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Ob dies nun ein nachträgliches Biographieschreiben

ist oder nicht – um das Ambivalente geht es

in Bhabhas Werk.

„Bhabha plädiert für einen Kulturbegriff, der Antagonismen,

Widersprüchlichkeiten und gar Inkommensurabilitäten

als Basis kultureller und

politischer Konzepte denkt.“ 7 , schreiben Bonz

und Struve und weisen damit auf Bhabhas explizite

Abneigung einem Liberalismus mit multikulturalistischer

Attitüde wie auch einem Fanatismus

gegenüber hin. Bhabha selbst zeigt

diese in der Gegenüberstellung der Begriffe

„cultural diversity“ und „cultural difference“. Er

ist skeptisch gegenüber dem Zelebrieren „kultureller

Vielfalt“, wie es pluralistische demokratische

Gesellschaften in seinen Augen begehen.

Eine Synthese im Sinne einer kulturellen bricolage

ist für ihn Teil des dominanten Diskurses eines

Multikulturalismus 8 , der das kulturell Andere eben

doch nur so lange gut heißt, wie es in den eigenen

Mustern fassbar bleibt. Was in diese nicht hereinpasst,

bleibt so unvereinbar – und das intendiert

universalistische diversity-Denken fällt auf ethnozentrische

Normen zurück. Somit zeigt es sich

eingrenzend und kontraproduktiv für ein Verstehen

verschiedener Bedeutungsstrukturen.

Bhabha prangert eine westliche ‚Kennerschaft’

an, die die Fähigkeit Kulturen zu lokalisieren und in

einen universellen Zeitrahmen einzubinden zu besitzen

und dabei die verschiedenen historischen

und sozialen Kontexte zu erkennen meint. 9

Genau hier setzt sein Plädoyer für den Begriff der

cultural difference an: Dieser erkennt zunächst

einmal Grenzen und Inkommensurabilitäten, die

nicht über ein universalistisches Prinzip vereinbar

sind, an – und meint davon ausgehend, dass

unterschiedliche „Kulturen“ auch in scheinbar

unlösbaren Konfl ikten sich ständig in einem Verhandlungsprozess

befi nden. Die Anerkennung

dessen eröffnet, so Bhabha, einen produktiven

Raum: „With my notion of cultural difference I

try to place myself in that position of liminality,

in that productive space of the construction

of culture as difference, in the spirit of alterity or

otherness“ 10

Mit Heidegger betrachtet Bhabha eine Grenze

nicht als einen Ort, an dem etwas aufhört, sondern

an dem etwas „sein Wesen beginnt.“ 11 Und

sieht damit das liberalistische Verständnis herausgefordert:

„These boderline negotiations of cultural difference

often violate liberalism’s deep commitment

to representing cultural diversity as plural

choice.“ 12

Ein zentraler Teil der „Verhandlungen“ oder eher

ihre Basis ist translation, die „Übersetzung“.

Hier knüpft Bhabha an Benjamins Theorie der

„verfremdeten Übersetzung“ an, die dieser

schon in den 20er Jahren vertrat. Noch ausschließlich

auf (Literatur-)Sprache bezogen

plädierte Benjamin dafür, dass ein Übersetzer

dem Leser, statt ihm eine wörtliche 1:1-Übersetzung

zu liefern, den Geist der Sprache des

Originals vermitteln soll – da Begriffssysteme

einzelner Sprachen verschieden seien. Es gehe,

so ein plakatives Beispiel, das Benjamin selbst

verwendet, nicht darum, Hindi ins Deutsche zu

übersetzen, sondern das Deutsche ein bisschen

mehr wie Hindi zu machen. 13 So entstehe „etwas

Drittes“ – womit Benjamin gewissermaßen Bhabhas

Dritten Raum, um den es gleich detaillierter

gehen wird, antizipiert.

Bhabhas semiotisches Verständnis von Kultur

beinhaltet, dass allen Kulturen, während sie

nicht über gemeinsame Inhalte verfügen, gemeinsam

ist, dass sie sich aus symbolischen

Praktiken konstituieren. Dies führt ihn wiederum

zu der These, dass kulturelle Bedeutungen

„übersetzt“ werden können - aber ebenso wenig

wie Sprachen nicht auf einem 1:1-Weg. So

entsteht wiederum ein eigener symbolformender

Prozess.

Zum Verständnis dessen ist wichtig, dass es

nach Bhabha keine kulturelle „Bedeutung an

sich“, keine Essenz gibt, da Bedeutungen sich

immer prozesshaft über Differenz zum „Anderen“

konstruieren – das „Original“ ist immer

im Austausch mit dem „Anderen“, so dass die

„Imitation“, die Übersetzung, nicht dem Original

unterlegen ist und durch den wechselseitigen

Übersetzungsprozess etwas Neues entstehen

kann. So werden Hierarchien von Original

und Abbild verwischt – ein Prozess, den Bhabha

im Kontext von kolonisierten Subjekten auch als

Mimikry versteht: Ein Imitieren der Kolonisatoren,

aber nur teilweise -„almost the same but not

ZWISCHEN:RÄUME

quite (...)“ 14 bricht bereits eine koloniale Autorität.

Dass Bhabha hier gleich eine strategische

Subversivität sieht, ist häufi ger, gerechtfertigter,

Anlass zu Kritik – wichtig ist aber die Überzeugung,

dass die Übersetzung eine Lücke ins Original

schlagen und so alte Strukturen brechen

kann. 15

Wie auch Bedeutungen sich in Differenz zum anderem

konstruieren, sieht Bhabha das Subjekt

sich ebenfalls in einem permanenten Prozess

der Auseinandersetzung und Abgrenzung zu etwas

anderem identifi zieren, so dass es durch

eine immanente Ambivalenz gekennzeichnet ist,

die es „konstitutiv in sich trägt“. 16

Deshalb bevorzugt Bhabha eben jenen Begriff

- den der identifi cation, der „Identifi zierung“ gegenüber

dem der identity, der „Identität“, den er

als holistische Vorstellung des Subjekts als einem

souveränen abgeschlossenen Ganzen ablehnt.

Dabei greift er Althussers „symbolische Anrufung“

auf: Laut derer beginnt das Subjekt erst

durch die Annahme der von außen an es herangetragenen

kulturellen Gesetze als gesellschaftliches

Wesen zu existieren. Bhaba führt dies weiter:

Dieser symbolischen Anrufung wohne immer

eine Differenz inne, da das Subjekt mehr als die

Summe einzelner, teils auch nicht zu vereinbarender,

symbolischer Zuschreibungen ist. 17

Bhabhas Ausgangspunkt bilden die Mitglieder

postkolonialer Gesellschaften, die er als durch

eigene soziale Erfahrungen und eigenes Erbe

geformt sieht, daneben aber ebenso durch die

Erfahrungen und Geschichten, mit denen sie in

Kontakt kommen. Sie haben für Bhabha Symbolcharakter

– stellvertretend für das Subjekt

in der postmodernen Welt, in der es nicht nur

bezüglich signifi kanter (z.B. ethnischer oder geschlechtsspezifi

scher) Zugehörigkeit angerufen

wird, sondern diese Anrufungen sich als äußerst

ambivalent erweisen. 18

Das verbreitete Verlangen, inmitten einer „kulturellen

Entortung“ 19 eine kohärente Identität zu

entwerfen, erweist sich in Bhabhas Augen so

als ein Fehler.

Hier zieht er nun die von Freud entwickelte Denk- ►

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