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Arbeitswissenschaftler Frederick Winslow Taylor

benannte Prozess, der jeden Handgriff des

Arbeiters auf die Sekunde genau vorbestimmte

– und damit den Menschen zur fl exiblen Maschine

mutieren ließ. Henry Fords Fließbandfabriken

der frühen Automobilisierung waren bei weitem

nicht so schrecklich wie die von Taylor erdachten

Arbeitsnormen, aber immerhin so eintönig,

dass in den großen Ford-Werken nur einer von

zehn Arbeitern länger als ein Jahr blieb. Erst als

Ford den Achtstundentag einführte und die Löhne

für die Arbeiter mit fünf Dollar am Tag gegenüber

den Konkurrenten verdoppelte, konnte der

für die Existenz des Unternehmens stets bedrohliche

Mangel an Arbeitskräften beseitigt werden.

Die Unfreiheit der Normierten war zugleich aber

die Freiheit jener, die sich dank Standards und

Normen aus ökonomischen Abhängigkeiten befreien

konnten.

3. Ohne Norm kein Lohn

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem

Beginn der Massenindustrialisierung also, gab

es ein unglaubliches Wirrwarr an Formaten und

Größen innerhalb einer Produktgruppe. In England,

wo die ersten Eisenbahnlinien entstanden,

verfügte jeder Anbieter über eine eigene Spurbreite.

Maschinen und ihre Bestandteile waren

in ihren kleinsten Teilen auf die Erfordernisse der

Produzenten abgestimmt. Das mochte anfangs

noch Zufall und Planlosigkeit sein, war aber in

wenigen Jahren zum Kalkül der Hersteller geworden.

Ersatzteile für Maschinen, selbst wenn

es sich um einfache Bolzen und Schrauben handelte,

gab es nur beim „Original-Hersteller“.

Die Norm kam durch die ökonomische Befreiung

in die Welt. In den siebziger Jahren des 19.

Jahrhunderts, dem Jahrzehnt des Liberalismus

und des Freihandels, entwickelten in Deutschland

staatliche Stellen verbindliche Normierungen:

zuerst für Werkstoffe und chemische Verbindungen,

dann für Eisen und Stahl, schließlich

auch für Prüfbedingungen, mit denen sich Qualität

messen ließ, was den Mechanisch-Technischen

Versuchsanstalten zukam. Der Verein

Deutscher Ingenieure, 1856 gegründet, wurde

zunehmend zum Expertengremium für die Stan-

dardisierung von Roh- und Werkstoffen und der

Normierung ihrer Bearbeitung. Die bis heute für

deutsche Produkte weltweit als Synonym genutzten

Begriffe wie Zuverlässigkeit, Wertarbeit

und höchste Qualität sind unmittelbare Folgen

der Standardisierung- und Normierungspolitik

der deutschen Wirtschaft.

Made in Germany war 1887 als Stigma gegen

deutsche Waren vom britischen Parlament eingeführt

worden. Weil minderwertige, englischen

Originalen nachgeahmte Ware nach Großbritannien

strömte, mussten alle Waren aus dem

Deutschen Reich diesen Warnhinweis tragen.

Doch beim Angeklagten hatten sich die Verhältnisse

grundlegend geändert: Aus planlosem

Pfusch wurde planvolle, strenge, berechenbare

Norm. Deutsche Produkte übertrafen noch vor

der Jahrhundertwende die bis dahin als Maß

der Qualitätsdinge geltenden britischen Produkte.

Made in Germany wurde zum bedeutendsten

Qualitätsmerkmal industrieller Produkte im

20. Jahrhundert. Die nach klaren Standards und

Normen gefertigten Produkte waren berechenbar

gut. Sie entzogen sich der bis dahin herrschenden

Beliebigkeit der Qualitätsgüte. Was im

viktorianischen Freihandels-Paradies England

ungewollt zu einer Neudefi nition deutscher Produkte

führte, setzte sich auch im Rest der Welt

gegen alle Zoll- und Handelshindernisse durch.

Die Rolle Deutschlands als führende Wirtschaftsmacht

verdankt es seinen konsequenten

Standards und Normen, die bald zum Vorbild der

ganzen industrialisierten Welt wurden.

4. Standards schaffen Macht

Länder, die sich der Standardisierung ihrer Waren

entziehen mit dem Ziel, ihre eigene Norm zur

wichtigsten, führenden Regel für die Produktgestaltung

und -güte zu machen, haben das Nachsehen.

Die USA lebten im 19. Jahrhundert von

und für sich. Im 20. Jahrhundert wurden die Defi

zite durch mangelnde Qualität – die Folge klarer,

verbindlicher Normen und Standards in anderen

Ländern – für den Außenhandel immer offensichtlicher.

In den zwanziger Jahren begann der Handelsminister

und spätere Präsident Herbert Clark

TITELTHEMA

Hoover systematisch den Ausbau staatlicher

Normierungsstellen, die dem Vorbild des 1917

gegründeten Deutschen Instituts für Normung e.

V. nacheiferten – dem Hüter und Bewahrer der

mächtigen Deutschen Industrienorm (DIN), in

dem heute in mehr als 4600 Arbeitsausschüssen

28500 Experten Normen ausarbeiten und

verteidigen.

Die Normierung und Standardisierung amerikanischer

Produkte erwies sich selbst in Zeiten der

tiefsten Weltwirtschaftskrise als so erfolgreich,

dass ab Mitte der dreißiger Jahre Hoovers Amtsnachfolger

in der Präsidentschaft, Franklin Delano

Roosevelt, die Normierung und Standardisierung

zu einem der wichtigsten Eckpfeiler seiner

New-Deal-Politik machte.

Die technische Regel ist dabei dem Gemeinwohl

verpfl ichtet. Dafür gibt es sogar eine eigene DIN-

Norm, Nummer 810: „Normung ist die planmäßige,

durch die interessierten Kreise gemeinschaftlich

durchgeführte Vereinheitlichung von

materiellen und immateriellen Gegenständen

zum Nutzen der Allgemeinheit.“

In Japan entwickelte sich das zentralistische

MITI (Ministry of International Trade and Industry),

das als Zentralstelle die Normierung und

Qualitätssicherung japanischer Produkte straff

organisierte und damit Japan, bis in die fünfziger

Jahre keineswegs ein für Produktqualität

bekanntes Land, zusammen mit Deutschland an

die Spitze der Qualitätsnationen katapulierte.

Die Japaner bedienten sich einer neuen Taktik:

Sie passten ihre Produkte den bestehenden Normen-Reichen

– dem amerikanischen und den

europäischen Märkten – an. Sie versuchten

nicht, mit eigenen Normen und Standards den

Gegner anzugreifen, sie kopierten seine Vorlagen.

Das ist hocheffi zient, weil es teuer ist, eigene

Normen und Standards durchzusetzen.

Auf guter Grundlage verbesserten japanische

Entwickler damit ganze Technologiezweige: die

Halbleitertechnik, die Automobilindustrie und

die Unterhaltungselektronik. In allen drei Sparten

konnte Japan durch die Akzeptanz fremder

Vorlagen, Standards und Normen damit in die

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