30.01.2013 Aufrufe

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wollen Sie mal auf Schatzsuche gehen? Der Nationalpark

Hamburgisches Wattenmeer ist ein Schatz ganz besonderer Art:

ein Naturschatz, der vor unserer Haustür liegt. Tausenden von

Wasservögeln dient er als Rückzugsgebiet und Rastplatz. Als Teil

des weltweit einzigartigen Ökosystems Wattenmeer beherbergt er

selten gewordene Pflanzen und Tiere. Kostbarkeiten, die man

nicht genug schätzen kann – und deshalb umso mehr schützen

muss.

Für den Schutz des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer

haben wir in den letzten 10 Jahren viel erreicht: 1990, nur vier

Monate nach seiner Einrichtung, erfolgte die Ausweisung als

Schutzgebiet gemäß der Ramsar-Konvention. 1992 folgte die

Aufnahme in das weltweite Netz der Biosphärenreservate durch

die UNESCO. 1998 hat der Hamburger Senat die Anmeldung als

europäisch bedeutsames Schutzgebiet bei der EU-Kommission

vorgenommen. Auch in Zukunft haben wir noch vieles vor: Die

Hamburger Umweltbehörde will sich darum bemühen, die

Anerkennung des Nationalparks bei der UNESCO als Teil des

Weltnaturerbes Wattenmeer zu erreichen.

Bevor man einen Schatz hüten kann, muss man wissen, wo er verborgen

liegt. Mit dem vorliegenden Nationalpark-Atlas kann man

Natur und Geschichte dieses Gebiets entdecken: Zum ersten Mal

erhalten wir einen umfassenden und aktuellen Überblick über das

hamburgische Wattenmeer und seine Entstehung, über die besonderen

Naturschätze der Inseln Neuwerk, Scharhörn, Nigehörn und

der freien Wattflächen. Besonderen Raum nimmt das Kapitel zur

Insel Neuwerk ein, das über die Historie, die angestammten

Nutzungen, über Fremdenverkehr und Hochwasserschutz infor-

miert. Zahlreiche Bemühungen des Naturschutzes von der regionalen

bis hin zur europäischen Ebene werden dokumentiert. Der

Anhang gibt Auskunft über die räumliche Verteilung der Tier- und

Pflanzenarten, die in den letzten Jahren im Nationalpark nachgewiesen

wurden.

Der Nationalpark-Atlas ist aber nicht nur ein umfassendes

Kompendium. Er stellt auch eine unverzichtbare Grundlage für

die weitere Entwicklung dieses Schutzgebiets dar. Die Erfassung

des Status quo ist der erste Teil eines dreiteiligen Nationalparkplans,

in dem die künftige Entwicklung auf der Grundlage des

Nationalparkrechts skizziert werden soll. Im zweiten Teil soll

gemeinsam mit den Neuwerker Bürgerinnen und Bürgern, dem

ehrenamtlichen Naturschutz und den dortigen Behörden ein

Leitbild für den Nationalpark erarbeitet werden. Der dritte Schritt

gilt der Umsetzung dieses Leitbildes: den Konzepten und Maßnahmen,

die die Ziele verwirklichen.

Wenn der Nationalpark eine große Schatztruhe ist, dann ist der

vorliegende Atlas ein Schmuckkästchen, das die vielen Juwelen

der Natur vor uns ausbreitet. Bei Auswärtigen und Neugierigen

weckt er Lust auf Schauen und Staunen vor Ort. Für Interessierte

und Beteiligte ist er Dokumentation, Nachschlagewerk und Ratgeber

in einem. Und selbst Kenner des Nationalparks werden hier

vielleicht noch etwas Neues entdecken. Ich wünsche dem

Nationalpark-Atlas vor allem eine weite Verbreitung, denn: Wer

die verborgenen Schätze kennt, wird sie gerne schützen.

Alexander Porschke

Umweltsenator der Freien und Hansestadt Hamburg


Einleitung

Mit dem vorliegenden Nationalparkatlas wird seit der Gründung

des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer die erste zusammenfassende

Darstellung von naturkundlichen Gütern, aktuellen

Nutzungen sowie historischen Ereignissen mit ihren bis heute

erhaltenen Zeugnissen vorgelegt. Der Atlas soll einen aktuellen

Überblick über den Nationalpark und seine bisherige Entwicklung

verschaffen und Einblicke geben, wie es zu der jetzigen Entwicklung

gekommen ist. Die inhaltliche Darstellung mit Hilfe

zahlreicher und zum Teil umfangreich gestalteter Karten,

Graphiken, Tabellen und Fotos soll helfen, die genaueren räumlichen

und zeitlichen Umstände und die Verknüpfungen unterschiedlicher

Faktoren möglichst leicht verständlich zu machen.

Außerdem erleichtern sie auch das Nachschlagen von Informationen

zu speziellen Fragestellungen.

Die Inhalte des Nationalpark-Atlas basieren auf unterschiedlichsten

Quellen. Besonders hervorzuheben sind die von Dannmeyer,

Lehe und Rüther herausgegebene Monographie der Insel Neuwerk

"Ein Turm und seine Insel" (1952), die wissenschaftlichen

Untersuchungen der Hamburger Wirtschaftsbehörde, Amt Strom

und Hafenbau, zur Errichtung eines Tiefwasserhafens bei

Scharhörn (z.B. Schriftenreihe Hamburger Küstenforschung, seit

1973), die zahlreichen Einzelpublikationen des "Verein Jordsand"

und seiner Mitglieder zur Natur und Vogelwelt im hamburgischen

Wattenmeer und hier namentlich zu den Inseln Neuwerk (Lemke,

1982, 1995) und Scharhörn (Schmid, 1988) sowie schließlich die

zwischen 1995 und 1999 vom Institut für Angewandte Umweltbiologie

und Monitoring (IfAUM, Wremen) im Auftrag der Umweltbehörde/Nationalparkverwaltung

erarbeiteten Grundlagen zur

Erstellung eines Nationalparkplans.

Zu einigen interessanten Detailfragen steuerten auch die

Neuwerker Bürgerinnen und Bürger wichtige Informationen bei.

Wertvolle Unterstützung bei der Bestandsaufnahme leisteten

zudem das Landesamt für den Nationalpark Schleswig-

Holsteinisches Wattenmeer in Tönning und die Nationalparkverwaltung

Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven.

Beide haben umfangreiche Daten zum Bestand von Seehunden

sowie rastenden und mausernden Seevögeln beigesteuert.

Ihnen allen sei an dieser Stelle für Ihre Hilfe herzlich gedankt.

Die Zuordnung der einzelnen Beiträge orientiert sich im

Wesentlichen an der räumlichen Gliederung des hamburgischen

Wattenmeeres. Vorangestellt sind die allgemeinen Einführungskapitel

zum Naturraum Wattenmeer und im Besonderen zum hamburgischen

Wattenmeer. Für eine integrierte zukunftsorientierte

Gestaltung des Lebensraums Wattenmeer allgemein und des

Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer im Besonderen sollten

die bisherigen Bemühungen zum Schutz des Wattenmeeres und

seiner besonders gefährdeten Arten und Lebensräume auf regionaler,

nationaler und internationaler Ebene ausdrücklich Berücksichtigung

finden. Die bereits eindrucksvollen Bemühungen in

diese Richtung sind in den beiden letzten Kapiteln zusammengefasst.

Die vorgelegte Darstellung zum Nationalpark Hamburgisches

Wattenmeer wurde mit großer Sorgfalt zusammengestellt.

Trotzdem ist nicht auszuschließen dass sich der eine oder andere

kleine Fehler eingeschlichen hat. Für konstruktive Anregungen,

Ergänzungen, Korrekturen und Verbesserungsvorschläge sind die

Autorinnen und Autoren dankbar.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 3


4

Inhaltsverzeichnis

Vorwort 2

Einleitung 3

Inhaltsverzeichnis 4

Naturraum Wattenmeer: eine Einführung 6

Salzwiesen - Salzmarschen - Salzgrünländer 8

Die freien Wattflächen 10

Priele: die Verbindung zwischen Watt und Meer 12

Dünen, Sandbänke und Strände 14

Das Wattenmeer und die Vogelwelt 16

Naturraum hamburgisches Wattenmeer 18

Allgemeine Gebietsbeschreibung 20

Entstehung des hamburgischen Wattenmeeres 22

Strömungen und ihre Auswirkungen 24

Insel Neuwerk 28

Bodenaufbau 30

Wildlebende Säugetiere 32

Neuwerker Inselchronik 34

Die bauliche Entwicklung der Inselgemeinde 38

Der Neuwerker Turm 40

Zeugnisse der historischen Kulturlandschaft 42

Fremdenverkehr 44

Versorgung und Entsorgung 46

Hochwasserschutz 48

Pflanzenwelt und Vegetation im Binnengroden 52

Die Brut- und Rastvögel im Binnengroden 54

Die wirbellose Tierwelt im Binnengroden 58

Nutzungen im Binnengroden 60

Pflanzenwelt und Vegetation im Vorland 62

Die Brut- und Rastvögel im Vorland 64

Die Ringelgänse im Vorland 66

Die wirbellose Tierwelt im Vorland 70

Nutzungen im Vorland 72

Auswirkungen der Viehbeweidung auf die Pflanzen- und Tierwelt im Vorland 74

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Die Insel Scharhörn 76

Die Geschichte der Insel Scharhörn 78

Lebensräume und Vegetation im Wandel der Entwicklung 80

Die Insektenwelt der Inseln Scharhörn und Nigehörn 84

Die Vogelwelt und ihre Entwicklung 86

Brut- und Nahrungsbiologie der Fluss- und Küstenseeschwalben 90

Die Müllbelastung im Mündungsbereich der Elbe 92

Die Insel Nigehörn 94

Die Aufspülung der Insel Nigehörn –

ein Naturschutzgroßprojekt von nationaler Bedeutung 96

Lebensräume und Vegetation im Wandel der Entwicklung 98

Die Vogelwelt und ihre Entwicklung 100

Gefährdete Brutvogelarten auf Nigehörn und Scharhörn 102

Die Watt- und Wasserflächen 104

Die Lebensgemeinschaften der Wattflächen und Priele 106

Die Mausergebiete der Brandenten und Eiderenten 110

Die Rast- und Überwinterungsgebiete der Vogelwelt 112

Bestand und Entwicklung der Seehunde 114

Die Wattwege im hamburgischen Wattenmeer 116

Naturschutz im Wattenmeer 118

Grundlagen und Ziele von Nationalparken 120

Die trilaterale Zusammenarbeit zum Schutz des Wattenmeeres 122

Europäische Naturschutzrichtlinien im Wattenmeer 124

Biosphärenreservat: regionale Chancen nachhaltiger Ressourcennutzung 126

Der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer 128

Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer – Entstehung, Grundlagen und Ziele 130

Forschung und Umweltbeobachtung 132

Umweltkommunikation: die Natur verständlich machen 136

Der Nationalpark in der räumlichen Planung 140

Anhang 142

Nationalpark-Steckbrief 144

Nationalpark-Gesetz 146

Verzeichnis der Arten 150

Bestimmungsliteratur 161

Literaturverzeichnis 162

Schriftenreihe der Umweltbehörde 166

Impressum 169


Naturraum Wattenmeer

8

Salzwiesen zählen zu den europaweit am stärksten gefährdeten Lebensräumen. Dabei gehören sie gemeinsam mit den

offenen Wattenbereichen zu den wertvollsten Naturgütern des Wattenmeeres. Salzwiesen beherbergen speziell angepasste

Lebensformen, die an die besonderen Lebensumstände im Übergang von Land und Meer hervorragend angepasst sind.

Salzwiesen-Salzmarschen-Salzgrünländer

Salzwiesen sind weltweit an vielen flachen Meeresküsten verbreitet,

doch ist ihre räumliche Ausdehnung im Wattenmeer mit

ca. 30.000 ha. einzigartig. Der Begriff Salzwiesen kann zu Irritationen

führen, da das Deichvorland nur in wenigen Bereichen

gemäht wird. Daher werden auch die Begriffe Salzmarschen,

Salzrasen und Salzgrünländer verwendet. Alle diese Begriffe

bezeichnen jenes Grünland, das sich etwa zwischen der mittleren

Hochwasserlinie und dem Deich erstreckt und dessen Vegetation

in fein abgestufter Aufeinanderfolge verschiedenartiger Vegetationsgürtel

von Staudenfluren oder Gräsern dominiert wird.

Die Pflanzen der Salzwiesen

Wo im strömungsberuhigten Bereich Feinmaterial abgelagert

wird, können bei Erreichen eines Niveaus von ca. 40 cm unter

MThw erste Blütenpflanzen wie z.B. der Queller oder das

Schlickgras dauerhaft Fuß fassen. Eine beschleunigte Sedimentation

erhöht das Gelände, so dass die Anzahl der Überflutungen

stetig abnimmt. Gleichzeitig sinkt der Salzgehalt im Boden, und

die Durchlüftung verbessert sich entsprechend. In der Folge können

sich weitere Pflanzenarten ansiedeln. Neben dem Andel ist

dies z.B. die Strand-Salzmelde, der Strandflieder und die Strand-

Sode. Innerhalb dieser sogenannten Andel-Zone ("Untere Salzwiese")

bildet sich in natürlichen Beständen ein vielfältiges Vegetationsmosaik,

in dem bereichsweise einige Arten zur Dominanz

kommen können. Die Andel-Zone erstreckt sich etwa bis 35 cm

über die mittlere Hochwasserlinie. Oberhalb dieses Bereiches

schließt sich die Rot-Schwingel-Zone ("Obere Salzwiese") an, in

welcher der namensgebende Salz-Rot-Schwingel dominiert.

Diese Zone wird nicht häufiger als 50 mal pro Jahr vom Hochwasser

überflutet. Neben dem Rot-Schwingel treten hier vermehrt

auch die Strand-Grasnelke und der Strand-Wegerich auf.

Viele Salzwiesen sind in ihrer Entwicklung maßgeblich durch den

Menschen gefördert worden. Für Landgewinnung und Küstenschutz

werden durch Lahnungsbau strömungsberuhigte Bereiche

geschaffen, in denen Schlick sedimentiert. Dadurch erhöhen sich

die Wattflächen. Nach Erreichen des Niveaus der Andel-Zone

wird durch Entwässerungsmaßnahmen, wie dem Bau von

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Grüppen und größeren Gräben, die Entwässerung des Sedimentes

und damit die Belüftung des Bodens gefördert, so dass auf der

Bodenoberfläche eine stabile Grasnarbe entstehen kann.

Die Artenzusammensetzung der Salzwiesen wird von weiteren

Faktoren bestimmt. Auf den seltener vorkommenden sandigen

Substraten entwickeln sich aufgrund der anderen Bodeneigenschaften

abweichende Salzpflanzengesellschaften, in denen z.B.

der Erdbeer-Klee auftreten kann. Neben der Bodenart ist der

Salzgehalt der Bodenlösung bedeutsam. Aufgrund der Sedimenterhöhung

und seltenerer Überflutung wird der Salzgehalt im

Boden in den höheren Salzwiesenbereichen bereits herabgesetzt.

Salzwiesen in Flussmündungen

Sie sind die Besonderen unter den Einzigartigen. Im Bereich des

Süßwassereinflusses der Flußmündungen verstärkt sich die Aussüßung

des Bodens in besonderem Maße, so dass bereits in der

Andel-Zone solche Formen gedeihen können, die keine besonderen

Anpassungen der Salzresistenz entwickelt haben. So ist die

Strandsimse in diesen Bereichen sehr viel stärker vertreten, bei

noch geringerem Salzgehalt kommt auch Schilf auf.

Die Tierwelt der Salzwiesen

Die Kleintierfauna der Salzgrünländer ist sehr formenreich und

im Vorkommen ganz überwiegend eng an den besonderen

Lebensraum gebunden. Mehr als 2500 Tierarten der Insekten,

Spinnen, Kleinkrebse und Würmer sind in den verschiedenen

Ausprägungen nachgewiesen worden. Häufig ist ihre Lebensund

Nahrungsgrundlage von einer einzigen Pflanzenart abhängig

oder sie benötigen das eng verzahnte Nebeneinander von verschiedenen

Lebensbedingungen der natürlichen Salzwiesen.

Viel augenscheinlicher als die Kleintierfauna tritt jedoch die

Vogelwelt der Salzwiesen hervor, auch wenn nur wenige

Vogelarten ausschließlich an Salzgrünländer gebunden sind. Viele

Vogelarten wie z.B. der Rotschenkel oder der Austernfischer können

auch in anderen Biotopen brüten, in den Salzmarschen erreichen

sie jedoch ihre höchste Brutdichte.

Nutzungen in den Salzwiesen

Salzwiesen dienen sowohl dem Schutz der Deiche als auch der

Bewirtschaftung durch die Landwirtschaft. Auf den flach ansteigenden

Vorländern laufen die Wellen schnell auf, brechen anschließend

und verlieren so den größten Teil der Energie bereits

bevor sie auf den Hauptdeich treffen. Die Landwirtschaft nutzt die

Salzwiesen für die Beweidung durch Schafe, Rinder und auch

Pferde.

Eine intensive Beweidung wurde früher als unbedingt hilfreich

angesehen, um die Festigkeit der Grasnarbe und damit die Haltbarkeit

der Wiesen für den Küstenschutz zu gewährleisten. In

neueren Untersuchungen hat sich jedoch herausgestellt, dass auch

unbeweidete und extensiv beweidete Salzwiesen ausreichend Festigkeit

besitzen und der Erosion ebenso gut widerstehen können.

Die intensive Nutzung der Salzwiesen führt zu einem deutlichen

Rückgang der natürlichen Artenvielfalt. Auf beweideten Flächen

dominieren robuste, wenig verbissempfindliche Gräser wie Andel

und Rot-Schwingel. Trittempfindliche Kräuter können nicht mehr

gedeihen.

Die Salzwiesen im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer

Im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer sind Salzwiesen

großflächig nur auf der Insel Neuwerk ausgebildet. Auf den

Düneninseln Scharhörn und Nigehörn bestehen nur kleine Salzwiesenareale.

Außerdem gehört ein kleiner Anteil der Festlandsalzwiesen

an der Wurster Salzwiesenküste zum hamburgischen

Staatsgebiet.

Die Salzwiesen auf Neuwerk stellen etwas Besonderes dar, weil

sie sich nicht einfach in das klassische Schema einordnen lassen.

Im Bereich der ehemaligen östlichen Lahnungsfelder sind typische

Salzwiesen entstanden, in denen sich auch der Unterschied

zwischen beweideten und unbeweideten Salzwiesen deutlich

zeigt.

Hinter dem im Jahr 1925 errichteten Sommerdeich bestehen

jedoch nur noch selten überflutete Salzwiesen, die sich im Übergang

zu den von Süßgräsern dominierten Wiesengesellschaften

befinden. Dennoch sind charakteristische Salzpflanzen der sandigen

Küsten wie Erdbeer-Klee und Lücken-Segge immer noch

verbreitet. In tieferen Bereichen dominiert die Rot-Schwingel-

Zone und Andel. Im Vorland Neuwerks ist die Ausbildung und

Verteilung der Salzwiesengemeinschaften sehr deutlich an das

kleinräumig stark wechselnde Relief angepaßt.


Überflutungshäufigkeit

Salzgehalt

Sedimentart

Überflutungsdauer

Salzwiesen

Vertritt

Entwässerung

Beweidung/

Mahd

Abb. 2:Wesentliche Faktoren, die zur Ausbildung

und Struktur von Salzwiesen beitragen. Blaue

Felder repräsentieren natürliche Faktoren, deren

Auswirkung durch menschliche Einflüsse zusätzlich

beeinflusst werden können. Gelbe Felder

repräsentieren solche Faktoren, die durch Hochwasserschutz

und Landwirtschaft die Entwicklung

der Salzwiesen nachhaltig verändern.

Abb. 3: Blühende Salzwiese im östlichen

Vorland von Neuwerk (September 1996).

Foto Janke.

Queller

Schlickgras

Andel

Strand-Salzmelde

Strand-Dreizack

Strand-Aster

Milchkraut

Strandflieder

Queller-Zone Andel-Zone Priel

Strand-Beifuß

Rot-Schwingel

Strand-Grasnelke

Strand-Wegerich

Salz-Binse

Acker-Kratzdistel

Rot-Schwingel-

Zone Deich

Abb. 4: Die Salzwiesenvegetation bildet in Abhängigkeit von der Überflutungshäufigkeit deutliche

Zonen. Die Queller-Zone wird bis zu 700 ma/Jahr überflutet. Die höher gelegene Andel-Zone wird

noch 250 mal jährlich überflutet. In der Rot-Schwingel-Zone beträgt die Überflutungshäufigkeit noch

40 - 70 mal/Jahr. Der Deich wird nur noch bei Sturmflutereignissen erreicht.

Bewirtschaftete

Struktur

Quellerzone

Andel-Zone

Rot-Schwingel-Zone

Natürliche

Struktur

Meer

Dünen

Deich

Abb. 5: Schematische Darstellung

bewirtschafteter Salzwiesen (linke

Bildhälfte) und natürlicher Salzwiesen

(rechte Bildhälfte). Durch

gezielte Entwässerung (Grüppung)

und Beweidung wird die Struktur

der Salzwiesen einheitlicher, die

Wasserfläche wird zugleich vergrößert.

In den unbewirtschafteten

Salzwiesen stellt sich eine natürliche

geomorphologische Struktur mit

wassergefüllten Senken, Salzpfannen

und kleinen Geländerücken ein. Die

deutliche Grenze zwischen den verschiedenen

Salzwiesen-Zonen löst

sich auf.

Abb. 1: Ausdehnung der Salzwiesen (grüne Flächen) im Nationalpark

Hamburgisches Wattenmeer.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 9


Naturraum Wattenmeer

10

Der „Lebensraum auf den zweiten Blick“ ist der Inbegriff des Wattenmeeres schlechthin. Dem geübten Blick des Wattwanderers

erschließt sich in der scheinbar endlosen wüstenhaften Weite des freigelegten Meeresbodens ein dicht besiedelter

Raum mit einer formen- und artenreichen Lebensgemeinschaft.

Die freien Wattflächen

Als freie Wattflächen werden die im Rhythmus der Tide trockenfallenden

flachen Sandrücken bezeichnet, die von Rinnensystemen,

den Prielen, Gats und Baljen, durchzogen sind. Dieser

Lebensraum -gemeinhin als Watt bezeichnet - ist jener Bereich,

der bei Hochwasser regelmäßig überflutet wird und bei Niedrigwasser

trockenfällt.

Wie und wann entstand das Watt?

Die Entstehung des Watts nahm ihren Anfang nach dem Ende der

letzten Eiszeit, als sich die Nordsee wieder nach Süden hin ausbreitete,

etwa 5.500 Jahre vor unserer Zeitrechnung (siehe Seite

22). Doch nicht nur nacheiszeitliche Ablagerungen, sondern auch

die heutigen Strömungen und Winde sind am Aufbau und Abbau

der Wattflächen maßgeblich beteiligt. Besonders drastisch verändern

sich die Watten und Prielverläufe durch Sturmereignisse,

aber selbst die den Boden mit ihrer Kriechspur einschleimenden

Wattschnecken vermögen die Oberfläche und Beschaffenheit des

Wattbodens nachhaltig zu verändern.

Die Struktur der Wattflächen

Watt ist nicht gleich Watt. Durch die gezeitenbedingte Dynamik

in Verbindung mit den unterschiedlichen Strömungs- und

Sinkgeschwindigkeiten der Sedimente entstehen drei verschiedene

Watt-Typen. Die feinkörnigen Sedimente der Watten werden

entsprechend ihrer Beschaffenheit unterschiedlich gut vom

Wasser transportiert: In strömungsberuhigten Gebieten, das sind

vor allem die hochliegenden, festlands- und inselnahen Bereiche,

lagern sich feine Sedimente ab. Dies führt zur Bildung von

Schlickwatt. Die feinen Sedimente bestehen zu über 50% aus Ton

und Silt, ihr organischer Anteil macht bis zu 20% aus. Das

Schlickwatt ist für den Wattwanderer an seinen plastischen

Eigenschaften, die bei jedem Schritt zum Einsinken führen, deutlich

erkennbar.

In strömungsreicheren Gebieten bildet sich das Sandwatt mit

deutlich gröberen Sedimentanteilen aus. Typisch für das Sandwatt

sind die von der Wasserströmung erzeugten waschbrettähnlichen

Rippelmarken auf der Bodenoberfläche. Sandwatt-Sedimente

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

bestehen überwiegend aus Feinsanden und besitzen einen Tonund

Silt-Anteil von lediglich 10%.

Das Mischwatt schließlich stellt eine Übergangsform zwischen

den beiden oben genannten Watt-Typen dar.

Leben im Watt

Die drei Watt-Typen Sand-, Misch- und Schlickwatt unterscheiden

sich nicht nur in ihrer Korngröße sondern auch in ihrem

Wasser- und Sauerstoffgehalt. Diese Parameter beeinflussen

ebenso wie die im Rhythmus der Tide schwankenden Faktoren

Porenwasser, Gehalt an organischer Substanz, Temperatur,

Wasserströmung, Wasserbedeckung, Lichtintensität und Salzgehalt

den Lebensraum und damit die Besiedlung des Wattbodens

durch Organismen. Diese zweimal täglich stattfindende grundlegende

Veränderung des Lebensraums stellt außergewöhnliche

Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit seiner Bewohner. Von

den rund 95.000 Organismenarten in Mitteleuropa können nur

etwa 2.500 Arten unter den besonderen Bedingungen des

Wattenmeeres dauerhaft überleben.

Die Lebensräume in und auf dem Wattboden sind überwiegend

von Organismen besiedelt, die ihre Aktivitäten weitgehend auf

den Grenzbereich zwischen Wasser und der obersten Bodenschicht

beschränken (Benthos). Sie sind deshalb auch in besonderem

Maße den Wechselwirkungen zwischen Sediment und

Wasser ausgesetzt.

Neben den frei umherwandernden Schnecken, Krebstieren und

Würmern haben sich andere Wattbewohner an eine standorttreue

Lebensweise angepasst. Diese Tiere bewohnen selbst gegrabene

und zum Teil auch ausgekleidete Wohnröhrensysteme. Mit feinen,

langen Armen und Tentakeln suchen sie bei hohen Wasserständen

den Wattboden nach organischen Teilchen oder mikroskopisch

kleinen Kieselalgen ab. Eine dritte Gruppe von Wattbewohnern

hat sich darauf spezialisiert, die Nahrung aus dem

Wasser herauszufiltrieren. So bilden die meisten im Boden eingegrabenen

Muschelarten jeweils eine schlauchförmig verlängerte

Ein- und Ausstromöffnung aus, mit deren Hilfe sie das Wasser

heranstrudeln. Im Schaleninneren halten die fein gefiederten

Kiemen selbst feinste Nahrungspartikel zurück und fächeln sie

zum Mund.

„Felsen“ im Wattenmeer

Ein besonderer Lebensraum des Wattenmeeres bilden die Bänke

der Miesmuscheln. Diese schaffen es, sich mit Hilfe von festen

Eiweißfäden in mehreren Etagen und nur einer kleinen festen

Unterlage (z.B. eine Muschelschale oder ein angeschwemmter

Holzbalken) fest auf dem Boden anzusiedeln. Das quasi „Felsenbiotop“

im Watt lockt zahlreiche ansonsten im Wattenmeer seltene

Lebensformen an. Alte Muschelbänke beherbergen Schwämme,

Polypenkolonien, Blumentiere, Moostierchen, Seescheiden,

Seepocken und verschiedene Tange. Eine ähnliche Besiedlung

bildet sich auch an den Buhnen, Molenwänden und anderen festen

Hochwasserschutzanlagen und sogar an den Schiffsrümpfen,

wenn diese nicht ständig vom Bewuchs frei gehalten werden.

Leben vom Watt

Nicht nur im und auf dem Boden, sondern auch über dem Watt

findet Leben statt. Für die Watvögel ist der Wattboden mit einer

Produktion von 300 Gramm Biomasse/m 2 ein „reich gedeckter

Tisch“. Um einer möglichen Nahrungskonkurrenz mit anderen

Arten zu begegnen und zugleich das vorhandene Nahrungsangebot

möglichst vollständig nutzen zu können, haben sich bei den

Watvögeln beispielsweise spezielle Schnabelformen herausgebildet,

die es ihnen erleichtern, ihre artspezifische Nahrung in diesem

außergewöhnlichen Substrat ausfindig zu machen und zu

ergreifen. So stochern die Pfuhlschnepfen gezielt in Wurmröhren

und Muschelgängen, während die Brandenten vorwärts gehend

ihren leicht geöffneten Schnabel flach in den Boden führen, um

ihre Beute zu ertasten. Der Säbelschnäbler schwenkt seinen

abwärts gebogenen, langen Schnabel durch die oberste Bodenschicht

und durchkämmt sie nach Wattschnecken und Schlickkrebsen.

Der Große Brachvogel kann mit seinem besonders langen,

nach unten gebogenen Schnabel selbst die tief im Boden eingegrabenen

Pfeffermuscheln und Seeringelwürmer erreichen. Der

besonders kräftige Schnabel des Austernfischer ermöglicht es

ihm, Herz- und Miesmuschelschalen aufzubrechen, während der

Rotschenkel in der Lage ist, mit seinem relativ langen Schnabel

auch Plattmuscheln zu erbeuten und Seeringelwürmer aus ihren

Gängen im Wattboden zu ziehen. Der kurzschnäblige Sandregenpfeifer

erbeutet Wattschnecken und pickt Krebse und Kleinschnecken

von der Wattoberfläche ab.


Kiemenringelwurm

Tiefe (cm)

Bäumchenröhrenwurm

5

10

15

20

als Erwachsener

Sanderling

Sandregenpfeifer

Knull

Wattschnecke

Herzmuschel

S a n d w a t t Mischwatt Schlickwatt

Plattmuschel

Seeringelwurm

Pygospiowurm

Herzmuschel

Opalwurm

Wattwurm

Schlickkrebs

Rotschenkel

Plattmuschel

Pfeffermuschel

Wattwurm

als Jungtier

Klaffmuschel

Pfuhlschnepfe

Kotpillenwurm

Pfeffermuschel

Schlickkrebs

Wattschnecke

Abb. 3: Besiedlung der unterschiedlichen Watt-Typen durch wirbellose Tiere.

Großer Brachvogel

Seeringelwurm

Abb. 2:Typische Schnabelformen als Anpassung an den Lebensraum

der bevorzugten Beutetierart.

Abb. 4: Bei niedrigen Wasserständen legt die Tide den größten Bereich

des Meeresbodens im Wattenmeer frei. Foto Janke.

Abb.1: Ausdehnung der freien Wattflächen (graue Flächen) im

Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 11


Naturraum Wattenmeer

12

Priele und Prielströme stellen je nach Tidestand entweder das Flutungs- oder Entwässerungssystem des Wattenmeeres dar.

In Abhängigkeit von der Beschaffenheit des Untergrundes, der hydromechanischen und klimatologischen Grundbedingungen

bilden sie sich in unterschiedlicher Formenvielfalt aus und unterliegen zugleich ständigen Veränderungen.

Priele - die Verbindung zwischen Watt und Meer

Das Ökosystem Wattenmeer umfaßt, neben den periodisch

trockenfallenden Wattrücken, auch solche Bereiche, die ständig

mit Wasser bedeckt sind. In dieser sogenannten Dauerflutzone, zu

denen auch die Priele und Prielströme gezählt werden, regieren

ganz eigenständige Umweltbedingungen, die diese Lebensräume

deutlich von allen anderen unterscheiden und zu den typischen

marinen Ökosystemen überleiten.

Dabei verleihen vor allem die Ebb- und Flutströme dem Wattenmeer

seine charakteristische Dynamik und Gestalt. Während der

Ebbe bzw. Flut erreicht das von den Wattflächen ausströmende

bzw. in sie einströmende Wasser hohe Strömungsgeschwindigkeiten,

die einen periodischen Sediment- und Nährstofftransport

hervorrufen. Der Ebbstrom erreicht im allgemeinen eine

größere Strömungsgeschwindigkeit als der Flutstrom.

Die Priele

Als Priele werden Wasserrinnen im Watt, also kleine Wattrinnen,

bezeichnet, die auch zur Niedrigwasserzeit noch mit natürlichem

Gefälle Wasser führen. Im Gegensatz zu den Prielströmen, in die

sie entwässern, sind sie mit weniger als 1 Meter Tiefe meist nur

flach. Priele werden vom Ebbstrom geprägt und daher als Ebbpriele

bezeichnet. Im niedersächsischen Sprachgebrauch werden

diese größeren Priele "Baljen" genannt. Baljen oder Ebbpriele

unterscheiden sich durch ihre ständige Wasserführung von den

Drainageprielen, die während der Ebbe vollständig leerlaufen.

Aufgrund der im Wattenmeer durch Tide und Wind ausgelösten

starken Stromkräfte mäandrieren Priele sehr stark und unterliegen

ständigen Veränderungen. In den Kurven bilden sie Prall- und

Gleithänge aus, ähnlich den naturbelassenen Bächen und Flüssen

auf dem Festland. Am Prallhang erfolgt ein Abbruch, am

Gleithang eine Anlagerung von Sedimenten. Dieser Prozeß führt

zu einer Verlagerung des Priels. Im Mischwatt kann die

Prielverlagerung 20 Meter bis 30 Meter pro Jahr betragen, im

Sandwatt sogar bis zu 100 Meter pro Jahr.

Auch der Querschnitt der Priele unterscheidet sich je nach Watt-

Typ. Im Sandwatt gelegene Priele haben ein mehr oder weniger

ebenes Bett ausgebildet, während Schlickwatt-Priele sich ein stei-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

leres, U-förmiges Profil gegraben haben.

Die Priele sind in ihrem Sohlenbereich durch relativ starke Sedimentbewegung

gekennzeichnet. Es wechseln sandige Abschnitte

mit von Schill dominierten Bereichen ab. Nur in den strömungsberuhigten

Flutbuchten dominieren dagegen feinere Sedimente.

Prielströme

Prielströme sind die Hauptentwässerungsrinnen des Watts. Sie

durchschneiden die Wattflächen von der offenen See her bis zum

Festland und führen ständig - also auch bei Niedrigwasser –

Wasser mit mehr als einem Meter Tiefe. Im Vergleich zu den

Prielen verändern die Prielströme ihre Lage nur langsam.

In den großen Prielströmen können sehr hohe Strömungsgeschwindigkeiten

erreicht werden. So wurden z.B. im nordfriesischen

Prielstrom Norderhever Fließgeschwindigkeiten von bis zu

Abb. 1: Ablaufender Priel zwischen Scharhörn und Neuwerk. Die Ansammlung

der freigespülten Molluskenschalen wird als "Muschelgrab"

bezeichnet. Foto: Janke.

1,4 m/s gemessen. Diese hohen Strömungsgeschwindigkeiten

führen zu großen Umlagerungsraten. Im Sohlenbereich lagern

sich daher vornehmlich gröbere Sedimente ab (Grobsande, Schill

oder Kies). Auf Teilstrecken können auch aus früheren Eiszeiten

stammende grobe Ablagerungen angeschnitten werden, wodurch

Steine und Kies zutage treten.

Im Bereich zwischen den Rinnenabhängen und der MTnw-Linie

befinden sich ständig überflutete (sublitorale) Flächen in unterschiedlicher

Ausdehnung, in denen relativ strukturarme Vertiefungen

ausgeformt sein können. Diese Bereiche werden als

unterseeische Flutbuchten bezeichnet.

Obwohl die Prielströme auch Gemeinsamkeiten mit den großen

Strömen auf dem Festland aufweisen, gibt es zu ihnen auch gravierende

Unterschiede: So wechselt z.B. die Strömungsrichtung

periodisch viermal am Tag (zweimal pro Tideperiode).

Seegats

An den Ausgängen der Prielströme zwischen den Inseln und

Außensänden wird der Strom stark verengt. In diesen Seegats

herrschen sowohl bei Ebbe als auch bei Flut außerordentlich hohe

Strömungsgeschwindigkeiten. Infolgedessen kommt es zur fortlaufenden

Vertiefung der Rinnen, die bis über 35 Meter Tiefe

erreichen können (z.B. im Lister Tief bei Sylt). Im seeseitigen

Mündungsbereich zur offenen See, im sogenannten Ebbdelta,

verringert sich die Strömungsgeschwindigkeit ganz abrupt, so

daß gröbere Sedimente abgelagert werden. Stetig wechselnde

Sedimentationsbedingungen führen zur Ausbildung sehr veränderlicher

Sandbänke und Barren. Der wattseitige Mündungsbereich,

das Flutdelta, ist dagegen weniger stark ausgebildet und

einer wesentlich geringeren Dynamik ausgesetzt.

Senken

Ebenfalls zur Dauerflutzone können mehr oder weniger isolierte

Senken und Vertiefungen auf den Wattflächen gezählt werden.

Hier bleibt das Wasser während der Trockenzeit stehen und bildet

so Wasserinseln. Auch künstliche Vertiefungen, wie etwa

Sandentnahmestellen (z.B. das sogenannte Baggerloch im Osten

Scharhörns), sind zu diesem Biotoptyp zu zählen und häufig tiefer

als natürlich entstandene Senken. In diesen isolierten und z.T.

nur sehr flachen Wasserlöchern herrschen Lebensbedingungen

mit starken Schwankungen. Starker Regen kann den Salzgehalt

deutlich verringern, Sonneneinstrahlung vermag ihn durch

Verdunstung stark zu erhöhen und zugleich die Temperatur deutlich

ansteigen lassen.

Diese vom Wasser zeitweilig abgeschnittenenen Bereiche wirken

als Sammlungsbecken für wasserlebende Organismen, die bei

einsetzendem Niedrigwasser ihren Rückzug in die tieferen Priele

nicht geschafft haben. Da die Organismendichte sich hier kurzfristig

deutlich erhöht, nutzen viele Vögel (Möwen, Seeschwalben)

diese Flächen als Jagdgebiete während der Zeit niedriger

Wasserstände. Die beschriebenen Senken sind meist nur von

begrenzter Dauer. Aufgrund ihrer speziellen hydrologischen

Bedingungen versanden sie innerhalb kurzer Zeit wieder,

während anderenorts neue entstehen.


Spritzwasserzone (Supralitoral):

selten überflutete Bereiche der Küste, häufig nur noch von

salzhaltigem Spritzwasser erreicht.

Wechselflutzone (Eulitoral):

periodisch im Wechsel von Ebbe und Flut trockenfallende

bzw. überspülte Küstenbereiche; der Wechselflutraum entspricht

dem Bereich zwischen der mittleren

Springtideniedrig- und –hochwasserlinie.

Dauerflutzone (Sublitoral):

ständig unter Wasser bleibender Küstenabschnitt, höchstens

noch bei Extrembedingungen trockenfallend; seine

obere Grenze fällt etwa mit der mittleren Springtideniedrigwasserlinie

zusammen.

Abb. 3: Charakteristische Formenelemente des Wattenmeers am Beispiel des Bakenlochs.

Abb. 2: Priele (dunkelblau) und Dauerflutzone (hellblau) im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 13


Naturraum Wattenmeer

14

Sandige Küstenabschnitte mit Stränden und Dünen gehören zu den beliebtesten Erholungsräumen im Wattenmeer. Nur

dort, wo relativ starke Strömungsverhältnisse herrschen, lagern sich die für ihre Bildung notwendigen grobkörnigen

Sedimente ab. Die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt muss ständige An- und Ablagerungen, plötzliche Über- und

Fortspülungen bis hin zur zumindest vorübergehende Unbewohnbarkeit ihres Lebensraumes ertragen.

Dünen, Sandbänke und Strände

Entstehung

Im ganz überwiegenden Teil des Wattenmeeres lagern sich feine

Sedimente ab, die zur Bildung der Watten führen. Sandige

Bereiche haben sich nur in sehr strömungsexponierten äußeren

Wattenbereichen (Außensände) sowie den Barriere-Inseln der

friesischen Inselketten etabliert. Auch im inneren Bereich der

deutschen Bucht entstanden ausgeprägte Sandbänke, von denen

der Große Knechtsand und die Scharhörnplate die bedeutendsten

sind. Durch das Zusammenwirken von Brandung, Gezeiten und

Driftströmungen sowie den Windverhältnissen werden die Sände

bis wenige Dezimeter über der mittleren Tidenhochwasserlinie

aufgeweht und gespült, bis sie schließlich nur noch durch den

Wind und seltene, extreme Hochwasserereignisse weiter aufgebaut,

umgelagert und wieder abgebaut werden können. Auch der

Bewuchs mit Pflanzen kann eine weitere Entwicklung und

Stabilisierung bewirken.

Sandbänke und Strände zeichnen sich durch eine wüstengleiche

Vegetationsarmut aus. Nur wenn winterliche Hochwässer Algenund

Tangpakete anspülen und diese durch Sandüberwehung befestigt

werden, können sich Substrate ausprägen, die die Bildung

einer Vegetation überhaupt zulassen. Aus angespülten Samen

können einige wenige Pflanzenarten im nährstoffreichen, aber

salzhaltigen Treibgut austreiben. Nur selten entwickeln sich auf

den Sandstränden mehrere Jahre überdauernde Strandwallsysteme.

Diese gehören dann zu den bedeutendsten Brutplätzen

der Seeregenpfeifer und der Zwergseeschwalben, auch wenn ihre

Gelege den sommerlichen Hochwässern schutzlos ausgeliefert

sind. Die Außensände sind von großer Bedeutung für die heimischen

Robben. Hier liegen die wichtigsten Ruhe- und Säugeplätze

für die Aufzucht des Nachwuchses.

Für den Küstenschutz sind die Außensände deshalb so bedeutsam,

weil sie bei schweren Sturmfluten die herannahende

Dünung mit ihren enormen Kräften bereits im großen Maße brechen

können.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Dünenbildung

Sandbänke sind instabil. Fortwährend werden sie in ihrer Größe,

Form und Ausrichtung verändert. Haben sie allerdings eine energetisch

günstige Lage eingenommen und sind die klimatischen

Bedingungen geeignet, können auf ihnen Dünen entstehen. Durch

Sandanwehung erhöht sich im Ablagerungsbereich die Sandbank,

wodurch sie zumindest im Sommer nur noch selten überflutet

wird. Ausgangspunkt der Bildung von Primärdünen sind erste

Pflanzen und/oder Treibselansammlungen. Hinter diesen kleinen

Strandwällen und im Windschatten der einzelnen Pflanzenhorste

der Binsen-Quecke lagert sich Sand ab. Die Pionierpflanzen sind

in der Lage diesen lockeren, zumeist sehr nährstoffreichen Sand

zu durchwachsen und mit ihrem Wurzelwerk festzuhalten. Die

Quecke und wenige andere Pflanzenarten vermögen die fortlaufende

Sandanhäufung und Übersandung auszugleichen, da sie

ständig neu austreiben und quasi mit dem fortlaufend angewehten

Sand in die Höhe wachsen. Diese Dünenformen bilden noch sehr

lückenhafte Pflanzenbestände, die kaum mehr als 60% des

Strandes bedecken, und durch Sturmfluten leicht wieder fortgeschwemmt

werden können.

Mit der zunehmenden Anhäufung von Sand entstehen in der weiteren

Entwicklung sogenannte Weißdünen. Da ihnen der unmittelbare

Einfluss des Salzwassers fehlt und durch die Niederschläge

der Boden zusätzlich ausgesüßt wird, können weitere

Pflanzen in den jungen, nur wenige Dezimeter hohen Dünen siedeln.

Zu ihnen gehören die Strand-Platterbse und die Stranddistel.

Die Besiedlung durch Strandhafer und Strandroggen führt zum

Einfangen weiteren Dünensandes und damit zur weiteren

Dünenbildung und Erhöhung bis zu mehr als 6 Meter Höhe.

Alte Dünen

Durch die zunehmende Vegetationsbedeckung wird der Dünensand

dauerhaft befestigt. In dieser Phase setzen bodenbildende

Prozesse ein, die sich in einer Graufärbung des Sedimentes

andeuten. Gleichzeitig werden Nährstoffe in den Untergrund ausgewaschen,

so dass im weiteren Verlauf nährstoffarme Graudünen

entstehen. Hier dominieren trockenheitstolerante und

bedürfnislose Pflanzen wie z.B. die Sand-Segge, das Silbergras,

das Sandglöckchen und die Kriech-Weide, die allerdings nur

wenig Salz ertragen.

Im Laufe vieler Jahrzehnte entstehen aus den Graudünen durch

fortlaufende Humusanreicherung mit Gebüschen bedeckte

Braundünen, deren Vegetation den Boden nunmehr vollständig

bedeckt. Zu ihren Charakterformen gehören die Krähenbeere und

die Besenheide, in den feuchteren Dünentälern auch die Glockenheide,

Moosbeere und der Rundblättrige Sonnentau.

Sukzession

Die jeweiligen Dünenformen sind nicht nur durch ihre charakteristische

Pflanzendecke gekennzeichnet. Auch die tierische

Besiedlung ist in den unterschiedlichen Dünen gänzlich verschieden.

Dies liegt sowohl an den auftretenden Pflanzen als auch an

der Struktur der Bestände. Dichte und Höhe der Pflanzendecke

beeinflussen Lichteinfall, Wärme, Offenheit und Trockenheit des

Bodens. Dies alles sind Faktoren, an denen sich die Standortwahl

der Besiedler maßgeblich orientiert.

Die geschilderte fortschreitende Dünenentwicklung ist jedoch

von weiteren Faktoren abhängig. Störungen durch Veränderungen

der Strömungsverhältnisse, durch klimatische Extremjahre oder

durch Verletzungen der Bodenoberfläche – beispielsweise durch

Vertritt - können sich verheerend auf die Dünenentwicklung auswirken

bis hin zur völligen Abtragung.

Menschlicher Einfluss

Besonders die Dünen und Strände gehören zu den attraktivsten

Naherholungsgebieten im Wattenmeer. Die meisten Sandstrände

an der deutschen Nordseeküste werden als Badestrände genutzt

und nur in streng geschützten Dünenbereichen kann der menschliche

Einfluß weitgehend verhindert werden. Die Anwesenheit

badender, sich sonnender und campierender Menschen führt zu

weitreichenden Folgen für die Natur. Störungsempfindliche

Vogelarten und Seehunde verlassen diese Strandabschnitte. Die

stabilisierende, aber noch sehr empfindliche Vegetation der

Dünen wird durch Vertritt zerstört. Diese Erkenntnis hat dazu

geführt, dass Dünen, die besondere Schutzfunktionen für Tierarten

oder für den Hochwasserschutz ausüben, für den Menschen

gesperrt werden. Andererseits ist jedoch der beständige Auf- und

Abbau von sandigen Substraten ein charakteristisches Kennzeichen

des dynamischen Wattenmeeres.

Dünen- und Strandbereiche im hamburgischen Wattenmeer bleiben

im Wesentlichen auf die Inseln Scharhörn und Nigehörn

beschränkt. Daneben bestehen kleinere flache Dünenareale in

unmittelbarer Nähe der Neuwerker Ostbake.


Seeregenpfeifer

Zwergseeschwalbe

Brandseeschwalbe Brandseeschwalbe

Küstenseeschwalbe

Flußseeschwalbe

Silbermöwe

Brandente

Sumpfohreule

Karmingimpel

Hänfling

Strand Primärdüne Weißdüne Dünental Graudüne Dünental Braundüne

Binsen-Quecke

Salzmiere

Strandhafer

Strandroggen

Rotschwingel

Strand-Segge

Kopfried

Salz-Bunge

Silbergras

Sand-Segge

Dünen-Veilchen

Mauerpfeffer

Glockenheide

Sonnentau

Sumpf-Bärlapp

Krähenbeere

Besenheide

Weiden

Sanddorn

Abb. 2: Schematisierte Abfolge der Dünengesellschaften und der dort brütenden Vogelarten.

Abb. 1: Ausdehnung der Dünenbreiche (gelbe Flächen) im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Abb. 3: Rund um die Inseln Scharhörn und Nigehörn bilden

sich in unregelmäßigen Abständen kurzlebige

Bestände des Meersenfes aus. Foto Janke.

Abb. 4: Auf Scharhörn gehört der Strandroggen zur charakteristischen

Besiedlung der Weißdünen. Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 15


Naturraum Wattenmeer

16

Das Wattenmeer gehört zu den weltweit bedeutendsten Feuchtgebieten für rastende, mausernde und überwinternde Watund

Wasservögel. Im Verbund mit den angrenzenden Salzwiesen, Kögen und Marschengrünländern ist es das wichtigste

zusammenhängende Rast- und Nahrungsgebiet für Watvögel des Ostatlantischen Flugweges zwischen der Arktis und dem

südlichen Afrika.

Das Wattenmeer und die Vogelwelt

Die enormen Vogelscharen, die zu bestimmten Zeiten das Wattenmeer

bevölkern, beeindruckten schon immer die Anwohner und

Besucher der Region. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war nur

wenig über ihre tatsächliche Zahl, ihre Verbreitung im Wattenmeer

und ihre sonstigen Aufenthaltsorte zur Brutzeit und im

Winter bekannt. Durch umfangreiche Untersuchungen wie z.B.

Beringungen und wattenmeerweite Vogelzählungen auf den freien

Wattflächen zur Rastzeit konnten jedoch unsere Kenntnisse

über das Wattenmeer und seine Bedeutung für die Vogelwelt

wesentlich erweitert werden.

Internationale Zugvogelwege und Brutpopulationen

Das Wattenmeer repräsentiert das bedeutendste zentrale Rastgebiet

der Vögel auf ihrem ostatlantischen Zugweg von ihren arktischen

und subarktischen Brutgebieten zwischen Nordsibirien

und Nordostkanada in ihre südlichen Überwinterungsgebiete.

Während einige Arten wie z.B. der Säbelschnäbler und der

Austernfischer hauptsächlich an den Atlantikküsten von Frankreich

bis Portugal und in Nordafrika überwintern, ziehen Knutt,

Regenbrachvogel und Seeschwalben weiter, teilweise bis an die

Küsten West- und Südafrikas. Den weitesten Zugweg aller Vogelarten

im Wattenmeer nimmt die Küstenseeschwalbe auf sich. Aus

ihren Brutgebieten an den arktischen und mitteleuropäischen

Küsten und natürlich auch aus dem Wattenmeer selbst zieht sie im

Winterhalbjahr bis an den antarktischen Eisrand.

Getrennte Brutpopulationen einiger Arten nutzen auch unterschiedliche

Rast- und Überwinterungsgebiete. Eine Brutpopulation

besteht aus einer Gruppe von Tieren einer Art, die über

mehrere Generationen ein bestimmtes Brutgebiet aufsucht, das

von anderen Brutgebieten deutlich getrennt ist. Beispielsweise

überwintern die in Nordsibirien brütenden Knutts an den Küsten

West- und Südafrikas, während die in Grönland und Nordostkanada

brütenden in Westeuropa bleiben. Auch wenn beide

Populationen das Wattenmeer aufsuchen, so vermischen sie sich

nicht, weil sie sich stetig "verpassen". Sie erreichen und verlassen

das gemeinsame Nahrungs- und Rastgebiet zu unterschiedlichen

Zeiträumen.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Internationale Vogelzählungen im Wattenmeer

Durch gleichzeitige Zählungen, den sogenannten Synchronzählungen,

in Dänemark, Deutschland und den Niederlanden wird

seit 1980 der Gesamtbestand an Vögeln im Wattenmeer systematisch

erfasst und der Zustand der einzelnen Artenbestände bewertet.

Die bisherigen Untersuchungen haben gezeigt, dass insgesamt

etwa 10-12 Millionen Vögel im Laufe ihres Jahreszykluses das

Gebiet des Wattenmeeres auf die eine oder andere Weise besuchen

und nutzen. Zu ihnen gehören rund 2-2,5 Mio. Gänse und

Enten, 6-7 Mio. Watvögel sowie 2-2,5 Mio. Möwen und Seeschwalben.

Am häufigsten kommen die Alpenstrandläufer (1,2

Mio.), Austernfischer (739.000), Knutts (433.000) ins Wattenmeer,

aber auch von Silbermöwen, Pfuhlschnepfen und Pfeifenten

können ebenfalls noch mehr als 300.000 Individuen im

Wattenmeer erfasst werden.

Trotz sehr sorgfältig organisierter und ausgeführter Beobachtungen

können bei den internationalen Vogelzählungen doch einige

Vogelarten nicht erschöpfend erfasst werden. So ist z.B. zu vermuten,

dass weitaus mehr Möwen und Seeschwalben anwesend

gewesen sind, da sie auf hoher See fressen oder häufig zwischen

Binnenland und Wattenmeer wechseln. Wiesenbrüter wie Kiebitz,

Kampfläufer oder Goldregenpfeifer halten sich in höheren Zahlen

in den angrenzenden Marschen auf, so dass die Zählmenge aller

Wahrscheinlichkeit nach geringer ist als der tatsächliche Bestand.

Verteilung in Raum und Zeit: ein stetiges Kommen und Gehen

Die meisten Arten erscheinen fast überall im Wattenmeer, dennoch

kann man je nach Art ein unterschiedliches räumliches und

zeitliches Verteilungsmuster erkennen, das von verschiedenen

Faktoren bestimmt wird. Einige Arten suchen traditionell jedes

Jahr dieselben Rastplätze auf (Ringelgans, Nonnengans), andere

konzentrieren sich in großen Schwärmen dort, wo derzeitig die

Nahrungsgründe am ergiebigsten sind (Knutt).

Die höchsten Watvogelzahlen werden im Herbst mit ca. 2-2,6

Mio. Tieren erreicht, wenn Alpenstrandläufer und Austernfischer

sowie zahlreiche Gänse-, Enten- und Möwenarten gleichzeitig

einfallen. In milden Wintern bleiben immerhin etwa 1 Million

Watvögel im Wattenmeer. In kalten Wintern weichen die meisten

von ihnen jedoch zumindest zeitweilig in den relativ milden niederländischen

Teil des Wattenmeeres oder die südlich angrenzenden

Küstenabschnitte aus.

Im Frühjahr konzentrieren sich viele arktische Watvögel und

Gänse im nordöstlichen Teil des Wattenmeeres. Die höchsten

Dichten von Alpenstrandläufern werden beispielsweise in dänischen

und schleswig-holsteinischen Gebieten erreicht. Mausernde

Brandenten und Eiderenten erlangen die höchsten Konzentrationen

im deutschen Wattenmeer. Neben Tradition, Klima, Nahrungsverfügbarkeit

und Störungsarmut kann auch direkte Verfolgung

zum Verteilungsmuster beitragen. Dies zeigt die Verteilung

des Großen Brachvogel, der in Dänemark noch bis 1993 bejagt

wurde und daher das dänische Wattenmeer fast vollständig mied.

Funktionen des Wattenmeeres für die Vogelwelt

Aufgrund ihrer speziellen Lebensweisen und Zugstrategien nutzen

die verschiedenen Arten das Wattenmeer zu unterschiedlichen

Zeiten und auf unterschiedliche Weise. Daher durchlaufen

sie im Wattenmeer auch verschiedene Lebensabschnitte. Einige

Arten (Austernfischer, Großer Brachvogel) verbleiben zu einem

großen Teil im Winter (Überwinterer). Die meisten Arten sind

jedoch echte Durchzügler, die lediglich während des Frühjahrs

und Herbstes im Wattenmeer erscheinen.

Kurzfristige Duchzügler, in der Regel extreme Langstreckenzieher,

die in den arktischen Gebieten brüten und im tropischen

Afrika überwintern, bleiben nur für wenige Wochen. Sie fressen

sich im nahrungsreichen Wattenmeer die notwendigen Fettreserven

für ihren Weiterzug in ihre Brutgebiete an und nutzen das

Wattenmeer quasi als "Tankstelle". Besonders große Konzentrationen

zeigt der Knutt, der bei einem Watt-Stopp von nur 3

Wochen im Mittel 50% seines Körpergewichts zulegt.

Andere Arten verbleiben während einer oder beider Zugperioden

über längere Zeit im Wattenmeer. Sie nutzen das Wattenmeer

nicht nur zur Energieaufnahme, sondern zeitgleich auch häufig

zur Mauser (Alpenstrandläufer, Kiebitzregenpfeifer). Im Spätsommer/Herbst

mausern viele Enten- und Watvögel im Wattenmeer.

Nahezu die gesamte nordeuropäische Population der Brandente

mausert im Bereich der Elbmündung und auch für die Eiderente

ist das deutsche Wattenmeer der bedeutendste Mauserplatz.

Darüber hinaus stellt das Wattenmeer auch für viele Vogelarten

wie z.B. Säbelschnäbler, Rotschenkel sowie die Brand- und

Zwergseeschwalbe ein ungemein bedeutsames Brutgebiet dar.

Ohne das Wattenmeer wäre der Bruterfolg dieser Arten langfristig

nicht gesichert.


Das Wattenmeer und der Vogelschutz

Die besondere Bedeutung für die Vogelwelt hat zur Ausweisung

der weitaus überwiegenden Bestandteile des Wattenmeeres sowohl

als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung, als auch als

europäisches Schutzgebiet gem. der EG-Vogelschutzrichtlinie

geführt (siehe Seite 124 ff.). Die besondere Bedeutung als internationales

Feuchtgebiet ergibt sich insbesondere daraus, dass 52

Populationen von mindestens 41 Arten regelmäßig mit mehr als

1% ihrer Vögel oder der eines definierten Zugweges zu irgendeinem

Zeitpunkt ihres Jahreslaufes (Brut, Rast, Mauser, Überwinterung)

das Wattenmeer nutzen.

Von 18 der oben genannten Populationen sind mehr als die Hälfte

und von 8 Populationen sogar nahezu alle Individuen, die in das

Wattenmeer kommen. Dazu zählen die Populationen der russischen

und baltischen Nonnengans, der dunkelbäuchigen Ringelgans,

der nordeuropäischen Brandente ebenso wie die von Kiebitzregenpfeifer,

sibirischem Knutt, westpaläarktischen Alpenstrandläufer

und Pfuhlschnepfe. Von den meisten Populationen

von Möwen und Seeschwalben erreichen bereits die Brutbestände

im Wattenmeer internationale Bedeutung.

Mindestbestand im Wattenmeer Bestandsgröße Bestandsverteilung

Alpenstrandläufer 1.200.000 1.394.000 2 Bestände: Europa/Asien; UK

u. Ostsee

Austernfischer 739.000 874.000

Knutt 433.000 861.000 2 Bestände: W-Afrika 516.000

O-Atlantik 345.000

Pfuhlschnepfe 341.000 815.000 2 Bestände:W-Europa 115.000

S-/W-Afrika 700.000

Brandente 254.000 250.000

Ringelgans 232.000 254.000 2 Brutbestände: Sibirien; Svalbard

Großer Brachvogel 227.000 348.000

Kiebitzregenpfeifer 140.000 168.000

Nonnengans 116.000 120.000 2 Brutbestände: NW-Rußland; Ostsee

Säbelschnäbler 44.600 67.000

Sanderling 20.200 123.000 vermutlich ist die Anzahl im

Wattenmeer höher als bislang gezählt

Kurzschnabelgans 17.600 30.000

Grünschenkel 15.000 19.000

Abb. 1: Ostatlantischer Zugweg (East Atlantic Flyway): Neben dem

Wattenmeer sind das Gebiet des Wash in England, das Rheindelta sowie

die Küsten des Senegal und der Elfenbeinküste bedeutende Rastgebiete

der Vögel des Ostatlantischen Zugweges. Im Wattenmeer konzentrieren

sich jedoch im Frühjahr und Herbst die größten

Vogelansammlungen.

Tab. 1: Aufstellung von Wat- und Entenvögeln, von denen mehr als 50% das Wattenmeer als Rast-, Mauser oder

Winterhabitat nutzen. Angegeben ist die maximale Anzahl der zu einem Zeitpunkt erfassten Wattenmeervögel zwischen

1980 und 1994.

Abb. 2: Rastender Schwarm von Knutts im Watt vor Neuwerk.

Foto Helm.

Abb. 3: Räumliche und funktionale Nutzung des Wattenmeeres durch häufig auftretende Rast- und

Brutvögel.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 17


Naturraum hamburgisches Wattenmeer

20

Die besondere Lage im Inneren der Deutschen Bucht und der damit verbundene Einfluss von Weser und Elbe verleihen dem

Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer eine Eigentümlichkeit, die das Gebiet von anderen Bereichen des Wattenmeeres

deutlich unterscheidet.

Allgemeine Gebietsbeschreibung

Das Hamburgische Wattenmeer

Der zum hamburgischen Staatsgebiet gehörige Wattenmeerbereich

liegt in der naturräumlichen Region "Watten und Marschen". Zu

dieser naturräumlichen Region zählt der gesamte Küstenbereich

mit den Watten einschließlich der Ostfriesischen Inseln, der

Seemarschen und der Flußmarschen von Ems, Weser und Elbe.

Der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer liegt mit einer

Fläche von 11.700 ha zwischen den Mündungsgebieten von Elbe

und Weser. Er wird im Westen und Osten vom Niedersächsischen

Wattenmeer eingefaßt. Im Norden begrenzen ihn die unterseeische

Rinne der Elbe und die Nordsee, im Südwesten ein Prielstrom,

die Till und ein Priel, das Bakenloch. Insbesondere der

Süßwasserzustrom aus der Elbe erniedrigt im hamburgischen

Wattenmeer den Salzgehalt des Meerwassers gegenüber der freien

Nordsee. Schließlich lässt der hohe Nährstoffeintrag durch die

Elbe das Wattengebiet in deren Mündungsbereich zu einem

Lebensraum mit hoher Nahrungsproduktion für die Lebensgemeinschaften

in diesem Küstenabschnitt werden.

Die Insel Neuwerk

Die einzige bewohnte Insel im Nationalpark Hamburgisches

Wattenmeer ist die etwa 8 km vom Festland entfernt liegende

Insel Neuwerk. Der eingedeichte Inselkern umfaßt eine Fläche

von ca. 120 ha (incl. Grundfläche des Deiches). Im Norden und

im Osten schließen sich Vorländer mit einer Gesamtfläche von ca.

182 ha an. Im Osten der Insel wurden in den dreißiger Jahren

weitläufige Lahnungsfelder angelegt, die jedoch heute nicht mehr

unterhalten werden.

Die Scharhörnplate und andere Sände

Die Sände und Platen stellen weitgehend vegetationslose, überwiegend

ebene Flächen auf der Höhe des mittleren Tidehochwassers

einschließlich darin gelegener Senken mit Wasserflächen dar.

Die auffälligste Bildung im hamburgischen Bereich ist die etwa

285 ha große Scharhörnplate mit einer Höhe bis etwa 70 cm über

MThw. Die beiden hochwasserfreien Düneninseln Scharhörn und

Nigehörn liegen direkt auf der Plate. In ihrem nördlichen Bereich,

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

etwa 6 km von Neuwerk entfernt, befindet sich Scharhörn mit

einer aktuellen Größe von ca. 20 ha, Nigehörn, mit einer Ausdehnung

von 34 ha, liegt ca. 1,5 km weiter südsüdwestlich. Beide

Inseln verändern ausgelöst durch das Wechselspiel von Wasser

und Wind beständig ihre Größe und Gestalt. Besonders deutlich

erkennbar ließ sich dieser Prozess in den neunziger Jahren verfolgen,

als sich an den östlichen Ausläufern beider Inseln ein lang

gezogener Steert in Richtung Südost bildete. Die Entstehung und

nähere Entwicklung von Scharhörn und Nigehörn wird auf den

Seiten 78 ff. und 96 ff. beschrieben. Dort findet sich auch eine

eingehende Darstellung der stetigen Verlagerung von Scharhörn.

Westlich der Scharhörnplate auf Höhe Nigehörns haben sich zwei

parallel liegende Brandungsbänke gebildet. Eine weitere, sich

auch auf Luftbildern deutlich hervorhebende, Sandbank liegt auf

dem Gebiet des Unteren Wittsands.

Die Prielsysteme

Prielströme, auch als Wattrinnen, Tiefs, Gats oder Baljen bezeichnet,

durchschneiden die Wattflächen von der offenen See bis zur

Küste und sind ständig mit mehr als einem Meter Tiefe wasserführend.

Sie bilden zugleich die Hauptentwässerungs- und Hauptflutungsrinnen

des Wattenmeeres. Im hamburgischen Wattenmeer

übernimmt diese Funktion für den südlichen Bereich die sogenannte

Till, welche in ihrem Verlauf in Norder- und Ostertill

differenziert wird. Im Norden übernimmt die Elbe diese Funktion.

Die Priele wiederum zweigen von den Prielströmen ab. Sie werden

von der Ebbe geformt und führen auch bei Niedrigwasser

noch mit natürlichem Gefälle Wasser, wenn auch meist mit weniger

als 1 m Tiefe.

Auf dem Wattrücken des Neuwerker und des Duhner Watts verläuft

eine Wasserscheide, die das nach Süden entwässernde

Prielsystem der Till von dem der Elbmündung trennt. In die Till

münden das Scharhörnloch, Wittsandloch und Neuwerker Loch.

Das Muschelloch, Weser-Elbe-Wattfahrwasser und Sahlenburger

Loch sind über das Bakenloch mit der Till verbunden. In die

Elbmündung entwässern das Elbe-Neuwerk-Fahrwasser, welches

im südlichen Teil noch den früheren Priel "Hundebalje" repräsen-

tiert sowie die Eitzenbalje.

Eine westlich am Elbe-Neuwerk-Fahrwasser gelegene Vertiefung

("Baggerloch") zeugt von der Materialentnahme zur Aufspülung

der Insel Nigehörn.

In historischen Dimensionen betrachtet ist – wie überall im

Wattenmeer – die Topographie der freien Watten mit ihren Prielsystemen

lediglich eine Momentaufnahme, im hamburgischen

Wattenmeer bleibt nur die eingedeichte Insel Neuwerk davon ausgenommen.

Das gesamte Gebiet des Wattenmeers mit all seinen

Strukturen wie Priele und Sände ist einer starken wind- und strömungsbedingten

Dynamik unterworfen. Dies lässt sich besonders

eindrucksvoll an der noch vor wenigen Jahren nordwärts vorgelagerten

Brandungsbank ("Kleines Riff") dokumentieren, die binnen

weniger Jahre weitgehend zerschlagen wurde.

Freie Wattflächen

Das Neuwerker Watt teilt sich in das nördlich gelegene

Scharhörner Watt und das südlich davon befindliche Neuwerker

Inselwatt. Eine weitergehende Unterteilung geschieht durch die

Benennung von sogenannten Sänden, wobei es sich allerdings

nicht um echte Sände, sondern Gebietsbeschreibungen überwiegend

sandwattdominierter Wattenbereiche handelt. Das Gebiet im

Nordwesten, am Scharhörnloch, wird Robbenplate genannt. Nach

Süden hin folgen Unterer und Oberer Wittsand, Schaafsand und

Sahlenburger Watt. Nordöstlich der Insel Neuwerk liegt der

Kleine Vogelsand.

Im Hamburgischen Wattenmeer liegt überwiegend Sandwatt vor,

nur vereinzelt, besonders um die Insel Neuwerk und die Priele,

finden sich kleinere Mischwattflächen. Westlich des Wittsandes,

im nördlichen Entwässerungsbereich des Wittsandlochs, nördlich

und westlich der Robbenplate am Scharhörnloch und um das

Baggerloch konnten sich Schlickwattbereiche ausbilden.

Wege durchs Watt

Durch das hamburgische Wattenmeer ziehen entlang der

Wasserscheide zwei mit Buschwerk ("Pricken") bezeichnete

Wattenwege. Der meistgenutzte Weg führt von Neuwerk nach

Sahlenburg; von ihm zweigt, außerhalb des hamburgischen

Wattenmeergebietes, eine Verbindung nach Duhnen ab. Am

Wattenweg von Sahlenburg nach Neuwerk bieten drei Rettungsbaken

dem von der Flut überraschten Wattwanderer Zuflucht.

Der andere Wattenweg führt von der Wattwagenauffahrt im

Süden Neuwerks westlich an der Insel vorbei bis nach Scharhörn.


Seezeichen

Bereits im frühen Mittelalter waren die Gewässer des Elbe-

Mündungsbereiches bei den Seefahrern gefürchtet. Nördlich des

Scharhörner Watts im Bereich des "Scharhörn-Riff" dokumentieren

zahlreiche Wrackreste die Gefahren der auch heute noch

Abb. 2: Blick von der Elbe nach Neuwerk. Foto: Janke.

Abb. 3: Das hamburgische Wattenmeer zwischen

Scharhörn (vorne) und und Neuwerk

(Mitte). Im Hintergrund erkennt man die

Küste Niedersachsens. Foto: Prokosch.

Abb. 4: Ostbake im Vorland von Neuwerk. Foto: Janke.

schwer einschätzbaren Untiefen und Strömungen. Bereits sehr

früh wurden daher Seezeichen im hamburgischen Watt errichtet.

Von diesen historischen Bauwerken sind neben dem Neuwerker

(Leucht-) Turm (siehe Seite 40) noch zwei hölzerne Baken erhalten.

Nordwestlich von Neuwerk steht die Nordbake in unmittel-

barer Nähe des Elbe-Neuwerk-Fahrwassers. Die Ostbake überragt

das Neuwerker Ostvorland. Westlich der Scharhörnplate ist noch

die Gründung der ehemaligen Scharhörnbake erkennbar. Der neue

Radarturm am Westrand des Vorlandes von Neuwerk dominiert

weithin die Landschaft und überragt sogar den Neuwerker Turm.

Abb.1: Landschaftsprägende Elemente des hamburgischen Wattenmeeres Nähere Erläuterungen siehe Text.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 21


Naturraum hamburgisches Wattenmeer

22

Das Wattenmeer gehört zu den weltweit jungen Landschaftsformen. Seine geologische Geschichte wurden von zahlreichen

jüngeren erdgeschichtlichen Ereignissen, die insbesondere durch kurzfristige Klimaveränderungen hervorgerufen wurden,

maßgeblich beeinflusst. Im Ergebnis entstand eine völlig verwandelte, neu geformte Landschaft.

Entstehung des hamburgischen Wattenmeeres

Entstehung der Nordsee

Das Gebiet der heutigen Nordsee ist uns wie selbstverständlich

als große einheitliche Wasserfläche vertraut. Doch ein Blick zurück

in die Erdgeschichte lehrt uns, dass hier zur Devonzeit, als

Urfarne, die ersten Insekten und Fische die Erde bevölkerten,

Festland vorlag. Während der darauffolgenden Karbonzeit hob

sich der mitteleuropäische Gebirgsgürtel heraus und das nördliche

Festland sank ab. Die Nord-Süd-Furche begann sich zu vertiefen,

die Entstehung der Nordsee konnte ihren Lauf nehmen.

Vom Ozean flutete Meerwasser ein, das im trocken-heißen Klima

der Perm-Zeit verdunstete. So entstanden die norddeutschen Salzlager.

Während der Kreidezeit, als bereits urtümliche kleine Säugetiere

unter Laubhölzern lebten, kam es zu weiteren Überflutungen.

Im Tertiär schließlich erlangte die Nordsee in etwa ihre heutige

Ausdehnung.

Die Eiszeiten

Auch der weitere erdgeschichtliche Verlauf beeinflusste die

Nordsee nachhaltig, denn sie lag im Bereich der großen Inlandeisgletscher.

Alle drei norddeutschen Eiszeiten, Elster-, Saaleund

Weichseleiszeit, ließen die Nordsee trockenfallen und bedeckten

sie mit Inlandeis. Während der jüngsten Eiszeit bildeten

die in die Nordsee mündenden Flüsse Weser- und Elbe-Urstrom,

Rhein, Themse und Humber einen großen Schmelzwasserstausee,

in dem Beckentone entstanden. Jede Eiszeit lieferte dem Nordseeboden

Moränen- und Schmelzwassersedimente (Kiese, Sande,

Tone). Am Ende der Weichseleiszeit schmolzen die Inlandeismassen

ab, so dass der Meeresspiegel im gesamten Weltmeer anstieg.

Die Nordsee dehnte sich wieder nach Süden aus und überflutete

die Küstenlandstriche. Der Anstieg des Meeresspiegels vollzog

sich nicht gleichmäßig; Perioden starken Anstiegs wechselten mit

Stagnationsphasen. Das überflutete Land, welches sich durch

weitläufige Moore, Sümpfe und Bruchwälder auszeichnete,

wurde dabei mit Ablagerungen von Tonen und Sanden überschichtet.

Die von den Sedimenten überlagerten Torfböden sind

heute noch im Untergrund der Watten zu erbohren. Durch

Altersbestimmung dieser Torfe kann das Vorrücken des Meeres

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

und damit der Beginn der Wattenbildung auf etwa 5.500 Jahre v.

Chr. zurückdatiert werden.

Die Gezeiten

Auch die Gezeiten haben die Entstehung des Wattenmeeres entscheidend

beeinflusst. Im Zusammenspiel mit dem eiszeitlich

bedingten Sedimentüberschuss in der Nordsee, dem nacheiszeitlichen

Anstieg des Meeresspiegels und Strömungen, die die

Sedimente (Sand, Ton) aus der offenen See an die Küste verfrachteten,

formten sie das Wattenmeer und die Marschengebiete

in den strömungsberuhigten Randbereichen des Festlandes.

Sobald die natürliche Aufschlickung eine bestimmte Höhe

erreicht hatte, siedelte sich Vegetation an, die wiederum als

Schlickfänger wirkte und eine weitere Sedimentation förderte.

Mit dem Herauswachsen der Wattsedimente aus dem Bereich täglicher

Überflutungen erfolgte der Übergang vom marinen Watt

zur Salzmarsch. Gleichzeitig begannen bodenbildende Prozesse,

die den Boden in seiner Struktur und seinen chemischen und physikalischen

Eigenschaften tiefgreifend veränderten.

Die Ausprägung der Küstenlinie wurde maßgeblich durch den

Tidenhub bestimmt. In Gebieten mit einem mittleren Tidenhub

zwischen 1,35 m und 2,90 m entstand ein System aus Wattflächen

mit vorgelagerten Dünen- oder Barriere-Inseln, wie z. B. an der

westfriesischen und ostfriesischen Küste. Überschreitet der mittlere

Tidenhub die Marke von 2,90 m, was in der inneren

Deutschen Bucht beobachtet wird, so fällt die Bildung der

Barriere-Inseln aus, statt dessen werden offene Wattflächen seeseitig

durch kleine, stark veränderliche Sandbänke begrenzt.

Die Entstehung Neuwerks und der Sände

Die ungeschützte Lage der Sände zur offenen Nordsee bewirkt

deren fortwährende Veränderungen der Morphologie und Lage.

Durch das Zusammenwirken von Brandung, Gezeiten- und Driftströmungen

sowie der Windverhältnisse reichern sich Sedimente

im hochgelegenen Kopfbereich der Wattrücken an. Mit der

Bildung von Untiefen wird die Brandungsenergie herabgesetzt.

Dadurch kann weiteres Material sedimentieren und schließlich

die Sände über MThw aufhöhen. Durch Extremhochwässer und

windbedingte Anlagerung weiterer Sedimente setzen sich

Anlandungs-, Transport- und Sortierungsprozesse fort. Diese

Erscheinungen können auch im hamburgischen Wattenmeer festgestellt

werden, wo sich die Scharhörnplate im exponierten

Bereich des Wattrückens gebildet hat.

Im Bereich des hamburgischen Wattenmeers liegt der Tidenhub

bei etwa 3,0 m. Aufgrund der hohen Strömungsdynamik ist daher

die Ausbildung von Barriere-Inseln, wie sie an den ostfriesischen

Inseln vorliegt, hier nahezu unwahrscheinlich. Wie konnten im

hamburgischen Wattenmeer dennoch drei Inseln entstehen?

Bohrungen im Bereich Scharhörn/Neuwerk zeigen eiszeitliche

Ablagerungen etwa in 20 bis 25 m Tiefe. Über ihnen liegen etwa

7.700 Jahre alte dünne Torfschichten. Kleieschichten von wenigen

Dezimetern Schichtdicke (bis max. 2,80 m) über den Torfen

zeigen die relativ kurze Zeitspanne der Marschenbildung im

Bereich des heutigen Neuwerk. Oberhalb dieser Schicht finden

sich schichtungslose, kalkhaltige, graue Feinsande mit Muscheln,

die diese Ablagerungen als Sedimente des Meeresbodens kennzeichnen.

Auch auf Neuwerk ergaben Bohrungen beim Turm

1908 eine identische Schichtfolge.

Entgegen vielfach geäußerter Vermutungen ist Neuwerk daher

keine Hallig, sondern eine sandige Insel, eher vergleichbar den

jungen Inseln Mellum und Trischen. Durch das Zusammenspiel

von winterlichen Extremhochwässern und sommerlichen

Trockenperioden, durch Sandanflug und Sedimentanspülung ist

die Insel vermutlich langsam in die Höhe gewachsen und wurde

so dem Einflußbereich der täglichen Gezeitenbewegung entzogen.

Aufgrund der hohen Strömungsdynamik am Standort haben

sich vornehmlich grobkörnigere Bestandteile abgelagert. Davon

zeugen Profilbohrungen der obersten Bodenschichten im Vorland

Neuwerks, die deutliche Flutschichtungen und Horizontabfolgen

sandiger und schlickiger Sedimente zeigen. Früher bestanden

größere Dünenkomplexe auf Neuwerk, vornehmlich im Norden

und Osten des Vorlandes.

Auch auf Scharhörn sind ähnliche Prozesse zu beobachten: Im

Südosten der Insel haben sich im Strömungsschatten Buchten

gebildet, in denen Feinmaterial sedimentiert. Dennoch kann

Scharhörn in seiner heutigen Ausprägung nicht als gänzlich natürlich

bezeichnet werden, da die Entwicklung der auf der

Scharhörnplate natürlich entstandenen Primärdünen in den zwanziger

Jahren durch Errichtung von Sandfangzäunen und Bepflanzung

gefördert und die entstandene Düneninsel auch weiterhin

durch verschiedene Maßnahmen bis 1991 gesichert wurde (siehe

S.78). Die Düneninsel Nigehörn ist nicht natürlicher Genese, sondern

erst vor 1989 aufgespült worden (siehe Seite 96).


Nordsee

Doggerbank

Jütland-

Bank

Elbe

Weser

Abb. 1:Wahrscheinliche Gestalt der Nordsee am Ende der letzten Eiszeit. Dunkelbraun: heutiges Festland, hellbraun: versumpfte,

vermoorte Haff- und Deltalandschaft, blau: damalige Ausdehnung der Nordsee.

Nordsee Inseln Watten Marschen Geest

Dünensande Wattensedimente

Strandsande

Prielsedimente

Torfe

Brackwassersedimente

Abb. 2: Schematischer geologischer Schnitt von der Nordsee bis zum Geestrand.

Abb. 3:Torfreste im Watt. Foto Janke.

Pleistozäne

Ablagerungen

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 23


Naturraum hamburgisches Wattenmeer

24

Wind und Gezeiten sind die Motoren für die stetige Veränderung der Umweltverhältnisse im küstennahen Wattenmeer. Im

Bereich des hamburgischen Wattenmeeres kommt auch dem Einfluss des großen Süßwasserzustroms durch die Elbe eine

besondere Bedeutung zu.

Strömungen und ihre Auswirkungen

Über die Strömungsverhältnisse im hamburgischen Wattenmeer

liegen - anders als zu anderen Bereichen des Wattenmeeres - umfangreiche

Kenntnisse vor. Seit Mitte der sechziger Jahre wurden

durch die Hamburger Wirtschaftsbehörde intensive Forschungen

im Bereich der Außenelbe und des Neuwerker und Scharhörner

Wattrückens mit dem Ziel durchgeführt, ein weitreichendes Verständnis

der hydrologischen und ökologischen Bedingungen im

Hinblick auf einen geplanten Tiefwasserhafen zu erlangen. Die

Untersuchungen wurden bis Anfang der siebziger Jahre fortgesetzt

und lieferten eine Vielzahl von grundlegenden Erkenntnissen

über die hydrologischen Verhältnisse und ihre Auswirkungen

in der Außenelbe und auf die angrenzenden Wattflächen.

Strömungsregime im hamburgischen Wattenmeer

Die dynamischen Prozesse im Wattenmeer werden überwiegend

von den Gezeitenströmungen und dem vom Wind getriebenen

Seegang ausgelöst. Die Bewegung des Wassers bewirkt einen

umfangreichen Materialtransport und eine strömungsabhängige

Verteilung von Schwebstoffen. Aufgrund der geringen Wassertiefe

des Wattenmeeres und der spezifischen meteorologischen

Bedingungen können sich jedoch nur selten Schichtungen unterschiedlicher

Wasserkörper ausbilden.

Die gegen den Uhrzeigersinn verlaufende Hauptstromrichtung in

der südlichen Nordsee resultiert aus einer riesigen Gezeiten-

Drehwelle, deren Mittelpunkt in der zentralen Nordsee liegt. Die

durch diesen Strom erzeugte Hauptverlagerungsrichtung der

Sedimente wird kleinräumig und periodisch von weiteren

Faktoren überlagert. Zu besonders hohen Materialverlagerungsraten

kommt es z.B. bei Sturmfluten. Unter Windeinfluss können

oberflächennahe Triftströmungen entstehen, die insbesondere im

flachen Wattenmeer von großem Einfluss auf den Sedimenttransport

sind. Auf den Wattflächen erfolgt der Triftstrom im

Allgemeinen in Windrichtung, in den tiefen Stromrinnen dagegen

ergibt sich als Sekundäreffekt ein verstärkter Unterstrom entgegen

dem Staugefälle.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Besonders auf dem flachen Watt kann der Einfluss des Windes

den Tideeinfluss deutlich überlagern. Durch Windstau können die

Wasserstände merkbar erhöht oder erniedrigt werden. Bei den

vorherrschenden westlichen und südwestlichen Winden wird das

Wasser in die Deutsche Bucht und damit auch in das hamburgische

Wattenmeer gedrückt. Bei andauernden Winden aus östlicher

Richtung können die Wattflächen dagegen für viele Tage

dauerhaft trockenfallen. Wenn diese Wetterlage in den kalten

Wintermonaten auftritt, kann es zum Gefrieren des Wattbodens

und anschließendem Absterben der darin lebenden Tierwelt kommen.

Sobald der Ostwind jedoch abflaut, kommt es häufig bereits

innerhalb einer Tide zu einem kräftigen Rücklauf der Wassermassen,

der sich in vergleichsweise hohen Hochwasserständen

äußert.

Im Bereich des hamburgischen Wattenmeers wird die Strömung

maßgeblich von zwei einander überlagernden Faktoren beeinflusst,

nämlich der Gezeitenströme der Nordsee und dem Süßwasserzufluss

der Elbe. Bei Einstrom des Elbwassers ins Meerwasser

entstehen durch die unterschiedlichen Salzgehalte ausgeprägte

Dichteströmungen, die den Tidestrom der See überlagern.

Wasserkörper unterschiedlichen Salzgehaltes besitzen bei

annähernd gleicher Temperatur entsprechend verschiedene spezifische

Dichten. Wenn sie aufeinandertreffen, können Schichtungen

unterschiedlich salzhaltigen Wassers im Wasserkörper

entstehen.

Weiterhin lenkt die morphologische Bodenstruktur des Mündungsgebietes

mit den verzweigten Prielsystemen und den Sandbänken

die Strömungsverhältnisse in erheblichem Maße.

Neben solchem, dem Triftstrom gegenläufigen, Unterstrom sind

in den großen Stromrinnen des Watts die Gezeitenströmungen

von maßgeblicher Bedeutung. Ebb- und Flutstrom prägen die

Morphologie der Wattströme und verändern sie durch Erosion

und Sedimentation fortlaufend.

Ebbstrom und Flutstrom fließen nicht -wie man zunächst vermuten

mag- unbedingt in genau entgegengesetzter Richtung, sondern

sind um einige Grad versetzt. Dadurch werden die durch die

Gezeitenströme ausgelösten Sedimentverlagerungen in den

Prielen nicht im Rahmen einer Tide kompensiert. So wird der

westliche Bereich der Till maßgeblich vom Flutstrom geprägt,

während der östliche Bereich vom Ebbstrom geformt wird. In der

Folge führt dies langfristig zu einer Sedimentbewegung entlang

des Riffbogens am Scharhörnriff.

Salzgehalt

Den wesentlichsten, im Meerwasser gelösten Stoff, stellt

Natriumchlorid (Kochsalz) dar, gefolgt von Magnesiumchlorid,

Magnesiumsulfat und schließlich Kalziumsulfat. Unabhängig

vom Salzgehalt des Meerwassers bleibt das Verhältnis der Salzkomponenten

zueinander immer konstant.

Der Salzgehalt des Meerwassers wird in Promille (‰) oder auch

in Praktischer Salzgehalt (psu) ausgedrückt, wobei 1 ‰ einem

Gramm Salz in 1 kg Wasser gelöst entspricht.

Zusammensetzung von Meersalz bei 35 ‰

Stoff Konzentration (g/kg)

Chlor Cl- 19,34

Natrium Na+ 10,77

Sulfat So4≤- 2,71

Magnesium Mg≤+ 1,29

Calcium Ca≤+ 1,18

Kalium K+ 0,40

Hydrogencarbonat HCO3- 0,14

Brom Br- 0,07

weitere Elemente wie Strontium, Bor, Fluor in Spuren

Der Salzgehalt des Meerwassers beträgt global etwa 35 ‰, die

Nordsee hat einen mittleren Salzgehalt von 34 ‰ und für das

Wattenmeer liegen die Werte bei 30 ‰. Der Salzgehalt kann aber

örtlich, z. B. durch süßwasserführende Zuflüsse, wie beispielsweise

die Elbe noch weiter herabgesetzt sein.

Im Mittel fließen durch die Elbe etwa 20 Milliarden Kubikmeter

Süßwasser in das Wattenmeer ein, wobei das Abflussregime

sowohl jahreszeitlich als auch von Jahr zu Jahr stark schwankt.

Die niedrigsten Abflussraten werden in der Regel im frühen

Herbst verzeichnet, die höchsten in den meisten Jahren im März

und April nach der Schneeschmelze. Der tatsächliche Verlauf der

Linien gleichen Salzgehaltes (Isohalinen) im Nationalpark

Hamburgisches Wattenmeer schwankt daher von Tag zu Tag in


Reststrom = Verbleibende Strömung

an einem Punkt nach Abzug

der Gezeitenbewegung

Abb. 1: Reststrom bei mittlerer Tide im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Scharhörnloch

Till

Wittsandloch

Elbe

Scharhörn

Nigehörn

Wattweg

Neuwerker Loch

Bakenloch

Elbe-Neuwerk-Fahrwasser

Nordbake

Ostbake

Neuwerk

Grenze des Nationalparks

1 0 3 km

Eitzenbalje

Sahlenburg

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 25


Naturraum hamburgisches Wattenmeer

26

Abhängigkeit vom Tidegeschehen ebenso wie vom jahreszeitlichen

Geschehen und letztendlich auch von Jahr zu Jahr. Der

Tidestrom drängt das Süßwasser der Elbe im Laufe des Tages

zweimal zurück bis weit in den Unterlauf der Elbe. Bei Ebbe

erstreckt sich die Süßwasser-"Fahne" bis weit über das

Scharhörnriff seewärts hinaus.

Die Durchmischungszone zwischen Salzwasser und Süßwasser

wird als Brackwasser bezeichnet. Im allgemeinen wird ein

Salzgehalt von weniger als 25 ‰ als brackig angesehen.

In der Elbmündung und auf den Wattflächen des hamburgischen

Nationalparks ist der Salzgehalt durch den Süßwasserzustrom

deutlich verringert. So werden etwa 24 bis 29 ‰ erreicht.

Auch der Salzgehalt im Wattboden ist Schwankungen unterworfen.

Das Wasser auf den Wattflächen weist gegenüber dem

Wasser in den Prielen oder der Tiefwasserzone eine andere

Charakteristik auf. Wasserverdunstung bei Ebbe mit starker

30‰

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Scharhörnloch

Till

28‰ 26 ‰

Sonneneinstrahlung, starken Windstau verursachende lang anhaltende

Winde und starke Eisbildung beeinflussen den Salzgehalt

maßgeblich. Beispielsweise können Pfützen auf dem trocken

gefallenen Watt einen wesentlich höheren Salzgehalt aufweisen

als normales Seewasser, bei Starkregen jedoch treten durch den

Süßwasserniederschlag binnen weniger Minuten deutlich erniedrigte

Werte auf.

Die stark schwankenden Salzgehalte des Meerwassers im Bereich

des Wattenmeeres stellen besondere Anforderungen an die

Organismen bezüglich ihres Stoffwechsels. Nicht nur das rhythmische

An- und Ablaufen des Wassers, also das periodische

Trockenfallen des Wattbodens, sondern auch die starken

Strömungen und damit zeitweilig verbundenen stark schwankenden

Salzgehalte dieses Lebensraums erfordern deshalb besondere

Anpassungsstrategien der hier lebenden Pflanzen und Tiere.

Nigehörn

Wittsandloch

Scharhörn

Neuwerker Loch

Bakenloch

Abb. 2: Salzgehaltslinien an der Oberfläche bei MThw; Interpolationen aus langen Meßperioden.

Nordbake

Muschelloch

Elbe

Elbe-Neuwerk-Fahrwasser

Neuwerk

24 ‰

Ostbake

Wattweg

Eitzenbalje

Weser-Elbe-Wattfahrwasser

Sahlenburger Loch

Sahlenburg

Salzgehalt in den Prielen des Neuwerker Vorlandes

Im Sommerhalbjahr 1996 wurden Salzgehaltsmessungen in den

Prielen des Neuwerker Vorlandes durchgeführt.

Durch das Vorland von Neuwerk verlaufen derzeit zwei Prielsysteme

natürlicher Entstehung, die in früheren Zeiten in das

Gewässersystem der Elbe entwässerten. Heute ist kein direkter

Anschluss an die großen Elbzuflüsse mehr zu erkennen und die

Verbindung der Wattflächen mit dem Vorland wurde durch

Bauwerke weitgehend verhindert. Die Priele sind durch selbsttätig

schließende Siele gegen die freien Wattflächen in der Weise abgeschottet

worden, dass sie nur noch einen geregelten Wasserabfluss

23

23

14

24

19

21

17

14

20

20

20

Messpunkte 1996

100 m 500 m

21

25

24

25

Abb. 3: Mittlere Salzgehalte der Priele im Vorland Neuwerks.

Meßkampagne der Nationalpark-Verwaltung vom 18.07. – 13.08.1996.

Die Zahlen bei den Probenstandorten beschreiben den jeweils gemessenen

Salzgehalt (in ‰).


aus dem Vorland zulassen. Durch die weitgehende Schließung der

Siele bei Hochwasser ist nur noch ein eingeschränktes Tidegeschehen

auf den Flächen des Vorlandes möglich. Eine Salzzufuhr

für den Boden ist praktisch nur noch bei hoch auflaufenden Tiden

möglich, wenn der Sommerdeich überflutet wird. Dennoch belegen

Salzgehaltsmessungen, die während mehrerer Tideperioden

im Juli 1996 durchgeführt wurden, dass immer noch mit der Flut

Meerwasser in die Priele hineingedrückt wird. In den sielnahen

Bereichen wurden Schwankungen von 27,1 bis 23,1 psu gemessen,

in deichnahen Bereichen immerhin noch 15,6 bis 16,9 psu.

Schwebstoffe

Als Schwebstoffe werden im Wasser treibende Teilchen bezeichnet,

die größer als 0,43 Mikrometer sind. Sie bestehen aus kleinsten

mineralische Körnchen, Resten abgestorbener Organismen

und pflanzlichem Plankton wie z. B. Kieselalgen und andere Mikroorganismen.

Schwebstoffe werden sowohl mit dem Küstenstrom,

als auch mit den Flüssen in das Watt transportiert, aber

auch auf dem Luftweg sind Einträge möglich.

Durch die starken Bindungseigenschaften der Schwebstoffteilchen

lagern sich an und in ihnen auch giftige Substanzen und

Spurenstoffe ab. Schwermetalle und organische Moleküle werden

an diese Teilchen gebunden und sind daher dort in vergleichsweise

hohen Anteilen messbar. Auch Nährstoffe können gebunden

werden.

Schwebstoffe sind am Aufbau des Watts beteiligt, sie stellen darüber

hinaus eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele Wattorganismen

dar. Bei Stillwasser sinken sie in flachen Ablagerungszonen

zeitweilig zu Boden und werden erst bei einsetzendem

Tidestrom oder starkem Seegang wieder aufgewirbelt. Durch die

Ablagerung der Schwebstoffe und damit der an sie gebundenen

Schad- und Nährstoffe auf den hochgelegenen Wattrücken wirken

diese quasi als Schmutz- und Nährstoff-Falle. Mit der Aufnahme

als Nahrungspartikel werden die Nähr- und Schadstoffe in den

Stoffkreislauf des Wattenmeers eingeschleust und in jahreszeitlich

geprägten Stoffkreisläufen remineralisiert und gelangen so nach

Erosionsereignissen in konzentrierter Form wieder in den

Wasserkörper.

Der Gehalt an Schwebstoffen hängt von vielen Einflussgrößen ab.

Zu den wichtigsten zählen Strömungsgeschwindigkeit, Turbulenz,

Korngröße, Salzgehalt und Temperatur. Auch der jahreszeitlich

stark schwankende Anteil an pflanzlichem Plankton (Phytoplankton)

wirkt sich aus.

Durch die Abhängigkeit von solch vielen Größen sind allgemeine

Voraussagen und Berechnungen kaum möglich, dennoch konnten

im Bereich der Außenelbe wichtige Erkenntnisse gewonnen wer-


27

23

19

Knechtsand

Till Elbe

Till

Bakenloch

Wattenquerschnitt (schematisch)

den. Deutlich zeigte sich, dass die durch die Gezeitenbewegung

ausgelöste Umlagerungen im Ästuar für den Schwebstofftransport

bedeutender sind als die Ein- und Ausfuhr aus dem Ästuar. Der

Transport der feinen Partikel in der Außenelbe erfolgt überwiegend

mit den Gezeitenströmen. Dabei transportiert der Flutstrom

im südlichen Bereich weniger Schwebstoffe als der Ebbstrom im

nördlichen Bereich. Daher sind in den nördlichen Bereichen des

Ästuars, sowohl bei Ebbe mit fast 80%, als auch bei Flut (65%)

die höchsten Transportraten und Schwebstoffgehalte festzustellen.

Auch in Bezug auf die Schwebstoffe lassen sich saisonale

Schwankungen feststellen. So sind die Transportraten der

Schwebstoffe im Winter rund 5 mal so groß sind wie im Sommer.

Einflußbereich

der Eitzenbalje

Flaches Watt

Abb. 4: Querschnitte des Oberflächen-Salzgehaltes über das Watt zwischen Till und Elbe bei MThw.

11.6.1968

11.4.1968

Buchtloch

Elbe

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 27


Insel Neuwerk

30

Der Bodenaufbau prägt als Grundlage für die darauf wachsende Vegetation in besonderem Maße den Charakter einer

Landschaft. Neben der natürlichen Bodenentwicklung bestimmt darüber hinaus auch die Nutzung den Aufbau des Bodens.

Die Insel Neuwerk zeigt für beide Phänomene eindrucksvolls Beispiele.

Bodenaufbau

Der Bodenaufbau beschreibt die oberste, belebte Schicht der Erdoberfläche.

Er entsteht aus mineralischen und organischen

Bestandteilen durch physikalische, chemische und biologische

Prozesse. Je nach Ausgangsmaterial und Bodenbildungsprozessen

bilden sich unterschiedliche Böden mit typischen Schichtabfolgen

heraus. Auch Nutzungen beeinflussen die Bodenbildung

und deren weitere Entwicklung.

Ausgangspunkt für die Bodenbildung ist geologische Entwicklung.

Bohrungen im Bereich Scharhörn/Neuwerk belegen, dass

dort eiszeitliche Ablagerungen in etwa 20 bis 25 m Tiefe liegen.

Über ihnen liegen etwa 7.700 Jahre alte Torfschichten von geringer

Mächtigkeit. Auf den Torfen lagert Klei in einer Schichtdicke

von wenigen Dezimetern bis max. 2,80 m. Darüber finden sich

ungeschichtete, kalkhaltige graue Feinsande mit Muscheln, die

diese Ablagerungen als Meeressedimente kennzeichnen.

Durch die Ablagerung der Sedimente entstanden Sandbänke.

Lagen diese Sandbänke hoch genug und erreichten sie eine ausreichende

Flächengröße, so konnte der Ostwind bei gleichzeitig

niedrigen Wasserständen den Boden austrocknen und den Sand zu

Dünen aufwehen. Die Ansiedlung von Dünenpflanzen, vor allem

von Gräsern, begünstigte diese Entwicklung noch. So begann die

Entwicklung der Insel Neuwerk ähnlich wie die in jüngerer

Vergangenheit gewachsene Insel Scharhörn. Im Schutz der

Düneninsel entstanden beruhigte Bereiche, in denen sich auf

Schlickablagerungen auch Salzwiesen bilden konnten. Noch heute

finden sich auf Neuwerk Reste der ursprünglichen Dünen (an

der Nordspitze, bei der Ostbake und der Ostschleuse), in deren

Schutz sich Schlicklagen geringer Mächtigkeit über den

Meeressanden ablagerten (insbesondere im Ostvorland).

Entgegen anderslautender Darstellungen ist Neuwerk nicht als

Hallig anzusprechen, d.h. als eine Insel, die über ehemaligem, im

Mittelalter verlorengegangenem Kulturland aufschlickte. Die

Hauptbodenarten auf Neuwerk sind Sand und sandiger Lehm,

nicht Tone wie auf den Halligen. Auch gibt es auf Halligen anders

als auf Neuwerk keine Dünen.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Vorland

Das Vorland von Neuwerk weist als Feinbodenarten überwiegend

Feinsand und Lehm auf, die in Schichten sedimentiert sind.

Tonige Ablagerungen sind dagegen nur in geringer Mächtigkeit

entlang der Priele verbreitet. In einzelnen Linsen treten sie auch

in größeren Bodentiefen auf. Auffällig ist der hohe Sandanteil im

Oberboden. Besonders im Nordvorland kann sich diese sandige

Deckschicht bis in über 1 Meter Tiefe erstrecken.

Der Ursprung Neuwerks als Düneninsel führt dazu, dass die

Böden der Insel in weiten Bereichen durch Dünenprofile gekennzeichnet

sind, die durch Flugsandablagerungen entstanden sind.

Sie weisen einen humusreichen Auflagehorizont von lediglich

wenigen Zentimetern Stärke über grobsandigem Unterboden auf.

Weit verbreiteter Bodentyp im Vorland ist der Marschboden mit

der charakteristischen Horizontabfolge. Unter dem humusreichen

Auflagehorizont (Ah) liegen grundwasserbeinflusste Horizonte

mit Rostflecken (Go), auf die in größerer Bodentiefe Horizonte im

Grundwassereinfluss mit reduzierenden Verhältnissen folgen (Gr).

Eine Unterscheidung in relativ unreife Kalkmarsch oder reifere

Klei-Marsch ist nicht deutlich zu treffen, zumal durch die Wasserund

Sedimentzufuhr bei winterlichen Hochwässern die Bodenbildungsprozesse

noch nicht abgeschlossen sind und immer wieder

neu in Gang gesetzt werden. Auf den höheren Vorlandflächen

können sich nur gröbere Sandpartikel ablagern, während es in tieferen,

strömungsberuhigten Bereichen zur Sedimentation von

feinsten Bestandteilen kommen kann. Die deutliche Horizontbildung

mit wiederholter Abfolge von sandigen und feineren Substraten

ist charakteristisch für Überflutungsböden (Sturmflutschichtung).

Im Vorland sind diese Horizontabfolgen noch

deutlich ausgeprägt, was sie als relativ junge Böden kennzeichnet.

Für Deichbau- und -unterhaltungsmaßnahmen werden Gemenge

von Feinbodenanteilen benötigt, die bestimmte physikalische und

chemische Eigenschaften aufweisen müssen. Als gut geeignet

erweisen sich in der Regel schluffige Lehme und schluffige Tone

mit einem Tonanteil von 15-30% (Klei). Boden mit geringeren

Tonanteilen (bis 10%) oder höheren Tonanteilen (über 30%) sind

im allgemeinen aufgrund zu geringer Bindigkeit bzw. zu starker

Schrumpfung bei Austrocknung weniger gut geeignet.

Profilbohrungen zeigen den kleinräumigen Wechsel verschiedener

Schichtfolgen (Abb. 3). Aufgrund der Geländestruktur sind

strömungsberuhigte und strömungsexponierte Bereiche mosaikartig

miteinander verzahnt. Dies führt zu Ablagerungen unterschiedlicher

Korngrößen in benachbarten Bereichen. Eine auf die

Fläche bezogene Vorhersage der Bodenart und Bodenschichtung

ist daher nur bedingt möglich. Entgegen der Erwartung erlaubt

die Geländestruktur somit auch keine Rückschlüsse auf das

Vorkommen abbaubarer Klei-Linsen z.B. in Senken, wie entlang

ehemaliger Priele oder Boden- und Sodenentnahmeflächen.

Insgesamt konnten sich im Vorland von Neuwerk durch Ablagerung

feiner Sedimente nur geringe Kleischichten bilden. In Bodentiefen

ab ca. 30 cm unter Geländeoberfläche finden sich Klei-

Linsen in Schichtdicken von durchschnittlich 30 cm bis 50 cm.

Diese Klei-Vorkommen sind z.T. bereits für Deichbaumaßnahmen

und für Zwecke der Deichunterhaltung abgebaut worden

(siehe Abb. 1).

In einigen Profilbohrungen finden sich sogenannte Verbraunungshorizonte

(Bv), die vermutlich den Sommerdeich oder

andere Aufschüttungen (ehemalige Wegetrassen) kennzeichnen.

Binnengroden

Im Binnendeichsgelände wird bereits seit mehreren Jahrhunderten

landwirtschaftliche Nutzung durch Beweidung und

Ackerbau betrieben. Große Bereiche des Bodens im Binnengroden

sind daher bereits landwirtschaftlich überprägt und weisen

charakteristische Bearbeitungsspuren (Pflugspuren und Vermischung

der Horizonte) in ihren oberen Bodenschichten auf.

Ehemalige, inzwischen abgebaute Kleilager befinden sich z.B.

neben der Turmwurt und östlich des Mittelweges, wo in mehr

oder weniger tiefen Senken Erlen wachsen. In dem Erlenwäldchen,

das sich nordwestlich an die Turmwurt anschließt, sind

noch die alten Gräben ("Pütten") früherer Deichbaumaßnahmen -

vermutlich für die Turmwurt - vorhanden.

Im Ostteil der Insel sind auch heute noch alte Prielverläufe

erkennbar, in deren Randbereichen Ablagerungen feinerer

Bodenbestandteile vermutet werden können. Allerdings sind auch

hier durch Bewirtschaftungsmaßnahmen die natürlichen

Bodenverhältnisse verändert.


Abb. 2: Bodenprofil mit

Dünenprofil-Bohrstockeinschlag

im Vorland von

Neuwerk. Foto Körber.

0

50

100

150

200

A B C D E

Grasnarbe z.T. Acker,

Mutterboden

Feinsand humos, grau

Feinsand

graugelb bis grau

Feinsand humos, grau

bis braungrau, Feinschichtung

durch Schluffstreifen

(Sturmflutschichtung)

Fein- bis Mittelsand, gelbgrau

bis hellgrau, z.T.

überwehte alte Grasnarben

(vermutlich Flugsand)

Abb. 3: Bodenprofil mit

Sturmflutschichtung-

Bohrstockeinschlag in

Vorlandsalzwiese von

Neuwerk. Foto Körber.

Klei, braungrau,

stark verokert

Klei, braun bis dunkelgrau,

abnehmende Verokerung

Mittel- bis Feinsand,

gelbgrau bis hellgrau

Fein- bis Mittelsand,

grau bis dunkelgrau

(Wattsockel)

Abb. 4: Bodenprofile von Neuwerk. Nach Bohrungen des

Geologischen Landesamtes (1977).

D

A

NORDVORLAND

Turmwurt

C

B

Stärke der Sandschicht unter Geländeoberfläche

1 - 24 cm

25 - 49 cm

50 - 74 cm

> 75 cm

Lage der Profilbohrungen (1 m Tiefe)

Lage der Bohrstellen für die Bodenprofile

des Geologischen Landesamts

Kleientnahmestellen

OSTVORLAND

100 0 300 m

E

Abb. 1: Bodenaufbau von Neuwerk

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 31


Insel Neuwerk

32

Neuwerk wird nur von wenigen wildlebenden Säugetierarten bewohnt oder besucht. Sie sind entweder als Irrgäste auf die

Insel gelangt, unbeabsichtigt eingeschleppt oder gezielt angesiedelt worden.

Wildlebende Säugetiere

Eine Insel wie Neuwerk ist aufgrund der deutlichen Entfernung

zum Festland erwartungsgemäß arm an wildlebenden Säugetieren.

Der etwa 8 km weite und wegen der ständigen Überflutungsgefahr

gefahrvolle Weg über das Watt ist ein fast unüberwindbares

Hindernis. Trotzdem leben auf der Insel wildlebende

Säugetiere. Ihre Siedlungsgeschichte ist jedoch sehr unterschiedlich,

teilweise beruht sie auf Spekulationen.

Wanderungen

Die meisten Säugetierarten in Mitteleuropa sind relativ sesshaft.

Sie beanspruchen ein bestimmtes Revier, das sie allein oder

gemeinsam mit Artgenossen bewohnen. Doch manchmal unternehmen

einzelne Tiere oder kleine Gruppen weite Wanderungen.

Als besondere Gründe für die Ortsveränderungen, die damit zur

Ausbreitung von Arten oder Ausweitung ihres Lebensraumes beitragen,

kommen insbesondere in Frage:

• Veränderungen des Klimas,

• Nahrungsmangel in ihrem angestammten Lebensraum,

• gravierende Umwälzungen im Lebensraum nach

Naturkatastrophen oder menschlichen Eingriffen.

Da solche Wanderungen nicht zielgerichtet sind und die landlebenden

Arten den Weg über das offene Watt oder durch das

Wasser scheuen, erreichen erwartungsgemäß nur wenige Arten

selbstständig die Insel Neuwerk.

Einführung durch den Menschen

Viel eher werden Säugetiere auf Inseln eingeschleppt, z.B. als

"blinde Passagiere" in der Fracht. So sind auf vielen Inseln Nagetiere

durch den Menschen unabsichtlich eingeführt worden, häufig

mit katastrophalen Auswirkungen für die heimische Tier- und

Pflanzenwelt. Auch im hamburgischen Wattenmeer gibt es dafür

Beispiele: So gelangten 1949 Ratten mit Buschwerk nach

Scharhörn und vernichteten in den Folgejahren nahezu die

gesamte Bodenbrut der Vögel. Es bereitete große Mühe, die Ratten

wieder von der Insel zu entfernen.

Einige Arten werden auch gezielt von Menschen angesiedelt.

Neben den Haustieren sind dies vor allem jagdbare Wildtiere. In

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

den sechziger Jahren wurden von den Neuwerker Jägern Fasane,

Hasen und Rebhühner ausgesetzt.

Heimisch gewordene Säugetierarten auf Neuwerk

Gelangen Tiere nach Neuwerk, sei es absichtlich oder zufällig,

muss die Insel die für die jeweilige Art geeigneten Lebensräume

aufweisen, um eine längerfristige oder dauerhafte Ansiedlung zu

ermöglichen. Bisher gelang es nur wenigen Arten auf der Insel

Fuß zu fassen. Eine erfolgreiche Ansiedlung gelang Anfang der

sechziger Jahre z.B. mit dem Feldhasen, der neben den ebenfalls

eingeführten Fasanen das einzige jagdbare Wild auf der Insel darstellt.

Der auf der "Roten Liste gefährdeter Tiere Deutschlands"

bereits als gefährdet eingestufte Feldhase ist auf dem Festland

Abb. 1: Feldhasen im Neuwerker Vorland. Foto Hecker.

insbesondere durch die fortschreitende Intensivierung in der

Landwirtschaft, durch die Flurbereinigung und durch den Einsatz

von Pestiziden im Bestand rückläufig. Nach der erfolgreichen

Ansiedlung bewohnt er heute mit einer Dichte von über zwei

Tieren pro Hektar im Inselkern die kleinräumig strukturierten

landwirtschaftlich genutzten Flächen und darüber hinaus auch das

Vorland bis hinunter zur Wattkante. Erst in den letzten Jahren ist

Abb. 2: Schermaus. Foto Limbrunner

deutlich erkannt worden, dass unbeweidete Salzwiesen einen

idealen Lebensraum für Feldhasen darstellen. Man nimmt sogar

an, dass Salzwiesen inzwischen zu den am dichtesten besiedelten

Hasenbiotopen in Deutschland gehören. Die in den Salzwiesen

lebenden Hasen sind jedoch im besonderen Maße durch

Sturmfluten gefährdet, da sie ganz offensichtlich bei schnell einsetzenden

hohen Wasserständen die Orientierung verlieren und

ertrinken, obwohl sie gute Schwimmer sind.

Auch die Hausmaus, eine weltweit verbreitete Art, ist zu den auf

Neuwerk heimischen Säugern zu zählen. Zeitweise tritt sie sogar

massenhaft auf der Insel auf. Sie gehört sicherlich zu den unbeabsichtigt

auf Neuwerk eingeschleppten Arten.

Die Waldspitzmaus ist der einzige Insektenfresser unter den

Säugetieren, der Neuwerk erobert hat. Weitere Insektenfresser

wie Igel, Maulwurf und andere Spitzmausarten fehlen auf

Neuwerk. Die Waldspitzmaus ist mit einer stabilen Population,

aber weitaus weniger zahlreich als die Hausmaus, auf der Insel

vertreten.

Als häufigste Säugetierart Neuwerks ist die Schermaus zu nennen.

Sie ist mit Ausnahme der ursprünglich nur in Nordamerika

beheimateten und zu Beginn unseres Jahrhunderts in Europa ausgesetzten

Bisamratte, die größte europäische Wühlmausart. Die

Schermaus ist im Neuwerker Vorland besonders häufig anzutreffen

und wird, sobald sie Schäden an den Deichanlagen verursacht,

im Rahmen der Unterhaltung der Hochwasserschutz-


anlagen intensiv bekämpft.

Vermutlich ist auch die Feldmaus auf Neuwerk beheimatet.

Nachgewiesen wurde dieser Kleinsäuger allerdings bis jetzt noch

nicht lebend, sondern lediglich in Eulengewöllen auf Neuwerk. Es

ist aber nicht absolut sicher, dass die Eulen ihre Beute auf

Neuwerk gefangen haben. Es könnte sich unter Umständen um

auf dem Festland lebende Mäuse gehandelt haben.

Abb. 3: Feldmäuse an ihrem Bau. Foto Limbrunner

Man könnte annehmen, dass flugfähige Säugetierarten es leichter

hätten, nach Neuwerk zu gelangen. Bislang ist jedoch erst eine

Fledermausart, die Breitflügelfledermaus auf der Turmwurt nachgewiesen

worden. Diese Art wird auf der "Roten Liste gefährdeter

Tiere Deutschlands" auf der Vorwarnliste geführt. Sie ist damit

noch nicht gefährdet, aber es steht zu befürchten, dass sie innerhalb

der nächsten 10 Jahre gefährdet sein wird, wenn bestimmte

Faktoren weiterhin wirken. Die Breitflügelfledermaus ist typisch

für dörfliche Gebiete und könnte in den alten Gebäuden und

großen, alten Bäumen auf der Turmwurt einen ihr zusagenden

Sommer- und auch Winterlebensraum finden. Trotzdem ist sie auf

Neuwerk bislang nur selten beobachtet worden, doch stehen

regelmäßige Untersuchungen hierzu noch aus.

Kurzzeitige Besucher der Insel

Auch die Verschleppung einzelner Tiere auf die Insel ist belegt. So

wurde z. B. im Jahr 1993 ein Hermelin gesichtet, das sich während

des Sommers im Innen- und Außengroden, an der Wattkante und

den Buhnen aufhielt. Das Hermelin gilt als guter Schwimmer. Man

vermutet, dass es mit Prickenladungen per Schiff, gewissermaßen

als "Blinder Passagier", auf die Insel gelangte.

Weitere Besonderheiten sind einzelne Rehe und eine Bisamratte,

die sich nach Neuwerk verirrten und so als sogenannte Irrgäste für

wenige Stunden oder Tage auf der Insel beobachtet werden konnten.

Diese beiden Arten sind damit wohl die einzigen, die selbstständig

nach Neuwerk gelangen konnten, haben hier aber keinen

geeigneten Lebensraum gefunden.

Beutegreifer, wie z. B. Fuchs, die eine Gefahr für die Vogelwelt

darstellen können, fehlen auf Neuwerk gänzlich. Da auch andere

Nesträuber wie Igel nicht auf der Insel heimisch sind, sind die

großen Seevogelkolonien relativ ungefährdet. Auch die Aufzuchtsrate

der Hasen dürfte vom Fehlen der Beutegreifer profitieren. An

die Stelle standorttreuer natürlicher Beutegreifer treten auf

Neuwerk neben durchziehenden Greifvögeln auch wildernde

Hauskatzen, die zumindest binnendeichs auch Vögel erbeuten. Die

wildernden Katzen werden im Rahmen der Verpflichtung zur

Ausübung des Jagdschutzes während der Jagdausübung zur Bestandsregulierung

der Hasen regelmäßig geschossen.

Abb. 4: Breitflügel-Fledermaus. Foto Limbrunner

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 33


Insel Neuwerk

34

Die frühe Verbindung der Insel Neuwerk mit der Stadt Hamburg und ihre besondere Bedeutung für den aufstrebenden

Hafen der Hansestadt als Vorposten in der Elbe-Mündung haben dazu geführt, dass das Schicksal der Insel und die Begebenheiten

um sie herum vergleichsweise umfangreich dokumentiert sind. Der vorliegende Ausschnitt aus der Chronik

Neuwerks zeigt, wie sehr das Schicksal der Insel einerseits mit der hamburgischen Geschichte und andererseits mit den

Sturmfluten der Nordsee bis in die jüngste Zeit verbunden ist.

Neuwerker Inselchronik

Um 950 Der erste sächsische Geschichtsschreiber

Widukind beschreibt die Besiedlung des Landes

,,Hadolaun” durch die Sachsen.

1286 Erstmalige Erwähnung der ,,0”, die dem Land

Hadeln zugeordnet wird.

Die unbedeichte zu Land Hadeln gehörige Insel

wird während der Heringsfangzeit von Kaufleuten

aus Bremen, Stade und Hamburg als Fischmarkt

aufgesucht. Erste Erwähnung des Planes der Errichtung

eines Seezeichens durch Hamburg.

1299 1. Nov.: Die Herzöge von Sachsen-Lauenburg geben

als Landesherren von Hadeln der Stadt

Hamburg die Erlaubnis, auf der Insel ein ,,Werk”

zur Kennzeichnung der Elbmündung zu errichten.

Die entscheidenden Verhandlungen finden in

Mölln statt.

Abb. 1: Elb-Karte von Melchior Lorich, 1568, Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

1300–1310 Der Rat der Stadt Hamburg lässt unter finanzieller

Beihilfe Lübecks auf der Insel den heute noch

stehenden Turm zur Kennzeichnung der Elbmündung

als Seezeichen und zugleich Festungswerk

errichten.

1316 April: Der hamburgische Rat schließt zum Schutze

des Turmes mit den Ratgebern der friesischen

Marsch Land Wursten ein Verteidigungsbündnis.

1319 22. Juni: Der noch heute bestehende Friedhof der

Insel wird durch einen Bischof und drei Geistliche

geweiht.

1349 2. Febr.: Die Edelherren Lappe, Burgherren zu

Ritzebüttel und Grundherren in den Hadeler

Kirchspielen Altenwalde und Groden, verpflichten

sich gegen Hamburg, die Schifffahrt auf der

Niederelbe zu beschirmen. Der Vertrag wird in

Neuwerk Ritzebüttel

den folgenden Jahren mehrmals erneuert.

1376-1379 Ein Brand verursacht am Holzwerk und Dach des

Neuwerker Turmes größeren Schaden. Nach

Besichtigung durch zwei Hamburger Ratsherren

werden größere Reparaturarbeiten ausgeführt.

Neben dem Turm werden Viehställe, ein

“Haubarg” und eine Windmühle gebaut.

1393 12. Juli: Nach einem Überfall der Ritter Lappe auf

die Insel erneuert der Hamburger Rat das mit den

Ratgebern des Landes Wursten geschlossene

Bündnis gegen sie. Gemeinsam erobern

Hamburger und Wurster deren Burg Ritzebüttel.

1394 1. Aug.: Beim Friedensschluss nach der Fehde treten

die Edelherren Lappe ihre Grundherrschaft in

den Hadeler Kirchspielen Altenwalde und Groden

mit der Burg Ritzebüttel an Hamburg ab. Aus der

Gerichts- und Grundherrschaft der Lappes bildet

Hamburg das Amt Ritzebüttel. Dem hamburgischen

Ratsherrn und Amtmann zu Ritzebüttel

wird die Insel Neuwerk unterstellt. Seit etwa 1400

ist ein Vogt dort sein Vertreter.

1431 22. Febr.: In der Fehde zwischen Hamburg und

Dithmarschen wegen Radelef Kersten überfallen

und plündern die Dithmarscher Neuwerk, ohne

den Turm zu erobern.

1460/1461 Durch bauliche Instandsetzung des Turmes und


der übrigen Gebäude entstehen größere Ausgaben

für die Hamburger Kämmerei. Bleidecker,

Schmiede, Ziegler und andere Handwerker arbeiten

bis zu dreizehn Wochen auf der Insel unter

Aufsicht des Vogtes Ludekin van Rode.

1536 Der Neuwerker Vogt Bernd Beseke wird wegen

schweren Seeraubs mit dreien seiner Knechte in

Hamburg enthauptet. Als sein Nachfolger wird

Ratsherr Willehad Wiese durch den Ratsherrn

Dithmar Koel in Neuwerk als Amtmann eingeführt.

1554/55 Neben dem Turm wird eine neue Viehtränke mit

erhöhtem Wall (,,Soot”) gegen die Meeresflut

unter Aufwand von 636 lübischen Pfund durch die

hamburgische Kämmerei angelegt.

1556 - 1559 Unter Aufsicht des hamburgischen Bürgermeisters

Memo von Eitzen und des Neuwerker Vogtes

Joachim Schröder entsteht der erste Deich der die

Insel, für dessen Bau die Kämmerei in drei Jahren

hohe Summe von etwa 6134 lübischen Pfund aufbringt.

1568 Auf der im Auftrage des Rates durch den Maler

Melchior Lorichs hergestellten Elbkarte ist zum

ersten Male die Außenelbe mit der Insel Neuwerk

dargestellt.

1572 Das eingedeichte Land und die Graserei des

Außendeiches werden durch die hamburgische

Kämmerei je zur Hälfte dem Vogt Sebastian Ruhe

und den drei Erbpächtern Nanne Heerßen,

Helmcke Schmidt und Hinrick Joelssen verpachtet,

die bis Ostern 1574 ihre Hofwurten am Norddeich

fertigzustellen haben.

1575 Bei der Südwestecke des Deiches werden zwei

Fischerhäuser errichtet. Die Bewohner versehen

auch den Lotsendienst in den Gewässern bei der

Insel.

1625 21. Jan., 10. u. 16. Febr.: Hohe Sturmfluten mit

Eisgang, die auf der Insel gewaltige Schäden

anrichten.

1626 30. Juli: Die Insel wird durch Söldner des Markgrafen

Christian Wilhelm von Brandenburg, der

das Schloss Ritzebüttel besetzt hat, gebrandschatzt,

jedoch der Turm nicht eingenommen.

1628 Sept.: Die Absicht des kaiserlichen Generals Tilly,

dessen Kriegsvolk das Amt Ritzebüttel besetzt

hält, auch Neuwerk einzunehmen, wird durch

Nebel vereitelt.

1644 Auf dem nördlichen Deichvorland wird eine hölzerne

Feuerblüse zur Aufnahme eines Kohlenfeuers

erbaut, das in den Winternächten als

Leuchtfeuer brennt.

1717 24./25. Dez.: Die Weihnachtsflut überflutet die

Insel und richtet am West- und Norddeich schwere

Schäden und Deichbrüche an. Zwölf Einwohner

kommen in den Fluten um. Alles Vieh

ertrinkt. Claus Tiedemanns Mittelhof und Claus

Höpckes Fischerhaus werden ,,weggespület”.

1718 25. Jan./25. Febr.: Erneute Sturmfluten; zum

Schutz wird ein Notdeich um die Hochstelle

Abb. 2: Leuchtfeuer auf dem Neuwerker Turm. Foto Körber.

gebaut. Anschließend erfolgt die Wiederherstellung

der Deiche mit Hilfe der hamburgischen

Kämmerei, des Amtes Ritzebüttel und durch

kirchliche Kollekten.

1723 Dez.: Ein Schwarm von 18 Walen verendet auf

Watt und Sänden bei Neuwerk; sie werden von

Neuwerker, Duhner, Blankeneser und Altonaer

Fischern abgespeckt.

1751 11. Sept.: Bei einer schweren Sturmflut bricht der

Neuwerker Deich an der Südwestecke beim

Fischerhaus; zu beschleunigter Ausbesserung

werden vom Ritzebüttler Amtmann Einwohner

der Küstendörfer Duhnen, Döse und Stickenbüttel

mit Sturzkarren dorthin geschickt.

1756 7. Okt.: Bei schwerem Sturm wird die Insel überschwemmt;

im Süddeich entsteht ein Grundbruch;

das Turmdach verliert 1300 Ziegel; viele Häuser

werden beschädigt.

1791 22. März u. 1792, 11. Dez.: Schwere Sturmfluten

verursachen bedeutende Schäden auf der Insel, die

in den nächsten Jahren ausgebessert werden.

1795-1797 Zum Schutz des Deiches wird an der Südwestecke

beim Fischerhaus eine 900 m lange eichene Pfahlwand

erbaut. 1795 wird für Wattschiffe südlich

von Neuwerk durch die Kinderbalje infolge häufigen

Verkehrs von Weser Jade und Ems auch die

durch Stickers Gatt unfern der Duhner Küste in

das Elbwasser führende Fahrrinne mit Buschbaken

besteckt.

1814 Nach Abzug der Franzosen beziehen die

Neuwerker ihre Wohnstellen wieder.

1814 20. Dez.: Auf dem Turm brennt zuerst das durch

die Hamburger Optische Anstalt von Joh. G.

Repsold eingerichtete Laternenfeuer als Nachtsignal.

Daneben brennt noch das alte Kohlenfeuer

der Blüse, für die ein besonderer Kohlenhafen die

aus Schottland eingeführte Kohle aufnimmt.

1815 Für die bisherige Feuerblüse wird am Norddeich

ein kleiner Leuchtturm errichtet. Die durch die

Feuer des großen und kleinen Turms bezeichnete

nordwestliche Linie gibt den einsegelnden Schiffen

den Kurs auf die Elbmündung. Für beide

Feuer werden je zwei Blüsener angestellt.

1816 Auf der lnsel leben 42 Menschen. Der Viehbestand

beträgt: 30 Pferde, 132 Rinder, 5 Schweine

und 136 Schafe.

1825 3./4. Febr.: Die Sturmflut bricht und beschädigt

den äußeren und inneren Deich, insbesondere an

der Nordseite. Während die Bewohner sich auf

den Turm retten können, kommt alles Vieh in den

Fluten um. Nur ein Haus bleibt bewohnbar. Alle

Brunnen sind voll Schlamm und Salzwasser. Hilfe

für Neuwerk erfolgt durch hohe Sammlungsspenden

aus Hamburg und England.

1827 12. Juni: Ein neben dem Turm erbautes kleines

Schulhaus, dessen Schulstube auch als Betsaal

dient, wird durch Pastor Weiß aus Döse eingeweiht.

1839 Die Insel erhält ein staatliches Rettungsboot.

1867 Es wird eine neue Bergungsordnung für Neuwerk

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 35


Insel Neuwerk

36

erlassen, die in fünf Sprachen für die Schiffsführer

bekanntgemacht wird.

1870 30. Juli: Über das von Cuxhaven/Duhnen nach

Neuwerk gelegte Telegraphenkabel wird die erste

Depesche durchgegeben.

1873 1. Dez.: Die Insel wird eine Landgemeinde mit

einem Ortsvorstand von drei Personen nach der

Hamburgischen Landgemeindeordnung.

1875 Die Einwohnerzahl beträgt 54. Der Osthof wird

in zwei Halbhöfe aufgeteilt.

1885 4. Juni: Das 1815 eingerichtete Feuer des kleinen

Leuchtturms wird eingestellt.

1905 Das am Ostdeich erbaute Hotel ,,Zur Meereswoge”

gewährt Badegästen Aufenthaltsmöglichkeit.

Neuwerk wird Erholungsort und Seebad.

1906 12.u. 13. März: Eine hohe Sturmflut schlägt

Wellen über die Deiche, die standhalten, jedoch

Beschädigungen aufweisen. Alle Gräben und

Tränken, mit Ausnahme des Turmteiches, füllen

sich mit Seewasser.

1911 Die Außenmauer des Leuchtturms wird mit einem

Kostenaufwand von 17000 Reichsmark durch

Hamburg gründlich ausgebessert und erneuert.

1912 Juli: Das mit einem Kostenaufwande von 30 000

Reichsmark errichtete Schulgebäude am Norddeich

wird in Benutzung genommen. Es liegt an

der Stelle des früheren kleinen Leuchtturms, dessen

Wärterhaus seit 1887 als Schule diente.

1914-1918 Während des ersten Weltkrieges ist die Insel

militärisch besetzt. Nach dem Kriege erbaut die

Kriegsmarine an Stelle von Holzständen vier

Beobachtungsstände in Ziegelstein am Deich.

1916 13. Jan. u. 16. Febr.: Hohe Sturmfluten treiben auf

Neuwerk die Wogen über die Deiche.

1925 Für hamburger Schulkinder, die vorher behelfsmäßig

im Turm untergebracht waren, wird das bisherige

Vorwerksgebäude als Schulheim eingerichtet.

1926 Ein mit einem Windmotor betriebenes Elektrizitätswerk

für die Insel wird in Betrieb genommen,

das auch an Stelle des Petroleumglühlichts

Strom für das Leuchtfeuer des Turmes liefern

kann.

1926 Erste Naturschutzmaßnahmen (Sandfangzäune

und Anpflanzungen) zur Sicherung der Dünen

plate Scharhörn (initiiert durch das Bemühen des

Insellehrers Gechter).

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

1931 Der steinerne Ring um das Vorland des Deiches

wird vollendet. Der hamburgische Staat hat darin

vier Schleusen zum Durchlass der Hauptpriele

erbauen lassen.

1932-45 Ein Barackenlager des Arbeitsdienstes befindet

sich auf der Insel. Die Arbeitsmänner helfen bei

Uferschutzarbeiten, Erdarbeiten am Außendeich

und bei Landgewinnungsarbeiten auf dem Watt im

Südosten der Insel. Nach dem Abbruch der Arbeiten

im Jahre 1945 verfallen die Anlagen zur Aufhöhung

des Watts.

1934 Die in den Jahren 1795 bis 1797 errichtete Eichenpfahlwand

vor der Südwestecke der Insel wird

erneuert und erweitert.

1937 1. April: Die Insel wird mit Cuxhaven und dem

Amt Ritzebüttel durch das Groß-Hamburg Gesetz

im Austausch anderer Gebiete von Hamburg an

Preußen abgetreten. Sie wird damit ein Ortsteil

der Stadt Cuxhaven.

1939 1. Dez.: Verordnung über das NSG Vogelfreistätte

Scharhörn (betreut vom Verein Jordsand zum

Schutz der Seevögel e.V.).

1939-1945 Im zweiten Weltkrieg wird auf der Insel eine Flakbatterie

eingerichtet. In den Jahren 1944 bis

1945 werden am nördlichen Deich durch die

Kriegsmarine schwere, in Betonstände eingemauerte

Küstenfestungsgeschütze eingebaut. Nach der

Kapitulation erfolgt die Sprengung durch die britische

Besatzungsmacht. Auf Scharhörn befindet

sich eine Flakbeobachtungsstelle.

1946 Auf dem Turm wird eine Vogelschutzstelle der

Vogelwarte Helgoland eingerichtet, ebenso auf

Scharhörn.

1947 1. Jan.: Seit der Bildung des Landes Niedersachsen

nach Auflösung Preußens gehört die Insel

zu Niedersachsen.

1949 April: Die im Gewölbe des Leuchtturms eingrichtete

Turmschänke wird eröffnet. Ab 1949 verkehrt

wieder regelmäßig ein Motorboot zwischen der

,,Alten Liebe” in Cuxhaven und der Insel.

1952 28. Juni: Bundespräsident Heuß besucht die Insel

in Begleitung des niedersächsischen Ministerpräsidenten

Kopf und des Cuxhavener

Oberbürgermeisters Olfers.

1958 Aug./Sept.: Neuwerk wird an das E-Netz angeschlossen.

Mit einem durch das Watt verlegten

Kabel wird die Insel jetzt vom Überlandwerk-

Nord Hannover AG ständig mit Strom versorgt.

Das Windkraftwerk wird stillgelegt und später

demontiert.

1962 16./17. Febr.: Eine der schwersten Sturmfluten seit

Jahrzehnten mit einem Wasserstand von 3,60 m

über Normalnull. Starke Ausspülungen außen- und

binnendeichs der Insel an mehreren Stellen, vor

wiegend im Nordwest-Bereich, an einigen Stellen

auch Deichkronen-Ausspülungen. Bis auf einige

höher gelegene Stellen und den Wurten, auf denen

die Höfe stehen, wird die gesamte Insel überflutet.

1962 5. Okt.: Ratifizierung des Staatsvertrages zwischen

Hamburg und dem Lande Niedersachsen

über den Geländeaustausch Neuwerk-Scharhörn

gegen hamburgisches Hoheitsgebiet im

Cuxhavener Fischereihafengelände durch

Hamburgs Bürgermeister Dr. Nevermann und dem

niedersächsischen Ministerpräsidenten Dr.

Diederichs. Neuwerk, Scharhörn und das umliegende

Wattengebiet (insgesamt 95 Quadratkilometer)

fallen an Hamburg, das in diesem

Gebiet den Bau eines Tiefwasserhafens plant. Das

Land Niedersachsen erhält als Gegenleistung eine

ca. 200 ha große Fläche für die Erweiterung des

Cuxhavener Fischereihafengeländes.

1963 6. Mai: Offizielle Übergabe der Insel Neuwerk

von Niedersachsen an Hamburg hinsichtlich des

fiskalischen Gebiets und der Gebäude gem. Staatsvertrag

vom 5.10.62. Die Übertragungsurkunden

werden am 7.5. in Cuxhaven ausgehändigt.

1966 Indienststellung des Motorschiffes ,,Nige Ooge”

durch die Reederei W. Schaal, Cuxhaven, die

zuletzt mit MS ,,Christiane” den Neuwerk-Dienst

durchführte. Die ,,Nige Ooge” (Länge 30 m,

Breite 6,5 m, Tiefgang 1,40, 450 PS, Geschwindigkeit

10,7 Kn.) kann ca. 250 Personen befördern

und ist damit das größte aller bisher im Neuwerk-

Verkehr eingesetzten Schiffe.

1967 14.Juni/07.Aug.: Das Durchführungsabkommen

zum Staatsvertrag zwischen der Freien u. Hansestadt

Hamburg und dem Lande Niedersachsen

wird geschlossen.

1967 11. Juli: Das niedersächsische Kabinett billigt die

Vorlage für das Durchführungsabkommen zum

Neuwerk-Vertrag vom 5.10.62. Damit wird der


Flaggenwechsel auf der Insel Neuwerk vollzogen.

1967 26. Sept.: Verordnung über das NSG Scharhörn.

1968 12. Juni: Die Insel wird an das Wassernetz des

Festlandes angeschlossen. Eine durch das Watt

verlegte Leitung sichert von nun an die Trinkwasserversorgung.

1969 1. Okt.: Der Staatsvertrag Niedersachsen-

Hamburg tritt in Kraft. Mit dem Austausch der

Ratifizierungsurkunden geht das Gebiet Neuwerk-

Scharhörn von Niedersachsen in den Besitz der

Freien- und Hansestadt Hamburg über.

1970 30. Mai: Hamburgs Bürgermeister Prof.

Weichmann weilt zur Begrüßung der neuen hamburgischen

Bürger auf Neuwerk und vollzieht die

symbolische Übernahme der Insel aus der niedersächsischen

bzw. Cuxhavener Obhut in die der

Freien- u. Hansestadt Hamburg.

1971 11. Febr. Die hamburgischen Voruntersuchungen

für das Vorhafenprojekt durch die Forschungsgruppe

Neuwerk werden nach 8 Jahren abgeschlossen.

1976 3. Jan.: Eine ,,Jahrhundertsturmflut” mit 10,12 m

über Pegel-Null. Sie steigt noch 16 cm höher als

die Februarflut von 1962.

1976 20./21.Jan.: Eine zweite Sturmflut innerhalb eines

Monats. 9,70 m über Pegel-Null werden in

Cuxhaven gemessen. Diese beiden Fluten zerschlagen

die Dünenkette an der Nordwestseite von

Scharhörn.

1978 Das hamburgische Wattenmeer wird als ein Teil

des Elbe-Weser-Dreiecks durch den internationalen

Rat für Vogelschutz/Sektion Deutschland als

Europa-Reservat für Vögel anerkannt.

1981 Auf Grund einer Anfrage in der Hamburger

Bürgerschaft erklärt der Hamburger Senat, das

Tiefwasserhafenprojekt zunächst nicht mehr weiter

betreiben zu wollen.

1982 Der Hamburger Senat stellt die Insel Neuwerk

unter Landschaftsschutz, z. T. unter Naturschutz.

Mit dieser Regelung wird auch der der Insel im

Norden und Osten vorgelagerte ,,Kleine Vogelsand”

unter Natur-, Vogel- und Landschaftsschutz

gestellt.

1986 Das Wasser- und Schifffahrtsamt Cuxhaven

errichtet an der Westküste Neuwerks einen 52 m

hohen Antennenträger zur besseren Überwachung

des Schiffsverkehrs in der Elbmündung.

1986 28. Okt.: Verordnung über das NSG Neuwerker

und Scharhörner Watt sowie Verordnung über das

NSG Insel Neuwerk/Kleiner Vogelsand.

1989 Sept.: Aufspülung der Insel Nigehörn .

1990 9. April: Die Hamburger Bürgerschaft verabschiedet

das Gesetz zur Einrichtung eines Nationalparks

Hamburgisches Wattenmeer.

1990 22. Aug.: Anerkennung des Nationalparks als

,,Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung”

gemäß Ramsar-Konvention.

1991 01. Okt.: Gründung der Nationalparkverwaltung.

1992 10. Nov.: Anerkennung des Hamburgischen

Wattenmeeres als Biosphärenreservat durch die

UNESCO.

1994 18. Okt.: Der Bundesminister für Umwelt, Naturschutz

und Reaktorsicherheit, Prof. Dr. Klaus

Töpfer, besucht die Insel Scharhörn.

1996 Okt.: Auf Scharhörn wird eine neue Vogelwärterhütte

eingerichtet. Die neue Unterbringung wird

auf Lärchenpfählen gegründet. Die sechs Wohn-

Container-Elemente werden von einem Hubschrauber

nach Scharhörn eingeflogen.

1997/1998 Erneuerung des Staatsanlegers.

1998 24. März: Der Senat empfiehlt der Bundesregierung

die Anmeldung des Nationalparkes

gemäß EG-Vogelschutzrichtlinie gegenüber der

Europäischen Kommission.

1998 22. Dez.: Der Senat empfiehlt der Bundesregierung

die Anmeldung des Nationalparkes gemäß

der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie gegenüber der

Europäischen Kommission als Bestandteil des

europäischen Schutzgebietssystems ,,Natura

2000”.

1999 Mai – 15. Juli: Ausbaggerung des Elbe-Neuwerk-

Fahrwassers auf eine Tiefe ± 0 m Seekarten-Null

und Verspülen der Baggermassen an das Deckwerk

der Insel (Bereich Nordende der hölzernen

Pfahlwand bis südlicher Anleger – ca. 750 m).

1999 14./15. Juli: Der Erste Bürgermeister der Freien

und Hansestadt Hamburg, Ortwin Runde, besucht

Neuwerk aus Anlass des Jubiläums ,,700 Jahre -

Hamburg verbunden mit Neuwerk”. Bei einem

Treffen mit den Neuwerker Bürgern tragen diese

ihren Wunsch nach einem Nationalparkhaus für

die Insel vor.

2000 4. Juli: Der Senat beschließt die Errichtung eines

Nationalparkhauses für die Öffentlichkeitsarbeit

und Umweltbildung auf der Insel Neuwerk.

2000 12. Dez.: Der Senat der Freien und Hansestadt

Hamburg verabschiedet einen Gesetzentwurf zur

Änderung des hamburgischen Nationalparkrechts

einschließlich der seewärtigen Erweiterung des

Nationalparks um ca. 2050 ha.

2001 26. März: Umweltsenator Alexander Porschke

präsentiert der Öffentlichkeit mit dem Nationalpark-Atlas

Hamburgisches Wattenmeer die erste

umfassende Darstellung des hamburgischen

Wattenmeeres und seiner Inseln seit fast 50

Jahren.

2001 5. April: Die Bürgerschaft verabschiedet das

Gesetz zur Änderung des hamburgischen Nationalparkrechts

(Senatsvorlage vom 12.Dezember 2000).

Quellen:

° Ferdinand DANNMEYER, Erich VON LEHE & Heinrich

RÜTHER (Hrsg.): Ein Turm und seine Insel - Monographie

der Nordseeinsel Neuwerk. Verlag Rauschenplat Cuxhaven,

1952 (unveränd. Nachdruck mit ergänzter Chronik, 1982).

° Rolf HEINOLD (1982): Neuwerk ist eine Reise wert.

° Gerhard SAGERT (Erscheinen unbekannt): Dünen-Insel

° Berichtswesen der Umweltbehörde Hamburg, National-

Eigenverlag Hamburg.

Scharhörn. Robinson-Eiland zwischen Cuxhaven und

Helgoland. Selbstverlag Hannover.

parkverwaltung Hamburgisches Wattenmeer.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 37


Insel Neuwerk

38

Bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als sich Hamburgs zu einem bedeutenden Handelszentrum entwickelte und die

Unterelbe als Verkehrsweg immer größere Bedeutung erlangte, errichtete die Hansestadt zwischen 1301 – 1310 zur Sicherung

ihres Schifffahrtsweges in den Hafen auf einer fünf Meter hohen Wurt den Wehrturm von Neuwerk (näheres siehe

Seite 40-41).Von dort begann auch die ständige Besiedlung der Insel.

Die bauliche Entwicklung der Inselgemeinde

Die historische Besiedlung

Die im Turm eingesetzten Bewacher aus Hamburg (Ratsherren)

waren die ersten ansässigen Bewohner der Insel. Zuvor diente die

Insel den Festlandbewohnern ausschließlich als Fischumschlagplatz

und Sommerweide. Die Überlieferungen der Ereignisse um

den Turm herum, der die Begehrlichkeiten der Nachbarn vom

Festland und die der Seeräuber immer wieder abwehren konnte,

ist allerdings erheblich besser dokumentiert als das Leben auf der

Insel und die Umstände, unter denen die Inselbewohner wirtschafteten.

Sicherlich standen schon bald nach der Turmerrichtung

weitere einzelne Stallgebäude in unmittelbarer Anbindung,

um das Vieh zumindest zeitweilig vor Witterung und hohen

Wasserständen zu schützen. Es ist anzunehmen, dass sie entsprechend

den damaligen Gewohnheiten in Ständerbauweise errichtet,

das Fachwerk mit Weidengeflecht verfüllt und anschließend

mit Lehm verstrichen wurden. Eine Füllung mit Backstein dürfte

zunächst die Ausnahme gewesen sein. Von dieser Tradition zeugt

heute nur noch die Vogtscheune am Fuße des Turms. Ihr

Ständerwerk ist heute noch im Inneren und auf der Ostseite deutlich

zu erkennen.

Eine weitläufigere Besiedlung konnte erst nach Abschluss der

Inseleindeichung (1556 -1568) ermöglicht werden. Hierdurch

wurde die Voraussetzung für eine dauerhafte Besiedlung auf der

Insel auch außerhalb der Turmwurt und ohne die ständige Gefahr

vor Sturmfluten geschaffen. Die Eindeichung machte auch eine

bis dahin nicht praktizierte Ackerwirtschaft möglich. Hamburg

vergab im Norden der Insel drei Erbpachthöfe (Westhof,

Mittelhof, Osthof), die auf Wurten direkt hinter dem Deich errichtet

wurden, und räumte darüber hinaus drei Jahre später auch zwei

Fischerfamilien im Süden der Insel ein Erbpachtrecht ein. Die

Struktur dieser ersten dauerhaften Besiedlung auf der Insel ist bis

heute erhalten geblieben, über die damaligen Baulichkeiten wissen

wir jedoch wenig Spezielles. Die neuen Bewohner, Bauern

und Fischer, waren gleichzeitig verpflichtet den Lotsendienst zu

tätigen, Schiffbrüchige zu bergen, Strandgut einzusammeln und

beim Deichschutz anzupacken. Im ständigen Kampf mit den

widrigen Wetterverhältnissen und Sturmfluten, die besonders

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

nach dem großen Deichbruch im Jahr 1717 Behausungen, Vieh

und Hof vernichteten, konnten auf Neuwerk keine prächtigen,

dauerhaften Hofbauten und damit eigenständige Bauformen entstehen,

zumal die Bewohner erst im 18. Jahrhundert ihre Pachthöfe

auch als Eigentum erwerben konnten. Über Jahrhunderte

musste die Bautätigkeit gegenüber dem Kampf gegen die Fluten

(Erhaltung des Bestands, Deichschutz) und die weitere Sicherung

für die Schifffahrt (Errichtung von Blüsen/ Baken, Leuchtfeuer)

zurücktreten. Es kann daher nicht verwundern, dass aufgrund der

harten Lebensbedingungen die Bevölkerungszahl selten mehr als

50 Einwohner betrug.

Seit Anfang dieses Jahrhunderts hat sich Neuwerk zum

Erholungsort und Ausflugsziel für die Städter entwickelt. Neben

der Errichtung der in rotem Backstein geklinkerten Leuchtturmwärterhäuser

im Nordbereich der Turmwurt im Jahr 1904 (heute

Nationalparkstation und Inselladen) wurde 1905 das erste Hotel

"Haus Meereswoge" als schlichter Einzelbau im Osten der Insel

in Betrieb genommen (heute Schullandheim). Die touristische

Entdeckung der Insel zog weitreichende Veränderungen für den

Broterwerb der Einwohner nach sich, die auch zu Veränderungen

der Baulichkeiten führte. Schrittweise trat die Landwirtschaft als

Haupterwerb in den Hintergrund, die Höfe wurden im Dienste der

Gastwirtschaft umgebaut und erweitert.

Zum Baubestand sind in diesem Jahrhundert u.a. neu hinzugekommen

das "neue" Schulgebäude (1911/12), das Haus "Rose"

(1928), das Feuerwehrhaus (1981) sowie die Kläranlage auf der

Nordspitze (1989/90); sie alle liegen in direkter Anbindung an den

Deich im Norden. Nur wenig vom Deich zurückliegend wurde

zuletzt 1998/99 der Pensionsbetrieb "Zum Anker" & "Nigehus"

erweitert. An der Turmwurt baute der Landschaftsmaler Brodkorb

nach Ende des 2. Weltkrieges ein kleines Holzhaus, welches nach

einem Brand 1996 wieder neu errichtet wurde.

Auch die über Jahrhunderte vom alten Wehrturm dominierte

Silhouette hat sich verändert. 1988 wurde vor der Insel ein rund

54 m hoher Radarturm gebaut, der wichtige Funktionen für die

Verkehrssicherheit in der Elbmündung wahrnimmt. Das histori-

sche Bild der Insel ist hierdurch jedoch nachhaltig gestört worden.

In der Rückschau der Ereignisse lässt sich festhalten, dass bis

heute die extremen Sachzwänge auf der Insel sich auch im bauliche

Pragmatismus auf der Insel widerspiegeln. Diese Tradition

begann mit der Errichtung des Turms selbst. Das Bauen auf

Neuwerk ist durch die Schlichtheit in seiner Notwendigkeit und

nicht durch einen hohen gestalterischen Anspruch geprägt. Auch

die in den sechziger Jahren errichteten Verwaltungsbauten für den

Deichschutz und die Planungsgruppe des Tiefwasserhafens auf

bzw. dicht an der Turmwurt legen hiervon Zeugnis ab.

Heutiges Bauen auf Neuwerk

Die aktuelle Genehmigungspraxis wird durch das Nationalparkgesetz

mit seinem allgemeinen Bauverbot sowie dem

Baugesetzbuch mit seinen weit eingeschränkten Bauerlaubnissen

im Außenbereich bestimmt.

Es ist das gemeinsame Ziel der Nationalparkverwaltung und des

Bezirksamtes,

• die ökologischen Erfordernisse des Naturschutzes mit den

ökonomischen Interessen der ansässigen Inselbevölkerung

möglichst miteinander zu vereinbaren und hierzu insbesondere

die vorhandene Struktur der vorhandenen Familienbetriebe

zu erhalten und zu fördern,

• den mehrtägigen, "sanften Tourismus" zu fördern, und dafür

den Erhalt und die Weiterentwicklung von entsprechenden

Einrichtungen zu unterstützen,

• dem Tagestourismus in seinem jetzigen Umfang Rechnung

zu tragen und seine notwendige Versorgung zu unterstützen.

In diesem Sinne wurden in den vergangenen Jahren eine Reihe

von Baugenehmigungen erteilt und realisiert, allerdings auch einige

Anfragen zurückgewiesen (z.B. Bau von Windkraftwerken,

Wochenendhäuser, etc.).

Bauliche Maßnahmen werden generell einer Einzelfallbetrachtung

unterzogen und beurteilt, um so das Panorama und die ortstypische

Gestaltung zu pflegen und zu halten.

Hierbei wird insbesondere Wert gelegt auf:

• die Erhaltung der Turmdominanz im Panorama,

• der Verzicht auf die Bebauung bislang unbebauter Flurstücke,

• die Vermeidung von Neubauten zugunsten von Anbauten,

• begrenzte Baugeschossigkeit,

• die Ausführung von Giebeldächern,

• die Nutzung hergebrachter witterungsfester Materialien wie

z.B. roter Backstein,

• den Erhalt der Turmwurt entsprechend den Richtlinien der

Denkmalpflege.


Westhof

Fischerhaus

Mittelhof

Turmwurt

Osthof

bis 1905 (Bestand)

bis 1960 (Erweiterung)

bis 1980 (Erweiterung)

bis 1999 (Bestand)

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 39


Insel Neuwerk

40

Seit nunmehr fast 700 Jahren überragt das Wahrzeichen Neuwerks, der mächtige Wehrturm oder ganz einfach “Dat Werk”

genannt, weithin das hamburgische Wattenmeer. Dieses älteste noch in seiner ursprünglichen Form erhaltene Gebäude an

der deutschen Nordseeküste hat der Insel ihren Namen gegeben und zugleich ihre Geschichte bestimmt. Aus der noch im

13. Jahrhundert bezeichneten “Nige O” (neue Insel) wurde “Nige Werk” (Neues Werk).

Der Neuwerker Turm

Entstehungsgeschichte und Errichtung

Die Umstände, die zum Bau des Turms führten, sind gut bekannt,

waren sie doch für die bereits zum Ende des 13. Jahrhundert aufstrebende

Stadt Hamburg von vitalem Interesse. Um die Mündung

der Elbe und damit den ungehinderten Zugang zum Handelshafen

Hamburgs zu gewährleisten, sicherte sich die Hansestadt

durch einen 1299 in Mölln geschlossenen Vertrag mit den

Herzögen von Lauenburg als Landesherren der Region Hadeln,

das Recht ein ,,Werk” auf der Insel ,,Nige O” zu errichten, um die

Elbmündung sowohl mit einem Seezeichen als auch durch eine

militärische Präsenz zu sichern.

Der Bau des Turms selbst wurde schon in den Jahren 1300-1310

auf der höchsten Stelle der Insel und mit bedeutender finanzieller

Unterstützung der hanseatischen Partnerstadt Lübeck durchgeführt.

Der fast 30 m hohe und mit rotem Backstein verblendete

Bau erinnert in der Ausführung und ursprünglichen Ausstattung

gemeinsam mit dem auf dem gegenüberliegenden Festland

Ritzebütteler Schlossturm deutlich an die im Mittelalter in Mitteleuropa

weithin üblichen normannischen Turmhäuser (sogenannte

,,Donjons”), die als wehrhafte Burgen errichtet wurden. Beide

Türme zählen in ihrer besonderen Ausführung zu den ältesten und

noch erhaltenen abendländischen Burganlagen.

Der Neuwerker Turm ruht in rund 4,5 m Tiefe auf einem 3 m

mächtigen Fundament aus unbehandelten Felsblöcken, die wiederum

auf einem hölzernen Schwellrost gelagert wurden. Durch

eine Kantenlänge von 13,8 m und der sich nach oben von 2,8 m

bis 1,5 m verjüngenden Mauerdicke entstanden über sechs teilweise

sehr unterschiedlich ausgestattete Etagen Nutzflächen mit

einer Größe von 65 bis 90 m 2. Die beiden unteren Geschosse wurden

jeweils als 2,5 m bzw. 3,5 m hohe Kreuzgewölbe in der

Deckenkonstruktion erstellt. Sie dienten wahrscheinlich ursprünglich

zur Unterbringung von Strand- und Handelsgut, das

untere Geschoss vielleicht auch als Gefängnis. Die darüber liegenden

Etagen wurden mit Holzdecken, die auf mächtigen

Balken ruhten, ausgestattet und dienten teilweise der Unter-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Abb. 1: Zeitgenössische Darstellung Neuwerks. Stahlstich von Paul

Ahrens (ca. 1845) nach einer Zeichnung von Johann Heinrich Sander.

Privatbesitz.

bringung der (mindestens zehn Mann starken) Turmbesatzung,

die bis ca. 1400 nicht nur den Turm bewachte, sondern auch für

Hamburg den von den vorbeifahrenden Schiffen zu erbringenden

Wegezoll (,,werktolen”) eintrieb. In den mittleren Etagen residierten

die Hamburger Ratsherren, wenn sie die Insel besuchten.

Sie werden deshalb bis heute ,,Senatsetagen” genannt und zeichnen

sich im Vergleich zum dritten und sechsten Geschoss durch

eine großzügigere Deckenhöhe aus.

Das flache Dach des Turmes wurde ursprünglich überspannt von

einem bleiernen, ab 1474 kupfernen und seit dem 16. Jahrhundert

mit einem vom roten Ziegel gedeckten Zeltdach, welches den flachen

Deckenboden an der gemauerten Brüstung aussparte. Damit

war eine Rundumbegehung und –ausschau für die Turmbewacher

in allen Himmelsrichtungen möglich.

Das gesamte Gebäude war - abgesehen von den mächtigen

Mauern - als wehrhafte Bastion ausgelegt. So wurde, um den

Turm auch mit einer vergleichsweise kleinen Mannschaft wirkungsvoll

verteidigen zu können, der Eingang in die luftige Höhe

des dritten Geschosses verlegt. Der Zutritt war damit zunächst

nur über eine einfache und im Notfall wohl auch einziehbare

Leiter möglich. Die für den Lebensunterhalt notwendigen

Warenwurden wahrscheinlich mit Hilfe eines außen angebrachten

Windengestells durch eine (bis heute erhaltene) als doppelte

Flügeltür genutzte Öffnung ins fünfte Geschoss transportiert.

Zwischen 1372-75 wurde der Turm durch einen Feuerbrand

beschädigt und in den darauf folgenden Jahren bis 1379 wieder

hergestellt. Inwieweit er durch diese Baumaßnahmen verändert

wurde, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Die älteste erhaltene

Darstellung des Turms findet sich in der von Melchior Lorichs im

Jahr 1568 gefertigten Elbkarte (siehe Seite 34).

Der Wehrturm wird zum Leuchtturm

Über die Jahrhunderte stieg die Bedeutung der Elbe als

Handelsweg für das Hinterland, insbesondere für die Stadt

Hamburg und weitere am Strom liegende Städte stetig an, so dass

man sich gezwungen sah, in der Elbemündung Seezeichen für die

Sicherheit der Handelsschiffe einzurichten. Dazu gehörten nicht

nur Tonnen oder Pricken, sondern auch in der Nacht beleuchtete

Zeichen. Seit 1644 wurde deshalb im Neuwerker Vorland ein in

der Nacht weithin sichtbares offenes Seezeichenfeuer auf einem

erhöhten Holzgestell - eine sogenannte ,,Blüse” - betrieben. 1814

wurde der Turm selbst dann in seiner Funktion zum Leuchtturm

umgebaut und löste die Blüse in ihrer Funktion ab. Das Zeltdach

wurde abgebaut und statt dessen ein 12 m hoher Leuchtfeuer-

Aufbau (ohne Windrose) mit einem Metallreflektor installiert.

1892 erhielt der Turmkopf nach weiteren Umbauten eine mannshohe

Fresnel-Glaskörperlinse, die bis heute das Licht über 30 km

weit streut. Mit dem Fortschritt der Technik wurde auch mehrfach

die Lichtquelle verändert. Seit 1942 wird das Leuchtfeuer mit

elektrischem Strom betrieben. Seit 1971 erfolgt der Betrieb über

eine Fernsteuerung. Die unterhalb des Turms gelegenen ehemaligen

Leuchtturmwärterhäuser wurden um 1904 errichtet. Sie

beherbergen heute die Nationalparkstation und den Inselladen.

Die Bedeutung als Wehrgebäude ging mit der neuen Funktion als

Leuchtturm endgültig verloren. Der hoch gelegene Eingang wurde

mit einem komfortablen und später sogar vollständig überdachten

Treppenaufgang ausgestattet. Doch als Nachtseezeichen

sollte ,,Dat Werk” nicht lange von Bedeutung sein: Zwar wird das

Leuchtfeuer noch immer in seiner ursprünglichen Funktion unterhalten,

doch Satellitennavigation im modernen Schiffsverkehr

und die seit 1980 am Fahrwasser eingerichteten Navigationsbaken

am Elbe-Fahrwasser haben ihn längst an Bedeutung weit

überflügelt.


Vom Leuchtturm zum beliebten Ausflugsziel

Mit dem Einsetzen des Fremdenverkehrs an der deutschen

Nordseeküste hat der Neuwerker Turm, ohne dass dies je vorgesehen

war, an Bedeutung gewonnen. Die mächtige Silhouette zog

regelmäßig Gäste von dem aufstrebenden Seebad Cuxhaven an.

1905 wurde auch auf Neuwerk das erste Hotel (das heutige Haus

“Meereswoge”) eröffnet. Mit dem Fremdenverkehr änderte sich

auch die Nutzung des Turms. Seit 1949 befindet sich im oberen

Geschoss mit Kreuzgewölbe eine Gastwirtschaft, das ehemalige

Verlies wird als deren Lager genutzt. 1952 wurde auf der

Nordseite des Turms eine mit Glas eingefasste Wendeltreppe

erbaut, um der Öffentlichkeit ohne größere Probleme den Zugang

zum Aussichtsrundgang zu ermöglichen. Der Weg über die 138

Abb. 2: Der Neuwerker Turm von Westen gesehen mit dem von

Pferdewattwagen besuchten Turmplatz (Juli 2000). Links die

Vogtscheune aus dem Jahr 1854. Foto Janke.

Treppenstufen lohnt sich: Von dem Ausguckumlauf der alten

Turmmannschaft öffnet sich ein weiter Blick über das gesamte

hamburgische Wattenmeer einschließlich der Inseln Scharhörn

und Nigehörn, die nahe Festlandsgrenze und die Außenelbe mit

ihrem regen Schiffsverkehr. Auch die Senatsetagen wurden in

ihrer Zweckbestimmung den Zeiten des Fremdenverkehrs angepasst.

Seit 1997 werden sie zur Unterbringung von Inselgästen

frei vermietet. Der ,,Turmbesatzung” bleiben das dritte Geschoss

als Unterbringung für die den Turm und Senatsetagen betreuenden

Familie sowie das sechste Geschoss zur Unterbringung des in

der Gastwirtschaft tätigen Personals.

Abb. 3: Dachstuhl und Laterne des Neuwerker Turms in seiner heutigen

Gestalt (August 2000). Foto Janke.

Abb. 4: Unterer Bereich des Neuwerker Turms (Geschoss 1-3) in der

Außenansicht von Westen gesehen (Mai 1995). Der hölzerne Aufgang

mit dem vorgebauten Eingangsbereich wurde erst im letzten Jahrhundert

überdacht. Darunter befindet sich seit 1949 der Zugang zur

"Turmschenke", rechts davon das alte hamburgische Turmwappen.

Foto Janke.

Abb. 5: Längsschnitt durch den Neuwerker Turm (von Süden gesehen,

verändert nach Dannmeyer et al, 1952)

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 41


Insel Neuwerk

42

Die Insel Neuwerk wird zum ersten Mal im Jahre 1286 als “O”schriftlich erwähnt. Nach dem Bau des Wehrturms, dem "Werk", setzt

sich der Name “Nyge Werk” durch, woraus schließlich Neuwerk wurde. Aus dieser Zeit sind bis heute einige Landschaftsbestandteile

erhalten geblieben, die von einer früheren Bewirtschaftung zeugen.

Zeugnisse der historischen Kulturlandschaft

Die Turmwurt und ihre frühe Besiedlung

Das für den Besucher Neuwerks auffälligste historische Zeugnis

der Insel Neuwerk ist der Turm. Er steht seit 1924 unter

Denkmalschutz. Sein Bau wurde 1310 fertiggestellt. Als Leuchtturm

nahm er erst ab Dezember 1814 seinen Dienst auf. Der

Wehrturm wurde auf der damals noch deichlosen Wurt (auch

Hochstelle genannt), der heutigen Turmwurt, errichtet. Die auf

ihnen errichteten Gebäude wurden nur noch bei schweren

Sturmfluten vom Wasser erreicht. Erst 1718 wurde die Turmwurt

von einem Wall umgeben, um nach den schweren Sturmfluten

1717/18 wenigstens eine halbwegs vor hohen Fluten sichere

Stelle auf der Insel zu haben, bevor der in Teilen zerstörte

Hauptdeich wieder geschlossen und weiter erhöht wurde. Heute,

nach Eindeichung der gesamten Insel, hat dieser kleine Deich

jedoch seine Funktion verloren. Die Deichscharte, also die Zufahrt

zum Turmgelände, ist noch heute vorhanden. Der Turm, der

auch als letzter Zufluchtsort bei Sturmfluten diente, wurde damals

als “Nige Werk” oder "Nyge Werk" bezeichnet und damit späterhin

namensgebend für die ganze Insel Neuwerk, die zur damaligen

Zeit “Nige O”, “Nyge O” oder “Nige Ocht” (“Neue Insel”)

genannt wurde.

Auf der Turmwurt befanden sich in früherer Zeit (Ende des 14.

Jhdt. erwähnt) mehrere Neben- und Wirtschaftsgebäude, wie z. B.

ein "Hauberg" (ein vom Erdboden aufgeschichteter Heustapel mit

Strohdach), Viehscheune, Windmühle, Schafstall, Brauanlage

und Brunnen, die nicht bis in die heutige Zeit erhalten geblieben

sind. Die Vogtscheune, die anno 1854 erbaut wurde und heute als

Schullandheim und Natur-Informationszentrum genutzt wird und

die ehemaligen Leuchtturmwärterhäuser, eines ist die heutige

Nationalparkstation, sind noch heute zu bewundern und stehen

zusammen mit der gesamten Turmwurt seit 1971 unter

Denkmalschutz

Der Süßwasserteich (Soot) auf der Turmwurt wurde vermutlich

schon im 14. oder zu Beginn des 15. Jahrhunderts als Viehtränke

angelegt und hatte die Funktion, das Regenwasser zu sammeln.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Im Jahre 1554 wurde er vergrößert und zum Schutz gegen

Hochwasser (Versalzung der Viehtränke) mit einem Wall umgeben,

der noch heute erkennbar ist. Dennoch ist er mehrfach durch

eindringendes Salzwasser unbrauchbar geworden. Heute ist der

Salzeinfluß allerdings nicht mehr meßbar.

Auch der “Friedhof der Namenlosen” ist bis heute erhalten

geblieben und steht unter Denkmalschutz. Er liegt nahe der heutigen

Wattwagenauffahrt. Auf diesem Friedhof wurden die unbekannten

Opfer des Meeres bestattet, die die Wellen hier ans Land

gespült hatten. Ein hohes Holzkreuz, auf Steinen errichtet, bildet

den Mittelpunkt der Begräbnisstätte, die bereits im Frühsommer

1319 von einem Bischof geweiht wurde.

Hochwasserschutz

Zur Hansezeit war die Insel noch nicht eingedeicht. Erst zwischen

1556 und 1559 wurde aus öffentlichen Mitteln des Hamburger

Staates ein Deich erbaut. Damit wurde die Dauerniederlassung

von Familien möglich. Mit der teilweisen Eindeichung der Insel,

die vorher hauptsächlich als Viehweide genutzt wurde, war auch

der Ackerbau möglich geworden.

Die bereits erwähnte sogenannte Weihnachtsflut von 1717 verursachte

große Deichschäden. Der im Nordosten der Insel gelegene

Weiher (Brack) zeugt noch heute von den damaligen Deichschäden

dieser Flut. Nach einem Deichbruch spülte das einströmende

Wasser einen tiefen Kolk aus, der sich mit den damaligen

technischen Mitteln nicht überdeichen ließ. Der Deich wurde seewärts

des Bracks wieder in einer charakteristischen Ausbuchtung

geschlossen, um für den Deich einen standfesten Boden zu

gewährleisten. Auch die zum Schutz der Insel in den Jahren 1795

bis 1797 am südwestlichen Ufer errichtete Eichenpfahlwand ist

als ein historisches Zeugnis anzusehen und in dieser Funktion und

Form an der Nordseeküste wohl einzigartig. Sie wurde 1826 verlängert

und 1934 erneuert. Sie wird heute noch gepflegt, ggf. in

Teilen ersetzt und bleibt ein wesentlicher Bestandteil der

Hochwasserschutzanlage.

Landwirtschaft

Nach der vollendeten Eindeichung wurden drei Vollhöfe als

Siedlungsschwerpunkte geschaffen: Westhof, Mittelhof und

Osthof. Zwischen den drei Hofstellen und dem Turmvogt ist die

Bewirtschaftung des Landes und die Pflicht zur Deichunterhaltung

aufgeteilt worden. Der Osthof wurde später in zwei Halbhöfe

geteilt. Zwei der alten Hofstellen sind heute noch erhalten,

ebenso wie die ehemalige Fischerstelle (siehe Seite 39).

Allerdings sind die ursprünglichen Wurtanlagen heute nicht mehr

erkennbar.

Die binnendeichs in Deichnähe befindlichen, mehr oder weniger

runden, Weiher sind vermutlich bereits in historischer Zeit angelegt

worden. In diesen künstlichen Süßwasserauffangbecken sollte

sich Regenwasser für das Vieh sammeln, ähnlich wie der Soot

auf der Turmwurt. Heute sind einige von ihnen nur noch verschlammte

oder schilfbestandene Tümpel.

Im östlichen Teil der Insel ist, besonders nach starken

Regenfällen, noch heute ein alter Prielverlauf als Senke im

Grünland zu erkennen. Seit der Eindeichung der Insel steht er

nicht mehr in Kontakt zur See. Bei diesem alten Prielverlauf handelt

es sich vermutlich um die Kleibalje, einen von der

Kinderbalje abzweigenden Priel, der von Osten in die Mitte der

Insel führte. Hier soll auch ein Hafen gelegen haben, über den zur

Flutzeit Baumaterialien zur Insel transportiert wurden.

Um die binnendeichs gelegenen Flächen landwirtschaftlich nutzbar

zu machen, wurden sie schon in früher Zeit regelmäßig

begrüppt. Diese parallel verlaufenden Grüppen, flachen Gräben

ähnlich, dienen der Entwässerung der Flächen. Sie sind noch heute

bereichsweise vorhanden.

Seefahrt

Ein bereits seit Mitte des 17. Jahrhunderts regelmäßig begangener

Weg war der “Blüsenpadd”, der noch heute diesen Namen trägt.

Er zweigt nördlich der Turmwurt vom Mittelweg in Richtung

Westen ab und führt dann in Richtung Norden, wo im nördlichen

Außendeichsgelände von 1644 bis 1815 die Blüse stand. Das war

ein auf einem 70 Fuß (ca. 21 Meter) hohes Holzgerüst stehendes

Kupferbecken in dem ein offenes Kohlenfeuer als Seezeichen für

die Schiffahrt brannte. Der Blüsenmeister oder Blüsener, der auf

der Turmwurt wohnte, hatte mit seinen zwei Knechten für die

Unterhaltung des Feuers zu sorgen.

Als “technisch-historische Sachzeugen von besonderer

Bedeutung” werden die Nord- und die Ostbake geführt. Die

Nordbake ist bereits auf Karten von 1650 als “Große Bake”, die

Ostbake seit 1750 als “Klapmützenbake” verzeichnet. Heute

besitzen beide keine Funktion als Seezeichen mehr.


Nordbake

Abb. 2: Die Nordbake. Foto Janke.

Abb. 3: Herrengarten an der Turmwurt mit der historischen

Viehtränke (“Soot”). Foto Krüger-Hellwig.

Westhof

Blüsenpadd

Fischerstelle

NORDVORLAND

Mittelhof

Turmwurt

Friedhof der Namenlosen

Abb. 1: Zeugnisse historischer Landnutzungen auf der Insel Neuwerk.

Ostbake

OSTVORLAND

“Blüsenpadd”

Brack (Wehl)

Friedhof d. Namenlosen

Historischer Priel

“Soot”

Turmwurt

Viehtränke

Wall

100 0 300 m

Abb. 3: Brack am Norddeich. Der Radarturm wurde

zwischenzeitlich abgebaut. Foto Körber.

Abb. 4: Friedhof der Namenlosen. Foto Graack.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 43


Insel Neuwerk

44

Neuwerk ist nach Jahrhunderten in einer wirtschaftlichen Randlage aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und hat sich

zu einer der großen Besucherattraktionen an der Küste zwischen Weser und Elbe gemausert. Der Ausflugsverkehr nach

Neuwerk und Scharhörn stellt das größte wirtschaftliche Standbein für die Nationalparkbevölkerung dar.

Fremdenverkehr

Entwicklung des Fremdenverkehrs

Noch um 1880 galt Neuwerk als die am wenigsten bekannte

bewohnte Nordseeinsel. Der Mangel an pittoresken oder landschaftlichen

Reizen sowie die schlechte Erreichbarkeit (“ein

schmutziger Schlick- und Wattenpfad”) seien der Grund dafür.

Das änderte sich mit der Wertschätzung für die romantische

Stimmung der Wattenlandschaft und der zunehmenden Erkenntnis

der positiven gesundheitlichen Wirkung des Reizklimas. Im

Aufwind des Bädertourismus setzte auch auf Neuwerk eine touristische

Entwicklung ein, allerdings in bescheidenem Rahmen.

Mit der Errichtung eines Hotels auf Neuwerk (1905) und mit der

Eröffnung eines Landschulheimes zuerst (1920) im Turm, ab

1925 in der Vogtscheune auf der Turmwurt, wurden wichtige

historische Weichen für die weitere Entwicklung gestellt.

Der Fremdenverkehr bildet bereits seit Jahrzehnten die beständige

Einkommensquelle der Bevölkerung, ohne dass allerdings die

Ansprüche eines Massentourismus mit ihren negativen Auswirkungen

auf Umwelt, Landschaftsbild und Sozialstruktur

befriedigt werden mussten. Die Insel hat ihr ursprüngliches

Gesicht trotz hohen Besucherandrangs nicht verloren. Die

Strukturen des Fremdenverkehrs auf Neuwerk haben sich jedoch

über die Jahrzehnte verändert.

Grundlagen

Unter den Besuchern des Nationalparks sind zwei Gruppen zu

unterscheiden: der übernachtende Fremdenverkehr und der

Tagesausflugsverkehr. Letzterer umfasst dabei alle Gäste, die sich

weniger als 24 Stunden im Gebiet aufhalten und keine Übernachtung

in Anspruch nehmen. In der touristisch attraktiven Küstenregion

spielt der Ausflugsverkehr traditionell eine bedeutende

Rolle und stellt einen wesentlichen Anteil an der Wertschöpfung

dar. Auf Neuwerk tritt heute, zumindest in seinen Auswirkungen

und Erscheinungen, der übernachtende Fremdenverkehr hinter

dem Tagesausflug zurück.

Die Schlüsselstellung im gesamten Sektor Naherholung/

Fremdenverkehr nimmt bereits seit Jahren das Fahrgastschiff MS

“Flipper” der Cuxhavener Reederei Cassen Eils ein, da das Schiff

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

einen wesentlichen Anteil des Ausflugsverkehrs von und nach

Neuwerk bewältigt und über den Transport verschiedener

Versorgungsgüter sowie von Übernachtungsgästen eine elementare

Funktion in der Fremdenverkehrswirtschaft ausübt. Die

Abfahrtszeiten und die Saison des Schiffes bestimmen den

Tagesablauf und die Saison auf Neuwerk. Das Fahrgastschiff legt

in Cuxhaven etwa ein bis drei Stunden nach Niedrigwasser ab.

Nach einer Fahrtzeit von ca. 1 Stunden beträgt der Inselaufenthalt

bis zu drei Stunden. Kurz nach Einsetzen des Hochwassers wird

die Rückfahrt nach Cuxhaven angetreten. Die Kapazität des

Schiffes umfaßt 500 Passagiere.

Die einzige weitere Möglichkeit, Neuwerk zu erreichen, besteht

über den Wattweg von Sahlenburg oder Duhnen, entweder zu Fuß

oder mit einem Wattwagen. Von den Neuwerker Betrieben werden

11 Pferdefuhrwerke eingesetzt. Von Unternehmern aus

Cuxhaven wird die Insel mit Wattwagen angefahren, die noch in

derselben Niedrigwasser-Periode zurückkehren müssen. Daher

bleibt den Ausflugsgästen maximal 1 Stunde Aufenthalt auf der

Insel. An manchen Tagen, wenn bei günstigen Tidebedingungen

das Niedrigwasser morgens und abends bei guten Lichtverhältnissen

eintritt, wird die Insel auch zweimal angefahren.

Touristisch genutzte Räume

Der Fremdenverkehr im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer

konzentriert sich auf die Insel Neuwerk. Von wesentlicher

Bedeutung sind weiterhin der ausgewiesene Wattweg und das für

die Schiffspassage genutzte Elbe-Neuwerk-Fahrwasser. Wandermöglichkeiten

bestehen zudem auf dem “Kleinen Vogelsand”.

Scharhörn besitzt eine Sonderrolle, da nur angemeldete Wattwanderer

die Insel besuchen dürfen. Jährlich werden etwa 2000

Besucher Scharhörns gezählt, die vom dortigen Vogelwart betreut

werden.

Die von Cuxhaven angebotenen Schiffsfahrten zu den “Seehundsbänken”

betreffen Medemgrund und Mittelgrund, außerhalb

des Hamburgischen Nationalparks.

Ausflugsverkehr

Die Gesamtbesucherzahlen im Nationalpark unterliegen unterschiedlichen

Schwankungsfaktoren. So zeichnete sich nach

einem starken Anstieg zu Beginn der 1990er Jahre ein deutlich

abnehmender Besuchertrend ab. Die Ursachen für die besonders

hohen Besucherzahlen in den Jahren 1991/1992 sind aller

Wahrscheinlichkeit nicht in erster Linie auf die Einrichtung des

Nationalparks zurückzuführen. Vielmehr fällt in diesen Zeitabschnitt

ein durch die Wiedervereinigung Deutschlands verstärkter

innerdeutscher Reiseverkehr.

Übers Jahr gesehen besuchen über 60.000 Urlauber mit dem

Fahrgastschiff die Insel. Etwa ein Drittel aller Fahrgäste nutzen

das Schiff für Hin- und Rückfahrt und haben, je nach Fahrplan,

Abb1: MS Flipper. Foto Graack.

demnach etwa 1,5 bis 3 Stunden Aufenthalt auf der Insel.

Zumindest in den Hochsommermonaten nutzen die meisten Ausflügler

jedoch die Möglichkeit, nur eine Tour mit dem Schiff

zurückzulegen. Die Rückreise erfolgt dann entweder zu Fuß oder

mit dem Wattwagen über den Wattweg nach Sahlenburg. Aufgrund

der Abhängigkeit von den Tideverhältnissen ist eine starke

Konzentration auf einige besonders günstige Tage zu beobachten,

an denen dann das Fahrgastschiff zwei Fahrten an einem Tag

anbietet, um alle Passagiere befördern zu können. An Tagen mit

günstigen Niedrigwasserzeiten können dann über 2.000 Tagesgäste,

zumindest für wenige Stunden, die Insel besuchen. Auch an

weniger gut besuchten Tagen sind 1.000-1.600 Gäste keine

Seltenheit.

Übernachtender Fremdenverkehr

Übernachtungen werden nur auf Neuwerk angeboten. Insgesamt

stehen etwa 170 Betten in Gästezimmern, Ferienwohnungen und

Appartements zur Verfügung. Dazu kommen einfache Strohlager

mit rund 240 Plätzen sowie Möglichkeiten zum Campen.

Weiterhin werden zwei Jugendzeltlager sowie zwei Landschulheime

dauerhaft auf Neuwerk unterhalten.


Fremdenverkehr und Jahreszeiten

Der Fremdenverkehr im Nationalpark wird in hohem Maße von

den Jahreszeiten geprägt. Die Saison richtet sich im Wesentlichen

nach dem Fahrplan des Fahrgastschiffes, das von Ende März bis

Ende Oktober verkehrt. Damit beträgt die Saison etwa 240 Tage.

Eine winterliche Nebensaison wird auf Neuwerk nicht angeboten.

Innerhalb der Saison liegt das Schwergewicht in den (Ferien-)

Sommermonaten Juli und August. In einzelnen Jahren wurden

auch im Juni hohe Besucherzahlen verzeichnet.

Neben der saisonalen Schwankung kann auch eine kurzzeitigere

Rhythmik festgestellt werden: Abhängig von günstigen Tidezeiten

liegen etwa vierzehntäglich günstige Termine für eine

kombinierte Wattwanderung/Schiffspassage. In den dazwischenliegenden

Wochen ist dagegen die Besuchszeit der Seehundsbank

für die Ausflügler attraktiver.

Fremdenverkehr und Nationalpark

Die Motivation für einen Besuch Neuwerks hat sich gegenüber

früher geändert. Wie im gesamten Wattenmeer überwiegt heute

auch hier der Wunsch nach Ruhe, Erholung und Naturerleben.

Die Bedeutung der gesundheitsfördernden Wirkung des

Reizklimas tritt demgegenüber zurück. Von relativ geringer

Bedeutung für Neuwerk ist auch der Wunsch nach sportlicher

Betätigung, da die Insel hier nur geringe Möglichkeiten bietet.

Für den Ausflügler und den nur wenige Tage bleibenden

Kurzzeitgast ist die wichtigste Motivation jedoch eine andere:

Hier geht es um das Erlebnis der Reise an sich. Die Kombination

der Schiffsreise, die Wanderung über das Watt und die damit verbundene

Wahrnehmung der ungehemmten Natur, das Sammeln

von Watt-”Schätzen” oder die Fahrt mit dem Pferdewagen, alles

das macht den besonderen Reiz für einen Besuch der Inseln

Neuwerk und Scharhörn im Nationalpark aus.

Jahressumme

140000

120000

100000

80000

60000

40000

20000

0

1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997

Abb.3: Entwicklung des Ausflugsverkehrs zur Insel Neuwerk und den

Seehundsbänken in der Elbe zwischen 1988 und 1997

(nach Angaben der Reederei Cassen Eils).

Abb. 2: Besucherströme im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Abb.4: Wattwagen auf dem Weg zum Festland.

Foto Körber.

Anzahl der Fahrgäste

30000

25000

20000

15000

1000

5000

0

Jan.

Feb. Mai Juni Juli Aug. März Sep. Okt. Nov. April Dez.

Abb. 5: Saisonales Fahrgastaufkommen im Nationalpark Hamburgisches

Wattenmeer: Monatssummen der Fahrgäste im 10jährigen Mittel

(1988-1997; nach Angaben der Reederei Cassen Eils)

Anzahl der Fahrgäste

6000

5000

4000

3000

2000

1000

0

Kalenderwoche 15 18 21 24 27 30 33 36 39

Abb. 6: Wöchentliche Schwankungen im Aufkommen des Ausflugsverkehrs

sind abhängig von günstigen Tidezeiten für die Wattwanderung.

Aufgetragen sind die Wochensummen der Passagiere des

Fahrgastschiffes; aus den Fahrkarten für eine einfache Fahrt kann der

Anteil an Nutzern des Wattweges errechnet werden.

(Datengrundlage: 13. bis 43. Kalenderwoche 1997; nach Angaben der

Reederei Cassen Eils).

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 45


Insel Neuwerk

46

Unbedingte Voraussetzungen für ein geordnetes Leben auf Inseln ist eine funktionierende Ver- und Entsorgung.Was auf

dem Festland normal und selbstverständlich erscheint, erfordert auf den Inseln oftmals spezielle Lösungen. Die Insel

Neuwerk gibt hierfür ein gutes Beispiel und leistet hierdurch einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Nationalparkziele.

Versorgung und Entsorgung

Wasserversorgung

Ursprünglich erfolgte die Wasserversorgung inseltypisch aus

Zisternen oder “Fethingen”, in denen das Regenwasser bei den

Höfen aufgefangen wurde. Später gelangte das Trinkwasser mit

einem Wasserboot nach Neuwerk. Seit 1967 wird das Trinkwasser

vom Festland durch eine Leitung nach Neuwerk gepumpt.

Der Jahreswasserverbrauch auf Neuwerk liegt bei etwa 14.000 m 3

und ist seit 1976 relativ konstant (Abb. 2). Ein besonders hoher

Wasserverbrauch tritt u.a. in Jahren auf, in denen die Bewässerung

des Deiches notwendig ist.

Zuständig für die Wasserversorgung ebenso wie für die Abwasserentsorgung

ist die Hamburger Wirtschaftsbehörde, vertreten

durch das Amt Strom- und Hafenbau/Stackmeisterei Neuwerk.

Abwasserentsorgung

Die häuslichen Abwässer werden auf Neuwerk über eine

Druckentwässerung zentral gesammelt und im Klärwerk am

Nordhamm aufbereitet. Die Kläranlage ist mit einer Belebtschlamm-Anlage

mit Absetzbecken, einem Schlammdepot, zwei

Folien-Schönungsteichen und einem dritten Teich ohne Folie ausgerüstet.

Der letzte Teich sowie der anschließende Graben dienen

als Vorflut. Das Wasser wird über den Hauptsammelgraben am

Mittelweg und das Deichsiel ins Vorland abgeleitet, wo es in das

Prielsystem des Ostprieles mündet.

Die Abwassersituation ist durch zwei Besonderheiten geprägt:

• Die saisonal stark schwankenden Abwassermengen, hervorgerufen

durch hohe Besucherzahlen im Sommer und geringer

Einwohnerzahl im Winter, erfordert eine aufwendige Steuerung

der Belebtschlamm-Anlage.

• Gegenüber den Vergleichswerten von Anlagen am Festland liegen

die CSB- und Phosphat-Werte deutlich höher. Als Ursache ist

zum einen der vergleichsweise geringe Anteil von Haushaltsabwässern

gegenüber den Toilettenabwässern bei starkem

Besucheraufkommen anzusehen. Darüber hinaus spülen Nieder-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

schläge größere Mengen Vogelkot z.B. von den Dächern in die

Kanalisation.

Das Fahrgastschiff MS “Flipper”, das die Insel anläuft, ist mit

einem Fäkalientank ausgestattet. Die Abwasserentsorgung erfolgt

in Cuxhaven.

Versorgungsgüter des täglichen Bedarfs, Materialtransporte

Grundsätzlich stehen für Transporte von und nach Neuwerk der

Wattweg und der Schiffsweg zur Verfügung. So werden Baustoffe

(z.B. für Deich- und Wegeunterhaltung) in der Regel mit dem

Schiff angefahren. Die Versorgung der Insel mit Gütern des täglichen

Bedarfs erfolgt über den Wattweg, da Neuwerk regulär nur

vom Fahrgastschiff MS “Flipper” angelaufen wird, das keine

größeren Frachtkapazitäten hat und auch nur i.d.R. von Ende

März bis Ende Oktober verkehrt. Somit kommt den Versorgungsfahrten

mit Traktor-Gespannen die entscheidende Versorgungsfunktion

für die Inselbewohner und deren Gäste zu.

Abfallentsorgung

Bis 1989 wurde der Abfall in einer Abfallgrube beim Klärwerk

entsorgt. Seitdem liegt die Abfallentsorgung auf der Insel in der

Zuständigkeit des Amtes Strom- und Hafenbau. 1989 wurde mit

der getrennten Erfassung von Glas begonnen. Ab 1993 erfolgte

auf privatwirtschaftlicher Basis die Mülltrennung in Restmüll,

Glas, Leichtverpackungen und Papier/Pappe/Karton nach den

Anforderungen des Dualen Systems Deutschland (DSD “Grüner

Punkt” Abb. 3 und Abb. 4).

Die einzelnen Müllsorten werden nach Trennung in den

Haushalten auf der Anlage beim Klärwerk bis zur Abholung

durch das Entsorgungsschiff zwischengelagert. Grünabfälle werden

in hauseigenen Kompostanlagen entsorgt. Sondermüll wird

in Spezialbehältern gesammelt und ebenfalls vom Entsorgungsschiff

abgeholt (Abb.4).

Das gesamte Abfallaufkommen schwankt zwischen 90

Tonnen/Jahr (1995) und 123 Tonnen/Jahr (1993), wobei auf

Restmüll etwa 70 - 90 Tonnen/Jahr entfallen. Der Abfallanfall

zeigt durch das hohe Besucheraufkommen im Sommer eine aus-

geprägte Saisonalität.

Im öffentlichen Bereich werden Abfälle ebenfalls getrennt

gesammelt (Behälter für Restmüll, Wertstoffe, Glas). Sondermüll,

der z.B. bei Ölunfällen oder Chemikalienfunde im Spülsaum

anfällt, wird in der Regel bis zur fachgerechten Entsorgung auf

Neuwerk zwischengelagert. Das Mähgut von Deichen und

Grünanlagen sowie Klärrückstände werden bei der Kläranlage

kompostiert.

Energieversorgung

Zur Hausfeuerung und Warmwassergewinnung werden auf

Neuwerk Ölheizung, Sonnenenergie, Strom und/oder Feststoffheizung

sowie Wärmerückgewinnung eingesetzt.

Seit 1996 wird die Insel ausschließlich per Schiff mit Heizöl versorgt,

das in einem am Westdeich befindlichen Tank gelagert

wird. Die Auslieferung des Heizöls erfolgt durch das Amt Stromund

Hafenbau. Der Gesamtverbrauch an Heizöl beträgt etwa

105.000 Liter pro Jahr.

Die Stromversorgung begann 1926 mit einer Windturbine, unterstützt

durch ein Dieselaggregat. 1958 wurde als Ersatz ein erstes

6 kV-Seekabel verlegt und die Insel mit einem Freileitungsnetz

versorgt. 1992 wurden ein neues 20 kV-Seekabel verlegt und die

Freileitungen auf Erdkabel umgestellt. Die Stromversorgung

erfolgt heute durch die Energieversorgung Weser-Elbe (EWE

AG), vormals Überlandwerke Nord-Hannover (ÜNH).

Mit ersten Projekten rationeller Energieverwendung durch

Wärmerückgewinnung oder Einsatz von erneuerbaren Energiequellen

wird auf Neuwerk der Bedarf an Öl und Strom bereits

verringert. Neben der Solaranlage zur Brauchwassererwärmung

in der Nationalparkstation (seit 1998) hat 1998/99 ein Betrieb

eine Solaranlage in seine Energieversorgung integriert.

Erneuerbare Energieträger nutzen auch die Feststoffheizungen,

die mit Holz (z.B. ehemaliges Bauholz und Treibholz) betrieben

werden. Eine zukünftige Windenergienutzung scheidet aus

Gründen des Naturschutzes und des Landschaftsbildes aus.


m 3/Jahr

Abb. 2: Jahreswasserverbrauch von 1976 bis 1997.

Nach Angaben vom Amt Strom- und Hafenbau.

TonnenJahr

Abb. 3: Wertstoffaufkommen ("Grüner Punkt") auf

Neuwerk von 1993 bis 1997. PPK=Papier/ Pappe/

Karton, LVP=Leichtverpackungen.

Nach Angaben vom Amt Strom- und Hafenbau.

TonnenJahr

Abb. 4: Restmüllaufkommen auf Neuwerk im Jahresverlauf

1997. Nach Angaben vom Amt Strom- und Hafenbau.

nach Scharhörn

NORDVORLAND

Turmwurt

vom Festland

OSTVORLAND

Abb. 1: Karte der Ver- und Entsorgungseinrichtungen auf Neuwerk.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 47


Insel Neuwerk

48

Der dauerhafte Erhalt der Insel Neuwerk ist ohne die bereits seit Jahrhunderten durchgeführten Maßnahmen insbesondere

zum Schutz vor Sturmfluten undenkbar. Der Hochwasserschutz und seine Einrichtungen haben das Gesicht der Insel maßgeblich

mit geprägt.

Hochwasserschutz

Geschichtliches

Die maßgeblichen Entwicklungen im Hochwasserschutz für die

Insel Neuwerk sind über die Jahrhunderte gut dokumentiert worden.

Sie sind insbesondere geprägt von der Darstellung katastrophaler

Naturereignisse und deren Folgen für die Insel und deren

Erhalt. Bis zur Hansezeit konnte die Insel wegen der ständigen

Sturmflutgefahren nur als Sommerweide und Fischplatz genutzt

werden. Erst mit dem Bau des über 40 m hohen Wehrturms in den

Jahren 1300 – 1310 begann die Besiedlung der Insel, da der Turm

auch ausreichenden Schutz vor Hochwassern bot. Mit seinem

festen Gemäuer hat dieses weithin sichtbare Wahrzeichen viele

Sturmfluten überstanden.

Die ersten ständigen Bewohner waren der Turmvogt und sein

Gesinde. Dennoch berichtet die Inselchronik von Sturmflutkatastrophen,

bei denen Bevölkerung und Vieh ertranken. Von

1556 bis 1559 entstand der erste Ringdeich, der zunächst kaum

höher und breiter als ein Sommerdeich war. Ab 1560/61 wurden

bereits weitere Erhöhungsmaßnahmen vorgenommen. Direkt

dahinter wurden im Norden der Inseln einzelne Hochstellen

("Wurten") aufgeworfen, auf denen wenige Jahre später die

Gehöfte errichtet wurden. Durch diese Maßnahmen konnte eine

ganzjährige Besiedelung und Bewirtschaftung der Insel durch

Fischer und Bauern ermöglicht werden.

In der Nacht vom 24. auf den 25. 12.1717 hielten die Deiche im

Norden und Westen der schweren "Weihnachtsflut" nicht mehr

stand und brachen an mehreren Stellen, so dass die gesamte Insel

überflutet wurde. Dieses Ereignis hat bis heute zwei deutliche

Spuren hinterlassen. Bevor nämlich mit der umfangreichen und

zeitraubenden Wiederherstellung des Hauptdeichs begonnen werden

konnte, errichtete man zunächst zur Sicherheit vor weiteren

Sturmfluten einen kleinen Ringdeich um die Hochstelle am Turm,

die heute als Turmwurt bezeichnet wird. Bei den Sicherungsmaßnahmen

am Hauptdeich wurde der durch den Deichbruch entstandene

tiefe Kolk nahe der Nordspitze nicht verfüllt sondern –

wie auch in den Elbmarschen üblich - der Deich um das neue entstandene

Brack-Gewässer seewärts herum vorverlegt. Nach einer

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Serie sehr schwerer Sturmfluten Ende des 18. Jahrhunderts musste

der immer noch zu schwache Ringdeich erneut entscheidend

verstärkt werden. Außerdem wurde die Sturmflutsicherheit

dadurch erhöht, dass man in den Jahren von 1795-1797 eine zunächst

900 Meter lange Eichenpfahlwand um die Südwestspitze

errichtete, die als Wellenbrecher gegen mittelhohe Sturmfluten

diente. Bereits 28 Jahre später nach einer weiteren schweren

Sturmflutwurde der 4 km lange Deich 1825 erneut aufgehöht und

auch die Pfahlwand konnte 1826 um weitere 155 Meter nach

Norden verlängert werden. Der erhöhte Deich geriet dadurch,

dass er am Fuß nicht verbreitert wurde, sehr steil in den

Böschungen. Die Neuwerker waren sich dieser Schwäche bei

Wellenangriff oder gar Wellenüberlauf durchaus bewusst. Noch

mehr Boden für einen besseren Deich heranzukarren, überforderte

aber offensichtlich ihre Kräfte. Außerdem gab es zum

Ausgleich des letzten Risikos nach wie vor den Turm.

Vor der West- und Südseite der Insel erneuerte Hamburg 1934,

zwei Jahre vor Übergabe der Insel an Niedersachsen, die

Eichenpfahlwand.

Abb. 1: Eichenpfahlwand. Foto Graack.

Abb. 2: Flut bis zur Krone des Sommerdeiches. Foto Körber.

Bis in jüngste Jahrzehnte wurde über die laufende Ausbesserung

von Schäden hinaus an Neuwerks Deich gearbeitet. Nach den

Erfahrungen der Holland-Sturmflut 1953 verstärkte das damals

zuständige Land Niedersachsen den 4 km langen Ringdeich und

brachte ihn auf Höhen zwischen NN + 5,50 und 6,20 m. Diese

Höhen sind nach Lage und Windrichtung entsprechend den örtlich

erkannten Notwendigkeiten gestaffelt.

Während der Februar-Sturmflut 1962, die in Hamburg viel

Schaden anrichtete und 315 Menschenleben forderte, geriet auch

Neuwerks Deich an den Rand eines Bruches und wurde schwer

beschädigt. Die überschlagenden Wellen überspülten die Insel bis

auf höher gelegene Bereiche und die Wurten.

Am 3. Januar 1976 lief nicht nur für Hamburg, sondern auch für

Neuwerk die bisher höchste Sturmflut an der deutschen Nordseeküste

auf. Die Wellen schlugen vor allem im Süden und Südwesten

große Löcher in den Deich. Die Schäden wurden in einem

Gemeinschaftseinsatz des Hamburgischen Hafen- und Bauamtes

und der Neuwerker Einwohner mit rd. 30.000 Sandsäcken ausgebessert.

Als 18 Tage später eine zweite Sturmflut heranrollte und

erneut Deichbruchgefahr bestand, sorgten Hubschrauber der

Bundeswehr für den Transport von Sandsäcken, Strohmatten und

Stackpfählen, um schnell eine provisorische Schadensausbesserung

zu ermöglichen.


Abb. 4: Hauptdeich im Norden von Neuwerk. Foto Janke.

Verdunkelungsbake

Kohleblüse

Fischer

haus

Westhof

Osthof

Mittelhof

Turm

Ostbake

Ehemaliges Vorland

Heutiges Vorland

Binnengroden

Hauptdeich

Steinuferwerk

Eichenpfahlwand

Abb. 3: Die Ausdehnung Neuwerks im 18. Jhdt. zeigt die verlorengegangenen Vorlandbereiche

im Norden,Westen und Süden. Nach einer historischen Karte von 1751.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 49


Insel Neuwerk

50

System des Hochwasserschutzes auf Neuwerk

• Der Ringdeich

Hamburg hat in einem mehrjährigen Programm den Hochwasserschutz

seiner Insel Neuwerk an der Außenelbe verbessert.

Es zog damit Konsequenzen aus den stetig steigenden und immer

häufiger auflaufenden Sturmfluten an der Nordsee. Doch nicht

neue und höhere Deiche sind das Ergebnis der eingehenden

Untersuchungen und Planungen. Der in seiner mehr als 400jährigen

Geschichte mehrfach verstärkte Ringdeich wurde statt dessen

in gleicher Form weiter verbessert. Damit der Deich jedoch weniger

schadensanfällig wird, wurde rundherum ein mindestens 20 m

breiter Vorlandstreifen, die sogenannte Deichfußvorlage, direkt

vor dem Deich aufgehöht. Dieser bremst den Wellenschlag und

wirkt somit einer Zerschlagung des eigentlichen Deichkörpers

entgegen. Eine Überströmung des Ringdeiches durch den schweren

Seegang bei sehr hohen Sturmfluten wird weiterhin nicht ausgeschlossen.

Deswegen bleibt der Turm im Mittelpunkt der Insel

für die Neuwerker die letzte Zuflucht. Er ist ihnen nach wir vor

der zentrale Zufluchtspunkt.

Ein Deich nach den Richtlinien des Küstenausschusses Nord- und

Ostsee aus dem Jahre 1972 kann auf Neuwerk nicht gebaut werden.

Nach den für die Festlandküste geltenden Profilen und

Höhen würde er mindestens 60 m breit werden und damit fast

doppelt soviel Platz einnehmen wie der derzeitige Deich. Das

Landschaftsbild der kleinen, halligartigen Insel wäre dann nachhaltig

gestört. Außerdem ist auf der Insel geeigneter Klei als

Baumaterial nur begrenzt vorhanden. Überlegungen, alle Häuser

der Insel wie auf den Halligen mit standsicheren Fluchtzellen zu

versehen, scheiterten an der vorhandenen Bausubstanz und einem

zu hohen Aufwand.

Die Deichbauten auf Neuwerk nehmen viel Rücksicht auf die

besondere Ökologie der Insel. Jede Kleientnahme im Vorland und

jeder Kleitransport störte die Tier- und Pflanzenwelt und verhinderte

über viele Jahre hinweg kleinräumig die natürliche Entwicklung

der Grasnarbe im Vorland. Daher müssen insbesondere

Einwirkungen im Kleientnahmebereich so gering wie möglich

gehalten werden. Ab dem Jahr 2000 sollen größere Kleientnahmen

aus dem Vorland nicht mehr vorgenommen werden.

• Das aufgehöhte Vorland

Die Vorlandaufhöhung ist 1990 fertig geworden. Mittlere

Sturmfluten erreichen den Deich nicht mehr. Der Ringdeich hat

eine Sollhöhe zwischen NN + 5,90 m und 6,20 m, je nach Lage

zu Wellen, Wind und schützendem Vorland.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

• Der Sturmflutwarndienst

Die Bevölkerung wird rechtzeitig vor höheren Sturmfluten

gewarnt. Das vom Amt Strom und Hafenbau insbesondere für

Hamburgs Hafen und Hamburgs Marschen entwickelte WADI-

Verfahren (WADI = SturmflutWArnDIenst) gewährt auch den

Neuwerkern eine Sturmflutvorhersage. Schon fünf Stunden vor

dem Höchstwasserstand erreicht die erste Meldung Neuwerk.

• Fluchtwege, Turm und Turmdeich

Auf Fluchtwegen können die Inselbewohner dann zum Turm

gelangen. Die Wege sollen einheitlich erhöht werden, so dass sie

durchweg höher liegen als die benachbarten Wiesen und Äcker.

Dadurch können die Neuwerker auch dann noch den Turm erreichen,

wenn durch überschwappende Wellen bereits Wasser in die

Insel gelangt ist.

Abb. 5: Über den erhöht angelegten und in der Nacht beleuchteten

Mittelweg kann die Inselbevölkerung im Norden nach einem Deichbruch

noch die vor Hochwasser sichere Turmwurt (im Hintergrund)

sicher erreichen. Foto Janke.

• Der Sommerdeich

Ein Sommerdeich schützt das Vorland vor niedrigen Sommerfluten

bis zu einer Höhe von 1,5 Meter über Normalnull und

ermöglicht so eine fortlaufende Beweidung des Vorlandes von

April bis Oktober, er schränkt zugleich die natürliche Versalzung

des Bodens ein.

• Das Seedeckwerk

Zum Schutze der Insel vor den hohen Brandungen der Nordsee

reicht der Deich allein nicht aus. Ein überwiegend aus

Natursteinen gepacktes schweres Seedeckwerk sichert daher im

Westen und Süden der Insel die Abbruchkante zur See. Das

anschließende Vorland bildet, zumal wenn es im Deichbereich

aufgehöht wird, einen Wellendämpfer. Es hält darüber hinaus

Wellenangriffe bei kleineren Hochwassern vom Deich fern.

• Der Deichverband

Die Eigentümer der durch den Ringdeich geschützten Grundstücke

bilden einen Deichverband. Er verwaltet sich selbst und

steht als Körperschaft des öffentlichen Rechts unter der Aufsicht

des Staates. Seine Aufgabe ist die Stärkung und das Wachhalten

des Gefahrenbewusstseins sowie die Unterstützung Hamburgs

beim Schutz vor Gefahren. Der Deichverband begeht anlässlich

einer "Deichschau" mindestens zweimal im Jahr (im Frühling und

Herbst) die Hochwasserschutzanlagen, um ihren Zustand zu überprüfen

und ggf. Ausbesserungsarbeiten zu beantragen.

• Deichverteidigung

Ebenso wie die Unterhaltung liegt auch die Verteidigung der

Deiche in staatlicher Hand. Dafür sind ständig Mitarbeiter der

Wirtschaftsbehörde/Amt Strom- und Hafenbau auf der Insel

stationiert.

Kosten für den Hochwasserschutz

Die Mittel für die Hochwasserschutzsicherung werden vom Bund

und von Hamburg aufgebracht. Im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe

"Maßnahmen zur Verbesserung der Agrarstruktur und

des Küstenschutzes” trägt der Bund dabei bis zu 70 % der förderungsfähigen

Kosten.

Sommerdeich Hauptdeich

Abb. 6: Schematischer Querschnitt durch das Vorland und den Hauptdeich von Neuwerk (nicht maßstabsgetreu).


Der Hauptdeich:

Er schützt die landwirtschaftlichen Anbauflächen

im Binnengroden.

Eichenpfahlwand:

1795 wurden die ersten 900 m errichtet.

Erst 1934 wurde

diese zum ersten Mal erneuert.

Abb. 7: Elemente des Hochwasserschutzsystemes auf Neuwerk

Das Vorland:

Er mindert den Wellenangriff auf

den Hauptdeich.

Hochstelle am Turm:

Sie wurde 1718 mit einem

Notdeich zusätzlich gesichert.

Kolk :

Er entstand 1717 durch

einen Deichbruch.

Seedeckwerk:

Es sichert seit 1925 die

Insel gegen Abbrüche und

legt so die heutige Form fest.

Sommerdeich:

Er schützt seit 1925

die Weiden des Vorlandes.

Hauptfluchtwege zumTurm:

Sie wurden Mitte der 80er

Jahre neu ausgebaut.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 51


Insel Neuwerk/Binnengroden

52

Mit knapp 100 ha, von denen etwa 80 % landwirtschaftlich genutzt werden, umfasst der Binnengroden von Neuwerk noch

nicht einmal 1% der Fläche des gesamten Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer. Dieser Bereich nimmt jedoch eine

Sonderstellung ein, da dies der einzige Bereich im gesamten Schutzgebiet ist, der dauerhaft bewirtschaftet wird und

zugleich von extremen Hochwassern nicht mehr erreicht wird.

Pflanzenwelt und Vegetation im Binnengroden

Die Vegetationsverhältnisse im Binnengroden werden kaum vom

Salzwasser beeinflusst. Obwohl noch vor wenigen Jahrzehnten -

zuletzt 1976 - extreme Hochwasser über die Deiche schwappten

und nicht nur die Gewässer versalzten, sondern auch eine Reihe

von Gehölzen zum Absterben brachten, sind von diesem Einfluss

bis auf die abgestorbenen Bäume keine Auswirkungen mehr zu

erkennen.

Landwirtschaftlich genutzte Flächen

Der Binnengroden wird von Grünland dominiert, das als Wiese

und Weide bewirtschaftet wird. Die Ackerflächen umfassen weniger

als 10 ha, auf ihnen wird Hafer und Gerste für den Eigenbedarf

- zur Fütterung der Wattwagen- und Pensionspferde -

angebaut.

Ein Rückblick in die Historie der Inselbewirtschaftung zeigt, dass

sich die landwirtschaftliche Nutzung auf Neuwerk im Laufe der

Jahrhunderte mehrfach geändert hat. Vor der Eindeichung

Neuwerks konnte nur Grünlandwirtschaft betrieben werden. Mit

dem Schutz vor Hochwässern wurde auf den sandigen Böden

Ackerbau möglich. In großen Teilen der Insel wurde Gerste,

Roggen und Hafer angebaut. Erst in den letzten Jahrzehnten sind

viele Ackerflächen wieder in Grünland umgewandelt worden.

Diese "jungen" Grünländer - insbesondere im Westen der Insel -

zeichnen sich durch eine Armut an Arten und Vegetationsstrukturen

aus. Dominierend sind typische Weidelgras-Weißklee-

Weiden mit den namengebenden Arten. Trotzdem sind die

Flächen im Vergleich mit intensiv genutzten Grünländern des

angrenzenden Festlandes relativ artenreich, wenn auch häufige

und anspruchslose Arten dominieren.

Im östlichen Teil der Insel, wo das Grünland wahrscheinlich über

Jahrhunderte nicht umgebrochen wurde, ist ein struktur- und

artenreicheres Grünland verbreitet. Auf den Weiden und Wiesen,

die extensiv bewirtschaftet werden, ist die Wiesen-Flockenblume

heimisch; die nährstoffärmsten Wiesen im Norden, südlich der

Kläranlage, werden vom Kleinen Klappertopf in leuchtendes

Gelb getaucht. Diese Pflanze, die auf den Wurzeln von Gräsern

parasitiert, ist auf dem Festland bereits sehr selten geworden und

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

wird auf den "Roten Listen” als gefährdete Art geführt. In den

östlichen Grünländern treten Schilf, verschiedene Seggen,

Knick-Fuchsschwanz und Flatterbinse auf und kennzeichnen die

Wiesen und Weiden als feucht und nährstoffarm. In diesen

Flächen ist auf dem Luftbild sogar noch ein alter Prielverlauf

erkennbar, der aus der Zeit vor der Eindeichung stammt und zum

Turm führte. Im Gelände treten die Prielreste jedoch nur nach

starken Regenfällen als flache Rinnen in Erscheinung. Lediglich

an einigen tieferen Stellen sind Reste der Priele als kleine Tümpel

oder Röhrichtbestände erhalten geblieben.

Gewässer

Im Neuwerker Binnengroden existieren keine nartürlichen

Fließgewässer, sondern lediglich Grabensysteme zur Entwässerung

des Inselkerns. Die Gräben fallen im Sommer überwiegend

trocken. Lediglich der Hauptabzugsgraben führt ständig

Wasser und weist eine Schwimmpflanzendecke aus Kamm-

Laichkraut auf. An den meisten Grabenrändern stehen Röhrichte

aus Schilf, das an einigen Gräben auch mit der Strandsimse vermischt

ist. Typische, ansonsten häufige Begleitarten der

Röhrichte, wie Blutweiderich, Gilbweiderich oder Ufer-

Wolfstrapp treten in ihrem Vorkommen auf Neuwerk zurück.

Die Stillgewässer im Binnengroden haben sich sehr unterschiedlich

entwickelt. Viele der kleineren, ehemals als Viehtränke

genutzten Weiher am Deich sind inzwischen weitgehend verlandet

oder von dichten Schilfröhrichten bestanden. Auch das Brack,

der Überrest eines Deichbruches aus dem Jahr 1717, verlandet

zusehends. In dem inzwischen ausgesüßten Wasser (2 ‰

Salzgehalt) breiten sich Bestände von Strandsimse, Sumpfsimse

und Einspelziger Nadelsimse bereits bis annähernd zur

Weihermitte aus.

Andere kleine Gewässer sind dagegen noch nicht so weit verlandet.

Neben den vielen kleinen und jungen Gartenteichen, ist auch

der "Soot” auf der Turmwurt als vermutlich das älteste Gewässer

der Insel nur randlich von einem kleinen Röhricht aus Schilf und

Kalmus bestanden. Seine gesamte Wasserfläche wird vom Zarten

Hornblatt bedeckt. Diese in Hamburg stark gefährdete Art ist

auch in anderen kleinen Gewässern vertreten, z.T. vergesellschaftet

mit Teichfaden, Tausendblatt und Schwimmendem Laichkraut.

Gehölze

Im Norden und Süden der Insel sowie um die Turmwurt sind einige

Gehölze aufgewachsen. Manche wurden als Windschutzpflanzungen

mit z.T. gebietsfremden Arten wie z.B. Silber- und

Grau-Pappel angelegt, andere, v.a. um die Turmwurt, entsprechen

Hofgehölzen mit ihrer für die Marsch charakteristischen Artenzusammensetzung

aus Esche, Silberweide und Eiche. Kleine

Wäldchen aus Erlen, Eschen und Weiden sind auch selbsttätig in

historischen Kleientnahmestellen und auf ehemaligen Hofstellen

entstanden.

Lediglich im Ostteil der Insel bestehen kleine Hecken, vornehmlich

aus verschiedenen Weiden-Arten. Dort, wo sie als Windschutz

angepflanzt wurden, sind auch Rosen, Mehlbeeren und

Holunder in der Strauchschicht vertreten.

Abb.1: Kleinräumige Vegetationsvielfalt in der Kulturlandschaft im

Osten des Neuwerker Binnengrodens. Foto Janke, August 1999.

Kleinräumige Nutzflächen

Überall verstreut auf der Insel sind kleinere Flächen mit Vegetationsgesellschaften

bestanden, die sich nach einer mehr oder

weniger nachhaltigen Störung der natürlichen Verhältnisse entwickelt

haben. Ablagerungsplätze für Mist oder verdorbenes Heu,

Deponieplätze für Deichbaumaterialien wie Klei, Sand oder Split,

Wegränder und häufiger gemähte Grabenränder tragen je nach

Bodenverhältnissen verschiedene Gesellschaften, die entweder

Magerrasen mit z.B. Thymianblättrigem Sandkraut und Steinklee,

Flutrasen (mit verschiedenen Binsenarten) oder Hochstau-


denfluren mit Disteln, Pastinak, Wilder Möhre und anderen Arten

ähneln. Die relativ große Artenvielfalt und der zumeist langanhaltende

Blütenreichtum dieser Bestände bietet vielen Insekten

sowie samenfressenden Vögeln Nahrung.

Siedlungsbereiche

Die Siedlungsbereiche bestehen aus Hof- und Gartenflächen, die

ähnlich wie in Siedlungen auf dem Festland angelegt sind.

Naturnah gestaltete Gärten mit hohem ökologischen Wert haben

auf der Insel bislang kaum Einzug gefunden. Ihre Einrichtung

und dauerhafte Unterhaltung wird allerdings auch durch die rauhen

klimatischen Verhältnisse erheblich erschwert.

Abschließende Bewertung

Der Binnengroden von Neuwerk weist eine Vielzahl von artenreichen

Pflanzengemeinschaften und gefährdeten Pflanzen auf.

Die beobachtete Vielfalt beruht maßgeblich auf der gegenüber

dem Festland geringeren Nutzungsintensität in der Landwirtschaft.

Die Einbeziehung des Binnengrodens in den Nationalpark

eröffnet die Möglichkeit, die alte, historisch gewachsene Landschaft

und ihre jahrhundertealte Vegetationsstruktur durch entsprechende

Bewirtschaftungsformen zu erhalten und zu fördern.

Abb. 3: Der Kleine Klappertopf wächst auf den

Wiesen im östlichen Binnengroden.

Foto Janke.

Abb. 2: Biotoptypen im Binnengroden von Neuwerk (Stand 1999).

Abb. 4: Unmittelbar hinter dem nördlichen Hauptdeich

liegt in direkter Anbindung an den Mittelweg ein kleiner

Erlenhain, der einen teilweise mit Schilf umstandenen

Teich umgibt. Foto Janke.

Grünland

Deich

Grünflächen

Gehölze

Ackerland

Landwirtsch. Lagerfläche

Kraut-/Staudenflur

Aufschüttungsflächen

Sumpf

Stillgewässer

Fliessgew sser

Siedlung/Gewerbe

Ver- und Entsorgungsflächen

Verkehrsflächen

Gebäude

100 0

300 m

Abb. 5: Direkt am Mittelweg steht eine alte Erle, die maßgeblich

von den Kräften des Windes geformt wurde. Im

Hintergrund das Haus Meereswoge. Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 53


Insel Neuwerk/Binnengroden

54

Die Vogelwelt im Binnengroden der Insel Neuwerk ist seit vielen Jahren durch den dörflichen und landwirtschaftlichen

Charakter der Insel geprägt. Gleichzeitig macht sich der Einfluss des umgebenden Wattenmeeres auf ihre Zusammensetzung

deutlich bemerkbar.

Die Brut- und Rastvögel im Binnengroden

Zigtausende von rastenden und nahrungssuchenden Watvögeln

machen Neuwerk zu einem sehr beliebten Ausflugsziel für

Vogelkundler. Obwohl deren Beobachtung im Vordergrund steht,

wird auch die Entwicklung der Vogelwelt des Binnengrodens mit

Interesse verfolgt.

Brutvögel

Die individuenreichste Brutvogelgemeinschaft wird von den

Arten der Dörfer gestellt. Haussperlinge bevölkern fast alle landwirtschaftlichen

Gehöfte, Rauch- und Mehlschwalbe sowie Star,

Hausrotschwanz, Hänfling und Bachstelze sind regelmäßige

Bewohner der Gebäude und der umgebenden Gehölze.

Auch die Gewässer der Insel stellen wichtige Lebensraumelemente

dar. Teichhuhn, Bläßhuhn, Löffelente und die heimliche

Knäkente nutzen die Gewässer und ihre Randvegetation als Nistund

Nahrungsraum. Zwei weitere Entenarten brüten regelmäßig

im Neuwerker Binnengroden, wobei die Stockente v.a. am Rande

der die Wiesen durchziehenden Gräben nistet, während die

Brandente Höhlungen in dichter Grabenvegetation, Ruderal- und

Ablagerungsflächen, ja sogar hohle Bäume und Verrohrungen für

ihre Gelege nutzt.

Die bedeutendste Brutvogelgemeinschaft des Binnengrodens

wird jedoch von einer charakteristischen Brutvogelgemeinschaft

der küstennahen Seemarsch gebildet. Austernfischer, Rotschenkel

und Kiebitz prägen mit ihren auffälligen Balzflügen und dem

markanten Revierverhalten das Bild des Inselkerns. Immerhin

zusammen mehr als 70 Brutpaare dieser drei Arten begannen mit

der Brut im Binnengroden, die meisten im östlich des Mittelweges

liegenden Bereich. Hinzu kommen als typische Vögel der

landwirtschaftlichen Flächen Feldlerche und Wiesenpieper. Die

Feldlerche zeigt allerdings in den letzten Jahren deutliche

Bestandseinbußen. Die Bestandsrückgänge des Binnenlandes

scheinen sich damit auch auf Neuwerk zu zeigen. Einige Arten

aus dieser Gemeinschaft, wie z.B. die Bekassine und der

Kampfläufer, die früher noch auf der Insel gebrütet haben, sind

mittlerweile verschwunden, für die meisten anderen Arten ist ein

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

stetig fallender Bruterfolg festzustellen. So gaben 1996 von

anfänglich 12 Kiebitzpaaren 8 Paare die Brut frühzeitig auf und

wanderten teilweise in das Vorland ab, weil die Landwirtschaft

mit ihrer frühen Flächenbestellung keine Überlebenschance für

die Küken ließ.

Extensivierung in der Landwirtschaft: ein Beitrag zum

Artenschutz

Das seit Bestehen des Nationalparks von der Stadt Hamburg

begonnene Extensivierungsprogramm in der Landwirtschaft ist

Abb. 1: Bevorzugte Nistplätze der Brutvögel im Neuwerker Binnengroden.

ein Versuch, einerseits die Belange der Landwirtschaft zu berücksichtigen

und andererseits durch gezielte Bewirtschaftungsvereinbarungen

mit den Bauern die Lebensbedingungen von

Wiesenvögeln entscheidend zu verbessern. Seit 1999 werden

mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen im

Binnengroden von Neuwerk unter besonderen Extensivierungsauflagen

derart bewirtschaftet, dass die Landwirtschaft einen

Beitrag zur Steigerung des Bruterfolgs der Wiesenvögel leisten

kann. Dies geschieht insbesondere durch einen Verzicht auf

Schleppen, Walzen und Mähen auf den für die Vögel wertvollen

Brutflächen vor Abschluss der Brutsaison Ende Juni eines jeden

Jahres. Alternativ kann auch auf anderen Flächen eine sehr extensive

Beweidung den bedrohten Wiesenvögeln helfen, ihren

Nachwuchs erfolgreich großzuziehen.

Die Gehölze sind, wohl aufgrund ihres recht geringen Alters und

des Fehlens geeigneter Höhlen, nur von einem eingeschränkten

Artenspektrum besiedelt. Wenige Exemplare der Kohlmeise und

einige Stare teilen sich die wenigen Höhlungen. Ringeltauben, die

allerorten ihre schnell zusammengebauten Nester errichtet haben,

Innerer Ring:

Verteilung der

Nistplätze auf

die Lebensraumelemente;

Äußerer Ring:

Verteilung der

Brutvogelarten auf

die Lebensraumelemente;


Abb. 2: Regelmäßige Rastplätze im Binnengroden von Neuwerk.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 55


Insel Neuwerk/Binnengroden

56

sind die auffälligsten Brutvögel der Gehölze. In dichteren

Gehölzen sind Zaunkönig, Gelbspötter und Heckenbraunelle vertreten.

Weitere zu erwartende Arten, z.B. Rotkehlchen,

Gartenrotschwanz oder Feldsperling fehlen jedoch derzeitig auf

Neuwerk.

Besonderheiten, die erst in den letzten Jahren als Brutvögel auf

Neuwerk in Erscheinung getreten sind, sind u.a. Waldohreule,

Karmingimpel und Birkenzeisig.

Abb. 3: Der in seinem Bestand bedrohte Kiebitz brütet auf den Feuchtwiesen

von Neuwerk. Am Ende des Sommers sammeln sich die

Kiebitze, um in kleinen Schwärmen in den Süden zu fliegen.

Foto Hecker.

Rastvögel

Nicht nur für die Brutvögel , sondern auch für viele Rastvögel ist

der Binnengroden von zentraler Bedeutung. In jedem Jahr treten

regelmäßig zahlreiche Singvogelarten als Durchzügler auf, andere

sind nur gelegentliche Gäste. Manche Arten wie z.B. die

Bekassinen werden kaum bemerkt und bleiben unauffällig, da

von ihnen immer nur einige Exemlare zufällig aus dichter

Vegetation aufgescheucht werden, andere Arten bilden auffällige

Pulks und sogar Schwärme. Einige Arten singen schon während

des Zuges, z.B. Gelbspötter, Teich- und Sumpfrohrsänger, andere

fallen dadurch auf, dass sie schlagartig und in so großen Mengen

auftreten, dass man überall auf sie aufmerksam wird (z.B.

Rotdrosseln, Wintergoldhähnchen).

Neben der Bedeutung als Rast-, Schlaf- und Freßplatz stellt

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Neuwerk einen wichtigen Orientierungspunkt und eine Landmarke

für ziehende Vogelschwärme dar. So konnten z.B. während

Zugvogelplanbeobachtungen von August bis September 1992 fast

200.000 durchziehende Vögel nachgewiesen werden. Der zahlenmäßig

größte Anteil wurde von Wiesenpieper, Rotdrossel,

Buchfink und Star gestellt.

Der Binnengroden wird auch von vielen Seevögeln als hochwassersicherer

Rastplatz aufgesucht. Austernfischer, Lach- und

Silbermöwen sind in großen Schwärmen bei Hochwasser auf dem

kurzrasigen Grünland oder den noch offenen Ackerflächen häufig

zu beobachten. Andere Arten suchen auch im Binnengroden nach

Nahrung, z.B. Goldregenpfeifer, Brachvögel, Pfeifenten und

Ringelgänse. Letztere stellen aufgrund ihrer intensiven Nutzung

einiger Grünlandflächen ein nicht zu unterschätzendes Problem

für die Landwirtschaft dar. Die Brandenten nutzen einige

geschützte Grünlandflächen nur als Balzplatz, und die Gewässer

der Insel dienen zahlreichen Möwen als Badeplatz und zur

Gefiederpflege. Viele der auf Neuwerk vorkommenden Arten nutzen

den Binnengroden zwar als Brutraum, sie suchen ihre

Nahrung aber auch oder sogar ausschließlich in den Wattflächen

oder im Vorland. Dies trifft besonders für wasserliebende Arten

wie die Limikolen und Brandenten, aber z.B. auch für Bachstelze

und Turmfalke zu.

So zeigt die Vogelwelt des Binnengrodens von Neuwerk auf vielfältige

Weise, welche engen funktionalen Beziehungen zu den

übrigen Biotoptypen im Vorland Neuwerks und sogar zu den

umgebenden Wattflächen bestehen.

Abb. 4: Der Teichrohrsänger ist ein regelmäßiger Bewohner an den

Gewässern von Neuwerk. Foto Hecker.

Abb. 5: Der Zaunkönig ist ein typischer Brutvogel der Neuwerker

Gehölze. Foto Hecker.

Zu Abb. 6:

Nistplätze im südöstlichen Binnengroden von Neuwerk

(Stand 1996)

Abkürzungen:

A Amsel

Af Austernfischer

B Buchfink

Ba Bachstelze

Be Brandente

Bhf Bluthänfling

Bz Birkenzeisig

Do Dohle

Fn Fasan

Gg Gartengrasmücke

Gs Gelbspötter

Hsp Haussperling

Ki Kiebitz

Km Kohlmeise

Loe Löffelente

Mg Mönchsgrasmücke

Rs Rotschenkel

R Ringeltaube

S Star

Sr Sumpfrohrsänger

Ste Stockente

Th Teichhuhn

Tr Teichrohrsänger

Wo Waldohreule

Zi Zilpzalp

Zk Zaunkönig


Abb. 6: Nistplätze im südöstlichen Binnengroden von Neuwerk (Stand 1996).

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 57


Insel Neuwerk/Binnengroden

58

Nicht nur die unberührte Natur, sondern auch die vom Menschen geschaffenen Kulturlandschaften können wertvolle Lebensräume

für eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt darstellen. Erst in diesen Kulturlandschaften konnten einige Arten geeignete

Lebensbedingungen finden und sich hier dauerhaft ansiedeln. Auch im Binnengroden hat die kleinräumig strukturierte,

von der Landwirtschaft geprägte, Landschaft zu einer reichhaltigen Artenvielfalt in der wirbellosen Tierwelt geführt.

Die wirbellose Tierwelt im Binnengroden

Der Binnengroden von Neuwerk wird überwiegend landwirtschaftlich

genutzt und bietet weithin das Bild einer traditionellen

intakten Kulturlandschaft. Die Nutzungsintensität der binnendeichs

gelegenen Flächen Neuwerks ist im Vergleich zu den landwirtschaftlichen

Flächen auf dem benachbarten Festland vergleichsweise

gering. Ackerbau auf kleinen Schlägen, zweischürig

genutzte Wiesen und relativ dünn besetzte Weiden (ca. 2

Tiere/ha) ohne intensive mineralische Düngung kennzeichnen die

in Teilbereichen extensive Landwirtschaft. Kleine Gehölze,

Gräben und Stillgewässer, blütenreiche Hausgärten und

Wegränder sowie Gartenteiche stellen einen vielfältigen und

abwechslungsreichen Lebensraum für wirbellose Tiere - und hier

insbesondere für die Insekten - dar. Obwohl diese Biotope im

Grunde ausreichende Lebensbedingungen für eine artenreiche

wirbellose Tierwelt bereitstellen, ist das Artenspektrum der

Wirbellosen vergleichsweise gering. Die Insellage Neuwerks

erschwert oder verhindert sogar die Einwanderung von vielen

Tierarten. Größere Arten wie z.B. einige Großlibellen und

Wanderfalter sind in der Lage, im Zuge ihrer Ausbreitungsflüge

die Insel durch aktiven Flug zu erreichen, während die kleineren

Arten mit dem Süd-West-Wind auf die Insel verdriftet, vom Meer

angespült oder im Vogelgefieder transportiert werden können.

Auch die Schiffsverbindung von Cuxhaven nach Neuwerk wird

von manchen Insekten als Passage genutzt, ebenso kann ein

Transport mit den Wattwagen oder Versorgungstraktoren für kleine

und heimliche Arten vermutet werden.

Libellen

Libellen gehören zu den auffälligen und sehr ausbreitungsfreudigen

Insekten. Daher verwundert es, wenn im Gegensatz zu der für

Libellen nicht besiedelbaren Insel Scharhörn, nur sehr vereinzelte

Beobachtungen von Libellen auf Neuwerk vor der Einrichtung

des Nationalparks bekannt waren. Eine systematische Libellenerfassung

an den Binnengewässern Neuwerks im Jahr 1995 zeigte

jedoch, dass ein Arteninventar von sechs Großlibellen- und drei

Kleinlibellenarten dort lebt. Alle beobachteten Arten traten nur in

geringer Häufigkeit auf. Eine Ausnahme bildete die Große Pech-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

libelle, die in großer Anzahl an allen untersuchten Gewässern

nachgewiesen wurde. Zwei der angetroffenen Arten gelten im

Bundesgebiet als "gefährdete" bzw. "stark gefährdete" Art: die

Gefleckte Heidelibelle, die in vegetationsreichen Kleingewässern

ihren Hauptlebensraum hat und der Spitzenfleck, der im Norden

Deutschlands nur sehr lokal und weit versprengt an Gewässern

mit Röhrichten vorkommt.

Die letzten Überspülungen des Deiches und Versalzungen des

Bodens und der Gewässer liegen weniger als 25 Jahre zurück.

Daher scheint es plausibel, dass die auf Neuwerk vorkommenden

Arten brackwassertolerant sein mußten. So erträgt die Larve der

Großen Pechlibelle einen Salzgehalt von 5 bis 11 ‰ und auch die

Gemeine Binsenjungfer toleriert immerhin noch eine Salinität

von 2 ‰. Von der Großen Königslibelle ist bekannt, dass sie auch

an Meeresstränden vorkommt und die Gemeine Heidelibelle erträgt

bis zu 9,4 ‰. Allerdings zeigte sich entgegen den Erwartungen,

dass im Binnengroden im Erfassungsjahr keine brackigen

Wasserverhältnisse mehr vorlagen (maximal 0,8 ‰ Salzgehalt).

Die Große Pechlibelle und die Hufeisen-Azurjungfer konnten

1995 als bodenständig auf Neuwerk nachgewiesen werden, da

sowohl Paarungen beobachtet als auch Larven dieser Arten

gefunden werden konnten. Auch die Vierflecklibelle und die

Gemeine Heidelibelle wurden bei der Fortpflanzung beobachtet

und könnten somit bodenständig sein.

Heuschrecken

Zu den charakteristischen Artengruppen einer Kulturlandschaft

zählen die Heuschrecken. Viele dieser Arten benötigen als Lebensraum

die von der Landwirtschaft geschaffenen Wiesen,

Weiden und Brachen, andere siedeln gern in Gehölzen, auch um

Häuser und Gehöfte. Einige Arten, wie das Heimchen , haben ihre

Lebensstätte sogar in den Wohnungen und Ställen gefunden.

Eine umfassende Erfassung der Heuschreckenfauna Neuwerks

fand im Jahr 1995 statt. Von den insgesamt 7 auf Neuwerk nachgewiesenen

Arten (siehe Seite 59) war die häufigste Art der

Weißrandige Grashüpfer. Er ist sehr zahlreich und in nahezu allen

Lebensräumen des Neuwerker Binnengrodens zu finden. Der

Braune Grashüpfer dagegen kommt nur sehr vereinzelt vor und

ist fast ausschließlich auf die gering bewachsene und stark

besonnte Deichbefestigung beschränkt.

Die Kurzflügligle Beißschrecke und die Kurzflüglige Schwertschrecke

bleiben in ihrem Vorkommen auf die Begleitflora der

binnendeichs gelegenen Gräben beschränkt. Beide Arten werden

inzwischen als "gefährdet" eingestuft: die Schwertschrecke in der

Roten Liste der Bundesrepublik und die Beißschrecke in der des

deutschen Wattenmeerraumes. Der in den letzten Jahren allgemein

verzeichnete starke Bestandsrückgang dieser Arten beruht

auf einem flächendeckenden Lebensraumverlust. Die für sie unverzichtbaren

Feuchtwiesen und vegetationsreichen Gräben fallen

einer immer intensiver betriebenen Landwirtschaft zum Opfer.

Das Große Grüne Heupferd und die Eichenschrecke sind typische

Bewohner der Gebüsche bzw. der Gehölze. Sie haben ihre Hauptvorkommen

auf der gehölzreichen Turmwurt.

Der Gesang des Heimchens konnte mehrere Jahre hindurch regelmäßig

auf einem großen Komposthügel an der Kläranlage vernommen

werden.

Vier der auf Neuwerk vorkommenden Arten sind langflüglig, drei

Arten jedoch kurzflüglig. Dies überrascht deshalb, weil die kurzflügligen

Arten nur über ein eingeschränktes Flugvermögen verfügen

und auf einer Insel wegen der zu überwindenden großen

Entfernung zum Festland hauptsächlich sehr mobile Tiere zu

erwarten sind.

Schmetterlinge

Den weitaus größten Anteil an tagaktiven Großschmetterlingen

stellt die Gruppe der Wanderfalter, zu denen der Distelfalter und

der Admiral zählen. Diese vermögen aufgrund ihrer sehr guten

und ausdauernden Flugfähigkeit die Insel bei ruhigeren Wetterlagen

aktiv anzufliegen. Andere Arten werden durch den Wind

verdriftet oder wurden bei einer "Schiffspassage” nach Neuwerk

beobachtet. Diese "Passagiere” wie z.B. Zitronenfalter und

Kleiner Kohlweißling werden vermutlich durch Abfallbehälter

und Kioske auf dem Schiff angelockt.

Unter den Falterarten auf Neuwerk gibt es nur sehr wenige Arten,

die an bestimmte Lebensräume oder ein sehr eng begrenztes

Spektrum von Futterpflanzen gebunden sind. Die überwiegende

Zahl ist statt dessen wenig spezialisiert und kann daher viele

unterschiedliche Lebensräume und Pflanzen für ihre Ernährung

nutzen. Besonders nektarreiche Blütenpflanzen und Raupenfutterpflanzen

finden die Falter an den blütenreichen Wegrändern,

in den kleineren Ruderalflächen und in manchen Hausgärten.

In diesen Bereichen lassen sich die Falter deshalb auch

besonders häufig beobachten.


Abb. 1: Die Gemeine Heidelibelle (ein Weibchen) lebt an

den Tümpeln auf der Insel. Foto Janke.

Abb. 2: Die Große Pechlibelle ist die häufigste Libellenart

auf Neuwerk. In der Nähe der Gewässer kann sie bei der

Fortpflanzung beobachtet werde. Foto Hecker.

Abb. 3: Der Weiher auf der Turmwurt ist ein typischer Lebensraum

für Libellen der Stillgewässer. Foto Krüger-Hellwig.

Wissenschaftlicher Deutscher Name

Artenname

Großlibellen:

Anax imperator Große Königslibelle

Aeshna cyanea Blaugrüne Mosaikjungfer

Libellula fulva Spitzenfleck

Libellula quadrimaculata Vierfleck

Sympetrum flaveolum Gefleckte Heidelibelle

Sympetrum vulgatum Gemeine Heidelibelle

Kleinlibellen:

Coenagrion puella Hufeisen-Azurjungfer

Ischnura elegans Große Pechlibelle

Lestes sponsa Gemeine Binsenjungfer

Heuschrecken:

Acheta domestica Heimchen

Chorthippus albomarginatus Weißrandiger Grashüpfer

Chorthippus brunneus Brauner Grashüpfer

Conocephalus dorsalis Kurzflügl. Schwertschrecke

Metrioptera brachyptera Kurzflüglige Beißschrecke

Tettigonia viridissima Grünes Heupferd

Meconema thalassinum Gemeine Eichenschrecke

Abb. 4: Der Weißrandige Grashüpfer gehört zu den charaktieristischen

Heuschrecken der Grünlander im

Neuwerker Binnengroden. Foto Borsch.

Abb. 5: Das Heimchen nutzt auf Neuwerk besonders die

landwirtschaftlich genutzten Gebäude als Lebensraum.

Foto Hecker.

Abb. 6: Die auffälligen Admirale besuchen Neuwerk häufig

auf ihren ausgedehnten Wanderungen. Foto Hecker.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 59


Insel Neuwerk/Binnengroden

60

Auch in Nationalparken kann eine naturverträgliche Landnutzung in eng begrenzten Räumen und zum Zweck von besonderen

Erhaltungsmaßnahmen gefährdeter Tier- und Pflanzenarten oder zum Erhalt der alten hergebrachten Lebensformen

der dortigen Einwohner gestattet sein, soweit diese den Nationalpark als Ganzes nicht nachhaltig beeinträchtigen.

Nutzungen im Binnengroden

Die Internationale Naturschutzunion (IUCN), die 1948 gegründete

Dachorganisation aus Regierungen und Nichtregierungsorganisationen

zum Schutz der Natur, hat weltweit gültige Definitionen

für die Ausweisung und das Management von Nationalparken

verabschiedet, die heute überall als verbindliche Richtlinien gelten.

Danach sind Nutzungen in einem Nationalpark nicht grundsätzlich

auszuschließen, sie dürfen allerdings den Zielen des

Nationalparkes nicht abträglich sein und nur auf geringem

Flächenanteil stattfinden. Da, wie im Nationalparkgesetz festgelegt,

die wirtschaftliche Existenz der auf der Insel Neuwerk

lebenden Bevölkerung gewährleistet bleiben soll, dient der eingedeichte

Binnengroden als Wohn- und Wirtschaftsraum für Inselbewohner.

In den letzten Jahren hat er sich zum Service-Bereich

für die Nationalparkbesucher entwickelt.

Fremdenverkehr und Naherholung

Der Fremdenverkehr stellt die bedeutendste Erwerbsquelle der

auf Neuwerk ansässigen Bevölkerung dar. Dieser Erwerbszweig

nimmt jedoch nur einen geringen Anteil der Fläche in Anspruch.

Acht Betriebe bieten Betten für Übernachtungen in unterschiedlichen

Kategorien an, dazu kommen Privatvermieter, Strohlager

und Campingplätze. Weiterhin werden zwei Jugendzeltlager und

zwei Landschulheime dauerhaft auf Neuwerk unterhalten. Die

z.T. langjährigen Dauergäste suchen besonders Erholung im

Naturerlebnis auf der Insel und im Watt. Dieses eher unauffällig

ablaufende Tourismusgeschäft wird an wenigen Stunden am Tage

überlagert, wenn die Tagesgäste eintreffen. Abhängig von der

Tide erreichen die Ausflügler zu unterschiedlichen Zeiten entweder

zu Fuß, mit den Pferdekutschen oder mit dem Fährschiff die

Insel. In Spitzenzeiten prägen bis zu 2000 Tagesgäste, die sich

hauptsächlich im Binnengroden und auf dem Deich aufhalten,

nachhaltig das Bild der Insel.

Landwirtschaftliche Nutzungen

Die Insel Neuwerk ist in ihrer Landschaftsstruktur maßgeblich

von der Landwirtschaft als traditioneller Kulturform geprägt. Die

historische Entwicklung der Landwirtschaft wurde wesentlich

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

von der Eindeichung und Befestigung der Insel seit 1556 bestimmt.

Nach Errichtung der ersten Deiche wurden im Binnengroden

auf den relativ leichten, sandigen Böden Roggen, Weizen,

Gerste, Hafer und Bohnen angebaut. Im Ostteil wurde Heu zur

Winterfütterung gemäht. Die derzeitige Nutzung der landwirtschaftlichen

Flächen weicht jedoch erheblich von der früherer

Jahre ab.

Zur Zeit wirtschaften drei landwirtschaftliche Betriebe auf der

Insel, deren Existenz jedoch nicht ausschließlich auf der Landwirtschaft,

sondern auch auf den Einnahmen aus dem Fremdenverkehr

beruht. Die Viehhaltung ist traditioneller Schwerpunkt

der Landwirtschschaft auf Neuwerk. Sowohl die Kutschpferde

der Neuwerker Kutschen als auch Pensionspferde und Pensionsrinder

weiden derzeit auf den Grünlandflächen.

Der Anteil an Ackerflächen auf der Insel macht mit weniger als

10 ha nur einen geringen Teil der landwirtschaftlichen Flächen

des Binnengrodens aus.

Eine Besonderheit stellt die Ausrichtung eines der Betriebe auf

das Training von Sportpferden (Traber und Galopper) im Watt

sowie die Betreuung und Genesung von Pferden, die an Lunge

oder Bewegungsapparat erkrankt sind, dar.

Naturschutz

Um die von der Landwirtschaft geprägte Kulturlandschaft im

Binnengroden zu erhalten, ist Neuwerk als ein Schwerpunkt des

hamburgischen Programms zum Naturschutz in der Kulturlandschaft

ausgewählt worden. Inzwischen ist es gelungen, mehr als

die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen in die Extensivierungsverträge

dieses Programmes einzubinden, um die

Grünlandflächen im Einvernehmen mit den Landwirten durch

entsprechende Bewirtschaftungsformen für die erfolgreiche

Aufzucht von bedrohten Wiesenvögeln zusätzlich nutzen zu können.

(siehe auch Seite 54)

Verkehr

Neuwerk ist bis auf Traktoren, einem Müllwagen und einigen

Fahrzeugen des Bauhofes eine kraftfahrzeugfreie Insel. Demzu-

folge ist auch das Wegenetz auf der Insel nur gering ausgebaut.

Während die für den Hochwasserschutz wichtigen Rundwege am

binnenseitigen Deichfuß und der ”Mittelweg” mit Betonverbundsteinen

gepflastert sind, wurden die anderen Wege nur als

Fuß- und Fahrwege für Traktoren ausgelegt. Charakteristisch sind

die mit Klinkern ausgebauten Wege an der Turmwurt und auf der

Deichkrone.

Bauen

Die bestehende Bebauung bietet z.T. den Aspekt einer dörflichen

Streusiedlung, wird jedoch durch die Existenz kleingewerblicher

Familienbetriebe der Tourismusbranche überformt.

Einzelne bauliche Anlagen, insbesondere die der Ver- und

Entsorgung dienenden Flächen, stören den Gesamteindruck einer

dörflichen Umgebung.

Jagd

Grundsätzlich ist die Jagd im Nationalpark Hamburgisches

Wattenmeer durch das Nationalparkgesetz vom 9. April 1990 auf

der Gesamtfläche verboten. Seit Bestehen des Nationalparks werden

jedoch Befreiungen aufgrund des § 48 HmbNatSchG für von

der Stadt bestimmte Jagdbeauftragte auf der Insel Neuwerk für

die Jagd ausschließlich auf Hasen und Fasane erteilt, soweit deren

Bestand die Bejagung zulässt. Mit der Jagderlaubnis ist die

Verpflichtung zur Ausübung des Jadgschutzes verknüpft. So werden

z.B. wildernde Katzen außerhalb der Gehöftflächen erlegt.

Ausblick

Die Bewirtschaftung des Neuwerker Binnengrodens zeigt, dass

die natur- und kulturverträgliche Nutzung von geringen Teilflächen

in einem Nationalpark (hier weniger als 1%) sich auf die

Ziele des Nationalparks durchaus positiv auswirken kann. Durch

entsprechende Darstellung und begleitende umweltbildende

Aktionen können ressourcenschonende und ökologisch sinnvolle

Maßnahmen vielen Besuchern verständlich gemacht werden und

so zur Nachahmung anregen. Beispielhaft ist auf Neuwerk bereits

die Extensivierung der Landwirtschaft, ebenso wie die fortschreitende

Nutzung der Solarenergie.


Abb. 2: Landwirtschaftliche Nutzflächen im

westlichen Binnengroden. Im Vordergrund

ragt das Dach vom "Haus Brodkorb” aus

dem Wäldchen nördlich der Turmwurt heraus.

Foto Janke (August 1999).

Flächen im Extensivierungsprogramm

Wegenetz

Biotop- und Nutzungstypen

Grünland

Grünflächen

Gehölze

Ackerland

Landwirtsch. Lagerflächen

Siedlung/Gewerbe

Ver- und Entsorgungsflächen

Grünland

75%

Gewässer

2 %

Gehölze

5 %

sonstige Grünflächen

3 %

Kraut-/Staudenflur

Aufschüttungsflächen

Sumpf

Stillgewässer

Fließgewässer

Verkehrsflächen

Gebäude

100 0 300 m

Abb. 1: Flächenhafte Darstellung der Nutzungen im Binnengroden von Neuwerk (Stand 1999).

Ackerflächen

8 %

Ruderalfluren/Brachen

2,5 %

Siedlungs- u.

Gewerbeflächen

4 %

Verkehrsflächen

0,5 %

Abb. 3: Anteil der Flächennutzungen an der Gesamtfläche des

Binnengrodens (Stand 1999).

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 61


Insel Neuwerk/Vorland

62

Als Vorland oder Außengroden wird auf Neuwerk der Bereich zwischen der MThw-Linie und dem seewärtigen Deichfuß des

Ringdeiches bezeichnet. Die in dem etwa 180 ha großen Vorland vorherrschenden Salzwiesen unterscheiden sich deutlich

von allen anderen an der deutschen Wattenmeerküste.

Pflanzenwelt und Vegetation im Vorland

Aufgrund der besonderen Strömungsbedingungen rund um

Neuwerk besteht nur im Norden und Osten der Insel ein Vorland.

Ein Sommerdeich umschließt den überwiegenden Teil des Vorlandes.

Der Bodenaufbau wird durch wiederholten Wechsel von Kleiund

Sandauflagen gekennzeichnet; an der Oberfläche dominieren

nährstoffarme und wasserdurchlässige Sande.

Insgesamt besteht im Vorland von Neuwerk ein äußerst bewegtes

Kleinrelief im Meso-Maßstab, das wesentlichen Einfluss auf die

Vegetationsstrukturen nimmt.

Kleinflächige Veränderungen entstehen durch Kleiabbauflächen,

Sodenstichbereiche sowie inzwischen überwachsene Schotterterrassen

und Fahrwege von vormaligen Deichbaumaßnahmen.

Zudem führen in der überwiegend sandigen Auflage Eisgang und

starke Hochwässer leicht zu Bodenverletzungen wie Abschürfungen

und Auskolkungen, Prielverläufe können abgeriegelt oder

geändert werden, Sandaufspülungen treten immer wieder auf und

in einigen Bereichen lagern sich Treibselmengen ab. Natürlich

verlaufende Priele und stellenweise abgedämmte Prielreste sowie

die Entwässerungsgräben des Deichfußes und einzelne tiefliegende

und zeitweilig mit Wasser gefüllte Senken tragen wesentlich

zur Biotop- und Vegetationsvielfalt bei.

Aufgrund der besonderen Boden- und Bewirtschaftungsverhältnisse

besteht keine einheitliche Vegetationsstruktur; da die

kleinräumig wechselnden Standortfaktoren jeweils spezifische

Vegetationseinheiten hervorbringen, die mosaikartig miteinander

verzahnt sind. Neben Brackwasserröhrichten und Knickfuchsschwanz-

oder Straußgras-Flutrasen treten großflächige mit mehr

oder weniger Quecken bestandene Salzwiesen, Magerrasen und

Dünenreste auf. Somit entsprechen die größten Teile des

Vorlandes nicht dem typischen Bild des Vorlandes an den Küsten

des Wattenmeeres, sondern eher dem stark mosaikartig verzahnten

Biotopkomplex der Ästuar-Salzwiesen.

Generell sind die Salzwiesen im Vorland durch ein Zurücktreten

von salzzeigenden Pflanzen gegenüber den typischen Wiesen-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

arten von Grünländern mit durchschnittlicher Nährstoffversorgung

gekennzeichnet. Charakteristische Arten sind die in

geringem Maße salztoleranten Arten Erdbeer-Klee, Herbst-

Löwenzahn und Roter Zahntrost. Einen wesentlichen Einfluss auf

die charakteristische Ausprägung des Vorlandes übt der Sommerdeich

aus, da er selbst in sturmreichen Wintern nur noch gelegentliche

Überflutungen gestattet. Vor dem Sommerdeich sind die

Salzwiesen dagegen in charakteristischer Weise ausgeprägt,

wobei sich je nach Beweidungsart und –intensität sowie der

Höhenlage Andelrasen und Rot-Schwingelrasen gebildet haben.

Obwohl die Beweidungsintensität im Vorland stellenweise sehr

hoch ist und zu einem weitgehenden Ausfall charakteristischer

Salzwiesenpflanzen geführt hat, bietet das Vorland von Neuwerk

eine Vielzahl von sehr interessanten Vegetationseinheiten und

bedeutsamen Arten für das Wattenmeer. So hat sich in den

lückenhaften, kurzrasigen Bereichen, vor allem auf den nährstoffarmen,

wasserdurchlässigen Sanden und dem Sommerdeich, ein

Mager- und Trittrasen mit dem Dünnschwanz, verschiedenen

Mastkraut-Arten und Dänischem Löffelkraut ausgebreitet. In den

Prielen ist neben der vorherrschenden Meersalde bereichsweise

der Brackwasser-Hahnenfuß vertreten. Vereinzelt wachsen an den

Prielrändern auch Strand-Segge, Entferntährige Segge und

Küsten-Gelb-Segge.

Ein besonders wertvolles floristisches Kleinod stellen die seit

1988 unbeweideten Salzwiesen im Südosten der Insel dar. Aus

den bis dato artenarmen und intensiv verbissenen Andelrasen

haben sich artenreiche Salzwiesenkomplexe aus unteren,

verschiedenen oberen Salzwiesen und Übergängen zu Spülsäumen,

Queller- und Schlickgrasfluren entwickelt. Lediglich an

den immer noch mehr oder weniger geradlinigen Verläufen der

ehemaligen Grüppen kann die künstliche Entstehung erkannt

werden.

Weitere Entwicklung

Im Vorland können inzwischen Entwicklungen beobachtet werden,

die nicht auf die Regeneration der Salzwiesen hindeuten. In

einigen, nur noch sehr selten überfluteten Bereichen sind außer

Rotschwingel inzwischen keine weiteren charakteristischen

Salzpflanzen mehr vorhanden. Andere Gebiete, vor allem im

Bereich der tieferliegenden ehemaligen Kleiabbauflächen entlang

der Priele, sind dagegen noch von typischen Strand-Grasnelken-

Wiesen bestanden, am Rand der Priele erstreckt sich zumeist

noch ein sehr schmales Band eines Andelrasens.

In dem nur zwischen August und Oktober beweideten Ostvorland

breiten sich die für eine extensive oder reduzierte Beweidungsintensität

typischen Brachepflanzen aus. Neben dem Auftreten

von Zeigerpflanzen für nährstoffreiche Böden, wie z.B. Disteln

an den Brutplätzen der Seevögel, sind es starke Queckenbestände

und dichte Gestrüppe des Dornigen Hauhechel, der aufgrund seiner

ab einer bestimmten Größe auftretenden Stachligkeit vom

Weidevieh verschmäht wird.

Ein Vorkommen interessanter Pflanzengesellschaften, das

Auftreten gefährdeter Arten und bereichsweise natürlich anmutende

Pflanzenbestände können aber nicht darüber hinwegtäuschen,

dass im Vorland von Neuwerk zwei Phänomene offensichtlich

werden:

• die intensive Beweidung führt zum Verlust charakteristischer,

aber beweidungsempfindlicher Salzpflanzen (siehe Seite 72),

• die durch den Sommerdeich hervorgerufene geringe Überflutungshäufigkeit

fördert typische Wiesenpflanzen der binnenländischen

Grünländer, die salztoleranten Pflanzen werden

verdrängt.

Obwohl das Vorland von Neuwerk seit jeher wesentlich von

Eingriffen des Menschen bestimmt war, können gezielte

Management-Maßnahmen die Entwicklung zu größerer Naturnähe

steuern. Dabei schlägt der Naturschutz eine Gratwanderung

ein. Die derzeitige Nutzung fördert die Erhaltung eines kurzrasigen,

relativ nährstoffarmen Salzgrünlandes als Standort seltener

und charakteristischer Pflanzen sowie einen wertvollen Brut-,

Rast- und Nahrungsraum für Limikolen und Entenvögel. Für eine

naturnähere Entwicklung der Salzwiesen im Vorland ist eine

engere Verknüpfung von Teilen des Vorlandes mit dem

Tidegeschehen und dem damit verbundenen Eintrag von Salz in

den Boden erforderlich.


Abb. 2: Im Frühsommer blüht weithin

im Vorland das Tausendgüldenkraut.

Foto Janke.

Abb. 3: Dorniger Hauhechel im östlichen Vorland.

Foto Janke.

Abb. 4: Untere Salzwiese auf Neuwerk mit bühendem

Strandflieder. Foto Janke.

Anleger

NORDVORLAND

Turmwurt

Abb. 5: Strand-Grasnelke im

Nordvorland. Foto Janke.

Ostbake

OSTVORLAND

Küstenschutzbauwerke

Deich

Wasser

Küstenwatt ohne Bewuchs

Küstenwatt mit Bewuchs

Untere Salzwiese, natürlich/naturnah

Untere Salzwiese, mit Nutzungseinfluss

Obere Salzwiese, natürlich/naturnah

Obere Salzwiese, mit Nutzungseinfluss

Salzwiese der Ästuare

Queckenbestände der oberen Salzwiese

Trittrasen auf Schotter im Vorland

Sodenentnahmeflächen

offene Flächen im Vorland

Priel

Ufer- und Verlandungsbereich

100 0 500 m

Abb. 6: Dänisches Löffelkraut.

Foto Janke.

Abb.1:Verteilung der Biotoptypen im Vorland von Neuwerk.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 63


Insel Neuwerk/Vorland

64

Das Neuwerker Vorland ist nicht nur für die Landwirtschaft und die Ausbreitung von Salzwiesen auf der Insel von großer

Bedeutung, auch für die arten- und zahlenreiche Vogelwelt stellt es ein wichtiges Brut-, Rast- und Nahrungsgebiet im Elbe-

Mündungsgebiet dar.

Die Brut- und Rastvögel im Vorland

Seevogelkolonien mit über 2000 Brutpaaren, vornehmlich

Flussseeschwalben, sind bereits seit dem letzten Jahrhundert für

das Vorland von Neuwerk belegt, doch bis zur Mitte dieses

Jahrhunderts schrumpften sie bis auf nur noch wenige Paare

zusammen. Dieser extreme Rückgang führte zu intensiven

Schutzbemühungen. Die Ausweisung als Naturschutzgebiet

Neuwerk/Kleiner Vogelsand im Jahre 1982 war der erste Schritt,

dem nach einer erweiterten Naturschutzgebietsausweisung im

Jahr 1986 die Ausweisung des Nationalparks Hamburgisches

Wattenmeer im Jahr 1990 folgte. Die im Nationalparkgesetz für

das Vorland festgelegten Schutzbestimmungen sollen einerseits

eine landwirtschaftliche Nutzung ermöglichen, andererseits soll

durch ein entsprechendes Bewirtschaftungsmanagement der

Bedeutung des Vorlandes für die Neuwerker Vogelwelt Rechnung

getragen werden. Insbesondere der Schutz der Seevogelkolonien

führte zu einer Regelung, nach der die Beweidung im Ostvorland

– dem Standort der größten Kolonien – erst ab 1. August eines

jeden Jahres ermöglicht wird.

Brutkolonien

Die Schutzbemühungen, das Management und das Wegegebot im

Ostvorland zeigen bereits nach wenigen Jahren Erfolge. Die

Seevogelkolonien haben sich deutlich vergrößert. Dominiert werden

die Kolonien von der Lachmöwe, die mit mehr als 2000

Brutpaaren die Insel bevölkert und damit zahlenmäßig stärkster

Brutvogel der Insel ist. Fluss- und Küstenseeschwalbe brüten

regelmäßig mit über 200 Paaren, die auf mehrere Kolonien verteilt

sind. Die Seeschwalben legen ihre Gelege zumeist am Rande

der Lachmöwenkolonien ab und profitieren so von deren Schutz.

Der Säbelschnäbler - eine Charakterart des Wattenmeeres - hat

sich wieder als Brutvogel etabliert. Er nistet in direkter Prielnähe.

Mit der Zwergseeschwalbe brütet eine gegenüber Störungen

hochsensible und sehr seltene Seeschwalbenart im Neuwerker

Vorland, doch tritt sie bislang nur unregelmäßig und dazu in kleinen

Koloniestärken auf. Lediglich zwei bis drei Brutpaare sind in

den letzten Jahren nachgewiesen worden. Ihr besonderes Brutgebiet

sind die offenen Dünenbereiche in dem vom Betreten

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

geschützten Bereich des Ostvorlandes.

Auch für die größeren Möwenarten gewinnt Neuwerk als

Brutgebiet an Bedeutung. In den Bereichen vor dem Sommerdeich

haben sich Silbermöwen angesiedelt. Mehr als 90 Brutpaare

können auf Neuwerk gezählt werden, inzwischen brüten

auch einige Sturmmöwen inmitten der Silbermöwenkolonien, in

manchen Jahren auch Heringsmöwen.

Weitere Brutvögel

Das Artenspektrum in den Salzwiesen vervollständigen Sandregenpfeifer,

Rotschenkel, Austernfischer, Kiebitz, Feldlerche

und Wiesenpieper. Vereinzelt brüten Stockenten, Brandenten und

Bachstelzen im Vorland oder in den Küstenschutzbauwerken. Der

Sandregenpfeifer siedelt vorwiegend in den sandigen, offenen

Erosions- und Aufspülungsflächen in der Nähe offener Sandflächen

am Sommerdeich. Aktuell können jedes Jahr etwa 15 bis

20 Brutpaare gezählt werden. Früher brütete auch der Seeregenpfeifer

auf Neuwerk, doch seit 1991 hat er die Insel verlassen, da

sie seinen Ansprüchen an vegetationsfreie, offene Bruthabitate

offenbar nicht mehr genügte (siehe auch Seite 102).

Der Kiebitz bevorzugt das kurzrasige, intensiv beweidete

Nordvorland und profitiert so von extensiv betriebener Landwirtschaft,

während der Rotschenkel seine Niststandorte in langgrasigeren

Beständen in geschützten Bereichen und im Ostvorland

anlegt. Der auffälligste Brutvogel im Vorland - einmal

abgesehen von den Lachmöwen-Kolonien - ist der Austernfischer,

der fast gleichmäßig im gesamten Vorland verteilt ist.

Sein auffälliges Balzverhalten und seine aggressive Gelegeverteidigung

machen einen Spaziergang durch das Vorland zu einem

"spielfilmreifen Erlebnis". Der Austernfischer ist der Charaktervogel

Neuwerks schlechthin.

Rastvögel

Noch augenfälliger als das Brutgeschäft im Vorland ist das alltägliche

Rastgeschehen zu beobachten. Die Vorländer dienen als

Rastplatz für Wat- und Seevögeln, die ihre Nahrung im Watt um

Neuwerk oder in den nordöstlichen Watten um die Scharhörnplate

suchen. Wenn zur Hochwasserzeit die Vögel sich im Vorland

sammeln, finden sich viele Arten ein, die zumeist traditionelle

Rastplätze beziehen. Besonders tief liegende Bereiche entlang der

Priele werden von Austernfischer aufgesucht, Vorlandbereiche

vor dem Sommerdeich z.B. von Großen Brachvögeln und

Pfuhlschnepfen. Die Nordspitze der Insel erscheint zuweilen

weiß von Tausenden von rastenden Möwen. Buhnen, Lahnungen

und Steinpackungen (Deckwerke) werden z.B. von Steinwälzern

besucht, auch Kormorane trocknen hier ihre Gefieder.

Zuflucht Neuwerk

Besonders bei sehr schlechten Wetterbedingungen fallen in das

Neuwerker Vorland zu Tausenden Vögel auch aus entfernteren

Gebieten ein, die dort die ungünstige Witterung abwarten. Mehr

als 40.000 Austernfischer können dann dichtgedrängt in langen

Reihen oder auf engstem Raum hinter Steindämmen und auf

Buhnen auf der dem Wind abgekehrten Seite stehen und dort ausharren,

bis der Sturm nachläßt. Auch von anderen Watvögeln können

ähnlich hohe Rastzahlen an Sturmtagen im Frühjahr oder

Herbst erreicht werden. So rasteten am 9. September 1997 rund

35.000 Alpenstrandläufer. Die ansonsten bevorzugten Rastplätze

auf den Sandbänken sind dann weitgehend verlassen.

Zugvögel

Zur Zugzeit im Frühjahr und Herbst werden die Vorländer zu

einem wichtigen Trittstein für wandernde Vögel. Ringelgänse

und Pfeifenten nutzen die Vegetation des Vorlandes (und auch des

Binnengrodens), um sich Fettreserven für ihren langen Flug in die

Brut- bzw. Winterquartiere anzufressen (siehe auch Seite 66 ff.).

Während z.B. von diesen Arten häufig einige Tausend beobachtet

werden können, treten andere dagegen immer nur vereinzelt auf

und sind dadurch sehr unauffällig. Regelmäßig kann der aufmerksame

Beobachter z.B. Bruchwasserläufer, Grünschenkel

oder Regenbrachvogel entdecken, die zumeist nur wenige Tage

im Vorland und in den angrenzenden Watten verbringen.

Auch Singvögel nutzen das Vorland auf ihrem Zug als Rastplatz:

Steinschmätzer, Schafstelze und Rotkehlchen sind dann im

Vorland in wesentlich größeren Mengen zu entdecken als im

Neuwerker Binnengroden.


Brutpaare Brutpaare

500

400

300

200

100

0

3000

2500

2000

1500

1000

500

Flussseeschwalbe Küstenseeschwalbe

1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999

Abb. 2: Brutbestandsschwankungen von Fluss- und Küstenseeschwalbe

auf Neuwerk.

Lachmöwe

Silbermöwe

0

1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999

Abb. 3: Brutbestandsentwicklung der Möwen im Vorland von

Neuwerk.

NORDVORLAND

Turmwurt

Abb. 1: Brutvogelkolonien und ihre Verteilung im Neuwerker Vorland (Stand 1996)

Abb. 4: Lachmöwenkolonie in den östlichen Salzwiesen

von Neuwerk. Foto Janke.

Ostbake

OSTVORLAND

Seevogelkolonien

Lachmöwen

Lachmöwen/Seeschwalben

Silbermöwen

Zwergseeschwalben

Einzelbrüter (ausgewählte Arten)

Kiebitz

Rotschenkel

Küstenwatt ohne Bewuchs

Küstenwatt mit Bewuchs

Untere Salzwiese, natürlich/naturnah

Untere Salzwiese, mit Nutzungseinflus

Obere Salzwiese, natürlich/naturnah

Obere Salzwiese, mit Nutzungseinfluss

Salzwiese der Ästuare

Queckenbestände der oberen Salzwiese

Trittrasen auf Schotter im Vorland

Sodenentnahmeflächen

offene Flächen im Vorland

Priel

Ufer- und Verlandungsbereich

100 0 500 m

Abb. 5: Nest eines Austernfischers im

Nordvorland. Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 65


Insel Neuwerk/Vorland

66

Ringelgänse zählen im Frühjahr zu den auffälligsten Tieren der Wattenlandschaft.Viele tausend Tiere zählende Schwärme

bevölkern heute wieder die Salzwiesen und demonstrieren die Bedeutung des Wattenmeeres im Lebensablauf dieser Tiere.

Durch die Nutzung auch landwirtschaftlich beanspruchter Flächen stehen die Gänse jedoch im Spannungsfeld zwischen

Naturschutz und Landwirtschaft.

Die Ringelgänse im Vorland

Die häufigsten Gänse des Wattenmeeres sind die Ringelgänse

(Branta bernicla). Gemeinsam mit den Weißwangengänsen,

Kanadagänsen und Rostgänsen bilden sie die Gruppe der

Meeresgänse, die sich deutlich von den in der Kulturlandschaft

häufigen "Grauen" Gänsen (Anser spec.) unterscheiden.

Die Ringelgänse Europas trennen sich in zwei Unterarten, die

deutlich unterschiedliche Brut- und Überwinterungsgebiete besitzen:

Die im Wattenmeer vorkommende Dunkelbäuchige Ringelgans

(Branta bernicla bernicla) hat ihr zentrales Brutgebiet auf

der Taimyr-Halbinsel in Nord-Sibirien. Ihr Überwinterungsgebiet

Abb. 1: Rastender Schwarm von Ringelgänsen im Wattenmeer.

Foto Janke.

liegt in Nordwest-Europa, damit ist sie die im deutschen Wattenmeer

verbreitetste und häufigste Unterart. Die Hellbäuchige

Ringelgans (Branta bernicla hrota) brütet auf Spitzbergen, Grönland

und im Nordwesten Kanadas. Sie überwintert an der amerikanischen

Atlantikküste, in Nordengland, Irland und Dänemark.

Nur gelegentlich lassen sich vereinzelte Tiere dieser hellbäuchigen

Rasse im deutschen Wattenmeer beobachten.

Frühere Bestände der Ringelgänse müssen überwältigend groß

gewesen sein, wie zeitgenössische Berichte vermelden, doch gibt

es keine Bestandsangaben aus diesen Zeiten. Zu Beginn dieses

Jahrhunderts wird der Weltbestand noch mehrere hunderttausend

Tiere umfaßt haben. Dann schrumpften die Bestände der

Ringelgänse bis in die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts auf nur

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

16.500 Vögel. Intensive Bejagung in den Winterquartieren, auf

dem Zug und in den Brutgebieten und das massenhafte Absterben

des Seegrases, ihrer bevorzugten Winternahrung, führte zu diesem

Rückgang. Seit der Einstellung der Verfolgung und aufgrund

verstärkter Schutzbemühungen verzehnfachte sich der Bestand

innerhalb von 30 Jahren und erreichte sein vorläufiges Bestandshoch

1992 mit etwa 300.000 Exemplaren. In den letzten Jahren

sind wieder deutlich weniger Gänse gezählt worden, was auf

einen geringen Bruterfolg in der sibirischen Heimat und sehr

strenge Winter zurückgeführt wird.

Für mehr als ein Viertel des Jahres ist das Wattenmeer die Heimat

der Ringelgänse: während des Zuges im Frühjahr und im Herbst

ist nahezu die gesamte paläarktische Population im Wattenmeer

vertreten. Wesentlich mehr Gänse als im Herbst kann man im

Frühjahr beobachten, wenn von März bis Ende Mai die Ringelgänse

in die Salzwiesen einfallen, um dort Kräfte für den Zug in

ihre arktischen Brutgebiete zu sammeln und sich Nahrungsreserven

anzufressen. Im Winter weichen sie in die Küstenabschnitte

Englands, Frankreich oder der Niederlande aus, in milden

Wintern überwintern einige Tiere auch im Wattenmeer selbst,

vornehmlich in den dänischen und schleswig-holsteinischen

Teilen. Im Frühjahr werden die schleswig-holsteinische und niederländische

Küste bevorzugt aufgesucht. Vereinzelt werden auch

übersommernde Exemplare im Wattenmeerbereich angetroffen.

Ringelgänse im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer

Im Bereich des Hamburgischen Nationalparks sind Ringelgänse

seit jeher eine vertraute Erscheinung. Bereits in alten vogelkundlichen

Berichten wird von großen Schwärmen mit vielen

Tausenden von Tieren auf Neuwerk berichtet. Seit den vierziger

Jahren wurden auf dem Frühjahrszug jedoch lediglich noch etwa

500 Tiere gezählt. Seither hat sich der Bestand auch aufgrund

internationaler Schutzbemühungen zunächst langsam und anschließend

wieder deutlich erholt. So rasten in den letzten Jahren

auf Neuwerk wieder große Bestände. Ringelgansschwärme von

bis 2000 Exemplaren sind im Mai keine Seltenheit mehr

(Tageshöchstzahlen 1996: 1670; 1997: 2850). Die Herbstbe-

stände sind dagegen deutlich kleiner und erreichen lediglich

Stärken von 600-700 Tieren.

Auch in den Watten vor Scharhörn sind die Ringelgänse regelmäßige

Gäste. Konnten in den achtziger Jahren noch große

Schwärme von über 1000 Tieren bei der Nahrungsaufnahme in

den von der Insel abgelegenen Seegras- und Algenwiesen beobachtet

werden, so rasten die Vögel auf den offenen Wattgebieten

jetzt nur noch kurz.

Ringelgänse sind recht ortstreu, doch nutzen sie mehrere

Nahrungsplätze in einem von ihnen leicht zu erreichenden

Radius. Die Ringelgänse Neuwerks nutzen vermutlich auch die

Salzwiesen an der Wurster Küste, von Trischen und die Algenmatten

vor Scharhörn. Wahrscheinlich werden deshalb auf

Neuwerk von Tag zu Tag stark wechselnde Bestandsgrößen beobachtet.

Ein reich gedeckter Tisch

Ringelgänse sind reine Pflanzenfresser. Aufgrund ihres wenig

effizienten Verdauungssystems sind sie auf leicht verdauliche,

eiweißreiche Nahrung angewiesen. Im Herbst bevorzugen sie

Seegras und Algen, die sie in den Wattflächen unterhalb der

Tidewasserlinie abweiden. Im Frühjahr, wenn Seegras und Algen

nicht zur Verfügung stehen, müssen die Gänse jedoch auf andere

Nahrungspflanzen ausweichen. Sie suchen die Salzwiesen auf

und beweiden dort junge Gräser (Andel, Rot-Schwingel) sowie

einige von ihnen besonders bevorzugte Kräuter (z.B. Strand-

Wegerich und Strand-Aster). Aufgrund des großräumigen

Bestandsrückgangs der Seegraswiesen sind die Gänse nun auch

im Herbst gezwungen, auf den Salzwiesen zu fressen. Selten nur

gehen sie jedoch auf binnendeichs gelegene Grünländer und

Ackerflächen, im Gegensatz z.B. zu Pfeifenten oder Weißwangengänsen,

die gerade auf Ackerkulturen beträchtliche

Schäden anrichten können.

Die Gänse nutzen im Frühjahr sowohl ungenutzte als auch beweidete

Salzwiesen. Allerdings werden extensiv beweidete Flächen

in der Regel deutlich bevorzugt. Eine Nutzungsaufgabe oder

deutliche Beweidungsreduzierung intensiv begraster Salzwiesen

verringert demnach nicht deren Attraktivität für die Ringelgänse.

Im Vorland von Neuwerk wählen die Ringelgänse ihre Rastplätze

offenbar nach verschiedenen Kriterien aus. Neben dem Angebot

an nährstoffreichen Nahrungspflanzen bestimmt die Störungsarmut

die Wahl der von ihnen bevorzugten Standorte, obwohl in

den vergangenen Jahren die Fluchtdistanz der Tiere gegenüber

Menschen deutlich geringer geworden ist.


Tageshöchszahlen rastender Tiere

2000

1500

1000

500

0

Januar Jan. 96 96 März 96 96

Mai 96

Juli 96 Juli 96 September Sep. 96 96 November Nov. 96 96

Abb. 3: Bestandsgröße rastender Ringelgänse auf Neuwerk im Jahr 1996.

NORDVORLAND

Turmwurt

Ostbake

OSTVORLAND

beobachtete

Weideflächen

der

Ringelgänse

Kotmenge (g TG/m 2 )

0 - 0,9

1,0 - 4,9

5,0 - 9,9

10,0 - 14,9

15,0 - 19,9

> 20,0

Küstenwatt ohne Bewuchs

Küstenwatt mit Bewuchs

Untere Salzwiese, natürlich/naturnah

Untere Salzwiese, mit Nutzungseinfluss

Obere Salzwiese, natürlich/naturnah

Obere Salzwiese, mit Nutzungseinfluss

Salzwiese der Ästuare

Queckenbestände der oberen Salzwiese

Trittrasen auf Schotter im Vorland

Sodenentnahmeflächen

offene Flächen im Vorland

Priel

Ufer- und Verlandungsbereich

100 0 500 m

Abb. 4: Entwicklung des Nahrungsangebots (Biomasse-Entwicklung)

in Abhängigkeit von unterschiedlichen Nutzungsvarianten.

Abb. 2:Weideflächen der Ringelgänse und deren Kotverteilung auf Neuwerk.

Trockenmasse (g/m 2)

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 67


Insel Neuwerk/Vorland

68

Ringelgänse und Landwirtschaft

Pflanzenfressende Entenvögel (neben Ringelgänsen z.B. auch

Pfeifenten, Schwäne, Graue Gänse und Weißwangengänse) nutzen

zu bestimmten Jahreszeiten dieselben Flächen, die auch von

der Landwirtschaft beansprucht werden. Daher kommt es immer

wieder zu Spannungen zwischen Naturschutz und Landwirtschaft.

Die natürliche Beweidung durch die Entenvögel kann

bei starkem Vogelbesatz zu wirtschaftlichen Einbußen führen.

Auch auf Neuwerk kamen die Gänse in den Ruf, die Landwirtschaft

zu schädigen. Die Gänse weiden von März bis Juni im

Vorland und reduzieren dort die zu diesem Zeitpunkt begrenzt

nutzbaren Nahrungsgrundlagen gemeinsam mit dem bereits im

April ausgebrachten Vieh. Außerdem sind seit einigen Jahren

weidende Ringelgänse nicht nur im Außengroden, sondern auch

im Binnengroden zu beobachten.

Allerdings sind die Gänsebestände auf Neuwerk nicht so hoch

wie in anderen Salzwiesenbereichen der deutschen und niederländischen

Küste, in denen es zu starken Ernteausfällen kommt.

Mit durchschnittlich etwa 17 Tieren pro Hektar wird nur eine

relativ geringe Dichte im Vorland Neuwerks erreicht. Die Gänse

verteilen sich jedoch im Vorland nicht gleichmäßig. Sie bevorzugen

die Salzwiesenbereiche entlang der Priele, vermutlich da dort

die bevorzugten Salzwiesenpflanzen in größerer Häufigkeit vorkommen.

Daher ist in diesen Bereichen die Intensität der

Beweidung höher, in anderen hingegen, die von weniger attraktiver

Vegetation bestanden werden, deutlich geringer.

Insgesamt entnehmen die Ringelgänse jedoch nur einen Bruchteil

der Biomasse des Vorlandes. Zur Deckung ihres Energiebedarfes

benötigen sie etwa 10-20% der täglich nachwachsenden Pflanzenmasse.

Da die Gänse jedoch bestimmte Bereiche bevorzugen,

ist in diesen Flächen die Pflanzenentnahme intensiver. Von

Ringelgänsen ist bekannt, dass sie ihre Weidepflanzen "managen"

können. Durch Abweiden derselben Fläche in mehrtägigem Abstand

können sie die Nahrungspflanzen in einer von ihnen bevorzugten

Qualität und Quantität erhalten. Insgesamt entnehmen sie

dann täglich etwa 75% der nachwachsenden Biomasse.

In Teilbereichen im Vorland Neuwerks ist diese Balance zwischen

Abfressen und Nachwachsen jedoch empfindlich gestört, da auch

das sehr früh auf die Weide entlassene Vieh (Ochsen und Pferde)

in die besonders früh wüchsigen und schmackhaften Bereiche

drängt. Dort steht es dann in direkter Konkurrenz zu den Gänsen.

Dadurch wird in diesen bevorzugten Teilflächen die Grasnarbe so

schwer geschädigt, dass sie sich im Sommer kaum noch erholen

kann.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Auf vergleichbaren Flächen im Ostvorland, die während des

Frühjahrs nur von Ringelgänsen beweidet werden können, treten

diese Effekte nicht auf. Im Gegenteil: nach Abzug der Gänse steigert

sich die Produktionsleistung in diesen Flächen, vermutlich

durch die düngende Wirkung des Gänsekots.

Probleme durch Nahrungsverknappung, die den Landwirten im

Laufe des Sommers im Vorland entstehen, sind daher nicht

ursächlich auf die Gänse zurückzuführen, da diese nur in so geringer

Zahl dort auftreten, dass von ihnen keine merkliche

Beeinträchtigung ausgeht. Vielmehr muss berücksichtigt werden,

dass die Produktionsleistung der Vegetationsnarbe in den sandigen

und nährstoffarmen Salzwiesen Neuwerks nur vergleichsweise

gering ausfällt. Der Viehbesatz, auch durch den höheren

Nahrungsbedarf der modernen, schweren Viehrassen, sollte dementsprechend

angepaßt werden.

Methoden zur Ermittlung von

Flächennutzungen durch Ringelgänse

• Kotkartierung

Auszählung von Gänse-Kotwürstchen auf

Probeflächen; deren Menge ist ein Maß für die

Aufenthaltsdauer von Gänsen

• Direkte Beobachtung (Habitatkartierung)

Regelmäßige Zählung der einzelnen

Ringelgansgruppen und Übertragung ihrer

Aufenthaltsorte in Karten

• Rastererfassung

Regelmäßige Beobachtung von im Gelände

festgelegten Probeflächen und Ermittlung der

Gänsezahlen auf diesen Flächen

Ringelgänse und Störungen

Ringelgänse reagieren empfindlich auf sprunghafte Veränderungen

in ihrer Umwelt. Bei Störungen fliegen sie auf, wodurch

sie viel Energie verbrauchen und ihnen Zeit zum Fressen

verloren geht. Den erhöhten Energiebedarf versuchen sie über

Verhaltensänderungen zu kompensieren, indem sie ansonsten für

andere Tätigkeiten (Schlafen, Putzen) verwandte Zeit zusätzlich

zum Fressen nutzen. Für die Gänse ist es überlebenswichtig, sich

eine genügende Fettschicht für ihren anstrengenden Weiterflug in

die sibirischen Brutgebiete anfressen zu können. Auch ist der

Bruterfolg bei wohlgenährten Tieren größer als bei schlecht

ernährten.

Die häufigsten Störreize auf Neuwerk gehen von Fußgängern und

tieffliegenden Flugzeugen und Hubschraubern, vereinzelt auch

von Greifvögeln, aus.

Vermutlich aufgrund der besonderen Exposition gegenüber

Störungen werden deichnahe Bereiche im Frühjahr weitgehend

gemieden. Gänse sind hier nur in den frühen Morgenstunden zu

beobachten, wenn der Ausflugsverkehr noch nicht eingesetzt hat.

In dieser Zeit und in den Herbstmonaten, wenn deutlich weniger

Gäste die Insel besuchen, nutzen die Gänse auch unmittelbar am

Deichfuß liegende Flächen. Schlafplätze befinden sich sogar in

unmittelbarer Nähe der während des Tages häufig benutzten

Wattwagenauffahrt. Damit reagieren die Gänse effektiv auf den

tatsächlichen Störreiz bzw. dessen Ausbleiben. Ähnliche Beobachtungen

sind auch aus dem Vorland von Westerhever in

Schleswig-Holstein bekannt geworden.

Obwohl sich die Gänse auch in begrenztem Umfang an bestimmte

Einflüsse gewöhnen können (z.B. Traktoren), ist die direkte

Annäherung von Fußgängern immer Anlass, aufzufliegen, wenn

die Fluchtdistanz unterschritten wird. Besonders im Nordvorland

entlang des Hauptpriels werden die Gänse immer wieder durch

Spaziergänger aufgescheucht. Neben unvorsichtigen Annäherungen

sind auch ganz bewußte Störungen beobachtet worden:

auffliegende Gänseschwärme wirken auf die Beobachter besonders

eindrucksvoll und attraktiv. Im östlichen Vorland halten sich

die Gänse gern entlang des Sommerdeiches auf, der aber durch

den nahebei führenden Wanderweg zu den störungsintensiven

Zonen zählt. Auf Neuwerk kommt hinzu, dass viele Erholungssuchende

besonders während der Hochwasserzeit in die Vorländer

gehen, da das Ausflugsschiff um den Hochwasserzeitpunkt

vor Anker liegt. Gerade zu dieser Zeit bieten sich den Ringelgänsen

keine Ausweichmöglichkeiten außerhalb der Insel, so dass

sie auf relativ kleinen Flächen zusammengedrängt werden.


Grönland

Island

Abb. 6: Auffliegende Ringelgänse über dem östlichen Vorland

Neuwerks. Foto Janke.

Abb. 5: Zugwege sowie Rast- und Brutgebiete der Ringelgans.

Spitzbergen

Weißes Meer

Tageshöchszahlen rastender Tiere

400.000

300.000

200.000

100.000

0

Jahr

Hellbäuchige Ringelgans

Taimyr-Halbinsel

1961 1966 1971 1976 1981 1986 1991

Abb. 7: Bestandsentwicklung der Ringelgans im Wattenmeer.

Winter-/Rastgebiet

Zugweg

Brutgebiet

Dunkelbäuchige Ringelgans

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 69


Insel Neuwerk/Vorland

70

Salzwiesen beheimaten aufgrund ihrer speziellen ökologischen Bedingungen eine charakteristische Tierwelt. Obwohl sich

das Neuwerker Vorland in vielerlei Hinsicht von den typischen Salzwiesen unterscheidet, weicht seine Besiedlung insbesondere

mit wirbellosen Tieren nur wenig von denen anderer Regionen des Wattenmeeres ab. Dies bestätigt, dass eine

Regeneration natürlicher Salzwiesen-Lebensgemeinschaft auf Neuwerk durchaus möglich ist.

Die wirbellose Tierwelt im Vorland

Das Vorland Neuwerks wird durch den fast durchgehend verlaufenden

Sommerdeich in zwei Bereiche getrennt. Während vor

dem Sommerdeich der ungehinderte Hochwasserzutritt eine charakteristische

Abfolge einer Salzwiesenvegetation von Quellerfluren,

Schlickgrasrasen, Unterer und Oberer Salzwiese bedingt

(siehe Seite 8), werden die hinter dem Sommerdeich liegenden

Flächen nur noch selten von den extremen Hochwasserständen

vernässt. Die dort vorkommenden Lebensraumtypen der Oberen

Salzwiese, Ästuarwiese, Queckenwiese und Rohbodenstandorte

(offene Sand- und Sodenstichflächen) sind eng miteinander verzahnt.

Die in den tiefer liegenden Arealen entlang der Priele

dominierende Obere Salzwiese entspricht einem artenarmen, vom

Salzwasser beeinflussten Rotschwingelrasen, während Queckenund

Ästuarwiese durch eine erhöhte Anzahl von salzmeidenden

Pflanzen eine Entwicklung zu Süßwiesen anzeigen. In dem sehr

bewegten Geländerelief werden damit Höhen von 30 cm bis 180

cm über MThw erreicht. Zu den besonders gut untersuchten Tiergruppen

der Salzwiesen gehören die Laufkäfer und Spinnentiere.

Beide Gruppen besiedeln den Außengroden in der typischen,

nahezu vollständigen Artengemeinschaft der Küstensalzwiesen.

Obwohl die einzelnen bereits erwähnten Lebensraumtypen

scheinbar bereits deutliche Aussüßungserscheinungen zeigen,

führt dies nur zu graduellen Unterschieden innerhalb der Salzwiesengemeinschaften.

Für die Spinnen scheinen jedoch die

strukturreicheren Vegetationsverhältnisse der Quecken- und

Ästuarwiesen bedeutsamer zu sein, während die an Arten reicheren

und charakteristischen Vorkommen der Laufkäfer in der Rot-

Schwingel-Zone und den offenen Sandbereichen gefunden wurden.

Laufkäfer

Im Vorland Neuwerks treten sowohl die typischen Laufkäferarten

der Nordsee-Küstensalzwiesen, als auch die Arten der sonnenexponierter,

sandiger Böden und offener Lebensräume, ohne eine

enge Anbindung an den von ihnen bekannten Lebensraumtyp, auf.

Der Lebensraumtyp der Oberen Salzwiese ist der bedeutendste

für die lebensraumtypische Laufkäferfauna. Hier wurden alle

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

sechs salzwiesentypischen Arten Neuwerks gefunden (Tab.1),

während in den Ästuarwiesen lediglich zwei dieser Arten auftreten.

Auch die Gesamtartenzahl und die der gefangener Individuen

("Aktivitätsdichte”) sind in den Oberen Salzwiesen wesentlich

höher. Eine noch geringere Bedeutung für die charakteristische

Laufkäferfauna zeigt sich für die Queckenwiesen insbesondere

dadurch, dass hier die Gesamtzahl gefangener Exemplare am

geringsten ist. Auch hier wurden lediglich zwei salzwiesentypische

Arten gefunden. Unspezialisierte Arten überwiegen und zeigen

die höchsten Individuendichten (z.B. Calathus melanocephalus,

Dyschirius globosus).

Einen besonders interessanten Lebensraumtyp für Laufkäfer stellen

offenbar die Rohbodenstandorte dar. Sie werden nicht nur von

fast allen auch in der Salzwiese typischen Laufkäferarten

bewohnt, sondern darüber hinaus auch von einigen auch für offene

Sandböden typischen Arten (z.B. Dyschirius thoracicus,

Calathus erratus). In den Brackwasserröhrichten hingegen ist das

Arteninventar der Laufkäfer sehr stark eingeschränkt.

Spinnentiere

Auch die Spinnenfauna des Vorlandes entspricht in ihrer Zusammensetzung

der eines typischen Salzgrünlandes an der

Nordsee. Von den insgesamt 40 nachgewiesenen Arten gelten

allein sieben als Leitarten der Nordsee-Salzwiesen (Tab. 1), deren

charakteristisches Arteninventar damit fast vollständig erfaßt

werden konnte. Es fehlt lediglich die Zwergspinne Baryphyma

duffeyi, die als charakteristisch für schlickige Substrate der

Unteren Salzwiese (Andel-Zone) angesehen wird.

Die Verteilung der Spinnen auf die Lebensräume der Oberen

Salzwiese, Ästuarwiese, Queckenwiese und Rohbodenstandorte

zeigt nur geringe Unterschiede, während die Brackwasserröhrichte

nur ein merklich eingeschränktes Spinnenvorkommen

aufweisen. Die extensiv beweideten Ästuarwiesen und die

Queckenwiesen stellen hinsichtlich der Artenvielfalt und

Häufigkeit die bedeutendsten Lebensräume für die Spinnentiere

dar. Die Arten, die größere Netze bauen, scheinen im Vorland

allerdings nicht vorzukommen.

Vergleich mit dem Binnengroden

Bei einer gleichzeitigen Erfassung innerhalb der Binnengrodens

und des Vorlandes kann die Nutzung beider Bereiche durch ausgewählte

Tiergruppen verglichen werden.

Obwohl im Vorland viele Gewässer vorhanden sind, werden sie

kaum von Libellen genutzt. Lediglich die Große Pechlibelle tritt

wie auch im Binnengroden sehr individuenreich an den Prielen

auf und paart sich auch dort. Ihre Larven gelten als brackwassertolerant,

sie können bis zu 11 ‰ Salzgehalt ertragen. Bei einem

gemessenen Salzgehalt des Prielwassers von zeitweilig über

20 ‰ im Außendeichsgelände scheint eine erfolgreiche Reproduktion

dort jedoch sehr unwahrscheinlich. Bei einer gezielten

Nachsuche konnten keine Larven oder Larvenhäute der frisch

geschlüpften Libellen gefunden werden.

Die im Binnengroden so charakteristischen Heuschrecken kommen

im Vorland nicht vor, lediglich auf den sehr trockenen Deckwerksbefestigungen

aus Rasengittersteinen konnten einzelne

Exemplare des Braunen Grashüpfers festgestellt werden.

Anders liegen die Verhältnisse bei den Tagschmetterlingen: aufgrund

des Blütenreichtums auf den extensiv beweideten und

ungenutzten Vorlandflächen ist im Aussengroden ein annähernd

identisches Artenspektrum wie im Binnengroden vorhanden. Als

Besonderheit für das Vorland kommt der feuchte Wiesen bevorzugende

Spiegelfleck-Dickkopffalter hinzu.

Für die sehr flugtüchtigen Tagfalter, bei denen Bodenfeuchtigkeit

und -salzgehalt für ihre Verbreitung nur eine untergeordnete Rolle

spielen, besteht kein wesentlicher Unterschied in der Nutzung

zwischen Vorland und Binnengroden. Heuschrecken hingegen,

deren Verteilung in wesentlichem Maße von geeigneten Vegetationsstrukturen

und der Bodenfeuchte bestimmt wird, meiden

das Vorland. Unter ihnen sind typische Salzwiesenarten, d.h. solche

Formen, die schwerpunktmäßig dort vorkommen oder regelmäßig

hier gefunden werden können, daher auch nicht bekannt.

Abb. 1: Die Staaten der Gelben Wiesenameise bauen im Vorland von

Neuwerk ihre flachen Wohnhügel. Foto Krüger-Hellwig.


Anzahl Arten

20

15

10

5

0

Abb. 3: Ein Spiegelfleck-Dickkopffalter im

Vorland von Neuwerk hat sich auf dem

Deckel eines Probengefäßes niedergelassen.

Foto Krüger-Hellwig.

Obere

Salzwiese

Artenanzahl

Anzahl gefangener

Individuen

Ästuarwiese

Queckenwiese

Erosionsflächen

offene

Sanflächen

Abb. 4: Verteilung der Laufkäferarten auf die unterschiedlichen

Lebensraumtypen im Ostvorland von Neuwerk

(6 dreiwöchige Fangperioden vom 28.3. - 2.11.1996).

400

300

200

100

Anzahl Individuen

0

NORDVORLAND

Turmwurt

Ostbake

OSTVORLAND

Salzwiesen

offene, vegetationsarme Sandflächen

Queckenwiesen

100 0 500 m

Laufkäfer

Bembidion aeneum

Bembidion minimum

Bembidion normannum

Bledius arenarius

Dicheirotrichus gustavii

Dyschirus salinus

Pogonus chalceus

Spinnen

Agyneta decora

Allomengea scopigera

Argenna patula

Ozyptila westringi

Robertus arundineti

Walckenaeria kochi

Walckenaeria vigilax

Tab. 1: Typische Laufkäfer und

Spinnen der Salziesen im Vorland

von Neuwerk.

Abb. 2: Bedeutsame Lebensraumtypen für wirbellose Tiere im Vorland von Neuwerk.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 71


Insel Neuwerk/Vorland

72

Mit der Einbeziehung der bewohnten Insel Neuwerk in den Nationalpark gelten dessen Schutzziele grundsätzlich auch für

dort bewirtschaftete Bereiche. Da traditionell ein Teil des landwirtschaftlichen Einkommens der Neuwerker Bevölkerung im

Vorland erwirtschaftet wird, hier aber ökologisch besonders wertvolle Arten und Lebensgemeinschaften auftreten, sollen die

beschränkten Nutzungen in diesem Bereich im besonderen Maße mit den Anforderungen des Naturschutzes vereinbar sein.

Nutzungen im Vorland

Das Vorland von Neuwerk wird überwiegend landwirtschaftlich

genutzt. Weiterhin ist es auch in einigen Bereichen für den

Fremdenverkehr und für den Hochwasserschutz von Bedeutung.

Mit der Ausweisung als Nationalpark wurde das Vorland in zwei

Schutzzonen geteilt. Das sogenannte "Nordvorland” liegt, ebenso

wie der Binnengroden, in Zone II, während im “Ostvorland” die

strengeren Schutzbestimmungen der Zone I gelten. Aufgrund der

wirtschaftlichen Bedeutung sind allerdings auch im Ostvorland

bestimmte Nutzungen unter Auflagen freigestellt.

Landwirtschaft

Der Außengroden Neuwerks wird als Sommerweide für

Pensions- und Eigenvieh genutzt. Bis zu 115 Ochsen und Pferde

können sich auf der ungekoppelten Fläche frei bewegen. Rinder

und Pferde sind gleichgestellt, was sich aus den historisch

bedingten Nutzungsrechten herleitet: Bereits 1576 wurden den

ansässigen Landwirten Grasungsrechte im Vorland bewilligt,

wobei ein “Gras” (eine “Grasung”) einem Pferd oder einem Rind

oder drei Schafen mit Lämmern oder einer Hausgans mit bis zu

zwölf Gösseln entsprach. An dieser Regelung ist bis heute festgehalten

worden, wenn auch derzeitig nur noch Rinder und Pferde

im Vorland grasen. Noch bis in die frühen neunziger Jahre weideten

außer Ochsen und Pferde auch Schafe im Vorland.

Eine Grasung (“ein Gras”) entspricht:

einem Pferd oder einer Kuh oder

einem Stück Jungvieh oder

einem einjährigen Fohlen oder

einer Gans mit bis zu zwölf Küken oder

drei Mutterschafen mit Lämmern.

Das ca. 95 ha große Nordvorland darf ab 1. April jeden Jahres

beweidet werden, ca. 53 ha im Ostvorland hingegen bleiben bis

zum 1. August durch einen Zaun vom Nordvorland abgetrennt

und sind also bis dahin für das Weidevieh nicht erreichbar.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Weitere 23 ha Ostvorlandfläche, vorwiegend vor dem

Sommerdeich gelegen, bleiben seit 1988 vom Vieh gänzlich

unbeweidet. Die Beweidungsintensität im Nordvorland ist im

Abb.1: Badehaus an der Badestelle im nördlichen Vorland. Foto Janke.

Vergleich zur Grasproduktion sehr hoch. Dies führt zur Ausbildung

äußerst kurzer Rasen, in denen charakteristische salzertragende

Pflanzen und beweidungsempfindliche Arten selten

geworden sind. Die Vegetationsentwicklung im Ostvorland verläuft

mit der derzeitigen Bewirtschaftung in Richtung Verbrachung

und Aussüßung der Bestände. Disteln und Dorniger

Hauhechel breiten sich flächenhaft aus, dichte Queckenbestände

etablieren sich, die Grasnarbe verfilzt und die Anzahl an salztoleranten

Pflanzenarten sinkt.

Fremdenverkehr

Die wesentliche Nutzung auf Neuwerk und gleichzeitig wirtschaftliches

Hauptstandbein der Neuwerker Bevölkerung ist der

Fremdenverkehr. Die Besucher können sich nicht nur binnendeichs,

sondern auch im zur Schutzzone II gehörenden Nordvorland

frei bewegen. Durch das Ostvorland hingegen, das in

Schutzzone I liegt, führen ausgepflockte Wege, die nicht verlas-

sen werden dürfen (Wegegebot). Trotzdem bleiben jedoch negative

Auswirkungen auf die Brutkolonien im Nordvorland sowie

auf rastende Limikolen und Gänse nicht aus: Kommen Spaziergänger,

ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, den Nestern zu nahe,

führt dies, je nach Fluchtdistanz der betreffenden Art, dazu, dass

die Elterntiere die Nester fluchtartig für einige Zeit verlassen.

Während dieser Zeitspanne besteht die Gefahr, dass die Eier auskühlen

oder die bereits geschlüpften Küken an Unterkühlung sterben.

Eine weitere Gefahr liegt im Gelegeverlust durch Nesträuber,

wie z. B. die in der Nähe brütenden Lach- und Silbermöwen.

Diese können ein unbewachtes Nest als günstige Gelegenheit

erkennen, die sie für Beutezüge nutzen.

Auch Rastvögel können durch Spaziergänger unbeabsichtigt aufgescheucht

werden. Das Auffliegen verbraucht sehr viel Energie

und verringert so die Fettreserven, die die Vögel für ihren anstrengenden

Weiterzug dringend benötigen. Zusätzlich werden

durch die Störungen die Zeitspannen verkürzt, die den Vögeln zur

Nahrungsaufnahme zur Verfügung stehen.

Das nördliche Vorland wird in den Sommermonaten besonders

von solchen Besuchern durchwandert, die entweder die im

Norden gelegene Badestelle nutzen, oder aber in unmittelbarer

Nähe zur Zone I die Insel verlassen wollen, um auf den Kleinen

Vogelsand zu gelangen. Für beide Routen gibt es keine vorgeschriebenen

Pfade.

Hochwasserschutz

Eine weitere, für den Erhalt der Insel wichtige Nutzung umfasst

den Hochwasserschutz. Im Nordwesten, Norden und Osten des

Vorlandes verläuft ein Sommerdeich mit einer Höhe von etwa

1,5 m über MThw. Weitere Küstenschutzbauwerke sind Buhnen,

Lahnungen, Deckwerke und eine Eichenpfahlwand im Westen

der Insel.

Aufgaben des Hochwasserschutzes sind von den Einschränkungen

des Nationalpark-Gesetzes grundsätzlich freigestellt.

Bereits vor Inkrafttreten des Nationalpark-Gesetzes wurde

für Deichbauarbeiten Klei aus dem Vorland entnommen. Dies

führte durch Schaffung tiefer Senken zu landschaftlichen Veränderungen

im Relief des Vorlandes

Seit der Einrichtung des Nationalparkes werden die Ziele des

Naturschutzes und die Erfordernisse des Hochwasserschutzes

miteinander koordiniert. So erfolgt z.B. die für den Hochwasserschutz

wichtige Entnahme von Soden und Klei aus dem Vorland

in der Weise, dass zugleich alte verschüttete Prielverläufe

wieder regeneriert werden.


Abb. 3: Rinderbeweidung im Vorland von Neuwerk. Foto Janke.

Abb. 4: Noch bis in die frühen neunziger Jahre begrasten auch Schafe

das Neuwerker Vorland. Foto Janke.

Abb. 5: Im östlichen Vorland hat sich infolge der eingeschränkten Beweidungspraxis

der Dornige Hauhechel weithin ausgebreitet. Foto Janke.

NORDVORLAND (95 ha)

Beweidung ab 1.4. möglich

Badestelle

Deich und Deichvorlage (22 ha)

1 - 2 malige Mahd

Turmwurt

Ostbake

Beweidung ab 1.8. möglich

OSTVORLAND (53 ha)

OSTVORLAND (23 ha)

unbeweidet

Abb. 2: Nutzungen im Vorland von Neuwerk.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 73


Insel Neuwerk/Vorland

74

Die Beweidung der Neuwerker Salzwiesen führt zu deutlichen Veränderungen in der Zusammensetzung und Struktur ihrer

Vegetation und Besiedlung. Die Auswirkungen der Nutzungen zeigen sich besonders offenkundig in der Änderung der Flora

und Vogelwelt.

Auswirkungen der Viehbeweidung auf die Pflanzenund

Tierwelt im Vorland

Entwicklung und heutiges Management

Die Salzwiesen Neuwerks werden bereits seit der Besiedlung der

Insel als Weide für Rinder, Pferde, Schafe und früher auch Gänse

genutzt. Mit der Eindeichung des Binnengrodens 1556-1559 wurde

die Nutzung des Vorlandes durch Verträge geregelt, wobei die

ursprünglich zugelassene Menge an Vieh im Grunde nur geringfügig

von der in der heutigen Zeit abgewichen haben mag.

Mit der Stärkung des Naturschutzgedankens, insbesondere unter

dem Aspekt des Seevogelschutzes, begannen erste Abzäunungsmaßnahmen.

Ein Bereich vor dem Sommerdeich im Osten der

Insel ist seit 1988 von der Beweidung ausgenommen. Mit der

Einrichtung des Nationalparks traten grundsätzliche Veränderungen

im Beweidungsregime ein: Das Vorland wurde in zwei

Schutzzonen geteilt. In der Schutzzone I, dem Ostvorland, wird

die Beweidung seit 1992 erst nach dem 1. August eines jeden

Jahres gestattet. Das Nordvorland (Zone II) kann dagegen bereits

ab dem 1. April beweidet werden. Auf den ungekoppelten

Flächen werden etwa 115 Ochsen und Pferde gehalten (etwa 25%

Pferde).

Vegetationsstrukturen

Die Strukturen der Pflanzenbestände in den beiden Zonen unterscheiden

sich deutlich. Während im intensiv beweideten

Nordvorland während der gesamten Vegetationsperiode ein

äußerst kurzer Rasen mit maximal 5 cm Höhe besteht, ist im

Ostvorland ein vielfältiges Mosaik aus verschieden hohen und

dichten Pflanzenbeständen erkennbar. Hier können mind. 10 charakteristische

Pflanzengesellschaften unterschieden werden, im

nördlichen Vorland dagegen lediglich 8, wovon einige nur noch

fragmentarisch ausgebildet sind (siehe Tab. 1). So sind z.B.

Hauhechel-Fluren nur im Ostvorland vertreten, da der Dornige

Hauhechel durch extensive Beweidung gefördert wird. Diese stachelige

Pflanze wird nur in sehr jungem Zustand vom Vieh

gefressen und ist daher im Nordvorland nur wenig vertreten.

Durch die Aussperrung des Weideviehs bis zum August ist der

Zwergstrauch im Ostvorland jedoch bereits so hart und wehrhaft

herangewachsen, dass er vom Vieh verschmäht wird und sich

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

ohne nennenswerte Verbissschäden entwickeln kann. In den

gänzlich unbeweideten Bereichen tritt der Strauch nicht auf, weil

dort die häufigen Überflutungen ein Aufkommen des salz- und

nässeempfindlichen Gewächses nicht zulassen.

Das Nordvorland wird geprägt durch Rotschwingelrasen und

Grünländer, die viele Gemeinsamkeiten mit den Wiesengesellschaften

der Binnendeichsländer aufweisen.

Pflanzenarten

Die Pflanzengesellschaften im Nord- und Ostvorland unterscheiden

sich grundsätzlich voneinander. Im intensiv beweideten

Nordvorland fehlen einige typische Salzwiesenarten gänzlich,

andere sind nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden. Zu diesen

gehören z.B. Strand-Aster und Strandflieder, die bevorzugt

gefressen werden. Sie können nur noch an für das Vieh unerreichbaren

Orten wachsen. Andere Arten, wie z.B. der Strand-

Beifuß, werden zwar aufgrund ihres starken Geruchs und

Geschmacks vom Vieh verschmäht, reagieren aber sehr empfindlich

auf eine Verdichtung des Bodens durch Huftritte. Auch im

extensiv beweideten Ostvorland ist der Strand-Beifuß selten,

wesentlich häufiger wächst er in den unbeweideten Flächen.

Sogar auf das Einzelindividuum wirkt sich die Beweidung aus: so

wird durch den ständigen Abbiss die Entwicklung der Pflanzen

auf die untersten Stängelabschnitte begrenzt, Blüten entwickeln

sich nur selten oder spärlich. Dies begrenzt wesentlich die

Selbstverbreitung der Arten, da sie keine Früchte bilden können.

Arten, die sich über vegetative Fortpflanzung, z.B. mit

Ausläufern, vermehren können, wie die meisten Gräser, werden

dagegen durch das beständige Befressen gefördert, weil sie zur

Bildung neuer Ausläufer angeregt werden.

Kleintiere

Die Verdrängung einzelner Pflanzenarten und die Reduzierung

von Blüten oder oberen Stängelabschnitten wirkt sich gravierend

auf die Insektenfauna der Salzwiesen aus. Die Auswirkungen der

Beweidung auf die Insekten- und Spinnenfauna der Salzwiesen

sind bereits gut untersucht und es haben sich v.a. Einbußen an

Vielfalt und Häufigkeit pflanzenfressender Insekten gezeigt.

Viele der hier lebenden Wirbellosen sind auf wenige oder gar nur

eine einzige Pflanzenart angewiesen. Fällt diese aus oder werden

einzelne für die Insekten wichtigen Strukturteile der Pflanze

(Blüte, Blatt, Stengel etc.) geschädigt, können die Insekten nicht

auf Dauer überleben. Auch auf Neuwerk können Unterschiede

zwischen den intensiv und extensiv genutzten Salzwiesen festgestellt

werden. In den Salzwiesen des nördlichen Vorlandes ist das

Arteninventar der Laufkäfer und Spinnen deutlich eingeschränkt,

und die salzwiesentypischen Arten treten nur mit geringerer

Häufigkeit auf. Einige Arten, wie z.B. die kleine Laufspinne

Erigone longipalpis profitieren allerdings von der intensiven

Beweidung, da sie sich in der kurzen strukturarmen Vegetation

besser fortbewegen kann.

Vogelwelt

Auch die Vogelwelt reagiert auf unterschiedliche Beweidungsintensitäten.

Die kurzen, übersichtlichen Rasen der intensiv beweideten

Flächen bieten Kiebitz und Feldlerche gute Brutbedingungen,

während die Rotschenkel, die ihr Nest in dichter

und höherer Struktur anlegen, deutlich benachteiligt werden. Sie

treten daher in höherer Dichte erst bei extensiver Beweidung auf

(siehe Abb. 3).

Auch für nahrungssuchende Vögel ist die Vegetationsstruktur und

die Artenzusammensetzung der Pflanzenbestände von Bedeutung:

die pflanzenfressenden Entenvögel (z.B. Ringelgans, Pfeifente)

suchen bevorzugt relativ kurzrasige Bestände auf, weil dort

die Pflanzen nahrhafter sind. Da im Winter in extensiv genutzten

und unbeweideten Salzwiesen die Vegetation durch winterliche

Hochwässer und Eisgang abtragen wird, erscheinen im Frühjahr

auch diese Flächen wie geschoren und werden von den Gänsen

mit derselben Intensität genutzt. Im Herbst allerdings sind die

langgrasigen Flächen zur Nahrungsaufnahme unattraktiv und

werden weitgehend gemieden.

Eine sichere Rundumsicht ist für rastende Vögel ein wesentliches

Auswahlkriterium. Möwen rasten z.B. bevorzugt im Nordvorland,

da sie dort gute Übersicht haben und vor potentiellen

Räubern geschützt sind. Andere Arten (z.B. Bekassine) suchen

dagegen bevorzugt langgrasigere Bereiche auf, in denen sie sich

verbergen können.


charakteristische Salzpflanzengesellschaften intensiv extensiv nicht

beweidet beweidet beweidet

Andel-Rasen (Puccinellietum maritimae) X X X

Hauhechel-Salzrasen (Ononido-Caricetum distantis) X

Quecken-Salzrasen (Astero-Agropyretum repentis) (X) X

Rot-Schwingel-Salzrasen (Festucetum litoralis) X X

Salzbinsen-Wiese (Juncetum gerardii) (X) X

Salzmelden-Wiese (Halimionetum portulacoidis) X

Salzschwaden-Rasen (Puccinellietum distantis) X X

Schlickgras-Wiese (Spartinetum) X X X

Strandbeifuß-Flur (Artemisietum maritimae) X

Strandmastkraut-Flur (Sagino-Cochlearietum) X X

Strandquecken-Rasen (Agropyretum litoralis) X

Strandseggen-Rasen (Junco-Caricetum extensae) X

Strandsimsen-Röhricht (Scirpetum maritimae) X

Tab. 1: Charakteristische Salzpflanzengesellschaften und ihr Vorkommen in den Salzwiesen Neuwerks in Abhängigkeit

von der Beweidungsintensität. In Klammern stehende Gesellschaften kommen lediglich in Fragmenten vor.

Artenzahl

25

20

15

10

5

0

Laufkäfer

Spinnen

intensiv beweidet extensiv beweidet

Abb. 2: Laufkäfer und Spinnen in den Salzwiesen von Neuwerk. Extensiv

beweidete Salzwiesen werden in höheren Artenzahlen besiedelt.

Brutpaare/10 ha

3

2,5

2

1,5

1

0,5

0

Blütenbewohner

Paroxyna plantaginis

(Tryp)

Blütenbesuchende Falter

Gamma-Eule

Kleiner Fuchs

Admiral

Distelfalter

Ind./10 Pflanzen

Ind./10-15qm/d

2

11

Verbisshorizont

26

Agro = Minierfliegen (Agromyzidae)

Col = Käfer (Coleoptera)

Lep = Schmetterlinge (Lepidoptera)

Syr = Schwebfliegen (Syrphidae)

Tryp = Bohrfliegen (Trypetidae)

62

69

Coleophora asteris (Lep)

Paroxyna plantaginis (Tryp)

Eucosma tripoliana (Lep)

Lepidoptera (Lep)

Syrphidae (Syr)

Nitidulae (Col)

Melanagromyza tripolii (Agro)

Phytomyza asteris (Agro)

Bucculatrix maritima (Lep)

Calycomyza humeralis (Agro)

Clepsis spectrana (Lep)

Phalonidia affiniata (Lep)

Abb. 1:Verteilung charakteristischer Insektenarten an der Strandaster. Dargestellt ist die Verteilung der

einzelnen Arten auf die einzelnen Komponenten einer Asterpflanze.

Nordvorland

Ostvorland

Feldlerche Kiebitz Rorschenkel

Abb. 3: Mittlere Brutbestandsdichte charakteristischer Brutvögel im Vorland

von Neuwerk in Abhängigkeit von der Beweidungsintensität.

(Erfassungszeitraum 1993-1997).

Abb. 4: Blüten der Strandaster. Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 75


Insel Scharhörn

78

Die Düneninsel Scharhörn kann seit ihrem jungen Bestehen in den zwanziger Jahren auf eine im wahrsten Sinne des

Wortes stürmische Vergangenheit zurückblicken. Bereits vor mehr als 70 Jahren wurden erste Maßnahmen ergriffen, um die

Insel in ihrer natürliche Entstehung zu unterstützen und sie zu vergrößern.Trotzdem ist Scharhörn ein besonderes Beispiel

dafür geblieben, wie sich eine Watteninsel ohne wesentliche Eingriffe durch den Menschen entwickeln kann.

Die Geschichte der Insel Scharhörn

Die berühmte Untiefe in der äußeren Elbemündung, das

Scharhörnriff, war schon in der Hansezeit ein berüchtigter

Schiffsfriedhof. Bereits frühzeitig wurden deshalb erste

Seezeichen (Tonnen) gesetzt, um die Schifffahrt vor dem Riff zu

warnen und eine sichere Einfahrt in das Elbfahrwasser zu

gewährleisten. 1661 wurde die Scharhörn-Bake als Seezeichen

und zugleich Zuflucht für Schiffbrüchige auf einer Sandbank

errichtet.

Auf den Wattflächen des Scharhörner Watts bildete sich durch

Brandung, Gezeitenströmungen und Windablagerungen eine

große Sandbank, die bereits im 16. Jahrhundert Erwähnung findet.

Erstmalig 1868 wird diese Sandbank, die Scharhörnplate,

kartographisch dargestellt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich

Lage und Form der Plate beständig verändert, da die exponierte

Lage zur Nordsee starke dynamische Umlagerungsprozesse

bedingt. Andere Autoren vermuten jedoch im Scharhörnsand eine

sehr dauerhafte Erscheinung, die seit etwa 3500 bis 4000 Jahren

an dieser Stelle bestehe.

1926 wurde zum ersten Mal Pflanzenwuchs auf der Sandbank

beobachtet. Waren es zunächst wohl nur Spülsaumgesellschaften

mit Meersenf, Kali-Salzkraut und Salz-Miere, so konnten sich im

Windschatten dieser Spülsäume durch Sandfang erste kleine

Dünen entwickeln (siehe Seite 80).

Der ehemalige Neuwerker Lehrer Heinrich Gechter wollte

damals den hochgelegenen Sand als springflutsicheren Brutplatz

für die von ihm bereits beobachteten Seeschwalben und andere

Seevögel sichern. Durch Zeitungsberichte und Eingaben an den

Hamburger Senat begann das Wasserbauamt Cuxhaven bereits

1927 mit den ersten Arbeiten. Sandfangzäune aus Holz wurden in

großen Parzellen errichtet. Da diese aber nur geringen Erfolg

zeigten, wurden ab 1929 kleinere Felder angelegt und zusätzlich

Netze aus Kokosgarn zum Sandfang gespannt. Jetzt begann man

auch mit ersten Bepflanzungen mit Strandroggen. Wenn auch

Winterstürme zunächst alles zerstörten und nur eine geringfügige

Aufhöhung erreicht wurde, so führte man die Landgewinnungsmaßnahmen

weiter fort. 1930 wurden neue Sandfangzäune

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

errichtet und großflächig Strandgräser gepflanzt, zusätzlich wurde

Strandroggen ausgesät. Die Arbeiten waren so erfolgreich,

dass 1932 bereits Saatgut von der Insel geerntet werden konnte.

Die steigende Bedeutung als Brut- und Rastplatz für Seevögel

führte 1939 zur Ausweisung der Insel als "Vogelfreistätte", deren

Betreuung dem Verein Jordsand und der Vogelwarte Helgoland

übertragen wurde.

Der zweite Weltkrieg brachte gravierenden Veränderungen mit

sich. Während die bis dahin fortgesetzten Dünenschutzmaßnahmen

vernachlässigt wurden, errichtete die Wehrmacht auf der

Insel eine Flakstellung, einen Bunker und sechs Baracken.

Nach dem Krieg nahm man die Landgewinnungsmaßnahmen

wieder auf. Neben dem Pflanzen, Säen und Ernten von Dünenpflanzen

wurden sogar Versuche unternommen, die Insel mit

standortfremden Gehölzen (Grünerlen, Flieder, Weiden) aufzuforsten.

Während der gesamten Aufbauzeit der Insel nagten

Seegang und Stürme an der nordwestlichen Kante, während die

Insel auf der Lee-Seite langsam aufwehte. Verschiedenste Maßnahmen

wurden ergriffen, um den Substanzverlust der Insel aufzuhalten.

Doch weder Abschrägung und Bepflanzung der Westkante

von Hand (1954) oder unter Zuhilfenahme von Planierraupen

(1966) noch das Vorschieben von Sand (1974) erwiesen

sich als geeignet. Die Insel verlagerte sich beständig in südöstliche

Richtung (siehe Abb. 1).

Eine dauerhafte Sicherung der Lage schien nicht möglich zu sein,

so dass die Arbeiten 1975 eingestellt wurden.

In den Folgejahren traten zunächst permanente Flächenverluste

auf, so dass die Sorge bestand, Scharhörn könne als wichtiger

Brutplatz für Seevögel verloren gehen. Dies war einer der Gründe

für die Planungen und Aufspülung der neuen Nachbarinsel

Nigehörn. Dennoch ist Scharhörn bislang nicht untergegangen.

Ganz im Gegenteil, zwischenzeitlich hat sich die Inselfläche wieder

vergrößert.

"Katastrophale" Ereignisse

Die Insel ist in ihrer jungen Geschichte immer wieder von

Katastrophen heimgesucht worden: schwere Sturmfluten wie die

von 1936, 1962 und 1976 haben wiederholt große Teile des

Dünenrings zerschlagen und das Eindringen von Salzwasser ins

Inselinnere ermöglicht. Auch formten Stürme die Dünen in nur

wenigen Tagen gravierend um. Verheerende Brände haben die

gesamte Vegetation der Insel in dem Jahre 1938 sowie mehrfach

zwischen 1950 und 1954 (zur Bekämpfung eingeschleppter

Ratten) vernichtet. Jedes dieser Ereignisse hat seine besonderen

Auswirkungen auf der Insel hinterlassen, bis hin zur fast völligen

Vernichtung der Vegetation. Aufgrund der hohen Dynamik dieses

Ökosystems setzte eine Regeneration im Allgemeinen jedoch

schnell ein.

Bauten auf Scharhörn

Seit den frühen Entstehungsjahren haben im Sommer Menschen

auf der Insel gelebt. Schon 1929 wurde der erste Pfahlbau errichtet,

in dem die Dünenarbeiter wohnten. 1932 kam eine zweite

Baracke hinzu, um den vielen Arbeitern, unter ihnen auch

Arbeiter des Arbeitsdienstes von Neuwerk, sturmflutsichere

Unterkunft gewähren zu können.

Während der Kriegszeit wurden mehrere Gebäude errichtet, von

denen ab 1947 drei durch Treppen verbundene Baracken bestehen

blieben. Hier wohnten gemeinsam mit den Dünenarbeitern auch

die Vogelwarte. Nach dem Brand der Baracken wurde bis 1957

ein Behelfsbau bezogen. Ab 1957 bis 1983 diente ein Pfahlbau

den Vogelwarten als Unterkunft, bis er im Winter 1982/83 durch

schwere Stürme derart in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass er

im folgenden Jahr abgerissen werden musste.

1964 wurde im Rahmen der Forschungsarbeiten für den damals

geplanten Tiefwasserhafen das "Hamburger Haus" errichtet, ein

großer Pfahlbau im Zentrum der Insel. Ab 1983 konnten die

Vogelwarte das Gebäude mitbenutzen und wohnten dort während

des Sommers bis 1996.

Im gleichen Jahr wurde ein neuer, moderner Containerbau auf der

Insel im Schutz der mittleren Dünenkette gebaut, der seither den

Vogelwarten als Unterkunft dient. Außerdem ist in dem neuen

Gebäude auch die Windmessanlage untergebracht, die für die

Vorwarnung von Sturmfluten in der deutschen Bucht und

Unterelbe von großer Bedeutung ist.


Abb. 3: Letzte Relikte der Vogelwärterhütte von 1957 bis 1983.

Nur die Stützpfeiler sind heute noch am Strand der Insel zu

erkennen. Foto Janke (1996).

Abb. 4: Das "Hamburger Haus" wurde 1964 als Unterkunft

der Forschungsgruppe für den Tiefwasserhafen Neuwerk

errichtet. Von 1983 bis 1997 beherbergte es auch die

Vogelwärter des Verein Jordsand. Foto Janke.

Abb. 5: Der neue Containerbau im Süden der mittleren

Dünenkette dient seit 1997 als Unterkunft für

die Vogelwärter und Windmessanlage zur Vorwarnung

von Sturmfluten. Foto Körber.

Abb. 2: Erste Scharhörnhütte, 1929. Foto Wagner.

Erste Pfahlbauten seit 1929

Vogelwärterhütte 1957-1982

Hamburger Haus seit 1964

Neuer Containerbau seit 1997

Scharhörn1935

Scharhörn1973

Scharhörnplate

100 0 400 m

Scharhörn1997

Abb. 1: Die Wanderung der Insel Scharhörn von 1935 bis 1997.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

79


Insel Scharhörn

80

Die Insel Scharhörn ist von einer formen- und strukturreichen Vegetation bewachsen. Ihre weitere Entwicklung ist eng verknüpft

mit der natürlichen Wanderung der Insel.

Lebensräume und Vegetation im Wandel der

Entwicklung

Nach den jüngsten Vermessungen aus dem Jahr 1997 ist

Scharhörn rund 20 ha groß. Die Insel hat derzeit die Form eines

in Ost-West-Richtung liegenden Ovals. Besonders auffällig ist ein

in südöstlicher Richtung vorspringender Ausläufer, der Steert.

Nördlich dieses lang ausgezogenen Anwuchsbereiches ragt

zusätzlich ein kleiner Haken vor.

Vor der Insel, insbesondere im Süden und Südwesten, sind ausgedehnte

Spülsäume zu finden, in denen charakteristische, stickstoffliebende

Arten wachsen. Neben ausgesprochenen Spezialisten

wie der Strand-Melde, der Salz-Miere und dem Kali-Salzkraut

sind es immer wieder auch "Allerweltsarten", die den Transport

ihrer Samen oder Fortpflanzungsorgane im Wasser überstanden

haben: Sonnenblumen, Hirtentäschel, Weißklee, Schilf oder

Einjähriges Rispengras können ab und zu aufkommen. Allerdings

sind Spülsäume nicht in jedem Jahr ausgebildet. 1996, nach

einem ruhigen Winter ohne höhere Fluten, waren auf der

Scharhörnplate ausgedehnte Spülsäume mit sehr seltenen Arten

aufzufinden. Im folgenden Jahr dagegen, nach dem Eiswinter

1996/97, waren die Spülsäume nur im äußersten Randbereich der

Insel auf sehr schmale Säume mit wenigen Arten begrenzt.

Südlich des "Steert" kann ein locker von Sandwatt-Queller und

Strand-Soden bewachsener Bereich vom ansonsten vegetationslosen

Strand abgegrenzt werden. Hier sind die Arten Überflutungen

nur noch selten ausgesetzt, viel eher dem Sandanflug. Die

Verzahnung mit den sich anschließenden noch jungen Dünen,

aber auch mit den Spülsaumgesellschaften, zeigt sich durch ein

gelegentliches Vorkommen von Dünenpflanzen und Spülsaum-

Arten.

Erst im Randbereich des Steert beginnt die echte Anwachszone,

in der Primärdünen den Beginn der Dünenbildung anzeigen (siehe

Seite 14). Dieser fast dreihundert Meter lange, dabei nur 20

Meter breite Steert ist eine ganz charakteristische morphologische

Struktur der sandigen Küsten. Die Bildung erfolgt im Windschatten

der Hauptdünen Scharhörns. Sie formt sich durch einen

windbedingten Transport von Sedimenten: Sand wird luvseitig

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

von der abtrocknenden Plate aufgenommen oder bereits von entfernteren

Sänden herantransportiert und sinkt dann im Lee der

hohen Dünenkämme wieder zu Boden. Auch ein Sandfang bei

östlichen Winden kann für die Bildung der Dünen von Bedeutung

sein, da bei diesen Windlagen aufgrund der niedrigeren Wasserstände

im Elbmündungsgebiet die Plate stärker abtrocknet.

Dünen

Weißdünen erstrecken sich ringförmig um die ganze Insel. Die

breitesten Weißdünenkomplexe haben sich im Südosten direkt im

Anschluss an den Steert gebildet und werden hier auch noch fortlaufend

weiter aufgehöht. Im Norden geht die Anwachsphase in

die Abtragsregion über. Hier und weiter im gesamten Nordwesten

und Westen wird die Insel lediglich von einem sehr schmalen

Dünengürtel gegen die Gewalten der anstürmenden See

geschützt, während im Süden und Osten die Primärdünen oder

Quellerfluren für einen langsamen, stetigen Übergang von der

Plate bis zu den Dünenkämmen sorgen. In der Abtragsregion

grenzen die Weißdünen mehr oder weniger abrupt auf dem

Strand, so dass sich eine steile, bis übermannshohe Wand vor dem

Betrachter aufbaut. In einigen Teilen ist dieser Wall bereits durchbrochen,

so dass Wasser in das Innere der Insel strömen konnte.

Der Dünengürtel wird auch hier von Weißdünen gebildet, und an

älteren Durchbrüchen zeigen neu entstandene Strandwälle und

sogar kleine Weißdünen, dass sich in günstigen Jahren wieder

Dünen aufbauen können, die den direkten Wasserzutritt in die

Insel verwehren.

Im Inneren der Insel prägen relativ ebene, hochliegende Bereiche,

die dicht mit Dünen-Rot-Schwingel bewachsen sind, den Aspekt.

Hier tritt bereits eine Beruhigung der Bodenoberfläche ein,

Sandflug ist nur noch von geringem Ausmaß. Abgestorbenes

organisches Material bleibt liegen und durch Humusakkumulation

färbt sich der Boden grau. Allerdings werden in

dem durchlässigen Sandboden die Nährstoffe ausgewaschen und

so entstehen Graudünen, in denen normalerweise niedrigwüchsige

Gräser, Moose und Flechten als Magerkeits- und Trocken-

heitsanzeiger dominieren. Nicht so auf Scharhörn: hier werden

die älteren Dünen überwiegend von relativ dichten Rot-

Schwingelrasen bestanden. Diese sogenannten Rot-Schwingel-

Dünen sind eine für Scharhörn charakteristische dichte Bewuchsform

der Dünen, die auf noch relativ gute Nährstoffversorgung

hinweist und eine Übergangsform zwischen Weiß- und Graudüne

darstellt. Echte Graudünen, d.h. flachere Dünen, in denen eine

lückenhafte niedrigwüchsige Vegetation aus Flechten, Moosen

und reichblühenden Kräutern aspektbestimmend ist, treten auf

Scharhörn selten auf. Der Rot-Schwingel bildet fast überall dichte

Bestände und lässt den lichthungrigen Arten keine Lebensmöglichkeiten.

An einigen Orten wird man aber doch fündig und

kann neben Hasen-Klee, Scharfer Mauerpfeffer und Gras-Sternmiere

auch Sand-Segge, Gewöhnliches Ferkelkraut und einige

Moose ausmachen. Silbergras und Schillergras, wie sie für die

Dünen der ostfriesischen Inseln charakteristisch sind, fehlen auf

Scharhörn.

An den Hängen der älteren Dünen hat sich die aus China überall

an der Nordseeküste eingeschleppte Kartoffelrose angesiedelt. Gebüsche

kennzeichnen den Übergang der Graudüne in die Braundüne,

die schließlich normalerweise dicht von Gebüschen bestanden

ist. Zwar hat es auf Scharhörn einige Ansiedlungen typischer

Dünengebüsche gegeben (manchmal auch unterstützt durch

Pflanzungen), doch auf Dauer konnten sich diese nicht halten.

Dünensenken

Im Inneren der Insel fallen einige Senken auf, die an Dünentäler

erinnern. Diese Senken sind durch unregelmäßig vorrückende

Dünenzüge, zwischen denen niedrigliegende Bereiche bestehen

bleiben oder durch Wassereinbrüche und nachfolgende Ausspülung

oder Auswehung des abtrocknenden Sandes entstanden.

Winterliche Extremhochwässer können den Dünenring im

Norden und Nordwesten überspülen und zerschlagen, anschließend

werden die tiefer liegenden Bereiche überstaut. In

manchen Jahren bleibt das Wasser bis in den Sommer hinein stehen

und der Salzgehalt wird durch Niederschläge so stark verdünnt,

dass schließlich Brackwassertümpel entstehen. Davon

zeugen die tiefsten Senken mit ihren Restbeständen von

Röhrichten aus Meerstrandsimse und Schilf.

Etwa auf Höhe des MThw liegen zwei Senken im Norden und

Südosten von Scharhörn, die früher von strukturreichen

Salzwiesen bestanden waren. Die Vegetation hat sich zwischenzeitlich

deutlich gewandelt: dichte Teppiche des Salzwiesen-Rot-

Schwingels bedecken die Flächen, in denen höchstens noch der


Abb. 2: Blühende Strand-Platterbse in der

Weißdünenvegtation von Scharhörn.

Foto Janke.

Flächengröße (ha)

25

20

15

10

5

0

1935 1953 1958 1973 1983 1992 1997

Abb. 3: Veränderung der Fläche Scharhörns zwischen

1935 und 1997.

1953

1958 1973

1983

100 0 200 m

1992

Abb. 1: Die Verlagerung der Insel Scharhörn .

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 81


Insel Scharhörn

82

Herbst-Löwenzahn und das Gänse-Fingerkraut einzelne

Farbtupfer setzen. Andere Charakterarten der Salzwiesenvegetation

wie z.B. Strandflieder oder Strand-Aster treten auf

Scharhörn derzeit nicht auf. Die Salzwiesen sind aufgrund seltener

Überflutung und niederschlagsbedingter Aussüßung brackwasserbeeinflusst.

Die etwas höheren Bereiche der Senken, ja sogar Randbereiche

der Dünenkämme, sind überwiegend mit stickstoffliebenden

Hochstaudenfluren bestanden. Vermutlich durch immer wiederkehrenden

Eintrag von Angespül (organisches Material) sowie

reichhaltige Nährstoffversorgung durch Vogelkot konnten sich

dichte Bestände aus Geruchloser Kamille, Gewöhnlichem Beifuß

und Acker-Gänsedistel bilden und in die Röhrichte aus Schilf und

Strandsimse und auch Strand-Quecke und Strandroggen hineinwachsen.

Folgen der Inseldynamik für die Vegetation

Scharhörn wird seit Beginn der neunziger Jahre nur noch von den

Kräften der Natur geformt und gibt daher einen guten Einblick in

die Dynamik der Wattenlandschaft. Erosion an der wasser- und

windexponierten Nord- und Westseite, Sedimentation an der Südostseite

haben in der 70jährigen Geschichte der Insel bereits zu

einer deutlichen Lageveränderung geführt. Von der Insel, wie sie

für 1935 belegt ist, sind heute keine Reste mehr vorhanden, von

der Lage um 1953 zeugt nur noch der nordwestliche Rand mit

einem alten Dünenkomplex, der "Hüttendüne", die Anfang der

50er Jahre aufgeweht wurde. Diese, für Scharhörner Verhältnisse,

alte Düne ist dicht mit Rosen bestanden, die aber durch die fortwährende

Erosion direkt an die Abbruchkante gelangt sind und

nacheinander abrutschen. Die heruntergestürzten Sandmassen

werden im Sommer von Strandroggen und Quecken wieder

durchwachsen und, falls keine starken Stürme im Winter eintreten,

auch bis ins nächste Jahr stabilisiert. Sie verwehren normalen

Hochwässern den Zutritt in das Innere der Insel. Die inmitten der

Düne liegende Hauptdüne ist 1970/71 aufgeweht worden.

Flächengröße

Die Flächengröße der Insel war immer abhängig von den

Witterungsbedingungen und von der Intensität der Dünenschutzmaßnahmen.

Während in den ersten Jahren starke Fluten wieder

große Teile der gerade befestigten Insel wegspülten, waren nach

dem Aufwachsen der Insel über den Flutbereich insbesondere die

Sedimentationsverhältnisse ausschlaggebend. Nach 1935 war die

Flächenbilanz beständig positiv, zwischen 1973 und 1983 verlor

die Insel jedoch nahezu ein Drittel ihrer Fläche.

1997 erreichte die Insel eine Größe von über 20 ha. In den letzten

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Jahren war die Sedimentation im Südosten größer als die relativ

geringfügige Erosion im Nordwesten. Eventuell machen sich

auch die letzten Sandvorspülungen Anfang dieses Jahrzehnts

bemerkbar, die eine gute Sandnachlieferung bewirkten.

Wandel der Vegetation

Die Vegetation der Insel ist durch Untersuchungen in den 1950er

und 1980er Jahren und in neuester Zeit bearbeitet worden, so dass

auch über Veränderungen der Vegetation und der Flora umfangreiche

Kenntnisse vorliegen.

Dabei hat sich gezeigt, dass seit den fünfziger Jahren im wesentlichen

sehr ähnliche Vegetationseinheiten bestehen. Lediglich

ihre Lage und Ausdehnung ist abhängig von den jeweils herrschenden

Sedimentations- und Erosionsbedingungen. Tertiärdünen

und ausgeprägte Graudünen konnten bislang nicht auf der

Insel entstehen. Dazu ist sie einfach zu jung. Bodenbildungsprozesse,

die auf Dauer erst die Grundlage für Nährstoff- und

Wasserversorgung der Gehölze liefern, brauchen Zeit. Soviel Zeit

steht aber auf Scharhörn nicht zur Verfügung. Die ältesten

Dünenbereiche sind hier weniger als 50 Jahre alt, und ehe es zu

einer weiteren Dünen-Alterung kommen kann, werden diese

Bereiche wieder vom Meer fortgespült.

Andererseits haben sich Veränderungen in der Zusammensetzung

der Pflanzengemeinschaften eingestellt. Während seit ihrem Bestehen

über 220 Pflanzenarten auf der Insel nachgewiesen werden

konnten, sind aktuell lediglich etwa 120 Arten regelmäßig auf der

Insel zu finden. Dies zeigt, wie groß die Besiedlungsmöglichkeit

einerseits ist, wie wenige Arten aber andererseits unter den extremen

Bedingungen dort zu leben vermögen.

Abb. 4: Spülsaumgesellschaften an der Westseite Scharhörns mit

Meeresenf (1996). Foto Janke.

Weitere Entwicklung Scharhörns

Die häufig geäußerte Vermutungen, dass die Insel in absehbarer

Zeit vollständig zerschlagen würde, ist anhand der jüngsten Entwicklung

ebenso wenig zu belegen wie eine mögliche weitere

Flächenzunahme. Wie sich die vorhergesagte Meeresspiegelerhöhung

oder der Anstieg des mittleren Tidenhubs auf Scharhörn

auswirken wird, ist nicht abzusehen. Zwar könnten sich dadurch

die erosiven Kräfte an der Nordkante deutlich verstärken,

andererseits können Dünenbildungsprozesse hierdurch gefördert

werden.

Stetiger Wandel ist die Norm in einem derartig dynamischen

System wie dem Wattenmeer. Veränderung ist das Merkmal der

Wattenlandschaft, und die Insel Scharhörn ist charakteristisches

Zeichen des Wandels. Nur kurzfristige Konstanz von Lebensräumen

und Besiedlungsmustern sind eng gekoppelt mit räumlicher

Variabilität, so dass die zeitliche Abfolge der Dünenbildung,

die Sukzession, sogar bei einem Rundgang um die Insel deutlich

werden kann. Auf- und Abbau, Umgestaltung, Einwanderung und

Abwanderung von Pflanzen- und Tierarten sind normale Veränderungen.

Auch besonders seltene und schutzbedürftige Tier-

Abb. 5: Steiler Dünenhang im Norden Scharhörns. Foto Janke (1996).

und Pflanzenarten können von diesem Wandel betroffen werden

und Scharhörn verlassen. Dafür werden sie sich an anderer geeigneter

Stelle im Wattenmeer niederlassen. Dies setzt allerdings

voraus, dass auch genügend Bereiche vorhanden sind, in denen

sich selbst gestaltende, dynamische Prozesse stattfinden können.

Dynamische Inseln sind durch die weitgehende Küstenfestlegung

im gesamten Wattenmeer selten geworden. Gerade ihre frühen

Stadien sind auf Scharhörn gut zu erkennen. Die weitere Entwicklung

der Insel und ihrer Dünen ist daher von großem Wert für

die Wissenschaft.


Abb. 7: Zur typischen Dünenvegetation Scharhörns

gehört auch der Scharfe Mauerpfeffer. Foto Janke.

Abb. 6:. Lebensräume der Insel Scharhörn (Stand 1997).

Brackwasser-Röhricht

Graudüne

Nährstoffreiche Hochstaudenflur

Primärdüne

Queller-Soden-Flur

Rot-Schwingel-Düne

Salzwiese

Spülsaum

Trittflur

Weißdüne

Wuchsorte der Kartoffelrose

Gebäude/Anlage

10 0 150 m

Abb. 8: Blick auf die Dünenvegetation von Scharhörn

vom "Hamburger Haus" aus (Juli 1996). Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 83


Insel Scharhörn

84

Inseln sind für Insekten aufgrund ihrer relativ geringen Mobilität nur schwer zu erreichen. Daher ist die Artenvielfalt dort

zumeist deutlich geringer als auf dem benachbarten Festland. Auch die Insektenwelt der 15 km vom Festland entfernt liegenden

Düneninseln Scharhörn und Nigehörn weist eine relativ geringe Artenvielfalt auf.

Die Insektenwelt der Inseln Scharhörn und Nigehörn

Insekten können sowohl aktiv als auch passiv neue Standorte

erreichen und sich in die Umgebung ausbreiten.

So können die relativ großen Arten unter ihnen wie z.B. die Vierflecklibelle

und der Wanderfalter, wie beispielsweise der Großer

und Kleiner Kohlweißling, der Raps-Weißling, das Tagpfauenauge

und die Gammaeule, die Düneninseln aktiv anfliegen. Von

allen Arten ist bekannt, dass sie jährliche Wanderungen und Ausbreitungsflüge

durchführen.

Kleinere Arten können von einer südöstlichen Windströmung

vom Festland auf die Inseln verdriftet werden. Auch eine passive

Anreise im Gefieder der Vögel, sowie durch das Anschwemmen

mit dem Treibgut sind möglich. So kann man bei einer genauen

Untersuchung des Angespüls leicht fündig werden und große

Mengen verschiedener Käfer und anderer robuster Insektenordnungen

finden. Insbesondere auf Nigehörn sind mit dem von

Scharhörn stammenden Pflanzenmaterial einige kleinere Arten,

wie z.B. Zikaden eingeschleppt worden. Besonders unter den

Nachtfaltern kann es sog. Irrgäste auf den Inseln geben, die durch

Lichtquellen wie die Befeuerung der Elbmündung und den

Schiffsverkehr angelockt werden.

Nur wenige der schließlich die Inseln erreichenden Arten sind in

der Lage, ihren gesamten Lebenszyklus auf der Insel zu vollziehen

und sich dort fortzupflanzen, also bodenständig zu werden.

Zumeist fehlen einige wichtige Teile ihres natürlichen Lebensraumes

wie bestimmte Wirtspflanzen für Eier und Larven oder

Nahrungspflanzen und anderes.

Dennoch sind die Düneninseln durch ihre besondere Biotopstruktur

ein bedeutsamer Lebensraum für einige spezialisierte Insektenarten,

die offene Sandflächen, Trockenheit und Wärme

während ihres Lebenszyklus benötigen. Beispielsweise tritt die

Laufkäferart Calathus ochropterus nur in naturnahen Dünen mit

großer Stetigkeit auf und viele Schmetterlinge, Hautflügler und

Spinnentiere sind auf diese, inzwischen selten gewordenen,

Lebensräume angewiesen.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Gras- und Staudenvegetation

Scharhörn und Nigehörn weisen eine Vielzahl verschiederner Lebensräume

auf, die nach der Vegetationsstruktur und der in ihnen

herrschenden Umweltbedingungen differenziert werden können.

Große Bereiche des Inselkerns von Scharhörn sind mit dichter

Gras- und Staudenvegetation bewachsen. Dicht geschlossene, an

Rotschwingel reiche Weißdünen, Salzwiesen, Röhrichte und Staudenfluren

bieten ähnliche Lebensbedingungen, wie sie auch in

Wiesen und Röhrichten im Binnenland auftreten. So sind in diesen

Vegetationsstrukturen nur wenige spezialisierte Insektenarten zu

finden. Allgemein verbreitete Arten, wie z.B. der Laufkäfer

Harpalus rufipes oder das Große Grüne Heupferd, eine Heuschreckenart,

sind hier häufigere Arten. Ein ähnliches Bild zeigen

der äußere Dünenring und die grasreichen, durch Vogelkot gedüngten

Magerrasen von Nigehörn. Lediglich Röhrichte und Staudenfluren

konnten sich auf der jungen Insel noch nicht entwickeln.

Lückige Magerrasen

Lückige Magerrasen mit Flechten und Moosen, in denen immer

wieder offene Sandbereiche eingestreut sind, finden sich sowohl

auf Scharhörn als auch auf Nigehörn. Auf solchen Flächen, die

auf Scharhörn den Graudünen entsprechen, auf Nigehörn hingegen

durch die Ansaat begründet wurden, leben vor allem lichtund

wärmeliebende Arten wie z.B. der Laufkäfer Amara aena

und der Kleine Feuerfalter, von dem hier mehrfach auch Raupen

gefunden wurden.

Weißdünen

Charakteristisch für beide Inseln sind Weißdünen mit offenem

Sand. Diese jungen Dünen werden durch bewegte Dünensände mit

mehr oder weniger dichtem Bewuchs durch die typischen

Dünengräser Strandhafer und Strandroggen gekennzeichnet, in

denen es bereits innerhalb weniger Stunden zu erheblichen Sandumlagerungen

kommen kann. Typisch für den Lebensraum

Weißdüne ist der Eulenfalter Chortodes elymi, der sowohl auf

Scharhörn als auch auf Nigehörn festgestellt wurde. Diese unscheinbare

Art lebt ausschließlich an Strandroggen und ist daher

eng an die Küstenlebensräume der Nord- und Ostsee gebunden.

Sowohl Scharhörn als auch Nigehörn haben im Südosten einen

sogenannten Steert ausgebildet, der, ebenso wie die östlich angelagerten

Haken, Primärdünenvegetation auf feuchtem, offenem

Sand aufweist. Diese Flächen werden von starken Hochwässern

erreicht. Für diesen Lebensraum sind Laufkäferarten der Gattung

Dyschirius typisch. Auch in der Inselmitte Nigehörns, in Stauwassersenken,

sind offene, feuchte Sande anzutreffen.

Andere ökologische Bedingungen herrschen auf vegetationslosen

Flächen mit offenem Sand. Lediglich Nigehörn besitzt noch solche

Biotope, die durch Ausblasungen entstanden sind. Diese

Strukturen sind im Laufe der Sukzession auf Scharhörn verlorengegangen.

Trockenheits- und wärmeliebende Arten wie z.B. der

hauptsächlich im Küstenbereich vorkommende Laufkäfer Amara

quenseli, bevorzugen diesen Lebensraum. Auf der "Roten Liste"

der gefährdeten Laufkäfer ist die genannte Art bereits als stark

gefährdet eingestuft.

Umfangreiche Gehölzstrukturen, wie sie für alte Dünen (Tertiärdünen)

charakteristisch sind, kommen aufgrund des relativ geringen

Alters beider Inseln nicht vor. Daher finden gehölzbewohnende

Tierarten hier keinen Lebensraum. Lediglich auf Scharhörn

haben sich einige kleinere Rosenbestände aus der allgemein weit

verbreiteten Kartoffelrose etabliert.

Die Lebensräume und ihre Besiedlung im Vergleich

Am Beispiel der verschiedenen Eulenfalter-Arten Scharhörns

kann die Bevorzugung bestimmter Lebensräume aufgezeigt werden.

Etwa 20% der Arten bevorzugen die offenen, trockenen

Lebensräume. Aufgrund der Seltenheit dieser Extrembiotope sind

viele der an diese Lebensbedingungen angepaßten Arten inzwischen

in ihrem Bestand gefährdet und werden auf den "Roten

Listen" geführt. Fast die Hälfte aller gefundenen Eulenfalterarten

können als bodenständig angenommen werden, d.h. sie können

alle Stadien ihrer Entwicklung auf Scharhörn durchlaufen und sich

dort auch fortpflanzen.

Auch für viele andere Insektengruppen werden ähnliche Verhältnisse

vermutet, doch sind bislang zu wenig grundlegende Untersuchungen

durchgeführt worden.

Detaillierte Untersuchungen zum Artenbestand der Insekten auf

Nigehörn liegen bislang noch nicht vor. Bei vergleichenden Untersuchungen

zur Nachtfalter- und Kleinschmetterlingsfauna von

Scharhörn und Nigehörn wurde aber bereits bei einer Erfassung

Ende Juni 1997 ein Anteil von etwa zwei Drittel der Arten

Scharhörns auch auf Nigehörn gefunden, die dort als bodenständig

gelten dürfen. Die Besiedlung Nigehörns mit charakteristischen

Insektenarten scheint damit schon weit fortgeschritten zu sein.


Abb. 2: Großes Heupferd. Charakterform der dichten

Gras- & Staudenvegetation. Foto Janke.

Abb. 3: Laufkäfer (Amara aena).

Charakterform der lückigen Magerrasen. Foto Hecker.

Abb. 4: Kleiner Feuerfalter.

Charakterform der lückigen Magerrasen. Foto Borsch.

dichte Gras-/Staudenvegetation

lückiger Magerrasen

offener, feuchter Sand

offener, trockener Sand

Weißdüne mit offenem Sand 100 0 500 m

Scharhörnplate

Nigehörn

Abb. 1:Vegetationsstrukturen der Düneninseln Scharhörn und Nigehörn

als Lebensraum für Insekten.

Scharhörn

Anzahl der Arten

60

40

20

0

Abb. 5: Grabhäufchen des Salzkäfers auf dem offenen,

feuchten Sand am Inselrand. Foto Janke.

Abb. 6: Salzkäfer. Foto Janke.

nicht spezifische Arten trockenheitsliebende Arten

Sandbodenarten

Gesamtzahl Bodenständigkeit

feuchtigkeitsliebende Arten

Abb. 7: Ökologische Präferenzen der Eulenfalter (Noctuidae) auf Scharhörn.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 85


Insel Scharhörn

86

Die Insel Scharhörn ist seit ihrer Entstehung ein außerordentlich bedeutsamer Brut- und Rastplatz für Tausende von

Seevögeln. Nur wenige Brutvogelkolonien und Rastvogelbestände sind in ihrer Entstehung und Entwicklung so ausführlich

dokumentiert wie die der Vogelschutzinsel am Rande des Elbfahrwassers.

Die Vogelwelt und ihre Entwicklung

Seit 1938 wird die Insel Scharhörn von Vogelwarten betreut, und

seit dieser Zeit liegen daher kontinuierliche Aufzeichnungen der

Brutvogelbestände vor. Lediglich im 2. Weltkrieg, als Scharhörn

Stützpunkt der Flugabwehr war, konnte die Insel von Zivilpersonen

nicht betreten werden. Seit der Ausweisung als Naturschutzgebiet

1939 oblag die Betreuung gemeinsam der

Vogelwarte Helgoland und dem Verein Jordsand. Bis 1975 war

Scharhörn auch Außenstelle der Vogelwarte Helgoland, wobei der

Schwerpunkt in der Beringung (mehr als 25.000 Flussseeschwalben

wurden in dieser Zeit beringt) und Erfassung der

rastenden Vögel lag. Allerdings wurde, dem Zeitgeist und Naturschutzgedanken

der jeweiligen Zeit entsprechend, nicht nur die

Entwicklung der Bestände beobachtet, sondern es wurden auch

z.T. erhebliche Eingriffe in die natürliche Entwicklung einzelner

Kolonien unternommenen. So wurde z.B. versucht, die Ansiedlung

von Möwen durch Gelegezerstörung und Bejagung zu unterdrücken,

andererseits wurden Nisthilfen für Brandenten in die

Dünen eingebracht (von 1950 bis 1969).

Seeschwalben

Schwerpunkt der Beobachtung und besonderer "Stolz der

Vogelwarte" waren von jeher die großen Kolonien der brütenden

Seeschwalben. Fluss- und Küstenseeschwalbe brüten mindestens

seit 1926 bzw. 1949, die Brandseeschwalbe, allerdings mit Unterbrechungen,

seit 1902 und die Zwergseeschwalbe in kleineren

Beständen ebenfalls fast kontinuierlich seit dieser Zeit. Die Standorte

der Kolonien waren, den jeweiligen ökologischen Bedingungen

angepasst, von Jahr zu Jahr recht lagetreu. Brandseeschwalben

brüteten am Westrand der Insel, die Zwergseeschwalbe

am Südostrand, häufig noch außerhalb der Primärdüne

auf dem Strand, in den siebziger Jahren auch in der nur gering

bewachsenen Ostdüne. Die Fluss- und Küstenseeschwalben bilden

gemischte, lockere Kolonien, vornehmlich im Westen der

Insel in den Weißdünen- und Rot-Schwingel-Dünen, aber auch in

den Salzwiesen und Staudenfluren. Die Küstenseeschwalbe stellte

etwa einen Anteil von 10 bis 20% an den bis zu 4000 Brutpaare

umfassenden Mischkolonien mit der Schwesterart.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

In den achtziger Jahren waren im Mittel fast 5500 Brutpaare der

Seeschwalben auf der Insel versammelt. Das Maximum wurde

1983 mit 8072 Brutpaaren erreicht. Scharhörn stellte zu dieser

Zeit einen der bedeutendsten Brutplätze für Seeschwalben im

gesamten Wattenmeer dar. Seit einigen Jahren nehmen die

Seeschwalbenbestände auf Scharhörn jedoch wieder kontinuierlich

ab. In vielen Jahren ist kein nennenswerter Bruterfolg zustande

gekommen. Die Brandseeschwalben haben zuletzt 1998

Scharhörn erfolgreich als Brutplatz genutzt. Im Jahr 2000 haben

sie ihre Gelege vorzeitig aufgegeben.

Pioniere

Ein weiterer Schwerpunkt der Beobachtungen galt den frühen

Besiedlern der Strände, deren Entwicklung zeitgleich mit der

Sukzession der Düneninsel verfolgt werden konnte. So haben

neben den bereits erwähnten Zwergseeschwalben auch

Seeregenpfeifer und Sandregenpfeifer fast in jedem Jahr auf

Scharhörn ihren Nachwuchs aufgezogen. Die Bestände und die

Brutpaare

5000

4000

3000

2000

1000

0

1936

Flussseeschwalben Küstenseeschwalben

1942 1948 1954 1960 1966 1972 1978 1984 1990 1997

Abb. 1: Bestandsentwicklung von Fluss- und Küstenseeschwalbe auf

Scharhörn.

Bruterfolge dieser Arten schwanken sehr stark.

Auch der Austernfischer, der bereits auf dem vegetationsarmen

Scharhörnsand seine Gelege errichtete, gehört zu den Brutvögeln

der "ersten Stunde". Sein Bestand stieg bis in die achtziger Jahre

an und erreichte ein kontinuierlich hohes Niveau von 100 bis 120

Brutpaaren. Seit Mitte dieses Jahrzehnts ist eine Abnahme des

Bestandes zu verzeichnen.

Möwen

Die dritte bedeutende Vogelgruppe auf Scharhörn bilden die

Möwen. Nach der erfolglosen Verhinderung von Ansiedlungsversuchen

der Silbermöwe haben sich inzwischen auch Heringsund

Sturmmöwe auf Scharhörn angesiedelt. Die Brutkolonie der

Lachmöwen ist seit 1996 im Rückgang begriffen.

Das sogenannte "Möwenproblem"

Die vermutete negative Auswirkung der Möwenbestände auf konkurrenzschwächere

Seevogelarten durch Brutplatzverdrängung,

Nahrungskonkurrenz und die Erbeutung von Gelegen und Jungvögeln

führte seit den zwanziger Jahren zur großräumigen Reduzierung

der Silbermöwenbestände durch Gift, Gelegevernichtung

und direkte Bejagung. Kurzfristig konnte damit zwar die

Zunahme der Möwenbestände gebremst werden, nach Einstellung

der bestandsregulierenden Maßnahmen stiegen die Möwenbestände

jedoch immer wieder an. Ein Zusammenhang zwischen

wachsendem Großmöwenbestand und Rückgang anderer Seevögel

konnte jedoch nie bewiesen werden, zumal seit den siebziger

Jahren die Bestandszunahme der Möwenpopulationen synchron

mit Bestandserholungen anderer Seevogelarten verlief.

Auch auf Scharhörn, die traditionell als Vogelschutzinsel insbesondere

für Seeschwalben im Interesse des Naturschutzes stand,

wurden Regulierungsmaßnahmen an Silbermöwen seit ihrer

Ansiedlung durchgeführt. Vor allem die Gelegezerstörung stand

zunächst im Vordergrund, konnte aber eine weitere Ausdehnung

der Kolonien nicht verhindern. Im Verlauf der küstenweiten

Bekämpfungsaktionen konnte die Silbermöwe jedoch vorübergehend

von Scharhörn verdrängt werden. Ende der achtziger Jahre

wurden dann sogar gezielte Bejagungsmaßnahmen auf Scharhörn

durchgeführt.

Wie bereits in anderen Bereichen der Nordseeküste nehmen auf

Scharhörn und Nigehörn derzeit die Bestände der Großmöwen

zu. Während andernorts die Silbermöwenbestände wieder im

Rückgang begriffen sind, ist auf Scharhörn und Nigehörn immer

noch eine Zunahme zu verzeichnen gewesen. Die Einstellung der

Verfolgung hatte für die Silbermöwenpopulation einen deutliche

Anstieg der Brutpaare zur Folge. Vergleichsweise jung sind noch


Brutvögel (Auswahl)

10 0

Austernfischer

Rotschenkel

Sandregenpfeifer

Wiesenpieper

Brutkolonien

Fluss-/Küstenseeschwalbe

Heringsmöwe

Lachmöwe

Silbermöwe

Zwergseeschwalbe

Gebäude/Anlage

150 m

Abb. 2:Verteilung ausgewählter Brutvogelarten auf der Insel Scharhörn (Aufnahme 1996).

Brutpaare

25

20

15

10

5

0

1935

1945

Lachmöwe

1955

Abb. 3: Bestandsentwicklung des Rotschenkel auf Scharhörn.

1965

1975

1985

1995

Sibermöwe Sturmmöwe Heringsmöwe

Abb. 4: Brutbestandsentwicklung der Möwenkolonien auf Scharhörn.

800

700

600

500

400

300

200

100

Brutpaare

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 87

0


Insel Scharhörn

88

die Brutbestände der Heringsmöwe, die seit 1989 mit wachsender

Zahl auf Scharhörn brütet, sowie der Sturmmöwe (seit 1994 mit

bis zu 6 Brutpaaren). In den letzten Jahren wachsen wattenmeerweit

die Bestände von Heringsmöwe und Sturmmöwe steil an.

Der beobachtete Rückgang des Bruterfolgs der Silbermöwe wird

in erster Linie auf die Konkurrenz mit Heringsmöwen zurückgeführt,

denen die Silbermöwe während der Phase der Jungenaufzucht

unterlegen zu sein scheint. Für die Bestandsvermehrung

von zunächst Herings- und jetzt auch Sturmmöwe werden

menschliche Aktivitäten verantwortlich gemacht, insbesondere

die bessere Ernährungssituation durch über Bord geworfene

Fischereiabfälle. Anders als die Silbermöwe, die auch auf Müllplätzen

zu finden ist, sind Sturm- und Heringsmöwe überwiegend

Fischfresser, die allerdings auch zusätzlich Gelege und Jungvögel

schwächerer Arten erbeuten können.

Auch die Scharhörner Brutkolonie der Lachmöwe hat noch bis

1996 deutlich zugenommen. Seit Beginn der fünfziger Jahre verlegten

die früher vorwiegend binnenländischen Populationen ihr

Brutgebiet an die Küste und vervielfachten innerhalb kurzer Zeit

ihre Bestände. Auf Scharhörn erfolgte eine dauerhafte Ansiedlung

erst 1972. Von den Vogelwärtern wurde versucht, eine Etablierung

der Lachmöwe auf Scharhörn zu verhindern, weil man in

ihnen eine zu starke Konkurrenz für die Seeschwalben vermutete.

Die Ansiedlung konnte jedoch langfristig nicht unterbunden

werden. Während in den letzten Jahren die Teilpopulation auf

Scharhörn rückläufige Bestandszahlen aufweist, nimmt der Bestand

auf Nigehörn deutlich zu. Für das deutsche Wattenmeer insgesamt

ist noch kein Ende des Bestandszuwachses abzusehen,

weil die anpassungsfähige Lachmöwe schnell neue Nahrungsquellen

erschließen kann.

Anders als die großen Möwenarten rauben die Lachmöwen nur

vergleichsweise selten die Nester von Seeschwalben aus. Im

Gegenteil, die Brandseeschwalben suchen zur Brutzeit die Nähe

und den Schutz der gegenüber den großen Möwen äußerst aggressiven

Lachmöwenkolonien.

Während in den frühen Jahren der Inselbetreuung zunächst eine

ernsthafte Bedrohung der Seeschwalben und ihrer Brutplätze in

der Konkurrenz durch die Möwen gesehen wurde, hat sich in den

letzten Jahren immer wieder herausgestellt, dass die direkte

Erbeutung von Gelegen und Jungvögeln durch die Silbermöwen

für die Seeschwalben von größerer Bedeutung ist. Verschärfend

für die Brutsituation der Seeschwalben auf Scharhörn kommt hinzu,

dass die Biotopstrukturen im Bereich der traditionellen

Neststandorte der Fluss- und Küstenseeschwalbe auf Scharhörn

nicht den für sie günstigsten Verhältnissen entsprechen. Die

Vegetation ist vergleichsweise zu hoch und stark verfilzt, wo-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

durch die Erreichbarkeit der Nester und deren Verteidigungsmöglichkeit

gegenüber den zu Fuß durch die Kolonien laufenden

Möwen herabgesetzt wird, und die Küken bei feuchter Witterung

nicht schnell genug trocknen können.

In Kombination mit schlechten Ernährungsbedingungen blieb in

den neunziger Jahren mehrere Jahre nacheinander nennenswerter

Bruterfolg der Seeschwalben auf Scharhörn aus. Flussseeschwalben

weisen große Standorttreue auf und geben ihre

Kolonien erst auf, wenn sie mehrere Jahre hintereinander keinen

Bruterfolg hatten. Beispielsweise hat sich die Kolonie auf

Trischen erst nach mehreren aufeinanderfolgen Jahren ohne

Bruterfolg stark reduziert, dafür ist es andernorts zu einer erfolgreichen

Ansiedlung gekommen.

Im Laufe der natürlichen Dünenentwicklung stellen Silbermöwen

nach den Seeschwalben die folgende Stufe der Besiedlung durch

Brutvögel dar. Der lokale Rückgang der Seeschwalben beruht

also auch auf einer Veränderung der Bruthabitate, durch die Ansiedlung

von Silbermöwenkolonien kann der Bestandsrückgang

der Seeschwalben beschleunigt werden. Die Seeschwalben weichen

in der Regel in andere Gebiete aus, bis die Zahl der Fressfeinde

sich aufgrund populationsökologischer Faktoren wieder

reduziert hat. Es ist deshalb von besonderer Bedeutung, eine Gesamtübersicht

der Seeschwalbenkolonien im gesamten Wattenmeer

vorzunehmen, um deren Entwicklung abschätzen zu können.

Abb. 5: Küken der Silbermöwe. Foto Janke.

Weitere Arten

Schon frühzeitig nach ihrer Entstehung hatten auch weitere Arten

die Insel als Brutplatz entdeckt. Die Brandenten siedelten bereits

auf den ersten kleinen Dünen. Im Rahmen der allgemeinen

Brutbestandszunahme im Küstenraum stieg auch der Brutbestand

auf Scharhörn, der zwischen 1950 und 1969 durch die Anlage

künstlicher Bruthöhlen gefördert wurde. In den siebziger und

achtziger Jahren konnten dann zumeist über 50 Brutpaare auf der

inzwischen über ausreichend natürliche Bruthabitate (dicht

bewachsenen Dünen) verfügenden Insel gezählt werden. In den

letzten Jahren sinkt der Brutbestand wieder. Auch bei der Stockente,

die seit 1960 hier regelmäßig brütet, ist diese Bestandsabnahme

zu verzeichnen.

Der auf Scharhörn brütende Rotschenkel ist eigentlich kein typischer

Brutvogel einer Düne. Er legt seine Nester in dichter

Vegetation an und konnte sich daher erst mit wenigen Brutpaaren

ansiedeln, als diese Biotopstrukturen vorhanden waren (ab 1947).

Er steigerte seinen Brutbestand kontinuierlich auf maximal 28

Brutpaare (1979 und 1981), dieser nimmt in den letzten Jahren

jedoch wieder - wie auch auf dem Festland - rapide ab. Seine

bevorzugten Bruthabitate sind die dicht bewachsenen Salzwiesen

und älteren Dünenkomplexe. Jedoch weist der Rotschenkel im

langjährigen Schnitt nur einen recht geringen Aufzuchtserfolg

auf, was sowohl am Nahrungsmangel auf der Düne als auch in der

ungünstigen Biotopstruktur liegen mag, da die dichten und verfilzten

Grasbestände für Küken nur schwer zu durchdringen sind.

Auch Singvögel sind auf der Insel beheimatet. Regelmäßig seit

1961 brütet der Wiesenpieper mit durchschnittlich etwa 10

Paaren. Von 1948 bis 1995 brütete auch die Feldlerche alljährlich

mit maximal über 30 Brutpaaren. Zu den unregelmäßigen Brutgästen

zählen weiterhin Bachstelze, Elster, Star und Bluthänfling.

Scharhörn als Rastgebiet

Neben der Funktion als Brutstätte ist Scharhörn als Rückzugspunkt

für Limikolen bei Extremhochwässern von großer

Bedeutung. Die hochgelegene Plate ist bedeutender Rastraum für

mehr als 100.000 Vögel. Vornehmlich Alpenstrandläufer, Knutts,

Austernfischer, Kiebitzregenpfeifer, Brachvögel, Pfuhlschnepfen

und Großmöwen suchen den Scharhörnsand bei normal auflaufendem

Wasser auf. Bei hohen Wasserständen werden auch Randbereiche

der Insel genutzt, insbesondere von Möwen und Brachvögeln,

während andere Arten (z.B. Austernfischer) in das Vorland

von Neuwerk abziehen oder die Hochwasserzeit fliegend

überbrücken wie z.B. die Knutts.

Scharhörn dient aufgrund seiner Lage in der inneren Deutschen

Bucht als Rast- und Orientierungspunkt für ziehende Singvögel.

Die Hauptzugwege zumindest im Herbst scheinen allerdings östlich

an der Insel vorbeizulaufen und der Küstenlinie Schleswig-

Holsteins als Landmarke zu folgen. Auch zur Rast wird

Scharhörn von vielen Singvögeln aufgesucht, entweder nur für

eine kurze Stippvisite oder auch für mehrere Tage.


Seeschwalbenkolonien 1990 Seeschwalbenkolonien 1996 Silbermöwen

Brandseeschwalbe

Fluss-/Küstenseeschwalbe

Kolonien 1990 Gebäude/Anlagen

Fluss-/Küstenseeschwalbe Zwergseeschwalbe

Kolonien 1996

Abb. 6:Verteilung und Veränderung ausgewählter Seevogelkolonien auf Scharhörn 1990–1996.

10 0

150 m

Abb. 7: Kopulierende Flussseeschwalben am Strand von

Scharhörn. Foto Helm.

Abb. 8:Austernfischer. Foto Janke.

Abb. 9: Rotschenkel. Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 89


Insel Scharhörn

90

In den Umweltbeobachtungsprogrammen des Wattenmeeres werden Seeschwalben als wichtige biologische Anzeiger für

Veränderungen genutzt. Aufgrund ihrer Biologie eignen sie sich in besonderem Maße dafür, die Umweltqualität zusammenfassend

anzuzeigen.

Brut- und Nahrungsbiologie der Fluss- und

Küstenseeschwalben

Bereits in der Mitte der sechziger Jahre wurden die Seeschwalben

als biologische Anzeiger (Indikatoren) für Umweltqualitäten

erkannt. Durch die Einleitungen einer chemischen Fabrik bei

Rotterdam wurde das gesamte Ökosystem des Wattenmeeres mit

Pestiziden verseucht. Innerhalb der Nahrungskette kam es zu

einer Anreicherung dieser Giftstoffe im Gewebe der Organismen,

so dass die am Ende des Nahrungsgefüges stehenden fischfressenden

Seeschwalben und Möwen unter akuten Vergiftungserscheinungen

litten. Neben vielfach beobachteten Todesfällen

kam es in der Folgezeit zu Unfruchtbarkeit, zu dünnen, nicht haltbaren

Eischalen und zu geringem Schlupf- und Aufzuchtserfolg.

Die Bestände der Seeschwalben wurden dadurch massiv dezimiert

und haben erst seit 1980 wieder das frühere Niveau erreicht.

Seeschwalben als Bio-Indikatoren

Im Rahmen der vorsorgenden Umweltbeobachtung im Ökosystem

Wattenmeer (Monitoring) werden Seeschwalben heute wieder

als hervorragende Indikatoren betrachtet. Flussseeschwalben

sind ausgezeichnet dafür geeignet, in einem speziellen

Bruterfolgs-Monitoring die Umwelt im Ökosystem Wattenmeer

zu beobachten. Zusammen mit anderen Zeiger-Arten kann die

kontinuierliche Erhebung des Fortpflanzungserfolges in ausgewählten

Standorten als ein Frühwarnsystem für eventuelle

Beeinträchtigungen des Ökosystems dienen.

Neben der Messung von Schadstoffen in Eierschalen macht man

sich insbesondere die Kenntnisse über ihre Brut- und

Nahrungsbiologie als Maß für die Qualität ihrer Umwelt zunutze.

Für die Beobachtung des Fortpflanzungserfolges werden seit vielen

Jahren weitgehend standardisierte Methoden angewendet, die

es erlauben, Brut- und Aufzuchtserfolg verschiedener Jahre miteinander

zu vergleichen. Ebenso können auch verschiedene

Brutgebiete und Nahrungseinzugsgebiete miteinander verglichen

werden. Vereinzelt sind sogar bereits Umweltverträglichkeitsuntersuchungen

mit Hilfe eines Monitoring an Seeschwalben

durchgeführt worden. Bei diesen Untersuchungen werden Koloniebereiche

mit einem kleinem Zaun abgesperrt, so dass die

Küken sich nicht weit vom Nest entfernen können. Durch Be-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

ringungen werden die Küken individuell erkannt. Bis zum Flüggewerden

können sie alle 2-3 Tage gefangen und in speziellen

Vorrichtungen gewogen werden. Die Massengewichtszunahme

der Küken und der Anteil an flüggen Jungvögeln stellen das Maß

für die Aufzuchtsbedingungen und den Aufzuchtserfolg dar.

Abb. 1: Küstenseeschwalbe am Nest. Foto Hecker.

Bruterfolg

Auf den Düneninseln Scharhörn und Nigehörn wurde 1993 eine

Untersuchung zur Brut- und Nahrungsbiologie von Fluss- und

Küstenseeschwalbe durchgeführt. Die zentrale Fragestellung

beschäftigte sich mit den Beweggründen für die Umsiedlung

eines Teils der Seeschwalben von Scharhörn nach Nigehörn.

In dem Untersuchungsjahr war ein sehr geringer Aufzuchtserfolg

zu verzeichnen. Über 70% der Erstgelege wurden von Möwen

erbeutet. Von den geschlüpften Küken überlebte nur ein einziges

(Küstenseeschwalbe auf Nigehörn) bis zum Flüggewerden, alle

anderen Küken wurden von Silbermöwen und Lachmöwen

geraubt.

Das Jahr 1993 war an vielen Standorten in der Deutschen Bucht

jedoch ein Jahr mit geringem oder gar keinem Bruterfolg.

Allerdings sind nicht in allen Gebieten dieselben Ursachen für

den geringen Aufzuchtserfolg zu sehen. Neben einer starken

Dezimierung durch die Freßfeinde Silber- und Lachmöwe scheint

generell im Jahr 1993 die Nahrungsverfügbarkeit für Seeschwalben

eingeschränkt gewesen zu sein.

Für die langfristige Populationssicherung wird ein jährlicher mittlerer

Aufzuchtserfolg von 0,9 bis 1,1 flüggen Küken/Paar angenommen.

Nur an Standorten, wo diese Werte erreicht werden,

kann sich die Population aus eigener Kraft behaupten, ansonsten

wird sie auf Zuwanderung aus anderen Gebieten angewiesen sein

oder früher oder später erlöschen. Bereits im 20jährigen Mittel ist

jedoch der Bruterfolg der Flussseeschwalbe auf Scharhörn mit

0,74 Küken/Paar vergleichsweise gering. Im Vergleich dazu weist

die Küstenseeschwalbe mit 0,9 Küken/Paar einen deutlich höheren

Aufzuchtserfolg auf, was wahrscheinlich auf einer höhere

Flexibilität der Küstenseeschwalbe in ihrer Nahrungszusammensetzung

beruht.

Nahrung der Seeschwalben

Das Nahrungsspektrum der Seeschwalben ist gut bekannt.

Hauptnahrung für die Flussseeschwalbe stellen die kleinen

heringsartigen Fische dar. Hering und Sprotte machen zumeist

über 50% der Nahrung aus; Plattfische und Sandaale sind weitere

wichtige Bestandteile, Garnelen und Krabben sowie andere

Fische werden nur in geringerem Maße aufgenommen. Je nach

Nahrungsangebot weichen Seeschwalben jedoch auch davon ab.

Allerdings sind Plattfische und Krebstiere energetisch ungünstigere

Nahrungstiere, so dass in Jahren mit hohem Anteil an diesen

Arten der Bruterfolg bei den Flussseeschwalben geringer ist. Die

Küstenseeschwalbe hat generell einen höheren Anteil von

Krebstieren in ihrem Nahrungsspektrum. Die Nutzung eines

höheren Wirbellosenanteils durch die Küstenseeschwalbe vergrößert

die nahrungsökologische Spannbreite und erlaubt so eine

größere Flexibilität bei widrigen Umweltbedingungen. Auch auf

Scharhörn und Nigehörn machen Krabben und Garnelen bis zu

2/3 der anteiligen Nahrung der Küstenseeschwalbe aus, während

diese Tiere von den Flussseeschwalbe nur mit weniger als einem

Drittel aufgenommen wurden. Auch konnte ein deutlicher Unterschied

im Beutespektrum der Seeschwalben Nigehörns und

Scharhörns festgestellt werden. Sowohl Küstenseeschwalben als

auch Flussseeschwalben Nigehörns nutzten Krebstiere in höherem

Ausmaß als die Vögel der Scharhörner Kolonien.


Nahrungsgebiete

Der Aktionsradius der Fluss- und Küstenseeschwalben beträgt

mehrere Kilometer. In den Stunden um Niedrigwasser, wenn die

Beutetiere auf die Priele zusammengedrängt sind, finden sie dort

und an den Wasserkanten von Elbe und Till leichter Nahrung und

können dann in großen Schwärmen stoßtauchend beobachtet werden.

Läuft das Wasser wieder auf, werden die Flutsäume des vordringenden

Wassers und die Zonen, wo Wasser an der Wattkante

aus der Tiefe aufsteigt, bevorzugt befischt.

Im Gegensatz zu Flussseeschwalben sind nahrungssuchende

Küstenseeschwalben häufig über dem Watt zu sehen, wo sie in

kleinen Pfützen nach Beute suchen.

Abb. 2: Gelege einer Flussseeschwalbe. Ein Küken ist bereits geschlüpft,

ein zweites (links) hat mit seinen Schnabel die Eierschale duchbrochen.

Foto Janke.

Bevorzugte Nahrungsgebiete für die Seeschwalben Scharhörns

waren die Elbufer, während die Vögel Nigehörns hauptsächlich

südwärts in Richtung Wittsandloch und seine zuführenden Priele

abflogen. Die Kolonien auf Nigehörn nutzten zu weniger als 10%

die traditionellen Nahrungsgebiete an der Fahrwasserkante der

Elbe. Die Unterschiede in der Nahrungszusammensetzung zwischen

den Kolonien von Scharhörn und Nigehörn beruhen daher

aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Nahrungsangebot der beiden

Fanggebiete. Möglicherweise ist die Besiedlung von

Nigehörn durch die bessere Nahrungsverfügbarkeit am

Wittsandloch gefördert worden, da der Flugweg dorthin von

Nigehörn aus deutlich kürzer ist.

Abb. 3: Brutkolonien (rot) und Fanggründe (rosa) der Fluss- und Küstenseeschwalben von Scharhörn und Nigehörn (1993).

W

Scharhörn

N

40

30

20

10

0

S

Abb. 4a: Abflugrichtungen nahrungssuchender

Seeschwalben von

Scharhörn (1993).

W

Nigehörn

N

40

30

20

10

0

S

Abb. 4b:Abflugrichtungen nahrungssuchender

Seeschwalben von

Nigehörn (1993).

Scharhörnloch

E

E

Scharhörn

Nigehörn

Wittsandloch

Küstenseeschwalbe

Garnelen

sonstige Fische 9 %

9 %

Sandaale

17 %

Plattfische

7 %

Neuwerker Loch

Bakenloch

Abb. 5a: Nahrungsspektrum der Flussseeschwalbe

auf Scharhörn (1993).

Heringsfische

64 %

Elbe-Neuwerk-Fahrwasser

Neuwerk

sonstige Krebse

40 %

Küstenseeschwalbe

Garnelen

7 % Sandaale

sonstige Fische 3 %

1 %

Eitzenbalje

Heringsfische

27 %

Plattfische

22 %

Abb. 5b: Nahrungsspektrum der Küstenseeschwalbe

auf Scharhörn (1993).

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 91


Insel Scharhörn

92

Seit Jahren wird weltweit eine Strand- und Küstenverschmutzung sowie eine erhöhte Verunreinigung des Meeresbodens

entlang der Hauptschifffahrtsstraßen festgestellt. Als Hauptquelle dieser Verschmutzung ist die Schifffahrt anzusehen.

Auch die Deutsche Bucht ist erheblich durch Müll von Schiffen belastet.

Die Müllbelastung im Mündungsbereich der Elbe

Die Müllbelastung der im NationalparkHamburgisches Wattenmeer

gelegenen Insel Scharhörn in unmittelbarer Nähe des

Hauptschifffahrtsweges der Elbe, wurde zum erstem Mal 1980

und im Anschluss daran 1983 und 1989 wissenschaftlich untersucht.

Seit 1991 wird sie jährlich erfasst. Damit liegt eine umfangreiche

Datenreihe über die Vermüllung der Elbemündung

durch die Schifffahrt vor, die Rückschlüsse auf Zu- und Abnahmen

der Belastungen im Mündungsbereich der Elbe zulässt.

Die Müllmengenerfassung

Die angewendete Methode, die Aussagen über Art, Menge und

Herkunft des auf Scharhörn gestrandeten Mülls erlaubt, ist die

Erfassung auf einem repräsentativen, 100 m langen, nach

Nordwesten exponierten Strandabschnitt nach Anzahl der Teile,

Gewicht und Einteilung in acht verschiedene Kategorien (Plastik/

Styropor/Schaumgummi, Papier/Pappe, Metall, Glas/Porzellan,

Fischereigerät, Bekleidung, Nahrungsmittel, Holz).

In der Zeit von Mai bis Oktober werden zwischen 52 und 54

Müllzählungen in dreitägigen Abständen durchgeführt. Dadurch

kann etwa jedes sechste Niedrigwasser erfasst werden. Bei allen

Zählungen handelt es sich um Mindestwerte, da z.B. ein zwischendurch

höher auflaufendes Hochwasser am Strand auch

bereits abgelagerte Müllteile wieder wegspült. Zu berücksichtigen

ist auch, dass natürlich nur schwimmender bzw. treibender

Müll angeschwemmt und damit erfasst werden kann.

Die systematischen Spülsaumkontrollen von Scharhörn wurden

bisher überwiegend in Eigenleistung des Verein Jordsand durchgeführt.

Menge und Zusammensetzung des angespülten Mülls

Der Vergleich der Zusammensetzung des auf Scharhörn angespülten

Mülls der bisher ausgewerteten Jahre von 1980 bis 1995

(Tab. 1) macht folgendes deutlich, dass die Menge der biologisch

schwer abbaubaren Kunststoffe (Plastik, Styropor, Schaumgummi),

die überwiegend als Verpackung aller Art Verwendung

finden, deutlich über 50% liegt und im Jahr 1992 mit 67,6% das

bisherige Maximum erreichte. Dieser hohe Anteil an der Gesamt-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

menge des angespülten Mülls ist deshalb besonders bemerkenswert,

weil mit Inkrafttreten der Anlage V (Schiffsmüll) des MAR-

POL-Übereinkommens zum 1. Januar 1989 und mit der Erklärung

der Nordsee zum Sondergebiet nach Anlage V zum 18. Februar

1991 eigentlich die wichtigsten gesetzlichen Grundlagen zur Eindämmung

des Müllproblems (Verbot des Einbringens von Plastikmüll

ins Meer; nur noch erlaubtes Einbringen von Lebensmitteln,

aber nicht näher als 12 Seemeilen von Land) geschaffen wurden.

Weitere Auffälligkeiten sind die Abnahme des Anteils von Glas

und Porzellan von 14,4% im Jahr 1980 auf 2,4% im Jahre 1995

und der verhältnismäßig hohe Anteil der Kategorie “Papier/

Pappe” (Tab. 1). Erklärungen für diese Verschiebungen sind nur

unzureichend. So könnte der Rückgang des Anteils von Glas/

Porzellan auf eine stärkere Verwendung von Mehrwegflaschen

gegenüber Einwegflaschen beruhen, ein verhältnismäßig hoher

Anteil von Papier/Pappe auf eine verstärkte Verwendung von Einwegpappbehältern,

in denen zunehmend die verschiedensten

Flüssigkeiten, bis hin zu Wein, verpackt werden.

Auch auf Scharhörn wurden neben Plastikgebrauchsgegenständen

auch Rohplastikpartikel, sogenannte Pellets, gefunden,

die den Rohstoff bei der Herstellung von Plastikgegenständen

darstellen und vermutlich beim Seetransport über Bord gegangen

sind. Bezogen auf eine Erhebung auf 100 m Strand wurden im

Mittel zwischen 539 (1989) und 884 Rohplastikpartikel (1995)

gezählt. Pellets, als Nahrung von Vögeln aufgenommen, können

den Gesundheitszustand der betroffenen Tiere deutlich verschlechtern.

So treten z.B. Verstopfungen im Magen-Darm-

Bereich auf, die direkte negative Auswirkungen auf das Fressverhalten

haben. Mangelnder Appetit und damit eine zu niedrige

Fressaktivität können bei widrigen Witterungsverhältnis schnell

zum Tod der Tiere führen.

Während der vorgenommenen Müllerfassungen wurde besonders

auf verschlossene Behältnisse mit Inhaltsstoffen geachtet. Im

Jahre 1991 wurden Behältnisse mit insgesamt 11,7 Liter Inhalt

registriert (Tab. 2). Die Identifizierung des Inhaltes erfolgte nach

den Etiketten bzw. Augenschein und Geruch. Dabei stellte sich

heraus, dass zahlreiche Behältnisse gefährliche Substanzen ent-

hielten, die bei einem Aufplatzen der Gefäße sowohl zu zusätzlichen

Belastungen des Strandes als auch zur Gefährdung von

Tieren hätten führen können.

Müll als tödliche Falle für Seevögel

Auf Scharhörn ist, wie in den anderen Bereichen der deutschen

Nordseeküste, in den zurückliegenden Jahren zahlreichen

Seevögeln Schiffsmüll und weggeworfenes oder verloren gegangenes

Fischereigerät zum Verhängnis geworden. In der Zeit von

1989 bis 1997 wurden zahlreiche Vögel als Todesopfer durch

Müll auf Scharhörn gefunden (Tab. 3). Besonders betroffen sind

solche Arten, die sich stoßtauchend ernähren und die treibende

Teile als vermeintlich leichte Beute ausmachen. Es ist deshalb

auch nicht verwunderlich, dass unter den Müllopfern allein sieben

Baßtölpel waren, die auf diese Ernährungsweise hochspezialisiert

sind. Die bislang bekannten Funde machen allerdings auch

deutlich, dass derzeit eine akute Bestandsgefährdung bestimmter

Vogelarten durch die Müllbelastung nicht besteht.

Abb. 1: Strangulierter Baßtölpel, Scharhörn. Foto Baer.

Die bisherigen Ergebnisse zur Erfassung der Müllbelastung unserer

Küsten legen jedoch den Schluss nahe, dass systematische

Spülsaumkontrollen, wie sie seit 1980 auf der Insel Scharhörn

durchgeführt werden, auch zukünftig erforderlich sind, um die

Wirksamkeit der vorhandenen internationalen gesetzlichen

Grundlagen zur Eindämmung der Müllbelastung unserer Küsten

überprüfen zu können.


Zusammenstellung von Inhaltsstoffen

Datum Art des Mülls Inhalt Geschätzte

Restmenge

in Litern

27.05.91 Flasche Benzin 0,1

05.06.91 Flasche unbekannt 0,1

08.06.91 Flasche Bier 0,1

26.06.91 2 Tüten Acetylcystein 0,4

Dose unbekannt 0,8

Glas Schokoladenmus 0,1

02.07.91 Glas Apfelmus 0,2

23.07.91 3 Verpackungseinheiten

22 Tabletten

-

Spraydose Insektizid -

10.08.91 Flasche Apfelsaft 0,1

19.08.91 3 Flaschen Limonade 0,5

Konservendose unbekannt 0,8

2 Spraydosen unbekannt -

Flasche Medikament -

Glasröhrchen Tabletten -

22.08.91 Becher Joghurt -

Becher Schokoladenmus 0,1

Flasche Mineralwasser 1,5

2 Flaschen Limonade 2,0

Flasche Medikament 0,2

Dose Cola 0,2

Dose Yachtlack 0,5

25.08.91 Flasche Limonade 0,5

31.08.91 Spraydose Aero-Wax -

06.09.91 Becher Salat 0,2

Dose Handreinigungscreme -

09.09.91 blauer Müllsack Abfall -

Dose Farbe 0,5

12.09.91 Becher Joghurt -

2 Flaschen unbekannt 0,3

Konservendose unbekannt 1,0

4 Ampullen Injektionsdosis Atropin -

24.09.91 Dose Lackfarbe 1,5

Tab. 1: Zusammenstellung von Inhaltsstoffen, die in geschlossenen Behältern

1991 auf der Sammelstrecke Scharhörn gefunden wurden.

Prozentualer Anteil an Müllmenge (n)

Jahr 1980 1983 1989 1991 1992 1993 1994 1995

Gesamtmenge 6912 3306 8875 3652 1524 5937 6601 4927

(in Stück)

Plastik u.a. 28,3 54,5 64,0 54,1 67,6 58,2 65,2 59,6

Papier, Pappe 7,5 7,4 14,2 6,1 16,1 16,9 14,1 7,1

Metall 1,9 1,7 0,9 1,8 0,7 0,6 1,1 0,4

Glas, Porzellan 14,4 13,7 3,2 7,8 4,4 4,1 4,2 2,4

Fischereigerät 3,5 1,7 1,5 4,1 1,8 10,1 2,9 6,5

Bekleidung - 0,7 0,2 0,7 0,9 0,5 0,8 0,4

Nahrungsmittel 3,0 5,8 3,2 2,2 2,9 2,1 1,9 0,9

Holz 41,4 14,4 12,7 23,2 5,6 7,5 9,8 22,7

Prozentsumme 100 100 100 100 100 100 100 100

Tab. 2: Vergleichende prozentuale Zusammenstellung des Mülls von Scharhörn von 1980 bis 1995 (1980: 2 Wochen auf 600 m Strand; 1983-

1995: 52-54 Zählungen = 22 Wochen auf 100 m Strand).

Abb. 2: Angespülte Müllreste am Strand von

Scharhörn (Juli 2000). In den neunziger Jahren

sind die Müllmengen deutlich zurückgegangen.

Foto Janke.

Abb. 3: Treibende und angespülte Netzreste stellen

für viele Seevögel eine tödliche Falle dar.

Foto Janke.

Vogelart Datum Art des Mülls Auswirkung

Prachttaucher 23.06.89 Angelschnur um Hals und Schnabel

Baßtölpel 22.07.89 Plastik-Netzrest im Schnabel

Dreizehenmöwe 10.08.89 Nylonschnur Verstrickung

Stockente 09.04.90 6er-Pack-Plastik um Hals

Haubentaucher 29.04.90 Angelschnur um und im Schnabel

Baßtölpel 15.07.90 Angelschnur total verheddert

Baßtölpel 16.09.90 Plastik-Netzrest im Schnabel

Baßtölpel 18.04.91 Netzrest im Schnabel

Baßtölpel 1994 Netzrest im Schnabel

Flussseeschwalbe 1994 Netzrest Vogel verheddert

Silbermöwe 15.06.95 Netzrest um Hals und Schnabel

Silbermöwe 23.07.95 Netzrest um Hals und Beine

Silbermöwe 23.07.95 Netzrest Hals und Beine verwickelt

Baßtölpel 24.06.96 Angelschnur um Schnabel, Hals u.

Flügel

Baßtölpel 01.07.96 Netzrest um Bauch und Flügel

Silbermöwe 22.08.97 Netzrest um Kopf und Hals

Tab. 3:Todesopfer durch Müll auf Scharhörn von 1989 bis 1997.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 93


Insel Nigehörn

96

Bei einer Überfliegung des hamburgischen Wattenmeer aus größerer Höhe fällt dem Betrachter sofort die auf der südlichen

Scharhörnplate gelegene annähernd kreisförmige Insel Nigehörn auf. Ihre Gestalt ist ganz augenscheinlich nicht von

der Natur geformt worden. Dieses jüngste Eiland des Wattenmeeres wurde erst 1989 aufgespült – und zwar ausschließlich

zu Zwecken des Naturschutzes.

Die Aufspülung der Insel Nigehörn –

ein Naturschutzgroßprojekt von nationaler Bedeutung

Eine Vision wird geboren

Die Idee zur Aufspülung einer Düneninsel im hamburgischen

Wattenmeer wurden nicht erst mit der Errichtung Nigehörns

geboren. Die ersten konkreten Planungsskizzen gehen bereits auf

die Vorbereitungen zum Tiefwasserhafen Scharhörn in den sechziger

und siebziger Jahren zurück. Bereits zu damaliger Zeit wurde

für eine möglicherweise für das Hafenprojekt zu überbauende

Insel Scharhörn eine künstlich angelegte weiter östlich gelegene

Insel "Neu-Scharhörn" als Ersatz für die Brutplätze der Seevögel

vorgesehen. Mit dieser Planung wollte die "Forschungs- und

Vorarbeitenstelle Neuwerk" den besonderen Belangen

Scharhörns als Brut- und Rastplatz für zum Teil seltene und

gefährdete Seevögel Rechnung tragen und deren Lebensraum

durch Verlagerung weitgehend erhalten.

Abb. 1: Planungen zum Tiefwasserhafen Scharhörn I (Ausschnitt):

Darstellung eines Ersatz-Vogelschutzgebiets.Aus Temme (1974).

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Eine Insel für die Seevögel

Mit der Zurückstellung der Tiefwasserhafen-Pläne wanderten

auch die Pläne für ein "Neu-Scharhörn" zunächst wieder in die

Schublade. Man erinnerte sich allerdings wieder an diese, als in

der siebziger und achtziger Jahren Scharhörn bei gleichzeitig

zügiger Standortverlagerung rund ein Drittel seiner Größe von

18,3 ha (1973) auf 12,5 ha (1984) verlor. Damals wurden Befürchtungen

laut, Scharhörn könne bei einer großen Sturmflut

gänzlich fortgespült und damit der Sicht des Vogelschutzes international

bedeutsame Brut- und Rastplatz, insbesondere für

Seeschwalben, wieder verloren gehen.

Als vorrangig wurde deshalb aus der Sicht des Naturschutzes

zunächst die Sicherung von Brutplätzen für die auf Scharhörn

brütenden Seevögel angesehen. Gleichzeitig wurde der Versuch

unternommen, eine naturnah gestaltete Insel anzulegen und diese

sich der Dynamik der Naturkräfte folgend ohne Einfluss von

außen entwickeln zu lassen.

Die Baumaßnahmen

Für die Planungen zur Errichtung der Insel durch entsprechende

Aufspülungsarbeiten erwiesen sich die Voruntersuchungen zur

Planung des Tiefwasserhafens als sehr hilfreich. So konnte die

Lage der Insel von vornherein in einem vergleichsweise strömungsarmen

Bereich auf der Südseite der Scharhörnplate

bestimmt werden.

Mit den Bauarbeiten

wurde bereits im Juni

1989 begonnen. Mit

Hilfe eines großen

Saugbaggers wurde

das benötigte Sedimentmaterial

durch

große Stahlrohre aus

Abb. 2: Radlader formen das aufgespülte

Sandmaterial zu einer kreisrunden Insel

(August 1989). Foto Helm.

einem Bereich westlich

des Elbe-Neuwerk-Fahrwassers

bis

zum vorgesehenen

Standort transportiert. Nach den Aufspülarbeiten von 1,2

Millionen Kubikmeter Sand im Juli bis August 1989 wurde die

Oberfläche der Sandinsel (450 m im Durchmesser) mit Radladern

nach dem Vorbild Scharhörn modelliert. Entsprechend der (damaligen)

Form Scharhörns und Neuwerks wurde eine runde Ausgangsform

gewählt. Zur Verhinderung von starken Erosionserscheinungen

wurden Sandfangzäune rund um die Insel in aufeinander

folgenden Kaskaden quer zur Hauptwindrichtung angeordnet.

Um den feinen lockeren Sand der Insel längerfristig binden

zu können und weiteren Flugsand einfangen zukönnen, wurde

noch im Herbst 1989 in weiten Bereichen der Insel ein Gemisch

aus Raps, Rettich und verschiedenen Salzwiesengräsern ausgesät.

Auf kleineren Flächen wurde zusätzlich Saatgut von auf

Scharhörn gewonnenem Strandhafer, Strandroggen und Strandquecke

ausgebracht. Mit einer Startdüngung von ca. 20 g/m 2 wurde

die Bildung des Wurzelgeflechts so gut unterstützt,

Abb. 3: Ehrenamtliche Helfer des Verein Jordsand begannen schon bald

nach der Aufspülung mit den ersten Pflanzarbeiten, um den lockeren

Sand möglichst auf der Insel zu halten (Mai 1990). Foto Helm.

dass die schweren Sturmfluten im Winter 1989/90 der Insel außer

einer 20-30 cm hohen Abbruchkante keine nennenswerten

Schäden zufügen konnten.

In einem zweiten Bauabschnitt wurden von Juli bis August 1991

abschließende Spülarbeiten auf der Scharhörnplate nordwestlichen

von Nigehörn vorgenommen. Der dort angelegte nierenförmige

Schutzwall wurde so gestaltet, dass er als Wellenbrecher

wirkungsvoll die Insel vor starker Dünung schützte. Das mit der

Erosion abgetragene Sediment sollte direkt auf Nigehörn zugespült

bzw. zugeweht werden und dort die fortschreitende

Dünenbildung fördern. Eine fortschreitende Erosion besonders

des westlichen und nordwestlichen Teils von Nigehörn lässt sich

durch derartige Aufspülungen nicht verhindern. Die ständige


Umlagerung der Sedimente schafft allerdings im Strandbereich

einen ökologisch wertvollen Lebensraum, der von zahlreichen

Pionierarten besiedelt wird (s.u.). Parallel mit der Einrichtung des

Schutzwalls wurden auch auf Scharhörn letztmalig Vorspülungen

im nordwestlichen Bereich vorgenommen, um die Insel zumindest

für ein Übergangszeitraum ausreichend sichern zu können.

Als abschließende Baumaßnahme wurde im August 1991 eine

Beobachtungshütte mit einem angeschlossenen Ausguckstandort

auf Nigehörn fertiggestellt, mit deren Hilfe die notwendigen wissenschaftlichen

Untersuchungen insbesondere die Zählung der

Vögel ohne große Störungen gewährleistet werden sollen.

Gleichzeitig dient das Gebäude als Schutzhütte für den Vogelwart

von Scharhörn. Von seiner Beobachtungsplattform kann die

gesamte Insel (z.B. für Vogelzählungen) eingesehen werden.

Mit den beschriebenen Baumaßnahmen wurde die Sicherung der

neuen Vogelschutzinsel abgeschlossen. Zur Dokumentation und

Erfolgskontrolle des Projektes wurde ein vorerst auf fünf Jahre

(von 1990-1994) ausgelegtes Untersuchungsprogramm durchgeführt,

um sowohl die geomorphologische Entwicklung und

Modellierung der Insel als auch deren Vegetationsentwicklung

und die faunistische Besiedlung anhand der Vögel und weiterer

ausgewählter Tiergruppen zu dokumentieren.

Finanzierung und Förderung

Das kostenträchtige Projekt wurde vom Bund finanziell in erheblichem

Umfang gefördert. Im Rahmen des Programms zur

Förderung von Naturschutzgroßprojekten von gesamtstaatlich

repräsentativer Bedeutung trug das Bundesministerium für

Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit für das Projekt "Insel

Nigehörn" 60% der Gesamtkosten (1, 8 Mio. DM). Die verbliebenen

40 % entfielen auf die Freie und Hansestadt Hamburg als

Projektträger (1,2 Mio DM).

Abb. 4: Luftbild der Insel Nigehörn, im Hintergrund Scharhörn

(Blickrichtung Nordnordost; Februar 1994). Foto Janke.

Abb. 5: Luftbild der Insel Nigehörn, im Hintergrund Neuwerk und das Festland

(Blickrichtung Südwest, September 1991). Foto Buhs.

Abb. 6: Planungen zum Tiefwasserhafen II (Ausschnitt): Feinplanung zur Errichtung

des Ersatzvogelschutzgebiets "Neu-Scharhörn". Die Anordnung der Windfangzäune

wurde bei der Realisierung Nigehörns weitgehend übernommen.

Aus Temme (1974).

Abb. 7: Kormoran-Kolonie auf einem Dünenkamm im

Norden Nigehörns (Juli 2000). Foto Janke.

Abb. 8: Blick über die Dünenvegetation Nigehörns hinüber

nach Scharhörn (Blickrichtung Nordnordost, Mai 1992).

Foto Janke.

Abb. 9: An der Nordwestseite nagen die hohen Fluten an

der Substanz der Insel und bilden so größere Abbruchkanten

(Juli 2000). Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 97


Insel Nigehörn

98

Die Sorge um den möglichen Untergang der Insel Scharhörn als wertvoller Brut- und Rastplatz für Seevögel führte zu

einer Naturschutzmaßnahme in bisher nicht gekanntem Ausmaß im deutschen Wattenmeer. Ob die Aufspülung der neuen

Insel Nigehörn, nicht nur aus Gründen des Vogelschutzes, sinnvoll sein kann, sondern darüber hinaus auch wertvolle, naturnahe

Küsten-Lebensräume entstehen lässt, wird die weitere Entwicklung von Nigehörn zeigen.

Lebensräume und Vegetation im Wandel

der Entwicklung

Nach Beendigung der Baumaßnahmen erschien die Insel

Nigehörn aufgrund der umfangreichen Bepflanzung und Ansaat

zunächst unnatürlich. Natürliche Entwicklungsprozesse kamen

nur langsam in Gang, wurden jedoch in den folgenden Jahren

durch Sedimentation, Erosion, Eutrophierung und Nährstoffauswaschung

gefördert.

Auch nach mehr als einem Jahrzehnt erscheint die Insel noch in

ihrer künstlichen, runden Ausgangsform. Nach Südosten erstreckt

sich jedoch bereits ein etwa 3 ha großer Anwachsstreifen, der

Steert, nördlich davon ragt ein weiterer, etwa 100 Meter langer

und offensichtlich älterer Haken auf die Sandbank hinaus.

Eine typische Erscheinung an Küsten ist die Ablagerung von

Spülsäumen. Aufgrund der extremen Strömungsdynamik und des

hohen Tidenhubs sind Spülsäume auf der Scharhörnplate jedoch

nur kurzlebig und treten nicht in jedem Jahr auf. Sie werden in der

Regel im Folgewinter wieder fortgeschwemmt. Durch den zeitlichen

Ablauf der Sicherungsmaßnahmen auf Nigehörn sind

jedoch einzelne Spülsäume und deren Vegetation im Osten und

Südosten der Insel von Dünen eingeschlossen worden. Auf diesen

Treibselansammlungen haben sich Salzwiesen entwickelt, die

durch die sie umschließenden Dünen vor dem Angriff der Hochwässer

geschützt wurden. So entstand hier ein Mosaik aus

Dünenpflanzen, Salzwiesenarten und nährstoffliebenden Spülsaumbesiedlern.

Durch küstenparallele Strömungen und schräg zum Strand

wehende Winde können Sedimentumlagerungen zur Bildung

schmaler, zumeist hakenförmiger Halbinseln aus Sand führen

(Nehrungen). Der kleinere nördliche Ausläufer Nigehörns dürfte

ein solcher durch die Wasserströmung geformter Haken sein. Auf

der Binnenseite des Sandhakens konnte sich feines Sediment

ablagern. Auf diesem hat sich in einem schmalen Bereich eine

Salzwiese mit Andel, Strand-Wegerich und Strand-Aster etabliert.

Hinzu treten einige Dünenarten, die aus der direkten Umgebung

einwandern. Vor dieser Salzwiese hat sich ein charakteristisches

Sandqueller-Watt gebildet. Der Haken selbst wird von Primär-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

dünen mit der Binsen-Quecke als dominierender Pflanzenart aufgebaut,

im Inneren des Hakens setzt bereits eine Weiterentwicklung

zu kleinen Weißdünen ein.

Der Steert dagegen wird kaum von dünenbildenden Pflanzen

besiedelt. Hier formen Sandwatt-Queller und Strand-Soden

lockere Pflanzengesellschaften, die nur geringe Überflutung und

Übersandung ertragen. Es ist jedoch ungewiss, ob diese Pflanzengesellschaften

in eine Dünenvegetation übergehen werden.

Während sich die künstlich geformten Dünen im Osten gefestigt

haben, sind, aufgrund der Exposition gegen Hochwasser und der

vorherrschenden Westwinddrift, auf der westlichen Seite Erosionsprozesse

vorherrschend. Der äußere Dünenring ist in teilweise

isolierte Einzeldünen aufgespalten worden. Durch wiederholte

Umlagerungen entstanden allerdings sehr natürlich geformte

Gebilde, die ihre künstliche Entstehung durch den Radlader

kaum mehr verraten.

Bereits im Winter 1992/1993 wurde im Südwesten der

Dünengürtel zerschlagen, Wasser konnte in die Insel eindringen

und eine tiefe Senke auskolken. Das einströmende Wasser hatte

für eine kurzzeitige Überstauung und nachfolgend für eine schüttere

Salzrasenvegetation in der entstandenen Mulde gesorgt.

Im mittleren und östlichen Teil des Inselkerns sind weitere

Senken entstanden. Nach Abschluß der Spülarbeiten im August

1989 sammelte sich an diesen Stellen das Wasser und stand dort

bis zum Frühjahr. Nach Abtrocknung führte Windausblasung zur

Bildung von Wannen. In den Folgejahren konnten dort Fragmente

verschiedener wasserabhängiger Pflanzengesellschaften gefunden

werden, von denen jetzt nur noch an den tiefsten Stellen einzelne

Exemplare des Schilfs und der Einspelzigen Sumpfsimse

geblieben sind.

Das Innere der Insel erscheint auf den ersten Blick sehr gleichförmig.

Hier sind die Sandfangzäune noch weitgehend intakt und

die großflächig mit Grasmischungen eingesäten Flächen werden

von einer Vegetation bestimmt, die wenig typisch für diesen

Lebensraum ist. Moose und vereinzelt Flechten haben sich aus-

gebreitet und bilden relativ dichte Teppiche, in die nur wenige

Blütenpflanzen, wie z.B. Gewöhnliches Ferkelkraut, Scharfer

Mauerpfeffer oder Kleiner Sauermpfer eingestreut sind. Andererseits

entsprechen die Flächen in ihrer Funktion hochliegenden,

nährstoffarmen und hochwasserfreien Graudünen. In kleinräumigem

Maßstab ist auch im Inneren der Insel bereits ein Vegetationswandel

bemerkbar. Insbesondere die Randbereiche der

Senken und freie Sandflächen werden von Magerrasen besiedelt,

in die Arten natürlicher Graudünen wie Sand-Schillergras,

Silbergras und Dünen-Veilchen einwandern. Bereichsweise bildet

das Kleine Filzkraut dichte Rasen. Das Schillergras ist eine

Besonderheit: es kommt in Deutschland nur auf den Dünen der

friesischen Inselkette vor.

Im nordwestlichen Teil des Inselkerns im Bereich der Vogelkolonien

werden die Magerrasen weitgehend durch höherwüchsige

Pflanzenbestände ersetzt. Kanadisches Berufkraut und Hochstauden

wie Schmalblättriges Weidenröschen, Acker-Kratzdistel,

Gewöhnlicher Beifuß und Rainfarn weisen auf gute Stickstoffversorgung

der Standorte (durch Vogelkot) hin.

Weitere Entwicklung

Die weitere Entwicklung der Insel ist nicht zweifelsfrei vorherzusagen.

Inzwischen sind viele Ansätze für natürliche Vegetationsformen

zu erkennen, und großen Teilen der Insel ist ihre künstliche

Entstehung nicht mehr anzusehen. Insbesondere die der

Erosion und Sedimentation am stärksten ausgesetzten Strukturen

wurden durch die gestalterischen Naturkräfte bereits verändert

und werden einen weiteren Wandel erfahren. Aufgrund ihrer bisherigen

Stabilität auch gegen schwere Sturmfluten wird die Insel

bestimmt dauerhaft bestehen bleiben, allerdings nicht in der derzeitigen

Gestalt und Form. Dies war auch nicht beabsichtigt.

Als ausschlaggebend für die weitere Entwicklung werden sich die

Witterungsverhältnisse und die hydrologischen Bedingungen

erweisen. Stärke, Häufigkeit und Richtung der Winde sowie der

Grad der Durchfeuchtung der Plate, der wiederum von der

Niederschlagsverteilung sowie vom Wasserstand abhängig ist,

sind die Basisfaktoren der ablaufenden Prozesse. Intensität und

Frequenz der Hochwässer, in Verbindung mit dem potentiellen

Anstieg des Meeresspiegels, werden weitere Randbedingungen

stellen. Die Vegetation wird sich diesen Entwicklungen anpassen.

Sie kann als Anzeiger dienen für die Dynamik in diesen

Bereichen des Nationalparks.


Abb. 2: Dünen-Veilchen. Foto Janke.

Abb. 3: Gänse-Fingerkraut. Foto Janke.

10 0

Brack-Salzwiese

Dünen-Trittflur

Dünental

Erosionsfläche

Graudüne

obere Salzwiese

Primärdüne

Strand mit Bewuchs

untere Salzwiese

Weißdüne

150 m

Abb. 4: Überblick über die Insel-Vegetation. Im

Hintergrund die Insel Scharhörn. Foto Janke (1996).

Abb. 1: Lebensräume auf Nigehörn (Stand 1997).

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 99


Insel Nigehörn

100

Unbewachsene und ungestörte Sandinseln sind selten gewordene Lebensräume im Wattenmeer und können aufgrund der

von Menschen beeinflussten Veränderungen der gesamten Geomorphologie kaum neu entstehen. Die Besiedlung der neuen

Düneninsel Nigehörn durch die Vogelwelt stellt ein Musterbeispiel für die ohne Zutun des Menschen ablaufenden Prozesse dar.

Die Vogelwelt und ihre Entwicklung

Zeitgleich mit der Beendigung der Aufspülungs- und Sicherungsmaßnahmen

der neuen Insel Nigehörn setzte eine spontane

Besiedlung der Insel durch Vögel ein. Seit 1995 wird der Brutund

Rastvogelbestand durch Kontrollen des auf Scharhörn arbeitenden

Vogelwartes erfasst. Nur für diese Besuche wird die Insel

regelmäßig betreten. Nigehörn gehört damit zu den wenigen

ungestörten Dünenbereichen des Wattenmeeres.

Brutvögel

Bereits im ersten Jahr nach Abschluss der Spülarbeiten konnten

fünf Brutvogelarten auf Nigehörn nachgewiesen werden. Sandregenpfeifer,

Seeregenpfeifer und Zwergseeschwalbe besiedelten

mit insgesamt 19 Brutpaaren die vegetationsarmen, sandigen Innenbereiche

sowie den Randbereich der Insel. Zusätzlich trat der

Austernfischer und, als einzige Singvogelart, die Feldlerche auf.

1991 gründeten bereits Fluss- und Küstenseeschwalbe erste

Kolonien mit 300 bzw. 60 Brutpaaren auf der Insel und auch die

ersten Silbermöwen siedelten sich an.

In den Folgejahren stiegen die Zahlen der Brutvogelarten weiter

an. Mit Bluthänfling, Wiesenpieper und Bachstelze haben drei

weitere Singvogelarten die Insel als Brutplatz angenommen.

Von größerer Bedeutung ist jedoch die zügige Besiedlung

Nigehörns mit charakteristischen Küstenvögeln. Bereits 1991

wurde der Rotschenkel nachgewiesen. Von 1994 bis 1996 siedelten

Kolonien der Brandseeschwalben auf Nigehörn. Ab 1994 ist

die Heringsmöwe auf Nigehörn vertreten, ab 1995 die Lachmöwe

und 1996 erreichte auch die Sturmmöwe Nigehörn.

Vereinzelt brüten Entenvögel auf der neuen Insel, regelmäßig

sind Brandente und Eiderente anzutreffen.

Besonderheiten sind die Bodenbrut eines Wanderfalken 1992, die

Bodenkolonie des Kormoran (seit 1997) und erfolgreiche Bruten

der Sumpfohreule seit 1996.

Insgesamt brüten derzeitig 20 Arten mit weit über 2000

Brutpaaren auf Nigehörn. Die zahlenmäßig größten Kolonien

werden von Lachmöwe, Silbermöwe sowie Fluss- und Küstenseeschwalbe

gebildet.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Herkunft der Brutvögel

Für einige Brutvogelarten ist anzunehmen, dass sie aus der unmittelbaren

Nähe durch Umsiedlungen von der Nachbarinsel

Scharhörn kommen. So sind die Brutkolonien der Brandseeschwalbe

vermutlich durch Vögel von Scharhörn begründet worden

und auch die Ansiedlungen der anderen Kolonien wurden

durch die Nähe der "Mutterkolonien" von Scharhörn begünstigt.

Andere Arten haben Strategien entwickelt, die es ihnen ermöglichen,

sehr schnell neue und potentiell geeignete Brutstandorte zu

erschließen, wie die zügige Besiedlung durch Zwergseeschwalbe

und Seeregenpfeifer zeigt. So wurde ein 1995 auf Nigehörn beobachtetes

Seeregenpfeiferweibchen zwei Jahre zuvor im

Beltringharder Koog beringt.

Rastvögel

Bereits nach Beendigung der Spülarbeiten im August 1989 konnte

eine Nutzung der neu aufgespülten Sande durch Möwen und

verschiedene Limikolen in Beständen von mehreren tausend

Tieren beobachtet werden.

Diese Nutzung setzte sich weiter fort, verlagerte sich jedoch vom

Inselinneren hin zum Inselrand. 1991 und 1993 konnten im Juli

täglich bis etwa 14.000 Möwen während der Hochwasserzeit

gezählt werden. Von den Limikolen nutzen vor allem Pfuhlschnepfe,

Kiebitzregenpfeifer, Alpenstrandläufer und Austernfischer die

Insel. Diese Arten suchen auf den Wattenbereichen um Nigehörn

nach Nahrung und weichen bei auflaufendem Wasser auf die

Scharhörnplate südlich Nigehörn aus. Bei Hochwasser fliegen die

Limikolen meist in die Vorlandbereiche von Neuwerk ab.

Auch für Brandenten stellen Nigehörn und die umgebenden

Wattflächen einen Mauserplatz und wichtigen Hochwasser-

Rastplatz während des Durchzuges dar. Während das westliche

Scharhörner Watt schon seit Ende der 1980er Jahre als Mauserplatz

genutzt wird, wird die Insel Nigehörn und ihre nähere

Umgebung auch von vermauserten Enten an Sturmtagen als

Zuflucht gesucht. Mehr als 19.000 Tiere konnten direkt auf der

Insel oder in unmittelbarer Nähe beobachtet werden.

Inzwischen hat sich Nigehörn als einer der bedeutsamsten

Rastplätze für Seeschwalben herausgestellt. Im August 1994 war

mit 1950 Zwergseeschwalben nahezu der komplette Bestand der

niedersächsischen und hamburgischen Küste zeitweilig auf

Nigehörn versammelt.

Nigehörn: ein Erfolg für den Artenschutz

Die Schaffung hochwassersicherer Brutplätze für stark gefährdete

Küstenvögel zählte zu den Zielen des Naturschutzgroßprojektes.

Schon frühzeitig wurde die Insel von den erwarteten

Arten besiedelt. Insbesondere die Pioniersiedler der offenen

Sande (Zwergseeschwalbe und Seeregenpfeifer) bilden momentan

stabile und relativ große Bestände aus.

Andererseits zeigt die Ansiedlung von zunächst unerwartet auftretenden

Arten (z.B. Bodenbrut von Wanderfalke und Kormoran)

oder das Abwandern der Brandseeschwalben, dass die vogelkundliche

Entwicklung der Insel immer wieder für "Überraschungen"

gut ist.

In der weiteren Entwicklung wird sich vielleicht die sehr schnelle

Ansiedlung der Großmöwen als problematisch für die erhofften

Schutzziele herausstellen. Der Einfluss auf die Seeschwalbenkolonien

kann sich, ebenso wie auf Scharhörn, als gravierend erweisen.

Vorrangiges Ziel auch auf Nigehörn ist der Erhalt der natürlichen

Dynamik. Entstehung, Veränderung und Verlust von Biotopen

werden zur Zuwanderung und zum Ausweichen von Brutbeständen

führen und sollen nicht durch menschliche Eingriffe

beeinflusst werden.

Dynamische, natürliche Prozesse zeigen sich bereits in den deutlichen

Veränderungen in der Brutvogel- und Rastvogelfauna. Der

bisherige Erfolg des Projektes "Nigehörn" ist der Durchsetzung

der Ungestörtheit und der Möglichkeit zur natürlichen Sukzession

und Weiterentwicklung der Biotope zuzuschreiben.

Trotzdem wird die natürliche vogelkundliche Entwicklung

Nigehörns von außen stark belastet. So fördern militärische Tiefflugübungen

und die sofortige Überbord-Entsorgung des Beifangs

durch die Fischerei die Entwicklung der konkurrenzstarken

Möwenkolonien über das natürliche Maß hinaus.


Abb. 1:Verteilung der Brutvögel auf Nigehörn (Stand 1996).

Anzahl derBrutpaare

3000

2500

2000

1500

1000

500

0

Gesamtbrupaare

Artenzahl

10 0

Brack-Salzwiese

Dünen-Trittflur

Dünental

Erosionsfläche

Graudüne

obere Salzwiese

Primärdüne

Strand mit Bewuchs

untere Salzwiese

Weißdüne

150 m

1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999

Abb. 1: Entwicklung der Brutbestände auf Nigehörn seit der Aufspülung der Insel

1990. Der scheinbare Rückgang in der Artenzahl 1995 ist aller Wahrscheinlichkeit

auf eine geringere Erfassungsgenauigkeit zurückzuführen.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 101

25

20

15

10

5

0

Artenanzahl


Insel Nigehörn

102

Öde Sandinseln, vegetationsarme Spülsäume und leere Strände erscheinen auf den ersten Blick als unwirtliche

Lebensräume. Für einige Tierarten aber sind sie (über-) lebenswichtige Lebensstätten in ihrer natürlichen Umwelt.

Gefährdete Brutvogelarten auf Nigehörn und Scharhörn

Lebensräume

Das Wattenmeer ist ein äußerst dynamisches System: seit

Jahrtausenden zerschlägt die Kraft von Wind und Wellen an

einem Ort das gewachsene Land, an anderer Stelle werden neue

Inseln und Sandbänke aufgespült und zusammengeweht. Diese

neuen, manchmal nur kurze Zeit bestehenden Lebensräume werden

nicht nur von wenigen pflanzlichen Erstsiedlern erobert,

schnell nehmen auch extrem spezialisierte Vogelarten die kargen

Flächen in Besitz.

Seeregenpfeifer und Zwergseeschwalbe legen ihre Nester mit

Vorliebe auf Stränden in Salzwassernähe an. Offene Sandflächen,

wenig bewachsene Primärdünen oder Schillflächen, vereinzelt

auch Spülsäume mit Meersenf oder schütter bewachsene

Weißdünen sind für diese Arten optimale Brutplätze. Die

Brandseeschwalben gründen ihre Kolonien an ähnlichen Standorten,

siedeln aber auch in niedrigen Salzwiesen und gering

bewachsenen Flächen.

Viele der derart ungeschützten, exponierten Gelege können durch

ungünstige Witterungsverläufe, durch Übersandung und durch

Sturmfluten verlorengehen. Wenn dies frühzeitig während der

Brutsaison geschieht, können die Vögel Nachgelege errichten

und so die Verluste dieses Jahres häufig kompensieren. Auch

Jahre ohne Bruterfolg sind für diese Arten charakteristisch und

stellen für den Gesamtbestand der Arten keine Gefahr dar.

Ernsthafte Probleme bereitet ihnen jedoch die natürliche

Veränderung des Brutgebietes, in deren Verlauf die anfänglich

losen Sände festgelegt und von dichterer Vegetation bewachsen

werden. Im Übergang von Primärdüne zur Weißdüne werden viele

traditionelle Brutplätze dieser Arten aufgegeben. Sie sind

jedoch in der Lage, sehr schnell neue, geeignete Brutplätze

andernorts zu erkennen und zu besetzen. Der großräumige

Austausch von Vogelbeständen über das gesamte Wattenmeer

hinweg war über Jahrtausende die Regel und sicherte den

Gesamtbestand dieser Arten. Die wechselhafte Bruthäufigkeit in

einzelnen Regionen ist daher typisch für sie.

Warum jedoch legen diese Vögel ihre Gelege und Kolonien in

solch exponierten und von der Vernichtung bedrohten Lebensräumen

an? Konkurrenzschwäche zu anderen Arten, die ihre

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Gelege und Kolonien in besser geschützten Bereichen anlegen,

können ursächlich sein. Außerdem ist Brand- und Zwergseeschwalbe,

anders als den nah verwandten Arten Küsten- und

Flussseeschwalbe, kein aggressives gemeinschaftliches Abwehrverhalten

gegen potentielle Nesträuber zu eigen.

Der offensichtliche Vorteil in der außergewöhnlichen Brutplatz-

Wahl von Brandseeschwalbe, Zwergseeschwalbe und Seeregenpfeifer

besteht in der Feindvermeidung. Sie reagieren während

der Phase der Balz und des Brutbeginns äußerst empfindlich auf

potentielle Beeinträchtigungen. Angriffe von Möwen, Störungen

durch den Menschen, selbst Fluglärm während dieser empfindlichen

Phasen führen zum Verlassen des Brutplatzes und zur

Aufgabe der Brut.

Abb. 1: Seeregenpfeifer. Foto Limbrunner.

Lebensraumverlust

Der früher übliche Wechsel von einem Brutplatz zum anderen ist

heute kaum mehr möglich. Natürlich entstehende Sandplaten

oder durch Düneneinbrüche erneut vegetationsarm gewordene

Dünenbereiche sind sehr selten geworden.

Verbliebene weite Strände und Sandinseln werden zudem auch

vom Tourismus beansprucht. So entsteht eine Konkurrenzsituation

zwischen Fremdenverkehr und den Ansprüchen der

Vögel, die aufgrund der Empfindlichkeit der Arten nicht über

Kompromisse geregelt werden kann. Nur der konsequente

Ausschluß jeglicher Nutzungen vermag die Brutbestände in

einem bestimmten Gebiet zu erhalten.

Die besondere Schutzbedürftigkeit der Vogelarten wurden schon

frühzeitig erkannt und Schutzmaßnahmen bereits seit Anfang des

Jahrhunderts eingeleitet. Dennoch haben sich die konservierenden

Maßnahmen letztlich als unzureichend erwiesen, da sich die

geschützten Biotope von selbst im Rahmen ihrer natürlichen

Entwicklung verändern und damit den spezialisierten Pionieren

unter den Vogelarten die Lebensbedingungen entziehen.

Brutpaare

25

20

15

10

5

0

Neuwerk Scharhörn Nigehörn

1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999

Abb. 2: Bestandsentwicklung des Seeregenpfeifers im Bereich des

Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer.

Bestände im deutschen Wattenmeer

Heutige Bestände erreichen nur noch einen Bruchteil derer aus

dem vergangenen Jahrhundert. Katastrophale Auswirkungen auf

alle Seeschwalbenarten hatte die Verseuchung der Küstengewässer

mit Pestiziden in den sechziger Jahren. Als Fischfresser

waren Seeschwalben besonders davon betroffen. Inzwischen

haben sich die Bestände von diesen Auswirkungen zwar weitgehend

erholt, aber infolge des Lebensraumverlustes sind im deutschen

Wattenmeer nur noch rund 500 Brutpaare der Zwergseeschwalbe

und weniger als 10.000 Brutpaare der Brandseeschwalbe

beheimatet.

Beim Seeregenpfeifer (ca. 600 Brutpaare) erscheint die Entwicklung

momentan nur deshalb nicht so dramatisch, weil er in

Schleswig-Holstein verstärkt in von Menschen geschaffenen

Sekundärhabitaten (Spülfelder, Bodenentnahmestellen und neu

eingedeichte Köge) siedeln kann. In einigen Jahren werden diese

Standorte aufgrund der natürlichen Sukzession aber wieder als

Brutplatz verloren gehen.


Entwicklung der Bestände im Nationalpark Hamburgisches

Wattenmeer

Bereits 1902 hat der Neuwerker Lehrer Gechter Seeschwalben

auf dem damals noch vegetationslosen Scharhörnsand beschrieben.

Aber erst 1926, mit der Entstehung von Primärdünen und

schütterer Vegetation, dürften die Gelege der Pionierbesiedler vor

den sommerlichen Hochwässern gesichert gewesen sein.

Zwischenzeitlich siedelten auf Scharhörn zwischen 25 % und 50%

des gesamten Brandseeschwalben-Bestandes des deutschen Wattenmeeres.

Die Dichte der bis fast 5000 Brutpaare umfassenden

Kolonien in den frühen 1980er Jahren war enorm: so waren durchschnittlich

mehr als 5 Gelege auf einem Quadratmeter zu finden.

Abb. 3: Brandseeschwalben auf Scharhörn. Foto Helm.

Brutpaare

5000

4500

4000

3500

3000

2500

2000

1500

1000

500

0

1936

1939

1942

1945

1948

1951

1954

1957

1960

1963

1966

1969

1972

1975

1978

1981

1984

1987

1990

1993

1996

1999

Abb 4: Bestandsentwicklung der Brandseeschwalbe auf der

Scharhörnplate seit 1936.

Zuletzt haben die Brandseeschwalben auf Scharhörn im Jahr

1998 erfolgreich gebrütet. Die zunehmend dichter werdende

Vegetation der Insel kann ebenso großen Einfluß auf den allgemeinen

Rückgang haben, wie die wachsende Koloniegröße der

Silbermöwe, die als Nesträuber den Nachwuchs der Seeschwalben

vollständig vernichten kann.

Die neue Insel Nigehörn bietet jedoch geeignete Brutplätze an,

die von den Brandseeschwalben zwischen 1994 und 1996 bereits

angenommen wurden. Auch auf Scharhörn haben sich durch

Anwachs im Südosten neue Bereiche als potentielle Brutregionen

entwickelt. Ob die Brandseeschwalben zurückkommen werden,

kann jedoch niemand vorhersagen.

Abb. 5: Gelege einer Zwergseeschwalbe. Foto Klaus Janke.

Brutpaare

80

70

60

50

40

30

20

10

Neuwerk Scharhörn Nigehörn

0

1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999

Abb. 6: Bestandsentwicklung der Zwergseeschwalbe im Bereich des

Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer.

Auch Zwergseeschwalbe und Seeregenpfeifer sind angestammte

Gäste im Bereich des hamburgischen Nationalparkes. Neben den

traditionellen Brutplätzen auf Scharhörn haben sie regelmäßig

auch auf Neuwerk gebrütet. Seeregenpfeifer sind seit 1992 jedoch

nicht mehr hier zu finden, während die Zwergseeschwalben fast

alljährlich kleine Brutkolonien im Vorland von Neuwerk gründen.

Wesentlich bedeutsamer für die beiden Spezialisten sind jedoch

die neuen Brutmöglichkeiten auf Nigehörn. Beide Arten haben

die neue Insel sehr gut angenommen und brüten dort seit den letzten

Jahren ständig.

Abb. 7: Brandseeschwalbe im Anflug auf die Scharhörner Brutkolonie.

Foto Helm.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 103


Die Watt- und Wasserflächen

106

Die freien Wattflächen, Priele und die auch bei extrem niedrigen Wasserständen vom Meer überspülte Dauerflutzone

machen den mit Abstand größten Bereich des hamburgischen Wattenmeeres aus. Abgesehen von den viel kleineren naturnahen

Salzwiesen-, Spülsaum- und Dünenbereichen stellen sie die für den Naturhaushalt und Naturschutz besonders wertvollen

Flächen dar. In der Folge der besonders starken Dynamik ihrer Naturkräfte haben sich solche Lebensgemeinschaften

gebildet, die sich durch eine vergleichsweise geringe Formenvielfalt und zugleich eine hohe Besiedlungsdichte auszeichnen.

Die Lebensgemeinschaften der Wattflächen

und Priele

Die im Vergleich zu vielen anderen Wattflächen in Niedersachsen

oder Schleswig-Holstein besondere Kombination aus einer geringer

Artendichte und hoher Siedlungsdichte hat im wesentlichen

drei Ursachen:

• Der vergleichsweise geringe Salzgehalt in der Elbe-Mündung

erlaubt nur wenigen Meerestieren überhaupt eine

dauerhafte Ansiedlung.

• Die dauerhafte Ansiedlung wird durch hohe Strömungsge-

schwindigkeiten und damit verbundene Sedimentumlagerungen

des Bodens erschwert.

• Diejenigen Arten, deren Anpassungsmechanismen eine

dauerhafte Besiedlung erlauben, nutzen den hohen Nährgehalt,

den Elbe und Weser in die deutsche Bucht eintragen,

für eine hohe Besiedlungsdichte und Produktionskraft.

Die Lebensgemeinschaft der freien Wattflächen

Die Besiedlungsstruktur und Dynamik der Lebensgemeinschaften

in und auf den Wattflächen des hamburgischen Wattenmeeres

ist bislang nur in Einzeluntersuchungen beschrieben worden.

Systematisch erhobene Erkenntnisse sollen deshalb durch

das im Jahr 2000 begonnene Umweltbeobachtungsprogramm

(siehe Seite 132) gewonnen werden.

Die Tierwelt besteht im Wesentlichen sowohl hinsichtlich ihres

Artenspektrums als auch ihrer Besiedlungsdichte aus Weichtieren

und Borstenwürmern.

Die auffälligste auf dem Wattboden siedelnde Lebensform des

hamburgischen Wattenmeeres ist die Miesmuschel, die allerdings

meist nur kurzzeitig und in vergleichsweise geringer Dichte an

solchen Stellen auftritt, die eine Ansiedlung an eine zumindest

vorübergehende feste Unterlage (z.B. leere Muschelschalen,

Schill, Holz oder andere angespülte feste Teile) erlaubt. Bei den

jüngsten Untersuchungen konzentrierte sich ihr Vorkommen rund

um die Insel Neuwerk. Die für die Lebensgemeinschaften des

Wattenmeeres typischen großen und über viele Jahre wachsenden

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Miesmuschelbänke einschließlich einer artenreichen Folgebesiedlung

durch andere Arten treten im hamburgischen

Wattenmeer nur im Ausnahmefall auf. Meist werden die jungen

Ansiedlungen durch winterliche Stürme frühzeitig abgeräumt.

Kommt es jedoch zu einer dauerhaften Ansiedlung, so lassen sich

auf der Oberfläche der Muschelschalen zusätzlich Strandschnecken

sowie vereinzelt auch Käferschnecken, Seepocken,

und je nach jahreszeitlicher Entstehung auch der Blasentang nieder.

Außerdem nutzen Strandkrabben die Zwischenräumen der

Muschelansammlungen als Rückzugsgebiet. Schlickige Wattoberflächen

- insbesondere im Schutz der Insel Neuwerk - werden

von der Wattschnecke mit einer Dichte von über 20.000

Tieren/m 2 besiedelt.

Die Tierwelt im Wattboden lässt sich weithin durch die an der

Sedimentoberfläche auftretenden Spuren ausmachen, die ganz

überwiegend von der sesshaften Lebensweise verschiedener

Abb. 1: Auf der Oberfläche der Miesmuschelschalen haben sich

Seepocken und Blasentang angesiedelt. Foto Janke.

Arten von Borstenwürmern herrühren. Die mittel- bis grobkörnigen

Bereiche werden von der Charakterart dieses Lebensraums,

dem Watt- oder Pierwurm, in ihrem Erscheinen geprägt. Er fehlt

jedoch auf den hohen Sanden der Scharhörnplate, Teilen der

Wittsande und am Rande des Elbfahrwassers sowie in den wenigen

sehr schlickigen Bereichen im Osten der Insel Neuwerks.

Eine ähnlich weite Verbreitung ist auch von weiteren ortstreu

lebenden und zum Teil auch röhrenbildenden Borstenwürmern

anzunehmen wie z.B. von den Gruppen der unscheinbaren

Spionidae oder Capitellidae. Auch die frei lebende Borstenwurmarten

sind im hamburgischen Wattenmeer häufig vertreten.

Hierzu gehört insbesondere die Gruppe der Seeringelwürmer

(Nereidae) und Blattfußwürmer (Phyllodocidae). Dagegen zeichnet

sich das Vorkommen des auffälligen Bäumchenröhrenwurms

durch das Auftreten in streng begrenzten Arealen aus.

Die Leitform der besonders schlickigen Bereiche bildet der

Kotpillenwurm, im Übergang zum Mischwatt tritt er auch

gemeinsam mit dem Wattwurm auf.

Abb. 2: Die Kotsandhaufen des

Wattwurms prägen das Bild weiter

Bereiche der Wattoberflächen.

Foto Janke.

Anders als bei den Borstenwürmern

besiedeln nur

wenige Formen der Weichtiere

den Boden. Eine weite

Verbreitung ist zunächst für

die Sandklaffmuschel, die

Gewöhnliche Herzmuschel

und die Baltische Plattmuschel

nachgewiesen worden.

Das dichte Auftreten

der Sandklaffmuschel wird

insbesondere dann deutlich,

wenn umfangreiche Sedimentumlagerungen

die bis

zu 40 cm tief im Boden siedelnden

Tiere freigespült

werden. Da die erwachsenen

Muscheln den muskulösen

Fuß zurückbilden, können

sie sich nicht wieder eingraben

und sterben deshalb in

großer Zahl an der Wattoberfläche ab. Die übrig bleibenden

Schalenansammlungen werden als "Muschelgräber" bezeichnet.

Die umfangreichste Verbreitung findet nach den jüngeren Untersuchungen

die dicht unterhalb der Oberfläche und zeitlebens

beweglich bleibende Gewöhnliche Herzmuschel, die nur auf den

höheren Platenbereichen und an einigen Prielrändern (z.B. am


Abb. 4: Muschelgrab der Sandklaffmuschel

in einem Priel zwischen

Neuwerk und Scharhörn. Foto Janke.

Abb. 3:Verteilung der Lebensräume in der Gezeiten- und Dauerflutzone des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer.

Dauerflutzone

Priele

Freifallende Wattflächen

Sand- und Dünenplaten

(einschl. Düneninseln)

Insel Neuwerk

1 0 3 km

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 107


Die Watt- und Wasserflächen

108

Weser-Elbe-Wattfahrwasser) zu fehlen scheint. Eine annähernd

weite Verbreitung ist auch für die bis zu 6 cm tief im Boden

lebende Baltische Plattmuschel belegt, die eine wichtige Nahrung

für zahlreiche Vogelarten darstellt. Eine völlig unterschiedliche

Verbreitung weist die Gerippte Tellmuschel auf, die nur in sandigen

Bereichen nahe des Elbfahrwasser nachgewiesen werden

konnte.

Neben den genannten Leitformen erscheinen auch Einzel- oder

seltene Funde, zu denen beispielsweise die Pfeffermuschel oder

die Amerikanische Schwertmuschel gehören.

Neben dem direkt auf der Wattoberfläche wachsenden Rasen der

Kieselalgen besiedeln auch Grünalgen der Gattungen

Enteromorpha und Ulva das hamburgische Wattenmeer.

Ausgedehnte Algenfelder wurden bislang nicht nachgewiesen.

Als Siedlungsunterlage dienen Schillteile und angespülte

Hartteile.

Die Lebensgemeinschaften der Priele

Mit der Dauer der Überflutung des Lebensraums nimmt die

Formenvielfalt der Besiedlung im Vergleich zu den freien

Wattflächen deutlich zu. Besonders auffällig ist das vermehrte

Auftreten einer Besiedlung auf der Oberfläche des Wattbodens.

Dies ist insbesondere in den von starken Strömungen gekennzeichneten

Prielen der Fall, in deren Bett sich - mit Ausnahme des

Weser-Elbe-Wattfahrwassers - ausgedehnte Schillfelder bilden

und so ein Hartsubstrat anbieten, welches von vielen festsitzenden

Tieren als Lebensraum angenommen wird. Zu den typischen

Besiedlern der Schillfelder zählen Polypen- und Moostierkolonien,

Seepocken oder auch einzeln auftretende Formen

wie z.B. die Seenelke. Zu den auf den Prielböden frei lebenden

Formen gehören neben dem Seestern Strandkrabbe, Schwimmkrabbe,

der Einsiedlerkrebs und die Nordseegarnele. Letztere tritt

in derart hoher Konzentration auf, dass eine wirtschaftliche

Befischung in Teilen der Prielsysteme durchgeführt wird.

(Krabbenfischerei; s.u.).

Die Tierwelt im Wattboden der Priele wird in ihrer Artenzusammensetzung

von Borstenwürmern (mindestens 27 Arten) dominiert,

ohne dass eine stetige Leitform bislang nachgewiesen werden

konnte. Die Zusammensetzung der Weichtiere unterscheidet

sich dagegen nur unwesentlich von der auf den freien

Wattflächen.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Veränderungen in den Lebensgemeinschaften

Die Dichte und Zusammensetzung der Prielbesiedlung kann sich

durch immer wiederkehrende aber auch durch unerwartete

Ereignisse grundsätzlich ändern. Die Struktur der Lebensgemeinschaften

lässt darauf schließen, dass sie an derartige Entwicklungen

durchaus angepasst sind. Als vorhersehbare Veränderung

ist der Rückzug der Garnelenbestände zur werten. Mit dem

Absinken der Wassertemperatur wandern die Garnelenbestände

alljährlich in tiefere Bereich vor der Küste ab.

Eine unregelmäßig auftretende winterliche Ostwindlage mit einsetzender

Kälteperiode führt oftmals zu einem anhaltenden

Abb. 5: Grünalgenbesiedlung auf der Wattoberfläche bei

Scharhörn. Foto Janke.

Abb. 6: Baltische Plattmuscheln treten in den unterschiedlichsten Farbvarianten

auf. Foto Janke.

Trockenfallen der Prielbetten bis zur Sohle und damit zu einem

Rückzug oder sogar Absterben der wirbellosen Tierwelt.

Auch die Verdriftung von Grünalgenteppichen in die Prielsysteme

im Jahr 1992 führte zu einer deutlichen Verarmung der

Prielbesiedlung. Allerdings tritt nach derartigen Naturereignissen

auch wieder sehr zügig eine Wiederbesiedlung insbesondere

durch solche Tierarten ein, die sich über weit verdriftende

Schwimmlarven entwickeln und ausbreiten. Die in den Prielen

nachgewiesenen Tierarten pflanzen sich denn auch fast ausnahmslos

durch derartige Larvenstadien fort.

Abb. 7: Die Röhren des Pygospio-Wurms werden erst sichtbar, wenn sie

freigespült werden. Foto Janke.

Abb. 8: Schalenklappen einer Gewöhnlichen

Herzmuschel. Foto Janke.


Fische im hamburgischen Wattenmeer

Anders als die wirbellose Tierwelt ist der größte Teil der Fische

im Wattenmeer in ihrer Verteilung deutlich schwerer zu charakterisieren,

weil viele Arten im Jahresgang ausgedehnte Wanderungen

unternehmen oder auch nur kleinräumig mit den Tideströmungen

ihre Standorte wechseln. In den Wintermonaten ziehen

zudem viele Fischarten in tiefere Bereiche zurück.

Abb. 9: Zypressenmoos, eine verzweigte Polypenkolonie,

kann sich im Wattenmeer nur auf harten

Untergründen wie z.B. Muschelschalen ansiedeln.

Foto Janke.

Abb. 10: Schollen am Boden eines Priels.

Foto Janke.

Abb. 11: Strandkrabben im Watt vor

Neuwerk. Foto Janke.

Abb.12: Nordseegarnelen. Foto Janke.

Im hamburgischen Wattenmeer sind seit Bestehen des Nationalparks

mindestens 37 Fischarten nachgewiesen worden (siehe

Artenliste im Anhang), doch fehlen systematische repräsentative

Aufnahmen sowohl hinsichtlich der räumlichen als auch der jahreszeitlichen

Verteilung. Das Fangen von Fischen ist im Nationalpark

grundsätzlich verboten (s.u.).Beim Krabbenfischen fallen im

Beifang auch Schollen und andere am Boden lebende Fische an.

Abb. 13: Eine Seenelke hat sich in einem Priel

auf einer Muschelschale niedergelassen.

Foto Janke.

Abb. 14: Einsiedlerkrebs in einem Schneckengehäuse.

Die Oberfläche ist von von einer

Kolonie von Stachelpolypen bedeckt.

Foto Janke.

Fischerei

Das hamburgische Wattenmeer gehörte bis zur Ausweisung als

Nationalpark zu den traditionellen Fanggründen regionaler

Krabbenfischereibetriebe insbesondere in Cuxhaven, Spieka-

Neufeld und Dorum. Mit der Einrichtung des Nationalparks im

Jahr 1990 wurden die fischereilichen Nutzungen mit den

Interessen des Naturschutzes abgewogen und entsprechend geregelt.

In diesem Zusammenhang wies Hamburg zum ersten Mal

eine großräumigen fischereifreie Zone (Zone I) im deutschen

Wattenmeer aus.

Mit der von der Bürgerschaft am 5. April 2001 beschlossenen

Änderung des Nationalparkgesetzes wurden die Regelungen zur

Fischerei erneut gefasst. Nunmehr gilt ein Fischereiverbot

grundsätzlich für den gesamten Nationalpark einschließlich des

Erweiterungsgebiets.

Ausgenommen bleiben lediglich

• die Ausübung der Krabbenfischerei in drei bezeichneten

Fahrwassern (siehe oben) auf einer Breite von 100 Metern

sowie im seewärtigen Erweiterungsgebiet (2050 ha),

• das Fangen von Fischen und Speisekrabben sowie das Sammeln

von Muscheln für den eigenen Bedarf in der Zone II.

Das partielle Fischereiverbot ist seit der Einrichtung des

Nationalparks nicht von allen Fischereibetrieben konsequent

respektiert worden, so dass die zwischen 1990 und 1993 durchgeführten

Untersuchungen, welche mögliche Veränderungen in der

Zusammensetzung der am Boden lebenden Lebensgemeinschaften

in unbefischten Wattbereichen dokumentieren sollten,

abgebrochen werden mussten.

Abb. 15: Krabbenkutter im Elbe-Neuwerk-Fahrwasser.Am

Horizont sieht man die Nordbake. Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 109


Die Watt- und Wasserflächen

110

Das Wattenmeer stellt für viele Vogelarten alljährlich eine bedeutsame Station in ihrem Lebenszyklus dar. Zu den schönsten

Vögeln zählen Brandente und Eiderente, für die das Wattenmeer zum Rückzugsgebiet während der Mauserzeit geworden ist.

Die Mausergebiete der Brandenten und Eiderenten

Brandenten

Die Brandenten brüten im gesamten Bereich der Wattenmeerküsten.

Bereits seit 1939 brüten sie auf Scharhörn und seit

1993 auch auf Nigehörn, wo sich mit den dicht bewachsenen

Weißdünen inzwischen zu geeignete Brutbiotope entwickelt

haben. Daneben finden sich auch einzelne und z.T. kuriose

Brutnachweise auf Neuwerk.

Die Brandenten vollziehen nach ihrer Brutsaison während der

Hochsommermonate eine komplette Großgefiedermauser. Zu diesem

Zweck suchen sie eng begrenzte, traditionelle Mauserplätze

auf. Während der Mauserperiode, die ca. 4 Wochen andauert, sind

die Vögel weitestgehend flugunfähig und daher auf möglichst

störungsfreie Wattbereiche und ein reichhaltiges Nahrungsangebot

im Wattboden, wie z. B. Herzmuscheln und Wattschnecken,

angewiesen. Beim Nahrungserwerb schreiten die Vögel mit seitlich

pendelnden Kopfbewegungen vorwärts, wobei der Schnabel

durch das flache Wasser oder durch den Schlamm gezogen wird.

In tieferem Wasser allerdings gründeln sie, wie viele andere

Entenarten auch. Auf weichem Untergrund erwerben sie ihre

Nahrung durch Trampelbewegungen, was an der Bildung von

Trampelkuhlen, die sie für kurze Zeit im Wattboden hinterlassen,

zu erkennen ist.

Abb. 1: Brandenten-Pärchen auf Nahrungssuche im Watt. Foto Janke.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Abb. 2:Trampelkuhlen der Brandente. Foto Janke.

Das größte und bedeutendste Mausergebiet der westpaläarktischen

Brandentenpopulation erstreckt sich in den vorgelagerten

Watten des Elbmündungsgebietes zwischen dem Großen Knechtsand

und der Halbinsel Eiderstedt. Zählungen vom Flugzeug aus

ergaben, dass seit den achtziger Jahren der westliche Teil des

Scharhörnwatts einen bevorzugten Mauserplatz für die Brandente

darstellt. Während der letzten Jahre mauserten dort durchschnittlich

17.000 Tiere pro Jahr, im Jahr 1991 sogar 25.000. Damit versammelt

sich im hamburgischen Nationalpark ein bedeutender

Anteil des Gesamtbestandes dieser Art und macht so die Wattflächen

zu einem "Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung".

Eiderenten

Der lateinische Name für die Eiderente (Somateria mollissima L.)

weist bereits auf ihre weichen Daunen ("Eiderdaunen") hin. Diese

die nordischen Meeresküsten bewohnende Meeresente erreicht

im Wattenmeer ihre südliche Verbreitungsgrenze. Bedeutsam

wird das Wattenmeer für die Mauser während der Sommermonate

und als Winterrastgebiet.

Diese große und schwere (ca. 2,3 kg) Entenart kann bis etwa 30

m tief tauchen. Ihre Nahrung besteht in der Hauptsache aus

Muscheln, die vollständig heruntergeschlungen und anschließend

in einem muskulösen Kaumagen zerdrückt werden; Schnecken,

Krebse und Würmer werden ebenfalls erbeutet.

Die an der Nordseeküste im Sommer mausernden Eiderenten

stammen zum überwiegenden Teil aus der Ostsee, der Brutbestand

im Wattenmeer ist mit etwa 6000 Paaren nur gering. Ihre

Hauptbrutgebiete liegen an Schwedens und Finnlands Küsten.

Mauserbestände und Winterrastbestände werden jährlich vom

Flugzeug aus gezählt. Zu Beginn dieses Jahrzehnts lagen die

Mauserbestände im niedersächsischen Teil des Wattenmeeres mit

ca. 100.000 Tieren etwa doppelt so hoch wie heute. Vergleichbares

lässt sich für den Teilbereich zwischen Elbe- und Wesermündung

feststellen, wo 1992 die Mauserbestände bei ca. 50.000

Eiderenten lagen, während ihre Zahl bis 1999 auf 20.000 zurückgegangen

ist. Im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer lag

der Mauserbestand in den Jahren 1994 bis 1997 im Mittel bei ca.

2.000 Tieren, der Winterrastbestand um 2.300 Tieren, mit z.T.

recht beachtlichen Schwankungen.

Die mausernden Eiderenten halten sich entlang der Prielränder

auf. Im Bereich des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer

wurden die größten Ansammlungen von mausernden und rastenden

Tieren im Bereich des Wittsandlochs, des Scharhörnlochs,

des Elbe-Neuwerk-Fahrwassers und an der Eitzenbalje gezählt.

Abb. 3: Rastende Eiderenten. Diese Aufnahme aus dem späten April

zeigt die Erpel im vollen Prachtkleid. Foto Janke.


Anzahl mausender Enten

6000

5000

4000

3000

2000

1000

westl. der Elbe NP HH Wattenmeer

1994 1995 1996 1997

Abb. 5: Rastbestände mausernder Eiderenten im deutschen Wattenmeer

westlich der Elbe. Nach Angaben der Nationalparkverwaltung

Niedersächsisches Wattenmeer,Wilhelmshaven.

Abb. 4: Mausergebiet von Eiderenten und Brandenten im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Nach Angaben der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer,Wilhelmshaven.

Mausergebiete der Brandente

Mausergebiete der Eiderente

Grenze des Nationalparks

1 0 3 km

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 111


Die Watt- und Wasserflächen

112

Das Wattenmeer in seiner Gesamtheit hat eine besondere Bedeutung für die Vogelwelt. Dieser Lebensraum ist sowohl für

den Vogelzug, als auch als Winterrückzugsgebiet und Mauserplatz für Entenvögel, Limikolen (Watvögel) und Möwen unverzichtbar.

Die Rast- und Überwinterungsgebiete der Vogelwelt

Abb. 1: Rastende Möwen am Nordstrand von Scharhörn. Foto Helm.

Der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer stellt mit seiner

Vielfalt an Lebensräumen und im Verbund mit den angrenzenden

Wattflächen ein bedeutendes Rast- und Überwinterungsgebiet für

die Vogelwelt dar.

Im Laufe ihres Jahreszyklus nutzen 10-12 Millionen Wat- und Wasservögel

das Wattenmeer entlang der Nordseeküste.

Für mindestens 52 geographisch getrennte Bestände von 41 Arten

ist das Wattenmeer als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung.

Während eines Jahres suchen etwa 2-2,5 Millionen Gänse und

Enten das Wattenmeer auf, wobei die Höchstzahlen im Herbst

erreicht werden. Am zahlreichsten vertreten sind Pfeifenten,

Brandgänse und Eiderenten. Die Anzahl an Watvögeln, die jährlich

das Wattenmeer anfliegen, wird sogar auf 6-7 Millionen

geschätzt. Auch bei dieser Gruppe werden die höchsten Individuenzahlen

im Herbst erreicht. Austernfischer und Alpenstrandläufer

kommen am Häufigsten vor.

Das Gebiet des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer gliedert

sich für die Vogelwelt in folgende Bereiche:

• die eigentlichen Wattbereiche, in denen Sand- und Mischwatt

vorherrschen,

• die Scharhörnplate und Sände, die bei normalen Hochwässern

nicht überspült werden,

• die Insel Neuwerk.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Watten

Im Scharhörner und Neuwerker Watt gehören Austernfischer,

Sanderling, Knutt, Großer Brachvogel, Pfuhlschnepfe,

Alpenstrandläufer und Kiebitzregenpfeifer zu den häufigsten

Rastvögeln. Alle genannten Arten übertreffen das Mengenkriterium

(mindestens 1% der biogeographischen Population) der

Ramsar-Konvention zum Schutz internationaler Feuchtgebiete

(siehe Seite 126) um ein Vielfaches. Auch die Brandente ist zur

Mauserzeit mit international bedeutsamen Beständen im

Scharhörner Watt präsent.

Die unterschiedlichen Standortbedingungen (Schlickanteil im

Wattboden, Überflutungsdauer, Strömungsgeschwindigkeit etc.)

bewirken die unterschiedlichen Artenzusammensetzungen der

Wattbodenfauna. Je nach Beutespektrum und Mechanismen des

Nahrungserwerbs suchen sich die einzelnen Watvogelarten die

für sie günstigsten Standorte aus.

Platen und Sandbänke

Die Scharhörnplate mit ihren Düneninseln Scharhörn und

Nigehörn besitzt in mehrerer Hinsicht eine bedeutende Funktion

für Rast- und Gastvögel.

• So stellt seine Lage im Inneren der Deutschen Bucht für

Zugvögel, die sich an Leitlinien orientieren, eine wichtige

Landmarke dar.

• Eine weitere wichtige Funktion übt die Scharhörnplate als

hochwassersicherer Rastplatz für die Vögel des Wattenmeeres

aus. Es sammeln sich viele tausend Vögel auf den Sandplaten des

Scharhörnsandes, um die Hochwasserzeit abzuwarten und danach

mit der Nahrungssuche fortzufahren. Die Inseln selbst jedoch

werden von diesen Arten in der Regel nur bei extremen Hochwässern

aufgesucht.

• Ein dritter, für die Vögel wichtiger, Punkt ist die Nahrungsverfügbarkeit

auf den Sänden. Während die meisten Arten ihre

Nahrung auf den Sand- und Mischwatten oder in den Prielen

suchen, stellen für andere die höher gelegenen Sände die attraktiveren

Nahrungsgründe dar. Insbesondere der Sanderling, dessen

Hauptnahrung aus Insekten besteht, sucht vermutlich auf den

relativ festen und trockenen Sänden nach angespülten oder angewehten

Insekten, verschmäht jedoch auch leicht erreichbare

Weichtiere und Krustentiere nicht. Der Sandregenpfeifer bevorzugt

zur Nahrungssuche die relativ trockenen Sände, während die

meisten Arten die feuchteren und dichter besiedelten Sandwatten

und schlickigeren Bereiche nach Nahrung durchsuchen.

Neuwerk

Neuwerk stellt eine Besonderheit für die Vogelwelt dar, da die

Insel beständig hochwasserfrei ist. Sie ist daher Hochwasser-

Rastgebiet für die Watvögel, die in den umgebenden Watten nach

Nahrung suchen. Außerdem stellt sie einen überregional bedeut-

Populations-

größe

(HÄLTER-

LEIN 1995)

Rastzahlen

gesamtes

Wattenmeer

(MELTOFTE

1994)

Rastzahlen

Niedersachsen

u. Schleswig-

Holstein

(MELTOFTE

1994)

Rastzahlen

hamb.

Wattenmeer

(DIVERSE

AUTOREN)

Austernfischer 874.000 739.000 310.000 40.000

Sanderling 70.000 20.200 8.000 10.000

Knutt 857.000 433.000 195.000 71.000

Großer Brachvogel 350.000 227.000 64.000 15.000

Pfuhlschnepfe 820.000 341.000 40.000 10.000

Alpenstrandläufer 2.208.000 1.200.000 290.000 171.500

Kiebitzregenpfeifer 168.000 140.000 43.000 6000

Tab. 1: Tageshöchstzahlen rastender Wattenmeervögel im Nationalpark

Hamburgisches Wattenmeer (zusammengestellt nach verschied. Autoren).

samen Zufluchtsort bei widrigen Wetterbedingungen dar. Nicht

zuletzt ist die Biotopvielfalt ausschlaggebend für die Bedeutung

als Landmarke und Rastgebiet für ziehende Singvögel.

Überwinterer

Auch in der kalten Jahreszeit werden die Wattgebiete des

Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer von Vögeln aufgesucht.

Bei milder Witterung harren z.B. Alpenstrandläufer und

Großer Brachvogel so lange aus, bis der Winter auch für diese

Arten zu extrem wird und sie sich weiter Richtung Westen in ihre

Winterquartiere begeben. Die robusten Austernfischer bleiben

auch in kalten Wintern im Gebiet. Andere Arten, wie z.B.

Pfuhlschnepfe, Kiebitzregenpfeifer, Sanderling und Knutt kehren

dagegen erst im Frühjahr aus ihren Winterquartieren in Afrika

oder dem westlichen Europa zurück.


Austernfischer

Kiebitzregenpfeifer

Grenze des Nationalparks

1 0 3 km

Scharhörnloch

Wittsandloch

Abb. 2: Hauptnahrungsflächen der Austernfischer und Kiebitzregenpfeifer

im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Großer Brachvogel

Pfuhlschnepfe

Grenze des Nationalparks

1 0 3 km

Wittsandloch

Abb. 3: Hauptsnahrungsflächen von Großem Brachvogel und

Pfuhlschnepfe im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Nigehörn

Scharhörn

Neuwerker Loch

Nigehörn

Bakenloch

Scharhörn

Neuwerker Loch

Bakenloch

Neuwerk

Neuwerk

Eitzenbalje

Eitzenbalje

Alpenstrandläufer

Sanderling

Grenze des Nationalparks

1 0 3 km

Scharhörnloch

Scharhörnloch

Wittsandloch

Abb. 4: Hauptnahrungsflächen von Alpenstrandläufer und

Sanderling im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Nahrungsgebiete

Rastplätze

Grenze des Nationalparks

1 0 3 km

Wittsandloch

Abb. 5: Nahrungsgebiete und Rastplätze des Knutt im

Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Nigehörn

Nigehörn

Scharhörn

Neuwerker Loch

Bakenloch

Scharhörn

Neuwerker Loch

Bakenloch

Neuwerk

Neuwerk

Eitzenbalje

Eitzenbalje

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 113


Die Watt- und Wasserflächen

114

Die größten Tiere im Wattenmeer sind die Robben.Während die Kegelrobben nur in versprengten Vorkommen in

Nordfriesland und den Niederlanden erscheinen, kommen die Seehunde als Charakterart des Lebensraumes im gesamten

Wattenmeer vor.

Bestand und Entwicklung der Seehunde

Biologie und Ökologie des Seehundes

Der Seehund (Phoca vitulina) ist die einzige Robbenart, die im

Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer regelmäßig vorkommt.

Die männlichen Tiere erreichen eine Gesamtlänge von bis zu 1,8 m.

Ihr Maximalgewicht beträgt 115 kg. Die Weibchen sind mit 1,6 m

und einem Maximalgewicht von 105 kg etwas kleiner. Der

Weltbestand an Seehunden wird auf 300.000 bis 400.000

geschätzt, davon sind etwa 70.000 Tiere im Ostatlantik beheimatet.

Der Teilbestand im Wattenmeer zwischen Den Helder in den

Niederlanden und Esbjerg in Dänemark beläuft sich derzeitig auf

etwa 15.000 Tiere.

Die Seehunde der Wattenmeerpopulation verbringen ihre gesamte

Lebensspanne in der Nordsee und im Wattenmeer. Im späten

Frühjahr wechseln sie von der offenen See in das Wattenmeer, um

auf den Sandbänken ihr Fell zu wechseln und, nach einer Tragzeit

von 11 Monaten, zwischen Ende Mai und Mitte Juli ihre Jungen

zur Welt zu bringen. Es sind fast ausschließlich Einlinge mit einer

Geburtsmasse von 10-15 kg und einer Länge von 80-95 cm.

Sandbänke sind für die Seehunde unverzichtbare Säuge- und

Ruheplätze. Hier werden die Jungen über einen Zeitraum von 3

bis 5 Wochen gesäugt. Leider sind die Tiere während ihres Aufenthalts

im Wattenmeer vielfältigen Störungen ausgesetzt, wie

z.B. Wattwanderern, Ausflugsschiffen und Flugverkehr. Durch

diese menschlichen Aktivitäten werden häufig sogenannte

"Heuler" erzeugt: Wenn die Jungen bei der Flucht vor den

Störungen von der Mutter getrennt werden, stoßen sie einen

Stimmfühlungslaut aus, der wie ein Heulen klingt.

Doch dies sind nicht die einzigen Gefährdungen mit denen der

Seehund konfrontiert wird. Er ist ein sogenannter Top-Predator,

das bedeutet, er ist ein Endglied in der Nahrungskette. Durch die

damit einhergehende Anreicherung von Umweltgiften in seiner

Nahrung kann seine Gesundheit, oder sogar sein Leben oder die

Fortpflanzungsfähigkeit gefährdet sein.

Populationsentwicklung

In früheren Zeiten sollen fast 40.000 Seehunde in der Nordsee

gelebt haben. Regelmäßige Zählungen werden jedoch erst seit

den fünfziger Jahren durchgeführt. Seitdem konnte ein stetiger

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Rückgang der Bestände bis auf weniger als 4.000 Tiere festgestellt

werden, der mit Beginn der sechziger Jahre besonders deutlich

wurde. Als ein entscheidender Faktor gilt die Jagd, außerdem

die Belastungen mit chlorierten Kohlenwasserstoffen und die

Störungen der Tiere auf den Sandbänken. Mit der Einstellung der

Bejagung, in den Niederlanden im Jahre 1963, in den übrigen

Wattenmeergebieten im Verlauf der siebziger Jahre, konnte eine

Zunahme der Bestände festgestellt werden.

Ein weiterer Tiefpunkt wurde durch die sogenannte Seehund-

"Seuche", eine Seehundstaupe, im Jahre 1988 erreicht. Diesem

Virus fielen innerhalb eines Jahres etwa 2/3 der im Wattenmeer

lebenden Seehunde zum Opfer. Seitdem steigt ihre Zahl im

gesamten Wattenmeer wieder stetig an und hat das Bestandsniveau

von 1988, vor der Epidemie, inzwischen sogar überschritten.

Die aktuelle Größe der gesamten Seehund-Wattenmeerpopulation

betrug 1998 bereits wieder 14.400 Tiere, davon entfielen

knapp 20% auf Jungtiere. Die durchschnittliche jährliche

Wachstumsrate seit der Seehund-Epidemie 1988 beträgt etwa

13%. Es wird allgemein angenommen, dass Wattenmeer und

Nordsee in der Lage sind, noch weitaus größere Seehundbestände

zu ernähren.

Seehunde im hamburgischen Wattenmeer

Im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer leben, verglichen

mit anderen Wattgebieten, sehr viele Seehunde. So wurden im

Jahr 1999 bei Befliegungszählungen im Mittel 424 Seehunde

gezählt. Die weitaus meisten halten sich an den zum Till ausgerichteten

Prielkanten und auf den dortigen Sandbänken (südlicher

Bereich) auf. Besonders bevorzugt wird dabei die zwischen

Wittsandloch und Scharhörnloch liegende Robbenplate. An den

nördlichen Prielen ist es vor allem die nördliche Prielkante des

Elbe-Neuwerk-Fahrwassers, die regelmäßig von großen Seehund-Rudeln

aufgesucht wird. Die landläufigen topographischen

Namen wie Robbenplate und der frühere Name von Teilen des

Elbe-Neuwerk-Fahrwassers, Hundebalje, lassen vermuten, dass

diese Bereiche schon seit langer Zeit traditionelle Liegeplätze der

Seehunde darstellen.

Die Bestandszunahmen im hamburgischen Wattenmeer liegen

über dem durchschnittlichen Bestandswachstum im gesamten

Wattenmeer. Besonders der südliche, an der Till gelegene,

Bereich zeigt diese deutliche Vergrößerung des Seehund-

Bestandes.

Laut Verordnung über jagdrechtliche Regelungen vom 11. Mai

1993 ist im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer die Jagd

auf Seehunde aufgehoben. Sie sind das ganze Jahr hindurch mit

der Jagd zu verschonen.

Schutz und Gefährdung

Zum Schutz der Robben wurde bereits am 13. November 1991

von den Wattenmeer-Anrainerländern Niederlande, Deutschland

und Dänemark ein "Trilaterales Abkommen zum Schutz der

Seehunde im Wattenmeer" geschlossen und am 15. März 1996

trat der "Schutz- und Managementplan für die Seehundpopulation

im Wattenmeer 1996-2000" in Kraft, der bestimmte Ziele, Aufgaben

und Maßnahmen zum Schutze der Robben beinhaltet.

Doch auch heute noch wird diese Art sowohl im gesamten

Wattenmeer, als auch in der Nordsee als gefährdet eingestuft.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

• Schadstoffeinleitungen, z. B. Stoffe wie Quecksilber, PCB

etc. gefährden die Gesundheit der Tiere,

• die Stellnetzfischerei birgt die Gefahr des Ertrinkens in den

Stellnetzen und

• Störungen der Seehunde durch menschliche Aktivitäten

führen zu einem derartigen Stress bei den Tieren, dass ihre

ihre Gesundheit und vor allem ihre erfolgreiche Jungenaufzucht

gefährdet wird.

"Heuler"

Als Heuler werden verlassene oder verlassen erscheinende

Jungtiere bezeichnet, die als Stimmfühlungslaut ein Heulen von

sich geben.

Im hamburgischen Wattenmeer werden verlassene und vermeintlich

geschwächte Tiere – solange dies möglich ist – am Fundort

belassen, um herauszufinden, ob nicht doch das Muttertier das

Junge wiederfindet und es weiter versorgen kann. Mit dieser

Strategie wird sichergestellt, dass das Jungtier alle Chancen auf

eine natürliche Lebensweise in dem ihm heimischen Lebensraum

behält. Erst wenn sich herausstellt, dass das Muttertier den

Nachwuchs ohne Zweifel verlassen hat, kann zur weiteren

Behandlung ein Veterinär eingeschaltet oder das Tier auch direkt

in eine Seehund-Aufzuchtstation gebracht werden.


Anzahl

450

400

350

300

250

200

150

100

50

0

Nördlicher Bereich

Südlicher Bereich

Gesamtbestand NPHW

1987 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999

Abb. 2: Entwicklung der Seehundbestände im Nationalpark

Hamburgisches Wattenmeer. Die Werte aus dem Jahr 1987 beruhen

auf groben Schätzungen, alle Angaben aus den Jahren 1991-

1999 beruhen auf sytematischen Zählflügen. Quelle: Nationalparkverwaltung

Niedersächsisches Wattenmeer, Wilhelmshaven.

Die Darstellung zeigt Mittelwerte aus jeweils 4 Überfliegungen pro

Standort.

Abb. 3: Seehund-Liegeplatz im Wattenmeer. Foto Janke.

Scharhörnloch

Wittsandloch

Nigehörn

Scharhörn

Neuwerker erker Loch

Bakenloch

Abb. 1. Seehundliegeplätze im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer. Quelle: Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer,Wilhelmshaven.

Elbe-Neuwerk-Fahrwasser

Neuwerk

Liegeplätze mit 500 m Störungsdistanz

Grenze des Nationalparks

1 0 3 km

Eitzenbalje

Wattweg

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 115


Die Watt- und Wasserflächen

116

"Wo etwa noch vor einer Stunde geschwoll´ne Segel auf und nieder,

Von tiefer Flut getragen, schwebten: daselbst erblickt man dürren Sand.

Daselbst erblickt man, mit Erstaunen, auf einem öd´und trockenen Strand

Anstatt der Schiff´und stolzer Segel, im schnellen Traben Pferd und Wagen

Oft auf dem aufgedeckten Boden des Meeres hin und wider jagen."

Seit im 17. Jahrhundert der Heimatdichter B. H. Brockes die Stimmung des bei niedrigen Wasserständen über das Watt zwischen

der Insel Neuwerk und dem Festland pendelnde Pferdekutschen beschrieb, hat sich das Bild nur unwesentlich verändert.

Auch heute noch ist der traditionsreiche und von Reisigpricken markierte Wattweg vom Festland nach Cuxhaven die

Lebensader für die Insel Neuwerk.

Die Wattwege im hamburgischen Wattenmeer

Der Wattweg von Neuwerk zum Festland

Der Weg über das Watt zur Insel Neuwerk gehört seit Jahrhunderten

zum festen Bestandteil des Transportnetzes an der

Wurster Küste. Die Route wird jedes Jahr nach den Frühlingsstürmen

je nach veränderten Verläufen der Priele und Wattrücken

Abb. 1: Auch der Wattweg von Neuwerk nach Scharhörn wird sorgfältig

mit Reisigbüscheln gekennzeichnet. Foto Janke.

neu festgesetzt. Sie führt von Duhnen und Sahlenburg kommend

entlang der Wasserscheide quer zum Weser-Elbe-Wattfahrwasser

auf einer Länge von rund 10 km bis zur südlichen Auffahrt

Neuwerks. Neben seiner traditionellen Funktion als Haupt-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

versorgungsweg (früher) mit traditionellen Pferdewattwagen und

(heute) mit Versorgungstreckern gehört er mittlerweile zu den

großen Touristenattraktionen der Region. Nur an wenigen Stellen

im Wattenmeer kann man sich so weit hinaus auf die freien

Wattflächen wagen. Von den Cuxhavener Seebädern Sahlenburg

und Duhnen werden im Sommer täglich Kutschfahrten, geführte

Wattwanderungen und auch Ausflüge mit Pferden zur Insel

Neuwerk angeboten. Obwohl seit 1950 ein regelmäßiger

Schiffsverkehr zwischen Cuxhaven und Neuwerk besteht, werden

die Versorgungsgüter für die ständigen Einwohner und ihre Gäste

auch heute noch über den Wattweg transportiert. Dies geschieht

ganz überwiegend mit Hilfe von in der Landwirtschaft üblichen

Traktorengespannen. Eine Entsorgung der Insel wird über den

Schiffsweg bewerkstelligt.

Abb. 2:Wattwagenverkehr zwischen Neuwerk und Sahlenburg.

Foto Janke.

Durch den großen Andrang von Tagestouristen und Urlaubern

wird der Wattweg im Sommer intensiv genutzt, bei günstigen

Gezeiten sogar zweimal täglich. An Spitzentagen verkehren 50

Kutschen, davon 11 Kutschen von der Insel Neuwerk, sowie

durchschnittlich zwei Traktoren und unzählige Wattwanderer und

Reiter auf dem ausgeprickten Wattenweg ( Stand 2000).

Für die Sicherheit des Weges ist - soweit das bei einem Wattweg

überhaupt möglich ist – muß Vorsorge getroffen worden. Zunächst

ist die Route durch Reisigbüschel, die in mehreren Metern

Abstand voneinander in den Wattboden gegraben werden, in

ihrem Verlauf für den Wanderer gesichert. Die kurzen Abstände

müssen deshalb eingehalten werden, damit auch bei einem plötzlich

aufkommenden Seenebel immer noch eine Orientierungshilfe

besteht, an der entlang sich der Wegeverlauf verfolgen lässt.

An den Rändern des quer zum Weg verlaufenden Weser - Elbe-

Wattfahrwasser wurden Rettungsbaken eingerichtet, in die sich

von der Flut abgeschnittene Wattwanderer flüchten können.

Schließlich besteht sowohl am Festland als auch auf Neuwerk ein

gut organisiertes Informationssytsem, das wanderfreudigen

Gästen mitteilt, wann genau eine Wanderung unternommen werden

kann und wieder abgeschlossen sein muss. Um sich im Notfall

gegenseitig helfen

zu können sind viele

Wattwagenfahrer sowie

Wattführer und die Einsatzstelle

am Festland

untereinander über Funk

verbunden.

Abb. 3: Der Kotpillenwurm ist auch auf

dem Wattweg noch anzutreffen.

Foto Janke.


Der Wattweg von Neuwerk nach Scharhörn

Der Wattweg von Neuwerk zur Scharhörnplate ist erst mit der

Entstehung der Vogelinsel etabliert worden. Er beginnt an der

südlichen Auffahrt Neuwerks und führt zunächst entlang der

Südseite der Insel, bis er an der Südwestecke in nordwestliche

Richtung von der Insel abschwenkt. Auch hier wird die Route

über die Wasserscheide der hohen Wattrücken auf einer Länge

von ca. 6 Kilometern durch Reisigbüschel gezeichnet, um ein

Abb. 4: Morgenstimmung auf dem Wattweg nach Neuwerk. Foto Janke.

sichere Orientierung zu gewährleisten. Der Weg nach Scharhörn

dient heute in erster Linie der dortigen Inselbetreuung

("Vogelwart") einschließlich deren Versorgung per Wattwagen

sowie als Marschroute für die Besucher der Insel. Ein Betreten

der Insel Scharhörn ist nur nach vorheriger Anmeldung möglich.

Veränderungen im Wattboden

Mit der Nutzung des Wattbodens als Verkehrsweg verdichtet sich

der Wattboden und wird kurzfristig zugleich mehrere Zentimeter

aufgewühlt. Dies hat zur Folge, dass sich die Tierwelt des Wattbodens

spürbar verändert. Untersuchungen der letzten Jahre

haben folgende Ergebnisse gebracht:

• Mit dem Befahren des Bodens werden feinsandige Anteile

nach und nach ausgewaschen und abgetragen, so dass schließlich

grobkörnigere Sedimentanteile überwiegen. Gleichzeitig

nimmt die Dicke der sauerstoffreichen Sediment schicht an

der Oberfläche ab. Dies ist aller Wahrscheinlichkeit nach auf

die durch den erhöhten Pressdruck hervorgerufene Verringerung

des Porenvolumens zurückzuführen. Dadurch werden

auch die Wege für eine Sauerstoffversorgung im Boden verengt

und im Extremfall auch abgeschnitten.

• Die natürliche Flächendeckung des Kieselalgenrasens auf

der Wattoberfläche nimmt ab.

• Die ursprüngliche Besiedlungsdichte der Tierwelt wird durch

das Befahren deutlich verringert, zusätzlich treten im Artenspektrum

Verschiebungen auf.

Mittlere Besiedlungsdichte: 1300 Tiere /m 2

Wenigborster (Oligochatea) 3%

sonst. Borstenwürmer 0,4% 2% Krebse

Orbinida 2%

Nereida 1%

Phyllacoidae

4%

13%

Cirraculidae

div. Spionidae

Pygospio elegans

10%

7%

13%

div. Capitellidae 2%

BORSTENWÜRMER

(Polychaeta)

9%

Capitella sp.

15%

MUSCHELN

Baltische Plattmuschel

(Macoma balthica)

17%

Sandklaffmuschel

(Mya arenaria)

1%

sonst.

Muschelart

Kotpillenwurm

(Heteromastus filiformis)

Besonders augenscheinlich ist die geringere Siedlungsdichte

durch Charkterformen des Watts, wie z.B. Wattwurm oder Herzmuschel

wahrzunehmen. Der Bäumchenröhrenwurm mit seiner

festen Wohnröhre und die durch Fäden fest an ihren Ort gebundene

Miesmuschel verschwinden gänzlich, können jedoch in

unmittelbarer Nähe des Wattweges durchaus häufiger auftreten.

Aber auch sehr bewegliche Organismen wie z.B. die Meeresringelwürmer

der Gattung Nereis meiden den Fahrweg. Allein der

Kotpillenwurm und die Wurmgruppe der Wenigborster

(Oligochaeta) nehmen an der Gesamtbesiedlung einen höheren

Anteil ein.

Um die Auswirkungen des Wattweges auf die Lebensgemeinschaften

im Wattenmeer abschließend bewerten zu können bleiben

noch viele Fragen zu beantworten. Die bislang vorliegenden

Untersuchungen lassen vermuten, dass beispielsweise nach einer

Verlegung der Wattroute zurückdrängte Arten innerhalb eines

überschaubaren Zeitraums wieder in wachsender Besiedlungsdichte

auftreten. Außerdem liegen bislang keine systematischen

Untersuchungen dazu vor, ob und welchem Umfang die Wattwege

auch das Verhalten der Vögel maßgeblich beeinflussen.

Mittlere Besiedlungsdichte: 3700 Tiere /m 2

Wenigborster (Oligochaeta) 1%

sonst. Borsternwürmer3%

Orbinidae2%

Nereida 2%

3% Krebse

11%

Phyllacoidae

Cirraculidae

div. Spionidae

Pygiospio elegans

7%

3%

div. Capitellidae 1%

6%

9%

Capitella sp.

BORSTENWÜRMER

(Polychaeta)

15%

18%

MUSCHELN

Baltische Plattmuschel

(Macoma balthica)

18%

Sandklaffmuschel

(Mya arenaria)

1% div.

Muschelarten

Kotpillenwurm

(Heteromastus filiformis)

Abb. 5: Die Tierwelt im Boden des Wattweges (1996). Abb. 6: Die Tierwelt im Wattboden abseits des Wattweges (1996).

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

117


Naturschutz im Wattenmeer

120

In den letzten 200 Jahren ist der Natur ein größerer Schaden zugefügt worden als in der Menschheitsgeschichte zuvor. Als

ein wichtiger Schritt gegen die globale biologische Verarmung hat sich die Idee zur Ausweisung von Nationalparken erwiesen.

Die Gründung des weltweit ersten Nationalparks, dem Yellowstone Nationalpark, erfolgte durch den amerikanischen

Kongress. Dies war die Initialzündung für eine Bewegung, die um die Welt ging. Heute existieren über die ganze Welt verstreut

über 2000 Nationalparke. Ihnen allen gemeinsam ist ein Ziel: Sie schützen unser globales Naturerbe um seiner selbst

willen und für die uns nachfolgenden Generationen.

Grundlagen und Ziele von Nationalparken

Nationalparke sind grundsätzlich großräumige Schutzgebiete, in

denen sich die dort beheimateten natürlichen Ökosysteme und ihre

Lebensgemeinschaften möglichst frei von menschlichen Einflüssen

entfalten sollen. In solchen Rückzugsgebieten der Natur

erhält der Besucher einen Einblick in die Eigendynamik der Natur

und die Kräfte der Evolution mit ihrem ständigen Werden und Vergehen

des Lebens und die in ihrem Verlaufe entstandene Vielfalt.

In Deutschland werden Nationalparke entweder durch einen

Gesetzesbeschluss der Länderparlamente oder durch den Erlass

einer Verordnung vom jeweils zuständigen Minister ausgewiesen.

Vier wesentliche Aspekte bestimmen das Leitbild von Nationalparken.

Abb. 1: Der kleinste Nationalpark Deutschlands ist der Nationalpark

Jasmund auf der Insel Rügen mit seinen beeindruckenden Kreidefelsen.

Foto Janke.

1.) Die Bewahrung des nationalen Erbes

Nationalparke dienen insbesondere der ungestörten Entwicklung

der natürlichen Vielfalt der Arten und ihrer Lebensgemeinschaften

sowie ihrer natürlichen Grundlagen. Sie schützen möglichst

ungestörte und meistens durch besondere Ästhetik ausge-

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

zeichnete Naturräume um ihrer selbst willen als ein nationales

Naturerbe für heutige und die kommenden Generationen. Dieses

Naturschutzziel bezeichnet man als Prozessschutz. Darüber hinaus

können Nationalparke zum sicheren Erhalt gefährdeter wildlebender

Tiere und Pflanzen einen wertvollen Beitrag leisten. In

besonderen Fällen können auch gezielte Maßnahmen zu deren

Erhalt ergriffen und gefördert werden, soweit dadurch die

Abläufe der natürlichen Vorgänge nicht gefährdet werden oder

aber eine solche Maßnahme dazu geeignet ist, diese wieder herzustellen.

Entsprechend den internationalen Richtlinien der

Internationalen Naturschutzorganisation IUCN (ehemals International

Union for Conservation of Nature and Natural Ressources,

heute World Conservation Union) sollen Nationalparke nach

einer zugestandenen Aufbauphase mindestens auf 75 % der

Fläche frei von jeglichen Nutzungen sein, und auch auf der verbliebenen

Restfläche dürfen die dortigen Aktivitäten den Zielen

des Nationalparks nicht entgegenstehen.

2.) Die Erweiterung des Verständnisses für die Natur

In Mitteleuropa existieren nur noch wenige großräumige

Naturräume, die sich weitgehend ohne menschliche Nutzung entwickeln

können. In diesem Zusammenhang sind besonders die

Hochalpen sowie das Wattenmeer zwischen Esbjerg und Den

Helder zu nennen. Angesichts der vom Menschen verursachten

globalen klimatischen Veränderungen und der damit verbundenen

Veränderungen im Gefüge der Naturvorgänge wächst die Dringlichkeit,

die Abläufe natürlicher Prozesse und ihrer Wechselwirkungen

innerhalb natürlicher Ökosysteme besser verstehen zu lernen

und heraus entsprechende Handlungserfordernisse für

zukunftsfähige Entwicklungen abzuleiten.

Nationalparke können im besonderen Maße der ökologischen

Forschung dienen, soweit diese nicht in den Ablauf der Naturvorgänge

eingreift. Angewandte Forschung in Nationalparken liefert

Erkenntnisse über den Ablauf natürlicher Prozesse und ihrer

Wechselwirkungen innerhalb natürlicher Ökosysteme. Eine beson-

dere Bedeutung kommt den in Nationalparken eingerichteten Umweltbeobachtungsprogrammen

zu. Sie stellen ein unverzichtbares

Instrument für das Schutzgebietsmanagement und seiner Erfolgskontrolle

dar. Darüber hinaus können die durch sie gewonnenen

Erkenntnisse auch bei der Entwicklung naturnaher, zukunftsfähiger

Wirtschaftsweisen in Kulturlandschaften geeignet sein.

3.) Förderung von Naturbewusstein und Naturerlebnis

Nationalparke können der Bevölkerung bewusst machen, dass der

Mensch als ein Teil der Natur mit ihr in seiner Existenz unmittelbar

verbunden ist. In Nationalparken können die Phänomene der

Naturgeschichte verständlich und erlebbar gemacht werden.

In Nationalparken soll die Natur und ihre ungestörte Entwicklung

den Menschen näher gebracht werden. Mit Hilfe der Öffentlichkeitsarbeit

und Naturbildung sollen gemäß dem Motto "Nur

was der Mensch erkennt, begreift er auch in seiner besonderen

Bedeutung" der besondere Wert der ungestörten Natur und ihre

Funktionen den Besuchern verständlich vermittelt werden.

Darüber hinaus sind Nationalparke dazu geeignet, die besondere

emotionale Verbundenheit der Menschen mit ihrer Heimat und

ihrer Verantwortung für deren zukunftsfähigen Erhalt zu wecken

und zu fördern.

Tabelle 1: Die deutschen Nationalparke und ihr

Gründungsdatum (Stand 4/2001):

Nationalpark Gründung Größe

(in km 2)

Bayerischer Wald 11.06.1969 242

Berchtesgaden 01.08.1978 210

Schl.-Holsteinisches Wattenmeer 01.10.1985 4410

Niedersächsisches Wattenmeer 01.01.1986 2400

Hamburgisches Wattenmeer 09.04.1990 137

Hochharz 01.10.1990 58

Jasmund 01.10.1990 30

Müritz 01.10.1990 313

Sächsische Schweiz 01.10.1990 93

Vorpommersche Boddenlandschaft 01.10.1990 805

Harz 01.01.1994 158

Unteres Odertal 28.06.1995 224

Hainich 31.12.1997 76


Abb. 2: Naturschutz am anderen Ende der Welt: Der bereits 1894

gegründete Tongariro-Nationalpark schützt eine vielfältig strukturierte

Vulkanlandschaft auf der Nordinsel Neuseelands. Die einzigartige

Landschaft ist zugleich auch von der UNESCO als ein Welterbe der

Menschheit anerkannt worden. Foto Janke.

4.) Förderung nachhaltiger regionaler Wirtschaftsweisen

Nationalparke liegen besonders häufig - auch in Deutschland - in

wirtschaftlich benachteiligten Randregionen. Ihre besondere

Anziehungskraft für naturliebende Besucher bietet der örtlichen

Bevölkerung eine Möglichkeit zur Unterstützung der Nationalparkziele,

z.B. durch die Entwicklung nachhaltiger Wirtschaftsweisen

im Umfeld der Nationalparke und eines nachhaltigen

Fremdenverkehrs, der sich mit den Zielen des Nationalparks

identifiziert und sich so eine langfristige Erwerbsquelle schafft.

Nationalparke und Welterbe

Viele Nationalparke stehen in der von der UNESCO betreuten

"Liste des Welterbes". In diese werden nach einem aufwendigen

Prüf- und Anerkennungsverfahren nur solche besonderen Naturund/oder

Kulturgüter aufgenommen, die im weltweiten Vergleich

von herausragender Einzigartigkeit und von außergewöhnlichem

universellen Wert sind. Ihr Erhaltungszustand muss durch entsprechende

nationale Regelungen (z.B. Gesetze) oder Managementmaßnahmen

gesichert sein. Mit der Aufnahme in die Liste

der Welterbestätten ist eine besondere Anerkennung der

Weltgemeinschaft gegenüber dem Land und seiner Bevölkerung

sowie deren besonderen Bemühungen um den Erhalt der einzigartigen

Schutzgüter verbunden. Welterbestätten zählen zu den

besonders beliebten Fremdenverkehrszielen. Sie stärken damit in

besonderem Maße auch die regionale Wirtschaft.

1 Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer

2 Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer

3 Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer

4 Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft

5 Nationalpark Jasmund

6 Müritz-Nationalpark

7 Nationalpark Unteres Odertal

8 Nationalpark Harz

9 Nationalpark Hochharz

0

1

2

3

Nationalpark Hainich

Nationalpark Sächsische Schweiz

Nationalpark Bayerischer Wald

Nationalpark Berchtesgaden

Abb. 3: Nationalpark Berchtesgaden, der

Watzmann. Foto Körber.

D sseldorf

Saarbr cken

3 2

Mainz

1

Nationalparke

Wiesbaden

Bremen

Stuttgart

Hannover

Kiel

Hamburg

8

9

10

Erfurt

M nchen

Schwerin

Magdeburg

Abb. 4:Verteilung der deutschen Nationalparke (Stand Dez. 2000).Verändert nach einer Vorlage von Europarc Deutschland.

4

Potsdam

13

6

Berlin

Dresden

12

11

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 121

5

7


Naturschutz im Wattenmeer

122

Das Wattenmeer ist Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen und gleichzeitig ein stark von Menschen beeinflusstes

Gebiet. Die Bemühungen, diesen einzigartigen Naturraum zu schützen und zu erhalten, erfordern ein grenzüberschreitendes

Handeln. Seit Ende der siebziger Jahre arbeiten die drei Wattemeeranrainerstaaten Dänemark, Deutschland und die

Niederlande zusammen und wenden dabei gemeinsame Grundsätze und Instrumente für den Schutz des Wattenmeeres an.

Die trilaterale Zusammenarbeit zum Schutz des

Wattenmeeres

Die trilaterale Zusammenarbeit zum Schutz des Wattenmeeres

beruht auf einer Absichtserklärung der drei Regierungen. Die so

gewählte Form der Zusammenarbeit hat die erfolgreiche Überbrückung

vieler bestehender Unterschiede begünstigt und die

Voraussetzungen in Richtung eines integrierten Schutzes des

gesamten Wattenmeeres geschaffen. Um die Zusammenarbeit zu

intensivieren, wurde 1987 das ”Gemeinsame Wattenmeersekretariat”

mit derzeitigem Sitz in Wilhelmshaven eingerichtet.

Eckpunkte trilateraler Politik im Wattenmeer

Die trilaterale Zusammenarbeit zum Schutz des Wattenmeeres

basiert auf der ”Gemeinsamen Erklärung zum Schutz des Wattenmeeres”

aus dem Jahre 1982. Die trilaterale Wattenmeerpolitik

baut auf den bestehenden unterschiedlichen nationalen Strukturen

auf und wird in diesem Rahmen umgesetzt. Die gemeinsame

Politik beinhaltet folgende Eckpunkte:

• Gemeinsame Grundsätze (Common Principles),

• Gemeinsame Ziele (Common Targets),

• Gemeinsames Kooperationsgebiet (Trilateral Cooperation Area),

• Trilateraler Wattenmeerplan (Trilateral Wadden Sea Plan),

• Trilaterales Wattenmeer-Umweltbeobachtungsprogramm

(Trilateral Monitoring and Assessment Program)

Dieses ‘Paket’ gemeinsamer Politik wurde auf den Regierungskonferenzen

zum Schutz des Wattenmeeres in Esbjerg, Dänemark

1991, in Leeuwarden, Niederlande 1994 und in Stade, Deutschland

1997 vereinbart und ausgebaut.

1. Gemeinsame Grundsätze

Der leitende Grundsatz der trilateralen Wattenmeerpolitik ist, ”so

weit wie möglich ein natürliches und sich selbst erhaltendes Ökosystem,

in dem natürliche Prozesse ungestört ablaufen können, zu

erreichen”. Im Zusammenhang damit sind gemeinsame Prinzipien

formuliert worden wie z. B. das Vorsorgeprinzip. Sie bilden

die Grundlage für jegliche zu treffende Entscheidung bezüglich

des Schutzes und Managements des Wattenmeeres.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

2. Gemeinsame Ziele

Die drei Staaten haben vereinbart, die Vielfalt der Biotoptypen

des Wattenmeeres, die zu einem natürlichen und dynamischen

Ökosystem gehören, zu erhalten. Dazu gehören Salzwiesen, Tidebereiche,

Ästuare, Strände und Dünen, Offshore-Bereiche und

ländliche Gebiete. Jeder dieser Lebensräume sollte eine bestimmte

Qualität aufweisen, die durch geeignete Maßnahmen erreicht

werden kann. Die Qualität der Biotope, die durch bestimmte

Strukturen, Organismen und abiotische Faktoren (z.B. chemische

Substanzen in Wasser und Sediment) charakterisiert werden, soll

erhalten oder verbessert werden.

3. Gemeinsames Kooperationsgebiet

Um die unterschiedlichen nationalen Strategien und Instrumente

zur Umsetzung gemeinsamer Naturschutzziele zusammenzuführen,

wurde ein Gebiet definiert, in dem die gemeinsamen

Grundsätze und Ziele Anwendung finden: das Gemeinsame Wattenmeerkooperationsgebiet.

Das Kooperationsgebiet umfasst in

der Regel das Gebiet zwischen der 3-Seemeilenzone und dem

Hauptdeich bzw. der Brackwassergrenze. Dort, wo kein Hauptdeich

vorhanden ist, gehören das Gebiet seewärts der Springtiden-Hochwasserlinie

inklusive der Inseln und Ästuare und der

Binnenlandgebiete dazu, die als Ramsar-Gebiete und EG-Vogelschutzgebiete

ausgewiesen sind. Die bestehenden Schutzgebiete

und Nationalparke im Bereich des Kooperationsgebietes sind als

trilaterales Schutzgebiet (Conservation Area) definiert. Die Vereinbarung

sieht ausdrücklich vor, dass es in dem Kooperationsgebiet

Bereiche gibt, in denen die Nutzung durch den Menschen

Priorität genießt.

4. Der Trilaterale Wattenmeerplan

Der trilaterale Wattenmeerplan basiert auf den gemeinsamen

Zielen, die für jeden Lebensraum und für ausgewählte Arten festgelegt

wurden. Er enthält Vereinbarungen für eine gemeinsame

Naturschutzpolitik sowie trilaterale Aktivitäten und Projekte, um

die angestrebten Zielsetzungen zu erreichen.

Der Plan bezieht sich auf das gesamte Kooperationsgebiet. Er

deckt auch Themen wie landschaftliche und kulturelle Aspekte ab

und bezieht Bereiche mit ein, die außerhalb der nationalen

Schutzgebiete liegen und bisher nicht oder nicht im vollem Umfang

Gegenstand der trilateralen Vereinbarungen waren. Dazu

gehören Ästuare, Dünen und Offshore-Gebiete.

Für nahezu alle menschlichen Aktivitäten wurden gemeinsame

Regelungen vereinbart, um das Wattenmeer umfassend zu schützen.

Gleichzeitig wird im Wattenmeerplan ausdrücklich betont,

dass auch in Zukunft menschliche Aktivitäten im Sinne einer

nachhaltigen Nutzung möglich sind.

5. Das Trilaterale Umweltbeobachtungsprogramm

Ein wichtiges Werkzeug für die politischen Entscheidungsfindung

ist die Bewertung des Zustandes des Wattenmeerökosystems.

Dazu werden Qualitätszustandsberichte erstellt, die den

aktuellen Zustand von Flora und Fauna und ihrer Lebensräume

analysieren. Nationale Programme zur Umweltüberwachung

(Monitoring) stellen die dazu notwendigen Grundlagen bereit.

Um die Beobachtungsprogramme zu harmonisieren wurde im

Jahr 1994 das sogenannte ”Trilateral Monitoring and Assessment

Program” (TMAP) ins Leben gerufen. Zu den bereits bestehenden,

trilateral abgestimmten Programmen wie Seehund- und

Vogelzählungen, werden in den nächsten Jahren weitere Parameter

hinzukommen. Alle Ergebnisse werden in einem gemeinsamen

Datenverarbeitungssystem gespeichert und damit einfacher

und schneller verfügbar sein als bisher.

Erste erfolgreiche Schritte wurden bereits mit gemeinsamen

Monitoring-Programmen für Seehunde sowie für Brut- und Rastvögel

unternommen. Seit 1990 werden z.B. alle fünf Jahre

Bestandserfassungen von Brutvögeln im gesamten Wattenmeer

organisiert. Sie werden ergänzt um jährliche Zählungen in ausgewählten

Gebieten. Diese Erfassungen sind nur möglich, weil

Hunderte von ehrenamtlichen Zählern sie mit großem

Engagement unterstützen.

Ausblick

Die Erarbeitung eines gemeinsamen Managementplanes und

einer gemeinsamen Umweltüberwachung verstärkt die trilaterale

Zusammenarbeit und gibt Impulse für neue Aktivitäten. Für die

Zukunft soll gemeinsam ein nachhaltiger Schutz sowie eine harmonisierte

Entwicklung und Nutzung des Wattenmeeres gewährleistet

und weiterverfolgt werden. Das wiederum ist nur durch die

Weiterentwicklung eines integrierten Ansatzes durch Maßnahmen

auf unterschiedlichen Ebenen möglich.


Meilensteine der trilateralen Zusammenarbeit Trilaterale

Regierungskonferenzen und ihre wichtigsten Ergebnisse

1978

1.Wattenmeerkonferenz, Den Haag, Niederlande

Beschluss zu Intensivierung der Zusammenarbeit zum

Schutz des Wattenmeeres.

1980

2.Wattenmeerkonferenz, Bonn, Deutschland

Koordination der wissenschaftlichen Forschung.

1982

3.Wattenmeerkonferenz, Kopenhagen, Dänemark

Verabschiedung der ”Gemeinsamen Erklärung” (Joint Declaration).

1985

4.Wattenmeerkonferenz, Den Haag, Niederlande

Errichtung eines gemeinsamen Wattenmeersekretariates.

1988

5.Wattenmeerkonferenz, Bonn, Deutschland

Vereinbarung zum Schutz der Seehunde im Wattenmeer (Seals Agreement).

1991

6.Wattenmeerkonferenz, Esbjerg, Dänemark

Verabschiedung von gemeinsamen Grundsätzen und Zielen

bezüglich menschlicher Nutzungen.

1994

7.Wattenmeerkonferenz, Leeuwarden, Niederlande

Verabschiedung eines trilateralen Kooperationsgebietes und

gemeinsamer ökologischer Zielsetzungen.

1997

8.Wattenmerkonferenz, Stade, Deutschland

Verabschiedung eines trilateralen Wattenmeerplans.

Quelle: Common Wadden Sea Secretariat (1994)

Kartographie: Common Wadden Sea Secretariat

Bearbeitung: ökologie & planung, H. Marencic

Die Trilaterale Wattenmeerzusammenarbeit:

so funktioniert sie

Die Trilaterale Regierungskonferenz (TGC) der Umweltminister

der drei Wattenmeerstaaten ist das höchste Entscheidungsgremium

in der trilateralen Zusammenarbeit.Auf

ihr werden gemeinsame Maßnahmen und Aktivitäten zum

Schutz des Wattenmeeres vereinbart. In der Zeit zwischen

den Regierungskonferenzen wird die Arbeit von den Abteilungsleitern

der Ministerien, den Senior Officials (SO), geleistet.

Das Arbeitsgremium der trilateralen Zusammenarbeit

ist die Trilaterale Arbeitsgruppe (Trilateral Working Group,

TWG), die drei- bis viermal im Jahr zusammentritt. In ihr

sind Mitarbeiter der verantwortlichen Ministerien und regionalen

Behörden vertreten. Die TWG ist verantwortlich für

die Umsetzung der Beschlüsse der Regierungskonferenz, für

die Koordinierung der trilateralen Arbeiten und die Vorbereitung

der Regierungskonferenzen. Die TWG hat zu diesem

Zweck eine Reihe von Arbeitsgruppen eingerichtet wie

z.B. die Trilaterale Monitoring- und Bewertungs-Gruppe

(Trilateral Monitoring and Assessment Group, TMAG).

Diese ist verantwortlich für die Durchführung des trilateralen

Monitorings und für die Erstellung der Qualitätszustandsberichte.

Das Gemeinsame Wattenmeersekretariat (Common Wadden

Sea Secretariat, CWSS) wurde 1987 eingerichtet mit

der Aufgabe die Arbeiten innerhalb der trilateralen Zusammenarbeit

zu unterstützen, anzuregen und zu koordinieren.

Trilaterale Koorperation

Nationale Ebene Trilaterale Ebene

Dänemark:

Minister für Umwelt

und Energie

Deutschland:

Bundesminister für

Umwelt, Naturschutz

und Reaktorsicherheit

Niederlande:

Minister für

Landwirtschaft,

Naturschutz und Fischerei

Mitarbeiter der

Ministerien und

regionalen Behörden

Nationale

Experten

Trilaterale

Regierungskonferenzen

(Trilateral Goverment

Conferences, TGC)

Abteilungsleiter

(Senior Officials, SO)

Trilaterale

Arbeitsgruppe

(Trilateral Working

Group, TWG)

Gemeins.

Wattenmeersekretariat,

(CWSS)

Trilaterale

Experten-Arbeitsgruppe

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer 123


Naturschutz im Wattenmeer

124

Watt, Salzwiesen, Dünen, Seegraswiesen und Brandseeschwalbe, Finte, Seehund, Schweinswal - allen diesen Lebensräumen

und Arten des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer ist gemeinsam, dass sie europaweit selten und in ihrem Fortbestand

bedroht sind. Um dieses Naturerbe und die biologischen Vielfalt in Europa auch für kommende Generationen zu erhalten,

wurden vom Ministerrat der Europäischen Gemeinschaft verbindliche Richtlinien zum Schutz gefährdeter Lebensräume

und ihrer Arten verabschiedet.

Europäische Naturschutzrichtlinien im Wattenmeer

Die Europäische Vogelschutzrichtlinie

Um den Erhalt der natürlichen Artenvielfalt in Europa zu sichern,

hat die Europäische Union bereits 1979 die Richtlinie

79/409/EWG des Rates vom 2.4.1979 über die Erhaltung der

wildlebenden Vogelarten (zuletzt geändert am 29.7.1997) – kurz

benannt als Europäische oder EG-Vogelschutzrichtlinie - verabschiedet.

Diese Richtlinie sieht vor, dass für bestimmte in einem

Anhang aufgelistete Vogelarten besondere Schutzgebiete auszuweisen

sind, um deren Erhalt langfristig zu sichern. Dabei handelt

es sich in der Regel um besonders wichtige Brut- , Rast- , Überwinterungs-,

Nahrungs- oder Mausergebiete für diese Vogelarten,

ggf. auch in Kombination mehrerer der benannten Funktionen.

Bei der Benennung von EG-Vogelschutzgebieten wird darüber

hinaus auch das Übereinkommen über Feuchtgebiete, insbesondere

als Lebensraum für Wat- und Wasservögel von internationaler

Bedeutung – kurz RAMSAR-Konvention benannt – berücksichtigt,

welchem im Rahmen von Staatsverträgen weltweit bereits

über 100 Länder beigetreten sind. Als wichtiges Kriterium für den

besonderen Wert eines Gebietes im Sinne der Ramsar-Konvention

ist festgelegt, dass sich mindestens 1% des biogeographischen

Bestandes einer Vogelart oder einer ihrer geografischen Unterarten

regelmäßig dort aufhält und sich dort ernährt. Derartige international

bedeutsame Vogelschutzgebiete unterliegen ebenfalls dem

Schutz der Europäischen Vogelschutzrichtlinie.

Die Umsetzung der Europäischen Vogelschutzrichtlinie im hamburgischen

Wattenmeer erfolgte in zwei Phasen. Mit Einführung

der Richtlinie meldete Hamburg bereits 1982 zwei Bereiche des

hamburgischen Wattenmeeres gegenüber der Europäischen

Union als besonders zu schützende Gebiete im Sinne der Richtlinie

an. Hierbei handelte es sich um die damaligen Naturschutzgebiete

Scharhörn (ausgewiesen 1967, ca. 200 ha) und Neuwerk/

Kleiner Vogelsand (1982, ca. 380 ha). Nachdem der Nationalpark

kurz nach seiner Gründung im August 1990 unter dem Schutz der

Ramsar-Konvention gestellt wurde, folgte dann in einem zweiten

Schritt die Ausweisung als EG-Vogelschutzgebiet im März 1998.

Nationalpark-Atlas Hamburgisches Wattenmeer

Europäische Flora – Fauna – Habitat-Richtlinie

Die langjährigen Erfahrungen im Umgang mit der Vogelschutzrichtlinie

machten schon bald deutlich, dass sie nicht in ausreichendem

Maße den gesteigerten Anforderungen an einen gemeinschaftsweit

verbindlichen Schutz von seltenen und gefährdeten

Lebensräumen und Arten in ganz Europa genügen konnte. Aus

diesem Grund erließ der EU-Ministerrat die Richtlinie 92/43/-

EWG des Rates vom 21.05.1992 zur Erhaltung der natürlichen

Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen (geändert

durch die Richtlinie 97/62/EG des Rates vom 27.10.1997) –

kurz Flora – Fauna - Habitat- Richtlinie (auch FFH-Richtlinie)

genannt. In ihr werden erstmals in Ergänzung des Vogelschutzes

durch die Vogelschutzrichtlinie umfassende Schutzvorschriften

für weitere, in Anhängen zur Richtlinie aufgelistete Tierarten,

Pflanzen und Lebensräume festgeschrieben

Die Ausweisung von FFH-Gebieten folgt im Gegensatz zur

EG-Vogelschutzrichtlinie in einem dreistufigen Verfahren

Phase 1: Die EU-Mitgliedstaaten benennen nach bestimmten

Auswahlkriterien, die in einem gesonderten Anhang der FFH-

Richtlinie aufgeführt sind, ihre Vorschlagsgebiete gegenüber der

EU-Kommission. In Deutschland sind für dieses Verfahren die

Bundesländer zuständig.

Phase 2: Die EU-Kommission bestimmt im Einvernehmen mit

den Mitgliedstaaten diejenigen Gebiete, die in eine gemeinschaftliche

Liste eingetragen werden.

Phase 3: Die Mitgliedstaaten weisen die als FFH-Gebiete ausgewählten

Gebiete bis spätestens 2004 aus.

Im Rahmen der ersten Phase hat Hamburg seine Benennungen

von FFH-Gebieten abgeschlossen. Trotz seiner im Vergleich zur

gesamten Europäischen Union verschwindend geringen Flächengröße

von ca. 870 km 2 kommen hier immerhin 34 Lebensräume

und 20 Arten der FFH-Richtlinie vor. Dies führt dazu, dass 6,3 %

der Hamburger Landesfläche als europäische Schutzgebiete benannt

sind. Mit dem seit Dezember 1998 in dieses Netzwerk integrierten

Nationalpark