08 Benedikter-Brummton Kopie - Die Drei

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08 Benedikter-Brummton Kopie - Die Drei

die Drei 2/04

Roland Benedikter

Das Brummton-Phänomen

Meist kommt er nachts, wenn alles ruhig ist. Ein dröhnendes

Brummen, ein tiefes Summen, ein unaufhörliches Vibrieren

stiehlt sich in die Köpfe der Betroffenen und geht nicht weg. Bis

zum Morgengrauen. Der rätselhafte Brummton, der bisher vor

allem aus Süddeutschland bekannt war, hat nun, im Frühjahr

2003, auch Hamburg erreicht – mit aller Macht. Immer mehr

Betroffene leiden unter dem Phänomen. Sie können nicht schlafen,

sind unruhig und nervös. Eine Erklärung für die Erscheinung

gibt es bisher nicht. Viele der Betroffenen in Hamburg berichten

übereinstimmend, dass die Qual im Frühjahr dieses Jahres begann,

als das Geräusch zum ersten Mal auftrat. »Es ist, als ob

draußen vor der Tür ein Lastwagen mit laufendem Motor steht«,

versucht Bettina Bussmann zu beschreiben, was sie seit April

abends beim Einschlafen hört. »Es ist, als ob im Nebenzimmer ein

Kühlschrank direkt an der Wand steht und vibriert.« Die 36-

Jährige hat die ganze Wohnung am Philosophenweg in Othmarschen

auf der Suche nach der Lärmquelle auf den Kopf gestellt,

fand jedoch nichts. Schließlich ging sie zum Neurologen, ließ eine

Computertomographie über sich ergehen und erhielt Beruhigungsmittel.

Diesen Ton kann man nicht ausblenden, abends

beim Einschlafen wartet man regelrecht darauf, erzählt Bettina

Bussmann. Seit einiger Zeit ist das Geräusch seltener geworden.

Erstmals trat der rätselhafte Brummton Anfang des Jahres in

Süddeutschland auf. Inzwischen werden allein in Baden-Württemberg

mehr als 300 Menschen von dem Geräusch gepeinigt.

Offenbar liegt der Ton in einem so niedrigen Frequenzbereich an

der Grenze des Hörvermögens, dass er nur von einigen Menschen

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Annäherung an ein Rätsel

Gehören auch Sie zu den Menschen, die beim Einschlafen einen merkwürdigen Brummton

hören? Nach Studien aus den Jahren 1991-2003 hören mittlerweile weltweit hunderttausende

Menschen einen pulsierenden Brummton tiefer Frequenz, dessen Ursache nicht zu

orten ist. Er gleicht dem Geräusch eines mit laufendem Motor vor dem geschlossenen

Schlafzimmerfenster stehenden Autos. Worum handelt es sich? Und wie ist dieses Phänomen

aus anthroposophischer Sicht zu begreifen?

Luft und Boden

vibrieren

Hinweis: Dem vorliegenden

Beitrag liegt eine ausführliche

Studie Roland Benedikters

zum Brummton-Phänomen

zugrunde, die im Internet unterwww.philosophiaonline.de,

Abteilung »Essays«,

aufgerufen werden kann.


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wahrgenommen wird. Meist belästigt das Geräusch die Betroffenen

nachts, es wird in geschlossenen Räumen lauter empfunden

als im Freien. Brummton-Opfer klagen über Schlafstörungen,

Herzrasen und erhöhten Blutdruck. Sie sind oft angespannt und

gereizt. Eine schlüssige wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen

gibt es derzeit noch nicht. Die Spekulationen reichen von

elektromagnetischen Feldern bis hin zu amerikanischer Spionagetechnik.

Wasserleitungen, Hochspannungsleitungen und Mobilfunkmasten

standen im Verdacht, schieden nach einer Überprüfung

aber als Ursache aus. Vermutet wird inzwischen, dass die

Schallschwingungen von einem Bergwerk auf der Schwäbischen

Alb herrühren. Für Heidemarie Wende vom Umweltbundesamt

in Berlin ist das nur einer von vielen möglichen Gründen. »Dieser

Brummton, eine Art Infraschall, geht durch Luft und Boden«,

erklärt sie, »er kann sich über weite Strecken fortpflanzen.« Sogar

eine gewisse Eigenresonanz sei möglich. Das Umweltministerium

von Baden-Württemberg will die Ursache des Phänomens in einer

großen Studie mit landesweiten Messungen und Gehöruntersuchungen

von Betroffenen ergründen.

Nicht alle Menschen können das Brummen hören. Wie Messtechniker

feststellten, liegt die Frequenz des Tones eigentlich unter

dem für Menschen hörbaren Bereich. Seitdem ein Ehepaar

jedoch die »Interessengemeinschaft der Brummtonopfer« gebildet

hat, melden sich täglich mehr Menschen, die infolge des beständigen

Brummens unter Schlaflosigkeit, Herzrasen und Schwindel

leiden. »Auch bei mir stapeln sich die Anfragen«, bestätigt Frank

Krause, Redakteur der »Stuttgarter Nachrichten«, der schon seit

Monaten zu diesem Thema recherchiert. Doch auch ihm ist die

Ursache des Brummens rätselhaft. Die öffentlichen Stellen schalteten

bislang eher auf taub. Die Brummopfer wurden vertröstet

oder nicht ernst genommen. Doch denen ging das permanente

Geräusch so auf den Nerv, dass sie inzwischen sogar Strafanzeige

gegen unbekannt bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft erstatteten.

Denn der Ton ist klar zu erkennen – für Betroffene wie für

Messfachleute. Auf einer Testfahrt quer durch die Region konnten

zwei Frauen auch mit verbundenen Augen zweifelsfrei den

Brummton lokalisieren. Jedes Mal, wenn sie angaben, den Ton zu

hören, schlug auch das Messgerät des Spezialisten vom Umweltamt

aus. Inzwischen weiß man, dass tiefe Frequenzen auf den

Körper ganz besondere Wirkungen haben. Die Brummtonopfer

stehen unter einer enormen seelischen Belastung. Einige erleben

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das Brummen überall. Andere können der Belästigung durch

einen Ortswechsel entfliehen. Da die Mehrheit der Bevölkerung

den Brummton nicht wahrnimmt, wird das Brummton-Phänomen

oft als Einbildung abgetan. In anderen europäischen Ländern,

wie in Schweden, Italien, den Niederlanden, England und

Dänemark häufen sich die Berichte über rätselhafte Brummtöne.

Es entstehen Selbsthilfegruppen: In England haben sich bisher

500 Betroffene organisiert, in Deutschland sind es etwa 200

Personen.« 1

Ich selbst höre den Ton seit einigen Jahren mit Unterbrechungen

ebenfalls deutlich. Beim Einschlafen nehme ich ihn meist als

Gegenrhythmus zu meinem Herzschlag wahr, untertags nur zeitweise

und bei genauer Konzentration auf mein Gehör, aber auch

da nicht immer. Der Brummton ist nicht an allen Orten gleichermaßen

hörbar – in Wien oder Frankfurt für mich gar nicht, in

Südtirol und Westösterreich dagegen fast überall. Die entscheidende

Frage ist: Wie wirkt der Brummton, auf den inneren

Menschen bezogen? Was ist seine anthropologische Dimension?

1. Der Ton ist durch eine sehr tiefe Bassfrequenz gekennzeichnet,

deren Rhythmus unregelmäßig ist. Er pulsiert für jeweils eine

kurze Zeit regelmäßig in einer Geschwindigkeit, die einem beschleunigten

menschlichen Herzschlag entspricht. Dann pulst er

plötzlich diskontinuierlich, fällt fast ins Unhörbare zurück, um

dann wiederzukehren und gewissermaßen neu mit seinem rhythmischen

Pulsieren zu beginnen. Dabei wird er schneller und

langsamer. Manchmal setzt der Puls auch kurz ganz aus, dann

kommt er wieder: er hört sozusagen auf, um verwandelt neu

anzusetzen.

2. Entscheidend dabei ist: Der Herzschlag jedes Menschen tendiert

immer zur Angleichung an jeden äußeren, tieffrequenten

Puls, der seine Resonanzkörper durchdringt. Das weiß man zum

Beispiel aus der Musik. So liegt das eigentliche Geheimnis klassischer

Musik in der Steuerung des Herzschlags des Zuhörers durch

den »basso continuo«. Eine solche Steuerung ist, in ähnlicher

Weise, auch das Prinzip gewisser Pseudo-Einweihungswege der

heutigen Jugendkultur – wie etwa der zeitgenössischen Rave- und

Techno-Kultur.

3. Weil der individuelle Herzschlag stets die Tendenz hat, sich mit

allen tiefen Bass-Rhythmen, die in seiner Umgebung wirksam

sind, zu harmonisieren – sogar mit denen, die ihm selbst wider-

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Die innermenschliche

Wirkung

1 I. Gall: Brummton bringt

Hamburger um den Schlaf. Rätselhaftes

Phänomen aus Süddeutschland

hat die Hansestadt

erreicht. Geräusch raubt Betroffenen

den Schlaf, in: »Die

Welt«, 12. September 2003; B.

Leinfelder: Rätselhafter

Brummton macht in Stuttgart

Menschen krank. Bürger erstatten

Strafanzeige – Baden-Württembergische

Regierung plant

landesweite Mess- und Fragebogenaktion,

in: »Die Welt«, 25.

April 2001; S. Schneider/ B.

Scheele: Phänomen Brummton.

Rätselhafte tiefe Töne, in:

www.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/

0,1872,2016182,00.html,

02.10.2002.


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Entstehung eines

zweiten, unsichtbaren

Pulses

2 Rudolf Steiner: Anthroposophische

Leitsätze (GA 26), Kapitel:

Von der Natur zur Unter-

Natur, Dornach 1982, S. 255

ff.

sprechen und die den Vitalkörper des Menschen von außen

durchdringen –, erfährt der Brummton-Geplagte den eigenen

Pulsschlag als fremdbestimmt. Und noch mehr: Er erfährt den

eigenen Pulsschlag als etwas Fremdes. Es erfolgt eine Spaltung

zwischen Ich und Ätherleib. Auf diese Weise wird der Brummton

in gewisser Weise zum Mitverursacher der Entstehung und Nährung

eines zweiten Menschen neben dem Menschen: dem so

genannten Doppelgänger.

Rudolf Steiner hat die Zunahme solcher Erfahrungen für das 20.

und 21. Jahrhundert prognostiziert. Steiner beschreibt, wie mit

der unablässigen Weiterentwicklung der modernen Technik, die

nicht nur immer umfassender in die Makrodimension der äußeren

Welt ausstrahlt, sondern auch immer feinere Bereiche des

Seins bis in die ätherischen Schwingungen hinein zu durchdringen

beginnt, ein Abstieg »von der Natur zu Unter-Natur« stattfinde,

der sich im 20. und 21. Jahrhundert unweigerlich verstärken

werde. Mit der Technik und ihrer Grundkraft, der Elektrizität, sei,

so Steiner, eine neue zweite Natur, eben eine »Unter-Natur« entstanden,

die zwar auf die meisten Menschen einwirke, die jedoch

in ihrer bewusstseinsverändernden Wirkung noch nicht

voll durchschaut werde. Diese »Unter-Natur« verhindere, dass

sich der Mensch mit seinem physischen Leib auf gesunde Weise

verbinden könne. 2

Die Technik verschwindet heute in die Dinge und in die »natürliche«

Natur hinein. Sie wird sozusagen zu ihrem inneren Kern, zu

ihrem zweiten, unsichtbaren Puls. Unsere Lebenswelt wird von

technoiden Rhythmen und Pulsen durchzogen, die allesamt mechanisch

sind, das Lebendige und sein Pulsieren gleichsam imitieren.

Mobilfunk, Elektrosmog, Radar und deren Überlagerungsbereiche,

die sich ja in den vergangenen Jahren immer weiter ausgedehnt

und verstärkt haben, bewirken eine Verdichtung des Atmosphärischen,

der nur noch durch eine Bewusstseinsänderung bzw.

durch innere Aktivität begegnet werden kann.

Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für ein Verstehen des

Brummton-Phänomens gewinnen? Die Erscheinung der Elektrizität

(der veräußerlichten »Unter-Natur« des Menschen, wie man

mit Steiner auch sagen könnte) nimmt heute eine neue Dimension

an. Letztere überschreitet eine Schwelle und wirkt nicht mehr

nur, wie bisher, von außen auf den Menschen ein, sondern dringt

nun, für die meisten Menschen unterakustisch, über den Infra-

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Schall als pulsierende Schwingung in den Menschen ein. Der

Brummton ist ein Hinweis darauf, dass die Wirkungen der technoiden

»Unter-Natur«, der Radiostrahlen und der Elektrizität,

wenn Steiners Voraussagen richtig sind, heute bis ins Ätherisch-

Hörbare hinein reichen. Der individuellen Seele wird das rhythmische

Wesen, auf dem sie aufruht, auf untersinnliche, äußere

Weise aufgezwungen. Sie erleidet eine Entzweiung zwischen natürlichem

Puls und mechanischem, fremdem »Unter-Natur«-Puls

in Gestalt des Brummtons. Diese Entzweiung ruft eine Spaltung

im Innern des Menschen zwischen dem Ich auf der einen und

dem Kräfte- oder Rhythmusleib auf der anderen Seite hervor.

Dadurch tut sich das Ich immer schwerer, sich organisch mit dem

Kräfteleib zu verbinden. Steiner hat diese Entwicklung offenbar

kommen sehen. Nicht zufällig wies er immer wieder darauf hin,

dass durch die Wirkung der Technik, insbesondere der Kräfte der

Elektrizität, die Seele immer schwerer in den Körper hinein kommen

würde. 3

Der Brummton kann anthroposophisch als ein Symptom für die

zunehmende Zerreißung des Menschen zwischen Ich-Individualität,

Natur und Unter-Natur interpretiert werden, wie sie sich

auch in vielen anderen Bereichen der gegenwärtigen Zivilisation

und Kultur äußert und das Menschsein immer stärker zu beeinflussen

beginnt. Der Brummton verstärkt in seiner anthropologischen

Wirkung das Auseinanderbrechen von Denken, Fühlen und

Wahrnehmen, indem er tendenziell Ich und Körper auftrennt.

Natürlich beruht die Wahrnehmung des Brummtons zuweilen

auch auf Einbildung oder Autosuggestion oder ist Begleiterscheinung

eines subjektiven oder objektiven Tinnitus. Das hier gemeinte

Phänomen ist aber naturwissenschaftlich-objektiv messbar und

lässt sich nicht ohne weiteres durch derartige Erklärungsversuche

wegdiskutieren. Wichtig ist, dass in den kommenden Monaten und

Jahren der Versuch eines Verstehens des Phänomens Brummton

nicht zu einem spekulativen oder sinnlichen Verfolgswahn welcher

Art auch immer führt. Der Brummton darf auf keinen Fall »mythisiert«

werden, denn er ist physisch und konkret. Wir brauchen

daher nicht neue Spekulationen, sondern erstens ein vertieftes anthropologisches

Verstehen und zweitens konkrete, auch physische

Lösungen für den Umgang mit diesem Problem.

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Ich, Natur und

Unter-Natur

zerreißen

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Autorennotiz:

ROLAND BENEDIKTER, geboren

1965, ist Mitarbeiter des Instituts

für Ideengeschichte und

Demokratieforschung in Innsbruck

und des Studiengangs

Kulturwissenschaften der Universität

Inssbruck. Mitglied

des Lehrkörpers des Laboratorio

Freudiano Mailand (Italien).

Zahlreiche Fachpublikationen

und Zeitungsbeiträge. –

Adresse: Cavour Str. 23a, I-

39100 Bozen.

3 Näheres zur Stellung dieses

Phänomens in einen größeren

Gesamtzusammenhang der

Verwandlung durch Natur und

Technik und zu den möglichen

Heilungs-Perspektiven siehe R.

Benedikter (Hg.): Postmaterialismus

4. Die Natur, Wien

2004.

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