Bernd Jochen Hilberath Gottgeheimnis Mensch - FreiDok

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Bernd Jochen Hilberath Gottgeheimnis Mensch - FreiDok

Rahner Lecture 2010

Rahner Lecture 2010

Bernd Jochen Hilberath

Gottgeheimnis Mensch


Bernd Jochen Hilberath

Gottgeheimnis Mensch


Rahner Lecture 2010

Veröffentlichung des Karl Rahner-Archivs München

In Verbindung mit der

Hochschule für Philosophie, München

im Verlag der

Universitätsbibliothek Freiburg i.Br.

Herausgegeben von

Andreas R. Batlogg SJ und Albert Raffelt


Gottgeheimnis

Mensch

Gottes- und Menschenbild

in der Theologie Karl Rahners

von

Bernd Jochen Hilberath

München – Freiburg i.Br. 2010


Elektronisches Original unter:

© Freiburg im Breisgau : Universitätsbibliothek 2010

© Umschlagsfoto: Verlag Herder, Freiburg i.Br.

© Foto S. 6: Albert Raffelt

ISSN 1868-839X

ISBN 978-3-928969-39-0


Inhalt

Andreas R. Batlogg

Vorwort .................................................................................................................... 7

Bernd Jochen Hilberath

Gottgeheimnis Mensch

Gottes- und Menschenbild in der Theologie Karl Rahners ...................................... 9

1. Der fragende Mensch ................................................................................. 9

2. Der in Frage gestellte Mensch .................................................................. 10

3. Vorgriff auf das Absolute? ......................................................................... 12

4. Transzendentale Fragestellung ................................................................. 13

5. Transzendentale Erfahrung ...................................................................... 14

6. Auf den Spuren der Engel ......................................................................... 15

7. Der Mensch vor dem absoluten Geheimnis .............................................. 17

8. Erfahrungen des Geistes .......................................................................... 19

9. Der absolute Heilbringer ........................................................................... 21

10. Was bleibt, ist die Hoffnung .................................................................... 22

Andreas R. Batlogg – Albert Raffelt

Ein Lebenswerk erschlossen.

Zum Stand der Karl Rahner-Gesamtausgabe. Erster Nachtrag ............................ 23

1. Bisher erschienene Bände in der Reihenfolge des Erscheinens ............... 23

2. Bisher erschienene Bände in der Reihenfolge der Ausgabenzählung ...... 25

3. Seit der Übersicht in der Rahner Lecture 2009 erschienene und in

Arbeit befindliche, für 2010 vorgesehene Bände ..................................... 27

4. Planung der fehlenden Bände ................................................................... 34

Andreas R. Batlogg – Albert Raffelt

Kleine Publikationen

Karl Rahner als theologischer Wegbegleiter ......................................................... 37

5


6

Karl Rahner – Schriften zur Theologie – Einzelne Werke – Festschriften etc. –

Sämtliche Werke, Stand Mai 2010


Vorwort

Andreas R. Batlogg SJ

Was hat Karl Rahner mit Island zu tun? Eigentlich nichts – abgesehen von der Tatsache,

daß das Umschlagbild der 1984 erstmals erschienenen, von Albert Raffelt

herausgegebenen Sammlung „Gebete des Lebens“ ein Glasfenster von Gerður

Helgadóttir aus der Kópavogskirkja im Südwesten des Inselstaates ziert. Das zweite

Jahr der im April 2009 initiierten Rahner Lectures war indes durch eine Ereigniskategorie

gestört, die in der Theologie normalerweise

keine Rolle spielt und bei der Planung auch nicht absehbar

war: ein Vulkan. Der Ausbruch des unter dem

sechstgrößten Gletscher befindlichen, zuletzt 1821 bis

1823 aktiven Vulkans Eyjafjallajökull auf Island legte für

eine Woche den europäischen Flugverkehr weitgehend

lahm. Dadurch fielen im Lauf der Zeit auch die Transatlantikflüge

aus. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela

Merkel etwa beendete eine USA-Reise mit einer

60stündigen Odyssee, die sie von Portugal über Rom mit

einem Wagentroß über Bozen zurück nach Berlin führte.

Dem für die Rahner Lecture 2010 vorgesehenen Referenten

blieb dieses Schicksal erspart. Aber trotz Wiederaufnahme

des Flugverkehrs zum vorgesehenen Termin

der Lecture (23. April 2010) war es dem Referenten,

Prof. Dr. Thomas F. O’Meara OP (University of Notre

Dame, Indiana), nicht möglich, den vorgesehenen Flug

von Chicago nach München anzutreten, weil u.a. auch

sein Flug mehrmals storniert wurde, so daß schlußendlich

zwei Tage vor der Lecture feststand, daß O`Meara nicht nach München kommen

kann.

Die Publikation Rahner Lecture schon im zweiten Jahr zu unterbrechen, schien

den Herausgebern jedoch nicht sinnvoll, da die elektronische Zeitschrift zugleich

als Informationsorgan über die publizistischen Aktivitäten der Karl-Rahner-Stiftung

und des Karl-Rahner-Archivs in München gedacht war, was derzeit bedeutet, daß

der aktuelle Stand und die aktuellen Planungen für die Ausgabe der Sämtlichen

Werke Karl Rahners hier abfragbar sind.

So war es ein Glücksfall, daß eine tatsächlich gehaltene, aktuelle Rahner-Rede

durch den Tübinger Dogmatik-Professor Bernd Jochen Hilberath vorlag, die dieser

am 9. März 2010 an der Karl-Rahner-Akademie in Köln gehalten hat. Professor

Hilberath erklärte sich freundlicherweise bereit, seinen Text zur Verfügung zu stellen,

den er mir in meiner Eigenschaft als Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“

zum Abdruck angeboten hatte. Nach Rücksprache mit Prof. Dr. Albert Raffelt

7


schien es uns aufgrund der oben angezeigten Problemlage geradezu ideal, anstelle

der aufgefallenen Rahner Lecture nun einen aktuellen einschlägigen Vortrag anbieten

zu können.

Für seine Mainzer Habilitationsschrift Der Personbegriff der Trinitätstheologie in

Rückfrage von Karl Rahner zu Tertullians „Adversus Praxean“ (Innsbruck ; Wien :

Tyrolia-Verlag, 1986. (Innsbrucker theologische Studien. 17) war Bernd Jochen

Hilberath der Karl-Rahner-Preis für theologische Forschung des Jahres 1986 zuerkannt

worden. Hilberath ist als Nachfolger Walter Kaspers Inhaber des Lehrstuhls

für Dogmatische Theologie und Dogmengeschichte an der Katholisch-

Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und als Nachfolger Hans Küngs

Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung.

Zu Karl Rahner hat er eine Einführung in der Reihe „Theologische Profile“ veröffentlicht:

Karl Rahner, Gottgeheimnis Mensch (Mainz : Matthias-Grünewald-Verlag,

1995).

Unter seinen Aufsatzpublikationen sind vor allem zu nennen: Transzendentale

Theologie? Beobachtungen zur Rahner-Diskussion der letzten Jahre. In: Theologische

Quartalschrift 174 (1994), S. 304-315 (mit Bernhard NITSCHE); Das Symbol

als vermittelnde Kategorie zwischen Transzendentalität und Geschichte in der

transzendentalen Theologie Karl Rahners. In: Erfahrung – Geschichte – Identität.

Zum Schnittpunkt von Philosophie und Theologie ; für Richard Schaeffler / hrsg.

von Matthias LAARMANN und Tobias TRAPPE. Freiburg i.Br. : Herder, 1997 (mit

Bernhard NITSCHE; Einigung der Kirchen – (noch) eine reale Möglichkeit? In: Theologische

Quartalschrift 185 (2005), S. 255-268.

Zu seinem sechzigsten Geburtstag erschien die Festschrift Von der Communio zur

Kommunikativen Theologie. Bernd-Jochen Hilberath zum 60. Geburtstag / hrsg.

von Bernhard NITSCHE. Berlin : LIT, 2008.

Der Konzeption der Zeitschrift Rahner Lecture entsprechend, enthält dieses Heft

einen Nachtrag zur Übersicht über den Stand der Edition der Sämtlichen Werke

Karl Rahners sowie über die im Herder-Verlag seit 2009 entstandene Publikationsreihe

kleinerer Schriften Karl Rahners.

Die Rahner Lecture von Thomas F. O’Meara OP ist nun für das Jahr 2011 vorgesehen.

8


Gottgeheimnis Mensch

Gottes- und Menschenbild in der Theologie Karl Rahners

1. Der fragende Mensch

Bernd Jochen Hilberath

„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ und das alles

zusammengefasst in der Frage: „Was ist der Mensch?“

So bringt – Ihnen allen wohl bekannt – Immanuel Kant das dreifaltige Wesen des

fragenden Menschen ins Wort. Das „sein“ entfaltet als „wissen können“, „tun

sollen“ und „hoffen“, – oder noch zugespitzter:

wissen – tun – hoffen.

In dieser „Dreifaltigkeit“ ist sowohl die existentielle Erfahrung des Menschen

aufgegriffen wie die wissenschaftstheoretische Fragestellung am Beginn des

neuzeitlichen kritischen Zeitalters formuliert. Was wir wissen können – und das

heißt vor allem auch: wo die Grenzen unseres Wissens sind – , das klärt Kant in

der Kritik der reinen theoretischen Vernunft. Was wir tun sollen ist Thema der

reinen praktischen Vernunft. Mit der Frage nach dem Ziel unserer Hoffnung

betreten wir das Terrain der Religionsphilosophie. Kurz gefasst: Für das Wissen ist

das zuständig, was weithin als Wissenschaft gilt, ausgerichtet am Modell des

empirischen Rationalismus. Auf die Frage, was wir wie tun oder lassen sollen,

suchen wir Antwort in der Ethik. Wer der Auffassung ist, Religion sei mehr als

Ethik, wird die Frage nach Grund und Ziel menschlicher Hoffnung zwar nicht auf

dem Gebiet des rationalen Argumentierens stellen, aber wohl in dem „Darüber

hinaus“.

Kant hielt diesen Ausgriff für legitim, transzendental notwendig, das heißt: er

gehört zu den Bedingungen der Möglichkeit menschlicher Existenz. Es sind die

alten meta-physischen Fragen, die darüber-hinaus-Fragen nach „Welt, Seele und

Gott“, nach dem Zusammenhang des Ganzen, nach der Unsterblichkeit der Seele,

nach dem Konnex zwischen Pflicht und Glückseligkeit.

Als existentielle Fragen sind diese gewiss noch präsent, vielleicht sind sie sogar in

einer immer deutlicher nach-christlichen Gesellschaft wie der unsren auf spezifisch

drängende virulent. Aber stirbt das Darüber-hinaus-Fragen nicht allmählich aus?

Und ist das nicht konsequent? Auch wenn der neue Atheismus keine neuen

Argumente/Gegenargumente vorbringt, sollen wir nicht endlich dem alten

Atheismus Recht geben? Auch wenn die Naturwissenschaften bescheidener

geworden sind bzw. deren publizistische Vergröberung durchschaut ist, selbst

wenn sich Habermas’ Rekurs auf die Ressourcen religiöser Sprachwelt als Zitat

einer gewissen Beliebtheit erfreut, – ist es nicht Zeit zur endgültigen Nüchternheit?

9


Diese Fragen sind nicht in jeder Hinsicht neu. Aber sie stellen sich im

postmodernen und postklerikalen Zeitalter anders, drängender, sozusagen auf

breiter Front und lassen neuzeitliches Denken à la Kant und gegenneuzeitliches

kirchliches Lehren wie Endmoränen hinter sich.

2. Der in Frage gestellte Mensch

„Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, dh. jemand, der etwas erfahren

hat.“ Oh ja, wie ein roter Faden zieht sich diese Grundüberzeugung durch Rahners

Leben und Denken. „Leben und Denken“ – nur in dieser Verbindung gibt es heute

und morgen einen verantworteten Glauben. Ob er noch erschwinglich ist? Weisen

uns die zwei Sprachwelten Rahners den Weg, die Sprache der Argumentation und

die Sprache des Gebetes? 1

Es ist, wie Sie hier wissen, die klassische Streitfrage nach dem Verhältnis von

Philosophie und Spiritualität im Denken, ja in der Biographie des vor 106 Jahren

geborenen Karl Rahner. Ich meine eine gewisse Entwicklung hin zur

existentielleren Denk- und Sprachform zu erkennen, allerdings nur was den

deutlichen Ausdruck angeht. Ansonsten neige ich der Auffassung Klaus Peter

Fischers zu, von dem ja der Ausdruck „(Gott)Geheimnis Mensch“ stammt 2 , den der

Verlag vor 15 Jahren als Titel für mein Rahner-Buch favorisierte. Fischers These

wurde in den letzten Jahren hinreichend durch Roman Siebenrock 3 , den Kenner

des Rahner-Archivs, verifiziert: Karl Rahner ist von Anfang an ein Theologe, ein

Gnadentheologe. Und er ist es deshalb, weil für ihn Theologie theoretisch

Anthropologie und praktisch für den Menschen da ist. 4

„Der Fromme von morgen…“

Das ist nun längst schon heute. Wo beginnen wir mit der anthropologischen

Spurensuche? Nicht bei der Sprache der Wissenschaft, sondern bei der Dichtung.

Oder: was halten Sie von folgender „Definition“ Erich Frieds? Sein Gedicht, sein

dichter Text:

Definition

Ein Hund / Der stirbt / Und der weiß / Dass er stirbt / Und der sagen kann / Dass er

weiß, dass er stirbt / Wie ein Hund / Ist der Mensch.

Was die Wissenschaft exakt von uns erfassen kann, ist, dass wir ein Hund sind.

Wenn sie Werturteile nicht aus wissenschaftstheoretischen Gründen meidet, wird

1 Vgl. Richard SCHAEFFLER: Das Gebet und das Argument. Zwei Weise des Sprechens

von Gott. Düsseldorf 1989; Edmund ARENS: Bezeugen und Bekennen. Elementare

Handlungen des Glaubens. Düsseldorf 1989.

2 Vgl. die Dissertation von Klaus P. FISCHER: Der Mensch als Geheimnis. Die Anthropologie

Karl Rahners. Freiburg i.Br. 1974.

3 Ich verweise nur auf Roman SIEBENROCK: Gnade als Herz der Welt. Der Beitrag Karl

Rahners zu einer zeitgemäßen Gnadentheologie. In: Mariano DELGADO – Matthias

LUTZ-BACHMANN (Hrsg.): Theologie aus Erfahrung der Gnade. Annäherungen an Karl

Rahner. Berlin 1994, S. 34-71.

4 Vgl. jetzt Paul EPPE: Karl Rahner – 25 Jahre danach. Ein Vermächtnis als bleibende

Herausforderung. In: Concilium 45 (2009), S. 478-483.

10


sie hinzufügen: ein armer Hund. Ein Hund bin ich insofern, als ich sterbe, weil ich

eben zur endlichen Kreatur gehöre – und eine andere kennt die Wissenschaft

nicht. Ein armer Hund bin ich, weil ich darum weiß, dass ich sterbe. Das kann zur

Entwicklung einer ars moriendi motivieren: Wenn mir Umstände und Mittel

gegeben sind, kann ich mich auf das Sterben vorbereiten, möglicherweise so

leben, dass ich – beruhigt? erfüllt? gelassen? – sterben kann.

Schon die Tatsache, dass dies vielen Menschen nicht möglich ist, forciert die

Ambivalenz dieses Wissens um den Tod. Glaube an eine Wiedergeburt erscheint

da, allerdings eher in seiner „westlichen“, evolutionsgläubigen Variante, ein

einigermaßen rational auszuhaltender Ausweg. Demgegenüber haben es

angesichts des Unrechts und Leides in der Welt die Überzeugung von der

Einmaligkeit des menschlichen Lebens und der Glaube an die Auferweckung der

Toten zum ewigen Leben ungemein schwerer.

Das Wissen um das Sterbenmüssen lässt nach Wegen, nach Auswegen suchen.

Verständlich, aber mehr als Opium des Volkes, Vertröstung der Seele, die es nicht

gibt?

Immerhin: Der Hund, der stirbt und der weiß, dass er stirbt, kann sagen, was er

weiß. Lässt auch das Sagen wie das Wissen am Ende Leere zurück? Welche

Ressource steckt in dem Sagenkönnen, in der Kommunikation? „Sein, das

verstanden werden kann, ist Sprache“ lautet ein Kernsatz aus Hans-Georg

Gadamers Jahrhundertwerk „Wahrheit und Methode“. 5 Nur was sich ausdrückt,

lässt sich verstehen, kommunizieren. Rahner formuliert dies in stärkerem Anklang

an die klassische Metaphysik, wenn er schreibt: „Das Seiende ist von sich selbst

her notwendig symbolisch, weil es sich notwendig ‚ausdrückt’, um sein eigenes

Wesen zu finden.“ 6

Was aber findet der Hund Mensch, wenn er sich notwendig ausdrückt und sagt

„Ich weiß, dass ich sterbe“?

Er findet weitere Hunde, die das von sich sagen. Hilft das Rudel, das Kollektiv?

Kommen wir vom Wissen darum und durch das Sprechen darüber in das

„Darüberhinaus“? Oder wird diese Hoffnung desillusioniert durch das „sagen kann,

dass er weiß, dass er stirbt – wie ein Hund“?

Oder vernehmen wir im Sagenkönnen, das ja ein Hörenkönnen zur Folge hat, also

Kommunikation, vernehmen wir dort ein „trans“, ein „darüber hinaus“? Weist uns

vielleicht Hölderlin einen Weg, den schon Martin Heidegger aufgenommen hat? In

der Kommunikation hören wir auch Hölderlins „Viel hat erfahren der Mensch. / Der

Himmlischen viele genannt, / Seit ein Gespräch wir sind / Und hören können

voneinander.“

5 Tübingen 1960 u.ö.; vgl. dazu meine Dissertation: Theologie zwischen Tradition und

Kritik. Die philosophische Hermeneutik Hans-Georg Gadamers als Herausforderung

des theologischen Selbstverständnisses. Düsseldorf 1978.

6 Karl RAHNER: Zur Theologie des Symbols. In: DERS.: SCHRIFTEN ZUR THEOLOGIE. Bd. 4.

Einsiedeln 1960, S. 275-311, hier 278 = K. RAHNER: Leiblichkeit der Gnade. Schriften

zur Sakramentenlehre / Bearb. von Wendelin KNOCH und Tobias TRAPPE. Freiburg i.Br.

2003 (Sämtliche Werke. 12), S. 423-457, hier 426.

11


3. Vorgriff auf das Absolute?

„Der Himmlischen viele genannt“ – alles Schall und Rauch?

Oder ein Hinweis darauf, dass ein Name nicht genügt? Dass das Geheimnis eine

andere Sprache erfordert?

„Viel hat erfahren der Mensch“ – wie weit trägt die Erfahrung? Führt sie uns in die

Absurdität, insofern das wissen und sagen Können uns nur deutlich macht, was wir

am Ende sind: ein sterblicher, armer Hund?

Oder impliziert die Erfahrung auch eine Erfahrung des „darüber hinaus“?

Für Karl Rahner verschränken sich hier existentielle Erfahrung und philosophischtheologische

Reflexion. Und wie schon angedeutet, gewinnt, zumindest im

Ausdruck, die Erfahrung in einer Theologie ersten Grades an Bedeutung

gegenüber der Reflexion auf der Metaebene.

Es ist gewiss biographisch bedingt, dass sich beides bei Rahner, in Rahner

unlösbar verknüpft. Zunächst erscheinen seine Bemühungen um das

Darüberhinaus noch eher als Gedankenexperimente denn als experience/als

Erfahrung, zumindest dann, wenn man die geistlichen Schriften und Meditationen

beiseite lässt. Im Sinne der Maréchal-Schule fragt Rahner auf strukturell ähnlichen

Wegen wie seine Ordensbrüder Lotz und Coreth danach, wie die philosophischtheologische

Argumentation mit Kant über Kant hinauskommen könnte. Bleiben

Gott, Seele, Welt regulative Ideen, reine Postulate? Oder handelt es sich um

denknotwendige Ideen? Können wir die Endlichkeit nur denken, weil wir eine

Ahnung vom Unendlichen haben, weil wir in jedem Umgang mit dem Endlichen

„implizit und unthematisch“ das Unendliche mit in Anspruch nehmen? „Immer

schon“ – „transzendental“, d.h. als Bedingung der Möglichkeit?

Das Nichtendliche, das Absolute also nicht als leere Projektion, als Opium für den

armen Hund, sondern als Bedingung der Möglichkeit, als Hund zu wissen und

sagen zu können! „Implizit und unthematisch“ gegeben sei es im Staunen darüber,

dass „überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts“, mitgegeben im Nach-allemfragen-können,

in jedem Urteil „A ist b“, was ja ein Vorstellung dessen voraussetzt,

was „ist“ ist, was „sein“ heißt. Ja sogar das Zweifeln wurde in diesen

transzendentalen Status erhoben – nach der methodologischen Prämisse: Ich

kann nur an dem zweifeln, wovon ich schon eine Ahnung habe.

12


4. Transzendentale Fragestellung

Für Rahner charakteristisch ist der folgende Satz aus seinem philosophischen

Werk „Geist in Welt“: „Der ganze Beweis ist vielmehr eine Art transzendentaler

Deduktion dafür, dass das tatsächliche Denken … wesenhaft eine Hinbeziehung

auf ein An sich … einschließt.“ 7

Der Vorgriff auf das Sein überhaupt, das Absolute, später immer häufiger als

Stehen vor dem absoluten Geheimnis artikuliert, wird als gegeben erfahren (das

„tatsächliche“ Denken) und vom Selbstvollzug des Menschen her begründet, von

ihm her als Bedingung der Möglichkeit abgeleitet, deduziert. Über Kant

hinausgehend bezeichnet Rahner nicht nur diese Denkoperation als

transzendentale, sondern er nennt auch die durch sie aufgedeckten Bedingungen,

Veranlagungen im Menschen transzendental. Der Mensch ist das Wesen der

Transzendenz, das heißt: des Darüberhinaus; in seinem Wissen und Tun ist das

Absolute immer schon mitgegeben. Die Ausrichtung auf das absolute Geheimnis

ist in ihm angelegt, Bedingung der Möglichkeit seiner Existenz.

In „Hörer des Wortes“, dem religionsphilosophisch-fundamentaltheologischen

Hauptwerk wird der Sinn der transzendentalen Rückfrage nach den Bedingungen

der Möglichkeit im menschlichen Selbstvollzug – hier im Blick auf eine in der

Geschichte ergehende Offenbarung – so erläutert: „Diese Frage ist hier in unseren

Untersuchungen nicht in dem Sinn gemeint, dass gefragt wird, wie der einzelne

Mensch faktisch und konkret zur Erkenntnis einer solchen geschichtlich

ergehenden Offenbarung gelange. Unsere Frage ist vielmehr im Sinn einer

transzendentalen Frage gemeint, d.h., wir fragen hier bloß, warum und weshalb

der Mensch überhaupt kraft seines Wesens von vornherein zu einer faktischen

Befragung der Geschichte nach einer möglicherweise ergangenen Offenbarung

genötigt sei.“ 8 Ein so gewonnener „transzendentaler Satz“ ist ein „Satz, der das

Wesen des Menschen ursprünglich begreift“ 9 . Daraus folgt, dass „der Mensch

apriori aus seiner Wesenskonstitution heraus auf diese Erfüllung seines Wesens

…hingeordnet sein muss“ 10 .

Für Rahner ist dies keine bloße Denkoperation, sondern die Reflexion einer

Erfahrung, die er dann auch „transzendentale Erfahrung“ nennt. In der zweiten,

von Metz bearbeiteten Auflage von „Hörer des Wortes“ wird diese deutlicher als

„transzendentale Grenzerfahrung“ bezeichnet und gegenüber dem Missverständnis

abgesichert, sie gehöre zum Selbstbesitz des Menschen, sei

erzwingbar und in ihren konkreten Inhalt aus der Erfahrung abzuleiten. Der

7 Karl RAHNER: Geist in Welt. München ²1957, S. 143f., Anm.25 = K. RAHNER: Geist in

Welt. Philosophische Schriften / Bearb. von Albert RAFFELT. Freiburg i.Br. 1996 (Sämtliche

Werke. 2), S. 108, Anm. 27.

8 1

Karl RAHNER: Hörer des Wortes. München 1941, S. 200 = K. RAHNER: Hörer des Wortes.

Schriften zur Religionsphilosophie und zur Grundlegung der Theologie / Bearb. von

Albert RAFFELT. Freiburg i.Br. 1997 (Sämtliche Werke. 4), S. 244.

9 Ebd. S. 87 bzw. 104.

10 Ebd. S. 29 bzw. 34.

13


Mensch bleibt ein Hund, der wissen und sagen kann, die Grenze des Endlichen

bleibt konstitutiv, und der Mensch kann nicht „über dieses in der vollzogenen

transzendentalen Grenzerfahrung eröffnete und angenommene Über-sich-hinaus

von sich aus verfügen oder es material deuten“ 11 .

„Eröffnetes und angenommenes Über-sich-hinaus“ – diese Doppelformulierung

macht deutlich, dass es keinen Automatismus gibt. Der Mensch kann sich der –

impliziten, unthematischen, indirekten – Eröffnung verschließen; Gotteserfahrung

und Offenbarung sind Freiheitsgeschehen. Eröffnet und angeboten ist das

unendliche Geheimnis in seiner Selbstoffenbarung, und weil diese ein

Freiheitsgeschehen ist, ist sie unverfügbar, unerzwingbar, auf freie Annahme und

Antwort ausgerichtet.

5. Transzendentale Erfahrung

„Anthropologie statt Metaphysik“ heißt das soeben in zweiter, erweiterter Auflage

erschienen Buch von Ernst Tugendhat. 12 Kann auch jemand, der erkenntnismetaphysischen

Operationen skeptisch gegenübersteht, wenigstens auf

anthropologischem Gebiet Rahner folgen?

Immerhin steht Karl Rahner für die anthropologische Wende in der katholischen

Theologie, bleibt ihm zufolge „alle Theologie in Ewigkeit Anthropologie“. 13 Und sein

„Grundkurs des Glaubens“ dokumentiert, wie sein Weg von „Geist in Welt“ über

„Hörer des Wortes“ immer erkennbarer und weniger missverständlich zu einer

fundamentalen Theologie als Reflexion ersten Grades auf die Erfahrungen des

Menschen führt.

Das Programm des „Grundkurses“ lautet: „Was wir letztlich wollen, ist nur, die

schlichte Frage zu bedenken: ‚Was ist ein Christ, und warum kann man dieses

Christsein in einer intellektuellen Redlichkeit heute vollziehen?’“ 14 Intellektuell

redlich, aber nicht primär als Denkoperation, sondern als Reflexion auf Erfahrung.

Für Kant wäre „transzendentale Erfahrung“ ein Widerspruch, insofern es ihm in der

transzendentalen Reflexion nicht um Erfahrung, sondern um die Bedingungen

möglicher Erfahrung geht. Allerdings schränkt der Philosoph das Feld möglicher

Erfahrung auf die an Sinnen gebundene Erfahrung ein. Was Rahner seinerseits

unter „transzendentaler Erfahrung“ versteht, bringt er im Grundkurs so auf den

Punkt: „Das subjekthafte, unthematische und in jedwedem geistigen Erkenntnisakt

11 Karl RAHNER: Hörer des Wortes, München ²1961, 94, Anm. 3 = Sämtliche Werke. Bd. 4,

S. 111, Anm 63.

12 Ernst TUGENDHAT: Anthropologie statt Metaphysik. München ²2010.

13 Vgl. Karl RAHNER: Zur Theologie der Menschwerdung. In: DERS.: Schriften zur Theologie.

Bd. 4. Einsiedeln 1960, S. 137-155, hier 150 = K. RAHNER: Menschsein und

Menschwerdung Gottes. Studien zur Grundlegung der Dogmatik, zur Christologie,

Theologischen Anthropologie und Eschatologie. Freiburg i.Br. 2005 (Sämtliche Werke.

12), S. 309-322, hier 319.

14 Karl RAHNER: Grundkurs des Glaubens. Freiburg 1 1976, S. 14 = K. RAHNER: Grundkurs

des Glaubens. Studien zum Begriff des Christentums / Bearb. von Nikolaus SCHWERDT-

FEGER und Albert RAFFELT. Freiburg i.Br. 1999 (Sämtliche Werke. 26), S. 9.

14


mitgegebene, notwendige und unaufgebbare Mitbewusstsein des erkennenden

Subjekts und seine Entschränktheit auf die unbegrenzte Weite aller möglichen

Wirklichkeit nennen wir die transzendentale Erfahrung.“ 15

In der weiteren Beschreibung weitet Rahner den Akt der Erkenntnis auf den des

Willens und der Freiheit aus; hier zeigt sich eine gewisse Entwicklung und eine

trotz allem bleibende intellektuelle Schlagseite in seinem wissenschaftlichen

Argumentieren. Sie geht im „Grundkurs“ freilich über in das, was wir die

„Mystagogie in das Geheimnis der Gottesbeziehung“ nennen können, vor allem im

christologischen Kapitel.

6. Auf den Spuren der Engel

Bevor wir uns dem zuwenden, halten wir einen Moment inne. Es geht uns ja hier

nicht um die Archivierung der Rahnerschen Theologie, sondern – wie im

Programmheft angekündigt – um die Vermittlung mit unserer Erfahrung. Das

freilich kann ein Referent in einem Vortrag nicht leisten, aber er kann von seiner

Erfahrung her, von dem her, was ihn bewegt, Anstöße geben, damit wir „viel

erfahren, seit ein Gespräch wir sind“.

Ich habe in den letzten Wochen immer wieder auf das Buch des heute 80jährigen

Religionssoziologen Peter L. Berger zurückgegriffen, das auf deutsch vor vierzig

Jahren erschienen ist und den Titel trägt: „Auf den Spuren der Engel. Die moderne

Gesellschaft und die Wiederentdeckung der Transzendenz.“ 16 Darin heißt es

programmatisch: „Ich fordere die Theologen auf, sich in der empirisch gegebenen

Situation des Menschen nach etwas umzusehen, das man Zeichen der

Transzendenz nennen könnte. Und ich behaupte, dass es prototypisch

menschliches Verhalten gibt, Gebaren, Gebärden, Gesten, die als solche Zeichen

anzusehen sind.“ 17 Berger erläutert seine Schlüsselkategorien so: „Der Begriff der

Transzendenz ist hier nicht im gewohnten philosophischen Sinne zu verstehen,

sondern wortwörtlich – als ein Überschreiten der bzw. Heraustreten aus der

Alltagswelt, das ich oben mit der Vorstellung vom ‚Übernatürlichen’ gleichgesetzt

habe. Prototypische menschliche Gesten sind für mich gewisse immer

wiederkehrende Verrichtungen und Empfindungen, die essentielle Züge des Seins

des ‚Menschen als Lebewesen’ auszudrücken scheinen… Die Phänomene, die ich

meine, sind keineswegs ‚unbewusst’ und brauchen nicht aus der Tiefe

‚ausgegraben’ zu werden, sondern sie gehören ganz einfach in den Bereich der

alltäglichen Wahrnehmung.“ 18

Fünf „Zeichen der Transzendenz“ macht Berger aus, je zwei verhalten sich

komplementär zueinander, nämlich Ordnung und Spiel, Hoffnung und

Verdammnis. Das fünfte Zeichen ist der Humor. Dazu bemerkt Berger: „Ich bin der

Meinung, dass es eine Grunddiskrepanz gibt, von der sich alle anderen ableiten

15 Ebd. S. 31 bzw. 26.

16 Peter L. BERGER: Auf den Spuren der Engel. Frankfurt a.M. 1970.

17 Ebd., S. 79.

18 Ebd., S. 79f.

15


lassen: die zwischen dem Menschen und dem Universum. Diese Diskrepanz erst

macht das Komische zu einem spezifisch menschlichen Phänomen und den

Humor zu einem Wesenszug des Menschen. Das Komische ist die Spiegelung der

Gefangenschaft des Geistes in der Welt.“ 19 Wie aber wird der Humor zu einem

„Zeichen der Transzendenz“, zu einer „Spur der Engel“? Nach Berger erkennt der

Humor „nicht nur die komischen Diskrepanzen in der Welt des Menschen, er

relativiert sie auch und macht damit durchsichtig, dass auch die tragischen

relativierbar sind“. 20 Die Quintessenz wird durch ein Zitat von Enid Welsford

vorbereitet: „Wer an Gott glaubt, glaubt auch an Seligkeit und misstraut der ach so

erhabenen Verlorenheit des Menschen. Für ihn ist die Komödie große Literatur.

Denn sie ist ein Vorgeschmack der Wahrheit. Der Narr ist weiser als der Philosoph,

und kein Schabernack ist so frivol wie die Vergottung des Menschen.“ 21

Bergers Schlussfolgerung lautet: „Im Rahmen der Religion ist Don Quijotes

Hoffnung gerechter als Sancho Pansas ‚Realismus’, und gerade die Ungebärden

des Clowns haben sakramentale Würde. Religion erschließt die tiefere Bedeutung

des Komischen. Sie ist es, die das Lachen in sein Erstgeburtsrecht setzt.“ 22

Übrigens nennt Berger diese „Zeichen der Transzendenz“, diese „Spuren der

Engel“ auch „Argumente“! Ihnen ist gemeinsam ist die Aufmerksamkeit darauf,

dass im Relativen etwas Größeres, etwas absolut Gültiges erscheint. Ihren

erkenntnistheoretischen Status bestimmt der Religionssoziologe so: „Ich bin

absichtlich nicht auf innerreligiöse Erlebnisse der Transzendenz … eingegangen –

nicht etwa, weil ich ihre Erforschung für unwichtig hielte. Ich wollte nur meiner Linie

treu bleiben und zunächst einmal versuchen, statt von Projektionen vom Projektor,

d.h. vom Menschen in seinen empirischen Gegebenheiten, auszugehen. … Ich

wollte … gerade Möglichkeiten für die Theologie zeigen, die von jedermanns

Erfahrungen ausgehen. … Ich beanspruche keinen Vorrang dieser Methode vor

anderen. Ich betrachte sie nur als einen Schutzwall vor den Abgründen des

Relativismus. Vielleicht ist sie sogar besonders für Leute geeignet, die den ‚Feuer-

Bach’ des soziologischen Relativismus hinter sich haben.“ 23

Und ich habe auf Berger zurückgegriffen, weil ich ihn in seinem Anliegen nahe bei

dem der Rahnerschen seelsorgerlich motivierten, anthropologisch gewendeten

Theologie sehe. „Dass damit eine Fülle von schwierigen philosophischen Fragen

angeschnitten sind“ 24 , schreibt Berger im unmittelbaren Kontext; das gilt

selbstverständlich auch für einen nicht uninteressant erscheinenden, aber erst

noch gründlich durchzuführenden Vergleich der beiden Positionen.

19 Ebd., S. 101.

20 Ebd., S. 102.

21 Enid WELSFORD: The Fool (1961), S. 326ff. (zit. Ebd., S. 103f.).

22 BERGER, S. 104.

23 Ebd., S. 104f.

24 Ebd., S. 105.

16


7. Der Mensch vor dem absoluten Geheimnis

Mit der theologischen Tradition spricht Karl Rahner vom „desiderium naturale (dem

natürlichen Verlangen)“ nach dem Absoluten sowie von der „potentia oboedientialis

(dem Vermögen auf eine möglicherweise ergehende Offenbarung zu hören)“.

Deutlicher markiert der Rahnersche Schlüsselbegriff des „übernatürlichen

Existentials“ das, was er die Unverfügbarkeit, das Ungeschuldetsein nennt, was wir

als Freiheitsgeschehen charakterisieren. Was im menschlichen Selbstvollzug

„immer schon, indirekt, implizit, unbewusst und unthematisch“ mitgegeben ist, ist

die Beziehung Gottes zum Menschen. Um den Sinn der Formel „über-natürliches

Existential“ herauszuheben, spreche ich nicht von der Gottesbeziehung des

Menschen, sondern von der Menschenbeziehung Gottes. Schon in den 50er

Jahren führt Rahner in dem programmatisch zu nennenden Beitrag „Über das

Verhältnis von Natur und Gnade“ aus:

„Gott will sich selbst mitteilen, seine Liebe, die er selbst ist, verschwenden. Das ist

das Erste und das Letzte seiner wirklichen Pläne und darum auch seiner wirklichen

Welt. Alles andere ist, damit dieses eine sein könne: das ewige Wunder der

unendlichen Liebe.

Und so schafft Gott, den er so lieben könne: den Menschen. Er schafft ihn so, dass

er diese Liebe, die Gott selbst ist, empfangen könne und dass er sie gleichzeitig

annehmen könne und müsse als das, was sie ist: das ewig erstaunliche Wunder,

das unerwartete, ungeschuldete Geschenk.

Vergessen wir dabei nicht: Was ‚ungeschuldet’ bedeutet, wissen wir letztlich, wenn

wir wissen, was personale Liebe ist, nicht umgekehrt…

Gott muss also in dieser zweiten Hinsicht den Menschen so schaffen, dass die

Liebe nicht nur frei und ungeschuldet sich verschwende, sondern auch so, dass

der Mensch als der reale Partner, als der, der sie annehmen oder zurückweisen

kann, sie als das ihm … ungeschuldete Geschehen und Wunder erfahren und

annehmen könne.“ 25

Hier wird deutlich, was Rahner unter Geheimnis versteht. Es handelt sich bei ihm

nicht um eine erkenntnistheoretische Kategorie, Geheimnis steht nicht für etwas,

das „man“ (noch) nicht weiß. Geheimnis steht für das unverfügbare, freie Sichselbst-mitteilen

Gottes an den Menschen. Ja, so bestimmt, sind auch

zwischenmenschliche interpersonale Beziehungen Geheimnis. Wir erinnern uns:

„Das Seiende ist von sich selbst her notwendig symbolisch, weil es sich notwendig

‚ausdrückt’, um sein eigenes Wesen zu finden.“ 26 Das heißt: Der Mensch muss

sich notwendig ausdrücken, um sein eigenes Wesen zu finden, ja, wie Rahner

dann in einem zweiten Grundsatz hinzufügt: „Das eigentliche Symbol (Realsymbol)

ist der zur Wesenskonstitution gehörende Selbstvollzug eines Seienden im

25 Karl RAHNER: Über das Verhältnis von Natur und Gnade. In: DERS.: Schriften zur Theologie,

Bd. 1. Einsiedeln 1954, S. 323-345, hier 336f.

26 Siehe oben Anm.6.

17


anderen.“ 27

Das heißt: wir finden unsere Identität nur, indem wir aus uns herausgehen, uns im

Ausdruck unserer selbst begegnen, vor allem in der Begegnung mit den Anderen.

Personalität und Interpersonalität in diesem Sinn machen das Menschsein aus,

gehören in die Definition des Hundes, „der weiß, dass er stirbt, und der sagen

kann, dass er weiß, dass er stirbt“.

Schon im Bereich unserer Erfahrungswelt, in der Selbsterfahrung wie in der

mitmenschlichen Erfahrung, ist dieser Prozess der Identitätssuche unerschöpflich,

bleiben wir uns selbst und vor einander, bei allem Bemühen um authentischen

Ausdruck und unverstelltes Miteinanderumgehen, „Geheimnis“.

Letztlich freilich bleiben wir es, weil wir immer schon vom Geheimnis Gottes

angerührt sind. Geheimnis im theo-logischen Sinn meint ja nicht ein nur aufgrund

autoritativer Bezeugung für wahr zu haltendes „mysterium stricte dictum“, sondern

die Erfahrung der Menschenbeziehung Gottes. Deshalb reserviert Karl Rahner den

Begriff des Geheimnisses für das Geschehen der Selbstmitteilung des dreieinigen

Gottes. In Absetzung vom schultheologischen Sprachgebrauch fragt er: „Wie,

wenn das Geheimnis gar nicht als das bloß Vorläufige, sondern als das

Ursprüngliche und Bleibende verstanden werden muss…? Wie, wenn es ein

‚Nichtwissen’ gibt, ein um sich selbst und um das Nichtgewusste wissendes

Nichtwissen, das gegenüber dem Wissen – irgendeinem seiner selbst nicht wirklich

bewussten Wissen – gar nicht die bloße Negativität ist, gar nicht einfach eine leere

Abwesenheit bedeutet, sondern als positive Auszeichnung eines Verhältnisses

eines Subjektes zu einem anderen sich gibt? Wenn es gar zum wahren Wissen

und seinem Wachstum, seiner Bewusstheit und Helle wesentlich und konstitutiv

gehört, gerade im Mitwissen des Nichtgewussten zu wissen, sein Wissen von

Grund auf als den Verweis auf das Unübersehbare und Unsagbare zu erfahren

und zu erkennen (mehr und mehr), dass das Wissen erst darin zu seinem wahren

Wesen und nicht bloß zu einer bedauerlichen Grenze kommt?“ 28

Weil das Darüberhinaus des Menschen nicht nur auf das absolut Wahre der

Erkenntnis, sondern auch auf das absolut Gute der Liebe und der Freiheit aus-ist,

transzendiert, spricht Rahner von dem „heiligen Geheimnis“. Daraus folgt: „Der

Mensch ist also wirklich, weil sein eigentliches Wesen als Geist seine

Transzendenz ist, das Wesen des heiligen Geheimnisses. Der Mensch ist der,

welcher es mit dem heiligen Geheimnis immer zu tun hat, gerade auch dort, wo er

mit dem geheimnislos Nahen, Umgreifbaren und begrifflich Koordinierbaren

umgeht. Das heilige Geheimnis ist somit nicht irgendetwas, worauf der Mensch

‚auch’ einmal stoßen kann, wenn er Glück hat… Der Mensch lebt immer und

überall, gerade auch dort, wo er sich dessen nicht bewusst ist, aus dem heiligen

Geheimnis.“ 29 Dieses heilige Geheimnis wird nun nicht zufällig Gott genannt, denn

27 RAHNER: Zur Theologie des Symbols (Anm.6), S. 290 bzw. 435.

28 Karl Rahner, Über den Begriff des Geheimnisses in der katholischen Theologie, in:

Schriften zur Theologie, Bd. IV, Einsiedeln 1960, 51-99, hier 57 = K. RAHNER: Menschsein

und Menschwerdung Gottes. Studien zur Grundlegung der Dogmatik, zur Christologie,

Theologischen Anthropologie und Eschatologie. Freiburg i.Br. 2005 (Sämtliche

Werke. 12), S. 101-135, hier 105f.

29 Ebd. S. 74 bzw. 118.

18


nur ihm kommt diese Kennzeichnung zu, nach all dem Gesagten nicht als

vorübergehende, sondern als bleibende: „Gott wäre nicht Er, würde er aufhören,

dieses heilige Geheimnis zu sein.“ 30

Für die christliche Theo-logie folgt daraus: „Die Geheimnisse des Christentums im

Plural lassen sich so als Konkretheit des einen Geheimnisses verstehen, wenn nur

die Voraussetzung gemacht wird, die allerdings nur durch Offenbarung gewusst

werden kann, dass dieses heilige Geheimnis auch als das Geheimnis in absoluter

Nähe gegeben ist und sein kann… Der abstrakte Begriff der absoluten Nähe und

Selbstmitteilung Gottes als des heiligen Geheimnisses ist ja in seiner

(ontologischen) Gültigkeit über eine rein logisch-begriffliche Denkbarkeit hinaus

immer nur erreichbar und erreicht in der Erfahrung der Inkarnation und Gnade…

Es gibt diese drei Mysterien im Christentum, nicht mehr und nicht weniger, wie es

drei Personen in Gott gibt, und diese drei Mysterien sagen das eine: dass Gott sich

durch Jesus Christus in seinem Geist uns selbst, wie er in sich ist, mitgeteilt hat,

damit das unsagbar über uns und in uns waltende namenlose Geheimnis in sich

selbst die nahe Seligkeit des in die Liebe sich selber aufhebenden erkennenden

Geistes sei.“ 31

Selbstmitteilung Gottes „durch Christus in seinem Geist“, das verweist uns auf die

„Zeichen der Transzendenz“, die „Spuren der Engel“, die wir Christen nicht als das

aus eigenem Vermögen erreichbares Darüberhinaus identifizieren, sondern als

Gottes Ankunft im Menschen und unter den Menschen. Ganz konkret, ja auch

ärgerlich konkret, wird diese Selbstmitteilung Gottes als des heiligen Geheimnisses

in dem, den Rahner den „absoluten Heilbringer“ nennt.

Ich vermute, Karl Rahner würde gerade heute diese deutlich konkrete Spur des

heiligen Geheimnisses nicht forciert angehen. Er würde vermutlich das Aufnehmen

dieser Spur dadurch vorbereiten, dass er den Erfahrungen nach-spüren würde, die

wir mit ihm ja auch Erfahrung der Gnade nennen.

8. Erfahrungen des Geistes

Fragen wir also: Gibt es eine Brücke zwischen Peter L. Bergers „Spuren der Engel“

und Rahners „transzendentaler Erfahrung“? Ich sehe sie in dem, was der Jesuit als

„Erfahrungen des Geistes“ vorgestellt hat:

„Da ist einer, der mit der Rechnung seines Lebens nicht mehr zurechtkommt, der

die Posten dieser Rechnung seines Lebens aus gutem Willen, Irrtümern, Schuld

und Verhängnissen nicht mehr zusammenbringt, auch wenn er, was ihm oft

unmöglich erscheinen mag, diesen Posten Reue hinzuzufügen versucht. Die

Rechnung geht nicht auf, und er weiß nicht, wie er darin Gott als Einzelposten

einsetzen könnte, der Soll und Haben ausgleicht. Und dieser Mensch übergibt sich

mit seiner unausgleichbaren Lebensbilanz Gott oder – ungenauer und genauer –

zugleich der Hoffnung auf eine nicht kalkulierbare letzte Versöhnung seines

Daseins…

30 Ebd. S. 75 bzw. 118.

31 Ebd. 98f. bzw. 135.

19


Da ist einer, dem geschieht, dass er verzeihen kann, obwohl er keinen Lohn dafür

erhält… Da ist einer, der Gott zu lieben versucht, obwohl aus dessen

schweigender Unbegreiflichkeit keine Antwort der Liebe entgegenzukommen

scheint… Da ist einer, der seine Pflicht tut, wo man sie scheinbar nur tun kann mit

dem verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu verleugnen und

auszustreichen… Da ist einer, der einmal wirklich gut ist zu einem Menschen, von

dem kein Echo des Verständnisses oder Dankbarkeit zurückkommt… Da ist einer,

der schweigt, obwohl er sich verteidigen könnte… Da ist einer, der sich rein aus

dem innersten Spruch seines Gewissens heraus zu etwas entschieden hat, da, wo

man solche Entscheidungen niemand mehr klar machen kann… Da gehorcht

einer, nicht weil er muss und sonst Unannehmlichkeiten hat, sondern nur wegen

jenes Geheimnisvollen, Schweigenden, Unfassbaren, das wir Gott und seinen

Willen nennen. Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne

ein Gefühl innerer Befriedigung. Da ist einer, der restlos einsam ist, … der aber

dieser Einsamkeit, die wie der letzte Augenblick vor dem Ertrinken erfahren wird,

nicht davonläuft… da ist einer, der merkt plötzlich, wie das kleine Rinnsal seines

Lebens sich durch die Wüste der Banalität des Daseins schlängelt, scheinbar ohne

Ziel und mit der herzbeklemmenden Angst, gänzlich zu versickern. Und doch hofft

er, er weiß nicht wie, dass dieses Rinnsal die unendliche Weite des Meeres findet,

auch wenn es ihm noch verdeckt ist durch die grauen Dünen, die sich vor ihm

scheinbar unendlich auszubreiten scheinen.“ 32

Erfahrungen des Geistes? Erfahrungen des Geistes, der in uns seufzt und betet

(vgl. Röm 8,26): „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen; woher kommt mir

Hilfe?“ (Ps 121,1) Woher kommt dieses „Weiter sehen als wir sind?“ 33 Das

Vertrauen auf das Darüberhinaus? Die Option, wie wir in der Kommunikativen

Theologie sagen, für das „Dableiben, wenn nichts mehr geht“? 34 Aus einem

„unbewussten, unthematischen, impliziten“ Miterfahren? Oder gar aus einem

bewussten, direkten Erfahren des Parakleten, des Beistands und des

Tröstergeistes? Bekommt die namenslose Erfahrung einen Namen? Das führt uns

zur zweiten Weise der Selbstmitteilung aus Liebe und auf Liebe hin.

32 Karl RAHNER: Erfahrung des Geistes. Meditation auf Pfingsten. Freiburg i.Br. 1977, S.

38-42 = K. RAHNER: Erfahrung des Heiligen Geistes. In: DERS.: Geistliche Schriften.

Späte Beiträge zur Praxis des Glaubens / Bearb. von Herbert VORGRIMLER. Freiburg

i.Br. 2007 (Sämtliche Werke. 29), S. 38-57. S. 48-50.

33 So der Titel eines Gebets- und Meditationsbuches von Huub OOSTERHUIS.

34 Vgl. FORSCHUNGSKREIS KOMMUNIKATIVE THEOLOGIE: Kommunikative Theologie. Selbstvergewisserung

unserer Kultur des Theologietreibens. Wien – Berlin – Münster 2007

(Kommunikative Theologie – interdisziplinär. 1), S. 110-113.

20


9. Der absolute Heilbringer

Nach Rahner treibt „der Mensch in seinem Dasein, wenn er es entschlossen

annimmt, eigentlich schon immer so etwas wie eine ‚suchende Christologie’, eine

‚anonyme Christologie’, die Rahner im „Grundkurs des Glaubens“ durch drei

Appelle „etwas zu verdeutlichen“ 35 sucht: den Appell an die absolute

Nächstenliebe, an die Bereitschaft zum Tod, an die Hoffnung der Zukunft. Mit Blick

auf die Zeichen unserer Zeit greife ich den dritten Appell, den an die Hoffnung der

Zukunft, heraus, um Rahners Argumentation ein wenig zu erläutern.

Der Appell an die Hoffnung der Zukunft ist nach Rahner in folgender Frage

impliziert: „Ist die absolute Versöhnung (individuell und kollektiv) nur das ewig

ferne, immer nur asymptotisch angezielte, nur in Distanz bewegende Ziel oder als

absolute Zukunft das erreichbare Ziel, ohne dass es – als erreichtes – das

Endliche abschaffen und in die Absolutheit Gottes hinein verschlingen müsste?“ 36

Rahners Antwort spiegelt seinen Werdegang von „Geist in Welt“ über „Hörer des

Wortes“ zum Grundkurs, gerahmt durch seine erste Schrift „Von der Not und dem

Segen des Gebetes“ und seinem letzten öffentlichen Vortrag „Erfahrungen eines

katholischen Theologen“, in dem er mehr Achtung vor dem Geheimnis anmahnt.

Wir lesen im „Grundkurs“ zu diesem dritten Appell, dass sich diese Hoffnung nicht

auf eine leere Zukunft richten könne, ihre Erfüllung auch nicht eine immer

ausständig Idee bleiben kann. Nach ihrer anfanghaften Erfüllung, dem irreversiblen

Geschehen kann der Mensch, ja muss er in der Geschichte Ausschau halten. Und

der Christ „hat von dieser Hoffnung her ein Verständnis für das, was der Glaube in

der Inkarnation und der Auferstehung Jesu Christi bekennt als den irreversiblen

Anfang des Kommens Gottes als der absoluten Zukunft der Welt und der

Geschichte“. 37

35 1

Karl RAHNER: Grundkurs des Glaubens. Freiburg 1976, S. 288 = K. RAHNER: Grundkurs

des Glaubens. Freiburg i.Br. 1999 (Sämtliche Werke. 26), S. 281.

36 Ebd. S. 290 bzw. 283.

37 Ebd. S. 291 bzw. 283.

21


10. Was bleibt, ist die Hoffnung

„Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; doch am größten unter

ihnen ist die Liebe“ (1 Kor 13,13). Ja, denn es ist Gottes Liebe, die unsere

Hoffnung ermöglicht. Von dieser bzw. von ihrem Grund, der Liebe Gottes, jedem

Rechenschaft zu geben, ist Aufgabe von uns Christenmenschen (vgl. 1 Petr 3,15).

Und das ist, was uns auch heute bleibt, wenn wir intellektuell redlich Zeugnis

geben wollen. Dabei kommt es darauf an, diese Hoffnung dem Projektionsverdacht

dadurch zu entziehen, dass wir sie aus individualistischer Beschränkung

herauslösen. Mit Gabriel Marcel möchte ich als christliches Bekenntnis formulieren:

„Ich hoffe für uns auf Dich.“ Für uns, für alle (und in diese Option können

grundsätzlich alle Menschen einstimmen) – auf Dich!

Wie könnte dann unsere anfängliche „Definition“ verdichtet werden?

Ein Hund / Der stirbt / Und der weiß / dass er stirbt / und der sagen kann / dass er

weiß / dass er stirbt / und der miteinander hoffen kann / dass der, der weiß, dass

wir sterben, / uns nicht untergehen lässt – / das ist der Mensch.

22


Ein Lebenswerk erschlossen.

Zum Stand der Edition sämtlicher Werke Karl Rahners 38

Erster Nachtrag

Andreas R. Batlogg SJ – Albert Raffelt

Die Übersicht über Bedeutung, Planung, Struktur und über die bislang erschienenen

Bände der Karl Rahner-Gesamtausgabe in der ersten Folge der Rahner Lecture

2009 39 soll in diesem Heft aktualisiert und ergänzt werden.

1. Bisher erschienene Bände in der Reihenfolge des Erscheinens

SW 19: Selbstvollzug der Kirche : Ekklesiologische Grundlegung praktischer

Theologie / Bearbeitet von Karl H. NEUFELD SJ. 1995

SW 2: Geist in Welt : Philosophische Schriften / Bearbeitet von Albert RAF-

FELT. 1996

SW 4: Hörer des Wortes : Schriften zur Religionsphilosophie und zur Grundlegung

der Theologie / Bearbeitet von Albert RAFFELT. 1997

SW 8: Der Mensch in der Schöpfung / Bearbeitet von Karl H. NEUFELD SJ.

1998

SW 3: Spiritualität und Theologie der Kirchenväter / Bearbeitet von Andreas

R. BATLOGG SJ, Eduard FARRUGIA und Karl H. NEUFELD SJ. 1999

SW 26: Grundkurs des Glaubens : Studien zum Begriff des Christentum /

Bearbeitet von Nikolaus SCHWERDTFEGER und Albert RAFFELT. 1999

SW 15: Verantwortung der Theologie : Im Dialog mit Naturwissenschaften

und Gesellschaftstheorie / Bearbeitet von Hans Dieter MUTSCHLER.

2002

SW 27: Einheit in Vielfalt : Schriften zur ökumenischen Theologie / Bearbeitet

von Karl Kardinal LEHMANN und Albert RAFFELT. 2002

SW 17: Enzyklopädische Theologie : Lexikonbeiträge 1956-1973 / Bearbeitet

von Herbert VORGRIMLER. 2 Bde. 2002

SW 10: Kirche in den Herausforderungen der Zeit : Studien zur Ekklesiologie

und zur kirchlichen Existenz / Bearbeitet von Josef HEISLBETZ und Albert

RAFFELT. 2003

SW 18: Leiblichkeit der Gnade : Schriften zur Sakramentenlehre / Bearbeitet

von Wendelin KNOCH und Tobias TRAPPE. 2003

38 Karl RAHNER: Sämtliche Werke. Freiburg : Herder, 1995- , im folgenden als SW zitiert.

39 S. 33-52.

23


SW 9: Maria, Mutter des Herrn : Mariologische Studien / Bearbeitet von Regina

Pacis MAYER. 2004

SW 12: Menschsein und Menschwerdung Gottes : Studien zur Grundlegung

der Dogmatik, zur Christologie, theologischen Anthropologie und

Eschatologie / Bearbeitet von Herbert VORGRIMLER. 2005

SW 11: Mensch und Sünde : Schriften zu Geschichte und Theologie der Buße

/ Bearbeitet von Dorothea SATTLER. 2005

SW 16: Kirchliche Erneuerung : Studien zur Pastoraltheologie und zur Struktur

der Kirche / Bearbeitet von Albert RAFFELT. 2005

SW 13: Ignatianischer Geist : Schriften zu den Exerzitien und zur Spiritualität

des Ordensgründers / Bearbeitet von Andreas R. BATLOGG SJ, Johannes

HERZGSELL SJ und Stefan KIECHLE SJ. 2006

SW 14: Christliches Leben : Aufsätze – Betrachtungen – Predigten / Bearbeitet

von Herbert VORGRIMLER. 2006

SW 23: Glaube im Alltag : Schriften zur Spiritualität und zum christlichen Lebensvollzug

/ Bearbeitet von Albert RAFFELT. 2006

SW 29: Geistliche Schriften : Späte Beiträge zur Praxis des Glaubens / Bearbeitet

von Herbert VORGRIMLER. 2007

SW 6/1: De paenitentia : Dogmatische Vorlesungen zum Bußsakrament / Bearbeitet

von Dorothea SATTLER. 1. Teilband. 2007

SW 31: Im Gespräch über Kirche und Gesellschaft : Interviews und Stellungnahmen

/ Bearbeitet von Albert RAFFELT. 2007

SW 25: Erneuerung des Ordenslebens : Zeugnis für Kirche und Welt / Bearbeitet

von Andreas R. BATLOGG SJ. 2008

SW 22/2: Dogmatik nach dem Konzil. Teilband 2: Theologische Anthropologie

und Eschatologie / Bearbeitet von Albert RAFFELT. 2008

SW 30: Anstöße systematischer Theologie : Beiträge zur Fundamentaltheologie

und Dogmatik / Bearbeitet von Karsten KREUTZER und Albert

RAFFELT. 2009

SW 6/2: De paenitentia : Dogmatische Vorlesungen zum Bußsakrament / Bearbeitet

von Dorothea SATTLER. 2. Teilband. 2009

SW 20: Priesterliche Existenz : Beiträge zum Amt in der Kirche / Bearbeitet

von Andreas R. BATLOGG SJ und Albert RAFFELT. 2010

24


2. Bisher erschienene Bände in der Reihenfolge der Ausgaben

zählung


SW 2: Geist in Welt : Philosophische Schriften. 1996

SW 3: Spiritualität und Theologie der Kirchenväter. 1999

SW 4: Hörer des Wortes : Schriften zur Religionsphilosophie und zur Grundlegung

der Theologie. 1997


SW 6/1: De paenitentia : Dogmatische Vorlesungen zum Bußsakrament. 1.

Teilband. 2007

SW 6/2: De paenitentia : Dogmatische Vorlesungen zum 2. Teilband. 2009


SW 8: Der Mensch in der Schöpfung. 1998

SW 9: Maria, Mutter des Herrn : Mariologische Studien. 2004

SW 10: Kirche in den Herausforderungen der Zeit : Studien zur Ekklesiologie

und zur kirchlichen Existenz. 2003

SW 11: Mensch und Sünde : Schriften zu Geschichte und Theologie der Buße.

2005

SW 12: Menschsein und Menschwerdung Gottes : Studien zur Grundlegung

der Dogmatik, zur Christologie, theologischen Anthropologie und

Eschatologie. 2005

SW 13: Ignatianischer Geist : Schriften zu den Exerzitien und zur Spiritualität

des Ordensgründers. 2006

SW 14: Christliches Leben : Aufsätze – Betrachtungen – Predigten. 2006

SW 15: Verantwortung der Theologie : Im Dialog mit Naturwissenschaften

und Gesellschaftstheorie. 2002

SW 16: Kirchliche Erneuerung : Studien zur Pastoraltheologie und zur Struktur

der Kirche. 2005

SW 17: Enzyklopädische Theologie : Lexikonbeiträge 1956-1973. 2 Bde.

2002

SW 18: Leiblichkeit der Gnade : Schriften zur Sakramentenlehre. 2003

SW 19: Selbstvollzug der Kirche : Ekklesiologische Grundlegung praktischer

Theologie. 1995

SW 20: Priesterliche Existenz : Beiträge zum Amt in der Kirche. 2010



SW 22/2: Dogmatik nach dem Konzil. Teilband 2: Theologische Anthropologie

und Eschatologie. 2008

SW 23: Glaube im Alltag : Schriften zur Spiritualität und zum christlichen Lebensvollzug.

2006


SW 25: Erneuerung des Ordenslebens : Zeugnis für Kirche und Welt. 2008

25


SW 26: Grundkurs des Glaubens : Studien zum Begriff des Christentum.

1999

SW 27: Einheit in Vielfalt : Schriften zur ökumenischen Theologie. 2002


SW 29: Geistliche Schriften : Späte Beiträge zur Praxis des Glaubens. 2007

SW 30: Anstöße systematischer Theologie : Beiträge zur Fundamentaltheologie

und Dogmatik. 2009

SW 31: Im Gespräch über Kirche und Gesellschaft : Interviews und Stellungnahmen.

2007


26


3. Seit der Übersicht in der Rahner Lecture 2009 erschienene

und in Arbeit befindliche, für 2010 vorgesehene Bände

SW 6/2: De paenitentia : Dogmatische Vorlesungen zum Bußsakrament / Bearbeitet

von Dorothea SATTLER. 2. Teilband. 2009

Nachdem der erste Teilband der Edition des Rahnerschen Bußcodex schon 2007

erschienen war, zog sich die Edition des lateinischen (Haupt-)Teils der Vorlesung

noch bis 2009 hin. Die Bearbeiterin schreibt im Editionsbericht: „Karl Rahner selbst

hat – wohl nicht ohne eine gewisse Freude an dieser Tatsache – rückblickend auf

sein Gesamtwerk darauf aufmerksam gemacht, daß seine Schriften zur Geschichte

und Theologie der Buße weit umfangreicher geraten sind, als dies in der Zeit

seiner universitären Tätigkeit im Kollegenkreis sonst üblich war. In besonders

intensiver Weise hat sich Rahner mit Fragen der historischen Entwicklung des

Sakramentes der Versöhnung befaßt. Dieses Faktum spiegelt sich in der

Grundanlage der Edition der „Sämtlichen Werke“ von Karl Rahner (SW): Zwei der

drei nun gedruckt vorliegenden Bände bzw. Teilbände (SW 11 und SW 6/1)

enthalten vor allem die bußgeschichtlichen Studien von Rahner. Seine

bußtheologischen Erkenntnisse, die er selbst immer in enger Rückbindung an

seine historischen Forschungen gewonnen hat, sind in dem vorliegenden Teilband

SW 6/2 erstmals in den von Rahner selbst hergestellten größeren

Zusammenhängen nachzulesen. Wer systematisch-theologische Interessen hat,

wird daher gerade diesem Band besondere Aufmerksamkeit schenken“ (S. XIX).

Nimmt man noch den in Band 20, Priesterliche Existenz, veröffentlichten Text zur

Priesterbeichte hinzu (er ist in dem Sammelband „Knechte Christi“ von Rahner

publiziert und daher in diesem Kontext belassen worden, allerdings ergänzt um die

frühe „Originalfassung“ aus den 40er Jahren), so liegen jetzt alle

bußgeschichtlichen und bußtheologischen Texte Rahners in der Ausgabe der

Sämtlichen Werke vor.

SW 20: Priesterliche Existenz : Beiträge zum Amt in der Kirche / Bearbeitet

von Andreas R. BATLOGG und Albert RAFFELT. 2010

Die Zusammenstellung eines eigenen Bandes zum Thema „Priesterliche Existenz“

in den „Sämtlichen Werken“ Karl Rahners lag nicht unbedingt nahe. An der Universität

Innsbruck (1937 bis 1939 und 1948 bis 1963) hatte sich Rahner in einen dreijährigen,

an den „Institutionen Theologische Dogmatische“ von Ludwig Larcher SJ

(1864–1937) orientierten Vorlesungszyklus einzufügen, der den gesamten Lehr-

27


stoff in Form von (lateinischen) Traktaten vortrug 40 . Im SS 1952 hat er Vorlesungen

über das Weihesakrament gehalten (nach dem Vorlesungsverzeichnis: „Theologia

dogmatica cursus maioris: De paenitentia; De extrema unctione; De ordine“).

Das erhaltenen Thesenpapier faßt allerdings nur den schultheologischen „Merkstoff“

mit Belegestellen, Erläuterung der Begrifflichkeit usw. zusammen. Es wurde

aus diesem Grund auch nicht in die SW 20 aufgenommen. Umfassender hat sich

Rahner jedoch zum einen mit den Amtsstrukturen und ihrer existentiellen Seite beschäftigt,

zum anderen seit dem frühen Aufsatz „Weihe des Laien zur Seelsorge“ 41

auch oftmals die Frage nach der christlichen

Existenz und ihrem Bezug zu Zeugnis

und Seelsorge, zum allgemeinen Priestertum

aller Gläubigen und verwandten

Themenbereichen in größerem Kontext

behandelt. Als Legitimation für eine Herausheben

des Themas in einem eigenen

Band der Ausgabe bleibt die Tatsache,

daß er kurz nach dem Konzil mit der

Sammlung „Knechte Christi“ (1967) einen

seiner wenigen wirklich thematisch durchgestalteten

Aufsatzbände vorgelegt hat,

der somit in der Ausgabe wie eine Monographie

zu behandeln war. Das von Papst

Benedikt XVI. ausgerufene Jahr des Priesters

(Annus sacerdotalis) 2009/2010 bot

zudem einen Anlaß, Rahners Arbeiten zur

Thematik auch in diesen Zusammenhang

zu stellen.

Der Band SW 20 ist insofern von besonderem

Interesse, als er das weite Spektrum

des Engagements Karl Rahners in

diesem Zusammenhang zeigt. Die

Sammlung „Knechte Christi“ umspannt in ihren einzelnen Aufsätzen den Zeitraum

von Beginn der vierziger Jahre bis zur Nachkonzilszeit. Entsprechend weit ist das

Spektrum dieses Bandes. Es zeigt Rahner ganz verankert in der Tradition. Die

sprachliche Breite reicht von meditativen Auslegungen der Weiheliturgie über

bibelsprachlich geprägte Betrachtungen bis hin zu Überlegungen zur Praxis der

Priesterbeichte, die die auch kirchenrechtliche und praktische Fragen einbeziehen.

Rahners Engagement endet damit aber nicht. Zum einen engagiert er sich in der

für das kirchliche Amt kritischen Zeit nach dem Konzil mit ihren Bestreitungen von

verschiedener Seite für eine gründliche und ausreichend Amtstheologie durch

eigene Beiträge, aber auch durch wissenschaftsorganisatorisches Engagement –

etwa in der Zeitschrift „Concilium“.

40 Vgl. Andreas R. BATLOGG: Karl Rahner in Innsbruck. Aus der Wissenschaftsgeschichte

eines Jesuitengelehrten zugleich ein Stück Fakultätsgeschichte. In: Zeitschrift für katholische

Theologie 129 (2007), S. 397–422, bes. 405f.

41 Zeitschrift für Aszese und Mystik 11 (1936), S. 21-34 bzw. STh 3, S. 313-328.

28


Zum anderen liegen die kritischen Punkte der Lebensform und Stellung der

Priester in seinem Interessenprofil. So zeigt sein bekannter und viel diskutierter

Brief über den Zölibat seine Sorge, daß der priesterliche Beruf zu sehr

verbürgerlichen könne und zu wenig Zeugnis für den Glauben an das ewige Leben

gebe. Anderseits tritt er für eine kritische Prüfung des gesamten

Problemkomplexes ein und wird hier auch wieder organisatorisch tätig, indem er

eine Petition von Theologen der Glaubenskommission an die Deutsche

Bischofskonferenz verfaßt, zu deren Unterzeichnern damals auch Joseph

Ratzinger, Walter Kasper und Karl Lehmann – als Mitorganisator – gehörten. Die

dort geäußerten Fragen – die keine Festlegung auf eine gemeinsame Stellung zur

Zölibatsfrage bedeuteten – sind auch heute wieder aktuell, wo die Zölibats-Frage

aus anderen Gründen wieder intensiv diskutiert wird.

Ein dritter Bereich ist das damals neue Phänomen der Priestergruppen, die sich

ohne „amtliche“ Legitimation als Diskussionsforen und Interessenvertretungen

bildeten. Rahner hatte keine Berührungsangst, unterstützte Bemühungen, die ihm

sinnvoll erschienen, kritisierte aber ebenso deutlich Dinge, die ihm nicht

ausgewogen oder ungenügend begründet waren. Er hat so sicher beigetragen zur

Entwicklung eines unbefangeneren Verhältnisses des kirchlichen Amtes auf

diözesaner Ebene zu kritischen Tendenzen und Diskussionen im Diözesanklerus,

das man heute gegenüber der Vor- und Konzilszeit ganz sicher beobachten kann.

Zu den aktuellen Stellungnahme kommt eine nur durch Einzelzeugnisse – zum Teil

eher zufälliger Art – belegte Begleitung von Priester auf den verschiedenen

Stadien ihres Weges.

SW 22/1: Dogmatik nach dem Konzil. Band 1: Arbeiten zur Grundlegung der

Theologie, zur Gotteslehre und Christologie aus der Nachkonzilszeit /

Bearbeitet von Michael HAUBER und Peter WALTER. Vorgesehen für

2010

Die umfangreiche Produktion systematisch-theologischer Texte Rahners nach dem

Konzil – sicher auch mitbewirkt durch die Tatsache, daß er seit seiner Münchener

Zeit erstmals einen offiziellen qualifizierten und ausreichenden Mitarbeiterstab an

seinem Lehrstuhl zur Verfügung hatte – belegt eindrucksvoll die denkerische Kraft

Karl Rahners auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit und auch seiner

internationalen Anerkennung als führender deutschsprachiger Theologe. Die

Quantität dieser Arbeiten machen eine Aufteilung des Bandes nötig. Der Band 2

erschien bereits 2008. Er enthält die Texte zur theologischen Anthropologie, zur

Protologie und Eschatologie, zur Heilsfrage der Nichtchristen, zur Ekklesiologie

und zur Situation der Theologie. Zu letztem kommen noch die kritischen

Diskussionen um einzelne Theologen, darunter die Diskussion, die Rahner mit

Hans Küng führt oder seine Verteidigung von Edward Schillebeeckx (1914-2009).

Der erste Teilband umfaßt nun die Komplexe Grundlegung der Theologie,

Gotteslehre und Christologie. Darunter sind die großen z.T. mit Karl Lehmann

zusammen verfaßten Artikel aus der Dogmatik „Mysterium salutis“ einmal zur

Frage der Dogmenhermeneutik, in dem damals die Diskussionen des

Jahrhundertanfangs (Maurice Blondel, Alfred Loisy, Modernismus) gegenüber der

29


vorher häufig rein negativ apologetischen Behandlung wohl erstmals im Lehrbuchzusammenhang

differenziert aufgenommen wurden. Fast monographischen

Charakter hat die Darstellung der Trinitätslehre – im angelsächsischen

Sprachraum ist sie auch als Monographie erschienen. Sie war außerordentlich

einflußreich auch über die katholische Theologie hinaus, wobei manchmal etwas

zu wenig bedacht wurde, daß sie in einem Zusammenhang publiziert wurde, der

die historische dogmengeschichtliche Darstellung anderen Autoren überließ, so

daß man Rahners Text nicht als abgelöste „Spekulation“ interpretieren darf (die

oben genannte Bußgeschichte zeigt, daß Rahner ein sehr großes dogmengeschichtliches

Interesse hat).

Schließlich sind die christologischen Arbeiten der Nachkonzilsphase enthalten. Die

bekannten früheren großen Texte zur Christologie sind bereits in SW 12 publiziert

wurden (der Text zum Chalcedon-Jubiläum von 1954, das Nachdenken über die

Bedeutung von „Menschwerdung Gottes“, die Frage nach der bleibenden Bedeutung

der Menschheit Jesu für unser Gottesverhältnis etc.). In der Nachkonzilszeit

suchte Rahner das Gespräch mit der Exegese, wie in der gemeinsamen

Vorlesung mit dem Münsteraner Neutestamentler Wilhelm Thüsing (1921-1998),

und bemühte sich besonders um Verständniszugänge zur Christologie in Form

einer „Christologie von unten“, die auf die anthropologischen Voraussetzungen

zum Verständnis der Kernaussagen der Christologie der Konzilien (Chalkedon)

reflektierte und so zum einen einen Erfahrungsboden für die Christologie zu

skizzieren suchte, anderseits die „steilen“ Spitzensätze der Christologie so

verständlich zu machen suchte, daß sie nicht als leere Mythologie erscheinen

sondern einen nachvollziehbaren Sinn haben.

Interessant aus heutiger Sicht ist auch, daß sich Rahner in diesem Kontext schon

in den Nachkonzilsjahren auch dem Gespräch mit den anderen Religionen öffnete.

SW 28: Christentum in Gesellschaft : Schriften zu Kirchenfragen, zur Jugend

und zur christlichen Weltgestaltung / Bearbeitet von Andreas R. BAT-

LOGG – Walter SCHMOLLY. Vorgesehen für 2010

Die Texte dieses Bandes zeigen Rahner als kritischen Beobachter und Analytiker

der Situation der Kirche – aber auch der Gesellschaft in der Bundesrepublik

Deutschland – in den 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie

reichen von Überlegungen über die Institutionalität der Kirche bzw. über konkrete

Kirchenstrukturen bis hin zur ethischen Frage nach dem Verhältnis des Christen zu

den Kernwaffen, die in der letzte Phase der Ost-West-Konfliktkonstellation

nochmals besonders bedrohliche Ausmaße annahm (und ja auch heute noch nicht

gelöst ist).

Der von Rahner geforderte „Tutiorismus des Wagnisses“ zeigt sich in seiner Nähe

zu kirchlichen Aufbruchsbewegungen wie der lateinamerikanischen

Befreiungstheologie mit ihrer Option für die Armen. Auch wenn er seine Skepsis

gegenüber unangebrachten Heilserwartungen ausdrückte, suchte er doch immer

die produktiven Anstöße aufzunehmen und für die Vertreter dieser Theologie auch

30


einen innerkirchlichen Freiraum zu sichern.

In der Zeit nach seiner Emeritierung hat Rahner – durch Anstöße von

Ordensmitbrüdern – sich (für viele überraschend) relativ umfangreich auch mit

Fragen der Jugend und Jugendpastoral beschäftigt. Die Texte werden hier

gesammelt vorgelegt. Sie zeigen eine ganz neue Facette Rahners – jedenfalls für

die Öffentlichkeit. Die Unbefangenheit gegenüber ihm fremden

Lebenswirklichkeiten und die Offenheit für Neues zeigen sich auch in diesen

Texten.

SW 24: Das Konzil in der Ortskirche / Bearbeitet von Ulrich RUH und Albert

RAFFELT. Vorgesehen für 2010/2011

Der Band 24 ist mit dem vorgenannten Band SW 28 verzahnt, insofern beide die

Thematik kirchlicher Erneuerung auf vielen Gebieten und das pastorale Interesse

Karl Rahners dokumentieren, das weit über die direkten pastoraltheologischen

Arbeiten (zum Gutteil in SW 19) hinausgeht. Allerdings finden sich auch noch

Texte, die in den Komplex der Arbeiten zur praktischen Theologie – wie Rahner

gegenüber „Pastoraltheologie“ zu sagen bevorzugt – parallel zu den Texten aus

SW 19 gehören, etwa der Aufsatz über die Bedeutung der kirchlichen Sozialarbeit

oder die Texte, die aufgrund seiner Funktion als Kodirektor der Sektion

Pastoraltheologie der Zeitschrift „Concilium“ entstanden sind.

Der Band enthält zum einen grundsätzliche Beiträge, die „Die Antwort der

Theologen“ – wie ein Aufsatzband von damals heißt – auf die drängende Fragen

der nachkonziliaren Kirche zu formulieren suchen. Rahner sucht dabei eine bloße

„Binnenoptik“ zu vermeiden und drängt darauf, die Situation der säkularen

„mündigen“ Welt Ernst zu nehmen und einer Selbstverschließung in einem

kirchlichen kulturellen und geistigen Getto zu wehren. Grundlegende Aufsätze

thematisieren das Problem der Säkularisierung, des Dialogs, der Toleranz, aber

auch in die damals aktuellen Diskussionen – etwa zu Fragen einer

Demokratisierung von Kirchenstrukturen – greift er differenzierend und wenn es

sein muß auch ganz konkret und detailliert ein (etwa zur Frage der Bedeutung von

Hochschulgemeinden im damaligen Streit um deren Ausrichtung).

Einen eigenen Komplex bildet die die Synoden-Thematik, der Rahner nach dem

Konzil schon einen grundsätzlichen Artikel widmete. Erste damals umstrittene

Realisierungen, wie die Meißener Bistumssynode von 1969-1971 – die heutige

Kirchenführer wie Joseph Ratzinger und Walter Kasper damals positiv beurteilten

und für die auch Rahner ein ebenfalls positives, hier abgedrucktes Gutachten

erstellte – sind heute schon wieder vergessen. Zentral ist aber die „Synode der

Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“, die von 1971 bis 1975 in Würzburg

tagte. Sie hatte die erklärte Aufgabe, „in ihrem Bereich die Verwirklichung der

Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu fördern“ (Statut § 1 42). Karl

42 Vgl. zur Synodendokumentation vor allem die von Karl LEHMANN organisierte zweibändige

auch durch die Beigaben äußerst informative Ausgabe: Gemeinsame Synode der

31


Rahner war Mitglied der Zentralkommission der Synode und der Sachkommission

I: Glaubenssituation und Verkündigung. Neben kleineren anlaßbezogenen

Texten hat Karl Rahner vor allem aber durch die eigene, die Grundthemen einer

kirchlichen Erneuerung reflektierende Monographie „Strukturwandel der Kirche als

Aufgabe und Chance“ (1972) die Diskussionen der Synode und die kirchliche

Öffentlichkeit beinflußt. Die Themen unter den großen Überschriften „Wo stehen

wir? Was sollen wir tun? Wie kann eine Kirche der Zukunft gedacht werden?“ lesen

sich immer noch so, als seien sie für die aktuelle Situation geschrieben:

enklerikalisierte Kirche, dienend besorgte Kirche, Moral ohne Moralisieren, Kirche

der offenen Türen, Kirche der konkreten Weisungen, Kirche wirklicher Spiritualität,

ökumenische Kirche, Kirche von der Basis her, demokratisierte Kirche,

gesellschaftskritische Kirche, auch wenn man dem Band einen Schuß Utopie

attestieren mag, die aber durch vorsichtige Selbstkritik relativiert bleibt und auch

wenn man die großen Ziele – etwa der Gesellschaftskritik – immer am eigenen

Versagen messen muß, wie gerade die aktuellen Probleme der katholischen

Kirche in der Bundesrepublik Deutschland deutlich machen. Die Impulse der

Synode – etwa die neue Sprache des Synoden-Dokuments „Unsere Hoffnung“ –

bleiben aktuell. Viele der konkret diskutierten Probleme sind weiterhin

kirchenamtlich nicht gelöst – etwa die Pastoral für wiederverheiratete

Geschiedene, für die Joseph Ratzinger – hier von Rahner auch zitiert – gute

Vorschläge gemacht hatte 43 , die in ihrer konkreten Form in dem bekannten

Hirtenbrief der oberrheinischen Bischöfe 44 von ihm in amtlicher römischer Funktion

aber desavouiert wurden; andere – viri probati oder die von Rom revozierte

Laienpredigt – bleiben auch heute noch Desiderate.

Auch die Diskussion um die Enzyklika Papst Pauls VI. „Humani generis“ gehört in

diesen Kontext. Rahner hat sich in sehr besonnener Weise in diese Diskussion

eingeschaltet und für die Ernsthaftigkeit im Umgang mit diesem päpstlichen

Dokument geworben, über das sich in der Öffentlichkeit Hohn und Spott

ausgossen hatte. Zugleich hat er aber auch die Problematik des Umgangs mit

Äußerungen der kirchlichen Lehrautorität, die keine definitive Klärung darstellen

(können), also „reformable“ Lehren sind, differenziert für die Betroffenen – hier die

Bischöfe, die Moraltheologen, die Priester und die Eheleute – dargestellt.

Die „aktuellen“ Themen sind damit nicht erschöpft. Die kritischen Äußerungen zum

römischen Zentralismus und Juridismus des großen Kardinals Leo Suenens (1904-

1996) – den Rahner verteidigte – sind noch nicht in allem abgegolten, so sehr man

auch sehen muß, was bislang doch schon erreicht werden konnte.

Wenn gelegentlich schon geäußert wurde, daß das Werk Karl Rahners – etwa

Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Offizielle Gesamtausgabe. 2 Bde. Freiburg

i.Br. : Herder, 1976/77.

43 Vgl. Joseph RATZINGER: Zur Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe : Bemerkungen

zum dogmengeschichtlichen Befund und zu seiner gegenwärtigen Bedeutung. In: Franz

HENRICH ; Volker EID (Hrsg.): Ehe und Ehescheidung : Diskussion unter Christen. München

: Kösel, 1971 (Münchener Akademie-Schriften ; 59), S. 35-56.

44 Zur seelsorglichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen

und wiederverheirateten Geschiedenen : Einführung, Hirtenwort und Grundsätze / DIE

BISCHÖFE DER OBERRHEINISCHEN KIRCHENPROVINZ. Freiburg i. Br. ; Mainz ; Rottenburg-

Stuttgart : Bischöfliche Ordinariate der Oberrheinischen Kirchenprovinz, 1993.

32


verglichen mit dem wie ein erratischer Block dastehenden Opus Hans Urs von

Balthasars – so zeitbezogen sei, daß es wohl auch schneller altern werde, so ist

erstaunlich, wie nach über dreißig Jahren gerade die hier enthaltenen sehr stark

anlaßbezogenen Beiträge aktuell sind. Der Kenner der Rahnerschen Theologie

wünschte sicher eher, daß diese „abgegolten“ wären und der historischen

Forschung überlassen werden könnten. Die großen theologischen Ausarbeitungen

und Anstöße Rahners haben eine andere Aktualität, über die hier nicht zu reden

ist. Der oben genannte Band SW 22/1 wird das wieder deutlich machen.

33


4. Planung der fehlenden Bände

Mit Stand Frühjahr 2010 und unter Einschluß der drei oben genannten in

Bearbeitung befindlichen Bände fehlen noch die folgenden fünf Nummern in der

Ausgabe, wobei noch nicht abzusehen ist, ob der eine oder andere Band noch

geteilt werden muß.

SW 1: Frühschriften, unpublizierte Dokumente aus der Anfangszeit im Orden

und erste Publikationen Rahners

Außer der „Erstveröffentlichung“ Karl Rahners von 1925 „Warum uns das Beten

nottut“, den frühen patristischen Arbeiten von 1932-1934, die nach der

Entscheidung des damaligen Bearbeiters nicht in SW 3 aufgenommen worden

sind, der eigentlich die publizierten patrologischen Arbeiten Rahners sammelt, und

einigen wenigen weiteren bereits publizierten Texten aus der ersten Phase des

Rahnerschen Werks enthält dieser Band nur unveröffentlichte Arbeiten.

Darunter sind Texte, die in der Rahner-Forschung durchaus schon zur Kenntnis

genommen und in Dissertationen behandelt worden sind, die aber der

wissenschaftlichen Öffentlichkeit bislang nicht direkt zugänglich waren. U.a. gehört

die Festschrift der beiden Rahner-Brüder Hugo und Karl zum 60. Geburtstag ihres

Vaters 1928 („Sacra Hisoria“), dazu ferner akademische Arbeiten Karl Rahners die

z.B. für seinen philosophsichen Werdegang aufschlußreich sind und

gewissermaßen in die Vorgeschichte von SW 2 gehören.

SW 5: Die Gnadenvorlesung und gnadentheologische Studien aus den frühen

Werkphasen

Die Gnadenlehre ist das theologische Zentrum des Rahnerschen Schaffens. Von

daher wäre eine frühere Publikation des großen Gnaden-Traktats und der

sonstigen Studien aus rezeptionstechnischen Gründen für die Gesamtausgabe

sinnvoll gewesen. Dies ließ sich aber leider nicht realisieren, so daß der Band eher

der Schlußstein der Gesamtausgabe werden wird, der das ganze Gewölbe der

Rahnerschen Theologie zusammenhält.

Neben der Vorlesung, die als hektographierter Codex einschlägigen Interessenten

durchaus zugänglich war, aber eben nicht in einer Buchpublikation vorlagen,

enthält der Band auch frühe Aufsätze, die in der Rezeption eher vergessen worden

sind – etwa zu Augustinus und dem Semipelagianismus –, aber auch Rahners

differenziertes Eingreifen in die Diskussion um die von der Enzyklika „Humani

generis“ zensierte „nouvelle théologie“, die von beiden Seiten nicht immer positiv

gesehen wurde, aber Rahners Bemühen um eine sachliche – kritische und

34


selbstkritische – Diskussion solcher „Reizthemen“ zeigt. Sein

Vermittlungsvorschlag hat u.E. große theologiegeschichtliche Bedeutung.

SW 7: Geistliche Schriften bis zu Beginn der 50 er Jahre

Die geistlichen Schriften der ersten und der frühen zweiten Werkphase Rahners –

dies geht der Publikationsform nach ineinander, da Sammlungen wie etwa „Kleines

Kirchenjahr“ nicht in getrennte Bände zerlegt werden sollten – sind ebenfalls

Zentralstücke des Rahnerschen Werke. Die Gebetssammlung „Worte ins

Schweigen“ (1938) steht neben den frühen philosophischen Arbeiten Rahners und

zeigt, wie sich bei ihm Denken und Gebet zu einer existentiellen Einheit verbinden.

Die Predigten „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ (1949) aus der

Nachkriegszeit sind heute schon ein Klassiker der geistlichen Literatur. Rahner hat

hier theologisch, aber auch literarisch eine immer wieder beeindruckende

Synthese der Gebetstheologie vorgelegt. „Heilige Stunde und Passionsandacht“

(1949) zeigt Rahner u.a. als Autor traditioneller „volksliturgischer“ Gebete. So ist

die Spannbreite in diesen Texten sehr groß. Theoretische Texte zu Fragen des

geistlichen Lebens und so originelle Versuche wie das „Geistliche Abendgespräch

über den Schlaf, das Gebet und andere Dinge“ zwischen einem Arzt und einem

Pfarrer sind ebenso im Repertoire dieses Bandes enthalten.

SW 21: Texte zum Zweiten Vatikanischen Konzil

Rahner hat seine Rolle auf dem Konzil immer wieder in großer Bescheidenheit

dargestellt: „Verzeihen Sie mir, aber man darf nicht einfachhin sagen, ich hätte

irgendeinen großen Einfluß auf das Konzil gehabt. Etwas in dieser Weise zu

behaupten, ist einfach nicht wahr. Es gab so viele periti und Mitarbeiter am Konzil,

daß von niemandem, außer dem Papst selbst und den Vorsitzenden, gesagt

werden kann, er hätte das Konzil in irgendeiner bedeutenden Weise beeinflußt“

(SW 31, S. 23). Dennoch ist er natürlich einer der großen Konzilstheologen

gewesen, der sich der Kärrnerarbeit, die ein solches Ereignis erfordert, hingegeben

hat. Deshalb wird man die einzelnen Spuren seines Einflusses auch nicht mehr

immer nachverfolgen werden können. Aber auch die Publikationen Rahners im

Umkreis des Konzils – von der eher skeptischen Erwartung über die

programmatische Rede beim österreichischen Katholikentag 1962 „Löscht den

Geist nicht aus“ bis zu dem Festvortrag nach Abschluß des Konzils „Das Konzil –

ein neuer Beginn“ mit seinen eindrücklichen Bildern über den Ertrag des Konzils 45

45 „Man muß eine Tonne Pechblende schürfen, um 0,14 Gramm Radium zu gewinnen und

doch lohnt es sich. Alles kirchliche Tun als solches in Regieren, Reden, Theologisieren,

Reformieren, in Unterricht und in Selbstbehauptung inmitten der heutigen Gesellschaft

ist mit all dem riesigen Apparat, Aufwand und Betrieb, die dabei unvermeidlich sind, nur

so etwas wie die Förderung von ungeheuren Mengen Pechblende, damit in unserem

35


ieten nicht nur historisches Material, sondern lassen dieses Hoffnungs-Ereignis

der neueren Kirchengeschichte mit seiner ungeheuren Resonanz auch über die

katholische Kirche hinaus noch einem lebendig und seine theologische Kraft

deutlich werden: „Der Katholik muß die Kirche erfahren und erleben als den

‘Vortrupp’, das sakramentale Zeichen, die geschichtliche Greifbarkeit einer

Heilsgnade, die weiter als die soziologisch faßbare, die ‘sichtbare’ Kirche greift,

einer anonymen Christlichkeit, die ‘außerhalb’ der Kirche noch nicht zu sich selbst

gekommen ist, ‘drinnen’ in der Kirche aber ‘bei sich’ ist“ – und im schönen Bild:

„Das Morgenlicht auf den Bergen ist der Anfang des Tages in den Tälern, nicht der

Tag oben, der die Nacht unten richtet.“ (STh 8, S. 341 und 343.

SW 32: Ergänzungs- und Registerband; Bibliographie

Eine Problematik der Edition der „Sämtlichen Werke“ Karl Rahners bestand darin,

daß beim Start des Unternehmens keine kritische Bibliographie des Gesamtwerks

vorlag und diese auch nicht während der Planungsphase geschaffen werden konnte.

So mußte aus der Überarbeitung der von Rahner und seinen Mitarbeitern zeitlebens

geführten Bibliographie, die seit 1964 auch in mehreren Stufen gedruckt

vorgelegt wurde, in den letzten Jahren aber weniger korrekt geführt worden war,

eine Arbeitsgrundlage geschaffen werden, die die konkrete Bandplanung ermöglichen

konnte. Diese wurde in den aktuellen Stufen auch jeweils im Internet über die

Rahner-Seiten der Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau zugänglich gemacht

.

Nach Abschluß der Ausgabe sollte die dann an den Texten geprüfte Form auch in

die Ausgabe übernommen werden. Dies hat vor allem die Funktion, das so schwer

überschaubare Rahnersche Werk in der Ausgabe in allen Abdrucken wiederfindbar

zu machen. Gleichzeitig wird es aber nötig sein, die Bibliographie auch als systematische

Werkübersicht anzulegen. Für die Gestaltung der Ausgabe war dies 1989

in vorläufiger Form – zum Teil nach den Titeln ohne Autopsie – versucht und bald

darauf auch im Internet zugänglich gemacht worden. Eine Überarbeitung nach Autopsie

der Titel wird auch hier einen neuen Stand der Durchsichtigkeit des Werkes

ermöglichen.

Beides wird aber weiterhin parallel in Form einer Datenbank weitergeführt werden.

Für die Sekundärliteratur ist dies schon gegenüber der bisherigen Darbietung in

Form von html-Listen durchgeführt worden, wenngleich die Darbietungsform noch

verbessert werden wird.

Der Band 32 wird ferner zugleich die Register der Gesamtausgabe in kumulierter,

durchgesehener und vereinheitlichter Form enthalten.

Schließlich werden auch einige Texte in Form von Nachträgen zu den 31 Textbänden

dargestellt werden müssen, zum Teil wegen der geänderten und verbesserten

Editionspraktiken, zum Teil, weil einige periphere Texte in der Ausgabe nicht an

Ort und Stelle zur Verfügung standen.

Herzen – und da letztlich allein – ein klein wenig Radium von Glaube, Hoffnung und

Liebe gewonnen werde“ (A.a.O. Freiburg 1966, S. 24).

36


Kleine Publikationen.

Karl Rahner als theologischer Wegbegleiter

Andreas R. Batlogg SJ – Albert Raffelt

Die Sorge um das publizistische Werk Karl Rahners nach seinem Tod im Jahre

1984 lag zunächst bei den beteiligten Verlagen. Durch Verlagsübernahme ist der

Verlag Benziger – durch die Publikation der „Schriften zur Theologie“ (16 Bände,

1954-1984) eng mit Rahners Werk verbunden – bereits seit längerem aus dem

Kreis der Rahner-Verlage ausgeschieden 46 . Faktisch ist der Verlag Herder der

Rahner-Verlag, über den die rechtliche Abwicklung von Verlagslizenzen jetzt auch

läuft.

Durch den Anstoß zu einer Rahner-Gesamtausgabe und deren Finanzierung hat

die Karl-Rahner-Stiftung München eine wichtige Entscheidung für die Präsenz des

Werkes Karl Rahners getroffen. Die inzwischen weitgediehene Ausgabe – vgl. den

voranstehenen Artikel – macht erstmals den ganzen Umfang der Aktivitäten Rahners

wirklich deutlich. Die verdienstvollen, aber in manchem auch lückenhaften

und ungenauen Bibliographien, die seit dem 60. Geburtstag Rahners 1964 publiziert

wurden 47 , konnten dies nur bedingt leisten, zumal manche Texte schwer zu

beschaffen sind und auch wichtige unpublizierte Schriften in die Ausgabe aufgenommen

werden konnten.

Die Konzentration auf die Gesamtausgabe hat jedoch mit sich gebracht, daß Rahners

Werk zwar monumental vor allem in Bibliotheken präsent ist, aber für den

praktischen Gebrauch vielfach auf antiquarische Angebote zurückgegriffen werden

muß.

Die zum Jubiläumsjahr – 100. Geburtstag – Rahners wiederaufgelebten Gebete

(Gebete des Lebens) und Predigten (Von der Not und dem Segen des Gebetes)

Rahners 48 oder das Karl-Rahner-Lesebuch 49 sind dabei Ausnahmen, die das Gesamtbild

nicht ändern.

Einzeleditionen waren allerdings durchaus erfolgreich. Das gilt für die in mehreren

Auflagen erschienene neu edierte letzte öffentliche Rede Rahners „Erfahrungen

eines katholischen Theologen“ 50 und in ganz anderer Weise für die theologischen

46 Vgl. den kurzen Aufsatz des früheren Verlagsleiters Oscar BETTSCHART: Schriften zur

Theologie. In: Paul IMHOF – Hubert BIALLOWONS (Hrsg.): Karl Rahner – Bilder eines Lebens.

Zürich : Benziger ; Freiburg i.Br. : Herder, 1985, S. 54-56.

47 Darauf basiert die ergänzte und korrigierte Bibliographie auf den Rahner-Seiten der

Universitätsbibliothek Freiburg i.Br. unter

.

48 Beten mit Karl Rahner. Freiburg ; Basel ; Wien : Herder, 2004.

49 Karl-Rahner-Lesebuch / hrsg. von Karl LEHMANN und Albert RAFFELT. Aktualisierte

Sonderausgabe. Freiburg i. Br. : Herder, 2004. Die erste Ausgabe erschien unter dem

Titel Rechenschaft des Glaubens im Jahre 1979 zum 75. Geburtstag Karl Rahners.

50 Von der Unbegreiflichkeit Gottes. Erfahrungen eines katholischen Theologen / Hrsg.

von Albert RAFFELT. Mit einer Einführung von Karl LEHMANN. Freiburg i.Br. : Herder,

2004.

37


Meditationen „Alltägliche Dinge“, die als bibliophile

Kostbarkeit mit Bildern

von Andreas Felger vorgelegt

wurden 51 .

Der Erfolg solcher Kleinschriften

legte es nahe,

eine Reihe zu initiieren,

die jeweils einen Rahner-Text

in typographisch

ansprechender,

wenn auch nicht eigentlich

bibliophiler Aufmachung,

vorlegt, ihn in

seine historische Umgebung

einordnet und gegebenenfalls

kommentierende Hinwiese zum Inhalt

oder zu seiner Aktualität gibt.

Der Anfang wurde im Jahr 2009 mit dem Bändchen

„Gotteserfahrung heute“ gemacht, das zur ersten Rahner Lecture auch als Textgrundlage

für das anschließende Seminar ausgewählt wurde. Das von Papst Benedikt

XVI. ausgerufene „Jahr des Priesters“ (Annus sacerdotalis) legte es nahe,

auch auf Rahner als Autor in diesem Zusammenhang aufmerksam zu machen. Da

in diesem Jahr auch in der Gesamtausgabe der einschlägige Band „Priesterliche

Existenz“ mit Rahners Texten zu diesem Komplex 52 vorgelegt werden sollte, lag es

nahe, den Einzeltitel nicht aus diesem Komplex zu wählen.

Das im Jahr 2010 erscheinende dritte Heft enthält den Aufsatz Warum läßt uns

Gott leiden? Die Erstveröffentlichung des Textes erschien 1980 in Rahners Meditationsbändchen

Worte vom Kreuz, aufgenommen im gleichen Jahr in seine Schriften

zur Theologie, Bd. 14.

Die drei Publikationen wurden von Karl Kardinal Lehmann eingeleitet und erschienen

mit Nachworten von Andreas R. Batlogg SJ und Albert

Raffelt.

Der Erfolg dieser Kleinschriften zeigt die Aktualität der

Rahnerschen Theologie ein Vierteljahrhundert nach seinem

Tod. Sie können weiterhin Mut zum Glauben und

Anregung zur theologischen Meditation bieten.

Geplant ist, ab 2011 jeweils zwei markante Artikel Rahners

in dieser Aufmachung zu veröffentlichen, da die

Nachfrage – die beiden ersten Bändchen liegen bereits in

zweiter Auflage vor – zeigt, daß Einzeltexte durchaus geschätzt

und auch gelesen werden, abgesehen davon, daß

sie zur Edition „Sämtliche Werke“ hinführen, da diese jeweils

die Textgrundlage bietet. Der Verlag Herder ist den

51 Von der Gnade des Alltags. Meditationen in Wort und Bild / Mit Bildern von Andreas

FELGER. Mit einem Nachwort von Albert RAFFELT. Freiburg i.Br. : Herder, 2006.

52 Sämtliche Werke. Bd. 20. Vgl. zum Inhalt oben S. 27-29.

38


eiden Herausgebern in Person von Dr. Peter Suchla bei der ansprechenden Gestaltung

der Bändchen entgegengekommen, die, wie gesagt, auf breite Resonanz

gestoßen sind. Aus Anlaß einer Privataudienz hat Kardinal Lehmann am 11. September

2009 Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo die Publikation „Der Priester

von heute“ überreicht, die das 14. Kapitel des Rahner-Klassikers „Einübung priesterlicher

Existenz“ darstellt (vgl. das Foto von der Überreichung unter:

).

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