Jahresbericht 2011 - Ernst von Bergmann

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Jahresbericht 2011 - Ernst von Bergmann

JAHRES- UND QUALITÄTSBERICHT 2011

Zentrum für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik


Übersicht Seite

1. Vorwort 5

2. Das Zentrum für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik 8

3. Grundsätze unserer Arbeit 9

4. Leistungsdaten 10

5. Patientendaten 11

6. Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) 24

7. Psychiatrischer Konsildienst 26

8. Besondere Vorkommnisse 27

9. Aktivitäten 29

10. Qualitätssicherungsmaßnahmen 31

11. Patientenbefragung 32

12. Fort‐ und Weiterbildung 33

13. Kommunikationsstrukturen 34

14. Ausblick 2012 35

3


1. Vorwort

Dieser Jahresbericht ist mittlerweile der vierte in Folge. Leistungsbereiche und Schwer‐

punkte unserer Arbeit werden vorgestellt, Problembereiche erläutert, Entwicklungen

aufgezeigt und ein Ausblick auf das kommende Jahr gegeben.

An die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zentrums geht mein besonderer Dank: Hohe

Professionalität und Engagement ermöglichen eine Patientenversorgung auf höchstem

Niveau. Trotz vielfältiger Veränderungen, hoher Belegung und knapper Ressourcen sind die

Kreativität und Flexibilität in der Zusammenarbeit außergewöhnlich.

Wichtige Entwicklungen 2011 im Überblick:

Versorgung

Um der anhaltend hohen Nachfrage nach voll‐ und teilstationärer Behandlung zu begegnen,

wurde dem Antrag der Geschäftsführung nach Erweiterung von Behandlungskapazitäten

vom Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (MUGV) des Landes

Brandenburg stattgegeben: Mitte 2011 erfolgte die Kapazitätsausweitung um 5 vollstatio‐

näre (auf insgesamt 103) und 10 teilstationäre (auf insgesamt 53) Behandlungsplätze.

Dadurch konnte die dritte Tagesklinik am Standort „In der Aue“ im November 2011 ihre

Arbeit aufnehmen. Diese Tagesklinik verfolgt einen störungsspezifischen Ansatz für

Patienten, die unter einer Abhängigkeitserkrankung leiden. Die 5 zusätzlichen stationären

Behandlungsplätze wurden in die bestehenden allgemeinpsychiatrischen Stationen integriert

und tragen zu einer Entspannung des Aufnahme‐ und Belegungsdrucks bei.

Weiterhin ist von allen Mitarbeitern, insbesondere dem ärztlichen Bereitschaftsdienst und

den Pflegekräften, eine hohe somatische Kompetenz gefordert. Dies ist der Tatsache

geschuldet, dass „In der Aue“ als Außenstandort des Klinikums weder Internisten noch

Chirurgen vor Ort sind. Patienten müssen zu den Konsilen in das Klinikum am Standort

„Charlottenstraße“ begleitet werden, bei somatischen Notfällen werden aufgrund der

Entfernung zum Hauptstandort Notärzte hinzugezogen.

Die psychiatrisch‐psychotherapeutische Konsiltätigkeit in den somatischen Abteilungen des

Klinikums hat weiter zugenommen. Damit wird ein wichtiger Beitrag für eine optimale

Versorgung körperlich kranker Patienten mit zusätzlichen psychischen Störungen oder für

Patienten mit psychischen Störungen, die erhebliche somatische Symptome aufweisen,

geleistet. Die Versorgung psychosomatisch Kranker ist somit für die Klinik für Psychiatrie,

Psychotherapie und Psychosomatik einer der Behandlungsschwerpunkte.

Qualitätsmanagement (QM)

Qualität der psychiatrischen Versorgung erlangt zu Recht einen immer höheren Stellenwert.

Die Diskussion über Qualitätsindikatoren in der psychiatrisch‐psychotherapeutischen

Versorgung hat gerade erst begonnen. Die Klinik stellt sich der Aufgabe, die Qualität der

Behandlung laufend zu verbessern, indem sie u.a. folgende Instrumentarien nutzt:

� Basisdokumentation (BaDo) mit patientenbezogener Erfassung klinischer und sozio‐

demographischer Daten

� Ereigniskorrelierte Dokumentation („Ereignisse“ und „Maßnahmen“), mit der außer‐

gewöhnliche und ressourcenintensive Vorkommnisse erfasst werden

5


� Befragung der Patienten, sich u.a. zu Behandlung, Aufklärung, Entlassungsvorbereitung

und räumlichen Verhältnissen anhand eines anonymisierten Fragebogens zu äußern

� Mitarbeit in der bundesweiten Arbeitsgruppe „Gewalt und Zwang in der Psychiatrie“

� Teilnahme am bundesweiten PharmakovigilanzProjekt „Arzneimittelsicherheit in der

Psychiatrie“ (AMSP)

� Mehrere klinikinterne Arbeitsgruppen z.B. zu Dokumentation, Qualitätsmanagement,

freiheitsentziehenden Maßnahmen und Neues Entgeltsystem

� Deeskalationsmanagement: in klinikinternen Workshops werden allen Mitarbeitern

Deeskalationsstrategien vermittelt und der Umgang mit bedrohlichen Situationen

trainiert. Drei Pflegekräfte haben als Deeskalationstrainer eine besondere Expertise

erworben und leiten die Workshops.

� Ein berufsgruppenübergreifendes Fortbildungscurriculum in systemischer Therapie

fördert die therapeutische Kompetenz der Teams mit dem Ziel, Behandlungskonferenzen

und Netzwerkgespräche als Standard zu etablieren.

Veranstaltungen und Aktivitäten

Neben mehreren kleineren Veranstaltungen standen das traditionelle Sommerfest im

September und die Mitorganisation von zwei Workshops des Netzwerks „Steuerungs‐ und

Anreizsysteme für eine moderne psychiatrische Versorgung“ im Vordergrund.

Beim Jahressymposium des Klinikums Ernst von Bergmann hat der Leiter einen Vortrag über

„Neue Behandlungsstrategien bei bipolaren Störungen“ gehalten. Auf dem Jahreskongress

der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

referierte er im Rahmen des Symposiums des Arbeitskreises der Chefärzte psychiatrischer

Kliniken an Allgemeinkrankenhäusern (ACKPA) über „Qualitätsindikatoren psychiatrischer

Versorgung im Vergleich der Kliniken in Potsdam und Berlin‐Neukölln“. Eine Publikation in

der Zeitschrift „Psychiatrische Praxis“ ‐ „Auf die Teambesprechung kann verzichtet werden“ ‐

erläutert das Konzept der Behandlungskonferenzen im Alltag einer Versorgungsklinik.

All dies erforderte neben der täglichen Patientenversorgung hohes Engagement und

Leistungsbereitschaft.

Neue Projekte

Um die Behandlung der Patienten kontinuierlich zu verbessern, haben wir auf einer Station

modellhaft mit der Einführung von Behandlungskonferenzen begonnen. In den Tageskliniken

hat sich diese Gesprächsform bereits in den vergangenen Jahren durchgesetzt. Nach dem

Grundsatz: „nichts über uns ohne uns“ sitzen in der Behandlungskonferenz Bezugstherapeut,

Pflegekraft und andere Teammitarbeiter mit dem Patienten zusammen und besprechen alle

wichtigen Punkte. Entscheidungen werden möglichst in diesem Rahmen getroffen. Auf die

konventionelle Visite und Teambesprechung wird verzichtet. Dadurch steht mehr Zeit für

Gespräche mit den Patienten zur Verfügung und ein Austausch auf Augenhöhe kann eher

gelingen. In Netzwerkkonferenzen werden zusätzlich Angehörige oder andere wichtige

Bezugspersonen einbezogen.

Neues Entgelt nach §17d Krankenhausfinanzierungsreformgesetz (KHRG)

Auch im Jahr 2011 hat uns der sog. „§17d‐Prozess“ des Krankenhausfinanzierungsreform‐

gesetzes (KHRG) sehr beschäftig. Der Leiter der Klinik ist Sprecher im bundesweiten

Netzwerk „Steuerungs‐ und Anreizsysteme für eine moderne psychiatrische Versorgung“.

Das Netzwerk engagiert sich bei der Entwicklung alternativer Vergütungsansätze und Ver‐

sorgungsmodelle. Damit soll die Möglichkeit geschaffen werden, neben der Vergütungsform

6


nach §17d, die nach wie vor ökonomische Anreize für eine krankenhaus‐ und betten‐

zentrierte Versorgung setzt, Finanzierungsalternativen mit mehr Flexibilität und Patienten‐

zentrierung im Sinne einer „Krankenhausbehandlung ohne Bett“ ermöglichen. Neben zahl‐

reichen Gesprächen mit landes‐ und bundespolitisch wichtigen Akteuren und Vertretern der

Selbstverwaltungspartner hat das Netzwerk 2011 zwei Workshops zu diesem Thema

veranstaltet.

Seit 1. Juli 2011 sind für jeden stationären oder teilstationären Patienten die Diagnosen,

Prozeduren (OPS) und der Behandlungsbereich (Pseudo‐OPS) tagesbezogen zu erfassen.

Nach der neuen Entgeltsystematik dienen diese Daten als Berechnungsgrundlage einer

Tagespauschale. Dies bedeutet einen hohen administrativen Aufwand, der von allen

Mitarbeitern zu tragen ist. Eine klinikinterne Arbeitsgruppe begleitet diesen Prozess,

informiert regelmäßig die Mitarbeiter des Zentrums über Neuigkeiten der Kodiervorgaben

oder auch Veränderungen der EDV‐basierten Erfassung der Kodes.

Unabhängig davon engagiert sich das Zentrum weiterhin an der modellhaften Umsetzung

alternativer Vergütungssysteme wie z.B. eine „Kopf“‐ bzw. Jahrespauschale. Ein „Konzept für

die Versorgung psychisch Kranker in Potsdam“ auf Grundlage eines „Capitation‐Payment‐

Modells“ liegt vor und ist nach Abstimmung mit der Geschäftsführung sowohl dem

Aufsichtsrat des Klinikums als auch dem Gesundheits‐ und Sozialausschuss der Stadt

Potsdam vorgestellt worden. Die Zustimmung der Gremien war groß. Auf die wünschens‐

werte Verlagerung der Behandlungsschwerpunkte in den ambulanten und teilstationären

Bereich werden die Mitarbeiter des Zentrums durch Fortbildungsmaßnahmen vorbereitet.

Damit wird das Ziel verfolgt, international gut evaluierte Versorgungskonzepte wie z.B.

Home Treatment (HT) und Assertive Community Treatment (ACT) in die Versorgungsrealität

in Potsdam umzusetzen.

Integration des Zentrums für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in das

Klinikum Ernst von Bergmann am Standort Charlottenstraße

Der Umzug der Klinik vom Standort „In der Aue“ in den Standort „Charlottenstraße“ ist für

2016 vorgesehen. Die berufsgruppenübergreifende „Projektgruppe Medizin“ hat sich mit

den räumlichen Anforderungen der „neuen Klinik“ beschäftigt. Die Patientenbefragung hatte

2011 u.a. die räumlichen Verhältnisse der Klinik und entsprechende Wünsche der Patienten

zum Thema. Ihre Auswertung wird wie auch das medizinische Konzept der Klinik Eingang in

das neue Raumkonzept finden. Zudem haben Besichtigungen anderer Kliniken (München,

Berlin, Hamm) stattgefunden; die Ergebnisse der Exkursionen wurden zusammengefasst, die

Stärken und Schwächen gegenübergestellt und dem Aufsichtsrat des Klinikums vorgestellt.

7


2. Das Zentrum für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ZPP&P)

Das Zentrum gewährleistet gem. der Unterbringungskrankenhausverordnung (UKV) des

Landes Brandenburg die Versorgungsverpflichtung für die Stadt Potsdam mit ca. 159.000

Einwohnern sowie Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow mit rund 52.000 Einwohnern. Die

Behandlung findet in multiprofessionellen Teams statt. Grundlage ist eine individuelle

Behandlungsplanung unter besonderer Berücksichtigung der familiären Beziehungen und

der Wiedereingliederung in den Beruf.

Stationäre Bereich: Die 103 Planbetten verteilen sich auf 5 Stationen. Mit Ausnahme der

Station AD_1, die einen störungsspezifischen Behandlungsschwerpunkt für abhängigkeits‐

kranke Patienten verfolgt, werden die übrigen 4 allgemeinpsychiatrischen Stationen nach

dem Heterogenitätsprinzip diagnose‐ und altersheterogen belegt (s. S. 5). Störungs‐

spezifische Interventionen wie z.B. Depressionsbewältigungsgruppe oder Training sozialer

Kompetenzen für schizophren Erkrankte werden durch stationsübergreifende Behandlungs‐

module gewährleistet.

Teilstationäre Bereich: Das Zentrum verfügt über 53 teilstationäre Behandlungsplätze, die

sich auf 3 Tageskliniken verteilen.

20 Plätze werden in der allgemeinpsychiatrischen Tagesklinik „In der Aue“ vorgehalten. In

2011 war wie in den Jahren zuvor die Nachfrage nach teilstationärer Behandlung hoch und

konnte teilweise nur nach Wartezeiten bis zu mehreren Wochen abgedeckt werden. Sowohl

aus dem stationären als auch dem ambulanten Bereich über niedergelassene Kollegen und

PIA wurden die Patienten in die Tagesklinik vermittelt. Der Trend der letzten Jahre, dass

immer mehr Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen und lang andauernden

affektiven Störungen eine teilstationäre Behandlung wünschen, hat sich fortgesetzt. Ver‐

mehrt wird von Patienten nach psychosomatischer Behandlung in Rehabilitationskliniken

eine Behandlung in der Tagesklinik nachgefragt.

Die Tagesklinik in der „Charlottenstraße“ mit 18 Behandlungsplätzen verfolgt einen trialogi‐

schen Ansatz, d.h. im Team arbeiten neben den traditionellen Berufsgruppen wie Arzt,

Psychologin, Pflegekräfte, Sozialarbeiterin, Ergotherapeutin auch Genesungsbegleiterinnen.

Genesungsbegleiter sind Experten aus eigener Erfahrung. Eine Mitarbeiterin bringt ihre

eigene Psychoseerfahrung und die zweite Genesungsbegleiterin ihre Erfahrung als Mutter

eines psychisch kranken Sohnes in den Behandlungsprozess ein. Damit versuchen wir die

Nutzerbeteiligung in der Versorgungspraxis umzusetzen.

Die dritte Tagesklinik hat im November 2011 ihre Arbeit aufgenommen auch am Standort „In

der Aue“. Sie verfügt über 15 Plätze und hält ein störungsspezifisches Behandlungsangebot

für abhängigkeitskranke Patienten vor. Damit tragen wir der Entwicklung der letzten Jahre

Rechnung, wonach abhängigkeitskranke Patienten zunehmend eine teilstationäre Behand‐

lung wünschen. In den letzten Jahren sind wir dem mit dem „tagesstationären Behandlungs‐

angebot“ auf der Station AD_1 trotz beengter Raumkapazitäten nachgekommen. Zudem

haben die Behandler sowohl im stationären Bereich als auch in der Psychiatrischen Instituts‐

ambulanz (PIA) immer deutlicher die therapeutische Notwendigkeit einer teilstationären

Behandlung für diese Patientengruppe gesehen. Die Patienten können nunmehr nach Ab‐

schluss der vollstationären Entzugsbehandlung teilstationär weiterbehandelt oder aus dem

ambulanten Setting direkt in die Tagesklinik aufgenommen werden.

8


Psychiatrische Institutsambulanz (PIA): Patienten, die eine multiprofessionellen Komplex‐

behandlung benötigen und den PIA‐Aufnahmekriterien entsprechen, werden entweder nach

Beendigung des stationären bzw. teilstationären Aufenthaltes in der Ambulanz weiterbehan‐

delt oder auch von niedergelassenen Kollegen in die PIA überwiesen. Neben dem Standort

„In der Aue“ ermöglicht der zweite PIA‐Standort in der „Charlottenstraße“ eine gemeinde‐

integrierte Behandlung psychisch schwerkranker Patienten.

3. Grundsätze unserer Arbeit

Personenzentrierung: Unser Grundsatz orientiert sich am patientenzentrierten und

bedürfnisangepassten Ansatz („Need adapted treatment“): „Was braucht der Patient und

wie viel können wir ihm davon geben?“. Wir verfahren somit nicht nach einem institutions‐

bezogenen Muster: „Wir haben hier ein Angebot, das Sie annehmen können“ − dem sich ein

Patient unterzuordnen hat.

Heterogenität: Auf den Stationen und Tageskliniken werden junge, ältere und betagte

Patienten unterschiedlicher Diagnosen und Schweregrade der Erkrankung behandelt.

Dadurch entsteht ein Milieu, das alltagsnah ist und zum anderen die Genesung begünstigt.

Stationsübergreifend gewährleisten störungsspezifische Behandlungsangebote eine

differenzierte, leitlinienorientierte Therapie.

Offene Türen: Um so viel Normalität wie möglich zu gewährleisten, sind die Türen auf allen

Stationen in der Regel offen. Durch den „Potsdamer Tisch“ im Eingangsbereich der Stationen

gelingt es uns, auf geschlossene Stationen oder auf Aufnahmestationen zu verzichten. Die

Patienten werden von der Aufnahme bis zur Entlassung auf derselben Station behandelt.

Beziehungskontinuität: Da wir viele Patienten über lange Zeiträume begleiten, legen wir

großen Wert auf eine konstante Patient‐Therapeuten‐Beziehung. Die Patienten werden in

der Regel auf die Station („Heimatstation“) wieder aufgenommen, die sie vom Voraufenthalt

kennen. Der Grundsatz der Beziehungskontinuität gilt auch in den Tageskliniken und in der

PIA.

Angehörigenperspektive: Großes Augenmerk legen wir auf eine enge Zusammenarbeit mit

den Angehörigen. Sie sind häufig die wesentlichen Bezugspersonen psychisch Kranker und

eine wichtige Ressource für die Behandlung. Angehörige werden wann immer möglich in die

Behandlung, Entlassungs‐ und Nachsorgeplanung einbezogen.

Kommunale Psychiatrie: Wir halten die Verankerung der Klinik in unsere Versorgungsregion

(Stadt Potsdam sowie Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow) für sehr wichtig. Die enge

Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten, den Trägern des

komplementären Bereichs, den Beratungsstellen, dem sozialpsychiatrischen Dienst (SPsD),

den Selbsthilfegruppen, den beruflichen Rehabilitationseinrichtungen und anderen Akteuren

der psychosozialen Versorgung ist ein Kernelement unserer Arbeit.

9


4. Leistungsdaten

Im Jahr 2011 kam es wie im Jahr zuvor in allen Bereichen zu einer Leistungssteigerung. Die

Auslastung betrug im vollstationären Bereich im Jahresdurchschnitt 100,5%, im teilstatio‐

nären Bereich 103%.

Tab. 1: Leistungsdaten 2008 ‐ 2011

2008 2009 2010 2011 Zunahme in %

(2010‐2011)

Behandlungstage vollstationär 30.535 31.809 35.383 36.408 + 2,90%

Behandlungstage teilstationär 6292 10.159 11.027 11.684 + 5,96%

Fallzahlen PIA pro Quartal

(jeweils 4. Quartal)

450 657 898 1.016 + 13,14%

10


5. Patientendaten

Dem Jahresbericht sind die Daten der klinikinternen Basisdokumentation (BaDo) und

ereigniskorrelierten Dokumentation zugrunde gelegt.

In 2011 sind im ZPP&P 2.457 Fälle behandelt worden, das sind 177 Fälle mehr als 2010.

Vollstationär befanden sich 1.842 (2010: 1.770) und teilstationär 615 (2010: 510) Fälle in

Behandlung. In die Auswertung sind 2.208 Fälle bzw. 1.376 Patienten (90%) eingegangen.

Fallzahlen/Patientenzahlen

Abb. 1: Fälle/Patienten 2011

700

600

500

400

300

200

100

0

208

134

297

141

338

197

602

326

291

192

243

209

209

Fälle Patienten

AB1 AB2 AC2 AD1 AD2 TK1 TK2 TK3

Auf den allgemeinpsychiatrischen Stationen AB_1, AB_2, AC_2 und AD_2 wie auch in den

Tageskliniken TK_1 und TK_2 werden Patienten unterschiedlichen Alters und verschiedener

Diagnosen behandelt. Die Station AD_1 und die Tagesklinik TK_3 versorgen schwerpunkt‐

mäßig Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen. Über 1 /3 der Fälle (knapp 1 /3 aller

Patienten), die im Jahr 2011 in der Klinik vollstationär behandelt wurden, sind auf die Station

AD_1 aufgenommen worden.

Obwohl für die Planung im psychiatrischen Bereich die Patientenzahl aussagekräftiger ist als

die Fallzahl, wird in den folgenden Kapiteln die Fallzahl zugrunde gelegt, um so die Vergleich‐

barkeit mit anderen Kliniken zu erhöhen.

Zugangswege

Der überwiegende Teil der Patienten kam ohne Einweisung entweder über die Zentrale Not‐

aufnahme des Klinikums (ZNA) am Standort „Charlottenstraße“ oder über die Psychiatrische

Notaufnahme (PNA) am Standort „In der Aue“. Im Vergleich zum Vorjahr wurden deutlich

mehr Patienten über die PIA eingewiesen.

Die Einweisungen über die niedergelassenen Nervenärzte sind gleich geblieben. Die Zahl der

Einweisungen über die Hausärzte und niedergelassene Fachärzte anderer Disziplinen war

157

20

20

11


leicht rückläufig. Möglicherweise nehmen vermehrt schwer und chronisch psychisch kranke

Patienten die Behandlung in der PIA in Anspruch; lange Wartezeiten auf einen Behandlungs‐

termin in den Facharztpraxen mögen hier eine Rolle spielen. Ob sich daraus ein Trend ent‐

wickelt, wird in den nächsten Jahren zu beobachten sein.

Abb. 2: Einweisungen/ Verlegungen in voll‐ und teilstationäre Behandlung

unbekannt

ohne

andere

SpsD

KV-Notarzt

and. Klinik im EvB

nichtpsychiatr. Abt./klinik

and. Psychiatr. Abt./Klinik

and. Niedergel. Ärzte

Nervenarzt/Psychotherapeuth

PIA

2

4

15

35

51

44

145

225

254

386

0 100 200 300 400 500 600 700 800 900

Bei Übernahme aus dem EvB kommen die meisten Patienten von der Intermediate Care,

Inneren Medizin, Intensivmedizin. Hier handelt es sich oft um ungeplante, notfallmäßige

Verlegungen, die eine hohe Flexibilität der aufnehmenden Station erfordern.

830

12


Abb. 3: Verlegungen aus der Somatik des Klinikums Ernst von Bergmann

Urologie

Dermatologie

Kinder-Jugend

Gynäkologie

HNO

Chirurgie

chirurg. Intensiv

Unfallchirurgie

Aufnahmestation

Neurologie

Medizin. Intensiv

Innere Medizin

Intermediat Care

1

1

2

2

3

3

4

8

8

14

0 5 10 15 20 25 30 35 40 45

Zugenommen hat 2011 der Anteil der Patienten, die allein und selbstständig in die Klinik

kamen (>46% vs. >38% im Vorjahr). Knapp 1 /3 der Patienten wurde entweder von Polizei,

Rettungsdienst/Notarzt oder professionellen Helfern wie z.B. Wohngruppen‐ oder gesetz‐

lichen Betreuern begleitet. Knapp ¼ der Patienten begleiteten Angehörige; auch hier fand

sich prozentual kein nennenswerter Unterschied zum Vorjahr.

Daraus wird deutlich, dass Familien in der Versorgung psychisch Kranker eine wichtige Rolle

einnehmen. Sie durchleben in den Wochen vor stationärer Aufnahme erhebliche Belastun‐

gen und Ängste. Einerseits entlastet Angehörige die stationäre Aufnahme, andererseits

äußern sie auch den Wunsch nach ambulanten Behandlungsalternativen.

27

32

40

13


Abb. 4: Begleitung in das Zentrum für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

unbekannt

andere

Polizei

profess. Helfer

Rettungsdienst/NAW

Angehörige/Bekannte

Patient kommt allein

8

9

66

249

455

495

0 200 400 600 800 1000 1200

Tag und Uhrzeit der Aufnahmen

Für die Personal‐ und Ressourcenplanung sind neben Patienten‐/Fallzahlen insbesondere der

Aufnahmezeitpunkt wichtig: Die Dienstpläne z.B. müssen dem Rechnung tragen.

87,5% der Aufnahmen (1.902 Fälle) erfolgten an Wochentagen, 12,5% an Wochenenden

(272 Fälle) und Feiertagen (34 Fälle). 36% der Aufnahmen erfolgten in der Spät‐ bzw. Nacht‐

schicht. Die Verteilung war im Berichtsjahr vergleichbar mit dem Jahr 2010.

1023

14


Abb. 5: Uhrzeit der Aufnahme

1600

1400

1200

1000

800

600

400

200

0

1410

616

63,8% 27,8%

06.00 - 13.59 14.00 - 21.59 22.00 - 05.59

Aufenthaltsdauer

Die durchschnittliche stationäre Behandlungsdauer lag bei knapp 20 Tagen. Patienten der

Station AD_1 mit Abhängigkeitserkrankungen haben mit knapp 10 Tagen die kürzeste durch‐

schnittliche Verweildauer. In den allgemeinpsychiatrischen Tageskliniken waren die Patien‐

ten im Durchschnitt 6 Wochen in Behandlung. Während im vollstationären Bereich die

Verweildauer im Vergleich zum Vorjahr nur geringfügig kürzer war, kam es im teilstationären

Bereich zu einer Verkürzung von knapp 2 Wochen. Dies ist u.a. darin begründet, dass die

Aufnahmeindikation und der Wunsch der Patienten nach teilstationärer Behandlung zuge‐

nommen haben. Um diesem wachsenden Versorgungsbedarf nachzukommen, musste die

Regelbehandlungsdauer in den Tageskliniken verkürzt werden.

182

8,2%

15


Abb. 6: Aufenthaltsdauer stationsbezogen

35

30

25

20

15

10

5

0

20,8

23,4

19,6

10,3

23,7

29,3 28,9

AB1 AB2 AC2 AD1 AD2 TK1 TK2 TK3

Aufenthaltsstatus

Die deutlich überwiegende Zahl der Patienten befand sich freiwillig in unserer stationären

Behandlung. Nur 5% der Patienten waren zu irgendeinem Zeitpunkt der Behandlung nach

dem „Brandenburgischen Psychisch Kranken Gesetz“ (BbgPsychKG) oder nach „Betreuungs‐

recht“ (Bürgerliches Gesetzbuch, BGB) gegen ihren Willen in der Klinik untergebracht.

Hiernach ist der prozentuale Anteil untergebrachter Patienten um knapp 1% gegenüber

2010 gesunken und liegt beim Anteil untergebrachter Patienten weiterhin unterhalb des

Bundesdurchschnitts, der zwischen 10% und 12% liegt. Nicht auszuschließen ist allerdings,

dass kurzzeitige Unterbringungen nach PsychKg unzureichend dokumentiert wurden.

Knapp 1 /3 (29,5%) der untergebrachten Patienten war länger als 4 Wochen, 6 Patienten

waren aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung länger als 3 Monate gegen ihren Willen in

stationärer Behandlung.

Diagnosen

In 1 /3 aller Fälle stellten wir die Hauptdiagnose einer alkoholbezogenen Störung. Wird die

zweite psychiatrische Diagnose mit berücksichtigt, dann litten sogar über die Hälfte aller

Patienten an einer Alkoholabhängigkeit. Damit waren alkoholbezogene Störungen die

häufigste Diagnose. An zweiter Stelle finden sich affektive Störungen, gefolgt von

schizophrenen und wahnhaften Störungen. Rund 5% der Diagnosen betreffen organische

Psychosen, darunter überwiegen die Demenzerkrankungen.

In der Diagnosenverteilung gab es mit Ausnahme einer Zunahme der alkoholbezogenen

Störungen keine nennenswerten Unterschiede zum Vorjahr.

6,8

16


Abb.7: Erste Psychiatrische Diagnose

60; 3%

98; 5%

3; 0%

1; 0%

7; 0%

424; 19%

181; 8%

170; 8%

Abb. 8: Zweite Psychiatrische Diagnose

82; 11%

161; 20%

72; 10%

107; 5%

388; 18%

31; 4%

125; 17%

128; 17%

28; 4%

1; 0%

4; 1%

738; 34%

8; 1%

111; 15%

Organische Störungen

Alkoholerkrankungen

Schizophrenie

Affektive Störungen

Intelligenzstörung

Entwicklungsstörungen

Störungen im Kinder und

Jugendalter

Drogen/Med. Abhängigkeit

Angsstörungen/ Zwänge

akute Belast.-Reakt.

sonstige Neurose/Pers.Stö.

Organische Störungen

Alkoholerkrankung

Schizophrenie

Affektive Störungen

Intelligenzstörung

Entwicklungsstörungen

Störungen im Kinder und

Jugendalter

Drogen/Medik.Abh.

Angststörungen/Zwänge

akute Belast.Reakt.

Neurose/Pers.Stö.

Zusammenhang zwischen Diagnose und Aufenthaltsdauer

Allgemeine Angaben zur Aufenthaltsdauer sind wenig aussagekräftig. Erst eine diagnose‐

bezogene Betrachtung zeigt z.B., dass Patienten mit affektiven Störungen durchschnittlich

knapp 34 Tage, gefolgt von Patienten mit Angst‐ und Zwangsstörungen mit knapp 31 Tagen,

am längsten behandelt wurden. Patienten mit alkoholbezogenen Störungen wiesen

andererseits als die häufigste Patientengruppe mit knapp 10 Behandlungstagen die kürzeste

mittlere Verweildauer auf.

17


Abb. 9: Diagnose und Behandlungsdauer

sonst. Neurosen/Persönlichkeitsst.

akute Belastungsstörung

Angsstörungen/Zwänge

Drogen/Medikamentenabhängigkeit

Störung Kindes/Jugendalter

Entwicklungsstörung

Intelligenzstörung

Affektive Störung

Schizophrenie

Alkoholerkrankung

2,0

9,7

11,4

13,3

14,7

19,1

19,3

0 5 10 15 20 25 30 35 40

Körperliche Erkrankungen

Körperliche Erkrankungen erschweren häufig die psychiatrische Behandlung und erfordern

zusätzliche Diagnostik, differenzierte (Pharmako‐)Therapie und häufig intensive pflegerische

Maßnahmen. Die Diagnostik und Therapieplanung muss darauf abgestimmt werden und er‐

fordert in der Regel mehr Zeit.

Knapp 44% der Patienten litten neben der psychiatrischen Hauptdiagnose zusätzlich an einer

behandlungsrelevanten somatischen − überwiegend internistischen − Erkrankung. Dies

erfordert hohe somatische Kompetenz bei allen Mitarbeitern und häufig Konsile in den

diversen somatischen Disziplinen. Hierzu müssen die Patienten an den Standort Charlotten‐

straße begleitet werden, was mit einem hohen personellen Aufwand einhergeht.

Altersstruktur

Die 45 ‐ 64‐Jährigen waren mit über 40% aller Fälle die am häufigsten vertretene Alters‐

gruppe. 14% der Patienten waren älter als 64 Jahre; in 7% der Fälle haben wir die Diagnose

einer Demenz gestellt − somit war die Hälfte der gerontopsychiatrischen Patienten wegen

einer anderen psychischen Erkrankung in stationärer Behandlung. Dieser Befund macht

deutlich, dass die Behandlung älterer Patienten nicht auf Demenzerkrankungen reduziert

werden kann. Hier spielen v.a. depressive Störungen eine wichtige Rolle, die im höheren

Lebensalter häufig nicht erkannt werden. Die Altersverteilung ist im Berichtsjahr verglichen

mit 2010 gleich geblieben.

29,4

30,6

33,9

18


Abb. 10: Altersstruktur

914; 41%

139; 6%

145; 7%

15; 1%

450; 20%

545; 25%

18 - 29

30 - 44

45 - 64

65 - 74

75 - 89

Geschlechtsverteilung

Mehr als die Hälfte der Patienten (53%), die wir im Jahr 2011 behandelt haben, waren

Männer (N = 1.178). Bei der stationsbezogenen Geschlechtsverteilung fällt auf, dass knapp

38% aller männlichen Patienten auf der Station AD_1 mit Schwerpunkt Abhängigkeits‐

erkrankungen behandelt wurde. Dieser Befund ist u.a. darauf zurückzuführen, dass Männer

häufiger als Frauen unter alkoholbezogenen Störungen leiden, während bei vielen anderen

psychischen Störungen Frauen häufiger betroffen sind.

90-

19


Abb. 11: Stationsbezogene Geschlechtsverteilung

500

450

400

350

300

250

200

150

100

50

0

76

132

159

138

155

183

446

156

154

137

126 126

117

83

männlich N

weiblich N

AB1 AB2 AC2 AD1 AD2 TK1 TK2 TK3

Entlassungsmodus

Über 86% der Patienten wurden regulär mit ärztlichem Abschlussgespräch und Nachsorge‐

planung entlassen. 4,5% der Patienten haben die Behandlung entgegen ärztlicher Empfeh‐

lung beendet. Abgebrochen haben 8,1% der Patienten die Behandlung: Dabei handelt es sich

überwiegend um Patienten, die nach einem Ausgang nicht auf die Station zurückgekehrt

sind. Ein Patient verstarb während der stationären Behandlung durch Suizid.

Weiterbehandlung nach der Entlassung

Mit jedem Patienten wird, wenn möglich unter Einbezug der Familie oder professioneller

Helfer, die Entlassung und Nachsorge geplant. Knapp 30% der Patienten wurden nach der

voll‐ bzw. teilstationären Behandlung in unserer PIA und weitere 30% von somatisch tätigen

niedergelassenen Kollegen weiter behandelt. Diese spielen sowohl bei der Einweisung als

auch in der Nachbehandlung eine große Rolle. Diese Zahlen stimmen mit den Ergebnissen

der Versorgungsforschung überein, wonach insbesondere chronisch psychisch Kranke zu

über 50 % von Hausärzten oder Fachärzten nichtpsychiatrischer Disziplinen behandelt

werden. Knapp ¼ der Patienten suchen nach der Behandlung in der Klinik einen nieder‐

gelassenen Nervenarzt oder Psychotherapeuten auf.

9

11

20


Abb. 12: Weiterbehandlung

anderes Krankenhaus (

nichtpsych.)

andere Psych. Abt. / Klinik

nachstationäre Behandlung

andere Fachabteilung im

eigenen Haus

niedergelassener Psychologe

Entwöhnungsbehandlung (auch

nur beantragt)

eigene Klinik (voll-teilstat. u.

umgekehrt)

niedergelassener Nervenarzt /

Psychotherapeut

anderer niedergel. Arzt

eigene Institutsambulanz (PIA)

10

37

44

102

115

128

257

0 100 200 300 400 500 600 700

Weiterbetreuung

In über 10 % der Fälle wurden ambulante Hilfen organisiert, damit die Patienten wieder in

ihre Wohnung entlassen werden konnten. Die Mehrzahl der Patienten hingegen bedurfte

keiner entsprechenden Unterstützung oder lehnte diese ab.

Abb. 13: Weiterbetreuung

Tagesstätte

Sozialstation / häusliche

Krankenpflege

Sozialpsychiat. Dienst

andere

keine

unbekannt / entfällt

Selbsthilfegruppe

Kontakt-u. Beratungsstelle

11

15

16

16

33

46

58

0 20 40 60 80 100 120

431

643

650

110

21


Sozialdaten

Wohnort der Patienten

85% aller Patienten wohnten in Potsdam. Das sind knapp 4% mehr als im Jahr zuvor. Das

kann Hinweis darauf sein, dass zum einem die Klinik ihrem Versorgungsauftrag immer mehr

gerecht wird, und zum anderen immer mehr Bürger aus Potsdam bei Behandlungsbedürf‐

tigkeit die Klinik aufsuchen. 11% hatten ihren Wohnsitz im Land Brandenburg, mehrheitlich

in Potsdam‐Mittelmark − insbesondere in Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow. Diese

Verteilung entspricht im Wesentlichen der des Vorjahrs.

Familienstand

Knapp 3 /4 der Patienten hatten keinen festen Partner: Entweder waren sie ledig oder lebten

nach Trennung bzw. Scheidung oder Tod des Partners allein. Nur ca. 1 /4 der Patienten lebten

in fester Partnerschaft.

Abb. 14: Familienstand

116; 5%

234; 11%

593; 27%

157; 7%

23; 1%

1085; 49%

ledig

verheiratet o.ä.

getrennt lebend

geschieden

verwitwet

unbekannt

Wohnsituation

Die Mehrzahl der Patienten lebte bei Aufnahme wie bei Entlassung in eigener Wohnung. In

40 Fällen erfolgte die Entlassung nicht mehr in die Wohnung zurück.

In institutionellen Wohnformen lebte nur ein geringer Prozentsatz (3,2% bei Entlassung).

In 42 Fällen war bei Entlassung kein fester Wohnsitz bekannt. Hilfen, eine Wohn‐ und

Betreuungsmöglichkeit zu vermitteln, hatten diese entweder abgelehnt oder es war wegen

der Kürze des Aufenthaltes keine Klärung möglich. Wir folgen dem Grundsatz, keinen Patient

unserer Klinik „auf die Straße“ bzw. in die Obdachlosigkeit zu entlassen.

Die Vermittlung psychisch Kranker mit intensivem Hilfebedarf in geschlossene Wohnheime

in andere Bundesländer weist auch 2011 auf eine Versorgungslücke im Land Brandenburg

hin. Die Arbeitsgruppe „Zivilrechtliche Unterbringung“ hat im Auftrag des Psychiatriereferats

des Ministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (MUGV) des Landes

22


Brandenburgs Empfehlungen für den Umgang mit dieser Patientengruppe erarbeitet, die

mittlerweile im Psychiatriebeirat des Landes vorgestellt und diskutiert worden sind. Es gilt

abzuwarten, welche Schlussfolgerungen und Entscheidungen daraus auf landespolitischer

Ebene gezogen werden.

Abb. 15: Wohnsituation

Psychiatrisches Pflegeheim

andere

Obdachlosenheim

Therapeutische WG (TWG)

Betreutes EW (BEW)

ohne festen Wohnsitz

Seniorenwohnheim /

Pflegeheim

Privatwohnung

25

16

20

18

31

31

47

41

42

42

42

44

70

48

1926

1965

bei Entlassung

bei Aufnahme

0 500 1000 1500 2000 2500

Einkünfte

41% der Patienten verfügten über ein eigenes Einkommen entweder durch ein sozial‐

versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis oder durch Altersrente. 13% der Patienten

bezogen eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Die verbleibenden 46% der Patienten waren

arbeitslos und haben entweder ALG I bzw. ALG II oder Grundsicherung bezogen.

Migrationshintergrund

Zurzeit wird der Migrationshintergrund noch nach der Staatsangehörigkeit erfasst. Danach

waren 95,5% der Patienten im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit (gegenüber 92,4%

in 2010). Patienten mit Migrationshintergrund (4,5%) kamen am häufigsten aus Russland

und anderen EU‐Staaten. In der Gruppe der Nicht‐EU‐Staaten befanden sich u.a. Bürger aus

dem Iran, Afghanistan, Brasilien, Nigeria und der Zentralafrikanischen Republik. Die Zahl der

Bürger in Potsdam mit Migrationshintergrund liegt bei 4,6 % und ist damit geringer als im

Bundesdurchschnitt; ein großer Teil der Mitbürger mit Migrationshintergrund in Potsdam

scheint somit das Versorgungsangebot der Klinik wahrnehmen.

23


6. Psychiatrische Institutsambulanz (PIA)

Auch 2011 ist wie in den Jahren zuvor der Bedarf nach ambulanter Behandlung in der PIA

kontinuierlich gestiegen. Im letzten Quartal 2011 sind 1016 Patienten durch das multipro‐

fessionelle Team der PIA, bestehend aus Ärzten, Pflegekräften, Psychologen, Sozialarbeiter

und Ergotherapeuten, behandelt worden. Neben Gesprächsterminen in den Ambulanz‐

räumen der zwei Standorte („In der Aue“ und „Charlottenstraße“) wurden bei Patienten

gelegentlich auch Hausbesuche durchgeführt. Die Indikation für einen Hausbesuch stellen

wir entweder bei Patienten, die krankheitsbedingt nicht in der Lage sind, in die PIA zu

kommen oder wenn aufgrund einer krisenhaften Zuspitzung eine sofortige Intervention

erforderlich ist. Wir gehen selbstverständlich auch in die Wohnung, wenn wir vom Patienten

oder seinen Angehörigen darum gebeten werden.

Besonders schwer erreichbar sind obdachlose Menschen mit psychischen Erkrankungen. Sie

lehnen die Behandlung häufig ab, nehmen Termine selten wahr und verweigern Kontakt‐

und Gesprächsangebote. Um diese Gruppe dennoch zu erreichen, wurden 25 Patienten im

Obdachlosenwohnheim im Lerchensteig 14‐tägig von einem Team der PIA aufsuchend

behandelt.

Gemäß dem Behandlungsauftrag nach § 118 SGB V werden in der PIA Patienten behandelt,

die „nicht wartezimmerfähig“ sind, einer Komplexbehandlung durch ein multiprofessionelles

Team benötigen und den PIA‐Indikationskriterien entsprechen. Die Diagnosenverteilung

unterscheidet sich deshalb vom stationären Diagnosespektrum. Prozentual werden in der

PIA weniger Patienten mit einer Alkoholabhängigkeit und fast doppelt so viele Patienten, die

an einer schizophrenen Störung leiden, behandelt. Nur Patienten mit affektiven Störungen

sind in der PIA und dem stationären Bereich annähernd gleich häufig vertreten.

Abb.20: Diagnosenverteilung in der PIA

495; 7%

510; 8%

252; 4%

271; 4%

523; 8%

232; 4%

668; 10%

84; 1% 49; 1%

933; 14%

1413; 21%

1181; 18%

Schizophrenie

Affektive Störungen

Alkoholerkrankungen

sonst. Neurosen/Pers.-Störungen

Organische Störungen

akute Belast.reaktion

Angststörungen/Zw änge

Borderline-Störung

Drogen/Medikam.abhängigkeit

Intelligenzstörungen

Störungen im Kindes- u.

Jugendalter

Entw icklungsstörungen

24


Neben der Regelversorgung finden häufig Krisengespräche statt, die ungeplant sind, länger

dauern als ein regulärer Patientenkontakt und häufig zwei Therapeuten in Anspruch neh‐

men. Seit Mitte des Jahres 2011 wird an beiden PIA‐Standorten eine „offene Sprechstunde“

angeboten: Ohne Voranmeldung wird ein Erstgespräch durchgeführt, eine erste diagnos‐

tische Einschätzung getroffen und der Hilfebedarf ermittelt. Das Angebot wird von den

Patienten, die dringend und zeitnah psychiatrisch‐psychotherapeutische Hilfe benötigen,

mittlerweile sehr geschätzt. Unbürokratisch und ohne Wartezeiten erhalten sie Hilfe und

Beratung. Auch für Patienten, die die Psychiatrische Notaufnahme aufsuchen, für die eine

Indikation zur ambulanten psychiatrisch‐psychotherapeutischen Behandlung besteht und die

noch nicht bei einem niedergelassenen Psychiater oder Psychotherapeut in Behandlung sind,

ermöglicht die „offene Sprechstunde“ eine Behandlung ohne Wartezeiten und administra‐

tive Hürden.

25


7. Psychiatrischer Konsildienst

Bis zu 40% der Patienten im somatischen Bereich eines Krankenhauses leiden neben der

körperlichen Erkrankung an einer behandlungsbedürftigen, psychischen Störung − insbeson‐

dere depressiven Störungen und Alkoholmissbrauch bzw. ‐abhängigkeit. Vor diesem Hinter‐

grund hat der psychiatrische Konsildienst für eine adäquate Patientenversorgung im

Klinikum EvB mit über 1.000 Betten eine besondere Bedeutung. Ein Oberarzt der Klinik ist für

den psychiatrischen Konsildienst verantwortlich. Damit sind Verbindlichkeit und Kontinuität

gewährleistet. Der psychiatrisch‐psychotherapeutische Konsiliarius stellt die Diagnose, emp‐

fiehlt therapeutische Maßnahmen und vermittelt die Patienten bei Bedarf in eine weiter‐

führende Behandlung.

Dringende Konsile werden am Tag der Anfrage, reguläre Konsile innerhalb von 24 h nach

Eingang der Anforderung durchgeführt. Der Schwerpunkt der Inanspruchnahme psychia‐

trischer Konsile lag 2011 wie in den Jahren zuvor bei der Intensivstation, den Abteilungen für

Innere Medizin, Unfallchirurgie, Allgemeinchirurgie und Gynäkologie/Geburtshilfe. Zusätzlich

wurden Patienten, die notfallmäßig die Zentrale Notaufnahme aufsuchen, psychiatrisch

konsiliarisch untersucht und erhielten eine kompetente Behandlungsempfehlung.

Im Durchschnitt wurden unter der Woche 5 Konsile pro Tag und insgesamt 1.200 Konsile im

Berichtsjahr durchgeführt. Dies kann als Hinweis auf die Höhe der psychiatrisch‐psycho‐

therapeutischen Versorgungsbedarfs somatisch kranker Patienten in einem Allgemein‐

krankenhaus gewertet werden. Zugleich belegt es, dass Psychosomatik als eine Querschnitts‐

disziplin am Allgemeinkrankenhaus zu begreifen ist.

26


8. Besondere Vorkommnisse

Im Rahmen der ereigniskorrelierten Dokumentation werden besonders schwerwiegende

Ereignisse, die für die Mitarbeiter sehr belastend sind und erheblich personelle Ressourcen

in Anspruch nehmen, erfasst. Diese Daten bilden zum einen die Intensität der Arbeit ab, zum

anderen dienen sie innerhalb der Klinik als Diskussionsgrundlage, unsere Arbeit immer

wieder kritisch zu hinterfragen und Behandlungsabläufe zu verbessern. Damit sind sie

wichtiger Bestandteil unseres Qualitätsmanagements.

Im Jahr 2011 sind 649 Ereignisse von den Pflegekräften dokumentiert worden; über das Jahr

verteilt sind es im Durchschnitt 1,8 Ereignisse pro Tag.

Der folgende Überblick weist „Bedrohung“ als das am häufigsten erfasste Ereignis aus. Meist

sind davon Pflegekräfte betroffen, gefolgt von Ärzten und Psychologen; immer wieder be‐

drohten aber auch Patienten ihre Mitpatienten.

Abb. 21: Ereignisse

Brandstiftung

Medikamentenverwechselung

Entweichung

Unabgesprochenes Verlassen d. Klinik

SV

Selbstverletzung

Angriff auf Mitpatienten

Sachbeschädigung

Sturz

Rauchen im Zimmer

Angriff auf Mitarbeiter

Bedrohung

2

9

14

19

19

49

49

56

61

70

0 20 40 60 80 100 120 140 160 180

Die Häufigkeitsverteilung der Ereignisse ist auf den allgemeinpsychiatrischen Stationen ähn‐

lich, während sie auf der Station für Abhängigkeitskranke (AD_1) seltener erfasst wurden.

Zeitpunkt der Ereignisse

3 /4 der „Ereignisse“ kamen in der Spät‐ oder Nachtschicht vor: Mit 44,5% ereigneten sie sich

am häufigsten in der Spätschicht (13.45 ‐ 21.45 Uhr), knapp ¼ in der Nachtschicht (21.45 ‐

6.15 Uhr). Diese Zahlen zeigen, dass schwerwiegende Ereignisse nicht planbar sind und

häufig in den Schichten auftreten, die personell nicht so gut besetzt sind. Die Notwendigkeit

der Personalbesetzung in der Nachtschicht mit 2 Pflegekräften pro Station wird dadurch

unterstrichen.

137

164

27


Maßnahmen:

Immer wieder ist es notwendig, Zwangsmaßnahmen anzuwenden, um gefährliche Situatio‐

nen zu bewältigen. In 84 Fällen (2010 waren es 103 Fälle) war eine Fixierung unumgänglich,

56 Mal war eine medikamentöse Behandlung gegen den Willen des Patienten erforderlich.

Mindestens 11 Mal war die Situation so bedrohlich, dass die Polizei zur Amtshilfe gerufen

werden musste, um die Gefahr abzuwenden. Zwangsmaßnahmen sind die „ultima ratio“ und

nur im äußersten Notfall erlaubt, nachdem vorher alle Möglichkeiten der Deeskalation ohne

Erfolg ausgeschöpft worden sind. Die Daten zeigen weiter, dass schwerwiegenden

Ereignisse, die Zwangsmaßnahmen erforderlich machen, meist in der ersten

Behandlungswoche auftreten. Insbesondere in den ersten Behandlungstagen ist deshalb

eine enge Patientenbegleitung erforderlich, um bei Bedarf schnell und professionell

intervenieren zu können. In 118 Fällen konnten durch Deeskalation Zwangsmaßnahmen

abgewendet werden. Dadurch kann möglicherweise der Rückgang der Fixierungshäufigkeit

2011 um 20% im Vergleich zum Vorjahr erklärt werden.

28


9. Aktivitäten

Mitarbeiter der Klinik sind in Gremien der Stadt Potsdam, des Landes Brandenburg und auch

in bundesweiten Arbeitsgruppen tätig. Diese Aktivitäten nehmen viel Zeit in Anspruch und

werden zusätzlich zu unserer Routinearbeit erledigt. Trotz knapper personeller Ressourcen

legen wir großen Wert darauf, weil dadurch die regionale Vernetzung gefördert wird und

sich die Klinik als Baustein aktiv in die regionale psychosoziale Versorgung einbringt. Die

Vernetzung zwischen den einzelnen Akteuren regt den Diskussionsprozess an und erhöht die

Qualität der Arbeit. Es ist uns auch ein Anliegen, die Kompetenz unserer Mitarbeiter in die

außerklinische Fachdiskussion einzubringen.

Folgende Aktivitäten wurden durchgeführt:

� Fr. Bosecker: AG Kinder von psychisch Kranken in Potsdam

� Fr. Freitag, Hr. Kandler, Hr. Klimitz: AG Gemeindepsychiatrische Versorgung in Potsdam

� Fr. Freitag, Fr. Dressel: AG Teilhabe Arbeit, Stadt Potsdam

� Fr. Freitag, Hr. Klimitz: Arbeitskreis Gerontopsychiatrie, Stadt Potsdam

� Fr. Groh‐Kankarowitsch: Fachausschuss Sucht, Deutsche Gesellschaft für Soziale

Psychiatrie (DGSP)

� Fr. Groh‐Kankarowitsch, Fr. Kaps‐Sommer: Fachgruppe Sucht für Erwachsene Stadt

Potsdam

� Fr. Groh‐Kankarowitsch, Hr. Kandler, Hr. Klimitz, Hr. Kieser: Brandenburgische

Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (BraGSP)

� Fr. Henke, Hr. Willeke, Hr. Klimitz, Hr. Kieser: AG Krisenwohnung Potsdam

� Hr. Hofmann: Brandenburgische Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und

medizinische Psychologie (BGPPmP)

� Hr. Hofmann: Deutscher Arbeitskreis Gestaltungstherapie, klinische Verhaltenstherapie

(DAGTP e.V.)

� Hr. Kandler: AG Wohnungslosenhilfe Potsdam

� Hr. Klimitz: AG Gerontopsychiatrie des Landes Brandenburg

� Hr. Klimitz: Netzwerk Älter werden in Potsdam

� Hr. Kieser: Vorstandsmitglied der Alzheimer‐Gesellschaft Brandenburg

� Hr. Kieser: Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und

medizinische Psychologie (BGPPmP)

� Hr. Kieser: Arbeitskreis der Chefärzte Brandenburg

� Hr. Kieser: Arbeitskreis der Chefärzte psychiatrischer Abteilungen am

Allgemeinkrankenhaus in Deutschland (ACKPA)

� Hr. Kieser: Arbeitsgruppe Entgelt der ACKPA

� Hr. Kieser: Sprecher des bundesweiten „Netzwerkes Steuerungs‐ und Anreizsysteme für

eine moderne psychiatrische Versorgung“

� Hr. Kieser: AG Unterbringung in geschlossenen Einrichtungen nach §1906 BGB,

Psychiatriereferat am Ministerium für Umwelt Gesundheit und Verbraucherschutz

(MUGV) des Landes Brandenburg

� Hr. Kieser, Hr. Klimitz: Aktion Psychisch Kranke (APK)

� Hr. Kieser: Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie (BGPN)

� Hr. Kieser: Verein für Psychiatrie und seelische Gesundheit e.V. Berlin (vpsg)

� Hr. Kieser: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde

(DGPPN)

29


� Fr. Lichtenthäler: Sozialarbeitertreffen der Tageskliniken Berlin‐Brandenburg

� Fr. Pietsch, Fr. Freitag: Plenum Kompetenzagentur Stadt Potsdam

� Fr. Pietsch: AG Persönliches Budget Stadt Potsdam

� Die Aktivitäten im Rahmen der Qualitätssicherungsmaßnahmen werden in Kapitel 10

dargestellt.

Mit anderen Akteuren der Stadt Potsdam wurde die Zusammenarbeit weiter vertieft. So

wurde die enge Kooperation mit dem Berufsbildungswerk in Potsdam (BBW) fortgeführt. Mit

den AKTIVA‐Werkstätten des Oberlinhauses konnte ein gemeinsames Arbeitsprojekt ent‐

wickelt werden, in dem psychisch kranke Menschen die Gartenanlagen am Standort „In der

Aue“ unter Anleitung eines Gärtners pflegen und dafür entsprechend vergütet werden. Mit

dem Selbsthilfe‐, Kontakt‐ und Informationszentrum (SEKIZ e.V.) wurde die schon bestehen‐

de Kooperation im Rahmen des „Potsdamer Bündnisses gegen Depression“ ausgeweitet.

Das Projekt „Krisenwohnung Potsdam“ wurde konzeptionell durch die Arbeitsgruppe

„Krisenwohnung“ ausgearbeitet. Es fanden mehrere Gespräche mit Kostenträgern statt; ein

Antrag zur Mitfinanzierung wurde bei der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen Berlin‐

Brandenburg eingereicht.

Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Partnern der psychosozialen Versorgung in

Potsdam ist ein Schwerpunkt unseres Verständnisses von regionaler Versorgung. Dazu ge‐

hören die niedergelassenen Kollegen und Psychotherapeuten, der Sozialpsychiatrische

Dienst (SPsD) und die Einrichtungen des komplementären Bereichs. Im Rahmen des

„Stammtisches der Nervenärzte“ in Potsdam fand im Herbst 2011 z.B. ein gemeinsames

Treffen statt.

Regelmäßig unterrichten Hr. Dr. Klimitz und andere Psychologen in der Schule für Gesund‐

heitsberufe im Ausbildungscurriculum zum Gesundheits‐ und Krankenpfleger. Die Teilnahme

am Psychoseseminar der Fachhochschule Potsdam ermöglicht einen sehr lehrreichen und

anregenden Austausch zwischen Psychoseerfahrenen, Angehörigen und Professionellen.

30


10. Qualitätssicherungsmaßnahmen

Großen Wert haben wir auf die Fortentwicklung bestehender und Einführung neuer Quali‐

tätssicherungsmaßnahmen gelegt. Folgende Instrumente der Qualitätssicherung haben sich

in unserem Zentrum etabliert:

� Eine „Mappe für ÄrztInnen und PsychologInnen“ wird jedem neuen Mitarbeiter an

seinem ersten Arbeitstag übergeben. Darin sind die Grundsätze der Klinik enthalten,

wesentliche Abläufe werden beschrieben und das Verhalten in bestimmten Situationen

wie z.B. ärztliche Schweigepflicht, Aufnahme‐ und Entlassungsmanagement festgelegt.

� Die Basisdokumentation (BaDo) erfasst soziodemografische und klinische Daten aller

Fälle, die stationär, teilstationär und ambulant behandelt werden. Die im Jahresbericht

vorgestellten Daten basieren auf den Daten der BaDo.

� Die ereigniskorrelierte Dokumentation bildet „Besondere Vorkommnisse“ und

„Maßnahmen“ ab. Sie macht die besonderen Anforderungen einer psychiatrischen Klinik

mit regionalem Pflichtversorgungsauftrag deutlich (siehe Kap. 8).

� Die Patientenbefragung läuft bereits das dritte Jahr. Wir erhalten wichtige Rückmeldun‐

gen über unsere Arbeit sowie praxisnahe Anregungen aus der „Nutzerperspektive“.

Schwerpunkt der Befragung waren im Berichtsjahr die Raumverhältnisse und –

ausstattung (siehe Kap. 12).

� Im Projekt „Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie“ (AMSP) beteiligen wir uns an einem

bundesweiten Pharmakovigilanzprojekt: Unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka

werden systematisch erfasst und einer Datenbank zur Verfügung gestellt. Die Auswer‐

tung erfolgt in regionalen und bundesweiten Konferenzen. Verantwortlich für das

Zentrum sind Dr. Theophil, Oberarzt, und Dr. Volkmer, Assistenzarzt.

� Im bundesweiten Arbeitskreis „Gewalt und Zwang in der Psychiatrie“, treffen sich

regelmäßig Vertreter verschiedener psychiatrischer Kliniken. Inhaltlich stehen Formen

von Gewalt und Umgang mit Zwang in der Psychiatrie im Mittelpunkt. U.a. wurden

Leitlinien der Prävention und deeskalierende Strategien in bedrohlichen Situationen

erarbeitet. Dr. Klimitz (Psychologe) und Hr. Grondei (Krankenpfleger) vertreten unser

Zentrum.

� Die im Rahmen der KTQ‐Zertifizierung entstandenen Arbeitsgruppen haben ihre Arbeit

fortgeführt, wichtige Abläufe beschrieben und Verfahrensanweisungen (z.B. „Zwangs‐

maßnahmen“) erstellt. Folgende Arbeitsgruppen haben 2011 regelmäßig getagt:

o AG Qualitätsmanagement

o AG Dokumentation

o AG freiheitsentziehende Maßnahmen

o AG Patientenversorgung

o Projektgruppe Medizin

o AG Neues Psych‐Entgelt

o AG Regionales Budget

� Einmal pro Monat wird für alle Teams eine externe Supervision angeboten.

31


11. Patientenbefragung

Ein wichtiger Teil unserer Qualitätssicherungsmaßnahmen ist die Patientenbefragung der

stationär und teilstationär behandelten Patienten. Die Erhebung wird anonym durchgeführt.

Nicht alle Patienten geben Auskunft oder beantworten gelegentlich einige Fragen nicht,

schreiben dafür ausführliche Kommentare. Andere wiederum unterschreiben mit vollem

Namen. Im Berichtsjahr 2011 haben 726 Patienten den Fragebogen ausgefüllt − knapp 1/3

aller Patienten (2010 lag der Anteil bei 25%).

Hier einige Ergebnisse:

Die Frage Hatte das Pflegepersonal ein offenes Ohr für Ihre Anliegen? wurde von knapp

92% der Befragten positiv beantwortet. Lediglich 2 Patienten äußerten sich negativ dazu.

Die entsprechende Frage bezüglich der Ärzte/Psychologen: Hatten Sie Vertrauen zu

Ärzten/Psychologen? wurde von knapp 94% der Patienten positiv beantwortet.

Knapp 90% der Befragten fühlten sich über Krankheit und Behandlung „gut aufgeklärt“, über

90% der Patienten gaben an, während des KIinikaufenthalts respektvoll behandelt worden

zu sein. 63% der Patienten bestätigten, zu Beginn der Behandlung sei ein Behandlungsplan

mit ihnen besprochen worden, während sich 16,5% zum Entlassungszeitpunkt nicht mehr

daran erinnern konnten. 34,5% der Patienten bejahten die Frage nach Einbeziehung der

Angehörigen in die Behandlung − 41% der Patienten gaben hingegen an, dies nicht ge‐

wünscht bzw. keine Angehörigen zu haben. Die Vorbereitung auf die Entlassung bewerteten

knapp 72% der Patienten als „gut bis sehr gut“, knapp 18% fanden sie „mittelmäßig“, 5,7%

empfand die Entlassungsvorbereitungen „unzureichend“. Die Frage Würden Sie die Klinik

Verwandten / Freunden empfehlen? beantworteten nur 9,3% negativ („nein“ oder „eher

nicht“), über 86% aber positiv („wahrscheinlich“, „unbedingt“).

Ein Themenschwerpunkt waren die Raumverhältnisse der Klinik. Knapp 70% der Patienten

bewerteten die Raumverhältnisse als „gut bis sehr gut“, knapp 25% als „mittelmäßig“. Ver‐

misst wurden am häufigsten ein Radio‐/Fernsehraum, Raum für Sport/Fitness sowie für Ent‐

spannung bzw. Ruhe. Knapp 84% der Patienten gaben an, 1‐ bzw. 2‐Bett‐Zimmer zu bevor‐

zugen. 62% der Patienten waren der Meinung, die räumlichen Verhältnisse beeinflussen die

Behandlung bzw. ihre Ergebnisse.

Auf die mit freiem Text zu beantwortende Frage: Was hat Ihnen besonders geholfen?

wurden „positive Äußerungen des Teams“, „Gespräche“ und „Kontakt der Patienten unter‐

einander“ am häufigsten aufgeführt, während nur 1,5% (!) der Patienten „Medikamente“ als

hilfreich angaben.

32


12. Fort‐ und Weiterbildung

14‐tägig findet klinikintern eine für alle Ärzte und Psychologen verbindliche und allen

anderen Mitarbeitern des Zentrums offen stehende Fort‐ bzw. Weiterbildung statt. Die

Themen orientieren sich an den Inhalten der Weiterbildungsordnung (WBO) der Landes‐

ärztekammer (LÄK) Brandenburg für den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Die

Fort‐ bzw. Weiterbildung wird in der Regel von den Klinikmitarbeitern und zu einem

geringen Anteil von externen Referenten gestaltet. Sie wird von der LÄK Brandenburg mit

1 CME‐Punkt zertifiziert.

Zudem hat eine berufsgruppenübergreifende Fortbildung in systemischer Therapie statt‐

gefunden: In 10 Workshops wurden Grundlagen der systemischen Theorie, lösungsorien‐

tierte Ansätze, prozessorientierte Gesprächsführung und Netzwerkperspektive vermittelt.

Im Rahmen eines Deeskalationstrainings wurden berufsgruppenübergreifend therapeutische

Interventionen, Deeskalationsstrategien und Regeln im Umgang mit kritischen Situationen

trainiert.

Ein mehrtägiger berufsgruppenübergreifender Workshop vermittelte die Grundlagen der

Motivierenden Gesprächsführung.

33


13. Kommunikationsstrukturen

Regelmäßiger Austausch mit allen Mitarbeitern des Zentrums ist für unsere Arbeit wichtig.

Neben dem Informationsaustausch spielt die Entwicklung einer gemeinsamen Diskussions‐

kultur eine wichtige Rolle. Folgende Besprechungen finden regelmäßig statt:

� Morgenkonferenz mit Bericht des diensthabenden Arztes, Austausch wichtiger Informa‐

tionen, Besprechung aktueller Probleme, Veranstaltungshinweise

� Besprechung der Zentrumsleitung mit den Oberärzten und Stationsleitungen 1 x/Woche

� Oberarztbesprechung 2 x/Woche

� Organisationsbesprechung mit den Ärzten und Psychologen 1 x/Monat

� Vollversammlung mit allen MitarbeiterInnen des Zentrums 1 x/Monat

� Besprechungen des stellvertretenden Zentrumsleiters mit den Ergotherapeuten,

Sozialarbeitern, Psychologen jeweils monatlich

� Besprechung der pflegerischen Zentrumsleitung mit den Stationsleitungen

� Gespräch zwischen Chefarzt, einer Oberärztin und den Assistentenvertretern 1 x /Monat

� Mitarbeitergespräche mit allen Berufsgruppen 1 Mal im Jahr. Im Probehalbjahr erfolgt

das erste Mitarbeitergespräch nach den ersten 3 Monaten und das zweite vor Ende der

Probezeit.

� Monatliche Besprechung mit den verantwortlichen Oberärzten der Psychiatrischen

Institutsambulanz

� Besprechung mit dem Team der Tagesklinik „In der Aue“ alle 2 Wochen

� Besprechung mit dem Team der Tagesklinik „Charlottenstraße“ 1 x/Woche

� Gesprächstermin mit der Geschäftsführung 1x/Monat

34


14. Ausblick für das Jahr 2012

Für das Jahr 2012 gilt es, das derzeitige Versorgungsniveau im Zentrum zu halten und weiter

zu entwickeln. Die personellen Ressourcen spielen dabei die entscheidende Rolle, so dass

wir auf den Erfüllungsgrad der Psychiatrie‐Personalverordnung (PsychPV) anhaltend großen

Wert legen. Weiterhin werden wir uns intensiv mit der Optimierung von Arbeitsabläufen

beschäftigen. Insbesondere gilt es, die Dokumentation durch Nutzung des neuen Klinik‐

informationssystems SOARIAN und der Software zur Erfassung von psychiatrie‐ und psycho‐

therapiespezifischen Leistungen ID‐DIACOS zu beschleunigen. Eine Testphase mit einer

Dokumentationsassistentin wird geplant, um Ärzte, Psychologen und Pflegekräfte von

patientenfernen Aufgaben wie z.B. Dokumentationsanforderungen zu entlasten.

Inhaltlich werden die Bereiche Gerontopsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

sowie Abhängigkeitserkrankungen im Mittelpunkt stehen. Störungsspezifische stations‐

übergreifende Behandlungsangebote werden weiter entwickelt. Dabei gilt es, den

personenzentrierten Ansatz mit individueller Behandlungsplanung unter Einbeziehung der

Angehörigen im Blick zu behalten. Dies setzt eine intensive Diskussion über konzeptionelle

Grundlagen und Haltungen voraus. Als Abteilung am Allgemeinkrankenhaus ist uns eine

enge Vernetzung mit der Somatik ein großes Anliegen. Die Präsenz in der Zentralen Notauf‐

nahme und die Konsiliartätigkeit im somatischen Bereich des Klinikums sind weiter zu

erhöhen.

Nach der Entscheidung der Klinikumsleitung und des Aufsichtsrates wird in den nächsten

Jahren der Umzug der Klinik an den Standort Charlottenstraße erfolgen. Die Entwicklung

eines Raumkonzepts wird der Arbeitsschwerpunkt der „Projektgruppe Medizin“ sein. Ihre

Empfehlungen werden in die Planung des Neubaus der Klinik am neuen Standort Eingang

finden. Mit berücksichtigt werden auch die Ergebnisse der Patientenbefragung 2011. Die

Patientenbedürfnisse stehen in allen unseren weiteren Planungen im Mittelpunkt unserer

Überlegungen. Ebenso werden Ergebnisse der Versorgungsforschung sowie bundesweite

und internationale Erfahrungen berücksichtigt. Sie sind Grundlagen für die Weiterentwick‐

lung der sozialraumorientierten Organisation der Versorgung psychisch Kranker in Potsdam

sowie Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow.

Mit den anstehenden Veränderungen der Entgeltsystematik in der psychiatrisch/psycho‐

therapeutischen klinischen Versorgung werden wir uns intensiv zu beschäftigen haben. Von

einer erheblichen Ausweitung des Dokumentationsaufwandes ist auszugehen, da eine

tagesbezogene, systematische Erfassung der Einzelleistungen (OPS) und Behandlungs‐

bereiche (Pseudo‐OPS) gefordert ist.

Es ist mit tagesbezogenen Pauschalen zu rechnen. Inwieweit sich eine Veränderung der

Vergütungssystematik auf die Behandlungsabläufe auswirkt, wird genau zu prüfen sein.

Parallel dazu werden wir uns mit Vergütungsmodellen beschäftigen, die nicht über die

Erfassung von Einzelleistungen („Pay for Performance“) sondern Pauschalvergütungen im

Sinne der „Capitation‐Payment‐Modelle“, (wie z.B. Regionales Psychiatrie‐Budget) erfolgen.

Diese letztgenannten entkoppeln die Behandlungsintensität vom Krankenhausbett und

setzen ökonomische Anreize für eine flexible Ressourcennutzung und patientenzentrierte

lebensfeldorientierte Versorgung. Ein Konzept für die Versorgung psychisch Kranker in

Potsdam ist ausgearbeitet worden und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in den ersten

Monaten des Jahres 2012 erstmals den Kostenträgern vorgestellt.

35


Im bundesweiten Netzwerk „Steuerungs‐ und Anreizsysteme für eine moderne psychiatri‐

sche Versorgung“ werden wir uns engagieren, um die neue Entgeltsystematik aktiv mit zu

gestalten und günstige Voraussetzungen für zukunftsweisende Modellprojekte zu schaffen.

Es gilt weiterhin die ökonomischen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, die Maxime der

bestmöglichen Behandlung im Auge zu behalten und sich mit neuen Versorgungsmodellen

auseinanderzusetzen. Diese Gemengelage kann als ein wichtiger Anreiz verstanden werden,

den Prozess von der Institutions‐ zur Personenzentrierung beharrlich fortzusetzen.

Potsdam, Mai 2012

36


Klinikum Ernst von Bergmann

Zentrum für Psychiatrie,

Psychotherapie und Psychosomatik

In der Aue 59/61

14489 Potsdam – Babelsberg

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