*03 Brınnle - Hagia Chora Journal

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Unsere nomadischen Ahnen

lebten eingebunden in die

Zyklen der Natur. Wie ein

Kind im Mutterleib lebten sie

von dem, was die Erde ihnen

gab. Doch wie der Mensch in

seiner Entwicklung sich von

seiner Mutter abgrenzt, um

sich zu individualisieren, so

mußte sich die Menschheit in

ihrer Kollektiventwicklung

von „Mutter Natur“ abgren-

zen, um sich individualisieren

zu können. In diesem Prozeß

der Menschheit spielt noch

immer die Stadt die zentrale

Rolle. Stefan Brönnle betrach-

tet die Elemente von Stadt-

planungen aus geomantischer

Sicht.

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Die himmlische Stadt

Stefan Brönnle

Eine geomantische Sicht

auf die historische Entwicklung der Städte

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Irgendwann einmal – vermutlich zeitgleich mit der Entwicklung

von Ackerbau und Viehzucht – muß sich der Mensch

erschreckend bewußt geworden sein, daß er von der Natur

getrennt ist, daß er selbständig zu denken und zu handeln

befähigt ist und er – wenngleich mit ihr verwoben – der Erde

gegenübersteht. In dieser ersten Verlorenheit muß das Bedürfnis

nach einem neuen Bezugspunkt, einer Mitte, überwältigend gewesen

sein. Wie wichtig uns unsere Beziehung zu einer geistigen

Mitte ist, zeigen Wörter wie „Medi-zin“ oder „Medi-tation“. Die

geistige Mitte, der Mythos vom Omphalos (Nabel der Welt) war

geschaffen.

Um diese eigene neue Mitte jedoch leben zu können, bedurfte

es einer klaren Abgrenzung von der Natur. So schuf der Mensch

einen magischen Schutzkreis um sich und trennte so das Innen

vom Außen. Für den berühmten Religionswissenschaftler Mircea

Eliade haben so auch die ersten Wälle, Palisaden und „Stadtmauern“

zuallererst magische Funktion. Sie schützen die menschliche

Gemeinschaft vor der „wilden Natur“, mit den in ihr wirkenden

Geistern und Kräften. Aufbauend auf der neuen geistigen Mitte,

dem „Nabel“, dem Bezugspunkt zum Ort und der Schutz gewährenden

Umhegung, konnte nun der Mensch sich seine eigene

Ordnung schaffen.

Grundlage für die Ordnung der Städte waren stets geometrische

Formen wie Kreis und Rechteck. Diese kommen aber – abgesehen

von kristallinen Formen im Schnee oder, seltener mit bloßem

Auge zu beobachten, in Mineralien – in der Natur nicht vor.

So schuf sich der Mensch ein eigenes Umfeld nach menschlichem

Maß. Die ersten Schritte zu einer der Philosophie, in welcher der

G E O M A N T I E D E R S T A D T Hagia Chora 2 | 1999

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FREMDENVERKEHRSAMT BERN

Mensch beginnt, über den Menschen nachzudenken, sind in den

ersten Städten zu suchen. Denn alles ist hier menschengemacht.

Selbst Bäume wachsen dort, wo sie der Mensch pflanzt.

Mitte, Umgrenzung und Ordnung der Stadt sind die Grundlagen,

auf denen die Individuation des Menschen fußt. Im indischen

Städtebau wird dies offenkundig: Bezugnehmend auf die

heilige Mitte, den „Nabel“, wird ein Mandala auf den Boden gezeichnet

- das Vastu Purusha. Es ist quadratisch begrenzt und

trennt das wilde Außen vom geistig-kuturellen Innen. Bezugsystem

ist der Mensch, der als liegende Gestalt in das Vastu-

Purusha-Mandala gezeichnet wird. Die Mitte, der Nabel, ist dem

höchsten Schöpfungsprinzip Brahma geweiht. Von hier nimmt

die Heiligkeit schrittweise nach außen ab. Naturkräften wird am

Rande Platz gegeben. Das Vastu Purusha ist in bis zu 81 Teilquadrate

unterteilt (die Padas), die Götterprinzipien verkörpern.

Mitte (Nabel), Grenze (Mandalarand) und Ordnung (Padas) sind

die Grundlagen der Stadtplanung und Individuation. Ein indischer

Urmythos beschreibt die Entstehung des Mandalas: In ihm

erkennen die Götter, daß es etwas außerhalb ihrer selbst Existierendes

gibt. Sie werfen sich auf dieses Etwas, das versucht, Himmel

und Erde zu trennen, „be-greifen“ es, fixieren es am Boden

(in Raum und Zeit) und geben ihm einen Namen. Besser kann

man die Bewußtwerdung des eigenen Ichs kaum beschreiben!

Aus der zentralen Stellung der Stadt im Individuationsprozeß

und der Wichtigkeit der Abgrenzung der Natur wird auch verständlich,

daß die zentralen vitalenergetischen Organe des

Erdkörpers meist außerhalb der Altstadt gelegen sind. Mit zunehmender

Entfremdung von der Natur bald vergessen und überbaut,

bilden sie heute eines der größten geomantischen Probleme,

die z.B. durch Marko Pogacnik in zahlreichen Stadtheilungsprozessen

angegangen werden. Selten hält er sich dabei innerhalb

des Altstadtkerns auf.

Ähnlich wie im indoeuropäischen Wurzelland Indien zeigt

sich auch die Stadtplanung in China: Ausgehend vom Thron des

Himmelssohnes in der Mitte der Stadt gab es mehrere Umhegungen.

Die innerste wurde „Purpurne Stadt“ genannt, denn nach

altchinesischer Auffassung schimmert das Zentrum der Welt und

der Polarstern purpurn. Sie bildet die geistige Mitte. Darum herum

bauen sich die gelbe Stadt (die weltliche Mitte) und die weltliche

Stadt des gemeinen Volkes auf. Der Thron des Himmelssohnes

lag dabei auf der Kreuzung der mittleren Straßen eines

Straßenrasters. Auch die Stadtgründungsrituale der Etrusker und

der Römer, ebenso wie die Siedlungen der Kelten und Germanen

folgen diesem Urprinzip aus Mitte, Umhegung und Ordnung.

Eine kurze Geschichte über die Stadt

In der Merowinger- und Langobardenzeit erlöschen die römischen

Civitates. Völkerwanderung, Normanneneinfälle und Sarazenenstürme

lassen den Unterschied von Stadt und Land verschwinden

und stören die bestehende Ordnung der Städte. Im 10.

Jahrhundert gab es so auch ausgedehnte Obstplantagen in den

Städten. In dieser Zeit des Umbruchs entstandene, germanische

Gründungen nach dem Fluchtburgprinzip sind heute noch durch

die Endung „-wik“ (= Weichen) erkennbar, z.B. Schleswig oder

Braunschweig. Erst im 11. und vor allem 12. Jahrhundert beginnt

sich die neue Ordnung durchzusetzen. Viele geistige Einflüsse

fließen dabei ein: Römische, z.B. durch das „Corpus agrimensores

romanorum“ aus dem 6. Jahrhundert, biblische, wie die Visionen

des Hesekiel oder die Vorstellung vom „himmlischen Jerusalem“,

sowie neuere christliche Elemente. Kathedrale und Stadt werden

als ein und dasselbe Abbild verstanden. Die Entstehung der Bauhütten

für die Kathedralen und die Hochblüte des Städtebaues

fallen zusammen. Um 1091 gründete Konrad von Zähringen Freiburg

im Breisgau. Die Verbindung des Geschlechtes der Zähringer

zu den Zisterzienser-Mönchen, dem Bruderorden der Tempelritter,

brachte es mit sich, daß diese die Zähringer bei ihren Stadtgründungen

vor allem bei der Be- und Entwässerung berieten.

Die Zisterzienser galten als Meister des Wasserbaus und waren

von daher auch radiästhetisch gut bewandert.

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Interessant ist, daß es sich bei den Zähringergründungen (1119

Villingen, 1120 Freiburg, 1157 Freiburg in Uechte, 1191 Bern) um

erste mittelalterliche Planstädte handelte, deren Bauschema wie

das der gotischen Kathedralen von Anfang an feststand und

kaum eine Entwicklung erfuhr! Das Achsenkreuz der Städte

schloß sich nirgendwo an bereits vorhandene Straßenkreuzungen

an, sondern wurde neu ausgesteckt. Die Umhegung war meist

oval oder halboval (mit Ausnahme des viereckigen Rottweil). Es

ist daher anzunehmen, daß andere als profane Überlegungen die

Stadtgestalt bestimmten. Entscheidend für die Gestalt war vor allem

der Rang eines Ortes. Wie im indischen Vastu war damit bereits

bei Planungsbeginn der Charakter, der Genius der Stadt,

vorgegeben und als unveränderlich gedacht.

Der Genius einer Stadt war bereits

bei Planungsbeginn vorgegeben

Im 13. Jahrhundert kam es zu einer zunehmenden Betonung

der Vertikalen im Stadtgesicht. Dem Geist wurde deutlich Vorrang

vor der Materie eingeräumt, und die den Omphalos bezeichnende

Kirche beherrschte das Stadtbild. Die Ordnung wurde zunehmend

rechtwinkliger, und auch radiästhetisch läßt sich nun

zunehmend der Einbezug der Gitternetze in die Bauplanung

nachweisen. Das Globalnetz erhielt als eine Ordnungsstruktur für

die als chaotisch gedachte Materie erneut zunehmend Bedeutung.

Im späten Mittelalter wurde so auch die „Kristallfassung des

Stadtjuwels“ propagiert und durch die geometrischen Formen

Quadrat, Vieleck und perfekter Kreis die Entfremdung von der

Natur immer starrer und stärker. 1516 entwirft Thomas Morus

sein „Utopia“, sein Bild des idealen Stadt-Staates. Häuser werden

hier zur bloßen Unterkunft, die alle zehn Jahre gewechselt werden

soll. Eine Verortung des Menschen findet nicht mehr statt,

und niemand soll mehr heimisch werden. Die Naturentfremdung

geht einher mit der starken Patriarchalisierung. Mit den Stadtvorstellungen

wandelte sich auch die Vorstellung vom Krieg. Dementsprechend

wurde im 16. Jahrhundert der Städtebau Angelegenheit

der „Festungs-Ingenieur-Offiziere“ und lag damit fest in

militärischer Hand. Beispiele sind die Idealstadt Daniel Specklins

aus „Architektura von Vestungen“ oder die von Vincenzo

Scamozzi 1593 erbaute Stadt Palma Nova im Venezianischen.

In der barocken Stadtplanung wird schließlich – unter anderem

durch die neue Art der Kriegsführung – die Enge des Mittelalters

aufgebrochen, die Wallanlagen werden geschliffen, und der

Weg in die Unendlichkeit der Ebene wird frei. Andererseits kristallisiert

die Ordnung mehr und mehr und greift dadurch über

auf die „wilde Natur“. Damit wird das Denken auf eine neue Ebene

gehoben: Der Mensch ist nun Herr über die Natur und muß

sich nicht mehr vor ihr schützen. Existierende Leys werden durch

endlose Achsen sichtbar gemacht und fixiert.

Die Stadtentwicklung und die Menschheitsentwicklung zeigen

sich so bis heute als Spiegel: Die erste Abgrenzung, der Aufbau

eigener Ordnungen, das Aufbrechen dieser festen Ordnungen und

die Interaktion mit äußeren Ordnungen gehen einher mit der Entwicklung

selbständiger und sozialer Wesen, deren Entfremdung

von der Natur andererseits zu krebsgeschwulstartigen Auswucherungen

der modernen Städte und der Verbreitung der Zivilisationskrankheit

Krebs führten.

Die Standortwahl

Erster Schritt der Stadtgründung war stets die Begutachtung und

Auswahl eines Ortes. Im indischen Vastu begutachtet ein Priester

das Baugebiet aufgrund der Farbe, des Geschmacks und des Geruchs

des Bodens, der Geländeneigung sowie dem Wuchs der

Pflanzen. Besonderes Glück verheißt ein Osthang mit Wasser in

Ost- oder Nordostrichtung, zumal wenn es sich von Ost nach

Nordost bewegt. Bei den Etruskern, so wird berichtet, sah der

Augur das „templum“, die Umrisse der zukünftigen Stadt, am

Himmel schweben. Er suchte das Zentrum auf und beurteilte das

Hagia Chora 2 | 1999 G E O M A N T I E D E R S T A D T 11


Gelände. Wuchsen hier schwarze Beeren, Dornensträucher oder

Pflanzen mit blutroten Zweigen, so galten diese Pflanzen als

schlechtes Prodigium. Eichen, Hasel, Birne, Apfel, Kornelkirsche

u.a. dagegen galten als gute Vorzeichen. Mit besonderen Bäumen,

die den unterirdischen Göttern unterstanden, z.B. Wegdorn,

Blutkornelkirsche, Farn, Schwarzfeige, Pflanzen mit schwarzen

Früchten, Stecheiche, wilder Birnbaum oder Brombeerstrauch

konnten üble Prodigien verbrannt werden. Diese Standortbestimmungen

waren als „Ostentarium arborium“ bekannt.

Die Zähringer suchten sich für ihre Stadtgründungen gerne

Orte, deren Ansprüche dem indischen Vastu gerecht werden würden,

was einmal mehr den engen Bezug Mitteleuropas zum indischen

Raum betont. Bevorzugt wurden topografische Situationen,

die einem sogenannten Drachenrücken entsprechen: Langsam

ansteigende Höhenrücken, die nach Erreichen des Gipfels rasch

abfallen. Hier wurde zumeist eine Kirche oder, wie im Fall Berns,

eine Burg errichtet. Der Bergsporn ragte meist nach Osten und

wurde von einem Fluß östlich entgegen dem Uhrzeigersinn umflossen.

Auch Städte wie Lübeck oder Wasserburg am Inn entsprechen

diesem Archetyp. Durch die Umströmung des Stadtzentrums

wurde – physikalisch gesprochen – ein offener Schwingkreis

geschaffen, der die Stadt vom Umland abgrenzte, die Mitte

zentrierte und eine starke energetische Achse schuf, die vom

Kirchturm auf dem höchsten Punkt des Drachenrückens meist

noch überhöht und gestärkt wurde.

Im chinesischen Feng Shui existieren klare Richtlinien zur Beurteilung

der Position von Städten an Fließgewässern. Als positiv

galt die Stadt des „Metalls“ (nach den 5 Wandlungsphasen), die

vom Wasser in gekrümmter Form umflossen wurde – ähnlich den

Zähringerstädten. Auch die „Wasser“-Stadt, bei der das Wasser

„in der Unklarheit gebogen und krumm“ fließt, galt als positiv.

Als neutral wurde die „Erd“-Stadt angesehen, die vom Fluß in einem

korrekten Quadrat oder einem gleichmäßigen Kreis umflossen

wurde. „Holz“- und „Feuer“-Standorte galten als ungünstig

für den Städtebau, denn das „Holz“ wird repräsentiert durch einen

geraden, steilen Fluß des Wassers, das „Feuer“ hingegen

durch Gekrümmtheit und Zerissenheit des Flußlaufs (Klassiker

vom Wasserdrachen).

Der Omphalos

Der Mythos vom Weltnabel, vom Omphalos, ist einer der zentralen

Mythen der Völker der Welt. Stets ist die Mitte verbunden mit

der Vorstellung von der Weltachse (axis mundi), einem Himmel,

Erde und Unterwelt verbindenden Kanal. Der etruskische Augur

suchte den „Umbilicus“ (Omphalos) zu finden, der als Grube später

das Zentrum der Stadt bilden sollte. Im Mythos von der Gründung

Roms hebt Romulus den „Mundus“ aus. Hierhinein werden

von seinen Gefährten Erdschollen ihres Heimatortes geworfen.

Dieser Mundus war die Kultstätte der Di Inferi, der Götter der

Unterwelt. Ursprünglich wurde sie dreimal im Jahr als Tor zu den

Göttern (also als axis mundi) geöffnet, später blieb sie, einmal

versiegelt, bis zum Ende der Stadt verschlossen.

Der lapis niger, der schwarze Stein, der ursprünglich als Sitz

der Göttin Kybele galt, übernahm die Rolle des Omphalos als

Kennzeichnung des Grabes des Romulus. Die logische Fortsetzung

dieser Linie war wiederum das Grab des Petrus in Rom, der

selbst der „Fels“ war. Nach jüdisch-christlicher Überlieferung tötete

Jahwe die Urschlange (= Göttin) Rahab und begrub den Kopf

im Zentrum der Welt. Dieser Ort wurde zu Adams Grab. Hier waren

die vier Enden der Welt befestigt, und an diesem Ort soll

auch Christus gekreuzigt worden sein (Golgatha = Schädel-des-

Adam-Stätte), wo durch das Kreuz eine axis mundi entstand.

Auf solchen Urmythen beruhten die mittelalterlichen Stadtgründungen.

Im Mitteleuropa des 15. Jahrhunderts galt als eine

solche heilige Mitte die Stadt Bamberg. An den vier Enden des

Reiches bildeten die Hofmarken Kleve, Schwarzburg, Cilli und

Savoyen die vier Fixpunkte mit Bamberg als ideeller Mitte. Die

Mitte Bambergs wiederum war durch die Tattermanns-Säule gekennzeichnet,

die 1779 abgebrochen wurde. Bei den Karolingern

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gingen die Grafschaften von einem Kerngebiet in der Stadtmitte

aus, wo die Pfalz und später das Münster stand. In Bern wurden

Rechtssprüche in der Mitte der vier Viertel gesprochen, wo einst

ein Richterstuhl stand. Angebunden an die axis mundi der Mitte,

war der Richter mit den Engelwelten, ja Gott selbst verbunden.

Der Omphalos wurde dabei in der Stadt unterschiedlich markiert.

Bekannt sind die Steine (ich erinnere an den lapis niger in

Rom). So wurde die Mitte Nimwegens durch einen „Blauen Stein“

markiert. Ebenso in Köln, Leiden und Mainz. In Horn gab es einen

„Roten Stein“ und in Worms den „Schwarzen Stein“ als Fixierung

der heiligen Mitte. Dabei mußte der Stein nicht zwangsläufig

im geometrischen Zentrum der Stadt liegen. Oft bezeichnete

der Randbereich der Stadt ein geistiges Äquivalent zur Mitte.

Wie es die Bibel sagt: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,

ist zum Eckstein (= der zentrale Stein!) geworden“.

Der Mittelpunkt einer Stadt

ist Anknüpfungspunkt für geistige Kräfte

Im frühen Mittelalter kennzeichneten oft Marktkreuze die heiligen

Zentren. Sie symbolisierten den vom König garantierten

Frieden. Oft lag die Kirche diagonal zur Kreuzung, auf der das

Marktkreuz stand, um Fernblicke nicht zu stören. Die Diagonale,

die durch Kirche und Marktkreuz gekennzeichnet wurde, war dabei

von größter symbolischer Wichtigkeit. Meist waren die

Marktkreuze auf einem kleinen Stufenberg errichtet, der radiästhetisch

der Funktion eines Hornstrahlers oder eines frequenzselektiven

Mikrowellenselektors gleicht und bestimmte Frequenzen

zu verstärken imstande war. In Hansestädten wurde das

Marktkreuz meist durch Rolandstatuen ersetzt. Roland ist dabei

ein Symbol der Freiheit der Stadt. Das Rolandslied jedoch weist

darauf hin, daß ein enger Bezug zwischen Roland und dem

„Blauen Stein“ besteht, auf dem der Sage nach der König

Marsilies schlief (also die Mitte).

Und wiederum gibt es bei der Gestaltung der Stadtmitte einen

starken Bezug zur indoeuropäischen Wurzel: Im Vastu ist der Nabel

des Vastu Purusha das Zentrum der Stadt. Die vornehmen Kasten

durften näher am Zentrum und höher als niedere Kasten

bauen. Dadurch entstand in der Stadtgestalt das Symbol des

Weltberges. Auch in Europa wurde diese Form übernommen! Der

Dom oder das Münster übernahmen die Rolle des Omphalos, und

durch die Höhenbauvorschriften wurden die Vorstellungen des

Weltberges städtebaulich verankert.

Diese Mythen sowie diverse Gründungslegenden legen nahe,

was sich geomantisch bestätigt findet: Die Mittelpunkte bilden

Anknüpfungspunkte für hohe geistige Kräfte und Wesenheiten.

Die Umgrenzung

Wie schon anfangs geschildert, bildet die Umhegung oder Umgrenzung

eines der zentralen Grundelemente des Städtebaus. Der

magische Aspekt der Umhegung wird deutlich, wenn man sie

durch die Brille der Sagen betrachtet: In Bremen soll die Umkreisung

durch einen Lahmen der Stadt ihre Freiheit gesichert haben.

Aus Dank ist dieser zu Füßen der Rolandsstatue (sic!) dargestellt,

wodurch auch der unmittelbare Bezug von Stadtmauer und Mitte

hergestellt wird. In Bamberg umspann Kunigunde die Stadt mit

einem Seidenfaden als magischen Schutz.

Im etruskischen Ritus wurde der Raum der zukünftigen Stadt

mit einem Pflug, der von einem weißen und einem schwarzen

Rind gezogen wurde, umpflügt. Nur dort, wo die Stadttore sein

sollten, wurde der Pflug angehoben. Diese Stellen bildeten die

energetische Verbindung zum Umland und mußten später durch

Schutzsymbole und magische Zeichen gesichert werden. Wie eng

Stadtgrenze und Stadt sinnverbunden sind, zeigt die Tatsache,

daß das deutsche Wort „Zaun“ mit dem englischen „Town“ etymologisch

verwandt ist. Geomantisch wurden Stadtmauern oft

energetisch auf unterirdischen Flußmäandern plaziert oder mittels

polarisierter Steine so errichtet, daß eine Strahlungsquelle

G E O M A N T I E D E R S T A D T Hagia Chora 2 | 1999

F O C U S:


G E O M A N T I E D E R L A N D S C H A F T

(z.B. eine Leyline oder ein Großräumiges Gitter) ihre „Energie“ in

die Mauer einspeiste, so daß sie dort zirkulierte. Geistig wurde

die Mauer oft durch Bauopfer (Tiere, aber auch Menschen!) gesichert,

die fortan die Grenze der Stadt beschützen sollten.

Ordnungsstrukturen - Die Urbs quadrata

Eines der stärksten Ordnungsschemata in der Stadtgestalt ist

weltweit die Vierteilung. Viergeteilte Städte finden wir bei den

Etruskern, den Römern, den Germanen, im gesamten europäischen

Mittelalter, in Indien, Ceylon, Burma, Thailand, Kambodja,

sowie in Afrika. So wurde im Mittelalter das Kreuz im Kreis zum

Symbol der Himmlischen Stadt Jerusalem und später zum Symbol

für Stadt schlechthin. Auch die ägyptische Hieroglyphe für

„Dorf“ ist ein Kreis mit

Kreuz.

Uns am bekanntesten

ist die römische

Vierteilung

durch die Hauptstrassen

Cardo und

Decumanus, wobei

Ägyptische Hieroglyphen für Stadt, Dorf

sich „Decumanus“ von

„decussis“ (Schnitt-

winkel) herleiten läßt, welcher beim Auftreffen der Decumanus

auf die Cardo entsteht: Es entsteht ein Kreuz X, römisch für 10

(deca). Für die Römer war so die Stadt in das Weltgefüge eingespannt.

Wie Vitruv schreibt: „Die Natur hat den einen Cardo der

Weltachse hinter den Großen Bären über Erde und Meer gesetzt –

also in den Norden, den anderen, gegenüberliegenden, unter die

Erde in den südlichen Regionen.“

Oft wurde über die Decumanus der Sonnenaufgang des Gründungstages

der Stadt angepeilt. Dies geht auf einen Rinderritus

aus dem Zweistromland zurück, der von den Etruskern übernommen

worden war: Damals (4300–2200 v.Chr.) lag der Frühlingsäquinox

im Stier. Im Zeitalter des Stieres war die sakrale Richtung

der Norden, Sitz des Gottes Anus. Im Zeitalter des Widders

wurde dies der Osten als Sitz des Gottes Marduk. Diese beiden

Hauptrichtungen blieben in der römischen und später mittelalterlichen

Stadtplanung als Cardo und Decumanus erhalten.

Auch bei den Stadtgründungen der Zähringer wurde, wie in

Bern, Villingen, Wiener Neustadt u.a., die Stadt durch vier

Hauptstraßen in vier Viertel geteilt. Nur diese galten als Straßen,

alle anderen wurden „Gassen“ genannt. Bei römischen wie auch

hochmittelalterlichen Gründungen ist oft eine Berücksichtigung

der Gitternetze feststellbar, die der Stadt Ordnung verleihen.

Das Symbol

Nach dem Raster stellt das Makro-Symbol, dem sich eine Stadt

unterstellt, eine Überhöhung des Ordnungsgefüges dar. So ist

schriftlich überliefert, daß Bamberg 1007 „in modum crucis“ (in

Form eines Kreuzes) erbaut wurde. Die Kirchen St. Stephan, St.

Gangolf, St. Michael und St. Jakob bildeten mit dem Dom bzw.

der Tattermannssäule in der Mitte das christliche Kreuz über der

Stadt ab und heiligten den Raum damit der christlichen Ordnung.

Damit steht Bamberg aber nicht allein: Im Buch Mulling aus dem

9. Jahrhundert wird das Kirchenkreuz als Anweisung für den

Klosterbau beschrieben. Ähnlich wurde auch in Fulda, Chester,

Utrecht und Paderborn gebaut. In späterer Zeit wurden Städte

auch anderen Symbolen untergeordnet, wie Karlsruhe (Zirkel

bzw. Pentagramm) oder Washington (Tatzenkreuze).

Über die geomantische Ortsfindung, die Gestaltung der Mitte,

die Umhegung und die bestimmte Ordnung wurde die Stadt fest

in den Ort einbezogen – verortet. Detaillierte geomantisch konzipierte

Gestaltungen wie typische Hausformen, vorherrschende

Materialien oder Farben taten das übrige, um die Stadt in die

kosmische Ordnung einzufügen und dem Genius Loci zu entsprechen.

Die Stadt wurde so zu einem Pendant des Himmels, zur

„Himmlischen Stadt“ und somit zu einem Weg der Individuation

des Menschen. 7

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