Interview mit Andreas Kuno Richter zum Film - Geschichtswerkstatt ...

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Interview mit Andreas Kuno Richter zum Film - Geschichtswerkstatt ...

Wie ist der Titel des Films?

„Kurzer Prozess. Eine Seefahrt in den Stasiknast.“ Als gelernter Matrose habe ich den Begriff

„Meuterei“ eher vermieden, weil nur Besatzungsmitglieder meutern können. Obwohl

natürlich im übertragenden Sinne das Meutern schon stimmen würde, wenn man das Schiff

stellvertretend für die DDR nimmt. Ja, da gab es von Anbeginn Unzählige, die gegen den

Kurs der DDR gemeutert haben ...

Worum geht es?

Der Teenager Jürgen Wiechert (18) soll für acht Jahre ins Zuchthaus. Aber er ist völlig

unschuldig. Der Prozess gegen ihn und seine Freunde beginnt am 22. August 1961 im

Rostocker Bezirksgericht. Keine vier Tage später schon das gnadenlose Urteil – im Namen

des Volkes - wegen planmäßiger und staatsgefährdender Nötigung und Hetze. Jürgen und sein

Freund, Dietrich Gerloff (25), werden als „Rädelsführer“ weggesperrt. „Der ganze Prozess

war eine Farce“, sagt Gerloff heute. „Die SED-Diktatur hat kurz nach dem Mauerbau ein

Exempel statuiert. Hier ging es eindeutig gegen die Junge Gemeinde der evangelischen

Kirche in der DDR und gegen jeden, der frei bestimmt leben wollte.“

Fünfzig Jahre später. Im Sommer 2011 gehen fünf junge Mecklenburger auf Spurensuche. Sie

erkunden, warum ihre Altersgefährten damals überhaupt in solch eine dramatische Situation

gekommen sind, wie sie in die Fänge der Staatssicherheit gerieten.

Am Ostseestrand von Usedom treffen die Spurensucher den heute pensionierten Lehrer

Dietrich Gerloff. Er erzählt von einer Seereise seiner Jugendgruppe aus Berlin-Schmöckwitz.

Mit etwas Glück konnte er schon im Juli 1961 Karten buchen für einen Ausflug vor die

dänische Küste Bornholms. Als wegen hoher Wellen und starkem Seewind der Kapitän den

Kurs ändert, kommt Jürgen Wiechert auf die Idee, einen lustig gemeinten Zettel an „seine

Majestät, dem Herrn Admiral“ zu schreiben. Sogar „Neptun“ unterzeichnet diese witzige

Bitte, auf Bornholm-Kurs zu bleiben. Was dann folgt ist unglaublich. Die Funkstation Rügen-

Radio erhält einen Notruf, setzt die Volksmarine in Bewegung. Staatssicherheit und SED-

Partei melden abenteuerliche Berichte über eine Schiffsentführung. In Sassnitz werden die

Jugendlichen brutal verhaftet und abtransportiert in den Stasiknast nach Rostock.

Im Schauprozess – nur wenige Tage später – ist von Mordhetze gar die Rede. Der Fall ist

noch vor den Vernehmungen in Rostock Gegenstand einer Lagebesprechung zum Mauerbau

in Ostberlin, geleitet von Erich Honecker.

Akten der Staatssicherheit dokumentieren zweifelsfrei Absprachen zwischen Geheimdienst,

Staatsanwaltschaft und Richter. Der Gerichtsfall “Gerloff und andere”, wie auf dem

Aktendeckel zu lesen ist, zeigt gängige politische Willkürjustiz in der DDR.

Die neue RTL-Dokumentation wechselt diesmal auch die Perspektiven, stellt Fragen an die

jugendlichen Spurensucher, erkundet deren Gedanken und Empfindungen zu den Geschichten

und zur Geschichte der Zeitzeugen.

Jürgen Wiechert und Dietrich Gerloff sind bis heute traumatisiert von der brutalen Haft. Beide

werden im Oktober 1963 nach zwei Jahren und zwei Monaten Haft völlig überraschend

begnadigt - eine diplomatischen Premiere, für Unterhändler beider deutscher Staaten unter

strengster Geheimhaltung. Wiechert und Gerloff gehören im Herbst 1963 zur ersten Gruppe

von Häftlingen, die von der Bundesrepublik freigekauft werden. Als am 22.8.1961 der kurze

Prozess beginnt, wütet Walter Ulbricht vor dem SED-Politbüro und dem FDJ-Zentralrat: „Die

Junge Gemeinde in Berlin gehört zu den ärgsten konterrevolutionären Kräften. … Sie sterben

für Gott und Adenauer und sind bereit, Verbrechen zu begehen.“


Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Im Jahr 2011 habe ich erstmals mit der Hamburger Produktionsfirma EIKON Nord eine

Dokumentation für RTL gestaltet: „Der Verrat. Wie die Stasi Kinder und Jugendliche als

Spitzel missbrauchte.“ Nicht nur weil der Film ein Millionenpublikum erreicht und einen

wertvollen Fernseh-Preis erhalten hat, wollten EIKON und ich künftig weitere Projekte

realisieren. Das Thema ist mir dann vom Produzenten vorgeschlagen worden. Ich hatte zwar

auch anlässlich des Mauerbau-Gedenkens bereits Geschichten im Plan (z.B. mit Freya Klier:

„Die Vergessenen. Tod, wo andere Urlaub machen.“), aber diese so genannte

Schiffsentführung und das damit verbundene tragische Schicksal der Jugendlichen haben

mich neugierig gemacht. In einem ausgezeichneten Buch von Hellmuth Henneberg „Meuterei

vor Rügen“ standen fast alle Fakten dazu. Ich ging selbst in die Archive, kontaktierte die

Protagonisten und suchte später die jugendlichen Spurensucher.

Wo wurde gedreht?

Gedreht worden ist in Welver bei Soest, weil einer der Zeitzeugen nicht reisen kann. Wir

waren dann in Rostock, auf Usedom, Rügen und in Berlin. Natürlich sind wir auch mit einem

Schiff auf der Ostsee gewesen. Zufälliger Weise trug das neue Ausflugsschiff auch den

Namen „Binz“. Ach ja, wir waren dann noch in Hamburg in einer privaten Werft. Dort liegt

das verrostete Schiff „Seebad Binz“. Ein Belgier restauriert es. Es soll dann originalgetreu in

der Hafenstadt Antwerpen „in Rente gehen“ und als Lokal dienen.

Was ist das Besondere an dem Film?

Das Besondere an diesem Film? Ich denke, der sehr persönliche Kontakt von unseren

Spurensuchern, also fünf Jugendliche, die ich in der Jungen Gemeinde in Bernitt gefunden

habe, zu den Zeitzeugen gibt der Dokumentation eine eigene Note. Die Jugendlichen stellen

nicht nur Fragen, sie setzen sich mit der Geschichte auseinander,

kleiden sich wie in den 60er Jahren in der DDR. Alexander lässt sich sogar die Haare

schneiden – halblang, wie man im Osten der 60er sagte. Andere waren für einige Zeit im

ehemaligen Stasiknast, in Einzelzellen, um zu erfühlen, wie es war damals für die Opfer der

SED-Diktatur. Also wir haben bewusst reenactment-Elemente eingebaut, aber darüber hinaus

den jungen Leuten Raum gegeben für eigene Reflektionen – sie sitzen also auch vor der

Kamera und werden interviewt.

Welche Bedeutung hat er für Sie? Wie lang ist er?

Der Film ist im Juli abgedreht worden, dann war ich einige Wochen in Hamburg zum Schnitt

und am 1. September wird Bruce Willis den Text unter Bild sprechen. Nein, natürlich nicht

Bruce, sondern die deutsche Synchronstimme – der Schauspieler Manfred Lehmann. Ich bin

natürlich wie immer gespannt, wie das Publikum reagiert. Wir wollen ja junge Leute

interessieren. Unsere Hauptprotagonisten Dietrich Gerloff und Jürgen Wiechert beide

Pensionäre waren am Anfang sehr zweifelnd – gibt es wirklich Jugendliche, die sich mit

DDR-Geschichte auseinandersetzen wollen? Ja! Lustig war für mich auch eine Geschichte:

die Suche nach Jugendlichen führte mich zur Pastorin Elisabeth Lange nach Bernitt. Ich

stellte Martha, Karo, Alex, Heinzi und Phillip mein Projekt vor und sie fanden das toll. Auf

die Frage für welchen Sender das sei, antwortete ich korrekt: für RTL. Die Folge war fast eine


Absage und genau das hat mich überzeugt: die sind im Boot, die wollen nicht nur wegen der

TV-Kamera mitmachen!

Was bedeutet es Ihnen, dass RTL ihn ausstrahlt?

Als freier Filmemacher will ich Geschichten erzählen. Dazu zählen Dokumentationen ebenso

wie Reportagen, Expeditionsfilme, Feature oder Porträts. Lange Zeit konnte ich beim MDR

und RBB regelmäßig solche Formate anbieten und umsetzen.

Jetzt habe ich bei RTL Partner gefunden, die meine Art zu erzählen, schätzen – und die

Zuschauer auch. Der Unterschied ist allerdings: jetzt schauen unglaublich mehr junge Leute

zu. Aber – ich habe meine Art zu gestalten oder zu erzählen nicht der sonst RTL-üblichen

Form angepasst. Und das finde ich sehr bedeutsam, dass die Redaktion

so etwas fördert – am Ende ist allen wichtig, dass möglichst viele Zuschauer einschalten.

Sind Sie in der DDR aufgewachsen?

Ich bin in der DDR aufgewachsen, habe zuerst Matrose gelernt in Rostock (durfte aber „nur“

zur Hochseefischerei, weil es im Westen irgendwelche entfernten Verwandten gab) und

studierte dann Journalistik.

Welche Erlebnisse / Gefühle verbinden Sie damit?

Es ist immer schwer, in wenigen Worten zu erzählen, was man in Jahrzehnten erlebt und

empfunden hat. Wenn ich das mal nur auf meinen Beruf reduziere: ich wollte Geschichte

erkunden und weiter erzählen. Diese Neugierde brachte mich zuerst an Bord von

Hochseeschiffen, dann zum Radio. Ich wollte mich aber nicht politisch anpassen. Das

allerdings kollidierte schließlich mit meiner Arbeit. Ohne Partei-Ausweis ging in der DDR

vieles nicht – reisen zum Beispiel. Kurz vor der Wende wollte das Fernsehen mit einer neuen

Jugendsendung „ELF 99“ (Postleitzahl von Adlershof – Standort des DDR-Fernsehens)

Jugendliche an die Ost-Glotze binden. Ein Kumpel von mir hat mich vom Radio zum

Fernsehen in dieses Jugendmagazin geholt. Das war für mich ein Abenteuer – ein neues

Medium und dann überschlugen sich die Ereignisse, plötzlich kann ich in der ganzen Welt

recherchieren.

Relativ schnell habe ich mich mit Freunden entschlossen – als freier Filmemacher zu arbeiten.

Das klappt bis heute und das ist ein schönes Gefühl – oder wie die Spurensucherin Karo sagen

würde: wie geil ist das denn!

Wo leben Sie heute?

Ich lebe in Berlin-Friedrichshain zusammen mit meiner Frau und Julius, der mit 17 Jahren

sich auch sehr für diese Dokumentarfilm-Geschichten interessiert. Er hat beim Dreh geholfen

und wird einige Briefzitate im Film: „Kurzer Prozess. Eine Seefahrt in den Stasiknast“ unter

Bild sprechen.

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