Deutsch-deutsches Lesebuch - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Deutsch-deutsches Lesebuch

Die Stasi-Akten von Günter Grass

Am 14. August 1961, einen Tag nach Errichtung der Berliner Mauer, schrieb der Westberliner

Schriftsteller Günter Grass (1927) einen „Offenen Brief“ an die Ostberliner Schriftstellerin

Anna Seghers (1900-1983), die zugleich Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbands war,

und erhob scharfen Protest gegen die Verriegelung der innerdeutschen Grenze durch die

DDR-Regierung. Da er den Widerstandsroman „Das siebte Kreuz“ (1942) gelesen hatte,

verglich er den eingemauerten SED-Staat mit einem Konzentrationslager und schrieb: „Die

Angst Ihres Georg Heisler hat sich mir unverkäuflich mitgeteilt; nur heißt der Kommandant

des Konzentrationslagers heute nicht mehr Fahrenberg, er heißt Walter Ulbricht und steht

Ihrem Staat vor.“

Dieser Brief, der Anna Seghers nicht erreicht hat, weil sie am 1. Juli nach Brasilien gefahren

und erst im Spätsommer zurückgekehrt war, hatte zur Folge, dass das „Ministerium für

Staatssicherheit“ in Ostberlin bereits vier Tage später, am 18. August, mit einem „Suchzettel“,

auf dem handschriftlich vermerkt war „eilt“, nach Günter Grass fahndete, als Grund war

angegeben „angefallen wegen Provokation“.

Von diesem Zeitpunkt an bis zum 4. Juli 1989, also knapp 28 Jahre, wurde der am 16.

Oktober 1927 im westpreußischen Danzig geborene Schriftsteller, der 1959 mit seinem

Roman „Die Blechtrommel“ berühmt geworden war, unter dem Decknamen „Bolzen“

ununterbrochen überwacht, sowohl in Westberlin, wohin er 1960 von Paris gezogen war, als

auch bei DDR-Reisen. Die ihn überwachten, ihre Gespräche mit ihm aufzeichneten und ihre

Berichte der „Staatssicherheit“ ablieferten, waren bekannte DDR-Schriftsteller wie Hermann

Kant (1926), Erwin Strittmatter (1912-1994) und Paul Wiens (1922-1982) oder

Kulturpolitiker wie Hans Marquardt (1920-2004), der Leiter des Leipziger Reclam-Verlages

1961/87, und Jürgen Gruner (1930), Mitarbeiter 1963/68 des DDR-Ministeriums für Kultur.

Die hier abgedruckten und von Kai Schlüter (1956), einem studierten Germanisten und

Hörfunkredakteur, bearbeiteten Dokumente sind freilich nur ein Teil dessen, was die

„Staatssicherheit“ in 28 Jahren über Günter Grass ermittelt hat. Aber auch diese Auswahl von

rund 300 Druckseiten ist erschreckend genug, der in Ostberlin und anderswo aufgefundene

Aktenberg ist ungleich höher. Wer sich aber der Mühe unterzieht, sich einzulesen in diese

„Literaturgeschichte“, die in fremdartigem „Stasi-Deutsch“ verfasst ist, erfährt eine Fülle von

Einzelheiten über den DDR-Literaturbetrieb in 28 Mauerjahren (zum Beispiel, dass Paul


Wiens nach einer Diskussion 1964 in Weimar Günter Grass verprügeln wollte!) und über die

Ängste der „Literaturinterpreten“ aus Erich Mielkes Ministerium, die, ungebildet und

schwach in Orthografie, dennoch fähig waren, die Existenz von Autoren nach Gutdünken zu

vernichten.

Kai Schlüter hat diese grauenhafte Textsammlung, die er nicht als „wissenschaftliche

Edition“, sondern als „Lesebuch“ verstanden wissen will, in fünf Kapitel aufgeteilt, die

chronologisch aneinander gereiht sind. So folgen nach den Äußerungen zum Mauerbau

(1961/66) die konspirativen Lesungen in Ostberliner Wohnungen (1974/80), nach den

friedenspolitischen Aktivitäten (1981/86) sind erste Lesereisen (1987/88) möglich, das letze

Kapitel schließlich ist einer Reise (1989) von Günter Grass auf die Inseln Rügen und

Hiddensee gewidmet, der Heimat seiner zweiten Frau Ute Grunert.

Alles, was der Autor in diesen Jahrzehnten privat erzählt oder öffentlich geäußert hat, ist,

unter Weglassungen und Einfügungen, aufgezeichnet, bewertet und oft auch verzerrt dem

Führungsoffizier übermittelt worden. So entstand eine doppelt und dreifach „gefilterte Sicht

der Wirklichkeit“ (Kai Schlüter), die weit mehr über die Überwacher aussagt als über den

Überwachten.

Um diese „spröde Behördenprosa“ (Andreas Platthaus) für den Leser verdaulich zu machen,

hat Kai Schlüter den unaufhörlichen Fluss der konspirativen Berichte an die Führungsoffiziere

aufgelockert durch nachträgliche Interviews mit Betroffenen und sonstige Zeugenaussagen.

So wurde das letzte Interview, so zeitnah arbeitete der Herausgeber, mit der oppositionellen

Liedermacherin Bettina Wegner (1947) am 14. Januar 2010 geführt. Erst nach der

Aufhellung der Umstände, unter denen die Überwachungsberichte entstanden, kann der Leser

beurteilen, was tatsächlich geschehen ist und wie es dann von Erich Mielkes Mitarbeitern

verwertet wurde.

Erst im letzten Abschnitt des Buches, wo zu lesen steht, wie Günter Grass überwacht wurde,

als er im Sommer 1989 auf die Insel Rügen und nach Hiddensee reiste, um die Heimat seiner

Frau kennenzulernen, taucht ein hauptamtlicher Mitarbeiter jenes berüchtigten Ministeriums

auf, das seit Wolf Biermanns Ausbürgerung am 16. November 1976 für Kulturpolitik

zuständig war: Major Paul Kienberg (1926) ! Obwohl Günter Grass auf Rügen von Hans

Marquardt beschattet wurde, der dort seinen Lebensabend verbrachte, reichte das dem

Ministerium, das Zwischenfälle befürchtete, offenbar nicht aus, weshalb noch ein erfahrener

Abwehroffizier auf die Inseln entsandt wurde. Ein herrliches Bild tut sich auf: Günter Grass


sitzt zeichnend auf einer Klippe, hinter ihm lauert im Unterholz der Major mit Fernrohr und

Funkgerät! Obwohl die Romane „Das Treffen von Teltge“, „Katz und Maus“ und „Die

Blechtrommel“ 1984/86 in DDR-Verlagen erschienen waren, war ihr Verfasser damals mit

Einreiseverbot belegt, das kurzfristig aufgehoben werden musste.

Diese Textsammlung ist ein unglaubliches Buch, für dessen Veröffentlichung man dankbar

sein muss. Es ist ein unfreiwilliger Beitrag zur Geschichte der DDR-Literatur, insbesondere

zu ihrer Kriminalgeschichte, und es zeigt die tiefen Ängste der Staatsmacht vor einem

Schriftsteller, der eine „feindliche Ideologie“ vertrat, den „Sozialdemokratismus“!

Kai Schlüter (Herausgeber): „Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte“, Christoph-Links-

Verlag, Berlin 2010, 384 Seiten, 24.90 €

Dr. Jörg B. Bilke | Germanist | Coburg

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