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Die Botschaftskanzlei der Republik Irak in der DDR in ... - COLLASUS

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Die Botschaftskanzlei der Republik Irak in der DDR

in der Tschaikowskistraße 51 in Berlin-Pankow

von Hans-Michael Schulze

Stand: Donnerstag, 31. März 2011

Als es im Juni 2003 in der Tschaikowskistraße 51 in Berlin-Pankow einen Brand gab,

der den Einsatz der Berliner Feuerwehr notwendig machte, stellten die Behörden

fest, dass dieses Gelände der irakischen Botschaft in der DDR zwar noch immer

dem Irak gehörte, aber schon lange nicht mehr genutzt wurde. Der damalige

Geschäftsträger der neuen irakischen Botschaft in der Bundesrepublik, Muayad

Hussian, der in der Riemeisterstraße 20 in Berlin-Zehlendorf residierte, war wegen

des dritten Golfkriegs nach Bagdad zurückgerufen worden. Niemand konnte sagen,

warum das Grundstück Tschaikowskistraße 51 ungenutzt blieb. Mit der deutschen

Wiedervereinigung 1990 hatte der irakische Botschafter Riad el-Asawi mit weiteren

acht Diplomaten das bis dahin fast zwanzig Jahre genutzte Gebäude verlassen. Seit

dem blieb das voll möblierte Gebäude mit allen Unterlagen und einer umfangreichen

Bibliothek ungenutzt. Anhand der vor Ort befindlichen Prüflisten konnte man

erkennen, dass bis 1998 deutsche Handwerker noch die Heizung instand gehalten

hatten.

Die DDR-Regierung nutzte ab 1949 das alte Hohenzollernschloss Schönhausen aus

dem 18. Jahrhundert in Berlin-Pankow zur außenpolitischen Repräsentation. Im

unmittelbaren Umfeld des Schlosses Schönhausen lebten zudem die meisten DDR-

Regierungsmitglieder, vor allem hohe SED-Funktionäre wie Präsident Wilhelm Pieck,

Ministerpräsident Otto Grotewohl sowie dessen damaliger Stellvertreter und SED-

Chef Walter Ulbricht, in von der sowjetischen Besatzungsmacht nach dem Zweiten

Weltkrieg beschlagnahmten Villen. Die Sowjetunion, die damalige Republik (seit 1952

Volksrepublik) Polen sowie die meisten der wenigen Staaten, die in den 1950er Jahren

mit der SED-Diktatur diplomatische Beziehungen aufnahmen, erhielten im weiteren

Umfeld des Schlosses Schönhausen Gebäude als Residenzen und Botschaften (die

zunächst noch Gesandtschaften genannt wurden) zur Verfügung gestellt (siehe dazu: Schulze, Hans-

Michael: In den Wohnzimmern der Macht. Das Geheimnis des Pankower 'Städtchens'. Berlin: Berlin-Edition im Quintessenz-

Verlag 2001.) In der Bundesrepublik sprach man deshalb, um die Bezeichnungen „DDR-

Regierung“ oder „Ostberlin“ zu umgehen, gern von den „Herren in Pankoff“. Noch in

den 1980er Jahren ließ Udo Lindenberg seinen „Sonderzug“ dorthin fahren.

Innerhalb des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) der DDR

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versorgte ein Dienstleistungsamt für Ausländische Vertretungen (DAV) diejenigen

Staaten mit Neubauten, welche diplomatischen Kontakte mit der DDR aufnahmen.

Aus Kostengründen griff man dabei auf Typenbauten aus Betonfertigteilen zurück,

weswegen bald alle Staaten mit identisch gestalteten Bauten versorgt worden waren.

An verschiedenen Standorten Pankows entstanden ganze Ballungsgebiete von

diplomatischen Vertretungen, weswegen der Stadtteil mit insgesamt 130 Neubauten

zwischen 1969 und 1984 gewissermaßen als das DDR-Diplomatenviertel schlechthin

bezeichnet werden kann.

In diesem Rahmen entwickelte ein dazu beauftragtes Kollektiv um Horst Bauer vom

Volkseigenen Bau- und Montagekombinat Ingenieurhochbau Berlin (VE BMK IHB)

den Gebäudetypus “IHB” (die Abkürzung steht für Ingenieurhochbau Berlin).

Ursprünglich war diese Variante des Botschaftsbaus in der DDR als Dienst- und

Residenzgebäude für Diplomaten geplant worden, erfuhr dann aber ebenfalls eine

Nutzung als Kanzlei. Diesen Bautyp ließ das DAV insgesamt sieben Mal in Pankow

realisieren. (siehe dazu Petsch, Martin: Botschaften in der DDR. Städtebau und Architektur. In: Englert, Kerstin/ Tietz,

Jürgen (Hrsg.): Botschaften in Berlin. Berlin: Gebr. Mann 2003, S. 50 fff. Den Typ "IHB" gab es in drei verschiedenen

Ausbaustufen: IHB/I z.B. in der Tschaikowskistraße 47, IHB/II z.B. in der Tschaikowskistraße 51 sowie IHB/III in der

Grabbeallee 34-40 in Berlin-Pankow).

Seit 1972 sind Planungen für ein Botschaftsgebäude in der Tschaikowskistraße 51

nachweisbar (siehe: Das Diplomatische Korps in der DDR. Hrsg. vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der

DDR. Berlin 1972). Bei dem Neubau handelte es sich um den Typ „IHB/II” mit 1.174

Quadratmetern, einem dreistöckiges Gebäude mit ebenerdiger Abstellfläche (zum

Beispiel für Garagen) im Souterrain. Wie bei allen DDR-Repräsentationsbauten,

beispielsweise dem Staatsratsgebäude (1964) oder dem Palast der Republik (1976) in

Berlin-Mitte üblich, wurde auch hier die Stahlbetonskelett- Montagebauweise

angewandt. Die Straßenfassade der irakischen Botschaft wurde mit gerasterten

Klinkerwänden gestaltet, deren Ziegel aus der Werkstatt der bekannten Keramikerin

Hedwig Bollhagen kamen.

Durch einen aufwändig gestalteten, holzgetäfelten Empfangssaal mit Blick in den

großen Garten ist das Erdgeschoss geprägt worden. Im Treppenhaus ließ man über

alle Etagen ein Glasmosaik anbringen, das eine gewisse landestypische Note in den

ansonsten neutralen Typenbau brachte. (siehe dazu: Marschalck, Melanie von: „Die Geisterbotschaft von

Berlin“. In: Spiegel-Online - Vergessene Orte vom 7. Juli 2010:

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/6921/die_geisterbotschaft_von_berlin.html).

Die Größe dieses Bautyps entsprach der wirtschaftlichen Bedeutung der Republik

Irak für die DDR. Dem irakischen Botschafter stand zusätzlich eine Residenz aus

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Betonfertigteilen im „Diplomatenviertel“ an der Esplanade in Berlin-Pankow zur

Verfügung. Bereits seit September 1967 gab es diplomatische Beziehungen

zwischen beiden Staaten. Zu dieser Zeit hatte der Generalkonsul Fuad Al-Rawi seine

Residenz in der Pankower Pfeilstraße 14 (einen Steinwurf vom späteren Neubau in der

Tschaikowskistraße entfernt) erhalten. Das Konsulat befand sich jedoch zuerst in Berlin-

Treptow, zog dann ein Jahr darauf in die heutige Wilhelmstraße in Berlin-Mitte.

Im Juli 1968 putschte sich die Ba th-Partei im Irak an die Macht und nahm

wirtschaftliche und politische Beziehungen vorrangig zum sozialistischen Lager auf,

darunter auch zur DDR. Die Ölvorräte des Irak waren die Grundlage für den

zunehmenden Reichtum des arabischen Staates und gleichzeitig für das starke

Interesse der DDR-Regierung. Die gegenseitige diplomatische Anerkennung im

Jahre 1969 war deshalb nur konsequent. Vier Jahre später konnte schließlich die

Botschaftskanzlei in der Tschaikowskistraße 51 eröffnet werden..

Grundstück und Gebäude stellte die DDR-Regierung der Republik Irak für 99 Jahre

kostenfrei zur Verfügung, was Journalisten nach dem Brand 2003 dann auch noch

einmal bestätigt bekamen. Seitdem verwaist die ehemalige irakische Botschaft in der

DDR mehr und mehr. Auf eine Anfrage im Sommer 2009 antwortete der Mitarbeiter

der Botschaft des Irak, Amir Musawy, dass das Gelände nach wie vor als

Hoheitsgebiet der Republik Irak betrachtet wird und das Gebäude saniert werden soll

(siehe taz vom 18. 8. 2009: Tanz den Saddam Hussein von J. M. Ihl).

Nach wie vor ist das mehr als 5.000 qm große Grundstück total verwahrlost und wird

von Erlebnistouristen und Metallsammlern heimgesucht und genießt inzwischen

Kultstatus. Massenhaft liegen hier Propagandamaterial, Dissertationen und

Diplomarbeiten von ehemaligen irakischen Studenten (vor allem in den

Naturwissenschaften) in der DDR herum. Während es im heutigen Berlin kaum noch

ungeklärte Eigentumsverhältnisse gibt und die Aufteilung der bundesdeutschen

Hauptstadt abgeschlossen scheint, während in der neuen Bundesrepublik

facettenreich an die untergegangene DDR erinnert, sie zum Teil wieder oder neu

erfunden wird, steht bis heute gerade das Gebäude der ehemaligen Botschaft für

den Irak als Zeugnis einer SED-Diktatur, an dem die Zeit spurlos vorübergegangen

zu sein scheint!

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