downloaden. - Franziskaner

franziskaner

downloaden. - Franziskaner

4 2009

Geschenkt

Geschenk Wasser: Ein ungewöhnlicher Geschenktipp

Warum Teilen zu Gerechtigkeit führt

Geschenke für Flüchtlingslager: Beseitigung oder Stabilisierung des Hungers?

Wenn’s still wird, stimmt was nicht: Hunger aus medizinischer Sicht

Wir haben Hunger: Was Kinder in Deutschland sich wünschen


3

4

6

9

10

11

12

14

16

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Inhalt

Editorial

von Br. Augustinus Diekmann ofm

Teilen

... und jede(r) nimmt und gibt zugleich

von Br. Heribert Arens ofm

Wohlfahrt für alle

Ein Wissenschaftler und ein Politiker antworten auf dieselben Fragen

Prof. Franz Josef Radermacher und Dr. Sascha Raabe

Niemand auf der Welt muss hungern

Hungerkrise an der Wurzel bekämpfen

von Armin Paasch

Warum nicht Weihnachten auf den Sommer verlegen?

Fröhlich-Nachdenkliches zum Fest der Feste

von Br. Walter Ludin ofmcap

Geschenk Wasser

Ein ungewöhnlicher Geschenktipp

von Br. Stefan Federbusch ofm

Geschenke für Flüchtlingslager:

Beseitigung oder Stabilisierung des Hungers?

von Dr. Boniface Mabanza

Wenn´s still wird, stimmt was nicht

Hunger aus medizinischer Sicht

Interview mit Dr. Hartmut Morgenroth

Mittelseite

Schenken Sie Leben

Projekte der Franziskaner Mission

Personalia

Bei seinem Besuch in der Franziskaner

Mission am 15. / 16. Oktober hatte Pater

Ivica Peric ofm, ofm

Leiter der Pater-Vjeko-

Schule, viele Fotos und Neuigkeiten über

den Ausbau des Berufsbildungszentrums

im Gepäck. Vor seiner Abreise nach Europa

hatte er zusammen mit seinen Schülerinnen

und Schülern einen unterirdischen Wassertank

unter dem Schulhof fertiggestellt. Der

Speicher fasst 4.000 Kubikmeter Wasser

und stellt ab sofort die Wasserversorgung

auch in regenarmen Zeiten sicher.

18

20

22

24

26

28

30

31

31

Von Nikolaus zu Weihnachtsmann

Wie aus dem heiligen Bischof ein roter

»Geschenke-Onkel« wurde

von Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti

»Wir haben Hunger«

Was sich Kinder in Deutschland wünschen

von Pastor Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher

Fenster auf für »A Janela«

Damit Menschen von ihrer Arbeit Leben können

von Judith Siller

Glückliche Hühner, glückliche Menschen

Leben auf dem Biohof

von Anke Chávez

Gentechnik

Die Lösung gegen den Hunger in der Welt?

von Katharina Rüdesheim und Angela van Beesten

Mit den Augen von Franziskus

Ein Blick auf die Welt in Indien

von Dr. Remy Rousselot

Kurznachrichten

Projekt

Impressum

Am 11. Oktober hat Brasilien-Missionar

Pater Michael Kleinhans ofm in seiner

Heimatgemeinde St. Petrus und Andreas

in Brilon sein silbernes Priesterjubiläum

ge feiert. Zahlreiche Freunde und Gemeindemitglieder

versammelten sich, um die Messe

mit ihm zu feiern und ihm zu gratulieren.

Schon wenige Stunden nach den Feierlichkeiten

reiste Pater Michael weiter nach

Rom, wo er sich durch ein Zusatzstudium

auf seine neue Aufgabe als zukünftiger

Exerzitienleiter in Brasilien vorbereitet.

Am 7. September feierte Brasilien-Missionar

Bruder Bruno Sabelek in Bacabal sein

60. Ordensjubiläum. Er wurde 1925 in

Gelsenkirchen geboren und begann sein

Noviziat im holländischen Vlodrop. Schon

während seiner ersten Ordensjahre zog es

ihn als Mechaniker in die Autowerkstatt.

Nach entsprechender Ausbildung war er

in verschiedenen Klosterwerkstätten tätig.

Auch in Brasilien sorgte er dafür, dass die

Fahrzeuge liefen. Seit 1957 lebt Bruder

Bruno im Franziskanerkloster von Bacabal.

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

liebe Freunde der Franziskaner Mission,

Franziskaner Mission

Franziskanerstraße 1, 44143 Dortmund

Telefon 02 31/17 63 37 5

Fax 02 31/17 63 37 70

info@franziskanermission.de

www.FranziskanerMission.de

»Hunger ist der beste Koch« – das ist

leicht gesagt. Was aber, wenn man überhaupt

keine Zutaten hat, vielleicht nur

eine Handvoll Reis oder ein Stück Brot?

Im Hinblick auf Weihnachten mit

dem alljährlichen Geschenke-Trubel

und den Sorgen um einen ausgefallenen

Speiseplan haben wir uns in dieser

Ausgabe der Franziskaner Mission

der Spannung zwischen Hunger aus

Ungerechtigkeit und Geschenke-Flut aus

Übersättigung angenommen.

Gott hat uns seinen Sohn geschenkt,

um unseren Hunger nach Leben zu stillen.

So, wie der Psalm 103 sagt: »Lobe

den Herrn meine Seele, und vergiss

nicht, was er dir Gutes getan hat, er,

der dich dein Leben lang mit seinen

Gaben sättigt.« An Weihnachten wird

diese Verheißung Wirklichkeit. Von Gott

Beschenkte zu sein, ist der eigentliche

Grund für unsere Festtagsfreude.

Wie wäre es, wenn wir als so reich

Beschenkte auch als Schenkende Leben

geben und Hunger stillen würden? Das

setzt voraus, dass wir vor der Wahl

eines Geschenkes genau hinsehen,

worin der Hunger des Anderen besteht.

Sollte er materiell satt sein, würde er

sich wahrscheinlich über ein gutes Wort

oder geschenkte Zeit freuen.

Menschen, die am Tag nur eine

Mahlzeit oder nicht einmal das haben,

sehnen sich nach anderen Gaben: sich

nach Herzenslust mal wieder richtig satt

zu essen, ihren zufriedenen Kindern

beruhigt »Gute Nacht« sagen zu können,

durch eine solide Schulausbildung

das tägliche Brot für die eigene Familie

sichern zu können, aus einem eigenen

Bewusstsein heraus die eigene Zukunft

gestalten zu dürfen.

Spenden erbitten wir, unter Angabe des

Verwendungszwecks, auf das Konto 5100,

Volksbank Hellweg eG (BLZ 414 601 16) oder

Konto 34, Sparkasse Werl (BLZ 414 517 50).

Dieser Ausgabe liegt eine Zahlkarte bei.

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Wenn Sie also noch nicht wissen, was

Sie dieses Jahr Weihnachten schenken

sollen, schenken Sie doch Leben.

Leben schenken ist der tiefste Sinn des

Weihnachtsfestes. Und Leben schenken

ist auch das Thema dieses Heftes. Durch

solidarisches Teilen bewirken wir mehr

Gerechtigkeit in unserer Welt. Konkrete

Möglichkeiten dafür fi nden Sie in den

Artikeln und vor allem auf der Mittelseite

dieser Ausgabe.

Mit jeder Spende tragen unsere

Förderer dazu bei, dass der Hunger der

Armen gestillt wird durch Projekte wie

Schulen, Berufsausbildung, Bewusstseinsbildung,

Integration von Ausgegrenzten

und Soforthilfe bei Katastrophen.

Ich wünsche Ihnen, dass sich mit

einem solchen geschwisterlichen Teilen

für Sie ein anderes deutsches Sprichwort

erfüllt: »Freude, die man anderen gibt,

kehrt ins eigene Herz zurück.«

Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes

Weihnachtsfest und für alle ein

gerechteres neues Jahr

Ihr

Br. Augustinus Diekmann ofm

Leiter der Franziskaner Mission

Besuchen Sie unsere Website:

www.FranziskanerMission.de

3


4

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Teilen

... und jede(r) nimmt und gibt zugleich

Teilen, das beide Seiten bereichert: Behindertenprojekt APAE in Nordost-Brasilien

Teilen

Fast jeder kennt die Legende des

heiligen Martin von Tours. Auch wenn

es Bedeutenderes aus dem Leben

dieses Heiligen zu erzählen gibt, diese

Legende hat ihn bekannt gemacht: Als

Soldat reitet er im kalten Winter warm

bekleidet und sieht einen frierenden

Bettler. Er spürt die Einladung zu

teilen, die von dem Bettler ausgeht.

Er hat auch etwas, was er teilen kann,

seinen Mantel. Den teilt er. Und der

Bettler nimmt den Teil des Mantels an.

Wovon eigentlich reden wir, wenn

wir vom »Teilen« reden? Da muss

jemand sein, der die Notwendigkeit

zu teilen wahrnimmt und bereit ist

zu teilen. Weiter muss es jemanden

geben, der bereit ist, Geteiltes anzunehmen.

Und vor allem muss da

etwas sein, das ich teilen kann.

Der, der hat, gibt dem, der nicht hat.

Es ist leicht spürbar, dass bei solchem

Teilen »Geben seliger ist als Nehmen«.

Eine »milde Gabe« kann den demütigen,

der sie braucht und der sich gleichzeitig

schämt, dass er darum betteln

muss. Und das erst recht, wenn Geben

und Nehmen »ein-seitig« verteilt sind.

Es gibt auch eine andere Art zu

teilen. Ich denke an das Modell der

Urgemeinde (Apg 2, 43 – 47): Was

sie haben, haben sie gemeinsam. Jeder

bringt etwas ein, und jeder bekommt

etwas. Ich teile und gewinne gleichzeitig

– ich teile mit Gewinn. Solches

Teilen hat etwas Wechselseitiges,

wie es Conrad Ferdinand Meyer im

Gedicht »Der römische Brunnen«

von den drei Schalen des Brunnens

sagt: »... und jede nimmt und gibt

zugleich ...«

Wechselseitiges Teilen

Solches wechselseitiges Teilen lebt

davon, dass jeder etwas anderes hat,

das er teilen kann: Der eine teilt

sein Geld, der andere seine Zeit, ein

dritter seine Fähigkeiten, ein vierter

seine Lebenserfahrung, ein fünfter

seine Hoffnung, ein sechster seinen

Glauben: »Wenn jeder gibt, was er

hat, dann werden alle satt.« (Wilhelm

Willms). Hunger hat viele Gesichter.

Darf es überhaupt ein anderes Teilen

geben als wechselseitiges Teilen?

Zu schnell denken wir beim Wort

»Teilen« ein-seitig, reden von Selbstlosigkeit,

Barmherzigkeit, Großzügigkeit.

Solche Einseitigkeit ist menschenverachtend,

macht sie doch schon im

Ansatz Unterschiede zwischen den

Menschen. Die einen sind die Wohlhabenden,

die anderen die Bedürftigen,

die Armen, die Habenichtse. Wer von

seinem Reichtum gibt, bekommt auch

noch das Selbstwertgefühl der guten

Tat. Jedes Teilen, das den Eindruck

von Einseitigkeit macht, jedes Teilen,

das nicht auch Gewinn ist, ist falsches

Teilen, ist menschenunwürdig, entspricht

nicht dem Evangelium. Denn

jeder hat etwas zu teilen und jeder

kann gewinnen. Wenn ich einem

Menschen von meinem Reichtum

gebe, verdient er meine Wertschätzung,

die ihm zutraut, dass er mir von

seinem Reichtum geben kann – auch

wenn der vielleicht von ganz anderer

Art ist, als das, was ich mit ihm teile.

... was er hat

Zur Jahrtausendwende fand in Hannover

die Weltausstellung statt, die

EXPO 2000. Die Pavillons der einzelnen

Nationen waren sehr unterschiedlich.

Deutschland etwa präsentierte

sich als technisch versierte Industrienation.

Man sollte meinen, da gibt es

viel zu teilen. Gibt es auch – jedenfalls

auf dem materiellen Sektor. Aber ist

das alles? Ich denke an den indischen

Pavillon, in dessen Mitte ein großer

Meditationsraum war. Die Inder

teilten etwas anderes durch diesen

Mittelpunkt: Stille, Besinnung, Meditation.

Im Pavillon der Vereinigten

Emirate saßen Frauen und Männer in

kleinen Werkstätten, mit Handarbeit

beschäftigt. Sie teilten die für viele bei

uns schon fast verlorene Erfahrung,

wie viel wir mit unseren Händen

können. Die Österreicher hatten im

Obergeschoss ihres Pavillons eine

ausgedehnte Ruhezone mit Bergpanorama

eingerichtet. Sie teilten die

Einladung, in aller Hektik unserer

schnelllebigen Welt das Ruhen und

Genießen nicht zu verlieren. Finnland

teilte seine Freundlichkeit, seinen

Charme, und begrüßte jeden Besucher

seines Pavillons mit Handschlag. Es

teilte weiter den Blickwinkel der

Kinder seines Landes und gestattete

es sich, das gesamte Erdgeschoss

seines Pavillons mit Kinderbildern zu

gestalten. Es ist wahrhaftig nicht nur

das Geld, die hohe Technologie, die

wir teilen können, sondern oft ist es

das ganz Einfache, das Menschliche,

das Zweckfreie, das wir mit hohem

Gewinn teilen. Auf der EXPO war das

auf engem Raum beieinander und für

viele erfahrbar: ein Spiegel für unser

Miteinander bzw. auch unser Nebeneinander

in der Welt.

... und als Christen?

Das Evangelium lädt uns Christen

ein, zu teilen, was wir haben – und

dabei ist durchaus auch an Materielles

gedacht, an Brot, Kleidung und auch

an Geld, um damit an anderen Orten

der Welt Not zu lindern. Das ist gut

so, das ist ganz konkret Hungerhilfe.

Und wie steht es mit dem Gewinn?

Vielleicht ist der Gewinn ein gutes,

zumindest etwas besseres Gewissen

angesichts der Not in der Welt. Wäre

es nur das, es wäre ein schlechter

Gewinn, der die Menschen in ärmeren

Kontinenten demütigen würde.

Empfangen sie nur? Sie haben anderes,

was sie mit uns teilen können, was

Reichtum für uns werden kann, wenn

wir uns nicht zu gut sind, von ihnen

zu empfangen.

Ich denke an die Gemeinden

Lateinamerikas. Viele von ihnen leben

in Situationen materieller Not. Diese

Not schweißt sie zusammen. Sie bilden

in Basisgemeinden eine lebendige

Kirche, in der einer sich des anderen

annimmt. Sie leben, was sie vom

Evangelium begriffen haben. Sie teilen

miteinander das Wort Gottes und

trauen sich dabei gegenseitig zu, dass

jeder etwas von diesem Wort begriffen

hat. Sie sind Gemeinschaften im Teilen

des Wortes Gottes. Ihr Gemeindeleben

ist ein Geben und Nehmen aller.

Wenn wir das von ihnen lernen, ist

das wahrhaft ein gewichtiger Gegenwert

zum Brot! Ähnliches ist in den

Kirchen Afrikas wahrzunehmen. Das

»Bibel-Teilen«, vielen inzwischen bei

uns vertraut, ist in seiner Methodik

dort geboren – uns zum Gewinn. Die

Kirchen Asiens kommen aus einem

Umfeld, in dem die Lebenshaltung

der Meditation beheimatet ist. In aller

Hektik des Alltags lehren sie uns, dass

es neben dem Materiellen auch andere

Werte im Leben gibt. Wenn wir »tei-

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

len« nicht nur ein-seitig verstehen und

nicht nur materiell, sondern wechselseitig

und auf verschiedenen Ebenen, dann

teilen wir auch als Christen mit Gewinn

– »Wenn jeder gibt, was er hat, dann

werden alle satt«. Die einen haben das

Brot, das ihnen fehlt, die anderen fi nden

Lebenssinn, Hoffnung, lebendigen Glauben,

nach denen sie hungern.

»›Mein Honig und mein Blütenstaub

gehören mir‹, sagte die Blüte, und ließ

weder Biene noch Schmetterling daran

naschen. Dafür welkte sie dahin ohne

Samen und Frucht.« (Wolfdietrich

Schnurre)

Ich erinnere an Jesu Gleichnis von

den Talenten. Jeder hat Talente bekommen,

wenn auch in unterschiedlichem

Maß. Wer sie ins Spiel bringt, vermehrt

sie, wird beschenkt. Wer aber sein

Talent eingräbt, nicht teilt, es nicht ins

Spiel bringt, verliert auch das noch, was

er hat. Dieses Gleichnis Jesu ist eine

eindringliche Einladung, unsere Talente

zu teilen, sie lebendig miteinander ins

Spiel zu bringen – »denn wer sich hingibt,

der empfängt, und wer sich selbst

vergisst, der fi ndet.« (Gotteslob 29,6)

»Wenn jeder gibt, was er hat, dann

werden alle satt.«

Br. Heribert Arens ofm

Bruder Heribert ist Guardian und verantwortlich

für die Gastzeiten im Franziskanerkloster auf

dem Hülfensberg.

»... und jede(r) nimmt und gibt zugleich.«

5


6

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Wohlfahrt für alle

Ein Wissenschaftler und ein Politiker antworten auf dieselben Fragen

Das Credo unseres Wirtschaftssystems

heißt »Wachstum« und »Freier

Markt«. Teilen oder gar Schenken

sind Kategorien, die hier nicht

vorkommen. Doch ist das Teilen der

Ressourcen und der Macht nicht

der Schlüssel zu Gerechtigkeit und

Frieden? Die Franziskaner Mission hat

ein Experiment gemacht und einem

Wissenschaftler und einem Entwicklungspolitiker

unabhängig voneinander

dieselben Fragen zur Rolle des

Wachstums und Wohlstandes in der

globalen Wirtschaftsordnung vorgelegt.

Der Systemanalytiker Prof. Franz Josef

Radermacher und der Bundestagsabgeordnete

Dr. Sascha Raabe haben

unterschiedliche Antworten gegeben

und so die Probleme von verschiedenen

Seiten aus beleuchtet.

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher

Was bedeutet wirtschaftliches Wachstum für Sie im Zusammenhang mit der

globalisierten Wirtschaftsordnung?

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher:

Die Welt steht vor gewaltigen Herausforderungen.

In 40 Jahren werden ca. 3 Mrd.

Menschen mehr auf dem Globus leben als

heute, und es gilt, die Armut zu überwinden.

Wachstum ist eine wesentliche Voraussetzung,

um diese Ziele zu erreichen. Allerdings

muss das Wachstum uneingeschränkt

mit Umweltschutz, Ressourcenschutz und

Nachhaltigkeit kompatibel und daher massiv

dematerialisiert sein. Eine Zielvorstellung

über die nächsten 70 und 100 Jahre wäre ein

Doppelter Faktor 10. Damit ist eine Verzehnfachung

der Weltwirtschaftsleistung bei

gleichzeitiger Verzehnfachung der Ressourcenproduktivität

gemeint, verbunden mit

einem weltweiten sozialen Ausgleich. In der

Folge ist dann ein langsames Abschrumpfen

der Weltbevölkerung von einem Höhepunkt

von 10 Mrd. etwa im Jahr 2050 zu erwarten.

Dr. Sascha Raabe, MdB:

Wirtschaftliches Wachstum, das zu einer

Reduzierung der Armut führt, ist in

den Entwicklungsländern nur mit einer

gerechteren Welthandelsordnung möglich.

Dafür ist es zwingend notwendig, endlich

sämtliche Agrarexportsubventionen

abzuschaffen und soziale und ökologische

Mindeststandards verbindlich in das

Regelwerk der Welthandelsorganisation

WTO aufzunehmen. Der Zugang zu den

internationalen Märkten für Produkte aus

Entwicklungsländern ist effektive Entwicklungspolitik.

Dabei ist der Entwicklungsstand

zu berücksichtigen. Ärmere Entwicklungsländer

brauchen Schutzmöglichkeiten

für ihre Ernährungssicherheit und die im

Aufbau befi ndlichen Dienstleistungs- und

Industriezweige, bis sie international wettbewerbsfähig

sind.

Nach der neoliberalen Wirtschaftsidee sind ein freier Markt und Wachstum die

Voraussetzung, um die Probleme der Welt zu lösen. Würden Sie dem zustimmen?

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher:

Die neoliberale Position ist falsch, richtig ist

die ordoliberale. Zukunftsfähig ist nicht der

freie Markt, sondern ein nach demokratischen

Prinzipien auf das Wohl der großen

Mehrheit der Menschen wie der Natur ausgerichteter

ökologisch-sozial regulierter Markt,

also ein auf Wettbewerb und individueller

Freiheit basierender Markt mit einer klaren

ökologisch sozialen Regulierung.

Dr. Sascha Raabe, MdB:

Nein, und für die Entwicklungsländer wird

sich schnell negativ auswirken, dass sich

in der neu gewählte Regierungskoalition

offenbar wirtschaftsliberale Vorstellungen

zur Freihandelspolitik durchgesetzt haben.

Die Politik der völligen Marktöffnung wäre

das Todesurteil für die wichtigen regionalen

Märkte, und sie wäre insbesondere für

die Kleinbauern und die Landwirtschaft

in Entwicklungsländern eine Katastrophe,

weil diese mit den hoch subventionierten

Produkten aus den Industrieländern nicht

mithalten können.

Auf der Kundgebung gegen die Tagung von Weltbank und Währungsfonds im Oktober

in Istanbul skandierten die Demonstranten: »Eure Demokratie ist Diktatur und

Eure Wirtschaftsordnung Sklaverei...«

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher:

Die Demonstranten nehmen in ihrer eigenen

nationalen Demokratie wahr, dass diese

Demokratie über Globalisierungszwänge

ausgehebelt wird. Wenn man sich heute als

nationale Wirtschaft dem globalen Marktgeschehen

nicht unterwirft, hat man enorme

Dr. Sascha Raabe, MdB:

Mit den Demonstrationen wurde auf

bestehende politische und wirtschaftliche

Verzerrungen im Verhältnis von internationalen

Gebern und den Ländern des

Südens hingewiesen. Eine globale Strukturpolitik

kann dieses Verhältnis bessern und

ökonomische Nachteile und wird insbesondere

mit dem Abzug von investivem Kapital

bestraft. Aber die real existierenden globalen

Marktstrukturen sind keine adäquate Lösung

für die weltweiten Herausforderungen. Sie

laufen massiv zulasten der Umwelt, und

sie bringen nicht die allgemeine Wohlfahrt

hervor. Insofern wird die globale Ordnung

von vielen Menschen nachvollziehbar als

eine Diktatur empfunden, die sich gegen die

Mehrheit der Menschen richtet.

langfristig den Plan für einen globalen Rat

der Vereinten Nationen für Wirtschafts-,

Sozial- und Umweltpolitik (Stichwort:

»Stiglitz-Kommission«) umsetzen. Als Entwicklungspolitiker

habe ich in der EU und

der UN die Umsetzung der Governance-

Initiativen der Weltbank und des IWF, den

Aufbau gerechter Steuersysteme und den

Kampf gegen Korruption unterstützt. So

wird auch die Beteiligung der Bevölkerung

und der Parlamente an allen politischen

Entscheidungen gefördert und die eigene

Verantwortung (ownership) gestärkt.

Durch die Finanzkrise ist das neoliberale Wirtschaftsmodell eigentlich erschüttert

worden. Was müsste nach Ihrer Einschätzung politisch im Bereich der Entwicklungspolitik

daraus folgen?

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher:

Wir brauchen weltweit Mechanismen, die

vergleichbar mit den Querfi nanzierungsmechanismen

für sozialen Ausgleich in Deutschland

sind. Die entsprechenden Querfi nanzierungsmittel

müssten dabei so eingesetzt

werden, dass sie nicht, wie heute viel zu

oft in der Entwicklungszusammenarbeit,

korrupte Strukturen fördern, sondern vor

Ort ankommen. Die Kleinkreditbewegungen

von Muhammad Yunus und seiner Grameen

Bank in Bangladesh zeigen beispielhaft, dass

Menschen ihr eigenes Schicksal erfolgreich in

die Hand nehmen können.

Dr. Sascha Raabe, MdB:

Den Herausforderungen der globalen

Finanz- und Wirtschaftskrise ist am besten

mit der Umsetzung der Millenniumsziele

und mit mehr Investitionen in die ländliche

Entwicklung und in die Anpassung an den

Klimawandel zu begegnen. Darüber hinaus

bleiben die nachhaltige Entschuldung

ärmster Länder und verantwortungsvolle

Kreditfi nanzierung wichtig.

850 Millionen Menschen auf der Welt haben zu wenig zu essen, jedes Jahr sterben

2,1 Millionen an Hunger. Wer oder was ist dafür verantwortlich?

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher:

Auf diesem Globus müsste niemand verhungern,

gäbe es so etwas wie einen gemeinsamen

Weltsozialminimumstandard. Bis heute

wird aber sozialer Ausgleich im Wesentlichen

nur national verstanden. Es fehlen global die

Instrumente. D. h. die Armut ist primär ein

Systemproblem.

Darüber hinaus gibt es auch die Verantwortung

der einzelnen Menschen. Wir alle

sind zum Beispiel mitverantwortlich, dass die

Systembedingungen auf dem Globus nicht

besser sind, als sie sind.

Dr. Sascha Raabe, MdB:

Entwicklungsländer können ihre Ernährung

nicht mehr eigenständig sichern. Ein Bündel

von strukturellen Ursachen ist hierfür

verantwortlich: unter anderem Marktverzerrungen

durch Agrarsubventionen, die

Folgen des Klimawandels, die gestiegene

Produktion von Agrartreibstoffen, Landspekulationen,

Naturkatastrophen und Kriege,

Verarmung oder korrupte Regierungen in

Entwicklungsländern.

Warum gelingt es Staaten in Afrika oder Lateinamerika nicht, trotz immenser

Rohstoffvorkommen wie Öl, Diamanten, Coltan oder Lithium, fl ächendeckenden

Wohlstand zu erreichen?

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher:

In den armen Staaten gibt es Eliten, die auf

allerhöchstem Wohlstandsniveau platziert

sind. In den ärmeren Ländern entsteht dieser

punktuelle Reichtum in der Regel dadurch,

dass die Ressourcen dieser Länder in »Deals«

Dr. Sascha Raabe, MdB:

Weil die mit den Rohstoffen verbundenen

Gewinne meist nicht der Mehrheit der

Bevölkerung zugute kommen. In diesem

Zusammenhang ist Förderung und gerechte

Verteilung von staatlichen Einnahmen in

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Dr. Sascha Raabe, MdB

7


8

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

zwischen den dortigen Eliten und den korrespondierenden

Strukturen bei uns nutzbar gemacht

werden. Sie werden also nicht zugunsten der

großen Mehrheit der jeweiligen Bevölkerung

nutzbar gemacht, sondern zum Vorteil kleiner, privilegierter

Minderheiten. Die große Mehrheit der

jeweiligen Bevölkerung in den ärmeren Ländern

ist angesichts der dortigen politischen Systeme

in der Regel nicht in der Lage, ihre berechtigten

Ansprüche adäquat durchzusetzen. Das liegt auch

daran, dass die entsprechenden Rohstoffpotenziale

vor Ort oft in bürgerkriegsähnlichen Konstellationen

hart umkämpft sind, und dass die reiche

Welt solche Konfl ikte zur Verfolgung ihrer eigenen

wirtschaftlichen Interessen duldet bzw. fördert.

Entwicklungsländern wichtig, damit ihnen

eigene Mittel für Investitionen wie in Bildung

und Gesundheit zur Verfügung stehen. Dies

geschieht vorrangig durch Beratung und Hilfe

beim Aufbau von gerechten Steuersystemen

und der Stärkung der Zivilgesellschaft sowie

durch den Kampf gegen Steuerhinterziehung

und Korruption. Auch wenn viele Konfl ikte um

Rohstoffe sicherlich von außen angeheizt werden

und oftmals die Gewinne aus Rohstoffen

überwiegend an ausländische Konzerne gehen,

könnten einige Entwicklungsländer bei besserer

Regierungsführung und einer gerechteren inneren

Verteilung des Reichtums zügig Hunger und

Armut in ihren Ländern komplett beseitigen.

Die asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Gesellschaften streben mit

Blick auf die Staaten des Westens nach mehr und mehr Wohlstand. Was für Konsequenzen

müssten daraus für uns alle erwachsen?

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher:

Diese Gesellschaften tun genau das, was in dieser

Situation menschlich und nachvollziehbar ist

und was wir letzten Endes auch wollen sollten.

Sie wollen einen Wohlstand, der ähnlich ist wie

der Wohlstand, den sie täglich im Fernsehen in

den reichen Teilen der Welt sehen. Und in den

reichen Teilen der Welt will man auch eher mehr

und nicht weniger. Daraus resultiert das eingangs

beschriebene Programm eines doppelten Faktor

10. Wir müssen uns auf den Weg zu mehr Wohlstand

und Wachstum machen, aber dieses muss

immer mehr dematerialisiert realisiert werden,

sodass wir die bestehenden Grenzen auf Seiten

der Umwelt und der Ressourcenverfügbarkeit

respektieren, aber durch richtig kanalisierten technischen

Fortschritt, neue Innovationspfade und

neue Lebensstile, die allesamt aus Kosten resultieren,

die die Wahrheit sagen, in eine Situation

wechseln, die nachhaltig und langfristig friedensfähig

ist. Der Weg kann 50 bis 100 Jahre dauern,

aber er bedeutet eine permanente Verbesserung

der Lage auf einem Weg der Balance.

Die Alternativen sind sehr unangenehm, ökologischer

Kollaps oder Brasilianisierung. Ich hoffe,

wir haben die Klugheit, uns für einen Weg der

Balance zu entscheiden und die entsprechenden

Governance-Bedingungen zu installieren.

Prof. Dr. Franz Josef Rademacher

Franz Josef Radermacher ist Professor für

Informatik an der Universität Ulm und Leiter des

Forschungsinstituts für anwendungsorientierte

Wissensverarbeitung/en. Bekannt geworden ist

er u.a. durch sein Eintreten für eine weltweite

Ökosoziale Marktwirtschaft und durch sein Engagement

in der Global Marshall Plan Initiative, die

sich seit 2003 für eine gerechtere Globalisierung,

für eine Welt in Balance, einsetzt. (Wikipedia.de)

www.faw-neu-ulm.de

Dr. Sascha Raabe, MdB:

Der berechtigte Wunsch nach Wachstum in

den Entwicklungs- und Schwellenländern wird

sicherlich zu einer Verschärfung des Klimawandels

führen. Trotzdem darf nicht vergessen

werden, dass die Industriestaaten immer noch

am meisten zur Klimaerwärmung beitragen,

aber die Entwicklungsländer am meisten

unter den Folgen zu leiden haben. Es wäre

richtig, wenn ein Teil des Aufkommens aus der

Versteigerung von CO 2 -Verschmutzungsrechten

für die Armutsbekämpfung, die Anpassung

an den Klimawandel und den internationalen

Klimaschutz eingesetzt würde. Regenerative

Energien in Entwicklungsländern sollten

gefördert und die nachhaltige Nutzung von

Ressourcen sichergestellt werden, sodass durch

den Anbau von Pfl anzen zur Produktion von

Biokraftstoffen kein Konfl ikt mit den Zielen

sicherer Ernährung, dem Erhalt der Biodiversität

und der Tropenwälder sowie des Lebensraums

der indigenen Völker entsteht.

Aus Platzmangel wurden die Statements

von Prof. Radermacher und Dr. Raabe

gekürzt. Die vollständigen Texte fi nden

Sie unter www.franziskanermission.de

Dr. Sascha Raabe, MdB

Sascha Raabe ist Mitglied des Deutschen Bundestages

für die SPD. Seit 2002 ist er stellvertretender

Vorsitzender des Unterausschusses »Globalisierung

und Außenwirtschaft« des Auswärtigen

Ausschusses des Deutschen Bundestages und seit

2005 Sprecher der Arbeitsgruppe »Wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung« der

SPD-Bundestagsfraktion. (Wikipedia.de)

www.spdfraktion.de

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Niemand auf der Welt muss hungern

Hungerkrise an der Wurzel bekämpfen

Die von den Franziskanern in Nordost-Brasilien geförderten Familien-Landwirtschaftsschulen sind ein Beispiel für

die Unterstützung von Kleinproduzenten – und den Kampf gegen Hunger.

Mit der Tortillakrise fi ng es an. Slumbewohner

in Mexiko-Stadt mussten angesichts

explodierender Maispreise auf ihr tägliches

Grundnahrungsmittel verzichten. Ihre lautstarken

Proteste gaben im Januar 2007 den

Startschuss für Hungeraufstände in über 40

Ländern.

Der steigende Einsatz von Agrarrohstoffen

wie Soja und Mais für Agrartreibstoffe,

steigender Fleischkonsum und Futtermitteleinsatz,

witterungsbedingte Ernteausfälle

in den USA, Australien und der

Türkei, steigende Energiepreise, sinkende

Lagerbestände sowie die ausufernde Spekulation

an den Warenterminbörsen hatten

zu außergewöhnlichen Preissprüngen

auf den internationalen Märkten geführt.

Allein in der ersten Jahreshälfte 2008 kam

es dadurch bei Grundnahrungsmitteln

wie Reis und Speiseöl zu einer Preis-

verdopplung. Besonders in Ländern,

die auf Nahrungsimporte angewiesen

waren, schlug sich das fast unmittelbar

an der Ladentheke nieder. Menschen,

die ohnehin schon von Armut betroffen

waren, konnten sich nunmehr die tägliche

Mahlzeit nicht mehr leisten.

Die UN-Welternährungsorganisation

(FAO) schätzt, dass die Anzahl der

chronisch Unterernährten zwischen

2005 und 2008 weltweit von 850

auf 915 Millionen emporschnellte.

Und im Juni 2009 folgte die nächste

Hiobsbotschaft: Zum ersten Mal in der

Menschheitsgeschichte übersteigt die

Anzahl der chronisch Unterernährten

eine Milliarde. Es sticht ins Auge, dass

diesem Rekordhunger im Jahre 2009

eine weltweite Rekord-Getreideernte

im Jahr 2008 vorausgegangen ist. »Die

Zunahme der Unterernährung ist nicht

das Resultat eines begrenzten internationalen

Angebots an Nahrungsmitteln«,

stellt die FAO klar. Verantwortlich für

den neuerlichen Hunger ist vor allem

die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise,

welche die verheerenden Effekte

der – langsam abebbenden – Preiskrise

verschärfend überlagert. Ausgelöst

durch die Deregulierung der Finanzmärkte

und die dadurch ermöglichten

Fehlspekulationen im Norden, trifft

die Weltwirtschaftskrise den globalen

Süden jetzt mit voller Wucht.

Die Kreditklemme in der Landwirtschaft,

Firmenpleiten insbesondere

in Exportsektoren und ausbleibende

Rücküberweisungen von Migrantinnen

und Migranten verschärfen Armut und

Hunger.

Was also tun? Preissteigerungen

und die Finanzkrise haben den Anstieg

des Hungers in den letzten beiden

Jahren ausgelöst. Preise zu stabilisieren

sowie die Finanzmärkte und Warenterminbörsen

stärker zu regulieren, sind

die Gebote der Stunde. Allerdings reicht

das nicht. Schon vor 2007 waren über

850 Millionen Menschen chronisch

unterernährt. 80 Prozent von ihnen

leben auf dem Land und von der Landwirtschaft.

Ihre Diskriminierung und

Marginalisierung ist die Hauptursache

des Hungers. Die Deregulierung und

Konzentration der Weltagrarmärkte,

das Agrardumping des Nordens, die

Privatisierung landwirtschaftlicher

Dienstleistungen im Süden, der

Vormarsch der Grünen Revolution und

Gentechnik sowie die Privatisierung

von Boden haben die Fähigkeit der

Kleinproduzenten geschwächt, sich und

ihre Bevölkerungen zu ernähren. Diese

Verletzungen des Menschenrechts

auf Nahrung müssen ein Ende haben.

Hungerbekämpfung muss bei den Hungernden

ansetzen, das heißt ihre Rechte

umsetzen und stärken. Ansonsten wird

die Hungerkrise kein Ende nehmen.

Armin Paasch

Armin Paasch ist Handelsreferent bei FIAN

Deutschland (www.fi an.de).

9


10

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Warum nicht Weihnachten auf

den Sommer verlegen?

Fröhlich-Nachdenkliches zum Fest der Feste

Nicht auf die Größe des Geschenks kommt es an, sondern

darauf, dass es von Herzen kommt.

Eine Tube Champagner-Zahncreme

gefällig? Oder eine wasserfeste Kamera?

Solche und 9.999 andere »nützliche« Tipps

zum Schenken fi nden sich zuhauf in den

Katalogen von Versandhäusern. Ich muss

gestehen: Sie bringen mich nicht in Schenkerlaune,

sondern eher zum Nachdenken.

Denn sie sind ein deutlicher Ausdruck

unserer Überfl ussgesellschaft.

Gewiss: Ein mit Liebe und Sorgfalt

ausgewähltes Geschenk kann so etwas

wie »materialisierte Liebe« sein: ein

handgreifl icher Erweis von Zuneigung und

Sympathie. Problematisch ist hingegen

der unbarmherzige »Schlagabtausch« von

immer noch teureren Geschenken Weihnachten

oder anderen Einladungen.

Generell bin ich gegen das Prinzip

» Schenken um des Schenkens willen«.

Nicht nur bei Besuchen, auch anlässlich

von Geburtstagen oder an Weihnachten

muss man nicht unbedingt » blindwütig«

schenken. Ich habe die Erfahrung

gemacht, dass jene, die leer ausgehen,

nicht immer das Geschenk vermissen.

Denn oft ist es doch so, wie es im

unlängst erschienenen Umweltkompendium

heißt: »Wir verschenken Dinge,

mit denen die Beschenkten nichts

anfangen können und über die sie sich

nicht einmal freuen. Solche Dinge

landen zunächst unbeachtet in einem

Schrank und später dann im Abfall.«

Warum eigentlich wurde Weih- Weih-

nachten zum Fest des Schenkens und

Beschenkt-Werdens? Als Kind habe ich

gelernt: Gott schenkte uns seinen Sohn.

Dieses eine und eigentliche Geschenk

zu Weihnachten würde eigentlich schon

reichen. Wenn wir uns aus Dankbarkeit

darüber auch untereinander beschenken,

liegt es nahe, möglichst sinnvolle

– und nicht möglichst viele Geschenke

für die anderen auszusuchen.

Eine gute Alternative zur allgemein

verbreiteten Materialschlacht – und viel

besser für die Umwelt – sind (quasi)

immaterielle Geschenke, zum Beispiel

ein Gutschein für einen Kino- oder Theaterbesuch.

(Als Buchautor erlaube ich

mir hinzuzufügen: Auch gute Bücher

sind ein gelungener Kompromiss zwischen

viel Geist und wenig Materie …)

In keinem Warenhaus erhältlich und

doch von ganz besonderem Wert ist ein

Gut, das heute sehr selten geworden

und daher umso kostbarer ist: ein Teil

meiner persönlichen Zeit. Konkret

könnte dies etwa bedeuten, jemandem

einen Gutschein für eine gemeinsame

Kaffeepause zu schenken. Der andere

spürt, dass ich das Bedürfnis habe, ihm

etwas von meiner Zeit zu schenken,

indem ich sie mit ihm teile.

Noch eine andere Idee. Warum nicht

Weihnachten auf den Sommer verlegen?

Dazu ein persönliches Geständnis: Ich

fi nde es sehr schwierig, gewissermaßen

auf Befehl hin zu schenken: wenn ich auf

Besuch gehe, wenn jemand Geburtstag

feiert oder eben zu Weihnachten. Geburtstagskindern

habe ich auch schon gesagt:

»Es ist mir kein Geschenk eingefallen. Ich

werd’s später nachholen.« Und siehe da:

Bald schon lief mir eine Geschenkidee

über den Weg. Das Geburtstagskind hat

sich noch mehr darüber gefreut, weil mein

Beitrag zu seinem Fest nicht zusammen

mit dem »großen Haufen« kam.

Warum nicht mit Weihnachtsgeschenken

ähnlich verfahren? Wenn Sie

jemandem schreiben: »Mein Weihnachtsgeschenk

folgt spätestens im Sommer«,

wäre dies nicht nur originell, dann könnte

Weihnachten auch noch im Sommer stattfi

nden. Ganz nebenbei: Ist das nicht der

eigentliche Sinn des Festes? An Weih -

nachten geht es nicht nur um die Geburtsstunde

Jesu, sondern um sein ganzes Le -

ben, das er als Mensch mit uns geteilt hat.

Br. Walter Ludin ofmcap

Bruder Walter ist schweizerischer Kapuziner und

Journalist.

»Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Beginn

einer neuen Wirklichkeit« (Hélder Câmara)

Geschenk Wasser

Ein ungewöhnlicher Geschenke-Tipp

»Verschenken Sie ein Glas Wasser!« Über

einen solchen Geschenktipp würden die

meisten Bundesbürger nur milde lächeln.

In Deutschland käme kaum einer auf die

Idee, als Weihnachtsgeschenk ein Glas

Wasser in Betracht zu ziehen. Wasser

stellt bei uns keinerlei Kostbarkeit dar.

Es ist überall und jederzeit zu haben.

In Deutschland ist der Wasserverbrauch

in den letzten Jahren kontinuierlich

gesunken. Heute verbraucht jeder

Bundes bürger »nur« noch 124 l am Tag.

Nur? Eine Milliarde Menschen auf der

Welt hat nicht einmal das tägliche Minimum

von 50 l zur Verfügung.

Virtuelles Wasser

Außer dem kostbaren Nass, das für

jeden sichtbar genutzt wird, spielen

inzwischen auch die Mengen an in -

di rekt genutztem Wasser eine Rolle.

Der britische Wissenschaftler John

Anthony Allan vom King’s College in

London hat dafür den Begriff »virtu elles

Wasser« geprägt. Virtu elles Wasser ist

die Menge an saube rem Frischwasser,

die zur Her stellung eines bestimmten

Produkts verbraucht, verdunstet oder

verschmutzt wird. Zur Herstellung

der Waren, die ein Deutscher am Tag

kauft, werden im Schnitt 5.300 l Wasser

gebraucht – das entspricht etwa dem

Inhalt von 25 Badewannen.

Verstecktes Wasser in Nahrungsmitteln

und Kleidung

Weltweit werden 70 Prozent des

Nutz wassers für die landwirtschaftliche

Produktion benötigt. Um ein Kilogramm

Steak herzustellen, braucht man 14.000 l

Wasser: für die Nahrung des Rindes und

zur Herstellung des Fleisches. Für eine

Tasse Tee sind etwa 35 l virtuelles Wasser

zu veranschlagen, für eine Tasse Kaffee

140 l, für zwei Scheiben Brot 100 l,

für eine Portion Reis 500 l, für ein Glas

Orangensaft 5 l, für einen Hamburger

2.400 l. Eine 70-Gramm-Tomate braucht

13 l Wasser zum Wachsen, bis sie reif

bei uns auf dem Tisch landet. Das ist vor

allem in Gegenden mit geringem Nieder-

Brunnen im Nordosten Brasiliens

schlag wie Südeuropa oder Nordafrika

ein hoher Wert.

Viel Wasser wird auch bei der

Produktion von Kleidung verbraucht.

Zur Herstellung eines einzigen Baumwoll-T-Shirts

werden 2.000 l Wasser

benötigt, für eine Jeans sogar bis zu

8.000 l. Das hat Konsequenzen. Das

vielleicht bekannteste Beispiel dafür

ist der Aralsee. Weil seine Zufl üsse zur

Bewässerung von Baumwollfeldern

angezapft werden, ist seine Wassermenge

in den letzten 40 Jahren um

rund 75 Prozent geschrumpft.

Internationaler virtueller

Wasser-Export

Im Zuge der Globalisierung werden

nicht nur fertige Waren in andere

Länder geliefert, sondern damit indirekt

auch die zur Herstellung der Produkte

nötige Wassermenge. 16 Prozent des

virtuellen Wassers werden inzwischen

exportiert – Tendenz steigend. Thailand

zum Beispiel führt mit Produkten wie

Reis ein Viertel seines indirekt genutzten

Wassers aus.

Deutschland dagegen gehört zu den

»Top Ten« der Netto-Importeure von

Wasser in versteckter Form. Vor allem

Agrarprodukte wie Kaffee, Kakao oder

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Tee benötigen zum Wachsen viel Feuchtigkeit.

Eine aktuelle Studie des World

Wide Fund for Nature (WWF) kommt

zu dem Ergebnis, dass die Bundesbürger

jedes Jahr rund 160 Milliarden Kubikmeter

sogenanntes virtuelles Wasser

verbrauchen – 20 Milliarden allein dafür,

um ihren Kaffee- und Kakao-Durst zu

stillen. Diese Menge entspricht dem

dreifachen Inhalt des Bodensees.

Bewusster Einkauf und Konsum

Für den Verbraucher bietet das Wissen

um den virtuellen Wasserverbrauch die

Chance, den eigenen Lebensstil zu überprüfen

und bewusster einzu kaufen. Bei

rein vegetarischer Ernährung verbraucht

der Mensch nur etwa 2,5 Kubikmeter

täglich. Für eine Ernährung mit Fleischprodukten

werden 5 Kubikmeter

benötigt.

Verschenken Sie ein Glas Wasser!

»Verschenken Sie ein Glas Wasser!« Ein

solcher Geschenktipp kann die Kostbarkeit

des Wassers verdeutlichen und zur

Bewusstseinsbildung beitragen.

Br. Stefan Federbusch ofm

Bruder Stefan ist Koordinator der Initiative für

Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der

Schöpfung der Sächsischen Franziskanerprovinz.

11


12

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Geschenke für Flüchtlingslager:

Beseitigung oder Stabilisierung des Hungers?

Bilder von Menschen auf der Flucht oder

in Flüchtlingscamps in Afrika sind in der

deutschen Öffentlichkeit bekannt. Sie prägen

zum großen Teil die Wahrnehmung

Afrikas. Gegenstand dieses Beitrags ist

weder die Bewertung von Motivationen

der Fixierung auf solche Bilder noch die

Klärung der Frage, ob die Art der (Un-)

Vermittlung solcher Bilder den Wirklichkeiten

Afrikas in ihrer Vielfalt gerecht

wird. Hier soll es darum gehen, kurz und

knapp das aufzugreifen, was Geschenke,

auf die Menschen in Flüchtlingslagern

zum Überleben angewiesen sind, zur

Bekämpfung des Hungers leisten bzw.

nicht leisten können.

Wenn Menschen aufgrund von Umwelt,

Klimakatastrophen oder Kriegen ihr

Zuhause verlassen und nach einer neuen

Heimat suchen, sind sie mit drei akuten

Grundbedürfnissen konfrontiert: Sie wollen

wieder ein Dach über dem Kopf, sie

brauchen Nahrung und Sicherheit. Unter

Umständen können Gastfamilien für

eine gewisse Zeit diese drei Bedürfnisse

befriedigen. Aber da, wo die lokalen traditionellen

Solidaritätsnetzwerke aufgrund

des Ausmaßes des Flüchtlingsstroms nicht

mehr ausreichen, sind Flüchtlingslager

notwendig. In den letzten Jahren hat

die internationale Gemeinschaft oft eine

beeindruckende Mobilisierungskapazität

gezeigt, wenn es darum ging, humanitäre

Krisen anzugehen. Vertreter nationaler

und internationaler Organisationen

waren und sind immer schneller vor Ort

und lassen in atemberaubendem Tempo

Zelt-Städte entstehen. Damit ist das erste

der oben erwähnten Grundbedürfnisse

gedeckt. Mit dem Dach über dem Kopf ist

auch eine gewisse Sicherheit gewährleistet.

Denn Flüchtlingslager befi nden sich

normalerweise außerhalb der umkämpften

oder von Naturkatastrophen heimgesuchten

Gebiete. Außerdem bieten die

Hilfsorganisationen auch einen gewissen

Schutz vor gewaltsamen Übergriffen.

Bleibt das Problem der Versorgung mit

Nahrungsmitteln.

Lange Zeit war es üblich, Nahrungsmittel

zu importieren, um die

Menschen in den Flüchtlingslagern

zu versorgen. Manchmal achtete man

dabei nicht genug auf die Essgewohnheiten

der Flüchtlinge. Es kam zum Beispiel

vor, dass Produkte mit Schweinefl eisch in

einem Lager landeten, das von Menschen

muslimischen Glaubens bewohnt wurde.

Das kann schon mal passieren. Wenn aber

die Essgewohnheiten der Bevölkerung

nachhaltig verändert werden, kann dies

zu dauerhafter Abhängigkeit führen.

Flüchtlingslager überfl üssig machen, bevor Flüchtlinge sich überfl üssig fühlen: Im Sudan gelang es dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, die Voraussetzungen für

eine Rückkehr zu schaffen und die Menschen sicher nach Hause zu bringen.

Solche (Un-)Fälle sind heutzutage

glücklicherweise selten. Man hat

aus den Fehlern der Vergangenheit

gelernt. Die meisten humanitären

Organisationen haben ihre Versorgungspolitik

inzwischen so umgestellt,

dass Importe aus entfernten Regionen

erst dann in Frage kommen, wenn

die näher liegenden Ortschaften und

Nachbarregionen nicht in der Lage

sind, die gefragten Nahrungsmittel in

großen Mengen und gegebenenfalls

für eine lange Zeitspanne zur Verfügung

zu stellen.

Aber auch wenn es gelingt, die

Menschen aus einem Flüchtlingslager

durch die Anbindung an benachbarte

Regionen mit vertrauten Nahrungsmitteln

zu versorgen und sie in die

dortigen Wertschöpfungsketten mit

einzubinden, bleiben andere Probleme

akut.

Flüchtlinge sind dem Gefühl

der Ohnmacht ausgesetzt. Die

Umstände lassen sie glauben, nicht

gebraucht zu werden und überfl üssig

zu sein. Hunger zu haben und auf

Hilfe angewiesen zu sein, ist erniedrigend.

Man sollte also alles dafür tun, um

Situationen zu vermeiden, die Flüchtlingslager

überhaupt erst notwendig

machen. Bei Naturkatas trophen

ist das schwierig, da der Mensch

nur begrenzten Einfl uss auf sie hat.

Krieg und Gewalt sind dagegen von

Menschen verursacht – und daher

vermeidbar. Konfl ikte, die es in jeder

Gesellschaft gibt, müssen friedlich

gelöst werden. Daher legen humanitäre

Organisationen zu Recht zunehmend

Gewicht auf friedenserhaltende

bzw. friedenschaffende Maßnahmen.

Wo diese Maßnahmen

scheitern, können Flüchtlingslager

eine vorübergehende Lösung

zum Schutz bedrohter Bevölkerungsteile

sein. Die Betonung liegt

aber auf dem Wort »vorübergehend«.

Denn eine Betreuung von Flüchtlingslagern,

die nicht auf die Lösung der

Fluchtursachen drängt, ist kontraproduktiv.

Sie zementiert Abhängigkeiten

und verhindert, dass die Menschen

sich ihre eigene Existenz und Gesellschaft

aufbauen. Sie stabilisiert den

Hunger, anstatt ihn zu beseitigen.

Ein Beispiel: Es gibt Menschen,

die unter erbärmlichen Zuständen

in Flüchtlingslagern Hunger leiden,

obwohl sie aus den reichsten

Regionen Afrikas stammen.

Warum? Weil militante »Warlords«

sie aus ihrer Heimat vertrieben haben,

um sich selbst an den Bodenschätzen

des Landes zu bereichern. Die

Lösung dieses Problems kann nicht

darin bestehen, die Vertriebenen

möglichst lange in einem anderen Teil

des Kontinents durch fremde Hilfe zu

versorgen. Das Ziel aller Beteiligten

– von den Warlords einmal abge sehen

– kann es nur sein, den Flüchtlingen

die Rückkehr in ihre Heimat zu

ermöglichen, in der sie gut für sich

selbst sorgen können.

Ausgangspunkt für unsere

Über legungen war die Frage, ob

Geschenke in Form von Nahrungsmitteln

für Flüchtlingslager eine Lösung

für die Hungerproblematik darstellen

können. Wir haben gezeigt, dass

humanitäre Einsätze sinnvoll sein

können, insofern sie zum Überleben

von Menschen in Not beitragen.

Von entscheidender Bedeutung

ist aber, dass die Nothilfe auch

politisch fl ankiert ist.

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Die Einschüsse in der Wand dieser Schule von Yei im Südsudan zeigen eine der Ursachen, die

Menschen zur Flucht zwingen.

Nichts wünschen sich Menschen auf

der Flucht sehnlicher, als in ihre Heimat

zurückzukehren und dort in Frieden

leben zu können. Das größte Geschenk,

das man ihnen machen kann, ist, ihnen

genau dies zu ermöglichen. Organisationen,

die durch friedenschaffende

Maßnahmen hierzu beitragen bzw. die

durch Dialogprozesse dafür sorgen, dass

Konfl ikte gar nicht erst eskalieren, verdienen

jede nur mögliche Unterstützung.

Dr. Boniface Mabanza

Boniface Mabanza ist Theologe und Koordinator

bei der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika

(KASA) in Heidelberg.

Zur KASA

Die Kirchliche K Arbeitsstelle Südliches Afrika wurde

1996 gegründet. Im Sinne der kirchlichen Option für

die Armen leistet sie einen Beitrag zur Stärkung der

zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Kompetenz. Ihr

Ziel ist die politischen Durchsetzung und theologischen

Refl exion wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit im

Südlichen Afrika und hier. Die KASA versteht sich zum

einen als Informations- und Servicestelle zum Südlichen

Afrika für kirchliche Gruppen und Organisationen

in Deutschland, zum anderen als Lobby- und Kampagnenbüro

zu ausgewählten Schwerpunktthemen.

13


14

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Wenn’s still wird, stimmt was nicht

Hunger aus medizinischer Sicht

Wie fühlt sich ein Mensch, wenn er

hungert? Welche körperlichen und

see lischen Konsequenzen haben

Mangel- und Fehlernährung?

Der Kinderarzt Dr. Hartmut Morgenroth

hat als Kriegskind am eigenen Leib

gespürt, was es bedeutet, nicht genug zu

essen zu haben. Viele Jahre später erlebte

er als Kinderarzt in Afrika, dass viele

seiner kleinen Patientinnen und Patienten

an harmlosen Krankheiten starben, nur

weil ihre kleinen Körper vom Hunger zu

sehr geschwächt waren, um sich gegen

Infektionen zu wehren. Im folgenden

Gespräch schildert Dr. Morgenroth das

Phänomen Hunger aus medizinischer

Sicht.

Herr Dr. Morgenroth, Sie sind

Anfang des Krieges geboren,

1945 kamen Sie als Flüchtlingskind

nach Ostwestfalen. Die Menschen

damals hatten alle nicht

genug zu essen. Erinnern Sie sich

noch daran, wie Sie sich damals

gefühlt haben?

Dr. Morgenroth: Die zermürbende

Kälte auf der Flucht kann ich noch

heute lebhaft nachempfi nden. Aber

wie es sich anfühlte, unterernährt zu

sein, daran kann ich mich nicht mehr

erinnern. Trotzdem weiß ich noch,

dass mein Vater, ein Bauernsohn aus

Ostpreußen, von Bauernhof zu Bauernhof

ging und sich die Kartoffeln

für den Tag erbettelte. Wenn es dann

von freundlichen Menschen noch ein

Stück Speck dazu gab, war das für

uns die höchste Form des Genusses.

Damals galt es übrigens als durchaus

erlaubt und gerecht, wenn man

sich im Garten der Einheimischen

das holte, war man zum Überleben

brauchte – notfalls auch ohne deren

Einwilligung!

Bevor Sie sich für die Medizin

entschieden haben, wollten Sie

eigentlich Landwirtschaft studieren.

Wie kamen Sie dazu?

Dr. Morgenroth: Durch meinen Vater.

Er war Wissenschaftler: ein Fachmann

für tropische und subtropische

Nutzpfl anzen. Durch ihn beschäftigte

ich mich schon früh mit Fragen der

Welternährung und den notwendigen

landwirtschaftlichen Voraussetzungen

dazu. So wollte ich nach dem Abitur

Landwirtschaft studieren und hielt

es als aktives Mitglied des CVJM für

den besten Weg, meinen »Nächsten«

in der Welt zu helfen. Später hielt

ich das Ernährungsproblem für gelöst

und dachte, dass es wichtiger sei, die

Menschen darüber aufzuklären, wie

man sich richtig ernährt.

Das Problem guter und ausreichender

Ernährung hat Sie also

auch auf Ihrem Weg als Arzt

weiter beschäftigt?

Dr. Morgenroth: Ja. Nach meinem

Studium ging ich für einige Monate

nach Süd-Indien. Dort machte ich

eine Art Praktikum in der Abteilung

für Ernährungsforschung des Christian

Medical College Hospital von

Vellore. In diesem Rahmen sammelte

ich meine ersten Erfahrungen mit den

beiden Hauptformen der Unter- und

Fehlernährung: »Marasmus« und

»Kwashiorkor«.

Wodurch werden diese beiden

Krankheiten hervorgerufen?

Und wie äußern sie sich?

Dr. Morgenroth: Marasmus ist die

Folge schwerer Unterernährung.

Wenn Menschen über eine lange Zeit

hinweg zu wenig zu essen haben,

magern sie im wahrsten Sinne des

Wortes »bis auf die Knochen« ab.

Sie kennen die Bilder hungernder

Menschen aus Afrika. Sie schauen

uns unglücklich an. Spricht man sie

an, reagieren sie gereizt. Ihr Immunsystem

ist extrem schwach. An sich

harmlose Infektionen und Verletzungen

können bei diesen Kindern

tödliche Folgen haben.

Und was genau ist Kwashiorkor?

Dr. Morgenroth: Kinder mit diesem

Krankheitsbild haben einen durch

Einlagerung aufgedunsenen Körper.

Patientinnen und Patienten mit dieser

Krankheit haben vielleicht quantitativ

genug zu essen, aber ihre Nahrung

enthält nicht genug Proteine.

Wenn Sie zum Beispiel ausreichend

essen, aber immer nur Maismehl,

sonst nichts, werden Sie krank. Bei

Kartoffeln ist das übrigens anders. Sie

enthalten mehr Eiweiß.

Wie äußert sich Hunger?

Dr. Morgenroth: Akuter Hunger bei

einem wohlgenährten Kind äußert

sich dadurch, dass es gierig und lautstark

nach Essen verlangt. Wenn ein

Kind dagegen chronisch unterernährt

ist, sind sein Empfi nden und sein

gesamter Organismus geschwächt.

Das zeigt sich in Apathie und einem

unglücklichen Gesichtsausdruck.

Was brauchen mangelernährte

Menschen am dringendsten:

ausreichende und ausgewogene

Nahrung?

Dr. Morgenroth: Ja, sicher. Aber nicht

nur. Man muss sie auch gegen jede

zusätzliche Belastung ihres Immunsystems

schützen, bis sie wieder zu

Kräften gekommen sind. Ich habe vier

Jahre lang als Kinderarzt in einem

Krankenhaus in Arusha in Tansania

gearbeitet. Was ich mit allen Mädchen

und Jungen, die auf meiner Station

eingeliefert wurden, als erstes getan

habe, war deshalb: sie gegen Masern

zu impfen. Wenn wir das nicht

taten, mochten die Kinder von ihrer

Ursprungskrankheit, zum Beispiel

einer Lungenentzündung, geheilt sein.

Wenn sie sich währenddessen aber

gleichzeitig mit Masern ansteckten,

starben sie trotzdem.

Wie sah der Alltag in diesem

Krankenhaus aus?

Dr. Morgenroth: In Arusha gab es

damals mehrere Stadtambulanzen,

die am Tag 2.000 bis 3.000 Kranke

versorgt haben. Ins Krankenhaus

wurden nur diejenigen geschickt,

denen dort nicht mehr zu helfen war.

Diese Patientinnen und Patienten

kamen also zu mir. Auf meiner Station

gab es Platz für etwa 80 Kinder. Die

meisten wurden mit Infektionen der

Luftwege oder Durchfallerkrankungen

eingeliefert. Diese eigentlich harmlosen

Krankheiten nahmen vor dem

Hintergrund der Mangelernährung

bei den Kindern einen dramatischen

Verlauf. Viele sind gestorben – sehr

viele! Ihre kleinen Körper waren einfach

nicht stark genug, um gegen ihre

Erkrankungen anzukämpfen.

Nach Ihren Einsätzen als Kinderarzt

im Ausland haben Sie in

einer Praxis in Deutschland gearbeitet.

Mit welchen Problemen

hinsichtlich der Ernährung hatten

Sie es hier zu tun?

Dr. Morgenroth: In meiner Praxis

hier sind mir vor allem immer wieder

zwei Phänomene begegnet: Mütter,

die in Sorge waren, dass ihre – kleinen

– Kinder zu wenig essen. Und

Kinder, die infolge falscher Ernährung

übergewichtig wurden.

Was haben Sie den Müttern geraten

bzw. was würden Sie ihnen

auch heute noch sagen?

Dr. Morgenroth: Machen Sie Ihren

Esstisch nicht zum Stresstisch! Ein

gesundes kleines Kind holt sich, was

es braucht. Die Menge, die ein Kind

benötigt, ist nicht zu vergleichen

mit dem, was ein Erwachsener isst.

Wichtig ist, dem Kind möglichst

gute Lebensmittel anzubieten, nicht

möglichst viel davon. Die Entwick-

lung von Gesundheit und Geschmack

fördern Sie nicht so sehr über die

Quantität des Essens, sondern vor

allem über dessen Qualität.

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Auch in Deutschland verhungern

Kinder, ohne dass irgendjemand

etwas davon merkt. Wie kann das

passieren?

Dr. Morgenroth: Das liegt an dem

Erscheinungsbild und an den Symptomen.

Kinder, die hungern – das gilt

übrigens auch für Erwachsene! – ,

schreien nicht, sie werden schwach,

still, apathisch. Es fehlt ihnen die Kraft

zum Widerstand. Das ist der Grund

dafür, dass der Hunger als Phänomen,

unter dem weltweit inzwischen mehr

als 1 Milliarde Menschen leiden, auch

in Zukunft so schnell nicht von der Erde

verschwunden sein wird.

Dass ein Kind in unserem Land

hungert, ist aber extrem selten. In 25

Jahren Praxis habe ich von keinem Fall

gehört, geschweige denn selbst so etwas

gesehen. Die in der Presse beschriebenen

Fälle handeln von Kindern, deren

Eltern sie in krimineller Form vernachlässigten.

Dr. Hartmut Morgenroth

Dr. Hartmut Morgenroth, geboren 1940, war bis

2005 niedergelassener Kinderarzt in Ratingen.

Er ist vielen Eltern bekannt durch die Bücher

»Jedes Kind kann schlafen lernen«, Gräfe &

Unzer 2007, und »Jedes Kind kann richtig

essen«, Oberstebrink Verlag 2005.

15


Frei-Alberto-Schule, São Luis/Brasilien

Einen Monat lang ein warmes Mittagessen kostet 30 Euro.

Pater-Vjeko-Berufsschule, Kivumu/Ruanda

Eine Schubkarre kostet 67 Euro.

Familien-Landwirtschaftsschulen, Bacabal/Brasilien

Eine Ziege kostet 100 Euro.

AIDS-Projekte in Ostafrika

1 Jahr Grundschule für ein Waisenkind kostet 210 Euro.

CONASA, Bacabal/Brasilien

Das Gehalt einer Lehrperson beträgt pro Monat 350 Euro.

Schulen Abandonados – Ausgegrenzte

Grundschule in Nha Trang/Vietnam

Ein Fahrrad für den langen Schulweg kostet 20 Euro.

Anti-Drogenprokt Monte Tabor, Piripiri/Brasilien

Das Monatsgehalt eines Therapeuten beträgt 200 Euro.

Behindertenprojekt APAE, Piripiri/Brasilien

Die Gehälter des Teams betragen pro Monat 1.500 Euro.

Schenken Sie Leben!

Bildungshaus CEFRAM, Bacabal/Brasilien

Ein Fortbildungskurs kostet pro Person 8 Euro.

Überschwemmungen

im Santa Catarina/Südbrasilien

Bewusstseinsbildung Nothilfe

Lepraprojekte in Maranhão/Nordostbrasilien

Die Heilung eines Leprakranken kostet 50 Euro.

Hausbauprojekt

in Kivumu/Ruanda

Sozialwerke SEFRAS, São Paolo/Brasilien

Zehn Wolldecken für Obdachlose kosten 20 Euro.

Zentrum für Flüchtlingsfrauen, Bukavu/D.R. Kongo

Eine Nähmaschine als berufl iche Starthilfe kostet 85 Euro.

Hochwasserkatastrophe

in Vietnam

Überschwemmungen

im Maranhão/Nordost-Brasilien


18

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Von Nikolaus zu Weihnachtsmann

Wie aus dem heiligen Bischof ein roter »Geschenke-Onkel« wurde

Von Bischof Nikolaus als Retter der Armen ...

Wer Augen hat, um zu sehen, entdeckt

auch hinter seinem verweltlichten

Bruder, dem Weihnachtsmann, den jung

gebliebenen, alten, heiligen Bischof mit

seiner stets aktuellen Botschaft. Denn

die hat sich in Legende und Brauchtum

erhalten. Heilig ist Nikolaus übrigens

nur noch wenigen, auch im kirchlichen

Raum. Der Bischof hat schlechte Karten,

denn sein Fest – und damit auch seine

Popularität – ist der Reform des Römischen

Kalenders zum Opfer gefallen.

1969 strich Papst Paul VI. kurzerhand

den Gedenktag am 6. Dezember als

allgemein gebotenen Feiertag!

Aber: Was nicht mehr geboten ist,

ist deshalb noch lange nicht verboten!

Nikolaus wird immer noch als

Heiliger verehrt, auch wenn sein Bild

übertüncht wird durch die Kommerzialisierung

als »Geschenke-Onkel«.

Wir wissen heute, dass es mit

großer Wahrscheinlichkeit einen

Nikolaus als Bischof von Myra in

Kleinasien gegeben hat. Wann genau

er gelebt hat, kann niemand mehr

belegen. Und es ist nicht sicher,

ob Nikolaus der richtige Name des

Bischofs war. Es könnte sich auch

um eine Ehrenbezeichnung handeln,

denn der Name bedeutet im Griechischen

»Sieger des Volkes«. Nikolaus

könnte also jemanden bezeichnen, der

das Böse besiegt und dem Volk gezeigt

hat, wie das Gute siegreich bleibt.

Der Heilige gewann früh eine

derart überragende Bedeutung, dass

ihm die Apostelgleichheit zuerkannt

wurde. Ein bulgarisches Sprichwort

sagt sogar: »Wenn Gott stirbt, dann

wählen wir den heiligen Nikolaus zu

seinem Nachfolger!«

Ein Bischof der Kinder

und für die Kinder

Der heilige Nikolaus wurde zum Heiligen

der Kinder. Er schenkt unerkannt

und heimlich, so wie er in einer seiner

Legenden drei Mädchen durch das

»Einwerfen« von ererbtem Gold vor

Schande bewahrt. Er legt als Heiliger

seine Geschenke in ein »Nikolaus-

Schiff«. Das ist ein von Kindern

gebastelter Gabenteller, der erst später

durch Stiefel, Schuh, Strumpf oder

Teller ersetzt wurde. Entstanden ist

das »Schiffchensetzen«, ein seit dem

15. Jahrhundert bekannter Brauch,

durch das Schifferpatronat des Heiligen.

In einer seiner Legenden rettet er

nämlich Bootsfahrer. Nikolauskirchen

fi nden sich daher in fast allen See- und

Binnenhafenstädten.

Das Kinderbeschenken durch einen

Heiligen, das auch im Hause Martin

Luthers gepfl egt wurde, war reformationstheologisch

aber fragwürdig: Weil

die Heiligenverehrung abgeschafft

wurde, durfte natürlich auch die

Kinderbeschenkung die Heiligen nicht

mehr populär machen. Martin Luther

erfand deshalb das Christkind, das nun

zu Weihnachten die Kinder bescherte.

Aber die reformierten Niederländer

widersetzten sich. Sie feiern bis heute

Nikolaus und bescheren immer noch

an diesem Tag. Gleiches taten die

Katholiken, bis im ausgehenden 18.

und beginnenden 19. Jahrhundert

eine Brauchangleichung stattfand:

Das »Christkind« wurde »katholisch«

und der Weihnachtsbaum zog in die

katholischen Häuser ein, dafür fand die

Weihnachtskrippe Zugang in evangelischen

Familien.

In der Zeit der Gegenreformation

war das mittelalterliche Nikolausspiel

zum Einkehrbrauchtum umgeformt

worden: Nikolaus besuchte nun die

Kinder einer Familie zu Hause in eigener

Person und befragte sie, ob sie ihre

Gebete verrichteten, ausreichendes religiöses

Wissen besäßen und brav gewesen

wären. »Liebe« Kinder erhielten

Geschenke, »bösen« drohte die Rute

oder gar der Abtransport im Sack. Der

Nikolaus-Begleiter (»Knecht Ruprecht«)

erschien meist als »schwarzer Mann«

an einer Kette und symbolisierte so das

Böse, das dem Guten dienen musste.

Wie der Patron der Kinder zum

Packesel für die Geschenke-

Industrie wurde

Die Aufklärung schließlich brachte eine

»Persönlichkeitsspaltung« des Nikolaus.

Im kirchlich-katholischen Bereich

blieb der Heilige erhalten; von ihm

spaltete sich der »böse Nikolaus« ab,

der Nikolaus und Knecht Ruprecht in

einer Person darstellt. Für seine eigenen

Kinder zeichnete der Frankfurter Arzt

Heinrich Hoffmann den 1845 erstmals

im Druck erschienenen Struwwelpe-

ter. ter Diese von zeitgemäß bürgerlicher

Anpassungs- und Drohpädagogik

gespeiste Bildgeschichte greift die Figur

des Nikolaus (nur noch am Namen und

der roten Farbe des Mantels und der

Zipfelmütze erkennbar) auf, füllt sie

inhaltlich aber völlig anders: »Niklaus«,

»bös und wild«, steckt Kinder in ein

Tintenfass und macht sie »schwarz«,

anstatt ihnen zu helfen.

Die evangelischen Niederländer,

die sich ihren heiligen Nikolaus von

Luther nicht hatten nehmen lassen,

importierten ihn in die Neue Welt. Aus

»Sinte Klaas« wurde »Saint Claus« und

schließlich »Father Christmas«, den die

Coca-Cola-Werbung in ihren Hausfarben

Rot-Weiß populär machte. In diesem

Outfi t wurde er nach dem Ersten

Weltkrieg nach Europa reimportiert und

mutierte hier zum Weihnachtsmann.

Dieser Typ von säkularisiertem Nikolaus

hatte im 19. Jahrhundert aber auch

seinen deutschen Vorläufer: »Herrn

Winter«, einen alten Mann mit Kapuze,

Weihnachtsbaum und Geschenken.

Als »Väterchen Frost« macht er im

... zum roten »Geschenke-Onkel« mit Zipfelmütze

»Ostblock« Karriere. Hier konnte er den

Brauchbedarf befriedigen, war aber von

den christlichen Festquellen gekappt.

Schenken wie Nikolaus:

Den Weg für Gott freiräumen

Was ist geblieben? Der heilige Bischof

hat es heute schwer. Sein kommerzieller

Widerpart hat nach wie vor

Konjunktur. Aber: Wenn die Menschen

des Weihnachtsmannes längst überdrüssig

sein werden, ist der heilige

Nikolaus noch lange nicht reif für den

»Schrottplatz« der Frömmigkeit. Er ist

als Patron zahlloser Kirchen, Kapellen,

Altäre und Orte überall gegenwärtig.

Vielleicht gelingt es uns wieder,

mehr Menschen das zu erschließen,

was Nikolaus so faszinierend gemacht

hat: Dieser Bischof ist einer, der

anderen vormachte, wie man bei Gott

heilig wird. Besitz dient ihm nicht zur

Repräsentation oder als Machtfaktor,

sondern ist ihm ein Geschenk Gottes,

das dann Früchte bringt, wenn man

es weitergibt. Schenken heißt bei

Nikolaus: den Weg zu Gott freiräumen.

Geschenkt wird nur vordergründig

materiell – eigentlich wird das ewige

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Leben geschenkt. Und unsere Nikolausgeschenke

sollen ein wenig an diese

Art des Schenkens erinnern. »Heilig«

umfasst bei Nikolaus auch noch das

körperliche Heilsein. Der Schenkende

erledigt keine religiösen Pfl ichten, kauft

sich nicht Anerkennung oder Liebe, er

gibt einen Teil von sich – und das ohne

»Quellenangabe«. Je mehr der verweltlichte

Nikolaus als Weihnachtsmann

zum Kaufanreiz verzweckt wird, desto

reizloser wird sein Image.

Was könnte unsere Zeit mehr

gebrauchen als eine Leitfi gur, die jeder

Käufl ichkeit widerspricht?

Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti

Manfred Becker-Huberti ist Dr. theol. und

Honorarprofessor an der Katholisch-Theologischen

Fakultät der Universität Vallendar.

Der Text ist im Rahmen der Aktion

»Weihnachtsmannfreie Zone« vom

Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken

erschienen.

Weitere Informationen unter:

www.weihnachtsmannfreie-Zone.de

19


20

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

»Wir haben Hunger«

Was sich Kinder in Deutschland wünschen

Kinder in Deutschland wünschen sich vor allem eins: Geborgenheit in der Familie

Für das immer noch reiche Deutschland ist

Kinderarmut eine Schande. Was bedeutet

eigentlich der Begriff Kinderarmut? Wann

ist ein Kind, wann ist eine Familie arm?

Kinderarmut ist aber nicht nur ein materielles

Problem, sondern heißt auch soziale

Ausgrenzung. Kinderarmut bedeutet fast

immer auch ein Leben mit einem sehr

begrenzten Zugang zu Bildung und Schule.

Bildung kostet in Deutschland Geld und ist

zum Nulltarif nicht zu haben.

Deutschland zählt nach seinem

Brutto inlandsprodukt, das sind

zurzeit 44.600 US-Dollar, zu den

reichsten Ländern der Erde. Trotz des

Reichtums steigt die Kinderarmut in

Deutschland stetig an. Jedes vierte bis

fünfte Kind in Deutschland ist arm.

Skeptiker befürchten allerdings, dass

die Zahlen weitaus höher liegen. Viele

Familien schämen sich, Transferleistungen,

die ihnen zustehen, auch zu

beantragen. Im Schaufenster unserer

Republik, in Berlin, sind die Zahlen

noch katastrophaler. 37,5 Prozent

aller Kinder leben von Hartz IV.

Wenn man die Kinder aus Familien

dazurechnet, die nur wenige Euros

mehr zur Verfügung haben, die aber

nicht mehr in dieser Statistik sind,

dann lebt in Berlin jedes zweite Kind

in relativer Armut. Nur in Bremerhaven

sind die Zahlen noch schlimmer.

Wann ist man eigentlich arm? Dazu

gibt es eine offi zielle Version. Personen

und Familien gelten dann als arm,

wenn ihnen weniger als 60 Prozent

des Durchschnitts-Nettoeinkommens

zur Verfügung stehen. Das entspricht

einem Betrag von monatlich 870 Euro

pro Kopf. Übrigens: Seit der Einführung

von Hartz IV im Jahr 2005 ist die

Kinderarmut angestiegen. Über drei

Millionen Kinder in Deutschland sind

von Armut betroffen. Kinder erhalten

60 Prozent des Erwachsenen-Regelsatzes,

das sind 211 Euro. Das reicht

vorne und hinten nicht. Vor allem ist

kein Geld für Bildung in diesem Betrag

enthalten. Auch für ein ausgewogenes

Essen reicht es in keinster Weise. Die

Folgen sind brutal: Die Kinder wachsen

außerhalb unserer Gesellschaft auf,

sind häufi ger krank als andere Kinder

und haben keine Chance auf eine

ordentliche Zukunft. Wir erziehen

uns hier die Sozialhilfeempfänger von

morgen heran. Es gibt, oder besser

es gab in Deutschland zwar eine

»Abwrackprämie« für alte Autos, aber

eine »Aufbauprämie« für die Zukunft

unseres Landes, für unsere Kinder, gibt

es nicht. Was hat das für einen Sinn?

Kinder, die aus armen Familien

stammen, können nicht die

angesagte, daher coole Markenkleidung

tragen. Am Schulessen und

an Klassenfahrten können sie häufi g

nicht teilnehmen. Oft besitzen sie kein

Handy und keinen Computer. Von

Gesprächen zu diesen Themen sind

sie ausgeschlossen. Hobbys nachgehen

in einem Verein geht auch nicht,

dafür fehlt schlicht das notwenige

Kleingeld. Es ist weiter kein Geld

vorhanden für Nachhilfeunterricht, für

Musikunterricht, für Kino und Theater.

Viele Eltern, die zumeist seit Jahren

keinen Job mehr haben, können keine

Perspektiven und kaum Leistungswillen

an ihre Kinder weitergeben. Den

haben sie im Laufe ihrer Arbeitslosigkeit

verloren. Ihre Kinder, von unserer

Gesellschaft vergessen, vergessen

dann später oft auch die Gesellschaft.

Viele der Eltern, die in die Archen in

Deutschland kommen, haben sich ein

Stück aufgegeben. Ihre Kinder sind oft

auch emotional verarmt. Sie müssen

sich häufi g selbst versorgen, gehen

ohne Frühstück in die Schule. Eltern

vergessen die Geburtstage ihrer Kinder

und beschäftigen sich kaum mit ihnen.

Gerade diese Kinder brauchen unsere

volle Unterstützung. Kinder können

nichts für ihre Eltern. Die Gnade der

Geburt ist eher zufällig. Wenn also

die meisten unserer Kinder in armen

Familien geboren werden, dann sind

wir auch verpfl ichtet, uns um diese

Kinder zu kümmern. Wir werden

sonst spätestens in zehn Jahren einen

sozialpolitischen Gau erleben, und der

wird die Wirtschafskrise von heute bei

Weitem übertreffen.

Was machen wir in den Archen

anders? Zuerst einmal sind wir eine

ganz normale Kinder- und Jugendeinrichtung

mit einer christlichen Ausrichtung.

Bei uns aber sind die Kinder

zentraler Mittelpunkt. Wir sind ihr

nachhaltiger, erwachsener Lebensbegleiter.

Die Kinder kommen mit allen

Fragen und Problemen zu uns. Und das

sind nicht wenige. Wir verstehen uns

weiter als eine Ergänzung zur Familie.

Wir fördern die Kinder und stärken

sie in ihrer Persönlichkeit. Über 80

Mitarbeitende sind momentan in den

Archen in Berlin, Potsdam, Düsseldorf,

München und Hamburg tätig. Weitere

Häuser werden in den kommenden

Monaten dazu kommen, in Leipzig,

Köln, Memmingen und Frankfurt am

Main. Der gesellschaftliche Misserfolg

ist praktisch der gesellschaftliche Erfolg

der Arche.

Natürlich wollen wir auch nachhaltig

arbeiten. Vor mehr als drei Jahren

haben wir die erste Arche-Grundschule

in Berlin Hellersdorf eröffnet. Partner

ist hier ein christlicher Schulträger. In

einer Klasse werden nicht mehr als

21 Kinder unterrichtet. Zwei Pädagogen

sind für eine Klasse zuständig.

60 Prozent der Kinder kommen aus

sogenannten Problemfamilien. Das

Miteinander funktioniert hervorragend,

die Kinder haben Spaß am Unterricht

und sehen auch bei sich kleine Erfolge.

Daraus gehen sie gestärkt hervor.

Was heißt das für die praktische

Arbeit? Wir brauchen in unserem

Land viel mehr Sozialarbeiterinnen

und Sozialarbeiter, die in die Familien

gehen und mit den Eltern und Kindern

zusammenarbeiten. Wir müssen natürlich

auch die schwachen Eltern mit in

die Erziehung ihrer Kinder einbinden.

Wir brauchen kleinere Klassen an den

Schulen und wir brauchen doppelt so

viele Lehrerinnen und Lehrer. Nur dann

können wir die Katastrophe verhindern.

Wir alle müssen uns stärker

enga gieren. Jeder kann etwas für die

Schwächsten in unserer Gesellschaft,

die Kinder, tun. Jeder Einzelne, die

Politik, die Vereine und die Kirchen.

Wir alle haben eine soziale Verantwortung.

Keine Gesellschaft der Welt

kann es sich leisten, ihre Kinder zu

vergessen. Wir tun das gerade.

Pastor Bernd Siggelkow und

Wolfgang Büscher

Bernd Siggelkow ist evangelischer Pastor sowie

Gründer und Leiter des christlichen Kinder- und

Jugendwerks »Die Arche«; Wolfgang Büscher

ist Journalist und »Arche«-Pressesprecher.

Gemeinsam haben sie mehrere Bücher über

Kinder in Deutschland verfasst, die im Verlag

Gerth Medien erschienen sind.

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Was Kinder in Deutschland sich

wünschen:

Elisabeth wünscht sich, dass ihre Eltern

sich nicht dauernd streiten und sich auch

mal mit ihr und ihrer Schwester beschäftigen.

Mike hat den großen Wunsch, dass seine

Mama zu seinem neunten Geburtstag aus

dem Krankenhaus kommt und dann vom

Krebs geheilt ist.

Joschi würde so gerne mal in den Urlaub

fahren oder seinen Vater kennenlernen.

Ali wünscht sich, dass seine Eltern besser

Deutsch lernen, damit sie auch deutsche

Freunde fi nden.

Jessica, Cindy, Eva und Grit sind Freundinnen.

Die Eltern aller vier Mädchen

sind geschieden, und die Kinder teilen

gemeinsam das Leid, dass zu Hause

immer schlecht über den jeweils anderen

Elternteil gesprochen wird. Jedes der

Mädchen wünscht sich, davon nichts

mehr hören zu müssen, da sie ja alle beide

Elternteile lieb haben.

Mark wünscht sich, dass seine Eltern

nicht mehr so viel trinken, wenn sie

Sorgen haben.

Aus dem neu erschienenen Buch von Siggelkow /

Büscher: »Deutschlands große Chance: Was sich

unsere Kinder wünschen und warum wir sie unbedingt

ernst nehmen müssen«, Gerth 2009.

Weitere Informationen siehe:

www.kinderprojekt-arche.de

21


22

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Fenster auf für »A Janela«

Damit Menschen von ihrer Arbeit leben können

Besuch aus Brasilien im Weltladen: Br. Zacarias Lopes, Leiter der Frei-Alberto-Schule in São Luís,

und seine Kollegin Ivoni Silva

»A Janela« heißt in Brasilien »Das

Fenster«. Als wir vor zehn Jahren

unseren Weltladen in Berlin- Wilmersdorf

gründeten und ihm diesen

Namen gaben, wollten wir damit

auch an das Motto erinnern, unter

das Papst Johannes XXIII das zweite

Vatikanische Konzil stellte: »Macht

die Fenster (und eure Herzen) weit

auf für die Welt.«

Dieses im Namen des Weltladens festgehaltene

Programm war für unsere Gemeinde

St. Ludwig eigentlich schon lange nichts

Neues mehr. Denn bereits Anfang der

1990er Jahre hatten wir damit begonnen,

nach den Gottesdiensten fair gehandelte

Produkte zu verkaufen. Mit anderen

Worten: Wir boten Waren an, die zwar für

die Kunden in Deutschland etwas teurer

sind, die den Herstellern aus den Ländern

des Südens dafür aber ermöglichen, von

ihrer Arbeit zu leben. Unser Einsatz für die

gute Sache wurde ein Erfolg und lief nach

einiger Zeit so gut, dass unser damaliger

Gemeindepfarrer, der Franziskanerpater

Urban Hachmeier, uns ermutigte, doch

einen richtigen Laden zu eröffnen. Gesagt,

getan. Wir starteten eine Sponsorenaktion

und baten unsere Pfarrgemeinde, die Kommune

und andere Kirchen- und Agendagruppen

um fi nanzielle Starthilfe. Nach drei

Monaten hatten wir ein Anfangskapital von

42.000 DM zusammen. Mit diesem Geld

machten wir uns an die Anmietung, Ausge-

Probleme und Chancen ehrenamtlicher

Organisation

Rückblickend müssen wir gestehen:

Unser Engagement war erheblich größer

als unser Know-how. Vielleicht war es

aber auch gut, dass wir am Anfang nicht

wussten, was alles auf uns zukommen

würde. Sonst hätten wir womöglich noch

einen Rückzieher gemacht. Glücklicherweise

hatten wir aber einen Bürokaufmann

in unserer Gründungsmannschaft,

der die Buchhaltung mit sicherer Hand

führte und uns anderen die Grundbegriffe

wirtschaftlichen Handels beibrachte.

Bis heute arbeiten wir alle ehrenamtlich.

Eine enorme Leistung bei einer

Wochenöffnungszeit von 52 Stunden!

Zurzeit sind wir 20 Mitarbeiterinnen,

doch haben über die Jahre hinweg rund

250 Menschen durch ihre zeitweilige

aktive Hilfe unseren Laden möglich

gemacht. Wir haben dabei viel über

Fragen des »Personalmanagements«

gelernt: Wie wird Mitbestimmung in

einer Gruppe mit hoher Fluktuation

umgesetzt? Welche Verbindlichkeit und

welche Fähigkeiten brauchen wir? Wenn

jeder nur so viel macht, wie er möchte,

wer macht dann den Arbeitsberg, der

liegenbleibt? Jahrelang haben wir um

unsere interne Struktur gerungen und das

ging nicht ohne Auseinandersetzungen

und Enttäuschungen. Schrittweise haben

wir uns von basisdemokratischen Strukturen

verabschiedet. Denn nicht durch

endlose Diskussionsabende, sondern

durch tatkräftiges Engagement organisierten

wir den Weltladen, und wir leisteten

kontinuierliche Arbeit entsprechend den

eigenen Fähigkeiten und Begabungen.

Wir sind stolz, dass wir nicht eine einzige

Ausfallstunde bei den Öffnungszeiten

hatten. Bisher konnten wir auch unsere

Betriebskosten decken und sogar immer

wieder kleinere Investitionen machen.

Zur Finanzierung eines hauptamtlichen

Mitarbeiters reicht das Geld aber immer

noch nicht.

Erzbischof Dom José Belisario von São Luís, Brasilien, trifft das A-Janela-Team. Mitte: Autorin Judith Siller

Gutes muss manchmal

doch teuer sein

Bei den über 1.000 Produkten, die wir

anbieten und von denen viele in anderen

Teilen der Welt angebaut und hergestellt

werden, kennen wir die Produzenten

in der Regel nicht mehr persönlich. Wir

fühlen uns ihnen aber eng verbunden, und

zwar sowohl den Herstellern aus Deutschland

als auch denen aus Lateinamerika,

Afrika und Asien. Ebenso wie bei uns

sollen auch in den Ländern des Südens die

Frauen und Männer von ihrer Arbeit leben

können und nicht um Almosen betteln

müssen. Der Einkauf im Weltladen wird

oft als teuer empfunden, weil wir uns in

Deutschland an Dumpingpreise für Waren

aus Übersee gewöhnt haben. Was bedeuten

»billige« Produkte für die Lebensqualität

der Menschen, die sie herstellen? Darüber

denken wir nicht gern nach. An dieser

Stelle wollen wir es aber doch einmal tun:

Wenn ein T-Shirt in Deutschland für 5

Euro verkauft wird – welchen Lohn haben

dann wohl der Baumwollpfl ücker oder

die Näherin aus Indien erhalten? Vermutlich

nicht genug, um ihre Kinder satt zu

bekommen.

Wer menschenwürdige Verhältnisse für

die Menschen in den Ländern des Südens

Arbeit zahlen. Dies ist das Prinzip des fairen

Handels. Er orientiert sich nicht nur an den

Bedürfnissen seiner Kunden, sondern auch

an denen seiner Produzenten. Daher sind

viele Preise im fairen Handel höher als im

Discounter.

Peruanische Krippen

Viele unserer Produzenten haben sich

inzwischen auch darauf eingestellt, dass wir

in der Advents- und Weihnachtszeit unsere

Wohnungen schmücken und uns gegenseitig

Geschenke machen. Wir können daher auch

Krippen und Engel aus Peru in unserem

Weltladen anbieten, und zwar die unterschiedlichsten

Modelle von der einzelnen

Miniatur bis hin zu großen Figurenensembles.

Die Vorbereitungen für die Herstellung

der Figuren beginnen bereits im jeweils

vorhergehenden Frühjahr. Die Künstler

kaufen die Materialien auf dem lokalen

Markt. Die Rohlinge aus Ton erhalten

ihre Gestalt meistens durch vorgefertigte

Formen. Anschließend werden sie gebrannt

und mit der Hand bemalt. Sorgsam verpackt

müssen sie spätestens in den Sommermonaten

versandt werden. Denn wenn wir im

September /Oktober das Weihnachtssortiment

für unseren Weltladen zusammenstel-

staltung und Eröffnung eines Ladens. will, muss einen gerechten Preis für ihre len, müssen die Krippen schon vorrätig sein. Krippe aus Peru

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Ab Mitte November sollen sie schließlich

im Laden stehen, damit die Kundinnen

und Kunden sich in aller Ruhe und nicht

erst im letzten Moment entscheiden

können.

Wie geht es weiter?

»A Janela« heißt »Fenster«. Wir haben

mit unserem Weltladen die Zukunft der

Menschen aus den Ländern des Südens

im Blick, aber wir müssen uns auch

fragen, wie es mit uns selbst weitergeht.

Wir freuen uns auf die weitere Arbeit,

aber wir schauen doch auch mit etwas

Sorge in die Zukunft. Welche unserer

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden

in fünf oder zehn Jahren noch mit dabei

sein? Wer wird Leitungsfunktionen mit

Verantwortung übernehmen, wenn die

Gründungsmannschaft »in die Jahre

kommt«? Glücklicherweise werden wir

seit mehreren Jahren von jungen Menschen

im Freiwilligen Ökologischen Jahr

unterstützt, ohne die wir unsere Arbeit

gar nicht mehr schaffen würden. Und

vielleicht reicht es eines Tages auch für

die Beschäftigung einer fest angestellten

Mitarbeiterin oder eines fest angestellten

Mitarbeiters. Denn es wäre schön, wenn

wir – dem Prinzip des fairen Handels

folgend – auch bei uns gute Arbeit gut

bezahlen könnten.

Judith Siller

Judith Siller (51), Musiktherapeutin, hat den

Weltladen »A Janela« mit gegründet und ist bis

heute im Vorstand tätig.

Weitere Informationen siehe:

www.ajanela.de

23


24

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Glückliche Hühner,

glückliche Menschen

Arbeit und Leben auf dem Biohof Brungs in Mönchengladbach

Keine naturwidrige Handlung bleibt ohne

Folgen. Kein natürliches Prinzip kann man

unbestraft verletzen, keine natürliche Ordnung

beseitigen ohne Gefahr für sich

selbst. Die Einordnung des Menschen in

die Ordnungen der Schöpfung ist eine un -

abdingbare Voraussetzung für sein Leben.«

Aus den Bioland-Richtlinien

Als Reiner Brungs vor 20 Jahren

beim Ausbringen von Pestiziden

verunglückte und daraufhin mehrere

Tage lang krank war, fi el für ihn und

seine Frau Beate die Entscheidung:

»Wir stellen um auf ›Bio‹«! Das war

aber gar nicht so einfach. Heute

ist »Bio« modern, damals war das

noch nicht so. » Ökologischer Anbau

widersprach in vielem dem, was in

der konventionellen Landwirtschaft

als gut und richtig galt«, erinnert sich

Beate Brungs. »Da gehörten wir mit

unserem Entschluss, von Zuckerrüben

auf Kartoffeln, Getreide und

saisonales Gemüse umzusteigen, mit

zu den Vorreitern.«

Was ist das Besondere am biologischen

Anbau? Da ist zunächst einmal

der völlige Verzicht auf Pfl anzen-

und Insektenschutzmittel. Gegen

Schädlingsbefall gehen die Brungs

nicht mit der chemischen Keule vor.

Zum Schutz gegen die gefürchtete

Kraut- und Knollenkrankheit bei

Kartoffeln zum Beispiel wird nicht

gespritzt. Stattdessen werden die

Setzlinge in ihrer frühen Wachstumsphase

immer wieder angehäufelt,

damit sie m glichst lange unter der

Erde bleiben. Ergänzend dazu hilft

das Bestäuben mit Urgesteinsmehl.

Für Knollen, die trotz allem von dem

Pilz befallen werden, gibt es keine

Beate Brungs in ihrem Hofl aden

Rettung: Sie müssen aussortiert und

weggeworfen werden. »Diejenigen,

die dann übrig bleiben, schmecken

dafür umso besser«, urteilt eine

Kundin, die gerade vom Einkaufen

im Hofl aden kommt. Sie muss es

wissen, denn aus ihrem vollgepackten

Einkaufswagen, den sie

vorbeischiebt, schaut unter Eiern,

Blumenkohl und Möhren auch

eine große braune Tüte Kartoffeln

hervor.

Kunden wie sie sind wichtig, damit

sich der Familienbetrieb halten kann.

Das wird auch in Zukunft nicht

einfach sein, denn inzwischen bieten

auch viele Supermärkte und Discounter

Bio-Produkte an. »Einerseits

ist es natürlich gut«, meint Beate

Brungs, »dass die Idee vom umweltgerechten

Anbau sich so weit wie

möglich verbreitet und Bio-Ware für

viele Menschen erschwinglich wird.

Andererseits bringt das die kleinen

privaten Läden teilweise in erhebliche

Bedrängnis. Wir können einfach nicht

zu den gleichen Preisen anbieten

wie die großen Supermarktketten,

die Macht und Mittel haben, ihre

Lieferanten unter Druck zu setzen.

Für diese Konzerne gilt in erster Linie

der wirtschaftliche Profi t. Das ist bei

uns anders. Uns geht es nicht darum,

das große Geschäft zu machen. Wir

wollen, dass sich die Idee von ›Bio‹

durchsetzt. Und wir wollen das,

wovon wir leben, auch noch an

unsere Kinder weitergeben.«

Eine gesunde Umwelt, in der

Pfl anzen, Tiere und Menschen gut

zusammenleben, ist die Vision, die

Beate Brungs umtreibt und für die sie

auch andere gerne begeistern möchte.

Die Voraussetzungen dafür sind

– zumindest bei Leuten, die einen

etwas höheren Preis zahlen können

– gut. An Interesse für die Marke

»Bio« mangelt es in der breiten

Bevölkerung heute nicht mehr. »Am

Anfang kamen vor allem die Grün-

Bewegten, Tschernobyl-Gegner und

›Birkenstockler‹«, schmunzelt Beate

Brungs. Heute kauft dagegen ein ganz

bunt gemischtes Völkchen bei ihr ein:

Singles und Familien, Jugendliche

und Senioren, Gesundheitsbewusste

und Genießer. Jeder ist willkommen,

ganz so wie er ist. »Ich freue mich

über jeden, der kommt, auch wenn er

nur ein Ei kauft«, sagt Beate Brungs,

und man nimmt ihr das ab.

Im kommenden Jahr wird auf dem

Hof vieles leichter, wenn Sohn

Marcus seine Ausbildung an der

Fachschule für ökologischen Landbau

in Kleve abschließen und dann ganz

mit in den Betrieb einsteigen wird.

Dann wird er vor allem seinen Vater

bei der Arbeit im Stall und auf den

Feldern unterstützen. Mutter Beate

hofft, dass auch sie dann mehr

Zeit für andere Dinge haben wird.

Schulführungen zum Beispiel liegen

ihr als Lehrerin ganz besonders am

Herzen. Im Moment hat sie neben

der vielen anderen Arbeit noch wenig

Zeit dafür, aber einige Schulen aus der

Umgebung gehören schon zu ihren

Stammbesuchern. Ganz besonders

begeistert sind die Schülerinnen und

Schüler natürlich immer von den

Tieren. Zum Großviehbestand der

Brungs gehören 25 Rinder und zehn

Schafe. Außerdem laufen 900 H ühner

fröhlich gackernd unter Bäumen

umher, scharren im Boden und gönnen

sich Staubbäder in Mulden, um

lästige Milben aus ihrem Gefi eder zu

vertreiben. Weiße Gockel stolzieren

auf und ab, ein Huhn hat sich aus

dem Gehege gemogelt und pickt jetzt

im Stroh des Geräteschuppens nach

Leckerbissen ... – Es geht einem gut

auf dem Biohof: als Huhn und auch

als Mensch.

Anke Chávez

Anke Chávez ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

der Franziskaner Mission.

Die gemeinschaftliche Aufgabe des organisch-biologischen

Anbaus besteht darin:

die natürlichen Lebensgrundlagen Boden, Wasser und

Luft zu pfl egen.

Lebensmittel von hohem gesundheitlichen Wert zu

erzeugen.

aktiven Natur- und Artenschutz zu betreiben.

Umweltbelastungen zu vermeiden.

Nutztiere artgerecht zu halten.

einen Beitrag zur Lösung der weltweiten Energie- und

Rohstoffprobleme zu leisten.

die Grundlage für die Erhaltung und Entwicklung freier

bäuerlicher Strukturen zu schaffen.

Aus dem Vorwort der Bioland-Richtlinien

Die Bioland-Richtlinien sind in einem 46 Seiten umfassenden

Katalog zusammengestellt, der im Internet zu fi nden ist unter:

www.bioland.de.

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Freilaufendes Huhn im Stroh

Eingang zum Hofcafé

25


26

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Gentechnik

Die Lösung gegen den Hunger in der Welt?

Das Thema »Gentechnik« erhitzt die Gemüter: Kundgebung für die gentechnische Vielfalt auf dem Ulmer Münsterplatz

Gentechnik – eine Lösung gegen den Hunger

in der Welt? Diese Frage ist inzwischen auch

Unterrichtsthema in vielen Schulen. Auch

der Leistungskurs Geographie am Gymnasium

im oberbayerischen Dorfen hat sich

unter der Leitung von Studienrat Alexander

Gohlke mit dem Thema auseinandergesetzt.

Den folgenden Text hat Kursteilnehmerin

Katharina Rüdesheim verfasst.

Die Gentechnik gilt wohl als eine der

umstrittensten Entwicklungen in der

modernen Forschung. Unterteilt in

Weiße bzw. Graue (Anwendung in

Industrieprozessen, z. B. der Abfallwirtschaft),

Rote (Anwendung in der Medizin,

zum Beispiel bei der Herstellung

von Impfstoffen) und Grüne Gentechnik

bzw. Agrogentechnik (Anwendungsbereich

bei Pfl anzen), stellen die

letztgenannten Verfahren einen immer

bedeutenderen Faktor in der modernen

Landwirtschaft dar.

Defi nition

Die Gentechnik umfasst die Methoden

und Verfahren der Biotechnologie,

mit deren Hilfe mehr oder weniger

gezielte Eingriffe in das Erbgut

und folglich in die biochemischen

Steuerungsvorgänge von Lebewesen

ermöglicht werden. Somit dient sie

zur Herstellung neukombinierter DNA

innerhalb einer Art und vor allem

auch über Artgrenzen hinweg.

Verbreitung

Der Anbau von gentechnisch

veränderten Pfl anzen (GV-Pfl anzen)

erstreckt sich mittlerweile über alle

Kontinente, wobei er sich vor allem

auf den Amerikanischen Kontinent

(USA und Argentinien als Hauptanbauländer)

konzentriert. Da die

Forschungsbasis zur Gentechnologie

erst Anfang der 1970er Jahre gelegt

wurde, dauerte es bis 1995 bis die

ersten GV-Pfl anzen kommerziell

angebaut werden konnten. Seitdem

steigen die Anbaufl ächen stetig.

Besonders auffällig aber ist, dass in

den letzten Jahren die Anbaufl ächen

in Entwicklungsländern erstmals

stärker angewachsen sind als in den

Industrienationen. Insbesondere bei

Soja, aber auch bei Baumwolle und

Mais ist der Anteil der GV-Pfl anzen

bereits sehr hoch und steigt stetig.

Befürworter und Gegner

Befürworter der Gentechnik sind

natürlich die Gentechnikunternehmen

selbst, wie beispielsweise der

amerikanische Saatguthersteller

Monsanto, welchen der vermehrte

Einsatz von GV-Pfl anzen gehörige

Gewinne einbringt.

Quelle: www.gohlkeweb.com/

lgeo/?p=162

Zu den Gegnern der Gentechnik

gehört der Ökologische Ärztebund,

von dem folgende Stellungnahme

stammt:

Erklärung des Ökologischen

Ärztebundes

Seit Beginn des kommerziellen

Anbaus gentechnisch veränderter

Pfl anzen (GVP) 1995 in den USA entwickelte

sich ein gigantischer Markt

mit Produkten aus dem Gentechniklabor

und offenbar auch die Vision, dass

der Mensch mit dieser Technologie

die Lebenswelt neu erfi nden kann.

Ethische Bedenken, Risikoabwägungen

und Vorsorgegesichtspunkte

wurden angesichts der lockenden

Forschungs- und Wirtschaftspotenziale

allzu leicht beiseite gelegt.

Inzwischen nimmt die Anbaufl äche

weltweit mit Soja, Mais, Baumwolle

und Raps bereits 102 Millionen

Hektar ein. Weit über 90 Prozent der

bisher vermarkteten GVP haben keinen

Nutzen für Menschen und Tiere.

Mithilfe der Gentechnik wurden sie

mit einer Resistenz gegen ein Totalherbizid

ausgestattet und können es

in sich anreichern oder / und sie produzieren

nun selbst ein Toxin gegen

Schadinsekten (Bt-Toxin). Den Profi t

davon haben die Agrochemie-Multis,

denn sie verdienen an dem von

nun an unzertrennlichen Paar: dem

Total-herbizid und dem gentechnisch

darauf »zugeschnittenen« und patentierten

Saatgut. Die vier größten,

weltweit agierenden Agrochemiekonzerne

DuPont, Syngenta, Monsanto

und Bayer bestimmen heute weitgehend

Forschung, Entwicklung und

Vermarktung transgener Pfl anzen.

Ihnen gehören mehr als die Hälfte

der Patente auf transgene Pfl anzen.

Sie sind für 56 Prozent der Forschung

und Entwicklung im Bereich der

Agro-Gentechnik verantwortlich und

streben die Macht über die Saatgutmärkte

der Welt an.

Der Ökologische Ärztebund

lehnt die Anwendung gentechnisch

veränderter Organismen (GVO)

in Landwirtschaft und Ernährung

unter vorsorgenden und ethischen

Gesichtspunkten ab. Der Eingriff in

das Genom von Pfl anzen und Tieren

hat zelluläre Regulationsmechanismen

zur Folge, deren Auswirkungen

nicht vorhersehbar sind, da sie bisher

in der Natur nicht vorkamen. Die

wenigen unabhängigen Fütterungsstudien

an Tieren sagen nur wenig

über Langzeitauswirkungen von

Gentech-Nahrung aus. Untersuchungen

über gesundheitliche Auswirkungen

an Menschen liegen nicht vor.

Dennoch werden die Produkte zum

Anbau und Verzehr angeboten. Das

kommt einem gigantischen Versuch

an Menschen, Tieren und Ökosystemen

gleich. Der Eingriff in das Erbgut

von Lebewesen zur Verfremdung und

Übertragung von Gen-Konstrukten

über Artgrenzen hinweg und ihre

Freisetzung in Ökosysteme ist ein

massiver Eingriff in das Gleichgewicht

der Natur. Die Folgen sind nicht kalkulierbar,

denn die Ausbreitung von

GVO lässt sich in offenen Systemen

nicht begrenzen. Die Auswirkungen

auf das komplexe Zusammenspiel

von Pfl anzen, Insekten, Vögeln und

Bodenlebewesen sind unbekannt

und im Schadensfall nicht rückholbar.

Unabhängige Studien gibt es zu

wenige, in einigen Tierversuchen zeigen

sich bereits alarmierende Ergebnisse.

Zum Beispiel Australien: das in

eine Erbse eingebrachte Bohnen-Gen

erzeugte in der Erbse eine andere

Wirkung als in der Bohne. Testmäuse

erkrankten an Lungenentzündungen.

In anderen Studien zeigen Versuchstiere

veränderte Organgrößen,

Immunschwäche, Veränderungen der

Magenschleimhaut. Zulassungsbehörden

verlassen sich fast ausschließlich

auf Antragsunterlagen der Unternehmen.

Es gibt keine zwingende Notwendigkeit,

die zukünftige Ernährung der

Menschen auf einer Risikotechnologie

aufzubauen. Im Gegenteil, es ist angesichts

zunehmender Umweltbelastungen

für kranke Menschen von größter

Bedeutung, möglichst biologisch

erzeugte, gesunde und bewährte

Lebensmittel genießen zu können,

welche die Heilung unterstützen.

Für gesunde Menschen sind diese

Lebensmittel die beste Vorbeugung

gegen Erkrankungen. Eine Hälfte

der Menschheit ist bedroht von den

Folgen des Hungers, die andere durch

Über- und Fehlernährung. Um dieses

Blatt zu wenden, müssen wir weg

von einer zunehmenden Industri-

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

alisierung und Verfremdung der

Nahrung und Geldverschwendung

für die Zukunftsmärkte der Reichen

auf Kosten der Armen. Notwendig

sind Verteilungsgerechtigkeit und

die Rückkehr zu dem, worauf der

menschliche Organismus eingerichtet

ist: nicht zu viel und nicht zu wenig

natürliche, möglichst frische Lebensmittel.

Dafür brauchen wir keine

Gentechnik aber Ehrfurcht vor dem

Leben. Wir sehen unsere ärztliche

Aufgabe darin, Menschen in ihrer

Ernährungskompetenz zu unterstützen

und zu beraten, damit sie selbst

aktiv ihre Gesundheit erhalten und

zur Genesung beitragen können.

Gentechnik ist dazu nicht erforderlich.

Das Risikopotenzial erscheint aus

unserer Sicht unverantwortlich hoch.

Darum beteiligen wir uns an der

öffentlichen Aufklärung und fördern

die biologische Landwirtschaft.

Angela von Beesten

Angela von Beesten ist Vorsitzende des

Ökologischen Ärztebundes und hat diese

Stellungnahme verfasst.

Weitere Informationen unter:

www.genfrei-gehen.de

27


28

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Mit den Augen von Franziskus

Ein Blick auf die Welt in Indien

Dr. Remy Rousselot bei der Aufnahme eines Lepra-Patienten im Krankenhaus Ghandhiji Seva Niketan

Mit seinem Sonnengesang schreibt

Franz von Assisi ein Loblied auf das

Leben, das er trotz allen Leids so

sehr geliebt hat. Der Lepra-Arzt Remy

Rousselot überträgt den franziskanischen

Blick auf die Elemente auf das

Hier und Jetzt im indischen Bundesstaat

Orissa.

Das Feuer des Hasses in Orissa:

August 2008

Der 23. August war mit Ungeduld von

unseren Hindu-Brüdern erwartet worden:

An diesem Tag wird das religiöse Fest

»Janmastami« gefeiert, das Fest von

Krishna, dem Gott der Liebe. An genau

diesem Tag wurde ein 85-jähriger Hindu-

Priester aus unserem Bundesstaat Orissa

mit vier seiner Schüler erschossen als

sie sich auf die religiösen Feierlichkeiten

vorbereiteten.

Diese Provokation löste augenblicklich

Gewalt aus. Mehrere Wochen lang wütete

das Feuer des Hasses aus Mord, Vergewaltigung,

Brandstiftung und Plünderung

zwischen Christen und Hindus. Es war

ein makabres Szenario, das sich von Dorf

zu Dorf ausbreitete und an die Religionskriege

in Frankreich und Deutschland vor

400 Jahren erinnerte.

Eine anonyme Masse – seien es nun

»Christen« oder »Hindus« – lässt sich

leicht hassen. Die Liebe dagegen sieht den

Einzelnen. Dazu eine kleine Geschichte

über Mutter Teresa, als sie mit einem

Journalisten unterwegs war. Der Mann

war vom Elend der vielen Menschen in

Kalkutta schockiert und fragte: »Mutter

Teresa, warum kümmern Sie sich um

diese Masse?« Mutter Teresa antwortete:

»Ich kenne keine Masse. Ich kümmere

mich jeweils nur um einen einzigen

Menschen. Und dieser einzelnen Person

schenke ich meine gesamte Aufmerksamkeit:

so als ob ich Jesus pfl egen würde.«

Unser Hospital »Gandhiji Seva Niketan«

hat versucht, während der Tage des

Hasses dieses Feuer des Mitgefühls und

der Liebe zu entfachen. Unsere Hoffnung

für die Zukunft ist es, dass unsere Arbeit

mit den Leprakranken in Orissa, die

geprägt ist vom Mitgefühl und von der

Achtung ihrer verschiedenen Glaubensrichtungen,

von der lokalen Bevölkerung

verstanden und geschätzt wird. Wenn

unsere kleine Flamme nur ein wenig die

Dunkelheit um uns herum erhellt, dann

ist das schon viel.

Das Wasser der Zerstörung in Orissa:

September 2008

Im Loblied des Franz von Assisi auf die

Sonne heißt es: »Gelobt seist Du für das

Wasser, das reinigt und unseren Durst

stillt!«

Ende September 2008 gab es eine

Wirbelsturmwarnung. Mehr als 36

Stunden ergossen sich Sturzbäche über

Orissa. Unser Haus in Bhubaneswar stand

inklusive Garten einen Meter unter Wasser,

aber das sind wir gewohnt und die

Sandsäcke stehen immer im Treppenhaus

bereit. Währenddessen berichteten die

Nachrichten, dass die große Staumauer

von Hirakud unter starkem Druck

stehe und zu brechen drohe, wenn

nicht die Absperrventile geöffnet würden.

45 bis 60 Ventile, die dem Druck

des Wassers nicht mehr standhalten

konnten!

Seit 1987 war das nicht mehr passiert

und Panik breitete sich unter der

Bevölkerung des Flussdeltas aus.

In allen Bezirken fl ussabwärts

rief die Polizei über Lautsprecher zur

Evakuierung der Häuser auf und riet

der Bevölkerung, sich auf die Hügel

zu retten. Es ist nicht leicht, in einem

Delta einen Hügel zu fi nden! Also

blieb nichts anderes übrig, als auf

die Dächer der Häuser zu klettern,

denn die Fluten würden alles mit sich

reißen, das Wasser würde innerhalb

einiger Stunden um mehrere Meter

steigen!

In einem etwas höher gelegenen

Dorf, das 25.000 eigene Bewohnerinnen

und Bewohner zählt, schwillt die

Zahl innerhalb eines Nachmittags auf

über 150.000 Personen an. Schnell

wird der Hügel zu einer Insel, umspült

von 12 km schlammigem Hochwasser.

Die Stromversorgung ist unterbrochen.

Die Situation ist in allen Dörfern des

Deltas bis hin zum Meer die gleiche:

in 48 Stunden sind zwei Millionen

Menschen aus ihren Häusern gefl üchtet.

Die Hubschrauber bemühen sich,

Lebensmittel abzuwerfen; nur spezielle

Boote der Armee können bis zu

den Flüchtlingen gelangen. Auch nach

dem Rückgang der Flut ist die Situation

katastrophal: Die Stromversorgung

ist zusammengebrochen, es gibt

kein Trinkwasser, weil das schlammige

Wasser auch in die Brunnen gelangt

ist. Und vielerorts gibt es Tote durch

Schlangenbisse, denn auch die Kobras

suchten einen Platz im Trockenen.

Die Sonne von Orissa: Mai 2008

Der indische Sommer mit der großen

Hitze ab Mitte März ist jetzt zu einer

festen Größe in Orissa geworden, weil

wir durch den Klimawandel nun Ende

Mai/Anfang Juni regelmäßig Temperaturen

von über 45 Grad Celsius haben.

Im Sonnengesang steht der Sonne,

die den Tag erhellt, die Nacht, die die

Sterne bringt, entgegen. Die Sterne

waren einst die Wegweiser für die

Seefahrer, und der Stern von Betlehem

zeigte den Heiligen Drei Königen den

Weg zur Krippe.

Die »Dunkelheit« der Welt:

Oktober 2008

Im Oktober 2008 zieht dagegen, wie

es scheint, eine sternenlose Nacht am

Weltenhimmel auf: die Finanzkrise. Sie

bringt die Märkte auf der ganzen Welt

durcheinander und lässt die Sparerinnen

und Sparer in Angst zurück. Besonders

betroffen sind die Armen. Auch

Indien wird nicht verschont: die Aktien

an der Börse von Mumbai (früher:

Bombay) verlieren von jetzt auf gleich

50 Prozent an Wert, und die Infl ation

steigt innerhalb weniger Monate von 4

auf 12 Prozent.

In unserem Hospital versuchen wir,

das Gleichgewicht zwischen Einsparungen

und gleichbleibender Qualität bei

der Pfl ege der Leprakranken zu fi nden.

Auch im Jahr der Krise haben wir wieder

mehr als 600 Operationen durchgeführt.

Dank strenger Sparmaßnahmen

kostet ein Tag bei uns im Krankenhaus

»alles inklusive« weiterhin nicht mehr

als 3,08 Euro.

In dieser tiefdunklen Nacht gibt

es sie also doch: kleine Funken der

Hoffnung, welche die Dunkelheit auch

dieser Krise durchbrechen.

Und doch: Was soll man in der

gegenwärtigen Lage denken, wenn man

hört, dass ein amerikanischer Weltraumtourist

30 Millionen US-Dollar

ausgibt, um eine Reise in einer Sojus-

Kapsel zu unternehmen? Oder dass ein

bankrotter belgischer Banken- und Versicherungskonzern

mit 50 ausgewählten

Gästen ein Abschiedsbankett feiert,

bei dem das Menü 3.000 Euro pro

Person kostet? Mit dem – eigentlich ja

schon nicht mehr vorhandenen – Geld,

das man in Monaco für ein einziges

dieser Essen ausgegeben hat, könnten

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Armina war früher Patient im Lepra-Krankenhaus und arbeitet dort jetzt als Pförtner.

sich hier in Indien 10.000 Menschen

eine warme Mahlzeit leisten. Und

von dem Geld, das man für die 50

ausgesuchten Gäste zusammen ausgegeben

hat, hätten sich hier eine halbe

Million Menschen wenigstens einmal

in ihrem Leben satt essen können.

Sie denken vielleicht: »Feuer,

Wasser, Sonne, Dunkelheit, Sterne

– der arme Dr. Remy lebt in einer

imaginären Welt, die uns im Alltag

nicht helfen kann!« – Ist sie wirklich

nicht alltagstauglich? Der brasilianische

Schriftsteller Paulo Coelho ist

da anderer Ansicht. Er schreibt in

seinem poetischen Werk »Handbuch

des Kriegers des Lichts«, das ich in

meinem Büro stehen habe:

»Darin besteht die Kraft des

Wassers: niemals kann ein Hammer

es zerstören, noch ein Messer es

verletzen. Das mächtigste Schwert

der Welt ist unfähig, eine Kerbe in

seiner Oberfl äche zu hinterlassen.

Das Wasser eines Flusses passt sich

dem Terrain an, ohne jemals sein Ziel

zu vergessen: das Meer. Verhalten

im Quellgebiet, gewinnt das Wasser

auf dem Weg zum Meer langsam an

Kraft. Und innerhalb eines Moments

ist die Kraft vollständig.«

Dr. Remy Rousselot

Dr. Remy Rousselot ist in Frankreich geboren

und seit 26 Jahren Arzt am Lepra-Hospital

»Gandhiji Seva Niketan« in Bhubaneswar,

Indien. Während dieser Zeit hat er inzwischen

mehr als 10.000 Leprapatienten durch

Operationen zu einer neuen Lebensqualität

verholfen.

Aus dem Französischen übersetzt

von P. Alfons Schumacher ofm.

29


30

Franziskaner Mission 4 | 2009 — Geschenkt

Kurznachrichten

Wassertank für Kivumu, Ruanda

Ende Oktober 2009 besuchte P. Ivica Peric,

Leiter der Pater-Vjeko-Schule in Kivumu/

Ruanda, die Franziskaner Mission in

Dortmund. Mit ansteckender Begeisterung

erzählte er, wie er selbst zusammen mit

seinen Schülern unter dem Schulhof einen

unterirdischen Wassertank gebaut hat, der

mit 4.200 Kubikmetern Fassungsvermögen

nun die Wasserversorgung in Kivumu

sicherstellt. «Die Leute im Ort konnten sich

nicht vorstellen, dass wir diesen ehrgeizigen

Plan in die Tat umsetzen würden«, berichtet

P. Ivica stolz. »Aber dank des Einsatzes

unserer Schüler und der Unterstützung

unserer Freunde in Deutschland hat auch

diese Aktion wieder einmal gezeigt: Wenn

sich viele gemeinsam für eine Sache einsetzen,

wird selbst das Unmögliche möglich.«

Ölpresse für Rushooka, Uganda

»Bitte sagen Sie allen Freunden in Deutschland

tausend Dank für ihre Unterstützung«,

bat Sr. Marlene, als sie von der Franziskaner

Mission die nötigen Mittel zum Kauf

einer Ölpresse erhielt. Nun können viele

Menschen aus Rushooka/Uganda aus den

Sonnen blumen, die sie anpfl anzen, auch

selbst für sich ein hochwertiges Speiseöl

herstellen. Sonnenblumenöl ist reich

an ungesättig ten Fettsäuren. Vor allem

Menschen mit der Immunschwäche Aids

müssen sich gesund ernähren. Das kalt

gepresste Speise öl leistet einen wichtigen

Beitrag dazu.

Franziskaner in München eröffnen

Mittagstisch für Arme

Nach dem Abschluss der dreijährigen Renovierung

des Klosters haben die Franziskaner

in München die traditionelle Armenspeise

am 9. November 2009 wieder in Betrieb

genommen. Arme und obdachlose Menschen

können dort täglich eine kräftigende

Mittagsmahlzeit im neuen Elisabethsaal

einnehmen. Der Koch des Klosters bereitet

dazu eigens täglich einen frischen Eintopf

vor. Auch das Nachtasyl wird in der kalten

Herbst- und Winterzeit wieder aktiviert.

In den neu eingerichteten Zimmern im

Klosterkeller können zwölf Obdachlose

ein Nachtquartier und eine warme Dusche

fi nden.

Hoffnung für 123 Flüchtlingsmädchen

aus der D.R. Kongo

Mehr als 80 Flüchtlingsmädchen und -frauen

haben sich Anfang September in Bukavu/

D.R. Kongo im Therapie- und Ausbildungs-

zentrum von Sr. Romana Bakovic eingeeingeschrieben. Insgesamt besuchen im laufenden

Schuljahr 123 Schülerinnen die Kurse, in

denen sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen.

Außerdem erhalten sie bei Sr. Romana

auch qualifi zierte psychologische Begleitung

für ihre verletzten Seelen. Einmal im Monat

kommen sie zur Einzel- oder Gruppentherapie,

bei der sie ihre auf der Flucht erlittenen

Traumata aufarbeiten können.

Indienreise der Missionszentrale

Indien ist ein faszinierendes Land voller

Widersprüche: Armut und Reichtum, alte

Kulturen und Moderne, Toleranz und Fundamentalismus

– all dies prägt das Land, in dem

1,2 Milliarden Menschen als eine Nation

zusammenleben.

Unter dem Motto »Mit offenem Herzen«

bietet Pater Francis Kaviyil ofm vom 3. bis

23. Januar 2010 eine interkulturelle und

interreligiöse Begegnungsreise nach Indien

an. Die Kosten betragen 2.150 Euro pro Person.

Für kurzfristig Entschlossene sind noch

einzelne Plätze frei.

Nähere Auskunft bei:

P. Francis Kaviyil ofm

Missionszentrale der Franziskaner

Albertus-Magnusstraße 39

53177 Bonn

Tel.: 02 28 / 9 53 54 31

Francis@mzf.org

Brasilien feiert: 50 Jahre CONASA

Das Jahr 2009 war ein Jahr der Feierlichkeiten

in Bacabal/Brasilien. Rund 1.000

Schülerinnen und Schüler begingen mit

verschiedenen Veranstaltungen das Jubiläum

des Schulprojekts CONASA. Vor 50 Jahren

waren die ersten Schulen und Vorschulen der

Franziskaner für die Kinder der Ärmsten eingerichtet

worden, um ihnen einen Zugang zu

einer qualifi zierten Ausbildung zu öffnen und

ihnen so eine gute Zukunft zu ermöglichen.

Auch viele Ehemalige nahmen an den Feiern

teil – aus Dankbarkeit dafür, was sie dank

CONASA aus ihrem Leben machen konnten.

Freiwillige in Nordost-Brasilien

Zehn Jugendliche hatten sich ein Jahr

lang auf ihren Einsatz in einem der Projekte

der Franziskaner Mission vorbereitet,

bevor sie sich im Sommer mit einem

Aussendungsgottesdienst in Wiedenbrück

von ihren Familien und Freunden verabschiedeten.

Bischof Dom Armando aus

Bacabal/Brasilien und Bruder Augustinus

Diekmann, Leiter der Franziskaner Mission,

segneten die jungen Leuten für die

bevorstehende Reise. Für sieben der zehn

Jugendlichen heißt es in diesem Jahr:

Weihnachten feiern in Brasilien.

Papst geißelt Profi tdenken

Weltweit hungern rund 1 Milliarde

Menschen. »Es ist unmöglich, weiterhin

den Überfl uss und die Verschwendung zu

akzeptieren, während das Hunger-Drama

immer größere Ausmaße annimmt.« Mit

einem fl ammenden Appell geißelte P.

Benedikt XVI. das Spekulantentum und

Profi tdenken beim UN-Welternährungsgipfel

vom 16. bis 18. November 2009

in Rom. Er wandte sich gegen Agrarsubventionen,

die den Markt zuungunsten

der armen Länder verzerren und gegen

Spekulation mit Getreide. »Hunger ist das

grausamste und konkreteste Zeichen von

Armut«, so der Papst. Die Konferenz der

192 Mitgliedsstaaten der Organisation

für Ernährung und Landwirtschaft (FAO)

einigte sich auf einen Fünf-Punkte-Plan

gegen den Ernährungsnotstand. Konkrete

Zahlen für Hilfszusagen fehlen allerdings

in der Schlusserklärung. Eines der UN-

Millenniumsziele aus dem Jahr 2000

besteht darin, die Zahl der Hungernden

bis 2015 zu halbieren.

Projekt

Mädchen gelten nicht viel in der D.R.

Kongo. Viele gehen nicht zur Schule,

weil sie stattdessen den Haushalt führen

und für ihre Geschwister sorgen müssen.

Sie lernen niemals Lesen und Schreiben

und auch anschließend keinen Beruf.

Wenn sie heiraten, sind sie ohne Ausbildung

und eigenes Einkommen völlig

abhängig von ihren Männern – und werden

oft genug von ihnen weder geschätzt

noch geachtet. Ein Teufelskreis, der sich

schließt, wenn die Frauen dann zu Müttern

werden. Weil sie am eigenen Leibe

nie erfahren haben, wie es ist, geliebt

zu werden und Liebe weiterzugeben,

können sie auch ihren Töchtern nicht

die nötige Zuwendung schenken.

Impressum

Franziskaner Mission wird viermal im Jahr kostenlos den

Freunden der franziskanischen Missionsarbeit zugestellt.

Franziskaner Mission erscheint im Auftrag der Sächsischen und

der Kölnischen Franziskanerprovinz, der Provinz von Bacabal

sowie der Missionszentrale der Franzis kaner, Bonn.

Herausgeber Franziskaner Mission, Dortmund

Verantwortlich Augustinus Diekmann ofm

Redaktion Anke Chávez, Stefan Federbusch ofm, Natanael Ganter ofm,

Thomas M. Schimmel, Alfons Schumacher ofm

Fotos Lukas Brägelmann: Titel. Augustinus Diekmann: S. 2, 9, 11,

22 – 23. FM-Archiv: S.3, 4, 15, 24 – 25. Forschungsinstitut für anwendungsorientierte

Wissensverarbeitung: S. 6. SPD-Bundestagsfraktion: S. 7.

von Ort zu Ort und vergewaltigen

dort alle weiblichen Bewohnerinnen,

bis diese keinen anderen Ausweg

mehr sehen, als sich und ihre

Kinder durch Flucht in eine andere

Gegend in Sicherheit zu bringen.

Das, was die Opfer bei diesen Überfällen

davontragen, sind außer den

körperlichen auch schwere seelische

Verletzungen, die ohne liebevolle

und fachkundige Begleitung niemals

heilen.

»Ich möchte ihnen die Hoffnung

und die Freude am Leben zurückgeben«,

sagt Schwester Romana

Bakovic über ihre »Mädchen«,

wie sie die jungen Frauen liebevoll

nennt. Sie hört ihnen zu, sorgt für

psychologische Begleitung und

bringt ihnen Lesen, Schreiben und

Nähen bei. »Am Ende ihrer Ausbildung

bei uns würde ich gerne jedem

Mädchen eine Nähmaschine und

eine Bibel schenken«, sagt Schwester

Romana. »Die Bibel als Nahrung

für die Seele und die Nähmaschine,

damit sie sich selbst ihren Lebensunterhalt

verdienen können.«

Geschenkt — Franziskaner Mission 4 | 2009

Neue Hoffnung für Flüchtlingsfrauen

Psychologische Begleitung, Ausbildung und berufl iche Starthilfe im Kongo

Als wäre dies alles nicht schon

genug, werden viele Frauen und

Mädchen infolge der mangelnden

Wertschätzung außerdem misshandelt

und missbraucht. Manchmal

sind es die eigenen Männer, die über

sie herfallen, manchmal aber sind es

auch bewaffnete Rebellengruppen.

Die Logik ist so einfach wie bestialisch:

Die Kämpfer ziehen so lange

akg-images: S. 18 (Nikolaus-Ikone aus der Sammlung Helmut Brenske,

Hannover). Die Arche: S. 20.Vielfalt ernährt die Welt: S. 26. Katja

Hirzmann: S. 28 – 29. Romana Bakovic: S. 31.

Mit freundlicher Genehmigung:

Presse-Bild Poss: S. 5, 10, 19. UNHCR: S. 12– 13. AFP: Nothilfe-Bild

Vietnam, S. 17.

Gestaltung sec GmbH, Osnabrück

Druck Medienpark Ankum; gedruckt auf Recycling-Papier

Auch Rachel hat in ihrem Leben schreckliche Dinge erlebt.

Bei Schwester Romana fi ndet sie neue Perspektiven für sich

und ihr Kind.

31


Das Lied vom verlorenen Jesuskind

»Jesuskind, wo bist Du? Du bist nicht mehr zu sehn.

Leer ist deine Krippe, wo Ochs und Esel stehn...

Ich seh Maria, die Mutter, und Josef Hand in Hand,

ich seh die schönen Fürsten vom Morgenland.

Doch Dich kann ich nicht fi nden: Wo bist du, Jesuskind?«

»Ich bin im Herzen der Armen, die ganz vergessen sind.«

»Maria, voller Sorgen, die sucht Dich überall,

draußen bei den Wirten, in jeder Ecke im Stall.

Im Hof ruft Vater Josef und schaut ins Regenfass.

Sogar der Mohrenkönig, er wird vor Schrecken blass.

Alles sucht und ruft Dich:

Wo bist du, Jesuskind?«

»Ich bin im Herzen der Kranken, die arm und einsam sind.«

Die Könige sind gegangen, sie sind schon klein und fern;

Die Hirten auf dem Felde, sie sehn nicht mehr den Stern.

Die Nacht wird kalt und fi nster – erloschen ist das Licht.

Die armen Menschen seufzen: Nein, nein, das war er nicht!

Doch rufen sie noch immer:

Wo bist du, Jesuskind?«

»Ich bin im Herzen der Heiden, die ohne Hoffnung sind.«

Jean Anouilh (1910–1987)

Das Jesuskind nimmt seine Ostergestalt voraus,

es erscheint und entschwindet, wann es will.

Kaum hatten wir uns an das Unglaubliche gewöhnt:

Gott hat die Hauptrolle im Welttheater übernommen.

Nun soll er sich auch an die Regie halten.

Aber er entschlüpft dem Kostüm

und zerstört die Weihe unserer Feiern.

Was hilfts, wir müssen ihn suchen.

Ohne ihn geht der Vorhang zu.

Wir müssen ihn fi nden.

Kam er, um das Spiel zu verderben?

Nein, jetzt wird es erst spannend.

Neue Rollen, lauter Überraschungen.

Suchen wir sie: die Armen, die Kranken, die Heiden.

Sie werden die Hauptrolle übernehmen.

P. Adolf Temme ofm

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine