SPECIAL - Audiocation Audio Akademie

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SPECIAL - Audiocation Audio Akademie

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NEUE

AUSGABE!

Leserfeature:

IHR STUDIO

IM HEFT

RECORDING / PRODUCING / ENGINEERING

06/09

RECORDING BASICS SONGWRITING

Akustikgitarre richtig Aufnehmen Vom Diktiergerät zum Song

MONITORING

SPECIAL

RECORDING �

HARDWARE �

SOFTWARE �

WORKSHOPS �

INTERVIEWS �

TONSTUDIOS �

& VIELES MEHR �

Alesis iMultiMix 16 Studioclassics: U 87 Leserstudio im Heft

www.music-und-pc.de


PRO

DAS RENAISS

Kein Türschild, keine Werbeflächen, selbst ein Namensschild und einen

Briefkasten sucht man vergebens. Dies alles braucht es auch nicht, um ein

Studio bekannt und erfolgreich zu machen. Der unverwechselbare Sound

des Ton-Ingenieurs Thorsten Rentsch ist Werbung genug und wer schon

einmal in den Genuss einer „Art Of Infinity“-CD gekommen ist, weiß,

wovon die Rede ist.

Interview: Helge Beckmann, Manuel Schlindwein Fotos: Harald Fleissner, Patrik Sneyd

Wir wollten wissen, wer hinter diesem Sound

steckt, und haben uns auf den Weg zu seinem

Studio gemacht. Nach einer herzlichen Be-

grüßung und mit dem obligatorischen Studio-

Kaffee bewaffnet, nehmen wir vor den mehreren Metern der

SSL-4000 Konsole Platz und werden unmerklich in die ent-

spannte Atmosphäre dieses Studios hinein gesogen.

MPC: Du arbeitest seit langer Zeit als Toningenieur für große

Bands und Künstler, wie hast Du angefangen?

THORSTEN RENTSCH: Das Ganze ging mit der Band meines Bru-

ders los. Wir teilten in deren Proberaum eine ca. fünf Quadrat-

meter große Kammer ab, stellten meine Viertelzoll 4-Spur Teac

Bandmaschine rein, ein Dynacord 16 Kanal Mischpult, Federhall,

Echo und fertig war das „Recordingstudio“. Die folgenden Demo-

tapes der Band klangen nach eigener Aussage besser als alles, was

sie je zuvor aufnahmen.

So schrieb ich das alleinig meinem Talent zu und war extrem

motiviert in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Heute weiß ich,

die Band fühlte sich einfach in dieser Umgebung sehr wohl. Da-

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durch musizierten sie einfach wesentlich besser und produzierten

einen sehr klaren Sound, der dann eigentlich recht einfach einzu-

fangen war.

Das „Einfangen“ von Musik schien mir gut zu gelingen, denn

bald kamen zahlreiche Demoproduktionen mit unterschiedlich-

sten Bands dazu. Deshalb war ich bald in der Lage, eigene Räum-

lichkeiten anzumieten und zusammen mit Jürgen Lusky, der ein

hervorragender Toningenieur ist, ein „8-Spur Halbzoll Studio“ na-

mens Musikuss Studio zu eröffnen. Recht schnell avancierten wir

in Frankfurt am Main zum Szenestudio und expandierten mit

einer 16-Spur Einzoll Bandmaschine. Als wir dann ein Angebot

bekamen, große Studioräumlichkeiten zu übernehmen, hätten

wir uns verschulden müssen, um eine ebenbürtige Technik dort

hineinzustellen. Ich bekam Angst vor den Kosten und wir lösten

das Studio auf.

Danach entschied ich mich nach Köln zu gehen, um dort

mein Glück als „Freelance Engineer“ zu probieren, was mir dann

auch gelang: Ich bekam nach zweimonatiger nächtlicher Einar-

beitungszeit meinen ersten Job im Soundstudio N, den heutigen

301 Studios.


MPC: Du hast neben Deiner Studioarbeit ein eigenes Ambient

Projekt, „Art Of Infinity“, erzähl uns doch etwas darüber. Wie ist es

entstanden, was macht es so besonders, worauf legst Du Wert?

TR: „Art Of Infinity“ ist ein Studioprojekt, das ich zusammen mit

Thorsten Sudler-Mainz habe. Wir fuhren 1996 mit einem Recor-

dingstudio und einigen Instrumenten im Gepäck nach Holland

und mieteten uns dort für ein paar Tage in einem Ferienhaus ein.

Das war die Geburtsstunde für „Art Of Infinity“. Zurück kamen

wir mit einem fast neunminütigen, sehr atmosphärisch klingen-

dem Basictrack, den wir dann mit den fantastischen Keyboard-

sounds von Matthias Krauss anreicherten, was dann zu unserer

späteren Rezeptur wurde. Thorsten und ich sind in der Lage, ein-

zigartige Atmosphären und Arrangements zu erschaffen, die wir

dann mit der Performance von absolut virtuosen Musikern zu

einem Gesamtklang verbinden. Wichtig für „Art Of Infinity“ ist

auch die sehr bereichernde Zusammenarbeit mit unserer Gast-

sängerin Eva Wolf, die auf allen drei bisherigen Alben großartige

Chöre eingesungen hat.

Für unsere Gastmusiker ist das auch immer eine tolle Sache,

da wir ihnen meistens nicht vorgeben, was sie spielen sollen, son-

dern sie sollen ihre Persönlichkeit und ihre Empfindung für den

Song zum Ausdruck bringen. Später hören Thorsten und ich die

Aufnahmen gemeinsam an und entscheiden, welche Passagen wir

behalten möchten und welche nicht.

Damit wären wir auch schon an dem Punkt, auf welche Punkte

ich besonders viel Wert lege: Mir ist es einfach wichtig, dass un-

sere Musik einzigartig ist, also nicht klingt wie andere aus unse-

rem Genre, dass auf unseren CDs toll musiziert wird und dass

das Ganze noch einen schönen dreidimensionalen Klang hat,

dem meine Experimentierfreudigkeit anzuhören ist.

Dass uns das gut zu gelingen scheint, zeigt auch unser Plat-

tenvertrag, den wir bei BSC Music/Prudence, dem renommierte-

sten deutschen Label im Bereich der Ambient/Chillout Musik,

unterzeichnet haben. Dies und die hervorragenden Pressestim-

men zu unseren Alben, die immer wieder auf die Einzigartigkeit

von „Art Of Infinity“ hinweisen, haben uns zum Vorzeigeprojekt

des „Ambient der neuen Schule“ gemacht.

Bisher haben wir drei Konzeptalben veröffentlicht, die zu-

sammengenommen eine Trilogie ergeben. In diesem Herbst kop-

peln wir aus unserem aktuellen Album „Endless Future“ den Titel

„The Flow Of Time“ als Download-Single aus. Wir haben aus die-

sem Titel eine Radio-Version erstellt, die durch BSC Music eine

umfangreiche Radiobemusterung erfährt. Vielleicht haben wir ja

etwas Glück und der eine oder andere Sender nimmt die neue

Single von „Art Of Infinity“ auf Rotation.

MPC: Du setzt ja bewusst viele analoge Geräte ein, was ist für

Dich der Hauptunterschied zwischen analoger und digitaler

Technik?

TR: Da wäre als erstes das analoge Mischpult zu erwähnen. Zu

meinen Markenzeichen gehört die Dreidimensionalität einer

Mischung. Klangtiefe ist nur durch eine analoge Summierung zu

Thorsten Rentsch

RENAISSANCE STUDIO

ANCE STUDIO

Infos

Credits: (Auszüge) Art Of Infinity, Tom Astor, Axxis, Backstreet Boys, Bap,

Brings, Bernhard Brink, Cabaret (Musical), Aaron Carter, Centory, Neneh

Cherry, Chester, Deep Imagination, Doro, Down Lo, Youssou’N Dour, Samantha

Fox, Gambler (Musical), Gaudi (Musical), Haddaway, Heino, Höhner,

Guildo Horn Joseph (Musical), Kelly Family, Heidi Klum, Major &

Suzan, Matalex, N’ Sync, Jalal Nuridin, Pur, Phantom der Oper (Musical),

Pro 7, Rea, uva.

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PRO

Produzent & Audio Engineer: Thorsten Rentsch

„Dir muss klar sein, dass Du mit Menschen

arbeitest und nicht mit Sequenzern.“

erreichen, dort liegt für mich der Hauptunterschied zwischen

analoger und digitaler Technik. Ansonsten bin ich einfach auf

meine analogen Geräte eingehört. Wenn ich zum Beispiel mit

einem analogen Equalizer arbeite, entspricht eine Höhenanhe-

bung meiner Vorstellung, was klanglich passieren sollte. Bei

einem digitalen EQ habe ich immer das Gefühl: Gleich habe ich

es, nur noch mit einem extra Frequenzband ein wenig mehr und

dann ist es super. Das endet oftmals in der Entscheidung, den EQ

einfach auszuschalten und die richtige Lautstärke für dieses In-

strument im Mix zu finden. Dadurch ist der Mix oftmals insge-

samt ein bisschen dumpf, was sich aber bei einem Mastering mit

einem gut klingenden Analog-Equalizer hervorragend ausglei-

chen lässt.

Schlicht gesagt, der Klang von digitalen Equalizern und

Kompressoren gefällt mir überhaupt nicht und es fällt mir

schwer, eine geeignete Einstellung zu finden, besonders in Ex-

trembereichen. Das hängt aber sicher auch mit meinen persön-

lichen Hörgewohnheiten zusammen. Es gibt einige Produktio-

nen, die ausschließlich im Rechner gemacht wurden und ein

ausgewogenes Frequenzbild mit schönen Höhen, satten Bässen

und eine knallige Kompression haben, aber niemals Klangtiefe

besitzen.

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Abschließend kann ich sagen, dass ich mit analoger Techno-

logie wesentlich schneller und besser auf den Punkt komme.

Dennoch schätze ich sehr die Funktionalität der digitalen Tech-

nologie, wie zum Beispiel Filter-, Hall- oder Echofahrten. Diese

bieten mir einen schier unerschöpflichen Pool an kreativen Tools.

MPC: War die Arbeit in einem Studio für Dich schon immer das

Ziel? TR: Ja!

MPC: 2006 hast Du das aktuelle Renaissance Studio konzipiert,

wie kam es dazu?

TR: Na ja, die Grundkonzeption entstand ja eigentlich 2001 zu-

sammen mit Klaus Major Heuser, der ein Studio bauen wollte

und dafür noch einen erfahrenen Toningenieur brauchte.

Während seiner Zeit mit BAP hatten wir schon drei Alben

zusammen gemacht und verstanden uns prächtig, somit war ich

wohl der richtige Mann für ihn. Da er aber das Studio in erster

Linie als Kompositions- und Produktionsstudio für sich nutzen

wollte und nicht als Mietstudio, fehlten Einnahmen, um das Stu-

dio wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben.

Somit entschloss er sich, mir das Studio zu verkaufen und

wieder ein Kompositionsstudio in seinem Haus einzurichten. Ich


Luftaufnahme der SSL 4000

habe dann den Aufnahmeraum mit Trennwänden ausgestattet,

um komplette Live-Aufnahmen machen zu können. Des Weite-

ren habe ich ein Protools-System mit Apogee-Wandlern ange-

schafft, damit ich kompatibel bin und dem internationalen Stu-

diostandard entspreche, was eine gute Entscheidung war.

MPC: Wie gehst Du an Mischungen heran, hast Du eine be-

stimmte Abfolge, welches Instrument Du wann in den Mix inte-

grierst?

TR:Als erstes erstelle ich immer einen Rough-Mix, den ich mir

dann solange anhöre, bis ich eine Idee habe, wie ich diesen Titel

darstellen möchte. Wenn die Idee erst einmal klar ist, habe ich

keine bestimmte Abfolge, ich entscheide dann spontan nach Lust

und Laune. Wichtig ist, dass ich nicht zu lange an einem Instru-

ment arbeite: Falls ich nicht gleich meine Soundidee umsetzen

kann, hole ich mir motivierende Erfolgserlebnisse bei einem an-

deren Instrument, bei dem mir die Umsetzung schneller gelingt.

Nachdem ich alle Instrumente eingestellt habe, ziehe ich aller

Fader wieder runter und erstelle die Lautstärken-Balance neu.

Bei dieser Methode kommt mir der Song wieder wie neu vor und

ich höre beim Wiederaufziehen sofort, ob ich mich bei einem In-

strument vertan habe, was meistens dann vorkommt, wenn ich

doch zu lange an einem Instrument gearbeitet habe. Das Ganze

wiederhole ich dann so oft, bis ich eine Balance gefunden habe, die

mir gefällt.

Das richtige Lautstärken-Verhältnis der Instrumente zueinan-

der ist das Wichtigste in einer Mischung. Wenn dieses für den je-

weiligen Mix stimmt, stellt man oft fest, dass es das ein oder an-

dere EQ'ing gar nicht braucht, was man zuvor in einer anderen

Balance noch ganz anders empfunden hat.

Für mich ist das Arbeitstempo entscheidend. Um Spontanei-

tät beim Mix beizubehalten, versuche ich nicht länger als drei bis

vier Stunden an einer normalen Rock 'n' Roll Mischung zu arbei-

ten. Wenn sich bei mir das Gefühl einstellt, jetzt kann ich es aber

bald nicht mehr hören, wird es Zeit, den Mix zu beenden und

abzuziehen. Falls mir das Ergebnis nicht gefällt, investiere ich

halt noch mal ein paar Stunden und erstelle einen neuen, schnel-

len, spontanen Mix.

Bei aufwändigeren Produktionen wie bei meiner Musik, die

definitiv nicht in drei Stunden zu mischen sind, mache ich oft

kleine Pausen. Ich höre dann andere Musik, um nicht den Bezug

zu verlieren. Bei langen Arbeiten kann es passieren, dass man sich

an sein Klangbild gewöhnt und gar nicht merkt, dass man sich

schon total verdreht hat.

RENAISSANCE STUDIO

„Im Studio geht nur eines schnell – das Essen“

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PRO

Drei Audio Engineer Generationen unter sich: Thorsten Rentsch, Helge Beckmann und Manuel Schlindwein

MPC: Gab es Situationen in denen Du als Engineer am liebsten

im Boden versunken wärst?

TR: Ja, aber da war ich eigentlich noch kein Toningenieur, viel-

mehr war das eher der Grund, warum ich Toningenieur wurde.

Es passierte gleich bei der ersten Session in meinem Leben. Wir

hatten mit der Band meines Bruders und einem erfahrenen

Toningenieur, der den Mikrofon-Aufbau machte und die Auf-

nahme durchführte, drei Songs an einem Nachmittag auf meine

4-Spur Bandmaschine aufgenommen. Diese sollte ich am Abend

zusammen mit der Band abmischen.

Ich dachte, das ist kein Problem und fand das super. Die Band

hatte komplett ihre Instrumente und Mikrofone abgebaut, der

Toningenieur war weg und ich ging mit geschwellter Brust an

meinen neuen Job. Als erste Tat löschte ich dann den ersten Song

zur Hälfte. Die darauf folgenden Blicke der Anwesenden zwan-

gen mich unweigerlich dazu, mir einen riesigen Krater in diesen

Boden zu wünschen, um unglaublich schnell darin verschwinden

zu können.

Letztendlich nahm es die Band mit Humor und sagte zu mir:

„Na, Du hast ja heute Mittag gesehen wie es geht, dann bau mal

deine Mikrofone auf, wir bauen unsere Instrumente auf und dann

nehmen wir den Song halt noch mal auf.“ Unsere Stimmung war

super, wir hatten einen Riesenspaß beim Aufbau und später bei

der Aufnahme auch. Der ganze Stress des Tages war abgefallen, es

konnte ja nicht noch mehr schief gehen und alle waren so losge-

löst, dass sie einfach befreit waren und sehr schön miteinander

musizierten. So entstand die beste Aufnahme, die sie bis dahin ge-

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macht hatten. Heute weiß ich, das war, wie bei den Sessions die

ich in England erlebt habe, der Spaßfaktor. Das losgelöste und be-

freite Musizieren ist einer der wichtigsten Faktoren, um eine gute

Produktion zu bekommen.

Als Toningenieur nehme ich mir das als Verantwortung, dass

das ganze Team sich wohlfühlt und jeder einzelne Musiker so viel

Aufmerksamkeit von mir erhält, damit er sich beim Spielen frei

fühlen und eine gute Performance abliefern kann.

MPC: Du hast doch sicherlich schon skurrile Situationen wäh-

rend Produktionen erlebt, kannst Du uns eine kleine Anekdote

erzählen?

TR: Die skurrilste Situation, neben Schlägereien zwischen Musi-

kern und sonstigen Exzessen, erlebte ich, als ich für einen italie-

nischen Songwriter ein Album mit hochkarätigen Musikern aus

England aufgenommen habe. Wir hatten für die gesamte Aufnah-

mesession nur fünf Tage Zeit, da der Produzent und Hauptmusi-

ker wieder nach England zurück musste. Das bedeutete täglich

18 bis 20 Stunden Sessions, bei denen wir nicht großartig Pause

machen konnten.

Als letztes Overdub hatten wir dann am letzten Tag um fünf

Uhr morgens noch eine Gitarre aufzunehmen, die den ganzen

Song über einen viertaktigen Loop spielte. Er spielte hervorra-

gend, die Trance-Wirkung, die wir damit erreichen wollten, war

voll gelungen. Als jedoch der Song zu Ende war und er immer

noch diesen Loop spielte, wunderten wir uns schon etwas. Ich

habe ihn dann über das Talkback angesprochen und er spielte


Feinstes Outboard-Equipment

immer noch, egal wie sehr ich meine Stimme erhob. Anschlie-

ßend ging ich in den Aufnahmeraum und habe ihn direkt ange-

sprochen, aber er spielte immer noch. Erst als ich ihm auf die

Schulter tippte, zuckte er völlig zusammen, legte die Gitarre und

Kopfhörer weg und warf sich auf die neben ihm liegende, weich

gepolsterte Flügelabdeckung und versank sofort in tiefen Schlaf.

MPC: Du hast in den letzten Jahren häufig in London gearbeitet,

was unterscheidet die englischen und deutschen Toningenieure

voneinander?

TR: Der große Unterschied ist wohl der Spaßfaktor: Bei jeder

Session, die ich in London erlebt habe, war die gesamte Crew

unglaublich gut drauf und der Spaß stand immer an erster Stelle,

egal wie hart gearbeitet wurde. Ich empfand die Sessions dort

immer wie eine Gesamt-Performance, bei der der Toningenieur

genauso agiert wie der Musiker. Er lässt sich von den Musikern

und dem Song inspirieren und liefert eine Sound-Performance, die

gleich aufgenommen wird. Man schaukelt sich so gemeinsam

hoch, der Musiker inspiriert den Toningenieur und umgekehrt

fühlt sich der Musiker durch einen geilen Sound dazu inspiriert,

eine großartige Performance abzuliefern. „Das machen wir später

beim Mix“ ist ein typisch deutsches Dogma, was dort praktisch

nicht existiert. Es wird quasi immer im fertigen Sound aufgenom-

men, was den Mix wesentlich vereinfacht, da sich der Toninge-

nieur hauptsächlich nur noch um die Räume, Lautstärkenverhält-

nisse und vielleicht um ein paar „Special Effects“ kümmern muss.

In Deutschland wird sogar davor gewarnt, bei der Aufnahme

heftige Kompressionseffekte, Verzerrungen oder starke Equalizer-

Effekte zu verwenden. Es wird dazu geraten, möglichst neutral

aufzunehmen und die Aufnahme erst hinterher zu bearbeiten,

um dadurch noch alle Optionen offen zu haben. Das bedeutet

für mich, dass ich niemals „Sound auf dem Band“ habe und beim

Mix noch alles erfinden muss und dann hoffentlich genau an die-

sem Tag genügend Kreativität besitze, die mir das auch ermög-

licht. Daher bevorzuge ich auf jeden Fall den „British Way“, aber

es muss jeder für sich selbst herausfinden, welchen Weg er weiter

verfolgen möchte.

RENAISSANCE STUDIO

„Das losgelöste und befreite Musizieren sind wichtigste

Faktoren, um eine gute Produktion zu bekommen.“

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PRO

Garantiert kein langweiliger Arbeitsplatz

MPC: Hat sich die Situation für Dich als Studiobetreiber in den

letzten Jahren stark verändert?

TR: Früher war die Technik in einem Studio sehr von Bedeutung.

Du konntest davon ausgehen, dass Du mit einer bestimmten

technischen Aufrüstung deinen Kundenstamm erhalten bezie-

hungsweise erweitern konntest. Dies ist heute nicht mehr der

Fall, wenn ich meine Outboard-Geräte erwähne, bekomme ich

oftmals als Antwort: „Ja, das kenne ich oder hab ich auch, als

Plug-In, ist doch eh das selbe, oder?“

Stimmt ja auch irgendwie, denn beides sind Werkzeuge, um

zum Ziel zu kommen. Ich muss heutzutage meine Erfahrung bei

der Aufnahme und meinen persönlichen dreidimensionalen

Sound im Mix nutzen, um den Kunden von der Wahl des Studios

zu überzeugen. Mit welchen Werkzeugen ich dabei arbeite, ist

dabei unerheblich, wobei es natürlich hilft, eine solch beeindruk-

kende viereinhalb Meter SSL Konsole stehen zu haben.

Leider sind die Budgets heutzutage nur noch so knapp, dass

meistens nur die Schlagzeugaufnahme und der Mix im großen

Studio gemacht werden. Da mein Studio für Gitarren-Aufnah-

men sehr gut geeignet ist, wird meine Erfahrung auf diesem Ge-

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biet auch noch oftmals benötigt. Alle anderen Aufnahmen wer-

den dann leider irgendwie zu Hause oder in kleinen Studios

gemacht. Eine Hammond B 3 mit Leslie kommt dann vom Rech-

ner, der Steinway Flügel aus der Sample Library und das Streich-

orchester in 24-Bit Auflösung aus dem Keyboard, was ja aus Bud-

„Klangtiefe ist nur durch eine analoge

Summierung zu erreichen.“

getgründen absolut Sinn macht. Zwischenzeitlich haben sich die

Hörgewohnheiten daran angepasst und kaum jemand mehr ver-

misst diese authentische Klangkultur.

Der Vorteil ist wiederum, dass man sich mit der Aufnahme

von echten Instrumenten absolut abgrenzen kann und einen her-

ausragenden Klang erzielt, was ich mir zu nutzen mache, wenn

ich eine Band oder einen Künstler in meinem Studio produziere.

MPC: Hast Du Lieblingsgeräte, die Du anderen Ingenieuren auf

jeden Fall empfehlen würdest?

TR: Na, das ist ein bisschen schwierig, da ich in erster Linie Ge-

räte bevorzuge, die einen sehr stark färbenden Klangcharakter be-

sitzen, was letztendlich sehr speziell ist und somit auch ge-

schmacksabhängig. Besonders hervorzuheben ist vielleicht der

Urei 1176 beziehungsweise 1178 Limiter, da er für mich der am


Der Aufnahmeraum

musikalischsten klingende Kompressor ist, den ich je gehört habe.

An modernen Kompressoren kann ich auf jeden Fall noch den

Distressor von Emperical Labs empfehlen, dieser klingt ebenfalls

sehr musikalisch. Ansonsten ist der Markt voll mit guten Geräten

und man muss einfach für sich die richtigen Werkzeuge finden,

das heißt: „Testen, testen, testen“.

MPC: Welche Tipps kannst Du Homerecordern für ihre Arbeit

geben?

TR: Macht euch beim Aufnehmen klar, dass ihr nicht Signale auf-

nehmen möchtet, sondern dass es darum geht, einen Musiker

während seiner Performance einzufangen und auf „Band“ zu

bannen. Gib ihm deine volle Aufmerksamkeit und den besten

Sound, den du zu bieten hast.

Dies wird seine Spielfreude absolut steigern und mit ein

wenig Glück bekommt ihr eine Aufnahme, die euch immer wie-

der ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Solche Aufnahmen

sind letztendlich wesentlich leichter zu mischen, als solche, die in

einem noch einmal die Erinnerung hervorrufen, wie man mit

dem Musiker Stunden oder auch schon mal Tage auf der Suche

nach Perfektion verbracht hat, dabei die Musik schon in Sub-Bars

zerlegt hat, eine stoische Sichtweise bekam, jeglichen Spaß an

der Sache verloren hat und glaubte, na ja beim Mix wird das

dann schon mit dem breiten Grinsen klappen.

Meistens kommt es aber leider nicht. Dir muss klar sein, dass

du mit Menschen arbeitest und nicht mit Sequenzern. Keyboard-

sounds kann ich einfach austauschen, wenn sie mir nicht gefallen,

ein Musiker klingt wie er einfach zu diesem Zeitpunkt klingt und

RENAISSANCE STUDIO

ich kann nicht innerhalb weniger Tage einen technisch wesent-

lich versierteren Musiker aus ihm machen. Aber ich kann ihn

dazu bringen, das Stück so zu spielen, dass es Spaß macht, es zu

hören. Ein Musiker, der seiner Geliebten ein Ständchen bringt, ist

mit vollem Herzen dabei. Das spürt sie und ist ergriffen von sei-

nem Spiel. Womit wir bei dem Punkt wären, was Musik immer

tun sollte: Menschen ergreifen.

Ansonsten achtet beim Mix darauf, dass ihr euch nicht in vie-

len verschiedenen Plug-Ins verliert. Es ist besser, einen EQ zu be-

nutzen, den man meisterhaft kennt, als bei jedem Mix immer

wieder neue auszuprobieren, die man gar nicht richtig kennt, und

man dann die Zeit mehr mit dem Testen von Geräten verbringt

anstatt zu mischen. Es ist wichtig, dass du deine Werkzeuge

kennst, damit du dein Hauptaugenmerk auf die Kreativität rich-

ten kannst. Entwickle den Sound in deinem Kopf! Alle Geräte,

die du benutzt, sind nur Mittel zum Zweck. Du wirst mit deinen

Geräten schon einen Weg finden, deine Vorstellungen umzuset-

zen. Je mehr Musik du hörst, umso größer wird dein „kreativer

Soundpool“ und es fällt dir immer leichter, neue Soundideen zu

kreieren. Falls der Zeitpunkt deiner zuletzt durchgehörten CD

länger als eine Woche her ist, finde ich das sehr lang.

Zum Abschluss kann ich nur noch sagen: „Niemals den Spaß

vergessen.“ �

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myspace.com/renaissancestudiocologne

art-of-infinity.com

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