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Magazin 2008 - Frankfurter Presseclub

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das magazin

Frankfurter PresseClub 2008

Frankfurter PresseClub – Information und Kontakte | Seite 10

2. Internationaler Medienpreis Frankfurt | Seite 18

Schwerpunkt „Durchstarten“: Journalistenschulen,

Studiengänge, Tipps für Freie | Seite 22

FPC-Reise nach Nepal | Seite 44


Harte Arbeit

Viele junge Leute sehen im Journalismus einen Traumberuf.

Jahr für Jahr geht die Zahl der Bewerber in die Zehntausende.

Wer mit Journalismus allerdings nur Reisen in alle Welt,

Begegnungen mit Prominenten und immer neue Abenteuer

assoziiert, wer meint, er könne wenigstens jeden zweiten

Tag mit einem flammenden Leitartikel die Welt aus den Angeln

heben, der möge bitte bedenken: Journalismus ist eine

„harte, unerbittliche Tagesarbeit, eine geistige Schwerarbeit

sondergleichen“ (Emil Dovifat).

Einer Sache nachzugehen, Fakten zusammenzutragen,

damit eine solide Nachricht oder ein fundierter Kommentar

entsteht, dazu braucht es mehr als nur eine „flotte Schreibe“.

Dazu kommt der enorme Zeitdruck, zumal im Tagesjournalismus.

Abendtermine und Arbeit am Wochenende

sind eine Selbstverständlichkeit. Diese titanengleiche Leistung

vollbringen in Deutschland rund 45000 fest angestellte

Journalisten, dazu kommen etwa 25000 Freiberufler, die

dieser Tätigkeit aber hauptberuflich nachgehen, und rund

2400 Volontäre.

Journalismus gilt als Begabungsberuf, der grundsätzlich

jedem offenstehen sollte. Einen verbindlichen Ausbildungsweg

gibt es nicht. Das verblüfft viele, die meinen, für einen

so verantwortungsvollen Beruf müsse es doch eine geregelte

Ausbildung, ja sogar eine Art Prüfung geben. In Deutschland

hat sich allerdings – auch aus historischen Erfahrungen

– die Überzeugung durchgesetzt, dass zu einem freien

Medienwesen auch ein freier Berufszugang gehört. Vor

allem der Staat soll nicht durch Prüfungen und Kommissionen,

wie direkt oder mittelbar auch immer, entscheiden

können, wer Journalist werden kann und wer nicht. „Eine

Zensur findet nicht statt“, sagt das Grundgesetz. Das gilt

auch für den Berufseintritt.

Berufsinteressenten stehen deshalb verwirrend viele

Wege offen. Etwa 170 Aus- und Fortbildungsstätten bieten

ganz unterschiedliche Zugänge zum Journalismus an. Jungen

Leuten Rat und Hilfe zu geben ist schwer, aber nicht

unmöglich. Insofern verstehen sich die Autoren der Beiträge

in dieser Ausgabe des FPC-Magazins auch als Lotsen.

Werner D’Inka,

Präsident des Frankfurter PresseClubs

und Mitherausgeber der „F.A.Z.“

3


das magazin

Inhalt

Treffpunkt FPC

Seite 6

3

6

10

18

Harte Arbeit

Editorial

„Es gibt immer noch den Wunsch

nach Qualität“

Ein Drei-Generationen-Gespräch über Journalismus

Information und gute Kontakte

Der FPC bietet viel – auch für jüngere Mitglieder

Der Preis ist heiß

Der Internationale Medienpreis Frankfurt

geht in die zweite Runde

Schwerpunkt „Durchstarten“

4 FPC-Magazin 2008

Wege in den Journalismus

Seite 22

22

23 Bastionen im Wandel

Neue Herausforderungen für Journalistenschulen

26 Probieren und studieren

Studiengänge zum Traumjob

28 „Unsere Absolventen kann man ins kalte Wasser schmeißen“:

Interview mit Publizistikprofessor Hans Mathias Kepplinger

29 Mit „Radio-Starter“ live dabei

Ausbildungsprojekt für Radiomacher –

eine Teilnehmerin berichtet

33 Der Preis der Freiheit

Freud und Leid einer freien Journalistin.

Plus: Tipps zu Steuern, Versicherungen

und Presserecht

Korporative Mitglieder

Seite 40

40

44

45

46

49

50

54

55

58

61

64

66

Freunde fürs Leben

Drei Veranstaltungen korporativer FPC-Mitglieder

Der FPC auf Nepalreise

Zusammenprall der Kulturen

Reisebericht

Ein Leuchtturm in den Bergen

Besuch im Dhulikhel Hospital

Zwischen Hoffen und Bangen

Zur politischen Situation in Nepal

Kleines Hospital ganz groß

Besuch in Sushma Koirala Memorial Hospital

Erheblicher Bedarf

Interview zur Gesundheitsversorgung in den Maoisten-Camps

Buch-Macher

Lesestoff von FPC-Mitgliedern

Linie 64, Paquetstraße

Das Leben des Frankfurter Reisejournalisten

Alfons Paquet (1881–1944)

Im Norden viel Neues

Bericht von der FPC-Reise nach Bremerhaven,

Bremen und Cuxhaven

Mehr als Meer

Zum bevorstehenden Jahrestreffen

des Forums Deutscher Presseclubs

Nepalreise

Seite 44

Der Vorstand, FPC-Team, Impressum


Werner Holzer Nils Bremer Stephan Hebel

„Es gibt immer noch den Wunsch

nach Qualität“

Journalismus damals und heute. War früher alles besser? Was hat sich

verändert? Und wie sollten Journalisten in Zeiten neuer Medien, sinkender

Redaktionsbudgets und steigender Ansprüche auf ihren Beruf vorbereitet

werden? Für das FPC-Magazin bat Vorstandsmitglied Stephan Hebel

den Ehrenpräsidenten Werner Holzer und Jungredakteur Nils Bremer

zum Gespräch. Ein aufschlussreiches Treffen dreier Generationen.

6 FPC-Magazin 2008


Stephan Hebel: Früher war bekanntlich alles besser.

Werner Holzer: Das stimmt natürlich nicht!

Hebel: Also wie war es früher?

Holzer: Manches war bekömmlicher für die journalistische

Arbeit. Anderes ist heute sehr viel praktischer. Um was ich

die Journalisten heute beneide, das sind die neuen Kommunikations-

und Reisemöglichkeiten. Fast überall auf der Welt

ist es viel einfacher und billiger geworden, sich von einem

Ort zum anderen zu bewegen. Noch mehr gilt das für die

Übermittlung von Nachrichten und Reportagen. Als ich aus

Vietnam berichtet habe, hat das pro Feature zwischen 800

und 1 100 D-Mark per Telex gekostet. Heute kostet es nur

noch einen Bruchteil davon, ist beinahe von jedem Ort aus

möglich und geht sehr viel schneller. Das gilt für Text, Bild

und Ton. Noch etwas anderes ist heute gewiss von Vorteil:

Junge Journalisten, die von der Universität kommen, bringen

deutlich mehr Fachwissen in das Volontariat mit, auch

wenn sie von der Praxis noch wenig Ahnung haben. Bei uns

dagegen hieß es meist: learning by doing.

Hebel: Was hat sich verschlechtert?

Holzer: Der Zeitdruck ist gewachsen. Weil oft die Zeit zum

gründlichen Nachdenken zu knapp ist, geht dies zulasten

der Recherche und damit der Qualität. Etwas anderes

kommt hinzu: Das ständig wachsende Angebot an Informationen

führt zwangsläufig zu immer stärkerer Fragmentierung

der Nachrichten. Wenn wir uns darüber einig sind,

dass es eine der wichtigsten Aufgaben des Journalisten ist,

das Material auszuwerten, zu sortieren und Entwicklungen

in Zusammenhänge zu stellen, dann sind Zeitdruck und

Fragmentierung heute eine zusätzliche Schwierigkeit. Weil

zudem beträchtliche Teile der technischen Produktion inzwischen

bei den Redaktionen angesiedelt und gleichzeitig

die Redaktionen kleiner geworden sind, wurde die Arbeit

deutlich erschwert.

Nils Bremer: Ich muss Ihnen recht geben. Es ist schon

schneller geworden, in bestimmten Bereichen, aber nicht in

allen. Man kann sicher nicht verallgemeinern, dass Journalisten

heute weniger Zeit haben nachzudenken. Das sieht

man zum Beispiel an der Renaissance der Wochenzeitschriften,

trotz schneller Medien wie Internet.

Holzer: Wochenzeitungen profitieren von der Tatsache,

dass aktuelle Medien wie die Tageszeitungen durch den

Zeitdruck und die Flutwelle der Informationen zusätzliche

Probleme bekommen haben und zudem damit leben müssen,

dass das tägliche Zeitbudget ihrer Leser durch die

neuen Medien kleiner geworden ist.

Bremer: Leser haben es heutzutage leichter übers Internet,

schneller an Informationen zu kommen. Deswegen haben

die Tageszeitungen ein großes Problem: Warum soll ich

noch eine Tageszeitung lesen, in der Nachrichten drinstehen,

die man theoretisch schon am Tag vorher erfahren

konnte. Zur Langfristigkeit: Die Tageszeitungen verändern

sich immer mehr zu einer Art Magazin, man hat mehr

Hintergrundberichte und auch mehr Möglichkeiten, länger

über die Sache nachzudenken. Vielleicht ist das, was es

früher nicht gab, heute als eine Ergänzung zu sehen. Und

damit auch als Fortschritt für den Journalismus. Einerseits

kann man den Leser oder Hörer mit wichtigen Neuigkeiten

möglichst schnell erreichen, andererseits bleibt immer noch

die Möglichkeit, Abstand zu wahren, nachzudenken und

Hintergründe zu berichten.

Holzer: Das ist eine schöne Illusion. Ich bin davon überzeugt,

dass die Masse der Leser, wenn sie wirklich umfassend

informiert sein will, im Internet länger braucht, als

wenn sie eine gut gemachte Zeitung liest.

Bremer: Es stimmt schon, dass bei den schnellen Medien

nicht gerade in Qualität investiert wird.

Hebel: Zu den Berufsaussichten: Im Jahr 2000 waren etwa

700 Journalisten arbeitslos, im Jahr 2003 waren es 7 000.

Holzer: Ein Grund war dabei allerdings auch, dass Journalismus

Mode geworden war. Jahr für Jahr wollten mehr

junge Leute Journalisten werden.

Bremer: Die Chancen waren ja auch größer. Durch den

Anzeigenboom haben die Zeitungen neue Beilagen herausgegeben.

Hebel: Diese Entwicklung ist abgebrochen. Kann unter diesen

Verhältnissen – verkleinerte Redaktionen und Abhängigkeit

vom Zeilengeld – der Anspruch überhaupt noch erfüllt

werden?

Bremer: Das kann man so allgemein nicht sagen. Aber ich

denke, dass der Großteil es heute sehr viel schwerer hat,

angemessen für die Arbeit honoriert zu werden. Das hat zur

Folge, dass man sich Nebenerwerbsquellen sucht. Ich kenne

viele Freie, die auch bei PR-Firmen, Werbeagenturen oder

in ganz anderen Berufen arbeiten. Sie versuchen, alles unter

einen Hut zu bekommen, darunter leidet möglicherweise

die Qualität.

Hebel: Wie war das früher?

Holzer: Als ich anfing, in der zweiten Hälfte der vierziger

Jahre, waren die Redaktionen sehr klein. Wir wurden sehr

bescheiden bezahlt, schlechter als heute. Andererseits waren

die Erwartungen der Leser sehr viel kleiner. Es gab noch

kein Fernsehen, und die Konkurrenz der gedruckten Medien

war gering. Zudem war das Volumen dessen, worüber

berichtet werden konnte, ungleich schmaler. Seit damals

hat sich die Menge der Informationen, die täglich bei den

Redaktionen eintreffen, vervielfacht.

Hebel: Ziehen die materiellen Verhältnisse Qualitätsprobleme

nach sich?

Holzer: Ja. Wenn die Redaktionsetats zu klein sind, kann

das gar nicht anders sein. Zu wenig Zeit, zu wenig Reisespesen

und zu wenige Redakteure, das muss negative

7


Folgen haben. Wenn dann gering bezahlte freie Mitarbeiter

die Lücken füllen sollen, geht es nicht ohne Qualitätsverlust.

Manche Begabung wird dabei die Lust am Journalismus

verlieren.

Bremer: Es ist heutzutage schwieriger, eine Redakteursstelle

zu bekommen. Es wird sehr viel vorausgesetzt. Mehr

als früher, wo manchmal schon das Abitur reichte, um ein

Volontariat zu bekommen. Heute wird das schon vorausgesetzt,

was man eigentlich erst in der Ausbildung lernen soll.

Holzer: Wenn ich es recht bedenke, war der Zugang schon

immer schwierig. Heute fragt man selbst bei kleinsten Blättern:

„Was, Sie haben Politologie studiert? Sie hätten Volkswirtschaft

studieren sollen.“ Und das, obwohl im Wirtschaftsteil

des Blattes nur dpa-Nachrichten zu finden sind.

Der Beruf ist inzwischen weitgehend „akademisiert“,

obwohl das manchmal nicht notwendig wäre. Andererseits

sind die Welt und ihre Probleme so komplex geworden,

dass der Bedarf an Spezialisten überall wächst.

Hebel: Wie sind Sie in den Beruf gekommen?

Holzer: Ich hatte keine Lust mehr zu studieren. Das Angebot

an Fächern und Professoren war einfach zu dünn in den

vierziger Jahren. Ich bekam ein Angebot von einer Zeitung,

weil ich einen Wettbewerb mit dem Titel „Jugend, weißt du

den Weg?“ gewonnen hatte. Der Preis war die Aufnahme

in die Redaktion. Ich war plötzlich Redakteur, wurde aber

behandelt wie ein Jungvolontär – zu Recht.

Hebel: Wie war es bei Ihnen, Herr Bremer?

Bremer: Der klassische Weg: Ich habe vor dem Studium

als Freier bei der „Frankfurter Neuen Presse“ angefangen.

Zuerst als Praktikant, drei Monate unbezahlt. Nach meinem

Studium habe ich bei der „Welt kompakt“ gearbeitet. Nach

einem halben Jahr hat es beim „Journal Frankfurt“ mit meinem

Volontariat geklappt. Dort bin ich auch übernommen

worden.

Holzer: Bei allem finanziellen Druck finde ich diese Ausbeutung

von Praktikanten inakzeptabel. Zumindest ein

anständiges Zeilenhonorar müssen sie kriegen.

Bremer: Der Lohn ist, dass man vielleicht freier Mitarbeiter

wird.

Holzer: Na gut, dafür muss man schon was investieren.

Aber einfach ausgenutzt zu werden, weil die Redaktion

niemand anderen dafür hat, das stärkt die Motivation des

Einzelnen wirklich nicht.

Bremer: Die Frage ist, ob das nicht auch bei Volontären

weitergeht. Es heißt, du hast dein Studium abgeschlossen,

du musst wissen, wie man schreibt, du musst freier Mitarbeiter

gewesen sein. Das wird vorausgesetzt, und dann werden

diese sehr qualifizierten Leute für ein geringes Gehalt

angestellt. Der Ausbildungsaspekt fällt bei vielen Häusern

unter den Tisch.

8 FPC-Magazin 2008

Hebel: Es gibt den Vorwurf, dass der hohe Anspruch des

Journalismus, Aufklärung zu betreiben, nachgelassen hätte.

Holzer: Ich würde sagen, dass nicht so sehr der Anspruch

verloren gegangen ist, sondern dass die Herausforderung

oft fehlt. Das hängt mit einem Wandel im Journalismus insgesamt

zusammen. Die Gefahr besteht, dass die Leute aus

Angst vor dem Tod Selbstmord begehen. Stichwort Infotainment:

Das halte ich für ausgesprochen groben Unsinn. Denn

in dem Moment, in dem du Unterhaltungselemente in deine

Nachrichten bringst, wird die Information wischi-waschi.

Die journalistische Aufgabe ist wichtiger denn je: Die Leute

in einer immer komplizierteren Welt halbwegs auf dem

Laufenden zu halten. Wenn man das vermischt mit Unterhaltung

und Seichtem, leidet die Kernaufgabe des Journalismus.

Hebel: Gehören Sie, Herr Bremer, der Generation Oberflächlichkeit

an?

Bremer: Das muss ich weit von mir weisen (lacht). Da ist

nichts dran. Es gibt beim Leser, Hörer und Zuschauer immer

noch den Wunsch nach qualitätsvoller Berichterstattung.

Ich denke, es gibt zum Beispiel durch die Personalisierung

der Geschichten die Möglichkeit, Themen zugänglicher

zu machen.

Holzer: Wogegen ich mich wehre, ist, unter der Vorgabe,

seriösen Journalismus zu treiben, Unterhaltungsware anzubieten.

Hebel: Herr Bremer engagiert sich im FPC in der Initiative

Nachwuchsjournalisten. Was wäre das Dringendste, das

wir den jungen Kollegen heute beizubringen hätten?

Holzer: Was mir sehr am Herzen liegt, ist die Frage der

Ethik im Journalismus. Was gehört zu unserer Aufgabe, wo

haben wir den normalen Anstand zu wahren? Wo haben

wir die Pflicht, dem Leser etwas zu sagen, selbst wenn er es

gar nicht gerne hört? Darüber müssen junge Journalisten

mehr erfahren.

WERNER HOLZER, 81, Gründungsmitglied und Ehrenpräsident

des Frankfurter PresseClubs, war von 1973 bis 1992 Chefredakteur

der „Frankfurter Rundschau“.

NILS BREMER, 29, ist Redakteur beim „Journal Frankfurt“.

Vor seinem Volontariat hat er bei der„Frankfurter Neuen Presse“

und bei „Welt kompakt“ gearbeitet.

STEPHAN HEBEL, 51, gehört dem Vorstand

des Frankfurter PresseClubs an und ist Mitglied der Chefredaktion

der „Frankfurter Rundschau“.

Redaktionelle Mitarbeit: Peter Steinke

Fotos: Helmut Fricke


Information und gute Kontakte

Viele Wege führen in den Frankfurter PresseClub, und nur selten ist es der direkte.

Hat man aber erst mal einen Clubabend besucht, gibt es einiges zu entdecken.

Auch für jüngere Mitglieder.

10 FPC-Magazin 2008

Mut zum Umsteuern

beim Klimaschutz:

Wer könnte dies überzeugender

fordern als

Prof. Dr. Klaus Töpfer,

Leiter des Umweltprogramms

der Vereinten

Nationen

SPD-Spitzenkandidatin

Andrea Ypsilanti (l.)

kam in den Frankfurter

PresseClub, um ihr Wahlprogramm

vorzustellen.

Mit im Bild: „FR“-Redakteur

Pitt von Bebenburg

(r.), FPC-Geschäftsführerin

Monica Weber-Nau

und FPC-Vizepräsident

Gerhard Kneier


Was heute Spam im elektronischen Postfach ist, war 1999

die Werbepost im Briefkasten. Die wurde meist umgehend

und ungeöffnet in den Altpapiercontainer expediert. Wahrscheinlich

wäre es dem ersten Schreiben, das ich vom Frankfurter

PresseClub erhielt, ähnlich ergangen, doch mein Blick

blieb am Absender hängen. Was der FPC wohl von mir wollte?

Der Brief enthielt eine Einladung. Zu einem Vortrag über

Presserecht, wenn ich mich nicht irre. Musste wohl eine

Verwechslung sein. Ich war kein Clubmitglied, studierte zu

jener Zeit noch und stellte mir vor allem den FPC als elitären

Zirkel vor, in dessen Kreise man frühestens als Ressortleiter

aufgenommen wird.

Von der Existenz des Clubs wusste ich aus dem „Medium

Magazin“, das seine Interviews mit persönlichen Helden

wie Herbert Riehl-Heyse oft in der Bibliothek des FPC führte.

Diese Bibliothek war auf den Fotos, die die Interviews illus-

trierten, meist nur zu erahnen und wuchs wahrscheinlich

deshalb in meiner Vorstellung allmählich zu einer wahren

Schatzkammer der Pressegeschichte heran, die mir aber

verschlossen bleiben würde, weil ich ja kein Mitglied war.

Einige Wochen später fand sich wieder eine Einladung

des FPC im Briefkasten und kurz darauf eine weitere, was

mich schließlich doch zu einem Anruf in der Geschäftsstelle

bewegte. Vielleicht lag ja gar keine Verwechslung vor.

Damals war noch – der leider früh verstorbene – Edgar

Thielemann Geschäftsführer des Clubs. Wie ich in dessen

Verteiler geraten war, wollte oder konnte er mir nicht verraten.

Doch auf mein Interesse an den Veranstaltungen,

die ich aber leider nicht besuchen könne, weil ich ja nicht

dem FPC angehöre, hatte er eine kurze Antwort: „Dann

werden Sie doch Mitglied. Ich schicke Ihnen die Unterlagen

zu.“

11


Vor der endgültigen Auflösung des Valentin’schen Dilemmas

„Mögen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen hab’ ich

mich nicht getraut“ und einem ersten Besuch in der Saalgasse

war freilich noch eine Hürde zu nehmen. Die Aufnahmeunterlagen

forderten, zwei FPC-Mitglieder als Bürgen

zu benennen. Netterweise hatte Edgar Thielemann ein Mitgliederverzeichnis

mitgeschickt, und unter vielen klingenden

Namen fanden sich tatsächlich drei Kollegen, die ich persönlich

kannte.

Das Studium der Namensliste zeigte außerdem, dass dem

Club nicht nur Chefredakteure, Ressortleiter und Sprecher

großer Unternehmen angehörten, sondern auch etliche

freie Journalisten. Das nahm etwas von der Schwellenangst.

Trotzdem wartete ich, bis ich meine FPC-Mitgliedskarte

mit der Nummer 711 in Händen hielt, bevor ich zum ersten

Mal dem Club, meinem Club, einen Besuch abstattete. Erstaunlichweise

kann ich mich nicht mehr an die Veranstaltung

oder das Thema des Abends erinnern. Auch in meinem

Kalendarium findet sich keine Notiz. Vielleicht war ich

schlicht zu aufgeregt.

Dazu bestand gar kein Anlass. Ich will nicht behaupten,

dass mir ein roter Teppich ausgerollt worden wäre, aber ich

wurde durchaus freundlich begrüßt. Weiteren Besuchen

stand also nichts im Weg.

Als Glück, das jedem Neuankömmling zu wünschen ist,

erwies sich die frühe Bekanntschaft mit einem alten FPC-

Haudegen. Hermann P. Reiser stellte mich zahlreichen

Mitgliedern vor und ersetzte nebenbei mit hinreißenden

Geschichten aus seinem langen Journalistenleben die

Bibliothek, die sich nach der ersten Inspektion nicht

gar so gewaltig wie in meinen luftigen Gedankenspielen

ausnahm.

In den ersten beiden Jahren meiner Mitgliedschaft ließ ich

kaum eine Veranstaltung im PresseClub aus, was nicht allein

den interessanten Themen und Gästen geschuldet war. Wo

sonst als im Club hätte man sich besser über die Binnenpolitik

der Medienunternehmen im Rhein-Main-Gebiet informieren

können? Wenn das Geflecht an Bekanntschaften allmählich

wuchs, dann war das vor allem auch Monica Weber-Nau

zu verdanken, die mittlerweile die Geschäftsführung des

FPC übernommen hatte. Stand man an manchen Abenden

etwas verloren an der Theke, schubste sie einen mit Sicherheit

freundlich zu einer Gruppe hin oder versammelte die

übrigen Loners am Tresen, meist ebenfalls jüngere Kollegen,

die noch nicht lange dem Club angehörten.

Dort wurde neben der Verabredung zu einer grundlegenden

Revolution des deutschen Journalismus bisweilen auch

darüber debattiert, wie wir „Youngsters“ (die Altersgrenze

Über Antriebstechniken

der Zukunft referierte

Christof Rühl, Chefvolkswirt

des korporativen

FPC-Mitgliedes BP. Den

Abend moderierte Club-

Schatzmeister Matthias

W. Send (r.)


Womit Verlage künftig ihr Geld verdienen, erklärten Harold Grönke

von der „Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen“, Journalistikprofessor

Joachim Blum und Moderator Jirka Albig

„Alles über Web 2.0“ fassten HR-Multimediaexperte Tilo Barz

und Matthias Müller-Krey zusammen

Vom Podcast zum Vodcast und zurück führten HR-Hörfunk-

Programmdirektor Dr. Heinz Sommer, Moderator Nikolaus Münster

und Robert Amlung, Leiter der Hauptredaktion Neue Medien, ZDF

entspricht dabei jener deutscher „Nachwuchs-Schriftsteller“,

also Mitte 50) aktiv zum Clubleben beitragen könnten. Viel

ist nicht dabei herausgekommen, obwohl es gar nicht

schwer ist, bei Geschäftsführung und Vorstand ein offenes

Ohr für Ideen zu finden. Zumindest ist dies meine Erfahrung.

Als ich vor einigen Jahren für das AmerikaHaus Frankfurt

und das Zentrum für Nordamerika-Forschung der Goethe-

Universität eine Tagung zum Thema „Recherchejourna-

14 FPC-Magazin 2008

.0RSS

sWiki

bePod

gBlogs

-Repor

Digitale Lexika durchforstete

Michaela Schmehl

mit Wikimedia-Vorstandsmitglied

Mathias Schindler

und Bernd Kreißig,

Geschäftsführer Brockhaus

Duden Neue Medien

YouTube RSS

Wandel im

Journalismus

Neue Techniken und ihre Auswirkungen

Web2.0

Podcasting

Das Phänomen der Laienpaparazzi beklagten Peter Stefan Herbst,

Chefredakteur der „Saarbrücker Zeitung“, und Bernd von Jutrczenka,

Chefredakteur der dpa-Bilderdienste. Moderation: Nikolaus Münster

Zum Thema Blogs diskutierte Michaela Schmehl mit Chefredakteur

Paul-Josef Raue („Braunschweiger Zeitung“) und Medienforscher

Prof. Michael Haller

lismus in Deutschland und den USA“ konzipierte und organisierte,

war der FPC dank Monica Weber-Naus Enthusiasmus

sofort mit an Bord, half bei der Vermittlung von Referenten

und trug auch mit seiner großzügigen finanziellen Unterstützung

wesentlich zum Erfolg der Veranstaltung bei.

Heute steht oft der Arbeitsalltag einem Engagement für

den Club im Weg. Vor 20 Uhr kann ich selten die Redaktion

verlassen und dann meist auch nur, um noch zu einem

s

rter

Blogs

Wiki


Wie kommuniziert die Bundeswehr? Aufschluss gaben Walter Jertz,

Generalleutnant a. D., Moderator Christoph Maria Fröhder

und Oberst Wilhelm Hundsdörfer, Leiter des Landeskommandos Hessen

16 FPC-Magazin 2008

Eine etwas andere Rede

zum Neujahrsempfang

des FPC hielt Prof. Dr. h.c.

Peter Steinacker, Präsident

der Evangelischen Kirche

in Hessen und Nassau

Ungewöhnliche Perspektiven

eröffnete auch

Kerim Caliskan, Chefredakteur

der Europaausgabe

der türkischen

Zeitung „Hürriyet“

Abendtermin zu hetzen, der gewiss – so will es Murphy‘s

Law – mit einer Veranstaltung im Club kollidiert. Weil einem

aber das, was man nicht stets zur Verfügung haben kann,

doch immer etwas teurer ist, schätze ich die ausgewählten

Abende im FPC umso mehr, freue mich auf lieb gewonnene

Bekannte und neue Kollegen, den Meinungsaustausch über

die Branche oder auch nur das Gespräch über die neuesten

und besten Bands der Welt.

So ist mir der FPC längst zur wertvollen Weiterbildungsstätte

in der Nachbarschaft geworden. Mit diesem Pfund

könnte der Club für meinen Geschmack offensiver wuchern.

Er könnte Mitglieder in die verschiedenen Redaktionen der

Region schicken und für ein Programm werben lassen, das

in dieser Güte sonst nur auf den etablierten Medientagungen

zu bekommen ist, die der gemeine Volontär oder Redakteur

schon aus Zeitmangel ohnehin nicht besuchen kann. Und

wenn dann erfolgreich Werbung betrieben worden ist,

finden sich gewiss auch einige gestandene FPC-Mitglieder,

die den Neuankömmlingen ein wenig zur Hand gehen,

sie vorstellen oder ihnen wenigstens einen kleinen Schubs

geben. Alles Weitere ergibt sich von selbst.

CHRISTIAN RIETHMÜLLER

Redakteur bei der „Offenbach Post“

christian.riethmueller@op-online.de

Fotos: Rainer Rüffer (frankfurtpicture)

Und wie betreibt man Journalismus im Niemandsland? Unterhaltsame

Einblicke gewährten „F.A.Z.“-Redakteur Bernd Steinle, Moderator

Christian Riethmüller und Mark L. Wenig vom US-Generalkonsulat Leipzig

(v.r.). Wenig hat eine Zeit lang in Alaska gelebt


Der Preis ist heiß

Vor zwei Jahren lobte der FPC den ersten Internationalen Medienpreis

Frankfurt aus. Jetzt geht die Auszeichnung in die zweite Runde.

Strahlende Gesichter: Stargast Tom Buhrow (M.) mit den Gewinnern des ersten Internationalen Medienpreises Frankfurt,

Eckhard Mieder (r.) und Joachim Wölcken

18 FPC-Magazin 2008


Es war vielleicht der glamouröseste Clubabend in der bisherigen

FPC-Geschichte. Nicht in den eigenen Räumen im Haus

„Schwarzer Stern“, sondern auf dem Uni-Campus Westend

kamen am 9. Oktober 2006 über 500 Gäste aus Medien, Wirtschaft,

Politik und Kultur zusammen. Frankfurts Oberbürgermeisterin

Petra Roth saß in der ersten Reihe, auch überregionale

Kamerateams und Journalisten hatten sich angemeldet,

um zu berichten. So besonders wie der Ort war der Anlass

des Abends: die Vergabe des vom Frankfurter PresseClub

ausgelobten ersten Internationalen Medienpreises Frankfurt.

Ausgezeichnet wurden herausragende journalistische Beiträge

über Frankfurt und/oder die Rhein-Main-Region. Nach

Sektempfang und bewegenden Worten von Unipräsident

Rudolf Steinberg folgte die Ehrung der Preisträger, jeweils

mit Vorstellung der prämierten Arbeit und Laudatio durch eine

renommierte Medienpersönlichkeit. Konzertante Einlagen

gehörten ebenso zum Festprogramm wie eine unterhaltsame

Talkrunde mit ARD-„Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow,

dem Stargast des Abends. Am Ende stand fest: Dem bedeutendsten

Medienpreis der Rhein-Main-Region war ein würdiger

Einstand gelungen.

Hochwertiger Preis, weltweite Auslobung

Bereits 1987 hatte der FPC im Sinne der Gemeinnützigkeit

einen Journalistenpreis auf den Weg gebracht. Den ersten

„Frankfurt Preis des Frankfurter PresseClubs“, der in der

Folge alle zwei Jahre vergeben wurde und auch einen Förderpreis

für Nachwuchsjournalisten einschloss, erhielt 1988

Matthias Horx für eine in „Tempo“ veröffentlichte Story.

Unter den späteren Geehrten waren namhafte Kolleginnen

wie Cathrin Kahlweit und Evelyn Roll (beide „Süddeutsche

Zeitung“), zu den heute prominenteren Gewinnern des

Förderpreises gehörte Martin Scholz von der „Frankfurter

Rundschau“. Ausgezeichnet wurden damals „journalistische

Arbeiten, die das Leben der Stadt Frankfurt in Wort und

Bild treffend darstellten“.

Ende der neunziger Jahre hatte der Frankfurt Preis an

Strahlkraft verloren, eine Neuausrichtung wurde fällig. Und

bis es so weit war, legten die FPC-Verantwortlichen die Ausschreibung

auf Eis. Wollte der Preis vor dem Hintergrund der

Globalisierung und einer dramatisch sich wandelnden Medienlandschaft

seine ursprüngliche Bedeutung wiedererlangen,

musste er gewichtiger werden, breiter aufgestellt sein –

höherwertig, internationaler. Im Jahr 2006 war es so weit: Der

erste Internationale Frankfurter Medienpreis mit drei Hauptpreisen,

einem Nachwuchspreis und einem Gesamtpreisgeld

von 21000 Euro wurde aus der Taufe gehoben. Ebenfalls neu

waren die thematische Ausweitung auf die gesamte Rhein-

Main-Region, die zusätzliche Einbeziehung des inzwischen

etablierten Publikationsmediums Internet und die Berücksichtigung

innovativer Datenformate wie MP3. Die nun weltweite

Auslobung des Preises wurde begünstigt durch das Großereignis

Fußball-Weltmeisterschaft, das ebenfalls 2006 in

Deutschland stattfand und von FPC und Stadt Frankfurt durch

eine „Media-Lounge“ im Innenhof des Historischen Museums

begleitet wurde. Mit der Eurohypo AG, der Messe Frankfurt

GmbH und der Anwaltskanzlei CMS Hasche Sigle kamen

potente Sponsoren ins Boot, um dem Gesamtprojekt die nötige

Schubkraft zu verleihen.

Ehrliche Anerkennung, praktischer Nutzen

Was der Internationale Medienpreis bedeuten und bewirken

kann, zeigen nicht zuletzt die Reaktionen der Preisträger

2006. Eckhard Mieder und Joachim Wölcken, die für ihre vom

HR in Auftrag gegebene TV-Dokumentation „Der Bauch von

Frankfurt – die Geschichte der Großmarkthalle“ den 1. Preis

erhielten, waren von einem Freund über die Ausschreibung

informiert worden. „Großartig“, nennt Mieder die Ehrung,

„um so großartiger, weil uns der Preis nicht durch Protektion,

Connections oder Änliches zugesprochen wurde. Offenbar

überzeugte die Leistung.“ Der freiberufliche Schriftsteller und

Filmemacher beschreibt die Arbeit an einer TV-Dokumentation

als „flüchtiges Geschäft, bei dem man sich schon mal

fragt, wie ehrlich gemeint etwa ein Lob ist.“ Mieders Fazit:

„Dieser Preis ist zweifelsohne eine sehr ehrliche, bestätigende

und kräftigende Anerkennung.“

In der ersten Reihe: Frankfurts OB Petra Roth, FPC-Präsident Werner D’Inka,

Tom Buhrow

Auch „Focus“-Redakteur Bernhard Borgeest, mit dem zweiten

Preis ausgezeichnet für seine Reportage „Die Würde des

Menschen ist unantastbar“ über das Amtsgericht Frankfurt,

fühlte sich „sehr geehrt“. Besonders freute ihn, „dass eine

‚Focus’-Reportage ausgezeichnet wurde, schließlich weiß

nicht jeder, dass es bei uns auch längere Lesestücke gibt.

Ich habe nachträglich viel Feedback und E-Mail-Gratulationen

bekommen, die Story wurde ganz bewusst von einigen noch

mal gelesen.“ Die Preisverleihung selbst hat Borgeest in bester

Erinnerung: „Es war ein großer Abend, sehr gut gemacht

19


– ein tolles Ereignis.“ Und natürlich hat er sich auch die Namen

der anderen Preisträger notiert, er ist immer froh, gute

Autoren kennenzulernen.

Einen ganz praktischen Nutzen zog Michael Wittershagen

aus dem Gewinn des Nachwuchspreises. Der 1981 geborene

Politikwissenschaftler und Journalist hatte im Jahr 2005 drei

Monate bei der Rhein-Main-Zeitung der „F.A.Z.“ hospitiert

und danach frei für die Redaktion gearbeitet. Seine Reportage

„So schlimm ist es hier schon lange nicht mehr“, ein Schlaglicht

auf den Frankfurter Berg, war ohne sein Wissen von Ressortleiter

Peter Lückemeier eingereicht worden – die Ehrung

fiel mitten in seine Diplomarbeit. Wittershagen schloss erst

sein Studium ab und löste dann

seinen Gewinn ein: ein voll finanziertes

dreimonatiges Stipendium,

„ich konnte mir aussuchen

wo“. Zunächst ging er sechs Wochen

in die Lokalredaktion der

Frankfurter Rundschau“, wo er

die Umstellung auf das Tabloidformat

hautnah miterlebte und

neue Schreiberfahrungen machte:

„Es war lehrreich, für ein

kleines Format zu schreiben –

in kürzeren Texten schneller auf

den Punkt zu kommen“. Anschließend

arbeitete er vier Wochen

lang am Gesellschaftsteil

der „F.A.Z. Sonntagszeitung“

mit, was ihm „Einblicke in die

Vorlaufzeiten einer Wochenzeitung“,

eine „ganz andere Art der

Planung“, verschaffte. Abschließend

ging es noch einmal zurück

zur täglichen „F.A.Z.“, und dort

in die Redaktion „Deutschland und die Welt“. Drei Monate

in drei völlig unterschiedlichen Redaktionen brachten Wittershagen

außerdem „verschiedene Arbeitsproben und viele

interessante Kontakte“. Und: Der Zeitpunkt war optimal: „Das

Stipendium kam nach dem Studium und vor meiner beruflichen

Zukunft. Ich konnte direkt in die Praxis einsteigen –

viele haben nach der Uni erst mal Pause.“

In diesem Jahr geht der Internationale Medienpreis Frankfurt

in die zweite Runde. Am 15. Juni 2008 ist Einsendeschluss,

im Oktober steigt die nächste Preisverleihung, wieder

im stilvollen Galarahmen. Die Höhe des Preisgeldes ist

gleichgeblieben, Messe Frankfurt und Eurohypo sind weiterhin

als Sponsoren dabei. Einige Neuerungen sollen die Auszeichnung

weiterentwickeln: So wurde explizit die Kategorie

„Pressefotografie“ hinzugenommen, das Medienpreis-Logo

und die Medienpreis-Homepage erfuhren eine Überarbei-

20 FPC-Magazin 2008

tung. Mit der Organisation hat der FPC die Agentur SWK

Semnar & Wolf Kommunikation GmbH beauftragt, die unter

anderem den Gastlandauftritt der Arabischen Welt auf der

Buchmesse 2004 realisierte und nun erstmals den FPC-

Medienpreis betreut.

Partnerschaften, Ansprache von Multiplikatoren

„Eine der Schwerpunktaufgaben in der ersten Phase des

Projekts“, sagt Agenturchef Majid Semnar, „ist es, den Preis

international noch bekannter zu machen – von Moskau bis

Stockholm, von den USA bis Shanghai.“ Bereits zur Buchmesse

2007 wurde daher „als zentrale Drehscheibe“ die

neue Homepage gestartet

und im Pressezentrum

publik gemacht. Weitere Bekanntmachungsstrategien

sind Partnerschaften mit

Medienunternehmen, die

über internationale Datenbanken

verfügen, die Ansprache

von führenden Medienvertretern

in Frankfurts

Partnerstädten und anderen

Metropolen der Welt sowie

die gezielte Nutzung von in

Frankfurt arbeitenden Auslandskorrespondenten

und

im Ausland arbeitenden

deutschen Korrespondenten

als Multiplikatoren. „Nur

etwa 10 Prozent der Kommunikationsarbeitkonzentrieren

sich auf Deutschland“,

sagt Semnar, „wir arbeiten

schwerpunktmäßig international.“

In der zweiten Projektphase wird es um das Sortieren

der Einsendungen, das Einladen der Jury und die Organisation

der Entscheidungsfindung gehen, Phase drei ist

die Ausrichtung der Preisverleihungsgala. Wer weiß, vielleicht

wird dann ja auch eine japanische Reportage über

die Sanierung der Frankfurter Altstadt ausgezeichnet. Oder

ein kanadischer Dokumentarfilm über die Entwicklung der

Metropolregion Rhein-Main.

DR. MICHAEL BEHRENDT

Freier Autor & Redakteur

ted.behrendt@t-online.de

Fotos: Rainer Rüffer

(frankfurtpicture)


Augen auf und los

Manche steigen quer ein, andere studieren. Wieder andere versuchen

es über eine Journalistenschule oder ein Volontariat. Wege in den Journalismus

gibt es viele. Hat man dann den Einstieg geschafft, stellen sich

weitere Fragen: Frei arbeiten oder in Festanstellung?

Was ist in puncto Presserecht oder Altersvorsorge zu

beachten? Zur im Februar beginnenden Veranstaltungsreihe

„Durchstarten“ gibt das FPC-Magazin einen Überblick

über die journalistische Ausbildung und Tipps

für das Berufsleben.


Bastionen im Wandel

Journalistenschulen gelten als Horte journalistischer Qualität und steiler

Karrieren. Im Zuge der Krise sind jedoch auch sie unter Druck geraten.

Und die Herausforderungen durch die Neuen Medien haben gerade erst

begonnen.

Sie sind Chefredakteur bei „Geo“, „Cosmopolitan“ und

„BILD“, bevölkern die Redaktionen von „Stern“, „Spiegel“

und „Zeit“ und räumen die begehrtesten Preise der Branche

ab. Einer ist sogar Moderator von „Wer wird Millionär?“ geworden.

In Dutzenden von Fällen sind es Absolventen der renommierten

Journalistenschulen, die es in Verlagen und Sendern

ganz nach oben schaffen. Nicht zuletzt deshalb versuchen

jedes Jahr Tausende von Journalisten in spe aufs Neue,

einen der raren Plätze an der Henri-Nannen-Schule, der Axel-

Springer-, der Deutschen oder der Berliner Journalisten-Schule

zu ergattern. Hier warten eine exzellente Ausbildung, hochkarätige

Dozenten, ein Netzwerk mit viel Vitamin B, Zugang

zu Toppraktika und gute Anstellungschancen – so lautet eine

der Wahrheiten auf dem undurchsichtigen Ausbildungsmarkt

für Journalisten. Doch die meisten Schulen haben turbulente,

zum Teil ihre Existenz bedrohende Jahre hinter sich, die Spuren

hinterlassen haben.

Das Ende der Gewissheiten

Das erste Grollen war im Jahr 2000 zu vernehmen. Die evangelische

Kirche erwog, ihre Zuschüsse für die Schule an der

Evangelischen Medienakademie zu streichen. „Nur mit Mühe

konnte seinerzeit das Aus verhindert werden“, sagt der

heutige Leiter Klaus Möllering, „noch heute müssen wir sehr

scharf kalkulieren“. Ähnliches widerfuhr der gewerkschaftlichen

Berliner Journalisten-Schule (BJS) vier Jahre später.

Auch ihr wurde ausgerechnet die Unabhängigkeit von Verlagen,

bis dato der große Stolz der Einrichtung, zum Problem.

Aufgrund der Querelen mit dem Berliner Landesverband

zog sich der Bundesverband des DJV nach und nach aus der

Finanzierung der Schule zurück. Seitdem muss sie sich durch

die Einnahmen aus Weiterbildungsangeboten und Medien -

trainings für Journalisten, aber auch für Manager oder Öffentlichkeitsarbeiter

tragen. Große Sprünge kann sie damit nicht

machen. „Wir müssen jedes Jahr strampeln“, bekennt Leiter

Manfred Volkmar.

Die Henri-Nannen-Schule, die angesehene Ausbildungsstätte

von Gruner + Jahr, von „Zeit“ und „Spiegel“, musste hingegen

erfahren, dass selbst ein mächtiges Verlagsimperium im

Rücken keine Sicherheit garantiert. G + J plante, die angesehene

Schule in der Hamburg Media School aufgehen zu lassen.

Dies provozierte einen „Aufstand der Alten“: Ehemalige

Absolventen liefen Sturm, auch ihr Gründer und langjähriger

Leiter Wolf Schneider wetterte gegen die drohende „Akademisierung“.

Letztlich wurde die Schule gerettet, nur ihre Berliner

Dependance wurde aufgegeben. Diese Beispiele zeigen,

wie schnell der Ausbildungsbereich in mageren Zeiten auf die

Sparliste gesetzt wird. Die Folgen reichen von personellen

Einschnitten über verkürzte Ausbildungszeiten bis zu einer

wachsenden Abhängigkeit von Eigeneinnahmen.

Die Zeitungs- und Zeitschriftenkrise hat noch einen anderen

Dorn in das Selbstverständnis der Talentschmieden getrieben.

Die allgegenwärtige personelle Ausdünnung von Redaktionen

hat die Übernahmeaussichten der Schüler dramatisch verschlechtert.

Plötzlich standen selbst Absolventen der renommiertesten

Ausbildungsstätten vor einer ungewissen Zukunft –

oder auf der Straße. Manche Schule reagierte, indem sie die

Zahl der Ausbildungsplätze reduzierte und neue Inhalte in die

Programme integrierte: Zielte die Ausbildung bis dato ausschließlich

auf feste Redakteursposten, wurden die Schüler

fortan auch auf die freie Existenz vorbereitet. Seitdem werden

Module zu „Selbstmarketing“ angeboten oder gibt es ausführliche

Erklärungen, was die Künstlersozialkasse ist. Mittlerweile

hat sich die Situation deutlich entspannt, und die Übernahmequoten

sind gestiegen. Gleichwohl ist nach der Krise nicht

gleich vor der Krise. Manfred Volkmar, Leiter der BJS, bringt

es auf den Punkt: „Es ist inzwischen eher die Ausnahme, dass

einer unserer Absolventen sofort einen unbefristeten Redakteursvertrag

unterschreiben kann.“ Den Run auf die Schulen

hat das indes nicht gemildert.

Zauberwort „crossmedial“

Zu Änderungen in ihren Ausbildungsprogrammen werden die

Schulen aber auch aus einer

ganz anderen Richtung gedrängt.

Von Onlinetexten über

Podcasts bis zu Internetvideo –

die elektronischen Medien verlangen

neue Fertigkeiten. Die

Zauberformel heißt dabei:

„crossmediales Denken“. „Die

Schüler sollen lernen, ein Thema

für verschiedene Medien Ein Thema, mehrere Medien:

zu bearbeiten“, erklärt Ulrich Deutsche Journalistenschule

23


Inhaltliche Neujustierung: Seminar an der Henri-Nannen-Schule (l.), Abschlussklasse der Berliner Journalisten-Schule

Brenner, Leiter der Deutschen Journalistenschule. Ganz neu

ist das in München, ebenso wie an der Berliner und der Evangelischen

Journalistenschule nicht. An allen drei durchlaufen

die Schüler seit jeher die Bereiche Print, TV und Rundfunk.

Brenner: „Nun sagen wir eben nicht mehr multi-, sondern

crossmedial“, so Brenner. Für den neuen Bereich Online sei

die Ausbildungszeit um 14 Tage verlängert worden.

Anders ist die Situation an den verlagsinternen Schulen.

Weil G + J, Axel Springer und Holtzbrinck traditionell vom Zeitungs-

und Zeitschriftengeschäft lebten, lag auch in der Ausbildung

der Fokus auf dem Printbereich. Seit die Verlage aber

das Internet entdeckt haben und ihre Fühler nach neuen Formaten

ausstrecken, wird umgesteuert. Hierzu passt, dass diese

Schulen im Jahr 2007 allesamt neue Leiter berufen haben.

Frische Kräfte für neue Inhalte? Tatsächlich haben alle drei

Zeichen in Richtung der Neuen Medien gesetzt. Klaus Methfessel,

seit November Leiter der Georg-von-Holtzbrinck-Schule

für Wirtschaftsjournalisten, will die Lehrtätigkeit der Schule

auch auf die Anforderungen des Onlinejournalismus ausrichten.

Auch Andreas Wolfers, seit April Leiter der Henri-Nannen-Schule,

hat – wie er sagt – „leichte Neujustierungen vorgenommen“

und die Vermittlung von Kompetenzen für die

Neuen Medien gestärkt. G + J unterstützt dies mit der Einrichtung

eines Multimedia-Studiokomplexes, in dem auch der

Nachwuchs den Umgang mit den elektronischen

Medien lernen soll. Wolfers: „Wir wollen die

Schulungsstätte für multimediale Inhalte in

Hamburg sein.“ Während andere Schulen also auf

äußerst wackligen Beinen stehen, wird hier technisch

massiv aufgerüstet.

Am radikalsten ist der Wandel im Hause Springer.

Anfang 2007 wurde die gleichnamige Journalistenschule

in die Axel Springer Akademie überführt und damit – so die

Eigenwerbung – die modernste Journalistenschule Deutschlands

aufgebaut. Der neue Direktor Jan-Eric Peters begrüßt

die digitalen Zeiten euphorisch: „Das, was wir heute Onlinejournalismus

nennen, wird in Zukunft der klassische Journa-

24 FPC-Magazin 2008

lismus sein. Das Internet revolutioniert den Journalismus –

fundamental und dauerhaft.“ Also lernen die Schüler fortan in

einem komplett ausgestatteten Newsroom, Themen für Print,

Online, Audio und Video zu bearbeiten. Jeder Redakteur müsse

künftig in der Lage sein, eine Geschichte crossmedial aufzubereiten.

„Wir müssen neu lernen, unser Publikum zu verführen“,

nennt Peters das. Neu ist auch, dass die Springer-

Schüler schnell ins kalte Wasser der Praxis geworfen werden:

Sie müssen sich sehr früh im Redaktionsalltag der „Welt kompakt“

beweisen.

Neue Anforderungen und Lehrinhalte

Eine Website gestalten, ein Foto bearbeiten, Web 2.0 beherrschen,

ein Internetvideo schneiden – an den Journalistenschulen

muss der Nachwuchs in der gleichen Zeit immer mehr

lernen. Die neuen Anforderungen und Lehrinhalte machen es

notwendig, die Programme an anderer Stelle zu verschlanken.

Wo aber wird gespart – bei der Vermittlung von Rechercheoder

Redigierkompetenzen, beim Feilen an der Sprache oder

der Fähigkeit zum kritischen Nachfragen? Lässt die Fülle

technischer Fähigkeiten die handwerklichen journalistischen

Fertigkeiten in den Hintergrund treten? Andreas Wolfers, Leiter

der Henri-Nannen-Schule, widerspricht: „Im Zentrum steht

bei uns weiterhin Handwerk, Handwerk, Handwerk. Für einen

Qualitätsjournalismus in den Neuen Medien benötigt man die

gleichen Kompetenzen wie im klassischen Printbereich.“ Auch

die Leiter der anderen Schulen betonen, dass die gründliche

handwerkliche Ausbildung nicht an Gewicht verloren habe.

Gleichwohl sind Stimmen zu vernehmen, die die Entwicklungen

der Ausbildung nicht nur, aber auch an den Journalistenschulen

kritisch sehen. Peter-Matthias Gaede, einst Absolvent

der Henri-Nannen-Schule und heute Chefredakteur bei GEO,

sagt: „Früher hatte man an der Schule sicher sehr viel mehr

Zeit, sich mit dem Polieren der Sprache zu beschäftigen. Je

schneller die Medien sind, umso schneller werden sie auch

wieder weggeklickt – da verliert die Kunst an Bedeutung,

Wörter mit einer langen Haltbarkeit zu finden.“ Christoph


Maria Fröhder, Vorstandsmitglied beim Netzwerk Recherche

und Dozent an Journalistenschulen, beklagt gar eine Vernachlässigung

der journalistischen Haltung: „Die Schüler lernen heute

rein schematisch, wie sie einen Magazinbeitrag zusammenstellen,

aber nicht mehr, worum es dabei geht, nämlich um eine unabhängige,

kritische und hintergründige Berichterstattung“.

Die neue Unübersichtlichkeit

Klar ist, dass die Schulen sich Anforderungen der Neuen Medien

stellen müssen. Klar ist aber auch, dass an Konzepten,

die einerseits für einen beschleunigten Markt vorbereiten und

andererseits die klassischen Tugenden und Fähigkeiten vermitteln,

noch gefeilt wird. Die Schulen befinden sich in einer

Anpassungs- und Experimentierphase. Gleichzeitig sind neue

Einrichtungen mit eigenen Schwerpunkten auf den Markt getreten.

So können sich Nachwuchsjournalisten seit wenigen

Jahren in Babelsberg an der EMS – der „Schule für elektronische

Medien“ – ausbilden lassen. Klara, die Nachfolgeeinrichtung

der einstigen Berliner Dependance der Henri-Nannen-

Schule, nennt sich „Schule für Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit“.

An der neuen Deutschen Fachjournalistenschule

Probieren und studieren

Viele Wege führen zum Journalismus. Zusätzlich zur klassischen Laufbahn –

von der freien Mitarbeit über das Volontariat bis zur Redakteursstelle –

kann auch eine akademische Ausbildung die berufliche Karriere anschieben.

Platzhirsch in der Region ist die Johannes-Gutenberg-Universität

Mainz, die in den Studiengängen Publizistik, Journalismus

und Medienmanagement rund 1 100 Studenten fit

macht für die Arbeit in der Branche (siehe Interview Professor

Kepplinger). Vor allem das viersemestrige Aufbaustudium

Journalismus bereitet sehr konkret auf die Arbeit

in Print, Hörfunk und Fernsehen vor – und bietet

damit eine gute Alternative zu den ohnehin rar

gesäten Volontariatsplätzen.

Die 32-jährige Stefanie Wehr aus Frankfurt, Studentin

im dritten Semester, lobt vor allem den Praxisbezug

des Masterstudiums. Jeweils zum Semesterabschluss

müssen die Studierenden in den Lehrredaktionen

eine Hörfunk-, eine Fernsehsendung, ein mehrseitiges

Magazin oder Zeitungsseiten produzieren, „unter

Zeitdruck, wie in den Redaktionen“. Was es bedeutet, eine

Deadline einzuhalten, weiß Wehr längst. Sie hat jahrelang

als freie Mitarbeiterin in der Lokalredaktion der „Frankfurter

26 FPC-Magazin 2008

werden Journalisten, Medienmanager und Öffentlichkeits -

arbeiter parallel ausgebildet. Hier zeigt sich, wie nahe Journalismus

und PR inzwischen gerückt sind. Eine junge Schule in

Reutlingen schlägt hingegen einen ganz anderen Weg ein. Die

Zeitenspiegel-Reportageschule Günther Dahl hat sich neben

einer soliden Grundausbildung der Förderung der so selten

gewordenen Reportage verschrieben. In all dem spiegelt sich

die immer stärkere Differenzierung der journalistischen Tätigkeit:

Hier der flexible Alleskönner, dort der Recherchewühler,

hier der schnelle Onlinetexter, dort der PR-kompetente

Schreiberling. Die Folge: Wer sich heute auf den Weg macht,

sollte noch genauer wissen als einst, in welche Richtung er

gehen will – und bei welcher Schule er sich demnach bewirbt.

CHRISTIAN SÄLZER

Freier Journalist

saelzer@niatu.net

Fotos: DJS, Henri-Nannen-Schule,

Berliner Journalisten-Schule

Neuen Presse“ gearbeitet, beim Hessischen Rundfunk ein

Praktikum absolviert und gejobbt. Bald wird sie ihr Aufbaustudium

mit dem Master of Arts abschließen. Durch die Kooperationen

der Uni Mainz mit großen Medienhäusern in der Region

konnte Wehr viele Kontakte in der Branche knüpfen.

„Das Studium ist ein Türöffner“, sagt sie.

Das neue Zauberwort heißt Crossmedia, die Einbindung

verschiedener Medien in vorhandene Internetplattformen.

Der Fachbereich Media der Hochschule

Darmstadt startete bereits im Wintersemester

2001/2002 den Studiengang Online-Journalismus.

Absolventin Nadine Leichter, 25 Jahre, beherrscht

nicht nur die technischen Aspekte des Internets und

die Arbeit mit Audio- und Videomaterial. Das Studium habe

auch ihr „journalistisches Gespür“ geweckt. „Weil du alles

kannst, kommst du auch unter“, hatten ihr die Professoren

prophezeit. Und recht behalten. „Die Onlinejournalisten der

Hochschule Darmstadt gehen weg wie warme Semmeln“, sagt


Journalismus als Studienfach: angehende Onlinejournalisten in Darmstadt (l.), Campus Westend

Leichter. Sie arbeitet jetzt in der Onlineredaktion der „Frankfurter

Rundschau“.

Wie begehrt die Wissenschaftsjournalisten der Hochschule

Darmstadt sind, wird sich in einem Jahr zeigen. Dann bewerben

sich die ersten Absolventen des 2005 gestarteten Bachelor-Studiengangs

Wissenschaftsjournalismus in den Redaktionen.

Immerhin: Fachredakteure sind gefragt, das beweist ein

Blick in die Stellenanzeigen. Zusätzlich zur journalistischen

Ausbildung besuchen die Studierenden Seminare in den naturwissenschaftlichen

Fachbereichen der Hochschule. Beispielsweise

lernen Sie, medizinische Studien zu analysieren,

und „stehen auch mal im Labor“, wie Professorin Annette

Leßmöllmann, Leiterin des Studiengangs, berichtet. Ziel sei

es, „vielfältig einsetzbare Generalisten im positiven Sinne auszubilden“.

Trotzdem wird den Studierenden empfohlen, „sich

Schwerpunkte zu suchen“. Ob sich die Darmstädter Wissenschaftsjournalisten

gegenüber ausgebildeten Juristen, Chemikern,

Biologen und Medizinern mit journalistischen Kenntnissen

behaupten können, „wird die Praxis zeigen“, sagt Leßmöllmann:

„Der Journalismus lebt davon, dass viele Wege

nach Rom führen.“

Auch in Frankfurt: Die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität

bietet außer dem Studium am Institut für Theater-, Film- und

Medienwissenschaften das Fortbildungsprogramm „Buchund

Medienpraxis“ an. In zwei Semestern lernen 30 Teilnehmer,

die bereits ein Fachstudium absolviert haben, die Arbeit

in Redaktionen, in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, im Verlagswesen,

im Kulturmanagement und im Online-Publishing

kennen.

Egal ob Studium oder Fortbildung, wer bereits journalistische

Praxis nachweisen kann, erhöht seine Chancen, ein

Volontariat zu ergattern. Wer wird genommen? „Leute, die

schreiben und recherchieren können – und klug sind", sagt

Werner Neumann, Ausbildungsredakteur der „Frankfurter

Rundschau“. Rund 600 Bewerbungsmappen gehen pro Jahr

bei ihm ein, „die Qualität hat in den vergangenen Jahren zugenommen“.

Bei der Auswahl achtet er vor allem auf Praxis-

nachweise, die Qualität der Arbeitsproben und die Motivation

der Bewerberinnen und Bewerber. Mit Absolventen journalistischer

Studienangebote habe die „FR“ gute Erfahrungen gemacht,

vor allem wenn sie „aus deutlich praxisbezogenen Studiengängen

kommen“. Auch journalistisch versierte Seiten -

einsteiger aus anderen Disziplinen wie Jura, Medizin und

Wirtschaftswissenschaften haben Chancen. Was einmal mehr

beweist: Einen Königsweg zum Journalismus gibt es nicht.

Informationen zum Publizistikstudium in Mainz unter

www.ifp.uni-mainz.de. Mehr über das Aufbaustudium

Journalismus unter www.journalistik.uni-mainz.de.

Zum Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften

an der Uni Frankfurt: www.tfm.uni-frankfurt.de/index.html.

Zum Fortbildungsprogramm „Buch- und Medienpraxis“

der Uni Frankfurt: http://user.uni-frankfurt.de/ ~ vbohn

Infos zu den Ausbildungsgängen Online- und Wissenschaftsjournalismus

der Hochschule Darmstadt unter

www.journalismus-darmstadt.de und http://www.wj.h-da.de

PETER STEINKE

Freier Journalist

p.steinke@fr-online.de

Fotos: Hochschule Darmstadt,

Uni Frankfurt

27


„Unsere Absolventen kann man

ins kalte Wasser schmeißen“

Interview mit Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger,

dem geschäftsführenden Leiter des Instituts für Publizistik

der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

FPC: Egal ob Journalistenschule, Studium oder Volontariat:

Das Interesse an journalistischen Ausbildungsgängen ist

groß. Herr Professor Kepplinger, wie viele Bewerber musste

Ihr Institut abweisen?

Hans Mathias Kepplinger: Wir nehmen insgesamt nur 14

Prozent der Bewerber auf und haben konstant rund 1 100

Studierende in drei Studiengängen – Publizistikwissenschaft,

Journalistik und Medienmanagement.

FPC: Gleichzeitig sinken die Chancen auf eine Festanstellung

in einer Redaktion.

Kepplinger: Die Schwierigkeiten der Examinierten, im

Journalismus Fuß zu fassen, haben dramatisch zugenommen.

Während der ersten Jahre der Pressekrise gab es noch

vergleichsweise geringe Probleme. Wir haben damals

gedacht, unsere Studen ten trifft es relativ wenig, weil wir im

Rhein-Main-Gebiet mit seinen vielen Medien liegen. Aber

in den letzten Jahren haben die Probleme trotzdem erheblich

zugenommen.

FPC: Wo kommen Ihre Absolventen unter?

Kepplinger: Ungefähr 35 bis 40 Prozent des Studiengangs

Publizistik gehen in den Journalismus. Die gleiche Größenordnung

geht im weitesten Sinn in Public Relations, Öffentlichkeitsarbeit.

Das schließt Mitarbeiter von Abgeordneten,

Sprecher von Parteien, Gewerkschaften und Unternehmensverbänden

ein. Ungefähr fünf bis zehn Prozent geht in die

quantitative Sozialforschung, etwa zu Umfrageinstituten.

Und dann gibt es einige, die als Reiseleiter oder in ganz kuriosen

Berufen arbeiten – es streut ganz wild. Die Absolventen

der beiden anderen Studiengänge gehen fast alle in die

Medien – als Journalisten oder Manager.

Publizistik-

Platzhirsch

in der Region:

Johannes-Gutenberg-Universität

Mainz

FPC: Wie unterscheiden sich die Studiengänge?

Kepplinger: Unsere Publizistikstudenten erhalten keine Berufsausbildung,

sondern eine breitgefächerte Berufsvorbereitung.

Deren Chance besteht darin, während des Studiums

Praktika zu machen, sich in den Redaktionen zu empfehlen

und später dort anzuheuern. Das gelingt immer noch relativ

vielen. Beim Aufbaustudiengang Journalistik erhalten die

Studierenden vier Semester lang eine berufspraktische Ausbildung.

Sie verlassen das Institut als ausgebildete Journalisten,

die ihre praktischen Kurse in unseren Lehrredaktionen

für Zeitungs-, Hörfunk- und Fernsehjournalismus hinter sich

haben. Die kann man ins kalte Wasser schmeißen.

FPC: Die Ochsentour Lokaljournalismus bleibt ihnen aber

erspart?

Kepplinger: Sie haben zwar nicht die Ochsentour vor Ort

gemacht, lernen aber stundenlang, Artikel zu schreiben, zu

redigieren, sie zu beurteilen. Das ist eine extrem intensive

Ausbildung, die man nicht mit einem Volontariat vergleichen

kann. Auf der einen Seite fehlt das tägliche Chaos der Re -

daktion, zum anderen haben sie den Vorteil, dass ihre Beiträge

mit einer Intensität diskutiert werden, wie sie das in der

Praxis kaum erfahren werden.

FPC: Der Versuch der Einflussnahme durch PR nimmt zu.

Sind junge Journalisten besonders beeinflussbar?

Kepplinger: Das betrifft nicht nur die Jungen. Es ist ein generelles

Problem. Wir haben 2005 eine Befragung von fest

angestellten Redakteuren bei Tageszeitungen gemacht. Der

Anteil derer, die beispielsweise sagten, dass sie Textumfelder

für Anzeigen schreiben oder Rücksicht auf Werbekunden

nehmen, ist erschreckend.

FPC: Wie bereiten sie Ihre Studierenden darauf vor?

Kepplinger: Im Moment mache ich mit meinem Kollegen

Volker Wolff, dem Leiter des Journalistik-Aufbaustudiums,

ein Seminar, in dem wir jede Woche einzelne Paragrafen des

Pressekodex behandeln. Dazu berichtet ein Praktiker über

seine beruflichen Erfahrungen, kürzlich war das Horst Schilling,

der langjährige Sprecher des Deutschen Presserates.

Bei der anschließenden Diskussion geht es zum Beispiel um

die Frage: Inwieweit kann man eine Vermischung von redaktionellem

und Anzeigenteil hinnehmen – wo hört die Toleranz

auf? Wir versuchen, das Bewusstsein dafür zu stärken,


dass nicht alles, was rechtlich erlaubt ist, auch journalistisch

akzeptabel ist.

FPC: Das Ansehen des Berufsstandes ist gering, warum?

Kepplinger: Das muss man relativieren. Wenn man fragt,

welche Berufe angesehen sind, erhält man als Antworten

Stereotypen: Ärzte und Professoren stehen ganz oben, Journalisten

und Politiker ganz unten. Dass das wenig aussagekräftig

ist, zeigen Umfragen in kritischen Situationen oder

zu kontroversen Themen: Fragt man, wem die Menschen bei

Diskussionen über die Kernenergie oder die Gentechnik vertrauen,

dann stehen Journalisten ganz oben und Experten

ganz unten. Das Renommee der Journalisten ist dann hoch,

wenn es ernst wird, und darauf kommt es an.

FPC: Derzeit wird viel über den sogenannten Bürgerjournalismus

diskutiert: Konkurrenz oder willkommene Anregung

für die journalistische Arbeit?

Kepplinger: Es ist Chance und Risiko. Aus meiner Sicht sind

die Risiken aber größer, weil die Aufmerksamkeit knapp und

guter Journalismus teuer ist. Guter Journalismus soll für den

Rezipienten eine Auswahl treffen, das Relevante herausstellen.

Das verlangt eine gründliche Vor- und Ausbildung und

viel Berufserfahrung. Gute Journalisten kosten viel Geld, intensive

Recherche ebenfalls. Für das Publikum selbst wird

es immer schwieriger, den Schrott von den Edelmetallen zu

trennen. Die Menschen verschwenden ihre Zeit mit Neben-

Mit „Radio-Starter“ live dabei

Als junger Mensch in die Medienwelt – das ist gar nicht so einfach ohne

praktische Erfahrungen. Fragen wie „Bei wem waren Sie denn schon überall?“

oder „Was haben Sie denn bereits alles in dieser Richtung gemacht?“ sind

bei Vorstellungsgesprächen Standard und ein ausschlaggebendes Kriterium für

oder gegen den Bewerber.

Ganz anders ist das bei „Radio-Starter“, einem Ausbildungsprojekt

für Nachwuchsjournalisten aus dem evangelischen

Medienhaus in Frankfurt, denn hier werden keine praktischen

Kenntnisse vorausgesetzt. Im Mai 2007 habe ich von dieser

tollen Möglichkeit erfahren und bin heute eine der glücklichen

Teilnehmerinnen!

Ein Mal im Jahr veranstaltet das Medienhaus ein separates

Ausbildungsradio. Zwölf Tage lang senden hier Nachwuchsleute

und Profis gemeinsam mit interessierten Anfängern live

auf UKW. Im September standen die Frankfurter Jugendkulturkirche

Sankt Peter und die Woche evangelischer Jugendarbeit

im Mittelpunkt des Veranstaltungsradios. Und da ich es

kaum erwarten konnte, endlich Radioluft zu schnuppern, habe

sächlichkeiten – Zeit, die für die seriösen Medienangebote

fehlt. Deshalb schwindet das Publikum der seriösen Medien,

und mit dem Publikum das Geld, das man für guten Journalismus

braucht. Die großen Zeitungen drohen auszubluten.

In Amerika sieht man, wie dramatisch die Situation ist: Die

„New York Times“ und andere publizistische Schlachtschiffe

drohen aufs Trockene zu laufen, weil immer mehr scheinbar

interessante Sachen im Internet herumschwirren und die

Aufmerksamkeit von dem ablenken, was wirklich wichtig ist.

FPC: Es fällt auf, dass vermehrt Journalisten mit einem Fachstudium

in Medizin, Wirtschaft, Jura oder in Naturwissenschaften

gesucht werden.

Kepplinger: Ein Mediziner mit Examen ist aber noch kein

Journalist. Wer lediglich ein reines Fachstudium hat, dem

fehlt genau das, was er in unserem Aufbaustudiengang lernen

kann. Es gibt bestimmte Wellen: Wenn die Berufsaussichten

etwa für Biologen schlechter sind, strömen sie vermehrt

in den Journalismus. Bessern sich die Aussichten,

lässt die Nachfrage wieder nach. Generell könnte es aber

sein, dass dem Nutzwertjournalismus ein höherer Stellenwert

eingeräumt wird.

Die Fragen stellte Peter Steinke,

Fotos: Betty Pabst / Uni Mainz, privat

ich schon vor Beginn von „Radio-Starter“ bei diesem Ausbildungsradio

mitgemacht.

Oh Mann, hier wird man echt ins kalte Wasser geschmissen!

Bei der ersten Redaktionssitzung saß ich mit siebzig mir unbekannten

Menschen in einem Raum und hatte absolut keine

Ahnung, was mich jetzt erwarten würde. Wie alle anderen hielt

ich einfach brav Block und Stift in meiner Hand. Themenvorschläge

und -vergabe standen auf der Tagesordnung. Ich habe

den legendären Ebbelwoi-Express und die IAA vorgeschlagen.

„Isabella, dein Vorschlag – deine Reportage“, sagte Johan

Helmer Hein, der Chef vom Dienst, zu mir. Und mit „Jetzt mal

ran an die Arbeit!“ wurde die Konferenz beendet. Ja, nichts

lieber als das, nur wie macht man überhaupt einen Beitrag?

29


Wie und mit was schneide ich denn mein Tonmaterial? Und wie

schreibt man eigentlich einen Text fürs Radio? Tausend Fragen

schossen mir in diesem Moment durch den Kopf.

Erstaunlich war, wie sich der Raum innerhalb weniger Minuten

in eine leicht chaotische Redaktion verwandelt hatte: Auf

allen Tischen standen auf einmal Laptops, jede Menge schwarze

Kabel knüllten sich zu einem riesigen Salat zusammen, daneben

lagen Aufnahmegeräte, Mikrofone und Kopfhörer sowie

zig Tüten Nervennahrung. Manche tippten sofort los und recherchierten

für ihre Themen. Andere dagegen liefen hilflos

herum, auf der Suche nach Leuten, die schon Erfahrung von

einem vorherigen Ausbildungsradio hatten. Aber schnell wurden

wir zu einer eingefleischten Besatzung, der bewusst ist,

dass man das Boot „Ausbildungsradio“ nur gemeinsam lenken

Das Boot „Ausbildungsradio“ kann man nur gemeinsam lenken

kann. Und so half jeder jedem. Ich zum Beispiel hatte noch

nie O-Töne geschnitten, geschweige denn eine Reportage produziert,

und musste mir erst mal das Schnittprogramm erklären

lassen. Für solche Hilfeleistungen zeigte man sich natürlich

mit Gummibärchen oder Schokokeksen erkenntlich. Diese

Momente wird keiner von uns vergessen, und wer weiß, wenn

man sich später in der Medienwelt wieder über den Weg läuft,

wird man sich vielleicht genau daran erinnern und gemeinsam

über die ersten journalistischen Gehversuche schmunzeln.

Die restlichen elf Tage blieb es zwar hektisch, aber irgendwann

kehrte Routine ein. Wer sich seine Beiträge oder die der

anderen anhören wollte, ging zwischendurch einfach ins Foyer

und lauschte dem eigenen Sender im Radio. Dort traf man

hin und wieder auch neugierige Besucher und Unterstützer

der Ausbildungsprojekte aus dem Medienhaus. Es war ein

komisches, aber unwahrscheinlich tolles Gefühl, als ich plötzlich

meine eigene Stimme im Radio hörte – original aus dem

Ebbelwoi-Express – und wusste, dass man meine Reportage

theoretisch überall in Frankfurt hören konnte.

30 FPC-Magazin 2008

Diese Reportage war meine erste Bewährungsprobe, ein

echtes Erlebnis! Bewaffnet mit Aufnahmegerät, Mikrofon und

einem Radioausweis stieg ich in die total überfüllte Kultbahn

ein. Ich war heilfroh, als ich endlich einen Sitzplatz ergattern

und meine Geräte aufnahmebereit machen konnte. Ich fühlte

mich schon wie eine richtige Reporterin, nicht nur weil ich

keinen Eintritt bezahlen musste, sondern auch weil mich mittlerweile

der ganze Waggon beobachtete – natürlich möglichst

unauffällig. Ich fand auch sofort drei perfekte Interviewpartner:

zwei Neuseeländer und eine Deutsche. Zwischen Frankfurter

Volksmusik und Flaschengeklimper erzählten sie mir

von ihrer Sightseeingtour und dass die Fahrt im Ebbelwoi-

Express natürlich genauso dazu gehöre wie der Besuch in einer

typischen Apfelweinwirtschaft. Die Schaffnerin beschrieb

mir, was sich in den letzten 30 Jahren bei dieser Stadtrundfahrt

verändert hat. Diese Aufnahme musste ich jedoch dreimal

wiederholen, denn immer wieder wurden wir unterbrochen

– mal waren die Geräusche im Hintergrund zu laut, mal

stiegen neue Gäste zu oder Getränke und Knabberzeug wurden

bestellt. Als ich dann endlich alle Töne eingefangen hatte,

ging’s zurück zum Schneiden an meinen Laptop ins Medienhaus.

Jetzt hieß es für mich: learning by doing. Zweimal

musste ich meine Version überarbeiten, bevor der Chef vom

Dienst sie abgenommen hat. Man soll schließlich nicht zwischen

jedem Satz ein „Ähm“ hören oder einen Schlusssatz

haben, bei dem die Stimme des Interviewpartners

noch „oben ist“. Doch die Fummelarbeit lohnt sich,

denn so lernt man Schritt für Schritt, wie aus einzelnen

Aufnahmeschnipseln eine sendetaugliche

Reportage entsteht.

Anfang Oktober ging es dann mit dem Projekt

„Radio-Starter“ los. Zum ersten Mal war die 16köpfige

buntgemischte Gruppe komplett versammelt. Einige

der Gesichter kannte ich bereits vom Ausbildungsradio.

Vor uns standen nun fünf Tage volles Programm. Wir erfuhren

alles über „Radio-Starter“, über Ablauf und Organisation,

die Sponsoren und das Medienhaus, den Veranstalter. Eine

Referentin der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk

und neue Medien (LPR) sprach mit uns über die private

Rundfunklandschaft in Hessen und gab uns einen Einblick ins

Medienrecht. In der Textwerkstatt ging es um das Thema

„Schreiben fürs Hören“ und beim Sprechtraining dann um

die praktische Umsetzung. Doch auch dafür mussten wir erst

etwas Theorie büffeln. Auf dem Flipchart standen noch die

Stichpunkte aus der Textwerkstatt vom Vortag: „nicht zu lange

Sätze“, „immer nur eine neue Info pro Satz“, „Substantive

vermeiden“. Doch nun ging es um Ausspracheregeln, genauer:

die „ig-Formel“, die wir so lange geübt haben, dass sie jeder

von uns im Schlaf herunterbeten kann. Und wie wichtig

das Bilden von Sinneinheiten beim Präsentieren eines Textes

ist, haben mittlerweile auch alle drauf. Dann konnte es end-


„Radio-Starter“

„Radio-Starter“ vermittelt Praxis, Theorie und wertvolle Kontakte in die

Medienbranche und erhöht damit die Chancen auf eine freie Mitarbeit

oder ein Volontariat. In 18 Monaten erhalten die Teilnehmer einen Überblick

über alle journalistischen und technischen Arbeitsbereiche eines

Radiosenders: Interviews führen, Reportagen produzieren, Nachrichten

schreiben oder Sendungen moderieren. Einmal im Jahr sollen die

Jugendlichen mit einem Ausbildungsradio live auf UKW auf Sendung

gehen und selbst in die Rolle einer Redaktion schlüpfen. Profis von

privaten und öffentlich-rechtlichen Radiosendern geben in Workshops

ihr Know-how an die jungen Talente weiter. „Lernen von den Profis“ –

das ist das Konzept. So können sich die Teilnehmer bereits neben Schule

oder Studium für eine spätere Arbeit in den Medien qualifizieren.

„Radio-Starter“ ist ein Ausbildungsprojekt aus dem MEDIENHAUS der

Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zusammen mit der Hessischen

Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) in

Kassel. Weitere Partner aus Medien, Kirche und Wirtschaft unterstützen

das Projekt: die Stiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und

Nassau und die Christliche Medienakademie in Wetzlar, die hessischen

Verbände für Journalisten (DJV, Ver.di/dju und Hessische Jugendpresse)

ebenso wie der Frankfurter PresseClub und der Evangelische Pressedienst.

Aus der Radioszene sind der hessische Privatsender HIT RADIO

FFH in Bad Vilbel, die Evangelische Funk agentur in München und der

Evangelische Kirchenfunk in Niedersachsen mit dabei. Die Teilnahmegebühr

beträgt 695,- Euro.

Das MEDIENHAUS bietet außerdem unter www.ausbildungsradio.de

eine Plattform für junge Journalisten, die ins Radio wollen. Hinter der

Homepage steckt ein Netzwerk von Nachwuchsjournalisten und erfahrenen

Profis. Dabei geht das Projekt weit über das Internet hinaus:

Junge Radiomacher können bei einem Ausbildungsradio einmal im Jahr

mehrere Tage live auf Sendung gehen, in Workshops und Coaching-

Angeboten werden sie auf ihren Einsatz im Radio vorbereitet. Jugend -

liche, die in die Arbeit beim Radio hineinschnuppern wollen oder schon

fest auf einen Job im Rundfunk hoffen, können ohne Vorkenntnisse

an dem Projekt teilnehmen.

Infos unter www.radio-starter.de, www.ausbildungsradio.de und

www.ev-medienhaus.de oder telefonisch unter 069/92 10 72 23

32 FPC-Magazin 2008

lich losgehen mit den Übungsaufnahmen im Studio. Dafür

hatte sich jeder eine Nachrichtenmeldung ausgesucht und

sie ein paar Mal durchgelesen. Der Weg zum Studio muss

ein Bild für die Götter gewesen sein: Wie die Hühner liefen

wir hintereinander her, jeder sein Blatt vor der Nase, den

Text leise vor sich hinmurmelnd. Im Studio angekommen,

sprach dann jeder seinen Text ins Mikrofon und erhielt

auch sofort ein Feedback: Wir wurden auf Fehler aufmerksam

gemacht und es gab Verbesserungsvorschläge. Beim

Folgeversuch ging’s dann auch gleich viel besser. Hätte jemand

unsere amüsanten Versprecher gehört und uns auch

noch in unseren giftgrünen Shirts gesehen, hätte er uns

wahrscheinlich für Außerirdische gehalten, die aus ihrem

Raumschiffstudio Signale ins Weltall schicken.

„Live dabei“ – das ist nicht nur der weiße Schriftzug auf

unseren T-Shirts, sondern auch der Leitspruch der „Radio-

Starter“-Ausbildung. Live bei großen Radiostationen, live

am Mikro und live bekannte Journalisten treffen. So kam

es, dass wir nach einem anstrengenden Sprechtraining

plötzlich mit Peter John, dem Studioleiter des Hessischen

Rundfunks in Darmstadt, oder mit Raphael Gensert, dem

Autor des Buches „Endlich Radiomoderator“, gemütlich

an einem Tisch saßen, ein Weinchen schlürften und dabei

wertvolle Tipps für die spätere berufliche Karriere erhielten.

Viele dieser Ratschläge waren uns auch gleich beim

nächsten Workshop eine große Hilfe. Eine einstündige

Sendung mit komplettem „On-air-Design“ sollten wir entwerfen

und umsetzen. Also Zielgruppe aussuchen, entsprechendes

Musikformat finden, eine Stundenuhr kreieren,

Nachrichten schreiben, Beiträge produzieren, Moderatoren

vorbereiten etc. Diese Sendung haben wir uns

dann als krönenden Abschluss am letzten Tag angehört

und hatten dabei jede Menge Spaß.

Damit endete das erste Workshopwochenende, und ich

bin jetzt schon gespannt auf die folgenden. Dann lerne ich

wieder mehr über die Grundlagen des Journalismus, kann

diese Theorie bei den Praktika anwenden, weitere Kontakte

knüpfen und mit all dem meine Chancen beim nächsten

Bewerbungsgespräch erhöhen. Zwischenzeitlich werde ich

mich meinen Jura büchern widmen, denn das ist das Tolle

bei „Radio-Starter“, dass man diese Ausbildung neben

Universität oder Schule absolvieren kann.

ISABELLA STRAUSS

Die Autorin, 23, aus Frankfurt,

studiert Jura und nimmt am

„Radio-Starter“-Projekt teil.

Fotos: Johan Helmer Hein


Der Preis der Freiheit

Freie Journalisten sind selbstständige Unternehmer, absolut autark, mit

vielfältigen Themen und Arbeitszeiten nach Lust und Auftragslage. Freie

Journalisten sind billige Informationssklaven, sozial nicht abgesichert,

grenzenlos belastbar und jederzeit verfügbar. Beide Beschreibungen passen auf

diese Berufsgruppe. Keine trifft ganz zu, in jeder steckt ein Fünkchen Wahrheit…

Stellen Sie sich vor, der baden-württembergische Landesvater

Lothar Späth besucht ein Provinznest in der Wetterau, um einem

dort ansässigen Büromöbelhersteller für sein ideelles und

finanzielles Engagement im „Ländle“ zu danken – und kein Lokaljournalist

geht hin! Nur eine blutige Berufsanfängerin verirrt

sich im Auftrag eines Veranstaltungs- und Anzeigenblättchens

zu dem hochkarätigen Lokaltermin. Welch ein furioser Einstieg

in den Journalismus, könnte man sagen. Zugangswege zum

„Traumberuf“ gibt es nämlich viele. Tatsächlich gehört „Journalist“

zu den wenigen qualifizierten Berufen in der Bundes -

republik, für die es keine bindenden Ausbildungsvorschriften

gibt. Studium, Volontariat, Journalistenschule oder einfach

Neugierde, Organisationstalent und ein Händchen fürs Recherchieren

und Formulieren sind die besten Möglichkeiten einzusteigen.

Bei mir war das aber alles ganz anders! Ich hatte an

der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Pädagogik mit den

Schwerpunkten Medien, Soziologie und Theater-, Film- und

Fernsehwissenschaften studiert – mit dem vornehmen Ziel,

nach dem Abschluss Kinderfilme zu drehen oder bei Kinder -

theatern Regie zu führen. Doch erstens kommt es anders, und

zweitens als Frau denkt. Und das alles wegen Lothar Späth!

Aber zunächst zurück auf LOS! Nach dem Studium steht Frau

mit dem Diplom in der Hand auf der Straße und überlegt, wie

die Karriere nun weitergehen soll. SAT1 wird kontaktiert, ebenso

wie der Hessische Rundfunk. Kinderprogramm? „Ja, machen

wir, haben Sie ein Volontariat?“ – „Nein, aber ich habe während

des Studiums als Redaktionsassistentin bei der Associated Press

gearbeitet!“ Das verhilft leider nicht zum Traumjob. Also beschließe

ich, mir meine Sporen als Reporterin zu verdienen.

Aber wie? Bewerbungen als Volontärin ohne Praktika scheitern.

Doch warum soll ich, die ihr Studium summa cum laude abgeschlossen

hat, noch ein Praktikum machen?, frage ich mich –

damals noch recht blauäugig. „Wer gerade mit der Ausbildung

fertig ist, sollte sich nicht dazu hinreißen lassen, zu oft in Redaktionen

weitere Praktika zu machen. Denn die werden meist

schlecht, manchmal gar nicht bezahlt. Ganz wichtig ist: Wer als

Journalist ausgebildet ist, muss immer ein Honorar für seine

geleistete Arbeit einfordern. Es schadet dem eigenen Ruf und

allen anderen freien Kolleginnen und Kollegen, wenn man sich

auf solche Deals einlässt“, lässt der DJV auf Anfrage wissen.

Und wie es der Zufall – oder besser: das Schicksal – will, sucht

ein ortsansässiges Blatt eine(n) MitarbeiterIn, der/die Lust am

Fotografieren und Schreiben hat. Mein Job, denke ich, gehe

ohne schriftlich Bewerbung direkt in den Miniverlag – und werde

sofort engagiert. Mein erster Termin damals in den Achtzigern?

Richtig! Reportage über den Besuch von Lothar Späth.

Learning by doing

Immerhin: Während meines Studentenjobs als Redaktionsassistentin

bei der AP hatte ich Einblicke in die journalistische Arbeit

gewonnen: Interview, Reportage, Feature, Nachricht – die

Grundbegriffe saßen. Mit einem Block voll Antworten und Informationen

bin ich damals vom Termin mit Lothar Späth nach

Hause geeilt, habe einen Dreispalter verfasst, der am nächsten

Tag schon im Blättchen stand. Ich war stolz wie Bolle! Denn

auch das von mir geschossene Foto wurde veröffentlicht. Nicht

schlecht staunte ich, als noch am selben Tag mein Telefon

Sturm läutete: Alle Lokalredaktionen von „Frankfurter Neue

Presse“ bis „Wetterauer Zeitung“ riefen an, fragten, woher ich

Tipps für Freie

Steuern

„Freie Journalisten können zahlreiche Kosten von der Steuer absetzen“,

weiß Kristina Kern. Die Steuerberaterin aus Mainz hat sich

auf die Betreuung von Journalisten spezialisiert. Vier Bereiche sind

hier wichtig:

1. Reisekosten: „Kosten im Zusammenhang mit einer Dienstreise

sind immer betrieblich absetzbar“, so Kern. Dazu zählen etwa

Übernachtungskosten (im Inland nur nach Beleg; im Ausland auch

als Pauschale) und Verpflegungsmehraufwendungen (nur als Pauschale,

mind. 8 Std. 6,00 €, mind. 14 Std. 12,00 €, mind. 24 Std.

24,00 €.). Bewirtungsbelege können nur beim Essen mit Geschäftspartnern

(oder Mitarbeitern) abgerechnet werden: „Die

Rechnung muss maschinell erstellt sein, zudem müssen die Namen

der Geschäftspartner und der Grund des Treffens verzeichnet

sein.“ Änderungen seit dem 1.1.2008 sind zum einen, dass

eine Dienstreise nicht mehr auf drei Monate begrenzt ist, und zum

anderen, dass regelmäßige Fahrten, etwa zur Redaktion (regelmäßige

Arbeitsstätte) nicht mehr als Dienstreise behandelt werden

dürfen. „Der Journalist darf keine Verpflegung abrechnen und

die Fahrtkosten nur mit 30 Cent pro Kilometer (einfache Entfernung)

ansetzen, abzüglich der ersten 20 Kilometer (gekürzte Pauschale).

Je nach Einigung der Politik kommt nun: 20 Cent / Entfernungskilometer

ab dem ersten Kilometer. Das gilt auch, wenn er

z. B. ‚nur’ drei Mal pro Woche in der Redaktion ist.“

33


Kenntnis von diesem Termin erhalten hatte – und ob ich auch

für sie einen kurzen Beitrag liefern könnte. Meine Quelle habe

ich natürlich nicht verraten, den Nachschlag zum Termin aber –

gegen Honorar – prompt geliefert… Ich war im Geschäft!

Knechten als „Freier“ in der Lokalredaktion

Mit meiner ersten Veröffentlichung unterm Arm marschierte

ich umgehend in die Lokalredaktion der „Frankfurter Neuen

Presse“ – und wurde nach kurzem Vorstellungsgespräch als freie

Mitarbeiterin engagiert. Na, klappt doch prima mit dem Jour -

nalismus, dachte ich mir und machte mich alsbald auf den Weg

zum ersten „offiziellen“ Pressetermin. Es folgten anderthalb

Jahre in der Lokalredaktion der „FNP“, meist lehr-, manchmal

tränenreich, etwa wenn der gestrenge Redaktionsleiter mit den

gelieferten Texten oder Fotos nicht zufrieden war. Freie Wochenenden?

Fehlanzeige. Tariflohn? Ebenso! Knechten,

heißt die Devise, wenn man frei seinen existenz -

sichernden Schnitt machen will. Damals 25 Pfennig

pro Zeile und 12,50 Mark für ein veröffentlichtes

Foto waren die keineswegs fürstliche Gage, von der

man auch noch Benzin und andere Fahrtkosten abziehen

musste. Aber wer Augen und Ohren aufhält, kann

sich bei den Kollegen das journalistische Handwerkszeug

abschauen, und neue Inspirationen für Beiträge gibt’s beim

engen, vertrauensvollen Miteinander in einer Lokalredaktion

allemal. Mit dieser Referenz ergatterte ich dann auch noch ein

unter Berufsanfängern sehr begehrtes Volontariat in einem

2. PKW: „Fahrtkosten für Dienstreisen können

zum einen als tatsächliche Pkw-Kosten abgesetzt

werden“, so Kern. Dann werden alle Kosten

des Pkw wie Leasing, Benzin oder Versicherungen

etc. als Betriebsausgabe erfasst.

„Dafür wird 1% vom Brutto-Listenneupreis für

die private Benutzung des Pkw als Einnahme gesehen.“

Dies macht vor allem bei Neuwagen

Sinn. Ab 2008 ist dies nur noch bei Pkw möglich,

die mehr als 50% für die journalistische Tätigkeit

benötigt werden. Den Nachweis liefert ein

Fahrtenbuch oder eine mindesten 3-monatige

Aufzeichnung. Fahrtkosten können aber auch

als Kilometergeld abgerechnet werden. „Wird

der Pkw weniger als 50 % betrieblich genutzt,

ist diese Variante sinnvoll. Für jeden betrieblich

gefahrenen Kilometer (bei einer Dienstreise,

nicht zur regelmäßigen Arbeitsstätte) können

0,30 € angesetzt werden. Es müssen aber genaue

Aufzeichnungen mit Datum, Ort und Grund

für diese Fahrten geführt werden“, mahnt Kern.

3. Arbeitszimmer: Anteilige Kosten für ein Arbeitszimmer

(Miete, Nebenkosten etc.) sind laut

Kern in voller Höhe abziehbar, wenn das Arbeitszimmer

„qualitativer Schwerpunkt der journalistischen

Tätigkeit“ ist. Sollte dieser Schwerpunkt

nicht im häuslichen Arbeitszimmer lie-

34 FPC-Magazin 2008

gen, sondern außerhalb, waren bis Ende 2006

die Kosten für das Arbeitszimmer bis zu 1250

€/Jahr abziehbar, falls dies der einzige Arbeitsplatz

war. „Dies entfällt seit 2007“, sagt Kern.

Sie rät jedoch mit Blick auf Änderungen der

Rechtslage, sie weiter anzugeben und, falls sie

gestrichen werden, Einspruch einzulegen.

4. Wirtschaftsgüter: Geringwertige Wirtschaftsgüter,

also Anschaffungen bis zu 410 €,

durften bisher sofort steuerlich geltend gemacht

werden. „Dieser Betrag ist ab 2008 auf

150 € reduziert worden.“ Ein Computer etwa

für 800 € muss auf fünf Jahre abgeschrieben

werden. Ab Kosten von 1001 € jedoch können

Objekte wieder auf ihre Nutzungsdauer hin abgeschrieben

werden, also ein Computer auf drei

Jahre. Für den Einzelfall rät Kern, vor der Anschaffung

mit dem Steuerberater zu reden. Er

informiert auch über Details und Stolpersteine.

Ganz wichtig: Rücklagen bilden! Einkommensteuer-

und/oder Umsatzsteuervorauszahlungen

müssen einkalkuliert werden. Geschieht

das nicht, kann das den Ruin bedeuten.

Versicherungen

Freie Journalisten müssen sich nicht gegen alles,

aber zumindest gegen die größten Risiken

kleinen Frankfurter Verlag. Volontärs- und Fortbildungskurse

musste ich zwar selbst organisieren und bezahlen, doch nach

anderthalb Jahren war ich eine „richtige“ Journalistin! „F.A.Z.“,

ich komme, dachte ich mir – aber durch eine originelle Repor -

tage (die Themen für Journalisten liegen ja bekanntlich auf der

Straße), die ich dem damaligen Chefredakteur des „Journal

Frankfurt“ anbot, kam ich als freie Mitarbeiterin zunächst in

dessen Redaktion. Dann wurde ich bei der Presse Verlagsgesellschaft,

die das „Journal“ herausgibt, fester Freelancer in

der Redaktion Sonderhefte. Beim Training on the job lernte ich,

wie ein aktuelles Stadtmagazin und seine vielfältigen Sonderproduktionen

„gemacht“ werden – von Konzept, Autorensuche

und Bildredaktion bis zum Redigieren und Layouten. Viel

Arbeit, viel Freude, viel Ehre – aber immer noch kein dem Tarifvertrag

für Journalisten entsprechendes Honorar.

Von den Leiden, der Last und der Lust,

ein freier Journalist zu sein

Wer entscheiden muss, sollte sich fragen: Will und kann ich frei

journalistisch arbeiten? Oder soll ich mich doch lieber um eine

Festanstellung – notfalls in einem branchenverwandten Bereich

– bemühen? Schlussendlich ist das auch eine Frage des Typs.

Sicher bietet die freie Arbeit durchaus Vorteile: Man kann sich

die Zeit selbst einteilen, sucht sich die Auftraggeber aus und realisiert

nur die Themen, die einem wirklich Spaß machen. Keine

lästigen Reibungsverluste in der Redaktion, und wer in einem

Journalistenbüro sitzt, hat sich auch die Kollegen selbst ausge-

versichern, rät V&S-Versicherungsmakler Helge

Kühl, der insbesondere Journalisten im

DJV berät. „Ganz oben in der Prioritätenliste

sollte die Absicherung existenzbedrohender

Risiken stehen“, erläutert Kühl. Dazu zählt zuerst

die Krankenversicherung: „Sie sollten

Mitglied einer gesetzlichen Krankenversicherung

sein und in die KSK eintreten.“ (s. u.)

Ebenso sind Versicherungen wichtig, „die vor

Einkommensverlusten schützen, wie die

Krankentagegeldversicherung (sie gilt für KSK-

Mitglieder, die gesetzlich krankenversichert

sind, automatisch ab der 7. Woche) sowie die

Berufsunfähigkeitsversicherung und/oder eine

private Unfallversicherung.“

Für den Todesfall sollten die Hinterbliebenen

abgesichert werden, rät Kühl, etwa über eine

Risiko-Lebensversicherung. Möglicherweise

bestehen für ehemals fest Angestellte auch

Ansprüche über das Presseversorgungswerk.

Für wichtig hält der Experte außerdem Haft -

pflichtversicherungen. „Auch Journalisten

kön nen haftbar gemacht werden für Schäden,

die sie Dritten gegenüber anrichten und das

in unbegrenzter Höhe.“ Dazu zählen die Kfz-

Haftpflicht- sowie die Berufshaftpflicht- und

Vermögensschadenhaftpflichtversicherung.


sucht. Besser geht’s nicht. Die Kehrseite des schönen Scheins:

Man muss mit einer finanziellen Unsicherheit leben, die vielleicht

nicht nur in den ersten Jahren der ständige Begleiter ist.

Schlafraubend sind bei einer Auftragsflaute und Ebbe in der

Kasse Fragen wie: Von was zahle ich nächsten Monat die Miete?

Habe ich genug Folgejobs? Entwickelt sich die Auftragslage

in die richtige Richtung? Werde ich angemessen bezahlt? Woher

kommt das Geld, wenn ich mal krank bin? Auch bezahlter

Urlaub oder Weihnachtsgeld klingen für Freelancer wie ein

Märchen. 25000 freie Journalisten gibt es nach Schätzung des

DJV derzeit in Deutschland. Sie arbeiten als Printjournalisten,

Radioreporter, Fernsehmacher oder im Onlinebereich. Die

Gründe für ihre Tätigkeit als Freie sind ebenso vielfältig wie die

Branche selbst: Für die einen ist es eine bewusste Entscheidung,

sei es, weil es ihren Arbeitsvorstellungen entspricht –

oder weil sie nach etlichen Jahren in Festanstellung etwas Neues

ausprobieren wollen. Für andere ist es eine Verlegenheitslösung,

weil sie derzeit keinen Job in einer Redaktion bekommen

und ihnen sonst die Arbeitslosigkeit droht. In den vergangenen

Jahren ist der Medienmarkt gewachsen, besonders durch den

Onlinebereich sind weitere Berufsfelder hinzugekommen. Die

Folge: Noch nie gab es so viele Medien wie heute. Auch die

Zahl der Freien ist gestiegen. 39 038 Versicherte waren am

1. Januar 2007 bei der Künstlersozialkasse in der Gruppe Wort

gemeldet – neben freien Journalisten auch Schriftsteller und

technische Redakteure. Vor zehn Jahren waren es noch nicht

mal halb so viele.

„Denn Schutz gegen Personen- und / oder

Sachschäden im Beruf bietet nur die Berufshaftpflicht“,

sagt Kühl. Eine gesonderte Vermögensschadenhaftpflicht

„sichert Schäden

aufgrund von fehlerhafter oder rechtswidriger

Berichterstattung ab – auch das kann für freie

Journalisten relevant sein.“ Eine Hausrat- und

eine Eigenheimversicherung sind ebenfalls

prüfenswert.

Vor dem Abschluss einer Rechtsschutzversicherung

sollte bedacht werden, dass freie

Journalisten über Gewerkschaften im beruflichen

Bereich bereits umfassend abgesichert

sind. Zudem können die Bedingungen

der Versicherer Fallstricke beinhalten, die einige

Rechtsschutzrisiken vom Schutz ausschließen.

Künstlersozialkasse (KSK)

Zur sozialen Absicherung sollten sich freie

Journalisten bei der KSK versichern, rät Michael

Hirschler, Referent für freie Journalisten

im DJV. Die KSK beteiligt sich wie ein Arbeitgeber

zur Hälfte an dessen Beiträgen zur Renten-,

Kranken- und Pflegeversicherung. Um

aufgenommen zu werden, müssen Journalisten

einen mehrseitigen Antrag ausfüllen und

36 FPC-Magazin 2008

Guter Rat für Berufsanfänger

Vorgaben erfüllen: „Sie sollten wenn möglich

mehrere Auftraggeber haben und müssen zudem

ihre Tätigkeit glaubhaft belegen können“,

sagt Hirschler. „Bei der Angabe des Einkommens

am besten am Steuerbescheid des vorigen

Jahres orientieren, also nicht zu hoch

und vor allem nicht zu niedrig ansetzen, da

dies sonst zu Sanktionen führt.“ Als Mindesteinkommen

gilt ein Gewinn von 3 900 Euro

pro Jahr, außer bei Berufsanfängern in den

ersten drei Jahren. „Außerdem darf man

innerhalb eines Zeitraums von sechs Jahren

auch zwei schlechte Jahre haben“, so Hirschler.

„Seit die Rentenversicherung die Prüfung

der Künstlersozialabgabe übernommen hat,

werden die Angaben der Versicherten von der

KSK verstärkt geprüft.“ Aufpassen sollten

Selbstständige, die andere Freie im Büro beschäftigen.

„Sie müssen für diese Beschäftigten

Künstlersozialabgabe an die KSK abführen“,

mahnt Hirschler. Die KSK erhält ihre

Gelder je zur Hälfte vom Staat und aus den

Beiträgen der Auftraggeber.

VG Wort

Journalisten können im Internetzeitalter leicht

den Überblick verlieren, wo ihr Eigenprodu-

Auch wenn man mit ein paar Kontakten startet, garantiert

das nicht das finanzielle Überleben in der Anfangszeit.

Netzwerken ist oberste Pflicht für frei arbeitende Journalisten –

Business-Clubs, der FPC, Pressetermine und -veranstaltungen,

Onlinenetzwerke, aber allen voran persönliche Kontakte, das

sind die Pfeiler, auf denen eine solide journalistische Existenz

gründet. Und auch wer diese pflegt, muss sich immer wieder

selbst um neue Aufträge kümmern. Selten ruft ein Verleger an

und offeriert einen Job. Deswegen sollten sich Freie auch bei allen

Redakteuren in Erinnerung bringen, für die sie schon mal

gearbeitet haben. Besonders ehemalige Freie können sich noch

gut an die erste Zeit erinnern und helfen jungen Kollegen meist

mit Kontakten. Wer genau weiß, in welchem Bereich er arbeiten

möchte, sollte auch gezielt darauf hinarbeiten. Wer es noch nicht

weiß, sollte sich überlegen, welche kleineren Aufträge in die

richtige Richtung führen. Ein angehender Wissenschaftsjournalist

zum Beispiel sollte sich auf den relevanten Events blicken

lassen, dort neue Kontakte knüpfen, Ideen sammeln. Dann heißt

es, erst mal kleine Beiträge in dem betreffenden Bereich zu veröffentlichen,

um sich einen Namen zu machen, und Arbeitsproben

zu sammeln, mit denen man sich später bei den großen Zeitungen

oder Sendern vorstellen kann.

Homebase oder Journalistenbüro?

Zu Hause arbeiten oder in einem Journalistenbüro? Beides hat

Vor- und Nachteile. Zu Hause hat man keine zusätzlichen Büro-

ziertes gedruckt oder gesendet wird. Das gilt

besonders für Zweitverwertungen. Die Verwertungsgesellschaft

VG Wort ist vom Staat

beauftragt, die den Urhebern rechtmäßig zustehenden

Gelder einzutreiben und an sie auszuschütten.

Journalisten können sich auf der

Homepage der VG Wort anmelden und ihre

Werke angeben. Sie erhalten dann einmal im

Jahr die Tantiemen. www.vgwort.de

Geld vom Staat // Existenzgründer

Arbeitslose Journalisten, die sich selbstständig

machen wollen, können bei der Arbeitsagentur

Geld für eine Existenzgründung beantragen.

Während bis 2006 die sogenannte

Ich-AG gefördert oder „Überbrückungsgeld“

gezahlt wurde, gibt es seit 1. August 2006 einen

„Gründungszuschuss“. Er wird laut Arbeitsagentur

dann bezahlt, wenn der Arbeitnehmer

noch Anspruch auf Arbeitslosengeld I

hat und das noch für mindestens 90 Tage.

„Daran orientiert sich auch die Höhe des Zuschusses“,

erklärt Michael Hirschler, Referent

für freie Journalisten im DJV. Außerdem müssen

„notwendige Kenntnisse und Fähigkeiten“

für die geplante Tätigkeit etwa mit einem

Businessplan belegt werden.


kosten. Dafür fehlt der Austausch mit Kollegen, denn ein Journalistenbüro

bietet meist ein gutes Netzwerk. Auch in lockeren

Bürogemeinschaften fällt immer mal ein Auftrag ab, ergeben

sich neue Kontakte, können journalistische Alltagsfragen schnell

geklärt werden. Der Vorteil am Büro ist auch, dass dadurch eine

feste Struktur entsteht – mit einem echten Feierabend. Gerade

das Abschalten von der Arbeit fällt schwer, wenn das Büro die

eigene Wohnung ist. Der Nachteil bei Journalistenbüros sind

natürlich die zusätzlichen Kosten, die je nach Stadt und Ausstattung

pro Monat zwischen 100 und 300 Euro betragen können.

Einsparungen, Entlassungen und Outsourcing

Besonders das Outsourcing ist eine Entwicklung der vergangenen

Jahre, und zwar medienübergreifend. Nicht nur einzelne

Sparten werden ausgelagert, sondern ganze Redaktionen. Das

schwächt die ökonomische Basis der dort arbeitenden Journalisten,

denn die manteltariflichen Regelungen gelten dort nicht.

Genau darin liegt die Gefahr. In einigen Fällen wird das Honorar

sogar um 50 Prozent gedrückt, ist die Erfahrung des DJV. Einen

Preiskampf gibt es in den meisten Bereichen der Medienbranche,

folglich sind die Verdienste freier Journalisten sehr unterschiedlich.

Ein freier Rundfunkjournalist etwa kann, wenn er gute

Aufträge hat und hart arbeitet, durchaus mit 3000 Euro und

mehr im Monat rechnen. Im Fernsehbereich sind Tages sätze

von über 200 Euro realistisch. Anders sieht es da im Printbereich

aus: Große Magazine zahlen zwar dem Rundfunk und Fern -

sehen vergleichbare Honorare – im Bereich Tageszeitungen

Presserecht

Rechte und Pflichten der Journalisten sind nicht

nur durch die Pressefreiheit über Artikel 5 des

Grundgesetzes, sondern auch durch Landespressegesetze

geregelt. Da freie Journalisten

meist nicht über einen Verlag oder einen Sender

juristisch abgesichert sind, sollten sie noch

stärker auf ihre Sorgfaltpflicht bei der Recherche

(Zwei-Quellen-Prinzip etc.) und wahrheitsgemäße

Berichterstattung sowie die

Wahrung der Persönlichkeitsrechte achten, damit

sie nicht für einen Rechtsverstoß viel Geld

zahlen müssen. Auf der anderen Seite sollten

sie ihre Rechte auch wahrnehmen und vertreten.

Das Urheberrecht bestätigt jedem die Rechte

an seinem geistigen Eigentum. 2002 wurde

gesetzlich festgelegt, dass der Urheber für eine

Veröffentlichung eine „angemessene Vergütung“

erhalten muss. Wie die Vergütung aussieht,

muss der Journalist mit dem Auftraggeber

regeln. Oft fordert dieser jedoch die Abtretung

aller Rechte an den Verlag oder Sender

– etwa für die kostenlose Vervielfältigung. Dies

ist im Einzelfall zu klären.

Das Recht am eigenen Bild gilt für jedermann.

Ausgenommen sind Fotos/Filmausschnitte, auf

38 FPC-Magazin 2008

denen niemand individuell hervorgehoben bzw.

erkennbar ist wie etwa eine Gruppe im öffentlichen

Raum. Kinder dürfen generell nicht ohne

Einverständnis ihrer Erziehungsberechtigten

gefilmt, fotografiert oder zitiert werden.

Personen der Zeitgeschichte haben nur eingeschränkte

Rechte am eigenen Bild. Dazu

zählen „absolute Personen der Zeitgeschichte“

wie Prominente, die ohne Einwilligung fotografiert

werden dürfen. „Relative Personen

der Zeitgeschichte“, die nur zeitlich begrenzt,

etwa wegen eines Ereignisses, wichtig werden,

dürfen nur in Zusammenhang damit abgelichtet

werden. Grenzen der journalistischen

Freiheit gelten jedoch für die Privatsphäre der

Personen der Zeitgeschichte, etwa beim Einkaufen

oder Restaurantbesuch. Dort kommt

es auf den Einzelfall an. Im „Caroline-Urteil“

wurde das Recht der Promipersönlichkeiten

gestärkt und das der Journalisten eingeschränkt.

Zum Schutz der Quellen dienen das Zeugnisverweigerungsrecht

sowie der Informantenschutz.

Journalisten müssen im Regelfall ihre

Quellen nicht preisgeben und auch ihr Material

niemandem zur Verfügung stellen. Das gilt

selbst in behördlichen Verfahren. Ausgenom-

jedoch sind die Sätze sehr niedrig. Vom Zeilenhonorar alleine

können nur die wenigsten leben. Selbst überregionale Tageszeitungen

zahlen ihren freien Autoren ein Zeilengeld, das zwischen

80 Cent und einem Euro liegt. Wird ein Journalist beauftragt,

60 Zeilen über einen Pressetermin zu schreiben, klingeln demzufolge

zwischen 48 und 60 Euro in der Kasse – eine magere Ausbeute.

Vor allem wenn man bedenkt, dass er dafür zum Termin

fahren, vielleicht noch nachrecherchieren und dann natürlich

den Artikel schreiben muss. Etliche Tageszeitungen – besonders

regionale – zahlen sogar noch niedrigere Zeilengelder. Auch als

Pauschalist einer Tageszeitung verdient man nicht viel. Nach

Angaben der Künstlersozialkasse liegt das Durchschnittseinkommen

der Gruppe Wort pro Jahr bei 13 570 Euro – und davon

kann man kaum für schlechte Zeiten vorsorgen, geschweige

denn reich werden. Viele freie Journalistinnen und Journalisten

arbeiten daher nebenbei in den Bereichen Unternehmenskommunikation

und PR. An sich nichts Verwerfliches – aber durchaus

problematisch, wenn man Journalismus und PR nicht sauber

trennt. Wie man das schafft? Das ist wieder eine andere Geschichte.

INGRID SCHICK

Freie Journalistin

ingrid.schick@arcor.de

men sind allerdings etwa schwere Verbrechen

oder Landesverrat.

Vertraulichkeit wahren. Heimliche Mitschnitte

von Gesprächen dürfen nicht veröffentlicht

werden. Das gilt ebenfalls für Zitate/Inter -

views/Gespräche, die als vertraulich vereinbart

wurden, wie Hintergrundgespräche („unter

drei“). Wenn jedoch Fragen der Allgemeinheit

betroffen sind, dürfen sie im Einzelfall trotzdem

verwertet werden („Kontrollfunktion der

Presse“). Mit dem „Cicero“-Urteil“ wurden

die Rechte der Journalisten gestärkt. Wenn

sie ein Dienstgeheimnis veröffentlichen, reicht

das nicht aus, um den Vorwurf der Beihilfe

zum Geheimnisverrat zu begründen.

Die Auskunftspflicht der Behörden sieht vor,

dass diese Journalisten Auskunft auf ihre

Fragen geben und Informationen bereitstellen.

Das Informationsfreiheitsgesetz (IFG)

vom 1. Januar 2006 „ermöglicht den Bürgerinnen

und Bürgern freien Zugang zu amtlichen

Informationen der öffentlichen Stellen

des Bundes.“ Es gibt allerdings Ausnahmen

wie den Schutz personenbezogener Daten.

Die Auskunft erfolgt z. B. per Akteneinsicht

oder durch Kopien – für die der Journalist

zahlen muss.


40 FPC-Magazin 2008

Mit Infraserv im Industriepark Höchst

Freunde fürs Leben

Wie nehmen eigentlich korporative Mitglieder des FPC am Clubleben teil?

Sie nutzen die Räumlichkeiten für Firmenveranstaltungen und Pressekonferenzen,

sie besuchen Clubabende – oder gestalten selbst einen Clubabend

zu einem spannenden Thema. Die Hessen Agentur, Infraserv und

Randstad haben gezeigt, wie’s geht.


Die Hessen Agentur lud in den FPC

Hessen verstehen und schmecken

Wie schwierig die Aufgabe der Hessen Agentur ist, eine

Identität und ein Image von Hessen zu schaffen, das zeigte

der Clubabend am Dienstag, dem 17. September. Hessen hat

sehr viel zu bieten: eine abwechslungsreiche Landschaft, kulturprägende

Köpfe, Nobelpreisträger, wirtschaftliche Spitzenleistung,

köstliche Gerichte und, und, und... Aber was von

all diesen Reichtümern ist identitätsstiftend, was macht Hessen

eigentlich aus? „Die Vielfalt“, sagte der Geschäftsführer

der Hessen Agentur, Dr. Dieter Kreuziger. Diese Vielfalt zeigt

die Hessen Agentur in einer Werbekampagne mit hintergründigen

Motiven und Texten. „Hessen ist ein vor sechzig

Jahren geschaffenes Kunstgebilde. Seine Identität muss erst

langsam wachsen, man kann sie nicht überstülpen“, meinte

dazu der ausgewiesene Landesexperte Karl-Heinz Stier,

NIKOLAUS MÜNSTER

FPC-Schriftführer,

Leiter Presseamt

Stadt Frankfurt

Erfinder von „Hessen à la carte“ im HR. Als emotionale

Werte, die gefördert und mehr vermarktet werden sollten,

kristallisierten sich bei dem Clubabend vor allem die Mundartsprache

und das Essen heraus. Von Letzterem konnte im

Anschluss an die Diskussion ausgiebig gekostet werden.

Der FPC vor Ort

„Industrie und alternative Energien am Beispiel Industriepark

Höchst“, so lautete das Thema eines spannenden Clubabends,

der zur Abwechslung einmal nicht in den FPC-Räumen, sondern

direkt „vor Ort“ stattfand. Nach einer aufschlussreichen

Tour durch den Industriepark stellten sich Dr. Roland Mohr,

Geschäftsführer der Betreiberfirma Infraserv, und der SPD-

Bundestagsabgeordnete Dr. Hermann Scheer, Mitglied des „Zukunftsteams“

von Andrea Ypsilanti, der Diskussion. Im Industriepark

wird eine Ersatzbrennstoffanlage gebaut, die nach Einschätzung

des Betreibers die Attraktivität des Standorts erhöhe,

weil man über sie preisgünstig und von den Märkten unabhängig

Dampf und Strom bereitstellen könne. Bürgerinitiativen dagegen

befürchten einen weiteren Anstieg der Stickstoffdioxidbelastung

in der Umgebung, höhere Müllgebühren, unkontrollierbaren

Mülltourismus aus dem Ausland und Belastungen

durch den Schwerverkehr. Im Verlauf der kontroversen Diskus-

41


Auch Randstad sorgte in den Clubräumen für Gesprächsstoff

sion ging es auch um Möglichkeiten und Grenzen der Erneuerbaren

Energien, die Sicherstellung von Energieversorgung, um

öffentliche Vorbehalte gegenüber solchen Projekten in Deutschland

und um entsprechende Genehmigungsverfahren. Beim

abschließenden Get-together wurde lebhaft weiterdiskutiert.

42 FPC-Magazin 2008

MATTHIAS W. SEND

FPC-Schatzmeister,

Leiter Wirtschaft

und Gesellschaft

HEAG-Südhessische

Energie AG

Zeit ist Geld

Ein Spitzenmanager, der Mindestlöhne fordert? Ein Gewerkschafter,

der nichts gegen Flexibilisierung am Arbeitsmarkt

hat? So etwas gibt es, manchmal sogar gemeinsam an einem

Tisch. Zum Beispiel im Frankfurter PresseClub: Eckard Gatzke,

Vorsitzender der Geschäftsführung beim Zeitarbeitunternehmen

Randstad, diskutierte mit Dr. Hartmut Seifert, dem

Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts

bei der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Die Initiative zu dieser Diskussion ging von Randstad aus, dem

deutschen Branchenführer bei Zeitarbeit und korporativen Mitglied

des FPC. Nicht, dass Gatzke durchweg Gewerkschaftspositionen

eingenommen hätte und Seifert die Meinung der Arbeitgeber.

Der Randstad-Chef wandte sich vielmehr – abgesehen

von seinem Ja um Mindestlohn – gegen gewerkschaftliche Forderungen,

die Zeitarbeit zusätzlich zu regulieren oder gar zu beschränken.

Seifert dagegen beharrte darauf, dass solche „atypischen

Beschäftigungen“ trotz positiver Aspekte auch unzumutbare

Nachteile etwa bei Bezahlung und Weiterbildung mit sich

brächten. Aber es blieb bei aller Kontroverse eine sachliche Auseinandersetzung.

Von den FPC-Mitgliedern, die sich anschließend

auf Einladung von Randstad zum Imbiss trafen, war vor

allem ein Satz zu hören: Wir haben heute eine Menge gelernt.

STEPHAN HEBEL

Beisitzer im FPC-Vorstand,

Mitglied der Chefredaktion

der „Frankfurter Rundschau“

Fotos: Rainer Rüffer (frankfurtpicture)


Dem Himmel so nah

Jedem fällt zu Nepal etwas anderes ein: himmelstürmende Achttausender,

hinduistische und buddhistische Heiligtümer, aber auch politische Konflikte

oder einfach Armut und fremde Küche. Und so reiste der FPC mit einer bunt

gemischten Journalistentruppe im November 2007 zum Dach der Welt.

Neben pittoresken Kulturlandschaften und vielfältigen Einblicken in den Alltag

des Landes beeindruckten die Besuche in zwei abgelegenen Hospitälern.


Zusammenprall der Kulturen

Holprige Highways, Tempel und Klöster, Königsstädte und Wildlife-Camps,

dazu Treffen mit dem deutschen Botschafter, der Außenministerin und

den Führern der stärksten Parteien: In Nepal erkundeten die FPC-Reisenden

eine oftmals fremd anmutende Welt.

Ob im Tal von Kathmandu, in Pokhara am Fuße des Anapurna-

Massivs oder im Dschungel des Chitwan-Nationalparks: Es ist

kaum möglich, sich der Faszination Nepals und seiner Menschen

zu entziehen. Hier haben sich Hinduismus, Buddhismus

und Schamanismus jahrhundertelang toleriert, existieren bis

heute einträchtig nebeneinander. Nirgendwo auf der Welt lebt

ein so buntes ethnisches Gemisch (mehr als 60 Stämme) so

selbstverständlich und friedlich miteinander. Und

über all dem majestätisch der Himalaya, die

„Schneewohnung“, das gewaltigste Bergmassiv

dieser Erde. Ein bisschen demütig

wird man, wenn man im

kleinen Sportflugzeug den Mount

Everest zum Greifen nah vor

Augen hat oder morgens um sechs

Uhr durch den weitläufigen Park

des Fulbari Ressorts in Pokhara pilgert,

um zu sehen, wie die aufgehende

Sonne das ewige Eis der

Anapurna-Gipfel und des des Machhapuchre,

des Maskottchens Pokharas, in zartes Rosa hüllt.

Doch eine Pressereise ist keine meditative Expedition zu

sich selbst, zu explosiv und spannend ist das sozial-religiöspolitische

Gemisch, das in Nepal brodelt. Der Himalaja – und

damit auch Nepal – sei der letzte Großraum, in dem westliche

Technologie und östliche Philosophie aufeinanderstoßen, formulierte

1988 der Dalai Lama in einem „Geo“-Beitrag. Der

Zusammenprall der Kulturen offenbarte sich uns zunächst in

dicken, dunklen Auspuffgasen, die den wenigen Rikschafahrern

das Atmen im Moloch Kathmandu ebenso schwer machen

wie uns Fußgängern. Er offenbart sich in Müllhalden,

auf denen Kinder spielen und Kühe nach Futter suchen, in

Verschlägen für Menschen, die aus den Bergen kamen und

am Straßenrand in den Abgasen und Abfällen des holprigen

„Highways“, der die größeren Städte Kathmandu, Pokhara

und Janakpur miteinander verbindet, ihr Glück versuchen.

Er zeigt sich aber auch in einem von Korruption und Bürgerkrieg

gebeutelten Staatsgefüge. Und dennoch begegnen uns

die Menschen mit einer Heiterkeit und Freundlichkeit, die

uns verwöhnten Westeuropäern angesichts der Lebensbedingungen

unerklärlich scheinen.

Nepal war bis 1951 für Ausländer gesperrt und wird seither

mal mehr, in den vergangen Jahren, wegen der politischen

Unruhen, weniger von Touristen besucht, wie beim

Pressemeeting mit Tourismusminister Prithvi Subba Gurung

zu hören war. So ist das Touristenaufkommen in Nepal zwischen

Januar und Mai 2007 im Vergleich zum Vorjahr um

fast 50 Prozent gestiegen. Im benannten Zeitraum reisten

143 640 Touristen nach Nepal. Gerade in den Tourismus

will das ressourcenarme Land weiter investieren: Klettern,

Canoeing, Mountainbiking, Rafting – alle Trendsportarten

werden uns im Werbefilm des Nepal Tourism Board (NTB)

vorgestellt. Aber ist das der richtige Weg? Schon jetzt säumen

riesige Müllberge den Aufstieg zum Mount Everest

oder den Anapurna-Trail. Von nachhaltigem Tourismus, von

dem beispielsweise die Bevölkerung in ländlichen Regionen

profitieren könnte (statt der Global Player des internationalen

Tourismusgeschäftes), noch keine Spur; und auch ein

funktionierendes System zur Rücknahme aller mitgebrachten

Trekking- und Bergsteigerutensilien ist noch nicht installiert.

Doch der NTB kennt die Herausforderungen des

Tourismusgeschäftes in einem sensiblen Ökosystem wie in

Nepal und will sie annehmen.

Wie sie wohl über den Tourismus denken? Yogis in Kathmandu

45


Ein mit Unterstützung von Bodo Krüger, Honorarkonsul für

Nepal, konzipiertes, dichtes und informatives Programm gewährte

der 19-köpfigen Journalistentruppe vielfache Einblicke

in die kulturellen und politischen Verhältnisse des Landes:

Ein Meeting mit dem deutschen Botschafter Franz Ring in

Thema Gesundheitsversorgung

Ein Leuchtturm in den Bergen

Einst ein kühner Traum, heute Realität: In einer unwegsamen Region

Nepals ist das Dhulikhel Hospital entstanden, eine Einrichtung, die

mehr ist als nur ein Krankenhaus.

An der alten Königsstadt Bhaktapur vorbei windet sich der Arnica Highway

von Kathmandu aus in nordöstlicher Richtung hinauf in die Berge bis

nach Dhulikhel. Das Städtchen liegt kaum mehr als 30 Kilometer entfernt

vom Zentrum Nepals. Doch bis vor wenigen Jahren konnte diese Distanz

für die Bewohner des Distrikts Kavre über Leben oder Tod entscheiden.

Denn wer sich hier oben in den Bergen ein Bein brach oder eine Lungenentzündung

holte, fand weder Arzt noch Krankenhaus. Dass sich dies

geändert an, ist der Zielstrebigkeit eines Mann zu verdanken.

Als Bauernsohn in Dhulikhel geboren, beschloss Ram Shrestha in jungen

Jahren, die Kastengrenzen zu überwinden und Arzt zu werden. Als einer

der Jahrgangsbesten ergatterte er ein Regierungsstipendium für ein

Medizinstudium im Ausland. In Wien absolvierte er in Redkordzeit sein

Studium, im Voralberg machte er seinen Facharzt. All das waren nur

Zwischenstationen. Denn Ram Shrestha wollte dafür sorgen, dass die

Bewohner seiner Heimat eine hochwertige medizinische Versorgung erhalten.

„Niemand hat mir geglaubt, dass ich zurückkehren werde. Doch

ich bin zurückgekommen.“ Noch in Europa hatte er unter Kolleginnen und

Kollegen so erfolgreich für sein Anliegen geworben, dass in Österreich

und Deutschland unterstützende Vereine entstanden. In Dhulikhel konnte

er Bauern überzeugen, ihm Grund und Boden abzutreten. 1996 war es

dann so weit. Hoch oben in den Bergen öffnete das auf privater Basis

finanzierte Dhulikhel Hospital seine Pforten. Heute zählt das Krankenhaus

46 FPC-Magazin 2008

Buntes Treiben:

typische Dorfszene

Kathmandu, ein Treffen mit der derzeitigen Außenministerin

Sahana Pradhan, dazu Begegnungen mit den Führern der

stärksten politischen Parteien des Landes, der UML und der

NGCCI, oder mit dem Chefredakteur der „Kathmandu Post“

vermittelten der Gruppe Erkenntnisse über den angestrebten

Zielstrebig: Ram Shrestha erzählt von der Arbeit in seinem Hospital

zu den besten medizinischen Einrichtungen des Landes. Unabhängig von

Ethnie, Religion, Kaste oder Klasse wird allen Patienten eine moderne

medizinische Versorgung zuteil. Von der Chirurgie bis zur Urologie deckt

die Klinik die wichtigsten Fachgebiete ab, die Abteilungen sind medizintechnisch

gut ausgestattet und die Mitarbeiter bestens qualifiziert. Jedes

Jahr werden 50000 Patienten versorgt, 700 Kinder geboren und mehr als

5000 Operationen durchgeführt. Diese Zahlen sind erstaunlich. Denn in

den Bergen von Nepal müssen Mediziner gegen weit mehr Widrigkeiten

als Verletzungen und Erkrankungen kämpfen. Da ist zum einen der

Glaube an die Kräfte schamanistischer Fortsetzung auf Seite 48


sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandel in Nepal.

Die Türen zur kulturellen Schatzkammer Nepal öffnen sich

bei der Besichtigung der drei Königsstädte Kathmandu, Patan

und Bhaktapur einen Spalt. Das Kathmandu-Tal ist von alters

her der Knotenpunkt zwischen zwei großen asiatischen Kulturen:

der indischen und der tibetisch-chinesischen. Pilger,

Händler, Mönche, Bergvölker – alle ließen sich gerne im Tal

nieder. In der Landeshauptstadt Kathmandu mutet die (bisher

noch intakte) historische Altstadt, der Durbar Square rund

um die ehemalige Königsresidenz, wie eine Insel in der Brandung

aus Verkehr und Menschenmassen an. Im buddhistischen

Klosterbau Kumari Bahal, reich mit Holzschnitzereien

verziert, residiert die Kindgöttin Kumari, die sich hin und

wieder auf Bitten zeigt. Huldvoll grüßt die prominenteste

lebende Göttin die Journalistengruppe aus einem kleinen

Fenster im Innenhof und gibt ihren Segen. Sie wird aus

einer buddhistischen Kaste auserwählt, lebt bis zu ihrer

Geschlechtsreife im Palast von Kathmandu und erhält

danach vom Staat eine Pension bis zum Lebensende.

Eintauchen ins buddhistisch geprägte Nepal konnten

wir außerdem in Bodnath (auch Baudha genannt). Mit

40 Metern Höhe und Durchmesser ist der Bodnath-Stupa der

größte Sakralbau seiner Art im Tal. Hier haben sich vornehmlich

Exiltibeter niedergelassen, immer mehr tibetische Klös-

Warum lange im Trüben fischen?

Recherchematerial für Journalisten +++ Meldungen, Bilder, Audios +++

E-Mail-Abo, RSS-Feeds +++ Ein Service der dpa-Tochter news aktuell

+++ www.presseportal.de

ter entstehen. In einem residiert der Cini Lama, nach dem

Dalai Lama und dem Panchen Lama der dritthöchste Würdenträger

der Tibeter. An diesem Ort haben wir Gelegenheit,

eine andere spirituelle Facette Nepals zu erleben.

Von allen drei Königssitzen des Tals ist Bhaktapur (Stadt

der Gläubigen), an der alten Handelsstraße zwischen Indien

und Tibet gelegen, am wenigsten zersiedelt. Der motorisierte

Verkehr ist zumindest aus der Altstadt verbannt, und

Bhaktapur bietet auch heute noch das seltene Bild einer

Luftige Angelegenheit: Über die vielen Täler in Nepal führen zum Teil

abenteuerliche Hängebrücken. Auf den Märkten locken exotische Speisen

IVW-geprüft


nahezu intakten mittelalterlichen Stadt. An der Erhaltung

war maßgeblich das nepalesisch-deutsche Bhaktapur Development

Project mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit

(GTZ) beteiligt. Kaum zählbar sind die kleinen

Schreine, Tempel und Götterstatuen, die man hier an jeder

Straßenkreuzung oder Türschwelle findet.

Acht Stunden dauert die Busfahrt von Kathmandu nach

Pokhara. Nach einer Übernachtung dort dauert es weitere acht

Stunden, bis wir im Terai, dem nepalesischen Tiefland, sind

Anders reisen... Die FPC-Truppe macht den

Chitwan-Nationalpark unsicher

Heiler, der viele Bewohner der Bergregionen davon abhält, einen Arzt aufzusuchen.

Vor allem aber wissen sie, dass ein Arztbesuch Geld kostet.

Im Dhulikhel Hospital muss ein Patient für Aufnahme, Diagnose und Behandlung

20 Cent zahlen. Manch Betroffener kann selbst diese geringe

Summe nicht aufbringen. Abgewiesen wird dennoch niemand. Denn Patienten,

die mehr Geld zur Verfügung haben, zahlen auch mehr. „Einmal

habe ich eine reiche Patientin gefragt, ob sie nicht zehn Jahre lang das

Krankenhausfrühstück bezahlen will“, erzählt Ram Shrestha. Sie wollte.

Das schwerwiegendste Problem ist jedoch der Weg zum Krankenhaus.

Ein Großteil der etwa 1,9 Millionen Menschen im Einzugsgebiet des

Dhulikhel Hospital wohnt weit weg von dem Highway. Wer einen kranken

Angehörigen hat, muss diesen über die Berge nach Dhulikhel tragen.

Viele sind Stunden und Tage, manche gar Wochen unterwegs, und nicht

selten erreichen Patienten das Krankenhaus, wenn es schon zu spät ist.

Doch wenn der Kranke nicht zum Hospital kommen kann, kommt das

Hospital eben zum Kranken. Das Dhulikhel hat sechs Außenstellen in abgelegenen

Gebieten eingerichtet, weitere sind in Planung. In diesen gewährleisten

Paramedics eine medizinische Grundversorgung. Um auch

komplizierte Fälle zu behandeln, brechen regelmäßig Ärzteteams vom

Krankenhaus in die Außenstellen auf. Bei Veranstaltungen in den Dörfern

werden die Bewohner außerdem über Gesundheitsvorsorge und Familienplanung

informiert. Der Arzt als Entwicklungshelfer.

So sehr das Dhulikhel Hospital auch wächst – seine Kapazitäten bleiben

begrenzt. „Noch immer kommen in Nepal außerhalb von Kathmandu auf

jeden Arzt 40000 Patienten“, beschreibt Ram Shrestha die Misere. Aus

diesem Grund engagiert sich das Dhulikhel Hospital für die Aus- und

Weiterbildung. In Sichtweite des Krankenhauses ist ein Medical Institute

entstanden, in dem Krankenpfleger, Geburtshelferinnen oder Labortech-

48 FPC-Magazin 2008

und in Lumbini, dem wahrscheinlichsten

Geburtsort des Religionsstifters Buddha.

Der Chitwan-Nationalpark wurde 1973

gegründet. Mit Jeeps und auf der Ladefläche

eines LKW ging es zum Machan Wildlife

Camp und am nächsten Tag auf dem

Elefantenrücken oder in schmalen Kanus

auf den Spuren von Nashorn, Tiger & Co

durch den Dschungel. Das ehemalige Jagdgebiet

der Rajas mausert sich zum Urlaubsort

für Naturliebhaber.

Extremsportlern, Kulturbeflissenen, Sinn- und Fährtensuchern

– Nepal bietet vielen etwas. Und jenen Reisenden,

die sich beim Essen an das Motto „Peel it, boil it or forget it“

halten und für alle Fälle auch den Flachmann mit Hochprozentigem

im Gepäck haben, droht auch nicht die Dauersitzung

am stillen Ort.

INGRID SCHICK

Freie Journalistin

ingrid.schick@arcor.de

Fotos: Rainer Rüffer

(frankfurtpicture)

Ram Shrestha, Gründer und Leiter des Dhulikhel Hospital,

wird am 7. April 2008 im Frankfurter PresseClub über die

Situation der Gesundheitsversorgung in Nepal berichten.

Dazu gibt es eine Ausstellung mit Fotos von der FPC-Reise.

niker qualifiziert werden. Trotz Studiengebühr bewerben sich alljährlich

1700 junge Nepalesen. Bei der Auswahl wird darauf geachtet, dass

Studierende aus allen Klassen und Regionen des Landes aufgenommen

werden, und Frauen werden bevorzugt. Zusätzlich werden jedes Jahr

45 Mediziner ausgebildet. Manche bleiben, andere schwärmen aus in

die zahllosen unterversorgten Regionen Nepals. Das Dhulikel Hospital

ist weit mehr als ein Krankenhaus. Es ist ein Leuchtturm, der ins ganze

Land ausstrahlt – und doch auf weitere Hilfe angewiesen ist. Denn

„fertig“ ist das Projekt noch lange nicht. So steht als nächstes der Bau

eines Wohnheims für die angehenden Schwestern auf dem Programm.

Ram Shrestha: „Ich habe noch viele Träume. Das ist auch gut so, denn

wer nicht mehr träumt, kann auch nichts mehr bewegen.“

CHRISTIAN SÄLZER

Freier Journalist

saelzer@niatu.net


Zwischen Hoffen und Bangen

Binnen weniger Jahre hat Nepal seinen König verjagt, einen Bürgerkrieg durchlitten

und große Schritte hin zu einer parlamentarischen Demokratie gemacht.

Doch die größten Herausforderungen hat das Land am Himalaja noch vor sich.

Es ist gerade einmal 50 Millionen Jahre her, da prallte die

indische Platte auf ihrem Weg Richtung Norden auf das

eurasische Erdmassiv. Landmasse traf auf Landmasse und

die gewaltigen Druckkräfte brachten den Himalaja hervor,

das höchste, aber auch eines der jüngsten und unruhigsten

Gebirge der Welt. Seine Berge und Täler bilden das Terrain

des heutigen Nepal. Wie das Land, so die Leute: Auch die

politische Topografie von Nepal hat in jüngster Zeit starke

Verwerfungen und Eruptionen erlebt. Vor nicht einmal 20

Jahren kollidierten die parlamentarischen Kräfte auf ihrem

Weg zur Demokratie erstmals mit der Autokratie des „Hindukönigreichs“.

Von der ersten Parlamentswahl über einen

Bürgerkrieg, ständige Regierungswechsel und Massendemonstrationen

bis hin zu einem Friedensabkommen haben

sich dabei die Konturen einer Republik herausgeschält.

Doch der Reihe nach. Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts

ist Nepal ein von der Welt abgeschottetes Land. Die diktatorische

Herrschaft der Rana-Dynastie hält die Bevölkerung

in Armut und Isolation. Vorsichtige Demokratisierungsbestrebungen

enden 1960 in der Restauration der autoritären Monarchie.

Dies ändert sich erst Anfang der 1990er Jahre. König

Birenda lässt einen Parteienwettbewerb zu und akzeptiert

einen gewählten Ministerpräsidenten. Ruhe stiftet das nicht,

im Gegenteil. In den Machtkämpfen zwischen Palast und

den bürgerlichen Parteien wie dem konservativen Nepali

Congress und der gemäßigten linken CPN-UML jagt eine

Krise die nächste, Kabinett folgt auf Kabinett. Komplizierter

und blutig wird die Lage dadurch, dass die maoistische Abspaltung

der CPN in den ländlichen Regionen einen bewaffneten

Aufstand anzettelt. König und Armee reagieren mit

Härte, die Gewalt eskaliert und fordert tausende, meist zivile

Opfer. Politisch aber setzt der Konflikt Signale: Erstmals wird

der Zentralismus Kathmandus herausgefordert und die Lage

der Landbevölkerung sowie der unterprivilegierten Kasten auf

die Agenda gesetzt.

2001 kommt es zu einem Beben im Palast: Die Königsfamilie

fällt einem bis heute ungeklärten Massaker zum Opfer.

Gyanendra, der einzige überlebende Bruder des Königs, besteigt

den Thron. Ein Jahr später nimmt er die Zerstrittenheit

der bürgerlichen Parteien zum Anlass, das Parlament aufzulösen

und Regierungen von Königs Gnaden einzusetzen. 2005

geht er noch einen Schritt weiter: Er ruft den Ausnahmezustand

aus, setzt zahlreiche Grundrechte außer Kraft und lässt

missliebige Personen verhaften. Mit diesem Putsch aber

überspannt er den Bogen. Seine Gegner schließen ihre Reihen,

die Parteien einigen sich auf eine Allianz und verein-

Bald wird (hoffentlich)

gewählt:

Demonstration

in Kathmandu

49


aren einen Waffenstillstand mit den Maoisten. Fortan agieren

sie Seit’ an Seit’ gegen den Palast. Die antimonarchistische

Stimmung führt im April 2006 zu einer gewaltigen Mobilisierung

der Zivilgesellschaft und gipfelt in Generalstreiks. König

Gyanendra wird gezwungen, die Macht an die Parteien zurückzugeben,

und setzt das von ihm aufgelöste Parlament wieder

ein. Die Demokratiebewegung erringt ihren größten Sieg.

Thema Gesundheitsversorgung

Kleines Hospital ganz groß

Im Sushma Koirala Memorial Hospital in Salambutar im Nordosten

des Kathmandu-Tals wird Schwerstverbrannten, Unfallopfern und

Patienten mit angeborenen Missbildungen durch professionelle OPs

ein bisschen Normalität und Lebensqualität zurückgegeben.

Amara (4) ist ein sehr ernstes Kind. In ihre Nähe kommen darf niemand

– außer dem Vater. Gummibärchen werden scheu, aber trotz der durch

ihre schwere Verbrennung am Körper festgewachsenen Ärmchen mit

flinkem Griff geschnappt. Selbst auf der Schaukel blickt das Mädchen

mit großen, traurigen braunen Augen in die Welt. Ihr Vater hat sie fünf

Tage lang durch die Bergwelt des Himalaya bis zur nächsten befahrenen

Straße getragen und ist dann noch einmal drei strapaziöse Tage mit seiner

Tochter aus dem unwegsamen Westen Nepals mit stets überfüllten

Bussen quer durchs Land bis nach Salambutar gefahren. Mundpropaganda

hat ihm den Weg gezeigt: Im SKM-Hospital würden Verbrennungsopfer

kostenlos behandelt. Die einzige Chance für ihn, einen Tagelöhner,

seine Tochter, die bereits mit vier Monaten vom Bauch bis zu

den Ohren verbrannte, behandeln zu lassen. „Es sind immer die Kinder

oder Frauen, die durch die Explosionen der ‚Tukis´ (manipulierte Kerosinbrenner),

die Kochstelle und Ofen zugleich sind, schwer verbrannt werden“,

sagt Krankenhaushausmanagerin Christa Drigalla, ehemalige Pflegedienstleiterin

des Diakonissenkrankenhauses Freiburg. Die Folgen,

wenn die Opfer überhaupt überleben: schmerzhafte Verwachsungen

und Missbildungen, die ein einigermaßen normales Leben unmöglich

machen. Mittlerweile kann Amara zumindest ihren Kopf wieder frei bewegen,

bis zu fünf weitere Operationen werden nötig sein, um ihre fast

50 FPC-Magazin 2008

Ungewisse

Zukunft: Kinder

am Straßenrand

In Pokhara stehen nur noch die Stiefel, in Butwal sind

selbst diese verschwunden – überall im Land künden zerstörte

Statuen des Königs von der Zeitenwende. Die Gesellschaft

hat ihren obersten Herrscher und Repräsentanten verjagt.

Damit hat sich auch der Schleier gelüftet, und die nepalesische

Realität wird in ihrem Reichtum, ihrer bitteren Armut und

in ihrer ethnischen, kulturellen sowie sozialen Heterogenität

Allmähliche Professionalisierung: das Sushma Koirala Memorial Hospital

bis zu den Handgelenken am Körper verwachsenen Arme zu trennen.

Geschätzter Aufenthalt in der Klinik: ein Jahr. Mittellosen Patienten wie

Amara wird im SKM-Hospital, einem Gemeinschaftsprojekt von INTER-

PLAST-Germany und dem nepalesischen Sushma Koirala Memorial

Trust, wirklich unentgeltlich geholfen. So übernimmt auch das Krankenhaus

die medizinische Versorgung von Amara, ihre und des Vaters Aufenthalt

sowie die Verpflegung. „Patenschaften für unsere Patienten sind

natürlich möglich und werden gerne vermittelt“, so Drigalla.

Nach mühseligen Aufräum- und ersten provisorischen Renovierungsarbeiten

in dem bis dahin völlig heruntergekommenen Minihospital fand am

1. Juni 1997 die erste Operation statt. In der Anfangsphase war kontinuierliches

Arbeiten wegen mangelhafter Ausstattung und unzureichender

Unterbringungsmöglichkeiten nicht möglich. Der OP-Betrieb wurde damals

im Wesentlichen von externen INTERPLAST-Teams bewältigt. Die

kommen noch heute aus aller Welt, um in ihrem Urlaub, während eines

Sabbaticals oder fit und agil im Ruhestand „etwas von all dem Guten, das

mir und meiner Familie widerfahren

Fortsetzung auf Seite 52


sichtbar. „Der König hatte die Vielfalt des Landes nie wirklich

anerkannt. Nun bricht auf, was zuvor unterdrückt war“, beschreibt

Dr. Horst Matthäus von der GTZ in Nepal, Kenner

des Landes, die Situation.

Im Zuge der demokratischen Öffnung verlangen die Regionen

mehr Selbstbestimmung und fordern die zahlreichen

Minoritäten stärkere Teilhabe. Vor allem aber treten die Probleme

des Landes offen zutage: von der Ignoranz Kathmandus

gegenüber dem Rest des Landes über die rückständige Wirtschaft,

die Investitionshemmnisse und die Ausgrenzung vieler

Bevölkerungsgruppen, die katastrophale Ernährungs- und

Gesundheitsversorgung, die Misere im Bildungsbereich bis

zur Umweltzerstörung und der Korruption in den staatlichen

Organen. Die noch junge Presselandschaft hat alle Hände voll

zu tun. Auf die Frage, welches die fünf größten Probleme

des Landes seien, antwortet Prateek Pradhan, Chefredakteur

der Tageszeitung „Kathmandu Post“: „Nur fünf? Damit komme

ich nicht hin.“

Die Verwerfungen der vergangenen Jahre haben die Situation

verschlimmert. So hat die unsichere politische Lage die

wichtigen Einnahmen aus dem Tourismus einbrechen lassen

und Investitionen aus dem Ausland weiter erschwert. Vor allem

haben die Auseinandersetzungen zu einer massiven Erosion

der staatlichen Autorität beigetragen. Die Alltäglichkeit

Der König ist Geschichte: Reste einer Statue in Pokhara

von Entführungen und Erpressungen, das Chaos auf den

Straßen oder die Zunahme der Wilderei in den Nationalparks

belegen, wie geschwächt die staatlichen Institutionen sind.

Mancherorts steht Nepal am Rande anarchischer Verhältnisse.

Es gibt unendlich viel zu tun. Wer aber packt es an?

„Wir können uns zurzeit nicht um die Förderung der Wirtschaft

kümmern, nicht um den Ausbau der Infrastruktur, nicht

um die Ankurbelung des Tourismus. Wir sind vollauf mit dem

politischen Neuaufbau beschäftigt“, sagt Madhav Kumar

Mit unseren Dienstleistungen ist es wie mit unseren

Fahrzeugen: Es gibt für jeden Bedarf das richtige.

Wir leisten und entsorgen fachgerecht und zuverlässig:

Aktenvernichtung, Altpapier, Bauschutt, Containerdienst, Gewerbeabfälle, Grünschnitt,

Schrott, Sonderabfälle, Sperrmüll, Fäkalienabfuhr, Fett- und Ölabscheiderinhalte.

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Nepal, Chef der CPN-UML, der aktuell womöglich

stärksten Partei. Tatsächlich hängt das Land seit

dem Friedensabkommen zwischen den Parteien

und den Maoisten 2006 in einer Warteschleife.

Noch immer ist kein neues Parlament gewählt,

keine Verfassung erarbeitet und keine Regierung

berufen worden. Stattdessen sitzen in einem

Übergangskabinett Minister auf Abruf. Staatssekretäre

warten auf Direktiven, und die Kommunen

schlagen sich ohne gewählte Bürgermeister von

Tag zu Tag. Ändern wird sich das erst, wenn die

nächsten Stationen des Friedensplans erfüllt –

wenn also ein neues Parlament gewählt und eine So ruhig ist es nicht immer in Nepal:

Straßenszene in den Bergen

Verfassung verabschiedet sind. Zwei Mal aber ist

die Wahl bereits verschoben worden, momentan

auf unbestimmte Zeit.

den politischen Gruppierungen erfordern Kompromisse viel

Verwunderlich sind die Verzögerungen nicht, schließlich diplomatisches Geschick. Hinzu kommt, dass alle Lager um

steht Grundsätzliches zur Debatte: Soll das Land tatsächlich eine möglichst gute Ausgangsposition für die Wahl schachern.

Republik und die Monarchie vollständig abgeschafft werden, Aktuell blockieren die Maoisten die Festsetzung eines neuen

oder wird ihr eine zeremonielle Funktion zugestanden? Soll Wahltermins: Die Rebellen des Volkes haben das Votum des

die Verfassung garantieren, dass alle Regionen in den staat- Volkes zu fürchten begonnen.

lichen Organen vertreten sind? Wie viel Föderalismus muss Was aber, wenn die Wahlen stattfinden – wird dann ein Wan-

sich das Land leisten, wie viel kann es sich leisten, ohne ausdel hin zu mehr Demokratie, Gerechtigkeit und Wohlstand in

einanderzubrechen? Angesichts der tiefen Gräben zwischen Gang kommen? Gyanendra Lal Pradhan, Vorstandsvorsitzender

52 FPC-Magazin 2008

Tapfer: Die

kleine Amara

wird kostenlos

behandelt

ist, zurückzugeben“, wie beispielsweise der Karbener Kieferchirurg

Bernd Vesper seinen bereits mehrfachen ehrenamtlichen Einsatz in

Salambutar begründet.

Mit der Unterstützung des Centrums für Internationale Migration und Entwicklung

(CIM/GTZ) konnten aber bereits Anfang 1998 auch die Stellen

für eine ständig anwesende ärztliche und pflegerische Leitung eingerichtet

werden. „Eine wichtige Grundlage für die weitere nachhaltige Entwicklung

des Hospitalprojektes“, so Christa Drigalla, die beinahe von Anfang

an dabei ist. Neben der plastischen Chirurgie bietet das Hospital für die nähere

Umgebung (immerhin ein Gebiet mit mehr als 250000 Einwohnern)

auch eine internistische, gynäkologische und zahnärztliche Versorgung. Ein

Mann der ersten Stunde ist auch Hein Stahl, technischer Leiter des Krankenhauses.

Er leitet nicht nur die Neubau- und Modernisierungsarbeiten in

Nepal, sondern unterstützt auch in Deutschland als Logistiker und Kassenwart

der INTERPLAST-Sektion Nepal das Projekt ehrenamtlich. Seinem

technischen Know-how und seiner Experimentierfreude ist der ökologisch

korrekte Wasserkreislauf im Hospital zu verdanken. Wir trafen ihn bei seiner

neuen Lieblingsbaustelle: der in der Erprobungsphase befindlichen

Müllverbrennungsanlage. Seit September 1999 ist der Chirurg Andreas

Settje ärztlicher Leiter des SKM-Hospitals. Unter seiner Ägide gehen die

Ärzteteams seit 2000 mehrmals im Jahr in OP-Camps, um den Patienten

in den unzugänglichen Bergregionen vor Ort helfen zu können. In diesem

Jahr erstmalig auch in die sogenannten Maoisten-Camps, in denen die

Kämpfer der People‘s Liberation Army seit dem Friedensschluss im Juni

2007 kaserniert sind. Settje als Chirurg, Axel Heinicke als Zahnarzt gehören

zu den ersten Fremden überhaupt, die nach einer „mörderischen Anreise

durch Flussbetten, vorbei an Polizeisperren, mit platten Reifen und

gebrochener Autoachse“, ein solches Maoisten-Camp betreten durften.

Die Arbeit am SKM-Hospital erregt international Aufmerksamkeit. Im März

und Dezember 2000 sowie im Februar 2001 berichtet Günther Jauch in

„Stern TV“ über das Hospital. „Das damit verbundene Spendenaufkommen

bedeutete erstmals eine längerfristige Planungssicherheit und ermöglichte

die Realisierung dringend erforderlicher Infrastrukturarbeiten zur

Erhöhung der Behandlungskapazität und der Verbesserung der medizinischen

Versorgung“, so die Krankenhausmanagerin.

Seit Oktober 2002 verfügt das SKM-Hospital über zwei große OP-Säle mit

annähernd europäischem Standard – die Voraussetzung für die Versorgung

schwieriger plastisch-chirurgischer Eingriffe. Ein dritter OP-Saal wurde Anfang

2003 in Betrieb genommen, um die stetig steigende Zahl von Patienten

mit Verbrennungen oder komplizierten Wunden behandeln zu können.

Bereits im September 2001 wurde das neue Patientenhaus eingeweiht,

in dem 38 Patienten samt Begleitpersonen untergebracht werden können.

Zusammen mit den Betten im neuen OP-Trakt verfügt das Hospital nun

über 47 stationäre Betten. Von Sonntag bis Freitag werden in der chirurgi-


der Butwal Power Company und Manager des Jahres 2006

von Nepal, bezweifelt das: „Durch die Wahlen wird sich

nichts ändern.“ In weiten Teilen der Zivilgesellschaft ist die

einstige Aufbruchstimmung einer Resignation gewichen, die

sich vor allem aus dem Misstrauen gegenüber den politischen

Akteuren speist – gegenüber der Gewalttätigkeit der

Maoisten und den Egoismen der Parteien. In diesen sitzen

noch die gleichen Personen an den Schalthebeln, die schon

in den 1990er Jahren viel Kredit verspielt haben, als sie eine

Patronagepolitik betrieben und die Korruption zum Blühen

brachten. Das Dilemma: In den entscheidenden Positionen

des Landes sitzen Angehörige der oberen Hindukasten, die

bei einer demokratischen Öffnung eines zu verlieren

haben: ihre Privilegien. Insofern könnte es passieren,

dass Nepal seinen parlamentarischen Prozess

zwar formal zu Ende bringt, ein wirklicher

Neuanfang aber ausbleibt. Der König ist tot,

der Filz lebt.

Doch es gibt noch pessimistischere Prognosen.

Was, wenn die Maoisten – oder

auch nur radikale Abspaltungen – aus der

Allianz ausscheren und wieder zu den

Waffen greifen? Was, wenn einzelne

Regionen gegen Kathmandu und seine

schen Sprechstunde 60 bis 100 Patienten untersucht oder ambulant behandelt.

Bereits 1998 wurde eine kleine Zahnstation eingerichtet, „die

bei der Versorgung der örtlichen Bevölkerung und der Mitbehandlung

von Fehlbildungen des Gesichtes sehr hilfreich ist und die Akzeptanz der

Klinik in der Umgebung stärkt“, sagt Christa Drigalla. Die Zahnarztpraxis

wird überwiegend von deutschen Zahnärzten betrieben, die ihre Arbeitskraft

ehrenamtlich zur Verfügung stellen. Derzeit wird als Hilfe zur Selbsthilfe

eine nepalesische Zahnarzthelferin ausgebildet. Für die erfolgreiche

Behandlung der schwerstverbrannten Patienten ist zudem die kontinuierliche

und qualifizierte krankengymnastische Behandlung Grundvoraussetzung.

Diese Arbeit wird von ehrenamtlich tätigen Krankengymnasten/innen

aus Deutschland übernommen. Auch in dieser Abteilung steht

die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund, und so wird seit 2001 eine nepalesische

Krankengymnastin ausgebildet. 24-Stunden-Krankenwagendienst,

Röntgenanlage und Labor, Notstromaggregate, unterirdische

Wasserspeicher mit insgesamt 80000 Litern Frischwasserreserve, eine

eigene Wäscherei und eine Werkstatt vervollständigen das Equipment

der Klinik, die sich aus bescheidenen Anfängen zu dem Gesundheitsvorposten

im Nordosten des Kathmandu-Tals entwickelt hat.

INGRID SCHICK

Freie Journalistin

ingrid.schick@arcor.de

Fotos: Angelika Zinzow


Eliten aufbegehren? Schon in den vergangenen Monaten ist

es zu Streiks und gewaltsamen Aktionen der indischstämmigen

Madhesi im südlichen Tiefland von Nepal gekommen.

Auch andere ethnische Gruppen, die Kaste der Unberührbaren

und Frauenorganisationen haben jüngst gegen ihre Ausgrenzung

aus dem politischen Prozess rebelliert. Überall im

Land lagert politischer Sprengstoff, der sich jederzeit entzünden

kann. Hinzu kommt die Sorge, die Großmacht Indien

könnte eingreifen, sofern der politische Kurs Kathmandus den

Interessen Delhis zuwiderläuft.

Vielleicht kommt es aber auch anders: Es gelingt, ein stabiles

demokratisches Fundament zu legen und alle widerstreitenden

Kräfte auf eine Art nationalen Pakt einzuschwören. Es werden

tiefgreifende Reformen eingeleitet, die positive Entwicklung in

Schlüsselbereichen wie Wirtschaft, Bildung und Gesundheit fördern.

Die Führungscliquen sind bereit, die Macht zu teilen und

Privilegien abzugeben. Sie lassen unbelasteten Persönlichkeiten

zum Zuge kommen und gestehen den bislang ausgeschlosse-

Thema Gesundheitsversorgung

„Erheblicher Bedarf“

Kurzinterview mit Dr. Andreas Settje, Leiter des SKM-

Hospitals, aus dem Maoisten-Camp Nawalparasi

FPC: Wurden die Ärzte in diesem Jahr zum ersten Mal in den Maoisten-

Camps eingesetzt?

Andreas Settje: Das Programm in den Maoisten-Cantonments ist ein

Sonderprogramm, das über KinderBerg e.V. und vor allem die GTZ finanziert

wird. Es dient der Unterstützung des „Comprehensive Peace Agreement“

und wird wahrscheinlich noch bis 2009 fortgesetzt. 2007 wurden

insgesamt fünf medizinische Betreuungen in den Maoisten-Camps

durchgeführt.

FPC: Wer finanziert die Programme in diesen Camps?

Settje: Die OP-Camps außerhalb der Maoisten-Lager wurden bislang

durch verschiedene Organisationen/Vereine (ProInterplast, Interplast,

54 FPC-Magazin 2008

nen Klassen, Kasten und Ethnien

mehr Mitsprache zu. Möglich ist all

das, wahrscheinlich jedoch nicht.

So ist es mit der Demokratie von

Nepal tatsächlich wie mit dem Himalajamassiv: In ihrer jungen

Entwicklungsgeschichte haben beide aufwühlende Jahre,

in denen Großes entstanden ist. Doch beide sind noch in

Bewegung und Aufruhr. Niemand kann vorhersagen, welche

Formierungen sich herausbilden werden und ob es nicht zu

neuen Erschütterungen kommen wird.

CHRISTIAN SÄLZER

Freier Journalist

saelzer@niatu.net

Moderne Zeiten: Auch Frauen

beginnen, gegen ihre Ausgrenzung

aus dem politischen Prozess

zu rebellieren

Nepalhilfe Aachen, diverse Rotary-Clubs u. a.) oder direkt durch das

SKMH gesponsert. Das Programm in den Maoisten-Camps wird ausschließlich

durch Kinderberg und die GTZ finanziert, weitere „normale“

Camps werden ab 2008 ebenfalls durch KinderBerg e.V. finanziert.

FPC: Haben Sie ein Feedback zum Gesundheitszustand in den Maoisten-

Camps?

Settje: Einzelheiten über den Gesundheitszustand der maoistischen

Kämpfer können aus Sicherheitsgründen nicht weitergegeben werden.

Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass es dort einen

erheblichen Bedarf an der Versorgung von alten Kriegsverletzungen

und anderen allgemeinen Erkrankungen, die auch chirurgische Eingriffe

erfordern, gibt.

FPC: Wie war die Arbeit dort?

Settje: In den Maoisten-Camps arbeiten wir unter einfachsten Bedingungen

in provisorischen Metallhütten. Die Unterbringung des OP-Teams erfolgt

in Zelten. In acht bis zehn Tagen werden über 600 Leute untersucht

und bis zu 150 Patienten operiert.


Buch-Macher

Dass FPC-Mitglieder fleißig Beiträge für die unterschiedlichsten Medien schreiben,

drehen und schneiden, ist bekannt. Doch was treibt sie um, wenn sie nicht für

den täglichen Broterwerb produzieren? Anregende Antworten gab bereits die letzte

Ausgabe des FPC-Magazins, in der zahlreiche Bücher von Clubmitgliedern vorgestellt

wurden. Und weil deren Schaffensdrang ungebrochen ist, wird jetzt nachgelegt.

Wichtige Erkenntnis: FPC-Mitglieder schreiben nicht nur Ratgeber, Kochbücher

und Romane, sie werkeln auch an Internetportalen und tun etwas für die Bildung.

Schauen Sie selbst!

Arnd Brummer:

„24 Geschichten zum Advent“

Edition Chrismon, November 2007, € 16

Schon im letzten FPC-Magazin war Arnd Brummer

mit einer Neuerscheinung vertreten. Ende

2007 dann, pünktlich zur Vorweihnachtszeit, präsentierte

der nimmermüde Chefredakteur des

evangelischen Magazins „Chrismon“ und Geschäftsführer

des Hansischen Druck- und Verlagshauses

24 selbst ersonnene „Geschichten zum Advent“.

Der harmlose Titel trügt: Nicht unbedingt zum Vorlesen

für Kinder geeignet, warnt schon der Klappentext, und in

den Storys geht es teilweise ziemlich hoch her. Da wer-

Ilse Romahn

www.frankfurt-live.com

Seit 1984 hatte sie für verschiedene Stadtteilzeitungen

geschrieben, dann, in den Neunzigern, weckten

die Vorläufer der Internetzeitungen ihr Interesse. Im

Februar 2002 wagte Ilse Romahn mit dem Internetportal

www.frankfurt-live.com selbst „den Sprung ins

eiskalte Wasser“. Frankfurt-live.com bringt überwiegend

kulturell und kommunalpolitisch orientierte

Meldungen aus Frankfurt und Rhein-Main, im Lauf

der Zeit sind die Rubriken „Reisen“ und „Frankfurter

Stadtteile“ hinzugekommen. „Gestartet bin ich mit

zwei sehr tüchtigen Mitarbeitern, ohne deren Engagement

Frankfurt-Live.com nicht möglich gewesen

wäre“, betont Romahn: „Dr. Hans-Bernd Heier, der

die Chefredaktion übernommen hat, und Bernd

Bauschmann, der für die gesamte Technik verantwortlich

ist.“ Bis heute hat sich die Redaktion um

zehn teils regelmäßige freie MitarbeiterInnen erweitert.

Alle Achtung!

den Priester zu Ehebrechern,

erzählen Backpinsel

aus ihrem bewegten Leben

oder wollen Bankräuber

nicht nur einen Tunnel

graben, sondern auch

noch eine Kirche sprengen

– als Ablenkungsmanöver.

Dass die spektakulären Plots

nicht reines Entertainment bleiben,

sondern stets auch Tiefgang vermitteln, dafür sorgt der

Autor mit überraschenden Bildern, Anspielungen und

Wendungen. 24 etwas andere Betrachtungen über Liebe,

Kirche und Glauben, die man auch in kommenden Wintern

gern aus dem Bücherregal nehmen wird.

Andrea Richter (Andrea Isari)

„Römische Rache. Ein Leda-Giallo-Krimi“

Piper, Oktober 2007, € 7,95

Und noch eine Autorin, die bereits in der

letzten Ausgabe des FPC-Magazins vertreten

war. Der vierte Fall der römischen Kommissarin

Leda Giallo kreist um eine unheimliche Mordserie:

Der Anführer einer rechten Schlägertruppe, die im

Fußballstadion von Rom regelmäßig für Randale

sorgt, der Eigentümer eines Immobilienimperiums

und eine alte vereinsamte Frau werden tot

aufgefunden – an den Tatorten wurden jeweils

mysteriöse Hinweise hinterlassen. Die

Spuren führen die eigenwillige Ermittlerin

und ihr Team in die faschistisch-nationalsozialistische

Vergangenheit der Ewigen

Stadt zurück. Auch der neuste Krimi der

1954 in Koblenz am Rhein geborenen Juristin

und langjährigen politischen Journalistin

Andrea Richter sorgt für gediegene

Hochspannung mit ernstem Hintergrund.

55


Dieter Bromund

„Stirb nicht in Schottland“

Leda Verlag, September 2007, € 8,90

Wenn es um neue Bücher von FPC-Mitgliedern

geht, darf und kann Dieter Bromund

nicht fehlen: Der rührige Print- und Rundfunkjournalist

hat fast immer, wenn man fragt, gerade einen neuen

Titel auf dem Markt. Meist ist es ein Krimi – wie dieser

schon vor zehn Jahren geschriebene und

in Auszügen in der „Frankfurter Allgemeinen

Sonntagszeitung“ veröffentlichte

Roman um merkwürdige Geschehnisse

auf der schottischen Insel Harris.

Die Protagonisten sind alte Bekannte:

Heiko Husmanns, Skipper der Yacht

„Opa Reimer“, Gerd Vollmers, Journalist

und ebenfalls Segler, dazu Komrusch,

Hafenmeister von Bensersiel in

Ostfriesland. Vollmers ist mit der geliehenen

Yacht auf Hochzeitsreise, doch

dann erhält Husmanns einen Anruf:

Die „Opa Reimer“ wurde vor Harris (Äußere Hebriden)

treibend gefunden, Gerd liegt schwer verwundet

in einem schottischen Krankenhaus, von seiner Frau

fehlt jede Spur. Husmanns fliegt sofort nach Harris,

forscht nach stößt auf eine Spur des Todes, die sich

durch Tschechien, Libyen und Irland zieht. Frei nach

dem Journalistenmotto: Wer selber recherchiert, kommt

der Wahrheit am nächsten...

Joachim Franz

Zeilsheimer Bildungsfonds und

Webportal www.lokalglobal.de

Global denken, lokal handeln – das gute alte

Agenda-21-Motto hat es auch Joachim

Franz angetan. Bei der Umsetzung geht es dem Herausgeber

des „Zeilsheimer Anzeigers“ vor allem um

Meinung, Information und Bildung. Sein Webportal

www.lokalglobal.de bietet eine Mischung aus Reiseberichten,

politischen Kommentaren und Tipps und

Nachrichten für Zeilsheim und Umgebung. Der Zeilsheimer

Bildungsfonds wiederum, den Franz im März

dieses Jahres zu seinem 70. Geburtstag aus der Taufe

hob, „will einen Beitrag leisten, dass in Zeilsheim die

niederschmetternden Ergebnisse der PISA-Studie

nicht gelten.“ Großzügige Spender aus der Region

sorgen dafür, dass Kinder von 6 bis 12 Jahren regelmäßig

Nachhilfe erhalten – durch Schülerinnen

im Alter zwischen 14 und 19 Jahren, die sich

auf eine entsprechende Anzeige von Franz beworben

haben.

Für jede gegebene Nachhilfestunde erhalten die

jungen Damen (männliche Bewerber gab es überraschenderweise

keine) einheitlich 12,50 Euro. Ein

Modell, das auch in anderen Stadtteilen Schule

machen könnte.

56 FPC-Magazin 2008

Stephan Hebel (mit Wolfgang Kessler)

„Macht’s besser“

Ein gemeinsames Buch von „Frankfurter

Rundschau“ und „Publik-Forum“,

September 2007, € 13,90

Auch FPC-Vorstandsmitglieder finden Zeit, sich um

Buchprojekte zu kümmern. Zum Beispiel Stephan

Hebel, Textchef, politischer Autor und Mitglied der

Chefredaktion der „Frankfurter Rundschau“. Als echter

Überzeugungstäter hat er zusammen mit Wolfgang

Kessler, dem Chefredakteur von „Publik-Forum – Zeitung

kritischer Christen“, einen Ratgeber veröffentlicht,

der „zeigen möchte, was jeder Einzelne tun kann, um

die Welt ein bisschen besser zu machen“. Wer jetzt

sanft-naive „All you need is love“- und Ökopropaganda

befürchtet, liegt Gott sei Dank falsch. 20 Beiträge

von Autorinnen und Autoren aus dem

„FR“- und „Publik-Forum“-Umfeld (Hebel

und Kessler fungieren als Herausgeber, haben

aber auch eigene Essays beigesteuert)

nehmen den Leser nicht nur als Verbraucher,

sondern auch als politischen Bürger

ernst, informieren über Themenkreise wie

Arbeit, Europa, Geschlechterrollen, Klima,

Konsum, Energie oder Faschismus, geben

Tipps für eigenes Engagement und stellen

Forderungen an die Politik. Nicht peinlich

idealistisch, sondern nachvollziehbar, lebensnah,

vernünftig. „Wenn dieses Buch ein bisschen Lust auf

Veränderung mit Genuss wecken sollte“, so heißt es im

Editorial, „hat es seinen Zweck erfüllt.“

Jutta Perino (mit Lieselotte Wendl)

„Wie ich für meine Eltern sorge“

Kaufmann Verlag, Oktober 2007, € 14,95

Jutta Perino betreibt mit Lieselotte Wendl

Pica, „das älteste Journalistenbüro in

Frankfurt am Main“. Wenn sie nicht gerade „das ganze

Spektrum journalistischer Arbeiten für Print und Hörfunk“

beackern, widmen sich die beiden Expertinnen

für Themen wie Alter, Pflege und Demenz verschiedensten

Buchprojekten mit ernstem Hintergrund. Ihre

jüngste gemeinsame Veröffentlichung ist ein Ratgeber

für Töchter und Söhne, die sich plötzlich damit konfrontiert

sehen, die Pflege für ihre Eltern organisieren

zu müssen. „Es muss nicht jeder Mensch

erst mühsam lernen, wohin man sich um

Hilfe wenden kann“, erklären die beiden

ihre Motivation. „Wir haben uns erst

durch einen Dschungel aus Paragrafen,

Kranken- und Pflegekassen, Hilfeangeboten

und Ämtern durchschlagen müssen,

bis wir die richtigen Ansprechpartner

gefunden haben. Das wollen und können

wir mit diesem Buch anderen Menschen

ersparen.“


Ingrid Schick (mit Birgit Madreiter)

„Vom Lustgewinn beim Speisen im

Freien – ein kulinarischer Wanderführer

durch den Odenwald“

Cocon-Verlag, März 2008, € 12,80

Iss Gutes und schreibe darüber, so könnte das Motto

der Frankfurter Journalistin Ingrid Schick lauten. Viele

Jahre war sie Chefredakteurin des renommierten

Rhein-Main-Gastroführers „Frankfurt Geht Aus!“,

inzwischen geht sie neue berufliche Wege und gibt

ihre Entdeckungen auch in Buchform weiter. Für den

im März erscheinenden kulinarischen Wanderführer

„Vom Lustgewinn beim Speisen im Freien“ erschloss

sie auf Schusters Rappen die „sagenhafte Kulturlandschaft“

des Odenwalds. Das Buch serviert 22 Erlebnistouren

samt Tipps zum Einkehren, gewürzt mit

Betrachtungen über Sehenswürdigkeiten am Wegesrand,

historischen Exkursen und unterhaltsamen Anekdoten

über Land und Leute. Stimmungsvolle Bilder

steuerte die Fotografin Birgit Madreiter bei. Gleich

im Juni 2008 legt das Duo Madreiter/Schick nach:

mit dem opulenten Band „Landpartie – die schönsten

Landgasthöfe im Odenwald“ (€ 19,80).

Armin H. Flesch

„Di cuore“

Umschau-Buchverlag, Dezember 2007,

€ 58,00

Mit Hans Flesch ist er nicht verwandt.

Trotzdem gehören der große deutsche Rundfunkpionier

und die Geschichte des Radios zu seinen Themenschwerpunkten.

Ganz neue Wege beschreitet

Armin H. Flesch nun mit „Di Cuore“, zu Deutsch:

„von Herzen“. Die Idee kam dem freien Journalisten,

als er in der Badewanne beim Deutschlandfunk ein

Interview mit 3-Sterne-Koch Dieter Müller (Schlosshotel

Lerbach) hörte. „Di Cuore“ präsentiert 30 deutsche

Sterneköche im Interview und mit Rezepten,

thematische Klammer ist die mediterrane Küche.

Auch die Entstehungsgeschichte des

Buchs ist „speziell“: Flesch besorgte

sich potente Sponsoren und produzierte

auf Anraten des Umschau-Verlags,

der keine Kapazitäten im Jahr

2007 mehr frei hatte, die 228 Seiten

mit einem Fotografen, einer Grafikagentur

und einer Druckerei in Eigenregie.

Ein rundum gelungener Kraftakt,

der nur einen, aber gern in Kauf

genommenen Haken hat: „Seit Beginn

meiner Reise zu 30 Sterneköchen habe

ich fünfeinhalb Kilo zugenommen –

und nicht wieder verloren.“

Zusammengestellt von Dr. Michael Behrendt

Armin. H. Flesch

Eine

mediterran-kulinarische Reise

durch Deutschland

Christian Sälzer

(mit Gabi Schirrmacher)

„Atelier Goldstein Künstler“

Jovis Verlag, November 2007, € 35,00

Sein gemeinsam mit Nina Schellhase ausgehecktes

Koch- und Lesebuch „Frankfurter Küchen – Rezepte

aus zwölf Lieblingsrestaurants“ wurde bei den

Gourmand Awards als bestes deutsches „Lokales Kochbuch“

2006 prämiert und für die Welt-

Awards in Peking nominiert. Jetzt stellt der

Frankfurter Journalist Christian Sälzer als

Mitherausgeber dieses ungewöhnlichen

Kunstbandes seine Vielseitigkeit in der Konzeption

und Umsetzung von Buchprojekten

unter Beweis. Das Atelier Goldstein ist eine

von der Lebenshilfe Frankfurt getragene

Werkstatt für außergewöhnlich künstlerisch

begabte Menschen mit Behinderung.

Das in Zusammenarbeit mit Atelierleiterin

Christiane Cuticchio und Kreativdirektorin

Gabi Schirrmacher entwickelte Buch stellt acht Künstler

des Ateliers vor: Künstlerporträts in Wort und Bild und

ausführliche Werkpräsentationen werden ergänzt durch

Textbeiträge von Jonathan Meese, Michael Hierholzer,

Anja Trudel, Robert Sader und anderen – Persönlichkeiten

also aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Architektur,

Kunst, Traumforschung, Ethik und Gesichtschirurgie.

Sie greifen den Schwung der Werke auf, treiben

ihn weiter. Kein voyeuristisches Buch über Außenseiterkunst

und Behinderung, sondern eines über außergewöhnliche

Begabungen. Anregend und spannend.

Karl-Heinz Stier (mit Claus J. Viering)

„So esse die Hesse“

Naumann, Oktober 2007, € 16,00

Wenn aaner so viel fer unser Bundesland

dud, ei dann hadder sisch de hessische Verdienstordde

werklisch verdient! Kallhaanz Stier is Erfinner

der hr-Fännsehserie „Hessen à la Carte“, Kabbidular

beim Rheingauer Weinkonvent unn Audor zahlreischer

Büscher iwer die hessische Küsch’. Zusamme mid

Claus J. Viering, dem Scheff vom „Gasthaus Adler“, ‘em

Edelhesse in Hanau-Middelbuche, hadder sisch jetz

drei regionale Küscheklassiger vorgenomme: Pfannkuche,

Friggadelle unn Kadoffelsalad. Die wer’n hier in

de aberwitzischste Zubereidungsvariatione vorgestellt.

Dazu gibt‘s lustische Apperßüs, hilfreische Produkterläuderunge,

Tipps fer die Verabbeidung

in de Küsch‘ unn noch e paar

Schtorries unn Gedischt‘ in Mundart.

Mit ‘em Vorwordd von Barbara Siehl

unn Katuhns von Günder Henrisch

werd letztendlisch en Schuh draus. Frei

nach unserm Landesmoddo: Es gibt nix

Besseres wie was Gudes!

57


Linie 64, Paquetstraße

Bericht einer Lebensreise

Ein Mann in mittlerem Alter besteigt einen Bus der Frankfurter

Linie 32 und wendet sich Hilfe suchend an den Busfahrer:

„Sache Se mal, halte Sie in der Paketstraaße?” Fahrer:

„Paket-Straase? Kenn isch net. Wo soll dann die sein?” –

„Irgendwo da drübbe,“ erwidert der Fahrgast und zeigt

mit halb angewinkeltem rechtem Arm nach vorne rechts,

irgendwohin in die Tiefe des Frankfurter Raums. „Da iss’n

Aldi an der Ecke.” – „Aah-ja, des iss im Dornbusch. Nein,

da fahr isch net hin. Da müsse Se umschdeische in die 64.”

Gehorsam steigt der Fahrgast wieder aus, die hydraulische

Tür schließt sich mit dumpfem Zischen. Das hätte ihn amüsiert,

diese Suche nach der ‚Paket’-Straße. Ihrem Namensgeber

wäre der kleine Vorfall bestimmt in Erinnerung geblieben,

und wahrscheinlich hätte er ihn verarbeitet: „Vielleicht“,

so schrieb er vor Zeiten, „stammen die ersten Ansätze zur

sorgfältigen Reisebeschreibung aus einem Gefühl für die

Gleichwertigkeit der nebensächlichen Dinge mit den Größten.“

Und mit Reisebeschreibungen kannte er sich aus, der

gelernte Handschuhmacher, Journalist, Weltreisende, Romancier,

Dramatiker, Dichter, Diplomat, promovierte Volkswirtschaftler

und Spezialist für das moderne Verkehrs-,

Ausstellungs- und Messewesen: Alfons Paquet.

Vom Handschuhmacher zum Redakteur

Mit Ausnahme seines Zeitgenossen Egon Erwin Kisch war

kaum ein Autor deutscher Zunge häufiger, weiter und produktiver

unterwegs als Paquet. Dabei hätte sein Leben eher

in den ruhigen und engen Bahnen einer Handwerker- und

Händlerexistenz verlaufen sollen: „Meine Eltern gingen den

schmalen Weg der ehrsamen kleinbürgerlichen Geschäftsleute,

hinter denen noch ein Handwerk steht; ich brauchte

nichts, als ihnen zu folgen. Aber das war in der Stadt, die

sie zum Wohnort gewählt hatten, nicht möglich, denn diese

Stadt heißt Wiesbaden.“ Dort, in einem Haus in der Langgasse,

kam Alfons Paquet am 26. Januar 1881 als Sohn eines

Handschuhmachers zur Welt. Für eine schöne Kindheit war

die liebliche Landschaft um Wiesbaden der rechte Ort, erinnert

er sich später, doch schon dem Heranwachsenden,

„dem Menschen, der hier wachsen muss, fehlt zu sehr der

Alltag.“

Sein Vater, der ihn am liebsten als Nachfolger im eigenen

Geschäft sähe, muss das gespürt haben. Er nimmt den Sohn

mit 15 Jahren von der Schule und schickt ihn zur Ausbildung

nach London; hier soll er die englische Sprache und den

58 FPC-Magazin 2008

Kaufmannsberuf erlernen. Doch statt im Tuchgeschäft seines

Onkels zu arbeiten, lässt sich der Fünfzehnjährige durch

die Weltstadt treiben: „Jeden Morgen lockte mich die endlose

Stadt auf denselben Weg nach Chancery Lane, jeden

Mittag der Themsedamm, jeden Abend die Bibliothek mit

ihren livrierten Dienern, ihren Lesepulten, ihren Gänsekielen,

und dann der abenteuerliche Heimweg durch eine

von Fischbratereien und Märkten erfüllte, wie von Fackellicht

beleuchtete Straße hinter den wild daherjagenden vier

Pferden der Trambahn. Als mich die Eltern an den Weihnachtsbaum

zurückriefen, war ich den vier Wänden so fremd

geworden, dass meiner Mutter die Tränen aus den Augen

stürzten.“ Die Eltern versuchen, ihn in die vorbestimmte

Bahn zurückzuholen. Er muss das Handwerk des Vaters lernen,

wird Handschuhmacher und später Volontär in einem

Herrenmodengeschäft. An all dem hat Paquet jedoch nicht

das geringste Interesse und wandert, kaum hat er etwas

Geld gespart, für einige Wochen durch Süddeutschland und

die Schweiz. Nebenbei liest er, was ihm unter die Finger

kommt, verfasst Dramenbruchstücke und philosophische

Aufsätze, Erzählungen, Lieder und Gedichte. Einige davon

werden veröffentlicht, bringen erste Anerkennung, Preise

und Selbstsicherheit.

Paquet wagt den Absprung nach Berlin, kommt in finanzielle

Schwierigkeiten, wird obdachlos, beantwortet ein Inserat

und wird endlich, mit 20 Jahren, Lokalredakteur der

„Mühlhäuser Zeitung“ in Thüringen. Der Knoten ist geplatzt,

nun geht es Schlag auf Schlag: In Köln erscheint sein

erster Erzählungsband, der Schriftsteller Wilhelm Schäfer

macht ihn zum Redaktionsgehilfen der Kulturzeitschrift „Die

Rheinlande“, und für die Düsseldorfer Industrieausstellung

des Jahres 1902 leitet Paquet die Redaktion des Ausstellungsblattes.

Das bringt mehr Geld, als er zum Leben

braucht, und gibt ihm die Freiheit, erneut auf Wanderschaft

zu gehen, diesmal am Niederrhein und in Holland. Ein Semester

Volkswirtschaft an der Universität Heidelberg folgt,

dann zieht es ihn endgültig in die Ferne – ohne ein Wort

Russisch zu können, reist der 22-jährige Alfons Paquet 1903

nach Sibirien: „Die Ostchinesische Eisenbahn war eben fertiggeworden,

ich fuhr hin, um sie als einer der ersten zu beschreiben.

Ich kam bis an den Rand des Stillen Ozeans und

kehrte aus einigen Abenteuern nach Heidelberg zurück. Ich

konnte das Studium fortsetzen und blieb von nun an immer

ein wenig von dem, was ich dort draußen hatte sein müssen,


ereit zu jedem Aufbruch.“ Seine erste Reise nach den

USA muss er bereits nicht mehr aus Ersparnissen finanzieren.

Die Wirtschaft ist auf den scharfen, „vogeläugigen“

Beobachter aufmerksam geworden und schickt ihn 1904

als Korrespondenten zur Weltausstellung nach St. Louis.

Von dort durchstreift er die Vereinigten Staaten, schreibt

Reportagen und sammelt kistenweise Bücher für Wilhelm

Mertons Frankfurter soziale Stiftungen. Bereits im Herbst

sitzt Paquet wieder im Hörsaal, diesmal bei dem Ökonomen

Lujo Brentano in München. Im selben Jahr beginnt seine

Tätigkeit für die „Frankfurter Zeitung“, der er bis zu ihrem

Verbot im August 1943 verbunden bleiben wird. Kaum ein

Jahr hält es ihn in München, dann bricht er nach Anatolien

auf, fährt mit der Bagdad-Bahn, reitet übers Taurus-Gebirge

und will Jerusalem sehen. Vorerst kommt er nur bis Syrien

und muss schwerkrank zurück nach Deutschland. Er bleibt

zwei Jahre, beendet sein volkswirtschaftliches Studium in

Jena und promoviert 1907 über „Das Ausstellungsproblem

in der Volkswirtschaft“. Im Jahr darauf ist er schon wieder in

Sibirien, als Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ zieht

Paquet mit einer Karawane durch die Mongolei bis nach

China. Zurück in Deutschland heiratet er 1911 die Frankfurter

Malerin Marie-Henriette Steinhausen, mit der er in

den kommenden acht Jahren sechs Kinder bekommt. Doch

auch das Reisen geht weiter; 1910 ist er zum dritten Mal in

Sibirien, durchquert China und gelangt bis nach Japan.

Auf all seinen Reisen, während, dazwischen und danach

schreibt und schreibt er ohne Unterlass: Jedes Jahr erscheinen

neue Bände mit Gedichten, Erzählungen, Romanen und

immer wieder Reiseberichten. 1913 erreicht er endlich

Jerusalem, sein „Gegen-London“, veröffentlicht zwei Jahre

später den Reisebericht „In Palästina“ und ergreift als

Nichtjude Partei für den Zionismus und die Gründung eines

jüdischen Staates. Nach seiner Rückkehr ziehen die Paquets

nach Oberursel, wo sie

im August 1914 den

Kriegsausbruch erleben.

Im Gegensatz zu vielen

seiner Schriftstellerkollegen

zählt Alfons

Paquet keineswegs zu

den kriegsbegeisterten

Hurrapatrioten, vielmehr glaubt er an die Zukunft eines vereinigten

Europas. Er erkennt zugleich, dass dies mit einem

überstarken Deutschen Reich in seiner Mitte nur bedingt

möglich wäre: „Das ist sicher: nur durch ein führendes oder

ein zertrümmertes Deutschland wird einmal der europäische

Gedanke wahr werden.“

1916 schickt ihn die „Frankfurter Zeitung“ als Korrespondenten

ins neutrale Schweden, wo er an geheimen Friedensverhandlungen

der deutschen Regierung mit Russland teil-

nimmt. Kurz vor Kriegsende wird Paquet, der mittlerweile

fließend russisch spricht, Presseattaché der Kaiserlichen

Diplomatischen Mission in Moskau und gerät dort in den

Strudel der russischen Oktoberrevolution, über die er zwei

Bücher schreibt: „Im kommunistischen Russland“ und „Im

Geiste der russischen Revolution“. Seinen eigenen Standpunkt

zum Kommunismus formuliert er in einem Brief an

Egon Erwin Kisch: „Für den Parteikommunismus habe ich

Sympathien, weil er [...] sich grob und ohne nach den Nervengespinsten

einer bequem gewordenen und überheblichen

Gesellschaft zu fragen, in die problematische Situation mit

klaren Forderungen und Drohungen, die etwas Prophetisches

haben, hineinschiebt. Wenn es diese Bewegung nicht gäbe,

so könnte man an der Möglichkeit einer großen Wiederherstellung

verzweifeln.“ Entsprechend

engagiert er sich in der Internationalen

Arbeiterhilfe, die

der hungernden Bevölkerung

Russlands hilft.

Ebenso schreibt er revolutionäreTheaterstücke

wie „Fahne“

(1924) und „Sturmflut“

(1926), die von

Erwin Piscator mit

großem Erfolg an der

Berliner Volksbühne

aufgeführt werden. Der

KPD tritt Alfons Paquet dennoch

nicht bei: „Da aber die

kommunistische Partei […] den Gedanken

der persönlichen Freiheit, der

freien Bewegung und der Verfügung des

Einzelnen über sich nicht in ihre Ideologie

einbezieht und als eine

feindliche Ideologie

fanatisch bekämpft, so würde ich mich

unter ihrer Disziplin nicht bewegen

können.“

Ein Leben ohne Bewegungsfreiheit

wäre für Alfons Paquet unvorstellbar,

auch wenn ab Mitte der zwanziger Jahre

die Reisen seltener, die öffentlichen

Ämter und Verpflichtungen des nun be-


kannten und geehrten Schriftstellers

mehr werden. Seit 1918

wohnt er mit seiner Familie in

Frankfurt, wohin er nun von jeder

seiner Reisen zurückkehrt: „Ich musste viele Städte gesehen

haben, bis ich endlich in Peking und Athen glücklich

war. Wenn ich aber jetzt von Heimat spreche“, schreibt er

1925, „meine ich Frankfurt.“ 1928 beruft ihn die Stadt zum

Sekretär des neu geschaffenen Goethepreises, 1930 wird er

zum Vorsitzenden des Bundes Rheinischer Dichter gewählt,

den er selbst gründen half. Zwei Jahre später nimmt ihn die

Preußische Akademie der Künste, zusammen mit Gottfried

Benn, in ihre Sektion Dichtkunst auf. Mit 51 Jahren steht

Alfons Paquet im Zenit seines Erfolges – lange währen wird

es nicht.

Gebrochenes Herz

Wenige Monate später, Hindenburg hat den böhmischen

Gefreiten zum Reichskanzler ernannt, beeilt sich Gottfried

Benn, im Namen der Akademie eine Ergebenheitsadresse an

den neuen Herrn zu formulieren. Alfons Paquet verweigert,

ebenso wie Thomas Mann, Ricarda Huch und andere, am

22. März seine Unterschrift und wird postwendend ausgeschlossen.

Die Stadt Frankfurt am Main entlässt ihn aus seiner

Funktion im Kuratorium des Goethe-Preises, und der

Bund Rheinischer Dichter löst sich sang- und klanglos auf.

Am 10. Mai brennen auf dem Römerberg auch Paquets

Bücher, neue kann er kaum noch veröffentlichen, und in der

Frankfurter Zeitung“ erscheinen die Artikel des berühmten

Autors fortan unter Pseudonym. 1935, auf einer Reise nach

Schweden, wird er vorübergehend von der Gestapo verhaftet,

weigert sich aber gegen den Rat seiner schwedischen

Freunde, Deutschland für immer zu verlassen. Seine letzte

große Reise führt ihn 1937 nach Amerika. In Philadelphia

besucht er die Weltkonferenz der Quäker, denen er seit

1933 angehört, doch auch diesmal kehrt er nach Frankfurt

zurück. Alfons Paquet will bleiben und, diesmal im eigenen

Lande, Beobachter sein, wie er es immer war. Wohl ahnt er,

dass noch Zeugen gebraucht werden.

So erlebt er am 19. Oktober 1941 die erste große Judendeportation

in Frankfurt am Main: „Ich habe gestern so be-

60 FPC-Magazin 2008

drückendes erlebt, daß ich noch ganz krank bin. Als ich am

Sonntagmorgen durch die Stadt kam, sah ich an

der Hauptwache eine kleine schwarz gekleidete

Jüdin, mit einer Plaidrolle in der Hand, begleitet

von zwei goldbraun Gekleideten, auf die Trambahn

warten, kurz darauf vernahm ich, dass eine

größere Aktion im Gange sei, hörte von Einzelheiten,

besuchte Bekannte in einem Hause, das

in voller Aufregung war, sah zurückkehrend an

derselben Haltestelle wie vorhin abermals eine solche,

fast verlegene Eskorte für zwei gut gekleidete, fast

siebzigjährige Leute, der alte Herr trug einen Überzieher

und einen Wintermantel – mit dem gelben Stern – über dem

Arm, an den Füßen Galoschen, die alte Frau einen offenen

Korb, aus dem die Thermosflasche und allerlei Reisezeug

herausschaute. So in kleinen Gruppen, in Zügen und Trupps

wurden den ganzen Tag die Leute zur Großmarkthalle gebracht.

Das seltsame Gebäude, in weitem Kreise abgesperrt,

lag grau da im dünnen Regen. An neugierigen Lungernden

vorbei ging die trostlose Wanderung der mit ihren Bündeln,

Rucksäcken, Koffern Beladenen, man stellte sie am Rand

des Platzes vor einen Schuppen, der an der Seite die große

weiße Aufschrift trug SCHÜTZT DIE TIERE. Das Gepäck

wurde abgestellt und anscheinend nochmals durchsucht wie

in einer Zollstation unter freiem Himmel, ehe es in das große

Gebäude weiterging. Am erschreckendsten aber war die

Stumpfheit und der Hohn der Menschen. Es waren kleine

Szenen, wie sie Goya gezeichnet hat. So hat Daumier die

Menschen gesehen in ihrer groben wuchtigen Tierheit.“

Am 31. August 1943 stellt die „Frankfurter Zeitung“ auf

persönlichen Befehl Hitlers ihr Erscheinen ein, was für

Paquet einem Berufsverbot gleichkommt. Im selben Jahr fällt

sein jüngster Sohn an der Ostfront, und das alte Frankfurt,

seine geliebte Stadt und Wahlheimat, versinkt in Schutt. In

dem Wunsch, später, nach dem Kriege, etwas zum Wiederaufbau

beizutragen, vermacht er spontan der Stadt seine

umfangreiche Bibliothek. Dass auch sie den Bomben zum

Opfer fallen wird, muss er nicht mehr erleben: Am 8. Februar

1944 erleidet er während eines Luftangriffs im Keller seines

Hauses einen Herzinfarkt. Alfons Paquet stirbt an gebrochenem

Herzen. Als ein Jahr später der Krieg zu Ende geht,

haben die meisten seiner Landsleute ihn gründlich vergessen.

Zeugen sind fürs erste unerwünscht.

ARMIN H. FLESCH

Freier Journalist

ahf.ffm@gmx.de


Im Norden viel Neues

Bremerhaven, Bremen, Cuxhaven – gleich drei „Nordlichter“ standen auf

dem Programm der FPC-Reise im Juni 2007. 24 Mitglieder und mehrere Gäste

entdeckten eine Region mit großer Tradition und großen Plänen.

Wer wusste schon wirklich viel über Bremerhaven?

An der Wesermündung zur Nordsee gelegen,

auf dem achten Grad östlicher Länge und

dem dreiundfünfzigsten Grad nördlicher Breite.

Die vorgegebenen Programmpunkte waren zunächst

inhaltslose Schlagworte, kaum eine vage Orientierungshilfe.

Echtes norddeutsches Schietwetter erwartet die Gruppe

bei der Ankunft, regnerisch, windig, grau und kalt. Die

Außenbezirke Bremerhavens wirken abweisend und trist.

Endlos lange, unbelebte Straßen führen endlich zu unserem

Hotel „Amaris“. Eine Landeszentralbank war ehemals in diesem

Gebäude untergebracht. Die Umwandlung in ein kleines,

feines Hotel ist ausgesprochen gut gelungen. Gepflegte

Gastlichkeit empfängt uns und wir bereiten uns auf den

Empfang im Restaurantschiff „Seute Deern“ vor.

Der liebevoll restaurierte Dreimastwindjammer liegt im

Alten Hafen. Eine Möwe kreischt, wir atmen Meer, und

plötzlich haben Wind, Wetter und die

Wellen der Weser eine ganz andere

Zuordnung. Die Vorfreude auf die

kommenden Tage steigt. Wir betreten

den Bauch des Schiffes, das 1919 als

Viermastgaffelschoner „Elizabeth Bandi“ bei der Gulfport

Shipbuilding Co., nahe der Mississippimündung, vom Stapel

lief. Bestimmt war es für den Holztransport. Die Bark wechselte

häufig ihre Besitzer und ihre Bestimmung.

1938 ließ die Hamburger

Tankreederei sie auf der Werft von

Blohm & Voss zur Dreimastbark umbauen

und gab ihr den heutigen Namen,

das „süße Mädchen“. Dem Zerstörungsbefehl im Zweiten

Weltkrieg entging das Schiff nur knapp. Es kam in holländischen

Besitz und wurde später nach Deutschland zurückverkauft.

Viele Nordseehäfen warben um den alten Segler.

1966 erhielt Bremen den Zuschlag und legte damit den

Grundstein für die Stiftung Deutsches

Schiffahrtsmuseum Bremerhaven.

Fünf Jahre nach seiner Eröffnung ist

das DSM eines der sechs nationalen

und weltweit anerkannten For-

schungsmuseen Deutschlands, gefördert von

Bund und Ländern. Die „Seute Deern“ wiederum

ist heute der größte hölzerne, im Original erhaltene

Frachtensegler der Welt und Teil des Weltkulturerbes.

Inzwischen ist eine gehobene Gastronomie eingezogen.

Rustikal und dennoch hochkultiviert empfängt uns die „Seute

Deern“ zu einem unvergesslichen

Abend. Bei Limandesfilet, einer

Fischspezialität, und Krabbensüppchen

tauschen die FPC-Mitglieder angeregt

Gedanken mit den Honoratioren

der Stadt aus. Die Begrüßungsrede

von Stadtverordnetenvorsteher

Artur Beneken gibt Einblicke in die

Megaprojekte, die die Stadt sich vorgenommen

hat. Aus dem daniederliegenden

Bremerhaven soll ein Ort für maritimen Tourismus

entstehen, Forschung und Frachthäfen sollen weiter ausgebaut

werden.

Am nächsten Tag lädt Hans-Walter Keweloh vom Deutschen

Schiffahrtsmuseum die Frankfurter Gäste ein, ihre

Fantasie auf Reisen zu schicken. Bremerhaven

ist eine relativ junge Stadt

und von Beginn an auf die Symbiose

mit dem alles umgebenden Wasser

ausgerichtet. 1827 kaufte Johann

Smidt, damaliger Bürgermeister Bremens, vom König von

Hannover ein Stück Land zwischen Weser und Geeste. Er

ließ einen Hafen bauen, den Alten Hafen, ursprünglich gedacht

als vorgelagerter Hafen für Bremen. Im Laufe der

Jahrzehnte wurden hier über 250 große

Rahsegler gebaut und die deutsche

Hochseefischerei begründet.

Bremerhaven expandierte und baute

1845 den Neuen Hafen, wo fortan die

großen Fracht- und Auswandererschiffe abfuhren, riesige

Schnelldampfer anlegten und der Anschluss an den Welthandel

vonstatten ging.

Die Sonne scheint, als wir den nostalgischen Doppeldeckerhafenbus

besteigen, der uns in eine Hafenwelt der anderen

61


Art entführt. Unsere Gästeführerin, Malle Hinze, kennt das

riesige Areal des Bremerhavener Containerhafens aus dem

Effeff, jede Zahl, alle Namen, weiß Bescheid über Historie

und Entwicklung. Ungefähr 240-mal die Schalke Arena umfasst

das Gelände, also ungefähr 240 Hektar, dazu

kommen weitere 90 Hektar, wenn der Containerterminal

IV, voraussichtlich im Jahr 2009, fertiggestellt

sein wird. Dann

stößt Bremerhaven an seine

natürlichen Grenzen, nämlich an die

Landesgrenze zu Niedersachsen im

Osten und im Norden an den Nationalpark

Wattenmeer. Für den Autoterminal stehen nochmals

über zwei Millionen Quadratmeter zur Verfügung. Eigens

für BMW ist ein Parkhaus zur Unterbringung der Neuwagen

gebaut worden. Insgesamt finden 120 000 Fahrzeuge der

verschiedensten Marken im Autoterminal Platz.

Superlative noch und nöcher

Wie lautlose geschmeidige Rieseninsekten gleiten die „Van

Carrier“ oder „Vier-Hoch-Carrier“ durch den Hafen. Das

sind die Hubwagen, die jeden Container an seinen richtigen

Platz befördern. Nach Rotterdam und Hamburg ist Bremer-

Fragen zum

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haven drittgrößter Containerterminal

Europas. Wir erfahren, dass Bremerhaven

das größte Kühlhaus Europas

beheimatet und die Firma „Frozen

Fish“ die größte Tiefkühlfisch

verarbeitende Fabrik der Welt ist. In

zweieinhalb Stunden begegnen wir einem Superlativ

nach dem anderen, zum Schluss erfahren wir

in der Lloyd Werft von der weltweit einmaligen

Methode der Schiffsverlängerung. „Man schneidet das

Schiff einmal quer durch, fügt das neu angefertigte

Zwischenstück ein und schweißt alles wieder zusammen“,

schildert Malle Hinze den Arbeitsablauf, als ginge das wie

Legospielen. Ja, und auch das ist einmalig in der Welt.

Im Erlebnismuseum Deutsches Auswandererhaus

begreifen wir, was Migration

für Menschen bedeutet. Das

Museum steht an jenem Ort, an dem

zwischen 1830 und 1974 über sieben

Millionen Menschen aus den entlegensten Regionen Europas

auf ihre Schiffspassage nach Übersee warteten, mehr

als in Hamburg. Mit detailgenauen Nachbauten der damaligen

Verhältnisse werden die Besucher in die Vergangenheit


zurückversetzt. Jeder erhält eine elektronische Eintrittskarte,

einen sogenannten Boarding Pass. Er dient als Schlüssel zu

den Biografiestationen eines ausgewählten Migranten und

ermöglicht, dessen Lebensweg bis zu

den heutigen Nachfahren zu verfolgen.

Über eine Gangway geht es an

Bord des Schnelldampfers

„Lahn“. Schiffsräume aus

drei Epochen erzählen, wie es Passagieren der

dritten Klasse während der Atlantiküberfahrt ergangen

ist. Wir laufen über knarrende Bodendielen

und betreten die Galerie der sieben Millionen. Hier werden

Dokumente aufbewahrt, die Aufschluss über persönliche

Auswanderungsmotive geben. Im Filmtheater „Ocean

Cinema“ erzählen Auswanderer und Nachkommen im heutigen

Amerika ihre Geschichte. Schließlich die Rekonstruktion

der langen Flure und Wartesäle, steril und unpersönlich,

von Ellis Island, der „Insel der Tränen“ vor New York. Im Forum

Migration schließlich, am Ende

der Ausstellung, kann man über vier

internationale Datenbanken auf die

Suche nach ausgewanderten Vorfahren

gehen. Das Deutsche Auswande-

rerhaus ist ein gelungenes Beispiel

für eine Private-Public-Partnership.

Im Mai 2007, knapp zwei Jahre nach

seiner Eröffnung, erhielt das Museum

den begehrten „European Museum

of the Year Award“.

Bremen erleben wir am darauffolgenden Tag,

altehrwürdig und selbstbewusst. „Suche der

Stadt Bestes“, lautet der Wahlspruch des starken

Bremer Bürgertums, dem alles bestimmende

Obrigkeiten immer suspekt waren. Die Geschichtsschreibung

erwähnt Bremen erstmals 782. Bereits vor der

Jahrtausendwende erhielt Bremen Marktrechte, Anfang des

13. Jahrhunderts erkämpfte es sich seine Unabhängigkeit

vom erzbischöflichen Stadtherren. 1522 führte Heinrich van

Zutphen die Reformation ein. Nach erbitterten Glaubenskämpfen

wandte sich Bremen einem gemäßigten calvinistischen

Bekenntnis zu, das die Kultur der Stadt jahrhundertelang

geprägt hat.

Bürgernähe war und ist den Bremern immer wichtig. Am

Tag, als der FPC die Stadt besucht, wird der neue Bremer

Senat vereidigt. Im Rathaus geht es hoch her, dennoch werden

wir von der Protokollchefin des Rathauses, Birgitt Ram-

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alski, herzlich begrüßt und durch

das fast 600 Jahre alte Gebäude geführt.

Am 2. Juli 2004 wurden das

Rathaus und die Roland-Statue davor

in die UNESCO-Welterbeliste der

Menschheit aufgenommen.

Auf Schritt und Tritt werden die Besucher an Bremens

große Vergangenheit erinnert. Die Böttcherstraße war

ursprünglich eine Handwerkergasse; der „Schnoor“,

mit seinen kleinbürgerlichen Häusern aus dem 16.

bis 18. Jahrhundert, wird uns als heimliche Hauptstraße

Bremens vorgestellt. Nun stehen wir vor dem

Bremer Presse Club, wo wir vom neuen Vorsitzenden,

Theo Schlüter, begrüßt und ein wenig in die Geschichte

des Clubs eingeführt werden. Anschließend

probieren wir Bremer Kükenragout

und haben Zeit, uns mit den

Bremer Kollegen auszutauschen.

Am vorletzten Reisetag machen wir

uns auf den Weg nach Cuxhaven. Von unserem komfortablen

Reisebus aus genießen wir den weiten Blick über das Marschland.

Ein strahlend blauer Himmel spannt sich über das Land

mit Wolkenformationen, die wir im Binnenland so nicht kennen.

„Wir lieben das“, sagt Hanno Rieck, Schatzmeister beim

Presseklub Bremerhaven-Unterweser. Mit Rieck und dem

Clubvorsitzenden Joachim Barthel haben wir zwei ebenso

Mehr als Meer

Zum Jahrestreffen des Forums Deutscher Presseclubs

in Bremerhaven

Die Küste ruft die deutschen Presseclubs. Das Reedermotto „Buten un

binnen – wagen un winnen“ („Draußen und drinnen – wagen und gewinnen“)

könnte auch als Leitmotiv für das nächste Jahrestreffen des

Forums Deutscher Presseclubs vom 1. bis 4. Mai in Bremerhaven dienen.

Denn das Wirken nach außen und nach innen gehört zu den Themen

des Kongresses der Clubvorstände. Dabei geht es unter anderem

um die Außenwirkung der Presseclubs in der Öffentlichkeit und um die

bessere innere Vernetzung.

Die renommierten Presseclubs aus Frankfurt, München, Berlin und anderen

Medienmetropolen sind bewährte erste Adressen für internationale

Kontakte und für Begegnungen von Journalisten mit interessierten

Kreisen aus Wirtschaft, Kultur und Politik. Von diesem Image und den

Erfahrungen der Clubmanager profitieren die regionalen Vereinigungen.

Das im Jahr 2002 in Frankfurt gegründete Forum Deutscher Presseclubs,

dem rund 30 Clubs angeschlossen sind, setzt Maßstäbe für die

Vorstandsarbeit, funktioniert als Netzwerk und nimmt eine selbstbewusste

Rolle in der Medienlandschaft ein.

Neben Frankfurt am Main als Gründerstadt waren Berlin, Köln, Dresden

und München die bisherigen Veranstaltungsorte für das Spitzentreffen

der Presseclubs. Zum ersten Mal tagt das Forum nun in einem regiona-

64 FPC-Magazin 2008

freundliche wie kompetente Begleiter. Wir machen einen

kurzen Halt bei den Krabbenkutterhäfen von Wremen und

Dorum, bevor es weitergeht nach Cuxhaven, der nördlichsten

Stadt Niedersachsens mit der Kugelbake als Wahrzeichen.

Kurdirektor Erwin Krewenka berichtet

von fest etablierten touristischen

Attraktionen wie dem beinahe legendären

Duhner Wattrennen, dem Pferderennen

auf dem Meeresgrund

zwischen Ebbe und Flut, erzählt vom Stadion

am Meer, wo sich jedes Jahr die Jugend trifft

zu Spiel und Spaß, und von der gut 190-jährigen

Entwicklung des Nordseeheilbades.

Wir bewegen uns immer eng an der Waterkant und finden

uns ein in Bremerhavens „Havenwelten“, dem im Bau befindlichen

neuen Tourismusresort am Alten und Neuen Hafen. Wir

stehen auf der abenteuerlich wirkenden Baustelle Klimahaus

Bremerhaven 8° Ost und folgen den Ausführungen von

Christian Bruns, dem Geschäftsführer der Städtischen Wohnungsgesellschaft

mbH (STÄWOG): Bis zur Fertigstellung

wird das Klimahaus zirka 70 Millionen Euro kosten, nur ein

geringer Teil fließt aus EU-Mitteln.

Den Löwenanteil bringen die Stadt

Bremerhaven und das Land Bremen

auf. Im Klimahaus auf Weltreise gehen

wird bedeuten, entlang des ach-

len Oberzentrum. Für den 1972 gegründeten Presseklub Bremerhaven-

Unterweser e.V. ist es eine große Herausforderung, den Ansprüchen

aus den Hochburgen der Medien gerecht zu werden. Die Schreibweise

mit „k“ ist eine der Besonderheiten des Klubs, der 250 Mitglieder hat

und sich vor allem um regionale Themen kümmert – etwa das Zusammenwachsen

von Stadt und Land mit vielen kommunalpolitischen

Hemmnissen. Der eingetragene Verein besitzt zwar keine eigene Immobilie,

verfügt aber über eine Geschäftsstelle in den Räumen des Wirtschaftsverlags

NW GmbH. Zu den satzungsgemäßen Zielen gehört die

Förderung des journalistischen Nachwuchses. Dazu dient unter anderem

ein Journalistenpreis, der in diesem Jahr zum 16. Mal verliehen

wird und in den Zeitungsredaktionen zwischen Ems und Elbe regelmäßig

große Resonanz findet. Das Thema Nachwuchsförderung wird

übrigens auch ein Thema beim nächsten Forumstreffen sein.

Neue Horizonte sollen im Mai erschlossen werden, und so viel Weitblick

wie die Nordseeküste kann kein Standort im Binnenland gewähren. Die

Clubvorstände logieren im Sail-City-Hotel, dem neuen Bremerhavener

Wahrzeichen an der Wesermündung. Das 132 Meter hohe Turmhaus,

das in seinen Konturen einem dicken Koggesegel nachempfunden wurde,

wird zum Zeitpunkt des Jahrestreffens gerade erst eröffnet haben.

Das Forum war Nummer 1 auf der Buchungsliste, noch vor der Grundsteinlegung

für das Haus. Der Kongress selbst findet in der New-York-

Hall des deutschen Auswandererhauses statt – auf Schiffsplanken.

Auswandererhaus und Hotel gehören zu einem europaweit einmaligen


ten östlichen Längengrades, auf dem

Bremerhaven liegt, verschiedene Klimazonen

der Erde zu erleben. Dieses

lebendige „Edutainment-Center“ wird

durch die enge Kooperation mit wissenschaftlichen

Instituten stets die neuesten Forschungsergebnisse

zum Thema Klima und Klimawandel präsentieren.

Im Sommer 2008 soll das Haus eröffnet werden.

Gleich neben dem Klimahaus blicken wir auf den Rohbau

des Kongresshotels Atlantic Sail City. Nach seiner Fertigstellung

wird es die Form eines gläsernen

Segels haben. „Durch seine

gestalterische Kraft und seine bildhafte

Form könnte das neue Hochhaus

neben dem Klimahaus zu einem

neuen Wahrzeichen der Seestadt werden.“ Die Erwartungen

sind hoch. Im Frühjahr 2008 soll das Vier-Sterne-plus-Hotel

eröffnet werden.

Als mittelständisches Unternehmen hat die in Bremerhaven

ansässige „Nordsee-Zeitung“ (NZ) ein beachtliches

Zukunftspaket geschnürt. Am Abend in den Redaktionsräumen

der Zeitung fühlen wir uns zu Gast bei Freunden.

Chefredakteur Jost Lübben und sein Stellvertreter, Thomas

Vosskuhl, empfangen uns mit großer Herzlichkeit und

stehen Rede und Antwort. „Wir sind Mantel- und Vollredaktion

für das sogenannte ‚nasse Dreieck’“, erläutert Lübben.

Investitionsprogramm für Stadttouristik mit einem Volumen von über

300 Millionen Euro. Ja, Bremerhaven ist eine Stadt zum Kennenlernen.

Das konnten auch Mitglieder des Frankfurter PresseClubs im Rahmen

einer Clubreise bereits feststellen. Nach den anregenden Erfahrungen

dieser Reise musste Monica Weber-Nau den Enthusiasmus der Gastgeber

des Forumstreffens fast ein wenig bremsen: „Plant bitte nicht zu

viel.“ Trotzdem gibt es ein Pflichtprogramm, zu dem eine Busrundfahrt

durch den zweitgrößten Hafen Deutschlands gehört. Nirgendwo auf der

Welt kann man einen hochsicherheitsgeschützten Containerbereich so

unmittelbar erleben. Auf allen vorangegangenen Meetings des Forums

hatten die Nordlichter aus Bremerhaven dafür geworben: „Wenn die

Küste ruft, dann bitte nicht nur zum Kongress, sondern auch zum Rahmenprogramm.

Wir bieten mehr als Meer.“

Interessant ist, dass in den darauffolgenden Jahren ebenfalls eher kleine

Clubs und Städte einladen werden: So ist 2009 der Presseclub Freiburg

an der Reihe, 2011 Koblenz. Dazwischen, im Jahr 2010, trifft sich das

Forum in Wiesbaden. Mit seiner Villa am Kurpark gehört der Presseclub

der hessischen Landeshauptstadt zu jenen journalistischen Vereinigungen,

die über eine attraktive Immobilie verfügen, auf deren Nutzung das

Clubprogramm zugeschnitten ist. Das alles zeigt: Vom Format her gibt

es große Unterschiede im Presseclubwesen. Wirtschaftlich starken

Clubs stehen kollegiale Zusammenschlüsse gegenüber, deren Fundament

hauptsächlich der journalistische Gemeinschaftsgeist ist. Für die

Konstrukteure des Forums Deutscher Presseclubs ist es daher schwie-

Er meint damit das Weser-Elbe-Dreieck. Im Kerngebiet liegt

die Auflage bei 55 000 Exemplaren, alle Kooperationspartner

zusammen gerechnet erreicht man die Marke von 145 000.

Rund vierzig Mitarbeiter und acht

Volontäre bewältigen das Tagesgeschäft

in der Zentrale.

Noch heute ist die „Nordsee-Zeitung“

ein inhabergeführtes Unternehmen

mit „einem starken Drang nach Unabhängigkeit“. Mit

einer neuen Rotationsmaschine, die im Oktober 2008 in

Betrieb genommen werden soll, soll die starke Position der

„NZ“ in Sachen Qualität und Unabhängigkeit weiter ausgebaut

werden.

In der „Letzten Kneipe vor New York“ zeigt man den

Frankfurtern, dass die Bremerhavener feiern können. Bei

Gulaschsuppe, kühlem Bier mit Linie (ein Aquavit) und

Klängen von Lale Andersen und Marianne Rosenberg

schwingen wir das Tanzbein und feiern bis in die späte

Nacht.

HEIKE MARIA LINDAUER

Freie Journalistin

heike.lindauer@onlinehome.de

Fotos: Rainer Rüffer

(frankfurtpicture)

rig, ein ausgewogenes haltbares gemeinsames Dachwerk aufzubauen.

Im Jahr 2012 wird man dann einmal mehr in Frankfurt zusammenkommen.

„10. Jahrestreffen des Forums Deutscher Presseclubs“ steht im

Protokoll der letzten Plenarsitzung in München – eine selbstverständliche

Reverenz an FPC-Geschäftsführerin Monica Weber-Nau, die als

Ideengeberin und Gründerin des Forums das deutsche Presseclubwesen

zu einem Verbund entwickelt hat. Stolz können wir heute sagen:

Das Netzwerk steht! Die angeschlossenen Clubs präsentierten sich auf

einer gemeinsamen Startseite im Internet, die Arbeitsgemeinschaft hat

Statuten festgelegt, die ein solides ausbaufähiges Fundament für die

weitere Entwicklung bedeuten, und die Terminliste für Kongresse reicht

schon sechs Jahre weiter, mit Leipzig und Görlitz als Zielen. Vielleicht

gelingt es Bremerhaven ja, mit seinem ausgedehnteren Rahmenprogramm

neue Maßstäbe für die Forumstreffen zu setzen und einen beliebten

Küstenspruch in den Köpfen der nächsten Ausrichter zu verankern:

„Gott gab die Zeit. Von Eile hat er nichts gesagt.“

JOACHIM BARTHEL

Vorstandsvorsitzender

Presseklub Bremerhaven-

Unterweser e.V.

joachim.barthel@nord-com.net

65


Der Vorstand

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