Machs Na! - Berner Münster-Stiftung

bernermuensterstiftung.ch

Machs Na! - Berner Münster-Stiftung

Machs na!

Das Berner Münster – ein Denkmal mit Vergangenheit und Zukunft

Christoph Schläppi

«Machs na», noch stolzer als mit dieser unbescheidenen Inschrift kann kaum

auf ein Werk durch seine Bauleute hingewiesen werden. Gerade dieser legendäre

Spruch lassen das Berner Münster, das er ziert, als ein Bau für die Ewigkeit

erscheinen. Dem ist aber nicht so. Zahlreich sind die Probleme, die sich

heute den Fachleuten bei der Erhaltung dieses Meisterwerkes der spätgotischen

Baukunst stellen.

Die Mehrzahl der in Bern Ankommenden teilt

seit einem halben Jahrtausend ein ähnliches

Erlebnis: Sei es, dass sie von Wabern her, übers

Grauholz, bloss über die Kirchenfeldbrücke oder

mit der Eisenbahn über den Lorraineviadukt

nahen – das Gefühl, in Bern zu sein, stellt sich

ein, sobald sie in der Silhouette der Altstadt den

Turm des Münsters geortet haben. Dank dem

Münster repräsentiert die Berner Altstadt aufs

Beste die romantische Vorstellung einer mit Türmen

und Zinnen bekrönten mittelalterlichen

Stadt. Doch je weiter sich der Siedlungsteppich

Berns in den letzten 200 Jahren über die mittelalterlichen

Stadtgrenzen hinaus ausgebreitet hat,

umso bedeutender ist auch das Münster als Wahrzeichen

und Merkpunkt des Stadtzentrums geworden.

Auf tausenden von Postkarten, Videos,

Fotos tragen Touristen aus aller Welt das Bild des

Denkmals wieder in die Welt hinaus. Es wäre

wohl nicht verfehlt, die Bedeutung des Münsters

für das allgemeine Bewusstsein mit jener von

Eiger, Mönch und Jungfrau zu vergleichen. Nicht

nur, weil es so häufig das Objekt der oben geschilderten

unbewussten Vergewisserung ist –

Bern ist ohne seine «grosse Kirche» schlicht nicht

vorstellbar.

Berns dominierendstes Bauwerk in der Altstadt fasziniert

ankommende Reisende bereits von der Eisenbahnbrücke

aus (Fotodokumentation Berner Münster-Stiftung).

Denkmal eines selbstbewussten Staatswesens

Für ein Bauwerk ist das ein enormer Erfolg, und

für seine Schöpfer eine gewaltige Leistung. Als

1421 der Grundstein zum Münster gelegt wurde,

hatte Bern die grösste Feuersbrunst der Geschichte

16 Jahre hinter sich, war seit vier Jahren

das neue Rathaus eingeweiht und stand seit

sechs Jahren der Aargau unter bernischer Herrschaft.

Man spürt: das Münster ist weit mehr als

die grosse Mehrzweckhalle oder die Pfarrkirche,

die eine Stadt von damals gegen 10’000 Einwohnerinnen

und Einwohnern zum alltäglichen

Funktionieren brauchte. Vielmehr ist es das

Denkmal, mit dem sich ein Staatsgebilde voller

Ambitionen in einer Zeit des Umbruchs und des

Erfolgs einen angemessenen Auftritt unter den

Städten Europas verschaffen wollte – ähnlich,

wie es zwei Jahrhunderte zuvor die französischen

Kathedralstädte getan hatten. Noch vor der Vollendung

des Münsters sollte Bern 1536 mit der

Eroberung des Waadtlandes zur grössten Stadtrepublik

nördlich der Alpen aufsteigen und die

mit dem Bauwerk geäusserten Ansprüche politisch

bekräftigen. Selbstbehauptungswille und

politisches Kalkül hatten bereits 1484 zur staatlichen

Übernahme des Chorherrenstifts von den

Deutschrittern geführt. Dadurch verschaffte sich

die öffentliche Hand nicht nur die Kontrolle über

die Kirchenverwaltung, sondern begründete ein

kirchenrechtliches Gebilde, welches man als

eine Art weltlich geführtes Bistum umschreiben

73


könnte. Bis dahin hatten die Bistümer Lausanne

und Konstanz die kirchliche Obrigkeit im bernischen

Staatsgebiet vertreten. Nun durfte der

Probst des Chorherrenstifts mit päpstlichem Segen

bischöfliche Insignien tragen. Freilich war

das Münster weder rechtlich noch typologisch je

eine Kathedrale, sondern, präzise ausgedrückt,

eine Stiftskirche. Wie auch immer: die einzigartige

Struktur, welche die bernische Kirchenverwaltung

noch heute innehat, geht auf den

Sonderstatus der spätmittelalterlichen Kirchenverwaltung

zurück.

Die wichtigsten Bauetappen

Damit ist kurz, wenn auch nicht vollständig umrissen,

welcher Rang dem Münster als Denkmal

zugedacht war, ein Anspruch, den es bis heute

glaubwürdig repräsentiert. Mit Matthäus Ensinger

aus Ulm wurde zur Initiierung des Projekts ein

junger Spross aus einer der grossen Architektenfamilien

der Zeit zum Werkmeister berufen –

sein Vater Ulrich arbeitete zu jener Zeit am

Nordturm des Strassburger Münsters, einer der

prestigeträchtigsten Baustellen weit herum. Ein

74

Bern vom Muristalden aus betrachtet. Das Münster prägt

das Stadtbild. Aquarell von David Alois Schmid, um 1830

(Grafische Sammlung ETH).

Vergleich zum heutigen Klee-Zentrum oder zur

kürzlich begonnenen Westside-Überbauung in

Bern-Brünnen, die von international renommierten

Architekten entworfen worden sind, drängt

sich auf. Mit der Verschränkung von Seitenschiffen

und Chor unter Verzicht auf ein Querhaus

entwickelte Ensinger einen Grundriss, der die

Bedürfnisse der Chorherren auf ideale Weise erfüllte,

aber auch einen zeitgemässen Raum von

grosser Einheit ermöglichte. Bis in die 1440er

Jahre trieb Ensinger den Bau im Bereich des

Chors und der seitlichen Fassaden bzw. der

Strebepfeiler voran. Um den Schwierigkeitsgrad

der Aufgabe zu begreifen, muss man bedenken,

dass während den ersten rund 30 Jahren der

Bauzeit mitten auf dem Bauplatz noch die so genannte

Leutkirche, der Vorgängerbau des Münsters,

stand, und dass die Messe während der ganzen

Bauzeit ohne Unterbruch gefeiert werden

musste.


Vor Ausbau des Münsterturmes. Foto um 1885 (Fotodokumentation

Berner Münster-Stiftung).

Mit den Glasmalereien im Chor, die in den

1440er und 1450er Jahren entstanden, suchte

man jene der Klosterkirche im aargauischen

Königsfelden, der Grablege der Habsburger, zu

übertrumpfen. Hinter einem Baudenkmal im

Untertanengebiet zurückzubleiben, kam nicht in

Frage. Als Ensinger um die Jahrhundertmitte

wegen Geldmangels – Bern war in den alten

Zürichkrieg verwickelt – den Werkplatz verliess

75


und nach Ulm zog, waren die von ihm begonnenen

Bauteile weit vorangeschritten. Mehrere

Werkmeister setzten die Arbeiten zunächst an

den Seitenschiffen, dann am Westbau fort. Erhart

Küng, der bereits am Westportal gearbeitet hatte,

folgte 1483 ins Werkmeisteramt. Er zog den

neuen Turm hoch und hängte die Glocken aus

dem alten Turm um, doch musste wegen statischer

Probleme – der südöstliche Turmpfeiler

senkte sich ab – ein zehnjähriger Baustopp verhängt

werden. Als 1528 in Bern die Reformation

vollzogen wurde, war das Münster gleichwohl in

einem annehmbaren Zustand fertig gestellt;

kaum ein Jahrzehnt zuvor waren die prächtigsten

76

Der Münsterturm vor der

Vollendung. Blick von der

Plattform aus (Fotodokumentation

Berner Münster-

Stiftung).

Ausstattungsstücke wie das Chorgestühl, das

Chorgewölbe (auch «himmlischer Hof» genannt)

oder die Vinzenzenteppiche (heute im Historischen

Museum) vollendet worden.

Reformation und Vollendung

Die Konsequenzen der Reformation auf das

Münster sind bis heute nicht vollständig geklärt.

Bekannt ist, dass damals rund 25 Altäre und eine

unbekannte Anzahl sonstiger Bildwerke aus

dem Bau entfernt wurden. Wenn wir heute für

den Reformationsprozess manchmal den Begriff

«Bildersturm» vernehmen, stellen wir uns den

Vorgang möglicherweise handgreiflicher vor, als


In den Jahren 1889 –1896

wurde das oberste Drittel des

Münsterturmes erweitert und

vollendet. Diesen Arbeiten

gingen umfangreiche Sicherungen

am Fundament und

am bestehenden Turm

voraus, Foto kurz vor 1900

(Fotodokumentation Berner

Münster-Stiftung).

er tatsächlich war. Wie sonst hätten die wichtigsten

Ausstattungsstücke – neben dem Westportal

zum Beispiel das wunderbare Chorgewölbe mit

mehr als 80 überlebensgrossen Heiligenfiguren –

überleben sollen? Eines hingegen ist klar: für das

Baugeschehen bedeutete die Reformation das

vorläufige Ende. Erst zwischen 1571 und 1592

wurden das Mittelschiffgewölbe, das so genannte

untere Oktogon (Achteck) des Turmes und einige

andere wichtige Bauteile vom Prismeller

Werkmeister Daniel Heintz vollendet. Während

damals in Rom bereits die ersten Bauten des

Frühbarocks am Entstehen waren, kommt Heintz

das Verdienst zu, das Münster in gotischer Ma-

nier fertig gestellt, ja in passender Weise vollendet

zu haben.

Eineinhalb Jahrhunderte Baugeschichte:Auf unsere

Zeit übertragen würde dies einem Bauvorhaben

gleichkommen, das ungefähr anlässlich

der ersten Bundesverfassung begonnen worden

ist und sich nun langsam der Fertigstellung

nähert. Um einen Vergleich zu beanspruchen: so

sieht die Geschichte der Schweizer Eisenbahnen

von der Spanisch Brötli-Bahn bis zur Fertigstellung

der Neat aus. Eine angemessene Einschätzung

der Bedeutung des Münsters kann die

Grenzen des Vorstellungsvermögens ziemlich

strapazieren!

77


Auch Restaurierungen haben ihre Geschichte: Die ursprüngliche

Schultheissenpforte (links oben) wurde 1899

durch eine Kopie ersetzt. Diesen Arbeiten gingen umfangreiche

Planungen zur neuen Gestaltung eines Schutzdaches

in neugotischem Stil voraus (links unten). Auf das Dach

wurde schliesslich verzichtet. Anlässlich der letzten Restaurierung

respektierte man den Eingriff vor hundert Jahren

und beliess es bei einer Reinigung (Foto rechts, Fotodokumentation

Berner Münster-Stiftung).

Schliessen wir unsere baugeschichtlichen Betrachtungen

mit einem anderen bemerkenswerten

Vorgang ab: der «Vollendung» des Turmes, für

welche 1880 der private Münsterbauverein

zusammentrat. Das oberste Drittel des Turmes, das

so genannte obere Oktogon, und der Helm wurden

in den Jahren 1889 –1896, also in wenigen

Jahren, unter der Leitung von August Beyer aus

Ulm im Rohbau fertig gestellt. Dabei kam dank

der Eisenbahn vor allem der günstige und robuste

Obernkirchener Stein aus der Gegend um

Hannover zur Anwendung – das gleiche Material

übrigens, mit dem heute in Berlin gebaut wird.

Auf den Bau folgt der Unterhalt

Nachdem Luc Mojon 1960 mit dem Kunstdenkmälerband

über das Münster die Baugeschichte

weitgehend wissenschaftlich aufgearbeitet und

geklärt hatte, sind in den letzten Jahren zahl-

Heute werden Orginalbauteile zurückhaltend gereinigt und

gefestigt (Fotodokumentation Münsterbauhütte Bern).

reiche neue Erkenntnisse über den Bauunterhalt

besonders im 19. und 20. Jahrhundert gesammelt

worden. So wissen wir inzwischen ansatzweise, zu

welchen unterschiedlichen Mitteln in verschiedenen

Epochen im Kampf gegen den Zahn der Zeit

gegriffen wurde. Beispielsweise, dass der Stein

spätestens ab dem 17. Jahrhundert mit Leinöl

behandelt wurde. Wir kennen die Auswirkungen

unsachgemässer Renovationen wie den Ersatz des

Mauergrundes am Turm in der zweiten Hälfte

des 19. Jahrhunderts, dessen Reparatur die Bauhütte

fast während der ganzen zweiten Hälfte

des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat. Oder wir

können die zahlreichen Bauteile benennen, welche

durch die Bauhütte seit ihrer Neugründung

anlässlich der erwähnten Turmaufstockung ersetzt

worden sind – sei es aufgrund der verwendeten

Steinsorten aus Deutschland und aus der Ostschweiz

oder aufgrund neuer historischer Erkenntnisse.

Zusammenfassend ist festzuhalten,

dass im Verlauf der Jahrhunderte erhebliche Teile

des Gebäudeäussern ersetzt oder restauriert

worden sind. Dies betrifft besonders die Strebewerke

und die Galeriebrüstungen, also besonders

viele reich mit Bauplastiken geschmückte

Teile und zahlreiche Fassadenflächen. Umgekehrt

hat der Ersatz all dieser Bauteile ins Bewusstsein

gerückt, dass originale Substanz und originale

Oberflächen in Zukunft mit besonderer Sorgfalt

gepflegt werden sollen, wenn der spätmittelalterliche

Charakter der Kirche auch weiterhin eine

authentische Wirkung entfalten soll.

79


Nachhaltige Baupflege

Vielen sind noch die grossen Gerüste in Erinnerung,

die während Jahrzehnten das so genannte

obere Viereck am Turm eingehüllt hatten. Hier

wurden gewaltige Mengen an Steinmaterial umgesetzt,

allein in der letzten Etappe an der Westfront

mehrere hundert Tonnen. Diese Arbeiten

haben in mehrfacher Hinsicht Grenzen des Machbaren

aufgezeigt: Der Totalersatz ist zeitaufwendig,

erfordert grosse Infrastrukturen, kostet

dadurch viel Geld und bewirkt nicht zuletzt, dass

mit den beschädigten Teilen jeweils gleich auch

noch die intakten Oberflächen ersetzt werden.

80

Links: Der Witterung stark

ausgesetzte Bauteile werden

durch Spenglerarbeiten

geschützt.

Unten links: Diese bis zur

Unkenntlichkeit verwitterte

Masswerk-Lunette muss

ersetzt werden.

Unten rechts: Bauornamente

an einer Fiale, links restauriert,

rechts in verwittertem

Zustand. (Fotodokumentation

Berner Münster-Stiftung).

Doch welches sind die Alternativen? Als viel

versprechend haben sich in den letzten Jahren

Methoden erwiesen, die bei der Restaurierung

von Werken der Bildhauerei entwickelt worden

waren. Im Unterschied zur Behandlung, die etwa

den in einem Sanierungsschacht der Münsterplattform

1985 gefundenen Figuren zuteil wurde,

müssen die am Bau restaurierten Flächen anderen

Anforderungen gehorchen. So sind restaurierte

Oberflächen am Bau dem Wind und Wetter

ausgesetzt, und in den meisten Fällen sind die

Schadensprozesse grossflächig und weit fortgeschritten.


Wasserschutz und Flicken

Im Unterschied zu einem «gewöhnlichen» Haus,

dessen Bauteile unter Dach und vom Regen geschützt

sind, sind grosse Teile des Münsters direkt

dem Wetter ausgesetzt. Sandstein ist ein vielseitiges

und robustes Material. Unter extremen Bedingungen

wie beispielsweise am Turm hingegen

reagiert er empfindlich auf die Auswirkungen von

Luftschadstoffen und Frost, deren wichtigster Auslöser

das Wasser ist.Wasser wirkt überall am Bau;

sei es als Regenwasser, welches die aus der Luft

gelösten Schadstoffe in den Stein bringt, als kapillares

Wasser, welches durch die kleinsten Hohlräume

des Steins dringt und Säuren und Salze

transportiert, oder als Kondenswasser, welches

sich am kühlen Stein niederschlägt. Mit Abdeckblechen

wird die Wasserführung so beeinflusst,

dass das feuchte Nass nicht am Bau herunterläuft,

sondern möglichst vor der Fassadenoberfläche

abtropft. Zu Schollen aufgesprungene

Oberflächen werden geklebt, verfestigt und

geglättet, damit Wasser weniger gut haften bleibt

und weniger schnell eindringen kann.

Steingerechte Planaufnahmen

mit Schadenskartierung

erleichtern den Fachleuten

der Münsterbauhütte die

Restaurierung.

Zu diesem Zweck werden angegriffene Werkstücke

gereinigt, aufgemörtelt und gefestigt. Hinter

diesen drei summarischen Begriffen steckt

ein enormes Arsenal an Methoden, welche je

nach Lage, Beschaffenheit und Zustand des

Werkstücks in spezifischer Zusammenstellung

zur Anwendung kommen. Allein bei der Reinigung

reichen die Möglichkeiten vom Glasfaserpinsel

über das Mikrosandstrahlgerät bis zum

Laser. Das «Flicken» des Steins geschieht mit

einer breiten Palette an Rezepturen und Prozeduren,

die vom Kleben offener Klüfte mit Kunstharzinjektionen

bis zum Nachbilden originaler

Oberflächen mit mineralischen Kalkmörteln

reichen, welche tagelange Nachpflege erfordern.

Beim Festigen schliesslich wird dem Stein, vereinfacht

gesagt, in Alkohol gelöste Kieselsäure

zugeführt. Diese stellt den von sauren Luftschadstoffen

degenerierten Kalk wieder her, mit

welchem die Sandkörner im Sandstein versintert

sind. Alle diese Methoden führen bei falscher

Handhabung nicht zur Konsolidierung, sondern

zur Zerstörung des kostbaren Materials, von

Schadensbild Stein

Absonden, Schuppen schwach

Absonden, Schuppen stark

Aufblättern

Schalen

Fehlstellen

Verschmutzung, Kruste

Organischer Bewuchs

Riss

Schadensbild Fugen

Fehlende Fuge

Schadhafte Fuge

81


dessen Atmungsfähigkeit (Fähigkeit zum Aufnehmen

und Abgeben von Wasser) seine Dauerhaftigkeit

abhängt.

High-Tech und direkte Erfahrungen am Bau

Wenn zu jeder Restaurierung aufwendige Zustands-

und Schadenskartierungen, umfangreiche

Dokumentationen sowie mit grosser Disziplin

durchzuführende Nachkontrollen gehören, so

bleiben die Kosten dieser Methode trotzdem um

Grössenordnungen unter den Kosten des traditionellen

Steinersatzes. Allerdings wird den MitarbeiterInnen

und ExpertInnen einiges abverlangt:

Die Belegschaft der Bauhütte, welche

früher Werkstücke hergestellt hatte, arbeitet

heute Hand in Hand mit Restauratoren und WissenschafterInnen,

unter anderem der beiden

Expert-Center der ETH Zürich und Lausanne.

Das Gefühl für den Stein, welches sie als HandwerkerInnen

erworben hatten, setzen die MitarbeiterInnen

der Bauhütte nun am gealterten

Material um. An mehreren Standorten nicht nur

am Bau finden Alterungs- und Beständigkeitsversuche

mit Prüfkörpern und Testflächen statt,

82

Fotogrammetrische Aufnahme des Münsterturms, 2004

(Fotodokumentation Berner Münster-Stiftung).

mit denen nicht nur die vorgenommenen Massnahmen

begleitet, sondern neue, effizientere Methoden

erforscht werden.

Mit diesen Anstrengungen ist die Münsterstiftung

nicht allein. An zahlreichen Werkplätzen in

ganz Europa werden heute Erfahrungen bei der

Steinrestaurierung und beim effizienten und

wirtschaftlichen Umgang mit den empfindlichen

Baudenkmälern gesammelt. Im Verband mit der

europäischen Dombaumeistervereinigung wird

das Münster so zum wichtigen Mosaikstein eines

gemeinsamen Grossunternehmens zum Erhalt

der unersetzlichen Kulturgüter.

Informatik, Information und Kommunikation

Die Revolution, welche mit der Einführung der

Informatik in der Bürowelt Eingang gefunden

hat, ist auch an der Münsterstiftung nicht spurlos

vorübergegangen. So werden heute alle Zeichenund

Planarbeiten der Münsterbauleitung mit

Hilfe von CAD (Computer aided design) erledigt.

Das ist selbstverständlich. Weniger selbstverständlich

ist die Qualität der hoch präzisen

Plangrundlagen, welche zurzeit im Rahmen eines

Grossprojekts von der Fotogrammetriefirma

Fischer in Müllheim (Deutschland) erarbeitet

werden. Die entsprechenden Daten und Dokumente,

dank deren erstmals ein vollständiger

Plansatz der Gebäudehülle zur Verfügung stehen

wird, liegen selbstverständlich in elektronischer

Form vor. Sie erlauben millimetergenaues Arbeiten

und Vorbereiten von baulichen Massnahmen,

ohne dass zuvor die traditionellen aufwendigen

Handaufnahmen gemacht werden müssen. Sollte

jemand einmal ein virtuelles Modell des Münsters

benötigen: die Grundlagen werden Jahr für

Jahr vervollständigt.

Ein anderes Projekt befasst sich mit der Datenbank

Münsterarchiv, welche dank einem Archivkatalog

mit digitaler Fotodokumentation den

Zugang zu einem neu erschlossenen Bestand an

Arbeiten in luftiger Höhe (Fotodokumentation Berner

Münster-Stiftung).


Informationen und Archivalien ermöglicht, ohne

dass die empfindlichen Blätter zur Hand genommen

werden müssen. Schliesslich unterhält die

Münsterstiftung seit letztem Jahr eine eigene

Website, auf welcher Fachleute und Laien sich

ein Bild über die laufenden Projekte verschaffen

oder sich auf einen Besuch im Münster vorbereiten

können. Wer einen Blick hinter die Kulissen

von Münsterbauleitung und Bauhütte werfen,

sich in historische Details vertiefen oder über die

neuesten Aktualitäten der Münsterstiftung im

Bild sein will, sei auf die zum Herunterladen bereiten

Tätigkeitsberichte, Infoblätter und Links

verwiesen. Die Adresse:

www.bernermuensterstiftung.ch

Gewitterwolken am Finanzhorizont

Als die Stadt Bern unlängst einseitig den Ausscheidungsvertrag

kündigte, in welchem die Anteile

und Verpflichtungen der Trägerschaft des

Münsters geregelt sind, musste sich die Münsterstiftung

unvermittelt mit der Möglichkeit von

gravierenden Leistungseinbussen, von Personalreduktionen

etc. befassen.Tatsächlich ist die Stiftung

auf die jährlichen Beiträge von Kirche,

Stadt, Kanton, Eidgenossenschaft und Burgerge-

84

Erstmals wird das Münster rundum fotografiert (Fotodokumentation

Berner Münster-Stiftung).

meinde angewiesen. Wenn sich einer dieser Partner

der Solidarität entzieht, wankt das gesamte

Finanzierungsgerüst. Keine erfreuliche Aussicht

angesichts der Ebbe, die allseits in öffentlichen

und kirchlichen Kassen herrscht! Nachhaltiger

Bauunterhalt setzt eine ständige Begleitung des

Bauwerks, die sofortige Reparatur von Schäden,

kurz: einen Unterhalt voraus, welchen Münsterarchitekt

Hermann Häberli gerne mit dem täglichen

Zähneputzen vergleicht.

Die oft vernommene Meinung, die Münsterstiftung

brauche sich um ihre Zukunft bestimmt

keine Gedanken zu machen, ist somit trügerisch.

Angesichts der düsteren Zukunftsaussichten hat

der Verein der Freunde des Berner Münsters vor

einem Jahr Felix Gerber beauftragt, als Fundraiser

in Aktion zu treten. Wenn Sie, liebe Leserin,

lieber Leser, Mitglied in diesem Verein werden

möchten oder die Münsterstiftung zum Beispiel

mit einer testamentarischen Zuwendung unterstützen

möchten, sind Ihnen dankbare Empfänger

und eine gute Sache sicher! Unterlagen sind im

Internet zu finden.

Verein der Freunde des Berner Münsters

p. Adr. von Fischer & Cie AG

Marktgasse 37

3011 Bern

bauer@bernermuensterstiftung.ch

Weiterführende Literatur:

Einen umfassenden Einblick in das Zeitgeschehen des

15. Jahrhunderts bietet: Berns grosse Zeit: das 15. Jahrhundert

neu entdeckt, hrsg. von Ellen J. Beer, Norberto Gramaccini,

Rainer C. Schwinges u.a., Bern: Berner Lehrmittelund

Medienverlag, 1999. Das vollständigste Nachschlagewerk

zum Münster ist nach wie vor: Luc Mojon, Das Berner

Münster, Basel: Birkhäuser, 1960 aus der Reihe der Kunstdenkmäler

der Schweiz. Über die Glasmalereien erschien

kürzlich der gewichtige Band der Corpus Vitrearum medii

aevi: Brigitte Kurmann-Schwarz, Die Glasmalereien des

15. bis 18. Jh. im Berner Münster, hrsg.von der Schweizerischen

Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften,

Bern: Benteli Verlag, 1998. Neue Erkenntnisse zu Leben und

Werk von Daniel Heintz sind nachzulesen bei: Johanna

Strübin Rindisbacher, Daniel Heintz: Architekt, Ingenieur

und Bildhauer im 16. Jh., Bern: Stämpfli, 2002.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine