Julien Green - THOMAS SESSLER - Verlag

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Julien Green - THOMAS SESSLER - Verlag

B I O G R A P H I E

JULIEN GREEN

Julien Green, französischer Schriftsteller amerikanischer Herkunft,

wurde am 6. September 1900 in Paris geboren.

Er wuchs zweisprachig auf und wurde protestantisch erzogen.

1916 konvertierte er zum Katholizismus. Mit siebzehn Dienst als

Sanitäter an der Front. 1919 bis 1922 Studium der Sprach– und

Literaturwissenschaften in Charlottesville / Virginia. Seit 1922 wieder in

Paris. Bereits mit seinem dritten Roman „Leviatan“ (1929) erlangte er

Weltruhm.

1940 bis 1945 Emigrant in Amerika. Arbeit als Lehrer in Baltimore;

nebenbei als Übersetzer und Rundfunkkommentator tätig.

Ich bin ein Mensch, der in seiner Zeit im Exil lebt. Das ist vielleicht der

Grund, warum ich so gerne reise.

Nach dem 2. Weltkrieg Rückkehr nach Paris. Entstehung der Romane

„Mont-Cinère“ , Adrienne Mesurat“, „Moira“.

1971 Mitglied der L’Académie française . Auf Anregung von Jean- Louis

Barrault und Louis Jouvet schrieb er in den fünfziger Jahren drei

Theaterstücke. Sein erstes Stück, „Sud“, wurde 1953 uraufgeführt. 1954

entstand „L`ennemi“ und 1956 „L`ombre“. 1985 folgte die

Veröffentlichung von „L`automate“ und „Demain n`existe pas“.

In Deutschland wurde er vor dem Krieg mindestens so bewundert wie

in Frankreich. Die besten Übersetzer nahmen sich seiner Bücher an,

von Klaus Mann bis Walter Benjamin rühmten deutsche Schriftsteller

Greens Werk.

Julien Green starb am 13. August 1998 in Paris.

Im Leviathan habe ich einen

kleinen Jungen mit einer Ohrfeige

aus dem Buch gejagt. Dabei liebe

ich die Kindheit und zehre bis zu

meinem Tod an diesem geheimen

Kapital. Das Kind spricht, der

Mann schreibt mit.

Green bringt Ordnung in unsere frühesten Schrecken.

Im ausgeräumten Domizil der Kindheit kehrt er die Spuren, die das

Dasein unserer Eltern hinterließ, zusammen. Walter Benjamin

Bühnenstücke:

SÜDEN

DER FEIND

DER SCHATTEN

DER AUTOMAT

EIN MORGEN GIBT ES NICHT


B I O G R A P H I E

JULIEN GREEN

Julien Greens Werke lesen sich wie Kriminalromane der Seele; jedes

Wort, jeder Satz gehorcht einer inneren Vision, einer inneren Wahrheit.

Alle Figuren sind Gefangene, Gefangene einer feindlichen Umwelt einerseits,

andererseits Gefangene ihrer selbst. Sie leben in erdrückender

Einsamkeit und Monotonie, und es bleibt ihnen nur die Flucht in die

Träume, Sehnsüchte, Wahnvorstellungen. Bis zu jenem Tag, an dem

plötzlich "ein Anderer", welcher Art er auch immer sei, in ihre kleine

Welt einbricht und sie tief erschüttert. Jetzt beginnt der Kampf um die

Befreiung. (Zitat Markus Hediger)

Warum ich zum Theater komme:

"Du musst unbedingt ein Stück schreiben", sagte Louis Jouvet zu mir.

"So hat das angefangen." Schon lange vor dem Krieg wollte Jouvet unbedingt

wissen, ob ich nicht zum Theater kommen wolle, aber ich hatte

den Weg noch nicht gefunden, der vom Roman zu dem schwindelerregenden

und faszinierenden Ort, zur Bühne, führt.

Erst als ich die Korrekturen von "Moira" noch einmal durchgelesen

habe, konnte ich das ganze Ausmaß der Dialoge in der Erzählung ermessen,

in der sich die Analyse der Gefühle auf ein Minimum reduzierte

und die Ortsbeschreibungen szenischen Anweisungen gleichkamen.

Mir war klar, dass das nächste Werk nur ein Theaterstück sein konnte.

Jouvet folterte mich - auf sehr freundschaftliche Weise. Ich sagte ihm,

dass ich nicht einmal wisse, wie man eine Szene beginne und dass ich

irritiert sei über den weißen Platz zwischen den Repliken. "Versuchen

Sie doch einfach, eine Seite zu schreiben. Sie werden dann schon

sehen."

Ich empfinde unsere Epoche als eine tragische. Mein Tagebuch ist meine

Antwort auf unsere Zeit. Wir leben in einer unglücklichen Epoche.

Ich bin ein interessierter, manchmal tief erschrockener, aber aufrichtiger

Beobachter. Ich schreibe auf, was sich ereignet, als Chronist meiner

Zeit.

Klaus Mann über Julien Green:

Mit einer Art von unbarmherziger Einseitigkeit beschränkt sich

Julien Greene auf ein Thema. Es ist das Thema des Schmerzes.

Die Trauer wird das Grundgefühl alles Lebendigen. Wie Kafka ist

er ein Heimatloser und Einzelgänger und eben deshalb gefeit gegen

das Trugbild der Sicherheit. Nur wer das traute Gehege von

Familie und Nation hinter sich ließ, ermisst sowohl die totale Einsamkeit

des Menschen wie seine rätselhafte Bindung an unbekannte,

außermenschliche Mächte.

Bühnenaufführungsrechte:

THOMAS SESSLER VERLAG GMBH, Johannesgasse 12, 1010 Wien

Tel. +43-1-5123284, Fax: +43-1-5133907, Email: office@sesslerverlag.at


6D/ 6-7 H/ 1 Dek

JULIEN GREEN

S Ü D E N

Der Sezessionskrieg, die unerschöpfliche

Melancholie, an der meine Kindheit ihren

Durst stillte...

Das Stück spielt wenige Stunden vor Beginn des Sezessionskrieges.

Der Kanonenschuss am Ende kündigt die Eröffnung der Feindseligkeiten

zwischen den Nord- und Südstaaten am frühen Morgen des

12. April 1861 an.

Der Nordstaaten-Leutnant Ian Wiczewski gerät in einen Katarakt

der Gefühle, als er im Haus des Plantagenbesitzers Edward Broderick

dem jungen Südstaatler Mac Clure begegnet. Leutnant Wiczewski

fühlt sich vom ersten Moment an sexuell zu Mac Clure hingezogen.

In panischer Angst versucht er, seinen Gefühlen zu entkommen,

indem er sich Angelina, der Tochter des Hauses zuwendet.

Doch will niemand, am wenigsten er selbst, an die plötzlich entflammte

Liebe zu dem jungen Mädchen, das ebenfalls für Mac Clure

schwärmt, glauben. Wiczewski ist unfähig, seine Gefühle zu dem

jungen Mann zu artikulieren und verstrickt sich in immer neue

Scheinmanöver, die ihn schließlich in ein Duell mit dem heimlich

Geliebten treiben.

Der Zweikampf unter dem Anschein politischer Auseinandersetzungen

endet für Leutnant Wiczewski tödlich. Am Ende trauern nur

Broderick und dessen Nichte Regina, deren Liebe zum Leutnant unerwidert

blieb.

Süden ist mein erstes Theaterstück. Ich habe

meine Jugend hineingelegt, zu einem Zeitpunkt,

als sie sich bereits langsam von mir

entfernte.

Jede Person stirbt

an der Einsamkeit.

Im Südstaaten-

Opus Julien Greens

geht es im Schatten

der politischen Situation

um Gefühle,

um die Liebe als

existenzielle Erfahrung,

die einen trifft

- wie ein Schlag ins

Gesicht.

Kriegsangst und die

Suche nach dem

rechten Weg zu

Gott, Sklavenhaltung,

Humanität und

erotische Sehnsucht,

deren Nichterfüllung

als belastende

Schwüle auf die Gemüter

drückt: all

diese Motive lässt

Green aufleuchten

und umkreist wie

Tschechow die tödliche

Kraft uneingestandener

Gefühle.

Können Sie sich einen

Mann vorstel-

len, der so wenig

Mut hat, dass er seine

Liebe nicht gestehen

kann? Dass

er vor dem Menschen

steht, den er

liebt, und ihm nicht

sagen kann:

Ich liebe Sie?


JULIEN GREEN

Geboren in Paris als Sohn amerikanischer Eltern, wurde er protestantisch

erzogen, konvertierte 1916 zum Katholizismus, erlebte den

ersten Weltkrieg an der italienischen Front; 1919 – 1922 Studium

der Sprach– und Literaturwissenschaften an der Universität von

Virginia, Beschäftigung mit dem Buddhismus; nach dem zweiten

Weltkrieg Rückkehr nach Paris, wo er sich ganz dem Schreiben seiner

Romane widmet: Mont-Cinere (1926), Adrienne Mesurat

(1927), Leviathan (1929). Auf Anregung des Regisseurs Louis Jouvet

schrieb er Anfang der 50er Jahr auch Theaterstücke: EIN MOR-

GEN GIBT ES NICHT, DER FEIND, DER AUTOMAT, DER

SCHATTEN und SÜDEN.

Mein wahres Vaterland ist die Sprache.

Das wechselseitige Unrecht der Nordstaaten und Südstaaten ist

mir bewusst, es sticht in die Augen, doch wie Troja war der Süden

dem Untergang geweiht. Er stellte eine in gewisser Hinsicht

überzivilisierte Welt dar, die einer materialistischen Welt gegenüberstand.

Die Vergangenheit gegen die Zukunft. Und der Süden

wußte es. (14. Januar 1985)

Oh, Sie kennen den Süden nicht! Den Süden könnte man nicht auslöschen. Wenn

es einen Krieg gäbe und wir besiegt würden, dann wäre der Sieg des Nordens

eine Art Selbstmord für ganz Amerika, denn das Beste auf dieser amerikanischen

Erde, das sind wir.

Dann war da auch der Süden meiner Eltern, der nach Jahren wieder vor mir auftauchte; ich

erinnerte mich an die erste Vision, die ich vom Land meiner Mutter hatte, als ich, dort angekommen,

um mein Studium fortzusetzen, am ersten Morgen mein Fenster öffnete: auf der gegenüberliegenden

Seite eines kleinen Platzes bewachte eine bronzene Kanone ein Gebäude im

neoklassizistischen Stil. Dorische Säulen von vollkommenem Weiß hoben sich von dem dunklen

Backsteinhintergrund ab. Im goldenen Laub der Sykomoren schien die Sonne aufzulodern.

Ich erinnerte mich an die Erzählungen meiner Mutter und betrachtete all dies mit ihren Augen.

In wenigen Sekunden begriff ich alles: den Sezessionskrieg und den Überlebenswillen des

Südens. Wie hätte ich den Einfluss ermessen können, den diese Sekunde auf ein Werk haben

sollte, das es noch nicht gab?

Es ist zu spät für die Liebe. Der Krieg ist da und ich gehe.

Bühnenaufführungsrechte:

THOMAS SESSLER VERLAG GMBH, Johannesgasse 12, 1010 Wien

Tel. +43-1-5123284, Fax: +43-1-5133907, Email: office@sesslerverlag.at


JULIEN GREEN

3 D / 5 H

DER AUTOMAT

Zuweilen frage ich mich, ob es nicht wünschenswert

wäre, dass eine Katastrophe über uns hereinbricht

und unseren Torheiten ein Ende setzt.

Auf den Straßen von Paris herrscht Unruhe, drohender Krieg liegt in der

Luft. Gewaltsame Demonstrationen, die durchaus Assoziationen mit den

jüngsten Ereignissen in Frankreich hervorrufen könnten. Während von

draußen bedrohlicher Lärm dringt, schirmt der Philosophieprofessor

Lombard seine Nichte Jeanne und seinen Neffen Steve, die seit dem Tod

ihrer Eltern in seinem Haus leben, vom Weltgeschehen ab. Jeanne leidet

an bösen Vorahnungen und sammelt Todesanzeigen. Steve, der unverkäufliche

Bilder malt, kommt mit seiner tiefen Sehnsucht nach Liebe

nicht zurecht und gibt sich zynisch. Der von ihm verachtete Psychologe

Pazzo soll ihn auf Wunsch des Onkels kurieren.

Ein Abendessen, das Lombard für das befreundete Ehepaar Blondeau

gibt, gerät zum Desaster. Bei aufgesetzter Heiterkeit genießt man exklusiven

Portwein, berauscht sich an Untergangsphantasien, erregt sich

über einen Börsenkrach und parliert halbherzig über Gott und die Welt.

Während Florence Blondeau mit Steve flirtet, eröffnet ihr Mann seinem

Freund Lombard den finanziellen Ruin. Steve verweigert die Therapieversuche

Pazzos und feuert einen Warnschuss auf dessen Schatten ab.

Danach stürzt er sich vom Balkon in den Tod.

Posthum bringt der verkannte Maler dem bankrotten Onkel durch den

Verkauf seiner Bilder ein Vermögen. Jeanne flüchtet ins Kloster und

lässt den mit seiner Philosophie gescheiterten Lombard in der Hölle der

Einsamkeit zurück.

Von meinen Gewissheiten von gestern ist nichts übrig.

Nur Fragen ohne Antworten. Ich befinde mich vor einem

leeren Blatt.

Was befürchten wir? Den Krieg? Den Tod? Doch wenn wir

Gott haben, haben wir alles, und unsere Ängste lösen sich auf.

Das Paradies beginnt lange vor dem Tod. Julien Green

Julien Green, der spirituelle Sucher, verknüpft in diesem 1979 geschriebenen

Stück die Grenzen zwischen familiären und politischen Unruhen.

In atmosphärischer Feinfühligkeit umkreist er die Erlösungssehnsucht

des einsamen Menschen und zeigt eine Gesellschaft im apokalyptischen

Verfall.

Was ist der treibende Impuls, der uns herausfinden lassen will, wie das

Innerste eines Atoms gestaltet ist? Ist der Mensch ein Automat, dessen

Bestandteile man beliebig auseinandernehmen kann oder steckt hinter

dem Erkenntnisstreben des Menschen die Möglichkeit des Göttlichen,

das die Unberechenbarkeit des einzelnen Individuums begründet?

In allen Ereignissen dieser Welt ist eine unbekannte

Kraft am Werk, die unsere kleine, menschliche

Intelligenz überfordert.

Bühnenaufführungsrechte:

THOMAS SESSLER VERLAG GMBH, Johannesgasse 12, 1010 Wien

Tel. +43-1-5123284, Fax: +43-1-5133907, Email: office@sesslerverlag.at


JULIEN GREEN

4 D / 10 H

EIN MORGEN GIBT ES NICHT

Seit einigen Tagen arbeite ich an meinem Stück. Titel: Ein Morgen gibt

es nicht. Die Idee wurde mir durch das Erdbeben in Messina

eingegeben. Die Repliken verbinden sich mit einer Leichtigkeit, die mir

suspekt schien. 25. Oktober 1950

Das Stück beginnt am 26.Dezember und endet exakt um 5 Uhr 20 des

28. Dezember 1908. In diesem Augenblick, so die seismographische

Fixierung, erschütterte ein schwerer Erdstoß die Stadt Messina. Mehr

als 70.000 Bewohner lagen unter den Trümmern der Häuser.

Im Palazzo der verarmten Patrizierfamilie Lucchesi hat sich kurz vor

Silvester das Typenpersonal des europäischen Fin de siècle versammelt:

die einst vermögende Witwe Lucchesi, die ihr Haus an Touristen vermieten

muss; die entnervte Tochter Lina, die mit dem Arzt und Lebemann

Marco nach Neapel aufbrechen will, um ihrer dekadenten Sippe

zu entgehen; der taubstumme Stefano, unehelicher Sohn der Witwe

Lucchesi, der sich als einziger um den dahinsiechenden Gatten Linas

kümmert und die Katastrophe mit der feinen Witterung des Verschlossenen

erspürt; der Voyeur Ottavio, der Bruder der Signora; ihr Schwager,

der Geizhals Barbieri; das überspannte Nesthäkchen Celestina mit

ihrem langweiligen Verlobten Adolfo; der Zyniker Guido, der homosexuelle

Fotograf Fiordelmondo und ein junges Liebespaar aus Mailand,

das ein Zimmer mit Meerblick mietet, um in der schönen Kulisse der

Landschaft Selbstmord zu begehen.

Es gibt Erdbeben, die mit einem unterirdischen Grollen anfangen.

Andere machen dieses Geräusch nicht, aber die Mauern

der Häuser bekommen von oben her Risse, und plötzlich

bricht die Erde auseinander.

In meinem Stück spielen die Figuren ein entsetzliches Spiel: wer wird

gerettet werden? Sie losen aus und tun so, als ob sie an das Resultat

glauben würden, schließlich verlieren sie die Fassung. 1. November 1950

Julien Green entwirft in diesem 1950 begonnenen und 1979 vollendeten

Drama das Gemälde einer Gesellschaft, die schon tot ist, bevor sie durch

das Erdbeben begraben wird. Der süditalienische Verwandtschaftszweig

einer sterbenden Dynastie, entsprungen aus Tschechows Familienalbum.

Über der Familie lastet eine latente Bedrohung, die jeder auf seine

Weise spürt. In einer Atmosphäre von Gleichgültigkeit und geheimer

Angst, von Unentrinnbarkeit und achtlosem Zeitvertreib liegt die Ahnung

um die Katastrophe in der Luft, ohne mit deren Eintreten zu rechnen.

Mehr und mehr entpuppt sich die Borniertheit und Arroganz dieser

untergehenden Klasse als Ausdruck der eigenen inneren Leere. Man

flüchtet sich in Geiz und sexuelle Leidenschaft vor einer Welt, die man

nicht benennen kann.

Was soll diese andauernde Panik und diese unbändige Lebenslust?

Wollen Sie denn tausend Jahre lang leben?

Welch eine Hölle, die vorübergehende Zeit !

Bühnenaufführungsrechte:

THOMAS SESSLER VERLAG GMBH, Johannesgasse 12, 1010 Wien

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JULIEN GREEN

3 D/ 6 H/ 1 Dek

DER FEIND

Heute vergeht die Zeit nicht mehr. Das ist das

große Unglück unseres Jahrhunderts.

In dem neuen Stück, das ich schreibe, muss der Auftritt der Haupt-

figur gut vorbereitet werden. Ich will nicht, dass sie sofort erscheint.

2. Juni 1953

Frankreich im Jahre 1785: die herannahende Französische Revolution wirft

ihre Schatten über die Gesellschaft. Im Schloss des Gutsherren Philippe de

Silleranges scheint das Leben in Morbidität und Langeweile festgefahren.

Seit einem Unfall hat sich Philippe von der Welt und seiner Gattin Elisabeth

abgekapselt. Die schöne Gräfin hat sich mit der Leere, die ihr Leben beherrscht,

längst abgefunden. Auch das heimliche Verhältnis mit Philippe‘s

Bruder Jacques kann ihre innere Erstarrung nicht lösen.

Eines Tages kehrt Pierre, der jüngste Bruder, auf das Schloss zurück. Er hat

dem Kloster, in das er einst in einer launischen Anwandlung eingetreten ist,

den Rücken gekehrt. Enttäuscht vom Spirituellen stürzt er sich ins weltliche

Leben und setzt sich die Eroberung seiner schönen Schwägerin zum Ziel.

Schon am ersten Tag verfällt Elisabeth der Offenheit Pierres und verlässt

Jacques. Doch der verschmähte Liebhaber, der dem Bruder immer schon

unterlegen war, rächt sich. Er bezahlt zwei Mörder, die den zurückgekehrten

Konkurrenten aus dem Weg schaffen.

Am Ende gibt es nur Verlierer, eine traurige ménage a trois. Elisabeth verkraftet

den Verlust Pierres nicht und will das Schloss verlassen. Um einen

Skandal zu verhindern, aber auch um seiner Einsamkeit zu entkommen,

schließt Philippe mit Jacques ein stummes Abkommen. Er versichert

Jacques das Verhältnis mit seiner Frau zur Erhaltung seiner Ehe zu tolerieren.

Doch Elisabeth hat längst die Flucht nach Innen angetreten und rettet

sich in mystische Visionen.

Wenn man von Gott oder dem Teufel spricht,

redet man nur von sich selbst.

Wer ist des Menschen Feind? Gott, der Teufel, der Mensch selbst?

Oder alle drei in einer Person? Julien Green behandelt religiöse Elemente,

die symbolisch stark übersteigert sind und gibt dem Feind in

einem Spiel der Spaltung und Doppelung vielerlei Gestalt: als Satan,

dem Widersacher des Menschen oder als Gott, dem „Feind“ der

menschlichen Begierden.

1954 in Paris uraufgeführt, ist das Stück auch eine Auseinadersetzung

über die feindlichen Hälften im Menschen, die Passion im weltlichen

wie im spirituellen Sinne, das Gleichgewicht zwischen Körper und

Geist und die Widersprüchlichkeit zwischen dem unwirklichen Leben

im Glauben und dem wirklichen in Lust und Fleisch.

Der Feind, das ist derjenige, der mich daran hindert, ganz

und gar glücklich zu sein.

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10 D / 13 H / 2 Dek

(Mehrfachbesetzungen)

JULIEN GREEN

DER SCHATTEN

Ich möchte, dass die Zeit stehen bleibt, weil noch

nichts geschehen ist. Die Worte sind es, die das

Unglück herbeiführen.

In einer englischen Provinzstadt lädt man im Jahre 1888 im Hause der

angesehenen Familie Brimstone zum Dinner. Das Zusammentreffen

verfolgt einen genau kalkulierten Zweck: alle Gäste fiebern der Konfrontation

von Philip Anderson und dem todkranken James Ferris entgegen.

Die beiden verbindet ein grausiges Geheimnis: der Mord an Philips erster

Frau Evangelina. Auf mysteriöse Weise war sie zwanzig Jahre zuvor

im Beisein von James und Philip die Klippen hinuntergestürzt. Niemand

weiß, dass Ferris sie der Untreue bezichtigt und sie mit dem Wissen

Philp‘s in die Tiefe gestoßen hatte. Seither lastet trotz des Freispruchs

vor Gericht der Verdacht der Gesellschaft auf Philips Gewissen

und macht ihn zum Außenseiter.

Inzwischen ist er eine neue Ehe eingegangen und lebt mit seiner Frau

Edith und der Tochter aus erster Ehe- Lucile- zurückgezogen auf dem

Land. Der gesellschaftliche Druck, Lucile zu verheiraten, zwingt Philip,

seinem Jugendfreund und Mittäter gegenüberzutreten. Bei dem Dinner

gesteht der todkranke Ferris Philip die Unschuld Evangelinas. Aus Rache

wegen seiner verschmähten Liebe zu ihr hatte er sie damals der Untreue

bezichtigt. Unter der Bedingung, dass sich Anderson nach Ferris`

Tod um dessen Sohn David kümmern solle, verspricht Ferris, das mörderische

Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Für Anderson bricht eine

Welt zusammen. Die Liebe zur toten Evangelina erwacht wieder und ist

stärker als je zuvor.

Als David nach dem Tod seines Vaters wirklich auftaucht und zärtliche

Zuneigung zu Lucile fasst, geraten nicht nur deren halbherzige Hochzeitspläne

mit Captain Killigrew, sondern auch Philips Leben durcheinander.

Edith erkennt als einzige die besorgniserregende Veränderung,

die mit ihrem Mann vorgeht.

Philip löst sich von der Familie und der Realität und verliert sich im

Schatten der Vergangenheit. Und der Schatten der toten Evangelina

treibt ihn schließlich zu dem Felsen, wo das Unglück seinen Anfang

hatte.

Der Mensch ist vom Rest der Menschheit durch eine Schranke

getrennt, die fast nie fällt. Das ist das Drama eines jeden.

Die Wörter verraten uns schmählich. Wir möchten sprechen,

und niemand ist da, uns zu hören. Was wir im Innersten denken,

ist kaum mitteilbar. Manchmal errät es die Liebe.

Julien Green

Und warum nicht weiterschweigen? Das ist nie ein

Fehler. Reden zieht das Unglück auf uns.

Bühnenaufführungsrechte:

THOMAS SESSLER VERLAG GMBH, Johannesgasse 12, 1010 Wien

Tel. +43-1-5123284, Fax: +43-1-5133907, Email: office@sesslerverlag.at

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