Frauen – Entwicklung ist weiblich - Franziskaner Mission

franziskaner

Frauen – Entwicklung ist weiblich - Franziskaner Mission

4 2010

Frauen

Entwicklung ist weiblich

Wenn auch wir noch gehen – Sr. Romana Baković über ihren Einsatz für Flüchtlingsfrauen aus dem Kongo

Wenigstens einmal im Monat Messe feiern – Gespräch mit Gemeindeleiterin Agustina Crispin in Bolivien

Agentinnen des Wandels – Interview mit Seelsorgeamtsleiterin Dr. Daniela Engelhard

Wir haben Frischfleisch – Sr. Arli Sousa Nojosa über Frauenschicksale im Nordosten Brasilien


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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

Inhalt

Editorial

von Br. Augustinus Diekmann ofm

Als Bruder von Frauen geprägt

Franziskus und die Umarmung des Weiblichen

von Br. Nikolaus Kuster ofmcap

Machtverhältnisse verändern

Wohlstand und Gleichberechtigung hängen zusammen

von Thomas M. Schimmel

Die weibliche Seite Gottes

Von der Muttergöttin zur Muttergottes

von Katrin Rieger

Antike Geschäftsfrau und Christin

Lydia: Porträt einer frühchristlichen Gemeindeleiterin

von Br. Stefan Federbusch ofm

Das afrikanische Frauenbild

Mutterschaft als Voraussetzung für gesellschaftliche Anerkennung

von P. Reinhard Kellerhoff ofm

»Wenn auch wir noch gehen ...«

Sr. Romana Baković über ihren Einsatz für Flüchtlingsfrauen

von Sr. Romana Baković

Mittelseite

»Entwicklung ist weiblich«: Frauenbilder

»Wenn wir wenigstens einmal im Monat

Messe feiern könnten!«

Gespräch mit der bolivianischen Gemeindeleiterin Agustina Crispin

von Agustina Crispin

Personalia

Im September und Oktober

dieses Jahres waren wieder

Missionare aus verschiedenen

Teilen der Welt zu

Besuch in der Franziskaner

Mission in Dortmund.

Bruder Juvenal Ndayambaje

aus Ruanda, Ostafrika, unterbrach

seine Promotion an der

Universität Louvain in Belgien

zu dem deutschen Philosophen

Jürgen Habermas für einige

Tage, um seine franziskanischen

Mitbrüder in Dortmund, Werl

und Wiedenbrück zu besuchen

und um in einer Partnergemeinde

im Sauerland von den

Fortschritten der Franziskanerpastoral

in Ruanda zu berichten.

Schwester Arli Sousa Nojosa

aus Brasilien begleitete Bruder

Augustinus Diekmann zu

Besuchen bei deutschen Partnergemeinden

und berichtete von

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»Geschenk des Glaubens«

Als deutsche Pastoralreferentin in Bolivien

von Ursula Knauer

»Agentinnen des Wandels«

Interview mit Seelsorgeamtsleiterin Dr. Daniela Engelhard

von Dr. Daniela Engelhard

Wege aus der Armut

Selbsthilfegruppen in Indien vergeben Mikrokredite

von Anto Thomas

»Wir haben Frischfleisch«

Frauenschicksale im Nordosten Brasiliens

von Sr. Arli Sousa Nojosa CICAF

»Pastoral da Criança«

Ganzheitliche Sorge für Kleinkinder

von P. Erich Löher ofm

20 Jahre Kampf um Bürgerrechte

Landarbeiterinnen aus Piauí auf dem Weg zur Gleichberechtigung

von Sr. Lindalva Alves Cruz CICAF

Fahrradkauf

Eine Glosse

von Daniela Böhle

Kurznachricht zum Todestag von Bischof Bösl

von Werner Schulz

Projekt

Impressum

ihrer Arbeit mit Frauen und

Kindern im Armenviertel von

Teresina, der Hauptstadt des

Bundesstaates Piauí.

Schwester Romana Baković

brachte die neuesten Neuigkeiten

aus Bukavu in der Demo ­

kratischen Republik Kongo mit.

Sie leitet dort ein Ausbildungszentrum

für traumatisierte

Flüchtlingsmädchen.

Altbischof Dom Heinrich

Johannpötter aus Bacabal,

Brasilien, verbrachte einen

Teil seines Heimaturlaubs in

Dortmund und bereitete sich

dort auf seinen Ad­Limina­

Besuch beim Papst in Rom vor.


Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

liebe Freunde der Franziskaner Mission,

Entwicklung ist nicht nur grammatikalisch

weiblich. Es sind vor allem

Frauen, die an einer nachhaltigen

Vermenschlichung unserer Welt ihren

Anteil haben. Deshalb hat die Franziskaner

Mission gerade dieses Thema in

ihrer Weihnachtsausgabe aufgegriffen.

Dass starke Frauen mit ihrem

überzeugenden Einsatz für Gottes

Reich sowohl im Alten als auch im

Neuen Testament von den männlichen

Autoren verschwiegen wurden, liegt

sicher an den damaligen patriarchalisch

geprägten Kulturen. Aber wer das

Evangelium aufmerksam liest, findet in

der Praxis Jesu einen großen heilsamen

Schritt hin zur Gleichberechtigung

von Mann und Frau. Die Wurzeln

der franziskanischen Bewegung sind

von beiden Geschlechtern geprägt.

Franziskaner Mission

Franziskanerstraße 1, 44143 Dortmund

Telefon 02 31/17 63 37 5

Fax 02 31/17 63 37 70

info@franziskanermission.de

www.FranziskanerMission.de

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Franziskus und Klara von Assisi legten

gemeinsam den Grundstein für eine

echte Geschwisterlichkeit. Das wird

zum Beispiel im Kinofilm »Francesco«

von 1989 unter der Regie von Liliana

Cavani auf eindrucksvolle Weise

deutlich.

Die Entwicklung ist in unseren

pastoralen und sozialen Partnerprojekten,

trotz oftmals herrschendem

Machismus, eindeutig weiblich.

Lebendige Basisgemeinden wären

ohne ihre charismatischen Leiterinnen

gar nicht denkbar. Gewerkschafterinnen

geben ein beeindruckendes

Lebensbeispiel von Einfühlsamkeit

und Mut. Und was wären unsere

vielen Schulprojekte ohne die charismatischen

Lehrerinnen! Überall

schafft die weibliche Art der Option

für die Armen befreiende neue Wirklichkeiten.

Schauen wir uns diese

Frauen doch einmal auf unserer

Mittelseite an: Sie geben der Welt

durch ihren überzeugenden Einsatz

für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung

der Schöpfung ein neues, ein

menschlicheres Gesicht.

In Bethlehem schenkte Maria von

Nazareth der Welt das neue, ja ewige

Leben. Alle Mütter der Menschheit

stehen in dieser Tradition. Weil sie

existenziell Leben schenken, sind sie

die überzeugendsten Anwältinnen

dieses Lebens.

Spenden erbitten wir, unter Angabe des

Verwendungszwecks, auf das Konto 5100,

Volksbank Hellweg eG (BLZ 414 601 16) oder

Konto 34, Sparkasse Werl (BLZ 414 517 50).

Dieser Ausgabe liegt eine Zahlkarte bei.

Ein Franziskanermissionar hat einmal

gesagt: »Nur wer liebt, kann wirklich

Gutes tun.« Genau das ist der Grund

unserer Dankbarkeit gerade diesen

engagierten Frauen gegenüber. Dankbarkeit

aber auch Ihnen, unseren

Freunden und Förderern gegenüber,

die Sie durch ihre liebevolle Solidarität

so viel Gutes wirken. Die daraus

resultierende Entwicklung braucht

sicher viel Geduld und langen Atem.

Allen unseren Leserinnen und

Lesern wünschen wir von Herzen ein

friedvolles Weihnachtsfest und Gottes

Segen für das kommende Jahr 2011.

Ihr

Br. Augustinus Diekmann ofm

Leiter der Franziskaner Mission

Titel: Frauen verändern die Welt: die

bekannten und die unbekannten. Die

beiden Mädchen auf der Titelseite feiern

in Custa Ver die bestandene Doktorprüfung

von Sr. Lindalva, die in diesem

Heft über die Entwicklung der Frau im

brasilianischen Nordosten schreibt.

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

Als Bruder von Frauen geprägt

Franziskus und die Umarmung des Weiblichen

Franziskus fällt mit einer frauenfreundlichen

Spiritualität auf: Er wünscht seinen Brüdern

»mütterliche Sorge« füreinander, empfiehlt

das »Leben der Marta und das der Maria« zu

verbinden und feiert eine Schöpfung, in der

die Geschöpfe geschwisterlich zusammenspielen.

Jeder Gläubige kann als spirituelle

Mutter Christus neu auf die Welt bringen.

Selbst im Gottesbild des Bruders überraschen

weibliche Namen.

Wir kennen Frauen, die den Bruder

biografisch geprägt haben: Seine Mutter,

seine Verbündete Klara, seine Freundin

Jakoba, Maria als Gefährtin im Himmel

und die Schwestern in San Damiano.

Pica – die Mutter

Kirche und Gesellschaft tauchen unter

dem einzigen Abba (Gef 20) in ein radikal

geschwisterliches Licht. Der dramatische

Bruch mit seinem Vater hat zur Folge,

dass Franz alle patriarchalen Rollen aus

seiner Bruderschaft ausschließt. Die

mütterliche Rolle leidet dabei keinen

Schaden. Liebe und Intui tion der Mutter

werden Vorbild für die Brüder (BR 6).

Die Mutter eines Bruders ist Mutter aller

Brüder. Für eine verarmte Mutter in Not

schenkt Franz gar das einzige Evangeliar

der Portiunkula weg (Per 56).

Giovanna Pica stammt aus dem lokalen

Adel und lässt den Sohn nach ihrem

Namen Giovanni taufen. Als dieser

sich seinen Weg bahnt, sperrt der Vater

ihn ein und die Mutter lässt ihn frei

(Gef 18): Wo väterliche Karrierepläne

zum Zwang werden, bleiben Picas Freiheit

und Gespür ermutigend: Wo immer

Brüder in der fraternitas Verantwortung

übernehmen, sollen sie es geschwisterlich

und mütterlich tun (NbR 9).

Klara – seine Schwester

Zunächst trennen Jahre und das soziale

Gefälle die beiden Heiligen. Klara lernt

erst gehen, als Franz 14­jährig in die

Kaufmannszunft eintritt. Der Bürgersohn

zählt zur Unterschicht, während Klara

im adeligen Favarone­Clan heranwächst.

Märkte, Feste und Zunftpolitik liegen

farbenfroh jenseits dicker Mauern, die

Klara als Mädchen in ein Turmhaus

einschließen. Erst als die junge Frau

Klara, Mystikerin des Lichts. Zeichnung von Fra Roberto Pasotti. Bild zum Klara­Jahr 2003

Kapuzinerkonvent in Bigorio, Schweiz

den Fußspuren Jesu folgen will, wird

Franz ihr Verbündeter.

Hellsichtig ziehen die Brüder und

Klara nicht gemeinsam durchs Land. In

Frankreich wütet 1211 ein Kreuzzug

gegen die Waldenser: Männer und

Frauen, die das Wanderleben der Apostel

gemeinsam weiterführen. Klara gründet

mit Gefährtinnen eine eigene Gemeinschaft.

Ihr Modell ist Betanien: Wie

Marta, Maria und Lazarus in einem gastfreundlichen

Haus leben, gestalten Klaras

Schwestern in San Damiano mit Brüdern

ein hospitium – eine Herberge.

Wie nahe sich Klara sesshaft und

Franz unterwegs verbunden sind, zeigen

Indizien: Klara betet sein Passionsoffizium

auswendig (LebKl 30). Er inspiriert sich

in seiner Zusatzregel für Einsiedeleien

an Erfahrungen der Schwestern. Im

Lied »Audite Poverelle« ermutigt der

Poverello seine Schwestern als Minnesänger.

Tiefes Vertrauen spricht aus der

Heilung des geisteskranken Gefährten

Stefano, den Franz zu Klara schickt. In

einer Krise klärt Franz die Versuchung,

ganz eremitisch zu leben, indem er sich

von Silvestro und Klara an seine Berufung

erinnern lässt (Fior 16). Dem Tode nahe,

offenbart Franz in einer ergreifenden

Aschenpredigt den Schwestern seine

Verfassung. Sein Vermächtnis ermutigt

sie, der gemeinsamen Nachfolge in Armut

treu zu bleiben – »wer auch immer«

sie davon abbringen will. Klara erfährt

Franz als mütterlichen Bruder, der sie

in Konflikten mit dem Papst auch vom

Himmel her bestärkt (ProKl 3).

Jakoba – seine Freundin

Der Biograf offenbart die Züge einer

zärtlichen Freundschaft: Franz »pflegt

in Rom« bei Jakoba dei Settesoli »zu

weilen«, die ihn verwöhnt. Auch sterbend

sehnt er sich nach ihrer Nähe und ihrem

Mandelkuchen. Sie spürt von Ferne,


was der Bruder wünscht, kommt seinem

Brief zuvor und erscheint von sich aus in

der Portiunkula. Bemerkenswert ist die

Aussage des Briefes, sie – nicht die Brüder

– solle seinen Leib nach dem Tod in Leinen

wickeln. In der Nacht vor der Bestattung

legt Elia den toten Franz in Jakobas Arme

mit den Worten: »umarme ihn noch

einmal, den du zu Lebzeiten so geliebt

hast« (3 C 37­39). Die Biografen erinnern

an Maria von Magdala, wenn sie von der

»speziellen Liebe« des Heiligen zur jungen

Witwe sprechen: Nachfolge Jesu kann tiefe

Freundschaft einschließen.

Arme Schwestern – Jesu Jüngerinnen

Klaras Gemeinschaft ist vor 1228 nie

Kloster. Franz bewundert die Schwestern,

die meist aus dem Adelsstand in Jesu

Armut absteigen: »Vom Herrn selbst gerufen

und vereint« (MahnKl), soll niemand

sie in ihrer Nachfolge einschränken. Franz

drückt in der »Lebensform« die Freiheit

und Würde der Schwestern in genialer

Dichte aus: »Von Gott inspiriert, habt

ihr euch zu Töchtern des himmlischen

Vaters gemacht, mit dem Heiligen Geist

vermählt und das Leben der Apostel in

den Fußspuren Jesu gewählt« (FormKl).

Gregor IX. wird erfolglos versuchen,

Klaras Schwestern wie unmündige Töchter

zu behandeln und in strikte Klausur zu

drängen. Franz bewundert die Jüngerinnen

Jesu, die als Freundinnen der Stille und

Schwestern der Stadt leben. Er verbringt

vor seiner Augenoperation Krisenmonate

in San Damiano und dichtet da den

Sonnen gesang, in dem Schwestern und

Brüder harmonisch zusammenspielen:

im Lied universal und im Leben lokal.

Maria – Vorbild und Gefährtin

Wendet sich das Salve Regina eines

Mönchs aus dem Tränental an eine Lichtgestalt

im Himmel, sieht Franz Maria an

der Seite ihres Sohnes auf Erden unterwegs:

»Ich, Bruder Franz, arm und klein,

will dem Leben und der Armut unseres

Herrn Jesus Christus und seiner Mutter

nachfolgen« (VermKl). Wenn die Poverelle

in San Damiano mit Maria poverella

Jesus barfuß bis ans Ziel folgen, »wird

eine jede mit Maria im Himmel gekrönt

werden« (MahnKl): Maria lädt nicht zu

Weltflucht ein, sondern ermutigt zum

Leben im Hier und Jetzt. Franz sieht Klaras

Schwestern in Marias intime Gottesnähe

gerufen (FormKl). In einem Brief bestärkt

er die Gläubigen zur dreifachen Gottesfreundschaft:

als »Töchter und Söhne

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

des Vaters, im Dienst des Höchsten«

– als »Geschwister, Jünger und Mütter

Christi, den wir alle durch unser

Leben neu auf die Welt bringen« – als

»Geliebte des Heiligen Geistes« (1 Gl).

Weibliche Züge Gottes

»Verliebt in deine Schönheit verband

sich Gottes Sohn mit dir einzig in der

Welt« (SC): Jesus findet von der Krippe

bis zum Kreuz in Frau Armut seine

liebste Freundin. In den Fußspuren Jesu

leben und seiner Freundin gefallen färbt

franziskanische Nachfolge spirituell auch

weiblich. Der Heilige Geist erhält in der

Poesie des Poverello ebenso weibliche

Gesichter: Die edlen Frauen Weisheit,

Schlichtheit, Liebe, Demut, Armut und

Geschwisterlichkeit werden nicht nur

als Lehrerinnen besungen, sondern als

göttliche Kraft in jede Seele eingegossen.

Fra Roberto Pasotti: Franziskus umarmt Frau Armut, 2003

Der Lobpreis von La Verna spricht Gott

weitere weibliche Namen zu:

Du – zärtliche Liebe,

Kostende Weisheit – Du

Du – Schönheit

Du – erfüllte Stille

Du – Hoffnung

Unsere Freude – Du

Gerechtigkeit – Du

Du – Innere Ruhe

Gottes weibliche Dimension macht die

Schöpfung geschwisterlich, den Bruder

mütterlich und Glaube zu Freundschaft.

Br. Nikolaus Kuster ofmcap

Bruder Nikolaus ist schweizerischer Kapuziner

und Dozent für Kirchengeschichte am Religionspädagogischen

Institut Luzern. Außerdem hält er

regelmäßig Vorlesungen in Venedig, Madrid und

Münster.

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

Machtverhältnisse verändern

Wohlstand und Gleichberechtigung hängen zusammen

»Babaçu livre«: Mit der Herstellung von Seife aus der Babaçu­Nuss sichert eine Frauenkooperative im Nordosten Brasiliens den Lebensunterhalt und fördert gleichzeitig

den Schutz der Palmwälder.

Frauen sind ein entscheidender Faktor für

die Entwicklung von Gesellschaften und die

Bekämpfung der Armut. Doch es reicht nicht,

sie zu fördern. Ihre Diskriminierung muss

beseitigt werden, damit menschenwürdiges

Leben ohne Armut möglich ist.

Seit den 1960er Jahren ist die zielgerichtete

Unterstützung von Frauen

maßgeblicher Bestandteil der Entwicklungsarbeit

staatlicher Stellen und

Nichtregierungsorganisationen. Im Laufe

der Jahrzehnte hat sich diese Förderung

allerdings verändert. Man ist vom Instrument

der karitativen Frauenförderung

oder der isolierten Frauenprojekte abgekommen,

da die Frauen dabei eine zu

passive Rolle einnahmen: Sie erhielten

zwar Hilfe in Form von Lebens­, Sach­

oder Geldmitteln, nahmen aber am Entwicklungsprozess

nicht aktiv teil. Ihre

gesellschaftliche Rolle wurde verfestigt

und auf die Funktion der Familienversorgerin

festgelegt. Noch heute erzeugen

Frauen in den Entwicklungsländern

80 % der Grundnahrungsmittel, besitzen

aber nur 10 % der Anbauflächen.

Zwei Drittel der Ärmsten sind Frauen.

70 % aller unbezahlten Arbeit wird von

Frauen verrichtet, aber nur 10 % des

Einkommens von ihnen bezogen.

Folgen eines patriarchalen

Geschlechterbildes

In vielen Gesellschaften des Südens

werden zudem Frauen durch Traditionen

und gesellschaftliche Strukturen

unterdrückt und an der Ausübung ihres

Selbstbestimmungsrechtes gehindert.

Dies sind oft Folgen eines patriarchalen

Geschlechterbildes, das religiös oder

kulturell begründet wird und das Entwicklung

und Fortschritt behindert.

Frauen haben oft nur eingeschränkt

Zugang zu Ausbildung

und Bildung. Zwei Drittel aller

Analphabeten sind Frauen. Sie

wissen nicht um ihre Rechte und

sind geschlechtsspezifischer

Gewalt wehrlos ausgesetzt.

Frauen haben oft nur eingeschränkten

Zugang zum Gesundheitswesen

und zu Medikamenten.

So sind Präventions­ und Behandlungsmethoden

nicht wirksam: Der

Anteil an HIV­infizierten Frauen

stieg beispielsweise in den letzten

zwölf Jahren von 12 % auf 60 %.

Frauen haben oft nur eingeschränkten

Zugang zu Märkten

und zum Arbeitsmarkt. Sie leben

dadurch in ökonomischer Abhängigkeit

und können zum Haushaltseinkommen

nicht beitragen.

Frauen haben oft nur eingeschränkten

Zugang zu wirtschaftlichen

und politischen Entscheidungsgremien:

so sind nur 17,9 %

aller Parlamentsmitglieder weltweit

weiblich und nur 14 % aller

Führungspositionen in Wirtschaft

und Verwaltung sind mit Frauen

besetzt.


Gleichstellungsorientierung

Seit der Weltfrauenkonferenz in

Peking 1995 nutzen mehr und mehr

Organisationen darum das Instrument

des Gender Mainstreaming,

das die gesellschaftlichen Strukturen

in den Blick nimmt und versucht,

die traditionellen gesellschaftlichen

Rollen in allen Politikbereichen durch

die Entwicklungszusammenarbeit

in Frage zu stellen. Die Machtverhältnisse

sollen verändert und

Geschlechter differenzierende Sichtweisen

eingebracht werden, die die

unterschiedlichen Fähigkeiten und

Anliegen von Männern und Frauen

berücksichtigen.

Dabei sollen vor allem drei Aspekte

in den Blick genommen werden:

Gerechtigkeit soll hergestellt

werden. Die Gleichstellung von

Frauen und Männern ist ein

Menschenrecht und Voraussetzung

für soziale Gerechtigkeit

innerhalb einer Gesellschaft.

Differenziertes Handeln soll

ermöglicht werden. Frauen und

Männer haben unterschiedliche

Bedürfnisse und Anliegen, die

berücksichtigt werden müssen,

um eine gerechte und friedvolle

Gesellschaft zu ermöglichen.

Armut soll bekämpft werden.

Die Gleichberechtigung von

Männern und Frauen führt

zu höherer wirtschaftlicher

Effektivität und ist damit ein

indirektes Instrument der

Armutsbekämpfung.

Dank Frauen auf Erfolgswegen

Gesellschaften mit einem hohen Maß

an Gleichberechtigung zwischen

Frauen und Männern weisen ein

höheres Wirtschaftswachstum auf

als Länder, in denen Frauen weniger

Rechte und weniger Möglichkeiten

der Partizipation haben. Auch wenn

Wirtschaftswachstum an sich nicht

unbedingt bedeutet, dass sich Länder

entwickeln und Armut gelindert

wird, so bestärkt der Zusammenhang

zwischen Wachstum und Chancengleichheit

doch, was internationale

Konferenzen und Organisationen seit

1975 immer wieder betonen: dass

die soziale, politische und wirtschaftliche

Teilhabe von Frauen wichtige

Faktoren für die erfolgreiche und

dauerhafte Entwicklung von Gesellschaften

und Staaten darstellen.

An zwei kleinen Beispielen wird

klar, warum das so ist: Laut wissenschaftlicher

Studien geben Frauen ihr

erwirtschaftetes Einkommen bzw.

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

das Haushaltseinkommen eher für die

Versorgung der Familie sowie die Bildung

und Gesundheit ihrer Kinder aus. Sie

schaffen damit die Basis für weitere und

dauerhafte Entwicklung, da ihre Kinder

später gesünder und qualifizierter sind

und dadurch bessere Chancen auf dem

Arbeitsmarkt haben.

In Entscheidungsprozessen, so zeigen

die Erfahrungen der Entwicklungspolitik,

sind Frauen bei der Planung von Infrastrukturmaßnahmen,

wie dem Straßenbau

oder dem Bau von Gemeinschaftseinrichtungen,

pragmatischer als Männer, da

sie in der Regel die Verantwortung für

die Versorgung der Familie tragen und

weniger mobil sind.

In der Menschenrechtserklärung der

Vereinten Nationen von 1948 sind die

Frauenrechte festgeschrieben worden.

Seitdem wird in zahlreichen Konferenzen

und Resolutionen immer wieder

die besondere Rolle der Frauen für die

Entwicklung und die Armutsbekämpfung

betont. So wichtig es ist, den Ländern des

Südens technische und finanzielle Hilfe

zur Verfügung zu stellen – so wichtig

ist es, auch in anderen Ländern Gleichberechtigung

von Männern und Frauen

zu fordern und zu fördern.

Thomas M. Schimmel

Thomas M. Schimmel ist für die Deutsche

Franziskanerprovinz in Berlin tätig.

Harte Nuss mit reichem Kern: Nur da, wo Frauen und Männer wie bei der Verarbeitung der Babaçu­Nuss gleichberechtigt zusammenarbeiten,

gewinnt das Leben eine positive Zukunftsperspektive.

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

Die weibliche Seite Gottes

Von der Muttergöttin zur Muttergottes

»Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.

Als Mann und Frau schuf er sie.« (Gen 1,27).

Wenn Gottes Abbilder Mann und Frau sind,

warum sollte Gott dann nur männliche Eigenschaften

haben? Was viele nicht wissen: In

der Bibel offenbart sich Gott immer wieder

von seiner weiblichen Seite. Die Tradition

der Kirche überträgt den weiblichen Part im

Himmel auf die Gottesmutter Maria. Im Zuge

der Christianisierung übernimmt Maria zum

Teil die Aufgaben der heidnischen Göttinnen,

zum Teil werden alttestamentliche Bibelstellen

auf sie umgedeutet.

Paulus wollte in Ephesus den Glauben

an Christus verkünden, doch seine Mission

endete im Desaster. Hier, wo der Tempel der

Göttin Artemis stand, eines der sieben Weltwunder

der Antike, hatten die Händler und

Silberschmiede keinerlei Interesse an einem

neuen Glauben. Sie wiegelten die Einwohner

auf, die stundenlang riefen: »Groß ist die

Artemis von Ephesus.« (Apg 19).

Fruchtbarkeitsgöttinnen aus Jerusalem: Sie spielten eine

große Rolle in der frühen Frömmigkeit, da Kinderlosigkeit

als Schande galt und die materielle Zukunft in Frage stellte.

Muttergöttin Isis

Nicht nur in Ephesus musste sich das

Christentum gegen die Göttinnenkulte

behaupten. Ägypten war das erste

christliche Land der Welt, doch erst im

6. Jahrhundert nach Christus ordnete

der »allerchristlichste Kaiser« Justinian

an, den Tempel der Göttin Isis auf

der Insel Philae bei Assuan nach über

1.000­jähriger Kult geschichte zu

schließen. Die ägyptische Muttergöttin

Isis war so beliebt, dass ihr Kult noch

lange Zeit geduldet wurde. Isis war

eine globale Göttin. Ihr Verehrungsgebiet

reichte von Ägypten, über die

britischen Inseln, bis auf das Gebiet

des heutigen Irak. Auch in Augsburg,

Mainz und Köln beteten Gläubige in

Tempeln der Isis.

Darstellungen der Isis zeigen eine

thronende Muttergöttin mit ihrem

Sohn Horus auf dem Schoß. Die

Bedeutung solcher Bilder erkannte

der Theologe Klemens von Alexandrien

schon im 2. Jahrhundert nach

Christus: »Komm, ich will dir den

Logos zeigen in Bildern, die dir vertraut

sind.« Anfang des 3. Jahrhunderts

tauchte der Isis­Bildtypus mit Mutter

Maria und ihrem Sohn Jesus auf dem

Schoß erstmalig in Rom in der Priscilla

Katakombe auf.

Eine andere, beliebte Darstellung

der Isis findet sich auch in der Bibel.

Isis breitet ihre schützenden Flügel

aus. Es sind die Flügel eines Geiers.

Die Altorientalen sahen im Geier ein

mütterlich sorgendes Tier. Und als

Mose mit dem Volk Israel den Sinai

erreichte, heißt es in der Bibel: »Ihr

habt gesehen, was ich den Ägyptern

angetan habe, wie ich euch auf Geierflügeln

getragen und bis hierher zu mir

gebracht habe.« (Ex 19,4).

Wir singen heute: »Lobe den

Herren, der alles so herrlich regieret,

der dich auf Adelers Fittichen sicher

geführet ...«. Wenn die alten Hebräer

in den Psalmen die schützenden Flügel

Gottes besangen, dachten sie an eine

weiblich­behütende Gottheit. Wir

denken an einen männlich­königlichen

Gott. Die Übersetzer der griechischsprachigen

Bibel, der Bibel, die die

Christen in den Urgemeinden lasen,

haben aus dem in unserem Kulturkreis

negativ besetzten Aasgeier einen Adler

geschaffen.

Gottesmutter Maria

Maria breitet stattdessen ihren schützenden

Mantel über die Gläubigen aus,

ein Bild, das besonders zu Kriegszeiten

sehr populär war. Als Schild Jahwes

griff Maria aber auch aktiv ins Kampfgeschehen

ein. Ihren unverhofften Sieg

gegen die Türken bei der Seeschlacht

von Lepanto (1571) führten die

Christen nicht auf Macht oder Waffen,

sondern allein auf Maria zurück. Die

Schlachten der Gegenreformation

wurden unter dem Beistand Mariens

geschlagen. Die Siegessäulen aus dem

Barock zeigen Maria im Strahlenkranz,

mit Sternen um ihr Haupt und auf einer

Mondsichel stehend. Genauso stellten

die Altorientalen ihre kriegerische Himmelskönigin

und Jungfrau Ischtar dar.

Christliche Künstler griffen dabei auf

die Worte aus der Johannesapokalypse

zurück: »Dann erschien ein großes

Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der

Sonne bekleidet; der Mond war unter

ihren Füßen und ein Kranz von zwölf

Sternen auf ihrem Haupt.« (Apk. 12,1).

Theologen deuteten diese Worte auf

Maria hin, die Johannes in seiner Offenbarung

sicher nicht vor Augen hatte.

Heute dient diese Bibelstelle – wenig

kriegerisch – als Lesungstext an Mariä

Himmelfahrt (15. August).

An Mariä Himmelfahrt pflegen viele

Pfarrgemeinden auch wieder den alten

Brauch der Kräuterweihe. Dieser geht

auf heidnische Wurzeln zurück und

war eine Zeitlang verboten, bis er Maria

unterstellt wurde. Maria stiftet ihren

Segen für die Heilkraft der Kräuter.

Aber Maria ist auch die, die wachsen

und gedeihen lässt. Wir besingen sie als

Maienkönigin: »Maria dir befehlen wir,

was grünt und blüht auf Erden. Oh lass

es eine Himmelszier in Gottes Garten

werden.«


Maria trat an die Stelle der alten

Fruchtbarkeitsgöttinnen, an die sich

die Menschen seit den Anfängen des

Ackerbaus wandten. Mindestens seit

dem 6. Jahrhundert verehren Christen

Maria als fruchtbringenden Acker,

dargestellt mit Ährenmantel. Das alte

bäuerliche Jahr gewann seine Struktur

durch die Marienfeiertage: Es begann

mit Mariä Lichtmess, wenn die Tage

wieder heller wurden und endete

mit Mariä Geburt im September,

wenn der Pfarrer das Getreide für

die Winter aussaat segnete.

Zwei Überlieferungsstränge

vereinten sich in Maria: die weiblichgöttlichen

Bilder der Bibel, die auf

Maria hin ausgelegt wurden, und die

Göttinnenvorstellungen aus der heidnischen

Umwelt, die in Maria eine

neue Deutung erfuhren. Da die Bibel

in den Bildern ihrer Zeit spricht, finden

sich viele Vorstellungen göttlicher

Weiblichkeit sowohl in den biblischen

Texten als auch in der biblischen

Umwelt, so zum Beispiel die personifizierte,

weibliche Weisheit.

Die Ägypter verehrten in der

Göttin Maat Weisheit und Lebensklugheit.

Im Totengericht bekannten

sie, Maat­gerecht gelebt zu haben.

Aber auch im Alten Testament tritt die

Weisheit als personifizierte, weibliche

Gestalt auf. Christliche Theologen

deuteten diese Bibelstellen auf Maria

um. Aus Maria, der einfachen Frau

vom Lande, die Gott wegen ihrer

Niedrigkeit ausgewählt hatte, wurde

die Weisheit in Person, die gebildete

Gottesmutter.

Konsequenterweise tritt Maria

ab dem 9. Jahrhundert in ihren

Biografien als kluge Frau auf, die,

egal, ob gleich nach der Geburt im

Stall oder bei der Flucht auf dem Esel

nach Ägypten, unentwegt Bücher

las. Maria wurde zum Vorbild der

belesenen Oberschichtsfrau. Nicht nur

die Kirchenväter taten sich mit der

schlichten Mutter aus Galiläa schwer.

431 nach Christus, fast 400 Jahre

nach dem missglückten Besuch des

Paulus, tagte das Dritte Ökumenische

Konzil in Ephesus. Die Göttin

Artemis, die Jungfrau und göttliche

Mutter in einem war, durfte nicht

mehr verehrt werden. Dort, wo einst

ihr weltberühmter Tempel stand,

berieten sich die Konzilsväter in der

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Maria als Herrscherin aus der Johannesapokalypse: »Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau,

mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.«

aller ersten Marienkirche der Welt.

Eines ihrer Ergebnisse: Maria, die

heilige Jungfrau, erklärten sie zur

Gottesgebärerin. Maria tritt an die

Stelle der großen Göttin Artemis von

Ephesus, ohne selber Göttin zu sein.

Katrin Rieger

Katrin Rieger ist freiberufliche Theologin.

Ihr Text bezieht sich auf die Ausstellung

»Gott Weiblich«, die sie durch Führungen

und Vorträge begleitet hat.

Ausstellung »Gott Weiblich –

Eine verborgene Seite des

biblischen Gottes«

Die Sammlung, die eine Vielzahl

archäologischer Bildfunde aus

dem Alten Orient zeigt, ist bis

zum 19. Dezember 2010 im

Heidel berger Museum für sakrale

Kunst und Liturgie zu sehen.

Mariendarstellungen spannen den

Bogen von der Urkirche bis zur

Moderne. Weitere Infos unter

www.gott­weiblich­heidelberg.de

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

Antike Geschäftsfrau und Christin

Lydia: Porträt einer frühchristlichen Gemeindeleiterin

Philippi: Ruinen des antiken Marktes und der Basilika

Gestatten, dass ich mich vorstelle: Lydia,

Purpurhändlerin aus Philippi im heutigen

Griechenland. Die erste Christin auf

europäischem Boden. Geboren bin ich in

Thyatira, der Stadt der Färber und Weber

an der persischen Königsstraße. Hier

lernte ich mein Handwerk, den Umgang

mit Purpur. Das Rotviolett der Purpurschnecke

war damals wertvoller als Gold.

Einem Erlass aus dem Jahr 67 vor Christus

gemäß war das Tragen von Purpur dem

Kaiser und seiner Familie vorbehalten. Als

diese Kleiderordnung wenige Jahrzehnte

später in Vergessenheit geriet, schmückten

sich alle, die etwas auf sich hielten, mit

der kostbaren Farbe. In den 30er Jahren

stand der Purpurhandel in voller Blüte,

sodass ich mich entschloss, meinen

Handelssitz aus Lydien nach Ostmakedonien

zu verlegen. Philippi lag an der

Via Egnatia, einer römischen Handelsstraße,

die Rom mit Byzanz verband. Einen

besseren Standort konnte es nicht geben.

Schwester des Glaubens

Als »Frau aus Lydien« – das bedeutet

mein Name – war ich eine stadtbekannte

Persönlichkeit. Ich unterhielt Geschäftsbeziehungen

nach Ägypten, Persien, Rom,

Gallien, Britannien und den Mittelmeerländern.

Mich beschäftigten die Fragen des

Lebens, und so war ich als »Gottesfürchtige«

häufig in unserem Gebetsraum zu

finden, den wir mit einigen Frauen unten

am Fluss unterhielten. Als Gottesfürchtige

wurden damals übrigens die bezeichnet,

die sich dem Judentum verbunden fühlten,

ohne selbst von Geburt aus Jüdin oder Jude

zu sein.

Eines Tages kamen einige Wanderprediger

mit Namen Paulus, Silas und

Thimotheus zu uns, die in unserer kleinen

Synagoge eine neue Lehre verkündeten. Ich

war so begeistert und überzeugt von ihren

Worten, dass ich ihnen Gastfreundschaft

in meinem Haus anbot. Es dauerte nicht

lange, bis ich mich zusammen mit einigen

anderen aus meiner Hausgemeinschaft taufen

ließ. Rasch bildete sich eine kleine Hausgemeinde,

die eifrig den Männern lauschte,

die von Christus erzählten. Ihr könnt dies

nachlesen in der Apostelgeschichte 16,14 ff.

Dort steht geschrieben, dass ich diese Männer

hierzu »nötigte«. Ja, so ganz freiwillig

kamen sie nicht, denn es war eigentlich

völlig indiskutabel für eine alleinstehende

Frau in meiner sozialen Position, alleinstehende

Männer ins Haus einzuladen. Sie

waren dadurch quasi gezwungen, mich als

Schwester des Glaubens anzuerkennen.

Frühchristliche Frauenpower

Eines Tages kam es zu einem Zwischenfall.

Auf dem Weg zur Versammlungsstätte

wurden Paulus und Silas auf offener Straße

überfallen und vor den Stadtpräfekten

gebracht. Man beschuldigte sie, gegen das

Gesetz verstoßen zu haben und ihre eigene

Weltanschauung als göttliches Recht zu

verkünden. Wegen Unruhestiftung und


Erregung öffentlichen Ärgernisses wurden

sie hinter Schloss und Riegel gesetzt. Ich

tat natürlich alles dafür, dass sie so schnell

wie möglich wieder die Freiheit erlangten.

Anschließend schien es angeraten, dass

Paulus und Silas weiterzogen. Ich stattete

sie also mit einem Empfehlungsschreiben

aus, sodass die Freunde in Thessaloniki sie

freundlich aufnahmen. Später schrieb uns

Paulus in einem Brief, dass er uns ins Herz

geschlossen habe und dass er Gott unseretwegen

voller Freude dankte. Ihr findet

seine Zeilen heute im Philipperbrief 1,3 ff.

Während Paulus grundsätzlich sonst

niemandem zur Last fallen wollte und

seinen Lebensunterhalt als Zeltmacher

selbst verdiente, nahm er von uns auch

materielle Unterstützung an.

Das Schweigen brechen

Unsere Hausgemeinden waren die wesentlichen

Stützen unseres Gemeindelebens.

Wir trafen uns zum Gebet, zur Glaubensunterweisung

und zu den eucharistischen

Mahlfeiern. Es war durchaus üblich, dass

diese Hausgemeinden von Frauen geleitet

wurden. Leider wurde die Bedeutung von

uns Frauen über lange Jahrhunderte nicht

gewürdigt. Dies mag auch daran gelegen

haben, dass sich die kirchlichen Strukturen

gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach

Christus zunehmend der patriarchalen

Umwelt anpassten, sodass der Einfluss von

uns Frauen zurückgedrängt wurde. So sehr,

dass wir innerhalb der Kirche zum »Schweigen«

verurteilt wurden (1 Kor 14,34). Es

tröstet mich, dass sich dies bei Euch wieder

verändert hat, wenngleich eine Gemeindeleitung

durch Frauen für Eure Kirchenleitung

noch immer schwer vorstellbar ist.

Wenn Ihr wissen möchtet, wie groß die

Zahl bedeutender frühchristlicher Frauen

und Missionarinnen ist, lest die Liste derjenigen

nach, die Paulus in seinem Römerbrief

grüßt (Röm 16,1­16). Erinnern möchte

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

ich auch an die Apostolin Junia (Röm 16,7,

aus der später ein Männername gemacht

wurde), an die Gemeindeleiterin Nympha

in Laodizäa (Kol 4,15), an die Missionarin

Priska in Korinth (Apg 18,1 ff.; 24 ff.; Röm

16,3­5), an die Diakonin Phöbe in Kenreä

(Röm 16,1) und an Tabita, die viel Gutes tat

und den Armen half. (Apg 9,36­41). Sie alle

lebten die Stelle aus dem Galaterbrief, an

der es heißt: »Es gibt nicht mehr Juden und

Griechen, Sklaven und Freie; denn ihr alle

seid ›einer‹ in Christus Jesus.« (Gal 3,28).

Im Herrn verbündete Schwestern

Für uns Frauen damals bedeutete das, uns

nicht einfach den gesellschaftlich­kulturellen

Zwängen zu fügen, sondern eigenverantwortlich

neue Lebensverhältnisse zu

schaffen. Dazu gehörten das gemeinsame

Arbeiten – Ihr würdet vielleicht sagen:

Teamarbeit – und die Solidarität mit Menschen,

die aus unterschiedlichen Gründen

gefährdet und bedroht waren. Durch Gastfreundschaft

und die gemeinsame Mahlfeier

erwuchs eine geschwisterliche und

solidarische Gemeinschaft der Glaubenden.

Zusammen zu beten, Gott zu loben und zu

preisen, Zeugnis des Glaubens zu geben,

einander zu ermutigen, zu ermahnen und

beizustehen, die Güter miteinander zu

teilen, die Gegenwart Christi in Brot und

Wein zu erfahren, aus dem Geist heraus

zu leben – all das sind Charismen, die wir

ganz selbstverständlich miteinander teilen:

damals in unserer Hausgemeinschaft und

heute mit Euch.

So grüße ich Euch herzlich und insbesondere

alle meine Schwestern im Herrn,

die bei Euch als Gemeindeleiterinnen

weltweit tätig sind! In Verbundenheit –

Eure Lydia.

Br. Stefan Federbusch ofm

Bruder Stefan ist Schulseelsorger am Franziskanergymnasium

in Großkrotzenburg.

Lydia mit purpurner Schärpe

Lydia damals

eine Purpurhändlerin

eine Frau mit einem Haus

eine Gottesfürchtige

eine Frau, die ihr Herz öffnet

eine Frau, die die fremden

Männer einlädt

eine Frau, die drängte

Lydia heute

eine Frau, die ihre Fähigkeiten kennt

eine Frau, die Verantwortung übernimmt

eine Frau, die sich von Gottes Leben

spendendem Geist leiten lässt

eine Frau, die das Wesentliche entdeckt

eine Frau, die nicht ausgrenzt

eine Frau, die engagiert ist

... Lydia, damals und heute: mutig,

einfühlsam, überzeugend.

Quelle:

Projektgruppe Lydiafest (Hedwig

Lamberty­Zielinski / Petra Lütjen).

»Lydia: Geschäftsfrau – Gastgeberin – Gemeindeleiterin«.

Katholisches Bibelwerk Stuttgart. 2005.

An dieser Stelle des Baches, der heute nach ihr

benannt ist, soll Lydia getauft worden sein.

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

Das afrikanische Frauenbild

Mutterschaft als Voraussetzung für gesellschaftliche Anerkennung

Holzskulptur einer sitzenden Frau von der

Elfenbeinküste; geschwärztes Holz, Höhe 34 cm,

Museum Forum der Völker, Werl;

Die mit Perlenketten, Anhängern und Narbenmustern

geschmückte Frauenfigur dient als Bindeglied zu den

Buschgeistern. Während der Zeremonien gilt sie gar als

deren Wohnsitz.

Mehr als 12.000 Kunst­ und Alltagsgegenstände

aus Amerika, Afrika, Ostasien und

Ozeanien ermöglichen den Besuchern des

Völkerkundemuseum in Werl die Begegnung

mit fremden Völkern, Kulturen und

Religionen. Der Direktor des Museums,

Pater Reinhard Kellerhoff, beschreibt im

folgenden Text traditionelle afrikanische

Frauen­ und Mutterbilder.

Die afrikanische Frau spielt eine wichtige

Rolle – sobald sie Mutter wird.

Denn die afrikanische Gesellschaft

– ob patriarchalisch oder matriarchalisch

– basierte bis Mitte des vorigen

Jahrhunderts auf dem Prinzip der

Blutsverwandtschaft. Nur durch

Kinder sah die Sippe ihren Fortbestand

gewährleistet. Die politischen

und sozialen Reformen der 1950er

Jahre in Afrika führten zwar zu einer

Veränderung der sozialen Strukturen.

Doch bis heute spielt die Frau als

Mutter eine Hauptrolle in den dortigen

Gesellschaften, weil sie durch

ihre Kinder weiterhin die Kontinuität

der Sippe sichert.

Ein Beispiel dafür, was das konkret

bedeutet: Ohne Kinder würde

der Ahnenkult unterbrochen. Für

einen kinderlosen Mann hieße das:

Er hätte niemanden, der nach seinem

Tod für die Erfüllung der Riten sorgt,

die ihm ein unbeschwertes Leben im

Jenseits ermöglichen. Indirekt sichert

die Frau ihrem Mann also durch ihre

Kinder seine Existenz über den Tod

hinaus.

Es ist außerdem die Frau, die

dem Mann den Beweis seiner Fruchtbarkeit

ermöglicht. Im Kameruner

Grasland ist dies die notwendige

Voraussetzung dafür, dass der Sohn

eines Häuptlings die Nachfolge seines

Vaters antreten kann. Bevor der Sohn

den Thron besteigt, muss er während

seiner Initiationsperiode jede Nacht

mit jungen Mädchen verbringen, die

man ihm so lange zuführt, bis eine

von ihnen schwanger wird. Für die

jungen Mädchen aus großen Familien

ist es ein Privileg, zu diesem Zweck

auserwählt zu werden. Die Frau, die

das erste derart gezeugte Kind zur

Welt bringt, bleibt allgemein geachtet

– insbesondere vom Thronnachfolger,

weil er ihr sein Königreich verdankt.

Wird sie auch nicht die Ehegattin, so

wird sie doch von Amts wegen dem

Bund der Königinmütter angehören.

Vor der Ehe

Sowohl die Mädchen, die aus der

eigenen Familie wegheirateten

als auch die jungen Frauen, die

neu in sie einheirateten, erfüllten

bis vor wenigen Jahrzehnten in

Afrika vor allem eine Funktion: die

Nachkommenschaft ihrer Männer

zu sichern. Und nur durch ihre

Mutterschaft sicherte sich die Frau

ihren Platz in der Gesellschaft.

In der Elfenbeinküste, Burkina

Faso und Angola trugen schon kleine

Mädchen Schilf­ und Holzpuppen.

Bei diesen Figuren handelte es sich

nicht um Spielzeug, sondern um

Amulette, deren magische Kraft die

spätere Fruchtbarkeit ihrer Trägerinnen

fördern sollte. Die kleine Figur

wird immer am Rücken getragen, als

wäre sie das gewünschte Kind. Die

Verehrung dieser Objekte gründet auf

einer Legende, wonach eine Frau ein

schönes Mädchen gebar, weil sie ein

solches Amulett getragen hatte.

Initiation

Junge Mädchen wurden nach ihrer

ersten Menstruation oftmals durch

Initiationsriten von der Kindheitsphase

ins Erwachsenenalter hinübergeführt.

Die Zeremonie fand im

heiligen Hain außerhalb des Dorfes

unter der Aufsicht erfahrener Frauen

statt. Früher waren diese Riten oft

mit der Beschneidung der Mädchen

verbunden.

In Sierra Leone erhielten die

Mädchen bei ihrer Initiation Masken.

Eine sehr aufwendige, sorgfältig

gearbeitete Frisur, mehrere Hautfalten


im Nacken als Zeichen des Wohlstands

sowie Salbungen der Maske

und des Körpers mit Palmenöl sollten

die Vorstellung von einer schönen,

reichen Frau wecken. Während der

Initiations zeit lernten die jungen

Mädchen die Regeln des Benehmens,

die sie fortan einhalten mussten. Die

Maske mit dem eingezogenen Kinn

und dem verkleinerten oder nicht vorhandenen

Mund reflektierte die den

Frauen abverlangte Unterwerfung.

Zeit der Ehe

Die Mutterschaft war für die Frau das

Mittel dazu, aus der untergeordneten

Stellung herauszutreten, in der sie

bis dahin gehalten wurde. Die hierzu

geschlossene Ehe war nicht das Ergebnis

gegenseitiger Anziehung zweier

junger Menschen. Sie diente vielmehr

dem Zweck der Verbindung zweier

Netzwerke: ihrer Sippen.

Nach der Hochzeit bestand der

größte Wunsch des jungen Paares

darin, ein Kind zu bekommen. Viele

Frauen waren jedoch unfruchtbar

oder starben bei der Geburt. Daher

hatten Wahrsager, die sich in diesen

Fragen für kompetent ausgaben,

Hochkonjunktur.

In der Hoffnung, dass die Kraft

der Figur auf sie übergehen würde,

zeigte man den betroffenen Frauen in

Kamerun eine Fruchtbarkeitsstatue,

die eine Mutter bei der Niederkunft

mit ihren Zwillingen darstellt. In

stehender Position hält sie ihren

schweren Bauch, während der Kopf

des ersten Kindes bereits erscheint.

Die Konsultation bei dem Wahrsager

fand heimlich statt und war von

einem Ritual und von Opfergaben

begleitet.

In der Elfenbeinküste schrieb

man Unfruchtbarkeit dem Zorn eines

»Ehemannes im Jenseits« oder einem

Naturgeist zu. Der zu Rate gezogene

Wahrsager empfahl, einen Hausaltar

zu errichten und darauf eine Statuette

aufzustellen, die nach seinen Anweisungen

gefertigt wurde. Durch die

Harmonie ihrer Formen und die Feinheit

ihrer künstlerischen Gestaltung

sind manche dieser Statuetten Kunstwerke

voll heiterer Gelassenheit,

geeignet, die Unruhe einer jungen

Ehefrau zu beschwichtigen.

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Holzskulptur Esi mansa Mutter mit Kind

der Akan (Fante) aus Ghana; helles Holz mit

Schwärzung und Patina, Höhe 54 cm, Museum

Forum der Völker, Werl;

Den Esi mansa­Figuren werden Opfergaben dargebracht,

um die Weiterführung des Volks und

sein Wohlergehen zu erbitten. Nach Vorstellung

der Fante wird dies allein durch die Frauen

gewährleistet, weshalb man sich auch stets die

Geburt einer Tochter wünscht.

Nach der Geburt

Afrikanische Bildhauer beschäftigten sich

sehr oft mit dem Thema der Mutter, die

ein Kind trägt oder stillt. Es sind keine

Porträts, sondern kleine Figuren rituellen

Inhalts, die das Fortbestehen des Lebens

verherrlichen. Oft sind auch schwangere

oder stillende Frauen abgebildet, die

nicht menstruieren. Durch ihre körperliche

Verfasstheit nähern sie sich den

alten Frauen und weiblichen Ahnen ihrer

Sippe, an deren geistiger Kraft sie teilhaben.

Mit diesen Mutterschafts­Statuen

schafft der Künstler ein Bild der Frau,

wie sie in den Augen der Afrikaner am

vollkommensten ist.

Holzskulptur Gwandusu, Mutter mit Kind

der Bambara aus Mali; Weichholz mit Patina,

Höhe 44 cm, Museum Forum der Völker, Werl;

Als Abbilder der Urmutter und als Wasserheilige

spielen die Gwandusu­Statuen bei regelmäßigen

öffentlichen Ritualen für kinderlos gebliebene

Ehefrauen eine Rolle: allein der Anblick der

vollkommenen Schönheit solcher Figuren soll

hier Abhilfe schaffen.

P. Reinhard Kellerhoff ofm

P. Reinhard Kellerhoff ist Direktor des Museum

Forum der Völker

Im Rahmen des 350. Jubiläums der Werler

Wallfahrt ist ab April 2011 im Museum Forum

der Völker eine Sonderschau mit dem Titel

»Schaust Du zu mir, so schaue ich zu Dir« zu

sehen. Repliken des Werler Gnadenbildes und

Bilder der Künstlerin Thekla Kampelmann

treffen auf Muttergottheiten aus afrikanischen,

orien talischen und asiatischen Kulturen aus dem

Bestand des Museums Forum der Völker.

Literatur:

Meyer, Laure: »Schwarzafrika. Masken,

Skulpturen, Schmuckstücke«. Pierre

Terrail. Paris. 1992.

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

»Wenn auch wir noch gehen …«

Sr. Romana Baković über ihren Einsatz für Flüchtlingsfrauen

Sr. Romana mit Lehrerinnen und Lehrern des Ausbildungszentrums für traumatisierte Flüchtlingsmädchen in Bukavu, D.R. Kongo

Alle drei Jahre verbringen Missionare drei

Monate in ihrer Heimat, um Kontakte

zu pflegen, sich nötigenfalls medizinisch

behandeln zu lassen und auch, um ein

wenig auszuruhen von ihrem Dauereinsatz

im Missionsgebiet.

Schwester Romana war diesen Sommer

zum Heimaturlaub in Split, Kroatien. Einige

Tage nahm sie sich Zeit, um in der Franziskaner

Mission Dortmund von ihrer Arbeit

in der Demokratischen Republik Kongo

persönlich zu berichten.

Sr. Romana, wie alt waren Sie, als

Sie in den Kongo gegangen sind?

Sr. Romana: Damals war ich 27 Jahre.

Heute bin ich 63. Ich habe also wesentlich

länger in Afrika gelebt als in

Kroatien.

Heute leben Sie in Bukavu, einer

Stadt nahe der Grenze zu Ruanda.

Sind Sie von Anfang an dort gewesen?

Sr. Romana: Nein. Vor dem Bürgerkrieg,

also bis 1996, haben wir in einem Dorf

gelebt. Dort war das Leben ganz anders

als das heute in der Stadt.

Inwiefern?

Sr. Romana: Vor dem Bürgerkrieg

waren die Menschen arm, aber sie

lebten friedlich miteinander. Heute

sind sie immer noch arm – aber jetzt

haben sie außerdem noch Angst

voreinander.

Der Bürgerkrieg ist aber doch

beendet.

Sr. Romana: Ja, trotzdem. Es gab

Ereignisse, nach denen vieles nicht

mehr so ist wie vorher. Das beginnt bei

den ganz kleinen Dingen des Alltags.

Vor dem Bürgerkrieg hätte niemand im

Dorf seine Tür nachts abgeschlossen.

Die Menschen haben einander

vertraut, sie haben sich gegenseitig

nichts Böses getan. Seit dem Bürgerkrieg

traut keiner mehr dem anderen.

Niemand wagt mehr, öffentlich seine

Meinung zu sagen.

Warum das nicht?

Sr. Romana: Weil er damit sein

Leben riskiert. Wir haben in unserem

Zentrum eine Mutter, deren Sohn

Journalist war. Er prangerte Missstände

öffentlich an – und wurde ermordet.

Eine unserer Lehrerinnen hatte

einen Mann, der die Soldaten seiner

Nachbarschaft sehr höflich bat: »Wenn

ihr Holz zum Feuermachen braucht,

brecht doch nicht in unsere Schulen ein

und zerstört dort nicht das ganze Inventar.

Fragt uns, und wir werden euch

besorgen, was ihr braucht!« Wenige

Tage später war der Mann tot. Man

fand ihn ermordet im eigenen Garten.

Sind die Schwestern auch bedroht

worden?

Sr. Romana: Ja, mehrmals. Einmal

war ich alleine zu Hause, als Soldaten

die Tür eintraten und mich mit dem

Messer bedrohten. Sie verlangten

Geld. Ich ging mit ihnen durch die

Räume, öffnete alle Schubladen vor

ihren Augen, um ihnen zu zeigen,

dass dort nichts zu holen war. Aber sie

ließen nicht locker. Ich dachte, dies

wäre meine letzte Stunde. Schließlich

brachte ich sie zu dem Zimmer, in

dem wir unsere gesamten Ersparnisse


für die Armen aufbewahrt hatten.

Sie nahmen alles mit. Das bedeutete:

Wir hatten für die Armen im

nächsten Monat nichts. Wenn Sie

dann sehen, dass die Kinder in der

Schule mehrere Tage nichts zu essen

bekommen, schmeckt Ihnen das

eigene Essen auch nicht mehr.

Haben Sie manchmal daran

gedacht, nach Kroatien zurückzukehren?

Sr. Romana: Ja, diese Frage mussten

wir alle uns natürlich stellen. Wir

sind elf Schwestern, die aus Kroatien

stammen und nun im Kongo leben.

Als es ganz schlimm wurde während

des Bürgerkrieges, hat unsere

Provinzialin jeder Einzelnen von

uns freigestellt, nach Europa zurückzugehen.

Aber wir alle haben

damals gesagt: Wir sind hier, um

mit den Menschen zu leben – und

notfalls auch mit ihnen zu sterben.

Wenn auch wir noch gehen: Wer

bleibt bei ihnen und teilt ihre Not?

Was genau machen Sie jetzt in

Bukavu?

Sr. Romana: Wir haben dort ein

Ausbildungszentrum für Flüchtlingsmädchen

eingerichtet. Sie alle haben

schreckliche Dinge erlebt. Eins der

Kinder wurde bereits mit fünf Jahren

missbraucht. Ein Großteil unserer

Schülerinnen hat mit eigenen Augen

zusehen müssen, wie die Eltern

ermordet wurden. Viele wurden vergewaltigt,

manche einmal, manche

immer wieder. Man kann sich das

Grauen, das diese jungen Menschen

hinter sich haben, und das Leid,

das sie dadurch an Leib und Seele

erlitten haben, kaum vorstellen.

Wodurch helfen Sie den

Mädchen und Frauen?

Sr. Romana: Die jungen Mädchen

lernen bei uns Rechnen, Schreiben

und Lesen. Die meisten von ihnen

können das noch nicht, wenn sie zu

uns kommen, weil viele Familien

im Kongo immer noch zuerst ihre

Söhne zur Schule schicken. Wenn

Nähstunde in Bukavu

Mittelseite

»Entwicklung ist weiblich«: Die Bilder der

Mittelseite zeigen Frauen aus Brasilien, Ostafrika,

Europa und Vietnam, die mit der Basisarbeit der

das Schulgeld nicht für alle Kinder

reicht, müssen die Töchter einfach

zu Hause bleiben.

Zusätzlich zu diesem Unterricht

bieten wir auch Nähkurse an. Am

Ende der Ausbildung erhält jede der

Schülerinnen eine Nähmaschine von

uns geschenkt, damit sie anschließend

ihren Lebensunterhalt selbst

verdienen kann. Sie können sich

kaum vorstellen, welche Freude

dieses Geschenk bei den Mädchen

hervorruft. Denn es sichert ihnen

nicht nur ein eigenes Einkommen.

Die Tatsache, dass sie finanziell

abgesichert sind, macht sie über

Nacht zu begehrten Heiratskandidatinnen.

Eine Frau, die Geld

verdient, kann sich aussuchen, wen

sie heiratet. Sonst ist das in Afrika

umgekehrt. Wenn man bedenkt, wie

die meisten Ehefrauen im Kongo von

ihren Männern behandelt werden,

ist das ein nicht zu unterschätzender

Nebeneffekt.

Außerdem fällt es den jungen

Frauen durch ihre Arbeit leichter,

das, was sie erlebt haben, zu vergessen.

Übrigens hilft ihnen zurzeit

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

auch eine Psychologin in unserem

Zentrum, ihre traumatischen Erlebnisse

seelisch zu verarbeiten. Wir

wissen aber nicht, ob wir dies in

Zukunft weiter anbieten können.

Wovon hängt das ab?

Sr. Romana: Von unseren finanziellen

Möglichkeiten. Eine Einzelsitzung bei

der Psychologin kostet 10 Euro, die

Teilnahme an zehn Gruppensitzungen

17 Euro pro Jahr. Für europäische

Verhältnisse sind das vielleicht überschaubare

Beträge. Im Kongo ist das

aber unermesslich viel Geld.

Sr. Romana Baković

Schwester Romana gehört dem Orden der

Franziskanerinnen von Christkönig an und

lebt seit 1974 in der Demokratischen Republik

Kongo. Sie leitet das im Jahr 2000 gegründete

Ausbildungszentrum für Flüchtlingsmädchen

in Bukavu.

Franziskaner verbunden sind. Sie schenken der Welt

durch ihren Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und

Bewahrung der Schöpfung ein neues Gesicht. >>

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

»Wenn wir wenigstens einmal im

Monat Messe feiern könnten!«

Gespräch mit der bolivianischen Gemeindeleiterin Agustina Crispin

Gemeindeleiterin Agustina Crispin mit Pfarrer Robert Hof und den Kindern David und Willian

In vielen Teilen der Welt gibt es zu wenige

Priester, als dass sie die Außenbezirke ihrer

Pfarreien regelmäßig erreichen könnten. Damit

das Gemeindeleben dort trotzdem lebendig

bleibt, werden Leute aus dem einfachen Volk zu

Gemeindeleitern, sogenannten »Líderes« ausgebildet.

Sie leiten sonntags die Gottesdienste,

sie bereiten Kinder und Jugendliche auf die

Sakramente vor und sie besuchen die alten

und kranken Menschen aus ihrem Dorf.

Agustina Crispin ist 37 Jahre alt und Gemeindeleiterin,

»Líderin«, in Palestina – nicht in dem

Staat im Nahen Osten, sondern in einem kleinen

gleichnamigen Ort in Bolivien, knapp 70 km von

der Provinzhauptstadt Concepción entfernt. In

Palestina leben 32 Familien mit vielen Kindern.

Pfarrer Robert Hof hat Doña Agustina dort besucht

und mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Guten Tag, Doña Agustina, wie

geht es Ihnen?

A. Crispin: Guten Tag, Padre Roberto,

mir geht es gut und Ihnen?

Danke, gut. Störe ich?

A. Crispin: Nein, nein, ich komme

gerade von Guayaba, wo dieses Jahr

das Schülersportfest stattgefunden

hat. Einer muss ja die Kinder unseres

Dorfes begleiten, damit sie die Woche

über gut betreut sind.

Dann sind Sie jetzt bestimmt

recht müde. Darf ich mit Ihnen

trotzdem ein kleines Interview

machen für eine Zeitschrift der

deutschen Franziskaner?

A. Crispin: Mit mir? Warum denn

gerade mit mir (lacht)?

Weil Sie Líderin, oder – wie

man in Deutschland sagt

– » Katechistin« sind. Das ist

etwas Besonderes. Und es gibt

wenige Frauen, die dieses Amt

ausüben. Und ein Foto brauche

ich auch noch von Ihnen.

A. Crispin: Ein Foto? Gut, aber

dann will ich mich erst noch schön

machen (lacht).

Ein nettes Häuschen haben Sie.

Und sogar bemalt.

A. Crispin: Ja, dieses Haus wurde

möglich durch die Hausbaukooperative

»casas dignas« (»Häuser statt

Hütten«), ein Projekt von Padre

Reinaldo. Er hat uns dabei viel

geholfen. Die Kinder haben es angemalt.

Der Boden ist sogar gefliest.


Wie viele Kinder haben Sie?

A. Crispin: Ich ziehe zwei Kinder groß,

David ist sechs Jahre alt und Willian acht.

Außerdem kümmere ich mich auch um

meinen Neffen, der ist 16.

Sind Sie verheiratet?

A. Crispin: Ja. Selbstverständlich auch

kirchlich.

Was sagt denn Ihr Mann dazu, dass

Sie im Dorf als Líderin arbeiten?

A. Crispin: Mein Mann unterstützt mich

dabei. Er selbst war viele Jahre Líder in

seinem Heimatdorf in San Antonio de

Lomerío. Er hilft mir immer, die Gottesdienste

vorzubereiten und die Lieder

auszusuchen.

Wie lange sind Sie schon in Ihrem

Dorf Palestina als Líderin aktiv?

A. Crispin: Seit wir uns im Jahr 2001

hier angesiedelt haben. Ich komme

ursprünglich aus Santa Ana de Velasco.

Mein Mann und ich kamen hierher, weil

das Land hier fruchtbarer ist. Es hat uns

hier von Anfang an gut gefallen. Damals

war Padre Reinaldo Pfarrer, der hat mich

dazu ermutigt. Es gab hier nur einen

Líder, der brauchte Unterstützung. Jesus

hat ja auch seine Jünger immer zu zweit

ausgesandt, wie wir im Kurs gelernt

haben. Einer allein verliert leicht den

Mut. Ich spürte also die Notwendigkeit,

aber auch so etwas wie eine Berufung.

Schon in meiner Jugend war ich in einer

Jugendgruppe engagiert. Zusammen mit

»Moises«, so heißt mein Kollege, habe

ich dann angepackt. Die ersten Male, als

ich einen Gottesdienst halten und vor

den Leuten sprechen sollte, war ich so

aufgeregt, dass mir die Stimme versagte

und ich weinen musste. Ich betete zum

Herrn, dass er mir die Angst nehme.

Mittlerweile fühle ich mich aber sicher

und es macht mir richtig Spaß, vor den

Leuten zu sprechen. Dabei helfen die

Kurse viel, die die Pfarrei zusammen mit

Mauro, dem hauptamtlichen Katechisten,

veranstaltet.

Dann sind Sie schon neun Jahre

Líderin. Worin bestehen Ihre Aufgaben?

Was freut Sie am meisten?

Was ist eher schwer?

A. Crispin: Zunächst heißt es, Sonntag

für Sonntag einen einfachen Gottesdienst

oder zumindest ein Gebet vorzubereiten.

Dann das Fest zum Patrozinium »Santo

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Agustina Crispin im Gespräch mit Pfarrer Robert Hof: »Mit dem Besuch der Ordensschwestern sind wir

sehr zufrieden. Sie kommen alle 14 Tage und machen mit uns Handarbeiten, schauen nach der Gesundheit

unserer Kinder und lehren uns viele wichtige Dinge in Sachen Ernährung.«

Tomas«. Ich bereite die Leute auf die

Sakramente vor, unterrichte die Kinder

und Jugendlichen im Glauben, so gut ich

kann, besuche die Kranken und Alten,

schaue nach denen, die besonders bedürftig

sind, versuche Frieden in der Gemeinde

zu schaffen, Streit und Spaltungen zu

überwinden.

Die größte Sorge bereiten uns die

Sekten, die immer wieder auftauchen,

derzeit sind es Zeugen Jehovas. Vor Jahren

hat sich unser Dorf wegen einer Sekte

total gespalten. Immer mehr liefen zu den

» hermanos evangelicos« über, die einen

Pastor vor Ort hatten. Am Ende hieß

unser Dorf »Palestina«, der Name ist uns

bis heute geblieben. Ursprünglich hießen

wir »Soriocó«, benannt nach einem Baum,

der hier wächst. Eigentlich sollten wir uns

»Santo Tomas« nennen, so heißt unser

Patron.

Was macht eine Frau als Líderin

anders als ein Mann?

A. Crispin: Im Prinzip machen wir das

Gleiche. Vielleicht kann sich eine Frau

etwas besser in die Kranken und Alten

einfühlen. Aber das Dorf hört mehr auf

einen männlichen Líder. Einer Frau folgen

sie nicht so leicht, finde ich.

Was wünschen Sie sich seitens der

Padres und der Schwestern?

A. Crispin: Mit dem Besuch der Ordensschwestern

sind wir sehr zufrieden. Sie

kommen alle 14 Tage und machen mit

uns Handarbeiten, schauen nach der

Gesundheit unserer Kinder und lehren uns

viele wichtige Dinge in Sachen Ernährung

und Hygiene. Es ist halt schade, dass die

Padres so selten vorbeikommen können.

Wenn doch wenigstens an einem Sonntag

im Monat ein Priester vorbeikommen

könnte, um mit uns die Messe zu feiern

und eine richtige Predigt zu halten. Das

wäre schön. Uns fehlt außerdem ein Versammlungsraum,

in dem sich die Frauen

mit den Schwestern treffen können, um

zu arbeiten.

Vielen Dank, Doña Agustina, für

dieses Gespräch. Viel Mut und Gottes

Segen für Ihre Aufgabe! Ihr Zeugnis

als engagierte Frau macht auch uns

Mut in der Kirche Deutschlands.

A. Crispin: Danke, Padre Roberto. Gern

geschehen. Grüßen Sie Ihre Landsleute

in Deutschland. Jetzt muss ich Ihnen

aber noch unbedingt die Schäden an der

Kapelle zeigen, die kaputten Fenster, die

Stellen, durch die es hereintropft, den

Balken, der fault, ...

Agustina Crispin

Agustina Crispin ist seit neun Jahren Gemeindeleiterin

in Palestina, Bolivien.

Das Gespräch führte Pfarrer Robert Hof.

Robert Hof ist seit 2008 Missionar in Santa

Cruz, Bolivien.

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

»Geschenk des Glaubens«

Als deutsche Pastoralreferentin in Bolivien

Treffen einer Frauengruppe: Die bolivianischen Gruppenleiterinnen warten nicht mehr allein auf Weisungen der (weißen) Missionare; ihrer Möglichkeiten und ihrer

Verantwortung bewusst, treffen sie selbst Entscheidungen.

Ursula Knauer ist Pastoralreferentin

der Diözese Mainz und seit 15 Jahren

in Bolivien tätig. Vor einigen Jahren

hat sie im Vikariat Ñuflo de Chávez

die Leitung der Frauenarbeit in der

Diözesan­Caritas übernommen. Pater

Leopold Scheifele hat einige Passagen

aus ihren Berichten zusammengestellt,

mit denen sie im Mensajero, dem

Rundbrief des Vika riates, regelmäßig

ihre Arbeit beschreibt. Der Text macht

deutlich, was sie als Fidei Donum

(»Geschenk des Glaubens«) in Bolivien

gibt und gewinnt.

Produktionsgruppen

Juli 2009

Auf zwei Verkaufsausstellungen fanden

die Handarbeitsprodukte unserer Frauen

guten Absatz und das gab ihnen allen einen

Motivationsschub. Nun konzentriert sich

ihre Arbeit auf die Vorbereitung der großen,

internationalen Verkaufsausstellung in

Santa Cruz im September, wozu sie auch

schon Unterstützung bei ihren jeweiligen

Stadtverwaltungen beantragt haben. Ich

freue mich, wenn ich sehe, wie sie langsam

Selbstvertrauen gewinnen und bei den

zuständigen Behörden ihre Interessen

vertreten lernen.

Mai 2010

Das Frauenprojekt mausert sich und wird

zu einem Vorzeigeprojekt in dem Maße, in

dem die Frauen immer schönere und besser

verarbeitete Produkte herstellen und ihre

Interessen immer selbstbewusster vertreten.

Dazu tragen unsere regelmäßigen Treffen

mit den einzelnen Gruppen bei, aber auch

die Bewusstseinsbildung, die die Frauen

mittlerweile selber übernehmen.

Anfang Mai war in Santa Cruz

eine internationale Messe namens

»Aus stellung für die Frau«, mit Mode,

Accessoires, Kosmetik und Haushaltsartikeln.

Aufgrund unseres mittlerweile

freundschaftlichen Kontaktes zu der

Mode designerin Ingrid Hölters und

dank ihrer Vermittlung konnten wir für

unsere Frauen einen kostenlosen Stand

in einer der Messehallen bekommen.

Dort lernten die Frauen unter professioneller

Anleitung, wie man Produkte

wirksam präsentiert und verkauft.

Eigenständige Leitung

Februar 2009

Fast lässt mir die Ausbildung von

bolivianischen Gruppenleiterinnen keine

Zeit mehr zur unmittelbaren Begegnung

mit den Frauen auf dem Lande. Aber

auf der anderen Seite ist es besser, wenn

die Menschen hier überwiegend mit


oli vianischen Mitarbeitenden zusammenkommen,

weil sie sonst nur schwer aus

ihrer durch Jahrhunderte der Missionierung

angelernten Haltung herausfinden:

Für alles ist der weiße Pater oder die

weiße Schwester da!

Manchmal, wenn ich bei den Treffen

unserer Frauengruppen dabei bin, merke

ich dies noch deutlich: Alle Frauen warten

immer auf meine Meinung, auf meine

Vorschläge, um dann der Einfachheit

halber zuzustimmen.

Dieses Verhalten ist auf der einen

Seite Ausdruck ihres Respekts, aber auf

der anderen Seite auch simple Bequemlichkeit,

weil sie dadurch nicht selber

nachdenken oder tätig werden müssen. So

bin ich froh, dass meine Mitarbeiterinnen

in diesem Punkt sehr konsequent sind und

ein solches Verhalten bei den Frauen nicht

mehr durchgehen lassen.

Die Frauen haben auf diese Weise

schon gelernt, Verantwortung zu übernehmen

und sich selbst zu organisieren,

wenn sie auf eine Verkaufsausstellung

gehen wollen. Am Anfang war es fast

unmöglich, für ihre Kunsthandwerk­

Vereinigung ein Leitungsteam zu erstellen

– keine wollte gewählt werden! Aber nach

und nach haben sie sich an den Gedanken

gewöhnt, dass in Zukunft niemand für sie

sorgt, wenn sie ihre Interessen nicht selbst

in die Hand nehmen.

Unentgeltlich zur Verfügung gestellter Verkaufsstand

bei der Messe in Santa Cruz: Die Frauen

bieten Mode, Accessoires und Haushaltsartikel

an, die sie selbst hergestellt haben.

Radioprogramm

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Vorzeigeprojekt Handarbeitsgruppe: Die Frauen stellen immer schönere und besser verarbeitete

Produkte her und vertreten ihre Interessen inzwischen selbstbewusster als früher.

Advent 2009

Die Frauen der Gruppe in San Ramón

haben nach anfänglichem Zögern und

Zaudern eine ungewohnte Tätigkeit

entfaltet: sie gestalten ein eigenes

»Frauen programm« im örtlichen Radio.

Aber die Frauen mussten erst himmelhohe

Hürden von Scheu und Unsicherheit

überwinden, bevor sich letzte

Woche die ersten beiden »Tapferen«

ans Mikrofon trauten. Aber alles lief

so prima, dass auch die anderen Mut

fassten und sich der ungewohnten

Erfahrung stellen wollen. Für unsere

Arbeit ist das ein riesiger Erfolg. Denn

diese Frauen treten mutig aus ihrem

bisherigen Rollenverständnis heraus

und erobern neue Bereiche.

März 2010

Unsere Frauen haben sich in Sachen

Radioprogramm hervorragend entwickelt;

zwei von ihnen haben sich

sogar als regelrechte Moderationstalente

entpuppt, die mittlerweile ihr

Frauenprogramm »Mi voz se escucha«

(»Meine Stimme wird gehört«) souverän

durchführen. So haben sie in den letzten

Folgen nacheinander die örtlichen Kandi ­

daten für das Bürgermeisteramt im Radio

live zu ihren Wahlprogrammen befragt.

In diesem Monat März werden

wir auch zusammen mit den Vertretern

der örtlichen Bürgerkomitees eine Art

P odiumsdiskussion mit den Spitzenkandidaten

der Kommunalwahl organisieren,

die auch im Radio übertragen

werden soll.

Gedanken zum Advent

November 2010

Dass wir jetzt Advent feiern, ist wohl

den wenigsten auf dem Land in Bolivien

bewusst. Für die Menschen hier ist nun

vor allem Ferien­Regen­Sommerzeit, man

kann die etwas längeren Tage auf dem

Feld gut nutzen, und die Kinder sind

willkommene Helfer in Haus und Feld.

Mit meinen Mitarbeiterinnen versuchen

wir natürlich, den Frauen etwas

vom Sinn des Advents zu vermitteln,

aber ich habe oft den Eindruck, dass diese

Versuche nicht viel fruchten. Die Leute

verstehen den Sinn von Weihnachten

als Geburtstag des göttlichen Kindes, das

unser Retter wurde. Aber der Advent mit

all der Symbolik, wie wir ihn in Europa

kennen, bleibt ihnen fremd. Woher

auch die Tannenzweige nehmen, die im

deutschen Winter mit ihrem frischen

Grün den Sieg der Hoffnung und des

Lebens symbolisieren? Was sollen Kerzen

bei Temperaturen, die das Wachs zum

Schmelzen bringen?

In Bolivien wäre der Dezember

vom Wetter her die geeignete Jahreszeit,

um Ostern zu feiern: die Rückkehr der

»Grünkraft«, wie Hildegard von Bingen

es nannte, das Ende der Trockenzeit und

die Explosion von Leben und Grün in

allen Schattierungen ...

Ursula Knauer

Ursula Knauer ist Pastoralreferentin des Bistums

Mainz und seit 15 Jahren als Seelsorgerin in

Bolivien tätig.

Zusammenstellung des Textes:

P. Leopold Scheifele ofm

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

»Agentinnen des Wandels«

Interview mit Seelsorgeamtsleiterin Dr. Daniela Engelhard

Daniela Engelhard ist seit 2002 Seelsorgeamtsleiterin

im Bistum Osnabrück.

Im folgenden Gespräch gibt sie Auskunft

darüber, wie eine Frau zu diesem

Amt kommt und was ihr in der Kirche

wichtig ist.

Frau Dr. Engelhard, wie sind Sie als

Frau zu Ihrer Stelle als Seelsorgeamtsleiterin

gekommen?

Dr. Engelhard: Als vor neun Jahren mein

Vorgänger aus dem Amt schied, wollte

das Bistum Osnabrück erstmalig eine Frau

– möglichst eine promovierte Pastoralreferentin

– in der Leitung des Seelsorgeamtes

einsetzen. Offensichtlich passte ich auf

das Profil mit pastoraler Ausbildung, theologischer

Promotion, kirchlicher Sendung

und Berufserfahrung.

Was würden Sie als Ihre große Stärke

betrachten, die Sie einbringen?

Dr. Engelhard: Als Frau mit Beruf und

Familie teile ich viele Lebenssituationen

und ­erfahrungen mit Zeitgenossen. Es ist

mir wichtig, diesen Blick von der Lebenssituation

der Menschen her in die Arbeit

einer Bistumsleitung einzubringen wie auch

umgekehrt: Brücken zu schlagen zwischen

den Anliegen der Kirche und den Lebenswelten

der Menschen.

Würden Sie der Definition zustimmen,

dass die katholische Kirche eine

Gemeinschaft von Frauen ist, die von

Männern geleitet wird?

Dr. Engelhard: Ohne die Treue und das

vielfach ehrenamtliche Engagement der

Frauen würde die pastorale Arbeit vor

Ort zusammenbrechen. Dagegen sind die

Leitungs ebenen fast ausschließlich männlich

besetzt. Dies ist ein Missverhältnis,

das dringend der Veränderung bedarf.

Beim Ökumenischen Kirchentag

in München haben Sie am Podium

»Frauen und Macht – Ermächtigung

Frauen mit Macht« teilgenommen.

Wie sehen Sie das Verhältnis von

Frauen und Macht, insbesondere

in der katholischen Kirche?

Dr. Engelhard: Macht wird in der Kirche

vielfach ausgeübt, aber kaum ausdrücklich

Ermächtigung für Frauen: Daniela Engelhard und Margot Käßmann beim Ökumenischen Kirchentag in München

thematisiert. Ein viel bewussterer und

sensiblerer Umgang mit Macht gehört

zur Aufarbeitung der gegenwärtigen

Vertrauenskrise. Für einen tiefgreifenden

kirchlichen Erneuerungsprozess ist die

katholische Kirche auf die Erfahrung,

Kompetenz und Mitentscheidung von

Frauen angewiesen. Frauen sind zu

ermächtigen. Sie können in vielen

kirchlichen Bereichen, zum Beispiel im

Caritasverband, Bildungsbereich oder in

den bischöflichen Verwaltungen auch

ohne Weihe Leitungsstellen wahrnehmen.

Das ehrenamtliche Engage ment vieler

Frauen und Männer sollte noch ausdrücklicher

kirchlich bestätigt und anerkannt

werden.

Sie haben sich selbst bei dieser

Podiumsveranstaltung als »Agentin

des Wandels« bezeichnet. Für welchen

Wandel setzen Sie sich ein?

Dr. Engelhard: Frauen können auf vielen

Ebenen »Agentinnen des Wandels« sein.

Dies war meine Botschaft auf dem Kirchentag.

Ich setze mich zum Beispiel dafür ein,

dass die katholische Kirche auch in der

Öffentlichkeit ein weiblicheres Gesicht

erhält und nicht nur durch männliche

Amtsträger repräsentiert wird. In der

Verkündigung sind alle Möglichkeiten

auszuschöpfen, dass das Glaubenszeugnis

von Frauen stärker zu Gehör kommt.

Ebenfalls setze ich mich im Rahmen meiner

Möglichkeiten dafür ein, dass gut qualifizierte

Frauen entsprechende Chancen bei

Stellenbesetzungen haben.

Von der Deutschen Bischofskonferenz

wird für Frauen in mittleren und höheren

Positionen ein Kurs »Führen und Leiten«

angeboten, an dem Sie mitarbeiten. Können

Sie die Zielrichtung kurz vorstellen?

Dr. Engelhard: Frauen, die kirchliche

Führungs positionen übernehmen können,

fallen nicht vom Himmel – hierzu geeignete

Männer übrigens auch nicht. Der Weiterbildungskurs,

der maßgeblich von der Arbeitsstelle

für Frauenseelsorge der Deutschen

Bischofskonferenz entwickelt wurde, vermittelt

Frauen wichtige Führungskompetenzen

für den kirchlichen Bereich. Grundlagen sind

sowohl Erkenntnisse aus dem Managementbereich

wie auch Ressourcen aus der geistlichspirituellen

Tradition des Christentums.

Sie sind für die Einführung des

» Diakonats der Frau«. Was erhoffen

Sie sich davon?

Dr. Engelhard: Der Diakonat würde durch

die Öffnung für Frauen sicher noch reicher,

authentischer und fruchtbarer. Es sind ja

überwiegend Frauen, die sich in diakonischen

Feldern engagieren. Ihr Einsatz als

Dienst an Brüdern und Schwestern aus einer

christlichen Motivation hat vielfach auch

eine sakramentale Dimension. Dies kirchlich

anzuerkennen durch den Diakonat für Frauen

wäre wichtig.

Dr. Daniela Engelhard

Daniela Engelhard ist Theologin und seit 2002

Seelsorgeamtsleiterin des Bistums Osnabrück.

Das Gespräch führte Redaktionsmitglied

Bruder Stefan Federbusch ofm.


Wege aus der Armut

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Selbsthilfegruppen in Indien vergeben Mikrokredite

Selbsthilfegruppe in Maharashtra: Die Frauen treffen ihre Entscheidungen gemeinsam.

Armut und Arbeitslosigkeit sind die

größten Probleme der indischen Landbevölkerung.

Rund ein Viertel der Menschen

lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Die durchschnittliche Arbeitslosenrate

liegt insgesamt bei 7 %, die der Frauen

bei 8,5 %. Insbesondere die Frauen sind

zunehmend von Arbeitslosigkeit betroffen.

Selbsthilfegruppen, die Mikrokredite zu

günstigen Konditionen vergeben, leisten

einen wichtigen Beitrag im Kampf dieser

Frauen gegen die Armut.

Die Mitglieder der Selbsthilfegruppen

kommen regelmäßig zusammen.

Bei ihren Treffen steuern sie jeweils

ihren Teil zu einem gemeinsamen

Fonds bei. Aus diesem Fonds werden

dann zu sehr günstigen Konditionen

Kredite an Teilnehmerinnen der

Gruppe vergeben, wenn sie in ein

kleines eigenes Geschäft investieren

möchten oder wenn sie in eine

persönliche Notlage geraten.

Aus eigener Kraft ...

Die in kleinen, überschaubaren

Einheiten organisierten Selbsthilfegruppen

sind geprägt durch einen

Geist der Gleichheit und des demokratischen

Umgangs miteinander. Die

Frauen treffen die Entscheidungen

gemeinsam und sind gleichzeitig

Nutznießerinnen in wirtschaftlicher,

sozialer und kultureller Hinsicht.

Partnerschaftlich überwachen sie die

Rückzahlung der Kredite. Sie stärken

sich gegenseitig und sorgen für den

Erwerb der für das wirtschaftliche

Fortkommen nötigen Fachkenntnis.

... zur Unternehmerin

Es ist einfacher für die Frauen, als

Gruppe ein günstiges Darlehen von

der Bank zu erhalten, als einzeln.

Die Zinsen für die Mikrokredite

sind niedrig, die Laufzeit ist lang.

Die Gruppe entscheidet über die

maximale Höhe der Beträge, die

sie verleiht. Auch die Höchstbeträge

bewegen sich stets in einem Rahmen,

der es den Frauen problemlos ermöglicht,

das Geld pünktlich zurückzuzahlen.

Die Mitglieder einiger

Selbsthilfegruppen haben inzwischen

gemeinsam ein kleines wirtschaftliches

Unternehmen aufgebaut und

sind nun in der Baumwollverarbeitung

oder in der Herstellung von

Nahrungsmitteln tätig.

Anto Thomas

Anto Thomas ist Mitarbeiter der gemeinnützigen

Organisation »Social Justice to

Assist Society« (SJAS). SJAS unterstützt vor

allem Selbsthilfegruppen, die Mikrokredite

an Frauen im indischen Bundesstaat Maharashtra

vergeben und so zur Verbesserung

ihrer wirtschaftlichen Lage beitragen.

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

»Wir haben Frischfleisch«

Frauenschicksale im Nordosten Brasiliens

Die Lebensbedingungen der Menschen

im Nordosten Brasiliens sind schwierig.

Durch ausbleibenden Niederschlag, selbst

in der Regenzeit, ist die Produktion der

Landbevölkerung in diesem Jahr um 80 %

eingebrochen. Allein im Bundesstaat Piauí

ist in 132 Städten der Notstand ausgerufen

worden. Die Bevölkerung muss durch

Nahrungsmittelhilfe und mit Wasserwagen

versorgt werden.

Besonders schlecht ist die Lage der

Frauen. 40 % von ihnen leiden an

Blutarmut, weil sie das bisschen, was

der Familie zu essen bleibt, zunächst

ihren Kindern geben. Die Mütter

begnügen sich mit dem, was dann

noch übrig bleibt – zu wenig für eine

gesunde Ernährung. Es gibt Menschen,

die aus dieser Not noch Profit schlagen:

Menschenhändler, die Frauen und

junge Mädchen an Bordelle in Europa

verkaufen. Die Länder, in denen die

meisten dieser Frauen enden, sind

Italien, die Schweiz, Deutschland,

Portugal, Spanien und die arabischen

Staaten. Meistens wird ihnen von ihrem

Zuhälter der Pass abgenommen, sodass

sie nicht fliehen und in ihre Heimat

zurück kehren können. Das Schlimmste

ist das Schweigen angesichts der Not

dieser Frauen: sowohl in Brasilien als

auch in den Ländern, in denen diese

Frauen ihren Körper verkaufen müssen.

Auch in Brasilien selbst nimmt die

Gewalt gegen Frauen im Nordosten zu.

Viele Männer glauben, dass eine Frau

in ihren Besitz übergeht, sobald sie mit

ihr zusammen oder verheiratet sind.

Die Frauen werden dazu erzogen, dies

hinzunehmen. Die Gewaltrate gegen

Frauen und junge Mädchen in Piauí ist

alarmierend. Dabei finden die Übergriffe

in aller Öffentlichkeit statt. In vielen

Freudenvierteln werben die Häuser mit

großen Schildern: »Wir haben Frischfleisch«.

Gemeint ist: In diesem Bordell

werden Mädchen angeboten, die noch

keinen sexuellen Kontakt gehabt haben.

Über die Seele und das weitere Leben

dieser Mädchen macht sich anscheinend

niemand Gedanken.

Obst und Gemüse aus dem eigenen Anbau führt zur besseren Ernährung in den Familien der

Wäscherinnen und stellt eine zusätzliche Erwerbsquelle dar.

Ausweg aus dem Elend

Viele Frauen im Nordosten Brasiliens

sehen keinen anderen Ausweg aus

ihrem Elend als die Prostitution. Sie

haben keine Ausbildung und keinen

Beruf, oft können sie nicht einmal lesen

und schreiben. Wenn sie überhaupt eine

Arbeit finden, dann als Tagelöhnerinnen,

Hausmädchen oder Wäscherinnen.

Hier möchte ich gerne das Leben einer

Gruppe von Frauen beschreiben, die es

geschafft haben, gemeinsam ihre Arbeits­

und Lebensbedingungen zu verbessern.

Füße im Wasser, Kopf in der Sonne

Jeden Tag trafen sich die Wäscherinnen

von Teresina, der Hauptstadt des

Bundesstaates Piauí, zum Wäschewaschen

am Fluss Potí. Mit den Füßen

im eiskalten Wasser und mit dem Kopf

in der brennenden Sonne reinigten sie

die Wäsche anderer Leute, von morgens

bis abends, sieben Tage die Woche,

Sonn­ und Feiertage eingeschlossen. Das

Geld, das sie mit dieser harten Arbeit

verdienten, reichte trotzdem kaum zum

Überleben. Nach langem und hartem

Ringen mit den Behörden richtete der

Staat Piauí schließlich eine Wäscherei

für 60 Frauen ein, in der sie wenigstens

ein Dach über dem Kopf hatten und mit

den Füßen im Trockenen standen. Die

übrigen Arbeitsbedingungen erinnerten

aber weiter an Sklaverei. Ohne freie Zeit

und festen Lohn war es für die meist

alleinerziehenden Mütter schwierig bis

unmöglich, beides zu leisten: sich sowohl

um ihre Kinder zu kümmern als auch

den notwendigen Lebensunterhalt zu

verdienen. Die Franziskanerinnen und

Franziskaner in Teresina sahen die Not

der Frauen und bauten eine bis heute

währende Partnerschaft mit ihnen auf.

Zunächst sensibilisierten sie die Frauen

durch bewusstseinsbildende Treffen für

die Problematik ihrer Lage. Diese trafen

bald darauf selbst die ersten Maßnahmen

zur Verbesserung ihrer Arbeits bedingungen.

Zunächst führten sie eine

Liste mit festen Preisen für bestimmte

Kleidungsstücke ein. Ein Hemd oder

Kleid, das hier gewaschen wurde, sollte


genauso viel kosten, wie an anderen

Orten in Piauí auch. Die Liste sollte stets

aktualisiert werden. Wenn in anderen

Teilen von Piauí die Wäschepreise stiegen,

sollten sie auch in der Wäscherei von

Teresina angehoben werden. Durch diese

kleine erste Maßnahme verbesserten sich

die Lebensbedingungen der Frauen bereits

spürbar. Sie verdienten in weniger Zeit

mehr, konnten die Sonn­ und Feiertage mit

ihren Kindern verbringen, sodass sich auch

die Atmosphäre in der Familie entspannte.

Neues Selbstbewusstsein

Durch die Anerkennung ihrer Arbeit

entwickelten die Frauen ein gesundes

Selbstbewusstsein und waren stolz auf

das, was sie geleistet hatten. Eine von

ihnen, Dona Dasdores, kam eines Tages

zu mir und sagte: »Ich bin jetzt 53 Jahre

alt und hatte nie ein Haus. Jetzt baue ich

mir eins. Die Wände stehen schon, und

die Decke ist auch schon gezogen. Alles,

was ich hierfür benötigte, habe ich mir

im Schweiße meines Angesichts selbst

erarbeitet. Meine Arbeit in der Wäscherei

ist unsere Lebensversicherung. Sie hat

mir dieses Haus ermöglicht, in dem ich

jetzt mit meinem Sohn und seiner Familie

lebe.«

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Bedrohung durch Drogen

Wie im Fall von Dona Dasdores müssen

die Wäscherinnen meistens nicht nur für

sich selbst sorgen, sondern auch für ihre

erwachsenen Kinder und deren ganze

Familie. Dies stellt nicht nur eine enorme

finanzielle Belastung für die Mütter dar. Oft

gesellen sich noch Sorgen ganz anderer Art

dazu. Ohne Beschäftigung und Perspektiven

werden ihre Kinder leichte Beute

von Drogendealern. So manche Mutter

hat schon ihren bescheidenen Besitz bis

zum letzten Stuhl dadurch verloren, dass

der Sohn seine Drogenschulden damit

beglichen hat. Ein solcher Fall stürzt die

gesamte Familie von der Großmutter bis

zum Enkel in den finanziellen Ruin – und

in ständige Angst. Denn wer einmal in die

Hände krimineller Gangs geraten ist, ist vor

ihnen niemals mehr sicher.

Alles muss erkämpft werden

Situationen wie diese erfordern eine

starke Gemeinschaft, in der die Frauen

sich gegenseitig stützen und stärken. Die

Wäscherinnen von Teresina bilden eine

solche starke Gemeinschaft. Noch immer

fällt ihnen nichts in den Schoß. Um alles

müssen sie kämpfen. Aber mit Rückendeckung

durch die Franziskanerinnen

und Franziskaner machen sie trotz aller

Schwierigkeiten immer wieder das (fast)

Unmögliche möglich. Erst kürzlich haben

sie sich zusätzlich zur Wäscherei einen

Garten erstritten, in dem sie nun sowohl

für den Eigenbedarf als auch für den Verkauf

Obst und Gemüse anbauen.

Nach jahrelangem Kampf mit den

örtlichen Autoritäten haben sie Anfang

des Jahres außerdem die Renovierung

und Erweiterung der Wäscherei durchgesetzt.

Vier Fünftel der Arbeiten waren

bis Ostern fertiggestellt, doch seitdem liegt

die Baustelle brach. Nachdem der Staat

den Arbeitern ihren versprochenen Lohn

nicht gezahlt hat, sind diese erst einmal

bis auf Weiteres in den Streik getreten …

Die Dinge ändern sich nur langsam

zum Guten im Nordosten Brasiliens.

Aber sie ändern sich.

Sr. Arli Sousa Nojosa CICAF

Schwester Arli ist franziskanische Katecheten­

s chwester in Teresina, der Hauptstadt des nordostbrasilianischen

Bundesstaates Piauí. Sie leitet das

Wäscherinnenprojekt und den neuen Gemeinschaftsgarten

der Frauen. Außerdem holt sie Kinder

aus sozial schwachen Familien von der Straße und

begleitet sie in ihrer Freizeit.

Die Frauen freuen sich über geregelte Arbeitszeit, festen Lohn und einen geschützten Arbeitsplatz: Sr. Arli (im roten T­Shirt) mit den Wäscherinnen aus Teresina

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

»Pastoral da Criança«

Ganzheitliche Sorge für Kleinkinder

Die ganzheitliche Sorge für Kleinkinder hat

in Brasilien seit 25 Jahren einen Namen:

»Pastoral da Criança«. Die Zielgruppe

besteht natürlich aus KINDERN. Dazu

gehören Kin der im Mutterleib, Säuglinge,

Kleinkinder bis sechs Jahre. Und wer

betreut sie? Mütter und Väter, hauptsächlich

natürlich die Mütter. Und wer

ist engagiert in der Pastoral des Kindes?

Frauen, Frauen, Frauen und ... Männer.

UNICEF hatte durch jahrelange Untersuchungen

in ärmsten Ländern Afrikas

und Asiens fünf Punkte ausgearbeitet,

die die Kindersterblichkeit wesentlich

herabsetzen und die Gesundheit der

Kleinkinder fördern sollten:

1. Ernährung nur durch Muttermilch,

möglichst bis zum 6. Monat

2. Schutzimpfungen

3. Durchfallbekämpfung

4. monatliche Gewichtskontrolle und

gezielte Ernährung

5. genügend Abstand zwischen den

einzelnen Geburten

Diese fünf Punkte sollten von

einfachen Leuten umgesetzt werden

können und mit relativ geringem

Kostenaufwand verbunden sein. Auf

einem internationalen Kongress über

Bevölkerungspolitik in der Schweiz

wurde 1982 dieses Programm vorgestellt.

Der Präsident von UNICEF

wandte sich an den anwesenden

Kardinal von São Paulo, Dom Paulo

Evaristo Arns und fragte an, ob sich

die katholische Kirche in Brasilien

hier nicht engagieren könne. Dieser

gewann seine jüngere Schwester,

Dr. Zilda Arns­Neumann für die Idee,

eine vitale Frau um die 50, Witwe,

Mutter von drei Jugendlichen, Ärztin

und Mitarbeiterin im Gesundheits­

Sekretariat ihres Bundesstaats Paraná.

Ein erstes Pionierprojekt organisierte

Dr. Zilda 1983 in Florestópolis mit

einigen begeisterten professionellen

Mitstreiterinnen und vielen einfachen

Frauen aus dem Volk. Mit Erfolg: Die

Kindersterblichkeit ging zurück, die

Lebensqualität der Kleinen wuchs,

ihre armen Eltern machten mit.

Pastoral da Criança im nordostbrasilianischen Teresina: monatliche Gewichtskontrolle für Kleinkinder

»Pastoral da Criança«

Dr. Zilda erfand auch den Namen für

dieses Projekt: Pastoral da Criança –

Pastoral des Kindes. Die Ärztin war der

festen Überzeugung, dass dieser Einsatz

ein Akt der Seelsorge war – obwohl dieses

Wort bis dahin dem Dienst der Priester

vorbehalten war. In Anlehnung an das

Herrenwort Joh 10,10 versah sie zusammen

mit ihren Mitarbeiterinnen ihren

Einsatz nach dem Motto: Ich bin gekommen,

damit alle Kinder Leben haben,

und zwar Leben in Fülle. Sie organisierte,

reiste, regte an, ermunterte, sprach vor bei

Behörden – eine zielstrebige, kompetente,

unermüdliche Vorkämpferin für die

Lebensqualität von Kindern.

Als ich sie zufällig bei einem

Cafezinho, einem »Tässchen Kaffee«,

in unserem Pfarrkloster in São Luis

kennenlernte, erzählte sie mir von

ihrer Arbeit. Kurz darauf stellte sie

etwa 200 Frauen aus unserer Pfarrei

in einem fast dreistündigen Vortrag die

Idee vor. Ihre freundliche, bestimmte,

konkrete Art begeisterte. Wir starteten

das Projekt in Vila Conceição, einem

relativ kleinen Viertel unserer Gemeinde

mit etwa 2.000 Einwohner innen und

Einwohnern.


Frauen aus dem Volk als Leiterinnen

Mehrfach schon wurde das Wort von den

»einfachen Frauen« gebraucht. Das ist

das Geheimnis des Erfolges der Pastoral

da Criança – einfache Frauen für diesen

Dienst zu gewinnen und sie zur ständigen

Mitarbeit zu motivieren. Sie werden zu

Líderes, das heißt »Leiterinnen«, geschult

und übernehmen freiwillig die Sorge und

Begleitung für 10 bis 20 Kleinkinder in

ihrer Nachbarschaft, zusammen mit den

Müttern dieser Kinder.

In Vila Conceição begann diese Schulung

im Januar 1985 mit einer soziologischen

Erhebung. Die Frauen selbst gingen

in ihrem Viertel von Haus zu Haus, stellten

Fragen und füllten Formulare aus. Das ist

leicht gesagt: Und wer nicht schreiben

konnte? Der­ bzw. diejenige nahm sich

den Sohn oder die Tochter als »Sekretär«

oder »Sekretärin« mit. Keine der Líderes

hatte praktische Erfahrung, keine hatte

mehr als höchstens vier Jahre Schulbildung.

Aber man wollte, man setzte sich ein,

man machte das Beste daraus. Die Frauen

lernten bei der Umfrage ihr Viertel besser

kennen: ein Armenviertel mit Lehmhütten

ohne fließendes Wasser, ohne sanitäre

An lagen, aber mit Hunger, Elend und

Gewalt. Das Ergebnis der Erhebung war

genau und vertrauenswürdig. Und wenn

sich einmal ein Ehemann über das Herumlaufen

seiner Frau in der Nachbarschaft

beschwerte, überzeugten die Kolleginnen

ihn davon, wie wichtig diese Arbeit sei …

Im April 1985 wurden die ersten

23 Frauen zu Líderes ausgebildet. Die

Schulungen öffneten den Frauen neue

Welten. Viel Neues mussten sie lernen.

Da waren zum Beispiel die Impfungen

und ihre vielen Namen: Welche wofür?

Wann? Wie? Und vor allem: Wo konnten

die Kinder geimpft werden? Es gab

keine einzige Stelle dazu in der Nähe ...

– und das in São Luis, der Hauptstadt

des Bundesstaates Maranhão!

Erste Erfolge

Im Juni 1985 begann die Praxis. 379 Mädchen

und Jungen unter fünf Jahren wurden

zum ersten Mal gewogen. Die Ergebnisse

mussten in eine Grafik eingetragen werden,

um zu sehen, ob die Kleinen auf dem »Weg

der Gesundheit« waren. Leicht gesagt, aber

bis das alle erst einmal hinbekamen ...

Und wie reagierten die Mütter, vor

allem die, deren Kind krank war? Viele

wollten zunächst nichts von dem Projekt

wissen. »Was weißt Du denn schon?

Du bist doch auch keine Kinderärztin«,

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Austausch von Erinnerungen: Dr. Zilda Arns­Neumann (� 2010) und Pater Erich Löher, die die Kinderpastoral in São Luís

gemeinsam ins Leben gerufen haben, beim 25­jährigen Jubiläum der Initiative in den Bundesstaaten Maranhão und Piauí.

hieß es. Aber die Líderes ließen nicht

locker: Sie waren darauf vorbereitet

und hatten durch den Zusammenhalt in

ihrer Gruppe ein gutes Selbstvertrauen

gewonnen. Sie waren überzeugt, dass

sie eine wichtige pastorale Sendung

hatten. Bald gewannen sie das Vertrauen

der Eltern durch die Behandlung von

Durchfall und Austrocknung mit einer

einfachen Salz­Zuckerlösung. Durch

dieses einfache Mittel konnten sie die

Hauptursache der hohen Kindersterblichkeit

ausmerzen. Das größte Erfolgserlebnis

hatten sie, als im August 1985

eine Mutter mit ihrem völlig ausgemergelten

Kleinkind weinend aus dem

Krankenhaus kam, das die Ärzte aufgegeben

und zum Sterben nach Hause

geschickt hatten. Den Líderes gelang es,

dieses Kind zu retten. Das sprach sich

schnell herum im Viertel.

Entwicklung bis heute

1985, zur Zeit der soziologischen

Erhebung, starben in Vila Conceição

allein im Januar noch vier Kinder unter

einem Jahr an Austrocknung. In den

Monaten darauf starb kein einziges

Kleinkind mehr daran, weil die Líderes

mit Liebe und Kompetenz über »ihre

Kinder« wachten. Durchfall gab es nach

wie vor – das war bei den hygienischen

Verhältnissen unvermeidlich. Aber

sterben mussten die Kinder daran

nicht mehr!

Bald gab es rund 150 Líderes in der

gesamten Pfarrei, Frauen aus dem Volk,

Frauen von nebenan, die von den fast

2.000 Kleinkindern in ihrer Nachbarschaft

sagten: »Meinen Kindern geht

es gut; mein Antônio hatte Durchfall,

meine Raimundinha hat nur Muttermilch

bekommen; mein Júlio hat in diesem

Monat zugenommen ...«

Und die Männer? Sie wirkten bei

der Pastoral da Criança im Hintergrund,

ganz im Hintergrund. Im Team unserer

Franziskanergemeinde, der Glória in

São Luis, war ich verantwortlich für das

Projekt. Ich habe unsere Frauen begleitet,

die Leitung aber hatten sie.

Das ist bis heute so geblieben.

Vieles ist durch die Pastoral da Criança

wesentlich besser geworden, die Kindersterblichkeit

ist stark zurückgegangen.

Trotzdem werden heute wesentlich

weniger Kinder begleitet. Warum? Weil

es inzwischen auch in Brasilien weniger

Kinder gibt. Im Jahr 1970 hatte jede

Frau in Brasilien noch durchschnittlich

5,8 Kinder – heute sind es nur noch 1,8.

Und trotzdem: Die Pastoral da Criança

lebt weiter, auch wenn ihre Begründerin,

Dr. Zilda Arns­Neumann, inzwischen

gestorben ist. Sie kam bei dem Erdbeben

in Haiti ums Leben, als sie dort den

Samen für die Pastoral da Criança säte.

P. Erich Löher ofm

Pater Erich gehört als deutscher Missionar zu

der Franziskanerprovinz Bacabal im Nordosten

Brasiliens. Zusammen mit der Ärztin Dr. Zilda

Arns­Neumann hat er im Jahr 1985 die Pastoral

da Criança in der Franziskanerpfarrei von São

Luís ins Leben gerufen.

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Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

20 Jahre Kampf um Bürgerrechte

Landarbeiterinnen aus Piauí auf dem Weg zur Gleichberechtigung

Frauen des Landarbeiterinnenkollektivs »Coletivo das Mulheres Trabalhadoras Rurais« (CMTR) in Piauí

Vielen Frauen im armen Nordosten

Brasiliens geht es heute erheblich

besser als noch vor 20 Jahren. Das ist

im Bundes staat Piauí außer der globalen

Frauenrechts bewegung vor allem dem

Landfrauen kollektiv »Coletivo das Mulheres

Trabalhadoras Rurais« (CMTR) zu verdanken,

das sich in den vergangenen beiden

Jahrzehnten wirkungsvoll für die Stärkung

der Frauenrechte dort eingesetzt hat.

Lange gehörten Frauen in dieser

Region, und unter ihnen vor allem

die Landarbeiterinnen, zu den

Menschen im Lande, die besonders

diskriminiert wurden. Die Missachtung

ihrer Rechte fing in der eigenen

Familie an und erstreckte sich bis

in weite Kreise der Gesellschaft.

Die Frau war nach weit verbreiteter

Ansicht »aufgrund ihrer biologischen

Verfassung« dazu da, sich dem Mann

unterzuordnen und sich um die

Belange des Haushalts zu kümmern.

Alles, was darüber hinaus ging,

musste sie sich erst einmal erkämpfen.

Recht und Würde

Dank des unermüdlichen Einsatzes

des Landfrauenkollektives sind die

Rechte der Frauen in Piauí heute

weitgehend anerkannt. Es steht nicht

mehr zur Debatte, dass auch Frauen

ein Recht auf Bildung und Gesundheitsversorgung

haben, dass sie unter

würdigen Bedingungen arbeiten und

einen gerechten Lohn für ihre Arbeit

erhalten sollen. Zu den Errungenschaften

der Frauenrechtsbewegung

CMTR gehört auch, dass Frauen

inzwischen über gesellschaftliches

und politisches Mitspracherecht

verfügen.

Dem Kollektiv geht es nicht nur

darum, dass die Frauen an materiellen

Gütern Anteil erhalten, die ihnen von

Rechts wegen her zustehen. Es geht

der Bewegung auch um die Anerkennung

der Frau als Rechtsperson. Dies

ist insofern wichtig, als zum Beispiel

die häusliche Gewalt von Männern

gegen ihre Frauen in Piauí immer

noch sehr hoch ist. Was die Männer

neben ihrer Ehe treiben, spielt keine

Rolle. Aber wenn die Frau in den

Augen ihres Mannes auch nur in den

Verdacht gerät, ihm untreu zu sein,

muss sie mit Schlägen oder Schlimmerem

rechnen. Der Kampf der Frauen

um ihre Bürgerrechte hat dazu

geführt, dass Gewalt gegen sie nun

rechtlich verfolgt und bestraft wird –

auch dies war in der Vergangenheit

keine Selbstverständlichkeit.

Entscheidungsträgerinnen

Die Landfrauenbewegung stärkt

das Selbstbewusstsein der Frauen

sowohl in ihrer Familie als auch in

der Gesellschaft. Zuhause werden sie

inzwischen eher in Entscheidungen

mit einbezogen. Und durch die

Aktivitäten des Kollektivs werden

sie auch im außerhäuslichen Bereich

mutiger und entschlossener.

Die Frauen sind sich bewusst,

dass sie noch längst nicht an ihrem

Ziel angekommen sind, sondern

dass sie zu Hause sowie in Politik

und Gesellschaft oft noch nicht

ange messen geschätzt und geachtet

werden. Aber die ersten Schritte

weg von der Diskriminierung hin

zur Gleichberechtigung sind getan.

Und viele weitere werden folgen.

Sr. Lindalva Alves Cruz CICAF

Schwester Lindalva ist franziskanische

Katechetenschwester. Sie hat in Soziologie

promoviert.


Fahrradkauf

Eine Glosse

»Ich suche ein Trekking­Rad mit Stange«,

sage ich zu dem Fahrradhändler. Als er

mich herablassend anlächelt, weiß ich,

ich hätte zu dem Fahrradhändler in der

Parallelstraße gehen sollen, aber jetzt ist

es zu blöd, zu sagen, »Danke, so wie sie

mich anlächeln, möchte ich lieber gehen.«

Ach was, ich sollte einfach »Und tschüss«

sagen, manchmal ist Höflichkeit was für

Feiglinge.

»Ein Trekking­Rad also«, sagt er.

»Eine Stange hat jedes Rad, müssen Sie

wissen«, sagt er und lacht. »Aber sie

haben doch auch Damenräder«, sage ich,

und er zwinkert mir zu. »Sie wollen so

eine Querstange?« Er lacht wieder. »Nein,

nein«, schüttelt er den Kopf, als hätte ich

ihn nach seiner Meinung gefragt. »Da

kommen Sie doch mit einem langen Rock

gar nicht drauf. Ich zeig Ihnen mal Räder

für Frauen.« Er sagt das so, als hätte er

lieber gesagt: »Ich zeig Ihnen mal Räder

für Trottel.« »Gleich, mein Freund«, ruft

er dem Mann zu, der hinter mir den

Laden betreten hat. Das ist vermutlich

nicht wirklich sein Freund, sondern

einfach ein Mann. Einfach einer, dem

man nicht die Trottel­Räder zeigen muss.

Das erste Fahrrad, das er mir zeigt, ist

rosa. »Das ist doch schön«, sagt er gönnerhaft.

Ein rosa Hollandrad. Puha. »Haben

Sie das auch mit Glitzer?«, frage ich ihn.

Einen Moment lang starren wir uns

an. In Potsdam hat eine Autowerkstatt

eröffnet, in der nur Frauen arbeiten. Da

können Frauen hingehen und werden

einfach wie Menschen behandelt. So

was will ich auch für Fahrräder.

»Nee«, sagt der Fahrradmann jetzt.

»Mit Glitzer hab ich nicht.«

»Hören Sie zu, Mann«, sage ich und

wünschte, ich wäre riesig groß und riesig

stark, dann würde ich den Fahrradmann

jetzt vorn am Revers packen und an mich

ranziehen – so, dass er über dem Boden

baumeln und ängstlich zu mir hochblicken

müsste. Leider ist aber der Fahrradmann

riesig, und ich weiß auch nicht, ob ich

ihn wirklich so nah vor mir hängen haben

will. »Ich will ein Fahrrad«, sage ich, »ich

will kein rosa Puppenstubenspielzeug.

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Haben Sie ein Trekking­Rad mit Stange

für mich oder nicht?« Er zögert kurz und

ich kann plötzlich ganz schnell einen

Entschluss fassen. »Und tschüss«, sage ich

und drängle mich an dem Freund vom

Fahrradmann vorbei, mit dem der jetzt

sicher prima Fachgespräche führen kann.

»Arbeiten Sie hier, junge Frau?«, fragt

der alte Mann, der gerade sein Fahrrad

vor dem Laden abstellt. »Ich hab einen

Platten«, sagt er. »Und ich finde, in meinem

Alter muss man so was nicht mehr selber

machen. Flickzeug hab ich, ist alles hier in

meinem Werkzeugtäschchen.« Er lächelt

mich an, und ich lächle zurück. Ich sage:

»Kein Problem«, und als ich fertig bin,

»das geht aufs Haus«. Der alte Mann

bedankt sich und fügt hinzu: »Sie machen

das viel schneller als der Kollege, der hier

sonst arbeitet.«

Plötzlich muss ich dem Fahrradmann

gar nicht mehr Löcher in die Reifen der

ausgestellten Fahrräder stechen. Stattdessen

kaufe ich in der Parallelstraße ein

prima Trekking­Rad. Mit Querstange!

Daniela Böhle

Daniela Böhle ist freie Autorin in Berlin.

29


30

Franziskaner Mission 4 | 2010 — FrauenEntwicklung ist weiblich

Kurznachricht zum Todestag von Bischof Bösl

»Du hast eine

Chiquitano-Seele«

Bischof Antonio Eduardo Bösl war

Indigenen Vater und Bruder zugleich

Eine Rückblende über seinen Lebensweg

von Werner Schulz, Hirschau, (Neffe von

Bischof Bösl).

Am 13. Oktober 2010 jährte sich zum

zehnten Mal der Todestag des bayerischen

Bischofs Antonio Eduardo Bösl, den seine

Heimatgemeinde Hirschau mit einem

Festgottesdienst und einer Gedenkfeier

festlich beging.

Eduardo Bösl als junger Priester während seiner

ersten Zeit in Bolivien bei einer Taufe

Gerade zum Priester geweiht, ging Bösl

1952 nach Bolivien, wo er als Missionar

unter den Chiquitanos und Guarayos,

Sirionos und Ayoreos wirkte. Segensreich

war er zunächst als Kaplan und Pfarrer in El

Fortin Libertad, ab dem 1. April 1973 dann

als bischöflicher Oberhirte der 90.000 km 2

großen Urwalddiözese Ñuflo de Chávez

tätig. Wie sehr die Indios ihren »Monseñor

Bols« (so sprachen die Indios seinen Namen

aus) ins Herz geschlossen hatten und als

einen der ihren betrachteten, brachte 1998

beim 25­jährigen Bischofsjubiläum eine

Indianergruppe zum Ausdruck. »Tienes alma

chiquitana« – »Du hast eine Chiquitano­

Seele« stand auf dem Transparent, das sie

ihm überreichten. Eindrucksvoll bestätigten

sie die Aussage von Erzbischof Julio Terrazas:

»Bischof Bösl ist ein Mann des Volkes,

und den Indios Vater und Bruder zugleich!«

Die Wertschätzung kam nicht von

ungefähr. Der Bau von Schulen, Lehrerwohnungen,

Krankenstationen, Wegen,

Brücken, Brunnen, Wasserleitungen,

Kirchen und Kapellen war ihm ein

Herzens anliegen. Unter den sakralen

Baumaßnahmen ragen zwei heraus: Die

Restaurierung der Kirche von San Javier

und der Kathedrale von Concepción. Beide

Gotteshäuser aus der jesuitischen Reduktionszeit

glichen baufälligen Ruinen. Sie

wurden nach der von ihm vorangetriebenen

Restaurierung »sakrale Juwele«, die von der

UNESCO zu »Weltkulturgütern der Menschheit«

erklärt wurden. Hartnäckig und erfolgreich

kämpfte er in Agrarprozessen dafür,

dass seine Indio­Familien Land zugeeignet

bekamen. In der Bischofsstadt Concepción

avancierte er zum wichtigsten Arbeitgeber.

Franziskaner

»Franziskaner« – Das Magazin für Franziskanische Kultur und Lebensart

Viele sehnen sich danach, einige versuchen

es ganz praktisch: Ein gemeinschaftliches

Leben aus dem Glauben.

»Franziskaner« stellt unterschiedliche

Lebenswege vor und gibt Hinweise für

die eigene Suche.

Weitere Themen:

Haiti – Welche Hilfe kommt an?

Franziskanisches Marionettentheater

Geistlicher Wegbegleiter

Bischof Antonio Eduardo Bösl wurde zum Ehrenbürger

von Concepción ernannt.

Gut 80 Arbeiter und 60 Lehrlinge fanden

Arbeit im bischöflichen Sägewerk, der

Schreinerei, der Schnitzerei oder Mechanikerwerkstatt.

An Anerkennung, Zuneigung und

Wertschätzung hat es Bischof Bösl in

seiner »ersten wie zweiten Heimat« nicht

gefehlt. Nach Boliviens Rückkehr zur

Demokratie wurde ihm mit dem » Condor

de los Andes« die höchste Staatsauszeichnung

verliehen. Die drei größten Städte

seines Vikariates, Concepción, Ascensión

und San Javier, haben ihn zum Ehrenbürger

ernannt, ebenso seine Vaterstadt

Hirschau. Dort erfuhr der Bischof am

3. September 2000 eine besondere

Ehrung, als der Platz rund um die

Stadtpfarrkirche in »Bischof­Bösl­Platz«

umbenannt wurde. Auch der Freistaat

Bayern zollte dem selbstlosen Wirken des

Hirschauer Missionars durch die Verleihung

des »Bayerischen Verdienstordens«

entsprechende Anerkennung.

Um die kostenlos erhältliche Zeitschrift

»Franziskaner« zu beziehen, wenden Sie

sich bitte an:

Franziskanerkloster

Am Frauenberg 1

36039 Fulda

Angela Heiner

Tel.: 06 61/10 95­36

E­Mail: angela.heiner@franziskaner.de

www.zeitschrift.franziskaner.de


Projekt

FrauenEntwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010

Ein »NEST« für arme Frauen im Nordosten Brasiliens

Viele Mütter in Brasilien sind nicht nur

arm. Viele von ihnen sind außerdem von

den Vätern ihrer Kinder verlassen worden,

sodass sie mit ihren Kindern, ihrer Sorge

um sie und allen Problemen der Armut

alleine dastehen.

Impressum

Daher unterstützen die Franziskaner

in Bacabal, einer Stadt im bitterarmen

Nordosten Brasiliens, ein Projekt, das

Frauen in schwierigen Lebenslagen

hilft, für sich und ihre Kinder zu sorgen.

Es trägt den Namen »NINHO«,

das heißt »Nest«. Wie das Nest

einer Vogelmutter und ihren Jungen

Schutz und Geborgenheit bietet,

so will dieses Projekt Müttern und

ihren Kindern in Not Halt und neue

Perspektiven für ihr Leben geben.

Einige der Frauen leben in einer

problematischen Partnerschaft,

andere sind ganz auf sich gestellt,

wieder andere leiden unter gesundheitlichen

Komplikationen.

Ninho bietet den Frauen zwei

verschiedene Kurse an. In dem ersten

Kurs lernen Schwangere, Hemdchen,

Windeln und Tücher zu nähen.

Auch Mini­Hängematten, welche

die Mütter unter fachkundiger und

fürsorglicher Anleitung in dem

Projekt selbst anfertigen, gehören zur

Grundausstattung der Säuglinge dazu.

Bei Temperaturen, die im heißen

Franziskaner Mission wird viermal im Jahr kostenlos den

Freunden der franziskanischen Missionsarbeit zugestellt.

Franziskaner Mission erscheint im Auftrag der Deutschen

Franziskanerprovinz von der Heiligen Elisabeth (Germania),

der Provinz von Bacabal (Brasilien) sowie der Missionszentrale

der Franzis kaner in Bonn­Bad Godesberg.

Herausgeber Franziskaner Mission, Dortmund

Verantwortlich Augustinus Diekmann ofm

Redaktion Anke Chávez, Stefan Federbusch ofm, Natanael Ganter ofm,

Thomas M. Schimmel, Alfons Schumacher ofm

Nordosten Brasiliens auch nachts

nicht unter 30°C sinken, schlafen

viele Menschen nämlich lieber in

der Hängematte als im Bett. Das ist

luftiger – und preiswerter.

In einem zweiten Kurs erwerben

die Teilnehmerinnen die nötigen

Kenntnisse, um Handarbeiten herzustellen,

die für den Verkauf geeignet

sind. Handtücher, Tischwäsche,

Bade­Utensilien – all diese Artikel

werden nicht nur unter dem Aspekt

des praktischen Nutzens angefertigt,

sondern durch filigrane Verzierung in

regelrechte Kunstwerke verwandelt.

Die Artikel werden in einem kleinen

projekteigenen Laden verkauft. Die

Hälfte des Erlöses geht an die einzelnen

Frauen. Von der anderen Hälfte

des Ertrags wird das Material gekauft,

das den Frauen in dem Projekt

kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Nachdem sie den Kurs abgeschlossen

haben, können die Frauen mit ihren

erworbenen Fähigkeiten selbst kunstvolle

Handarbeiten herstellen und

sie für den Unterhalt ihrer Familien

verkaufen.

Mütter, die bereits ältere Kinder

haben, können die Mädchen und

Jungen zu den Kursen mitbringen

und währenddessen in einem kleinen,

aber liebevoll eingerichteten Raum

nebenan betreuen lassen.

Dona Nonata leitet die Kurse des Projekts »NINHO«.

Stolz zeigt sie eine Baby­Hängematte, die eine der

Mütter angefertigt hat.

Das Projekt Coyera, über das in dem Artikel »Leben im

Dreck« der Ausgabe 3 ­ 2010 der Franziskaner Mission

berichtet wurde, ist Teil der Fundación Estrellas en

la calle, die von Laien gegründet wurde. Es wird von

Franziskanern begleitet, aber nicht geleitet und hat eine

eigene Homepage: www.estrellasenlacalle.com.

Fotos Lukas Brägelmann: Titelseite, Mittelseite, S. 27.

Augustinus Diekmann: S. 2 (alle), 7, Mittelseite, 24, 25, 26, 31.

FM­Archiv: S. 3, 14. Nikolaus Kuster: S. 4, 5. Thomas M. Schimmel: S. 6.

Katrin Rieger: S. 8, 9. Wikimedia: S. 10. Ökumenisches Heiligenlexikon:

S. 11 (beide). Reinhard Kellerhoff: S. 12, 13. Romana Baković: S. 15.

Robert Hof: S. 18, 19. Ursula Knauer: S. 20, 21. Annika Lippmann: S. 22.

Anto Thomas: S. 23. Coletivo das Mulheres Trabalhadoras Rurais, Piauí:

S. 28. tommyS/pixelio: S. 29. Werner Schulz: S. 30. Jesusmafa.com: S. 32.

Gestaltung sec GmbH, Osnabrück

Druck IVD, Ibbenbüren; gedruckt auf Recycling­Papier

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© jesusmafa.com

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