Kunstmuseum Bern - Ensuite

ensuite.ch

Kunstmuseum Bern - Ensuite

ensuite

Nr. 78 Juni/Juli 2009 | 7. Jahrgang

k u l t u r m a g a z i n

Ausgabe Bern


Ich

schweige

nicht!

Kunstmuseum Bern

Hodlerstrasse 8 – 12 | CH-3000 Bern 7

T +41 31 328 09 44 | www.kunstmuseumbern.ch

Öffnungszeiten: Di 10h – 21h | Mi – So 10h – 17h

RETROSPEKTIVE

MOSER

WEGZEICHEN

BIS 14.6.2009

TRACEY EMIN

20 YEARS

24.6 – 27.9.2009

BIS 21.6.2009

Peter Radelfinger

Alle haben einen blauen Finger

Carl Albert Loosli 1877–1959

Schriftsteller

15. Mai bis 30. August 2009

Schweizerische Nationalbibliothek, Bern

Eine Ausstellung der Carl-Albert-Loosli-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem

Schweizerischen Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek

weitere Informationen: www.palma3.ch


Impressum

Herausgeber: Verein WE ARE, Bern Redaktion: Lukas Vogelsang

(vl); Anna Vershinova (av) // Robert Alther, Jasmin Amsler, Peter

J. Betts (pjb), Simon Chen, Luca D‘Alessandro (ld), Sonja Gasser,

Isabelle Haklar, Bettina Hersberger, Guy Huracek (gh), Florian

Imbach, Till Hillbrecht (th), Ruth Kofmel (rk), Hannes Liechti (hl),

Andy Limacher (al), Irina Mahlstein, Monique Meyer (mm), Barbara

Neugel (bn), Eva Pfi rter (ep), Tatjana Rüegsegger, Barbara Roelli,

Rebecca Panian, Christoph Simon, Kristina Soldati (kso), Antonio

Suárez Varela (asv), Willy Vogelsang, Simone Wahli (sw), Konrad

Weber, Simone Weber, Sonja Wenger (sjw), Gabriela Wild (gw), Katja

Zellweger, Ueli Zingg Cartoon: Bruno Fauser, Bern; Telefon 031 312

64 76 Kulturagenda: kulturagenda.ch; ensuite - kulturmagazin,

allevents, Biel; Abteilung für Kulturelles Biel, Abteilung für Kulturelles

Thun, interwerk gmbh. Korrektorat: Lukas Ramseyer

Abonnemente: 77 Franken für ein Jahr / 11 Ausgaben, inkl. artensuite

(Kunstmagazin) Abodienst: 031 318 6050 / abo@ensuite.ch

ensuite – kulturmagazin erscheint monatlich. Aufl age: 10‘000

Gesamtaufl age 30‘000 (Bern und Zürich)

Anzeigenverkauf: inserate@ensuite.ch Layout: interwerk gmbh:

Lukas Vogelsang Produktion & Druckvorstufe: interwerk gmbh,

Bern Druck: Fischer AG für Data und Print Vertrieb: Abonnemente,

Gratisaufl age an 350 Orten im Kanton Bern; passive attack,

Telefon 031 398 38 66 Web: interwerk gmbh

Hinweise für redaktionelle Themen (nicht Agendaeinträge!)

erwünscht bis zum 11. des Vormonates. Über die Publikation

entscheidet die Redaktion. Bildmaterial digital oder im Original

senden. Wir senden kein Material zurück. Es besteht keine Publikationspfl

icht.

Agendahinweise bis spätestens am 18. des Vormonates über unsere

Webseiten eingeben. Redaktionsschluss der Ausgabe ist

jeweils am 18. des Vormonates. (siehe www.kulturagenda.ch)

Die Redaktion ensuite - kulturmagazin ist politisch, wirtschaftlich

und ethisch unabhängig und selbständig. Die Texte repräsentieren

die Meinungen der Autoren/innen, nicht jene der Redaktion.

Copyrights für alle Informationen und Bilder liegen beim Verein

WE ARE in Bern und der edition ■ ensuite. «ensuite» ist ein

eingetragener Markenname.

Redaktionsadresse:

ensuite – kulturmagazin

Sandrainstrasse 3

CH-3007 Bern

Telefon 031 318 6050

E-Mail: redaktion@ensuite.ch

ensuite.ch

Titelseite und Bild links:

Community Arts Festival mit der Candoco Dance

Company spielt in der Dampfzentrale am 17. Juni.

ENSUITE IM SOMMER

■ Mit dem überwältigenden JA! für den Künstler-PROGR

hat Bern kulturpolitisch ein Zeichen

gesetzt: Dieses JA! hat eine kulturelle Bewegung

formiert und gleichzeitig diese Bewegung der

Stadtpolitik entzogen: Der PROGR ist «privatisiert»,

sozusagen. Die öffentlichen Kulturkonzepte

haben auf den PROGR keinen Einfl uss mehr, wie

auch die gesamten zukünftigen politischen Interventionen.

Das enthält natürlich eine gewisse Brisanz. Ich

habe nicht Angst, dass der PROGR mit der Finanzierung

Probleme haben wird. Was einem selber

gehört, das erhält mehr Herzblut, und es macht

jetzt für Aussenstehende Sinn, in den PROGR zu

investieren. Die Gefahr lauert sodann auf einer

anderen Seite: Aus dem Provisorium freigelassen,

kann der PROGR jetzt loslegen und seine Magnetkraft

verstärken. Das werden die anderen Kulturveranstalter

zu spüren bekommen – just jene, die

subventioniert sind. Und so wird die Dynamik des

PROGR wie ein Schatten über diesen liegen…

Einen langen Schatten wirft aber auch die Diskussion

um das Berner Ballett. Weiss der Himmel,

was für eine Schnapsidee es ist, ein Ballett zu opfern,

nur um ein bisschen Geld sparen zu wollen

- obwohl alle wissen, dass es ein Trugschuss ist.

Anstatt gewaschen, werden stinkende Socken

einfach weggeworfen. Die Stadttheater-Führungskräfte,

und dabei meine ich die AdministratorInnen,

führen sich auf wie die Kapitäne eines sinkenden

Schiffes: Sie springen erst ganz am Schluss.

Diese Politik zeigt vor allem auf, wie phantasielos,

wirtschaftsfremd und uninteressiert die Leitung

vom Stadttheater Bern an ihrem Theater ist. Dabei

zeigt gerade eine PROGR-Abstimmung den wahren

BernerInnen-Willen.

Mit viel Willen bauen wir zur Zeit das ensuite

– kulturmagazin neu auf. Mit der Nummer 80

(August) wollen wir ein Zeichen gegen den medialen

Zerfall der Kulturmedien setzen. Die «Berner

Zeitung» macht auf Promi-Bildli, «Der Bund» wird

zum Snob-Tagi, der Tagi-Züritipp ist zu kommerziell

und die «NZZ» hat aufgegeben. Zeit, dass die

Medien Kultur wieder ernster nehmen.

Lukas Vogelsang

Chefredaktor

INHALT

BÜHNE

«vielleicht werde ich von der waschküche aus dirigieren

müssen!» 4 | prinzessin, hexe, punk und

clown – mein leben als theaterstudentin 6 | Lasst

mich den Löwen auch noch spielen! 7 | «corpus

delicti» von juli zeh am luzerner theater 9 | so

ein chaos 9 | tanz der gegenwart: folge XI 11

CINÉMA

terminator: salvation 31 | rumble fi sh 32 | state

of play 33

KULTUR & GESELLSCHAFT

von menschen und medien / fauser cartoon 17 |

zwischen bayern und bern – #2: essen und trinken

18 | tratschundlaber 33 | am horizont stand ein

riese 37 | nasses muss 39 | verdingkind, aussenseiter,

kämpfer, autodidakt... 40 | senioren im

web 41 | animationskunst und renaissance-architektur

42 | herr der metalle 43 | wo fotografi e

und sprache zusammentreffen 44

LIFESTYLE

die alleskönnerin 19 | épis fi ne 28 | mächtig ist,

wer isst 29

LITERATUR

fi losofenecke 31 | benioff, hermann, shamsie 38 |

lesezeit 39

MUSIK

variaTango 15 | im karrierefl ug – aber keineswegs

abgehoben 21 | ausfl üge des pop 22 | die solitäre

23 | «viele leute sehen in mir nach wie vor den

nachrichtensprecher» 25 | «katzenmusik können

wir uns nicht leisten» 27 | roberta gambarini

- so in love 28

KULTURAGENDA

kulturagenda bern 45 | biel 66 | thun 70

Mit Dank für die fi nanzielle Unterstützung:

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 3


Bühne

OPERNHAUS BERN: SRBOLJUB DINIC

«vielleicht werde ich von der

waschküche aus dirigieren müssen!»

Interview: Melania Loforti Foto: Valérie Chételat

■ Srboljub Dinic, Chefdirigent und Musikalischer

Direktor am Stadttheater Bern, startet zu einem

weiteren Höhenfl ug: In der nächsten Spielzeit wird

er in einem Hochhaus im Gäbelbach die Oper «La

Bohème» dirigieren. Kein leichtes Unterfangen, wie

er dem «ensuite - kulturmagazin» verrät. Tatsächlich,

Dinic stellt sich gerne schwierigen Aufgaben.

Das hat er kürzlich mit der akribisch erarbeiteten

Kelten-Oper «Fervaal» bewiesen. «ensuite - kulturmagazin»

hat mit Srboljub Dinic über die neue

Spielzeit, seine Vorbilder und das Berner Kulturangebot

gesprochen, welches in Krisenzeiten beinahe

davontanzt.

ensuite - kulturmagazin: Herr Dinic, Sie dirigieren

in dieser Spielzeit den über vier Stunden

langen «Rosenkavalier». Wie bereiten Sie sich

auf eine so lange Vorstellung vor?

Srboljub Dinic: Für jede Vorstellung des «Rosenkavaliers»

bereite ich mich stets einige Tage im

Voraus vor. Am Tag der Vorstellung konzentriere

ich mich vorwiegend auf die schwierigsten Stellen.

Dabei führe ich mir den ganzen Ablauf vor Augen.

Ich versuche möglichst ausgeruht und entspannt

zu bleiben, um am Abend ganz konzentriert diese

anspruchsvolle Musik von Richard Strauss zu dirigieren.

Ende Mai fand im Stadttheater die Premiere

der Oper «Fervaal» statt, ein weitgehend

unbekanntes und sehr anspruchsvolles Werk,

das erstmals in Bern zu hören ist. Was war die

Schwierigkeit?

Die Schwierigkeit liegt darin, den Zugang zu

diesem Werk zu fi nden, denn es bestehen kaum

Hintergrundquellen zum Stück. Es existiert auch

keine integrale Aufnahme, sondern nur wenige

Ausschnitte, welche 1962 bei Radio France aufgenommen

wurden. Immerhin wurden zwei wissenschaftliche

Studien über das Stück veröffentlicht.

Diese waren sehr hilfreich und haben mir den Zugang

zum Werk ermöglicht.

Was für eine Musik erwartet den Besucher?

«Fervaal» ist ein sehr komplexes Stück mit einer

grossen Orchesterbesetzung und Instrumenten,

die nicht täglich zu hören sind, beispielsweise

Bügelhörnern, Saxhörnern und Saxofonen. Die Instrumente

zeigen eine deutliche Ausprägung des

«Wagnérisme» in dieser Musik. 27 Leitmotive begleiten

den Hörer durch das ganze Stück. Der französische

Komponist Vincent d’Indy liess sich nicht

nur vom Orchesterklang, sondern ebenso von der

Atmosphäre und dem geschichtlichen Hintergrund

von Wagners Opernhandlungen inspirieren. Es

vereint das Flair des Komponisten für Wagner mit

Klängen von Komponisten der französischen Spätromantik.

Wie kam es zur Wahl dieses Stücks?

Das Musiktheater verfolgt das Konzept, selten

gespielte Stücke mit hoher musikalischer Qualität

vorzustellen. «Fervaal» steht zudem im Zusammenhang

mit der Ausstellung «Kunst der Kelten»

im Historischen Museum Bern. Als Alternative

wäre auch Bellinis «Norma» in Frage gekommen.

Am Ende fi el die Entscheidung auf «Fervaal» - eine

Wahl, welche für alle eine grosse Herausforderung

darstellt.

In der kommenden Spielzeit werden einige

spannende Werke aufgeführt, etwa «Dialogues

des Carmélites» von Francis Poulenc oder «Eugen

Onegin» von Peter Tschaikowski. Können

Sie dazu schon etwas verraten?

Eugen Onegin ist meine Lieblingsoper. Es war

mein Wunsch, diese dem Berner Publikum vorzustellen.

In Anbetracht des grossen Erfolgs von

Tschaikowskis «Mazeppa» vor einigen Jahren bin

ich überzeugt, dass auch dieses russische Werk

beim Publikum grossen Anklang fi nden wird. Bei

Poulencs «Dialogues des Carmélites» wiederum

ist besonders die grosse Orchesterbesetzung interessant.

Soviel kann ich schon verraten: Für

die Titelrolle der Blanche konnten wir die in Bern

bestens bekannte und beliebte Sopranistin Rachel

Harnisch engagieren. Auf diese Zusammenarbeit

freue ich mich besonders.

Für welches Opernrepertoire können Sie sich

am meisten begeistern?

Ich habe eine besondere Liebe für das italienische

Opernrepertoire, wobei ich besonders Puccini

bewundere. Ich freue mich, dass wir die neue Spielzeit

mit seinem Werk «La Bohème» eröffnen.

Das soll ja spannend werden: «La Bohème»

wird in einem Hochhaus im Gäbelbach gespielt

und live am Schweizer Fernsehen ausgestrahlt.

Wie soll man sich das vorstellen?

Das wird ein sehr komplexes Projekt, vor allem

in technischer Hinsicht. Es erfordert eine anspruchsvolle

Koordination zwischen der Technik,

dem Regieteam, den Sängern sowie dem Orchester.

Alle Beteiligten werden sich in verschiedenen

Wohnungen, in Kellern oder in der Waschküche

des Hochhauses aufhalten. Die Herausforderung

liegt eben darin, das Orchester und die Sänger

unter solchen Rahmenbedingungen zusammen zu

führen. Vielleicht werde ich von der Waschküche

aus dirigieren müssen. (lacht) Wir werden dafür

einige Extraproben im Hochhaus durchführen, und

natürlich erhoffen wir uns einen ebenso grossen

Erfolg wie «La Traviata» vor zwei Jahren im Zür-

4

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


cher Hauptbahnhof.

Im Mai wurde ein Konzeptentwurf für das

Projekt «Neues Theater Bern» vorgestellt. Wie

stehen Sie zur Idee, das Berner Symphonieorchester

mit dem Stadttheater zu fusionieren?

Ich sehe das noch nicht konkret. Was nicht klargestellt

wurde, ist die Frage, ob es wirklich zu einer

Fusion kommen soll oder ob es sich um eine

engere Zusammenarbeit in organisatorischer Art

handelt. Viel wichtiger erscheint mir die Tatsache,

dass die guten Beziehungen und das gute Arbeitsklima

zwischen dem Berner Symphonieorchester

und dem Stadttheater weiterhin erhalten bleiben.

Nur so können wir das hohe musikalische Niveau,

das uns vom Publikum und der Presse gerade in

den letzten Jahren immer wieder bescheinigt wird,

halten.

Momentan erlebt das Kulturleben in Bern

turbulente Zeiten. Man denke an das Kulturzentrum

Progr oder an die mögliche Streichung des

Ballettensembles am Stadttheater. Wie beurteilen

Sie das kulturelle Leben in Bern?

Die Situation in Bern ist zurzeit tatsächlich

problematisch. Die teilweise zu unrecht schlechten

Pressestimmen über das Stadttheater sind

unerfreulich. Immerhin ist das Stadttheater eine

der wichtigsten Kulturinstitutionen in Bern und

das einzige grössere Opernhaus im Umkreis von

hundert Kilometern. Wir haben gerade auch in der

letzten Spielzeit bewiesen, dass wir sehr viele gute

Werke auf interessante Art und Weise auf die Bühne

bringen können und damit ansehnliche Erfolge

bei Publikum und Presse erzielen.

Dreht sich am Ende alles ums Geld?

Ja, vermutlich schon. Das sehe ich auch in meiner

Heimat Serbien, bei Finanzkrisen wird immer

zuerst bei der Kultur gespart. Ich bedaure, dass

– ob in Serbien oder bei uns in der Schweiz - Entscheidungen

getroffen werden, ohne uns Künstler

zu fragen.

Sie arbeiten seit acht Jahren am Stadttheater

Bern. Was sind für Sie bleibende Highlights?

Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen: Bisher

habe ich 26 Premieren am Stadttheater erarbeitet.

Besondere Highlights sind für mich beispielsweise

Catalanis «La Wally», Puccinis «Madame Butterfl

y», Verdis «Falstaff». Besonders stolz bin ich auf

den Grosserfolg von Rossinis «Il barbiere di Siviglia»

in der letzten Spielzeit und in diesem Jahr auf

den «Rosenkavalier» sowie Verdis «Un ballo in Maschera».

Blicken wir zurück: Wie kam es zum Entscheid,

Dirigent zu werden?

Ich würde nicht sagen, dass es ein bewusster

Entscheid war. Ich wurde stark von meinem Grossvater,

der ebenfalls Dirigent war, sowie von meiner

Mutter, die als Klavierlehrerin gearbeitet hat, beeinfl

usst. Daher war klassische Musik immer Teil

meines Alltags. Als ich mich mit sechzehn Jahren

für eine bestimmte Berufsrichtung entscheiden

musste, habe ich die Musik gewählt. Diesen Entscheid

habe ich bis heute nie bereut.

Welchen Beruf hätten Sie sich sonst noch

vorstellen können?

Einerseits bin ich sehr an Geschichte interessiert,

wenn auch nicht unbedingt im Sinne eines

Geschichtslehrers, eher als Archäologe oder Wissenschaftler.

Andererseits habe ich eine grosse

Bewunderung für die medizinischen Berufe, insbesondere

für Chirurgen. Vermutlich wäre das mein

Alternativberuf geworden.

Sie haben ein Flair für Sprachen. Wie haben

Sie sich so viele Sprachen angeeignet?

Am Anfang, als ich in die Schweiz kam, war ich

gezwungen, neue Sprachen zu lernen. Ich konnte

damals nur Serbisch, meine Muttersprache, Russisch

und Englisch. Für die Arbeit am Theater ist

es sehr wichtig, verschiedene Sprachen zu sprechen,

vor allem Italienisch, aber auch Französisch

und natürlich Deutsch. Zuerst habe ich Deutsch

gelernt, danach Italienisch. Wenn man schon verschiedene

Sprachen spricht, fällt das Erlernen

einer neuen Sprache leichter. Bei uns am Theater

arbeiten Menschen aus 27 Nationen. Ich mag es

besonders, die Leute in ihrer eigenen Muttersprache

ansprechen zu können; die Leute reagieren

ganz anders.

Was würden Sie als Ihre persönlichen Stärken

und Schwächen bezeichnen?

Eigentlich sollte man keine Schwächen zeigen.

(lacht) Aber ich kann meine Schwächen schon

verraten. Oftmals habe ich, wie mir scheint, ein zu

grosses Verständnis für Schwierigkeiten oder Probleme,

die eigentlich nicht bei mir, sondern bei den

Kollegen liegen. Als weitere Schwäche sehe ich die

Erziehung meiner Kinder. Durch sie habe ich mich

verändert und gelernt, was es bedeutet, sich in Geduld

üben zu müssen.

Was hingegen sehen Sie als persönliche Stärken?

Meine persönlichen Stärken liegen in meiner

grossen Begeisterungskraft für all das, was ich tue

und meinen unermüdlichen Einsatz. Ich fi nde die

Musik eine so wunderbare Sache, dass ich sie stets

mit andern teilen möchte und meine Freude weiter

geben will. In den letzen Jahren habe ich auch

gelernt, mich durchzusetzen und mit Überzeugung

und Einsatz andere zu begeistern.

Worüber regen Sie sich auf?

Desinteresse und Gleichgültigkeit kann ich nicht

ausstehen. Ich rege mich auf, wenn meine Begeisterung

bei den Leuten keinen Anklang fi ndet.

Welches sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Mein Lieblingsdirigent ist Carlos Kleiber. Es

gibt keine einzige Aufnahme von ihm, die ich nicht

längst besitze. (lacht) Kleiber war ein genialer Musiker,

wenn auch ein Einzelgänger. Ich bewundere

ihn für seine Kompromisslosigkeit und für seine

musikalische Interpretation. Man kann nicht über

Dirigenten sprechen, ohne Herbert von Karajan zu

erwähnen. Er war mein Vorbild in anderer Hinsicht.

Generell alte Meister wie Arturo Toscanini, Sergiu

Celibidache, Bruno Walter fi nde ich fantastisch.

Denn meiner Meinung nach hatten sie eine etwas

andere Auffassung der Musik. Zu dieser Zeit gab es

noch keine Kurzlebigkeit oder den Anspruch, eine

Bühne

schnelle und steile Karriere zu verfolgen. Man stand

ganz im Dienste der Musik – mit viel Zeit und Hingabe.

Bruno Walter beispielsweise war ein grosser

Meister, weil er zeitlebens sein Handwerk den jungen

Leuten weitergegeben hat.

Könnten Sie sich auch vorstellen, ein Projekt

mit einem Jugendorchester zu leiten?

Ich habe schon auch Erfahrungen mit Jugendsymphonieorchestern.

Vor zwei Jahren habe ich

mit dem Schweizer Jugendorchester «Jeunesse

musicale» gearbeitet. Ich kenne auch ein Jugendorchester

aus Freiburg. Das Schöne an der Arbeit

mit jungen Musikern ist ihre enorme Begeisterung

für die Musik. Ganz abgesehen von den technischen

Unvollkommenheiten oder der Ungeduld

der Jugendlichen. Ich denke, mit Jugendorchestern

kann man Wunder erarbeiten.

Welche Projekte stehen als nächstes an?

Neben den Opern am Stadttheater dirigiere ich

diesen Juni ein Benefi zkonzert für die Kinderklinik

des Inselspitals, zusammen mit der Sopranistin

Noëmi Nadelmann und dem Berner Symphonieorchester.

Ein weiteres wichtiges Projekt wird das

Galakonzert am ersten Dezember im Konzerthaus

Wien sein, mit der Kammersopranistin Agnes Baltsa

und den Nürnberger Symphonikern. Ebenfalls im

Dezember dirigiere ich in mehreren Schweizer

Städten im Rahmen der jährlichen Postfi nance-

Tournee einen Liederabend mit dem mexikanischen

Tenor Ramon Vargas und der Württembergischen

Philharmonie. Weitere Projekte sind noch

in Verhandlung, deshalb möchte ich nichts Näheres

dazu sagen. Zwar bin ich nicht abergläubisch -,

aber ich möchte lieber abwarten.

Srboljub Dinic wuchs in Serbien in einer klassischen

Musikerfamilie auf. Er studierte an der Musikakademie

Belgrad Klavier, Kammermusik und

Dirigieren. Ab 1992 war er Korrepetitor und Assistent

für Kammermusik an der Musikakademie

Belgrad. Anschliessend arbeitete er als Korrepetitor

am Theater Basel und an der Oper Bonn.

Seit der Spielzeit 2001/02 lebt Dinic in Bern und

ist am Stadttheater Bern engagiert, zuerst als

Erster Kapellmeister, seit 2004 als Chefdirigent,

und seit 2007 zudem als Musikalischer Direktor.

Pro Saison studiert er zusammen mit dem Berner

Symphonieorchester mehrere Opernproduktionen

ein, darunter etwa «Don Giovanni» oder

«Die Zauberfl öte» von Mozart, Bizets «Carmen»,

«Nabucco», «Rigoletto» oder «La Traviata» von

Verdi, oder Strauss’ «Der Rosenkavalier». Dinic

hat sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch

international einen Namen als Opern- und Konzertdirigent

gemacht. Er stand am Pult zahlreicher

renommierter Orchester, darunter etwa das

Staatsorchester Stuttgart, die Münchner Symphoniker,

das Shanghai Symphony Orchestra,

das Taipei Symphony Orchestra oder das Sinfonieorchester

Basel. In der Spielzeit 2009/2010

dirigiert Dinic am Stadttheater Bern die Neuproduktionen

«La Bohème», «Dialogues des Carmélites»

und «Eugen Onegin».

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 5


Bühne

HOCHSCHULE DER KÜNSTE BERN

prinzessin, hexe, punk und clown – mein

leben als theaterstudentin

Von Laura Kolbe Bild: zVg.

6

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


■ Ich sitze bei meinen Ersatzgrosseltern im Garten

und habe frei. Ich geniesse die Sonne und den Blick

auf den Gurten. Meine Ersatzoma bringt mir Erdbeeren

mit Schlagsahne und setzt sich zu mir. Ihr Mann

zimmert einen Regaleinsatz für meinen Spind in der

Schule. Dabei versucht er mir einige Grundbegriffe

Berndeutsch beizubringen. Ich stelle mich nicht besonders

begabt an, «äs isch no ke meischter vom

himmu gfauä».

An sonnigen Nachmittagen wie diesem schöpfe

ich neue Kraft für den Schulalltag.

Der Tag beginnt mit zwei Stunden Akrobatik.

Zum Aufwärmen spielen wir Tupfball: Schwarz gegen

bunt, bunt ist raus, schwarz gegen weiss, ich mache

den entscheidenden Punkt, meine Mannschaft gewinnt.

Kurz den Schweiss abwischen, Matten ausrollen,

Flickfl ack. Wer macht Hilfestellung? «Spring

mehr Richtung Aare!» Ich würde gerne in die Aare

springen, aber immerhin reicht es für eine kurze Dusche.

«Hei, das ist doch meine Hose, die du da anhast!»

Im Sprechunterricht klingt dieser Satz etwa

so: Bawobawubawabawebawibawöbawübawäbaweubaweibawau.

Das öffnet den Kiefer und macht

eine fl inke Zunge. Sind die Sprechwerkzeuge bereit,

geht es an die Textarbeit. Neben guter Artikulation

braucht es hier klare Gedankenbögen und sinnlichkonkrete

Assoziationen. Ich arbeite an einem Monolog

aus Schillers «Don Karlos». Wieder und wieder

muss ich weinend auf dem Bett zusammenbrechen.

Lange feilen wir an dieser Stelle, damit die Zuschauer

später den Text auch dann noch verstehen, wenn

ich meinen Kopf tief in die Kissen vergrabe. «Der

König wisse den Betrug!» Hocherhobenen Hauptes

schleudere ich diesen letzten Satz in den Raum. Für

einen Moment kann ich mich in eben dieser Rolle auf

LASST MICH DEN LÖWEN

AUCH NOCH SPIELEN!

Die Berner Theaterstudierenden laden zum

Mitsommerfest ein.

■ Im Sommer wird es heiss unter dem Dach des

alten Ziegelsteingebäudes an der Sandrainstrasse

3, wo der Studienbereich Theater der Hochschule

der Künste Bern untergebracht ist. Der Hitze trotzend

werden die Fenster weit aufgerissen, so dass

ein frischer Wind durch die Flure wehen kann –

doch nicht nur der: Am 20. Juni, der Mittsommernacht,

öffnen die werdenden Schauspieler Fenster

und Türen für die Öffentlichkeit und geben den

Blick frei auf allerlei Theater. Zwölf Stunden lang

bieten die Studierenden ein abwechslungsreiches

Programm von Theater, Musik, Performances, Lesungen

und vielem mehr.

Wie in Shakespeares «Sommernachtstraum»

wird es magisch, verwirrend, erotisch und turbulent

zugehen. Die Studierenden zeigen ihre Dar-

den Brettern des Wiener Burgtheaters sehen.

Endlich Mittagspause. In der Schulküche fi ndet

das Familienleben der Theaterstudierenden statt.

Ich koche meine Tütensuppe und esse Brot dazu.

Eine Kollegin schüttet mir ihr frisch verliebtes Herz

aus. Während ich Schwester Herz spiele, kämpfen

zwei Kollegen mit Papprohren. Der Gewinner singt

eine Siegeshymne, der Verlierer stirbt einen spektakulären

Theatertod in fünf Akten. Ein Mitstudent

kommentiert den Kampf wie ein Sportreporter.

Auf dem Flur besprechen wir, wer vor unserem

Theaterfest «A Midsummer Night’s Dream» den

Nachbarn eine Flasche Wein als Entschuldigung für

eventuellen Lärm bringt. Unser Klassensprecher

schlägt eine abgefahrene Mitsommernachts-Performance

vor. Seinen genauen Plan will er noch nicht

verraten, aber offensichtlich hat er Grosses vor.

Ein Blick auf den Stundenplan - der Darstellungsunterricht

ist das Herzstück der Theaterausbildung.

Hier ist alles Können und Wissen, was wir

bisher erworben haben, gefragt, und auch vieles,

was wir noch nicht können. Ich spiele eine Szene

aus «Tartuffe» von Molière und bin permanent überfordert:

«Spiel mit deiner Partnerin, erspiel dir den

Raum, lass dich vom Inhalt bespielen, mach keinen

Tschechow daraus, sei original, nicht originell.» Immerhin

darf ich in der Figur Schokolade essen. Nach

der Probe schwirren tausend Gedanken in meinem

Kopf. Ich weiss nicht mehr, wo oben und unten ist,

aber ich spüre, wie ich an der Arbeit wachse.

Danach dürfte der Tag eigentlich zu Ende sein.

Bei einem Bürojob wäre das der Fall. Aber weit gefehlt.

Ich habe eine Viertelstunde, um im Fundus ein

Kostüm für den nächsten Monolog zu fi nden. In der

Eile leihe ich etwas für mich Untypisches aus. Das

ist gut: «Du hast dich was getraut, so haben wir dich

bietungen auf verschiedenen Bühnen, entführen

die Besucherinnen und Besucher in ferne Länder

und fremde Welten, lassen sie auf Bettler und Königinnen,

betrogene Liebhaber und glühende Rebellinnen,

wahnsinnige Genies und geheimnisvolle

Zauberer treffen. Zusätzlich kann der Besucher,

die Besucherin in Workshops selbst in fremde Rollen

schlüpfen und Bühnenluft schnuppern. Eine

Bar lädt zum Austausch bei Snacks und Getränken

ein, bis die Mitsommernacht schliesslich in ein rauschendes

Fest mündet.

Die Theaterausbildung an der Hochschule der

Künste Bern ist in ihrer Art weit über die Schweiz

hinaus einzigartig. Die Studierenden sollen sich

zu selbständigen Künstlerpersönlichkeiten entwickeln,

schon während des Studiums realisieren

sie eigene Projekte. Der Dialog mit anderen Kunstformen

wird gross geschrieben: Studierende des

Studiengangs Theater präsentieren ihre Arbeiten

regelmässig auf internationalen Festivals, zum

Beispiel am Dresdner Schaubudensommer, beim

Skena-Up Festival in Pristhina oder am Outnow

Bremen, zeigen eigene Beiträge am Performancefestival

ACT oder beteiligen sich an Projekten in

den Bereichen Tanz, Musik und Medienkunst.

Entsprechend vielseitig präsentieren sich die

künftigen Schauspieler und Schauspielerinnen

zur Mittsommernacht. Die Auswahl ist gross, jeder

Besucher, jede Besucherin kann sich sein, ihr

eigenes Programm zusammenstellen – die Dosis

macht das Gift, jeder nehme soviel, wie er tragen

kann.

Wer sich ausgiebig an der Droge Theater berauscht

hat, ist eingeladen, bei heissen Beats und

kühlen Drinks in den Mitsommermorgen zu tanzen.

Das detaillierte Programm fi nden Sie

ab dem 15. Juni auf: www.hkb.bfh.ch

Bühne

noch nie gesehen.»

Selbststudium: Dazu gehören Sprechübungen,

singen, Text lernen, Monolog proben, Theaterstücke

lesen, Schauspieltheorien begreifen, undsoweiterundwiedervonvorne.

Zum Abschluss des Tages: Projektprobe Antigone.

Griechisches Drama, sehr ernst, es geht um Wut,

um Tod, um Ungerechtigkeit. Antigone verhöhnt

und beschämt die Gesellschaft, die sie ausstösst und

in den Tod schickt.

Die Probe verändert mich. Nachdenklich und ruhig

komme ich wieder in den Umkleideraum und ziehe

mir nach zwölf Stunden in Trainingskleidern und

Kostümen wieder private Kleidung an. Das ist schön,

wieder ich selbst zu sein, nicht zu spielen.

Und nun setze ich mich vor den Computer, meine

Schwester aus Hannover hat mir eine lange E-Mail

geschrieben, ich nehme mir Zeit, sie zu beantworten.

Ich bekomme mit, wie nach und nach die anderen

nach Hause gehen, die Putzfrau kommt, unterhält

sich mit mir, zeigt mir Fotos von ihrem gerade geborenen

Enkel. Sie raucht, trinkt Kaffee und macht sich

an die Arbeit.

Ich schreibe weiter, langsam werde ich nervös,

mir wird heiss, ich beeile mich. Muss noch fertig werden,

bevor der Mann von der Securitas kommt. Dann

kommt er und ist irgendwie ein Engel, der mir zeigt,

dass es ein Draussen gibt, wo die Luft herrlich nach

Regen riecht.

Ich steige auf mein Fahrrad und radle nach Hause.

Um meine Ersatzgrosseltern zu besuchen, ist es

schon zu spät. Aber morgen fahre ich wieder hin, sie

feiern ein Gartenfest. Dann kommen auch ihre eigenen

Enkelkinder. Die Kleinste will auch mal Schauspielerin

werden, wie ich. Ich habe versprochen, mit

ihr eine Zirkusnummer einzustudieren.

A Midsummer Night’s Dream – Das Fest!

20. Juni / 16:00h – 4:00h

Hochschule der Künste Bern – Theater

Sandrainstrasse 3, 3007 Bern

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 7


© Sven Thielmann / ECM Records

Jarrett – Peacock – DeJohnette

Jazz Trio Concert

Samstag, 11. Juli 2009, 19 Uhr, Konzertsaal

Einziges Konzert in der Schweiz

Kartenverkauf KKL Luzern, Mo–Fr 13–18.30 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr

fon +41 41 226 77 77, www.kkl-luzern.ch

Information www.kkl-luzern.ch

ensuite Kulturwoche

Das neue Online-Magazin und die Newsletter

Infos: www.ensuite.ch

flüchtlingstag 2009

„aufnahmebereitschaft & akzeptanz“

bern bundesplatz

samstag 20. juni 15.00 – 22.00

musik & tanz & kulinarisches

aus asien, dem nahen osten & afrika

highlights

17.00 rhythm nation hip-hop dance

18.00 effalum & friends worldmusic senegal/ch

19.00 tre cani electro hip-hop reggae

20.30 baladjem blue planet groove

21.30 angel bayfall rap/dj senegal


THEATER LUZERN

«corpus delicti» von juli

zeh am luzerner theater

Von Gabriela Wild

■ Juli Zehs Negativ-Utopie ist in der Mitte des

21. Jahrhunderts angesiedelt. Die zukünftige Gesellschaft

gehorcht einzig und allein der Vernunft

und hat sich von der Abhängigkeit des Marktes und

den Fängen der Religion befreit. Oberstes staatliches

Prinzip ist ein von Krankheit und Schmerz

befreites Leben. Diese Maxime fordert von jedem

einzelnen Bürger die strikte Einhaltung eines

staatlich verordneten Gesundheitsprogrammes,

welches neben Fitnessprogramm regelmässige

Abgabe von Blutwerten und Ernährungsberichten

beinhaltet. Missbrauch toxischer Substanzen wie

Nikotin und Koffein wird strafrechtlich verfolgt. Zeh

skizziert ein totalitäres System à la «1984» oder

«Fahrenheit 451» mit rhetorischen Mitteln, die sie

gut beherrscht, und lässt ihre Figuren sprachdichte

Argumentationsduelle ausfechten oder plakative

Plädoyers halten. So predigt Chefi deologe Kramer

(Gunter Heun): «Ein Blick in die Geschichtsbücher

zeigt, was es bedeutet, wenn Menschen verliebt

in ihre Krankheiten sind. Jeder klagte über Heuschnupfen,

Rückenschmerzen und Verdauungsprobleme

und wollte dabei immer nur eines: Die

niedrigste Form von unverdienter Aufmerksamkeit.

Das störungsfreie, fehlerlose Funktionieren, nichts

anderes taugt zum Ideal. Das ist die Essenz.» Gesundheit

als Prinzip staatlicher Legitimation ist ein

Schlüsselwerk der herrschenden Lehre.

Mia Holl (Julie Bräuning), eine erfolgreiche

Naturwissenschaftlerin, war bis anhin eine treue

Verfechterin des Systems «Essenz». Durch den

Tod ihres Bruders wird sie aus der Bahn geworfen

und vernachlässigt ihre Bürgerpfl ichten zu Hygiene

und Gesundheitsvorsorge. Immer mehr ist sie

davon überzeugt, dass das System für den Tod ihres

Bruders verantwortlich ist. Als die Essenz eine

medienwirksame Verleumdungskampagne startet,

um einen Justizirrtum zu kaschieren, wird aus Mias

Fall ein moderner Hexenprozess. «Das Mittelalter ist

keine Epoche, sondern der Name der menschlichen

Natur.» (Mia)

Filmemacher Samir inszenierte «Corpus Delicti»

für das Luzerner Theater. Das bewusst reduzierte

Bühnenbild (Werner Hutterli) mag seine Berechtigung

in der Begründung, dem Zuschauer Raum

für die eigene Phantasie zu lassen, fi nden. Das als

Hintergrund dienende Stadtbild von Luzern aus

dem Zeitalter des Diavortrags sowie die laienhaften

Videoprojektionen wirken allerdings etwas befremdlich.

Wirklich störend sind aber die schlecht

choreografi erten Bewegungen der Schauspieler.

Das unmotivierte Herumlaufen auf der Bühne steht

im krassen Gegensatz zu den komplexen Texten, die

die Schauspieler in atemberaubendem Tempo (fehlerfrei)

herunterrasseln. Und weshalb, um Gottes

Willen, muss die «ideale Geliebte» (Daniela Britt) –

ein Phantasiegebilde in Mias Kopf – ständig um die

Hauptdarstellerin herumhüpfen und sich dabei wie

in einem Schultheater aufführen? Hier wäre etwas

mehr Zutrauen an die Vorstellungskraft des Zuschauers

hilfreich gewesen. Eine dezente Stimme

aus dem Off hätte mit Sicherheit mehr Effekt erzielt.

Die Tanzeinlage (Marta Zollet, Choreografi e Verena

Weiss), die Mias seelische Not ausdrückt, wirkt beim

ersten Mal ergreifend. Die Tänzerin rennt gegen eine

Plexiglaswand an und verschmiert sie allmählich

mit Blut. Beim dritten Mal hat sich die Idee jedoch

erschöpft und nervt nur noch. Verhauen ist leider

auch der Schluss. Das im Buch verblüffende Ende,

das aus Mia nicht die erwartete Märtyrerin macht,

kommt im Stück schleichend lahm daher. «Gehen

Sie nach Hause, Frau Holl», meint Kramer, macht

eine müde abwinkende Geste und trottet von der

Bühne. Die zum Einfrieren verurteilte Mia schreit:

«Das könnt ihr nicht machen! Ihr schuldet mir das!»

Dann befreit sie sich aus ihren Fesseln. «Das Stück

ist fertig. Sie dürfen klatschen», scheint diese Geste

zu sagen. Nichtsdestotrotz sei die schauspielerische

Leistung der Hauptdarsteller gewürdigt. Mia

(Julie Bräuning), Kramer (Gunter Heun) und Rosentreter

(Jörg Dathe) glänzen mit hervorragenden

Textvorträgen und zeigen, was das Stück «Corpus

Delicti» ist: Eine spritzige Thesenschlacht um die

Frage, was das einzelne Individuum dem kollektiven

Ganzen schuldig ist. Juli Zeh plädiert für ein Recht

auf Krankheit und Selbstzerstörung. Denn das Leben

ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.

Corpus Delicti ist noch bis zum 12. Juni am Theater

Luzern zu sehen. Info: www.luzerner-theater.ch

Zeh, Juli: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffl ing &

Co. Verlag, Frankfurt am Main, 2009.

CAMPINGTHEATER

SO EIN CHAOS Bild: zVg.

Bühne

■ Sommer. Ein Hoch auf die Saison – oder eben

Hochsaison auf dem Campingplatz. Doch dieser

platzt aus allen Nähten. Das «Puff» ist vorprogrammiert,

der Platzwart ist nicht grad effi zient

und die Gäste sind so, wie man sich die biedersten

Chronisch-Campierer vorstellt: bieder. Geranien,

Plastikstühle und bicobello-sauber ist diese Welt

- wäre da nicht der Hygieniker, der Rocker, das

«Töchterchen» und überhaupt. Erholsam wird so

was nichts – aber gesund werden sie alle. Und die

Erinnerung an so einen Urlaub bleibt hängen –

auf ewig.

Strassentheater ist beliebt. Sie erfreuen unsere

Pätze mit Schabernack und Unsinn – und

befruchten den Geist in der Sommerhitze mit

wenigstens ein paar Lachern. Camping Oase hat

im La Cappella in Bern auf der Bühne die ersten

Erfahrungen mit dem neuen Stück gesammelt.

Doch gleich vorweg: Das Stück gehört nach

draussen. Auf einer Bühne funktioniert es nicht

wirklich, denn das Publikum schwitzt zu wenig

und die Spontaneität und der Witz gehen im klinischen

Ambiente einer Bühne, im Scheinwerferlicht

unter. Wenn die Bühne dazu noch zu klein

ist, dann fi ndet das «Puff» nicht im Stück, sondern

im Personengerangel statt. Deswegen lohnt

es sich umso mehr, die Oase auf einem echten

Camping-Platz zu sehen...

Die ProtagonistInnen sind Bekannte aus der

bernischen Theatersport-Szene und die eine

Hälfte von «Hell und Schnell». Da spürt man

auch in einigen Requisiten die Hand von Markus

Schrag, der ein wunderbares Flair für skurrilkomische

Installationen in sich trägt.

Achtung: Wenn Sie ein eingefl eischter Camping-Indianer

sind, so könnten sie das Stück an

einigen Stellen als frech empfi nden... Wir haben

sie gewarnt! (vl)

Camping Oase

Spielt in der halben Schweiz auf den Camping-

Plätzen und kann im August am Buskers-Festival

in Bern in einer Kurzversion gesehen werden.

Info: www.circuisine.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 9


1 von 311 Haltestellen:

Badgasse.


TANZ DER GEGENWART: FOLGE XI

diesseits vom tanz

Von Kristina Soldati Bild: Tanz Akademie Zürich Aram Hasler in «Swarm» von Pablo Ventura, Fussspuren IV / Foto: Bettina Stöss

■ Kein Schweizer Tänzer hat derzeit ein landesweit

anerkanntes Diplom in der Tasche. Was schert man

sich auch um ein Stück Papier, wenn die Bretter der

Bühne einem die Welt bedeuten und auf ihr das pure

Können zählt? Kein Theaterdirektor hat je einen

Blick auf Diplome verschwendet, Kunst kommt von

Können und das sieht (oder hört) man. Daran wird

sich auch nichts ändern. Dass hinter der Bühnenreife

acht Jahre täglicher Einsatz stecken, braucht nicht

eidgenössisch erkannt oder gefordert zu werden. Die

zuckenden Kinderbeine fanden schon immer ihren

Weg. Bei den einen zum Fussballplatz, bei den anderen

ins Tanzstudio. Die Hüpfl ust vor der Ritalin-Ära

war Antrieb genug, nachmittags anzutanzen. Kleine

Aufführungen brachten den Flair und die Freude am

Fortschritt tat das übrige. Woher die Not also für

ein Zertifi kat? Zum einen hüpft es sich richtig oder

falsch. Falsches Einüben kann zu Knieschäden führen.

Schon lange trachten deshalb Fachverbände danach,

pädagogische Qualitäten fl ächendeckend zu sichern.

Tanzpädagoge ist bislang ein ungeschützter Beruf.

Neue Qualifi kationen wie das Weiterbildungsdiplom

(seit 2004) oder gar der Weiterbildungsmaster in

Tanzpädagogik (seit 2007) an der Züricher Hochschule

der Künste (ZHdK) sollen da Kriterien liefern.

Die Sorge um Gesundheit und Qualität ist ein Grund

für das Zertifi katsfi eber. Der zweite Grund ist die Einsicht,

nach jedem noch so erfolgreichen Hüpfen gibt

es ein Danach, jenseits vom professionellen Tanz (vgl.

ensuite Nr. 76): Die Rekonversion. Die berufl ichen

Umschulungsinstanzen fragen nämlich nach ertanzten

Diplomen. Der dritte Grund ist strategisch: Diplome

führen zu gesellschaftlicher Anerkennung. Und

diese fängt bei den Eltern an: «Es sind oft die Eltern,

die die tanzlustigen Kinder bremsen», meint Patrice

Delay, Leiter der von Balanchine gegründeten Genfer

Bühne

Schule und des Ballet Junior. Wenn sie öfters kommen

wollen, winken die Eltern ab. «Das führt doch

zu keinem Beruf!» Die Väter deuten auf das tägliche

Schwitzen ihrer Sprösslinge und sehen keine Perspektive.

«Besonders hier in der Schweiz», fügt der

europaerfahrene Leiter hinzu. Rücken Schulen etwa

deshalb vermehrt in die Nähe von Sportvereinen? Die

Jagd nach Medaillen als Ersatz für Anerkennung? Als

Legitimation? Auf den Schul-Webseiten prangen die

glänzenden Verdienste und Tanz wird messbar.

Qualifi zierte Lehrer Medaillen haben bekanntlich

ihre zwei Seiten. Sie spornen an, sie stellen Talente

erstmals einander gegenüber, dann nebeneinander

und dann auf ein Podest. Aber es gibt die zweite

Seite der Medaille. Diese recht unkünstlerische, bisweilen

gar unmenschliche Seite vertanzt gerade das

Béjart-Ballet in «Le Concours». Doch so, wie es unserer

Wettbewerbsgesellschaft gerade ergeht, könnte

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 11


es auch dem preisverliebten (Ballett-)Tanz ergehen.

Auch diesen könnte die Ernüchterung nach einer

Krise ereilen. «Immer schneller, immer besser» ist

eben nicht nachhaltig. Technische Versiertheit kann

forciert werden. Gesundheitliche Strapazen und Risiken

nehmen ehrgeizige Schüler wie Schulen in Kauf,

denn die Ausfallquoten tauchen in den Bilanzen nicht

auf. Oder haben Sie schon irgendwo von der Zahl der

Verletzten und Abbrecher in Akademien oder Schulen

gelesen? Damit sich Schulen aus dem Profi lierungswahn

über Preise lösen können und auf nachhaltige

Werte setzen, sind geregelte Lehrerqualifi kationen

nützlich. Nützlich sind sie auch, um andererseits dem

Diletantismus im Amateurunterricht fehlhüpfender

Kinder zu begegnen. Die Förderung der Freude der

Kleinen am kreativen Schaffen ebenso wie die unspektakuläre

technische Grundlagenarbeit hätten

mit Zertifi katen unabhängige Legitimation.

Was aber besorgte Väter letztlich in ihrem Zweifel

umstimmen können wird ist die Perspektive auf eine

Berufslehre mit eidgenössisch anerkanntem Fähigkeitszeugnis

(EFZ) für BühnentänzerInnen. Erstmals

angeboten ab Herbst 2009 in Zürich.

Tanz oder Schule? Wie andere musische Fächer

winkt auch der Tanz am Ende des Tunnels eines arbeitsamen

Schülertages (Und dem Mama-Taxi davor

der Stau). Musik oder Malerei brauchen aber keine

Früherkennung von Talenten und keine tägliche Pilgerfahrt

zum Ritual. Einzig der Tanz fordert Bühnenreife

im Alter von Achtzehn, um in den besten Jahren

zu ernten. Und nur der Tanz übt sich nicht allein. Und

so verstopfen täglich hunderte Bewegungshungrige

erst einmal die Strassen, bevor sie sich an die Ballettstange

reihen. Wen wundert’s, wenn Schule und

logistisch involvierte Eltern darunter leiden? Wenn

Tanz und Schule unvereinbar wird? «Mit der täglichen

Mittagspause, dem vierfachen Schulweg kann

die Schweiz nicht das Arbeitspensum der Nachbarländer

schaffen», meint Marjolaine Piguet, Leiterin

der «Danses Etudes» in Lausanne. Sie hat während

ihrer Ausbildungszeit im Ausland vorteilhaftere Tagesabläufe

kennengelernt.

Tanz und Schule sollen nun versöhnt werden, ganz

nach dem Vorbild des Lausanner SAEF-Gymnasiums

(Sport-Arts-Etudes-Formation), wo gute Schüler ihren

musischen oder sportlichen Schwerpunkt in den leicht

entschlackten Schulstundenplan integrieren können.

Wenige hundert Meter entfernt hat Marjolaine

Piguet dasselbe für den Tanz geschaffen: «Danse

Etudes». Über dreissig Kinder besuchen tagsüber die

Sekundarstufe (I und II) in nächster Nähe und schlüpfen

im Tagesverlauf mehrmals in die Trainingshaut.

Jedes Jahr schneidert sie als Mitverantwortliche

des Collège Béthusy ihren Tanzschülern einzeln den

Stundenplan zurecht und stopft Löcher bei Bedarf

mit Mathematik- oder Deutschnachhilfe. Doch Schulleistungen

seien nicht das Problem. 80 Prozent ihrer

Schüler sind ohnehin auf dem Gymnasium oder der

gymnasialen Mittelstufe. 2003 hat «Danse Etudes»

begonnen und eine Tänzerin mit Matura bereits geliefert.

Gleich im Anschluss wurde diese von Patrice

Delay in das Genfer Ballet Junior übernommen.

Fünf Minuten mit der Metro vom Bahnhof und

12

hundert Schritte von der Station Ours ist das mutige

Projekt Realität geworden, das Tanz und Schule

verknüpft. Mit dieser guten Lage möchte sie eine Lösung

für Begabte der ganzen Westschweiz bieten. Ein

Junge kommt etwa täglich aus Freiburg. Dass bisweilen

nicht mehr als sechs pro Tanzklasse teilnehmen,

erklärt die Leiterin so: «Viel grösser ist die Ausbeute

wirklicher Talente der Region nicht.» Von der luxuriösen

Überschaubarkeit solcher Klassen profi tiert das

Ambiente und die Leistung. Aber auch die Schulaufgaben

zwischendurch, denn Disziplin und Motivation

stecken an. Mit zwei bis vier modernen beziehungsweise

zeitgenössischen Tanzstunden die Woche ist

die Ausbildung relativ fortschrittlich. Obwohl wie aus

einem Munde die Schüler hier nach mehr rufen. Die

Leiterin erwägt durchaus einen Ausbau, denn in der

Region soll eine eidgenössisch anerkannte Berufslehre

für zeitgenössischen Tanz entstehen. Falls, ja,

falls deren stilistische Ausrichtung eine Vorbildung

überhaupt vorsieht.

Eidgenössisch anerkannt in der Westschweiz

Wenn die Deutschschweiz die Berufslehre Bühnentanz

klassischer Prägung haben wird, so die Westschweiz

diejenige zeitgenössischer. Im Jahr 2010

soll’s losgehen, doch Inhalt und Ort wird seitens des

Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie

(BBT) erst dieser Tage publik. Ob Lausanne oder

Genf ansteht, ist weniger entscheidend als der stilistische

Anspruch. Während sich im modernen Tanz

eine Methodik und ein fester Lehrkanon entwickeln

konnte (z.B. mit der Limon- , Graham- und Cunningham-Technik),

so sind die zeitgenössischen Stile noch

nicht autonom «tänzerbildend». «Mit der Zeit haben

die unterschiedlichsten Stile, auch der Jazztanz, den

Trainingsablauf und viele Übungen des Balletts (von

pliés über tendus bis grosse Sprünge) sich einverleibt»,

meint Caroline Lam, diplomierte Lehrerin für

zeitgenössischen Tanz. So widmete sie sich erst eingehend

dem Jazz in Paris und konnte dennoch mit

achtzehn Jahren in den klassischen Tanz einsteigen.

Das klappt offensichtlich, denn nach ihrer Tanzausbildung

zirkulierte sie «zeitgenössisch» in der freien

Schweizer Szene.

Doch beim neuen Lehrgang steht zur Diskussion,

ob - ganz nach dem Vorbild des Choreografi ezentrums

der Loirestadt Angers - überhaupt eine

Vorbildung vonnöten sei. Bei der Mangelware «tanzender

Mann» gab es solche Konzessionen schon

immer. Doch die vielen fi eberhaft tanzenden Jugendlichen

lockt eine solche Toleranzschwelle kaum.

Im Alter von 15 bis 16 Jahren können sich viele gar

nicht vorstellen, von ihrer täglich feilenden Arbeit zu

lassen und mit Tanzunkundigen erst einmal zusammen

zu improvisieren... Die scharfe Zweiteilung der

Tanz(ausbildungs)landschaft klassisch versus zeitgenössisch

kommt ihnen nicht gelegen.

Durchlässigkeit quer Aus der Projektphase der

neuen dreijährigen Berufslehre zeitgenössischer

Tanz in der Westschweiz ist zu hören: «Die Kluft zwischen

Klassik und Zeitgenössisch soll überbrückbar

werden. Wer nach den ersten fünf Monaten merkt, er

habe die falsche Ausrichtung gewählt, soll wechseln

dürfen. Im Prinzip.» Es soll also nicht nur der Rös-

tigraben samt Sprachbarrieren überwindbar sein,

sondern auch der Graben zwischen (system-)freiem

zeitgenössischen Tanz und dem Ballett à la Waganova

russischer Prägung. Die Zukunft wird es zeigen...

Und der Entscheid der künftigen Leitung.

Anschluss nach oben Nichts weniger als die

Entwicklung eines ganz eigenen Systems im zeitgenössischen

Tanz verspricht die Leiterin des Bachelor-Programms

in Zürich, Prof. Tina Mantel. Das BA

(Bachelor of Arts) ist ein weiteres Zertifi kat, das das

Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT

dem Tanz dieses Jahr vermacht. Der erste Studiengang

beginnt kommenden Herbst an der Zürcher

Hochschule der Künste. GaGa heisst das System und

hat seine Wiege in Jerusalem, in der Batsheva Dance

Company. Der berühmte Choreograf und Direktor

Ohad Naharin liess seine (klassisch ausgebildeten)

Tänzer anfangs einmal, mittlerweile fünfmal pro

Woche, «GaGa werden», um sie aufzulockern. Diese

Improvisationsmethode verhilft zur ganz eigenen

Bewegungssprache, wenn man bereit ist, den angeeigneten

Codex aufzubrechen. Géraldine Chollet,

die künftige GaGa-Lehrerin des Studiengangs, die

selbst den Weg nicht in die begehrte Companie fand,

verfolgte unbeirrt diese Methode in Naharins Workshops.

Sie überredete ihn, der Methode eine Methodik

und ein System abringen zu lassen. Mit fast

täglicher Anwendung und jährlichem Besuch aus der

Batsheva Company möchte sie genau das in Zürich

bewerkstelligen: Ein pädagogisches System. Zürich

als Labor für die Batsheva Company? Prof. Tina

Mantel lacht: «Ja, durchaus.» Wenn das Experiment

klappt, wünscht man ihr auch das Patentrecht.

Fast gleichwertig mit den praktischen Fächern

der Tanzfertigkeit sind solche der Gestaltung/Produktion

und Wissen/Refl exion, wie es im Studienplan

heisst. Darunter fallen Performance Research, der

akustische und der virtuelle Raum sowie transdisziplinäre

Projekte, Kulturmanagement, Anatomie und

Dramaturgie. Deshalb erwartet die Leiterin (Berufs-)

Maturität von ihren Studenten und das Mindestalter

von 18 Jahren. Da gute moderne und zeitgenössische

Vorausbildung nur verstreut zu haben ist und kein

brotbringender Beruf wartet, ist manch aufgenommener

Bewerber ein fertiger Primarlehrer und auch

mal 25 Jahre alt.

Ob Prof. Tina Mantel sich auf die zertifi zierten Abgänger

der neuen Berufslehre zeitgenössischer Tanz

der Westschweiz freut? «Ja und nein», sagt sie, «die

Besten werden wohl tanzen gehen und nur ehrgeizige,

intellektuell Neugierige hängen weitere drei Jahre

an.» Für welchen Beruf der Studiengang demnach

vorbereitet, muss erneut die Zukunft zeigen.

Junior-Ballette Nach der Gründung des NDT2

1978, einer dem Nederlands Danse Theater angegliederten

jungen Companie, verbreitet sich das Phänomen:

Grosse Companien leisten sich eine Jugend

- was heisst: Sie lagern die Jungen aus ihren Reihen

aus. «Immer weniger Tanztruppen können sich die

Betreuung und das Risiko mit unerfahrenem Nachwuchs

leisten», meint der Genfer Junior-Ballet-Direktor

Patrice Delay, der in den 80ern noch in den Genuss

ebendieses Luxus des Königlichen Flämischen

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


Balletts kam. Am Genfer Theater engagiert man mittlerweile

nur erfahrene Solisten, meint Patrice Delay,

der sich damals mit der Zeit zum Solisten mausern

konnte. Seine Junior-Truppe ist allerdings nicht ans

Theater angegliedert, sondern seit knapp dreissig

Jahren an die private Schule Ecole de danse de Genève.

Der hochkarätige Unterricht und Gastchoreogra-

fen ersten Kalibers locken jährlich hundert Bewerber

aus aller Welt - um gehaltfrei zu tanzen. Sie sammeln

Erfahrungen. Ja, in grossen Companien würden sie

in der hintersten Reihe im Chor tanzen. Hier profi -

lieren sie sich in spannenden Rollen, so verschieden

wie die Weltklasse-Choreografen selbst - ein idealer

Präsentierteller für künftige Arbeitgeber, die auch

regelmässig geladen werden. Das Junior-Ballett von

Heinz Spoerli (seit 2001) erhält die ebenfalls zweijährige

Ausbildung an der hauseigenen Opernakademie.

Es profi tiert von den Werken des Meisters, für die eigenen

Tourneen von der Logistik des Hauses und für

Stipendien von dessen Know-how: «Wir haben den

grössten und besten Sponsorensammler», erklärt

das Ballettmanagement. Zwischen 18 und 21 oder 23

Jahren bietet das weltweite Phänomen Junior-Ballett

also hervorragende Weiterbildung mit Einstiegschancen

in die Arbeitswelt. Ein Nachgeschmack bleibt: Die

ertragreichen Tanzjahre schrumpfen, nicht nur vom

Jenseits her (vgl. Rekonversion schon mit Dreissig,

ensuite Nr. 77), sondern auch diesseits vom Tanz.

Tanzakademie Zürich schleust Schweizer an

die Spitze Von den 19 Tänzern im Junior Ballett Zürich

sind zwei Schweizer, von zwanzig in Genf nicht

mehr. Beim weltweiten Andrang ist dies nicht überraschend.

Doch die neue Züricher Akademieleitung,

Steffi Scherzer und Oliver Matz, hat sich 2004 vorgenommen,

hauseigene Talente von klein auf heranzuzüchten.

Die Früchte sind herangereift und man

füllt die höhere Ausbildungsstufe nicht mehr mit

auswärtigen Schülern. Ab diesem Herbst sind 12 von

15 Schülern «eigene Kultur». Auch das Internat wird

vermehrt zum Gewächshaus für «heimische Sorten».

Zur Erntezeit fi nden 90 Prozent der Ausgebildeten

Abnehmer, Häuser wie das NDT2 in Den Haag, das

Stuttgarter Ballett - oder eben vor Ort Heinz Spoerli.

Dass sie bei so vielseitigen Companien einsetzbar

sind ist der stilistisch aufgeschlossenen Kultivierung

zu verdanken: Fast täglich stehen auch Limon, Graham

oder zeitgenössischer Tanz auf dem Stundenplan.

Bild: Solothurner Tanzwettbewerb 2009 / Foto: Christian Glaus

Zum Aufstieg derer mit Berufslehre in die Liga

derjenigen mit «eidgenössisch anerkanntem Fähigkeitszeugnis»

in diesem Herbst gehört allerdings

auch noch etwas anderes auf den Stundenplan. Nämlich

Fächer für die Berufsmatur. Für dieses Finale im

Kampf um Anerkennung muss sich die Leitung aber

noch qualifi zieren. «Das kommt», sagt sie siegesbewusst.

Steffi Scherzer gibt ihre Erfahrung Schweizer Lehrern

weiter. Sie ist für die Lehrerbildung verantwortlich,

seit 2007 in Form eines Masterstudiengangs.

«Sie sollen nicht auf Preise hinarbeiten!», empfi ehlt

sie den Tanzpädagogen. «Wir haben in der Profi schule

natürlich mehr Zeit als die Privatschulen und müssen

einzelne Talente nicht auf Preise hinpushen. Die

sorgfältige Waganova-Methode, die hier angewendet

wird, lässt die Kleinen vorerst nicht viel bewegen.

Folglich erzielt unsere Akademie in der Kategorie der

Jüngeren auch keine Preise.»

Neben den Zertifi katen rund um die praktische

Ausbildung spriessen auch solche der akademischen.

Die relativ junge Disziplin Tanzkultur, ein Weiterbildungsstudium

in Teilzeit an der Universität Bern,

baut aus. Neben dem Diplom wird da ab 2010 auch

ein Master angeboten. Die Theaterwissenschaft in

Bern bietet ihren Master schon seit 2007 in Tanz an.

Hoffen wir, dass vor lauter anerkannten Zertifi katen

dem Land das Geld für die Orte der Produktion nicht

ausgehen. Dem Bern-Ballett drohte man im Mai mit

der Aufl ösung...

WWW.TANZKRITIK.NET

AUSBLICK TANZ

Bühne

I. Die begabte Jugend

Das Junior Ballett von Heinz Spoerli bringt sein frisches

Programm aus Meisters Hand noch einmal

vor unsere Augen, bevor es auf seine Tourneen

entschwindet.

Ort: Zürcher Opernhaus, Falkenstrasse 2

Datum: 1. Juni 20:00h

Das Ballet Junior de Genève lässt sich nach einem

Gastspiel in Paris mit Alexander Ekmans Pulswork

in der Westschweiz blicken. Das volle Programm

von Paris mit Werken von Thierry Malandain und

Stijn Celis wünscht man sich gern auch mal in der

Deutschschweiz.

Ort: Scène de l’ADC à l’Alhambra terrasse, Genève

Datum: Samstag, 20 Juni, 18:30h

Ort: Théâtre Arsenic, Lausanne

Datum: 27. Juni 19:00h, 28. Juni, 18:00h

Die vielversprechenden Choreografen von morgen

sind zu suchen in spannenden Companien von heute:

Das BernBallett nährt seine ohnehin vielseitigen

Mitglieder mit abwechslungsreicher Gastchoreografenkost.

Wo Ideen sich so kreuzen und potenzieren

dürfen, wird ein guter Wurf wie beim letztjährigen

Jungen-Choreografen-Abend gelingen, bei Tanz

made in Bern mit zwei Stücken von Hui-Chen Tsai.

Nicht verpassen, denn wer weiss, wie lange Bern

sich sein Ballett leistet.

Ort: Vidmar Hallen, Könizstrasse 161, Bern

Datum: 11. Juni, 23. Juni, 19:30h, 21. Juni, 18:00h

II. Integrativer Tanz

Seit 18 Jahren schon nutzt die britische CandoCo

Dance Company den Austausch mit Behinderten

künstlerisch. Sie hat sich damit einen Namen und

viele Nachahmer gemacht. Die Herausforderung an

Phantasie und den veränderten Bewegungsradius

ihrer Gastchoreografen führt zu überraschenden

Formen der Ästhetik. Ihr Gastspiel beinhaltet «The

Perfect Human» der sympathischen Neuentdeckung

Englands, Hofesh Schechter. In Genf bietet

sie vor ihrer Aufführung ein Workshop für Tanzende

und beschränkt Tanzende.

Festival inside/outside, «dansehabile» in Genf, 10.

bis 14. Juni

Community Arts Festival in Bern, 17. bis 21. Juni

wildwuchs 09 in Basel, 19. bis 28. Juni

Okkupation! Internationales Theaterfestival in

Zürich, 10. bis 20 Juni

III. Stars, die Grenzgänger geblieben sind

Wer die emotionale Nähe zwischen religiöser Hingabe,

krankhafter Ekstase und banalen Ticks nachspüren

möchte, der sehe die Verwandtschaft in den

Bewegungen, erzwungen von pietätsvoller Musik:

«Pieté!», ein erschreckendes Meisterwerk von Alain

Platel mit den Les Ballets C de la B.

Ort: Theaterhaus, Gessnerallee 8, Zürich

Datum: 19., 20. Juni 21:00h, 21. Juni 20:00h

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 13


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KLASSIK UND TANGO

variaTango

Von Flavia Barth – eine Reise nach Lateinamerika Bild: Hartmut Schug

■ Mit welchen Stilen und Künsten lässt sich sinfonische

Musik kombinieren? Das Projekt orchester

Variaton ist seit seiner Gründung im Sommer 2004

auf der Suche nach neuen Klängen und Formen für

inspirierende und spartenübergreifende Konzerte.

Schon im Sommer 2004 stand der Name Michael

Zisman als musikalischer Partner weit oben auf der

Wunschliste von Variaton. Einige Gründungsmitglieder

hatten Michael Zisman an Konzerten gehört, in

Ensembles und als Solist mit dem Berner Sinfonieorchester

bei der Aufführung von Piazzollas «Konzert

für Bandoneon und Orchester». Doch wie kann man

einen solchen Musiker für eine Zusammenarbeit mit

einem unbekannten Orchester gewinnen?

Vorerst blieb es bei der Idee - und Variaton erforschte

in der Zwischenzeit zusammen mit einem

Quintett den sinfonischen Jazz, porträtierte mit

dem Schauspieler Hans-Peter Incondi das Ehepaar

Clara und Robert Schumann, wagte die Fusion von

sinfonischer und elektronischer Musik (zusammen

mit dem Berner DJ Ramax und dem Elektro-Cellisten

Stefan Baumann) und realisierte ein Projekt mit

Videoprojektionen und Lichtdesign. Doch die Idee

eines Tango-Projekts mit Michael Zisman liess uns

nicht los. Zum fünften Geburtstag des Vereins haben

wir es nun geschafft: Michael und Daniel Zisman

spielen mit uns auf ein und derselben Bühne - und

unser lang gehegter Wunsch geht in Erfüllung.

Der Tango ist Ausgangspunkt der diesjährigen

Konzerte von Variaton. Gleich vier Uraufführungen

gibt es dabei zu entdecken, zwei von Michael Zisman

und zwei von Daniel Zisman. Die Kompositionen entfalten

sich aus dem sinfonischen Tango heraus, verwenden

aber auch Elemente der klassischen Musik,

des Jazz und der Klezmermusik. Den Komponisten

gelingt das Spiel mit der Variation gekonnt: Ihre

Vielseitigkeit macht es möglich, über den bekannten

Tango hinaus Neues zu entdecken.

Die «Piazzolleana», für Variaton eigens für grosse

Sinfonieorchester arrangiert, erinnert stark an das

grosse Vorbild Michael Zismans. Das dreisätzige

Werk tönt zugleich überraschend und bekannt, tauchen

doch hier und dort Themen des Altmeisters Astor

Piazzolla auf. Die «Tres Canciones», ein Konzert

für Violoncello und Bandoneon, entführt uns in eine

Welt besonderer Klangfarben. Die beiden Solisten,

Annapaola Jacomella und Michael Zisman, vereinigen

den Klang der beiden Instrumente nahtlos.

Daniel Zisman arbeitet derzeit intensiv an seiner

ersten abendfüllenden Komposition, dem Musical-

Theater «Tangos Paralelos». Aus diesem grossen

Werk spielt Variaton erstmals die «Rapsodia: por las

Calles», welche die Zuhörerschaft auf einen Stadtbummel

durch Buenos Aires mitnimmt und die vielen

verschiedenen Gesichter und Klänge der Stadt nachzeichnet.

Das zweite Werk des gebürtigen Argentiniers

trägt den Namen «El cantar de los cantares» und

ist für Streicher komponiert worden. Daniel Zisman

übernimmt selber den Solopart in den acht Capitolos

und versetzt das ganze Orchester in Staunen.

Variaton versucht in diesem Projekt den musikalischen

Bogen über die ganze Vielfalt der lateinamerikanischen

Musik zu spannen. So gesellen sich

zu den vier Uraufführungen zwei bestehende Werke

für Orchester von Alberto Ginastera und Arturo

Márquez. Die Tänze zum Ballett «Estancia» von

Alberto Ginastera führen vom urbanen Tango weg

und nehmen uns in die argentinische Provinz mit.

Das für eine amerikanische Ballettgruppe komponierte

Auftragswerk beschreibt das Leben auf einer

Estancia. Ein junger Mann aus der Stadt muss sich

bei der harten Landarbeit beweisen, um die Liebe

eines schönen Mädchens zu gewinnen. Die Tänze

erinnern mit ihrer verschachtelten Rhythmik an die

argentinische Folklore und zeigen eine ganz andere,

zeitgenössische Tonsprache der sinfonischen Musik

Argentiniens. Mit dem «Danzon no. 2» des mexikanischen

Komponisten Arturo Márquez hat Variaton

schliesslich einen Ohrwurm aufgestöbert, der auch

die hinterste Reihe nicht kalt lassen wird...

Variaton & Michael Zisman, Komposition und

Bandoneon, Daniel Zisman, Komposition und Violine,

Annapaola Jacomella, Violoncello, Sebastien

Fulgido, Gitarre.

6. Juni, ZKO-Haus, Zürich 20:00h

14. Juni, Dampfzentrale, Bern 19:00h

Info: www.variaton.ch

Molto

Scherzando

Sa, 13.06.09

19.30 Uhr - Open End

Die musikalische

Comedy-Night mit:

Andrey Boreyko

Igudesman & Joo

Arkady Shilkloper

L’Orchestre de Contrebasses

Shigeru Ishikawa

Gabriel Vacariu

Tickets:

BERN BILLETT, Nägeligasse 1A

031 329 52 52 |info@bernbillett.ch

www.nachtdermusik.ch

Medienpartner:

www.kulturagenda.be

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 15


Kunsthalle Bern

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Zhang Enli

30.5. – 19.7. 2009

Öffentliche Führungen

Sonntag 31.05. 11 h

Sonntag 19.07. 14 h

Kunstsitzung für Senioren

Mittwoch 03.06. 14 h

Kunst zum Sattwerden

Dienstag 16.06. 12.30 h

Dienstag 23.06. 12.30 h

Director’s Talk

Donnerstag 25.06. 18 h

Kunsthalle Bern

Helvetiaplatz1

CH-3005 Bern

T +41(0)31 350 00 40

F +41(0)31 350 00 41

Courtesy ShangArt Gallery Shanghai, Hauser & Wirth Zürich London

Die „Ber ner Schule“

Künstler in der Nachfolge

Ferdinand Hodlers

02.04.2009 – 28.06.2009

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VON MENSCHEN UND MEDIEN

der tagi, der «bund» sein will

Von Lukas Vogelsang

■ Nun ist die Katze aus dem Sack: Der Tagi will

«Bund» werden. Statt den «Bund» als «Bund» weiterzuführen

und ein wirklich beachtliches 160. Jubiläum

zu feiern, wird aus der Zeitung noch im 159.

Jahr eine Investmentzeitung vom Tagi. Das Alter

scheint denn auch der Grund zu sein, warum die

Zeitung weiterhin «Bund» heissen soll. Inhaltlich

wird ein Tagi kommen, auch das Layout will man

dem Tagi anpassen. Das hat nicht mit Wille oder

Mut zu tun, sondern mit der Angst, Abonnenten

und Marktanteile zu verlieren.

Aber die Pressemitteilungen machen alle auf

gute Stimmung. Auch die Verbände und die BundianerInnen

nicken mit dem Kopf – auch wenn 22

KollegInnen den Bund verlassen müssen. Irgendwie

sind alle froh, dass die Mogelpackung so schön

mogelt und niemand dagegen sein will. Ich bin’s:

Ich fi nde es nicht gut, was hier geschieht. Das

Kleingedruckte hat wohl niemand laut gelesen:

«...eine Strategie, die sich in den nächsten Jahren

bewähren muss.» Auch wenn «Der Bund» schon

lange nicht mehr ist, was er mal war oder was wir

gerne von ihm hätten und erwarten. In Sachen Regionaljournalismus

schreibt er die Themen schon

länger der «Berner Zeitung» ab, und in Sachen

«Recherche» ist er oft gar zu einseitig und unbeleuchtet.

Ich weiss, es gibt Schlimmeres, auch in

Bern, aber wir müssen nicht schönreden, was nicht

da ist. Aus dieser Sicht ist der Tagi-Bund eigentlich

eine gute Sache. Wechsel tut auch gut. Aber

man hätte diesen «Bund» sterben lassen oder

konsequent «Tagi» nennen müssen - und vor allem

müsste man einen neuen Chefredaktor einsetzen.

Das währe ehrlicher und vor allem glaubhafter –

und so was in dieser Art erwarten wir doch von

einer Tageszeitung.

Erstaunt habe ich auch zur Kenntnis genommen,

dass der Abopreis für den «Nicht-mehr

Bund» nach oben gedreht wird. Nun, nachdem das

selbsternannte Komitee «Rettet-den-Bund» eine

Art Sammelaktion für die Zeitung simulierte und

der Tamedia gratis eine Marktstudie erstellte, hat

Tamedia Blut geleckt. Wenn 35’000 AbonnentInnen

je 50 Franken im Jahr mehr bezahlen «wollen»

– dann ist das ein geschenktes Sackgeld, welches

man nicht ablehnen darf. Vielleicht braucht

die Tamedia dieses Geld, um den Sozialplan für die

22 entlassenen MitarbeiterInnen zu berappen?

Warum läuft das Ganze eigentlich nicht umgekehrt?

In der ganzen Umbauphase vom Tagi, der

sich momentan ebenfalls neu erfi ndet, wäre eine

neue Namensgebung in Zürich sinniger gewesen:

«Bund» als Zeitungsnamen ist nach wie vor einer

der besten in der Schweiz, während «Tagesanzeiger»

nach «Fundgruebe» und «billigem Jakob»

klingt. Und so weit weg ist Tamedia ja nicht mehr

Kultur & Gesellschaft

vom «Der Bund – Tagesanzeiger Schweiz». Der

Bundesrat würde dann zum «BUNDrat» und Tamedia

wäre Alleinunterhalterin Nummer eins. Es

könnte eine erfolgreiche Sache werden.

Was mir Angst macht sind die aggressiven

Zürcher-JournalistInnen, die sich täglich auf Bewährungsprobe

befi nden. Das Bundesrats-Bashing

kommt aus Zürich, nicht aus Bern. Und es gibt

in unserem Hauptstadtdörfl i auch keine Wirtschaftsallmacht

– höchstens eine Ohnmacht. Den

Tagi näher in Bern zu haben, diese Züri-Aggressoren

auf unsere Beamten loszulassen, könnte die

Stimmung überhitzen. Ich weiss nicht - meine Zukunftsvisionen

erinnern an einen «Stäcklikrieg»...

Der Unterschied zwischen den Berner und

den Zürcher JournalistInnen? Die von Züri-West

kommen im Stadtverkehr mit dem Velo schneller

voran, als die anderen mit dem Mercedes. In Bern

kaufen die Menschen auch keine Schuhe für 800

Franken und es macht deswegen auch keinen Sinn,

Lifestyle-Debatten über 3‘000-fänkige Jeans

oder 25‘000-fränkige Uhren abzuhalten. Ja, der

Tagi muss noch viel lernen, wenn er sich in Bern

niederlassen will. Wir ticken hier wirklich anders.

Aber es ehrt Bern natürlich, wenn der Tagi sich

ums Verrecken als Berner «Bund» ausgeben will.

Unterschätzt uns nur nicht, liebe ZürcherInnen.

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 17


Kultur & Gesellschaft

KUTLUR ANDERSWO

zwischen bayern und bern – #2: essen und trinken

Von Hannes Liechti (München) und Pablo Sulzer (Bern) - Streifzüge durch München und Bern Bilder: Jonathan Liechti

■ Vielfältig ist das Berner Ess- und Trinkangebot

allemal. Unter Berninfo.com werden insgesamt 333

Restaurants und 40 Bars aufgelistet. Eindrückliche

Zahlen. Was steckt dahinter? Eine Menge, stellt

man fest. Zwar nicht nur Gutes, doch sicher zahlreiche

(Speise-)Möglichkeiten, in allen Geschmacksrichtungen.

Aber eins nach dem anderen…

Morgens ist in Bern ein grosszügiger Brunch

angesagt. Damit dabei die ersten warmen Sonnenstrahlen

richtig ausgekostet werden können,

braucht es einen Platz möglichst nah an der Sonne.

Kein Problem, der Hausberg ruft zu Tisch. Auf

dem Gurten lässt sich der kulinarische Rundgang

mit Birchermüsli und Ovo genüsslich beginnen.

Nach eher leichter Kost wird es gleich deftig.

Im Schwellenmätteli an der Aare bestellt man eine

zünftige Portion Berner Rösti oder besucht ein Restaurant

in der zentral gelegenen Markthalle. Das

Angebot an lokalen und internationalen Gerichten

ist immens; für Unentschlossene daher nicht unbedingt

geeignet. Bei vollem Portemonnaie eignet

sich das Café Fédéral, wo neben dem exzellenten

Ambiente und der Topbedienung den Gesprächen

der Schweizer Politelite gelauscht werden kann.

Präsentiert sich der Himmel wolkenlos und erreicht

das Thermometer erfreuliche Werte, steht

dem gemütlichen Grillnami nichts mehr im Wege:

Cervelats, YB-Würste und Schnägge liegen neben

Peperoni und in Alu verpackten Bratkartoffeln auf

dem Rost bereit. Nach einer ausgiebigen Siesta

werden bei einem Verdauungslikör oder einem

Grappa zum Kaffee die (Geschmacks-)Sinne wieder

beruhigt, um die letzte Runde in Angriff nehmen zu

können.

Das Abendessen wird serviert. Läuft man vom

Baldachin zum Bärengraben herunter, bieten sich

mehr als genug Lokale an, um den Abend zu verbringen.

Vegetarier treffen sich im Tibits gleich

beim Bahnhof zum Schmaus, andere schwärmen

von den unverschämt deliziösen Speisen des Aarbergerhofs.

Zwischen Bundeshaus und Polizeiposten

gibt es Restaurants soweit das Auge reicht:

Turm, Gfeller oder die Brasserie Chez Eddy. Die

Liste ist lang und kann nach Belieben weitergeführt

werden. Auch die Pizzeria La Vigna neben

dem Käfi gturm ist nicht zu verachten. Nicht genug

der Auswahl, geht es in der Altstadt Berns munter

weiter: Zunft zu Webern, Lirum Larum und zu guter

Letzt das Tramdepot – man denke nur an die

hausgemachten Spätzli mit Speck und Käse. Lecker!

Apropos Tramdepot: Das hier gebraute Bier

mag kein allzu grosses internationales Renommee

wie Paulaner oder Franziskaner haben. Fragt man

aber einen Berner nach seinem Bier, gibt es dank

diesem Weltklassebier nichts zu motzen. Mithalten

kann es ohne weiteres – wenn nicht gar mehr.

18

■ In der 6-teiligen Serie «Zwischen Bayern und

Bern» berichtet ensuite – Kulturmagazin jeden Monat

exklusiv aus München und parallel dazu aus Bern.

Dabei werden Themen wie Sport, Leben&Leute und

Essen&Trinken aufgegriffen. Weniger als Vergleich

konzipiert, sondern viel mehr als Gegenüberstellung,

soll der/die LeserIn selbst zu einem individuellen Fazit

über die kulturelle Vielfältigkeit der beiden europäischen

Städte gelangen. Soviel vorab: Wahrlich keine

einseitige oder eindeutige Angelegenheit.

Ausblick:

#3 im August: Musik

■ In München ist alles Wurscht, in jeglicher Hinsicht.

Als «coole Wurscht» bezeichnet zu werden darf man

durchaus als Kompliment verstehen. Mit «Des is

mir wurscht, passt scho» bekundet der Münchner

seine Anspruchslosigkeit oder vielleicht auch seine

Unkompliziertheit. So dominiert die Wurst auch die

Speisekarte: Bratwürste, Leberwürste, Debreciner,

Pfälzerwürste, Milzwürste und natürlich Münchner

Weisswürste. Diese sind eine Wissenschaft für

sich. So besagt eine alte bayrische Redensart: «A

Weißwurscht deaf as Zwölfeleit’n ned hearn», sprich,

eine Weisswurst muss vor dem Mittagsgeläute verzehrt

werden. Das kommt daher, dass die traditionell

am Morgen hergestellte Wurst vor dem Aufkommen

moderner Kühltechniken rasch ungeniessbar wurde.

Gegessen werden Weisswürste mit Brezel und

süssem Senf, was einiger Übung bedarf: Die Wurstspezialität

wird ohne den Schweinedarm gegessen.

Mit einer bestimmten Technik trennt der Kenner den

Darm von der Wurst.

Zu Wurst, Senf und Brezel gehört ein kühles

Weissbier. In Bayern gilt Bier als Grundnahrungsmittel

und muss, wie alle anderen Nahrungsmittel, mit

nur 7 Prozent Mehrwertsteuer statt den in Deutschland

allgemein üblichen 19 Prozent für Alkoholika

belegt werden. Da überrascht es nicht, dass immer

und überall Bier getrunken wird. Nicht nur Weissbier

notabene. Münchner Brauereien wie Augustiner, Hof-

und Löwenbräu, Spaten, Paulaner, Franziskaner und

Hacker Pschorr brauen seit jeher nach bayerischem

Reinheitsgebot alle möglichen Sorten von Gersten-

und Weizensaft.

Getrunken und gegessen wird nicht nur im Herbst,

wenn es wieder heisst «O’zapft is», sondern das

ganze Jahr über in den zahlreichen Biergärten und

-hallen, die unverkennbar zu München gehören. Alles

immer in der Superlative: Die Mass ist Standard.

Zugegeben, Vegetariern und Abstinenzlern wird

das Leben in München nicht einfach gemacht. Doch

neben Bier, Wurst, Leberkäs und Fleischpfl anzerl

gibt es auch noch anderes. So zum Beispiel den vorzüglichen

Kartoffel-Gurkensalat, den Hopfenzupfer-

Salat. Der Name ist auf die traditionelle, alljährliche

Hopfenernte, das Zupfen, zurückzuführen: Um für

die Verpfl egung auf den Feldern nicht zu viele verschiedene

Gefässe mitnehmen zu müssen, werden

Kartoffel und Gurkensalat kurzerhand zusammengemischt.

Auch im Supermarkt bleibt man von Würsten

nicht verschont. Kürzlich entdeckte ich gar Berner-

Würste. Wie sich herausstellte, sind die Würste aber

nach deren Erfi nder, einem Koch aus Österreich, benannt,

und nicht nach der Aarestadt. Nun gut, das

Einzige, was in München fehlt, sind richtige Cervelats

aus brasilianischen Rinderdärmen. Die sind den

Münchnern wohl wurscht.

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


MODEWELT: JEANS

die alleskönnerin

Von Simone Weber Bild: zVg.

■ Sie ist in jedem Kleiderschrank zu fi nden, hat

längst Kultstatus erreicht und lässt sich aus dem

Alltag nicht mehr wegdenken. Laute Stimmen behaupten,

sie sei das weltweit am meisten getragene

Kleidungsstück. Die Jeans. Keine Hose ist so

widerstandsfähig, so pfl egeleicht, so praktisch, so

vielfältig wie sie. Keine kann mit so vielen Vorteilen

punkten wie die beliebte Königin aus Denim.

Dieses grandiose Kleidungsstück für jedermann

verdanken wir ihrem Gottvater Levi Strauss.

Ursprünglich als Arbeiterhose für Goldgräber gedacht,

fertigte er 1853 in Amiland die erste Jeans

aus braunem Segeltuch. Schon bald aber stieg

er auf den strapazierfähigeren indigogefärbten

Drillich, ein Baumwollgewebe aus Nimes, um. Aus

Nimes kam also der «Bleu de Nîmes» und wurde

zu «Blue Denim». Das zur Färbung verwendete

Indigoblau liess Strauss von Genua nach Amerika

schippern und schon wurde «Bleu de Gênes» zu

«Blue Jeans». Heraus kam die Blue Jeans aus Denim.

So war das.

Doch die Blue Jeans hatte einen Schwachpunkt:

die Nähte. Gelöst wurde das Problem vom Schneider

Jacob Davis, der die gefährdeten Stellen mit

Kupfernieten rissfest machte. Als Geburtsstunde

der heutigen Jeans gilt der 20. Mai 1873, als Davis

und Strauss die Denimnietenhose zum Patent anmeldeten.

Das robuste Beinkleid fand schnell viele Anhänger.

Von Minenarbeitern, Farmern und Cowboys

getragen, erfreute sie sich immer grösserer Beliebtheit

und wurde in den 30er-Jahren auch bei

Städtern gesellschaftsfähig. Im Zweiten Weltkrieg

brachten die GI’s die Jeans nach Europa und nach

und nach wurde die blaue Denimhose auf der ganzen

Welt bekannt. Sie verlor das Image der reinen

Arbeiterhose und wurde eines der begehrtesten

amerikanischen Produkte. Berühmte Vorbilder

wie Marlon Brando und James Dean machten die

Jeans in den 50er-Jahren noch populärer. Sie

sahen ja auch verdammt scharf darin aus. Schon

1953 gab es die Jeans schliesslich erstmals auch

für Frauen.

In den 60er- und 70er-Jahren explodierten die

Absatzzahlen für Jeans förmlich. Das blaue Beinkleid,

das für Lebensfreude, Freiheit und Zwanglosigkeit

stand, war vor allem bei jungen Menschen

sehr bliebt. Während etablierte Kreise mit Giftpfeilen

gegen die Wilden in Nietenhosen schossen,

wurde die Jeans zum Ausdruck der Aufl ehnung

gegen alte Traditionen und Autoritäten. Sie wurde,

getragen von Hippies, Gammlern, Studenten und

Popkonzertbesuchern beider Geschlechter, zur

Protesthose schlechthin. Die Passform der Jeans

musste damals noch in harter Eigenarbeit erreicht

werden. Besagte Generation pfl egte aus diesem

Grund das Ritual, sich mit der neuen Jeans in die

gefüllte Wanne zu sitzen und sie dann am Körper

trocknen zu lassen. Die Jeans legte sich dadurch

wie eine zweite Haut perfekt über die entscheidenden

Körperteile.

Designer wie Calvin Klein, Armani und Joop

entdeckten das Potential der blauen Denim und

nahmen sie in den 80er-Jahren in ihre Kollektionen

auf. Den Querulanten war nun das Maul gestopft,

die Jeans war büro- und ausgehtauglich.

Die Denimhose gehört nun längst in die Prêt-àporter-Liga,

und wer reich und dämlich genug ist,

gibt gut und gerne 3 000 Franken für sie aus.

Heute wird die Jeans jedem Trend gerecht. Es

gibt die Röhre für die Schlanken, die Bootcut für

Verspielte, das Rüebli für Geschmacklose, die Baggy

für die Coolen. Es gibt sie mit Knopfl eiste oder

Reissverschluss, in jeder Grösse und in unzähligen

Formen. Kurzbeinige, schlanke, grosse, dicke, dünne

Menschen, für jeden gibt’s die passende Jeans.

Und für einen knackigen Sitz um den Arsch muss

Stretch-sei-Dank keiner mehr in die nasse Wanne

steigen.

Und blau muss die Blaue auch nicht mehr sein.

Es gibt sie in schwarz, grau, weiss, rot, grün und

allem, was Sie auf dem Farbenkreis sonst noch antreffen.

Aber zugegeben, die Bluejeans ist, gefolgt

von der Schwarzen, die ungeschlagene Bestsellerin.

Es gibt sie in den unterschiedlichsten Ausbleichungen

und in allen Stadien der Zerstörung.

Ja, es gibt menschliche Exemplare, die dafür bezahlen,

dass sie nicht warten können, bis sie am

Lifestyle

Stacheldraht hängen bleiben, mit den Inlines auf

die Schnauze fallen oder beim Bücken die Naht am

Hintern platzt.

Die Lieblingsjeans hingegen erzählt wahre

Geschichten. Jeder hat ein solches Exemplar im

Schrank. Mit dieser Hose geht man durch dick und

dünn. Sie begleitet einen zu ersten Dates, man

fährt zusammen Fahrrad, Skateboard oder Achterbahn,

geht gemeinsam auf Konzerte, ins Theater

oder zum Chinesen. Sie reist mit in ferne Länder,

Städte oder auf den Campingplatz. Sie wird mit

Essen bekleckert, mit Kettenöl versaut und mit

Grasfl ecken verfärbt. Diese Hose ist eine wahre

Freundin, eine treue Begleiterin, unersetzlich.

Die blaue Denim hat aber auch im grossen Sinne

Geschichte geschrieben und damit bis heute

nicht aufgehört: Auf der Berliner Fashion Week

wurde soeben der erste Jeans-Automat, die sogenannte

«Magnifi cent Jeans Machine», präsentiert.

Was Herr Strauss wohl dazu sagen würde?

Alther&Zingg

Ein filosofisches Gespräch:

«Es ist unmöglich, einen mit

nichts zusammenhängenden

Gedanken zu denken.»

Ted Honderich (1993)

Mittwoch, 24. Juni 2009 // 19:15 h

Kramgasse 10, 3011 Bern / 2. Stock

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 19


20

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


SLOW MOTION: MINUS 8

im karrierefl ug

– aber keineswegs abgehoben

Von Luca D‘Alessandro Bild: Joseph Khakshouri

■ Wenn er nicht wäre, gäbe es das Mannheimer

Kultlabel «Mole Listening Pearls» nicht: Der Zürcher

DJ und Produzent Robert Jan Meyer aka

Minus 8 ist seit mehr als fünfzehn Jahren im Elektro-Musik-Geschäft

tätig. Er ist Urheber zahlreicher

Compilations: Zu seinen erfolgreichsten gehören

die Brazil-Trilogie «Batucada» und «Science Fiction

Jazz 1 - 11». Bis am 29. Mai 2009 umfasste sein Repertoire

fünf Alben, seither ist mit «Slow Motion»

der sechste Longplayer verfügbar – und das nach einer

fünfjährigen Pause. «Pause? Mein Gott, nein, ich

lag keinesfalls auf der faulen Haut. Ich habe diverse

Compilations und Musik für Werbespots produziert

und war als DJ unterwegs», kontert Minus 8.

Die Zeit seit der letzten CD «Eclectica» hat der

heute 42-Jährige damit verbracht, neue Sounds

auszutüfteln: «Ich habe Exkurse in den Bereich der

Dance Music gewagt, auch die eine oder andere

Maxi publiziert, doch insgesamt erreichte ich nie die

für ein Album notwendige Menge. Vermutlich bin

ich doch zu sehr dem Downtempo zugetan, denn es

zieht mich immer wieder in diese Sparte.»

Tatsächlich hält Minus 8 mit «Slow Motion» an

seiner 1996 mit dem Album «Beyond» begonnenen

Tradition fest, welche dem sanft-chilligen, ruhig-besinnlichen

Spektrum angesiedelt ist. Indes sind auf

der aktuellen Platte vermehrt akustische Elemente

auszumachen wie Saxophon oder Gitarre. «Das war

auch meine Absicht. Ich wollte kein Dancefl oor-Album

produzieren, sondern eines, das man sich zu

Hause zum Entspannen anhört.» Ein Konzept, das

auch Philippe Chrétien gefällt. Der Basler Saxophonist

ist seit Längerem in der Welt der Elektronik

unterwegs und sofort zur Stelle, wenn interessante

und vor allem moderne Projekte anstehen. «Aus

diesem Grund habe ich Philippe mit ins Boot geholt.

Seine Motivation, die Erfahrung und sein eigenständiger

Stil geben dem Album eine besondere Note.»

Damit hat er nicht unrecht: Wer Chrétiens Arbeit in

den vergangenen Jahren verfolgt hat, stellt beim

Hören von «Slow Motion» fest, dass sowohl Titellied

als auch «Soverato 09» unmissverständlich seine

Prägung tragen.

Stilmässig bewegt sich das Album im Bereich

des Soul und Funk, geht abschnittweise über in Jazz

und Lounge. «Es ist melodiöse Musik», so Robert,

«in fast jedem Stück gibt es Gesangspassagen.» Das

sei der wesentliche Unterschied zu einer Danceplatte,

fügt er hinzu, denn «Musik für den Dancefl oor ist

mehrheitlich instrumental». Nebst Eigenproduktionen

schweben dem Hörer vereinzelt Evergreens um

die Ohren, so zum Beispiel in «We’re Waiting», wo

Text und Melodie an den Hit «Sweet Dreams» von

Eurythmics erinnern.

Beheimatet ist Minus 8 beim Münchner Elektrolabel

Compost. «Das hat seine Vorteile», denn für

einen Produzenten sei ein auf ein bestimmtes Genre

spezialisiertes Label Gold wert. Das stellt Robert

Jan Meyer besonders dann fest, wenn es darum

geht, die eigene Musik auf dem deutschen Markt

einzuführen. «Die Konkurrenz ist riesig, und als

Schweizer Produzent hat man es besonders schwer,

in Europa überhaupt Fuss zu fassen.» Er aber hat

diesen Schritt schon längst vollzogen, so durfte er

als DJ an prestigeträchtigen Festivals wie Amsterdam

Dance Valley, Montreux Jazz und Roskilde auflegen.

Seine Tourneen brachten ihn nach Nordeuropa,

Asien, in die Vereinigten Staaten bis hin nach

Kuba.

Dank seinem Gespür für feine Klänge machte er

sich auch auf dem Gebiet des Sound-Design einen

Namen. Er bekam verschiedentlich die Gelegenheit,

Werbespots zu vertonen und Klangkulissen

für deutsche Spielfi lme zu gestalten; ein Bereich,

in dem sich als Musiker heute noch Geld verdienen

lässt. Mit CDs und Compilations ist das Überleben

nicht gesichert, denn die zahlreichen Raubkopien

machen auch Minus 8 zu schaffen. «Trotzdem will

ich nicht klagen, in den letzten Jahren hat die Zahl

der illegalen Downloads aus dem Internet abge-

Musik

nommen», sagt Robert. Die Arbeit an der eigenen

Musik lohne sich allemal, «wenn du in der Musik die

Leidenschaft siehst, darfst und wirst du sie nie aufgeben.»

Ach ja, wie war das nun eigentlich mit Mole Listening

Pearls? «Dieses Label wurde für meine Samplerreihe

‹Science Fiction Jazz› ins Leben gerufen.

Zuerst produzierte ich diese für ‹Under Cover Music

Group›, die Verantwortlichen merkten aber sofort,

dass mein Stil nicht in ihr Leitbild passen würde.

Dennoch gefi el ihnen meine Arbeit. Sie wollten

mich unbedingt behalten und haben – wegen mir –

Mole lanciert.» Heute ist das Label erfolgreich: Es

beherbergt Musiker wie Yonderboi, Alphawezen,

Lemongrass, Moodorama und war Ende der Neunzigerjahre

massgeblich am Aufbau des Heidelberger

Bandprojekts De Phazz beteiligt.

Die Mole ist also gesetzt und «Slow Motion» im

Plattenhandel erhältlich. Minus 8 segelt nun diversen

Events entgegen: Am 5. Juni steht er anlässlich

der CD-Taufe im Zürcher Tanzkarussell auf der

Bühne, am 13. Juni kommt er ins Berner Sous Sol.

Trotz seines Erfolges ist Robert Jan Meyer bescheiden

geblieben. Vermutlich deshalb ist er für viele

Schweizer DJs und Produzenten ein Vorbild.

Minus 8 on stage

Freitag, 5. Juni: Slow Motion – CD-Taufe im Zürcher

Tanzkarussell (Alte Börse), ab 22:00h

Samstag, 13. Juni: Minus 8 @ Sous Sol, Bern, ab

22:00h

Sonntag, 14. Juni: La Balera Barfussbadi, Zürich,

20:00h bis 23:00h

Minus 8 on air

Lounge on Radio 1, jeden Freitagabend, 20:00h bis

24:00h

Minus 8 on CD

Slow Motion. Compost Records, 2009.

Info: www.minus8.net

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 21


Musik

SCHWEIZER-POP: PATRIK ZELLER

ausfl üge des pop

Von Andy Limacher - Play Patrik: Versatile Bild: zVg.

■ Mit dem Zigeuner-Pop der Feet Peals und dem

Electro-Pop von Morphologue zieht der Musiker

Patrik Zeller seit einigen Jahren durchs Land. Unter

dem Namen Play Patrik hat der Berner Ende

März nun sein erstes Solo-Album «Versatile» veröffentlicht

und setzt dabei auf das, was er am besten

kann: Popmusik in seinen verschiedensten Facetten

zu zeigen.

Beim ersten Durchhören von «Versatile» fällt

vor allem die Liebe Zellers zu den Achtzigerjahren

auf. So erinnern Rhythmik und Synthesizer

von «Our Dreams To Reach» passagenweise an

The Cure und der Chorus von «Too Shy To Dance»

ruft unvermeidlich Assoziationen mit Depeche

Mode hervor. Hier handelt es sich um durchaus

gelungene Kompositionen, aber erst bei «Eastwest

Collaboration» zeigen sich die wahren Qualitäten

von Play Patrik: Meine Turnschuhe beginnen

zu leuchten, die Sonnenbrille fühlt sich doppelt

so cool an und in meiner Sporttasche befi nden

sich nicht mehr langweilige Prospekte, sondern

ein Haufen Geld, den ich gleich einer zwielichtigen

Gestalt übergeben werde. So fühlt sich der

Electro-Track an – wie Filmmusik, die dem Handeln

des Protagonisten die nötige Wichtigkeit verleiht.

Überhaupt schwingt dieses Filmelement in vielen

Songs mit. Beim Refrain von «My Space» stelle

ich mir die Gastmusikerin Nicole Herzog in einem

langen roten Kleid auf der Bühne eines verrauchten

Clubs um die letzte Jahrhundertwende vor,

und der Chorus von «Cool Cat» des Berner Jazz-

Sängers Andreas Schärer ruft bei mir erneut Bilder

einer Geldübergabe hervor – dieses Mal allerdings

in einer dunklen Seitengasse New Yorks. Hier

22

zeigt sich die grosse Fähigkeit Zellers, mit seinen

Arrangements Bilder zu erzeugen. Dazu trägt sicher

bei, dass der Berner mehrere Projekte in den

Segmenten Sound Identity und Filmmusik verfolgt

und Komponist bei so unterschiedlichen Formationen

wie Feet Peals und Morphologue ist. «Die Feet

Peals sind mein erstes musikalisches Projekt. Als

Lernfeld ging es hier vor allem um das Akkordeon

und französische Texte. Bei Morphologue kann ich

meine Electro-Leidenschaft ausleben. Mit Play Patrik

wollte ich den Mut fi nden, etwas ganz eigenes

zu machen und meine Liebe zum Pop zum Ausdruck

zu bringen», so Zeller.

Diese Liebe zum Pop ist auf «Versatile» als roter

Faden durchwegs spürbar, ob Zeller nun mit

ein wenig Drum’n’Bass («Surfa Intermezzo»), ein

bisschen Swing («I Love You») oder sogar einem

Quentchen Ska («Individuality») liebäugelt. In der

Experimentierfreudigkeit mit verschiedenen Stilen

liegt die Stärke des Albums: Die meisten Kompositionen

werden sich auch nach mehreren Zugfahrten

und WG-Essen noch als interessant erweisen.

Diejenigen Songs allerdings, die zu stark auf den

Pop allein setzen und mit denen Zeller gleichzeitig

versucht, den aktuellen Indie-Trend aufzunehmen,

dürften ihren Reiz schnell verlieren – hier schwächelt

«Versatile». Darüber hinaus sticht einem gerade

bei diesen Arrangements das noch ungeschliffene

Englisch in Zellers Texten am meisten ins Ohr.

Dennoch geht das Konzept auf. Seit der Generation

iTunes-Store gilt es ja, neben den klassischen

Album-Hörern auch den neuen Typus des Playlist-

Klempners anzusprechen. Eine Produktion ist also

vermutlich dann am erfolgversprechendsten, wenn

das Album als ganzes schmeckt, sich die einzelnen

Songs aber gleichzeitig auf möglichst unterschiedliche

Listen verteilen lassen. Der Popanteil als verbindendes

Element macht «Versatile» einerseits

für die erste Gattung attraktiv, die Experimentierfreudigkeit

andererseits wird besonders die zweite

Gattung ansprechen – hier gelingt Zeller ein cleverer

musikalischer und marketingtechnischer Spagat.

Darüber hinaus schafft der erste Wurf von Play

Patrik mit Songs wie «Too Shy To Dance» oder

«Eastwest Collaboration» eine solide Grundlage für

die Live-Umsetzung. Wer Zellers bisherige Produktionen

kennt, weiss, dass man von seinen Gigs einiges

erwarten darf. Gerade die Vielseitigkeit dürfte

hier erneut ein Trumpf sein. «Der Spass steht im

Vordergrund – ich habe alle Musiker zu Multi-Instrumentalisten

verknurrt», sagt Zeller und lacht.

Eine erste Gelegenheit in der Region, Play Patrik

mit Mirio Bähler (Schlagzeug), Lukas Hasler

(Bass), Raphaël Haberer-Proust (Keyboards) und

Lukas Frei (Trompete) live zu erleben, bietet sich

am 4. Juni im BeJazz-Club in den Vidmarhallen.

Aktuelles Album

Play Patrik: Versatile. Chop Records, 2009.

Konzerte

Donnerstag, 4. Juni, BeJazz-Club, Vidmarhallen,

Bern

Samstag, 6. Juni, Kulturwerk 118, Sursee

Info: www.playpatrik.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


UND JETZT: BIG ZIS

die solitäre

Von Ruth Kofmel Bild: zVg.

■ Ganz ehrlich, bis anhin fand ich Big Zis frech und

provokant, mutig, geil, verdreht. Jetzt aber fi nde ich

sie gut - so richtig. Sie und natürlich das, was sie an

Wortspielereien produziert. Für meinereins bietet

Big Zis mit ihrem neuen Album «UND JETZ... was

hät das mit mir z tue?» viel mehr Projektionsfl äche

als zuvor. Fläche, die ich gerne mit Interpretationen

und Deutungen belade, mich darin suhle und «rumnusche»,

nach versteckten Perlen suche und ganz

und gar das Gefühl habe, diese Musik sei mein Ding.

Und Musik soll genau das tun für uns. Sie soll unsere

Distanz durchbrechen, die wir mit Schlagworten

wie amüsant, unterhaltsam, eigenständig aufrechterhalten

und uns zu der Aussage zwingen: Das ist

gut! Ruhig verdammt gut, richtig gut, unglaublich

gut.

Es ist ja heute bei städtischen Kulturkonsumenten

zwischen zwanzig und fünfzig geradezu verpönt,

euphorisch ob einer Produktion zu werden.

Oder besser: Es gibt einen diffi zilen Kodex wie, wo,

wann und in welchem Ausmass man euphorisch

werden darf und soll. Meistens aber ist cool besser

und vor allem sicher. Ist dann etwas als feiernswert

statuiert, ist Euphorie zwar gewünscht, aber bitte

immer im Kollektiv. Natürlich ist die Lobeshymne

auf Big Zis längst vom Kollektiv beglaubigt und ich

kann mich hier ohne Federn zu lassen getrost anschliessen.

Ihre Raps sind ein Ohrenschmaus. Da ist

ein ganz eigenständiger Flow entstanden, der sich

die Worte einverleibt und sie zu einem organischen

Gewächs werden lässt. Da sind so simple Rhymes

aufgeführt, dass es einem innerlich kichern macht

- nun, das ist wirklich und wahrhaftig frech!

So wie Big Zis beschrieben und besprochen

wird, entsteht leicht der Eindruck, hier sei eine

Frau, die einfach das tut, worauf sie Lust hat. Und

das stimmt vorderhand auch, sagt sie doch zum

Beispiel, dass sie nach dem letzten Album «Big Zis

dörf alles» überhaupt nicht sicher war, ob sie noch

einmal den ganzen Zirkus auf sich nehmen würde.

Nach der damaligen Tour hatte sie die Nase voll.

Genug davon, ständig im Rampenlicht zu stehen,

ständig ihre Person zu präsentieren. Darum lässt

sie vier Jahre verstreichen, in denen sie ab und

zu auf kleineren Bühnen steht und wartet auf die

Inspiration für ein neues Album. Also ja, sie tut

das, worauf sie Lust hat, lässt sich von äusseren

Erwartungen wenig beeinfl ussen, erhält sich ihre

Unabhängigkeit und macht ihr Ding. Aber einfach

scheint das dann doch nicht zu sein. Zu kritisch ist

sie mit sich selbst, auch nach einem so hoch gelobten

Album wie diesem fi ndet sie: «Ich glaube,

ich bin auf dem Weg dahin, wo ich sagen kann: Ja,

das ist gut.» Vor jedem Auftritt durchläuft sie dieselbe

kleine Tortur und wird für eine Stunde krank,

bis sie dann auf der Bühne steht, und da geht es

ihr gut. Die Bühne mag sie, das Gefühl zu unterhalten,

die Menschen in ihren Bann zu schlagen, sie

machte das schon als Kind gerne. Freimütig gibt sie

zu, dass sie dahinter einen grossen Geltungszwang

vermutet, beschreibt sich als exhibitionistisch, nur

dass das, wenn man genauer hinschaut und -hört,

überhaupt nicht stimmt. Vielmehr bleibt nach dem

Interview die Überlegung zurück, dass eine Unterhalterin,

die sich darauf spezialisiert, eine Show zu

liefern und sich instinktiv weigert, ihre Arbeit mit

den zwei typisch weiblichen Attributen für Bühnenkünstlerinnen,

romantisch und/oder sexy, zu

Musik

unterlegen, in ein anderes Schublädchen gepackt

werden muss; und das wäre dann das mit dem Geltungszwang.

Eine Frau, die das tut, was Big Zis tut,

ist zwar geil, aber eben auch eine etwas seltsame

Frau - das Wort feminin ist im Zusammenhang mit

ihr wohl noch nie gefallen. Und obwohl viele toll fi nden,

was sie macht, und merken, dass hier eine Sex

und Romantik in Selbstdefi nition abhandelt, sind

solche Künstlerinnen noch immer nicht zur Selbstverständlichkeit

geworden.

Am liebsten möchte Big Zis sich sowieso all diesen

Attributen entziehen und eben einfach das machen,

worauf sie Lust hat - nur dass dieses Entziehen

nie vollständig gelingen kann; und über diesen

dauernden Zwiespalt erzählt sie in ihren Texten. Sie

gibt nur wenig von sich preis, versteckt viel mehr

als dass sie zeigt, schreibt Geschichten auf, die

vordergründig etwas erzählen und das immer auch

gleich mit hinterfragen. Einerseits lieben wir es zu

tanzen, auszugehen, das scharfe Kleidchen anzuziehen,

gleichzeitig fi nden wir das dann auch alles

wieder doof und überfl üssig, lächerlich irgendwie.

Big Zis schreibt aus dem Bauch heraus und sie

hat einen gescheiten Bauch. Sie sagt: «Schlussendlich

kenne ich mich selbst nicht so gut» und genau

diese Unbekümmertheit schützt sie auch davor, zu

kompliziert zu werden, direkt zu bleiben und kein

Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie mag manchmal

daran zweifeln, ob sie weiterhin Lust hat, uns ein

klein wenig von sich zu zeigen, uns an ihren Grübeleien

teilhaben zu lassen, die sie mit wunderbar

belebender Leichtigkeit zu Kunst arrangiert; uns

bleibt nichts anderes übrig, als darauf zu bestehen

- es gibt sonst keine wie sie.

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 23


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«Gib mir Deinen Platz, ich gebe Dir meinen»,

sagt Ariane zu Hugo und übernimmt schon

am nächsten Tag eine Direktionsstelle ihres

Mannes. Dany Boon (BIENVENUE CHEZ LES

CH’TIS) und Sophie Marceau (LA BOOM) sind

das perfekte Leinwandpaar in der verrücktesten

französischen Komödie des Jahres!

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MERAD BÉART DENEUVE BERNIER

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République Francaise

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LAETITIA

COLOMBANI

Medienpartner:

MES STARS ET MOI

Von Laetitia Colombani

Mit Kad Merad, Emmanuelle Béart &

Catherine Deneuve

Kad Merad, der andere Star aus

BIENVENUE CHEZ LES CH’TIS, läuft

in dieser frechen Komödie erneut zu

Höchstform auf. Wenn er als aufdringlicher

Fan seinen Idolen, gespielt von

Catherine Deneuve und Emmanuelle

Béart, das Leben zur Hölle macht, ist

für beste Unterhaltung gesorgt.


SONGWRITER: HEINRICH MÜLLER

«viele leute sehen in mir nach wie vor

den nachrichtensprecher»

Interview: Luca D’Alessandro Foto: Bruno Toricelli

■ Vor genau zwei Jahren hat Heinrich Müller das

Fernsehstudio gegen die Musikbühne getauscht.

Diesen Schritt habe er nie bereut, sagt er, «nach

über zwanzig Jahren im Dienste der Tagesschau

verspürte ich das Bedürfnis, meiner Leidenschaft

nachzugehen: dem Songwriting.» Damit hat sich

Müller einen Traum erfüllt, den er heute mit Herzblut

lebt. Sein Repertoire füllt drei Alben, das letzte

ist am 17. April beim Berner Label Sound Service

vom Stapel gelaufen. Als Arrangeur hat er sich

den in Nashville lebenden Erfolgsproduzenten Tim

Hinkley ausgesucht. Auf ihn schwören die Rolling

Stones, Eric Clapton und Johnny Halliday.

Die Liedtexte auf den drei Alben stammen aus

«Heiris» Feder und sind Spiegelbild seines etappenreichen

Lebens: In jungen Jahren war er als Globetrotter

unterwegs, später widmete er sich dem

Jurastudium, kam zur Tagesschau des Schweizer

Fernsehens und landete schliesslich bei der Musik.

Heinrich Müller wartet nicht: Er setzt um, was er

fühlt. Er hört auf die innere Stimme, die ihn – so

scheint es – bis heute stets gut beraten hat.

Bleibt er jetzt bei der Musik, oder hat er bereits

ein anderes Etappenziel vor Augen? «Wer weiss?»

ensuite - kulturmagazin liess sich mit dieser Antwort

nicht abspeisen und hat Heinrich Müller auf

ein Interview eingeladen.

ensuite - kulturmagazin: Heinrich Müller, das

aktuelle Album ist in Zusammenarbeit mit dem

Starproduzenten Tim Hinkley entstanden. Welche

Rolle wurde ihm zuteil?

Heinrich Müller: Tim war der Produzent in diesem

Projekt. Er hat viel Erfahrung in diesen Dingen,

zumal er auch selber Musik macht. In den 1960ern

und 1970ern war er ein bekannter Rockmusiker.

Heute jedoch ist Tim Hinkley als Songwriter

bekannt. Inwiefern hat er Sie beeinfl usst?

Sein Einfl uss war begrenzt. Ich habe ihm die

fertiggestellten Lieder gegeben mit dem Auftrag,

die Arrangements umzusetzen. Natürlich machte

er auch Vorschläge und gab mir den einen oder anderen

Rat. Manchmal stritten wir uns, weil er mir

eine Idee aufbrummen wollte, die meinen Vorstellungen

nicht entsprach. Die Zusammenarbeit mit

Tim lief so, wie sie unter Musikern und Arrangeuren

sein muss: freundschaftlich, professionell und

ehrlich.

Teile der Produktion haben Sie in die Westschweiz

verlegt: Die Aufnahmen haben in den

Relief Studios in Freiburg stattgefunden.

Ja, in den Relief Studios, dessen Besitzer Dom

Torche mir wertvolle Inputs gegeben hat. Er hat

Musik

spannende Akzente hineingebracht: Mehr Zug.

Das hat mir sehr entsprochen, zumal ich «Schleimmusik»

nicht ausstehen kann.

Was ist für Sie «Schleimmusik»?

Wenn sich in einem Album immer dieselben Elemente

wiederholen. Wenn der Computer den Song

zu schreiben scheint. Wenn der stimmliche Ausdruck

des Sängers immer gleich tönt. Ich mag es,

wenn ein Album differenziert klingt. Es soll kräftig

sein, authentisch wirken und persönlich.

Tatsächlich ist Ihr Album, was die Stile angeht,

breit gefächert. Konnten Sie sich vielleicht

deshalb nicht für einen Albumtitel entscheiden?

Diesem dritten Album habe ich bewusst keinen

Titel gegeben. Beim Durchstöbern meiner Schallplatten

habe ich festgestellt, dass Plattentitel

manchmal komisch, ja ganz absurd klingen und

über den Inhalt der LP nichts aussagen. Aus den

meisten Titeln wurde ich nicht schlau. Um nicht

selber einen widersinnigen Namen zu erfi nden,

habe ich das Cover lediglich mit meinem Vor- und

Nachnamen versehen. Weshalb muss man allem

einen Titel geben? Die CD enthält zwölf Lieder, die

sowohl ins Rock-, Blues-, Country- oder Soulschema

passen könnten. Eine solche Mixtur ist schwer

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 25


Musik

unter einem Begriff zusammenzufassen.

Die Genres mögen verschieden sein, trotzdem

dreht sich alles um die menschliche Stimme.

Das darf ich nicht allzu laut zugeben, sonst

verärgere ich meine Band. (lacht) Der Gesang

verkörpert die Schönheit und die Harmonie. «The

Girls from the Shebshi Hills» – ein Lied, das von

meinen Erfahrungen spricht, die ich während meiner

Reisen durch Afrika gemacht habe – ist unter

Beteiligung eines Chores aus Angola entstanden,

der Kuziem Singers. Es war mir ein Anliegen, sie im

Album unterzubringen.

Weshalb diese Vorliebe für den Chorgesang?

Ich bin in einer Pfarrerfamilie aufgewachsen

und hatte es schon früh mit Chören, gelegentlich

auch mit Gospelchören, zu tun. Später, als junger

Mann, bereiste ich regelmässig die Südstaaten

Amerikas, wo ich mit der afroamerikanischen Bevölkerung,

mit der Kultur des Blues und des Soul

in Berührung kam und den Gospel intensiv erleben

durfte. Für mich war schon bald klar, dass die Wurzel

der Musik in Afrika liegen muss. Diese Einsicht

prägt noch heute mein Leben als Liedermacher.

Die Liedtexte sind einfach gehalten. Ist das

Absicht?

Ja. Ich liebe es gar nicht, wenn mir in den Liedern

ein psychologischer Brei vorgesetzt wird. In

der Musik habe ich mir vorgenommen, einfach zu

formulieren. Mich auf Gefühle zu konzentrieren.

Einfache, verständliche Gefühle, die von jeder und

jedem auf ganz persönliche Weise verstanden werden

können. Das heisst aber nicht, dass die Texte

banal sein müssen. Während meiner Zeit als Moderator

der Tagesschau habe ich gelernt, komplexe

Inhalte so zusammenzufassen, dass sie von den

Zuschauern verstanden werden können. Vordergründig

schienen die Texte einfach. Die Zusammenhänge

im Hintergrund waren es meist nicht.

Bei den Inhalten meiner Lieder verhält es sich

ähnlich. Sie sind vordergründig einfach, beziehen

sich auf das alltägliche Leben, reden von Liebe und

Abschied. Aber dahinter versteckt sich vieles; das

Verhältnis zu uns selbst, das Verhältnis zwischen

Menschen, das Verhältnis zur Natur, etc. Ein Song

bringt es auf seine spielerische Art auf den Punkt.

Der Song «Man of the News» zum Beispiel

könnte mit Ihrer Vergangenheit als Journalist

in Verbindung gebracht werden. Diese These ist

aber scheinbar zu einfach.

Ja, «Man of the News» ist keine Autobiografi e.

Zwar kann der Song stückweise etwas mit mir zu

tun haben, er kann aber auch auf andere Moderatoren

projiziert werden.

Wen besingen Sie in Ihrem Liebeslied?

«Miis Liebeslied» habe ich niemandem gewidmet.

Ich habe es von Herzen geschrieben, weil mir

in dem Moment danach war. Einzig die erste Zeile

«Uf em Tschuttiplatz han ech Si geseh», bezieht

sich auf meine Frau Ruth. Sie habe ich auf einem

Fussballplatz kennengelernt. Alle anderen Zeilen

26

könnten in einem beliebigen Liebeslied stehen.

Übrigens ist das nicht mein einziges Liebeslied auf

diesem Album.

«Hardbridge» zum Beispiel könnte auch als

Liebeslied durchgehen. Welchen Bezug haben

Sie zur Zürcher Hardbrücke?

Auf ihr habe ich an so manchem Wintermorgen

auf den Zug gewartet, der mich Richtung Fernsehstudio

brachte. Ich habe viele Erinnerungen an diese

Zeit. «Hardbridge» habe ich dieser Phase meines

Lebens gewidmet und dem Ort, der gemeinhin

als kalt empfunden wird und optisch nicht schön

ist – trotzdem fühle ich mich wohl da.

Auf der neuen CD befi nden sich mit «Miis

Liebeslied» und «So Wies Isch» erstmals zwei

Lieder in Mundart. «Hardbridge» dagegen ist

Englisch. Wieso haben Sie dieses «Schweizer

Thema» nicht auch in Mundart getextet?

Die Sprachwahl habe ich bei der Komposition

des Liedes so gewählt, wie ich es in dem Moment

für richtig hielt. Ich arbeite nach Instinkt, die

Sprachwahl ist dabei sekundär. Weshalb ich mal

Englisch, mal Mundart wähle, hängt von der Situation

ab, in der ich mich jeweils befi nde. Ich bin ein

Mensch, der mit der Welt lebt und sich an vielen

Orten wohl fühlt.

Wie werden Sie als Schweizer Musiker im

Ausland wahrgenommen?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da

ich mich im Ausland noch nicht umgehört habe.

Mir ist keine europäische oder amerikanische Radiostation

bekannt, die eines meiner Lieder spontan

abgespielt und kommentiert hätte. So betrachtet

kann ich nicht beurteilen, wie ich im Ausland

wahrgenommen werde. Einen Anhaltspunkt habe

ich aber trotzdem: Als ich 2004 in Nashville meine

erste Platte aufnahm, waren die Kollegen im Studio

begeistert von den Liedern. Sie sagten es nicht

aus Höfl ichkeit, sie waren ehrlich. Und das hat

mich sehr gefreut und in meiner Arbeit bestärkt.

Seit Ende Ihrer berufl ichen Karriere als

Nachrichtensprecher beim Schweizer Fernsehen

haben Sie gleich zwei Alben publiziert. Von

Aussen betrachtet scheint es, als hätte sich

viel Energie in Ihnen gestaut. Hatten Sie in den

letzten Jahren beim Fernsehen dermassen genug

vom Journalistenberuf, dass Sie es kaum

erwarten konnten, endlich Musik zu machen?

Eine interessante Beobachtung, die ich nur bedingt

bejahen kann. Ich habe schon immer nach

meinem Instinkt gehandelt. Bereits in den Siebzigern,

als ich mein Doktorat in Rechtswissenschaften

abgeschlossen hatte, stellte ich mir die Frage,

ob ich mich tatsächlich bis an mein Lebensende in

ein Büro verkriechen wolle. «Nein», sagte die innere

Stimme, und ich machte mich auf nach Afrika.

Ich packte meinen Rucksack, ging auf ein Frachtschiff

und erkundete den Kontinent. Nach meiner

Rückkehr kam ich zum Fernsehen, wo ich mehr als

zwanzig Jahre blieb. In den letzten Jahren überkam

mich das gleiche Gefühl wie schon damals

nach dem Studium. Obwohl ich meiner Arbeit beim

Fernsehen mit Hingabe und Freude nachging, wurde

der Ruf der Musik immer lauter. Ich konnte ihn

nicht mehr ignorieren, weshalb ich am Ende meine

Tätigkeit bei SF1 aufgab. Niemand wollte mich gehen

lassen. Der Ablösungsprozess fi el mir schwer.

Heute bin ich froh, dass ich diesen Schritt gewagt

habe.

Kann es sein, dass Sie in zehn Jahren erneut

Ihrer Stimme folgen und womöglich die Musik

aufgeben werden?

Ich bin noch voller Träume. Allerdings werde

auch ich immer älter und kann schnelle Wechsel

nicht mehr so rasch einstecken. Es kostet mich immer

sehr viel Kraft und Energie. Energie, die ich

in meiner Musik fi nde, deshalb ist es gegenwärtig

nicht vorstellbar, dass mir meine innere Stimme

einen anderen Weg suggeriert. Darüber hinaus begeistert

es mich immer wieder, wenn ich vor Publikum

stehe und meine Lieder spielen darf.

Am Schweizer Fernsehen hatten Sie täglich

Publikum – ein riesiges sogar.

Ja, das schon, aber es war doch irgendwie anders.

Denn das Publikum hinter der Kamera konnte

mich zwar sehen, ich jedoch das Publikum nicht.

Die Interaktion fand nur auf einer sekundären

Ebene statt, per E-Mail oder Briefe. Auch konnte

ich mich nie vergewissern, ob die Leute zu Hause

meine Botschaft überhaupt verstehen würden.

Auf der Bühne ist das ganz anders: Zwar stehe ich

nicht vor einer Million Menschen, trotzdem steigt

das Adrenalin immer wieder an. Der Lohn ist das

Publikum, das mir seinen Applaus schenkt, wenn

ihm die Performance gefällt. Ein ungeheures Gefühl,

das ich früher in der Art nie verspürt habe.

Man of the news on the road

Seit Anfang Jahr hat Heinrich Müller in der

Schweiz zwanzig Konzerte gegeben. Halt machte

er unter anderem in Biberist, Pieterlen, Dietikon

und Nürensdorf. Wer bislang nicht die Möglichkeit

nutzen konnte, den ehemaligen Tagesschaumoderator

live zu erleben, wird schon bald wieder

die Gelegenheit haben:

Freitag, 5. Juni

Alte Kirche Wohlenschwil (AG), 20:15h

Samstag, 27. Juni

Stadtfest Luzern

Freitag, 18. September

Obere Mühle Dübendorf, 20:30h

Freitag, 16. Oktober

Löwensaal Melchnau (BE), 20:00h

Diskografi e

Heinrich Müller. Sound Service, 2009.

Chain of Pearls. Sound Service, 2006.

Footsteps. Sound Service, 2004.

Info: www.heinrichmueller.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


Musik

JAZZ: GIOVANNI MIRABASSI TRIO

«katzenmusik können wir uns nicht leisten»

Interview: Luca D’Alessandro Bild: zVg. / Giovanni Mirabassi Trio (v.l.): Gianluca Renzi, Giovanni Mirabassi und Leon Parker

■ Die Sternstunde erlebte Giovanni Mirabassi aus

Perugia als Siebzehnjähriger: Damals bekam er

die Gelegenheit, Chet Baker bei einem Auftritt am

Jazzfestival Perugia zu begleiten. Ein purer Zufall:

Wenige Stunden vor dem Konzert fühlte sich Bakers

Pianist plötzlich krank. Für ihn musste ein Ersatz

gefunden werden. Mirabassi, der in der unmittelbaren

Umgebung des Festivals der einzig verfügbare

Pianist war, wurde vom Festivalmanager aufgefordert,

in die Bresche zu springen. «Ich denke nicht im

Traum daran, mich neben Chet Baker auf die Bühne

zu stellen», war damals Mirabassis spontane Reaktion.

Er sah sich nicht berufen, mit einem der bekanntesten

Trompeter der Welt ein Konzert zu geben.

«Ausserdem bekam ich nicht einmal die Zeit, mich

auf den Gig vorzubereiten. Es ging alles so schnell.»

Schliesslich liess er sich doch überreden. «Während

des Konzerts war ich dermassen gestresst, dass ich

das Gefühl hatte, mir würden graue Haare wachsen.

Na ja, Chet war sehr zufrieden mit mir, schliesslich

hatte ich ihm das Konzert gerettet.»

22 Jahre sind seither vergangen und Mirabassi

geniesst schon fast selbst den Ruf eines Chet Baker.

Im Verlauf seiner Karriere hat der preisgekrönte

Autodidakt in unterschiedlichen Besetzungen gespielt.

Kollaborationen mit dem polnischen Akkordeonisten

Andrzej Jogodzinski und dem Posaunisten

Glenn Ferris sind nur zwei Beispiele.

Für die Produktion des aktuellen Albums «Out

Of Track» hat er sich mit dem Bassisten Gianluca

Renzi und dem Drummer Leon Parker zusammengetan.

Der Titel passt hervorragend zum Inhalt: «Es

ist die Fahrt auf einem Nebengeleise», sagt Mirabassi,

«ein Übergangsalbum sozusagen; die nächs-

ten Projekte sind bereits in Planung.» Und vermutlich

wird dieses nächste Album wieder verstärkt

der Tradition Mirabassis entsprechen. Schliesslich

hat er einen Ruf als Experimentator zu verteidigen.

Dazu Giovanni Mirabassi: «Nein, das würde ich so

nicht unterschreiben. Obwohl ‹Out Of Track› keine

komplexen Geschichten beinhaltet, bin ich nicht auf

die schiefe Bahn der Jazzstandards geraten. Ich bin

kein Spezialist von Evergreen-Titeln, genauso wenig

wollte ich meine Musikerkarriere darauf aufbauen.

Das Musikbusiness funktioniert heute so, dass

Standards vor allem den Vätern des Jazz vorbehalten

sind. Ich als junger Musiker muss mich davon

abkoppeln, sonst werde ich nicht wahr- und ernstgenommen.

Deshalb habe ich fast nur in Projekten

mitgewirkt, in denen ich meine Freude am Experimentieren

ausleben durfte. Seither eilt mir der Ruf

als Experimentator voraus.»

ensuite - kulturmagazin: «Out Of Track» ist

aber kein solches Projekt.

Giovanni Mirabassi: Wie gesagt, es handelt sich

um ein Übergangsalbum. Ich habe es mit Gianluca

Renzi und Leon Parker eingespielt. Uns ging es in

erster Linie darum, Spass zu haben.

Hast du mit ihnen zum ersten Mal gearbeitet?

Nein, bereits das Vorgängeralbum «Terra Furiosa»

ist in dieser Formation entstanden. Nach

Abschluss der Aufnahmen gingen wir auf Tournee.

Wir erlebten zahlreiche spannende Momente und

bekamen richtig Spass am lockeren Spiel. «Out Of

Track» ist das Resultat unserer Konzertreihe, die

Kirsche auf der Torte sozusagen. Die haben wir uns

gegönnt.

Was gönnst du dir als nächstes?

Wahrscheinlich ein Livealbum.

Alleine?

Nein, mit den beiden Jungs. Wir verstehen uns

wirklich sehr gut. Ich würde sogar behaupten, dass

die Zusammenarbeit mit Leon und Gianluca das

Highlight meiner Karriere ist. Wir sind eine magische

Truppe. Die Dynamik in unseren Improvisationen

kommt aus diesem engen, symbiotischen Zusammenhalt.

Ein gesunder Ehrgeiz ist in jedem von

uns enthalten: Jeder will den anderen überholen,

und das macht das Ganze für den Hörer spannend

und wirkt professionell.

Es wirkt nicht nur professionell, es ist es

auch.

Aus musikalischer Sicht ja. Wenn jeder auf der

Bühne das spielt, was er mag, gleichzeitig aber

das Gesamtbild nicht ausser Acht lässt, dann lässt

sich das Resultat hören. Spontaneität birgt aber

auch Risiken. Wenn ich mich mit den Mitmusikern

nur mässig verstehen würde, könnte ich mich auf

diese Art des Zusammenspiels nicht einlassen. Es

ist ganz einfach: Um auf dreihundert Kilometer pro

Stunde beschleunigen zu können, benötigt man ein

Sportauto und keinen Pferdewagen. Sonst kommt

es zu Katzenmusik, und diese können wir uns nicht

leisten.

Enrico Pieranunzi, der bekannte römische Pianist,

war auf deinem Weg zur Professionalität

eine zentrale Figur.

Er hat das vorgegeben, was ich heute auf der

Bühne verkörpere. Meiner Meinung nach zählt er

zu den ganz grossen Jazzern. Er hat das Genre in

Europa massgeblich geprägt. Ich sehe in ihm einen

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 27


spirituellen Meister, obwohl ich bei ihm nie Klavierstunden

besucht habe. Durch das Hören seiner

Lieder wurde ich auf sein Talent aufmerksam. Ich

schätze ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als

Person.

Vermutlich seht ihr euch inzwischen nicht

mehr sehr oft. Seit Anfang der Neunzigerjahre

lebst du in Paris. Weshalb hast du dich für Nordeuropa

entschieden?

Ich war jung, als ich Italien verliess. Ich wollte die

Welt entdecken und etwas erleben. Das ist das eine.

Zum anderen hatte ich keine Lust, Premierminister

Berlusconi weiter zu ertragen. (lacht) Ich habe mir

eine Einweg-Fahrkarte gekauft und bin in Paris Gare

de Lyon ausgestiegen.

Der Partisane unter den Pianisten

■ Giovanni Mirabassi wurde 1970 im italienischen

Perugia geboren. Bereits als Dreijähriger brachte

er sich die ersten Melodien auf dem Klavier selbst

bei. Mit zehn standen ihm die Türen der Improvisation

weit offen. Während andere Kinder seines Alters

Pop und Rock konsumierten, hörte er Platten von

Bud Powell, Art Tatum, Oscar Peterson und Jacky

Byard. Später entdeckte er den eleganten Anschlag

von Bill Evans und die elegischen Piano-Phantasien

von Kenny Barron, Chick Corea und Keith Jarrett.

Ihn faszinierten jedoch nicht nur Pianisten: Charlie

Parker und Pat Metheny beeinfl ussten seine musikalische

Entwicklung ebenso wie der Tango von Astor

Piazolla, die Popmusik von Elton John und die Klassik

von Brahms und Bach. Eine seiner wichtigsten

Inspirationsquellen ist der römische Pianist Enrico

Pieranunzi: Obwohl Mirabassi bei ihm nie Klavierstunden

genommen hat, ist dessen Einfl uss evident.

Den Durchbruch schaffte Mirabassi 2001 mit

seinem Soloalbum «Avanti», einer Sammlung von

politischen Liedern und Revolutionsrhythmen wie

«Hasta Siempre», «Les Chants des Partisans» oder

«Imagine». Der Peruginer fühlt sich ein wenig als

Roberta Gambarini – So In Love

■ Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan haben es

vorgemacht, Roberta Gambarini führt es weiter

und fügt etwas hinzu, das sie selber nur ansatzweise

beschreiben kann. «Es ist etwas, das aus

meinem tiefsten Inneren kommt und mit der Liebe,

die ich für die gesungene Jazzmusik verspüre, im

Einklang steht», sagt sie. Der Titel ihres kürzlich

erschienenen Albums «So In Love» verdeutlicht

dies. Sentimental, ruhig und melancholisch sind die

28

Spürst du kein Heimweh?

Nein, nicht wirklich. Ich mag Italien, aber Paris

bietet mir so vieles. Viele meiner Freunde tun es mir

gleich: Sie landen in Paris und fi nden das kulturelle

Eldorado. Wen wundert’s? In Italien lässt sich keine

seriöse Musik machen und es gibt da auch kaum

Jazzer, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt

sind. Es sei denn, sie leben im Ausland. Die Musikbranche

in Italien ist – wie soll ich sagen – nur auf

ihre eigenen Interessen aus. Klar, wer ist das schon

nicht. Trotzdem herrscht in Nordeuropa eine andere

Mentalität. Ich ziehe es vor, für diese Labels zu

produzieren. «Out Of Track» zum Beispiel ist bei

Discograph erschienen.

Rebell; einer, der die Politik mit der Musik zu verschmelzen

vermag. Seine politische Gesinnung ist

offensichtlich. Die Heimat Italien habe er aus Protest

an der Regierung Berlusconi verlassen, sagt er.

Heute lebt Mirabassi in Paris, wo er an diversen

Projekten mitarbeitet. Dank seines Improvisationstalents,

seiner Spontaneität und der melodischen

Kraft wird er regelmässig und gerne engagiert. Unter

seinen Mitmusikern ist er beliebt, nicht zuletzt

wegen seiner scherzhaften, umgänglichen Art. Er

selber bezeichnet sich als ehrgeizig; als einen Pianisten,

der sich seine berufl ichen Ziele immer wieder

vor Augen führt und sich vom eingeschlagenen Weg

nicht abbringen lässt. Nach Italien wird ihn dieser

Weg vermutlich nicht mehr bringen, zumindest habe

er es gegenwärtig nicht vor. Paris biete sehr viel, keine

andere Stadt könne dies kompensieren.

Diskografi e

Dyade - En bonne et due forme (1996)

Architectures (1998); Avanti! (2000); Dal Vivo!

(2001); Prima o poi (2005); Cantopiano (2006); Terra

Furiosa (2008); Out Of Track (2009)

Lieder, die alle ins Repertoire des «Great American

Songbook» gehören. Die einen mögen über die Titelliste

enttäuscht sein, die anderen wiederum wittern

die Gelegenheit, neue Interpretationsansätze

zu entdecken. Roberta liefert diese, denn die Art,

wie sie die Lieder darstellt, ist frisch, einfach, ehrlich

und voller Eigenständigkeit. Sie ist mit einer

charaktervollen Stimme gesegnet, und das haben

in den vergangenen Jahren auch die Urväter des

Jazz festgestellt: Herbie Hancock, Johnny Griffi n,

Dave Brubeck, Jake Hanna oder Ron Carter zum

Beispiel haben Roberta schon mehrmals für ihre

Projekte aufgeboten. Über die wertvollen Erfahrungen,

die sie in diesen «erlauchten» Kreisen machen

durfte, spricht die gebürtige Turinerin gerne,

ebenso über ihre kürzlich verstorbenen Freunde

Jonny Griffi n, Ronnie Mathews und David Newman.

Ihnen widmet sie dieses Album. (lda)

Roberta Gambarini: So In Love. Universal, 2009.

Info: www.groovinhighrecords.com

ÉPIS FINE

Von Michael Lack

■ Das wohl einfachste Schokoladenrezept der

Welt verwöhnt jeden Gaumen. Es ist nicht nur

einfach zum Selbermachen, sondern auch eines

meiner Lieblingsdesserts.

Schokoladenmousse im Glas

100g Zartbitterschokolade

oder Milchschokolade

Eigelb

0,5cl Cognac

250g Geschlagene Sahne

Vorbereitung

• Schokolade schmelzen

• Rahm zu 90% steif schlagen

• Eigelb und Cognac mischen

• verrühren.

Zubereitung

Schokolade mit dem Eigelb kräftig

verrühren.

1/3 des geschlagenen Rahmes

dazugeben und kräftig verrühren.

Den restlichen Rahm vorsichtig unter

die Masse ziehen.

Zwei Stunden kalt stellen.

Mit dem Dressiersack in ein Glas

füllen und servieren.

Michael Lack kocht im musigbistrot Bern

www.musigbistrot.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


VOM ESSEN UND TRINKEN

mächtig ist, wer isst

Von Barbara Roelli Bild: Dominic Büttner

■ Ist Essen ein Machtakt? Irgendwie mag die Verbindung

zwischen dem notwendigen, aber auch

lustbetonten Akt des Essens und dem harten Wort

Macht nicht funktionieren. Doch der Schein trügt.

Denn wer Macht hat, der kann über Leben und Tod

entscheiden. So ist es der Fleischfresser Mensch,

der entscheidet, ob ein Tier sein Leben lassen muss.

Einen Menschen kann man bestrafen und gefügig

machen, indem man ihm die Nahrung entzieht -

denn vom täglich Brot sind wir alle abhängig. Die

Ausstellung «Essen & Macht» beleuchtet das Thema

von seiner dunklen, vertrauten wie überraschenden

Seite. Das Mühlerama in Zürich lädt dazu ein, sich lesend,

lauschend und zuschauend mit den mächtigen

Seiten des Essens auseinanderzusetzen.

Fleischfresser Mensch Warum eigentlich

Fleisch? Das frage ich mich als Besucherin, die gerne

Fleisch isst, als ich den Text auf den Ausstellungstafeln

lese: Obwohl der Mensch zum Überleben kein

Fleisch braucht, entscheiden sich 99 Prozent der

Menschen dazu, Tiere zu essen. Zwar gewinnt der

Essende durch das Fleisch Kraft und Stärke, doch

steckt hinter jedem Stück Fleisch der - vom Menschen

gewollte - Tod eines Tieres.

Auch wie sich unsere Beziehung zum toten Tier geändert

hat, greift die Ausstellung auf: Während es

bis ins 17. Jahrhundert üblich war, das ganze Tier vor

aller Augen kunstgerecht zur servieren, so ist dieses

heute aus unserem Blickwinkel verschwunden. Das

Schlachten fi ndet in der Industrie statt und die Bezeichnungen

wie Plätzli, Schnitzel und Wurst lassen

vergessen, um was es sich eigentlich handelt: Um das

Fleisch des getöteten Tieres. Ist dieses jedoch «Bio»

oder stammt von «glücklichen» Tieren, so fühle man

sich weniger schuldig, lese ich unter dem Kapitel

«Das Unbehagen der Fleischesser». Und refl ektiere

sogleich das eigene Konsumverhalten: Erkaufe ich

mir mit dem Bio-Label, das auf der Packung Schinken

steht, nicht einfach ein gutes Gewissen?

Entscheiden über Leben und Tod Auf einem Hocker

in Salami-Design sitzend lausche ich dem Interview

mit einem Metzger: Alois Sennhauser, 42-jährig,

Betriebsleiter Schlachthof Zürich. Mit sechs

Jahren tötete er seinen ersten Hasen. Das Töten sei

ein zentraler Aspekt im Beruf und notwendig: «Man

schlachtet ein Tier, um Fleisch zu gewinnen», sagt

Sennhauser, «Macht ist meiner Ansicht nach überhaupt

kein Thema.»

In einem Video fi nden die beiden Welten Genuss

und Lebensmittel-Produktion zueinander - und

doch scheinen sie sich so fremd: Fleisch essende

Personen erzählen, was sie gerade essen und warum

sie Fleisch mögen. Zwischen Aussagen wie «Es

schmeckt mir» und «Ich esse nur noch Naturaplan»,

schieben sich Szenen aus einem europäischen

Schlachthof: Einem Rind, dass an den Beinen aufgehängt

ist, wird maschinell die Haut abgezogen. Dann

wird sein Leib in zwei Hälften gesägt.

Bekanntes vom Familientisch Ich setze mich an

einen Küchentisch. Über Kopfhörer erfahre ich von

Eltern, was sich im alltäglichen Theater am Familientisch

abspielt. Und schmunzle, wenn Kinder erzählen,

was sie am Essenstisch alles nicht tun dürfen.

Was sich zeigt, ist: Auch der Machtkampf zwischen

Kind und Eltern kann sich ums Essen drehen. Wer

kennt nicht die Drohung «ohni Znacht is Bett» aus

seiner Kindheit? Kinder werden übers Essen erzogen

– es wird zur Strafe oder als Belohnung eingesetzt.

Essen hat auch mit Status und Zugehörigkeit zu

tun: Veranstalteten Könige im 16. bis 18. Jahrhundert

sogenannte Schauessen mit üppig bestückten

Buffets, so demonstrierten sie damit Reichtum und

Macht. Auch heute sagt das, was wir essen, etwas

Lifestyle

über unseren gesellschaftlichen Status aus. Als

anschauliches Beispiel dazu dienen die aufgelisteten

Mahlzeiten dreier Familien: Ob das monatliche

Netto-Einkommen tief (weniger als 4 000 Franken),

mittel (ca. 8 000 Franken) oder hoch (über 12 000

Franken) ist, spielt im Speiseplan eine massgebende

Rolle.

Machtmittel Hunger Heute leiden weltweit fast

eine Milliarde Menschen an Hunger. Als wesentlicher

Grund dafür gelten die Machtverhältnisse bei der

Nahrungsmittelproduktion. Riesenkonzerne kontrollieren

den Ablauf von der Saatgutproduktion bis

zum Verkauf der Lebensmittel. Damit wir diese billig

einkaufen können, werden die Produktionskosten

möglichst tief gehalten. Um gegen die Hungerlöhne

und schlechten Arbeitsbedingungen in den armen

Ländern vorzugehen, sind wir als Konsumenten

nicht machtlos: Wir können den fairen Handel unterstützen,

der bei Bauern und Arbeiterinnen für existenzsichernde

Preise und Löhne sorgt.

Das Thema «Nicht-Essen» ist jener Teil der

Ausstellung, der sich mit Hungerkünstlern, Fastenheiligen,

Magersüchtigen und Hungerstreikenden

beschäftigt. Denn wer Nahrung bewusst verweigert,

wer scheinbar ohne Essen leben kann, erregt Aufmerksamkeit.

Hungernde haben auch Macht; dann

nämlich, wenn sie die völlige Kontrolle über ihren

eigenen Körper haben.

Obwohl das Essen in meiner Gedankenwelt schon

länger eine wichtige Rolle spielt – welche Macht es

besitzt, wurde mir durch die Ausstellung bewusst.

Essen und Macht - Eine Ausstellung übers

Schlemmen, Schlachten und Hungern. Bis am 27.

September im Mühlerama in Zürich.

Info: www.muehlerama.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 29


Cinéma

Von Lukas Vogelsang

■ Frankreich macht nicht nur in Cannes grossartiges für den Film. Die Filmindustrie

unserer Nachbarn zeigt eine neue Ära des französischen Films – zusammengefasst

in «French Touch», einem Sommerspezial zum französischen Film in

unseren Kinos. Es sind Film-Rosinchen, die unbedeutend erscheinen und uns als

wahre Wundertüten überraschen. Der absolute Favorit wird wohl «Le premier

jour du reste de ta vie» sein. Merken sie sich diesen Film!

«Bellamy» von Claude Chabrol hat was von einem Tatort-Film. Darin spielt

der unterdessen wirklich dicke Gérard Dépardieu den bekannten und erfolgreichen

Ermittler Kommissar Paul Bellamy. In Südfrankreich, in seinen Ferien zusammen

mit seiner Frau, wird er von einem Mann angesprochen, der glaubt, einen

Mord begannen zu haben. Die Geschichte ist aber etwas verworren und das

Ende der Geschichte überrascht durch eine interessante Wendung… Mit diesem

Film ist Claude Chabrol seit nun 50 Jahren im Filmgeschäft. Ein denkwürdiger

Regentagfi lm auf jeden Fall.

Eines Tages erhalten Fabrikarbeiter neue Uniformen mit eingestickten Namen

– am nächsten Tag sind die Fabrikhallen leergeräumt. Das sorgt für Sprengstoff

– die Abfi ndungen werden zusammengelegt und ein Auftragskiller soll den

ehemaligen Chef rächen. Radikal, gesellschaftspolitisch und moralisch unkorrekt

kommt «Louise Michel» daher. Doch die bitterböse Roadmovie-Geschichte

basiert (wenigstens halbwegs) auf realen Gegebenheiten – und ist wunderbar

sarkastisch und trotzdem fröhlich umgesetzt worden. So fühlt sich richtig anarchistisches

Kino an! Die Louise Michel war in der französischen Geschichte eine

starke Frauenpersönlichkeit, die gerne selber Waffen zur Hand nahm und mitunter

ein Attentat auf Napoleon III anzettelte – der Gerechtigkeit willen. Diese neue

Fabrikarbeitergeschichte «Louise Michel» braucht aber zwei HeldInnen – und

so wurden diese zur struppigen Louise und dem Unding Michel. Aber Achtung:

Dieser Film ist nichts für schwache Gemüter. Und trainieren sie unbedingt die

Lachmuskeln vorher!

www.frenchtouch.ch

Bilder: zVg. / Bellamy, Mes stars et moi, Louise Michel, Le premier jour du reste de ta vie

Sehr lustig und brillant besetzt kommt die Komödie von Laetitia Colombani,

«Mes stars et moi», daher. Sie ist allerdings sehr typisch französisch, doch genau

mit diesem wunderbaren Humor, Charme und den vielen Überraschungen

die perfekte Sommerbrise: Robert ist vernarrt in drei schöne Schauspielerinnen

und für die stellt er sein Leben und seine Familie in die Ecke. Er ist ein Stalker der

üblen Sorte und schreckt vor nichts zurück, um seinen Angebeteten sozusagen

einen Dienst zu erweisen. Das gelingt ihm auf kreative Weise sogar – doch nicht

alle freuen sich darüber. Und so wendet sich das Blatt – und wird übel für ihn. Die

Besetzung ist mit Kad Merad, Emmanuelle Béart, Catherine Deneuve natürlich

unübertreffl ich und sie nehmen sich selber herrlich auf die Schippe. Vor allem

sehen wir verschiedene Wesensarten von diesen Schauspielerinnen und Béart

glänzt mal wieder voll auf. Der Schluss ist zwar etwas gar zögerlich, doch da

der Film sehr viel bietet, tut das nicht weh. Im Gegenteil, es hilft, uns wieder aus

dieser idealen Glamourwelt herauszulösen.

Das absolute Sommerhighlight aber ist «Le premier jour du reste de ta

vie». Es ist ein Überraschungsfi lm in jeder Hinsicht: SchauspielerInnen und die

Geschichte überzeugen und die Regie und die Technik sind hervorragend. Geschickte

Spannungsbögen, sehr gut ausgearbeitete Charakteren und eine feinfühlige

Hand für Emotionales machen diesen Film zum Geheimtipp. Im Zentrum

steht eine Familiengeschichte, Väter, Mütter, Tochter und Söhne. Klingt fast langweilig,

doch ganz zu Beginn stirbt ein Hund – und von da an werden die Dinge in

dieser Gemeinschaft nie mehr so sein wie früher. Dass man ein Familiendrama

(oder doch Komödie?) im Jahr 2009 noch so intelligent und fröhlich verfi lmen

kann, dass jede Sekunde des Films eine Herzensangelegenheit des Zuschauers

wird, ist beachtlich. Älter werden, Leben lernen, Leben verändern – dieser Film

liebt das Leben. Wer ihn sieht, wird dem Aufruf folgen.

Es werden noch mehr Filme unter «French Touch» gezeigt. In diesem Jahr

ist die Selektion perfekt! Mehr Infos sind auf www.frenchtouch.ch zu fi nden.

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ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


FILM DEMNÄCHST

terminator: salvation

Von Simon Chen Bild: zVg.

■ 1984 wurde der Terminator, ein menschoider

Roboter, auf die Erde gebeamt, frisch aus der Zukunft

und ohne Kleider. Dies rief sofort eine Frau

Sara Connor auf den Plan. In «Terminator 2: Judgment

Day» (1991) machten Maschinen aus der Zukunft

Jagd auf ihren Sohn, den zukünftigen Leader

der Menschen. Der Judgement Day aber fand aus

unerfi ndlichen Gründen nicht statt, weshalb die

Macher den Fans «Terminator 3» schuldig waren.

In «Rise of the Machines» (2003) wurde John

Connor von einem neuen Terminator gejagt, der

aber immerhin in Gestalt einer wunderschönen

Frau daherkam und nicht in der eines mit österreichischem

Akzent schwafelnden Hünen. Doch eh

man sich versah, war letztgenannter mit der Zulassungsnummer

«Steiermark T-800» wieder zur

Stelle, um zu verhindern, dass die Falschen eliminiert

werden.

Ein Vierteljahrhundert nach der Erstlandung

kommt nun «Terminator: Salvation» in die Kinosäle

dieser Welt. Es ist zumindest für Arnold Schwarzenegger

die Erlösung, denn er ist nicht mehr mit

von der Partie. Er hatte keine Zeit für die Filmaufnahmen.

Seine Kaltblütigkeit kann er schliesslich

in der kalifornischen Politik ebenso zum Einsatz

bringen.

Wir schreiben das Jahr 2018 - die Menschheit

führt Krieg gegen die Maschinen, die Niederlage

droht. John Connor (Christian Bale) organisiert

den Widerstand der Menschen gegen das Computersystem

Skynet und dessen tödlichen Terminatoren.

Skynet ist nichts anderes als das Internet,

das sich verselbständigt hat und nun ihre User bedroht.

Die Parallelwelt hat sich über ihre Virtualität

hinweggesetzt und ist real geworden. Second Life

steht kurz davor, jegliches menschliche Leben von

Platz 1 zu verdrängen. Skynet infi ltriert in Gestalt

von attraktiven Face Bookers die menschliche Gesellschaft,

vereinnahmt die weltweite Bloggergemeinde

in technischer wie geistiger Hinsicht und

schmeisst mithilfe ihrer Immobilien-Terminatoren

Millionen von Myspacern sowohl aus ihren virtuellen

wie auch übrigen Räumlichkeiten. Das einfache

E-Mail-Volk wird durch eine automatisierte Streitmacht,

die sich aus Hacker-Kompanien und Spammer-Legionen

zusammensetzt, gefügig gemacht.

Die Übermacht ist also gross, aber der Terminator,

der gute Terminator, kommt, um seinem Namen

alle Ehre und mit all dem Schluss zu machen.

Aufmerksame Kinobesucher werden bemerken,

dass T-800 immer noch die kantigen Züge

Schwarzeneggers trägt. Der Computertechnik sei

es gedankt. Gespielt wird die Rolle aber von einem

gewissen Roland Kickinger, wie das Original ebenfalls

Österreicher und Bodybuilder, was ja auch die

Hauptmerkmale von Schwarzenegger waren und

sind.

Die Frage, welche nun die Filmwelt umtreibt,

lautet: Kann ein Terminator, der nicht von Schwarzenegger

verkörpert wird, überhaupt funktionieren?

Die einen argumentieren, es spiele überhaupt

keine Rolle, wer diese spiele, schliesslich sei T-800

ja in erster Linie ein Roboter, und ein solcher sei

erst dann idealbesetzt, wenn er von einem Roboter

gespielt werde. Die Anti-Computertechnik-Fraktion

hingegen vertritt die Meinung, nur ein Schwarzenegger

sei in der Lage, so authentisch einen Roboter

zu mimen; ein Terminator ohne Arnie sei wie ein

Körper ohne Seele, wie eine Hülle ohne Füllung, ja,

die konservativen Terminatologen versteigen sich

gar zur Aussage, ein Terminator ohne Schwarzenegger

sei wie ein Kalifornien ohne Gouvernator.

Allerdings können sich das momentan eine ganze

Menge Kalifornier gut vorstellen. Schwarzenegger

durchläuft seine zweite und somit letzte Amtszeit.

Und es gibt auch Anzeichen für ein langsames

Auslaufen der Kinoerfolgsserie. Der Untertitel von

«Terminator: Salvation» lautet «The End begins..»

CH-Kinostart: 4. Juni

Der Autor dieser Filmversprechung legt Wert auf die

Feststellung, dass er den Film nicht gesehen hat!

FILOSOFENECKE

Cinéma

«Es ist unmöglich, einen mit

nichts zusammenhängenden

Gedanken zu denken.»

Ted Honderich (1993)

■ Wer Darüber nachdenkt, ist verloren. Wer

Darüber nachdenkt, braucht mehr Zeit als Andere,

entscheidet langsamer, kommt später

ans Ziel oder realistischerweise gar nicht. Wer

Darüber nachdenkt, bringt die Welt nie aufs Taschenformat,

kann sie nicht handlich einstecken,

Richtig in diese Ecke, Falsch in jene stellen. Von

Gut&Böse nicht zu reden. Wer Darüber nachdenkt,

kommt zu kurz, verpasst das Leben, zumindest

als Dasein in der wohligen Illusion von

«Alles klar, Leute!». Wer Darüber nachdenkt,

steht nie abgehoben und der Erkenntnis gewiss

auf dem höchsten Berg; sieht bestenfalls nach

dem Aufstieg in hügeligem Gelände den Horizont

tatsächlich zurückweichen. Wer Darüber

nachdenkt, kommt ins Zweifeln. Greift an der

Lösung vorbei. Wird sich bewusst: Ein einziger

verstohlener Apfelbiss vom Baum der Erkenntnis

ist wenig Grundlage und Wissen auf dünnem Eis.

Ein ungemütlicher Zustand. Wer will ihn schon.

Wer Darüber nachdenkt und sagt, was er denkt,

macht sich zum Störenfried, ist Sand im Getriebe

welcher Effi zienz auch immer. Macht scheut den

Zweifel wie der Teufel die PUK. Was sonst bringt

ihn an seine Grenzen – die im übrigen auch die

Machtlosen nicht wahrhaben mögen, wollen sie

doch eines Tages selber... Nur den Resignierten

ist Alles bedeutungslos. So ein Glück.

Wenig spricht dafür, Darüber nachzudenken.

Warum sollen wir es nicht einfach schön haben.

Und sicher. Auf festem Boden stehen, uns fraglos

mit den alltäglichen Erfolgen im Wettbewerb des

Zeitdiktats befrieden? Verlierer gibt es immer

und Fluchtwege aus der zunehmend rascher vergänglichen

Enge des negativen Gewinns sowieso.

Alther&Zingg haben keine Antwort darauf.

Unerklärlicherweise eine ungezähmte Lust, Darüber

nachzudenken. Will man sie für ihr Tun behaften,

behaupten sie, Denken sei Zweifeln ohne

zu resignieren. Deshalb machen wir einmal im

Monat den zweifelhaften Versuch, das Denken im

offenen Gespräch eine gute Stunde lang zu wagen.

Denken Sie mit! Darüber am 24. Juni, 19:15h

an der Kramgasse 10, 1. Stock.

Sie wissen

nicht wohin?

abo@ensuite.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 31


Cinéma

BACKLIST FILM

rumble fi sh

Von Guy Huracek Bild: zVg.

■ «Rumble Fish» - Ein Kampffi sch ist ein Tier mit

einem hohen Aggressionspotential. Ein so hohes,

dass es angeblich sein eigenes Spiegelbild attackieren

soll. Diese Fischart ist über grosse Teile

Südostasiens verbreitet und besiedelt stehende

wie auch fl iessende Süssgewässer. Ihren Namen

verdanken die Tiere der thailändischen Tradition,

Männchen für Fischkämpfe einzusetzen. Die im

Film vorkommenden Kampffi sche sind die sogenannten

siamesischen Kampffi sche, die «Betta

splendes». Es ist eine kleinere Kampffi schart, die

in der Natur kein hohes Alter erreicht, da sie natürlichen

Bedrohungen wie Fressfeinden unterliegen.

Im Spielfi lm geht es zweien Brüdern im Vorort einer

Industriestadt ähnlich.

Der jüngere Bruder, Rusty James, ist Anführer

einer Gang. Mehr will ich über die Handlung nicht

schreiben, sonst hat man den Film beim Lesen gesehen.

In «Rumble Fish» gibt es keine Geschichte

über Klassenkämpfe, keine «Message» bleibt

hängen, keine Helden triumphieren, nur Feiglinge

und Verrückte irren durch die trostlose Industriestadt.

Die Filmdialoge sind vielmehr Zitate. «Sie

wirken nicht bestätigend und nicht konsolidierend,

sondern wie abgerufen von der kulturellen Datenbank»

schrieb die deutsche Filmkritikerin Frieda

Grafe. Auf ihrer veröffentlichten Lieblingsfi lmliste

ist «Rumble Fish» daher auch nicht aufgelistet.

Der deutsche Filmregisseur Christian Petzold

meinte, in «Rumble Fish» lägen die Zitate herum

wie Kulissenreste in einem in Konkurs gegangenen,

verlassenen Studio.

Offensichtlich stürzte sich die Filmkritik damals

auf diese Zitatenbilder. Mein Kommentar über

diesen Film ist dagegen schnell gesagt und in gedruckter

Form vulgär: Rumble Fish ist geil.

Der Regisseur, Francis Ford Coppola, bekannt

durch Filme wie «Der Pate» oder «Apocalypse

Now», wurde in den 80er-Jahren von zahlreichen

Jugendlichen briefl ich gebeten, ihr Lieblingsbuch

«The Outsiders» von S.E. Hinton zu verfi lmen. Für

nur ein paar hundert Dollar kaufte er der Autorin

die Rechte ab. Während den Dreharbeiten entdeckte

der Regisseur Coppola «Rumble Fish», ein

weiteres Buch von Hinton, und so kam es, dass er

gleich nach «The Outsiders» den Film «Rumble

Fish» drehte. Er übernahm einfach sein Filmteam

und die gleichen Schauspieler. Daher erschienen

die beiden Filme im gleichen Jahr. In Tulsa, der

zweitgrössten Stadt im US-Bundesstaat Oklahoma,

fand der Dreh für «Rumble Fish» mit damals

noch unbekannten Schauspielern statt. Unter anderem

mit Nicolas Cage, noch im zarten Alter von

19, der bei «The Outsiders» noch nicht mitspielte,

und dem zwanzigjährigen Matt Dillon, als Rusty

James, damals noch dürr, bleich und mit zusammengewachsenen

Augenbrauen.

Die beiden Filme von Coppola unterscheiden

sich in der Machart jedoch erheblich. Bei «Rumble

Fish» erinnern mich zahlreiche freche Perspektiven

in verzerrender Vogelperspektive an «Down

By Law» von Jim Jarmusch. Verschiedene Zeitraffer

von Wolken und Schatten symbolisieren die

Zeit. Eine Mischung aus Jazz und Pop und zwischendurch

eine heulende Orgel geben dem Film

eine coole Atmosphäre.

Die Gangs versammeln sich für ihre Kämpfe

in verlassenen Fabrikhallen. Die Inszenierung der

Kampfszenen, das gruppierte Erscheinen der Protagonisten

und der Zusammenhalt der beiden verfeindeten

Gangs wirkt theatralisch und künstlich.

Bei solch einem gemeinsamen Auftreten könnte

man fast Parallelen zum Musical West Side Story

ziehen. Die einzelnen Kampfhandlungen, die eher

einem Ballett ähneln und von einer fast ironisch

weinenden Orgel begleitet werden, erinnern an

diejenigen von «Clockwork Orange» von Kubrick.

Im Vergleich zu «Rumble Fish» hat «The Outsiders»

eher einen dokumentarischen Charakter.

Ihm fehlen ungewohnte Perspektiven, eine lässige

Art und eine künstlerische Erscheinung. «The

Outsiders» setzt sich mit Rivalitäten und Klassenkampf

auseinander. «Rumble Fish» handelt von

Rebellion ohne tiefere Hintergründe.

Bemerkenswert ist, dass der Film aus der Sicht

des jüngeren Bruders, Rusty James, aufgebaut

wird, jedoch aber aus der darstellerischen Perspektive

des älteren Bruders gefi lmt ist. Da dieser

farbenblind und partiell taub ist, ist der Film bis auf

die Kampffi sche schwarz-weiss, zwischendurch

sind einzelne Dialoge dumpf und leise. Vieles ist

ungewöhnlich vertont; überlautes Wassertropfen

und viele undefi nierbare Geräusche sind nur zwei

Beispiele.

Die Kampffi sche sind das einzig Farbige im Film.

Dieser Effekt war technisch sehr aufwändig. Jedes

einzelne Bild im Film wurde von Hand nachgefärbt.

Daher erscheint die Farbe der Fische leicht verschwommen.

Dieses Verfahren ist in der heutigen

Filmproduktion digital und daher im Vergleich zu

früher wesentlich einfacher.

«Rumble Fish» - Ein Kampffi sch ist ein Tier mit

einem hohen Aggressionspotential. Ein so hohes,

dass es angeblich sein eigenes Spiegelbild attackieren

soll. Der jüngere Bruder, Rusty James,

sieht sein farbiges Spiegelbild in der Scheibe eines

Polizeiautos und zerschlägt diese mit der blossen

Faust. Der Film endet.

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ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


KINO

state of play

Von Sonja Wenger Bild: zVg.

■ Alte Geschichte: Es ist selten gut, wenn Hollywood

etwas Bewährtes in die Finger kriegt und

vorgibt, grösser sei automatisch besser. Die US-

Version der gleichnamigen britischen BBC-Miniserie

«State of Play» von 2003 ist nur ein weiteres

Beispiel dafür, dass grosse Namen allein noch keinen

Unterhaltungswert haben.

Zugegeben: Die Vorlage ist schwer zu toppen.

Als Arte vergangenes Jahr «State of Play» unter

dem Titel «Mord auf Seite eins» ausstrahlte, war

dies eines der eh dünn gesäten TV-Höhepunkte

des Jahres. Die Geschichte um den dubiosen Mord

an der Assistentin eines britischen Abgeordneten

spielt im politischen wie journalistischen Milieu

Londons und packt durch ihren komplexen Aufbau,

spannende Umsetzung und perfekte Besetzung.

Verbindendes Element in «State of Play» ist die

fragile Freundschaft zwischen dem Abgeordneten

Stephen Collins und dem Journalisten Cal McAffrey,

der wiederum hin und her gerissen ist zwischen

freundschaftlicher Loyalität, berufl ichem

Instinkt und seiner Suche nach der Wahrheit.

Doch während die Fernsehserie dafür fast sechs

Stunden Zeit zur Verfügung hat, wird in der US-

Version das Identische auf zwei Stunden gepresst.

Auf der Strecke bleibt dabei nicht nur die arg ausgedünnte

Geschichte, sondern auch alle Sympathie

des Publikums zu den Charakteren oder die

Neugierde über deren Beweggründe.

Da hilft es auch nicht, dass Regisseur Kevin

Macdonald über preisgekrönte Erfahrung - er erhielt

2007 den Oscar für «The last King of Scotland»

-, ein routiniertes Drehbuchtrio und hochkarätige

Filmstars wie Russel Crowe, Helen Mirren

oder Ben Affl eck verfügte. Der durchaus solide

gemachte Film lässt einen dennoch über weite

Strecken kalt: Die Motive von Tätern wie Opfern

bleiben schwammig, die angedeutete politische

Verschwörung dümpelt vor sich hin, die Emotionen

der Protagonisten sind bestenfalls mau, und

die viel diskutierte journalistische Ethik steht eh

von Anfang an auf wackeligen Beinen.

Dass die Geschichte von London nach Washington

D.C. verlegt wurde ist dabei noch das interessanteste

Element der Adaption. Im grössten

Haifi schbecken der US-Politik, in dem sich Volksvertreter

genauso wie Lobbyisten, Spindoctors

oder das grosse Kapital tummeln, gibt es ausreichend

Material für eine Geschichte wie «State of

Play». Doch gerade wenn in der Kürze auch Würze

liegen soll, ist es unverständlich, weshalb ausgerechnet

den kantigsten Nebenrollen des Originals

- vom sarkastischen Chefredaktor, dem hartnäckigen

Polizeiermittler bis hin zum schmierigen Mittelsmann

- in der Ami-Version allen fast ersatzlos

die Zähne gezogen wurden.

Statt dessen bedient Affl eck als aalglatter Politiker

mit Herzschmerz unnötigerweise einmal

mehr das Vorurteil, eine Schlafpille zu sein. Crowe

wiederum kommt ungeschoren damit davon, kaum

mehr als eine routinierte Darstellung des zweifelnden

Journalisten abzuliefern. Und neben Mirren

als Chefredaktorin bleiben auch Rachel McAdams

als ehrgeizige Reporterin und Robin Wright Penn

als Politikerfrau mit Vergangenheit hoffnungslos

unterfordert. Was ein cineastischer Selbstläufer

hätte sein können, wird so zu einem verschenkten

Spiel.

Der Film dauert 127 Minuten und kommt am

18.6. ins Kino.

TRATSCHUNDLABER

Von Sonja Wenger

Cinéma

■ Jede Minute wächst Youtube um zwanzig Stunden

Filmmaterial und wird somit zur demokratischsten

Nabelschau der Welt. Oder anders gesagt:

Inzwischen scheint keiner zu fein, ein Cewebrity zu

sein. Dieser Begriff wurde kürzlich geschaffen, um

Menschen mit Internet-Ruhm von jenen zu unterscheiden,

die stattdessen über einen Ringier-Vertrag

mit Dauerberieselungsklausel verfügen, vom

Musical-/BigBrother-/Topmodel-Masochismus befallen

sind, oder die tatsächlich über eine eigene,

sauer erarbeitet Prominenz verfügen.

Doch ungeachtet des 24-Stunden-Gelabbers der

Blogger-Universen darf man eines nicht vergessen:

Die Printmedien sind noch nicht tot! Oh, nein! So

lange bunt glänzende Bildchen mit inhaltsbefreitem

Text gekauft werden, werden sich auch die Walzen

weiter drehen. So lange es niemanden stört, dass

«InTouch» und «OK» und «Schiessmichtot» gleichzeitig

identische Bilder mit identischer Werbung an

die identische Person verscherbeln können - und

es lacht das Verlegerherz. Und so lange eine deutsche

«Vogue» Heidi Klumdumm - der «schönsten

und erfolgreichsten Ich-AG der Welt» - eine ganze

Ausgabe widmen kann, ohne dass es zu spontanen

Massenprotesten kommt, dürfen wir davon ausgehen,

dass der Ausverkauf der Medien noch lange

nicht an seine Grenzen gestossen ist.

Dabei hat es «Spiegel-Online» so unnachahmlich

auf den Punkt gebracht: «Nicht wahr, es ist

schon recht albern, dieses Promiklatsch-Business?»

Echt! Das steht da so. Gefolgt von einer Analyse

über die neuesten Brangelina-Gerüchte von wegen

Trennung und unehelichem Kind von Brad und seinem

neuen Film «Inglorious Basterds» in Cannes.

Aber vielleicht haben alle Abschreiber dieser Welt

auch einfach nur den Filmtitel falsch interpretiert.

Was neben Jolie, laut österreichischem «Kurier»

die «Mutter Teresa der Gucci-Generation»,

sonst noch die Welt bewegt, zeigt auch ein kurzer

Blick auf die einschlägigen Klatschseiten von Giftspritzen

wie Ian Halperin (ianundercover.com) oder

Perez Hilton (perezhilton.com), für die es eigentlich

einen Waffenschein bräuchte. Allzu sensiblen Seelen

sei vom Besuch bei diesen Widerlingen allerdings

abgeraten.

Andererseits muss man für so etwas nicht mal

in die Ferne schweifen: In einem Land, in dem der

schönste Schweizer des Jahres André Reithebuchchrchrchr

heisst, reicht für ein fl aues Gefühl

im Magen auch ein Fernsehabend mit der «Arena».

Aber vielleicht hat der Fuzzi von der Jungen SVP

ja recht, der neulich meinte, die «Frauen sollen

wieder kochen und putzen lernen». Zu viele bunte

Bildchen sind nämlich wirklich schlecht für junge

Frauen, das bewies gerade eben die amtierende

Miss Panama. Für sie war Konfuzius «einer von denen,

die die Konfusion erfunden haben». Deshalb

Kirche. Deshalb Küche: Einmal kräftig drauf mit der

Bratpfanne - nix kaputt.

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 33


Das andere Kino

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www.cinematte.ch / Telefon 031 312 4546 www.kellerkino.ch / Telefon 031 311 38 05 www.kinokunstmuseum.ch / Telefon 031 328 09 99

■ Jim Jarmusch - Eigenwilliger Ausnahmekönner

Der neue Film The Limits of Control von

Jim Jarmusch startet im Juni in den Kinos, für uns

Grund genug, mit einer umfassenden Werkschau

auf den neuen Film Appetit zu machen.

Jim Jarmuschs Filme sind reich an gleichgültigen

Helden und ziellosen Driftern, denen das

Reisen als einzige Möglichkeit erscheint, ihr Leben

nicht im totalen Stillstand erstarren zu lassen. Diese

Aufbruchsbewegung bestimmt in der metaphorischen

Form der Flucht auch den Weg des tödlich

verwundeten William Blake in Dead Man, dessen

Reise ihn nirgendwohin führen kann, da sein Ende

bereits zu Beginn des Films besiegelt wird. Der

seltsam anmutende Killer Ghost Dog folgt ebenfalls

einem Weg – dem uralten Kodex der Samurai.

Der Episodenfi lm Night on Earth lässt die Zuschauer

per Taxi durch nächtliche Grossstädte kurven,

während Bill Murray in Broken Flowers auf

der Suche nach seinem Sohn auf eine Reise quer

durch die amerikanische Gesellschaft einlädt.

Eine Besonderheit Jarmuschs liegt in seiner

Arbeitsweise. Anders als die meisten Filmemacher,

schreibt er seine Plots für ganz bestimmte Schauspieler

und konstruiert um diese Figur(en) herum

eine Geschichte. Es erstaunt deshalb wenig, dass

in Jarmuschs Werken die Mitglieder seines Stammensembles,

wie etwa Iggy Pop, Tom Waits, Roberto

Benigni oder Steve Buscemi wiederholt auftauchen.

So treffen sich schliesslich auch Menschen

aus dieser Entourage in Coffeee and Cigarettes

zum skurrilen Small Talk bei Kaffee und Zigaretten.

Jarmuschs Filme sind getragen von lässiger

Langsamkeit, humorvoller Lakonik und einer einmaligen

Bildsprache.

Jewish Film Festival Berlin Auf seiner Tournee

macht das Jewish Film Festival Berlin bei uns

Halt und präsentiert eine Auswahl von Festivalfi lmen.

Darunter die Berner Premiere von Graham

Guits Hello Goodbye, eine Komödie mit Gerard

Dépardieu und Fanny Ardant oder auch der vielbeachtete

Spielfi lm The Bubble von Eytan Fox. Infos

zum Festival: jffb.de

Das detaillierte Programm wie immer

unter: cinematte.ch

■ Ab 4. Juni - DIE RÄUBERINNEN – EIN

SCHAUERMÄRCHEN von Carla Lia Monti, CH

2008, 90 Min - Die junge Emily wird von ihrer Mutter

an einen Bischof verschachert, der sich an ihr

vergreifen will. Sie fl üchtet in ein Bordell, wo sie

sich mit den Huren anfreundet. Bedrängt durch die

Schergen des Bischofs, beschliessen die Frauen in

den Wald zu ziehen und Räuberinnen zu werden.

Die Räuberinnen ist eine hinterhältig, schrille

Komödie, die das Publikum an den Solothurnerfi

lmtagen polarisierte.

Di 16. Juni - FAUT QUE CA DANSE! von

Noémie Lvovsky, F 2007, 100 Min -In Zusammenarbeit

mit dem Kramgassleist zeigt das

Kellerkino diese erfrischende Komödie voller

esprit und lädt zu einem Apéro ein.

Mi 17. Juni - (vor Antons Lesung im Ono) ABOUT

BAGHDAD von Sinan Anton, USA 2004, 90 Min -

2003 kehrte Anton in seine Heimatstadt Baghdad

zurück um die Wirkung von jahrzehntelanger Unterdrückung,

Krieg und Sanktionen und nun der

Amerikanischen Besetzung auf die Stadt zu dokumentieren.

Ab 18. Juni - ÉMOIN INDÉSIRABLE von

Juan José Lozano, CH 2008, 80 Min - In seiner

wöchentlichen TV-Sendung berichtet Reporter

Hollman Morris über die Verbrechen eines Kriegs,

der offi ziell gar nicht stattfi ndet. Mit unerbittlicher

Grausamkeit bekämpfen sich im Konfl ikt

um Kolumbiens Coca-Plantagen staatliche Streitkräfte,

Paramilitärs und Guerillas; Leidtragende

dieses Drogenkriegs sind die Bauern und die Zivilbevölkerung.

Ab 25. April - BEAUTIFUL BITCH von Martin

Theo Krieger, D 2007, 108 Min - Der Film erzählt

die Geschichte der 15jährigen Bica genannt Bitch,

die auf den Straßen von Bukarest lebt. Angelockt

von den Versprechungen des ehemaligen Polizisten

Cristu folgt sie ihm nach Düsseldorf, um dort,

über einen organisierten Taschendiebring, das

nötige Geld für sich und ihren kleinen Bruder zu

verdienen. Als sie bei einer ihrer Raubtouren auf

die zickige, verwöhnte Milka trifft, lernt Bitch zum

ersten Mal in ihrem Leben ein ganz ‚normales’

Teenagerdasein kennen...

VOLL DAS LEBEN – PEDRO ALMODÓVARS

FRÜHWERK Der spanische, mehrfach ausgezeichnete

Kultregisseur Pedro Almodóvar ist einer

der elegantesten Vertreter des europäischen Filmhandwerks.

Nach dem Tode Francos im Jahre 1975

endete in Spanien der autoritäre Franquismus,

und es formierte sich die ‹Movida Madrileña›, eine

Kulturbewegung der städtischen Jugend, die bis

in die 80er-Jahre andauerte. Diese Bewegung, die

alles Schrille und Hedonistische durchleben wollte,

lieferte einen idealen Nährboden für die ersten

Filme Almodóvars. Liebe, Gewalt, Tod und sexuelle

Identität sind charakteristische Themen für die

Filme Almodóvars. Sie zeigen die ProtagonistInnen

nicht als Opfer ihrer exzentrischen Gelüste,

sondern sympathisieren mit diesen ‹Misfi ts› der

Gesellschaft und formulieren so ein Plädoyer für

Selbstverwirklichung und Toleranz. Bis 29. Juni

FILMGESCHICHTE: Die letzten drei Filme vor

dem Sommerpause sind allesamt Meilensteine des

Kinofi lms. Cría Cuervos von Carlos Saura ist ein

Spiegel der spanischen Gesellschaft, deren autoritäre

Franco-Dikatur in ihrer Aufl ösung begriffen

war. Die Ehe der Maria Braun von Rainer Werner

Fassbinder ist ein schonungsloses Abbild der deutschen

Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Mentalität

und Stalker von Andrej Tarkowski ist ein zeitloses

Werk, das immer wieder von Neuem fasziniert. 2.,

16., und 30. Juni.

KUNST UND FILM: Tracey Emin-Filmabend am

9. Juni

NOBODY IS PERFECT – BILLY WILDER Bis

29. Juni

SOMMERPAUSE im Juli und August Wir wünschen

Ihnen einen schönen Sommer und begrüssen

Sie wieder im September im Kino Kunstmuseum.

Die genauen Spielzeiten der Filme und weitere

Informationen fi nden Sie auf

www.kinokunstmuseum.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


KI O

i n d e r R e i t s c h u l e

N

Für das Tagesprogramm die Tageszeitung oder das Internet www.bernerkino.ch

LICHTSPIEL

www.reitschule.ch / Telefon 031 306 69 69 www.lichtspiel.ch / Telefon 031 381 15 05 www.pasquart.ch / Telefon 032 322 71 01

JUNI – JULI – AUGUST

2009

SOMMERPAUSE

Von Juni – Ende August macht das Kino in der

Reitschule eine lange Sommerpause.

Wie seit vielen Jahren wird die Saison im September

mit Film und Live-Musik in der Grossen Halle

der Reitschule wieder eröffnet.

■ Best of Oberhausen Bereits zum 55. Mal fanden

in diesem Jahr die beliebten Kurzfi lmtage

Oberhausen statt. Das Lichtspiel zeigt eine vielseitige

Auswahl der besten deutschen und internationalen

Wettbewerbsfi lme der letzten Jahre: In den

Programmen Best of German and International

Competition (Mo 8.6, 20h), Best of German Competition

(Mo 15.6., 20h) und Best of International

Competition (Mo 22.6., 20h) gibt es Kurzspielfi lme,

experimentelle Arbeiten, Dokumentar- und

Animationsfi lme zu entdecken.

Filmgeschichte Rainer Werner Fassbinders Die

Ehe der Maria Braun (1979) ist ein schonungsloses

Abbild der deutschen Wirtschaftswunder-Mentalität

der Nachkriegszeit (Mi 10.6., 20h), während

sich in Stalker (1979) von Andrej Tarkowskij drei

Männer auf die Suche nach dem Schlüssel für die

Erfüllung aller Wünsche machen. Einführung: Till

Brockmann, Filmwissenschaftler. (Mi 24.6., 20h)

CinemAnalyse Le vacances de M. Hulot (Jacques

Tati, 1951) führt uns in einen kleinen Badeort

in der Bretagne, wo der biedere Kleinbürger Hulot

den Tücken und Missgeschicken des Alltags ausgesetzt

ist. Seine Versuche, das Herz der jungen Martine

zu erobern, führen allesamt zu Missverständnissen

und kleineren Katastrophen. Eine Komödie

von liebenswerter Intelligenz und romantischem

Charme. (Do 26.6., 20h)

Sortie du labo Mit dem nostalgischen Alpengegendpanorama

Der letzte Postillon vom St.

Gotthard erzählt Edmund Heuberger das Leben

des letzten Kutschers der Gotthard-Postkutsche

und gewährt Einblicke in den Bau des Tunnels. Vordergründig

werden etliche Geschichtchen im Laufe

einer Postkutschenfahrt von Flüelen nach Camerlata

miteinander verwoben, der Film bedient aber

zugleich ein Verlangen nach nationaler Sicherheit:

Vor dem historischen Hintergrund der Arbeiten am

Gotthard-Tunnel und dem 1880 erfolgten Durchstoss

rückte die Welt dieser fi lmischen Erzählung

in die Nähe einer mythisch verklärten schweizerischen

Identität, die ihre Wurzeln angeblich in der

«Alpenfestung» hatte. Einführung: Adrian Gerber,

Filmwissenschaftler. (Mo 29.6., 20h)

■ Türkei – im Brennpunkt Anlässlich der Ausstellung

Seriously Ironic mit zeitgenössischer türkischer

Kunst im Centre PasquArt, sind im Filmpodium

neue türkische Filme zu sehen. In der Türkei

hat sich seit den 90er Jahren ein künstlerisch

hochstehendes Kino entwickelt, das mittlerweile

auch international auf sich aufmerksam macht.

Erzählt werden universelle Geschichten, die manches

Klischee korrigieren. Die jüngere türkische

FilmerInnengeneration zeigt ein Land im Aufbruch

und Menschen auf der Suche nach ihrer Zukunft.

Im Mittelpunkt unseres Programms, das mit drei

Bieler Filmpremieren glänzt, steht Nuri Bilge Ceylan.

Er gehört zu den führenden unabhängigen

Filmemachern der Türkei. Der 1959 in Istanbul

geborene Ceylan studierte zuerst Elektrotechnik,

schlug vorübergehend eine Militärlaufbahn ein,

bevor er sich den Filmwissenschaften zuwandte.

Als Filmpremiere zeigen wir Three Monkeys (26.-

29.6.). Ceylans Familientragödie wurde beim Festival

in Cannes ausgezeichnet. Mit der «Parabel über

verdrängte Schuld» gelang ihm der internationale

Durchbruch. Ceylan erzählt in Three Monkeys die

Geschichte von drei Menschen, die wie jene berühmten

drei Affen nach dem Prinzip See no evil, hear

no evil, speak no evil handeln. Und sich dabei immer

tiefer in ihre Hilfl osigkeit verstricken.

Ebenfalls eine Bieler Premiere ist Günesi

Gördüm – Ich habe die Sonne gesehen (12. – 15.6.).

Mahsun Kirmizigül hat sich der Aufgabe gewidmet,

eine 25 Jahre umspannende Familienchronik zu

verfi lmen. Günesi Gördüm ist ein bewegendes Plädoyer

für Offenheit gegenüber dem Fremden und

gegen Krieg und Hass. Ein Film, der zwischen der

Geschichte der Kurden und der Türken eine Brücke

zu spannen versucht.

Vom 19.-22.6. ist die dritte Erstaufführung geplant:

In Gitmek – My Marlon and Brando erzählt

Huseyin Karabey die wahre Geschichte einer Liebe

zwischen den Fronten des Irakkrieges nach. In dem

berührenden Dokumentarfi lm spielen die beiden

Hauptdarsteller sich selbst – und bekennen sich

zu ihrer unglaublichen Liebesgeschichte. Ein Film

voll Komik und Poesie. Die Türkeireihe dauert bis

Mitte Juli.

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 35


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KOLUMNE

am horizont stand ein riese

Von Peter J. Betts

■ «Am Horizont stand ein Riese von so ungeheurer

Grösse, dass selbst das himmelhohe Gebirge

‹Die Krone der Welt› neben ihm wie ein Haufen

Streichholzschachteln gewirkt hätte...» schreibt

Michael Ende – viel, viel zu früh verstorben - in

«Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer»

(1960). Eine sehr vielschichtige und (vor allem)

auch heute lehrreiche Episode. Der Riese war

Herr Tur Tur, der Scheinriese. Auf grosse Distanz

betrachtet, wirkte er so ungeheuer gross, dass

alle, obwohl Herr Tur (Vorname) Tur (Nachname)

nur ein sehr dünnes, freundliches Stimmchen besass,

vor Schrecken und Angst davonliefen. Ganz

vereinsamt und traurig zog er sich in die Wüste in

eine kleine Oase zurück, bis er endlich mit Lukas

dem Lokomotivführer und Jim Knopf ins Gespräch

kommen konnte. Ein Scheinriese sieht bekanntlich

auf grosse Distanz ungeheuer gross aus, wagt man

sich in seine Nähe, sieht man, dass er eine ganz

normale, eher kleine Körpergrösse hat. Natürlich

hatten, im Gegensatz zu uns jetzt, Jim und Lukas

diesen Sachverhalt nicht gekannt, haben dennoch

die Gefahr auf sich genommen und sich genähert...

Im Fortsetzungsband, «Jim Knopf und die Wilde

13», kann man lesen, wie es Herr Tur Tur auf

Lummerland zu einer höchst wichtigen Stellung

brachte. Lummerland ist eine winzige Insel, eine

Art Paradies auf Erden, natürlich auch mit vielen

Nachteilen behaftet – etwas Reales halt: Die Insel

ist felsig. Sie ist auf keiner Seekarte verzeichnet, so

dass viele Steuermänner sie bei Nacht übersahen,

und die See um die Insel herum ist rau. Lummerland

war auch die Heimat von Lukas dem Lokomotivführer

und von Jim Knopf – so klein, dass es die

beiden abenteuerlich gesinnten Wissensdurstigen

in die Ferne auf eine ereignisreiche Weltreise zog.

Der Enge entweichen, kann ein Bedürfnis sein. Auf

Lummerland amtete der von beiden mitgenommene

Herr Tur Tur dann schliesslich als Leuchtturm.

Den Leuchtturm erkennen und vor Schrecken und

Angst einen grossen Bogen um die gefährliche Felsenwarze

herum machen, war für Steuerleute eins.

Im Meer um Lummerland herum gab es dann viel

weniger Ertrunkene. Wie man sieht: Leuchttürme

machen durchaus Sinn. Am Ostermontag strahlte

Radio DRS2 eine Kontextsendung über die Osterinseln

aus. Die Osterinsel, Rapa Nui, wurde am Ostersonntag

1722 vom Holländer Jakob Roggewen

(wohl nicht ganz ohne Hilfe der Besatzung seines

Schiffes?) entdeckt, und auch diese Entdeckung

brachte der damaligen Einwohnerschaft wenig

Glück, im Gegenteil. Die Fläche der Insel entspräche

einem Quadrat von etwas mehr als elf Kilo-

metern Seitenlänge – vielleicht also ein bisschen

grösser als Lummerland, aber irgendwie durchaus

vergleichbar. Heute gehört die Osterinsel zu Chile,

sie wird vom – Mutterland durch eine Schafpopulation

und eine einträgliche Tourismusindustrie

genutzt. Die Insel ist berühmt durch ihre einst

hochstehende Kultur: Durch grosse, für «primitive

Völker» als Urheberschaft ohne unser Hightech-Instrumentarium

von unserer Denkweise her fast undenkbar

riesige Skulpturen aus Tuff und eine Hieroglyphenschrift

(durch den Ethnologen Thomas

S. Barthel zum Teil entziffert). Die riesigen Skulpturen,

durchaus eine Art Leuchttürme, führten

zu Ruin und Untergang der Urbevölkerung, lange

bevor bei uns die Zivilisation fl ächendeckend ausbrach.

Der Grund war ein uns nicht ganz fremder

Glaube ans unbegrenzte Wachstum. Grosse Skulpturen

riefen nach noch grösseren. Eine Familie,

eine Sippe, eine Siedlungseinheit trumpfte gegen

die benachbarte jeweils durch grossartigere Skulpturen,

sprich «Leuchttürme», auf. Die gesamte

Bevölkerung war damit beschäftigt, ununterbrochen

für ihre jeweiligen Macht- und Würdeträger

noch grössere Skulpturen zu bauen. Rivalisierende

Siedlungen stürzten in mühsamster Arbeit - die

Dinger sind ungeheuer schwer und Krane gab es

keine, Dynamit auch nicht - die Skulpturen der anderen

um. Die Bevölkerung vernachlässigte den

Anbau von Nahrungsmitteln und den Fischfang.

Der Wald wurde aus-genutzt, selbstverständlich

nicht gepfl egt (Ein Verhalten, das sich etwa beim

Betrachten unserer heutigen Forstwirtschaft - nur

für Nichtfachleute? – leicht nachvollziehen lässt:

Mit Mikroorganismen lassen sich keine Schnitzelheizungen

füttern; Carte blanche für Schwerstfahrzeuge

nach dem Motto: «Mein Auto fährt auch

ohne Wald.»). Unglaubliche Mengen von Bäumen

mussten gefällt werden, um die Steine zu transportieren

und aufzurichten. Wäre die Insel rund,

hätte sie einen Radius von etwa sechs Kilometern.

Als der letzte Baum gefällt worden war, liessen sich

auch keine Einbäume mehr für den immer bitterer

nötig gewordenen Fischfang bauen. Hunger. Streit.

Am Schluss frassen sie einander gegenseitig auf.

Untergang der Kultur und der Bevölkerung. Ökologischer

Selbstmord. Ein Trauerspiel, über das bei

der Entdeckung durch die Holländer, 1722, der Vorhang

schon längst gefallen war. Sichtbar blieben die

Leuchttürme. Ein Festessen für Archäologie und

Ethnologie. Auf der Frontseite der Ausgabe vom 9.

April titelt «Der Bund»: «Bern entdeckt die Kultur.»

Nein, nein, es wird nicht die Frage aufgeworfen, ob

Bern ein Kulturprodukt oder ein Naturereignis sei.

Kultur & Gesellschaft

Wäre Bern ein Kulturprodukt, könnte der «Bund»-

Titel auf Bemühungen um Selbsterkenntnis hinweisen.

Aber kein Gedanke wird im Artikel an die

Auseinandersetzung der BernerInnen mit sich

selbst verschwendet. Es geht, wie eine Journalistin

im Kommentar zum Hauptartikel titelt, um folgenden

Sachverhalt: «Ehrgeizige Ziele haben ihren

Preis.» In der Tat. Denkt man an das Schicksal der

Urbevölkerung von Rapa Nui. Es geht im Artikel

aber um das kulturpolitische Strategiepapier des

Kantons Bern. Erziehungsdirektor Bernhard Pulver

wird eingangs so zitiert: «Kultur ist Lebensqualität,

gibt Antwort auf Sinnfragen, bietet Distanz

zu Alltäglichem und verbreitet Lebensfreude.»

Dem könnte kaum widersprochen werden. Einige

zusätzliche Aspekte wären vielleicht anzufügen.

Zum Beispiel, dass der Stand der Kultur einer

Bevölkerung vom Stand ihres schöpferischen Potentials

abhängt. Dass breite Auseinandersetzung

mit aktuellem professionellem Kulturschaffen aller

Sparten in der Regel zu den eingangs zitierten Antworten

zu Sinnfragen führt (würde aber deshalb

heute, also bevor die Spekulation im Kunstmarkt

«den Wert defi niert», der Staat beispielsweise Paul

Klees Schaffen unterstützen und seinen Wunsch

nach der Schweizerbürgerschaft mit Handkuss

erfüllen?). Des Erziehungsdirektors Worte sind

also eine gute Ausgangslage für eine fruchtbare

Diskussion. Dann – wie es sich für unser Hier und

Jetzt gehört – erfährt man beim Lesen, dass es

den ParlamentarierInnen nicht um kulturpolitische

Inhalte geht, sondern um das Verteilen von vorhandenen

Geldern. Wer erhält die grössten Bissen? In

die erste Kategorie der Empfängerinnen gehören

«herausragende bernische Kulturinstitutionen

mit nationaler Ausrichtung». Die GrossrätInnen

streiten sich dann darüber, ob die drei erwähnten

«Flaggschiffe» (Zentrum Paul Klee, Kunstmuseum

Bern, Freilichtmuseum Ballenberg) genügten.

Dann beteuert Frau Grossrätin Bommeli, dass die

drei Institutionen HERVORGEHOBEN werden sollten,

«damit sie als Leuchttürme der Berner Kultur

strahlten». Und das Ganze kurbelt die Wirtschaft

an und wird zum Magneten für den Tourismus. Michael

Ende hat anschaulich den Zweck von Leuchttürmen

geschildert («Bleibt weg!»); fast zwanzig

Jahre später schrieb er die «Endlose Geschichte».

Für die Ureinwohnerschaft der Osterinsel war die

Geschichte alles andere als endlos. Zu viele Leuchttürme,

keine Förderung der Schöpfungskraft und

tödliche Erschöpfung als Folge.

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 37


Literatur

38

Benioff, David: Stadt der Diebe.

Roman. Aus dem Amerikanischen von

Ursula-Maria Mössner. Karl Blessing

Verlag. München, 2009. 381 Seiten.

ISBN 978-3-89667-3994-7

Hals- und Beinbruch

David Benioff: Stadt der Diebe. Roman. Aus dem

Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner.

■ David Benioff, bekannt geworden mit seinem

Débutroman «The 25th Hour», welcher mit Edward

Norton in der Hauptrolle 2002 von Spike Lee verfi lmt

wurde, ist nun mit seinem zweiten Roman «Stadt der

Diebe», wenn auch nicht in seiner eigenen, so doch

gewissermassen in der Biografi e seines russischen

Grossvaters angelangt.

Mitten im Zweiten Weltkrieg beschliesst Lew Beniow,

lieber im bedrohten Leningrad zu bleiben und

als Feuerwehrmann einen, wenn nötig, heldenhaften

Tod zu sterben, als seine Mutter und seine jüngere

Schwester aufs Land zu begleiten.

Bald darauf haben er und seine Freunde aus dem

Wohnhaus Kirow Gelegenheit, der Besitztümer eines

toten deutschen Soldaten habhaft zu werden. Wie

Murphy’s Law spielt, werden sie in fl agranti von der

russischen Armee ertappt. Lew, der sich in dieser Situation

als Gentlemen erweist, verhilft einer Genossin

zur Flucht, um nun selbst gefangengenommen

zu werden. In der Gefängniszelle trifft er auf den

Deserteur und literarisch überaus bewanderten Lebemann

Kolja. Gemeinsam werden sie für ihr Vergehen

nicht mit dem Tod bestraft, sondern erhalten die

undankbare Aufgabe, für die Hochzeit der Tochter

des Obersten im ausgehungerten Leningrad (Piter)

zwölf Eier zu beschaffen. Die beiden, obwohl sie auf

den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein könnten

- der schöne Kolja auf der einen, der karikierte Lew

auf der anderen Seite – entdecken beim näheren

Kennenlernen doch so die eine oder andere Gemeinsamkeit.

Nicht nur der Plot an sich ist nur wenig vom Slapstick

entfernt, auch Benioffs Talent für Gags ist zuweilen

etwas überbordend. Dennoch gelingt es der

«Adoleszenzstudie» über einen russischen Juden im

besetzten Leningrad aufgrund des russischen Charakters,

der das Absurde, aber eben auch das Tragische

schätzt, nicht in eine plumpe Effekthascherei

abzugleiten. Den russischen Ahnen sei Dank. (sw)

Hermann, Judith: Alice. Erzählungen.

S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main,

2009. 189 Seiten.

ISBN 978-3-10-033182-3

Todesreigen

Judith Hermann. Alice. Erzählungen.

■ Lange haben wir gewartet. Auf La Hermann und

ihren nun ganz grossen Wurf. Einen Roman. Und beinahe

ist dies auch gelungen, zumindest begleitet uns

ein und dieselbe Protagonistin, Alice, durch fünf Erzählungen.

Eine typische hermannsche Heldin, ohne

Nachnamen, ohne Beruf, ohne genaue Angabe ihrer

Herkunft. Einen Todesreigen, in dem, ähnlich den

Statistiken, immer nur Männer sterben - das hat Judith

Hermann geschaffen.

Zunächst der Verfl ossene von Alice, Micha, nun

verheiratet und Vater einer kleiner Tochter. Die beiden,

Maja und das Kind, begleiten Alice an einen

unschönen Ort in Deutschland, weit weg von Berlin,

wo sie auf den Tod Michas warten. Dann Conrad, alternder

Freund der noch jungen Alice, den sie mit

gemeinsamen Freunden in Bella Italia an einem See

besucht und der ganz unerwartet während dieses

Besuches stirbt. Die Beziehung von Alice und Conrad

ist, wenn auch platonisch, doch erotisch aufgeladen.

Der Nächste nun ist Richard, langjähriger Freund.

Mit dem Tod von Malte, ihrem noch vor ihrer Geburt

verstorbenen Onkel, setzt sich Alice sozusagen

post mortem auseinander, indem sie ein Treffen mit

dessen Freund und Geliebten Friedrich arrangiert.

Und zuletzt stirbt Raymond, Lebensgefährte

oder Ehemann von Alice. Sie bleibt allein zurück,

nicht verbittert, nicht einsam, stark an Joan Didion in

ihrem unübertroffenen Werk «Das Jahr magischen

Denkens» erinnernd. Und hier, in der Abgrenzung

gegen das Zweisame, das Mehrsame, personifi ziert

in Paaren und Familien, sind die Beschreibungen der

Autorin besonders eindringlich.

Das neue Buch von Judith Hermann wurde von

allen grossen Zeitungen durchaus wohlwollend besprochen

und klettert scheinbar unaufhaltsam in den

Bestsellerlisten nach oben. Beinahe ein Unding in der

literarischen Welt im deutschsprachigen Raum.

Und dennoch bin ich als grosser Fan dieser begnadeten

Autorin ein bisschen enttäuscht, nicht, weil

sie keinen Roman geschrieben hat, auch nicht, weil

auch dieses Buch nun nicht der ganz grosse Wurf

geworden ist. Viel mehr, weil ich gerade beim Thema

Tod nicht mehr, aber andere Worte von ihr erwartet

hätte, solche, wie sie sie in der Erzählung um Raymond

verwendet. (sw)

Shamsie, Kamila: burnt shadows. Roman.

Englisch. Bloomsbury. London, Berlin,

New York, 2009. 363 Seiten.

ISBN 978-0-7475-9813-8

Von der Geschichte gezeichnet

Kamila Shamsie: burnt shadows. Roman. Englisch.

■ Hiroko Tanaka, eine junge Deutschlehrerin in Nagasaki,

verliebt sich in den Deutschen Konrad Weiss,

doch die interkulturelle Liebe soll nur von kurzer Dauer

sein. An dem Tag, an welchem er um ihre Hand anhält,

wird er, wie so viele andere, durch die amerikanische

Atombombe getötet. Hiroko wird nicht nur ihres zukünftigen

Mannes beraubt, sondern auch ihres Vaters

sowie ihrer körperlichen Unversehrtheit.

Wenige Jahre nach Kriegsende bricht sie nach

Delhi auf, wo Konrads Halbschwester Ilse Weiss, nun

Elisabeth Burton, mit ihrem Mann James lebt. Stehen

beide der unerwarteten Besucherin, einer Art Botin

aus dem Jenseits, zunächst skeptisch gegenüber, gewinnt

Hiroko doch bald die Zuneigung der Hausherrin

und soll sich diese ein Leben lang erhalten. Die junge

Japanerin ist ein sprachliches Ausnahmetalent und

lernt mit Hilfe von James Sekretär Sajjad Ashraf, einem

in Dilli lebenden Muslimen, in kurzer Zeit Urdu.

Nicht nur sprachlich, auch sonst kommen sich die beiden

näher, wenn auch die aufkeimenden Gefühle von

den Burtons beargwöhnt werden.

Wir schreiben in dieser Zeit das Ende des Britischen

Empires, und nur dieses Ende macht eine Liebe

zwischen dem japanischen Hausgast des britischen

Besatzers und einem seiner dunkelhäutigen «Diener»

möglich.

Bald nach der Hochzeit und einem mehrmonatigen

Aufenthalt in Istanbul emigriert das junge Paar nach

Karachi. Als Hiroko bereits nicht mehr mit der Möglichkeit

auf Mutterschaft gerechnet hat, wird ihr Sohn

Raza Konrad geboren. Dieser hat das Sprachtalent

seiner Mutter geerbt. Die japanische und die indisch/

pakistanische Physiognomie vermischend könnte er

ohne weiteres auch einem afghanischen Stamm angehören.

Die Bande, welche Hiroko nach ihrer Scheidung

nunmehr mit Ilse Weiss verbinden, haben sich all die

Jahre erhalten und schliessen auch Ilses Sohn Henry/

Harry, einen CIA-Agenten, sowie seine Tochter Kim mit

ein. Wir begleiten die Protagonisten auf wechselnden

Seiten bis nach den Ereignissen von 2001.

Die Pakistani Kamila Shamsie strukturiert den Roman

mit mehreren Zeitsprüngen und wechselnden

Handlungsorten und umfasst damit nicht nur einen Erzählzeitrahmen

von nahezu sechzig Jahren, sondern

auch beinahe die ganze Welt. Ein literarisches Kleinod,

welches weder Recht noch Unrecht zu sprechen versucht,

lediglich für Verständnis wirbt. Auch nach 9/11.

buchhandlung@amkronenplatz.ch

www.buchhandlung-amkronenplatz.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


ALLTÄGLICHES INTERMEZZO

nasses muss

Von Isabelle Haklar

■ Ich bade täglich. Ja, Sie haben richtig gelesen,

ich bade jeden Tag. Jeden Tag die Woche inklusive

Wochenende, 365 Tage im Jahr, Winter wie Sommer.

Nichts hasse ich nämlich mehr als einen feuchten

Duschvorhang, der mir am Rücken klebt oder

das Stehen, nachdem ich bereits den ganzen Tag

stehend bestanden habe. Auch die Gefahr des Ausrutschens

ist mir ein wahrer Greuel. Ausrutschen

und mit dem Kopf hart am Wannenrand aufschlagen,

davor habe ich Angst, grosse Angst. Obwohl

ich niemanden kenne, der je mit dem Kopf gegen

den Rand geknallt ist, bin ich sicher, dass dies

gerade mir passieren könnte. Denn mir passiert,

was sonst einem Normalsterblichen eher nicht

geschieht. Ich würde es fertig bringen, nach einer

ausgiebigen, warmen Dusche beim Aus-der-Wanne-Steigen

auszurutschen und einen bleibenden

Schaden davonzutragen. Absurd, ich weiss.

Aus diesen Gründen ziehe ich ein Bad der Dusche

vor, und dies eben tagtäglich.

LESEZEIT

Von Gabriela Wild

■ Versprochen ist versprochen. Wenn auch inzwischen

x Rezensionen geschrieben wurden, die

Autorin in aller Munde und preisgekrönt ist. Ich

habe in der letzten Lesezeit angekündigt, dass ich

über dieses Buch schreiben werde, also schreibe

ich darüber. Basta. Zwar ist es immer ein bisschen

eine Enttäuschung, wenn man glaubte, eine besondere

Entdeckung gemacht zu haben, sich ganz

auf sein eigenes literarisches Gespür verlassend

und dann feststellt, dass das Buch ein Medienhit

ist. Anderseits könnte man sich in seinem Urteil

bestätigt fühlen. Da tappt man aber auch schon

in die Ignorantenfalle – wie konnte man das bloss

verpassen, in allen Medien besprochen und erst

noch Gast an den Solothurner Literaturtagen: Die

Rede ist von Sibylle Lewitscharoffs neustem Roman

«Apostoloff». Wenn man Abrechnungsliteratur

mag, ist man mit diesem Buch schon mal gut

bedient. Zum Abrechnen gibt es schliesslich alle

Tage was. Wer tagträumt nicht Abrechnungssze-

Und alle, die bereits laut aufgeschrieen oder

das Gefühl haben, dass ich über kein gesundes

Umweltbewusstsein verfüge, sei zu meiner Verteidigung

gesagt, dass ich die Wanne nie bis zum

Rand fülle, sondern stets nur bis kurz vor die Hälfte.

Zudem vertrete ich hartnäckig die Meinung,

dass jeder Zwanzig-Minuten-Warmduscher, würde

er zum Test den Wannenstöpsel am Grund verankern,

danach dieselbe, wenn nicht gar grössere,

Menge an Wasser in der Wanne hätte wie ich, die

sich im Liegen Reinigende. Bis anhin war leider nur

noch keine Person je bereit, sich auf dieses Vergleichsexperiment

einzulassen. Alle, denen ich diesen

Test vorschlug, verweigerten sich konsequent;

was mich in meiner Meinung natürlich bekräftigt

und mich weiterhin mit gutem Gewissen Tag für

Tag in die Wanne gleiten lässt.

Ein Problem, das meine Badeorgien jedoch mit

sich bringen, ist das, dass ich einen unglaublichen

Bademittelverschleiss an den Tag lege. Doch ich

nehme an, dass sich in Zeiten der Wirtschaftskrise

nen mit dem arroganten Chef, dem knausrigen Arbeitsamt,

der nervtötenden Nachbarin, der miesen

Wirtschaftslage, der schlechten Tageszeitung oder

wie in Lewitscharoffs Fall mit dem Vater. Knallhart

rechnet die Ich-Erzählerin mit dem Vater ab, der

nicht nur tot, sondern aus eigenem Verschulden

tot ist. Mit ihrer Schwester reist sie durch das

«Vater-Land» Bulgarien, an dem sie den ganzen

Vaterhass abklopft. Lustvoll und knackig speit sie

Gift und Galle über alles Bulgarische: «Wir haben

Bulgarien schon satt, bevor wir es richtig kennengelernt

haben. Traurig, aber wahr, die bulgarische

Sprache dünkt uns die abscheulichste von der

Welt. So eine weichliche, plump vorwärtsplatzende

Sprache, labiale Knaller, die nicht zünden wollen.

Keinerlei Schärfe in den Konsonanten.» Vergeblich

führt der bulgarische Chauffeur Apostoloff die

beiden Schwestern zu Sehenswürdigkeiten wie der

Keramik mit Pfauenaugendekor, an die Schwarzmeerküste.

Er erntet bloss Spott. Das Pfauenaugendekor

ist aus giftigem Kobaltblau, die Schwarzmeerküste

komplett versaut. Zur Demonstration

kotzt die Protagonistin an den Strand. Einzig die

duldsame Schwester lässt Gnade walten, sowohl

Literatur

niemand darüber beklagt, ich auf diese Weise sogar

meinen Teil zum Wirtschaftsaufschwung beitrage

– wenn auch nur zu einem winzigen.

Eigentlich sollte ich bei meinen Käufen allmählich

Rabatt kriegen. Mir wäre gedient, wenn es, wie

für Take-away Kaffees in grossen Berner Bäckereien,

auch einen Zehner-Pass für Bademittelfl aschen

geben würde. So kriegte ich dann im Schnitt

alle zwei Monate die elfte Flasche umsonst. Doch

leider ist dies nicht der Fall. Zu meinem Glück gibt

es Feste wie Weihnachten oder das des Älterwerdens,

sprich Geburtstag. Feste, an denen mich liebe

Leute mit Fläschchen und «Gütterlis» aller Art

eindecken, um nicht zu sagen überhäufen. Und

sollten sich dennoch alle Flaschen auf einmal leeren,

dann suhle ich mich eben im Shampoo. Denn

ob Bademittel oder Shampoo, reinigen tun sie beide

und meine Macke lässt sich auch wunderbar im

Haarwaschmittel ausleben. Ach, was wäre ein Leben

ohne Macken.

mit ihrer zynischen Schwester als auch mit dem

Schicksal des Vaters. Wie zur Entschädigung geht

sie mit dem patriotischen Rumen Apostoloff ein

Verhältnis ein. Immer wieder und unermüdlich

taucht die Vaterfi gur auf, in Träumen, als hässliches

Ding, langgezogen wie verschmierter Dreck

am Abendhimmel, als verblichener Held einer

verschwommenen Geschichte. Die Erinnerung an

das «Unglück, das dieses Aas von einem Vater

auf Häupter und Herzen seiner Töchter geladen

hat» bleibt wach. Die Erzählerin reagiert darauf

nicht mit Melancholie, sondern mit einer rabenschwarzen,

erzkomischen Abrechnung. «Die Toten

warten auf ihre Stunde, sie kommen höchstselbst

und nicht nur im tintigen Pfuhl der Nacht.

Ich aber bewahre kühlen Mut. Immerhin habe ich

es geschafft, länger zu leben als der Vater und

ein freundlicheres Leben zu führen als die Mutter.

Nicht die Liebe vermag die Toten in Schach

zu halten, denke ich, nur ein gutmütig gepfl egter

Hass.»

Lewitscharoff, Sibylle: Apostoloff. Roman. Suhrkamp,

2009.

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 39


Kultur & Gesellschaft

CARL ALBERT LOOSLI

verdingkind, aussenseiter,

kämpfer, autodidakt...

Von Barbara Neugel - Leben und Wirken des

Schriftstellers Carl Albert Loosli 1877 – 1959 Foto: XXXX

«Wenn ich an ihn denke,

denke ich auch an Pestalozzi,

Dunant, Gotthelf. Looslis einflussreiche

Widersacher sind

längst vergessen. Sein schöpferischer

Unruhegeist wirkt

weiter – und ist gerade heute

notwendiger denn je.»

(Alfred Häsler, Publizist, 1997)

■ Momentan wird in der Schweiz die Zeit der

Verdingkinder hervorgeholt und – hoffentlich –

aufgearbeitet. Im Käfi gturm in Bern ist dazu eine

Ausstellung eingerichtet worden, in der auf einen

Verdingbuben hingewiesen wird, der trotz schlechter

Startbedingungen «Karriere gemacht hat», wie

man heute sagen würde. Carl Albert Loosli. Geboren

wurde er 1877 in Schüpfen. Als uneheliches

Kind kam er zu einer Pfl egemutter. 1889 kurz vor

ihrem Tod hat diese ihn im Erziehungsheim Grandchamp

bei Neuchâtel untergebracht. Später, nach

diversen Lehrabbrüchen, folgten zwei Aufenthalte

in der Zwangserziehungsanstalt Trachselwald

und in den Jahren 1898 und 1899 verschiedene

Aufenthalte in Paris. Das war zur Zeit der «Affaire

Dreyfuss», die ihn nachhaltig prägen sollte. Nach

seiner Rückkehr in die Schweiz begann Loosli als

Gerichtsberichterstatter für die «Weltchronik» zu

schreiben. Dies war der Grundstein für seine publizistische

Tätigkeit, die sich durch sein ganzes Leben

hindurch ziehen sollte. Was sich dabei änderte,

waren die Art der Publikationen und deren Themen

und Inhalte. Er schrieb später für die «Tagwacht»,

«Berner Bote», für «Schweizer-Kunst», er verfasste

Publikationen zu Themen aus Kunst, Kultur und

Kulturschaffen in der Schweiz, er schrieb Prosa,

Gedichte, auch Satire und diverse Streitschriften –

am bekanntesten von seinen Werken ist wohl heute

noch der Gedichtband «Mys Ämmitaw». Dazu

kam in der Zeit von 1921 bis 1924 eine vierbändige

Biografi e über seinen Freund, den Künstler Ferdinand

Hodler.

1924 erst veröffentlichte er mit «Anstaltsleben»

seine «Betrachtungen und Gedanken eines

ehemaligen Anstaltszöglings». Offensichtlich trug

ihm diese Veröffentlichung Kritik ein, denn im folgenden

Jahr sah er sich veranlasst, zu schreiben:

«Ich schweige nicht! Erwiderung an Freunde und

Gegner auf ihre Äusserungen zu ‹Anstaltsleben›».

Zeit seines Lebens setzte sich Loosli als Lobbyist

für die Jugend ein. Zeit seines Lebens kämpfte er

gegen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung und forderte

die Abschaffung der Erziehungsanstalten

und ein besseres Jugendstrafrecht. Seinem radikalen

Denken und entschlossenen Handeln war es

zu verdanken, dass er auch etwas erreichte.

Aber nicht nur die Jugend war Loosli, als selber

Betroffenem, ein Anliegen. Ebenso vehement

setzte der sich gegen die Judenfeindlichkeit in

40

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


der Schweiz in den Jahren 1927 bis 1930 mit zwei

Streitschriften zur Wehr. Und auch mit diesem Engagement

schaffte er sich nicht nur Freunde. Im

Gegenteil. Auch von intellektueller Seite kam keine

Unterstützung. Doch Loosli blieb dabei, ihm ging

es um die Freiheit des Menschen, um Demokratie

und Menschlichkeit. Denn, so seine Befürchtung,

würde sich der Antisemitismus durchsetzen, wären

alle Minderheiten in Gefahr. Und zu einer Minderheit

gehörte er selber. Er war als Verdingbub

ein Ausgegrenzter, als Publizist ein Autodidakt, mit

seinem Kampf und seinen Ansichten ein Unbequemer,

ein Aussenseiter, jenseits des Mainstream.

Doch nicht nur Jugend und Juden waren seine

Themen. Wichtigste Anliegen waren für Carl

Albert Loosli am Anfang des 20. Jahrhunderts

die Erneuerung der Schweizer Kultur und mehr

Anerkennung für die Kunstschaffenden. Er setzte

sich ein, wo er Missstände und Ungerechtigkeiten

ortete und griff damit auch in die Kulturpolitik ein.

Er kämpfte für die Rechte seiner Künstlerfreunde

– unter ihnen die Maler Ferdinand Hodler, Max Buri,

Emil Cardinaux, Rodo von Niedernhäusern, Albert

Trachsel. Als Zentralsekretär der Gesellschaft

Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten

GSMBA vertrat er ihre Interessen auf Bundesebene.

Und als Mitbegründer und bis 1930 Präsident

des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins SSV

beschäftigte ihn die Frage, wie sich die ewige materielle

Not der Kulturschaffenden verbessern liesse.

Seine Antwort: Durch die Stärkung der Kulturorganisationen.

Ein Thema, das bis heute nichts an

Aktualität verloren hat.

«Ich brauche nichts umzulügen,

nichts zu verbergen

– ich darf alles, die volle Wahrheit

sagen, weil ich nichts zu

verlieren, folglich auch nichts

zu fürchten habe.»

(Carl Albert Loosli)

Loosli verstand sich als politischer Autor und als

Berufsschriftsteller. Die meisten anderen Schriftsteller

seiner Zeit gingen einem Broterwerb nach

und schrieben nebenher. Obwohl Loosli für da-

malige Verhältnisse mit fortschrittlichen Mitteln

arbeitete – er benützte schon früh eine moderne

Schreibmaschine und fremde Recherchedienste –,

hatte er mit fi nanziellen Nöten zu kämpfen. Ohne

seine Frau Ida, die er 1903 geheiratet und mit der

er fünf Kinder hatte, wäre er kaum über die Runden

gekommen. Sie war es, die einen Gemüse- und

Beerengarten zur Selbstversorgung pfl egte. Und

weil die Familie Loosli immer offen für die Nöte

anderer war, erhielt sie in ihrem Wohnort Bümpliz

auch immer Unterstützung. Carl Albert Loosli verkehrte

in den Wirtschaften von Bümpliz, der Apotheker

half ihm, Gemälde seiner Künstler-Freunde

zu verkaufen. Er war im Dorf verankert und zugleich

weltoffen und mit den grossen Fragen seiner

Zeit beschäftigt. Als Multitalent, als äusserst vielseitig

begabter und engagierter Mann, als Intellektueller,

der er auch war, ist er schwer fassbar. Heute,

fünfzig Jahre nach Carl Albert Looslis Tod, liegt

die 7-bändige Ausgabe seiner Werke vollständig

vor (Hrsg. Fredi Lerch und Erwin Marti, Carl Albert

Loosli Werkausgabe in 7 Bänden, Rotpunktverlag).

Einen anderen Zugang zu Loosli eröffnet die

3-bändige Biogragfi e von Erwin Marti. Und last but

not least: Die Carl-Albert-Loosli-Gesellschaft hat in

Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Literaturarchiv

der Schweizerischen Nationalbibliothek

eine Ausstellung realisiert (Realisation: palama3),

die noch bis zum 30. August 2009 geöffnet ist und

von zahlreichen Rahmenveranstaltungen begleitet

wird: «Ich schweige nicht! Carl Albert Loosli 1877 –

1959, Schriftsteller.» Diese Ausstellung gibt einen

Überblick über Leben und Werk von Carl Albert

Loosli und über die Zeit, in der er gelebt hat.

«Loosli ist aktuell... Weil er nicht schweigt. Weil Zivilcourage

gefragt ist. Weil er sich differenziert mit

rechtlichen Fragen auseinandersetzt. Weil er mit

seinen Mitmenschen stets respektvollen Umgang

pfl egt, unabhängig von Geschlecht, sozialer Klasse,

Glaubensichtung oder Ethnie. Weil seine spitze

Feder und seine scharfsinnige Kritik uns nicht kalt

lassen.» (Natalia Schmuki, Fürsprecherin und Notarin,

2009)

www.nb.admin.ch/ausstellungen

www.carl-albert-loosli.ch

www.palma3.ch

Kultur & Gesellschaft

SENIOREN IM WEB

Von Willy Vogelsang, Senior

■ Machen Sie gerne neue Bekanntschaften?

Oder fl iegen Sie gerne mit noch unbekannten

Reiseteilnehmern an interessante Orte aus? Dann

lade ich Sie ein!

Ausfl iegen ist zwar nicht wörtlich zu verstehen.

Es kann ja auch eine Wanderung sein, oder eine

Besichtigung, oder der Besuch einer Ausstellung.

Vor einigen Tagen habe ich einen solchen Ausfl ug

mit einer Gruppe von zwanzig Senioren erlebt, die

sich auf Einladung der Berner über Seniorweb gemeldet

haben. Die etwa einstündige Wanderung

durch die enge Aareschlucht wurde zu einem eindrücklichen

Erlebnis. Auf dem Picknick-Platz beim

Ostausgang verpfl egte sich die vergnügte Schar

mit Würstchen vom Feuer und mitgebrachter

Tranksame.

Die Meiringen-Innertkirchen-Bahn brachte uns

anschliessend zur KWO-Zentrale, wo uns in einer

Führung die Verwandlung von Wasserkraft in

elektrische Energie hörbar und erlebbar präsentiert

wurde. Sie können die Erlebnisse nachlesen

in einem Bildbericht, der im Forum «Reisen» auf

Seniorweb.ch aufgeschaltet ist.

Es war ein zufriedener Tag mit vielen Kontakten

und Gesprächen. Teils unbekannte Leute

begegneten sich dabei von Basel, Bern, der Innerschweiz

und sogar aus der Ostschweiz. Einige

kennen sich von gelegentlichen Beiträgen und

Diskussionen in den Foren. Dann gibt es jeweils ein

herzliches Entdecken der realen Personen, die oft

hinter einem Nicknamen im Web auftreten.

Die Initiative für solche Begegnungen erfolgt

von den verschiedenen regionalen Gruppen in der

ganzen Schweiz. Seniorweb.ch bietet ihnen die

Plattform, ihre Ideen bekannt zu machen und einzuladen.

Im Monat Juni sind Events geplant, die

mich alle reizen, dabei zu sein!

Die Basler erklettern den 250 Meter hohen

Chrischona-Sendeturm am 10. Juni. Der Aargauer

Rüeblistamm lädt ein zu einer kleinen Wanderung

an der Reuss ab Künten (18. Juni). Der Züriseehöck

besucht den Flughafen UNIC; eine einmalige

Gelegenheit, eine geführte Tour hinter die Kulissen

und an die Startpisten dieses Tors zur Welt zu

erleben (27. Juli, bis 25. Juni anmelden!).

Die Zentralschweizer entführen uns ins Melchtal,

mitten in die Alpenfl ora mit Heilkräutern (21.

Juni ab Luzern). Nicht zu vergessen ist die Gruppe

der Macianer, die sich regelmässig im Raum Bern

zu Workshops und Übungsnachmittagen zusammenfi

ndet.

Alle diese Angebote fi nden Sie auf der Startseite

des seniorweb.ch in der linken Spalte unter

Club Seniorweb > Gruppen.

Falls es Sie auch juckt, dabei zu sein, schauen

Sie herein! www.seniorweb.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 41


Kultur & Gesellschaft

■ Multimediale Kunst unter freiem Himmel vorzufi

nden mag überraschen. Besonders erstaunlich

ist es, wenn der Schauplatz eine Stadt ist, die man

zuletzt mit Gegenwartskunst in Verbindung bringt.

Dass in Florenz Zeitgenössisches neben dem historisch

überlieferten Kulturreichtum durchaus

Bestand hat, versucht das Centro di Cultura Contemporanea

Strozzina mit seiner Tätigkeit zu beweisen.

Parallel zu den wechselnden Ausstellungen

im Untergeschoss des Palazzo Strozzi werden

internationale Künstler damit betraut, im Innenhof

des Renaissancebaus eine Installation zu realisieren.

Zurzeit lockt der in Zürich lebende Künstler

Yves Netzhammer mit «Inventories of Abstraction»

den Besucher auf Erkundungstour.

Von der Strasse her ist die Installation nur mit

einem Blick durch die geöffneten Palazzo-Tore zu

erhaschen. Die wuchtigen Aussenmauern und der

blickgeschützte Hof verraten, dass in der Architektur

ein völlig anderes Konzept festgehalten ist, als

es die Fondazione Palazzo Strozzi verfolgt. Statt

auf ein Stück abgeschiedene Privatsphäre zu bestehen,

wie sie das aufgestiegene Bürgertum in

der Renaissance geschaffen hat, laden auf drei

Gebäudeseiten geöffnete Tore die Passanten ein,

das Baudenkmal zu betreten. Mit einem experimentellen

Konzept, das historische und zeitgenössische

Ausstellungen ebenso umfasst wie ein Café

und einen Bookshop, versucht sich die Fondazione

Palazzo Strozzi nicht nur von den etablierten Institutionen

in Florenz abzuheben, sondern möchte

auch ein möglichst vielschichtiges Publikum ansprechen.

Die Menschenmenge, die sich im historischen

Stadtgebiet aufhält und bewegt, stösst im Innenhof

des Palazzos auf Netzhammers im Profi l ausgesägte

Rehherde. Wer sich zwischen den schwarzen,

42

Bild: Yves Netzhammer (rechts) Bernd Schurer, Sound, (links) im Innenhof des Palazzo Strozzi Foto: Sonja Gasser

AUSSTELLUNG

animationskunst und renaissance-architektur

Von Sonja Gasser - Eine Installation von Yves Netzhammer im Palazzo Strozzi in Florenz

durch Latten verbundenen Körperhälften bewegt,

begeht die Pfade eines Labyrinths. Auf den Wegen

sind sonderbare Objektzusammenstellungen

anzutreffen, die aus eigenartigen Verbindungen

von Tieren mit Gegenständen aus der Zivilisation

hervorgehen. Nicht weniger skurril sind die Computeranimationen,

die geschützt im Innern von

Holzgehäusen gezeigt werden. Lautsprecher, die

an den Säulen um den 14,5 auf 7,5 Meter grossen

Innenhof befestigt sind, beschallen die Szenerie

mit bizarren Klängen.

Ausgangslage für das auf den Palazzo abgestimmte

Konzept der Installation ist Netzhammers

Beschäftigung mit dem geschichtsträchtigen Ort.

In der Renaissance wurden die aus Naturbeobachtungen

gewonnenen Erkenntnisse, gegenüber dem

in mittelalterlichem Glauben vorherrschenden angenommenen

Wissen, bedeutend. Das Ablösen der

Religion durch die Wissenschaft führte von einem

auf das Jenseits ausgerichteten zu einem auf das

Diesseits bezogenen Leben. Gesellschaftlich gesehen

bewirkte das neue Selbstbewusstsein des Individuums

einen kulturellen Aufbruch und machte

neue Bauaufgaben, auch zur privaten Repräsentation,

möglich. In diesem Sinn ist der Palazzo ein

zu Stein gewordenes, Generationen überdauerndes

Zeugnis der damaligen Weltanschauung. Das

Bauwerk dient nun als Kulisse für eine Installation,

in der es erneut um eine Auseinandersetzung der

Zivilisation mit der Natur geht.

Zahlreiche Motive wie Tiere, Spiegel, Wasser,

rote Kugeln, Pfeile oder Möbel, die sowohl als Objekte

Bestandteil der Installation sind, als auch in

den Animationen wieder aufgenommen werden,

bilden den Ausgangspunkt für assoziative Verbindungen.

Erkundet in der realen Welt der Installationsbesucher

die vom Künstler gestaltete Umge-

bung, ist es in der virtuellen Welt ein animiertes

Figürchen, das Erfahrungen mit seiner Umwelt

macht. Dieser geschlechtslose Niemand, der ständig

neue Rollen und Funktionen einnimmt, prägt

Netzhammers gesamtes Kunstschaffen. Wie in der

Installation für die Biennale in Venedig 2007 und

in anderen Werken ist der Prototyp, wie er seine Figur

nennt, immer wieder surrealen Transformationen

und Ortsversetzungen ausgeliefert. Brüche in

der Narration und das Spiel mit dem Einlösen und

Nichteinlösen von Erwartungen machen deutlich,

dass die Bedingungen in den Animationen eigenen

Regeln folgen, die von den Gesetzmässigkeiten der

Welt, wie wir sie kennen, abweichen. «Ein Spiegel

hat», wie Netzhammer sagt, «nicht mehr die Funktion,

dass man sich selbst darin erkennt, sondern

er nimmt neue Eigenschaften an».

Objekte werden beispielsweise nicht mehr auf

der Spiegeloberfl äche festgehalten, sondern vom

Spiegel absorbiert. In einem sackartigen Auswuchs

zeichnen sich die Umrisse verschiedener Gegenstände

ab. Was einerseits virtuell in einer Computeranimation

dargestellt wird, ist andererseits als

real gewordenes, dreidimensionales Objekt in der

Installation wiederzufi nden. In neuen Kontexten

erscheinende Gegenstände aus der Alltagswelt

erwirken einerseits eine Verfremdung, sorgen

andererseits zusammen mit den wiederkehrenden

Themen Leben, Sexualität und Liebe dafür,

dass der Betrachter immer wieder auf sich selbst

zurückgeworfen wird. In der Installation geht der

reale Raum mit dem virtuellen Raum zahlreiche

Wechselbeziehungen ein und mittendrin in diesem

Gestrick von Vernetzungen befi ndet sich der Besucher.

Die Installation bleibt noch bis zum 12. Juli frei

zugänglich.

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09


BERN UND REGION

herr der metalle

Von Bettina Hersberger Bild: zVg.

■ Station Worb Dorf: Schon von Weitem ist sie zu

erkennen, die grün-gelbe Metallpalme aus einer

ausgedienten Strassenlaterne. Die Industriedächer

überragend, glänzt sie in der gleissenden Mai-Sonne

als Wegweiserin zu einem Garten der besonderen

Art: Dem Metallgarten des Künstlers Roger

Bertsch alias «Eisenbezogen».

Alles begann mit dem Schild «Schrott-Renovationen».

Was bis 1992 noch die Produktionshalle

der Verzinkerei Worb war, ist seither der Schaffensraum

von Roger Bertsch. Metallkünstler oder Eisenplastiker

wird er genannt, er selbst bezeichnet

sich als «Eisenbezogen». Bertsch macht sich nicht

viel aus dem Wort «Kunst» und seiner Defi nition.

«Kunst ist für mich, wenn eine alleinerziehende

Mutter ihre Kinder so grosszieht, dass diese mit 18

in die Gesellschaft entlassen werden können», sagt

er. Auch sonst ist er weniger ein Mann der grossen

Worte, vielmehr ein Mann der grossen Taten, ein

Macher eben; bodenständig, ausgeglichen, ein

Naturbursche, der auch mal auf dem Traktor sitzt.

Eigentlich wollte er Bauer werden, damals, aber es

ist anders gekommen. Ein Musikstudium am Berner

Konservatorium aus Leidenschaft und eine Schlosserlehre

aus Vernunft haben ihm den Weg für sein

zukünftiges Schaffen geebnet. Bertsch weiss, was

er will. Und er macht, was er will. Er packt seine

Vorhaben couragiert an, sucht – und fi ndet – Wege,

seine Visionen umzusetzen. Das macht ihn aus.

Anfangs hat er nicht nur in der alten Verzinkerei

gearbeitet, sondern auch gewohnt. Die fi nanzielle

Belastung einer zusätzlichen Wohnung hät-

te seinen Rahmen gesprengt. Was wäre, wenn er

nochmals zurück, nochmals von vorne beginnen

könnte? «Wahrscheinlich würde ich es wieder so

machen, wie ich es gemacht habe. Vielleicht würde

ich aber auch Antiquitätenhändler werden.»

So vielseitig wie der 47-jährige Künstler selbst ist

auch sein Raum. Wenn Bertsch sich in die Rolle

des Gastgebers begibt für geschlossene Gesellschaften,

dann verwandelt sich der Metallgarten

in ein Kulinarium. Gläser und Besteck glänzen auf

weissen Tischtüchern, Kerzenfl ammen lodern, imposante

Blumenbouquets, ein buntes Buffet voller

Köstlichkeiten und der musikalische Beitrag sind

ein Schmaus für alle Sinne. Am Tag danach zeugen

nur noch ein Wäschezuber mit frisch gewaschenen

weissen Tischtüchern, ein blank geputzter Tresen

und die Blumenbouquets vom feierlichen Anlass.

Der Metallgarten ist wieder ganz der alte.

Wüsste man nicht, dass in dieser alten Fabrikhalle

aus glühenden Eisen neue Skulpturen geschmiedet

und alte Skulpturen restauriert werden,

so würde man glatt denken, man befi nde sich in

einem Antiquariat. Roger Bertsch liebt alte Kunstobjekte,

Sammlerstücke, Überbleibsel aus einer anderen

Zeit. Ein altes Jugendstil-Eisentor, reich verziert

mit Ranken und Rosetten - gerettet aus einem

Vorratskeller hinter allerlei Eingemachtem - nennt

er seinen «Spickzettel». Da steht auch ein Opel von

vorgestern, knallorange, auf Hochglanz poliert. Ein

Fernseher, ein Motorrad aus derselben Ära. Regale,

übervoll mit allerlei Abgewracktem und Aufgemöbeltem.

In einer Ecke die Esse, in der Bertsch die

Kultur & Gesellschaft

Eisen zum Glühen bringt. Er haut aber nicht nur gekonnt

aufs Eisen, sondern auch auf die Pauke. Auf

einem Podest – der Bühne – steht sein Schlagzeug,

fl ankiert von einer roten und einer silbernen Rakete.

Kunstwerke aus des Künstlers Hand, um die sich

Buck Rogers mit Flash Gordon streiten würde.

Ein Alchimist scheint er zu sein, Roger Bertsch

alias Eisenbezogen, wie er alte, verrostete Mistgabeln

in eine zierliche Libelle verwandelt oder aus

Schrott den Tantalos-Brunnen schmiedet: Ein spiralförmiges

Eisenwerk, gekrönt von fünf Händen,

jede von ihnen eine Schale haltend. Die Hände stehen

als Symbole für die fünf Kontinente. Und alle

dürsten sie nach Wasser, kommen aber nicht nahe

genug heran.

Tradition im Metallgarten sind die öffentlichen

Silvester-Feten. Das alte Jahr wird musikalischkulinarisch

verabschiedet und das neue klingend

begrüsst. Legendär sind die Kerzennächte, in denen

der Metallgarten zu einem Lichtergarten wird.

Dann brennen 200 Kerzen auf kunstvoll geschmiedeten

Eisenständern.

Ein letzter Blick hoch zur Palme mit ihren rostfarbenen

Kokosnüssen, die Abendsonne blendet

noch. Ein warmer Mai-Tag geht zu Ende, ein Vorbote

des Sommers. Aber auch der nächste Sommer

geht vorüber und ihm folgen wieder düstere, kühle

Herbsttage. Dann ist es höchste Zeit für die nächste

Kerzennacht im Metallgarten von Roger Bertsch

alias Eisenbezogen.

Info: www.eisenbezogen.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 78 | Juni/Juli 09 43


Kultur & Gesellschaft

SCHÜLER FOTOGRAFIEREN

wo fotografi e und sprache

zusammentreffen

Von Anita Di Domenico, Fotografi n Bild: zVg.

■ Die Idee, ein Fotoprojekt mit Schulkindern zu realisieren,

ist eher zufällig entstanden. Die vielen Elektrozählrahmen

– ein Recyclingprodukt aus Holz –, die

ich seit gut acht Jahren bei mir im Studio habe, und

die aus renovierten Altbauten der Berner Längasse

stammen, wollte ich schon immer für eine Präsentation

einsetzen. Dank der fi nanziellen Unterstützung

verschiedener Unternehmen war es mir nun möglich,

ein kreatives Fotoprojekt zu erarbeiten, für das diese

Holzrahmen wie geschaffen sind. Die Fotografi nnen

und Fotografen dafür waren bald gefunden. Frau

Maya Stadler, Klassenlehrerin der Klasse 4d Geisshubel,

Zollikofen, begeisterte sich für die Idee, mit ihrer

Klasse und mir ein Gemeinschaftswerk zu erarbeiten.

Fotografi eren wie die Profi s Im Klassenzimmer

standen zwei Kameras auf Stativen bereit sowie ein

schwarzer und ein weisser Hintergrund. Die Klassenlehrerin

hatte die Kinder zuvor angeregt, sich mit Zeitzeugen

aus ihrem Schulalltag auseinanderzusetzen.

Der Auftrag lautete, in die Zeit zu reisen, und einen

Gegenstand aus ihrem Schulalltag mitzunehmen. Die

Kinder wussten nicht, ob sie die Zeitreise in die Vergangenheit

oder in die nahe Zukunft bringen würde.

Doch sie sollten den Menschen, die sie in dieser «neuen

Welt» antreffen würden, ihren Gegenstand zeigen

und näher bringen – festgehalten auf einem Foto.

Die verschiedenen Schulobjekte wurden von den

Kindern dafür arrangiert und ins richtige Licht gerückt.

Die «geübten Fotografi nnen und Fotografen»

unter ihnen konnten bereits vor der Aufnahme das

Bildfeld der Kamera mitberücksichtigen. Denn das

Format des Bilderrahmens entspricht in keiner Weise

dem Bildfeld der Digital SLR Camera. Das war schon

ein bisschen kniffl ig. Ich stand den Kindern deshalb

unterstützend zur Seite und konnte mein Wissen und

meine Erfahrung als langjährige Fotografi n einsetzen.

Aus ihren Fotografi en durften die Kinder ihr Lieb-

44

lingsbild wählen und zur Besprechung in den Unterricht

mitbringen. Die Kinder, die Lehrerin und ich

hatten anregende und aufschlussreiche Gespräche

über die Bildwahl und die Gründe dafür. Für mich als

Fotografi n begann damit der künstlerische Teil, die

Bildbearbeitung.

Sprachliche Auseinandersetzung Fotografi eren

ist nicht nur knipsen. Wie und was fotografi ere ich,

und warum fotografi ere ich gerade dieses Motiv?

Auch die Kinder von «schüler fotografi eren» mussten

sich diese Fragen stellen und ihre Bilder refl ektieren.

Der mittels Fotografi e festgehaltene Gegenstand ist

der Rohstoff, das Ausgangsprodukt. Was wir damit

erschaffen und wie wir das Bild präsentieren und interpretieren,

ist das Produkt.

Auf diese Weise mussten auch die Kinder an ihre

Fotografi en herantreten und sich mit ihnen auseinandersetzen.

Nicht nur gestalterisch, sondern auch

sprachlich. Erklären, wie sie das Projekt erlebt haben,

was ihnen gerade an diesem Bild gefällt, warum sie

diesen Gegenstand aus ihrem Schulalltag gewählt haben:

Fotografi e und Sprache treffen zusammen.

Die Kinder schreiben auch Gedichte zu ihren Fotografi

en. Die Gedichte werden «Elfchen» genannt, weil

sie nur aus elf Wörtern bestehen dürfen. Elf Wörter

auf fünf Zeilen: erste Zeile ein Wort, zweite Zeile zwei,

dritte Zeile drei, vierte Zeile vier Wörter, fünfte Zeile

ein Wort. Alle Kinder haben versucht, ihr Bild in einem

«Elfchen» zu beschreiben und zu erklären. Es ist ein

wahrer Genuss, all diese Gedichte zu lesen.

Die Ausstellung kann bis Ende August in der Treppenhausgalerie

der Gemeindeverwaltung Zollikofen während

den Schalteröffnungszeiten (www.Zollikofen.ch)

betrachtet werden.

Kontakt: Anita Di Domenico, Zollikofen

Info: www.kunst-im-netz.ch

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