Ausgrenzung? – Nein Danke! - Franziskaner Mission

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Ausgrenzung? – Nein Danke! - Franziskaner Mission

1 2010

Ausgrenzung?

Raus aus der Hölle – Flüchtlingsschicksal in Deutschland

Nein Danke!

Diskriminierung in der Kirche? – Wiederverheiratete Geschiedene willkommen heißen!

Wer Hass verspürt, kann nicht frei sein – Südafrikas Weg aus der Apartheid

Vom Gewicht der Farbe – Die Vielfalt der Ethnien in Lateinamerika


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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Inhalt

Editorial

von Br. Augustinus Diekmann ofm

Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes

Unterschiedlichkeit als Herausforderung für

schöpferische Mitverantwortung

von P. Hermann Schalück ofm

Vom Bankier zum Bruder

Franziskus entdeckt Menschen und Menschheit

von Br. Niklaus Kuster ofmcap

»Schicksal« oder »selbst schuld«?

Nicht mit Jesus und Franziskus!

von P. Christian Herwartz SJ

Dunkle Haut? Leibesvisitation!

Diskriminierung jugendlicher Migranten

von Br. Markus Heinze ofm

Raus aus der Hölle

Flüchtlingsschicksal in Deutschland

von Sr. M. Stefanie Müllenborn fcjm

Diskriminierung in der Kirche?

Wiederverheiratete Geschiedene willkommen heißen!

von Anke Chávez, Heinrich Kardinal Schwery

Mittelseite

Die Geschichte Südafrikas

von TCOE, KASA

Personalia

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Wer Hass verspürt, kann nicht frei sein

Südafrikas Weg aus der Apartheid

von Thomas M. Schimmel

Zeiten ändern sich

Südafrika heute

von Sr. M. Mechthilde Faist OSF

Es lebe der Sport – aber nicht auf Kosten der Armen!

Zwangsumsiedlungen für die Fußball-WM in Südafrika

von Dr. Boniface Mabanza

Ein Land im Wandel

Jahrhunderte der Ausgrenzung in Bolivien

von Thomas M. Schimmel

Vom Gewicht der Farbe

Die Vielfalt der Ethnien in Lateinamerika

von Omar Handabaka

Auf das Herz kommt es an

Brüder unterschiedlicher Hautfarbe

von Br. João Muniz Alves ofm

Der lange Weg zur Gleichheit

Aus dem Leben einer schwarzen Ordensschwester

von Sr. Maria Zenaide Costa

Kurznachrichten

Projekt

Impressum

Ihre Sorge galt der körperlichen, seelischen

und geistigen Gesundheit von Kindern aus

armen Familien: Gegen die hohe Kindersterblichkeit

gründete Dr. Zilda Arns Neumann,

Tochter deutscher Einwanderer, vor 25 Jahren

im Auftrag der Brasilianischen Bischofskonferenz

die Kinderpastoral in Brasilien. Mithilfe

von geschulten Ehrenamtlichen ging sie in die

äußersten Winkel des Landesinneren, vor

Er war zuständig für die praktischen Dinge im

Franziskanerkloster von Bacabal im Nordosten

Brasiliens: Bruder Bruno Sabelek ofm,

sorgte als gelernter Automechaniker nicht nur

dafür, dass seine Mitbrüder stets mobil waren,

wenn sie zu einem Pastoralbesuch in der

großen Pfarrei unterwegs waren. Auch für die

technischen Angelegenheiten des Hauses war

er jeweils der erste Ansprechpartner.

allem in die »Favelas«. Sie begleitete Mütter

während der Schwangerschaft, führte Impfaktionen

für Kleinkinder durch und setzte sich

für die soziale Integration armer Familien ein.

Als Zilda Arns Neumann Anfang 2010

ein Hilfsprojekt auf Haiti besuchte, kam

sie bei dem Erdbeben am 12. Januar ums

Leben.

Am 15. Januar 2010 verstarb Bruder

Bruno im Alter von 84 Jahren. Er gehörte

60 Jahre dem Franziskanerorden an,

52 davon lebte er als Missionar in

Brasilien.

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

liebe Freunde der Franziskaner Mission,

Franziskaner Mission

Franziskanerstraße 1, 44143 Dortmund

Telefon 02 31/17 63 37 5

Fax 02 31/17 63 37 70

info@franziskanermission.de

www.FranziskanerMission.de

vor 20 Jahren wurde Nelson Mandela

nach mehr als 27 Jahren Haft aus dem

Gefängnis entlassen. Und im kommenden

Sommer richtet Südafrika die

Fußball-Weltmeisterschaft aus. Beide

Ereignisse sind für die Franziskaner

Mission Anlass, einen Blick auf das

Land am Kap zu werfen und zu fragen:

Wo steht Südafrika auf seinem Weg aus

der Apartheid heute?

Verschiedene Länder haben unterschiedliche

Probleme. Und doch: Es

gibt Phänomene, wie zum Beispiel den

Rassismus, die sich in verschiedenen

Teilen der Welt ähneln. Nicht nur in

Südafrika wurden – und werden auch

heute noch – Menschen aufgrund ihrer

Hautfarbe ausgegrenzt. Auch in Lateinamerika

entscheidet die Zugehörigkeit

zu einer bestimmten Volksgruppe häufig

noch darüber, unter welchen Vorzeichen

das Leben eines Menschen verläuft:

frei und mit der Chance auf eine gute

Zukunft oder mit der einzigen Aussicht

auf Armut und Unterdrückung. Der

Blick auf gesellschaftliche Situationen

und ganz persönliche Lebensbeispiele

aus Brasilien, Bolivien und Peru sollen

das belegen.

Diskriminierung ist aber nicht

nur eine Frage von Hautfarbe oder

ethnischer Zugehörigkeit. Ausgegrenzt

fühlen sich manche Menschen auch in

der Kirche. Daher beschäftigen wir uns

in diesem Heft auch mit der Situation

wiederverheirateter Geschiedener in

der Kirche.

Spenden erbitten wir, unter Angabe des

Verwendungszwecks, auf das Konto 5100,

Volksbank Hellweg eG (BLZ 414 601 16) oder

Konto 34, Sparkasse Werl (BLZ 414 517 50).

Dieser Ausgabe liegt eine Zahlkarte bei.

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Ob Apartheid, Rassismus oder Diskriminierung

– wir möchten mit dem

übergreifenden Thema »Ausgrenzung«

so umgehen, wie Jesus damit umgegangen

ist. Jesus überschreitet unentwegt

Grenzen und Mauern, um ausgegrenzten

Menschen in ihrer Not nahe zu sein und

ihnen so zu vermitteln, dass sie dazugehören.

Damals waren das Zöllner,

Dirnen, Ehebrecherinnen – und die

von der anderen Seite der Grenze: die

Samariter.

Wenn Jesus den gesetzestreuen

Israeliten ausgerechnet einen Samariter

als leuchtendes Beispiel in Sachen

Nächstenliebe vor Augen gestellt hat,

könnten wir uns in dieser Beziehung

nicht vielleicht auch so manche Scheibe

von dem einen oder anderen Migranten

in unserer Nachbarschaft abschneiden?

Und wenn Jesus damals die Ehebrecherin

nicht verurteilt hat: Sollten wir mit

wiederverheirateten Geschiedenen in

der Kirche dann nicht ähnlich liebevoll

umgehen, anstatt sie von der Tischgemeinschaft

mit ihm auszuschließen?

Es gibt noch viele Grenzen und

Mauern in unseren Köpfen und in

unse ren Herzen zu überwinden.

Deshalb möchte ich mit den aufmunternden

Worten des heiligen Franziskus

schließen: »Lasst uns anfangen!«

Ihr

Br. Augustinus Diekmann ofm

Leiter der Franziskaner Mission

Titelbild

Was bringt die Zukunft? Schulkinder in

Südafrika: Jede junge Generation bringt

die Chance mit sich, Beziehungen zu

verändern und Grenzen zu überwinden.

Foto: Ulrich Tietze. Mit freundlicher

Genehmigung von terre des hommes.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes

Unterschiedlichkeit als Herausforderung für

schöpferische Mitverantwortung

Geschwisterlichkeit zwischen Menschen und

Völkern wird in der Schöpfungsgeschichte

mit der Vorstellung verbunden, dass der

Mensch »Gott ebenbildlich« ist. Das ist in

der Kulturgeschichte etwas Neues. Es sind

eben nicht Tiere oder Statuen, die als erste

Repräsentanten Gottes in der Schöpfung

gelten, auch nicht Engel, Priester oder

Könige. Der Mensch ist es, jeder Mensch,

Adam und Eva, Mann und Frau, je für sich,

aber auch in ihrer Gegenseitigkeit und ihrer

gegenseitigen Ergänzung.

Mit Recht wird diese biblische

Grundaussage als anthropologisches

und theologisches Fundament der

Humanisierung, der Partizipation, ja

der Demokratisierung in sozialen und

politischen Beziehungen bezeichnet.

Sie setzt radikaler an als das Demokratie-Modell

der alten Griechen. Das

nämlich ruht nur auf einem kleinen

Kreis freier und begüterter Männer.

Die jüdisch-christliche Tradition ist

dagegen im Ansatz anti-elitär. Jeder

Mensch ist Mensch, nicht mehr oder

weniger wertvoll als der oder die

andere. Dass gerade die Kranken,

die Armen, die Verlierer in ihrer

Würde unantastbar sind, das ist bestes

jüdisch-christliches Erbe. Es hat dazu

beigetragen, Stammesdenken, Rassismus,

Nationalismus und Reichsideologien

zu überwinden. Es hat die Idee

der Menschenrechte inspiriert, bevor

diese in Gesetzen und Verfassungen

ihren Ausdruck fand. Große Wachsamkeit

ist angesagt, damit dieses

Geschenk jüdisch-christlicher Tradition

an die Menschheit nicht auf dem

Markt postmoderner Beliebigkeiten

verschleudert wird.

Universale Grundhaltungen …

Wir rühren hier an etwas, das die

Christenheit bis heute mit dem Judentum

und auch mit anderen religiösen

Traditionen verbindet: Es gibt Grundüberzeugungen

und Grundhaltungen,

welche über Grenzen von Religionen

und Kulturen hinaus gelten. Dazu

gehört die Gastfreundschaft, der

Respekt vor dem Schwachen, Armen

und Kleinen, der Verzicht auf Gewaltanwendung,

die Bereitschaft zum Verzeihen

und zum Frieden, schließlich

auch die Bereitschaft, freiwillig Leiden

und Schmerzen, ja selbst den Tod zu

erdulden, wenn sie – wie bei Jesus –

der Preis sind für den Einsatz gegen

das von anderen Menschen verursachte

Elend, gegen die Tendenz, den

»Anderen« von der Tür des eigenen

Hauses fernzuhalten und vom Tisch

des gemeinsamen Lebens auszuschließen,

gegen Erniedrigung und gegen

Unrecht, das »zum Himmel schreit«.

… und universale Heilige

In allen Religionen werden Menschen

verehrt, die den Teufelskreis von

Dominanz, Selbsterhaltung auf Kosten

anderer, Gewalt und Exklusion durchbrochen

haben. Äußerlich sind sie

wie Jesus, Franz von Assisi, Mahatma

Gandhi, Martin Luther King, Oscar

Arnulfo Romero und Dorothy Stang

zumeist gescheitert. Jedoch hat die

Erinnerung an ihr Zeugnis – unabhängig

von ihrer kulturellen oder

konfessionellen Verwurzelung –

einen Wert und eine Würde, die ich

als »universal« bezeichnen möchte.

Das Lebenszeugnis der »Gerechten«

gehört zum Grundbestand unserer

jüdisch-christlichen Tradition. Aber

es ist selber nicht »exklusiv«. Es wird

niemals ein Zeugnis »gegen« andere

sein, nicht gegen jene, die anderen

Traditionen anhängen, und auch nicht

gegen jene, die uns selber bedrängen

und bedrohen. Es wird vielmehr

immer ein Zeugnis für Gottes schon

jetzt kommendes Reich sein und

für den Dienst daran. Es steht für

Christinnen und Christen eindeutig in

der Spur Jesu, der in der Bergpredigt

die gewaltlos Scheiternden selig preist.

Der Strom von »neuem Leben«, der

von seinem »Vorangehen« in Tod

und Auferstehung ausgeht, ist freilich

nicht auf den Innenraum der Kirche

beschränkt. Er durchwirkt die gesamte

Schöpfung und führt sie nach vorn.

Umgekehrt haben ungezählte unbekannte

Heilige und Zeugen aus allen

Zeiten und Religionen ihren Anteil

daran, dass – trotz aller gegensätzlichen

Tendenzen – der Strom von

Leben und Hoffnung auf einen neuen

Himmel und eine neue Erde nie

versiegt, sondern mächtig wächst.

»Ebenbilder Gottes« – Kinder einer Grundschule in Óbidos/Amazonas.

Was heißt interkulturell?

Eine Spiritualität sollte wachsen,

welche die Menschen anderer Kulturen

und auch Religionen aus deren

eigener Geschichte und eigenem Kontext

heraus zu verstehen sucht und

als Hausgenossen im einen Haus des

Lebens begrüßt. Eine solche Haltung

ist ein Ausdruck von Friedensbereitschaft.

Sie fördert eine Kultur der

Gastfreundschaft. Sie setzt sich nicht

als absolut. Sie ist eine Form der

lebenslangen Bekehrung zum Evangelium

Jesu Christi. Die Spiritualität

eines erneuerten, weil beziehungsfähigen

und mehrsprachigen Christseins

wurzelt aber vor allem in der

Gesinnung der Selbstentäußerung

aus deren eigener Geschichte und

eigenem Kontext (»kénosis«) Jesu

(Phil 2), der sich auf Augenhöhe

mit den »Anderen« wusste. Diese

Spiritualität lebt aus dem Bewusstsein

von gegenseitiger Ergänzung

und Verantwortung: Sie stellt nicht

das Unverständliche, Negative und

gar potenziell Zerstörerische in der

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Unterschiedlichkeit und tatsächlichen

Konfliktivität zwischen Kulturen,

Geschlechtern und Religionen in

den Mittelpunkt der Erfahrung und

des Handelns, sondern sucht nach

Anknüpfungspunkten und Begegnungsmöglichkeiten.

Paulus spricht

davon, dass es in Christus nicht mehr

Juden und Griechen, Sklaven und

Freie, Männer und Frauen gibt.

Denn alle sind eins in Christus Jesus

(Gal 3,28).

Und die Franziskanische Familie?

In ihrer Verankerung im Lebenszeugnis

Jesu sind franziskanische Männer

und Frauen berufen, in ihrer lokalen

und globalen Mitverantwortung das

zu leben, was den »Global Players«

oft abgeht: Sie üben Respekt vor der

kulturellen Vielfalt und vor der persönlichen

und »lokalen« Geschichte

anderer. Sie versuchen, jedwedes

Dominanzgebaren zu überwinden.

Und sie sehen in den anderen einen

Ort der Begegnung – nicht zuletzt

auch mit Gott.

Die Franziskanische Familie muss

ihre Mission in der heutigen Weltgesellschaft,

mitten in der globalen

Konsum- und Eventgesellschaft, nicht

zuletzt unter Armen, so zu leben

versuchen, dass sie als Zeichen der

Transzendenz und als Dienst am Reich

Gottes und seiner Gerechtigkeit erkennbar

bleibt. Denn: »Das Geheimnis des

Lebens erschließt sich nicht in Selbstgefälligkeit,

sondern in schöpferischer

Mitverantwortung« (Johann B. Metz).

P. Hermann Schalück ofm

Pater Hermann, geb. 1939, leitete von 1991

bis 1997 den Franziskanerorden als Generalminister.

Von 1998 bis 2008 war er Präsident

des Internationalen Katholischen Missionswerkes

missio in Aachen.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Vom Bankier zum Bruder

Franziskus entdeckt Menschen und Menschheit

Nichts deutet im Modegeschäft der

Bernardone darauf hin, dass der

Juniorchef einmal »Bruder aller

Menschen« wird. Franziskus tritt in

die führende Gilde Assisis ein und

lernt, Businesspläne zu schmieden,

Gewinne zu machen und die betuchte

Kundschaft zu pflegen.

Franziskus – Freund Christi und Bruder der Menschen. Ikone aus dem Klarissenkloster Jongny/Schweiz.

Die Kaufleute des Mittelalters sind die ersten

Bankiers. International tätig, erfinden sie

Wechselscheine und Konten, optimieren

ihre Geldgeschäfte, investieren in lukrative

Unternehmen und werden lokale Financiers.

Spätere Großbankiers wie die Medici und

die Fugger schwingen sich aus der Kaufmannszunft

in die entstehende Welt der

Hoch finanz. Nichts deutet in Assisi um 1200

darauf hin, dass Franziskus einmal radikal

aussteigen wird. Privilegiert lebt er im Zentrum

Assisis, reitet mit teuren Importstoffen

auf nahe Märkte und leistet sich als Statussymbole

Pferd und teure Kleider. Gefährten

erinnern sich, wie der Luxuskaufmann von

Karriere träumt und Ritter werden will. Sie

erzählen, wie er verschwenderisch primär

an sich und seine Standesgenossen denkt. So

wird er Anführer eines verwöhnten Freundeskreises.

Arme sind geschäftsschädigend. Ein

Bettler, der sich in die edle Boutique wagt,

wird vom Juniorchef davongejagt. Lebensfroh

und angesehen begegnet uns der junge Franz,

privilegiert und sozial wenig sensibel.

Bettler nach Licht

Das ändert sich, als der junge Mann über

seinen Ehrgeiz stolpert, in Kriegsgefangenschaft

gerät, schwer krank wird und auch

innerlich in ein dunkles Loch fällt. Als

er nach Monaten wieder auf die Beine

kommt und auf Assisis Piazza tritt, stellt

er erschrocken fest, dass die reizvolle

Stadt ihre Farben verloren hat. Erschüttert

da rüber, wie schnell seine Träume zerbrochen

sind, wie fragil seine Gesundheit

ist und wie kalt Geschäftserfolge

ihn lassen, sucht er einen tieferen Sinn

in seinem Leben. Erst jetzt beginnt er die

Schattenseiten seiner Stadt zu entdecken.

Er wird empfänglich für die Lage der

Arbeiterfamilien, die Not der Bettlerinnen

und Bettler und das Schicksal jener, die

draußen vor den Stadtmauern leben

müssen: Abgeschriebene, Verstoßene und

Aussätzige. Selber ein »Bettler nach Licht«

in seinem erschütterten Leben, öffnet sich

der Luxuskaufmann für jene, die sozial

und wirtschaftlich im Schatten stehen.

Von Gott überrascht

»Der Höchste hat mich unter die

Kleinsten geführt«, wird Franziskus

später diese entscheidende Wende

beschreiben, »und in der Begegnung

mit den Elenden ist mein Herz

erwacht.« Aussätzige, von der Stadt

ausgewiesen und sozial für tot erklärt,

erweisen sich als Mitmenschen, als

Bruder und Schwester. Der Schritt

zurück in die führende Zunft, in ihr

Geschäftsgebaren und in das privilegierte

Leben fällt Franziskus schwer.

Das einst so farbige Zentrum der Stadt

verliert seinen Glanz, während er

draußen in Assisis Schattenwelt Lichtstunden

erlebt. Ein zweiter Durchbruch

erfolgt wenige Wochen später

in der armseligen Landkirche von San

Damiano. Franziskus entdeckt da eine

Ikone, die Christus auf Augenhöhe

zeigt. Nicht der Weltenherrscher der

Romanik erwartet ihn da, sondern ein

nackter Christus, ganz menschlich

und wehrlos am Kreuz: Gottes Sohn

als menschlicher Bruder, ein Freund

der Kleinen, lebendige Hoffnung für

Zöllner, Dirnen und Aussätzige. Mit

weit offenen Armen steht Christus

da vor ihm, die Welt umarmend. Ein

Christus mit offenen Augen, einem

offenen Ohr und einem offenen

Herzen. Gott überrascht als einer, der

absteigt, ganz hinab. Ein Gott, den

Franziskus nicht in der Kathedrale

findet und in keiner Kirche der Stadt,

sondern draußen: vergessen wie die

Menschen, die aus Assisi verbannt im

Umfeld von San Damiano leben.

Verbrüderung von Arm und Reich

Franziskus wechselt seinen Standort.

Er lässt sich enterben und verlässt eine

herzlose Stadt, die Kaufmannszunft

und seine Familie. Wenn Gott absteigt,

verlieren Karriere- und egoistisches

Gewinnstreben jeden Sinn. Wenn

Christus »seinen Vater und unseren

Vater« verkündet, werden menschliche

Abgrenzungen und soziale

Ausgrenzungen ein Skandal. Wenn

Jesus in seinen »Fußspuren« echtes

»Leben in Fülle« verspricht, muss man

ihnen folgen: den Spuren des Mensch

gewordenen Gottessohnes, des ganz

menschlichen Meisters und des göttlichen

Bruders, der sich mit leeren

Händen in die Welt gewagt hat. Als

sich Gefährten Franziskus anschließen,

wiederholen sie mehrmals täglich

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

das »Vaterunser«. Es zieht sich wie

eine Gebetsschnur durch ihre Tage und

Nächte. Sie sprechen nicht nur, sondern

leben das Gebet des Herrn: Vornehme

und Arbeiter, Adelige und Bauernsöhne,

Gebildete und Analphabeten werden

einander dadurch im Beten und Leben

Brüder.

Universale Geschwisterlichkeit

Franziskus und seine Brüder erleben ein

soziales Wunder. Alle Standesgrenzen

und sozialen Unterschiede fallen innerhalb

ihrer »fraternitas« weg. Im Dienst

an Arm und Reich weitet sich ihre neue

Sicht von Mensch und Gesellschaft:

Wer immer »Vater unser« betet, wird

ihnen Schwester und Bruder, ob angesehen

oder namenlos, ob vertraut oder

fremd, ob zugewandt oder feindselig.

Je weitere Kreise die Brüder auf ihren

Wanderungen ziehen, desto offener wird

ihr Blick. Franziskus überschreitet im

Orient die Grenzen des Christentums.

Er entdeckt im Islam eine Gottesliebe,

die ihn überwältigt. Er erkennt, dass

Sultan und Moslems (vom Papst zu

»Teufelssöhnen« erklärt) den einen

himmlischen Vater mit einer alltäglichen

Gebetspraxis verehren, die Franziskus

allen Religionen wünscht. Zurück in

Italien schreibt er Briefe an die Lenker

der Völker und an »alle Menschen,

wo auch immer auf Erden«. Er tut es

liebevoll »als euer kleiner Bruder«.

Seine Rundbriefe und Lieder zeigen

eine universale Geschwisterlichkeit,

wie kein anderer Mensch des Mittelalters

sie gezeigt hat.

Franziskus wird heute in verschiedenen

Religionen der Welt als »Bruder aller

Menschen« geehrt. Er ist es, weil er in

Gott den Vater aller Menschen erkennt.

Franziskus gibt seiner Bewegung eine

universale Hoffnung und herausfordernde

Fragen mit in die eigene Praxis:

Kann ein »Vaterunser« Gott gefallen,

wenn Betende danach achtlos an

bedürftigen Geschwistern vorbeigehen?

Wenn Gott der Vater aller Menschen ist,

wer ist mir dann nicht Schwester oder

Bruder?

Br. Niklaus Kuster ofmcap

Bruder Niklaus ist Mitglied der Schweizer

Kapuziner und Dozent für Kirchengeschichte am

Religionspädagogischen Institut Luzern. Außerdem

hält er regelmäßig Vorlesungen in Venedig,

Madrid und Münster.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

»Schicksal« oder »selbst schuld«?

Nicht mit Jesus und Franziskus!

Die Verlierer der Leistungsgesellschaft: Obdachlosenspeisung in São Paulo/Brasilien

Kinder verschiedener Hautfarben und aus

verschiedenen Kulturen spielen miteinander,

auch wenn sie keine gemeinsamen Worte

verwenden. Sie finden Wege der Verständigung

mit viel Fantasie über alle Unterschiede

hinweg. Jesus sieht in dieser kindlichen

Fähigkeit die Bedingung für die unbegrenzte

Gemeinschaft mit Gott: »Wenn ihr nicht

werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in

das Himmelreich kommen« (Mt 18,3).

Schon früh wird Kindern beigebracht,

in Konkurrenz mit anderen zu treten

und das gemeinsame Leben hintanzustellen.

Dies scheint eine Notwendigkeit

zu sein im Kampf um beschränkte

materielle Güter, um knappe Bildungsplätze

und um die begrenzten Mittel

der Gesundheitsversorgung. Der

Mitmensch wird zum Konkurrenten.

Einige erhalten die angestrebten

Güter und Dienstleistungen im Überfluss

und andere werden von ihrem

Gebrauch ausgegrenzt.

Anfangs schieben wir andere Bewerberinnen

und Bewerber auf einen Ausbildungs-,

Arbeits-, Krankenhausplatz

blind beiseite und freuen uns, wenn

wir selbst Glück gehabt haben. Ich

kenne einen Jungen namens David,

der nicht immer als Oberster auf dem

Podest stehen wollte und sich deshalb

nicht an dem ständigen Konkurrenzkampf

beteiligt hat. Das ist sehr mutig

für ein Kind, aber das gibt es.

Konkurrenzdenken als Ursache von

Ausgrenzung

Die Konkurrenz fordert zur eigenen

Leistung heraus. Das Leistungsschwächere

soll nach Möglichkeit in mir nicht gesehen

werden. Da beginnt der Prozess der

Aufteilung in Menschen, die Glück und

die Unglück gehabt haben. Die Ausgrenzung

scheint notwendig im eigenen Leben

und im Leben anderer. Diesem Prozess

der Grenzziehung widersetzt sich Jesus

von Anfang an. Die Kinder sollen nicht

weggeschickt werden (Mk 10,14). Er

stellt ausgegrenzte Menschen wie den

Mann mit einer steifen Hand in die Mitte

der Versammlung (Lk 6,8) und kehrt

bei Menschen ein, die zur angesehenen

Gesellschaft nicht dazugehören sollen

wie der Zöllner Zachäus (Lk 19,5).

Moderne Gesichter der Armut

Auch in den vergangenen 2.000 Jahren

gab es immer wieder Menschen, die

Grenzen überschritten haben – sowohl

ihre eigenen als auch die zu ihren weggeschobenen

Nächsten: den Kranken,

Mittellosen und wenig intellektuell

Gebildeten. Es gab immer wieder Vorbilder,

die sich für eine menschlichere

Gesellschaft eingesetzt haben. Wenn wir

uns zusammen mit diesen Menschen als

heilende Glieder in die Geschichte stellen,

dann sehen wir unsere Gesellschaft neu

und leiden darunter, dass Menschen in

unserem Land in materieller Armut leben.

Dabei geht es weniger darum, Statistiken

zur Kenntnis zu nehmen. Statistiken geben

oft nur einen unzureichenden Einblick in

die erniedrigenden Lebensumstände, die

Armut bewirkt. Wenn man sich dagegen in

seiner Umgebung umschaut und sieht, was

es bedeutet, wenn zum Beispiel Kinder

an einer Klassenfahrt und vielen anderen

Unternehmungen nicht teilnehmen

können, weil dafür kein Geld da ist, versteht

man die Not der Betroffenen besser.

Gesetze helfen häufig nicht

Armut heißt oft, dass sich Menschen der

Gesetze und Institutionen nicht bedienen

können, die es zu ihrem Schutz ja gibt.

Aber meistens profitieren von den gesetzlich

verankerten Rechten eher Menschen,

die gut ausgebildet und materiell abgesichert

sind und die sich schriftlich und

mündlich gut ausdrücken können. Was in

Bezug auf das Recht gilt, gilt auch für die

Bildung. Schon im Kindergarten, in der

Schule und später dann bei der Berufswahl

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

sind die Chancen der unterschiedlichen

Bevölkerungsgruppen auch in Deutschland

sehr verschieden. Und die Schere

geht noch weiter auseinander.

Handeln zählt

Viele Menschen sehen, dass andere aus

dem geschwisterlich teilenden Miteinander

unserer Gesellschaft ausgegrenzt

werden und reagieren auch darauf. Es

ist wichtig, sich zusammen mit diesen

Engagierten in den Strom der Menschlichkeit

einzureihen und die Not der

anderen durch gemeinsames Handeln zu

lindern. Es geht darum, dass ich nicht

passive Beobachterin oder passiver Beobachter

bleibe, sondern dass ich aktiv mit

ins Geschehen einsteige. Es besteht ein

doppelter Graben zwischen Kopf, Herz

und Hand. Dieser doppelte Graben muss

übersprungen werden. Das, was ich mit

dem Verstand als falsch und ungerecht

erkenne, muss mir ins Herz dringen und

mich von dort aus zum Handeln führen.

Vielleicht mache ich bei diesem Handeln

nicht alles richtig. Aber das muss ich

riskieren – sonst ändert sich gar nichts.

… »damit sie anderen nützt«

Manche Menschen haben Angst, sich

der Diskriminierung anderer zu stellen.

Sie versuchen als glückliche Gewinner

der Gesellschaft, die Ausgrenzung der

»Pechvögel« zu rechtfertigen. Dann

fallen Worte wie »Schicksal« oder »selbst

schuld«, und es wird an dem anderen

ein Mangel festgestellt, der das schlechte

Abschneiden im Wettkampf begründen

soll.

Paulus weist in seinen Briefen im

Neuen Testament auf die unterschiedlichen

Gaben der Menschen hin. Sie

ergänzen einander wie die vielen unterschiedlichen

Glieder in einem Leib

(1 Kor 12,12 ff.). Der eine kann dies

und der andere das besonders gut. Keine

dieser Gaben gehört dem Menschen für

sich allein, sondern jede ist ihm von Gott

geschenkt, »damit sie anderen nützt«

(1 Kor 12,7): der Familie, den Freunden,

der Gemeinde. Wer seine Gaben dagegen

als Privateigentum ansieht, das er für

sich behalten will, schiebt die anderen

beiseite und sieht sie als bedrohliche

Konkurrenten. Der, für den das Private

zum höchsten Gut wird, mauert sich ein.

Die Folge ist Solidaritätsverweigerung,

das Gemeinsame gerät aus dem Blick.

Das System der Konkurrenz knebelt die

Menschen weiter – und zwar beide:

sowohl die Ausgegrenzten als auch

den »Eingemauerten« selbst.

Geld ist nicht essbar

Geld ist zum Maßstab der Wertschätzung

geworden. Dieses Hilfsmittel im

Tauschgeschäft hat aber keinen Wert

für sich. Zum Erhalt des Lebens taugt es

allein nichts. Geld ist nicht essbar und

macht auch nicht gesund. Franziskus

hat es verachtet, weil es Waffen und

Kriege notwendig macht, wenn es einen

zentralen Wert bekommt. Heute wissen

wir noch mehr, wie recht er hatte. Die

Geldvermehrung einiger drängt auch

bei uns immer mehr Menschen in Situationen

des Mangels in der täglichen

Versorgung, in der Teilnahme an Bildung

und am gesellschaftlichen Leben. Die im

Blick auf die Geld- und Gütervermehrung

Erfolglosen werden ebenso wie die

Kranken oft nicht mehr gesehen, und ihr

Tod wird oft als Erleichterung erfahren.

Doch die aufgezählten Aspekte der

Ausgrenzung werden von vielen

nicht gesehen, weil sie sich nicht auf

die eigene oder fremde Ausgrenzung

einlassen. Viele Menschen sind von

ganz bestimmten Dingen abhängig –

nicht nur Drogensüchtige! Ihre Wahrnehmung

ist vollkommen auf ganz

bestimmte Luxusgüter, Genussmittel

oder auch Beziehungen fixiert, und

dement sprechend verhalten sie sich.

Sie benötigen all ihre Kräfte um sicherzustellen,

dass sie über diese Dinge –

oder auch Menschen – uneingeschränkt

verfügen, denn sie meinen, ohne all

dies nicht (mehr) leben zu können –

zumindest nicht glücklich. So gefangene

Menschen können die Wirklichkeit ihrer

Umgebung und in sich nicht mehr wahrnehmen.

Sie leben mitten unter uns und

sind doch schwer erreichbar. Aber wenn

wir diese tabuisierten Zonen aufbrechen

und wieder Kontakt zu unserem Nächsten

bekommen, dann ist es Zeit, ein

Fest des Neuanfangs zu feiern über alle

Grenzen hinweg.

P. Christian Herwartz SJ

Pater Christian ist Jesuit und Arbeiterpriester

in Berlin. Er engagiert sich für Flüchtlinge und

beim interreligiösen Gebet, für das seine Gruppe

Anfang 2010 in Berlin den Dreikönigspreis

erhalten hat.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Dunkle Haut? Leibesvisitation!

Diskriminierung jugendlicher Migranten

Als ich meinen ersten Personalausweis im

Alter von 16 Jahren bekam, war ich sehr

stolz darauf. Uns wurde gesagt, dass wir

ihn immer bei uns tragen müssten, da die

Polizei jederzeit danach fragen könnte. Als

Jugendlicher fand ich das sehr spannend,

wobei ich tatsächlich niemals in meinem

Leben auf der Straße von einem Polizisten

nach dem Ausweis gefragt wurde.

Jugendliche Migranten bei den Franziskanern

in Frankfurt am Main mit Br. Markus Heinze

Seitdem ich in Frankfurt am Main

lebe, weiß ich auch den Grund dafür,

dass ich niemals nach dem Ausweis

gefragt wurde: weil ich »weiß«

bin. Die Erfahrung meiner Freunde

ist nämlich eine ganz andere. Da

diese »schwarz« oder »farbig« sind,

werden sie alle paar Tage von der

Polizei kontrolliert und müssen sich

ausweisen. Dies geschieht häufig bei

deren alltäglichen Erledigungen, sei es

auf dem Schulweg, auf dem Weg von

der Kirche oder zum Einkaufen. Dabei

können sie froh sein, wenn sie nur

nach dem Ausweis gefragt werden.

Oft genug werden sie durch »Ganzkörperkontrollen«

gedemütigt.

Frankfurt ist eine internationale

und multikulturelle Stadt. Weder

»alte« noch »neue« Nazis haben hier

wirklich eine Chance. Dennoch tragen

diese Kontrollen einen rassistischen

Zug, da ausschließlich Jugendliche

aus Familien mit Migrationshintergrund

kontrolliert werden. Außerdem

fördert diese Praxis nicht gerade die

Integration dieser jungen Menschen in

die deutsche Gesellschaft und Kultur.

Obwohl fast alle der Jugendlichen in

Deutschland geboren wurden und

einen deutschen Pass haben, oftmals

auch nur die deutsche Sprache

beherrschen, wird ihnen durch diese

Polizeikontrollen immer wieder vermittelt:

»Du scheinst kein Deutscher

zu sein« und »Du bist ein potenzieller

Krimineller«.

Des-Integration im Ghetto

Diese Art von »Des-Integration« geht

Hand in Hand mit der Wohnungs-

und Bildungssituation eines Großteils

von Migrantenfamilien. Es gibt

zwar kein Gesetz, das Migrantinnen

und Migranten verbieten würde, in

bestimmte Wohnviertel zu ziehen

oder in bestimmte Schulen zu gehen.

Trotzdem lebt ein Großteil von ihnen

in Wohnblocks und Wohnvierteln, in

denen überwiegend Menschen mit

sozialen Problemen leben.

»Kanaken-Schulen«

In der Schule haben Migrantenkinder

oft schlechtere Ausgangspositionen, da

ihnen die Eltern kaum helfen können.

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Freundschaft erleben und bürgerschaftliches Bewusstsein entwickeln: Ziele der franziskanischen Solidarität mit jugendlichen Migranten.

Wenn es auch in Frankfurt kaum

eine Schule geben wird, an der keine

Kinder mit Migrationshintergrund

zu finden sind, so sind diese doch

prozentual sehr unterschiedlich verteilt,

was wiederum mit dem Ruf der

Schule und dem Bildungsstand der

Schule einher geht. Es gibt Schulen,

die von den Migrantenjugendlichen

selbst als »Kanaken-Schule« bezeichnet

werden. Dies wiederum führt

auch dazu, dass viele Migrantenjugendliche

von vorneherein als weniger

begabt oder intelligent angesehen

werden. Oftmals müssen sie viel mehr

an Leistung aufweisen, um in gleicher

Weise anerkannt zu werden.

Unsere Franziskaner-Gemeinschaft

lebt in einem Hochhaus, das

überwiegend von Migrantenfamilien

bewohnt wird. In den über 18 Jahren,

die wir nun schon hier leben, hat

sich unsere Wohnung gewissermaßen

zu einem inoffiziellen Treffpunkt

für sogenannte »Jugendliche mit

Migrationshintergrund« entwickelt.

Zunächst kommen sie zu uns, um

für die Schule zu lernen und ihre

Hausaufgaben zu machen. Dabei

entwickeln sich schnell intensive

Kontakte – untereinander und auch

zu uns. So verbringen wir auch viel

gemeinsame Freizeit. In den vergangenen

Jahren haben wir die Situation

der Jugendlichen hinsichtlich der

Polizeikontrollen stärker in den Blick

genommen. Es hat sich eine feste

Gruppe gebildet, die sich zum einen

gegenseitig austauscht, zum anderen

schauen wir nach Wegen, wie wir

das Thema mehr in die Öffentlichkeit

bringen und wie wir diese Situation

verändern können.

Bürgerschaftliches Bewusstsein

wecken

Ein erster Schritt dabei ist, dass die

jungen Migranten selbst ihre Situation

bewusst reflektieren und sich gegenseitig

unterstützen. Darüber hinaus

müssen aber auch Lösungen gefunden

werden, mit denen unbegründete

Polizeikontrollen in Zukunft verhindert

werden können. Wir suchen

daher das Gespräch sowohl mit Verant

wortlichen der Polizei als auch der

Politik. Ein besonderes Ereignis war in

diesem Rahmen für die jugendlichen

Migrantinnen und Migranten ein

Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten

der Grünen in Berlin, der

für Integrationsfragen zuständig ist.

Veranstaltungen wie diese machen den

Jugendlichen bewusst, dass sie sich nicht

damit abfinden dürfen, aufgrund ihrer

Hautfarbe kriminalisiert zu werden und

dass sie grundlose Kontrollen nicht als

»normal« hinnehmen müssen. Sie müssen

voll und ganz als Deutsche akzeptiert

werden, was sie ja auch sind. Zurzeit

sammeln wir verschiedene Erfahrungen

und wollen sie dann veröffentlichen.

Was immer wir mit diesem »Programm«

erreichen werden oder auch nicht, eines

können wir bereits als Erfolg verbuchen:

Die Jugendlichen werden sich ihrer Situation

bewusst und erleben sich als aktive

Bürgerinnen und Bürger der deutschen

Gesellschaft.

Br. Markus Heinze ofm

Bruder Markus ist Konferenz-Koordinator für

»Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der

Schöpfung« der mitteleuropäischen Franziskanerprovinzen

(COTAF).

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Raus aus der Hölle

Flüchtlingsschicksal in Deutschland

Jeder Mensch ist ein Abbild Gottes: Sr. Stefanie im Einsatz

Sie ist noch ein Kind, als ihr Leidensweg

beginnt. In den Straßen von Benin City,

Nigeria, kämpft Maria (heute 20) gemeinsam

mit ihrem Bruder ums Überleben.

Der Vater ermordet, von der Mutter im

Stich gelassen.

Mit elf Jahren scheint das Glück zum

Greifen nahe: Ein Landsmann verspricht

ihr eine rosige Zukunft in Europa. In

Italien soll sie zur Schule gehen, einen

Beruf erlernen. Doch die Realität zerschmettert

jäh ihre Träume: Sie wird,

wie viele ihrer Leidensgenossinnen, zur

Kinderprostitution gezwungen – zunächst

in Italien, später in Deutschland.

Die Einschleuser wollen fortwährend

Geld von ihr. Sie zeigt ihre Peiniger an.

Doch Polizei und Staatsanwaltschaft

glauben der jungen Frau nicht, das

Ermittlungsverfahren wird aus Mangel

an Beweisen eingestellt.

Hoffnungsschimmer

Die Behörden bringen die Minderjährige

in einer Mädchenwohngruppe unter, wo

sie zunächst Ruhe und Geborgenheit

findet. Aber auch hier hören die Probleme

nicht auf: Maria lernt einen jungen alleinerziehenden

Nigerianer kennen, der sie

zu einem gemeinsamen Kind drängt. Sie

lässt sich auf ihn ein, wird – immer noch

minderjährig – schwanger. Ihre Situation

wird immer unerträglicher. Der Kindsvater

kümmert sich nicht um sie, ihr Aufenthalt

ist nach wie vor illegal. Sie läuft aus dem

Wohnheim weg und stellt einen Asylantrag.

Zwei Monate lebt Maria auf

einem Schiff der Zentralen Ausländerbehörde

(ZAB), bis sie schließlich

eine Zuweisung in unsere Stadt, nach

Herten, erhält. Sie hat Angst vor der

Geburt ihres Kindes, sie fühlt sich

allein. Erst jetzt fasst Maria Mut und

sucht unsere Beratungsstelle auf.

Sie schämt sich. Erst nach mehreren

Kontakten fängt sie zögerlich an, ihre

Geschichte zu erzählen: »Ich wollte

aus der Hölle heraus!«

Ich stehe ihr bei, sie vertraut mir.

Nach der Geburt der kleinen Angel ist

sie überglücklich. Sie ist nicht mehr

allein, die Tochter ist ihr Lebenselixier

– ihre strahlenden Augen verraten es.

Rückschlag

Endlich scheint ein »normales« Leben

für die junge Mutter möglich. Bis

sie in eine Polizeikontrolle gerät. Sie

trägt ihren Duldungsausweis nicht

bei sich und wird in Haft genommen.

Ein weiteres Trauma. In Panik und

Verzweiflung schlägt sie in ihrer Zelle

mit dem Kopf gegen die Wand, reißt

sich die Kleidung vom Leib und beißt

einen Polizisten.

Nach diesem Vorfall hat Maria

ihre Hoffnung auf ein »normales«

Leben fast verloren. Ihre eigenen

Ängste verleugnet sie, die Sorge um

ihre Tochter jedoch ist groß. Als ihr

Asylantrag und ihre Klage vor Gericht

abgelehnt werden, scheint die Situation

erneut ausweglos: Die Abschiebung

nach Nigeria droht, wohin mit

der kleinen Tochter?

Neubeginn

Ich strenge ein psychiatrisches Gutachten

an – mit Erfolg. Der Experte

stellt fest: »Die Verarbeitung ihrer

zahllosen Traumata, der Verstoßung,

Verwahrlosung und Zwangsprostitution

in Kindheit und Jugendalter

ist nur unter dauerhaft gesicherten

Lebensumständen möglich, verbunden

mit der Aussicht, eine Lebensperspektive

für sich und ihre Tochter

aufbauen zu können. Wenn nicht,

besteht die dringende Gefahr, dass es

in ihrer Depressivität zu »suizidalen

Krisen kommen kann«. Aufatmen.

Der Aufenthalt in Deutschland für

Maria und Angel ist bis auf Weiteres

gesichert. Jetzt geht es darum, der

jungen Frau bei der Bewältigung ihrer

schweren Vergangenheit zur Seite zu

stehen. Mithilfe verschiedener Beratungsstellen

und Einrichtungen versuchen

wir, ihr den Weg in ein neues

Leben zu ebnen. Vergessen wird sie

ihre Vergangenheit wohl nicht. Vielleicht

aber kann sie gemeinsam mit

ihrer kleinen Tochter in Deutschland

einen Neubeginn wagen.

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Sr. M. Stefanie Müllenborn fcjm

Schwester Stefanie gehört zur Gemeinschaft

der Franziskanerinnen Salzkotten. Sie lebt

in Herten und arbeitet in der Beratung von

Flüchtlingen und Asylsuchenden.

Sr. Stefanie mit einer jungen Mutter und ihrem Kind im Beratungsgespräch.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Diskriminierung in der Kirche?

Wiederverheiratete Geschiedene willkommen heißen!

Es war die ganz große Liebe. Daniela

und Christian lernten sich in der Katholischen

Hochschulgemeinde kennen. Sie

studierte Deutsch und Geschichte, er

Maschinenbau. Sie schmiedeten Pläne für

die Zukunft und wollten es gut machen

zusammen: heiraten, Kinder haben und

weiter in der Kirche an einer besseren

Welt mitarbeiten.

Kurz nachdem Christian sein Studium

beendet hatte, feierten die beiden

Hochzeit. Daniela bereitete sich auf

ihr Staatsexamen vor, und Christian

begann zu arbeiten – 300 Kilometer

von ihrem gemeinsamen Wohnort

entfernt. Nach mehr als 30 Absagen,

die er trotz eines guten Examens auf

seine Bewerbungen erhalten hatte,

war dies die einzige Möglichkeit,

die sich ihm bot, in den Beruf einzusteigen.

Ihre Ehe begann als Wochenend-

Ehe. Die gemeinsam verbrachte Zeit

war kurz, aber glücklich, und als

Daniela endlich ihr Staatsexamen in

der Tasche hatte, zog sie so schnell

wie möglich zu ihrem Mann. In der

Nähe der gemeinsamen Wohnung

fand sie eine Schule, in der sie ihr

Referendariat begann. Doch kurz

darauf wurde Christian beruflich versetzt,

diesmal in die Bretagne. Es gab

kein Pardon: Entweder er ging, oder

er verlor seine Stelle. In der Bretagne

konnte Daniela jedoch unmöglich

ihre Ausbildung abschließen. Also entschlossen

sich beide, noch einmal für

zwei Jahre eine Fernehe zu führen,

sich dann aber durch nichts und

niemanden mehr trennen zu lassen,

Kinder zu haben und von da an ein

»normales« Familienleben zu führen.

Wenn zwei heiraten, haben sie meist große Träume. Und doch – Ehen können sterben.

Es kam anders. Die gemeinsam

verbrachten Ferien reichten nicht

aus für die Beziehung. Christian

hielt die Einsamkeit in der Bretagne

nicht aus und verliebte sich in eine

Kollegin, die kurz darauf ein Kind

von ihm erwartete. Für Daniela brach

eine Welt zusammen. Zunächst war

sie entschlossen, um ihre Ehe zu

kämpfen. Aber als sie Christian dazu

besuchte, wurde ihr klar: Sie würde

mit ihm keine Zukunft aufbauen

können in dem Bewusstsein, dass er

einer anderen Frau und einem anderen

Kind gegenüber verpflichtet war.

Viele Ehen in Deutschland

enden auf diese oder eine ähnlich

desillusionierende Weise. Was beide

Partner am Anfang ihrer Beziehung

niemals für möglich gehalten hätten,

tritt ein: Umstände, die sie nicht oder

nur begrenzt beeinflussen können,

belasten die Beziehung so sehr, dass

die Liebe nicht nur leidet, sondern

stirbt. Oft dauert es viele Jahre, bis

Geschiedene einen neuen Partner

finden, mit dem sie den Rest ihres

Lebens teilen möchten. Und wenn

sie sich trotz der ersten Enttäuschung

dann entschließen, die Verantwortung

diesem neuen Partner und eventuell

auch gemeinsamen Kindern gegenüber

einzugehen, fühlen sich viele

von der Kirche ausgegrenzt. Denn

in der katholischen Kirche gilt die

Ehe als unauflöslich. Wer trotzdem

–standesamtlich – wieder heiratet, ist

von Beichte und Eucharistie ausgeschlossen.

Namhafte Kirchenvertreter weisen

jedoch darauf hin, dass diese im

Normalfall geltende Regel keinen

Absolutheitsanspruch besitzt. Der

schweizerische Kardinal Heinrich

Schwery schrieb bereits 1993 in

einem Hirtenbrief: »Es ist mir voll

bewusst, dass die Geschiedenen-Seelsorge

gegenwärtig eine ›suchende‹

Pastoral ist (…) «

Anke Chávez

Anke Chávez ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

der Franziskaner Mission.

Die folgenden Auszüge des Dokuments

verdeutlichen, in welche Richtung ein Weg

weitergedacht werden kann, »der die Lehre

der Kirche ernst nimmt und zugleich der

Situation im konkreten Fall gerecht wird.«

Auszüge aus den Empfehlungen für

die Geschiedenen-Seelsorge von

Bischof Heinrich Schwery aus dem

Jahr 1993

Wir wissen es alle. Wenn zwei heiraten,

haben sie meist große Erwartungen und

Träume. Sie wünschen nichts sehnlicher,

als dass ihre gegenseitige Liebe immer

mehr wachse und durch nichts zerstört

werde, dass ihre Partnerschaft ein Leben

lang Bestand habe.

Und doch – Ehen können sterben.

Und scheiden tut weh. Die Ehescheidung

ist die Bankrotterklärung einer Liebesgeschichte.

Der äußeren Trennung geht oft

ein wahrer Kreuzweg voraus. Jeder erlebt

die Scheidung anders, aber die meisten

erleben sie schmerzlich. Für viele bedeutet

die Ehescheidung eine wahre Lebenskrise.

Keine einzige Ehe scheitert nur

aus einem einzigen Grund. Für das

Nichtgelingen einer Partnerschaft gibt es

viele Ursachen. Zum Teil liegen sie in den

Ehepartnern selbst (Unverträglichkeit der

Charaktere, Eifersucht, Gewalt in der Ehe,

Untreue, Alkoholismus usw.). Zum Teil

sind die gesellschaftlichen Veränderungen

schuld daran (Einfluss der Massenmedien,

neues Rollenverständnis von Mann und

Frau, Anonymität in unserer Gesellschaft).

Sicher sind viele Ehescheidungen auf

eigenes Verschulden zurückzuführen. Aber

auch Ehen von Gutmeinenden, die sich

alle Mühe gegeben haben, können zerbrechen.

Manchmal geht der eine Partner

einfach weg, der andere wird verlassen

und zurückgewiesen. Oft sind weder

Leichtsinn noch Verantwortungslosigkeit

schuld am Scheitern einer Ehe.

Auf alle Fälle dürfen wir nie so tun, als

wüssten wir alles über das Scheitern einer

konkreten Ehe. Die Kirche hat wohl den

Auftrag, zu verkünden, was nach der

Lehre Christi gut und böse ist. Aber

auch ihr steht es nicht zu, über Schuld

oder Nichtschuld des einzelnen Menschen

zu urteilen.

Das folgende Bild zeigt die vergangenen 350 Jahre der

südafrikanischen Geschichte. Die Frau im Vordergrund

macht deutlich, dass die schwarze Bevölkerung »die

Ärmel hochkrempelt«, um den Boden zu bestellen und

für Arbeitsplätze, Schulen und Krankenhäuser zu sorgen.

In seiner Verkündigung lässt Jesus

keinen Zweifel bestehen über das göttliche

Gebot der Unauflöslichkeit der

Ehe (Mk 10,2-12). Nebst der Unauflöslichkeit

der Ehe predigt Jesus aber

auch die Barmherzigkeit. Gott, der die

Armen liebt, gibt jedem Menschen immer

wieder neue Chancen, wenn er nur glaubt,

wenn er umkehren und neu beginnen will.

Viele Geschiedene meinen, sie hätten

keinen Platz mehr in der Kirche. Diese

stille Emigration aus der Kirche wird noch

durch falsche Gerüchte beschleunigt.

Darum seien hier einige Klarstellungen

angebracht: Die Geschiedenen (die nicht

wieder geheiratet haben) sind weder

ex kommuniziert noch vom Leben der

Kirche ausgeschlossen; sie dürfen und

sollen am Sonntag zum Gottesdienst gehen;

sie dürfen wie alle anderen unter den

gewöhnlichen Bedingungen beichten und

kommunizieren; das Ausüben von kirchlichen

Funktionen ist ihnen nicht untersagt;

sie dürfen ihre Kinder taufen lassen usw.

Weil die Kirche die Ehe als unauflöslich

betrachtet, kann sie auch nicht zur Wiederheirat

eines Geschiedenen ihr Ja sagen.

Und doch gehören wiederverheiratete

Geschiedene auch zur Kirche – und zwar

mit ihrem ureigenen Weg.

Auch in einer Zweitehe kann es wahrhaft

Menschliches geben: Manche Wiederverheiratete

erleben zum ersten Mal, was

sie sich einmal unter einer Ehe vorgestellt

hatten. Oder sie nehmen gemeinsam echte

Verantwortung für die eigenen beziehungsweise

für die Kinder des Partners wahr.

Kann da Gott nicht auch auf krummen

Linien gerade schreiben?

Insbesondere zwei Forderungen der

Kirche geben heute vor allem jenen

Wiederverheirateten zu schaffen, die

den Kontakt mit der Kirche nicht verlieren

möchten: Wenn ein Paar, von dem

einer der Partner geschieden ist, heiraten

will, ist eine kirchliche Trauung nicht möglich.

Und eine zweite Forderung der Kirche

gibt vielen zu schaffen: nämlich dass nach

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

der Ziviltrauung die wiederverheirateten

Geschiedenen im Normalfall nicht mehr

beichten und kommunizieren dürfen.

Ich weiß, das ist für viele dieser Geschiedenen,

die wieder geheiratet haben, recht

schmerzlich. Sie befinden sich tatsächlich

in einer scheinbar ausweglosen Sackgasse.

Ihre Zweitehe können sie kirchenrechtlich

nicht regeln – und dennoch möchten

manche als praktizierende Katholikinnen

und Katholiken am Leben der Kirche voll

teilnehmen.

Es ist mir voll bewusst, dass die

Geschiedenen-Seelsorge gegenwärtig

eine »suchende Pastoral« ist. In der

Pastoral dürfen wir jedoch nie müßig

warten, bis Ideallösungen gefunden

sind. Wir müssen hier und jetzt tun,

was möglich ist. Auch was die geschiedenen

Wiederverheirateten betrifft,

sind die Seelsorger verpflichtet, einen

pastoralen Weg zu gehen, der die

Lehre der Kirche ernst nimmt und

zugleich der Situation im konkreten

Fall gerecht wird.

Um den Betroffenen zu einem verantwortbaren

Gewissensentscheid zu verhelfen,

sind in den meisten Fällen eingehende

Seelsorgegespräche erforderlich. Die Rolle

des Seelsorgers ist in diesem Beratungsgespräch

nicht die des Richters, sondern

eher die eines Arztes. Der Priester hat

nicht an Stelle des geschiedenen

Menschen den Gewissensentscheid zu

fällen, sondern ihn zu einem ehrlichen

Gewissensentscheid zu befähigen.

Sitten, den 7. Januar 1993

Heinrich Kardinal Schwery

Bischof von Sitten

Quelle: Heinrich Schwery, »Pastorale Handreichung

zur Geschiedenen- Seelsorge im Bistum Sitten«

Das gesamte Dokument ist im Internet zu finden unter:

http://www.cath-vs.ch/sous-sites/ ClasseurSionWeb/

Documents/D2-7-2.pdf

Zusammenstellung der Auszüge: Anke Chávez

Ihr Weg verläuft von der Enteignung ihres Landes zu

dessen Wieder-Inbesitznahme. Wo genau dazwischen

steht das Land im Jahr 2010?

© TCOE / mit freundlicher Genehmigung von KASA

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2010?


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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Wer Hass verspürt,

kann nicht frei sein

Südafrikas Weg aus der Apartheid

Als Nelson Mandela vor 20 Jahren am

11. Februar 1990 aus der Haft entlassen

wurde, war das der Anfang vom Ende

der Apartheid in Südafrika.

Der Staat an der Südspitze Afrikas,

das Kap der Guten Hoffnung, bezeichnet

sich heute als »Regenbogennation« und

will damit der Vielfalt seiner Völker

und Kulturen Ausdruck verleihen. Das

war nicht immer so: Vor dem Ende der

Apartheid 1994 herrschte in Südafrika

strenge Rassentrennung. Die Farbe

der Haut bestimmte über das Maß an

Bürger- und Freiheitsrechten – einzig

anerkannte Kultur war die der Weißen.

Innenstadt von Kapstadt …

Politik der Rassentrennung

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, unter

britischer Kolonialherrschaft, hatten

Farbige in Südafrika kein Wahlrecht.

Sexueller Kontakt zwischen den unterschiedlichen

Bevölkerungsgruppen, die als

»Rassen« bezeichnet wurden, war verboten.

Farbige durften nur in ausgewiesenen

Gebieten Land erwerben. In den Städten

wurde eine räumliche Trennung zwischen

Farbigen und Weißen vorgenommen.

Farbige waren von führenden Positionen

in Wirtschaft und Politik ausgeschlossen.

Das eigentliche Zeitalter der Apartheid

begann 1948, als die Nationale Partei

die Wahlen gewann und bis 1994

an der Macht blieb. Die Regierung

verfolgte von Anfang an eine rigide

Politik der Rassentrennung. Sie teilte

die Bevölkerungsgruppen in ethnische

Kasten ein: Weiße, Schwarze, Farbige

und Inder/Asiaten. Die Einteilung der

Menschen in diese Kasten geschah oftmals

willkürlich, bestimmte aber über

das Maß der Ausgrenzung.

Dabei unterschied man zwischen der

»kleinen Apartheid« und der »großen

Apartheid«. Die kleine Apartheid

bestimmte die Trennung im öffentlichen

Leben. Sie führte dazu, dass

öffentliche Gebäude zwei Eingänge

hatten – einen für Schwarze und

einen für Weiße –, dass es separate

Bereiche für Schwarze in Straßenbahnen,

Schulen, Toiletten etc. gab.

Auf die Trennung der Bereiche wurde

durch Schilder hingewiesen. Die

große Apartheid war die Segregationspolitik

im großen Stil: Menschen

mussten entsprechend ihrer Hautfarbe

in bestimmten Wohnbereichen

(»Homelands«) leben.

Politik der Versöhnung

Schon früh erhob sich gegen die

Rassentrennung Widerstand. Die

bekannteste Bewegung, der Afrikanische

Nationalkongress (ANC),

wurde 1912 gegründet und versuchte

meist mit friedlichen Mitteln, gegen

die Apartheid vorzugehen. Als 1960

bei Demonstrationen unbewaffnete

Demonstranten erschossen wurden

und der ANC verboten wurde, bildete

sich ein bewaffneter Flügel des ANC,

der von Nelson Mandela angeführt

wurde. Nach seiner Verhaftung im

Jahr 1962 und seiner Verurteilung

zum Tod im Jahr 1964, war er

27 Jahre Gefangener des südafrikanischen

Staates. Auf nationalen und

internationalen Druck hin wurde

seine Todesstrafe in eine lebenslange

Haft umgewandelt.

Literaturtipp:

Nelson Mandela: »Der lange

Weg zur Freiheit«, Fischer,

Frankfurt am Main 1994.

Das Ende des Kalten Krieges 1989

bedeutet auch das Ende des Apartheidsystems

in Südafrika. Der Westen

stützte bis dahin die weiße Regierung

und ihr menschenverachtendes System

aus Angst vor kommunistischer

Machtübernahme und dem Verlust des

geopolitisch und wirtschaftlich strategisch

wichtigen Landes Südafrika. Eine

Kampagne des ANC und internationaler

Druck führte im Jahr 1990 dazu,

dass der prominenteste politische

Gefangene der Welt am 11. Februar

das Gefängnis verlassen konnte und

eine Politik der Versöhnung (»reconciliation«)

einleiten konnte, die ihn als

politische Persönlichkeit in eine Reihe

mit Martin Luther King und Mahatma

Ghandi stellt. »Wer Hass verspürt,

kann nicht frei sein« war die Maxime

seines politischen Handelns. Nelson

Mandela wollte, dass alle Menschen in

seinem Land die Apartheid aufgeben

und ein nichtrassistisches, geeintes

und demokratisches Südafrika schaffen.

Bei den ersten freien Wahlen im

Jahr 1994 wurde Nelson Mandela

zum ersten schwarzen Präsidenten

Südafrikas gewählt. Er blieb bis 1999

in diesem Amt.

… und Außenbezirk von Kapstadt

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Situation der Gegenwart

Die Berichte zur Fußballweltmeisterschaft

2010 in den kommenden

Monaten werden viele Bilder aus

einem Land zeigen, das noch immer

unter den Folgen der Apartheid leidet:

Armut und Gewalt bestimmen den

Alltag der meisten Schwarzen, die

79,5 % der Gesamtbevölkerung ausmachen;

43 % der Bevölkerung leben

in absoluter Armut; Südafrika hat

eine der höchsten Kriminalitäts raten

der Welt und die höchste Rate an

HIV/Aids-Infizierten des Kontinents.

9,2 % der Bevölkerung sind Weiße,

die auch heute noch mehrheitlich in

abgeschlossenen Wohnvierteln leben,

eigene Krankenhäuser haben und ihre

Kinder auf private Schulen schicken:

Ihnen gehören 80 % des Grundbesitzes

am Kap der Guten Hoffnung.

Nelson Mandelas Maxime hat sich

in der Regenbogennation noch nicht

wirklich durchgesetzt. Doch seine

Geschichte und die seines Landes

lässt hoffen, dass Hass überwunden

wird und dass sich Gerechtigkeit und

Frieden nicht aufhalten lassen.

Thomas M. Schimmel

Thomas M. Schimmel ist Politikwissenschaftler

in Berlin.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Zeiten ändern sich

Südafrika heute

Seit gut vier Monaten lebe ich nun in

Südafrika, in dem Land, in dem wie in

vielleicht keinem anderen die europäische

und die afrikanische Kultur aufeinander

getroffen sind. In dem Land, in dem wir als

Franziskanerinnen von Siessen seit mehr

als 75 Jahren präsent sind.

Inzwischen ist die einstige Region

eine eigenständige Provinz geworden

und fest in afrikanischer Hand. Meine

Erfahrungen sind noch frisch und

ungetrübt, und möglicherweise sehe

ich manches auch noch ein wenig

oberflächlich und blauäugig. Trotz

der kurzen Zeit meines Hierseins

aber kann ich sagen: Südafrika ist ein

faszinierendes Land. Es gibt Landschaften

von berauschender Schönheit,

hohe Berge, unendliche Küsten,

Wüstenregionen und Gegenden mit

tropischem Klima. Eine Tier- und

Pflanzenwelt, wie sie auf der Erde

ihresgleichen sucht. Ich bin dabei,

einige Regionen dieses Landes zu

entdecken, nicht, indem ich mich auf

touristischen Pfaden bewege. Ich entdecke

es mehr durch das Verweilen

an verschiedenen Orten, durch die

Begegnung mit Menschen mitten

in ihrem Alltag, mit ihren Sorgen

und Problemen, ihren Freuden und

Hoffnungen. Ich entdecke es auch

durch das Zusammensein mit afrikanischen

Mitschwestern, überwiegend

Frauen aus dem Volk der Basotho,

einem Volksstamm, der im Bergland

Lesotho seinen Ursprung hat. Dieses

Zusammensein und Zusammenleben

hat sein eigenes Gewicht und seine

spezifischen Herausforderungen.

War während der Zeit der Apartheid

das Zusammenleben auch in einer

Ordensgemeinschaft bis ins Detail

reglementiert und kontrolliert, so

bieten sich heute neue Chancen,

das Miteinander zu gestalten.

Sr. Mechthilde mit Kind aus Südafrika: So vertraut wie hier ist die Beziehung zwischen Schwarz und Weiß auch nach Abschaffung der Apartheid noch nicht überall.

Sichtbare Wunden

Die Zeit der Apartheid ist überwunden

– strukturell zumindest.

Das Straßenbild in den Städten ist

bunt gemixt, in fast allen öffentlichen

Einrichtungen arbeiten Menschen

unterschiedlicher Hautfarbe zusammen.

Im Fernsehen sorgt die Verarbeitung

von Beziehungskisten

zwischen Weiß und Schwarz für

hohe Einschaltquoten und in der

Werbung macht eine bestimmte

Cornflakes-Marke schwarze wie

weiße Kinder stark. Aber die Zeit

der rigiden Rassentrennung hat tiefe

Wunden in die Menschen und in das

Herz des Volkes gegraben, Wunden,

die bis heute spürbar oder besser

gesagt, die vor allem auch sichtbar

sind. Denn die sozialen Gegensätze

und die damit verbundenen Probleme

sind allgegenwärtig.

Großes Wunder, kleines Wunder

Die Armut in Südafrika ist schwarz.

In den »Townships«, den Armensiedlungen

am Rande der Städte leben

nur Schwarze, in den Villensiedlungen

der Reichen gibt es inzwischen zwar

auch einige Schwarze, aber die Mehrheit

ist weiß. Viele Weiße in Südafrika

leben ihr eigenes Leben und nehmen

kaum Notiz von der sozialen Problematik

im Land. Schmerzlich ist

vielerorts auch der Zustand der

Kirche, denn viele Gemeinden sind

»einfarbig«. Die Südafrikanische

Bischofskonferenz beklagte vor

einigen Wochen, dass die Apartheid

selbst in den Priester seminaren

noch nicht überwunden sei und ein

schwarzer Priester erzählte, wenn er

Ferienvertretung für einen weißen

Kollegen mache, würden viele weiße

Gemeindemitglieder gar nicht zur

Messe kommen.

Sr. Mechthilde mit »ihren« Kindern

Dennoch – es hat eine Wende stattgefunden,

auch wenn deren Verheißungen

in vielen Dingen des Lebens

noch nicht angekommen sind. »Es

ist ein Wunder, ein großes Wunder,

dass so viele Menschen versöhnungsbereit

sind und an eine gemeinsame

Zukunft glauben«, so drückte Stephen

Brislin, Bischof der Erzdiözese

Kroonstad, es aus. Für mich ist es

etwas Großes, dass wir dem Wunder

ein wenig zum Durchbruch verhelfen

können. Und manchmal sind es ganz

kleine Schritte.

In Südafrika ist Schlangestehen

eine sehr wichtige, unumgängliche

Umgangsform – in Hospitälern, in

Ämtern, in öffentlichen Einrichtungen.

Als ich kürzlich mit einer

schwarzen Mitschwester in einer

solchen Menschenschlange stand –

zwei mit unterschiedlicher Hautfarbe

aber im gleichen Gewand, nahmen

wir beide wahr, wie viele Augenpaare

uns verstohlen folgten. Die Botschaft

war unübersehbar: Hier sind welche,

die nicht nur das respektvolle Nebeneinander

auf Distanz leben, sondern

die das Miteinanderleben auf Augenhöhe

wagen.

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Sr. M. Mechthilde Faist OSF

Schwester Mechthilde gehört zur Gemeinschaft

der Franziskanerinnen von Siessen und lebt seit

August 2009 in Südafrika.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Es lebe der Sport – aber nicht

auf Kosten der Armen!

Zwangsumsiedlungen für die Fußball-WM in Südafrika

Begeisterung auf der Tribüne – auch und insbesondere in Südafrika.

»Ke nako, celebrate african humanity«, so

lautet das Motto der ersten Fußball-WM auf

dem afrikanischen Kontinent. Anlässlich

dieses Sportereignisses will Südafrika als

Gastgeber glänzen und die Weltöffentlichkeit

beeindrucken. Die WM soll das Selbstbewusstsein

der Südafrikanischen Nation

demonstrieren und die Nation-Werdung

konsolidieren. Dafür investiert die Südafrikanische

Regierung rund 3,7 Milliarden

US-Dollar, überwiegend in Infrastrukturmaßnahmen,

und erhofft sich langfristig

positive Auswirkungen auf die Wirtschaft

des Landes.

Die Fußballbegeisterung vor allem der

schwarzen Südafrikaner ist bekannt.

Sie war schon während der Apartheid

groß und hat noch zugenommen,

seit südafrikanische Vereine und

die Natio nalmannschaft nach der

Abschaffung der politischen Apartheid

wieder am internationalen Fußballgeschäft

teilnehmen dürfen. Mit

der kommenden WM erreicht diese

Begeisterung ihren Höhepunkt. Dennoch

ist sie keinesfalls grenzen- und

bedenkenlos, wie oft dargestellt. Je

näher die größte Sportparty der Welt

rückt, desto deutlicher wird, dass sich

hinter dem offiziellen Diskurs und der

als allgemein dargestellten Begeisterung

viele Probleme verbergen, die

auf das Zelebrieren der afrikanischen

Menschlichkeit dunkle Schatten

werfen. Eines dieser Probleme heißt

Zwangsumsiedlung.

Vertreibungen im Vorfeld von

Sportereignissen sind nicht neu.

Zuletzt sorgten die olympischen Spiele

in Peking in diesem Zusammenhang

für negative Schlagzeilen. In Südafrika

aber haben Vertreibungen eine

tragische Vorgeschichte: Landenteignungen

und Zwangsumsiedlungen

gehörten unter der Apartheid zu den

gängigen Methoden des Ressourcen-

und Reichtumstransfers von Schwarz

nach Weiß. Diesen Hintergrund darf

man nicht aus dem Blick verlieren,

wenn man 17 Jahre nach der Abschaffung

der politischen Apartheid von

Vertreibungen in Südafrika spricht.

Vertreibungen heute

Bei Räumungsaktionen wie kürzlich

im Slum an der Kennedy Road in

Durban spielen andere Gründe als

unter der Apartheid eine Rolle. Viele

Opfer dieser Räumungsaktionen

haben das Gefühl, die Verantwortlichen

in den Großstädten wollten

sie loswerden, um einen makellosen

Eindruck vor der Welt abzugeben.

Die Armensiedlungen passen nicht

in das moderne Südafrika-Bild. Deswegen

sollen die Bewohnerinnen und

Bewohner einiger Slums vor Beginn

der WM umgesiedelt werden. Land ist

Wohnraum und das Problematische

sowohl an den schon durchgeführten

als auch an den noch geplanten

Umsiedlungen ist, dass die Behörden

nur selten in der Lage sind, adäquaten

neuen Wohnraum zur Verfügung zu

stellen. So werden die Vertriebenen

in Übergangslager am Rande der

Städte gebracht, in denen es eine nur

unzureichende Infrastruktur gibt. Die

Versorgung mit Energie und Wasser

gestaltet sich schwierig, sanitäre

An lagen sind mangelhaft, Krankenhäuser

und Schulen so weit entfernt,

dass sie kaum zu erreichen sind.

Dennoch ist Imagepflege nicht

der einzige Grund für die Zwangsräumung

der von Armen bewohnten

Flächen. Auch Bodenspekulation und

Profitmaximierung spielen eine Rolle.

Aus der Sicht von Behörden und Investoren

bietet der oft begehrte Boden der

Armenviertel lukrative Investitionsmöglichkeiten.

Aus dieser Perspektive sind

Zwangsräumungen oft nur der erste

Schritt zu einer Umwidmung von Siedlungsgebieten

der Armen. Gegen diese

Zwangsräumungen sowie gegen die

geplante Vertreibung von Straßenhändlern

um die Stadien und Fanmeilen,

wo die FIFA-Sponsoren Sonderrechte

genießen, organisiert sich starker

Widerstand, zum Beispiel von Abahlali

baseMjondolo, der größten südafrikanischen

Organisation von Slum-Bewohnern,

oder StreetNet, einem internationalen

Netzwerk von Straßenhändlern.

Und um des Friedens willen wäre die

Südafrikanische Regierung gut beraten,

faire und gerechte Regelungen zu

suchen oder zu finden, Probleme zu

lösen anstatt sie zu verstecken oder zu

verdrängen. Dies ist unabdingbar, will

Südafrika nicht nur mit Straßen, Flughäfen,

Stadien und Hochhäusern, sondern

auch mit Menschlichkeit glänzen,

denn Humanität hat nichts mit bloßer

Fassadenwirkung zu tun. Sie artikuliert

sich in der Fürsorge für die Armen und

Schwachen, für Menschen, die um ihr

Überleben kämpfen.

Dr. Boniface Mabanza

Boniface Mabanza ist Theologe und Koordinator

bei der Kirchlichen Arbeitsstelle

Südliches Afrika (KASA) in Heidelberg.

»Unser Land, unser Erbe, unser Recht«: Demonstration in Vaalplaas/Südafrika

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Bildungsangebot 2010:

»Fußball-WM 2010 in

Südafrika – More Than

Just A Game!«

Mit der WM 2010 steht Südafrika im

Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Die

Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika

(KASA) lädt Sie ein, die WM 2010 als

einmalige Chance zum Anlass zu nehmen,

ein breites Spektrum an Themen, Inhalten

und Hintergründen über das Land Südafrika

bzw. die Region Südliches Afrika

kennenzulernen. KASA unterstützt bildungspolitische

Maßnahmen im Rahmen

der WM 2010 mit einem Angebot, das

sich sowohl thematisch und zeitlich als

auch methodisch flexibel gestalten und

sich an dem Bedarf der beantragenden

Gruppen ausrichten lässt.

Kontakt:

Dr. Boniface Mabanza

Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika

c/o Werkstatt Ökonomie

Obere Seegasse 18

69124 Heidelberg

06221/ 43336-17

boniface.mabanza@woek.de

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Ein Land im Wandel

Jahrhunderte der Ausgrenzung in Bolivien

Bolivien, Land im Wandel: Indigene Kultur trifft Moderne

Seit der Kolonialzeit wird die indigene

Bevölkerung Boliviens unterdrückt und

gezwungen, die Reichtümer Boliviens auszunutzen,

ohne selbst davon zu profitieren.

Der im Dezember 2009 wiedergewählte

erste indigene Präsident Boliviens will das

ändern.

Wenn Sie zur nächsten Familienfeier

das Tafelsilber Ihrer Großeltern mal

wieder putzen, dann können Sie

sicher sein, dass ein Teil dieses Silbers

aus Bolivien stammt. Mit dem von

den Kolonialherren im bolivianischen

Potosí geförderten und nach Europa

gebrachten Edelmetall hätte man

eine Brücke aus der Neuen Welt bis

nach Sevilla bauen können. Immense

Reichtümer wurden im Laufe der

Jahrhunderte aus dem Cerro Rico,

dem zur Kolonialzeit größten

Bergwerk im spanischen Königreich,

gefördert. Der »Reiche Berg« steht

heute wie ein zerlöcherter Koloss

über der Stadt Potosí. Das Silber

machte Potosí im 17. Jahrhundert

zu einer der größten Städte der

Welt mit über 120.000 Einwohnerinnen

und Einwohnern. Nachdem

die Silberminen so gut wie ausgeschöpft

waren, fand man Zinn.

Beide Metalle werden noch immer

in Potosí abgebaut.

Reiche Schätze, armes Land

Bolivien ist auch heute noch reich

an Bodenschätzen. So befindet sich

im Andenstaat das zweitgrößte

Erd gasvorkommen Südamerikas.

In dem Salzsee Salar de Uyuni vermutet

man mit geschätzten 5,4 Millionen

Tonnen fast die Hälfte des

weltweiten Gesamtvorkommens an

Lithium, einem Rohstoff, der für die

Produktion von modernen Lithium-

Ionen-Batterien benötigt wird.

Doch trotz dieser immensen Reichtümer

ist Bolivien nach Haiti das

zweitärmste Land Südamerikas. Es hat

im Laufe der Jahrhunderte schlechte

Erfahrungen mit dem Abbau seiner

Bodenschätze gemacht: Meistens

brachten ausländische Investoren

die Rohstoffe außer Landes, sodass

Bolivien an der Wertschöpfung nur

geringen oder gar keinen Anteil hatte.

Langsamer Wandel

Heute leben ca. 80 % der Bevölkerung

unter der absoluten Armutsgrenze.

Was in der Kolonialzeit begann, setzt

sich wirtschaftlich und gesellschaftlich

bis heute fort: Leidtragende sind

die Indigenen Boliviens, die 7 % der

Bevölkerung ausmachen. Wurden die

Bürgerinnen und Bürger indianischer

Abstammung während der Kolonialzeit

oftmals als Zwangsarbeiterinnen

und Zwangsarbeiter in den Minen von

Potosí zu Tode geschunden, werden

sie bis heute von Bildung, Ausbildung

sowie politischer und wirtschaftlicher

Partizipation ausgeschlossen. Auch

wenn die systematische Ausgrenzung

durch die Zentralregierung in La Paz

seit dem Amtsantritt von Präsident

Evo Morales im Jahr 2006 gestoppt

wurde, so herrschen in den ländlichen

Gebieten oftmals noch die

wenigen weißen Großgrundbesitzer

als Kolonialherren, die Indigene wie

Leibeigene behandeln.

Große Verantwortung

Nur ca. 25 % der Menschen in

Bolivien sind europäischer Abstammung.

Dennoch haben sie seit

Gründung der Republik Bolivien

im Jahr 1825 immer die Regierung

gestellt. Erst seit der Wahl von

Evo Morales Ayma, einem Aymara-

Indianer, der früher einmal Kokabauer

und Gewerkschaftsführer war, steht

erstmals im Laufe der Geschichte

Boliviens ein Indigener an der Spitze

der Regierung. Bei seiner Wiederwahl

im Dezember 2009 erhielt er 64 %

der Stimmen.

Der Anspruch der Politik von Evo

Morales ist es, die soziale, kulturelle,

wirtschaftliche und politische Situation

der 36 indigenen Völker Boliviens

dauerhaft zu verbessern. Die Mehrheit

der Bevölkerung soll künftig

nicht mehr ausgegrenzt und diskriminiert

werden. Ein hoher Anspruch in

einem gespaltenen Land, in dem seit

Jahrzehnten soziale Konflikte immer

wieder ihren Blutzoll fordern. Mit

der Verstaatlichung der Bodenschätze

und der Einführung einer neuen

Verfassung, in der den indigenen

Völkern mehr Rechte zugestanden

werden, hat sich Evo Morales in

den vergangenen Jahren nicht nur

Freunde gemacht. Die politischen

und sozialen Spannungen in Bolivien

halten an. Amnesty International

beklagt in seinem Jahresbericht 2009

zu Bolivien ein Ansteigen rassistischer

Übergriffe auf Indigene und ihre

Nichtregierungsorganisationen. Die

Kritik an seiner »sozialistischen« Politik

und seiner Nähe zum venezuelanischen

Präsidenten Hugo Chávez

wird auch international geäußert.

Kinder aus Bolivien

Jedoch werden seine Wirtschaftspolitik

und seine Politik zur Armutsbekämpfung

auch von unerwarteter

Seite gelobt: Der internationale Währungsfonds

(IWF) bescheinigt Bolivien

eine »angemessene« Wirtschaftspolitik,

die dem Land trotz der weltweiten

Wirtschaftskrise im Jahr 2009

ein Wachstum von 4 % bescherte

und welche die Staatseinnahmen

zwischen 2005 und 2009 um 18 %

steigerte. Boliviens Staatshaushalt

weist dadurch erstmals seit 1970 kein

Defizit auf und der Regierung wurden

finanzielle Freiräume für die Fortführung

der Armutsbekämpfung und

Alphabetisierungskampagne eröffnet.

Die Entwicklung Boliviens in

den letzten Jahren ist durchaus hoffnungsvoll,

auch wenn eine unselige

500-jährige koloniale Tradition und

deren Folgen nicht in zwei Legislaturperioden

beseitigt werden können.

Es gibt aber den Hoffnungsschimmer,

dass Evo Morales der indigenen

Mehrheit Boliviens ein Selbstbewusstsein

gibt, das ihr hilft, ihr Schicksal

weiter aktiv in die eigene Hand zu

nehmen und den Reichtum ihres

Landes gerecht zu nutzen.

Thomas M. Schimmel

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Weitere Informationen unter:

www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Bolivien/Welcome.html

www.quetzal-leipzig.de/lateinamerika/bolivien

http://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Bolivien

Straße in Potosí/Bolivien. Im Hintergrund der Cerro Rico.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Vom Gewicht der Farbe

Die Vielfalt der Ethnien in Lateinamerika

Als ich von Peru zum Studium nach Deutschland

kam, lernte ich hier zwei Studenten

kennen. Der eine hieß Thomas. Er war

deutsch, blond und nur 1,55 m groß. Sein

Kommilitone Patricio kam aus Chile. Er

war 1,80 m groß, trug schwarzes, langes

Haar und war stolz darauf, eine für lateinamerikanische

Verhältnisse helle Hautfarbe

zu haben.

Patricio provozierte Thomas ständig

mit Witzen, bei denen es um dessen

Körpergröße ging. Es amüsierte ihn

zum Beispiel köstlich, dass Thomas

20 cm kleiner war als seine Freundin,

und ständig spottete er über diese

Äußerlichkeit. Uns anderen war das

sehr unangenehm, aber Thomas ertrug

die ständigen Spötteleien zunächst mit

souveräner Abgeklärtheit. Nach einiger

Zeit sprach er mich eines Tages aber

dann doch einmal an und bat mich

um meinen Rat. »Hör mal, Omar«,

sagte er, »ich weiß ja nicht, wie Ihr

das in Südamerika macht. Ich habe

alles versucht, um Patricio von seinen

›Witzen‹ abzubringen, im Guten wie

im Bösen, aber er hört einfach nicht

auf mit seinen ständigen Anspielungen.

Was kann ich tun? Ich glaube,

er braucht einmal eine sehr deutliche

Antwort, etwas, das er versteht.«

Ich gab ihm zwei Tipps, aber beide

schlugen fehl. Da half nur noch eins.

Ich riet Thomas: »Nenn ihn ›Roto‹.«

Familie aus Lima/Peru

Zwei Wochen später lud mich ein

erleichterter Thomas zum Essen ein:

»Es ist ein Wunder, Patricio lässt

mich jetzt in Ruhe. Aber sag mal:

Was bedeutet eigentlich ›Roto‹?«

»Roto« ist in Chile ein sehr abwertender

Begriff für arme Bauern, die in

erniedrigenden, schmutzigen Verhältnissen

leben und die über keine besonders

guten Manieren verfügen. ›Roto‹

meint aber unterschwellig noch mehr.

Es schwingt bei diesem Wort immer

auch eine rassistische Komponente

mit. Ein ›Roto‹ unterscheidet sich

nicht nur in seinen Lebensumständen

von der weißen Bevölkerung, sondern

auch durch seine kleinere Körpergröße

und seine dunklere Hautfarbe.

Das Erstaunliche und zugleich auch

Typische an Patricios Reaktion ist, dass

Angehörige der »weißen« Bevölkerung

in Südamerika durch nichts schwerer

getroffen werden, als wenn man ihnen

vorwirft, zu diesen – in ihren Augen –

kleinen, dunklen, ungebildeten Landsleuten

zu gehören. Patricio ist weder

klein noch dunkel, und als Student

gehört er zu der bildungsmäßigen

Elite seines Landes. Und trotzdem:

Überhaupt mit den ›Rotos‹ in irgendeiner

Weise in Verbindung gebracht

zu werden, hat ihn tief getroffen. Das

ist bezeichnend in Südamerika: Die

schlimmste Beleidigung ist die, zu

einer anderen Volksgruppe des Landes

gerechnet zu werden.

Beispiel Peru

Auch in Peru ist dieses Phänomen

typisch. Auch hier ist ein emotionsloser

Umgang mit der eigenen Volkszugehörigkeit

immer noch nicht

möglich, obwohl Peru neben Bolivien

und Guatemala zu einem der drei

südamerikanischen Ländern gehört,

in denen die Mehrheit der Bevölkerung

indianischer Abstammung ist.

Deutlich wurde dies an den Reaktionen

auf den peruanischen Film »La

teta asustada«/»Eine Perle Ewigkeit«,

der im Jahr 2009 bei der 59. Berlinale

den Goldenen Bären gewann.

In dem Film geht es um die

Folgen des Krieges zwischen dem

peruanischen Militär und der Terrororganisation

»Leuchtender Pfad«, der

in den 1980er und 1990er Jahren

unsägliches Leid vor allem über

die indianische Landbevölkerung

gebracht hat. Der Film handelt von

Menschen aus den Anden, die nicht

nur unter extremer Armut leiden,

sondern auch unter dem anhaltenden

Trauma der erlittenen Gewalt.

Anstatt sich über die internationale

Anerkennung dieses Filmes zu

freuen, ärgerte sich ein großer Teil

der Peruaner darüber. Die Auszeichnung

führte zu einer leidenschaftlichen

öffentlichen Polemik. In

fast allen Zeitungen, Zeitschriften,

TV-Sendungen und Blogs wurde der

Film samt seines Preises verrissen

– und das, obwohl kaum einer der

Kritiker den Film selbst gesehen

hatte. Man bezog sich zum großen

Junge Fernsehleute in Lima/Peru

Teil auf Rezensionen der internationalen

Presse. Das Fazit der meisten

Kritiker war, dass der Film nicht über

die Qualitäten verfügte, die den Preis

gerechtfertigt hätten.

Das konservative Lager warf den

Filmemachern vor, dass sie die peruanische

Gesellschaft auf beschämende

Weise als »unzivilisiert und primitiv«

erscheinen ließen und sowohl das

Leben in den großen Städten als auch

die Weltsicht der Mittel- und Oberschicht

völlig außer Acht ließen.

Eine andere Gruppe sah in dem

Preis nichts weiter als eine Geste der

deutschen linken Intellektuellen, die

mit dem Preis ihr Wohlwollen gegenüber

der Dritten Welt aus drücken

wollten.

Die Vertreter der peruanischen

Linken schließlich stempelten den

Film als das rassistische Werk einer

»weißen Regisseurin mit grünen

Augen« ab, die in Spanien lebt und

daher keine Ahnung von der peruanischen

Realität hat. Ihr Erfolg sei

allein darauf zurückzuführen, dass

sie die Tochter des berühmten Schriftstellers

Mario Vargas Llosa sei.

Wenn man dies alles liest und

hört, fragt man sich: Warum kann ein

Film, der das Leiden einer großen,

aber gleichzeitig unterdrückten und

vergessenen Gruppe darstellt, so viel

Aggressivität erwecken? Man will mit

dieser anderen Gruppe nichts zu tun

haben, man will weder ihre Realität

noch ihre Weltsicht kennen – und

man will auch nicht, dass sich andere

dafür interessieren.

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Beispiel Bolivien

Ein anderes Beispiel für den unterschwelligen

Rassismus in Südamerika

war die Wahl der »Miss Universum

2004«. Für Bolivien nahm Gabriela

Oviedo an dem Schönheitswettbewerb

teil. In einem Interview, das sie

Journalisten über ihre Heimat gab,

entschuldigte sie sich dafür, dass »die

Menschen immer denken, wir seien

alle Indios. Dabei sind die Menschen

im Osten Boliviens groß, weiß und

sprechen Englisch. Wir sind nicht

klein und arm wie die Leute in der

Metropole La Paz«.

Wenn die öffentliche Vertreterin

eines Volkes so über ihre Landsleute

spricht, ohne dass ein Aufschrei der

Empörung dadurch hervorgerufen

wird: Wie selbstverständlich muss

eine solch diskriminierende Sicht

dann immer noch sein!

Qualitätsmerkmal Hautfarbe

All diese Beispiele zeigen, wie

subtil, verwirrend und erschreckend

Diskriminierung ist und wie tief sie

in der menschlichen Seele verankert

ist. Jeder lateinamerikanische Bürger

erlebt tagtäglich im Fernsehen, bei

der Arbeit und vor dem Gesetz: Es

gibt kein volksgruppenübergreifendes

»Wir-Gefühl«. Menschen mit einer

anderen Hautfarbe werden nicht der

eigenen Nation zugerechnet. Man

begegnet der jeweils anderen Gruppe

misstrauisch und sieht in ihr den alten

und den neuen Feind: den alten, den

es bei der Kolonisierung zu bekämpfen

galt, und den neuen, gegen den

man – je nachdem – entweder die

eigenen Privilegien zu verteidigen

oder die seit Jahrhunderten verwehrten

Rechte zu erstreiten hat.

In Lateinamerika spielt unter den

»Qualitätsmerkmalen« eines Menschen,

nach denen er eingeschätzt

wird, immer auch seine Hautfarbe

eine entscheidende Rolle. Das ist ein

angeborener Vor- oder Nachteil, den

man im ganzen Leben mit sich trägt.

Omar Handabaka

Omar Handabaka aus Peru ist Politikwissenschaftler

und Universitätsdozent

an der Universität Duisburg-Essen und

an der Fachhochschule Münster.

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

Auf das Herz kommt es an Der lange Weg zur Gleichheit

Brüder unterschiedlicher Hautfarbe Aus dem Leben einer schwarzen Ordensschwester

Brasilien ist ein multikulturelles Land. Es

gibt vor allem drei große Volksgruppen: die

Indianer, die Schwarzen und die Weißen.

Diese drei Ethnien haben eigentlich noch

nie richtig zusammengelebt. Man muss nur

einmal in die »Favelas« oder in die Gefängnisse

gehen. Hier sind die Schwarzen und

die Indianer immer noch in der Überzahl.

Materielle Armut, Analphabetismus,

Arbeitslosigkeit und der Mangel an menschenwürdigen

Unterkünften stürzen viele

Afro-Brasilianer und Indianer ins Elend. Der

brasilianische Staat hat immer noch nicht

von Schwarzen. Trotzdem gibt es immer

noch Diözesen, die sich diesen Anweisungen

widersetzen und weder schwarze

Ordensleute noch schwarze Priesteramtskandidaten

zulassen wollen.

Ich bin im Jahr 1984 als Schwarzer in

den Franziskanerorden eingetreten. Als

ich meinen Eltern und Freunden vorher

erzählte, was ich vorhatte, waren die Reaktionen

ganz unterschiedlich. Einige sagten:

»Ich kenne keinen schwarzen Priester.«

Andere warnten: »Es wird schwierig für

dich werden in der Welt der Weißen.« Aber

einige machten mir auch Mut: »Nur zu,

du bist schließlich einer von uns! Du wirst

unser Pater!«

In der Gruppe der Postulanten war ich

der einzige Schwarze. Aber ich erinnere

mich nicht daran, dass es jemals deswegen

Probleme gegeben hätte. Im Gegenteil. Ich

habe alle nur erdenkliche Unterstützung

erhalten, die man sich wünschen kann,

um meine Identität als Schwarzer auch im

Orden in Würde und mit Freude zu leben.

Bei meinen franziskanischen Mitbrüdern

zählte nur eins: Gemeinsam für die Armen

da zu sein.

Br. João Muniz Sr. Zenaide Costa

Bei uns in Brasilien und vielen anderen

Teilen der Welt werden Menschen

schwarzer und indianischer Abstammung

immer noch diskriminiert. Wir Brasilianer

sind zwar schon einige Schritte vorangekommen,

was das harmonische Zusammenleben

der Menschen verschiedener

Herkunft und Hautfarbe angeht, aber es

gibt trotzdem noch viel zu tun.

gelernt, gut mit den Unterschieden in der

Bevölkerung umzugehen. Wir sind noch

lange nicht alle gleich vor dem Gesetz.

Menschen, die nicht weiß sind, werden

immer noch sozial ausgegrenzt, und es ist

noch ein langer Weg bis wir wirklich alle

so behandelt werden, wie es die brasilianische

Verfassung vorsieht. Dieser Weg

führt über eine gute Schul- und Berufsausbildung,

über gerechte Arbeitsverträge,

über den Respekt vor den Unterschieden,

über die Religionsfreiheit, über die

gerechte Verteilung der Güter des Landes

und über die Eingliederung derer, die am

Rande der Gesellschaft stehen.

(K)eine Kirche der Weißen

Die katholische Kirche hat von der Kolonialzeit

an immer eine wichtige Rolle in

der brasilianischen Gesellschaft gespielt,

wenn es um soziale, politische und

religiöse Bildung ging. Allerdings hätte

sie in Bezug auf die Afrikaner in Brasilien

prophetischer sein müssen. Auch in der

Kirche gab es Regeln, die Schwarzen, Indianern

und Mulatten den Beitritt zu einem

Orden oder die Ausbildung zum Priester

verweigerten. Gerechterweise muss man

allerdings dazu sagen, dass es immer auch

Stimmen gab, die dies kritisierten.

Noch bis vor etwas mehr als 60 Jahren

gab es in Brasilien ausschließlich weiße

Priesteramtskandidaten. Heute haben wir

in Brasilien 17.500 Priester. Es könnten

viel mehr sein, wenn man schon viel

früher auch Schwarze und Mulatten

zum Priesteramt zugelassen hätte. Die

Folgen dessen, was in der Vergangenheit

versäumt wurde, bekommen wir

heute zu spüren. »Anstatt 2.000 könnte

es heute 12.000 schwarze Priester in

Brasilien geben«, schätzt der Franziskanerpater

David Raimundo Santos, der

die Geschichte der Schwarzen in den

vergangenen 500 Jahren in Brasilien untersucht.

Auch von den zurzeit insgesamt

430 brasilianischen Bischöfen sind nur

12 schwarz.

Inzwischen unterstützen sowohl die

Brasilianische Bischofskonferenz als auch

der Heilige Stuhl die religiöse Berufung

Priester aus Leidenschaft

Heute bin ich Franziskaner und Priester.

Seit sieben Jahren bilde ich den Ordensnachwuchs

aus, leite als Pfarrer eine große

Gemeinde und verrichte weitere Dienste

für die Ordensprovinz. Ich habe in Rom

Philosophie studiert und in Theologie

promoviert. Als ich von Italien zurückkam,

haben mir die Mitbrüder in Brasilien die

Leitung der Provinz Bacabal anvertraut. Ich

nehme die Aufgaben, die mir mit diesem

Amt zukommen, mit großer Achtung und

großer Hingabe wahr. Zusammen mit den

anderen Brüdern ist es mir ein ganz großes

Anliegen, für die Armen da zu sein und

mit ihnen zu leben, ganz so, wie Jesus und

Franziskus es getan haben. Auf das Herz

kommt es an, nicht auf die Hautfarbe.

Br. João Muniz Alves ofm

Bruder João ist Provinzial der Franziskanerprovinz

Bacabal im Nordosten Brasiliens.

Es ist noch ein weiter Weg, bis die Menschen

verschiedener Hautfarbe in Brasilien

auf allen Ebenen gleich behandelt werden,

auch in der Kirche. Alle »Weißen«, das

heißt, alle Brasilianer europäischer Abstammung,

gelten als »schön, klug, gebildet«.

Alle anderen dagegen werden nicht nur

von den Weißen als »hässlich, dumm und

unzivilisiert« angesehen – oft halten sich

die Schwarzen, Indianer und Mestizen

auch selbst dafür.

Ich erinnere mich an eine Geschichte,

die ich als Kind erlebt habe. Meine Eltern,

Geschwister und ich lebten in einem Ort,

in dem es nur eine einzige weiße Familie

gab. Wir verstanden uns prima mit diesen

Leuten, und ich wäre nicht auf die Idee

gekommen, dass die Hautfarbe eine wichtige

Rolle spielen würde. Diese Erfahrung

machte ich erst später, in der Schule und

leider auch in der Kirche.

Schwarzer Engel?

Jedes Jahr im Mai gab es in unserer

Gemeinde einen Gottesdienst, in dem

sich ein Kind als Engel verkleiden und

der Marienstatue eine Krone aufsetzen

durfte. Alle sagten, dass ich sehr schön

singen würde, und man ließ mich das

Lied für die Krönung üben. Ich machte

mir also Hoffnung, dass ich in diesem

Jahr der Engel sein und der Maria die

Krone aufsetzen dürfte. Doch es kam

anders. Ich wurde hinter die Statue

gerufen, dort sollte ich singen. Währenddessen

spielte ein weißes Mädchen

den Engel und setzte der Maria die

Krone auf. Zunächst dachte ich mir

nichts dabei und träumte weiter davon,

eines Tages doch einmal der Engel sein

zu dürfen – bis man mir sagte, dass es

keine schwarzen Engel gäbe.

Unter Schwestern

Trotz dieser Erfahrung wuchs die

Liebe zur Kirche weiter in mir, und ich

wünschte mir, Ordensschwester zu

werden. Aber zu dieser Zeit gab es noch

so gut wie keine schwarzen Ordensschwestern.

Mit wem also da rüber

reden? In meiner Stadt gab es Franzis-

kanerinnen aus Deutschland. Ihnen

vertraute ich mich an, und sie nahmen

mich ohne weiteres in ihre Gemeinschaft

auf. Dort wurde ich behandelt

wie alle anderen auch. Niemand schaute

auf mich herab, im Gegenteil. Nachdem

ich meine Ewige Profess abgelegt hatte,

wählten mich meine Mitschwestern zur

Superiorin, Koordinatorin und Ausbildungsleiterin

unserer Gemeinschaft.

Sie gaben mir Aufgaben des Vertrauens.

Aber außerhalb unserer Gemeinschaft

ging man mit mir weiterhin um wie mit

einem unmündigen Kind.

Wenn ich Besucher an der Pforte

empfing, bekam ich manchmal Dinge

zu hören wie: »Mein Kind, geh doch

ins Haus und hole mir eine Schwester.«

Dabei konnte jeder sehen, dass ich auch

eine Schwester war – sonst hätte ich ja

kein Ordenskleid getragen. Aber eine

schwarze Schwester konnte es in den

Augen der Leute einfach nicht geben.

Einmal, als ich schon Oberin war,

kam eine Frau zu uns und erzählte

mir ihre ganze Lebens- und Leidensgeschichte.

Ich hörte ihr aufmerksam

zu. Nach einiger Zeit erhob sie sich

seufzend und sagte zu mir: »Ach meine

Tochter, was erzähle ich dir das alles.

Geh doch bitte zur Mutter Oberin und

frage sie, ob sie mir nicht helfen kann.«

Von Gott geschaffen

1992 gab es in São Paulo eine große Versammlung,

zu der sich rund 700 Ordensleute

trafen. Nur drei der Schwestern

und acht der Brüder waren schwarz,

aber die Gottesdienste wurden mit

rhythmischen afrikanischen Gesängen

und Tänzen gestaltet. Fast täglich bat

man mich, mit Tüchern und in bunten

Kleidern zu der Musik einzuziehen,

einmal die Bibel, einmal die Gottesmutter

hereinzutragen und dabei zu

tanzen. Als ich eines Morgens in der

Schlange zum Frühstücksbüfett stand,

sah mich eine andere Schwester an und

fragte mich: »Zu welcher Tanzgruppe

gehören Sie eigentlich?« Ich deutete auf

mein Namensschild, erklärte ihr, dass

ich keine Tänzerin, sondern Franziskanerin

sei. Kurz darauf hörte ich sie

überall erzählen, dass ich als Tänzerin

für die Gottesdienste angeheuert

worden sei.

Für viele Leute in Brasilien ist es

immer noch ein Ding der Unmöglichkeit,

dass auch Menschen mit

schwarzer Hautfarbe gute Ordensschwestern,

Priester, Bürgermeister,

Schulleiter oder was auch immer sein

können. Aber hat nicht Gott selbst

uns in unserer Unterschiedlichkeit

geschaffen, damit jeder von uns mit

seinen besonderen Gaben den anderen

dient – egal, welche Hautfarbe wir

dabei haben?

Sr. Maria Zenaide Costa

Schwester Zenaide ist Regionaloberin der

Waldbreitbacher Franziskanerinnen in São Luís

im brasilianischen Bundesstaat Maranhão.

Übersetzung aus dem Portugisischen: Anke Chávez Übersetzung aus dem Portugisischen: Anke Chávez

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Franziskaner Mission 1 | 2010 — Ausgrenzung? – Nein Danke!

Kurznachrichten

Haiti

Was tun die Franziskaner in

Port-au-Prince?

Am 12. Januar 2010, gegen 16.53 Uhr

Ortszeit, kostete ein Erdbeben der

Stärke 7 auf der Richterskala mehr als

150.000 Menschen das Leben. Wie

durch ein Wunder überlebten alle

15 Franziskaner der Hauptstadt Portau-Prince

so gut wie unverletzt. Nun

versuchen sie, den Menschen, die fast

alle mindestens einen Angehörigen

verloren haben, beizustehen und den

Wiederaufbau langsam mit vorzubereiten.

Br. Carlos Omar Durán Vásquez,

von der franziskanischen Gemeinschaft

»San Alejandro« aus Port-au-Prince,

Haiti, berichtet per E-Mail, wie die

Franziskaner das Beben erlebt haben.

Unser Kloster liegt mitten in der Stadt

Port-au-Prince, ca. einen Kilometer entfernt

vom zerstörten Parlamentsgebäude. Es war

am 12. Januar, einem Dienstag am späten

Nachmittag, als die Erde anfing zu beben

und wir die Zerstörung der Stadt erlebten.

Einige Bilder von den Ausmaßen des Erdbebens auf Haiti am 12. Januar 2010.

Wir hielten uns alle an verschiedenen

Orten auf. Bruder Victor aus Chile, der bei

uns französisch studiert, war in der Schule.

Mehrere Stunden lang wussten wir nicht,

wie es ihm geht. Bruder Columbano war

im Büro bei der Kapelle bei der Arbeit.

Ich selbst war mit unserem Postulanten

im Obergeschoss des Klosters. Als wir auf

die Straße liefen, haben wir miterlebt,

wie groß und schrecklich das Beben war.

Wir haben Häuser einstürzen sehen, und

es lagen Leichen von Menschen auf der

Straße, die von den Trümmern erschlagen

worden waren. Ein vierstöckiges Hotel

neben unserer Kapelle wurde vollständig

zerstört, es werden dort immer noch

mindestens drei Tote unter den Trümmern

vermutet. Noch heute spüre ich die Panik,

die die Menschen gemeinsam erfasst hatte.

Alle Mitbrüder unserer Gemeinschaft

blieben unverletzt. In der ersten Nacht

waren wir allerdings voll Sorgen, da wir

nicht wussten, wie es unseren Brüdern

in den anderen beiden Klöstern auf

Haiti ging. Die Telefonleitungen waren

zusammengebrochen und wir besitzen

kein Auto, außerdem waren Straßen und

Franziskaner

Wenn Sie außer der Franziskaner

Mission gerne auch die Zeitschrift

Franziskaner regelmäßig lesen möchten,

deren nächste Ausgabe Anfang März

zu dem Thema »Jugend und Glaube«

erscheint, wenden Sie sich bitte an:

»Franziskaner«

Provinzialrat der

Thüringischen Franziskanerprovinz

Am Frauenberg 1

36039 Fulda

Brücken unpassierbar. Erst am zweiten Tag

nach dem Erdbeben sind Bruder Dempsey,

der Leiter der hiesigen franziskanischen

Stiftung, und Bruder Walter zu uns durchgekommen

und haben uns mitgeteilt,

dass auch die anderen Brüder das Beben

alle ohne schwere Verletzungen überlebt

haben.

Unsere Kapelle und unser Wohnhaus

sind sehr stark beschädigt. Bis jetzt funktioniert

das Telefon noch nicht wieder. Zum

Glück besitzt unsere Gemeinschaft einen

kleinen Notstromgenerator, so können wir

uns am Tag drei Stunden Strom leisten. In

dieser Zeit versuchen wir, sofern die Internetverbindung

funktioniert, wenigstens

auf diese Weise in Kontakt zu unseren

Mitbrüdern und Verwandten zu bleiben.

Ich werde bald mehr berichten.

Davon, wie wir im Moment hier in Haiti

leben, wie wir versuchen, die Situation

zu bewältigen und wie die Hilfe für die

Menschen vorangeht. Das große Mitgefühl

der Menschen aus aller Welt und auch aus

Deutschland gibt uns Mut und Hoffnung.

Vielen Dank!

Projekt

Ausgrenzung? – Nein Danke! — Franziskaner Mission 1 | 2010

EDUCAFRO – Bildung und Bürgerbewusstsein

»Educafro« heißt Bildung (»educação«)

auch für die Menschen afrikanischer

Abstammung. Die Initiative wurde 1994

in Rio de Janeiro gegründet und gehört zu

den ältesten Projekten in Südostbrasilien.

Impressum

Die Arbeit von EDUCAFRO konzentriert

sich auf zwei Kernbereiche:

zum einen auf die Bildung und zum

anderen auf die aktive Wahrnehmung

der Bürgerrechte von Menschen afrikanischer

Abstammung in Brasilien.

Obwohl die farbigen Bürgerinnen

und Bürger Brasiliens immerhin rund

50 % der gesamten Bevölkerung des

Landes ausmachen, sind sie an der

Universität und in höheren Positionen

der Wirtschaft und Gesellschaft

unterrepräsentiert. Das soll durch

die Durchsetzung von Quoten und

durch das Angebot von Stipendien

anders werden. Möglichst viele –

wegen ihrer Herkunft – benachteiligte

Menschen sollen durch das Projekt

EDUCAFRO Zugang zu höherer Bildung

erlangen. Schulabgängerinnen

und Schulabgänger erhalten zum Beispiel

die Möglichkeit, sich in kleinen

Bildungszentren, den sogenannten

»Núcleos«, für die Aufnahmeprüfung

an der Universität vorzubereiten.

Hierdurch wird die Bildungslücke

zwischen öffentlicher Schule und

Universität geschlossen.

Franziskaner Mission wird viermal im Jahr kostenlos den

Freunden der franziskanischen Missionsarbeit zugestellt.

Franziskaner Mission erscheint im Auftrag der Sächsischen und

der Kölnischen Franziskanerprovinz, der Provinz von Bacabal

sowie der Missionszentrale der Franzis kaner, Bonn.

Herausgeber Franziskaner Mission, Dortmund

Verantwortlich Augustinus Diekmann ofm

Redaktion Anke Chávez, Stefan Federbusch ofm, Natanael Ganter ofm,

Thomas M. Schimmel, Alfons Schumacher ofm

Fotos Lukas Brägelmann: S. 2 li., 28, 29. Augustinus Diekmann:

S. 2 re., 8. FM-Archiv: S. 3, 26, 27. Dom Bernardo Bahlmann: S. 5.

Klarissenkloster Sainte Claire, Jongny/Schweiz: S. 6. Markus Heinze:

S. 10, 11. Stefanie Müllenborn: S. 12,13. Mechthilde Faist: S. 22, 23.

Marta Stuckenschmidt: S. 24, 25 o. Thomas M. Schimmel: S. 25 u.

EDUCAFRO: Erfolgreicher Einsatz für die Rechte der schwarzen Bevölkerung Brasiliens.

Mit zahlreichen öffentlichen Aktionen,

Publikationen und Diskussionsrunden

soll die afrikanischstämmige Bevölkerung

außerdem ermutigt werden, sich ihrer

Rechte bewusst zu werden und für diese

selbst einzutreten. Dieser Teil der Arbeit

von EDUCAFRO knüpft an die Bürgerrechtsbewegung

von Martin Luther King

in den USA an.

Erklärtes Ziel des Projektes ist es, die

in vielerlei Hinsicht benachteiligte und

von Führungspositionen und öffentlichen

Ämtern ausgeschlossene farbige Bevöl-

kerung Brasiliens besser zu integrieren

und sie am Wohlstand der Gesellschaft

teilhaben zu lassen.

EDUCAFRO hat längst die Ausmaße

einer national operierenden Bewegung

angenommen, die auf den ganzen

südamerikanischen Kontinent ausstrahlt.

In Brasilien erreicht das Projekt zurzeit

13.000 Schülerinnen und Schüler sowie

Studentinnen und Studenten in 68 Städten.

Bitte unterstützen Sie dieses Projekt,

damit farbige Menschen in Brasilien

eine gute Zukunft haben.

www.ofm.org: S. 30. Franziskaner provinz von der Unbefleckten

Empfängnis, São Paulo/Brasilien: S. 31.

Mit freundlicher Genehmigung:

ClipDealer: S. 14. Ulrich Tietze, terre des hommes: Titel. TCOE, KASA:

S. 16, 17. Lothar Henke/pixelio: S. 18. DigiPyramid/pixelio: S. 19.

www.kapstadt.org: S. 20. Paul Grendon, KASA: S. 21. Fanie Jason,

KASA: Rückseite.

Die von KASA zur Verfügung gestellten Bilder sind Teile einer

Wanderausstellung über Landrechte in Südafrika. Sie kann unter

Tel. 0 62 21/4 33 36-17 angefordert werden.

Gestaltung sec GmbH, Osnabrück

Druck Medienpark Ankum; gedruckt auf Recycling-Papier

31


Foto: Aus einer Wanderausstellung über Südafrika, KASA, Heidelberg

Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen zu hassen.

Menschen müssen erst lernen zu hassen. Und wenn sie lernen

können zu hassen, dann können sie auch lernen zu lieben. Denn

Liebe empfindet das menschliche Herz viel natürlicher als ihr

Gegenteil.

Nelson Mandela

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