Die neue Orgel - Michael Walcker-Mayer

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Die neue Orgel - Michael Walcker-Mayer

Werkanordnung und Pfeifenaufstellung auf der zu berücksichtigenden

Ausgangsbasis

Im Gegensatz zu den Orgeln aus der Zeit vor der Romantik, sind die meisten Instrumente des

19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht nach dem Werkprinzip 12 erbaut worden. Das Werkprinzip

wurde nun bei den romantischen Instrumenten dieser Art zugunsten einer rein dynamischen

Abstufung der Manualwerke aufgegeben. Die Manuale besaßen unterschiedliche Stärkegrade

(ff, mf, p), die Nebenmanuale hatten oft keine Klangkrone. Ihr Dispositionsaufbau

sollte keinen Kontrast der Registergruppen wie im Barock sondern eine orchestrale Klangwirkung

erzielen. Wie in den Nebenwerken zeigte sich dies auch im Hauptwerk mit einem

hohen Anteil der 16’ und 8’-Register.

Die neuen Erkenntnisse und Entdeckungen der deutschen Orgelbewegung und der zahlreichen

orgelhistorischen Forschungen ab 1925 beeinflussen noch heute sehr stark den Orgelbau.

Man erkannte unter anderem die Besonderheit der alten klassischen Orgeldisposition mit

ihrer Werkaufteilung (Werkprinzip) und bestätigte wissenschaftlich und praktisch deren Richtigkeit.

So gilt das Werkprinzip auch heute noch als sehr wichtig für eine gute Orgel. Die

Klangprinzipien der Norddeutschen Barockorgel, ausgehend von der Schnitger-Orgel in St.

Jakobi in Hamburg, wurden damals neu entdeckt. Die Orgelbewegung setzte sich für diesen

Klangstil, der zu fast allen Eigenschaften der spätromantischen Orgel im Gegensatz stand,

ein.

Von dem Gedanken eines historischen Nachbaus oder einer Rekonstruktion der Rieger-Orgel

abgekommen, soll nun im Neubau der Prospekt nach Möglichkeit in Werke gegliedert werden,

auch wenn das Gehäuse nicht nach einem werkgegliederten Schema konstruiert wurde.

Das heißt, die Pfeifen sollen im Prospekt nach einer neuen inneren Werkanlage geordnet werden,

wodurch sich raumakustische und klangtechnische Vorteile ergeben sollten.

Da das gesamte Instrument von Rieger (außer dem Gehäuse) entfernt und andernorts wieder

aufgestellt wurde (4.4.), konnte man nun beim Neubau die akustischen 13 und bautechnischen

14 Nachteile der alten Werkanordnung durch eine neue Anlage umgehen. Unter Berücksichtigung

des denkmalgeschützten Gehäuses, der zur Mitte abfallenden Symmetrie des Gesamtwerkes

und der Forderung einer mechanischen Spielanlage wurde folgende Aufstellung

geplant: Das Pedalwerk befindet sich in C- und Cis-Seite geteilt epistel- und evangelienseitig

hinter den seitlichen Gehäusetürmen, das Hauptwerk hinter der mittleren Fassadenfront und

das Schwellwerk getrennt durch den Stimmgang hinter dem Hauptwerk.

12 Schon im Mittelalter hatten die Orgeln mehrere Manuale, von denen jedes ein Werk mit einem ihm eigentümlichen

Klangcharakter bediente. Diese Werkanordnung hat sich aus dem Zusammenwachsen der ursprünglich

mehreren Orgelwerke, die an verschiedenen Stellen in der Kirche standen, gebildet. Das Werkprinzip beschreibt

den unterschiedlichen Klangaufbau der einzelnen Teilwerke einer Orgel. In Nord- und Westdeutschland war das

Werkprinzip während der Barockzeit besonders ausgeprägt. Die einzelnen Teilwerke waren oft durch Zwischenwände

im Gesamtgehäuse voneinander getrennt. Diese bewusste Trennung der Werke kam sonst seltener

vor. Nur Rückpositive und Echowerke waren natürlich räumlich vom Hauptwerk getrennt.

13 Nach den heutigen Kriterien für einen Orgelneubau sollen die Werke wieder nach dem Werkprinzip in akustisch

sinnvoller und für das Ohr räumlich fassbarer Anordnung angelegt werden. Demnach entspricht die Anordnung

der Werke nach Rieger nicht dem heutigen Ideal.

14 Da Adolf Donabaum die elektro-pneumatische Spieltraktur von Rieger durch eine mechanische Spieltraktur

ersetzte und dabei die Werkanordnung beließ, traten wegen komplizierter Abstraktenführungen, übermäßig viele

Hebel- und Winkelübersetzungen, häufig Funktionsstörungen auf.

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