Zur Leseprobe (PDF) - untitled – The State of the Art

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documenta 13

William Kentridge

The Refusal of Time

2012

An einem lAuen HerbstAbend

letzten JAHres Hielt CArolyn

CHristov-bAkArgiev vor einer Handvoll

zuhörer einen vortrag in der villa

massimo in rom. dabei projizierte die

energische mittfünfzigerin in etwa eineinhalb

stunden gedankensplitterstakkato

auch mehrere ausdrucksstarke bilder

an die Wand, die gemeinsam mit einer

vielzahl an anderen Artefakten in

der von ihr „das gehirn“ benannten Assemblage

der documenta 13 in der rotunde

im erdgeschoß des Fridericianums

eng zusammengepfercht das gedankliche

zentrum dieser großen Ausstellung bilden.

in rom waren es die nach der be-

freiung durch die Alliierten in der badewanne

Adolf Hitlers am tag von dessen

gemeinsam mit eva braun verübten

selbstmord in dessen münchner Wohnung

für die kamera posierende Fotografin

lee miller, das berühmte metronom

mit dem Auge von man ray und

das manifest einer „autodestruktiven

kunst“ von gustav metzger. zudem

wies die vortragende darauf hin, dass es

eine avancierte traumaforschung in der

Psychologie und Psychiatrie erst seit den

späten 1970er-Jahren gibt.

in einer vitrine in der rotunde befinden

sich auch die sogenannten „baktrischen

Prinzessinen“, miniaturfiguren

114 Herbst 2012 untitled 004

aus dem späten dritten Jahrtausend v.

Chr., die im märz 2001 aufgrund ihrer

verschwindenden größe die blinde vernichtungswut

der taliban im afghanischen

bamiyan überstanden, als diese die

weltweit größten buddhafiguren zerstörten.

zahlreich weitere belege im raum,

an den Wänden und im raum verteilt,

sind indizien dafür, dass dieses gehirn

und damit das bewusstsein und die seele

des gesamtkörpers traumatisiert und

schwer beschädigt sind. Ausgehend vom

Fridericianum bilden sich in die stadt

kassel hinein an verschiedenen orten die

themenfelder erinnerung, kultur, krieg,

katastrophe, kollaps, natur, zerfall und

schließlich eine vage Hoffnung heraus,

die durch die unversehrtheit der „baktrischen

Prinzessinnen“ angedeutet wird.

in den kArlsAuen, AuF einer brA-

CHe der PArkPFlegeeinriCHtung

nAHe des AuedAmms, hat der kanadier

gareth moore bereits im Frühjahr

2010 ein weitläufiges gelände abgesteckt,

das eine der stillsten, aber auch

überwältigendsten auratischen Arbeiten

dieser documenta 13 beherbergt. Aus

sperrmüll, gefundenen und zugekauften

alten materialien hat er sich in den

letzten zwei Jahren ein temporäres zuhause

geschaffen mit mehreren nebengebäuden

wie gästehaus, Privattempel,

Werkzeugschuppen und einem gerade

fertiggestellten Fischteich. Auch

zwei Fenster des brüder-grimm-museums,

eines der wenigen nicht im zweiten

Weltkrieg zerbombten historischen

gebäude kassels, fanden verwendung.

man kann sich auch über eine e-mail-

Adresse für einen maximalen Aufenthalt

von drei nächten anmelden und zu moderaten

Preisen oder auf basis eines gegengeschäfts,

Arbeit möglicherweise, als

kurzzeitbewohner austesten, wie das

wohl wäre, wenn. beim eingang in dieses

stille reservat muss man Fotoapparat

und Handy abgeben. das zeitigt nicht

nur eine Art respektbekundung gegenüber

dieser beinahe urzeitlich anmutenden

lebensform, es führt auch, und das

untitled 004 Herbst 2012

Die documenta 13 feiert

ihre strikte Abkehr von der

Kunst als Fetischobjekt für

gelangweilte Reiche und

als Spekulationsware von

Hedgefondsmanagern

bereits nach einem kurzen verweilen

zwischen den funktionalen und zugleich

sehr poetischen bauten, zu einer spürbaren

entschleunigung der Wahrnehmung

des eigenen selbst. die Frage der

zeit und zeitlichkeit, die diesem so berührenden

eingriff in das sonst sehr geschäftig

ablaufende Ausstellungstreiben

anhaftet, bildet einen wunderbaren brückenschlag

zu einer weiteren großartigen

installation.

im nordFlügel des HAuPtbAHn-

HoFs hat der südafrikaner William kentridge

für seinen nunmehr bereits dritten

documenta-Auftritt in Folge die kürzlich

in Johannesburg fertiggestellte multimediainstallation

the refusal of time“

aufgebaut, bei der er mit einer präzise ablaufenden

ineinanderverschränkung von

Filmbildern in der für ihn typischen stopmotion-technik

Performanceansichten

und schattenprozessionen mit einer

rhythmisch und tonal orgiastischen musik

untermalt eine geschichte des zeitbegriffs

(der künstler selber moderierend

und als sprecher) vorführt, auf fünf

Projektionsflächen in Form von mit weißer

Farbe ausgemalten backsteinmauern

im abgedunkelten rohen Ambiente einer

ausgeräumten lagerhalle. es geht auch

um die unausweichlichkeit des schicksals,

um die lebenslange sisyphosarbeit

und die unmöglichkeit der selbstbestimmung

des menschen.

ein paar meter weiter hat Clemens

von Wedemeyer seine filmische Auseinandersetzung

mit der komplexen geschichte

des ehemaligen benediktinerklosters

breitenaus installiert (siehe

Aperto s. 144).

Wie bedrüCkend die trAnsFormAtion

von reAlen näHmAsCHi-

nen in dAs mAteriAl Holz sein

können in gedanken an die inzwischen

fast gänzlich von den industrieländern

des Alten und neuen kontents in

die schwellenländer Asiens ausgelagerten

textilmassenfertigungen, zeigt die installation

des ungarn istván Csakany. so

einfach kann sozialkritik sein und so bestechend

ihr erinnerungsbezug.

entlang von etwas unmotiviert in

den atmosphärisch dichten ehemaligen

lagerhallen auf und ab gezogenen Jalousinen

von Haegue yang schlendert man

dann hinaus auf eine Freifläche, auf der

die turiner künstlerin lara Favaretto

eine gewaltige menge an schrott aufgehäuft

hat (siehe Aperto s. 146).

dass politisch motivierte zivilisationskritik

auch ganz schön danebenge-

István Csakany

The Sewing Room

2012

115

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