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Johannisburger Heimatbrief 1975 - Familienforschung S c z u k a

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Archiv der Kreisgemeinschaft Johannisburg e.V. - Johannisburger Heimatbrief 1975

Kreis

Johannisburg

Es leuchten tausend Seen

in meinem Heimatland.

Hast du sie je gesehen,

ist liebend dein Herz entbrannt.

JOHANNISBURGER-

HEIMATBRIEF 1975

=====================================

Unser geliebtes Pilchen am Roschsee (1974)

Sahst du sie träumend blauen,

singt ewig davon dein Mund.

Wer in Gottes Augen durft’ schauen,

tut selig dies Wunder kund! Fritz Kudnig

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Archiv der Kreisgemeinschaft Johannisburg e.V. - Johannisburger Heimatbrief 1975

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Archiv der Kreisgemeinschaft Johannisburg e.V. - Johannisburger Heimatbrief 1975

Liebe Johannisburger!

Grüße unseres Patenkreises

Schleswig – Flensburg

Es gehört zu den guten Gewohnheiten Ihrer Kreisgemeinschaft, einmal

im Jahr einen Heimatbrief herauszugeben, der über für Sie wichtige Ereignisse

des vergangenen Jahres berichtet.

Bedeutsam erscheint es mir hierbei, daß mit Geschichten und Abhandlungen

aus der alten Heimat das Bindeglied zwischen den Mitgliedern

der Kreisgemeinschaft aufrechterhalten wird, wobei in den letzten Jahren

auch Berichte über Reisen in Ihre Heimat besonders geeignet erscheinen,

die Erinnerungen wachzuhalten. Als Landrat Ihres neuen Patenkreises

habe ich gerne den langgeübten Brauch übernommen, für Ihren

Heimatbrief ein Grußwort zu schreiben. Dadurch bietet sich mir eine

gute Gelegenheit, die persönlichen Bindungen zwischen Ihrer Kreisgemeinschaft

und dem Kreis Schleswig-Flensburg, der manchen von Ihnen

noch etwas fremd erscheinen mag, zu dokumentieren.

Hierbei darf ich Ihnen mitteilen, daß über einen von Ihnen langgehegten

Wunsch, nämlich eine Heimatstube für den ehemaligen Kreis Johannisburg

einzurichten, vom Kreisausschuß Ihres Patenkreises positiv entschieden

worden ist. Wir werden zusammen mit Ihrem Kreisvorstand in

absehbarer Zeit die näheren Einzelheiten klären. Mit der Einrichtung einer

Heimatstube würde auch ein ideeller Mittelpunkt für die Johannisburger

geschaffen, wie es die Patenschaftsurkunde aus dem Jahre 1954

vorsieht.

Während wir nach wie vor hoffen, daß uns ein dauerhafter Friede beschert

sein möge, müssen wir feststellen, daß in vielen Teilen der Welt

die kriegerischen Auseinandersetzungen nicht abreißen. Immer noch

müssen viele Menschen täglich ihre Heimat verlassen und müssen Hunger

leiden.

Das Schicksal dieser Menschen wird sicher gerade von Ihnen besonders

nach-empfunden. Nach meiner Meinung könnte daher auch eine besondere

Rechtfertigung Ihrer Arbeit darin liegen, mitzuhelfen, das Gewissen

der Umwelt gegen Gewalt und Unrecht aufzurütteln.

Ich möchte dieses Grußwort nicht schließen, ohne der Kreisgemeinschaft

als solcher, aber auch jedem einzelnen von Ihnen, für das kommende

Jahr aufrichtig alles Gute zu wünschen. Ich hoffe sehr, daß Sie von den

wirtschaftlichen Schwierigkeiten,- die nun auch vor unserem Land nicht

halt machen, verschont bleiben mögen.

Mit meinen Wünschen gebe ich der Hoffnung für eine weitere gedeihliche

Zusammenarbeit zwischen der Kreisgemeinschaft Johannisburg und

Ihrem Patenkreis Ausdruck.

gez. Dr. Korthals

Landrat

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Liebe Johannisburger Landsleute!

Auch diesen Heimatbrief begleiten meine Grüße an die Kreisangehörigen. Lassen Sie

darüber hinaus mich über unsere Arbeit berichten.

Das letzte Jahr brachte uns erneut Beweise guter Zusammenarbeit mit unserem Patenkreis,

ohne dessen Mithilfe unsere Arbeit in dieser Form nicht möglich wäre Auch

der zusammengelegte Landkreis Schleswig-Flensburg hat die Patenschaft über die

Kreisgemeinschaft Johannisburg uneingeschränkt übernommen. Hierfür haben wir

besonderen Dank zu sagen Herrn Kreispräsidenten Franzen und Herrn Landrat Dr.

Korthals. Der Dank gilt auch den Angehörigen aller Parteien im neuen Kreistag. In

diesem ist die Frage des Patenschaftsverhältnisses nicht durch den Umstand getrübt

worden, daß wir Heimatvertriebenen der Form und dem Inhalt der Ostpolitik der Bundesregierung

nicht zustimmen konnten. Besonderer Dank gilt auch Herrn Oberamtsrat

Autzen für seine langjährige erfolgreiche Unterstützung bei der Abwicklung der Patenschaft.

Der Kreisausschuß hat ihn zum Ehrenmitglied der Kreisgemeinschaft ernannt.

Im letzten Jahr konnten wiederum vier Kreistreffen durchgeführt werden. Hierbei zeigt

sich eine immer deutlicher werdende Ausbildung des Dortmunder Treffens zum

Haupttreffen. Sorgen macht uns weiterhin das Treffen in Hannover. Die Schwierigkeiten

in der Organisation werden nur durch aktive Mithilfe einiger in der Nähe von Hannover

wohnender Kreisangehöriger behoben werden können. Einige Schülertreffen

haben vielen Landsleuten weiteren Auftrieb gegeben.

Zu beklagen haben wir den Tod vieler verdienter Landsleute. Stellvertretend gedenken

wir des Kreisältesten Carl Bongarts aus Gehlenburg, des Kreisausschußmitglieds

Robert Michalzik aus Kronfelde und unseres Kassenprüfers Heinz Petersdorf aus

Gehlenburg. Ihnen haben wir Dank zu sagen für Ihre Verdienste um die Kreisgemeinschaft.

Meinen Mitarbeitern gilt mein persönlicher Dank für die gute Zusammenarbeit. Trotz

Überlastung eines jeden von uns wollen wir auch die noch ausstehende Arbeit erledigen.

Hierfür bitten wir die Betroffenen um Verständnis und Geduld. Mit den besten

Wünschen für Ihr Wohlergehen und mit heimatlichen Grüßen

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Ihr Gerhard Wippich

Kreisvertreter

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Johannisburg 1974


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Dieser Heimatbrief ist besonders unseren Landsleuten aus Arys und Umgebung gewidmet.

Arys

von Fritz Steiner (von 1935—1945 in Arys)

Nimmer kann ich dich vergessen

Kleine Stadt am Arys-See

Wenn mich die Gedanken fressen

Sei's in Freude oder Weh.

Viele reichbeschenkte Stunden

Hab' ich bei dir zugebracht,

Habe Arbeit dort gefunden

Und die hat mich froh gemacht.

Daran muß ich immer denken

Jetzt in der Erinnerung

Und in diese mich versenken.

Damals war ich ja noch jung.

Und so geht auch heut' mein Sinnen

Zu dir liebe, kleine Stadt,

Die mir ja ein Neubeginnen

Und viel Glück gegeben hat!

Bei dir gab's auch viel zu sehen,

Jeden Tag jahrein, jahraus,

Dort, wo die Kasernen stehen,

Wo man kannte jedes Haus.

Wo man schritt vertraute Straßen,

Wo man Uniformen sah.

Kirche in Arys

(Aufn. 1974)

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Niemals wird bei mir verblassen

„Budda” und „Amerika”.

Mittelpunkt für unser Städtchen

War der Truppen-Übungsplatz

Und gar manches nette Mädchen

Fand so seinen Lebens-Schatz.

Kleinstadtluft, Soldatenstrenge,

Wo ein jeder jeden kannt',

Manchesmal auch eine Enge ...

Dort gab's auch viel Wald und Sand.

Und so lebten wir zufrieden

Unser kleines Erdenglück,

Was uns wurde dort beschieden

Daran denk' ich gern' zurück!

Doch wir mußten dich verlassen.

Das war eine schlimme Zeit!

Wandern unbekannte Straßen:

Flüchtlingselend, Flüchtlingsleid!

Dreißig Jahre sind entschwunden,

Als wir mußten von dir geh'n.

Vieles hat man überwunden.

Es gibt doch kein Wiedersehn!

Fritz Steiner

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Arys

Aryssee — Strandbad Waldfrieden

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Archiv der Kreisgemeinschaft Johannisburg e.V. - Johannisburger Heimatbrief 1975

An der Seufzerbrücke

Marktplatz mit Amtsgericht

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Zum Kirchbild von Arys

(Aus der Johannisburger Chronik)

Am Ende der Ordenszeit (etwa um 1500) noch eine „Tochterkirche” von Eckersberg.

Seit 1539 einen eigenen Pfarrer. Ein verputzter Feldsteinbau aus den ersten achtziger

Jahren des 16. Jahrhunderts. Oberbau des Kirchenschiffes und der an der Westseite

vorgelegte Turm sind in der Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut bzw. erneuert worden.

1872 wurden Turm und Kirche wiederhergestellt und das Gotteshaus ausgemalt. Der

fünfteilige Ostgiebel hat Rundbogenblenden. Im Innern tragen hölzerne Pfeiler mit langen

Unterzügen die flache Holzdecke, die 1937/38 bemalt worden ist. Die Schmuckformen

der Emporenbrüstungen gehören der Mitte des 17. Jahrhunderts an.

Der aus derselben Zeit stammende Altar ist 1766 mit der 1596 aus dem Sechseck geschnitzten

und 1638 reich staffierten Kanzel zum Kanzelaltar vereinigt worden. Die

Tür zur Kanzeltreppe hatte die Inschrift:

„Nachdem Gott der Allmechtige, peter molckern von dieser zergenglichen Welt abgefordert

und zu Königsberg aufm Haberberge begraben liget, hatt er in seinem letzten,

50 Mark geldt zu einer Cantzel in diese Kirche verehret, welche den Forder Clauß Jochen

die Zeit Fischmeister zum Abriß auf seine Unkosten fertigen lasen. Anno 1596”.

Am Fuße der Kanzel steht: „Der woll Edle, veste, manhafte Friedrich Palaski hat

diese Canzel mit seinen Unkosten malen lasen.” Dazwischen ist sein Wappen aufgetragen:

ein Ochsenkopf, darüber F. P. und darunter die Jahreszahl 1638.

Vor 57 Jahren in Arys:

Abfahrt der

letzten Postkutsche

Dieses Foto ist ein Zeitdokument besonderer Art. Es wurde am 6. Mai des Jahres 190x vor

dem damaligen „Kaiserlichen Postamt“, dem späteren Gebäude für die Stadtverwaltung zur

Vertreibung, aufgenommen. Der uns heute unbekannte Fotograf hielt den Augenblick der letzten

Abfahrt der Pferdepost fest. Es begann bei der Post das' Zeitalter des Motors. Der Postillion

hatte auch in Ostpreußen ausgedient. Und der Schall des Posthorns gehört ab diesem

denkwürdigen Tage auf der dreißig Kilometer langen Postkutschenstrecke Arys - Lyck der romantischen

Vergangenheit an.

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Die Dorfkirche Eckersberg

(Aus: Chronik von Johannisburg)

Die ordenszeitliche Kirche war dem heiligen Bartholomäus geweiht. Das Gotteshaus

steht auf dem Boden der ehem. Burg Eckersberg. Im Jahre 1799 wurde In den alten

Ringmauern einer früheren Kirche aus Feldstein eine neue erbaut. Sie hatte im Innern

eine Bretterdecke. Der Kanzelaltar stammte aus dem 17. Jahrhundert. Das

letzte Gotteshaus entstand 1921. Ständer und Balken sind reich verziert und bemalt.

Ein Gemälde, die Geburt Christi darstellend, ist eine Arbeit aus der Mitte des

17. Jahrhunderts, es zeigt flämische Züge, ist aber schlecht erhalten.

Evangelische Geistliche haben in Eckersberg mindestens seit 1541 gewirkt. Die letzten

Geistlichen waren: Joh. Fr. G. Konschorrek 1896—1907, Friedrich Karl Mitzka

1908—1910, Ernst A. Heinr. Sack 1910—1917, Erich Riedel 1933—1939, Johannes

Kippke 1940—1941, Werner Ebert 1942—1945.

Kirchenbücher sind seit 1776 geführt worden.

Die messingene Taufschale mit dem Sündenfall und gotischen Minuskeln und lateinischen

Majuskeln stammt aus dem 17. Jahrhundert. Die drei Glocken waren in

den Jahren 1603, 1648 und die kleinste 1746 gegossen.

— Eine dekorierte Inschrift-Tafel mit konsoletragendem Engel ist für Maria Robertin

(t 1710) angefertigt worden. An der Ostwand der Kirche hingen das Bildnis des

Pfarrers Johann Christoph Wannovius (t 1767) und ein Bild des Pfarrers Jakstein

(t 1844),

Evangelische Geistliche lassen sich seit 1539, die Pfarrstelle seit Mitte des 16.

Jahrhunderts nachweisen.

Die letzten 1. Geistlichen waren:

Ernst August Heinrich Sack 1887—1910, Friedrich Karl Mitzka 1919—1929, Friedrich

Foltin 1925—1933, Gerhard Woytewitz 1933—1945 (r Lübeck 1961)

2. Geistliche:

Ludwig Wilh. Paul Rosenow 1898—1909, Gottfried Bienko 1910—1917, Max Mehlfeld

1921—1928, Hermann Ippig 1931—1944 (?)

Die Kirchenbücher waren seit 1700 vorhanden, die evangelische Militärgemeinde

führte Kirchenbücher seit 1895.

Es fehlen jetzt noch die Bilderunterschriften, sie werden nach Rückgabe der Manuskripte

nachgereicht.

Ein Picknick auf der Wisocki-Insel

Auf den größeren Inseln des Ary-Sees wird alljährlich Jungvieh zur Weide angesetzt,

welches sich über Sommer selber überlassen bleibt und zum Teil verwildert und

menschenscheu wird.

Im Juli war's, noch vor dem Kriege,

Bekam Herr August viel Besuch

Und aus Berlin, wenn ich nicht lüge.

Das Haus war voll, mehr als genug.

An einem Sonntag hell und klar,

Da war die Luft so wunderbar.

Und wie die freien Wandervögel,

Nach Budda gings mit Kahn und Segel,

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Sprang ängstlich in des Baumes Äste.

Die Gattin wollte eben baden,

Und kroch mit splitternackten Waden,

Auf einen alten Weidenbaum.

Der Dame war das nicht zu traun!

Im Kaddick saß des Hauses Herr:

„Der Ochs zertrampelt das Gescherr!”

„Ach, wer bezahlt mir diesen Schaden?

Nun legt das Biest noch einen Fladen,

Aufs neue Tischtuch und so viel! —

Ich bleich das, Vattchen, mit Persil”,

Rief Muttchen von der Weide munter,

„Ach, jag den Ochs doch endlich runter!”

Wiedersehen mit ARYS im Juni 1974

Und schwer bepackt war der Kanu,

Mit Wurst und Bier und ... (?)

Ein Picknick sollt' den Ausflug enden,

Schwer knarrt' das Ruder in den Händen.

Und bei Wisocki endlich „Halt”.

Ein nettes Plätzchen fand sich bald.

Das Tischtuch breit, der Kaffee warm,

So huckt im Gras der bunte Schwarm.

Man schlürft den Mokka, raucht den Klee,

Und prahlt den wunderbaren See. —

Da brummt es dumpf wie ein Propeller,

Schrill klirren Glas und Topf und Teller,

Vier Kühe und ein junge Bulle,

Und aus Berlin, der feine Gast, Die stürzen sich auf Mensch und Stulle,

Schrie: „August, schnell, sonst bricht der Ast” Die Hörner tief, den Zagel hoch,

Dann trollte sich das Rindvieh weiter. Und im Galopp, daß Erde flog.

Und von den Bäumen froh und heiter, Und in der Herzensangst und Schrecken,

Da kamen alle schnell zurück: Blieb manchem Wurst im Gurgel stecken.

„Das war denn heute noch ein Glück!” — Das Picknick wurd' in Hast verlassen,

Nur Muttchen hatt' die Knie beschunden. Weil Ochsen solchen Luxus hassen,

Das wurde aber schnell verbunden. — Ein Vetter in der weißen Weste,

Unsere Aryser Landsmännin Ella Glauß stellte diesen Bericht zur Verfügung. Eine

ehem. Mitschülerin (H. D.) stellte ihn für uns zusammen.

Wie wird es sein? Was hast du, liebe kleine Stadt, hergeben müssen bzw. behalten

dürfen?

Mit dem Bus von Lötzen einfahrend, überrascht der gute Zustand des Grundstückes

Freytag, am Schienenübergang der Bahnstrecke Arys/Lyck, ebenfalls der Flachbau

eines einstöckigen Wohnhauses auf dem Grundstück Brodowski ohne umrahmende

Wirtschaftsgebäude. Verlassen wirkt Braunshof. Außer zwei Ställen und einem

kümmerlichen Garten ist nichts vorhanden.

Den Hof Wnuk schmückt auch kein Wohnhaus. Der Garten ist an die Chaussee verlegt

und mit Eisenzäunen, wohl vom Friedhof stammend, eingefriedigt.

Als Nachbar präsentiert sich ein nicht kleiner Betrieb, anscheinend ein Düngemittelhandel.

Zur Feststellung der Firmenbezeichnung über dem Toreingang reichten

meine polnischen Sprachkenntnisse nicht aus.

Die linke Seite der Chaussee ist vom Anwesen Biesky bis zum Waffendepot unverändert.

Die dazwischenliegenden Siedlungshäuser mit Gärten und Zäunen wirken gut

bewirtschaftet. Langgestreckt, massig, bietet sich die Fassade des „Städtischen Heimes”

dar. So groß, so freundlich, hatte ich das als Armenhaus gestempelte Gebäude

nicht in Erinnerung.

Das Miethaus Szesny auf der linken Straßenseite brachte mir den Bürobetrieb des

alteingesessenen Obergerichtsvollziehers Schatz ins Gedächtnis.

Das Haus Grigo, ohne das benachbarte Pfarrhaus, schaut trotz seiner notwendigen

Farbbedürftigkeit erhaben auf die gegenüberliegende leere Straßenseite, denn das

Magistratsgebäude und die Häuser Aranowski sind weg. Vom Haus Bienko, mit dem

für Kinder interessanten Vorbau — versteckten wir uns dort nach

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oshafter betätigter Klingelei, im Gerank des wilden Weins — steht auch nichts

mehr.

Überlebt haben das nebenstehende Miethaus Zahlmann, weiter die Häuser Gollenbek,

Knapp-Purwien, Kizio, Schmidt. Die Giebel der Häuser Gollenbek,

Knapp-Purwien (zur Straßenseite gekehrt), muteten mich wie freundliche Kindergesichter

an.

Die Bäckereien Sakowski und Kuczinski weisen leere Plätze vor.

Im Hause Kizio residiert die Polizei. Aus der Geschäftsfront hat man eine Wohnhausfront

gemacht. Kein Schild weist auf die Miliz hin. Ein Gefängnis befindet

sich darin, geschaffen aus der Wohnung Nareijek. Viele vergitterte kleine Fenster

ließen mich auf die Enge der Zellen schließen. Die alte Linde im Hofe steht nicht

mehr auf ihrem Platz, auch nicht die rot blühende Kastanie im Garten. Unter

ihrem Blätterdach hatte sie bei günstigem Winde Zuhörer der herüberschallenden

Konzerte aus dem Offizierskasino-Garten.

Im Hause Hermann Schmidt befindet sich, wie seinerzeit, ein Wirtschaftswarenund

Lebensmittelgeschäft. Der Holzlichmast am Bürgersteig ist durch einen massigen

Betonmast ersetzt. Warum ich das erwähne? Wie oft sah man den Mast in

der Umarmung Alkoholgeschwächter! Lagen ja dort drei Bierstuben dicht beieinander.

Der Garten Schmidt, wohl zum schönsten der Stadt zählend, ist eine

Wildnis, unter-strichen noch durch die angrenzende Ruine der vor zwei Jahren

abgebrannten Mühle Rutta. Die Häuser Zimath-Poppek, Slomma-Zahlmann sind

in einem Bau größeren Formats gewichen. Dort sind das Standesamt und weitere

Abteilungen der Gemeindeverwaltung untergebracht. Den Häusern Komossa,

Heinrichowski schließt sich ein mehrstöckiger Neubau auf den Grundstücken

Bottke und Czwalinna an. Die Kirche hat ihre gehabte Umgebung mit den drei

großen Linden. Sie messen sich mit dem Turmdach. Die niedrige massive Einfriedigung,

neu erstellt, hat keinen Durchgang zum Pfarrhaus über die Kanalbrücke

und zur Bronsartstraße.

Nun betrete ich die Kirche, in der ich konfirmiert wurde. Der Vorraum mit der

alten eingemauerten Bank grüßt mich vertraut, auch die Treppe zur Empore,

ebenfalls die Deckenmalerei im Kirchenschiff und die Orgel. Ganz umgestaltet ; st

der Altarraum. Der farbarme Altaraufbau mit Balustrade und einer Standuhr an

der Seite, alles eingerahmt von grauen Wänden, verlocken zu keiner Bewunderung:

„Wie lieblich ist deine Wohnung, Herr Zebaoth.” Bedrückend ist der Anblick;

ein Gefühl der Verlassenheit drängt sich in mein Herz. Noch verstärkter

empfinde ich es, als ich draußen vor der Giebelseite der Kirche stehe und die

verwirrende Geräumigkeit des Platzes sehe.

Die fehlende Ecke Sentko, die fehlende Ecke Nippa-Bartlick geben den Blick frei

bis zu den Häusern Abel, Borowy in der Gartenstraße.

Wo man einst an Sczesny-Peylo, Grigutsch vorbeiging, steht heute ein großer

„Kasten”. In seiner wenig ansprechenden Gestalt wirkt er wie ein Fremdkörper.

Die Grünanlage vom Kanal bis zum Deutschen Haus setzt diesem Anblick nicht

genug entgegen. Aber man kann bei dieser Beobachtung nicht stehen bleiben.

Weiter führt der Weg an den Häusern Turowski (Fahrradgeschäft), Jendreyzik,

Apotheke, Pawelzik entlang. Gegenüber stehen zwei gute Bekannte, das Haus

Schlachtermeister Sczesny und das Deutsche Haus. Von den schönen Bauten,

das Gericht und das Haus Dr. Peters / Kopka sind nichts vorhanden. Ein langgestreckter

mehrstöckiger Neubau steht statt der Häuser Hoffmann-Nisch.

Wer erinnert sich nicht an den Toreingang zwischen Pawelzik und Blumen-

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Fischer? Er besteht, ist aber nicht mehr begrenzt durch die apostolische Kirche,

wie früher. Anscheinend fand dieser sakrale Bau keine Verwendung.

Bevor die verbreiterte Betonbrücke über den Grabenlauf der fehlenden Schmiede

Linkner sichtbar ist, wird der Blick gefesselt von den gut erhaltenen Häusern

Eilf, Flöther, kath. Pfarrhaus mit Kirche, inmitten einer schönen Gartenanlage.

Die Häuser Teichert und Turrek sind auch noch da. Das zurückgebaute Haus

Arthur Schilling und den Wirtschaftshof Adami kann man durch den dichten

Baumbestand nicht deutlich sehen.

Im häßlichsten Farbenkleid, das ich im Stadtbild sah, behauptet sich das Haus

der Witwe Platzek. Lelewels Haus steht bescheiden, ohne den schattenspendenden

'Baum da.

Das Postbeamtenhaus bildet den Anschluß an die Häuser, die die Biegung nach

Gronden säumen. Die Siedlungshäuser auf der anderen Seite tun das gleiche.

Haus Kasper, der Saal der christlichen Gemeinschaft innerhalb der Landeskirche

und das angrenzende Haus Pawlowski halten gute Nachbarschaft. Den Saal der

Gemeinschaft dürfen die evangelischen Deutschen und eine griechische?? Gemeinde

benutzen. Das Haus Pawlowski dient als Kindergarten.

An der Schonung hat sich nichts verändert. Die in der Nähe stehenden Häuser

fallen durch bessere Gardinen auf. Die Feststellung machte ich auch bei den

Häusern an der Chaussee nach Stollendorf (Wirsbinnen.)

Ob wohl das Knusperhäuschen überdauert hat? Nein, die Ecke ist leer. Das In

der Nähe gestandene Kanalbaudenkmal mußte auch weichen. Wer stand dort

nicht als Schüler in einer Heimatkundestunde!!

Die ehemalige Pferdeschwemme ist eine gut ausgebaute Badeanstalt für die

Stadtbewohner. Ein Anlegesteg für Boote ist auch da. Zu dieser Einrichtung

führt ein Betonplattenweg hin. Budda und Amerika sind militärisches Sperrgebiet.

Das weiße Haus auf Amerika existiert nicht mehr. Der Friedhof liegt verwildert

da. Die neue Anlage, rechts am Wege nach Stollendorf (ehemal. Militärfriedhof),

hat schon eine beachtliche Ausdehnung. Weiße Kreuze heben sich wirkungsvoll

aus dem Grün.

Und nun führt mein Weg in die Bronsart-Garten-Lager und Bahnhofstraße. Die

linke Seite der Gartenstraße ist bis auf das Haus Pasuch häuserIeer. Dieses soll

auch abgerissen werden. Am Anfang der Straße liegt ein moderner Kinderspielplatz.

Auf der rechten Seite fehlen die Häuser: Blumengeschäft Mrotzek,

Laddach, Danischewski. Das einstöckige Hofwohnhaus Laddach ist jedoch vorhanden.

Klebba's Haus mit der hohen Treppe lehnt sich dicht an das im besten Farbanstrich

strahlende Feuerwehrdepot an.

Die Villa Neumann, noch immer mit dem vergoldeten Löwenkopf über dem Türeingang,

ist Gesundheitsamt und Entbindungsklinik.

Es lohnt sich, ein wenig auf der Kanalbrücke zu verweilen, sich an die elegante

Schaufensteranlage und Auslage zu erinnern, des Kaufhauses Kienitz, zu vergleichen,

was jetzt die polnische Mode bietet. Es ist nicht viel an Qualität und

Quantität.

Wie ein Wächter steht das zurückgebaute Wohnhaus Welt da. Aufgehäufte Erde

bis zur Fußsteighöhe verbirgt die Spur der davorgelegenen Geschäftsräume. In

die Gastwirtschaft Gehrmann, in das Obstgeschäft, in die Gastwirtschaft Brockmann,

in das Fleischgeschäft Dembiany, in den Salon Dembiany kann kein

Kunde mehr eintreten. Anstelle dieser Häuser stehen einstöckige neue Häuser,

auch auf der anderen Straßenseite.

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Von den Schulen ist nur noch die neue Schule vorhanden. Vor dem ersten Weltkrieg

erbaut, war sie mit Schiebefenstern und Turnräumen im Keller ausgestattet.

Am Schulhof ist nichts verändert. Von der leeren Ecke Hohenzollern

schaut man in noch eine größere Leere, entstanden durch das Fehlen des Kinos,

der Molkerei und der Speisewirtschaft, ferner durch das Kriegerdenkmal vorne.

Die Kasernen bieten das altgewohnte Bild. Durch drei Tore kann man jetzt das

Lagergelände betreten.

In einem modernen Bau an alter Stelle wickelt sich jetzt der Postbetrieb ab. Die

Straßenzeile: Scheunenhaus an der Post, über die militärischen Verwaltungsgebäude,

Haus Victor Krüger, die Lücke Gärtnerei Priedigkeit und Genossenschaft,

Haus Geltz mit anschließender Heeresbäckerei Haus Zopp (Sägewerk)

Haus Peylo, fehlender Königlicher Hof, ist durch keinen Neubau verändert.

Die Johannisburger Chaussee säumen die alten Bäume, die alten Häuser bis

zum Feldschlößchen hin. Der Komplex Bierverlag Schmidt und die Städt. Mühlen-werke

mit Villa ist in einem erstaunlich guten Zustand.

Nach diesem Eindruck steht man aber erschüttert auf dem Gelände des Ehrenfriedhofes.

Nichts deutet auf die einst so schön angelegte Stätte hin. Man würde

wahrscheinlich nicht einmal ihre Stelle finden, wenn nicht die vorhandene Treppe

auf sie hinwies.

Zurück geht es an der Villa Kautz am dicht gelegenen Szaimosee. Sein Wasserspiegel

glänzt im Sonnenschein. Er war unser Tummelplatz im Winter. Und nun

der Bahnhof: An den roten alten Eisenbahnhäusern erreiche ich ihn. Totenstille

in und um ihn. Kein Mensch zu hören, keine Waggons weit und breit zu sehen.

Nur Blumenstreifen am Sperrzaun deuten darauf hin, daß wohl doch jemand zu

seiner Wartung da ist und wohl auch noch bahnamtliche Dienste verrichtet werden.

Als ich die Bahnhofstraße heraufgehe, kann ich noch nicht den Eindruck des

Bahnhofgeländes abschütteln. Ob die Bewohner des Hauses Eglinski, die des

Neubaues auf den Grundstücken Bohn, Fischer Dombrowski das Rattern und

Pfeifen eines Zuges hören? Wie leblos ist der Ortsteil. Jetzt fällt mir auf, daß mir

niemand begegnet ist.

Ich wollte zuletzt das Wichtigste mitnehmen. Den Besuch der deutschen Familien.

Vier fand ich in ihren ehemaligen Häusern. Bewegend war die Begrüßung

und noch bewegender der Abschied. Durch Rundfunk, Nachrichten und Verwandte

aus dem Westen sind sie über Politik und Wirtschaft bestens orientiert.

Da ein Teil der Besuchten in der Verbindungsstraße zwischen Lötzenerstraße

und Waffendepot wohnen — sie heißt jetzt Straße der Arbeiter — mit dem groß

angelegten Gymnasium, entschloß ich mich der Nähe wegen, noch eine Erkundung

bis zur Gasanstalt. Dort fehlt der Gasbehälter; allein steht ein Wohnhaus,

daneben nur ein Siedlungshaus.

Der Schlachthof soll eine moderne Einrichtung erhalten haben. Auf dem Gartengelände

des Hofes Rauch steht eine Fabrik für irgendwelche Ersatzteile. Über

100 Menschen haben dort einen Arbeitsplatz.

In Gedanken habe ich Sie durch Arys geführt, so wie ich es erlebte. Es hat sich

viel verändert. Die Natur jedoch nicht! Mancher würde seine Baumgruppe, seinen

Wanderweg, seinen stillen Angelplatz, seine kleine Insel wiederfinden und

beglückt feststellen:

Unsere Heimat ist so schön

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Heut kam von lieber Hand geschrieben

Zu uns ins Haus ein selten guter Gruß:

„Wo sind die Jahre nur geblieben?”

Schrieb herzlich grüßend sie am Schluß.

Was ich schon längst vergessen wähnte,

Das wurde plötzlich wieder hell und licht.

Und als Erinnerung mich durchströmte,

Entstand von selber dies Gedicht.

Nun klingt das Lied aus fernen Zeiten

Und singt und summt mir immerfort im Sinn,

Und will mich durch den Tag begleiten,

erinnert mich, wo ich auch bin.

An unsre dunklen, grünen Wälder

Und weite, tiefe blaue Seen,

An reiche Wiesen, reife Felder,

Und Blumen bunt am Wege stehn.

Ich sah im Geist die kleinen Hütten,

Die Straßen heiß und still im Sonnenlicht,

durch die wir jugendfroh geschritten

Mit sorglos frohem Angesicht.

Wie gerne möcht ich wieder weilen

Anm. der Redaktion:

Am Aryssee — am stillen Waldesrand —

Und singend durch die Wälder eilen

Und jung sein im Masovialand.

Ich würde dann die Silberstrahlen

Der Sonne sehn in tiefer, dunkler Flut

Am Abend wie zu vielen Malen,

Und glücklich sein in Gottes Hut.

Nur einmal noch in Jugendkreisen

Die Augen leuchten sehen hell und weit

Und singen unsre alten Weisen:

„Kein schönres Land in dieser Zeit!”

Jedoch die frohbewegten Stunden,

Zwar unvergessen, sind doch weit entrückt.

Was aber damals wir gefunden,

War Heimat, die uns noch beglückt.

Sind auch die Jahre schnell vergangen,

Uns bleibt das Märchenland Erinnerung.

Was kommen mag, trotz Angst und Bangen,

Nur Zeit wird alt — mein Herz bleibt jung.

Halle, den 12.12.1971

Dieses Gedicht wurde von Herrn Dr. Reinhold Heling zur Verfügung gestellt. Sein

Vater, der nach dem Krieg die ersten Aryser Treffen mit großer Begeisterung durchführte.

erhielt es 1971 von einem seiner Freunde aus besonderem Anlaß.

Am 23. Juni 1975 wird Herr Heling, früher Prediger in Arys, 80 Jahre alt. Wir gratulieren

sehr herzlich und besonders die Aryser sagen ihm nochmals Dank für seine

uneigennützigen Initiativen für das Zusammenkommen seiner Aryser. Weiteres Wohlergehen

und Gesundheit wünschen wir ihm von Herzen!

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Arys – Kurhaus Budda

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Brücke nach

Amerika

„Feurig sank die Abendsonne,

Und der Aryssee erglühte,

Sanft errötend wie ein Jüngling,

Wenn er um die Liebste anhält” —

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(Aryser Chronik)

In Eckersberg


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Unser Budda (Auszug aus der alten Aryser Chronik)

Ich schreibe absichtlich „unser” Budda, denn erst jetzt nach dem Kriege Ist es unser,

d. h. Allgemeingut aller Volksschichten der Stadt geworden. Es ist als ob man

sich erst. jetzt darauf besonnen hätte, was man an dem Ausflugsort Budda hat. Die

Ursache dafür ist nicht lange zu suchen. Vor dem Kriege fuhr derjenige, der es sich

halbwegs leisten konnte, im Sommer ins Ausland, ins Bad oder machte eine Reise

nach dem Rhein oder Rügen, zum mindesten aber nach Cranz. Heute sieht das Bild

anders aus. Es herrscht eine bedrückende Geldknappheit. Man kann sich keine

Sommerreise leisten und bleibt zu Hause. Und da fiel es vielen wie Schuppen von

den Augen: „Kinder, unser Budda ist doch schön. Viel schöner .als im vorigen Jahre

in .... usw. Nun werden wir uns ein Boot anschaffen und die freien Nachmittage

oder den Sommer in Budda auf dem Aryssee zubringen.” Gesagt, getan. Das Boot

ist bald da. Ein gewöhnliches Kielboot, ein Paddelboot, oder Segel, und wer es kann,

sogar eins mit 1—5 PS. An schönen Nachmittagen, am Sonntag in aller Frühe und

dann besonders am Nachmittag und Abend, wimmelt es in der Buddabucht von

Wasser- und Rudersportlern aller Art. Wie die Hechte schießen die Dreier und Vierer

der Aryser Rudermannschaft durch das Gewimmel der anderen Boote. Größere Familienkähne,

schwer mit Proviant (Gebackenes und Flüssiges), und mit Tanten, Basen

und Kindern schwer beladen, ziehen trägen Zuges nach der Roseninsel, um dort

ein Waldpicknick abzuhalten. Bekränzte Boote mit Flaggenschmuck und besetzt mit

Soldaten und lustigen Mädels, rudern fröhlich nach der Verlobungsinsel und kommen

abends beseligt im Scheine bunter Lampions zurück. Ratternd schieben sich

flinke Motorboote über das Wasser dahin. Ihr Ziel ist der große Teil des Aryssees,

weit hinter der Verlobungsinsel, wo er sich weitet wie ein Haff. Dort ist es bei Sturm

nicht ganz geheuer, und schon so manch ein Bootsfahrer bangte dort für sein Leben,

wenn bei Sturmstärke 8 die meterhohen wilden Wellen das Boot von Wasser

schlugen und die menschliche Kraft am Steuer und Ruder machtlos wurde. Dann

bleibt nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich das Ufer zu erreichen und in

mühseligem, stundenlangem Rudern nach Hause zu kommen. Segler schleichen bei

schwacher Brise und kreuzen in der Buddabucht, um ihre Lavierungsmanöver zu

zeigen. Sanft wölbt sich das weiße Segel, und am Topp flattert lustig der bleuweißrote

Wimpel. Der Segler lehnt auf der Luvseite des Bootes in lethargischer Ruhe, die

auf den nervenkranken Zuschauer beruhigender wirkt als „Nervosan”. Auf der Höhe

aber, vor der Verlobungsinsel, wo der „Berg” auf dem Grunde des Sees ist, stehen

zwei große Anglerboote mit Grundangeln beschäftigt. Ab und zu rufen sie sich ein

„Petri Heil” zu, das weit über die Wasseroberfläche schallt und prosten sich zu. —

Budda ist vor allem ein Kurort, wie ihm in dieser Güte wohl manch ein teuerer Badeort

bedeutend nachstehen dürfte. Herrlich ist ein Spaziergang an der Nordseite

des Arysees, wo ein schöner Fußsteig entlangführt. Noch schöner ist eine Promenade

von der Hartwigmühle am Seeufer des einen Seezipfels entlang, bis man an die

Landspitze gegenüber Budda gelangt. Freilich muß man dann einen Umweg über

Wiersbinnen machen, oder sich von dem Wirt der Roseninsel übersetzen lassen. Bei

ihm, Schmidt mit Namen, hat man Gelegenheit, sich nach dem anstrengenden, aber

sehr gesunden Fußmarsch an allerhand Erfrischungen und delikaten Fischgerichten,

zu gewisser Zeit auch an Erdbeeren zu erholen.

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Wer kennt sich

auf den Bildern wieder?

Namen der Personen auf dem Schulbild:

1. Reihe oben — von links nach rechts: Lotte Franz, Charlotte Pogarzelski, Edith

Markuse verehel. Freund-Israel, Grete Warobioff? Irma Grinda, Margarethe Brust,

Christel David, Hilde Großmann, Irma Unger, Grete Mroß, Hilde Schneider.

2. Reihe: Gerda Spee, Elfriede Kurrek, Martha Tiede, Erna Mielke, Martha Strötzel

(Platzek), Frl. Worbs — später Frau Welz, Helene Ulkan, Elisabeth Lipski, Martha?

Sawatzki, Irma Krempf ...? Dudda.

3. Reihe: Maria Grünky, Else Freitag, Erna Bohn, Gertrud Wischnewski?, Liesbeth

Link, Eva Dittmann, Irma Brodowski, Lieselotte Dittmann, Ruth Foerstner, Traute Rosinski,

Ursula Foerstnow, Liesbeth Dennig ...? Wischnewski??

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Johannisburger

Heimattreffen '75

7. September 1975: Dortmund,

Reinoldi-Gaststätte

21. September 1975: Hamburg, Haus des

Sports, Schäferkampsallee Näheres erfahren

Sie vie immer durch die Bekanntmachung

im Ostpreußenblatt (Heimatteil).

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Volksschule Offenau (Salleschen) mit Lehrer Hermann Schwesig (1931)

Blick auf das Bild von oben links: 1. Reihe: Gertrud Retzko, Frieda Wenzek, Martha

Schrdak, Herta Goronzy, Anna Orzechowski, Erich Scheiko, Walter Filipzik, Gustav

Lotzmann, Wilhelm Marzinzik, Erich Hartwich, Ernst Schwittay.

2. Reihe: Elfriede Fiukowski, Hildegard Gemballa, Gertrud Gemballa, Olga Hart-wich,

Elfriede Trojan, Lena Sokolowski, Johann Zielinski, Heinz Plaga, Hans Rämsch, Otto

Trojan, Kurt Chmielewski, Hans Hermann, Gustav Jorzik.

3. Reihe: Elfriede Salamon, Wilhelmine Orzechowski, Elfriede Grasewski, Helene Kitzelmann,

Ida Hartwich, Auguste Stefanski, sitzend: Lehrer Schwesig, Erich Salamon,

Hans Strysio, Helmut Dudda, Reinhard Arndt, Helmut Fiukowski, Werner Konrad.

4. Reihe: Hedwig Salamon, Herta Trojan, Herta Lotzmann, Elfriede Romeiko, Herta

Romeiko, Herta Romeiko, Heini Grasewski, Fritz Fiukowski, Horst Dudda, Helmut Fiukowski,

Anna Schudak.

5. Reihe: Elfriede Hartwich, Margarete Pokroppa, Elfriede Gogoll, Gertrud Schwittay,

Else Bohn (Tafel haltend), Hildegard Salloch, Erika Gesell, Elfriede Bohn und Helene

Strysio.

Sicher wird so mancher dieser Schüler nicht mehr am Leben sein.

Kindergarten Arys - Sommerfest im Garten des Pfarrers Foltin (1932)

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Sommerfest des Kindergartens im Pfarrgarten Foltin

Männergesangverein Arys (1933)

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Zur Aufheiterung

Die Verauktionierung des Aryser Truppenlagers

„Ist der Schnaps in Arys billig?

„Geh'n die Weiber heut in Drillich?

„Was ist da für Wagenklappern,

„Was für Quaseln, was für Plappern?

„Gestern wälzt sich um die Wette

„Mann und Weiblein in dem Bette,

„Stehen spät am Tage auf.

„Das ist so in Arys Brauch.

„Was gibst Neues in dem Städtchen?

„Ist was Frisches für die Mädchen?

„Budda tanzt mit Sang und Schalle,

„Mägdlein schwingt das Bein zum Balle.

„Und der Bürger, welterfahren,

„Kraut bedenklich an den Haaren.

Große Volksversammlung heut

Auf dem Markt mit allen Leut.

8 mal Ball und 8 mal Sitzung,

Kappenfest und Krach und Schwitzung.

Ach, wie ist's in Arys schön.

Nobel muß die Welt vergehn.

— Heute ist schon etwas Ios!

Auf der Straße Klein und Groß,

Alles rennt zum Lager hin,

Omama und Enkelin.

Will so billig etwas kaufen,

Will im Wettbewerb sich raufen,

Will nach Hause etwas bringen,

Will den Zuschlag sich erringen. —

In der Lagerstraße, dicke

Spartakus und Bolschewicke,

Demokrat und Sozialist,

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Kriegsgewinnler, Jud und Christ,

Alle drängen zur Auktion,

Alle bieten. „Hat ihm schon!”

Meilenweit sind sie gefahren,

Einzeln, stellenweis zu Paaren.

Lötzen, Lyck, Johannisburg,

Pianken, Sdorren, Orteisburg,

Lyzyjamy, Sachasch, Rostken,

Oszywilken, Kessel, Prostken,

Jeder will sich etwas retten,

Nachttopp, Wagen oder Betten.

Alles drängt in großen Massen,

Alles kann kein Lager fassen.

— Emil hat 'nen Affen sitzen,

Kopf und Haare sieht man schwitzen,

Hat gekauft `ne Ofenkelle,

Dann eine Latrinenzelle,

18 Gabeln von den Russen,

Die er erst hat putzen mussen.

Und ein Herr aus einem Wald (Ewald)

Kauft' sich eine Lausanstalt! —

Wagen, Karren, Schaufeln, Schippen,

Pferdehufe, Schwänze, Krippen,

Alte Zähne und Gardinen,

Schweineborsten, tote Bienen,

Alles kauft man wie verrückt,

Froh, wenn nur der Zuschlag glückt.

Ganz egal, ob teuer, billig,

Ob gewaltsam oder willig,

Ob mit Henkel oder Boden,

Ob Papierstoff oder Loden.

Froh zieht heimwärts im Triumpfe

Mann und Frau meist mit — Gelumpe

(Aryser Chronik)

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ARYSer ehemalige Jugend gab sich ein „Stelldichein”

nach dreißig Jahren

(von Elisabeth Lipski)

Was sich alle einmal sehnlichst wünschten, aber kaum zu hoffen wagten, wurde e n d

l i c h Wirklichkeit. Im Abstand von nur sieben Monaten ergriffen gleich zwei Personen

die Initiative (ohne daß bei Einleitung dieser Aktion einer vom Vorhaben des anderen

wußte), um diesen gehabten Traum wahrlich zu erleben. Während das zuerst stattgefundene

Treffen (Okt. 1973) rein privater Natur war, wurde das zweite Treffen (Mai

1974) im großen Rahmen aufgezogen. Die Teilnehmerzahl auf Grund der ersten Einladung

betrug 42 Personen, die der zweiten das Doppelte. Unter Berücksichtigung

unserer kleinen Stadt von nur 4.000 Einwohnern zur damaligen Zeit, ist das eine sehr

beachtliche Anzahl der vorwiegenden Jahrgänge 1920—1930, welche die Kosten und

Mühen nicht scheuten, um von weit und breit (z. T. aus dem Ausland) zusammenzufinden;

beide Male im Raum Düsseldorf.

Die einzelnen Szenen, die sich bei der Wiedersehensfreude abspielten, sind in Worten

nicht zu beschreiben.

Zur besonderen Überraschung aller Anwesenden nahm am ersten Treffen der uns

Arysern so bekannte und vertraute Lehrer und Rektor, Herr Paul Lelewel (schlicht

„Paulchen” genannt) teil. Beim zweiten Treffen war es unser Lehrer, Herr Teichmüller

(schlicht „Tümpel” genannt).

Wir fühlten uns wie eine große Familie unseres kleinen vertrauten Städtchens. Erinnerungen

und Gefühle wurden wieder lebendig, die man schon gestorben glaubte. Altvertraute

heimatliche Ausdrücke — längst dem allgemeinen Wortschatz

Arys-Treffen am 20.10.1973 bei Ingeborg Möller (geb. Lipski)

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Arys-Treffen

20. 10. 73

mit Rektor Lelevel

t 1974

entschwunden — kamen im Kreise der Heimatfreunde plötzlich fließend von der Zunge.

Wir waren alle wieder in Arys!

Sinnbildlich, an Hand der Dias, gingen wir gemeinsam durch die Straßen unserer

kleinen Stadt. Wir kamen zu unserem geliebten, verträumten Arys-See, auf dem wir

der Länge nach eine Bootsfahrt unternahmen, zur Verlobungsinsel, Landzunge, Roseninsel,

Wisocky-Insel.

Anschließend nahmen wir teil an der Schiffsreise ab Lötzen über den Mauersee, Nikolaiken

— mit Stinthengst — Beldan-See bis Rudczanny/Niedersee. Es gab wohl kaum

ein Auge, das trocken blieb, selbst Männer schämten sich dessen nicht.

Für unseren Herrn Lelewel wurde es ein „letztes” großes Erlebnis. Bereits 2 1/2 Wochen

nach diesem Beisammensein entschlief er plötzlich für immer. Einige Tage zuvor

brachte er schriftlich sein innerstes Empfinden u. a. mit folgenden Worten zum Ausdruck:

„Ich habe es nicht für möglich gehalten, in meinem Alter eine so große Herzlichkeit

zu erleben. Daß so viele dem Ruf

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gefolgt sind, ist doch ein erhebendes Zeichen der Heimattreue und gegenseitigen

Freundschaft!"

Diese wertvollen Worte beziehen sich ganz allgemein gleichwohl auf das zweite stattgefundene

große Treffen. —

In diesem Sinne. voller Beglückung, gedenken alle Teilnehmer immer wieder der vertrauten

Stunden. Zum Teil dem Gedächtnis längst entschwundene Namen oder Gesichter

waren im Genießen der „großen Gemeinsamkeit” nicht zusammenzubringen.

Zuerst wie in einer Vision, standen dann aber nach Tagen, oft nach Wochen, während

welcher man noch ganz im Zeichen des Erlebten stand, auch diese Personen nach

den dazwischenliegenden Jahrzehnten wieder ganz lebendig vor dem geistigen Auge.

Von Mund zu Mund geht nun die Frage ...

„Wann findet wieder ein solches Treffen statt?”

Wir alle ersehnen es aus tiefem Herzen!

Unser Kreisvertreter zum Thema:

Dreißig Jahre Vertreibung

Auch dieser Heimatbrief soll einige Worte des Nachdenkens wert enthalten. In diesen

Stunden der Niederschrift dieser Zeilen jährt sich zum 30. Male der Tag, da es unsere

Landsleute vor der herannahenden Kriegsfurie auf die eisigen Straßen unserer Heimat

trieb. Die an sich zunächst nur kriegsbedingte Flucht weitete sich zu der Vertreibung

aus der angestammten Heimat auch für diejenigen aus, denen die Flucht nicht gelungen

war. Während aber andere Vertreibungen in der Welt zu Brutstätten von Unruhen,

Haßausbrüchen und Elendstätten wurden, ja zu kriegerischen Auseinandersetzungen

geführt haben, wurden die Ostvertriebenen zum Sauerteig unseres zerstörten

Vaterlandes. Sie bauten dieses Land fern ihrer angestammten Heimat nicht nur wieder

auf, sondern sie zogen wegweisende Lehren aus ihrem Schicksal. Zwar hielten sie an

dem auch ihnen zustehenden Recht auf die Heimat, am Selbstbestimmungsrecht fest,

sie schworen aber einer gewaltsamen Lösung ihrer Vertreibungsprobleme ab. Sie hatten

erkannt, daß auch die Durchsetzung von Rechtsansprüchen nicht Lösungen mit

Hilfe von Gewalt sein dürfen. Für eine derartige Lösung ist nicht das Recht einer Partei

ein entscheidender Faktor, sondern im Regelfall die Stärke der Machtmittel, mit welchen

die Auseinandersetzung geführt wird. Da aber gerade Machtverhältnisse laufenden

Veränderungen unterworfen sind, mögen sie noch so gefestigt erscheinen, bleibt

das durch sie erworbene Gut weiter gefährdet. Die Geschichte lehrt uns in immer

neuen Formen, der Macht zu mißtrauen und an der Gewalt nicht zu verzweifeln. Das

Wechselspiel dieser Mittel setzt stets einen Teufelskreis in Bewegung, der wiederum

Menschen und Völker in Not, Haß und Elend stürzt.

Werden dazu noch die Gedanken der Völker von Ideologen durchströmt, kommen

Kreuzzugsideen vermischt mit persönlichen Rachegelüsten hinzu, kann menschliches

Leid kein Ende nehmen.

Diese Entwicklung zu beenden haben die Vertriebenen bereits am 5.8.1950 in ihrer

Stuttgarter Erklärung ein Zeichen gesetzt, als sie auf Gewalt zur Durchsetzung ihrer

Rechte verzichteten. Diesen so wesentlichen Beitrag zur Humanisierung der Weltgeschichte

hat kein Nobelpreis geehrt. Die Entwicklung in den

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Reihen der Vereinten Nationen spricht leider eine andere Sprache. Nicht friedliche

Stimmen Vertriebener auf dieser Erde werden dort gehört, sondern die der Vertreter

von Terror und Schrecken anderer Gruppen Vertriebener.

Wie weit der Weg der Menschheit zum friedlichen Neben- und Miteinanderleben ist,

zeigt der Umstand, daß gerade durch Leid geprüfte Völker ihren Weg über das Leid

anderer Menschen gehen wollen. Selbst Leute, die sich Christen nennen, unsere Kirche

eingeschlossen, haben Christus nicht verstanden.

So konnten auch die Ostverträge einer Bundesregierung keinen Beitrag zum Frieden

zwischen den Völkern leisten. Sie waren kaum geschrieben und unterschrieben, mußte

man bereits ihren Inhalt deuten. Unserem Volk haben die Verträge nur Enttäuschungen

gebracht. Erwartete Gegenleistungen wuchsen sich zu unberechtigten Forderungen

und Schlimmerem aus. So werden dem Miteinanderleben der Völker neue

Hindernisse entgegengesetzt, so bedauerlich diese Entwicklung ist und leider auch

voraussehbar. Auch wir Vertriebenen wollen mit den Völkern Osteuropas friedlich zusammenleben,

wenn auch unter Wahrung angestammter und erworbener Rechte.

Nur die Achtung des Rechts kann die Welt befrieden. Es wird noch vieler Einsichten

und Anstrengungen auf dem Wege des Zusammenlebens der Völker bedürfen. Lassen

Sie uns dafür arbeiten. Die Verteidigung des Rechtes auf die angestammte Heimat

gehört hierzu.

G. Wippich

Reiseeindrücke

Blick auf Nikolaiken

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Auch heute lohnt sich noch eine solche Fahrt über die herrlichen Masurischen Seen.

Die Landschaft ist geblieben, sie hat dieselben Reize wir vor 30 oder 100 Jahren.

Eine Reise nach Masuren

Tagebuchaufzeichnungen von Hellmuth Gramatzki

(Gekürzter Auszug f. Drigelsdorf u. Arys Verm. d. d. Red.)

Mit diesem Bericht über meine Reise nach Masuren, auf der ich die Orte Lyck, Lötzen,

Prostken, Nikolaiken, Heiligelinde, Milken, Eisermühl und Drigelsdorf besuchte,

möchte ich alle interessierten Landsleute, aber ganz besonders die ehemaligen Bürger,

die hier einmal beheimatet waren, ansprechen, und sie über die heutige Situation

informieren.

Unter den 50 Fahrtteilnehmern, überwiegend Landsleute aus Stadt und Kreis Lyck,

sie kamen alle aus der gesamten Bundesrepublik und Berlin, war auch ich dabei, um

nach fast drei Jahrzehnten die alte Heimat wiederzusehen.

Unser nächstes und letztes Ziel ist Drigelsdorf, ein größerer Ort im Kreis Johannisburg,

in den mein Vater als Beamter versetzt wurde. Über Hanffen, Ublick (hier im

See wollen wir auf der Rückfahrt endlich einmal baden), Arys, Schlagakrug und

Schlagamühle, durch den Drigelsdorfer Forst, erreichen wir gegen Mittag Drigelsdorf.

Drigelsdorf (heute Drygaly)

Abfahrt von

Rudczanny

(Niedersee)

nach Lötzen

Bevor wir in den Ort hineinfahren, fängt es leider wieder an zu regnen. Ich bin daher

gezwungen, meine Aufnahmen aus dem Auto zu machen. Zunächst empfängt uns ein

schmales und gänzlich verbogenes Ortsschild „DRYGALY”. Das erste Haus rechts

macht einen schlechten Eindruck. Der ehem. Sportplatz (mit Umkleidehaus) ist als

solcher noch zu erkennen. Die Dorfstraße, auf der wir jetzt weiterfahren, befindet

sich in einem guten Zustand. Dagegen sind die Gebäude der ehem. Besitzer Olschewski,

Welk (?) und Kopatz stark renovierungsbedürftig. Das Wohnhaus von Kopatz

scheint z. Z. nicht bewohnt zu sein. Das Haus, in dem Zahnarzt Dr. (?) wohnte,

und auch andere Gebäude befinden sich dagegen in einem besseren Zustand. Wir

fahren zur evangelischen Kirche.

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Wir können sie ungehindert besichtigen und Blitzaufnahmen machen. Der Kirchenraum

(ein alter Saalbau aus dem Jahre 1660) ist gänzlich verändert worden. Man hat

ihn zu einem katholischen Gotteshaus umfunktioniert. Der Altaraufbau ist erhalten,

aber stark verändert worden. Die Wände und die Decken sind bunt ausgemalt, die

beiden Emporen abgetragen worden. Nur das Gestühl und die Orgel erinnern noch an

den früheren Zustand. Der vor dem Haupteingang errichtete hohe Gedenkstein aus

dem 1. Weltkrieg und auch die Steinkreuze mit den Gräbern haben die Zeit überstanden.

Selbst die Namen der Gefallenen kann man noch gut lesen.

Wir fahren wieder ins Dorf hinunter. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu

sein. Soweit ich es überblicken kann, haben fast alle Gebäude den Krieg überstanden.

Ich möchte einige nennen, von denen mir noch die Namen der früheren Eigentümer

in Erinnerung sind. Kaufhaus Dunse, Gastwirtschaft Ehrlich, Fleischerei Grotzki,

Landwirt Treskat, Mollenhauer, Mühe und Sägewerk Kuchenbecker und das

Postbeamtenhaus. Von den Abbauten in Richtung Gehlenburg stehen noch folgende

Gebäude und Höfe: Figura, Dreipälcher, Jakubowski und Dmoch. Teile der baulichen

Anlagen des seinerzeit aufgeteilten Gutes „Neu-Drygallen” existieren ebenfalls noch,

auch die meisten Neubauernstellen, die Anfang der dreißiger Jahre hier für die ausgewiesenen

deutschen Bauern aus dem ehem. Korridorgebiet errichtet worden sind.

Die Strecke der Eisenbahnlinie Lyck-Johannisburg ist in Betrieb. Die Schranke, der

Bahnhof — alles ist noch so wie früher. Das kleine Wäldchen hinter dem alten Friedhof,

ln dem ich als Junge oft herumgezogen bin, existiert noch. Der neue Friedhof

wird weiter belegt.

Im ehemaligen Gasthaus Ehrlich, einiges wurde hier verändert, essen wir dann Mittag.

Sehr preiswert. Wir bezahlen für vier Essen und vier Bier 8,70 DM. Plötzlich hat

es wieder aufgehört zu regnen — es scheint nun wieder die Sonne. Ich möchte gerne

noch einige Aufnahmen von der Kirche machen. Wir steigen die Treppen, die an der

alten Schule vorbeiführen, zum Kirchplatz hoch. Die Bäume sind mächtig groß geworden.

Beim Gang um die Kirche entdecken wir noch Gräber der hier einmal tätig gewesenen

Geistlichen, u. a. auch das Grab des bekannten Pfarrers Treskatis, der vor genau

100 Jahren gestorben ist, die z. T. noch mit Eisengittern umgeben sind. Man hat

sie nicht entfernt.

Bevor wir Drigelsdorf verlassen, werfe ich noch kurz einen Blick in das Postgebäude,

in dem mein Vater einmal tätig war. Es befindet sich in einem guten baulichen Zustand

und dient heute wieder als Post. Abgeholzt wurden dagegen die prächtigen Kastanienbäume,

die zwischen der Post und der ehem. Domäne gestanden haben. Die

Wirtschaftsgebäude der Domäne sind im wesentlichen erhalten geblieben, ebenfalls

auch das große Wohn- und Verwaltungsgebäude, in dem der frühere Verwalter

Marckwitz wohnte. Die ehem. Domäne ist heute Staats-gut. Das Gebäude wird z. Z.

um ein Geschoß aufgestockt.

Als wir durch den großen Drigelsdorfer Forst kommen, werden alte Erinnerungen

wach. Hier haben wir in den lahgen Sommerferien Blaubeeren und Pilze gesammelt,

die es hier in großen Mengen gab. Die ehem. Kasernen zwischen Schlagamühle und

Schlagakrug stehen noch und werden heute noch als solche genutzt. In ARYS (heute

Orjysz)

legen wir eine kleine Pause ein. Wie wir hörten, sollen hier noch einige Deutsche

wohnen. In einer Musikalienhandlung lassen wir uns von einem auffallend freundlichen

Verkäufer polnische Folklore-Schallplatten vorspielen, von denen uns drei

recht gut gefallen und die mit auf die Reise gehen. „Auf Wiedersehen Deutsch-

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land"! wird uns freundlich nachgerufen, als wir den Laden verlassen — wir sind überrascht!!

Danach suchen wir noch einen PKO-Laden auf, um deutsche Zigaretten zu erstehen.

Hier kann man westliche Waren nur gegen Dollar oder Deutsche Mark kaufen, die

wesentlich billiger sind als bei uns (1 Flasche Wodka kostet 2,50 DM, eine Stange

Stuyvesant kostet 9,00 DM, bei uns 23,00 DM).

Seit einiger Zeit können auch die Polen in diesen Läden einkaufen. natürlich nur gegen

Dollar oder DM. Jetzt kann man verstehen, warum die Polen ihre Zlotys so gerne

gegen unsere DM eintauschen möchten.

Am Ubllck-See legen wir erneut eine halbstündige Pause ein, um endlich in einem

„masurischen See” zu baden. Das Wasser ist nicht gerade warm, ich schätze es

höchstens auf 16—17 Grad, aber es ist sehr weich.

Es macht uns Freude, nach so vielen Jahren wenigstens in einem unserer zahlreichen

Seen baden zu können. Herrlich spiegelt sich die Sonne im Wasser. Kein

Mensch ist hier, nur in der Nähe des Ufers stehen ein einfaches Zelt und dicht

daneben ein Personenwagen aus der DDR.

Wir fahren weiter, die Straße ist leer, sie gehört uns ganz allein.

Den Rest des Nachmittags wollen wir bei einer deutschen Familie im Kreise Lötzen

verbringen. Als wir auf einer Nebenstraße fahren, die eigentlich nur aus Schlaglöchern

besteht, setzt strömender Regen ein, der immer heftiger wird. Wir haben Pech,

denn an fast allen Tagen unseres Aufenthaltes in Ostpreußen hat es geregnet. Nach

einigen Verirrungen finden wir nun endlich das Haus, in dem die deutsche Familie

wohnt. Die Überraschung ist groß, man freut sich, wieder einmal Landsleute aus dem

Westen zu sehen. Wir werden zu Kaffee und Kuchen eingeladen.

Man spricht über alles, über Deutschland und über Polen, über die Politik und natürlich

auch über die Ausreise der noch in der Heimat ansässigen Deutschen. Es ist für

unsere Landsleute zum Problem 1. Grades geworden — eine Existenzfrage. Die meisten

von ihnen möchten nun endlich in die Bundesrepublik umgesiedelt werden, da

es hier keine Zukunft mehr für sie . gibt. „Wir haben alles versucht”, sagen sie, und

mehr als zehnmal einen Antrag auf Ausreise gestellt, der immer abgelehnt wurde.

Trotzdem, sie haben immer noch die Hoffnung, daß es einmal so weit sein wird. Zum

Abschied bitten sie uns, Ihnen zu helfen, soweit wir dazu imstande sind. „Sagt allen

in Deutschland, daß wir hier nicht mehr länger bleiben können, denn wir sind mit unserer

Kraft am Ende.” Von den Ostverträgen sind wir einerseits enttäuscht, aber andererseits

fühlen wir uns nicht mehr ganz so verlassen, seitdem nun auch die Landsleute

aus der BRD zu uns kommen können. Das ist das bisher einzig Positive an diesen

Verträgen.

Außer einigen kleinen Geschenken lassen wir noch mehrere Kleidungsstücke da, die

sie sicher gut gebrauchen können.

In eigener Sache

Endlich wieder mal ein Heimatbrief! Eine erfreulich große Menge reagierte auf meinen

Aufruf im Ostpreußenblatt, geeignetes Material für den Heimatbrief 1975 zur Verfügung

zu stellen. Herzlichen Dank allen Einsendern! Wie immer können leider nicht alle

eingesandten Fotos und Texte veröffentlicht werden. Das Text- und Bildmaterial

für unsere Stadt Arys ist so umfangreich, daß nur ein kleiner Teil für den Heimatbrief

verwertbar ist und darum aufgenommen werden kann. Ganz besonders möchte ich

stellvertretend für viele einige Landsleute

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erwähnen und diesen besonderen Dank sagen: Ella Glauß, Elisabeth Lipski, Ingeborg

Möller (geb. Lipski), Georg Schubert, Josefine Glossat, Dr. Reinhold Heling,

Fritz Steiner, Arthur Schilling, Horst Donder, Hellmuth Gramatzki. Insgesamt sind

78 Einsendungen eingegangen, 128 Korrespondenzen habe ich geführt, um in jedem

Falle unsere heimatliche Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Eine Menge

Arbeit, aber sie zu tun macht große Freude. Etwa 72 Stunden (9 Tage ä 8 Stunden

harte Arbeit) werden benötigt, um die 11.700 Heimatbriefe allein zu adressieren,

„einzutüten” und zur Post zu bringen. Dazu kommen etwa 64 Stunden reine Arbeit

für den Redakteur (Vorbereitung, Verhandlungen, Korrespondenzen, Zusammenstellung,

Korrekturen u. a.).

Ist das der Heimatbrief wert?

Viele Zuschriften bejahen diese Frage und machen mir immer wieder Mut, diese ehrenamtliche

Arbeit für meine Heimat zu tun.

Im Heimatbrief 1976 werden einige Veröffentlichungen kommen, die 1975 nicht gebracht

werden konnten.

Und die Kosten? Auch diese Frage muß sehr deutlich angesprochen werden: Der

Druck kostet rund 7.200,- DM, der Versand (Porto ä Brief 0,30 DM) rund 3.500,- DM

und andere anfallende Kosten etwa 400,- DM. Insgesamt kostet unser Heimatbrief

also 11.100,- DM. Bisher haben wir diesen Heimatbrief ohne Verluste finanzieren

können. Eine ungeahnte Zahl von großzügigen Spendern hat die Herausgabe ermöglicht

und damit vielen Landsleuten Freude bereitet. Wir hoffen zuversichtlich, daß

auch dieser und die zukünftigen Heimatbriefe auf diese Art finanziert werden können!

Vergessen Sie also auf keinen Fall ihre

freiwillige Spende

Unser Kassenverwalter hat das Wort:

Herzlichen Dank!

In heimatlicher Treue und Verbundenheit

Ihr

G. B.

Liebe Landsleute!

Es drängt sich förmlich der Wunsch auf, mit dem Abschluß des Rechnungsjahres all

den treuen und zuverlässigen Spendern mit kleinen aber auch mit beträchtlichen Beträgen

herzlich Dank zu sagen. Somit konnte ich auch im vergangenen Jahr alle Verpflichtungen,

vor allen Dingen die den Heimatbrief betreffenden dank Ihrer zahlreichen

Spenden erfüllen. Zudem konnten die letzten drei Kreis-treffen voll durchgeführt

und finanziert werden. Das sind stattliche Summen, die jeweils auf uns zukommen.

Es ist daher auch meine Pflicht, Ihnen kundzutun, daß die Kassenführung

zwar keine großen Überschüsse erzielte, aber dafür glatt und ausgewogen blieb. Das

muß ich Ihnen sagen, um volles Vertrauen bei allen Spendern zu finden und auch

heute Sie zu bitten, uns nicht zu vergessen. Wir erfüllen dadurch eine Pflicht, die uns

Johannisburgern eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Die Konto-Nr. ist dieselbe geblieben: Postscheckkonto Köln, Nr. 285187-506

Ihr Geldverwalter

Walter Sagorski

5 Köln 51, Brühlerstr. 46

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Schulbus in

Nikolaiken (1974)

Mühle in Seegutten

(Spirdingsee)

Wie lang wird sie

noch stehen?


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Auszüge aus Briefen von unseren Landsleuten, die erfreuen:

Frau Rymarzik, geb. Pietrzyk (früher Wiesenheim) schreibt u. a.:

„Über die zugesandten Bilder habe ich mich sehr gefreut. Die Tränen standen uns allen

in den Augen. 0, du schönes Masuren, was ist aus dir geworden! Gerne würde ich

nochmal in die Heimat fahren, aber man wird schon vom Anblick der Bilder (1974!,

die Red.) seelisch fertig.”

Frau Lipski (früher Arys) am 2. Advent 1974 (Auszug):

„Ihre Zeilen haben mich tief bewegt. Was so eine ehrenamtliche, nur dem Idealismus

und der Liebe zur Heimat entspringende Aufgabe wir die Ihrige in der Landsmannschaft

alles an Mühe, Arbeit und auch Sorgen mit sich bringt, müßte jedem einmal

nahe gebracht werden . . . — Mögen Ihnen Kraft und Eingebungen bezüglich der

Heimatbrief-Arbeiten vom ,Großen Unbekannten' geschenkt werden.”

— Ja, liebe Frau Lipski, ich habe viel Dank geerntet. Ist das nicht viel? Der Kreisvertreter

überreichte mir zum Weihnachtsfest für meine ehrenamtliche Arbeit einen

Bildband von Ostpreußen. Das war eine Auszeichnung, die ich zu schätzen weiß.

Frau Renate Althaus, geb. Kaszemek:

. . Ich war seit 29 Jahren wieder einmal ,zu Hause'. Diese Reise hat mir trotz leisem

Wehmut gut gefallen. Mein Elternhaus (Försterei Königsdorf In Henriettental)

steht zwar nicht mehr, trotzdem fühlte ich mich im Walde dort und an den Wondoller

Teichen wieder ganz zu Hause. Auch mein westfälischer Mann ließ sich von dem Zauber

dieser Landschaft einfangen und ist heute begeisterter Schilderer der Schönheit

Masurens und der Johannisburger Heide. — Von dem Platz, wo mein Elternhaus

stand, habe ich Kiefern- und Fichtenzapfen mitgebracht, den Samen in einen Blumentopf

gesät und hege und pflege heute acht kleine masurische' Nadelbäumchen. — Daß

ich meinem Vater ein Beutelchen Heimaterde für sein Grab mitbrachte, versteht sich

von selbst."

Kreisgruppe Johannisburg in Berlin

Die Johannisburger Kreisgruppe in Berlin grüßt alle Landsleute in Westdeutschland.

Ich bitte alle Landsleute, nicht aufzuhören, die Stimme für unsere ostdeutsche Heimat

und auch für Berlin zu erheben. Versäumen Sie nie die Treffen Ihres Heimatkreises

und versuchen Sie immer wieder, auch die junge Generation aufzuklären und ihr

immer wieder über unsere schöne Heimat zu berichten. Unsere junge Generation

muß wissen, daß es nie ein friedliches Deutschland ohne unsere Ostgebiete geben

wird.

Wenn wir Johannisburger in Berlin heute für unsere neue Heimat Berlin besonders

eintreten, so geschieht es aus der Angst heraus, daß Berlin ein gleiches Schicksal

treffen könnte wie unsere alte Heimat.

1974 waren unsere Heimattreffen immer gut besucht. Wir schlossen das Jahr 1974

mit einer Weihnachtsfeier im Gedenken an alle Landsleute, auch die in der alten

Heimat verbliebenen, ab. Die Jugend war bei der Weihnachtsfeier besonders aktiv

und untermalte die Feier mit ostpreußischen Liedern und Gedichten.

Liebe Landsleute, wir bitten Sie, sich im Jahre 1975 noch mehr für die Arbeit in der

Landsmannschaft einzusetzen und uns Berliner nicht zu vergessen. Wir freuen uns,

wenn Sie mal unsere Treffen besuchen. Unsere nächsten Treffen sind am 5. April, 30.

August, 25. Oktober und die Weihnachtsfeier am 6. Dezember. Im Sommer machen

wir eine Dampferfahrt oder einen Ausflug. Das Datum dafür wird im Ostpreußenblatt

noch bekanntgegeben. Heinrich Wischnewski

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Bei einem Besuch in seiner Heimat von einem Landsmann entdeckt:

Zum Teil noch gut erhaltene Gräber

Johannisburg:

1. Franz Schäfer (Soldatengrab), an der Mauer zur Straße.

2. Teichert (Familiengrab mit Eisengitter, dicht an der Mauer).

Gehsen:

1. Abt. Kdr. Ernst Pabst, 1. Mob. Ers. Abt. Feld Art. Rgt. 52 gef. 21. 7. 1915

2. Ltn. Karl Ludwig v. d. Osten, 4. Kp. Grenadier Rgt. 2 gef. 1. 3. 1915

3. Emil Mühlhausen, mit Spruch „Verlorenes Glück .. .”, Hier ruht mein Ib. Mann

Uffz. d. Landw. Drag. Rgt. 17 geb. 24. 8. 1884, gef. 9. 9. 1914

4. Pienkohs, geb. 1912 gest. 1935 (alles andere unleserlich)

Königstal:

1. Gottl. Danielzik, geb. 21. 12. 1855, gest. 11. 12. 1941

2. Amalie Smentek, geb. 13. 10. 1880, gest. 1. 8. 1937

3. Margarete Pernack, geb. 16. 2. 1923, gest. 29. 4. 1942,

Spruch: „Du bleibst uns unvergeßlich”

4. Werner Darda, Spruch: Hier ruht in Gott mein lieber Sohn und Bruder,

geb. 30. 11. 1888, gest. 7. 1. 1942

5. Amalie Danielzik, geb. 11. 1835 (Tag nicht leserlich), gest. 25. 9. 1912

6. Marie Konstanty, geb. 16. B. 1874, gest. 25. 2. 1934

Ich hoffe, daß man vielleicht . einigen Angehörigen eine, wenn auch schmerzliche,

Freude damit bereiten kann. Der Gedanke, noch ziemlich gut erhaltene Gräber in der

Heimat zu wissen, dürfte wohl tröstlich sein.

Erinnerungen .an Breitenheide

Von Revierförster i. R. G. Schubert

Wer hat dieses kleine Dörfchen in Masuren wohl nicht gekannt, inmitten der großen

Johannisburger Heide? Und sicher nicht nur die Kreisbewohner, sondern auch weit

darüber hinaus durch eine — man kann es schon so nennen — Naturkatastrophe eigener

Art, die sich 1923/24 rund um Breitenheide ereignete: dem verheerenden

Raupenfraß. Hervorgerufen durch die Forleule, einem Insekt, das während seines

Entwicklungsstadiums (Falter — Ei — Raupe — Puppe) als Raupe rd. 10.000 ha Kiefernbestände

vernichtete, d. h. andererseits durch Kahlfraß (Abfressen der Nadeln)

ca. drei Millionen Festmeter Stammholz zum Absterben brachte.

Während bis dahin rundum der Ort mit Hochwald umgeben war, lag er nunmehr etwas

erhöht frei in der Landschaft. Aber noch ein anderes Schicksal war Breitenheide

acht Jahre zuvor beschieden, als 1915 während der Masurenschlacht fast alle Gebäude

zerstört wurden, wenn sie ca. ein bis zwei Jahre später auch wieder aufgebaut

waren. So auch das Forsthaus, in das wir — aus Sachsen kommend — im Herbst

1930 einzogen. Für zwei Jahre unsere erste Station, die uns „Mitteldeutschen Ostpreußen”

sozusagen von Stund an zur neuen Heimat werden ließ. Inzwischen sind

nun 45 Jahre dahingegangen, sodaß ich heute mit genauen Zahlen und auch nicht

mehr mit Namen aufwarten kann. So weiß ich nicht mehr zu sagen, wieviel Gebäude

die Gemeinde hatte oder wieviel Einwohner zu der Zeit. Ich meine, es wären um die

150 gewesen. Vier oder fünf Familien betrieben eine bescheidene Landwirtschaft, eine

davon mit Gastwirtschaft und kleinem Lebensmittelhandel (Willimzig / Kroll).

Dann besinne ich mich auf die Tischlerei

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von Joswig. Die übrigen Bewohner waren mehr oder weniger in der Fostwirtschaft

beschäftigt. Nicht zu vergessen die auch neuerbaute Schule, in der zu der Zeit etwa

20 Kinder vom Lehrer Weitschat unterrichtet wurden. Und dann gehörte auch das

Staatl. Forstamt zur Gemeinde, etwas abseits an der Nordspitze des Jaschkower Sees

gelegen. Dazu ein Sekretär-Dienstgehöft am Südrand des Ortes. Während meiner

Zeit war das Forstamt jedoch nicht mit einem Fo. A.-Leiter besetzt, sondern als Kurhaus

verpachtet. Das entsprechende Waldgebiet wurde von Rudczanny (damals

Forstmeister Neuser) aus mitverwaltet. Später, ich glaube 1934 oder 35, wurde es

dann wieder besetzt (Forstm. Wellenstein?) und gleichzeitig als Versuchsstation ausgestattet,

speziell in bezug auf forstschädliche Insekten, Erkrankungen der Forstpflanzen

und andere Waldbaumaßnahmen, als Ziel Anlage späterer Versuchsflächen.

Einzelner Erlebnisse aus den zwei Jahren erinnere ich mich aber dennoch recht gut.

So in jagdlicher Hinsicht (wie an anderer Stelle bzgl. des Birkwildes berichtet) besonders

an meine Erlegung eines Wolfes am .12. Februar 1931 zwischen Breitenheide

und dem Bahnhof Br., die Erlegung meines ersten Hirsches unweit des Bahnhofes

und der feuchtfröhlichen Silvesterfeiern der Forstbeamtenschaft der Forstämter

Rudczanny, Johannisburg, Wolfsbrück, Kullik und Turoscheln in Wiartel, wo wir 1931

bei Krisch den weltberühmt gewordenen Kosakenkaffee mit aus der Taufe gehoben

haben. Er ist inzwischen zwar reichlich teuer geworden, ich trinke ihn aber trotzdem

heute noch gern. Und nie, ohne dabei auch an Wiartel zu denken! Und auch noch

daran, daß — ich glaube 1932 — Mitte Mai noch einmal so viel Schnee fiel, daß wir

ein paar Tage Schlitten fahren konnten. Auch habe ich bis heute nicht vergessen,

daß ich in Breitenheide zum ersten Mal das Masurenlied gehört habe, gesungen von

Mädchen und Jungen an einem stillen Sommerabend auf der Veranda von Schröders

Haus. Später hörten wir es dann noch ab und zu vom Sender Königsberg, doch seit

der Zeit nicht wieder.

Wollte ich mir einmal die „breite Heide” von oben ansehen, so stieg ich auf den ca. 20

Meter hohen Feuerwachturm, ein paar hundert Meter vom Ort entfernt am kleinen

Breitenheider See, auf dem der Haumeister Kohn in den Sommermonaten tagsüber

Wache hielt. Von hier aus übersah man fast die ganze Fläche, die 1923/24 zerstört,

inzwischen aber wieder aufgeforstet war. Eine erhaltene Waldkulisse hinderte zwar

den Ausblick zum etwa fünf Kilometer entfernten Niedersee, aber einige andere Seen,

den Jaschkower-, den Wiartel- und den Mausesee, konnte man gut einsehen. Einige

Kilometer jenseits der Bahnlinie Allenstein—Johannisburg — (Den Zug nannte man ja

wohl den „Masurenexpress"!) sah man den Feuerwachturm im Forstamt herausragen.

Sonst jedoch nur Wald, Wald, soweit das Auge reichte.

Inzwischen müßte nun Breitenheide wieder ein von 40jährigen Kiefernbeständen umschlossenes

Walddorf sein. (Ja, das ist es. 1973 und 1974 dort Pilze gesucht und am

Bahnhof Breitenheide einen großen Korb Pfifferlinge gekauft. — Anm. d. Redaktion).

Wer von den ansässigen Familien dort geblieben ist, weiß ich nicht. Ich nehme aber

an, daß sich die sehr bodenständigen Masuren nicht alle haben vertreiben lassen, obgleich

der Lebensstandard vermutlich recht bescheiden sein wird. Da sie aber schon

immer sehr anspruchslos und trotzdem zufrieden waren, werden sie es heute auch

sein. Und das schöne Lied wird noch immer erklingen:

„Wild flutet der See ……

Masovialand, mein Heimatland,

Masovia lebe, mein Vaterland.”

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