr langweilige Prospekte, sondern ein Haufen Geld, den ich gleich einer zwielichtigen Gestalt übergeben werde. So fühlt sich der Electro-Track an – wie Filmmusik, die dem Handeln des Protagonisten die nötige Wichtigkeit verleiht. Überhaupt schwingt dieses Filmelement in vielen Songs mit. Beim Refrain von «My Space» stelle ich mir die Gastmusikerin Nicole Herzog in einem langen roten Kleid auf der Bühne eines verrauchten Clubs um die letzte Jahrhundertwende vor, und der Chorus von «Cool Cat» des Berner Jazz- Sängers Andreas Schärer ruft bei mir erneut Bilder einer Geldübergabe hervor – dieses Mal allerdings in einer dunklen Seitengasse New Yorks. Hier 22 zeigt sich die grosse Fähigkeit Zellers, mit seinen Arrangements Bilder zu erzeugen. Dazu trägt sicher bei, dass der Berner mehrere Projekte in den Segmenten Sound Identity und Filmmusik verfolgt und Komponist bei so unterschiedlichen Formationen wie Feet Peals und Morphologue ist. «Die Feet Peals sind mein erstes musikalisches Projekt. Als Lernfeld ging es hier vor allem um das Akkordeon und französische Texte. Bei Morphologue kann ich meine Electro-Leidenschaft ausleben. Mit Play Patrik wollte ich den Mut fi nden, etwas ganz eigenes zu machen und meine Liebe zum Pop zum Ausdruck zu bringen», so Zeller. Diese Liebe zum Pop ist auf «Versatile» als roter Faden durchwegs spürbar, ob Zeller nun mit ein wenig Drum’n’Bass («Surfa Intermezzo»), ein bisschen Swing («I Love You») oder sogar einem Quentchen Ska («Individuality») liebäugelt. In der Experimentierfreudigkeit mit verschiedenen Stilen liegt die Stärke des Albums: Die meisten Kompositionen werden sich auch nach mehreren Zugfahrten und WG-Essen noch als interessant erweisen. Diejenigen Songs allerdings, die zu stark auf den Pop allein setzen und mit denen Zeller gleichzeitig versucht, den aktuellen Indie-Trend aufzunehmen, dürften ihren Reiz schnell verlieren – hier schwächelt «Versatile». Darüber hinaus sticht einem gerade bei diesen Arrangements das noch ungeschliffene Englisch in Zellers Texten am meisten ins Ohr. Dennoch geht das Konzept auf. Seit der Generation iTunes-Store gilt es ja, neben den klassischen Album-Hörern auch den neuen Typus des Playlist- Klempners anzusprechen. Eine Produktion ist also vermutlich dann am erfolgversprechendsten, wenn das Album als ganzes schmeckt, sich die einzelnen Songs aber gleichzeitig auf möglichst unterschiedliche Listen verteilen lassen. Der Popanteil als verbindendes Element macht «Versatile» einerseits für die erste Gattung attraktiv, die Experimentierfreudigkeit andererseits wird besonders die zweite Gattung ansprechen – hier gelingt Zeller ein cleverer musikalischer und marketingtechnischer Spagat. Darüber hinaus schafft der erste Wurf von Play Patrik mit Songs wie «Too Shy To Dance» oder «Eastwest Collaboration» eine solide Grundlage für die Live-Umsetzung. Wer Zellers bisherige Produktionen kennt, weiss, dass man von seinen Gigs einiges erwarten darf. Gerade die Vielseitigkeit dürfte hier erneut ein Trumpf sein. «Der Spass steht im Vordergrund – ich habe alle Musiker zu Multi-Instrumentalisten verknurrt», sagt Zeller und lacht. Eine erste Gelegenheit in der Region, Play Patrik mit Mirio Bähler (Schlagzeug), Lukas Hasler (Bass), Raphaël Haberer-Proust (Keyboards) und Lukas Frei (Trompete) live zu erleben, bietet sich am 4. Juni im BeJazz-Club in den Vidmarhallen. Aktuelles Album Play Patrik: Versatile. Chop Records, 2009. Konzerte Donnerstag, 4. Juni, BeJazz-Club, Vidmarhallen, Bern Samstag, 6. Juni, Kulturwerk 118, Sursee Info: www.playpatrik.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


UND JETZT: BIG ZIS die solitäre Von Ruth Kofmel Bild: zVg. ■ Ganz ehrlich, bis anhin fand ich Big Zis frech und provokant, mutig, geil, verdreht. Jetzt aber fi nde ich sie gut - so richtig. Sie und natürlich das, was sie an Wortspielereien produziert. Für meinereins bietet Big Zis mit ihrem neuen Album «UND JETZ... was hät das mit mir z tue?» viel mehr Projektionsfl äche als zuvor. Fläche, die ich gerne mit Interpretationen und Deutungen belade, mich darin suhle und «rumnusche», nach versteckten Perlen suche und ganz und gar das Gefühl habe, diese Musik sei mein Ding. Und Musik soll genau das tun für uns. Sie soll unsere Distanz durchbrechen, die wir mit Schlagworten wie amüsant, unterhaltsam, eigenständig aufrechterhalten und uns zu der Aussage zwingen: Das ist gut! Ruhig verdammt gut, richtig gut, unglaublich gut. Es ist ja heute bei städtischen Kulturkonsumenten zwischen zwanzig und fünfzig geradezu verpönt, euphorisch ob einer Produktion zu werden. Oder besser: Es gibt einen diffi zilen Kodex wie, wo, wann und in welchem Ausmass man euphorisch werden darf und soll. Meistens aber ist cool besser und vor allem sicher. Ist dann etwas als feiernswert statuiert, ist Euphorie zwar gewünscht, aber bitte immer im Kollektiv. Natürlich ist die Lobeshymne auf Big Zis längst vom Kollektiv beglaubigt und ich kann mich hier ohne Federn zu lassen getrost anschliessen. Ihre Raps sind ein Ohrenschmaus. Da ist ein ganz eigenständiger Flow entstanden, der sich die Worte einverleibt und sie zu einem organischen Gewächs werden lässt. Da sind so simple Rhymes aufgeführt, dass es einem innerlich kichern macht - nun, das ist wirklich und wahrhaftig frech! So wie Big Zis beschrieben und besprochen wird, entsteht leicht der Eindruck, hier sei eine Frau, die einfach das tut, worauf sie Lust hat. Und das stimmt vorderhand auch, sagt sie doch zum Beispiel, dass sie nach dem letzten Album «Big Zis dörf alles» überhaupt nicht sicher war, ob sie noch einmal den ganzen Zirkus auf sich nehmen würde. Nach der damaligen Tour hatte sie die Nase voll. Genug davon, ständig im Rampenlicht zu stehen, ständig ihre Person zu präsentieren. Darum lässt sie vier Jahre verstreichen, in denen sie ab und zu auf kleineren Bühnen steht und wartet auf die Inspiration für ein neues Album. Also ja, sie tut das, worauf sie Lust hat, lässt sich von äusseren Erwartungen wenig beeinfl ussen, erhält sich ihre Unabhängigkeit und macht ihr Ding. Aber einfach scheint das dann doch nicht zu sein. Zu kritisch ist sie mit sich selbst, auch nach einem so hoch gelobten Album wie diesem fi ndet sie: «Ich glaube, ich bin auf dem Weg dahin, wo ich sagen kann: Ja, das ist gut.» Vor jedem Auftritt durchläuft sie dieselbe kleine Tortur und wird für eine Stunde krank, bis sie dann auf der Bühne steht, und da geht es ihr gut. Die Bühne mag sie, das Gefühl zu unterhalten, die Menschen in ihren Bann zu schlagen, sie machte das schon als Kind gerne. Freimütig gibt sie zu, dass sie dahinter einen grossen Geltungszwang vermutet, beschreibt sich als exhibitionistisch, nur dass das, wenn man genauer hinschaut und -hört, überhaupt nicht stimmt. Vielmehr bleibt nach dem Interview die Überlegung zurück, dass eine Unterhalterin, die sich darauf spezialisiert, eine Show zu liefern und sich instinktiv weigert, ihre Arbeit mit den zwei typisch weiblichen Attributen für Bühnenkünstlerinnen, romantisch und/oder sexy, zu Musik unterlegen, in ein anderes Schublädchen gepackt werden muss; und das wäre dann das mit dem Geltungszwang. Eine Frau, die das tut, was Big Zis tut, ist zwar geil, aber eben auch eine etwas seltsame Frau - das Wort feminin ist im Zusammenhang mit ihr wohl noch nie gefallen. Und obwohl viele toll fi nden, was sie macht, und merken, dass hier eine Sex und Romantik in Selbstdefi nition abhandelt, sind solche Künstlerinnen noch immer nicht zur Selbstverständlichkeit geworden. Am liebsten möchte Big Zis sich sowieso all diesen Attributen entziehen und eben einfach das machen, worauf sie Lust hat - nur dass dieses Entziehen nie vollständig gelingen kann; und über diesen dauernden Zwiespalt erzählt sie in ihren Texten. Sie gibt nur wenig von sich preis, versteckt viel mehr als dass sie zeigt, schreibt Geschichten auf, die vordergründig etwas erzählen und das immer auch gleich mit hinterfragen. Einerseits lieben wir es zu tanzen, auszugehen, das scharfe Kleidchen anzuziehen, gleichzeitig fi nden wir das dann auch alles wieder doof und überfl üssig, lächerlich irgendwie. Big Zis schreibt aus dem Bauch heraus und sie hat einen gescheiten Bauch. Sie sagt: «Schlussendlich kenne ich mich selbst nicht so gut» und genau diese Unbekümmertheit schützt sie auch davor, zu kompliziert zu werden, direkt zu bleiben und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie mag manchmal daran zweifeln, ob sie weiterhin Lust hat, uns ein klein wenig von sich zu zeigen, uns an ihren Grübeleien teilhaben zu lassen, die sie mit wunderbar belebender Leichtigkeit zu Kunst arrangiert; uns bleibt nichts anderes übrig, als darauf zu bestehen - es gibt sonst keine wie sie. ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 23


DOMINIQUE JANN Gewinnen Sie eine Reise nach Paris! Mehr auf: www.french-touch.ch PANDORA’S BOX Ye ¸sim Ustao ˘glu, Türkei Filmfestival San Sebastián Goldene Muschel Bester Film Silberne Muschel Beste Darstellerin Ab Juni im Kino www.trigon-film.org IN IHREM KINO – die Reihe ausgewählter französischer Filme Edition 2009 DORIS SCHEFER PATRICIA MOLLET-MERCIER MANUEL LÖWENSBERG tag am meer EIN FILM VON MORITZ GERBER Ein sommerliches Vergnügen! DE L'AUTRE COTE DU LIT Von Pascale Pouzadoux Mit Sophie Marceau & Dany Boon «Gib mir Deinen Platz, ich gebe Dir meinen», sagt Ariane zu Hugo und übernimmt schon am nächsten Tag eine Direktionsstelle ihres Mannes. Dany Boon (BIENVENUE CHEZ LES CH’TIS) und Sophie Marceau (LA BOOM) sind das perfekte Leinwandpaar in der verrücktesten französischen Komödie des Jahres! KAD EMMANUELLE CATHERINE MÉLANIE MERAD BÉART DENEUVE BERNIER Ab 18. Juni im Kino Ab 16. Juli im Kino Liberté · Égalité · Fraternité République Francaise AVEC LE SOUTIEN DE L‘AMBASSADE DE FRANCE EN SUISSE un film de LAETITIA COLOMBANI Medienpartner: MES STARS ET MOI Von Laetitia Colombani Mit Kad Merad, Emmanuelle Béart & Catherine Deneuve Kad Merad, der andere Star aus BIENVENUE CHEZ LES CH’TIS, läuft in dieser frechen Komödie erneut zu Höchstform auf. Wenn er als aufdringlicher Fan seinen Idolen, gespielt von Catherine Deneuve und Emmanuelle Béart, das Leben zur Hölle macht, ist für beste Unterhaltung gesorgt.


SONGWRITER: HEINRICH MÜLLER «viele leute sehen in mir nach wie vor den nachrichtensprecher» Interview: Luca D’Alessandro Foto: Bruno Toricelli ■ Vor genau zwei Jahren hat Heinrich Müller das Fernsehstudio gegen die Musikbühne getauscht. Diesen Schritt habe er nie bereut, sagt er, «nach über zwanzig Jahren im Dienste der Tagesschau verspürte ich das Bedürfnis, meiner Leidenschaft nachzugehen: dem Songwriting.» Damit hat sich Müller einen Traum erfüllt, den er heute mit Herzblut lebt. Sein Repertoire füllt drei Alben, das letzte ist am 17. April beim Berner Label Sound Service vom Stapel gelaufen. Als Arrangeur hat er sich den in Nashville lebenden Erfolgsproduzenten Tim Hinkley ausgesucht. Auf ihn schwören die Rolling Stones, Eric Clapton und Johnny Halliday. Die Liedtexte auf den drei Alben stammen aus «Heiris» Feder und sind Spiegelbild seines etappenreichen Lebens: In jungen Jahren war er als Globetrotter unterwegs, später widmete er sich dem Jurastudium, kam zur Tagesschau des Schweizer Fernsehens und landete schliesslich bei der Musik. Heinrich Müller wartet nicht: Er setzt um, was er fühlt. Er hört auf die innere Stimme, die ihn – so scheint es – bis heute stets gut beraten hat. Bleibt er jetzt bei der Musik, oder hat er bereits ein anderes Etappenziel vor Augen? «Wer weiss?» ensuite - kulturmagazin liess sich mit dieser Antwort nicht abspeisen und hat Heinrich Müller auf ein Interview eingeladen. ensuite - kulturmagazin: Heinrich Müller, das aktuelle Album ist in Zusammenarbeit mit dem Starproduzenten Tim Hinkley entstanden. Welche Rolle wurde ihm zuteil? Heinrich Müller: Tim war der Produzent in diesem Projekt. Er hat viel Erfahrung in diesen Dingen, zumal er auch selber Musik macht. In den 1960ern und 1970ern war er ein bekannter Rockmusiker. Heute jedoch ist Tim Hinkley als Songwriter bekannt. Inwiefern hat er Sie beeinfl usst? Sein Einfl uss war begrenzt. Ich habe ihm die fertiggestellten Lieder gegeben mit dem Auftrag, die Arrangements umzusetzen. Natürlich machte er auch Vorschläge und gab mir den einen oder anderen Rat. Manchmal stritten wir uns, weil er mir eine Idee aufbrummen wollte, die meinen Vorstellungen nicht entsprach. Die Zusammenarbeit mit Tim lief so, wie sie unter Musikern und Arrangeuren sein muss: freundschaftlich, professionell und ehrlich. Teile der Produktion haben Sie in die Westschweiz verlegt: Die Aufnahmen haben in den Relief Studios in Freiburg stattgefunden. Ja, in den Relief Studios, dessen Besitzer Dom Torche mir wertvolle Inputs gegeben hat. Er hat Musik spannende Akzente hineingebracht: Mehr Zug. Das hat mir sehr entsprochen, zumal ich «Schleimmusik» nicht ausstehen kann. Was ist für Sie «Schleimmusik»? Wenn sich in einem Album immer dieselben Elemente wiederholen. Wenn der Computer den Song zu schreiben scheint. Wenn der stimmliche Ausdruck des Sängers immer gleich tönt. Ich mag es, wenn ein Album differenziert klingt. Es soll kräftig sein, authentisch wirken und persönlich. Tatsächlich ist Ihr Album, was die Stile angeht, breit gefächert. Konnten Sie sich vielleicht deshalb nicht für einen Albumtitel entscheiden? Diesem dritten Album habe ich bewusst keinen Titel gegeben. Beim Durchstöbern meiner Schallplatten habe ich festgestellt, dass Plattentitel manchmal komisch, ja ganz absurd klingen und über den Inhalt der LP nichts aussagen. Aus den meisten Titeln wurde ich nicht schlau. Um nicht selber einen widersinnigen Namen zu erfi nden, habe ich das Cover lediglich mit meinem Vor- und Nachnamen versehen. Weshalb muss man allem einen Titel geben? Die CD enthält zwölf Lieder, die sowohl ins Rock-, Blues-, Country- oder Soulschema passen könnten. Eine solche Mixtur ist schwer ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 25


Musik unter einem Begriff zusammenzufassen. Die Genres mögen verschieden sein, trotzdem dreht sich alles um die menschliche Stimme. Das darf ich nicht allzu laut zugeben, sonst verärgere ich meine Band. (lacht) Der Gesang verkörpert die Schönheit und die Harmonie. «The Girls from the Shebshi Hills» – ein Lied, das von meinen Erfahrungen spricht, die ich während meiner Reisen durch Afrika gemacht habe – ist unter Beteiligung eines Chores aus Angola entstanden, der Kuziem Singers. Es war mir ein Anliegen, sie im Album unterzubringen. Weshalb diese Vorliebe für den Chorgesang? Ich bin in einer Pfarrerfamilie aufgewachsen und hatte es schon früh mit Chören, gelegentlich auch mit Gospelchören, zu tun. Später, als junger Mann, bereiste ich regelmässig die Südstaaten Amerikas, wo ich mit der afroamerikanischen Bevölkerung, mit der Kultur des Blues und des Soul in Berührung kam und den Gospel intensiv erleben durfte. Für mich war schon bald klar, dass die Wurzel der Musik in Afrika liegen muss. Diese Einsicht prägt noch heute mein Leben als Liedermacher. Die Liedtexte sind einfach gehalten. Ist das Absicht? Ja. Ich liebe es gar nicht, wenn mir in den Liedern ein psychologischer Brei vorgesetzt wird. In der Musik habe ich mir vorgenommen, einfach zu formulieren. Mich auf Gefühle zu konzentrieren. Einfache, verständliche Gefühle, die von jeder und jedem auf ganz persönliche Weise verstanden werden können. Das heisst aber nicht, dass die Texte banal sein müssen. Während meiner Zeit als Moderator der Tagesschau habe ich gelernt, komplexe Inhalte so zusammenzufassen, dass sie von den Zuschauern verstanden werden können. Vordergründig schienen die Texte einfach. Die Zusammenhänge im Hintergrund waren es meist nicht. Bei den Inhalten meiner Lieder verhält es sich ähnlich. Sie sind vordergründig einfach, beziehen sich auf das alltägliche Leben, reden von Liebe und Abschied. Aber dahinter versteckt sich vieles; das Verhältnis zu uns selbst, das Verhältnis zwischen Menschen, das Verhältnis zur Natur, etc. Ein Song bringt es auf seine spielerische Art auf den Punkt. Der Song «Man of the News» zum Beispiel könnte mit Ihrer Vergangenheit als Journalist in Verbindung gebracht werden. Diese These ist aber scheinbar zu einfach. Ja, «Man of the News» ist keine Autobiografi e. Zwar kann der Song stückweise etwas mit mir zu tun haben, er kann aber auch auf andere Moderatoren projiziert werden. Wen besingen Sie in Ihrem Liebeslied? «Miis Liebeslied» habe ich niemandem gewidmet. Ich habe es von Herzen geschrieben, weil mir in dem Moment danach war. Einzig die erste Zeile «Uf em Tschuttiplatz han ech Si geseh», bezieht sich auf meine Frau Ruth. Sie habe ich auf einem Fussballplatz kennengelernt. Alle anderen Zeilen 26 könnten in einem beliebigen Liebeslied stehen. Übrigens ist das nicht mein einziges Liebeslied auf diesem Album. «Hardbridge» zum Beispiel könnte auch als Liebeslied durchgehen. Welchen Bezug haben Sie zur Zürcher Hardbrücke? Auf ihr habe ich an so manchem Wintermorgen auf den Zug gewartet, der mich Richtung Fernsehstudio brachte. Ich habe viele Erinnerungen an diese Zeit. «Hardbridge» habe ich dieser Phase meines Lebens gewidmet und dem Ort, der gemeinhin als kalt empfunden wird und optisch nicht schön ist – trotzdem fühle ich mich wohl da. Auf der neuen CD befi nden sich mit «Miis Liebeslied» und «So Wies Isch» erstmals zwei Lieder in Mundart. «Hardbridge» dagegen ist Englisch. Wieso haben Sie dieses «Schweizer Thema» nicht auch in Mundart getextet? Die Sprachwahl habe ich bei der Komposition des Liedes so gewählt, wie ich es in dem Moment für richtig hielt. Ich arbeite nach Instinkt, die Sprachwahl ist dabei sekundär. Weshalb ich mal Englisch, mal Mundart wähle, hängt von der Situation ab, in der ich mich jeweils befi nde. Ich bin ein Mensch, der mit der Welt lebt und sich an vielen Orten wohl fühlt. Wie werden Sie als Schweizer Musiker im Ausland wahrgenommen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da ich mich im Ausland noch nicht umgehört habe. Mir ist keine europäische oder amerikanische Radiostation bekannt, die eines meiner Lieder spontan abgespielt und kommentiert hätte. So betrachtet kann ich nicht beurteilen, wie ich im Ausland wahrgenommen werde. Einen Anhaltspunkt habe ich aber trotzdem: Als ich 2004 in Nashville meine erste Platte aufnahm, waren die Kollegen im Studio begeistert von den Liedern. Sie sagten es nicht aus Höfl ichkeit, sie waren ehrlich. Und das hat mich sehr gefreut und in meiner Arbeit bestärkt. Seit Ende Ihrer berufl ichen Karriere als Nachrichtensprecher beim Schweizer Fernsehen haben Sie gleich zwei Alben publiziert. Von Aussen betrachtet scheint es, als hätte sich viel Energie in Ihnen gestaut. Hatten Sie in den letzten Jahren beim Fernsehen dermassen genug vom Journalistenberuf, dass Sie es kaum erwarten konnten, endlich Musik zu machen? Eine interessante Beobachtung, die ich nur bedingt bejahen kann. Ich habe schon immer nach meinem Instinkt gehandelt. Bereits in den Siebzigern, als ich mein Doktorat in Rechtswissenschaften abgeschlossen hatte, stellte ich mir die Frage, ob ich mich tatsächlich bis an mein Lebensende in ein Büro verkriechen wolle. «Nein», sagte die innere Stimme, und ich machte mich auf nach Afrika. Ich packte meinen Rucksack, ging auf ein Frachtschiff und erkundete den Kontinent. Nach meiner Rückkehr kam ich zum Fernsehen, wo ich mehr als zwanzig Jahre blieb. In den letzten Jahren überkam mich das gleiche Gefühl wie schon damals nach dem Studium. Obwohl ich meiner Arbeit beim Fernsehen mit Hingabe und Freude nachging, wurde der Ruf der Musik immer lauter. Ich konnte ihn nicht mehr ignorieren, weshalb ich am Ende meine Tätigkeit bei SF1 aufgab. Niemand wollte mich gehen lassen. Der Ablösungsprozess fi el mir schwer. Heute bin ich froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Kann es sein, dass Sie in zehn Jahren erneut Ihrer Stimme folgen und womöglich die Musik aufgeben werden? Ich bin noch voller Träume. Allerdings werde auch ich immer älter und kann schnelle Wechsel nicht mehr so rasch einstecken. Es kostet mich immer sehr viel Kraft und Energie. Energie, die ich in meiner Musik fi nde, deshalb ist es gegenwärtig nicht vorstellbar, dass mir meine innere Stimme einen anderen Weg suggeriert. Darüber hinaus begeistert es mich immer wieder, wenn ich vor Publikum stehe und meine Lieder spielen darf. Am Schweizer Fernsehen hatten Sie täglich Publikum – ein riesiges sogar. Ja, das schon, aber es war doch irgendwie anders. Denn das Publikum hinter der Kamera konnte mich zwar sehen, ich jedoch das Publikum nicht. Die Interaktion fand nur auf einer sekundären Ebene statt, per E-Mail oder Briefe. Auch konnte ich mich nie vergewissern, ob die Leute zu Hause meine Botschaft überhaupt verstehen würden. Auf der Bühne ist das ganz anders: Zwar stehe ich nicht vor einer Million Menschen, trotzdem steigt das Adrenalin immer wieder an. Der Lohn ist das Publikum, das mir seinen Applaus schenkt, wenn ihm die Performance gefällt. Ein ungeheures Gefühl, das ich früher in der Art nie verspürt habe. Man of the news on the road Seit Anfang Jahr hat Heinrich Müller in der Schweiz zwanzig Konzerte gegeben. Halt machte er unter anderem in Biberist, Pieterlen, Dietikon und Nürensdorf. Wer bislang nicht die Möglichkeit nutzen konnte, den ehemaligen Tagesschaumoderator live zu erleben, wird schon bald wieder die Gelegenheit haben: Freitag, 5. Juni Alte Kirche Wohlenschwil (AG), 20:15h Samstag, 27. Juni Stadtfest Luzern Freitag, 18. September Obere Mühle Dübendorf, 20:30h Freitag, 16. Oktober Löwensaal Melchnau (BE), 20:00h Diskografi e Heinrich Müller. Sound Service, 2009. Chain of Pearls. Sound Service, 2006. Footsteps. Sound Service, 2004. Info: www.heinrichmueller.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


Musik JAZZ: GIOVANNI MIRABASSI TRIO «katzenmusik können wir uns nicht leisten» Interview: Luca D’Alessandro Bild: zVg. / Giovanni Mirabassi Trio (v.l.): Gianluca Renzi, Giovanni Mirabassi und Leon Parker ■ Die Sternstunde erlebte Giovanni Mirabassi aus Perugia als Siebzehnjähriger: Damals bekam er die Gelegenheit, Chet Baker bei einem Auftritt am Jazzfestival Perugia zu begleiten. Ein purer Zufall: Wenige Stunden vor dem Konzert fühlte sich Bakers Pianist plötzlich krank. Für ihn musste ein Ersatz gefunden werden. Mirabassi, der in der unmittelbaren Umgebung des Festivals der einzig verfügbare Pianist war, wurde vom Festivalmanager aufgefordert, in die Bresche zu springen. «Ich denke nicht im Traum daran, mich neben Chet Baker auf die Bühne zu stellen», war damals Mirabassis spontane Reaktion. Er sah sich nicht berufen, mit einem der bekanntesten Trompeter der Welt ein Konzert zu geben. «Ausserdem bekam ich nicht einmal die Zeit, mich auf den Gig vorzubereiten. Es ging alles so schnell.» Schliesslich liess er sich doch überreden. «Während des Konzerts war ich dermassen gestresst, dass ich das Gefühl hatte, mir würden graue Haare wachsen. Na ja, Chet war sehr zufrieden mit mir, schliesslich hatte ich ihm das Konzert gerettet.» 22 Jahre sind seither vergangen und Mirabassi geniesst schon fast selbst den Ruf eines Chet Baker. Im Verlauf seiner Karriere hat der preisgekrönte Autodidakt in unterschiedlichen Besetzungen gespielt. Kollaborationen mit dem polnischen Akkordeonisten Andrzej Jogodzinski und dem Posaunisten Glenn Ferris sind nur zwei Beispiele. Für die Produktion des aktuellen Albums «Out Of Track» hat er sich mit dem Bassisten Gianluca Renzi und dem Drummer Leon Parker zusammengetan. Der Titel passt hervorragend zum Inhalt: «Es ist die Fahrt auf einem Nebengeleise», sagt Mirabassi, «ein Übergangsalbum sozusagen; die nächs- ten Projekte sind bereits in Planung.» Und vermutlich wird dieses nächste Album wieder verstärkt der Tradition Mirabassis entsprechen. Schliesslich hat er einen Ruf als Experimentator zu verteidigen. Dazu Giovanni Mirabassi: «Nein, das würde ich so nicht unterschreiben. Obwohl ‹Out Of Track› keine komplexen Geschichten beinhaltet, bin ich nicht auf die schiefe Bahn der Jazzstandards geraten. Ich bin kein Spezialist von Evergreen-Titeln, genauso wenig wollte ich meine Musikerkarriere darauf aufbauen. Das Musikbusiness funktioniert heute so, dass Standards vor allem den Vätern des Jazz vorbehalten sind. Ich als junger Musiker muss mich davon abkoppeln, sonst werde ich nicht wahr- und ernstgenommen. Deshalb habe ich fast nur in Projekten mitgewirkt, in denen ich meine Freude am Experimentieren ausleben durfte. Seither eilt mir der Ruf als Experimentator voraus.» ensuite - kulturmagazin: «Out Of Track» ist aber kein solches Projekt. Giovanni Mirabassi: Wie gesagt, es handelt sich um ein Übergangsalbum. Ich habe es mit Gianluca Renzi und Leon Parker eingespielt. Uns ging es in erster Linie darum, Spass zu haben. Hast du mit ihnen zum ersten Mal gearbeitet? Nein, bereits das Vorgängeralbum «Terra Furiosa» ist in dieser Formation entstanden. Nach Abschluss der Aufnahmen gingen wir auf Tournee. Wir erlebten zahlreiche spannende Momente und bekamen richtig Spass am lockeren Spiel. «Out Of Track» ist das Resultat unserer Konzertreihe, die Kirsche auf der Torte sozusagen. Die haben wir uns gegönnt. Was gönnst du dir als nächstes? Wahrscheinlich ein Livealbum. Alleine? Nein, mit den beiden Jungs. Wir verstehen uns wirklich sehr gut. Ich würde sogar behaupten, dass die Zusammenarbeit mit Leon und Gianluca das Highlight meiner Karriere ist. Wir sind eine magische Truppe. Die Dynamik in unseren Improvisationen kommt aus diesem engen, symbiotischen Zusammenhalt. Ein gesunder Ehrgeiz ist in jedem von uns enthalten: Jeder will den anderen überholen, und das macht das Ganze für den Hörer spannend und wirkt professionell. Es wirkt nicht nur professionell, es ist es auch. Aus musikalischer Sicht ja. Wenn jeder auf der Bühne das spielt, was er mag, gleichzeitig aber das Gesamtbild nicht ausser Acht lässt, dann lässt sich das Resultat hören. Spontaneität birgt aber auch Risiken. Wenn ich mich mit den Mitmusikern nur mässig verstehen würde, könnte ich mich auf diese Art des Zusammenspiels nicht einlassen. Es ist ganz einfach: Um auf dreihundert Kilometer pro Stunde beschleunigen zu können, benötigt man ein Sportauto und keinen Pferdewagen. Sonst kommt es zu Katzenmusik, und diese können wir uns nicht leisten. Enrico Pieranunzi, der bekannte römische Pianist, war auf deinem Weg zur Professionalität eine zentrale Figur. Er hat das vorgegeben, was ich heute auf der Bühne verkörpere. Meiner Meinung nach zählt er zu den ganz grossen Jazzern. Er hat das Genre in Europa massgeblich geprägt. Ich sehe in ihm einen ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 27


spirituellen Meister, obwohl ich bei ihm nie Klavierstunden besucht habe. Durch das Hören seiner Lieder wurde ich auf sein Talent aufmerksam. Ich schätze ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als Person. Vermutlich seht ihr euch inzwischen nicht mehr sehr oft. Seit Anfang der Neunzigerjahre lebst du in Paris. Weshalb hast du dich für Nordeuropa entschieden? Ich war jung, als ich Italien verliess. Ich wollte die Welt entdecken und etwas erleben. Das ist das eine. Zum anderen hatte ich keine Lust, Premierminister Berlusconi weiter zu ertragen. (lacht) Ich habe mir eine Einweg-Fahrkarte gekauft und bin in Paris Gare de Lyon ausgestiegen. Der Partisane unter den Pianisten ■ Giovanni Mirabassi wurde 1970 im italienischen Perugia geboren. Bereits als Dreijähriger brachte er sich die ersten Melodien auf dem Klavier selbst bei. Mit zehn standen ihm die Türen der Improvisation weit offen. Während andere Kinder seines Alters Pop und Rock konsumierten, hörte er Platten von Bud Powell, Art Tatum, Oscar Peterson und Jacky Byard. Später entdeckte er den eleganten Anschlag von Bill Evans und die elegischen Piano-Phantasien von Kenny Barron, Chick Corea und Keith Jarrett. Ihn faszinierten jedoch nicht nur Pianisten: Charlie Parker und Pat Metheny beeinfl ussten seine musikalische Entwicklung ebenso wie der Tango von Astor Piazolla, die Popmusik von Elton John und die Klassik von Brahms und Bach. Eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen ist der römische Pianist Enrico Pieranunzi: Obwohl Mirabassi bei ihm nie Klavierstunden genommen hat, ist dessen Einfl uss evident. Den Durchbruch schaffte Mirabassi 2001 mit seinem Soloalbum «Avanti», einer Sammlung von politischen Liedern und Revolutionsrhythmen wie «Hasta Siempre», «Les Chants des Partisans» oder «Imagine». Der Peruginer fühlt sich ein wenig als Roberta Gambarini – So In Love ■ Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan haben es vorgemacht, Roberta Gambarini führt es weiter und fügt etwas hinzu, das sie selber nur ansatzweise beschreiben kann. «Es ist etwas, das aus meinem tiefsten Inneren kommt und mit der Liebe, die ich für die gesungene Jazzmusik verspüre, im Einklang steht», sagt sie. Der Titel ihres kürzlich erschienenen Albums «So In Love» verdeutlicht dies. Sentimental, ruhig und melancholisch sind die 28 Spürst du kein Heimweh? Nein, nicht wirklich. Ich mag Italien, aber Paris bietet mir so vieles. Viele meiner Freunde tun es mir gleich: Sie landen in Paris und fi nden das kulturelle Eldorado. Wen wundert’s? In Italien lässt sich keine seriöse Musik machen und es gibt da auch kaum Jazzer, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind. Es sei denn, sie leben im Ausland. Die Musikbranche in Italien ist – wie soll ich sagen – nur auf ihre eigenen Interessen aus. Klar, wer ist das schon nicht. Trotzdem herrscht in Nordeuropa eine andere Mentalität. Ich ziehe es vor, für diese Labels zu produzieren. «Out Of Track» zum Beispiel ist bei Discograph erschienen. Rebell; einer, der die Politik mit der Musik zu verschmelzen vermag. Seine politische Gesinnung ist offensichtlich. Die Heimat Italien habe er aus Protest an der Regierung Berlusconi verlassen, sagt er. Heute lebt Mirabassi in Paris, wo er an diversen Projekten mitarbeitet. Dank seines Improvisationstalents, seiner Spontaneität und der melodischen Kraft wird er regelmässig und gerne engagiert. Unter seinen Mitmusikern ist er beliebt, nicht zuletzt wegen seiner scherzhaften, umgänglichen Art. Er selber bezeichnet sich als ehrgeizig; als einen Pianisten, der sich seine berufl ichen Ziele immer wieder vor Augen führt und sich vom eingeschlagenen Weg nicht abbringen lässt. Nach Italien wird ihn dieser Weg vermutlich nicht mehr bringen, zumindest habe er es gegenwärtig nicht vor. Paris biete sehr viel, keine andere Stadt könne dies kompensieren. Diskografi e Dyade - En bonne et due forme (1996) Architectures (1998); Avanti! (2000); Dal Vivo! (2001); Prima o poi (2005); Cantopiano (2006); Terra Furiosa (2008); Out Of Track (2009) Lieder, die alle ins Repertoire des «Great American Songbook» gehören. Die einen mögen über die Titelliste enttäuscht sein, die anderen wiederum wittern die Gelegenheit, neue Interpretationsansätze zu entdecken. Roberta liefert diese, denn die Art, wie sie die Lieder darstellt, ist frisch, einfach, ehrlich und voller Eigenständigkeit. Sie ist mit einer charaktervollen Stimme gesegnet, und das haben in den vergangenen Jahren auch die Urväter des Jazz festgestellt: Herbie Hancock, Johnny Griffi n, Dave Brubeck, Jake Hanna oder Ron Carter zum Beispiel haben Roberta schon mehrmals für ihre Projekte aufgeboten. Über die wertvollen Erfahrungen, die sie in diesen «erlauchten» Kreisen machen durfte, spricht die gebürtige Turinerin gerne, ebenso über ihre kürzlich verstorbenen Freunde Jonny Griffi n, Ronnie Mathews und David Newman. Ihnen widmet sie dieses Album. (lda) Roberta Gambarini: So In Love. Universal, 2009. Info: www.groovinhighrecords.com ÉPIS FINE Von Michael Lack ■ Das wohl einfachste Schokoladenrezept der Welt verwöhnt jeden Gaumen. Es ist nicht nur einfach zum Selbermachen, sondern auch eines meiner Lieblingsdesserts. Schokoladenmousse im Glas 100g Zartbitterschokolade oder Milchschokolade Eigelb 0,5cl Cognac 250g Geschlagene Sahne Vorbereitung • Schokolade schmelzen • Rahm zu 90% steif schlagen • Eigelb und Cognac mischen • verrühren. Zubereitung Schokolade mit dem Eigelb kräftig verrühren. 1/3 des geschlagenen Rahmes dazugeben und kräftig verrühren. Den restlichen Rahm vorsichtig unter die Masse ziehen. Zwei Stunden kalt stellen. Mit dem Dressiersack in ein Glas füllen und servieren. Michael Lack kocht im musigbistrot Bern www.musigbistrot.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


VOM ESSEN UND TRINKEN mächtig ist, wer isst Von Barbara Roelli Bild: Dominic Büttner ■ Ist Essen ein Machtakt? Irgendwie mag die Verbindung zwischen dem notwendigen, aber auch lustbetonten Akt des Essens und dem harten Wort Macht nicht funktionieren. Doch der Schein trügt. Denn wer Macht hat, der kann über Leben und Tod entscheiden. So ist es der Fleischfresser Mensch, der entscheidet, ob ein Tier sein Leben lassen muss. Einen Menschen kann man bestrafen und gefügig machen, indem man ihm die Nahrung entzieht - denn vom täglich Brot sind wir alle abhängig. Die Ausstellung «Essen & Macht» beleuchtet das Thema von seiner dunklen, vertrauten wie überraschenden Seite. Das Mühlerama in Zürich lädt dazu ein, sich lesend, lauschend und zuschauend mit den mächtigen Seiten des Essens auseinanderzusetzen. Fleischfresser Mensch Warum eigentlich Fleisch? Das frage ich mich als Besucherin, die gerne Fleisch isst, als ich den Text auf den Ausstellungstafeln lese: Obwohl der Mensch zum Überleben kein Fleisch braucht, entscheiden sich 99 Prozent der Menschen dazu, Tiere zu essen. Zwar gewinnt der Essende durch das Fleisch Kraft und Stärke, doch steckt hinter jedem Stück Fleisch der - vom Menschen gewollte - Tod eines Tieres. Auch wie sich unsere Beziehung zum toten Tier geändert hat, greift die Ausstellung auf: Während es bis ins 17. Jahrhundert üblich war, das ganze Tier vor aller Augen kunstgerecht zur servieren, so ist dieses heute aus unserem Blickwinkel verschwunden. Das Schlachten fi ndet in der Industrie statt und die Bezeichnungen wie Plätzli, Schnitzel und Wurst lassen vergessen, um was es sich eigentlich handelt: Um das Fleisch des getöteten Tieres. Ist dieses jedoch «Bio» oder stammt von «glücklichen» Tieren, so fühle man sich weniger schuldig, lese ich unter dem Kapitel «Das Unbehagen der Fleischesser». Und refl ektiere sogleich das eigene Konsumverhalten: Erkaufe ich mir mit dem Bio-Label, das auf der Packung Schinken steht, nicht einfach ein gutes Gewissen? Entscheiden über Leben und Tod Auf einem Hocker in Salami-Design sitzend lausche ich dem Interview mit einem Metzger: Alois Sennhauser, 42-jährig, Betriebsleiter Schlachthof Zürich. Mit sechs Jahren tötete er seinen ersten Hasen. Das Töten sei ein zentraler Aspekt im Beruf und notwendig: «Man schlachtet ein Tier, um Fleisch zu gewinnen», sagt Sennhauser, «Macht ist meiner Ansicht nach überhaupt kein Thema.» In einem Video fi nden die beiden Welten Genuss und Lebensmittel-Produktion zueinander - und doch scheinen sie sich so fremd: Fleisch essende Personen erzählen, was sie gerade essen und warum sie Fleisch mögen. Zwischen Aussagen wie «Es schmeckt mir» und «Ich esse nur noch Naturaplan», schieben sich Szenen aus einem europäischen Schlachthof: Einem Rind, dass an den Beinen aufgehängt ist, wird maschinell die Haut abgezogen. Dann wird sein Leib in zwei Hälften gesägt. Bekanntes vom Familientisch Ich setze mich an einen Küchentisch. Über Kopfhörer erfahre ich von Eltern, was sich im alltäglichen Theater am Familientisch abspielt. Und schmunzle, wenn Kinder erzählen, was sie am Essenstisch alles nicht tun dürfen. Was sich zeigt, ist: Auch der Machtkampf zwischen Kind und Eltern kann sich ums Essen drehen. Wer kennt nicht die Drohung «ohni Znacht is Bett» aus seiner Kindheit? Kinder werden übers Essen erzogen – es wird zur Strafe oder als Belohnung eingesetzt. Essen hat auch mit Status und Zugehörigkeit zu tun: Veranstalteten Könige im 16. bis 18. Jahrhundert sogenannte Schauessen mit üppig bestückten Buffets, so demonstrierten sie damit Reichtum und Macht. Auch heute sagt das, was wir essen, etwas Lifestyle über unseren gesellschaftlichen Status aus. Als anschauliches Beispiel dazu dienen die aufgelisteten Mahlzeiten dreier Familien: Ob das monatliche Netto-Einkommen tief (weniger als 4 000 Franken), mittel (ca. 8 000 Franken) oder hoch (über 12 000 Franken) ist, spielt im Speiseplan eine massgebende Rolle. Machtmittel Hunger Heute leiden weltweit fast eine Milliarde Menschen an Hunger. Als wesentlicher Grund dafür gelten die Machtverhältnisse bei der Nahrungsmittelproduktion. Riesenkonzerne kontrollieren den Ablauf von der Saatgutproduktion bis zum Verkauf der Lebensmittel. Damit wir diese billig einkaufen können, werden die Produktionskosten möglichst tief gehalten. Um gegen die Hungerlöhne und schlechten Arbeitsbedingungen in den armen Ländern vorzugehen, sind wir als Konsumenten nicht machtlos: Wir können den fairen Handel unterstützen, der bei Bauern und Arbeiterinnen für existenzsichernde Preise und Löhne sorgt. Das Thema «Nicht-Essen» ist jener Teil der Ausstellung, der sich mit Hungerkünstlern, Fastenheiligen, Magersüchtigen und Hungerstreikenden beschäftigt. Denn wer Nahrung bewusst verweigert, wer scheinbar ohne Essen leben kann, erregt Aufmerksamkeit. Hungernde haben auch Macht; dann nämlich, wenn sie die völlige Kontrolle über ihren eigenen Körper haben. Obwohl das Essen in meiner Gedankenwelt schon länger eine wichtige Rolle spielt – welche Macht es besitzt, wurde mir durch die Ausstellung bewusst. Essen und Macht - Eine Ausstellung übers Schlemmen, Schlachten und Hungern. Bis am 27. September im Mühlerama in Zürich. Info: www.muehlerama.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 29


Cinéma Von Lukas Vogelsang ■ Frankreich macht nicht nur in Cannes grossartiges für den Film. Die Filmindustrie unserer Nachbarn zeigt eine neue Ära des französischen Films – zusammengefasst in «French Touch», einem Sommerspezial zum französischen Film in unseren Kinos. Es sind Film-Rosinchen, die unbedeutend erscheinen und uns als wahre Wundertüten überraschen. Der absolute Favorit wird wohl «Le premier jour du reste de ta vie» sein. Merken sie sich diesen Film! «Bellamy» von Claude Chabrol hat was von einem Tatort-Film. Darin spielt der unterdessen wirklich dicke Gérard Dépardieu den bekannten und erfolgreichen Ermittler Kommissar Paul Bellamy. In Südfrankreich, in seinen Ferien zusammen mit seiner Frau, wird er von einem Mann angesprochen, der glaubt, einen Mord begannen zu haben. Die Geschichte ist aber etwas verworren und das Ende der Geschichte überrascht durch eine interessante Wendung… Mit diesem Film ist Claude Chabrol seit nun 50 Jahren im Filmgeschäft. Ein denkwürdiger Regentagfi lm auf jeden Fall. Eines Tages erhalten Fabrikarbeiter neue Uniformen mit eingestickten Namen – am nächsten Tag sind die Fabrikhallen leergeräumt. Das sorgt für Sprengstoff – die Abfi ndungen werden zusammengelegt und ein Auftragskiller soll den ehemaligen Chef rächen. Radikal, gesellschaftspolitisch und moralisch unkorrekt kommt «Louise Michel» daher. Doch die bitterböse Roadmovie-Geschichte basiert (wenigstens halbwegs) auf realen Gegebenheiten – und ist wunderbar sarkastisch und trotzdem fröhlich umgesetzt worden. So fühlt sich richtig anarchistisches Kino an! Die Louise Michel war in der französischen Geschichte eine starke Frauenpersönlichkeit, die gerne selber Waffen zur Hand nahm und mitunter ein Attentat auf Napoleon III anzettelte – der Gerechtigkeit willen. Diese neue Fabrikarbeitergeschichte «Louise Michel» braucht aber zwei HeldInnen – und so wurden diese zur struppigen Louise und dem Unding Michel. Aber Achtung: Dieser Film ist nichts für schwache Gemüter. Und trainieren sie unbedingt die Lachmuskeln vorher! www.frenchtouch.ch Bilder: zVg. / Bellamy, Mes stars et moi, Louise Michel, Le premier jour du reste de ta vie Sehr lustig und brillant besetzt kommt die Komödie von Laetitia Colombani, «Mes stars et moi», daher. Sie ist allerdings sehr typisch französisch, doch genau mit diesem wunderbaren Humor, Charme und den vielen Überraschungen die perfekte Sommerbrise: Robert ist vernarrt in drei schöne Schauspielerinnen und für die stellt er sein Leben und seine Familie in die Ecke. Er ist ein Stalker der üblen Sorte und schreckt vor nichts zurück, um seinen Angebeteten sozusagen einen Dienst zu erweisen. Das gelingt ihm auf kreative Weise sogar – doch nicht alle freuen sich darüber. Und so wendet sich das Blatt – und wird übel für ihn. Die Besetzung ist mit Kad Merad, Emmanuelle Béart, Catherine Deneuve natürlich unübertreffl ich und sie nehmen sich selber herrlich auf die Schippe. Vor allem sehen wir verschiedene Wesensarten von diesen Schauspielerinnen und Béart glänzt mal wieder voll auf. Der Schluss ist zwar etwas gar zögerlich, doch da der Film sehr viel bietet, tut das nicht weh. Im Gegenteil, es hilft, uns wieder aus dieser idealen Glamourwelt herauszulösen. Das absolute Sommerhighlight aber ist «Le premier jour du reste de ta vie». Es ist ein Überraschungsfi lm in jeder Hinsicht: SchauspielerInnen und die Geschichte überzeugen und die Regie und die Technik sind hervorragend. Geschickte Spannungsbögen, sehr gut ausgearbeitete Charakteren und eine feinfühlige Hand für Emotionales machen diesen Film zum Geheimtipp. Im Zentrum steht eine Familiengeschichte, Väter, Mütter, Tochter und Söhne. Klingt fast langweilig, doch ganz zu Beginn stirbt ein Hund – und von da an werden die Dinge in dieser Gemeinschaft nie mehr so sein wie früher. Dass man ein Familiendrama (oder doch Komödie?) im Jahr 2009 noch so intelligent und fröhlich verfi lmen kann, dass jede Sekunde des Films eine Herzensangelegenheit des Zuschauers wird, ist beachtlich. Älter werden, Leben lernen, Leben verändern – dieser Film liebt das Leben. Wer ihn sieht, wird dem Aufruf folgen. Es werden noch mehr Filme unter «French Touch» gezeigt. In diesem Jahr ist die Selektion perfekt! Mehr Infos sind auf www.frenchtouch.ch zu fi nden. 30 ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


FILM DEMNÄCHST terminator: salvation Von Simon Chen Bild: zVg. ■ 1984 wurde der Terminator, ein menschoider Roboter, auf die Erde gebeamt, frisch aus der Zukunft und ohne Kleider. Dies rief sofort eine Frau Sara Connor auf den Plan. In «Terminator 2: Judgment Day» (1991) machten Maschinen aus der Zukunft Jagd auf ihren Sohn, den zukünftigen Leader der Menschen. Der Judgement Day aber fand aus unerfi ndlichen Gründen nicht statt, weshalb die Macher den Fans «Terminator 3» schuldig waren. In «Rise of the Machines» (2003) wurde John Connor von einem neuen Terminator gejagt, der aber immerhin in Gestalt einer wunderschönen Frau daherkam und nicht in der eines mit österreichischem Akzent schwafelnden Hünen. Doch eh man sich versah, war letztgenannter mit der Zulassungsnummer «Steiermark T-800» wieder zur Stelle, um zu verhindern, dass die Falschen eliminiert werden. Ein Vierteljahrhundert nach der Erstlandung kommt nun «Terminator: Salvation» in die Kinosäle dieser Welt. Es ist zumindest für Arnold Schwarzenegger die Erlösung, denn er ist nicht mehr mit von der Partie. Er hatte keine Zeit für die Filmaufnahmen. Seine Kaltblütigkeit kann er schliesslich in der kalifornischen Politik ebenso zum Einsatz bringen. Wir schreiben das Jahr 2018 - die Menschheit führt Krieg gegen die Maschinen, die Niederlage droht. John Connor (Christian Bale) organisiert den Widerstand der Menschen gegen das Computersystem Skynet und dessen tödlichen Terminatoren. Skynet ist nichts anderes als das Internet, das sich verselbständigt hat und nun ihre User bedroht. Die Parallelwelt hat sich über ihre Virtualität hinweggesetzt und ist real geworden. Second Life steht kurz davor, jegliches menschliche Leben von Platz 1 zu verdrängen. Skynet infi ltriert in Gestalt von attraktiven Face Bookers die menschliche Gesellschaft, vereinnahmt die weltweite Bloggergemeinde in technischer wie geistiger Hinsicht und schmeisst mithilfe ihrer Immobilien-Terminatoren Millionen von Myspacern sowohl aus ihren virtuellen wie auch übrigen Räumlichkeiten. Das einfache E-Mail-Volk wird durch eine automatisierte Streitmacht, die sich aus Hacker-Kompanien und Spammer-Legionen zusammensetzt, gefügig gemacht. Die Übermacht ist also gross, aber der Terminator, der gute Terminator, kommt, um seinem Namen alle Ehre und mit all dem Schluss zu machen. Aufmerksame Kinobesucher werden bemerken, dass T-800 immer noch die kantigen Züge Schwarzeneggers trägt. Der Computertechnik sei es gedankt. Gespielt wird die Rolle aber von einem gewissen Roland Kickinger, wie das Original ebenfalls Österreicher und Bodybuilder, was ja auch die Hauptmerkmale von Schwarzenegger waren und sind. Die Frage, welche nun die Filmwelt umtreibt, lautet: Kann ein Terminator, der nicht von Schwarzenegger verkörpert wird, überhaupt funktionieren? Die einen argumentieren, es spiele überhaupt keine Rolle, wer diese spiele, schliesslich sei T-800 ja in erster Linie ein Roboter, und ein solcher sei erst dann idealbesetzt, wenn er von einem Roboter gespielt werde. Die Anti-Computertechnik-Fraktion hingegen vertritt die Meinung, nur ein Schwarzenegger sei in der Lage, so authentisch einen Roboter zu mimen; ein Terminator ohne Arnie sei wie ein Körper ohne Seele, wie eine Hülle ohne Füllung, ja, die konservativen Terminatologen versteigen sich gar zur Aussage, ein Terminator ohne Schwarzenegger sei wie ein Kalifornien ohne Gouvernator. Allerdings können sich das momentan eine ganze Menge Kalifornier gut vorstellen. Schwarzenegger durchläuft seine zweite und somit letzte Amtszeit. Und es gibt auch Anzeichen für ein langsames Auslaufen der Kinoerfolgsserie. Der Untertitel von «Terminator: Salvation» lautet «The End begins..» CH-Kinostart: 4. Juni Der Autor dieser Filmversprechung legt Wert auf die Feststellung, dass er den Film nicht gesehen hat! FILOSOFENECKE Cinéma «Es ist unmöglich, einen mit nichts zusammenhängenden Gedanken zu denken.» Ted Honderich (1993) ■ Wer Darüber nachdenkt, ist verloren. Wer Darüber nachdenkt, braucht mehr Zeit als Andere, entscheidet langsamer, kommt später ans Ziel oder realistischerweise gar nicht. Wer Darüber nachdenkt, bringt die Welt nie aufs Taschenformat, kann sie nicht handlich einstecken, Richtig in diese Ecke, Falsch in jene stellen. Von Gut&Böse nicht zu reden. Wer Darüber nachdenkt, kommt zu kurz, verpasst das Leben, zumindest als Dasein in der wohligen Illusion von «Alles klar, Leute!». Wer Darüber nachdenkt, steht nie abgehoben und der Erkenntnis gewiss auf dem höchsten Berg; sieht bestenfalls nach dem Aufstieg in hügeligem Gelände den Horizont tatsächlich zurückweichen. Wer Darüber nachdenkt, kommt ins Zweifeln. Greift an der Lösung vorbei. Wird sich bewusst: Ein einziger verstohlener Apfelbiss vom Baum der Erkenntnis ist wenig Grundlage und Wissen auf dünnem Eis. Ein ungemütlicher Zustand. Wer will ihn schon. Wer Darüber nachdenkt und sagt, was er denkt, macht sich zum Störenfried, ist Sand im Getriebe welcher Effi zienz auch immer. Macht scheut den Zweifel wie der Teufel die PUK. Was sonst bringt ihn an seine Grenzen – die im übrigen auch die Machtlosen nicht wahrhaben mögen, wollen sie doch eines Tages selber... Nur den Resignierten ist Alles bedeutungslos. So ein Glück. Wenig spricht dafür, Darüber nachzudenken. Warum sollen wir es nicht einfach schön haben. Und sicher. Auf festem Boden stehen, uns fraglos mit den alltäglichen Erfolgen im Wettbewerb des Zeitdiktats befrieden? Verlierer gibt es immer und Fluchtwege aus der zunehmend rascher vergänglichen Enge des negativen Gewinns sowieso. Alther&Zingg haben keine Antwort darauf. Unerklärlicherweise eine ungezähmte Lust, Darüber nachzudenken. Will man sie für ihr Tun behaften, behaupten sie, Denken sei Zweifeln ohne zu resignieren. Deshalb machen wir einmal im Monat den zweifelhaften Versuch, das Denken im offenen Gespräch eine gute Stunde lang zu wagen. Denken Sie mit! Darüber am 24. Juni, 19:15h an der Kramgasse 10, 1. Stock. Sie wissen nicht wohin? abo@ensuite.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 31


Cinéma BACKLIST FILM rumble fi sh Von Guy Huracek Bild: zVg. ■ «Rumble Fish» - Ein Kampffi sch ist ein Tier mit einem hohen Aggressionspotential. Ein so hohes, dass es angeblich sein eigenes Spiegelbild attackieren soll. Diese Fischart ist über grosse Teile Südostasiens verbreitet und besiedelt stehende wie auch fl iessende Süssgewässer. Ihren Namen verdanken die Tiere der thailändischen Tradition, Männchen für Fischkämpfe einzusetzen. Die im Film vorkommenden Kampffi sche sind die sogenannten siamesischen Kampffi sche, die «Betta splendes». Es ist eine kleinere Kampffi schart, die in der Natur kein hohes Alter erreicht, da sie natürlichen Bedrohungen wie Fressfeinden unterliegen. Im Spielfi lm geht es zweien Brüdern im Vorort einer Industriestadt ähnlich. Der jüngere Bruder, Rusty James, ist Anführer einer Gang. Mehr will ich über die Handlung nicht schreiben, sonst hat man den Film beim Lesen gesehen. In «Rumble Fish» gibt es keine Geschichte über Klassenkämpfe, keine «Message» bleibt hängen, keine Helden triumphieren, nur Feiglinge und Verrückte irren durch die trostlose Industriestadt. Die Filmdialoge sind vielmehr Zitate. «Sie wirken nicht bestätigend und nicht konsolidierend, sondern wie abgerufen von der kulturellen Datenbank» schrieb die deutsche Filmkritikerin Frieda Grafe. Auf ihrer veröffentlichten Lieblingsfi lmliste ist «Rumble Fish» daher auch nicht aufgelistet. Der deutsche Filmregisseur Christian Petzold meinte, in «Rumble Fish» lägen die Zitate herum wie Kulissenreste in einem in Konkurs gegangenen, verlassenen Studio. Offensichtlich stürzte sich die Filmkritik damals auf diese Zitatenbilder. Mein Kommentar über diesen Film ist dagegen schnell gesagt und in gedruckter Form vulgär: Rumble Fish ist geil. Der Regisseur, Francis Ford Coppola, bekannt durch Filme wie «Der Pate» oder «Apocalypse Now», wurde in den 80er-Jahren von zahlreichen Jugendlichen briefl ich gebeten, ihr Lieblingsbuch «The Outsiders» von S.E. Hinton zu verfi lmen. Für nur ein paar hundert Dollar kaufte er der Autorin die Rechte ab. Während den Dreharbeiten entdeckte der Regisseur Coppola «Rumble Fish», ein weiteres Buch von Hinton, und so kam es, dass er gleich nach «The Outsiders» den Film «Rumble Fish» drehte. Er übernahm einfach sein Filmteam und die gleichen Schauspieler. Daher erschienen die beiden Filme im gleichen Jahr. In Tulsa, der zweitgrössten Stadt im US-Bundesstaat Oklahoma, fand der Dreh für «Rumble Fish» mit damals noch unbekannten Schauspielern statt. Unter anderem mit Nicolas Cage, noch im zarten Alter von 19, der bei «The Outsiders» noch nicht mitspielte, und dem zwanzigjährigen Matt Dillon, als Rusty James, damals noch dürr, bleich und mit zusammengewachsenen Augenbrauen. Die beiden Filme von Coppola unterscheiden sich in der Machart jedoch erheblich. Bei «Rumble Fish» erinnern mich zahlreiche freche Perspektiven in verzerrender Vogelperspektive an «Down By Law» von Jim Jarmusch. Verschiedene Zeitraffer von Wolken und Schatten symbolisieren die Zeit. Eine Mischung aus Jazz und Pop und zwischendurch eine heulende Orgel geben dem Film eine coole Atmosphäre. Die Gangs versammeln sich für ihre Kämpfe in verlassenen Fabrikhallen. Die Inszenierung der Kampfszenen, das gruppierte Erscheinen der Protagonisten und der Zusammenhalt der beiden verfeindeten Gangs wirkt theatralisch und künstlich. Bei solch einem gemeinsamen Auftreten könnte man fast Parallelen zum Musical West Side Story ziehen. Die einzelnen Kampfhandlungen, die eher einem Ballett ähneln und von einer fast ironisch weinenden Orgel begleitet werden, erinnern an diejenigen von «Clockwork Orange» von Kubrick. Im Vergleich zu «Rumble Fish» hat «The Outsiders» eher einen dokumentarischen Charakter. Ihm fehlen ungewohnte Perspektiven, eine lässige Art und eine künstlerische Erscheinung. «The Outsiders» setzt sich mit Rivalitäten und Klassenkampf auseinander. «Rumble Fish» handelt von Rebellion ohne tiefere Hintergründe. Bemerkenswert ist, dass der Film aus der Sicht des jüngeren Bruders, Rusty James, aufgebaut wird, jedoch aber aus der darstellerischen Perspektive des älteren Bruders gefi lmt ist. Da dieser farbenblind und partiell taub ist, ist der Film bis auf die Kampffi sche schwarz-weiss, zwischendurch sind einzelne Dialoge dumpf und leise. Vieles ist ungewöhnlich vertont; überlautes Wassertropfen und viele undefi nierbare Geräusche sind nur zwei Beispiele. Die Kampffi sche sind das einzig Farbige im Film. Dieser Effekt war technisch sehr aufwändig. Jedes einzelne Bild im Film wurde von Hand nachgefärbt. Daher erscheint die Farbe der Fische leicht verschwommen. Dieses Verfahren ist in der heutigen Filmproduktion digital und daher im Vergleich zu früher wesentlich einfacher. «Rumble Fish» - Ein Kampffi sch ist ein Tier mit einem hohen Aggressionspotential. Ein so hohes, dass es angeblich sein eigenes Spiegelbild attackieren soll. Der jüngere Bruder, Rusty James, sieht sein farbiges Spiegelbild in der Scheibe eines Polizeiautos und zerschlägt diese mit der blossen Faust. Der Film endet. 32 ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


KINO state of play Von Sonja Wenger Bild: zVg. ■ Alte Geschichte: Es ist selten gut, wenn Hollywood etwas Bewährtes in die Finger kriegt und vorgibt, grösser sei automatisch besser. Die US- Version der gleichnamigen britischen BBC-Miniserie «State of Play» von 2003 ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass grosse Namen allein noch keinen Unterhaltungswert haben. Zugegeben: Die Vorlage ist schwer zu toppen. Als Arte vergangenes Jahr «State of Play» unter dem Titel «Mord auf Seite eins» ausstrahlte, war dies eines der eh dünn gesäten TV-Höhepunkte des Jahres. Die Geschichte um den dubiosen Mord an der Assistentin eines britischen Abgeordneten spielt im politischen wie journalistischen Milieu Londons und packt durch ihren komplexen Aufbau, spannende Umsetzung und perfekte Besetzung. Verbindendes Element in «State of Play» ist die fragile Freundschaft zwischen dem Abgeordneten Stephen Collins und dem Journalisten Cal McAffrey, der wiederum hin und her gerissen ist zwischen freundschaftlicher Loyalität, berufl ichem Instinkt und seiner Suche nach der Wahrheit. Doch während die Fernsehserie dafür fast sechs Stunden Zeit zur Verfügung hat, wird in der US- Version das Identische auf zwei Stunden gepresst. Auf der Strecke bleibt dabei nicht nur die arg ausgedünnte Geschichte, sondern auch alle Sympathie des Publikums zu den Charakteren oder die Neugierde über deren Beweggründe. Da hilft es auch nicht, dass Regisseur Kevin Macdonald über preisgekrönte Erfahrung - er erhielt 2007 den Oscar für «The last King of Scotland» -, ein routiniertes Drehbuchtrio und hochkarätige Filmstars wie Russel Crowe, Helen Mirren oder Ben Affl eck verfügte. Der durchaus solide gemachte Film lässt einen dennoch über weite Strecken kalt: Die Motive von Tätern wie Opfern bleiben schwammig, die angedeutete politische Verschwörung dümpelt vor sich hin, die Emotionen der Protagonisten sind bestenfalls mau, und die viel diskutierte journalistische Ethik steht eh von Anfang an auf wackeligen Beinen. Dass die Geschichte von London nach Washington D.C. verlegt wurde ist dabei noch das interessanteste Element der Adaption. Im grössten Haifi schbecken der US-Politik, in dem sich Volksvertreter genauso wie Lobbyisten, Spindoctors oder das grosse Kapital tummeln, gibt es ausreichend Material für eine Geschichte wie «State of Play». Doch gerade wenn in der Kürze auch Würze liegen soll, ist es unverständlich, weshalb ausgerechnet den kantigsten Nebenrollen des Originals - vom sarkastischen Chefredaktor, dem hartnäckigen Polizeiermittler bis hin zum schmierigen Mittelsmann - in der Ami-Version allen fast ersatzlos die Zähne gezogen wurden. Statt dessen bedient Affl eck als aalglatter Politiker mit Herzschmerz unnötigerweise einmal mehr das Vorurteil, eine Schlafpille zu sein. Crowe wiederum kommt ungeschoren damit davon, kaum mehr als eine routinierte Darstellung des zweifelnden Journalisten abzuliefern. Und neben Mirren als Chefredaktorin bleiben auch Rachel McAdams als ehrgeizige Reporterin und Robin Wright Penn als Politikerfrau mit Vergangenheit hoffnungslos unterfordert. Was ein cineastischer Selbstläufer hätte sein können, wird so zu einem verschenkten Spiel. Der Film dauert 127 Minuten und kommt am 18.6. ins Kino. TRATSCHUNDLABER Von Sonja Wenger Cinéma ■ Jede Minute wächst Youtube um zwanzig Stunden Filmmaterial und wird somit zur demokratischsten Nabelschau der Welt. Oder anders gesagt: Inzwischen scheint keiner zu fein, ein Cewebrity zu sein. Dieser Begriff wurde kürzlich geschaffen, um Menschen mit Internet-Ruhm von jenen zu unterscheiden, die stattdessen über einen Ringier-Vertrag mit Dauerberieselungsklausel verfügen, vom Musical-/BigBrother-/Topmodel-Masochismus befallen sind, oder die tatsächlich über eine eigene, sauer erarbeitet Prominenz verfügen. Doch ungeachtet des 24-Stunden-Gelabbers der Blogger-Universen darf man eines nicht vergessen: Die Printmedien sind noch nicht tot! Oh, nein! So lange bunt glänzende Bildchen mit inhaltsbefreitem Text gekauft werden, werden sich auch die Walzen weiter drehen. So lange es niemanden stört, dass «InTouch» und «OK» und «Schiessmichtot» gleichzeitig identische Bilder mit identischer Werbung an die identische Person verscherbeln können - und es lacht das Verlegerherz. Und so lange eine deutsche «Vogue» Heidi Klumdumm - der «schönsten und erfolgreichsten Ich-AG der Welt» - eine ganze Ausgabe widmen kann, ohne dass es zu spontanen Massenprotesten kommt, dürfen wir davon ausgehen, dass der Ausverkauf der Medien noch lange nicht an seine Grenzen gestossen ist. Dabei hat es «Spiegel-Online» so unnachahmlich auf den Punkt gebracht: «Nicht wahr, es ist schon recht albern, dieses Promiklatsch-Business?» Echt! Das steht da so. Gefolgt von einer Analyse über die neuesten Brangelina-Gerüchte von wegen Trennung und unehelichem Kind von Brad und seinem neuen Film «Inglorious Basterds» in Cannes. Aber vielleicht haben alle Abschreiber dieser Welt auch einfach nur den Filmtitel falsch interpretiert. Was neben Jolie, laut österreichischem «Kurier» die «Mutter Teresa der Gucci-Generation», sonst noch die Welt bewegt, zeigt auch ein kurzer Blick auf die einschlägigen Klatschseiten von Giftspritzen wie Ian Halperin (ianundercover.com) oder Perez Hilton (perezhilton.com), für die es eigentlich einen Waffenschein bräuchte. Allzu sensiblen Seelen sei vom Besuch bei diesen Widerlingen allerdings abgeraten. Andererseits muss man für so etwas nicht mal in die Ferne schweifen: In einem Land, in dem der schönste Schweizer des Jahres André Reithebuchchrchrchr heisst, reicht für ein fl aues Gefühl im Magen auch ein Fernsehabend mit der «Arena». Aber vielleicht hat der Fuzzi von der Jungen SVP ja recht, der neulich meinte, die «Frauen sollen wieder kochen und putzen lernen». Zu viele bunte Bildchen sind nämlich wirklich schlecht für junge Frauen, das bewies gerade eben die amtierende Miss Panama. Für sie war Konfuzius «einer von denen, die die Konfusion erfunden haben». Deshalb Kirche. Deshalb Küche: Einmal kräftig drauf mit der Bratpfanne - nix kaputt. ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 33


Das andere Kino 34 www.cinematte.ch / Telefon 031 312 4546 www.kellerkino.ch / Telefon 031 311 38 05 www.kinokunstmuseum.ch / Telefon 031 328 09 99 ■ Jim Jarmusch - Eigenwilliger Ausnahmekönner Der neue Film The Limits of Control von Jim Jarmusch startet im Juni in den Kinos, für uns Grund genug, mit einer umfassenden Werkschau auf den neuen Film Appetit zu machen. Jim Jarmuschs Filme sind reich an gleichgültigen Helden und ziellosen Driftern, denen das Reisen als einzige Möglichkeit erscheint, ihr Leben nicht im totalen Stillstand erstarren zu lassen. Diese Aufbruchsbewegung bestimmt in der metaphorischen Form der Flucht auch den Weg des tödlich verwundeten William Blake in Dead Man, dessen Reise ihn nirgendwohin führen kann, da sein Ende bereits zu Beginn des Films besiegelt wird. Der seltsam anmutende Killer Ghost Dog folgt ebenfalls einem Weg – dem uralten Kodex der Samurai. Der Episodenfi lm Night on Earth lässt die Zuschauer per Taxi durch nächtliche Grossstädte kurven, während Bill Murray in Broken Flowers auf der Suche nach seinem Sohn auf eine Reise quer durch die amerikanische Gesellschaft einlädt. Eine Besonderheit Jarmuschs liegt in seiner Arbeitsweise. Anders als die meisten Filmemacher, schreibt er seine Plots für ganz bestimmte Schauspieler und konstruiert um diese Figur(en) herum eine Geschichte. Es erstaunt deshalb wenig, dass in Jarmuschs Werken die Mitglieder seines Stammensembles, wie etwa Iggy Pop, Tom Waits, Roberto Benigni oder Steve Buscemi wiederholt auftauchen. So treffen sich schliesslich auch Menschen aus dieser Entourage in Coffeee and Cigarettes zum skurrilen Small Talk bei Kaffee und Zigaretten. Jarmuschs Filme sind getragen von lässiger Langsamkeit, humorvoller Lakonik und einer einmaligen Bildsprache. Jewish Film Festival Berlin Auf seiner Tournee macht das Jewish Film Festival Berlin bei uns Halt und präsentiert eine Auswahl von Festivalfi lmen. Darunter die Berner Premiere von Graham Guits Hello Goodbye, eine Komödie mit Gerard Dépardieu und Fanny Ardant oder auch der vielbeachtete Spielfi lm The Bubble von Eytan Fox. Infos zum Festival: jffb.de Das detaillierte Programm wie immer unter: cinematte.ch ■ Ab 4. Juni - DIE RÄUBERINNEN – EIN SCHAUERMÄRCHEN von Carla Lia Monti, CH 2008, 90 Min - Die junge Emily wird von ihrer Mutter an einen Bischof verschachert, der sich an ihr vergreifen will. Sie fl üchtet in ein Bordell, wo sie sich mit den Huren anfreundet. Bedrängt durch die Schergen des Bischofs, beschliessen die Frauen in den Wald zu ziehen und Räuberinnen zu werden. Die Räuberinnen ist eine hinterhältig, schrille Komödie, die das Publikum an den Solothurnerfi lmtagen polarisierte. Di 16. Juni - FAUT QUE CA DANSE! von Noémie Lvovsky, F 2007, 100 Min -In Zusammenarbeit mit dem Kramgassleist zeigt das Kellerkino diese erfrischende Komödie voller esprit und lädt zu einem Apéro ein. Mi 17. Juni - (vor Antons Lesung im Ono) ABOUT BAGHDAD von Sinan Anton, USA 2004, 90 Min - 2003 kehrte Anton in seine Heimatstadt Baghdad zurück um die Wirkung von jahrzehntelanger Unterdrückung, Krieg und Sanktionen und nun der Amerikanischen Besetzung auf die Stadt zu dokumentieren. Ab 18. Juni - ÉMOIN INDÉSIRABLE von Juan José Lozano, CH 2008, 80 Min - In seiner wöchentlichen TV-Sendung berichtet Reporter Hollman Morris über die Verbrechen eines Kriegs, der offi ziell gar nicht stattfi ndet. Mit unerbittlicher Grausamkeit bekämpfen sich im Konfl ikt um Kolumbiens Coca-Plantagen staatliche Streitkräfte, Paramilitärs und Guerillas; Leidtragende dieses Drogenkriegs sind die Bauern und die Zivilbevölkerung. Ab 25. April - BEAUTIFUL BITCH von Martin Theo Krieger, D 2007, 108 Min - Der Film erzählt die Geschichte der 15jährigen Bica genannt Bitch, die auf den Straßen von Bukarest lebt. Angelockt von den Versprechungen des ehemaligen Polizisten Cristu folgt sie ihm nach Düsseldorf, um dort, über einen organisierten Taschendiebring, das nötige Geld für sich und ihren kleinen Bruder zu verdienen. Als sie bei einer ihrer Raubtouren auf die zickige, verwöhnte Milka trifft, lernt Bitch zum ersten Mal in ihrem Leben ein ganz ‚normales’ Teenagerdasein kennen... VOLL DAS LEBEN – PEDRO ALMODÓVARS FRÜHWERK Der spanische, mehrfach ausgezeichnete Kultregisseur Pedro Almodóvar ist einer der elegantesten Vertreter des europäischen Filmhandwerks. Nach dem Tode Francos im Jahre 1975 endete in Spanien der autoritäre Franquismus, und es formierte sich die ‹Movida Madrileña›, eine Kulturbewegung der städtischen Jugend, die bis in die 80er-Jahre andauerte. Diese Bewegung, die alles Schrille und Hedonistische durchleben wollte, lieferte einen idealen Nährboden für die ersten Filme Almodóvars. Liebe, Gewalt, Tod und sexuelle Identität sind charakteristische Themen für die Filme Almodóvars. Sie zeigen die ProtagonistInnen nicht als Opfer ihrer exzentrischen Gelüste, sondern sympathisieren mit diesen ‹Misfi ts› der Gesellschaft und formulieren so ein Plädoyer für Selbstverwirklichung und Toleranz. Bis 29. Juni FILMGESCHICHTE: Die letzten drei Filme vor dem Sommerpause sind allesamt Meilensteine des Kinofi lms. Cría Cuervos von Carlos Saura ist ein Spiegel der spanischen Gesellschaft, deren autoritäre Franco-Dikatur in ihrer Aufl ösung begriffen war. Die Ehe der Maria Braun von Rainer Werner Fassbinder ist ein schonungsloses Abbild der deutschen Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Mentalität und Stalker von Andrej Tarkowski ist ein zeitloses Werk, das immer wieder von Neuem fasziniert. 2., 16., und 30. Juni. KUNST UND FILM: Tracey Emin-Filmabend am 9. Juni NOBODY IS PERFECT – BILLY WILDER Bis 29. Juni SOMMERPAUSE im Juli und August Wir wünschen Ihnen einen schönen Sommer und begrüssen Sie wieder im September im Kino Kunstmuseum. Die genauen Spielzeiten der Filme und weitere Informationen fi nden Sie auf www.kinokunstmuseum.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


KI O i n d e r R e i t s c h u l e N Für das Tagesprogramm die Tageszeitung oder das Internet www.bernerkino.ch LICHTSPIEL www.reitschule.ch / Telefon 031 306 69 69 www.lichtspiel.ch / Telefon 031 381 15 05 www.pasquart.ch / Telefon 032 322 71 01 JUNI – JULI – AUGUST 2009 SOMMERPAUSE Von Juni – Ende August macht das Kino in der Reitschule eine lange Sommerpause. Wie seit vielen Jahren wird die Saison im September mit Film und Live-Musik in der Grossen Halle der Reitschule wieder eröffnet. ■ Best of Oberhausen Bereits zum 55. Mal fanden in diesem Jahr die beliebten Kurzfi lmtage Oberhausen statt. Das Lichtspiel zeigt eine vielseitige Auswahl der besten deutschen und internationalen Wettbewerbsfi lme der letzten Jahre: In den Programmen Best of German and International Competition (Mo 8.6, 20h), Best of German Competition (Mo 15.6., 20h) und Best of International Competition (Mo 22.6., 20h) gibt es Kurzspielfi lme, experimentelle Arbeiten, Dokumentar- und Animationsfi lme zu entdecken. Filmgeschichte Rainer Werner Fassbinders Die Ehe der Maria Braun (1979) ist ein schonungsloses Abbild der deutschen Wirtschaftswunder-Mentalität der Nachkriegszeit (Mi 10.6., 20h), während sich in Stalker (1979) von Andrej Tarkowskij drei Männer auf die Suche nach dem Schlüssel für die Erfüllung aller Wünsche machen. Einführung: Till Brockmann, Filmwissenschaftler. (Mi 24.6., 20h) CinemAnalyse Le vacances de M. Hulot (Jacques Tati, 1951) führt uns in einen kleinen Badeort in der Bretagne, wo der biedere Kleinbürger Hulot den Tücken und Missgeschicken des Alltags ausgesetzt ist. Seine Versuche, das Herz der jungen Martine zu erobern, führen allesamt zu Missverständnissen und kleineren Katastrophen. Eine Komödie von liebenswerter Intelligenz und romantischem Charme. (Do 26.6., 20h) Sortie du labo Mit dem nostalgischen Alpengegendpanorama Der letzte Postillon vom St. Gotthard erzählt Edmund Heuberger das Leben des letzten Kutschers der Gotthard-Postkutsche und gewährt Einblicke in den Bau des Tunnels. Vordergründig werden etliche Geschichtchen im Laufe einer Postkutschenfahrt von Flüelen nach Camerlata miteinander verwoben, der Film bedient aber zugleich ein Verlangen nach nationaler Sicherheit: Vor dem historischen Hintergrund der Arbeiten am Gotthard-Tunnel und dem 1880 erfolgten Durchstoss rückte die Welt dieser fi lmischen Erzählung in die Nähe einer mythisch verklärten schweizerischen Identität, die ihre Wurzeln angeblich in der «Alpenfestung» hatte. Einführung: Adrian Gerber, Filmwissenschaftler. (Mo 29.6., 20h) ■ Türkei – im Brennpunkt Anlässlich der Ausstellung Seriously Ironic mit zeitgenössischer türkischer Kunst im Centre PasquArt, sind im Filmpodium neue türkische Filme zu sehen. In der Türkei hat sich seit den 90er Jahren ein künstlerisch hochstehendes Kino entwickelt, das mittlerweile auch international auf sich aufmerksam macht. Erzählt werden universelle Geschichten, die manches Klischee korrigieren. Die jüngere türkische FilmerInnengeneration zeigt ein Land im Aufbruch und Menschen auf der Suche nach ihrer Zukunft. Im Mittelpunkt unseres Programms, das mit drei Bieler Filmpremieren glänzt, steht Nuri Bilge Ceylan. Er gehört zu den führenden unabhängigen Filmemachern der Türkei. Der 1959 in Istanbul geborene Ceylan studierte zuerst Elektrotechnik, schlug vorübergehend eine Militärlaufbahn ein, bevor er sich den Filmwissenschaften zuwandte. Als Filmpremiere zeigen wir Three Monkeys (26.- 29.6.). Ceylans Familientragödie wurde beim Festival in Cannes ausgezeichnet. Mit der «Parabel über verdrängte Schuld» gelang ihm der internationale Durchbruch. Ceylan erzählt in Three Monkeys die Geschichte von drei Menschen, die wie jene berühmten drei Affen nach dem Prinzip See no evil, hear no evil, speak no evil handeln. Und sich dabei immer tiefer in ihre Hilfl osigkeit verstricken. Ebenfalls eine Bieler Premiere ist Günesi Gördüm – Ich habe die Sonne gesehen (12. – 15.6.). Mahsun Kirmizigül hat sich der Aufgabe gewidmet, eine 25 Jahre umspannende Familienchronik zu verfi lmen. Günesi Gördüm ist ein bewegendes Plädoyer für Offenheit gegenüber dem Fremden und gegen Krieg und Hass. Ein Film, der zwischen der Geschichte der Kurden und der Türken eine Brücke zu spannen versucht. Vom 19.-22.6. ist die dritte Erstaufführung geplant: In Gitmek – My Marlon and Brando erzählt Huseyin Karabey die wahre Geschichte einer Liebe zwischen den Fronten des Irakkrieges nach. In dem berührenden Dokumentarfi lm spielen die beiden Hauptdarsteller sich selbst – und bekennen sich zu ihrer unglaublichen Liebesgeschichte. Ein Film voll Komik und Poesie. Die Türkeireihe dauert bis Mitte Juli. ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 35


interwerk gmbh Kulturmanagement | Consulting Sandrainstrasse 3 | CH-3007 Bern Telefon +41(0)31 318 6050 Fax +41(0)31 318 6051 Email info@interwerk.ch Web www.interwerk.ch Kommunikationskultur in der Kulturkommunikation Sparen Sie nie bei der Werbung! Lieber beim Druck. 99.– 500 Exemplare Karten/Flyer A6


KOLUMNE am horizont stand ein riese Von Peter J. Betts ■ «Am Horizont stand ein Riese von so ungeheurer Grösse, dass selbst das himmelhohe Gebirge ‹Die Krone der Welt› neben ihm wie ein Haufen Streichholzschachteln gewirkt hätte...» schreibt Michael Ende – viel, viel zu früh verstorben - in «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» (1960). Eine sehr vielschichtige und (vor allem) auch heute lehrreiche Episode. Der Riese war Herr Tur Tur, der Scheinriese. Auf grosse Distanz betrachtet, wirkte er so ungeheuer gross, dass alle, obwohl Herr Tur (Vorname) Tur (Nachname) nur ein sehr dünnes, freundliches Stimmchen besass, vor Schrecken und Angst davonliefen. Ganz vereinsamt und traurig zog er sich in die Wüste in eine kleine Oase zurück, bis er endlich mit Lukas dem Lokomotivführer und Jim Knopf ins Gespräch kommen konnte. Ein Scheinriese sieht bekanntlich auf grosse Distanz ungeheuer gross aus, wagt man sich in seine Nähe, sieht man, dass er eine ganz normale, eher kleine Körpergrösse hat. Natürlich hatten, im Gegensatz zu uns jetzt, Jim und Lukas diesen Sachverhalt nicht gekannt, haben dennoch die Gefahr auf sich genommen und sich genähert... Im Fortsetzungsband, «Jim Knopf und die Wilde 13», kann man lesen, wie es Herr Tur Tur auf Lummerland zu einer höchst wichtigen Stellung brachte. Lummerland ist eine winzige Insel, eine Art Paradies auf Erden, natürlich auch mit vielen Nachteilen behaftet – etwas Reales halt: Die Insel ist felsig. Sie ist auf keiner Seekarte verzeichnet, so dass viele Steuermänner sie bei Nacht übersahen, und die See um die Insel herum ist rau. Lummerland war auch die Heimat von Lukas dem Lokomotivführer und von Jim Knopf – so klein, dass es die beiden abenteuerlich gesinnten Wissensdurstigen in die Ferne auf eine ereignisreiche Weltreise zog. Der Enge entweichen, kann ein Bedürfnis sein. Auf Lummerland amtete der von beiden mitgenommene Herr Tur Tur dann schliesslich als Leuchtturm. Den Leuchtturm erkennen und vor Schrecken und Angst einen grossen Bogen um die gefährliche Felsenwarze herum machen, war für Steuerleute eins. Im Meer um Lummerland herum gab es dann viel weniger Ertrunkene. Wie man sieht: Leuchttürme machen durchaus Sinn. Am Ostermontag strahlte Radio DRS2 eine Kontextsendung über die Osterinseln aus. Die Osterinsel, Rapa Nui, wurde am Ostersonntag 1722 vom Holländer Jakob Roggewen (wohl nicht ganz ohne Hilfe der Besatzung seines Schiffes?) entdeckt, und auch diese Entdeckung brachte der damaligen Einwohnerschaft wenig Glück, im Gegenteil. Die Fläche der Insel entspräche einem Quadrat von etwas mehr als elf Kilo- metern Seitenlänge – vielleicht also ein bisschen grösser als Lummerland, aber irgendwie durchaus vergleichbar. Heute gehört die Osterinsel zu Chile, sie wird vom – Mutterland durch eine Schafpopulation und eine einträgliche Tourismusindustrie genutzt. Die Insel ist berühmt durch ihre einst hochstehende Kultur: Durch grosse, für «primitive Völker» als Urheberschaft ohne unser Hightech-Instrumentarium von unserer Denkweise her fast undenkbar riesige Skulpturen aus Tuff und eine Hieroglyphenschrift (durch den Ethnologen Thomas S. Barthel zum Teil entziffert). Die riesigen Skulpturen, durchaus eine Art Leuchttürme, führten zu Ruin und Untergang der Urbevölkerung, lange bevor bei uns die Zivilisation fl ächendeckend ausbrach. Der Grund war ein uns nicht ganz fremder Glaube ans unbegrenzte Wachstum. Grosse Skulpturen riefen nach noch grösseren. Eine Familie, eine Sippe, eine Siedlungseinheit trumpfte gegen die benachbarte jeweils durch grossartigere Skulpturen, sprich «Leuchttürme», auf. Die gesamte Bevölkerung war damit beschäftigt, ununterbrochen für ihre jeweiligen Macht- und Würdeträger noch grössere Skulpturen zu bauen. Rivalisierende Siedlungen stürzten in mühsamster Arbeit - die Dinger sind ungeheuer schwer und Krane gab es keine, Dynamit auch nicht - die Skulpturen der anderen um. Die Bevölkerung vernachlässigte den Anbau von Nahrungsmitteln und den Fischfang. Der Wald wurde aus-genutzt, selbstverständlich nicht gepfl egt (Ein Verhalten, das sich etwa beim Betrachten unserer heutigen Forstwirtschaft - nur für Nichtfachleute? – leicht nachvollziehen lässt: Mit Mikroorganismen lassen sich keine Schnitzelheizungen füttern; Carte blanche für Schwerstfahrzeuge nach dem Motto: «Mein Auto fährt auch ohne Wald.»). Unglaubliche Mengen von Bäumen mussten gefällt werden, um die Steine zu transportieren und aufzurichten. Wäre die Insel rund, hätte sie einen Radius von etwa sechs Kilometern. Als der letzte Baum gefällt worden war, liessen sich auch keine Einbäume mehr für den immer bitterer nötig gewordenen Fischfang bauen. Hunger. Streit. Am Schluss frassen sie einander gegenseitig auf. Untergang der Kultur und der Bevölkerung. Ökologischer Selbstmord. Ein Trauerspiel, über das bei der Entdeckung durch die Holländer, 1722, der Vorhang schon längst gefallen war. Sichtbar blieben die Leuchttürme. Ein Festessen für Archäologie und Ethnologie. Auf der Frontseite der Ausgabe vom 9. April titelt «Der Bund»: «Bern entdeckt die Kultur.» Nein, nein, es wird nicht die Frage aufgeworfen, ob Bern ein Kulturprodukt oder ein Naturereignis sei. Kultur & Gesellschaft Wäre Bern ein Kulturprodukt, könnte der «Bund»- Titel auf Bemühungen um Selbsterkenntnis hinweisen. Aber kein Gedanke wird im Artikel an die Auseinandersetzung der BernerInnen mit sich selbst verschwendet. Es geht, wie eine Journalistin im Kommentar zum Hauptartikel titelt, um folgenden Sachverhalt: «Ehrgeizige Ziele haben ihren Preis.» In der Tat. Denkt man an das Schicksal der Urbevölkerung von Rapa Nui. Es geht im Artikel aber um das kulturpolitische Strategiepapier des Kantons Bern. Erziehungsdirektor Bernhard Pulver wird eingangs so zitiert: «Kultur ist Lebensqualität, gibt Antwort auf Sinnfragen, bietet Distanz zu Alltäglichem und verbreitet Lebensfreude.» Dem könnte kaum widersprochen werden. Einige zusätzliche Aspekte wären vielleicht anzufügen. Zum Beispiel, dass der Stand der Kultur einer Bevölkerung vom Stand ihres schöpferischen Potentials abhängt. Dass breite Auseinandersetzung mit aktuellem professionellem Kulturschaffen aller Sparten in der Regel zu den eingangs zitierten Antworten zu Sinnfragen führt (würde aber deshalb heute, also bevor die Spekulation im Kunstmarkt «den Wert defi niert», der Staat beispielsweise Paul Klees Schaffen unterstützen und seinen Wunsch nach der Schweizerbürgerschaft mit Handkuss erfüllen?). Des Erziehungsdirektors Worte sind also eine gute Ausgangslage für eine fruchtbare Diskussion. Dann – wie es sich für unser Hier und Jetzt gehört – erfährt man beim Lesen, dass es den ParlamentarierInnen nicht um kulturpolitische Inhalte geht, sondern um das Verteilen von vorhandenen Geldern. Wer erhält die grössten Bissen? In die erste Kategorie der Empfängerinnen gehören «herausragende bernische Kulturinstitutionen mit nationaler Ausrichtung». Die GrossrätInnen streiten sich dann darüber, ob die drei erwähnten «Flaggschiffe» (Zentrum Paul Klee, Kunstmuseum Bern, Freilichtmuseum Ballenberg) genügten. Dann beteuert Frau Grossrätin Bommeli, dass die drei Institutionen HERVORGEHOBEN werden sollten, «damit sie als Leuchttürme der Berner Kultur strahlten». Und das Ganze kurbelt die Wirtschaft an und wird zum Magneten für den Tourismus. Michael Ende hat anschaulich den Zweck von Leuchttürmen geschildert («Bleibt weg!»); fast zwanzig Jahre später schrieb er die «Endlose Geschichte». Für die Ureinwohnerschaft der Osterinsel war die Geschichte alles andere als endlos. Zu viele Leuchttürme, keine Förderung der Schöpfungskraft und tödliche Erschöpfung als Folge. ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 37


Literatur 38 Benioff, David: Stadt der Diebe. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. Karl Blessing Verlag. München, 2009. 381 Seiten. ISBN 978-3-89667-3994-7 Hals- und Beinbruch David Benioff: Stadt der Diebe. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. ■ David Benioff, bekannt geworden mit seinem Débutroman «The 25th Hour», welcher mit Edward Norton in der Hauptrolle 2002 von Spike Lee verfi lmt wurde, ist nun mit seinem zweiten Roman «Stadt der Diebe», wenn auch nicht in seiner eigenen, so doch gewissermassen in der Biografi e seines russischen Grossvaters angelangt. Mitten im Zweiten Weltkrieg beschliesst Lew Beniow, lieber im bedrohten Leningrad zu bleiben und als Feuerwehrmann einen, wenn nötig, heldenhaften Tod zu sterben, als seine Mutter und seine jüngere Schwester aufs Land zu begleiten. Bald darauf haben er und seine Freunde aus dem Wohnhaus Kirow Gelegenheit, der Besitztümer eines toten deutschen Soldaten habhaft zu werden. Wie Murphy’s Law spielt, werden sie in fl agranti von der russischen Armee ertappt. Lew, der sich in dieser Situation als Gentlemen erweist, verhilft einer Genossin zur Flucht, um nun selbst gefangengenommen zu werden. In der Gefängniszelle trifft er auf den Deserteur und literarisch überaus bewanderten Lebemann Kolja. Gemeinsam werden sie für ihr Vergehen nicht mit dem Tod bestraft, sondern erhalten die undankbare Aufgabe, für die Hochzeit der Tochter des Obersten im ausgehungerten Leningrad (Piter) zwölf Eier zu beschaffen. Die beiden, obwohl sie auf den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein könnten - der schöne Kolja auf der einen, der karikierte Lew auf der anderen Seite – entdecken beim näheren Kennenlernen doch so die eine oder andere Gemeinsamkeit. Nicht nur der Plot an sich ist nur wenig vom Slapstick entfernt, auch Benioffs Talent für Gags ist zuweilen etwas überbordend. Dennoch gelingt es der «Adoleszenzstudie» über einen russischen Juden im besetzten Leningrad aufgrund des russischen Charakters, der das Absurde, aber eben auch das Tragische schätzt, nicht in eine plumpe Effekthascherei abzugleiten. Den russischen Ahnen sei Dank. (sw) Hermann, Judith: Alice. Erzählungen. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main, 2009. 189 Seiten. ISBN 978-3-10-033182-3 Todesreigen Judith Hermann. Alice. Erzählungen. ■ Lange haben wir gewartet. Auf La Hermann und ihren nun ganz grossen Wurf. Einen Roman. Und beinahe ist dies auch gelungen, zumindest begleitet uns ein und dieselbe Protagonistin, Alice, durch fünf Erzählungen. Eine typische hermannsche Heldin, ohne Nachnamen, ohne Beruf, ohne genaue Angabe ihrer Herkunft. Einen Todesreigen, in dem, ähnlich den Statistiken, immer nur Männer sterben - das hat Judith Hermann geschaffen. Zunächst der Verfl ossene von Alice, Micha, nun verheiratet und Vater einer kleiner Tochter. Die beiden, Maja und das Kind, begleiten Alice an einen unschönen Ort in Deutschland, weit weg von Berlin, wo sie auf den Tod Michas warten. Dann Conrad, alternder Freund der noch jungen Alice, den sie mit gemeinsamen Freunden in Bella Italia an einem See besucht und der ganz unerwartet während dieses Besuches stirbt. Die Beziehung von Alice und Conrad ist, wenn auch platonisch, doch erotisch aufgeladen. Der Nächste nun ist Richard, langjähriger Freund. Mit dem Tod von Malte, ihrem noch vor ihrer Geburt verstorbenen Onkel, setzt sich Alice sozusagen post mortem auseinander, indem sie ein Treffen mit dessen Freund und Geliebten Friedrich arrangiert. Und zuletzt stirbt Raymond, Lebensgefährte oder Ehemann von Alice. Sie bleibt allein zurück, nicht verbittert, nicht einsam, stark an Joan Didion in ihrem unübertroffenen Werk «Das Jahr magischen Denkens» erinnernd. Und hier, in der Abgrenzung gegen das Zweisame, das Mehrsame, personifi ziert in Paaren und Familien, sind die Beschreibungen der Autorin besonders eindringlich. Das neue Buch von Judith Hermann wurde von allen grossen Zeitungen durchaus wohlwollend besprochen und klettert scheinbar unaufhaltsam in den Bestsellerlisten nach oben. Beinahe ein Unding in der literarischen Welt im deutschsprachigen Raum. Und dennoch bin ich als grosser Fan dieser begnadeten Autorin ein bisschen enttäuscht, nicht, weil sie keinen Roman geschrieben hat, auch nicht, weil auch dieses Buch nun nicht der ganz grosse Wurf geworden ist. Viel mehr, weil ich gerade beim Thema Tod nicht mehr, aber andere Worte von ihr erwartet hätte, solche, wie sie sie in der Erzählung um Raymond verwendet. (sw) Shamsie, Kamila: burnt shadows. Roman. Englisch. Bloomsbury. London, Berlin, New York, 2009. 363 Seiten. ISBN 978-0-7475-9813-8 Von der Geschichte gezeichnet Kamila Shamsie: burnt shadows. Roman. Englisch. ■ Hiroko Tanaka, eine junge Deutschlehrerin in Nagasaki, verliebt sich in den Deutschen Konrad Weiss, doch die interkulturelle Liebe soll nur von kurzer Dauer sein. An dem Tag, an welchem er um ihre Hand anhält, wird er, wie so viele andere, durch die amerikanische Atombombe getötet. Hiroko wird nicht nur ihres zukünftigen Mannes beraubt, sondern auch ihres Vaters sowie ihrer körperlichen Unversehrtheit. Wenige Jahre nach Kriegsende bricht sie nach Delhi auf, wo Konrads Halbschwester Ilse Weiss, nun Elisabeth Burton, mit ihrem Mann James lebt. Stehen beide der unerwarteten Besucherin, einer Art Botin aus dem Jenseits, zunächst skeptisch gegenüber, gewinnt Hiroko doch bald die Zuneigung der Hausherrin und soll sich diese ein Leben lang erhalten. Die junge Japanerin ist ein sprachliches Ausnahmetalent und lernt mit Hilfe von James Sekretär Sajjad Ashraf, einem in Dilli lebenden Muslimen, in kurzer Zeit Urdu. Nicht nur sprachlich, auch sonst kommen sich die beiden näher, wenn auch die aufkeimenden Gefühle von den Burtons beargwöhnt werden. Wir schreiben in dieser Zeit das Ende des Britischen Empires, und nur dieses Ende macht eine Liebe zwischen dem japanischen Hausgast des britischen Besatzers und einem seiner dunkelhäutigen «Diener» möglich. Bald nach der Hochzeit und einem mehrmonatigen Aufenthalt in Istanbul emigriert das junge Paar nach Karachi. Als Hiroko bereits nicht mehr mit der Möglichkeit auf Mutterschaft gerechnet hat, wird ihr Sohn Raza Konrad geboren. Dieser hat das Sprachtalent seiner Mutter geerbt. Die japanische und die indisch/ pakistanische Physiognomie vermischend könnte er ohne weiteres auch einem afghanischen Stamm angehören. Die Bande, welche Hiroko nach ihrer Scheidung nunmehr mit Ilse Weiss verbinden, haben sich all die Jahre erhalten und schliessen auch Ilses Sohn Henry/ Harry, einen CIA-Agenten, sowie seine Tochter Kim mit ein. Wir begleiten die Protagonisten auf wechselnden Seiten bis nach den Ereignissen von 2001. Die Pakistani Kamila Shamsie strukturiert den Roman mit mehreren Zeitsprüngen und wechselnden Handlungsorten und umfasst damit nicht nur einen Erzählzeitrahmen von nahezu sechzig Jahren, sondern auch beinahe die ganze Welt. Ein literarisches Kleinod, welches weder Recht noch Unrecht zu sprechen versucht, lediglich für Verständnis wirbt. Auch nach 9/11. buchhandlung@amkronenplatz.ch www.buchhandlung-amkronenplatz.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


ALLTÄGLICHES INTERMEZZO nasses muss Von Isabelle Haklar ■ Ich bade täglich. Ja, Sie haben richtig gelesen, ich bade jeden Tag. Jeden Tag die Woche inklusive Wochenende, 365 Tage im Jahr, Winter wie Sommer. Nichts hasse ich nämlich mehr als einen feuchten Duschvorhang, der mir am Rücken klebt oder das Stehen, nachdem ich bereits den ganzen Tag stehend bestanden habe. Auch die Gefahr des Ausrutschens ist mir ein wahrer Greuel. Ausrutschen und mit dem Kopf hart am Wannenrand aufschlagen, davor habe ich Angst, grosse Angst. Obwohl ich niemanden kenne, der je mit dem Kopf gegen den Rand geknallt ist, bin ich sicher, dass dies gerade mir passieren könnte. Denn mir passiert, was sonst einem Normalsterblichen eher nicht geschieht. Ich würde es fertig bringen, nach einer ausgiebigen, warmen Dusche beim Aus-der-Wanne-Steigen auszurutschen und einen bleibenden Schaden davonzutragen. Absurd, ich weiss. Aus diesen Gründen ziehe ich ein Bad der Dusche vor, und dies eben tagtäglich. LESEZEIT Von Gabriela Wild ■ Versprochen ist versprochen. Wenn auch inzwischen x Rezensionen geschrieben wurden, die Autorin in aller Munde und preisgekrönt ist. Ich habe in der letzten Lesezeit angekündigt, dass ich über dieses Buch schreiben werde, also schreibe ich darüber. Basta. Zwar ist es immer ein bisschen eine Enttäuschung, wenn man glaubte, eine besondere Entdeckung gemacht zu haben, sich ganz auf sein eigenes literarisches Gespür verlassend und dann feststellt, dass das Buch ein Medienhit ist. Anderseits könnte man sich in seinem Urteil bestätigt fühlen. Da tappt man aber auch schon in die Ignorantenfalle – wie konnte man das bloss verpassen, in allen Medien besprochen und erst noch Gast an den Solothurner Literaturtagen: Die Rede ist von Sibylle Lewitscharoffs neustem Roman «Apostoloff». Wenn man Abrechnungsliteratur mag, ist man mit diesem Buch schon mal gut bedient. Zum Abrechnen gibt es schliesslich alle Tage was. Wer tagträumt nicht Abrechnungssze- Und alle, die bereits laut aufgeschrieen oder das Gefühl haben, dass ich über kein gesundes Umweltbewusstsein verfüge, sei zu meiner Verteidigung gesagt, dass ich die Wanne nie bis zum Rand fülle, sondern stets nur bis kurz vor die Hälfte. Zudem vertrete ich hartnäckig die Meinung, dass jeder Zwanzig-Minuten-Warmduscher, würde er zum Test den Wannenstöpsel am Grund verankern, danach dieselbe, wenn nicht gar grössere, Menge an Wasser in der Wanne hätte wie ich, die sich im Liegen Reinigende. Bis anhin war leider nur noch keine Person je bereit, sich auf dieses Vergleichsexperiment einzulassen. Alle, denen ich diesen Test vorschlug, verweigerten sich konsequent; was mich in meiner Meinung natürlich bekräftigt und mich weiterhin mit gutem Gewissen Tag für Tag in die Wanne gleiten lässt. Ein Problem, das meine Badeorgien jedoch mit sich bringen, ist das, dass ich einen unglaublichen Bademittelverschleiss an den Tag lege. Doch ich nehme an, dass sich in Zeiten der Wirtschaftskrise nen mit dem arroganten Chef, dem knausrigen Arbeitsamt, der nervtötenden Nachbarin, der miesen Wirtschaftslage, der schlechten Tageszeitung oder wie in Lewitscharoffs Fall mit dem Vater. Knallhart rechnet die Ich-Erzählerin mit dem Vater ab, der nicht nur tot, sondern aus eigenem Verschulden tot ist. Mit ihrer Schwester reist sie durch das «Vater-Land» Bulgarien, an dem sie den ganzen Vaterhass abklopft. Lustvoll und knackig speit sie Gift und Galle über alles Bulgarische: «Wir haben Bulgarien schon satt, bevor wir es richtig kennengelernt haben. Traurig, aber wahr, die bulgarische Sprache dünkt uns die abscheulichste von der Welt. So eine weichliche, plump vorwärtsplatzende Sprache, labiale Knaller, die nicht zünden wollen. Keinerlei Schärfe in den Konsonanten.» Vergeblich führt der bulgarische Chauffeur Apostoloff die beiden Schwestern zu Sehenswürdigkeiten wie der Keramik mit Pfauenaugendekor, an die Schwarzmeerküste. Er erntet bloss Spott. Das Pfauenaugendekor ist aus giftigem Kobaltblau, die Schwarzmeerküste komplett versaut. Zur Demonstration kotzt die Protagonistin an den Strand. Einzig die duldsame Schwester lässt Gnade walten, sowohl Literatur niemand darüber beklagt, ich auf diese Weise sogar meinen Teil zum Wirtschaftsaufschwung beitrage – wenn auch nur zu einem winzigen. Eigentlich sollte ich bei meinen Käufen allmählich Rabatt kriegen. Mir wäre gedient, wenn es, wie für Take-away Kaffees in grossen Berner Bäckereien, auch einen Zehner-Pass für Bademittelfl aschen geben würde. So kriegte ich dann im Schnitt alle zwei Monate die elfte Flasche umsonst. Doch leider ist dies nicht der Fall. Zu meinem Glück gibt es Feste wie Weihnachten oder das des Älterwerdens, sprich Geburtstag. Feste, an denen mich liebe Leute mit Fläschchen und «Gütterlis» aller Art eindecken, um nicht zu sagen überhäufen. Und sollten sich dennoch alle Flaschen auf einmal leeren, dann suhle ich mich eben im Shampoo. Denn ob Bademittel oder Shampoo, reinigen tun sie beide und meine Macke lässt sich auch wunderbar im Haarwaschmittel ausleben. Ach, was wäre ein Leben ohne Macken. mit ihrer zynischen Schwester als auch mit dem Schicksal des Vaters. Wie zur Entschädigung geht sie mit dem patriotischen Rumen Apostoloff ein Verhältnis ein. Immer wieder und unermüdlich taucht die Vaterfi gur auf, in Träumen, als hässliches Ding, langgezogen wie verschmierter Dreck am Abendhimmel, als verblichener Held einer verschwommenen Geschichte. Die Erinnerung an das «Unglück, das dieses Aas von einem Vater auf Häupter und Herzen seiner Töchter geladen hat» bleibt wach. Die Erzählerin reagiert darauf nicht mit Melancholie, sondern mit einer rabenschwarzen, erzkomischen Abrechnung. «Die Toten warten auf ihre Stunde, sie kommen höchstselbst und nicht nur im tintigen Pfuhl der Nacht. Ich aber bewahre kühlen Mut. Immerhin habe ich es geschafft, länger zu leben als der Vater und ein freundlicheres Leben zu führen als die Mutter. Nicht die Liebe vermag die Toten in Schach zu halten, denke ich, nur ein gutmütig gepfl egter Hass.» Lewitscharoff, Sibylle: Apostoloff. Roman. Suhrkamp, 2009. ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 39


Kultur & Gesellschaft CARL ALBERT LOOSLI verdingkind, aussenseiter, kämpfer, autodidakt... Von Barbara Neugel - Leben und Wirken des Schriftstellers Carl Albert Loosli 1877 – 1959 Foto: XXXX «Wenn ich an ihn denke, denke ich auch an Pestalozzi, Dunant, Gotthelf. Looslis einflussreiche Widersacher sind längst vergessen. Sein schöpferischer Unruhegeist wirkt weiter – und ist gerade heute notwendiger denn je.» (Alfred Häsler, Publizist, 1997) ■ Momentan wird in der Schweiz die Zeit der Verdingkinder hervorgeholt und – hoffentlich – aufgearbeitet. Im Käfi gturm in Bern ist dazu eine Ausstellung eingerichtet worden, in der auf einen Verdingbuben hingewiesen wird, der trotz schlechter Startbedingungen «Karriere gemacht hat», wie man heute sagen würde. Carl Albert Loosli. Geboren wurde er 1877 in Schüpfen. Als uneheliches Kind kam er zu einer Pfl egemutter. 1889 kurz vor ihrem Tod hat diese ihn im Erziehungsheim Grandchamp bei Neuchâtel untergebracht. Später, nach diversen Lehrabbrüchen, folgten zwei Aufenthalte in der Zwangserziehungsanstalt Trachselwald und in den Jahren 1898 und 1899 verschiedene Aufenthalte in Paris. Das war zur Zeit der «Affaire Dreyfuss», die ihn nachhaltig prägen sollte. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz begann Loosli als Gerichtsberichterstatter für die «Weltchronik» zu schreiben. Dies war der Grundstein für seine publizistische Tätigkeit, die sich durch sein ganzes Leben hindurch ziehen sollte. Was sich dabei änderte, waren die Art der Publikationen und deren Themen und Inhalte. Er schrieb später für die «Tagwacht», «Berner Bote», für «Schweizer-Kunst», er verfasste Publikationen zu Themen aus Kunst, Kultur und Kulturschaffen in der Schweiz, er schrieb Prosa, Gedichte, auch Satire und diverse Streitschriften – am bekanntesten von seinen Werken ist wohl heute noch der Gedichtband «Mys Ämmitaw». Dazu kam in der Zeit von 1921 bis 1924 eine vierbändige Biografi e über seinen Freund, den Künstler Ferdinand Hodler. 1924 erst veröffentlichte er mit «Anstaltsleben» seine «Betrachtungen und Gedanken eines ehemaligen Anstaltszöglings». Offensichtlich trug ihm diese Veröffentlichung Kritik ein, denn im folgenden Jahr sah er sich veranlasst, zu schreiben: «Ich schweige nicht! Erwiderung an Freunde und Gegner auf ihre Äusserungen zu ‹Anstaltsleben›». Zeit seines Lebens setzte sich Loosli als Lobbyist für die Jugend ein. Zeit seines Lebens kämpfte er gegen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung und forderte die Abschaffung der Erziehungsanstalten und ein besseres Jugendstrafrecht. Seinem radikalen Denken und entschlossenen Handeln war es zu verdanken, dass er auch etwas erreichte. Aber nicht nur die Jugend war Loosli, als selber Betroffenem, ein Anliegen. Ebenso vehement setzte der sich gegen die Judenfeindlichkeit in 40 ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


der Schweiz in den Jahren 1927 bis 1930 mit zwei Streitschriften zur Wehr. Und auch mit diesem Engagement schaffte er sich nicht nur Freunde. Im Gegenteil. Auch von intellektueller Seite kam keine Unterstützung. Doch Loosli blieb dabei, ihm ging es um die Freiheit des Menschen, um Demokratie und Menschlichkeit. Denn, so seine Befürchtung, würde sich der Antisemitismus durchsetzen, wären alle Minderheiten in Gefahr. Und zu einer Minderheit gehörte er selber. Er war als Verdingbub ein Ausgegrenzter, als Publizist ein Autodidakt, mit seinem Kampf und seinen Ansichten ein Unbequemer, ein Aussenseiter, jenseits des Mainstream. Doch nicht nur Jugend und Juden waren seine Themen. Wichtigste Anliegen waren für Carl Albert Loosli am Anfang des 20. Jahrhunderts die Erneuerung der Schweizer Kultur und mehr Anerkennung für die Kunstschaffenden. Er setzte sich ein, wo er Missstände und Ungerechtigkeiten ortete und griff damit auch in die Kulturpolitik ein. Er kämpfte für die Rechte seiner Künstlerfreunde – unter ihnen die Maler Ferdinand Hodler, Max Buri, Emil Cardinaux, Rodo von Niedernhäusern, Albert Trachsel. Als Zentralsekretär der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten GSMBA vertrat er ihre Interessen auf Bundesebene. Und als Mitbegründer und bis 1930 Präsident des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins SSV beschäftigte ihn die Frage, wie sich die ewige materielle Not der Kulturschaffenden verbessern liesse. Seine Antwort: Durch die Stärkung der Kulturorganisationen. Ein Thema, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat. «Ich brauche nichts umzulügen, nichts zu verbergen – ich darf alles, die volle Wahrheit sagen, weil ich nichts zu verlieren, folglich auch nichts zu fürchten habe.» (Carl Albert Loosli) Loosli verstand sich als politischer Autor und als Berufsschriftsteller. Die meisten anderen Schriftsteller seiner Zeit gingen einem Broterwerb nach und schrieben nebenher. Obwohl Loosli für da- malige Verhältnisse mit fortschrittlichen Mitteln arbeitete – er benützte schon früh eine moderne Schreibmaschine und fremde Recherchedienste –, hatte er mit fi nanziellen Nöten zu kämpfen. Ohne seine Frau Ida, die er 1903 geheiratet und mit der er fünf Kinder hatte, wäre er kaum über die Runden gekommen. Sie war es, die einen Gemüse- und Beerengarten zur Selbstversorgung pfl egte. Und weil die Familie Loosli immer offen für die Nöte anderer war, erhielt sie in ihrem Wohnort Bümpliz auch immer Unterstützung. Carl Albert Loosli verkehrte in den Wirtschaften von Bümpliz, der Apotheker half ihm, Gemälde seiner Künstler-Freunde zu verkaufen. Er war im Dorf verankert und zugleich weltoffen und mit den grossen Fragen seiner Zeit beschäftigt. Als Multitalent, als äusserst vielseitig begabter und engagierter Mann, als Intellektueller, der er auch war, ist er schwer fassbar. Heute, fünfzig Jahre nach Carl Albert Looslis Tod, liegt die 7-bändige Ausgabe seiner Werke vollständig vor (Hrsg. Fredi Lerch und Erwin Marti, Carl Albert Loosli Werkausgabe in 7 Bänden, Rotpunktverlag). Einen anderen Zugang zu Loosli eröffnet die 3-bändige Biogragfi e von Erwin Marti. Und last but not least: Die Carl-Albert-Loosli-Gesellschaft hat in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek eine Ausstellung realisiert (Realisation: palama3), die noch bis zum 30. August 2009 geöffnet ist und von zahlreichen Rahmenveranstaltungen begleitet wird: «Ich schweige nicht! Carl Albert Loosli 1877 – 1959, Schriftsteller.» Diese Ausstellung gibt einen Überblick über Leben und Werk von Carl Albert Loosli und über die Zeit, in der er gelebt hat. «Loosli ist aktuell... Weil er nicht schweigt. Weil Zivilcourage gefragt ist. Weil er sich differenziert mit rechtlichen Fragen auseinandersetzt. Weil er mit seinen Mitmenschen stets respektvollen Umgang pfl egt, unabhängig von Geschlecht, sozialer Klasse, Glaubensichtung oder Ethnie. Weil seine spitze Feder und seine scharfsinnige Kritik uns nicht kalt lassen.» (Natalia Schmuki, Fürsprecherin und Notarin, 2009) www.nb.admin.ch/ausstellungen www.carl-albert-loosli.ch www.palma3.ch Kultur & Gesellschaft SENIOREN IM WEB Von Willy Vogelsang, Senior ■ Machen Sie gerne neue Bekanntschaften? Oder fl iegen Sie gerne mit noch unbekannten Reiseteilnehmern an interessante Orte aus? Dann lade ich Sie ein! Ausfl iegen ist zwar nicht wörtlich zu verstehen. Es kann ja auch eine Wanderung sein, oder eine Besichtigung, oder der Besuch einer Ausstellung. Vor einigen Tagen habe ich einen solchen Ausfl ug mit einer Gruppe von zwanzig Senioren erlebt, die sich auf Einladung der Berner über Seniorweb gemeldet haben. Die etwa einstündige Wanderung durch die enge Aareschlucht wurde zu einem eindrücklichen Erlebnis. Auf dem Picknick-Platz beim Ostausgang verpfl egte sich die vergnügte Schar mit Würstchen vom Feuer und mitgebrachter Tranksame. Die Meiringen-Innertkirchen-Bahn brachte uns anschliessend zur KWO-Zentrale, wo uns in einer Führung die Verwandlung von Wasserkraft in elektrische Energie hörbar und erlebbar präsentiert wurde. Sie können die Erlebnisse nachlesen in einem Bildbericht, der im Forum «Reisen» auf Seniorweb.ch aufgeschaltet ist. Es war ein zufriedener Tag mit vielen Kontakten und Gesprächen. Teils unbekannte Leute begegneten sich dabei von Basel, Bern, der Innerschweiz und sogar aus der Ostschweiz. Einige kennen sich von gelegentlichen Beiträgen und Diskussionen in den Foren. Dann gibt es jeweils ein herzliches Entdecken der realen Personen, die oft hinter einem Nicknamen im Web auftreten. Die Initiative für solche Begegnungen erfolgt von den verschiedenen regionalen Gruppen in der ganzen Schweiz. Seniorweb.ch bietet ihnen die Plattform, ihre Ideen bekannt zu machen und einzuladen. Im Monat Juni sind Events geplant, die mich alle reizen, dabei zu sein! Die Basler erklettern den 250 Meter hohen Chrischona-Sendeturm am 10. Juni. Der Aargauer Rüeblistamm lädt ein zu einer kleinen Wanderung an der Reuss ab Künten (18. Juni). Der Züriseehöck besucht den Flughafen UNIC; eine einmalige Gelegenheit, eine geführte Tour hinter die Kulissen und an die Startpisten dieses Tors zur Welt zu erleben (27. Juli, bis 25. Juni anmelden!). Die Zentralschweizer entführen uns ins Melchtal, mitten in die Alpenfl ora mit Heilkräutern (21. Juni ab Luzern). Nicht zu vergessen ist die Gruppe der Macianer, die sich regelmässig im Raum Bern zu Workshops und Übungsnachmittagen zusammenfi ndet. Alle diese Angebote fi nden Sie auf der Startseite des seniorweb.ch in der linken Spalte unter Club Seniorweb > Gruppen. Falls es Sie auch juckt, dabei zu sein, schauen Sie herein! www.seniorweb.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 41


Kultur & Gesellschaft ■ Multimediale Kunst unter freiem Himmel vorzufi nden mag überraschen. Besonders erstaunlich ist es, wenn der Schauplatz eine Stadt ist, die man zuletzt mit Gegenwartskunst in Verbindung bringt. Dass in Florenz Zeitgenössisches neben dem historisch überlieferten Kulturreichtum durchaus Bestand hat, versucht das Centro di Cultura Contemporanea Strozzina mit seiner Tätigkeit zu beweisen. Parallel zu den wechselnden Ausstellungen im Untergeschoss des Palazzo Strozzi werden internationale Künstler damit betraut, im Innenhof des Renaissancebaus eine Installation zu realisieren. Zurzeit lockt der in Zürich lebende Künstler Yves Netzhammer mit «Inventories of Abstraction» den Besucher auf Erkundungstour. Von der Strasse her ist die Installation nur mit einem Blick durch die geöffneten Palazzo-Tore zu erhaschen. Die wuchtigen Aussenmauern und der blickgeschützte Hof verraten, dass in der Architektur ein völlig anderes Konzept festgehalten ist, als es die Fondazione Palazzo Strozzi verfolgt. Statt auf ein Stück abgeschiedene Privatsphäre zu bestehen, wie sie das aufgestiegene Bürgertum in der Renaissance geschaffen hat, laden auf drei Gebäudeseiten geöffnete Tore die Passanten ein, das Baudenkmal zu betreten. Mit einem experimentellen Konzept, das historische und zeitgenössische Ausstellungen ebenso umfasst wie ein Café und einen Bookshop, versucht sich die Fondazione Palazzo Strozzi nicht nur von den etablierten Institutionen in Florenz abzuheben, sondern möchte auch ein möglichst vielschichtiges Publikum ansprechen. Die Menschenmenge, die sich im historischen Stadtgebiet aufhält und bewegt, stösst im Innenhof des Palazzos auf Netzhammers im Profi l ausgesägte Rehherde. Wer sich zwischen den schwarzen, 42 Bild: Yves Netzhammer (rechts) Bernd Schurer, Sound, (links) im Innenhof des Palazzo Strozzi Foto: Sonja Gasser AUSSTELLUNG animationskunst und renaissance-architektur Von Sonja Gasser - Eine Installation von Yves Netzhammer im Palazzo Strozzi in Florenz durch Latten verbundenen Körperhälften bewegt, begeht die Pfade eines Labyrinths. Auf den Wegen sind sonderbare Objektzusammenstellungen anzutreffen, die aus eigenartigen Verbindungen von Tieren mit Gegenständen aus der Zivilisation hervorgehen. Nicht weniger skurril sind die Computeranimationen, die geschützt im Innern von Holzgehäusen gezeigt werden. Lautsprecher, die an den Säulen um den 14,5 auf 7,5 Meter grossen Innenhof befestigt sind, beschallen die Szenerie mit bizarren Klängen. Ausgangslage für das auf den Palazzo abgestimmte Konzept der Installation ist Netzhammers Beschäftigung mit dem geschichtsträchtigen Ort. In der Renaissance wurden die aus Naturbeobachtungen gewonnenen Erkenntnisse, gegenüber dem in mittelalterlichem Glauben vorherrschenden angenommenen Wissen, bedeutend. Das Ablösen der Religion durch die Wissenschaft führte von einem auf das Jenseits ausgerichteten zu einem auf das Diesseits bezogenen Leben. Gesellschaftlich gesehen bewirkte das neue Selbstbewusstsein des Individuums einen kulturellen Aufbruch und machte neue Bauaufgaben, auch zur privaten Repräsentation, möglich. In diesem Sinn ist der Palazzo ein zu Stein gewordenes, Generationen überdauerndes Zeugnis der damaligen Weltanschauung. Das Bauwerk dient nun als Kulisse für eine Installation, in der es erneut um eine Auseinandersetzung der Zivilisation mit der Natur geht. Zahlreiche Motive wie Tiere, Spiegel, Wasser, rote Kugeln, Pfeile oder Möbel, die sowohl als Objekte Bestandteil der Installation sind, als auch in den Animationen wieder aufgenommen werden, bilden den Ausgangspunkt für assoziative Verbindungen. Erkundet in der realen Welt der Installationsbesucher die vom Künstler gestaltete Umge- bung, ist es in der virtuellen Welt ein animiertes Figürchen, das Erfahrungen mit seiner Umwelt macht. Dieser geschlechtslose Niemand, der ständig neue Rollen und Funktionen einnimmt, prägt Netzhammers gesamtes Kunstschaffen. Wie in der Installation für die Biennale in Venedig 2007 und in anderen Werken ist der Prototyp, wie er seine Figur nennt, immer wieder surrealen Transformationen und Ortsversetzungen ausgeliefert. Brüche in der Narration und das Spiel mit dem Einlösen und Nichteinlösen von Erwartungen machen deutlich, dass die Bedingungen in den Animationen eigenen Regeln folgen, die von den Gesetzmässigkeiten der Welt, wie wir sie kennen, abweichen. «Ein Spiegel hat», wie Netzhammer sagt, «nicht mehr die Funktion, dass man sich selbst darin erkennt, sondern er nimmt neue Eigenschaften an». Objekte werden beispielsweise nicht mehr auf der Spiegeloberfl äche festgehalten, sondern vom Spiegel absorbiert. In einem sackartigen Auswuchs zeichnen sich die Umrisse verschiedener Gegenstände ab. Was einerseits virtuell in einer Computeranimation dargestellt wird, ist andererseits als real gewordenes, dreidimensionales Objekt in der Installation wiederzufi nden. In neuen Kontexten erscheinende Gegenstände aus der Alltagswelt erwirken einerseits eine Verfremdung, sorgen andererseits zusammen mit den wiederkehrenden Themen Leben, Sexualität und Liebe dafür, dass der Betrachter immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. In der Installation geht der reale Raum mit dem virtuellen Raum zahlreiche Wechselbeziehungen ein und mittendrin in diesem Gestrick von Vernetzungen befi ndet sich der Besucher. Die Installation bleibt noch bis zum 12. Juli frei zugänglich. ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


BERN UND REGION herr der metalle Von Bettina Hersberger Bild: zVg. ■ Station Worb Dorf: Schon von Weitem ist sie zu erkennen, die grün-gelbe Metallpalme aus einer ausgedienten Strassenlaterne. Die Industriedächer überragend, glänzt sie in der gleissenden Mai-Sonne als Wegweiserin zu einem Garten der besonderen Art: Dem Metallgarten des Künstlers Roger Bertsch alias «Eisenbezogen». Alles begann mit dem Schild «Schrott-Renovationen». Was bis 1992 noch die Produktionshalle der Verzinkerei Worb war, ist seither der Schaffensraum von Roger Bertsch. Metallkünstler oder Eisenplastiker wird er genannt, er selbst bezeichnet sich als «Eisenbezogen». Bertsch macht sich nicht viel aus dem Wort «Kunst» und seiner Defi nition. «Kunst ist für mich, wenn eine alleinerziehende Mutter ihre Kinder so grosszieht, dass diese mit 18 in die Gesellschaft entlassen werden können», sagt er. Auch sonst ist er weniger ein Mann der grossen Worte, vielmehr ein Mann der grossen Taten, ein Macher eben; bodenständig, ausgeglichen, ein Naturbursche, der auch mal auf dem Traktor sitzt. Eigentlich wollte er Bauer werden, damals, aber es ist anders gekommen. Ein Musikstudium am Berner Konservatorium aus Leidenschaft und eine Schlosserlehre aus Vernunft haben ihm den Weg für sein zukünftiges Schaffen geebnet. Bertsch weiss, was er will. Und er macht, was er will. Er packt seine Vorhaben couragiert an, sucht – und fi ndet – Wege, seine Visionen umzusetzen. Das macht ihn aus. Anfangs hat er nicht nur in der alten Verzinkerei gearbeitet, sondern auch gewohnt. Die fi nanzielle Belastung einer zusätzlichen Wohnung hät- te seinen Rahmen gesprengt. Was wäre, wenn er nochmals zurück, nochmals von vorne beginnen könnte? «Wahrscheinlich würde ich es wieder so machen, wie ich es gemacht habe. Vielleicht würde ich aber auch Antiquitätenhändler werden.» So vielseitig wie der 47-jährige Künstler selbst ist auch sein Raum. Wenn Bertsch sich in die Rolle des Gastgebers begibt für geschlossene Gesellschaften, dann verwandelt sich der Metallgarten in ein Kulinarium. Gläser und Besteck glänzen auf weissen Tischtüchern, Kerzenfl ammen lodern, imposante Blumenbouquets, ein buntes Buffet voller Köstlichkeiten und der musikalische Beitrag sind ein Schmaus für alle Sinne. Am Tag danach zeugen nur noch ein Wäschezuber mit frisch gewaschenen weissen Tischtüchern, ein blank geputzter Tresen und die Blumenbouquets vom feierlichen Anlass. Der Metallgarten ist wieder ganz der alte. Wüsste man nicht, dass in dieser alten Fabrikhalle aus glühenden Eisen neue Skulpturen geschmiedet und alte Skulpturen restauriert werden, so würde man glatt denken, man befi nde sich in einem Antiquariat. Roger Bertsch liebt alte Kunstobjekte, Sammlerstücke, Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Ein altes Jugendstil-Eisentor, reich verziert mit Ranken und Rosetten - gerettet aus einem Vorratskeller hinter allerlei Eingemachtem - nennt er seinen «Spickzettel». Da steht auch ein Opel von vorgestern, knallorange, auf Hochglanz poliert. Ein Fernseher, ein Motorrad aus derselben Ära. Regale, übervoll mit allerlei Abgewracktem und Aufgemöbeltem. In einer Ecke die Esse, in der Bertsch die Kultur & Gesellschaft Eisen zum Glühen bringt. Er haut aber nicht nur gekonnt aufs Eisen, sondern auch auf die Pauke. Auf einem Podest – der Bühne – steht sein Schlagzeug, fl ankiert von einer roten und einer silbernen Rakete. Kunstwerke aus des Künstlers Hand, um die sich Buck Rogers mit Flash Gordon streiten würde. Ein Alchimist scheint er zu sein, Roger Bertsch alias Eisenbezogen, wie er alte, verrostete Mistgabeln in eine zierliche Libelle verwandelt oder aus Schrott den Tantalos-Brunnen schmiedet: Ein spiralförmiges Eisenwerk, gekrönt von fünf Händen, jede von ihnen eine Schale haltend. Die Hände stehen als Symbole für die fünf Kontinente. Und alle dürsten sie nach Wasser, kommen aber nicht nahe genug heran. Tradition im Metallgarten sind die öffentlichen Silvester-Feten. Das alte Jahr wird musikalischkulinarisch verabschiedet und das neue klingend begrüsst. Legendär sind die Kerzennächte, in denen der Metallgarten zu einem Lichtergarten wird. Dann brennen 200 Kerzen auf kunstvoll geschmiedeten Eisenständern. Ein letzter Blick hoch zur Palme mit ihren rostfarbenen Kokosnüssen, die Abendsonne blendet noch. Ein warmer Mai-Tag geht zu Ende, ein Vorbote des Sommers. Aber auch der nächste Sommer geht vorüber und ihm folgen wieder düstere, kühle Herbsttage. Dann ist es höchste Zeit für die nächste Kerzennacht im Metallgarten von Roger Bertsch alias Eisenbezogen. Info: www.eisenbezogen.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 43


Kultur & Gesellschaft SCHÜLER FOTOGRAFIEREN wo fotografi e und sprache zusammentreffen Von Anita Di Domenico, Fotografi n Bild: zVg. ■ Die Idee, ein Fotoprojekt mit Schulkindern zu realisieren, ist eher zufällig entstanden. Die vielen Elektrozählrahmen – ein Recyclingprodukt aus Holz –, die ich seit gut acht Jahren bei mir im Studio habe, und die aus renovierten Altbauten der Berner Längasse stammen, wollte ich schon immer für eine Präsentation einsetzen. Dank der fi nanziellen Unterstützung verschiedener Unternehmen war es mir nun möglich, ein kreatives Fotoprojekt zu erarbeiten, für das diese Holzrahmen wie geschaffen sind. Die Fotografi nnen und Fotografen dafür waren bald gefunden. Frau Maya Stadler, Klassenlehrerin der Klasse 4d Geisshubel, Zollikofen, begeisterte sich für die Idee, mit ihrer Klasse und mir ein Gemeinschaftswerk zu erarbeiten. Fotografi eren wie die Profi s Im Klassenzimmer standen zwei Kameras auf Stativen bereit sowie ein schwarzer und ein weisser Hintergrund. Die Klassenlehrerin hatte die Kinder zuvor angeregt, sich mit Zeitzeugen aus ihrem Schulalltag auseinanderzusetzen. Der Auftrag lautete, in die Zeit zu reisen, und einen Gegenstand aus ihrem Schulalltag mitzunehmen. Die Kinder wussten nicht, ob sie die Zeitreise in die Vergangenheit oder in die nahe Zukunft bringen würde. Doch sie sollten den Menschen, die sie in dieser «neuen Welt» antreffen würden, ihren Gegenstand zeigen und näher bringen – festgehalten auf einem Foto. Die verschiedenen Schulobjekte wurden von den Kindern dafür arrangiert und ins richtige Licht gerückt. Die «geübten Fotografi nnen und Fotografen» unter ihnen konnten bereits vor der Aufnahme das Bildfeld der Kamera mitberücksichtigen. Denn das Format des Bilderrahmens entspricht in keiner Weise dem Bildfeld der Digital SLR Camera. Das war schon ein bisschen kniffl ig. Ich stand den Kindern deshalb unterstützend zur Seite und konnte mein Wissen und meine Erfahrung als langjährige Fotografi n einsetzen. Aus ihren Fotografi en durften die Kinder ihr Lieb- 44 lingsbild wählen und zur Besprechung in den Unterricht mitbringen. Die Kinder, die Lehrerin und ich hatten anregende und aufschlussreiche Gespräche über die Bildwahl und die Gründe dafür. Für mich als Fotografi n begann damit der künstlerische Teil, die Bildbearbeitung. Sprachliche Auseinandersetzung Fotografi eren ist nicht nur knipsen. Wie und was fotografi ere ich, und warum fotografi ere ich gerade dieses Motiv? Auch die Kinder von «schüler fotografi eren» mussten sich diese Fragen stellen und ihre Bilder refl ektieren. Der mittels Fotografi e festgehaltene Gegenstand ist der Rohstoff, das Ausgangsprodukt. Was wir damit erschaffen und wie wir das Bild präsentieren und interpretieren, ist das Produkt. Auf diese Weise mussten auch die Kinder an ihre Fotografi en herantreten und sich mit ihnen auseinandersetzen. Nicht nur gestalterisch, sondern auch sprachlich. Erklären, wie sie das Projekt erlebt haben, was ihnen gerade an diesem Bild gefällt, warum sie diesen Gegenstand aus ihrem Schulalltag gewählt haben: Fotografi e und Sprache treffen zusammen. Die Kinder schreiben auch Gedichte zu ihren Fotografi en. Die Gedichte werden «Elfchen» genannt, weil sie nur aus elf Wörtern bestehen dürfen. Elf Wörter auf fünf Zeilen: erste Zeile ein Wort, zweite Zeile zwei, dritte Zeile drei, vierte Zeile vier Wörter, fünfte Zeile ein Wort. Alle Kinder haben versucht, ihr Bild in einem «Elfchen» zu beschreiben und zu erklären. Es ist ein wahrer Genuss, all diese Gedichte zu lesen. Die Ausstellung kann bis Ende August in der Treppenhausgalerie der Gemeindeverwaltung Zollikofen während den Schalteröffnungszeiten (www.Zollikofen.ch) betrachtet werden. Kontakt: Anita Di Domenico, Zollikofen Info: www.kunst-im-netz.ch Immer mehr Menschen wollen ein ensuite-Abo. Warum wohl? www.ensuite.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09

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