PFORZHEIM IN AUFRUHR - Kulturhaus Osterfeld

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PFORZHEIM IN AUFRUHR - Kulturhaus Osterfeld

PFORZHEIM IN AUFRUHR

SCHAUSPIEL · Nach dem Roman „Der Nackte Mann“ von Emil Strauß

Premiere:

Freitag, 10.11.2006

20.00 Uhr

Weitere Termine:

Sa. 11.11.2006 20.00 h

Do. 07.12.2006 20.00 h

Fr. 08.12.2006 20.00 h

Do. 22.02.2007 20.00 h

Fr. 23.02.2007 20.00 h

So. 25.02.2007 15.00 h

Eine Kulturhaus-Osterfeld-Produktion

in Zusammenarbeit mit dem

Amateurtheaterverein Pforzheim e.V.

Bühnenbearbeitung: Fritz Schönthaler

Regie: Reinhard Kölmel

Musik: Peter Kuch

Plakatmotiv: Axel Hertenstein

Vorverkauf in den Kartenbüros:

· Kulturhaus Osterfeld, Osterfeldstr. 12, 75172 Pforzheim,

Tel. 07231 - 31 82 15 od. 0700-Osterfeld, Fax 31 82 23

www.kulturhaus-osterfeld.de

· Sparkassenhaus, Poststr. 3, 75172 Pforzheim

Tel. 07231 - 14 42 442, Fax 14 42 443

und an weiteren Vorverkaufsstellen in der Region

KULTURHAUS OSTERFELD PFORZHEIM


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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

Personenverzeichnis

Markgraf Ernst Friedrich von Baden-Durlach

Leuprant Gösslin, Hauptmann am Hof und Freund des Markgrafen, aus Pforzheim

Tischelin, Rat am Durlacher Hof

Johann von Münster, Obervogt in Pforzheim

Peblitz, Statthalter

Schornstetten, Hauptmann

Weinschenk, Leutnant (stumme Rolle)

Ungerer, lutherischer Superintendent in Pforzheim

Pforzheimer Bürgerinnen und Bürger:

Bürgermeister Simmerer

Doktor Ebertz, Advokat

Mathilde, seine Frau

Michel Grieninger, Apotheker

Frau Grieninger, seine Mutter

Pela Breitschwerdt

Hans Aichelin, gen. Lutz

Gerwig, Flößer

Enderle

Deimling

Anna Lotthammer

Cartelius, Schulmeister

Peter Gösslin, Altbürgermeister und Vater von Leuprant

Dorle, Wirtstochter

weitere Pforzheimer Bürger (stumm)

Soldaten

zwei kalvinistische Geistliche (stumm)

ein Arzt


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

1

(Im Wirtshaus zur „Kanne“ versammelt samstags abends gegen 10 Uhr: Ebertz, Hans Aichelin, Grieninger,

Enderle, Gerwig, Deimling, Anna Lotthammer, Frau Ebertz, Mutter Grieninger, Dorle)

Ebertz. Wenn Gott, wie die Kalvinisten behaupten, etliche wenige Menschen zur Seligkeit bestimmt hat,

die Mehrzahl aber zu ewiger Verdammnis, was folgt denn um Gottes Willen aus diesem Greuel? -

Nichts anderes, als dass der Mensch denkt: bist du nicht zur Seligkeit erwählt, so ist all dein

Beten, Predigt hören, Sakramentsempfang umsonst!

Bist du aber erwählt, so kann dir nichts schaden, und wenn du den größten Exzess begehst. Was

für eine Komödie trauen die Kalvinisten Gott zu! Prädestination nennen sie das. - Gotteslästerung!

Gerwig. Recht hast du, Doktor. Aber in diesen Irrglauben hat sich der Markgraf vergafft und uns will er

ihn aufzwingen.

Hans A. Was soll uns der Kalvin? Sind wir nicht seit eh und je gut lutherisch gewesen? Was muss er uns

den Frieden stören.

Deimling. Wenn er Krieg will, gut. Wir Pforzheimer sind nicht so kusch wie seine Durlacher drunten.

Enderle (leicht stotternd). W... Wir geben nicht nach.

Grieninger. Was redet ihr gleich von Krieg!

Deimling. Wir doch nicht! Aber sollen wir denn alles hinnehmen, was uns zuwider ist?

Anna L. Das Abendmahl abschaffen und die Orgel! Tanzen wir denn in der Kirche? Und warum sollen

im Gotteshaus keine schönen und frommen Bilder sein, bei denen einem das Herz aufgeht? - Und

manchmal auch ein Licht! Warum soll man wie in einer Kalkgrube sitzen im Gottesdienst?

Deimling. Warum soll ich nicht vor Gott knien? Ich muss doch auch vor jedem hohen Herrn den Bauch

einziehen und dienern bis auf den Boden.

Grieninger. Ach, das ist alles nicht so schlimm gemeint. Wir kommen vielleicht durch geduldigen

Widerstand besser zum Ziel. Bald ist der Ernst Friedrich es leid, sich mit uns zu streiten. Eines

Tages stirbt er, apoplektisch ist er ja, und sein Nachfolger ist lutherisch.

Ebertz. Ermüde du einen Fanatiker. Und dass es Gott gefällt, den Markgrafen abzuberufen, um uns

Zeugnis und Kampf zu ersparen, dafür bürgst du mir auch nicht. Du bist mir zu lau, Grieninger!

Da ist mir ein rechter Papist lieber, ja sogar ein Kalvinist, - so wenig ich ihm Recht geben kann.

Grieniger. Ja, du hast die Bibel und den Luther im Griff, wie ich meine Gläser und Schublädchen. -

Könntest einen Pfaffen abgeben.

Ebertz. ‘s ist auch nötig; man muss jetzt immer gestiefelt und gespornt sein. Du solltest auch mehr Farbe

bekennen.

Grieninger. Also wieder und immer wieder Streiterei und Feindschaft und Unterscheidung und Haarspalterei.

Ebertz. Halt! - Nicht Haarspalterei; aber gewiss Unterscheidung, immer wieder, solange es nötig ist: Wer

lehrt, dass Gott uns schon vor der Geburt zu Seligkeit oder Verdammnis bestimmt hat, der macht

das Opfer Christi überflüssig.

Hans A. Ebertz hat Recht.

Grieninger. Ich bestreite ja das Recht nicht, ich bestreite nur die Notwendigkeit, sich deswegen die Hälse

zu brechen.

Mutter Grieninger (bitter). Die Notwendigkeit, Hälse zu brechen, ist immer da, es fehlt nur manchmal ein

Vorwand. Ernst Friedrich gibt nicht nach, dafür kennt man ihn.

Gerwig. Wir tun’s auch nicht. Es wäre das erste Mal. Sein Vater hat’s erfahren. Er wird sich’s überlegen.

Enderle. Wir t...tun’s auch nicht.

Ebertz. Überlegen! Er hat gut überlegt, als er uns seinen Obervogt, den Herrn von Münster hergeschickt

hat, - den Schnüffler. (Es schlägt 10 Uhr.)

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

Hans A. Wo er wohl heute Abend wieder sitzt, um Schlag 10 Uhr in persona gratissima den Feierabend

zu bieten. (Ahmt eine Szene nach.): „Wollt Ihr uns schon verlassen, Herr Obervogt?“ - „Es sind 10

Uhr.“ - „Es sind 10 Uhr? - Ah, morgen wird’s wieder 10 Uhr.“ (Lacht, die anderen stimmen mehr

oder weniger heftig ein.)

Gerwig (singt und mimt dabei einen Betrunkenen).

Das Saufen will sich enden,

wir wollen heime zu.

Wir geh’n eng an den Wänden,

das Glucksen hat kein Ruh.

Ich durmel wie ein Gans darein,

dass mir der Schädel kracht.

Das schafft allein der gute Wein,

ade zur guten Nacht.

Zahlen Dorle! Aber nein, so spät kann ich ’s Einmaleins nimmer; ich zahl morgen, da geht’s in

einem hin.

Dorle. Geh nur, Robert, du bist mir sicher. (Sie kassiert bei den anderen. Allgemeiner Aufbruch.)

Ebertz (zu Grieninger). Gehen wir. Wir haben denselben Weg, Apotheker.

Grieninger. Ist es möglich, dass ein ausgewachsener Mensch wie der Obervogt von Münster jeden

Samstagabend in einer anderen Wirtschaft sitzt, bloß um Schlag zehn aufzustehen und die Leute

zur Polizeistunde zu zwingen?

Hans A. Wart’s ab, was uns morgen in der Kirche erwartet.

(Im Black schon Glockenläuten als Übergang zu Szene 2.)

Black


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Noch bei geschlossenem Vorhang oder Black ausklingendes Glockengeläut und einsetzende Orgelmusik.

Wenn Licht aufgeht, angedeuteter Kirchenraum mit Kanzel. Keine Bänke. Nach und nach füllt sich der

Raum mit Bürgern und Bürgerinnen. Schließlich kommt Grieninger, er stellt sich in die Nähe von Pela

Breitschwerdt. Ganz zum Schluss Johann von Münster, der Obervogt. Mit den letzten Orgelklängen

besteigt der Superintendent Ungerer die Kanzel, die Bibel in der Hand.)

2

Ungerer. Gott zum Gruß, liebe Schwestern und Brüder. Christus, unser Herr, spricht: „Sehet euch vor vor

den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende

Wölfe.“ Amen. - Unser Herr kennt sie, die falschen Propheten.

Haben sie ihn nicht auf Schritt und Tritt in listige Fragen verstricken wollen, hat ihn nicht der

Meister der falschen Propheten, der Versucher selbst, in der Wüste hinterhältig umschmeichelt,

indem er ihm allerhand Versprechungen gemacht hat?

Aber Christus hat die teuflischen Verführer immer wieder zunichte gemacht, ganz beiläufig, wie

eine Hausfrau in der Stubenecke ein Spinnweb entdeckend ein Steckelein nimmt, das Spinnweb

abstreift und ins Feuer wirft. - Aber auch wenn wir Christenmenschen die Wahrheit erkannt

haben, und sie fest in unserem Besitz wissen, so müssen wir doch fortwährend auf der Hut sein

vor den Einflüsterungen der falschen Propheten, die nie eine Ruhe geben. Kaum hat Martin Luther

die Zäune und Schlagbäume und Krambuden vor dem Wunderquell des göttlichen Wortes abgerissen,

so dass wir ungehindert aus dem klaren Felsborn trinken können, da sind andere schon wieder

geschäftig, das Wasser zu trüben und zu färben, das Wort zu drehen und zu deuteln, die

Heilsgewissheit zu verreden und zu ersetzen durch eine unbarmherzige, verhärtende und mahometanische

Prädestination. Und, liebe Schwestern und Brüder, es ist nicht immer leicht, diese Wölfe

im Schafsgewande zu erkennen, nicht immer tragen sie den spitzen Bart und das schwarze

Mäntelchen.

v.Münster (stößt mit dem Stock auf den Boden). Still, kein Wort mehr, Herr Superintendent!

Hans A. Was gibt’s denn da?

Gerwig. Maul halten!

Enderle. R... rausschmeißen!

Ungerer. Ruhe, Geliebte im Herrn! - Es scheint, der Herr Obervogt wünscht das Wort. Hören wir ihn.

v.Münster. Jawohl, gewiss habe ich das Wort, und Euch entziehe ich es, Herr Superintendent. Lange

genug habe ich zugesehen, wie die Verordnungen Ihrer Fürstlichen Gnaden, des Herrn Markgrafen,

umgangen und missachtet werden. Ihr habt zu predigen, was unser gnädiger Herr Markgraf Euch

in dem Stafforter Buch in die Hand gegeben hat, in dem er ...

Ungerer (fällt ihm ins Wort). Ich habe zu lehren (Hält die Bibel hoch.) den reinen Glauben nach dem

Wort Gottes.

v.Münster. Und ich, ich will eueren Glauben zuschanden machen! Meine Geduld ist zu Ende.

(Wendet sich zum Gehen. Die Menge umzingelt ihn mit „Oho“ und „Warte nur“, Rufen und Pfiffen.)

Hans A. (höhnisch) Feierabend!

Ungerer. Meine Lieben, macht Platz. Dem Obervogt behagt es nicht in unserer Mitte.

v.Münster. Ihr sollt an mich denken. Ich werde euch zuschanden machen. (Drängt sich durch die Menge.)

Gerwig (höhnisch). Die Pforte ist eng und der Weg ist schmal!

Ungerer. Erhalt uns Herr bei deinem Wort. (Die Orgel spielt den Choral, alle singen.)

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,

und steure deiner Feinde Mord,

die Jesus Christus, deinen Sohn

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

wollen stürzen von seinem Thron.

(Nach dem Ende des Liedes verlassen alle außer Grieninger und Pela nach und nach unter erregtem

Gespräch die Kirche.)

Grieninger (hält Pela zurück). Ihr schaut so streitlustig drein, Pele. Ihr haltets gewiss mit dem Obervogt.

Pela (schweigt, zuckt nur mit den Schultern).

Grieninger. Man sagt ja, Ihr wärt von Euerem Besuch im kalvinistischen Heidelberg so zu sagen auch im

schwarzen Mäntelchen und Spitzbart heimgekehrt.

Pela (lacht).

Grieninger. Ich finde das sehr apart, - aber gefährlich.

Pela. Gefährlich?

Grieninger. Ja, gefährlich für uns! Ich fürchte für das Luthertum unserer Stadt viel mehr von Euch als

vom Markgrafen.

Pela. Ich danke Euch! Es ist viel wert, wenn man seine Macht und Gefährlichkeit kennt.

Grieninger. O weh! Hätte ich gewusst, dass Ihr Euere Macht nicht kennt, hätte ich mich gehütet, sie Euch

zu verraten. - Aber als Giftmischer werde ich Euch durch ein kräftiges Tränklein schon noch

unschädlich machen.

Pela. Na, na! - Da Ihr aber nun schon einmal so aufrichtig seid; darf man fragen, was für ein Gift Ihr im

Sinn habt?

Grieninger. Mein Gift ... - Ach Pele, womöglich bin ich schon selber vergiftet. (Er ergreift ihre Hand.) -

Pele, - wenn ein ausgewachsener Mann neben einem Mädchen so wahnsinnig Herzklopfen kriegt

und sich neben ihr ohnmächtig fühlt wie ein Fünfzehnjähriger, da müsste er es ihr doch eigentlich

sagen, damit sie ihm helfen kann.

Pele (schaut ihn spitzbübisch lächelnd an).

Grieninger (nimmt sie in den Arm, küsst sie. Pele erwidert seine Zärtlichkeit).

Pele (nach einer Pause). Nun, die Ohnmacht wäre ja glücklich kuriert.

Grieninger. Herr Gott Strambach, Pele, ist es denn wahr?

Pele. Wenn einer so lästerlich drauf fluchen kann, dann muss es doch wohl wahr sein.

Grieninger. Also ... Pele, ich - und du?

Pele (lachend). Und des Nachbars Kuh und am Ende auch noch Müllers Esel. - Ich muss nach Haus, in

die Küche. (Geht fröhlich ab.)

Grieninger (schaut ihr nach). Eine schöne Apothekerin gibt das. Hut runter!

Black


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Durlach. Markgraf, Gösslin, Tischelin. Markgraf mit Gösslin im Gespräch, Tischelin in einigem Abstand

wartend, bis er angesprochen wird.)

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Markgraf. Man muss sie zu allem zwingen. Ich habe ihnen einen Kanal gegraben und das Land entwässert.

Meinst du, es gehe ihnen von selbst auf, dass sie nun anders wirtschaften müssen als vorher auf

ihren versauerten Sumpfwiesen? Man mag reden und raten so viel man will, sie glotzen einen an,

kratzen sich an ihren lausigen Köpfen und wollen nicht. - Ich muss sie halt zwingen. Ich lasse mir

noch mehr Holländer kommen und holländisch Vieh. Wenn sie merken, dass das besser gedeiht,

dann treibt sie schon der Neid. Ich ertrag es nicht, dass es anderswo besser sein soll als bei uns. -

Gösslin, sag was! Aber du hängst ja auch an dem alten Zeug wie deine Pforzheimer Flößer und

Gerber und Wollenweber. Alle eingefleischte Lutheraner. - Hast du Nachrichten über den Vorfall in

der Pforzheimer Kirche?

Gösslin. Ich hab all die Übertreibungen gehört, die auf den Gassen und in den Weinstuben bis zum Überdruss

wiederholt werden: dass der Obervogt in der Kirche verprügelt worden sei, dass er den

Superintendenten von der Kanzel weg verhaftet habe und noch anderen Unsinn. Zuverlässiger

Bericht aber sagt mir nur, dass der Herr von Münster mit bedauerlichem Ungeschick seine guten

Karten verspielt habe.

Markgraf. Gute Karten verspielt! Womöglich müssen wir noch unserem Obervogt unsere Missbilligung

aussprechen.

Gösslin (verbeugt sich zustimmend).

Markgraf. Unglaublich! - Und der Superintendent? Was machen wir mit dem?

Gösslin. Nun, er hat zwar den ersten Anstoß gegeben, dann aber eine friedfertige Haltung zu wahren

gewusst.

Markgraf. Demnach müssten wir ihm gar noch unsere Anerkennung aussprechen!?

Gösslin. Vielleicht würde es genügen, ihn in den Tadel gegenüber dem Obervogt mit einzuschließen.

Markgraf. So, eine Komödie, einen Kirmesspaß möchtest du daraus machen.

Gösslin. Ich kann mir keine weisere Erledigung denken.

Markgraf. Du friedfertiger Krieger, du. - Verzeih, ich bin anderer Meinung.

Gösslin (verbeugt sich leicht und weicht zurück, als der Markgraf sich an Tischelin wendet).

Markgraf. Rat Tischelin, dürfen wir Euere Ansicht hören.

Tischelin. Die Pforzheimer haben bisher getan, als gelte Euer Fürstlichen Gnaden Religionserlass nicht für

sie. Sie haben Euer Gnaden väterliche Geduld und Güte schmählich missbraucht und mit teuflischem

Undank gelohnt.

Markgraf. Ja, die Sache liegt ja ganz einfach. Der Pfarrer hat die landesherrliche Verfügung missachtet

und sogar gegen den Willen des Landesvaters gehetzt. Damit ist er unbrauchbar: Der Superintendent

Ungerer ist abgesetzt. - Wen setzen wir an seine Stelle? Welchen unserer getreuen reformierten

Diener?

Tischelin. Tja, - das ist die Frage. Wen tun wir dahin? Ich - denke, es eilt gar nicht damit. Wenn wir

ihnen gleich einen reformierten Superintendenten schicken, - wer weiß, wie sie dem aufspielen.

Lassen wir die Pforzheimer Quadratschädel doch ohne Seelsorger. Wir lassen sie geistlich verhungern.

Ja, wir setzen nicht nur den Superintendenten ab, sondern auch die Pfarrer in der Altstadt und im

Spital. Dann gute Nacht um sechse.

Nach drei, vier Wochen schicken wir ausgewählte reformierte Geistliche zum Ersatz und wir können

gewiss sein, dass die Pforzheimer für die neue Seelsorge - dankbar sein werden.

Markgraf. Hm. Nicht übel. Es hat etwas für sich. Vielleicht verhindern wir so jeden weiteren Widerstand. -

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Lacht.) Seid klug wie die Schlangen. Ja, so wird’s gemacht. Bitte, alles vorzubereiten! (Tischelin ab.)

(Zu Gösslin.) Nun? Wirst du mir jetzt den Strohsack vor die Tür werfen, Leuprant?

Gösslin. Ich denke nicht daran. Meiner Heimatstadt kann ich mehr nützen, wenn ich hier bleibe und den

Herren Tischelin gelegentlich einen Prügel durch die Räder schiebe. Aber am meisten glaube ich

damit dir zu nützen.

Markgraf. Ja, ja, du bist eben wieder einmal anderer Ansicht. Ich weiß wohl, ich kann dir’s nicht mehr

recht machen.

Gösslin. Umgekehrt.

Markgraf. In der Religionssache willst du nun einmal nicht einsehen, dass ich Recht habe.

Gösslin. Ich will schon. Ich kann nicht.

Markgraf. Du willst nicht.

Gösslin. Ich begreife nicht, dass du noch ein drittes Bekenntnis ins Land bringen willst. Wenn wir

Evangelischen uns spalten und miteinander händeln, dann werden die Päpstlichen bald wieder die

Hand in unseren Taschen haben.

Markgraf. Ein drittes Bekenntnis? Glaub mir, es wird das einzige sein. Wir werden euch alle mitreißen.

Du nimmst mir jetzt übel, dass ich die Pforzheimer zwingen will. - Hat’s mich denn nicht auch

gezwungen? Die Pforzheimer, die sollen wollen, dann müssen sie nicht.

Black


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Gartenhaus vor der Stadt. Körbe mit Obst und Gemüse. Pela, Mutter Grieninger, Grieninger.)

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Mutter Grieninger (stellt einen Krug auf den Tisch). Da, frisch gepresst. Heuer sind die Äpfel süß. Das

gibt einen kräftigen Most.

Pela. Ja, Mutter, und auch andere Früchte genug, dass man gar nicht nachkommt mit dem Einkochen.

Grieninger. Der liebe Gott füllt uns die Körbe, aber dem Markgrafen und seinen Räten gefällt es, uns den

christlichen Brotkorb hochzuhängen.

Pela. Du sollst nicht über ernste Dinge spöttisch reden.

Grieninger. Ich rede ganz ernst: Drei Wochen schon schmachten wir nach geistlichem Beistand. Seit drei

Wochen keine Predigt, kein Begräbnis, keine Taufe, keine Trauung, kein Aufgebot, Pele. Was soll

nur aus uns werden. Ist das eine Art, dass ein ordnungsliebender Bürger wie ich nicht ordnungsgemäß

heiraten kann. Morgen müssten wir aufgeboten werden.

Pela. Geschieht dir ganz recht. Du gehörst auch zu denen, die nicht wollen. Warum wollt ihr nicht reformierte

Pfarrer. Sie sind so gut wie die lutherischen.

Grieninger. Weil wir halt nicht wollen.

Pela. Ihr werdet bald wollen müssen. Die Leute halten es nicht länger aus. Sie brauchen eine Kirche und

einen Pfarrer, sonst wären sie nicht gestern zu Hauf auf den Kirchhof gelaufen, wo der Advokat

Ebertz sein Kind beerdigt und selbst am Grab gesprochen hat. Wenn sie schon das für eine Predigt

halten, werden sie Gott sei Dank sagen, wenn ein reformierter Pfarrer kommt.

Grieninger. Kein Pfarrer hätte es besser machen können. Mir ist jedes Wort recht, das aus dem Herzen

kommt, egal, wer es spricht.

Pela. Ebertz, der ist doch auch so ein Hetzer.

Mutter Grieninger. Kein Hetzer! Er ist gut lutherisch und will sich zu nichts zwingen lassen. Das ist recht.

Er hat seinem Kind, das nur acht Tage gelebt hat, die Nottaufe gegeben und es nun auch beerdigt.

Er hat niemanden aufgereizt, er hat die Leute beruhigt und sie auf ihren Glauben verwiesen. Viele

haben ihn nachher gebeten, er möge doch öfter Gelegenheit nehmen und zu ihnen sprechen.

Grieninger. Wie wär’s, Pele, wenn wir uns von Doktor Ebertz die Nottrauung geben ließen?

Pela. Nein! - So einen Taugenichts soll ich heiraten. (Packt einen vollen Korb und wendet sich zum Gehen.)

Grieninger (ruft ihr nach). Unbedingt. Du kannst ein gutes Werk an ihm tun.

Mutter Grieninger. Du darfst sie nicht immer so vor den Kopf stoßen, Michel. Bald läuft sie dir davon,

bevor du sie noch richtig hast.

Grieninger. Mutter, ich weiß nicht, warum ich das alles nicht so recht ernst nehmen kann, was die Leute

so aufregt. Ich fürchte mit meinem Glauben ist es schwach bestellt. Manchmal verstehe ich die

ganze biblische Geschichte nicht.

Mutter Grieninger. Die biblische Geschichte?

Grieninger. Ja. Sieh mal, Gott erschafft den Menschen nach seinem Bild, aber der Mensch gerät nicht,

wie Gott will und wird dafür bestraft. Aber als das alles nichts nützt, entschließt sich Gott, in

Menschengestalt selber auf die Erde herabzusteigen, um die Menschen endgültig zu bekehren und

zu erlösen. Und es misslingt wieder. Ist das nicht ungeheuer. So hab ich auch für die Erlösung

durch Christi Blut kein rechtes Verständnis. Hier sind wir doch auf einer ganz erträglichen Erde,

und es drängt uns, sie immer erträglicher und wohnlicher zu machen. Das gefällt mir, davon brauche

ich nicht erlöst zu werden. Wir denken uns Gott außer der Welt, aber ist und wirkt er nicht in

allen Wesen und Dingen, wie ein Mann namens Jordanus Brunus noch jüngst gelehrt hat? Aber

die Pfaffen in Rom haben ihn deswegen auf den Scheiterhaufen gebracht. Der Wörthwein hat es

mir erzählt und war entrüstet über den Ketzer, der den Trost des Kruzifixes verweigert hat. -

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

Erlösung - Christi Blut. Warum glaube ich nicht daran? Warum fühle ich das alles ganz anders als

die anderen?

Mutter Grieninger. Weil du der Sohn deines Vaters bist.

Grieninger. Ja, ihr habt mich doch immer zur Kirche angehalten.

Mutter Grieninger. Gewiss. Mehr aber auch nicht. Vater sagte, darin müsstest du deinen Weg selber finden.

(Man hört das Geräusch einer Kutsche. Grieninger schaut in die Richtung, aus der das Geräusch

kommt.)

Grieninger. Aha!

Mutter Grieninger (tritt neben ihn, schaut). Ist das nicht der Herr von Peblitz, der Statthalter?

Grieninger. Das ist der Statthalter. Und er bringt der Pele ihre ersehnten kalvinistischen Prädikanten.

Mutter Grieninger. Schöne Pferdchen.

Black


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Pforzheim Marktplatz. Sturmläuten. Dann Hin- und Hergerenne einzelner Personen, steigende Frequenz,

immer mehr kommen, einige sind bewaffnet, Rufe: „Das ist doch die Sturmglocke“, „Was gibt es denn?“,

„Warum stürmt es?“ Auftritt des Obervogts, gefolgt vom Statthalter Peblitz und zwei Geistlichen.)

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v.Münster (laut, das Geschrei übertönend). Was soll denn das? Was sollen die Spieße? Fort! Weg damit!

(Einige wollen gehen.)

Hans A. Nur dageblieben! Nur dageblieben! Das wäre noch schöner. (Geht durch die Menge.) Nichts für

ungut, Herr Obervogt. Es hat uns selbst gewundert, aber wenn es stürmt, dann hat sich die

Mannschaft bewaffnet einzufinden. Und so sind wir jetzt da.

v.Münster. Na ja, aber es ist diesmal ein Irrtum. Legt nun die Waffen ab.

Gerwig. Das gibt’s nicht. Hin- und herschicken lassen wir uns nicht. Hier bleiben wir, wie wir sind. (Grinst.)

Ihr braucht aber keine Angst haben, wir tun Euch nichts. (Mehrere kichern.)

v.Münster. Alberner Mensch!

Peblitz (stellt sich erhöht, so dass er die Menge überragt, er räuspert sich Ruhe heischend, es wird still).

Folgendes habe ich euch im Namen Seiner Fürstlichen Gnaden des Herrn Markgrafen zu sagen:

Seine Fürstliche Gnaden haben sich gezwungen gesehen, die bisherigen Geistlichen wegen kanzelwidrigen

Verhaltens zu suspendieren. Sie sind auf höchstdero Anordnung nun endgültig abgeschafft.

Und ich bin beauftragt, zwei neue Geistliche der Bürgerschaft vorzustellen.

Gerwig. Au letz!

Mehrere. Au letz, au letz!

Peblitz. Ruhe!

Deimling. Wir wollen keine Spitzbärte.

Hans A. Wir wollen unsere alten Pfarrer.

Enderle. F... fort mit den Kalvinisten!

Anna L. Wir nehmen sie nicht

Enderle. W... wir nehmen sie nicht.

Peblitz. Seine Fürstliche Gnaden werden euch ...

Hans A. Herr Statthalter, uns gefällt einfach dem Kalvin seine Nase nicht. Es gefällt uns halt dem Luther

seine, der dem Teufel den Blanken hinstreckt, der ist unser Mann, dem glauben wir, für den lassen

wir uns totschlagen. Jetzt wisst Ihr’s, Herr Statthalter.

Mehrere. Ganz recht! Grad so! (Lärm mit den Waffen.)

(Grieninger, der bisher nur behaglich zugeschaut hat, wird plötzlich von Peblitz ins Visier genommen.)

Peblitz. Apotheker, das sollt Ihr mir büßen oder der Teufel hole mich.

Grieninger. Ich? Warum gerade ich?

Peblitz. Die ganze Stadt, Kind und Kegel, mir sollt ihr’s büßen, da könnt ihr Gift drauf nehmen. Noch nie

ist eine solche Frechheit - solche offene Unbotmäßigkeit und Verhöhnung ...

Grieninger. Verzeiht, Herr Statthalter, ich bin nicht vom Luthertum besessen und keineswegs bereit, dafür

zu sterben - für Kalvin auch nicht - , aber ich verstehe das Benehmen meiner Mitbürger. Wir lassen

uns nicht über den Kopf spucken.

(Münster flüstert Peblitz etwas ins Ohr.)

Peblitz. Mit wem rede ich hier eigentlich? Was habt ihr denn zu bestimmen, wenngleich Räte unter euch

sind. Ich will, dass augenblicklich der Bürgermeister hier erscheint.

Deimling. Der wird das Sturmläuten auch gehört haben. Sicher ist er schon unterwegs.

Anna L. Da kommt er schon.

Enderle. D... da k... kommt er schon.

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

Simmerer (tritt auf). Was geht hier vor?

Peblitz. Was fragt Ihr? Warum seid Ihr nicht längst hier erschienen?

Simmerer (bedächtig). Herr Statthalter, weder Ihr noch der Obervogt haben es für gut befunden, Bürgermeister

und Rat der Stadt in Kenntnis zu setzen. Ich bin wie jeder andere von der Sturmglocke aufgeschreckt

worden. Ich habe der Bürgerschaft ihr Verhalten nicht angeraten, - aber wer wie die Herren sich

unmittelbar an die erregte Menge richtet, darf sich nicht wundern, wenn sie auf ihre Weise antwortet.

Peblitz (betreten). Na gut, hört also zu. Des Herrn Markgrafen Fürstliche Gnaden haben bestimmt, dass

die neu ernannten Geistlichen nach der im so genannten Stafforter Buch gegebenen Auslegung

predigen sollen (Murren), ohne indessen die der Pforzheimer Gemeinde teueren kirchlichen

Gebräuche und Formen anzutasten. Es geht also nicht um die Einführung des kalvinistischen

Glaubens, sondern nur um die Ersetzung unfriedsamer Pfarrer durch andere, die sich ihrer

Pflichten gegen ihren Landesherrn bewusst sind. (Murren.)

Simmerer. Herr Statthalter, wenn ich den Geistlichen, der neben Euch steht fragen wollte, bist du lutherisch

oder kalvinisch, was würde er mir wohl antworten? (Pause.) Und der andere ebenso! Also, was Ihr

da verkündet, ist doch nur Augenwischerei. (Wendet sich an die Bürger.) Ist einer unter euch,

meine Mitbürger, der diese Geistlichen der Gemeinde für die vakante Kanzel empfehlen möchte?

Mehrere. Nein! Nein!

Simmerer. Also kann ich Euch, Herr Statthalter, nur im Namen der Bürgerschaft wiederholen, was sie

vorhin allzu lärmend kundgetan hat, dass sie, dass wir entschlossen sind, keine kalvinistischen

Geistlichen auf unsere Kanzel zu lassen. Wir werden aufs neue den Herrn Markgrafen bitten,

unsere lutherischen Pfarrer wieder einzusetzen.

Peblitz. So habe ich Euch weiter nichts zu sagen. Die Folgen habt ihr euch selber zuzuschreiben. (Stille.)

Enderle (fällt plötzlich auf die Knie,betet ohne zu stottern).

Schaffe in uns, Gott, ein reines Herz

und gib uns einen neuen gewissen Geist,

verwirf uns nicht von deinem Angesicht

und nimm deinen Heiligen Geist nicht von uns.

(Mehrere, betroffen, gehen in die Knie. Wiederholung des Gebets in ungeordnetem Chor. Peblitz mit

drohender Geste ab.)

Black


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Öffentlicher Raum, vielleicht eine Straße oder ein kleiner Platz. Im zweiten Teil der Szene kommen

Stimmen der Bürger von hinter der Bühne und aus Fenstern in der Stadtmauer. Zunächst Pela und

Grieninger im Gespräch.)

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Grieninger. Nun war es mit dem Aufgebot wieder nichts, Pele.

Pela. Ja, - so ist die Welt.

Grieninger. Hat es dich verstimmt, Pele?

Pela. Verstimmt? - N... nein.

Grieninger. Was denn sonst. Du bist doch verkrumpelt und verschnupft.

Pela. N... nein, das könnt ich nicht sagen.

Grieninger. Du sprichst aber die ganze Zeit so entzückend überlegen.

Pela. Weißt du, du merkst es gar nicht, wenn du mich übersiehst und vernachlässigst.

Grieninger. Aber Schatz, sprich doch deutlich. Ich weiß ja, dass ein großer Taugenichts in mir steckt, aber

jetzt gerade finde ich ihn nicht. Hilf mir ein wenig auf die Spur. Ich verspreche dir, wenn ich ihn

finde, soll es ihm übel ergehen.

Pela. Du meinst, wenn du nur zu allem einen Scherz machst, dann wär’s wieder gut.

Grieninger. So mach du doch Ernst.

Pela. Nun, hast du heute etwa an mich gedacht?

Grieninger. Und ob! Oft genug.

Pela. Was hast du denn gedacht?

Grieninger. O - wenn nur der Satan diese Stänkerei holte und ich bei meiner Allerliebsten wär.

Pela. Das war alles?

Grieninger. O - wenn ich doch schon dreimal aufgeboten, getraut, kopuliert und mit allen Segen, Rechten

und Privilegien bei meiner Frau säße.

Pela. Sonst hast du nichts gedacht?

Grieninger. O - verschiedene Fortsetzungen hab ich noch dazu gedacht.

Pela. Und du willst sagen, du spottest nicht?

Grieninger. Nun sag schon, was soll ich gedacht haben?

Pela. Hast du daran gedacht, dass ich reformiert gesinnt bin? Hast du auch nur ein Wort für meine

Wünsche eingelegt? - Nein, das hast du nicht, und das kränkt mich. (Pause.)

Grieninger. Nein, da hast du Recht, daran habe ich nicht gedacht. Ich bin mir überhaupt in dieser

Streiterei ziemlich überflüssig vorgekommen.

Pela. Am Schluss warst du nicht überflüssig. Hast mitgebetet wie alle anderen.

Grieninger. Es hat mich gepackt. Ich fand das Gebet schön.

Pela. Das wird doch oft gebetet.

Grieninger. Aber heute erschien mir’s auf einmal schöner als alles, was ich je in der Kirche gehört habe.

Da steckt alles drin. Da geb ich das Vaterunser und die Bergpredigt und den ganzen Katechismus

dafür.

Pela. Du, rede nicht so leichtsinnig! (Geste der Besorgnis und zugleich Versöhnung.)

(Im Folgenden Stimmen aus verschiedenen Richtungen. Pela und Grieninger folgen den Stimmen,

die um ihre Köpfe schwirren.)

Hans A. Ein Brief! Peblitz hat an Simmerer einen Brief geschrieben und mit kriegerischer Züchtigung

gedroht.

Deimling. Stimmt das, Simmerer?

Simmerer. Ja, das ist wahr. Aber nehmt die Drohung nicht so ernst. Peblitz war erregt. Ihr müsst seine

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

maßlose Sprache begreifen.

Anna L. Man kann nie wissen.

Gerwig. Der Teufel trau dem Kerl.

Hans A. Nur nichts leicht nehmen.

Enderle. M... man muss der Torwache Meldung tun.

Simmerer. Ist geschehen.

Gerwig. Die Schlosstore bewachen, damit wir wissen, was geschieht.

Simmerer. Ist geschehen.

Hans A. Und allen Wachen einschärfen, dass Statthalter und Obervogt ihnen nichts zu befehlen haben.

Simmerer. Ist geschehen.

Deimling. Wenn aber einer aus der Stadt es mit denen auf dem Schloss hält?

Gerwig. Ja, ja, wir haben verschiedene unsichere Kalvinistenfreunde.

Enderle. Ei... eintürmen sollte man sie. (Reaktion bei Pela.)

Simmerer. Kennt ihr sie denn alle?

Hans A. Sie müssen schwören, dass sie zu uns halten.

Simmerer. Ja wer denn, wer denn?

Enderle. Alle m... müssen schwören.

Mehrere Stimmen. Schwören, schwören.

Simmerer. Was wollt ihr denn schwören?

Deimling. Dass wir zusammenstehen gegen die dort oben im Schloss.

Grieninger. Also gegen den Landesherrn - also Aufruhr!

Hans A. Apothekerle, kannst dir das Reden sparen. Du gehörst auch dort hinauf.

Grieninger. Was weißt du denn. Bisher war die Stadt im Recht. Der Markgraf hat uns wochenlang ohne

Seelsorger gelassen und uns jetzt Kalvinisten aufzwingen wollen, die nicht einmal im Religionsfrieden

eingeschlossen sind. Die habt ihr abgelehnt. Gut. Wenn wir uns aber jetzt, ehe der Markgraf

Weiteres tut, gegen ihn verbinden, dann sind wir Aufrührer! Dann hilft uns kein Kaiser und kein

Reich. Wartet doch einmal ruhig ab!

Hans A. Bis es zu spät ist.

Mehrere. Nicht warten, nicht warten.

Grieninger. Dann zieht wenigstens Doktor Ebertz zu Rat, den Advokaten, damit ihr nicht dummes Zeug

macht.

Mehrere. Ebertz... Ebertz soll kommen. ...Ebertz.

Ebertz (erscheint, Pause). Ihr wollt schwören? Was denn schwören? Die Drohung des Herrn von Peblitz

ist keinen Schwur wert. Gegen den Markgrafen dürft ihr nicht schwören. Schwören könnt ihr nur,

dass ihr an euerem Glauben festhalten wollt, um menschlicher Versuchung und Drohung zu trotzen.

Ein solcher Schwur ist euer Recht.

Anna L. Schwören!

Deimling. Sag uns den Schwur.

Ebertz (nach kurzer Überlegung). Ich gelobe und schwöre, dass ich zur Ehre Gottes für die Erhaltung der

wohlhergebrachten Augsburger Konfession mit Leib, Gut und Blut einstehen, jedoch unserem gnädigen

Fürsten und Herrn in politischen und weltlichen Sachen untertänig gehorsam sein will. So wahr

mir Gott helfe und das heilige Evangelium.

Simmerer. Alle, die schwören wollen, tragen sich auf dem Rathaus in die Liste ein.

(Grieninger und Pela gehen ab; auf der Bühne bleiben nur Ebertz und seine Frau; das Licht geht

zurück.)

Pause


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Wirtshaus „Kanne“ am späten Abend. Bürgermeister und Bürger: Gerwig, Anna L., Deimling, Hans

Aichelin, Grieninger, der Lehrer Cartelius und einige andere.)

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Anna L. Hat der Markgraf also doch klein beigegeben und die Pfarrer wieder zugelassen.

Simmerer. Bis auf weiteres.

Deimling. Das sagt er womöglich nur, um das Gesicht zu wahren.

Anna L. Genau, sonst hätte er nicht gleichzeitig den Obervogt abberufen.

Cartelius. Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes.

Gerwig. Schwätz deutsch, Schulmeister.

Cartelius. Ein Danaergeschenk. Ich trau ihm nicht, vor allem, wenn er etwas schenkt.

Hans A. Na, Apotheker. Jetzt steht ja der Hochzeit nichts mehr im Wege. - Wenn Pela noch will.

Grieninger. Das lass nur unsere Sorge sein, Lutz.

Deimling. Weiß keiner, was in den Kisten war?

Simmerer. Was für Kisten?

Deimling. Die sie vom Schloss abgeführt haben.

Anna L. Was wird drin gewesen sein, alter Kram.

Deimling. A schwätz, es waren schwere, eisenbeschlagene Kisten. Da war doch was drin.

Simmerer. Du hörst die Flöhe husten.

Gerwig. Mit dem Hauptmann war auch nicht alles sauber. In jeder Weinstube ist er gesessen und hat die

Nase in den Schoppen gehängt. Und plötzlich ist er fort, wie weggeblasen.

Deimling. Mein Vetter aus Durlach - mit dem hab ist gestern einen Weinkauf in Ellmendingen gehabt -

hat gehört: in Heidelsheim werden Soldaten gemustert.

Anna L. Was geht uns Heidelsheim an.

Deimling. O Anna! - Wenn der Markgraf was gegen uns vor hat, mustert er nicht hier.

Cartelius. Ja, da hat er Recht. Wenn’s hehlingen gehen soll, mustert er eben in der Pfalz oder im Elsaß. Die

Herren helfen einander.

Deimling. Ganz sauber ist’s nicht.

(Enderle kommt hereingestürmt, bleibt ganz entgeistert am Eingang stehen. Alle verstummen,

schauen ihn an.)

Grieninger. Enderle! Was zum Teufel ...?

Enderle (ohne zu stottern). Ich - hab den Nackten Mann gesehen. (Bewegung.)

Grieninger (lachend). Wo denn? Im Adler? Im Schwanen? Im wievielten Glas denn?

Enderle. Ich war auf der Wache, Michel.

Simmerer. Enderle, erzähl. Was hast du gesehen?

Enderle. Ich - war auf dem Auerbrücken-Tor. Da seh ich am oberen Ende der Lindenplatzinsel einen

hellen Fleck, er bewegt sich, kommt näher, verschwindet unter den Bäumen, taucht wieder auf -

es war ein nackter Mann, splitternackt, nur den Schlapphut auf dem Kopf, im Mondlicht glänzt er,

als wär er nass. - Zum Teufel, wer badet denn da in der Nacht, denk ich. Es kam doch keiner aus

dem Tor. - Der nackte Kerl steigt zur Brücke hoch, leuchtet mitten auf der Brücke und schreitet

durch die gedeckte Brückenhalle aufs Auertor zu. Ich beuge mich über die Brüstung vor und warte

auf Rufen oder Klopfen. - Da war der Nackte nicht mehr da. Ich lauf nach unten, um zu sehen, ob

das Tor geschlossen ist, - es ist geschlossen, aber der Nackte schreitet schon die Tränkgasse hinauf.

Mir graute zum Schreien, aber ich laufe trotzdem dem Kerl hinterher über den Markt und den

Schlossberg hinauf. Am unteren Schlosstor, denke ich, muss es sich zeigen. Der geht unbeirrt auf

das Tor zu und in die eisenbeschlagene Eichentür hinein. Ich zieh mich an der Schießscharte

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

neben dem Tor hoch und sehe den nackten Mann zum Schloss hinaufsteigen. - Das war der

Nackte Mann! - Wisst ihr, was das bedeutet? - Krieg! Krieg! (Pause. Alle starr.)

Grieninger. Ja, ja, wir kennen alle das Liedchen:

Droh’n Krieg und Pestilenz,

Dann steigt der Nackte Mann,

Dann steigt der Nackte Mann,

Dann steigt der Nackte Mann

In Pforzheim aus der Enz.

Simmerer. Ernsthaft, Grieninger!

Cartelius. Enderle, du kannst von Glück sagen, dass du ihm nicht ins Gesicht geschaut hast. Der hat ein

uraltes Gesicht, wer ihm ins Auge schaut, findet keinen Frieden im Leben, der muss von Krieg zu

Krieg durch die Länder ziehen und den Schwertstreich oder den Flintenblitz suchen. - Erst dann hat

er Ruh.

(Ebertz kommt hereingestürzt, setzt sich erschöpft und erregt an einen der Tische.)

Simmerer. Doktor, was ist? Du bist ja ganz außer dir. Hast du auch den Nackten Mann gesehen?

Ebertz. Was, Nackter Mann! Die Polizei des Markgrafen hätte mich um ein Haar geschnappt.

Gerwig. Ha, jetzt wird’s heiter!

Ebertz. Ich komme gerade aus Speyer zurück! Das Reichskammergericht sieht sich nicht zuständig für

unser Problem, weil wir nicht Stand des Reiches sind. Also bin ich unverrichteter Dinge von

Speyer abgeritten. Ein Kammerbote hat mich gewarnt, der Markgraf habe Häscher geschickt, mich

nach Durlach zu verschleppen, als Unruhestifter. Also bin ich den Umweg über das pfälzische

Gebiet und über Bretten gekommen. - Wenn er es nur auf mich abgesehen hätte, aber womöglich

will er die ganze Stadt mit Gewalt ...

Grieninger. Der wird mir doch nicht meine Hochzeit versalzen.

Simmerer. Nein, nein. Das nicht. Die Pforzheimer erwarten den Markgrafen und werden ihn für die

Störung Euerer Hochzeit bezahlen. – Morgen werden wir gleich einmal das Schloss visitieren.

Haltet euch bereit und sagt’s den anderen.

Hans A. Hat er das verdient? Schwört nicht und heiratet eine Spitzbärtige.

Grieninger. Lutz, alte Kuh. Ja, geschworen habe ich nicht, aber ein Pforzheimer bin ich so gut wie du!

Black


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Durlach. Der Markgraf, Peblitz, Von Münster, Tischelin, Gösslin.)

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Peblitz. Nach allem, was ich in Pforzheim erfahren habe, bin ich entschlossen, sie allemiteinander peinlich

zu verklagen und habe ihrem Bürgermeister gut Deutsch geschrieben. Sie haben mich und die

Prediger und den Obervogt bis ins Schloss hinein ausgelacht.

von Münster. Ich bin zu dem Zweck nach Pforzheim beordert worden, dass ich die reine Lehre dahin

pflanzen und den alten lutherischen Sauerteig ausfegen soll. Aber die Sakramentspforzheimer

kann ich nicht rumbringen. Sie müssen verhetzt sein. Da ist dieser Advokat Ebertz, der sie öffentlich

tröstet als ständ er auf der Kanzel, ein überaus arger Fuchs. Der Teufel sei ihr Vogt, ich nicht.

Tischelin. Nach all diesen Erfahrungen will mir ratsam scheinen, dass man die Religion umgehe und

womöglich alles aufs Politische ziehe. So wenig wir die Aussätzigen reinigen können, so wenig

werden wir die Pforzheimer hugenottisch machen. Ich hielte es also für geboten, nichts Pfäffisches

zu ihnen zu schicken, sondern ein paar soldatische Gesandte. Haben die Pforzheimer nicht auf

leere Gerüchte hin den Frieden gestört, das markgräfliche Schloss besetzt, also die fürstlichen

Hoheitsrechte verletzt.

Markgraf. Und wen schicken wir? Welche Soldaten? Wer verbände die Entschlossenheit des

Kriegsmannes mit der Hingabe an unsere Person und mit dem uns allen kostbaren Wohl der

Stadt? (Blickt Gösslin an.)

Gösslin. Meine Ergebenheit gegen Euer Fürstlichen Gnaden und das natürliche Gefühl für die Heimat lassen

niemanden inniger eine erfreuliche Beilegung des Handels wünschen als mich. - Doch sehe ich

zugleich niemanden ungeeigneter für diese Mission als mich. Ich bin den Pforzheimern als Höfling

längst fremd und verdächtig. Sollte ich zum Wohl der Stadt sprechen, so würden sie eine Falle

vermuten, sollte ich das fürstliche Recht vertreten, so würden sie den Hass gegen mich auf die

Sache übertragen und es wäre nichts gewonnen.

Markgraf (schweigt lange). Nun, die Bestimmung der Abgesandten hat ja noch Zeit. Zunächst bitte ich

um die Ausarbeitung eines Schreibens an die Stadt, das folgende Punkte zu beinhalten hat:

1. Die Bürgerschaft hat als Beweis ihres friedlichen Sinnes auf den Religionseid zu verzichten.

2. Unterschriftsliste und Siegel der Eidgenossen sind mir zu übergeben.

3. Der Rädelsführer Doktor Ebertz ist auszuliefern.

Ich danke. (Entlassende Geste, alle wenden sich zum Gehen.)

Hauptmann! (Gösslin kehrt um; die anderen ab.) Du willst mir also nicht helfen in Pforzheim?

Gösslin. Man muss den Sohn nicht gegen die Mutter schicken.

Markgraf. Ich will dich nicht gegen deine Mutter schicken, sondern gegen eine widerspenstige

Bürgerschaft. Und du sagst selbst, dass du ihr längst ein Fremder bist.

Gösslin. Ich bin ihr ein Fremder. Sie ist mir nicht fremd, sie ist meine Heimat - Ich sage dir, nur dein

Feind kann wünschen, dass du mich nach Pforzheim schickst. Ich kenne meine Leute und ich

kenne mich.

Markgraf. Ich kenne dich auch und weiß, dass ein wohlwollender und fester Mann auf jeden Fall der

beste ist und das Beste tut.

Gösslin. Möglich. Aber ich bin nicht fest - in diesem Fall. Kannst du mir das blanke Recht mitgeben, so

will ich auch meine Vaterstadt schuhriegeln. So aber ...

Markgraf. Recht, Recht! Zwischen Menschen und Menschen besteht ein Recht. Zwischen Fürst und

Untertan ein anderes. Hast du ein Volk, da musst du Ordnung und Zucht hineinbringen und dazu

gibt mir Gott die Kraft. - Fühle ich nicht Gottes Willen und Zwang in mir? Er will etwas durch

mich (Schlägt sich heftig erregt auf die Brust.) Also, mein Recht kann ich dir mitgeben.

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

Gösslin. Es ist nicht das meine.

Markgraf (schreit und packt Gösslin am Kragen). Aber deine Schuld wird es sein, wenn der andere, den

ich schicke, härter dreinfährt. (Pause.)

Gösslin. Wenn du das fürchtest, wirst du es verhüten. Mir ist nicht bange.

Black


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(Pforzheim, Marktsituation. Lebhaftes Hin- und Hergelaufe. Hauptmann Schornstetten, Leutnant Weinschenk,

drei Soldaten mischen sich darunter, Trompetenstoß, Schornstetten besteigt eine erhöhte Position, allgemeine

Aufmerksamkeit.)

Schornstetten. Bürger Pforzheims! Der Markgraf ist am Ende seiner Geduld. Ihr habt beharrlich alle

Befehle und Verordnungen seiner Fürstlichen Gnaden missachtet, euch als eidvergessen und rebellisch

erwiesen und somit künftighin jegliche Nachsicht verspielt. - In diesem Schreiben (Zeigt es.) macht

der Markgraf allen Bürgern, die sich von der Konspiration lösen wollen, weil sie durch Zwang und

Drohung der Rädelsführer und ihres Anhangs und nicht aus freien Stücken sich dem Aufruhr

angeschlossen haben, das Angebot, den strengen Weg der peinlichen Halsgerichtsordnung zu vermeiden,

indem sie ins Schloss hinaufkommen und ihre Namen in eine Liste eintragen lassen. Dafür, so

schreibt der Markgraf, „sind Wir gnädig entschlossen dieselben wiederum zu Gnaden und in

Schutz und Schirm aufzunehmen.“ - So, jetzt wisst ihr, woran ihr seid.

(Während der Rede Schornstettens haben sich einige Räte, Grieninger, Hans Aichelin, Deimling,

auch der Bürgermeister Simmerer und der Advokat Ebertz in seine Nähe geschoben.)

Simmerer. Herr Hauptmann von Schornstetten, bevor wir hier zu einer Entscheidung kommen können,

bitte ich im Namen des Rates und der Bürger um Aushändigung des markgräflichen Schreibens.

Damit wir uns gegen die vielen Irrtümer und Entstellungen verteidigen können, ist es nötig, dass

wir den Wortlaut genau studieren können.

Schornstetten. Nichts da. Kommt nicht in Frage. Was wichtig ist, habe ich euch gesagt. - Oder wollt ihr

mich gar der Verdrehung des markgräflichen Wortes bezichtigen?

Deimling. Au letz!

Gerwig. Sauhund!

Simmerer. Mitbürger, ihr habt es gehört. Es wird verlangt, dass wir klein beigeben und die oder einen

sogenannten Rädelsführer ausliefern sollen.

Mehrere. Pfui, niemals!

Simmerer (der sich kurz mit den Räten verständigt hat). Herr Hauptmann, Rat und Bürger dieser Stadt

stellen den Huldigungseid gegenüber Fürstlichen Gnaden in keiner Weise in Frage; unser

Widerstand betrifft einzig die Erhaltung der Religion. Der Religionseid ist Gott geschworen, kann

also von keinem Menschen aufgelöst werden. Wir bitten dringlich um die Wiedereinsetzung eines

lutherischen Superintendenten. Im Übrigen bitten wir erneut um Einsicht in das markgräfliche

Schreiben.

Schornstetten (flüstert mit Weinschenk). Ich kann dem Wunsch des Rates nicht entsprechen.

Anna L. Doktor Ebertz soll reden, der Advokat.

Ebertz. Es ist in aller Welt rechtens, dass man den Betroffenen die Anklage oder Botschaft abschriftlich

übergibt. Wenn der Herr von Schornstetten sich weigert, so tut er der Ehrlichkeit der Sache einen

schlechten Dienst. Es kann vieles vorgelesen werden, was nicht im Text steht und vieles ausgelassen

werden, was darin steht.

Schornstetten. Ich danke dem Advokaten. Er hat mich mit seiner Einlassung an seine Existenz erinnert

und mir gezeigt, wie er hier so die Rolle des Sauerteigs spielt. Das war mir sehr interessant. -

Äh - ja, was wollt ich noch sagen: Also heute Nachmittag von zwei Uhr an werdet ihr euch im

Schloss einfinden und zur Liste melden. Und ich befehle euch im Namen seiner Fürstlichen

Gnaden, euch jeden Verkehrs mit diesem hier anwesenden Doktor Ebertz, dessen Advokatenschliche

euch schon tief genug in den Dreck geführt haben zu enthalten. - (Schweigen.) - Wäre sonst noch

was?

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

Simmerer. Mit Verlaub, ihr Herren. (Greift mit großer Geste in seine Hosentasche und zieht seine

Amtskette heraus, legt sie sich um. Laut.) Es wird sich heute Nachmittag auf dem Schloss einfinden

und einschreiben lassen, wer Lust hat. Es ist in diesen Wochen des religiösen Unfriedens kein

Bürger beredet oder gezwungen worden, sich unserem Widerstand anzuschließen. Wer anderes

behauptet, redet die Unwahrheit. Wir können allesamt, auch die, die man Rädelsführer nennt,

Doktor Ebertz an der Spitze, heute Nachmittag im Zug aufs Schloss steigen und uns mit gutem

Gewissen eintragen lassen, denn wir haben nie in irgendeiner weltlichen oder politischen oder

rechtlichen Sache Fürstlichen Gnaden den Gehorsam verweigert. Wir bestehen nur auf dem im

Religionsfrieden uns gewährten Recht unserer Religion.

(Heftige Zustimmung der Bürger.)

Simmerer (nachdem er mit Ebertz gesprochen hat). Mitbürger, der Advokat Ebertz wünscht zu sprechen.

Ebertz. Die von Hauptmann Schornstetten verlesene Botschaft nennt mich eidvergessen, verbrecherisch

und ehrlos, Rädelsführer und Hetzer. Ich verlange, mich rechtfertigen zu dürfen. Ich verlange,

rechtmäßig verhört zu werden und ich verlange zu diesem Verhör Fried und Geleit.

Mehrere. Verhör, Verhör. - Fried und Geleit.

(Hauptmann und Leutnant beraten. Verschwinden dann ins Rathaus.)

Frau Ebertz. Verhör!?

Ebertz. Kannst ganz ruhig sein. Versteh, wir wollen jeden Gewaltakt meiden.

Frau Ebertz. Jedenfalls kannst du dem Hauptmann sagen, wenn ich dich nicht zur Zeit beim Mittagessen

habe, dann komm ich, weiß Gott, mit fünfzig, sechzig Weibern hinauf, und dann soll er sich vergucken!

Ebertz. Beruhige dich, Martha, es ist gar keine Gefahr.

Frau Ebertz. Ich sag ja nur.

(Ein Soldat tritt heran.)

Was gibt es denn schon wieder?

Soldat. Der Advokat soll ins Rathaus hinauf kommen.

(Ebertz mit dem Soldaten ab durch die Menge. Frau Ebertz zögernd ab.)

Hans Aichelin. Ich weiß nicht, Leute. Die Frau hat am Ende recht, ‘s ist nicht sauber. Ich geh jedenfalls

heim und hol mir ein bisschen einen Spieß. Man kann nie wissen wozu er gut ist. (Aichelin und

einige andere verschwinden.)

Pela (neben Grieninger). Nun, ist das Luthertum wieder einmal gerettet?

Grieninger (wiegt scherzhaft den Kopf). Ja, so lange der Markgraf nicht ein Heer streitbarer Weiber gegen

die Bürger aufbringt, so lange wird es ihm nicht glücken. Dass einzelne, die tüchtige Frauen

haben, wie ich, mürbe und degenmäßig sind und bereit zu kuschen, das langt noch nicht.

(Während die vorher abgegangenen Bürger bewaffnet wieder auftreten, im Hintergrund Tumult,

zwei Soldaten haben den Doktor Ebertz gepackt, der sich losreißen will.)

Hans Aichelin. Verflucht.

Schornstetten (gefolgt von Weinschenk). Hebt ihn!

Gerwig. Ihr Herrgottsakramenter! Heißt das Fried und Geleit?

Ebertz. Die wollen mich nach Durlach ....

Mehrere. Gewalt, - Verrat!

(Hans Aichelin sticht Weinschenk in den Hintern, der schreit auf und hält sich die Wunde.

Allgemeiner Tumult, die Bürger umringen die Abgesandten, entwaffnen die beiden Soldaten.)

Schornstetten. Das werdet ihr mir büßen, Bürgermeister! - Ich verlange sofort ...

Simmerer. Jetzt wird nichts mehr verlangt. Jetzt bestimmen wir vom Rat, was geschieht!

Anna L. Lumpenhunde!

Deimling. Sauhunde. Macht sie kalt!

(Im allgemeinen Tumult ist dem Hauptmann das Schriftstück entfallen. Grieninger nimmt es an


Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

sich und reicht es dem Bürgermeister Simmerer.)

Schornstetten. Das Schriftstück! Ich hab es ...

Simmerer. Ich hab es an mich genommen.

Schornstetten. Veruntreuung! Diebstahl!

Simmerer. Ja, Ihr habt den Frieden gebrochen. - Ich glaube Ihr werdet es mir noch danken, wenn ich

Euch jetzt vor dem Zorn der Bürger im Ratssaal aufbewahre.

(Die beiden Offiziere und die Soldaten werden ins Rathaus gedrängt,. Frau Ebertz kommt wieder,

sucht ihren Mann.)

Frau Ebertz. Ich hab also doch recht gehabt.

Gerwig (drängt sich vor). So hat der Lutz den Weinschenk gestochen (Ahmt es nach.) Der hat die Engel

im Himmel gehört. (Geht weiter und zeigt es den anderen, dem Publikum.)

Grieninger. Ebertz, jetzt gibt’s nichts mehr. Du musst für einige Zeit aus der Stadt. Ins Württembergische.

Frau Ebertz. Was!? Davonlaufen? Ihr gefallt mir!

Grieninger. Du nicht, Martha. Du kannst mit dem Kind ruhig hier bleiben. Aber dein Mann muss fort und

du musst ihm dazu reden.

Frau Ebertz. Ja, ihr seid mir Männer. Habt ihr nicht geschworen: einer für alle, alle für einen?

Grieninger. Gewiss. Und darum haben wir deinen Mann nicht abführen lassen, sondern die Offiziere

gefangen genommen, und drum wollen wir ihn jetzt in Sicherheit bringen.

Frau Ebertz. Ich geh aber mit.

Grieninger. Freilich. Kein Mensch in der Stadt denkt, dass eine resolute Frau wie du ihren Mann allein

lässt.

Ebertz. Eigentlich gefällt’s mir nicht. Eigentlich sollte ich mit euch aushalten.

Grieninger. Ah, schwätz. Wenn es schief geht, baumelst du. Und denk an dein Kind und deine Frau.

Ebertz (leicht bitter). Die Flucht nach Ägypten!

Grieninger. So weit hoffentlich nicht, Ebertz.

Ebertz (im Abgehen an alle). Wenn ihr je auf mein Wort gehört habt, so hört jetzt auch auf mich. Hütet

euch vor Gewalttat, befleckt euere Sache nicht, schwächt euch nicht, indem ihr Unrecht begeht.

Euer Recht hat euch bis jetzt geschützt.

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Durlach. Markgraf, Tischelin, später Gösslin.)

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Markgraf. Sprecht!

Tischelin. Pforzheim ist in hellem Aufruhr. Euer Fürstlichen Gnaden Abgesandte sind gefangen. Doktor

Ebertz ist ins Württembergische geflohen.

Markgraf. Die Abgesandten - gefangen?

Tischelin. Man wollte den Ebertz verhören, da ist er ausgerissen, man will ihn packen, er wird vom Pöbel

befreit und der Bürgermeister setzt Abgesandte und Begleitung fest.

Markgraf (starrt ihn an, fasst sich an die Brust, schwer atmend). Ist das die Wahrheit? - Ich will die

Wahrheit hören!

Tischelin. Ich weiß keine andere Wahrheit.

Markgraf (nachdem er sich etwas gefasst hat). Gösslin soll kommen, der Hauptmann.

(Tischelin gibt Zeichen nach draußen. Kurze Zeit später erscheint Gösslin. Der Markgraf stürzt auf

ihn zu, schlägt ihm mit der Faust auf die Brust.)

Jetzt mach ich ein Ende. Das hört auf! Der Teufel soll mich holen, wenn ich mich auslachen lasse.

Sind das noch Untertanen? Aufrührer sind sie, Rebellen, Verbrecher. Zusammenschießen werd ich

ihnen ihr Nest. - Das hab ich dir zu verdanken.

Gösslin (fragende Geste).

Markgraf. Den Schornstetten und den Weinschenk und die Soldaten haben sie einfach eingesponnen,

deine Pforzheimer.

Gösslin. Wie ist das möglich?

Markgraf. Wie!? (Ironisch.) Die Herren haben sich genau so tappich angestellt, wie es ihnen kein Mensch

zugetraut hätte. Ich kann doch nicht alles selber machen! Ist das Freundschaft, die nicht für den

Freund einspringt?

Gösslin. Dann dürfte der eine Freund keine anderen Ziele haben als der andere. - Warum willst du in diesem

Misslingen nicht Gottes Willen sehen?

Markgraf. Hier in diesem Misslingen sehe ich nicht die Hand Gottes, ich sehe immer nur die ungeschickten

Hände meiner Helfer und muss es darum weiter versuchen. (Pause.)

Wenn ich es dir befohlen hätte, - was hättest du getan?

Gösslin. Ich weiß es nicht. Man kann doch nicht für jede irre Möglichkeit des Lebens eine Entscheidung

bereit haben. - Ich kann mir nicht mit einem gedachten Wein einen Rausch antrinken.

Markgraf. Redensarten! Ausflüchte! - Du willst mich wieder weich machen! Aber der Teufel hole die

Gefühle und Schönredereien. Ja oder Nein will ich haben. - Ich werde dem Trotz der Wollkämmer,

Gerber und Flößer ein Ende setzen. Ich muss jetzt reinen Tisch machen. Wir reiten in drei Tagen

nach Pforzheim. Du wirst die Mannschaft besichtigen!

Gösslin (leise). Es soll geschehen.

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Pforzheim, Nacht. Sturmglocke. Bürger eilen bewaffnet auf den Platz.)

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Deimling. Was gibt’s denn mitten in der Nacht?

Anna L. Der Markgraf soll mit einem Haufen Bewaffneter unterwegs sein. Ein Dörfler hat’s der Torwache

gemeldet. ‘s wird Ernst.

Simmerer. Jeder kennt seinen Posten

Deimling. Ich hab’s nicht geglaubt, dass der Nackte Mann sich für nichts und wieder nichts gezeigt hat.

(Grieninger gefolgt von Pela, die ihn zurückhalten will.)

Pela. Siehst du mich noch an.

Grieninger. Wenn auch nur flüchtig. - Gib mir noch einen Kuss auf den Weg.

Simmerer. Geh auf die Pechnase am Heiligkreuztor, Grieninger. (Grieninger ab.)

Mutter Grieninger (eilt herbei, Pela wirft sich ihr in die Arme).

Pela. Halt ihn zurück, Mutter. Er war doch nie fanatisch im Glauben. Will er mich denn zur Witwe

machen, noch bevor wir geheiratet haben?

Mutter Grieninger (nach einer Pause). Hör zu, Pele! Michel ist mein einziger Sohn und ich habe auch Angst,

dass er heute Nacht womöglich vom Feind totgeschossen wird. Aber soll er denn davon laufen?

Willst du denn, dass ihm seine Mitbürger morgen ausweichen? - Das willst du doch auch nicht.

Pele (nach längerer Pause). Aber Mutter - was ist dann mit mir?

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Nacht, freies Feld, Mondlicht. Gösslin allein als Vorhut.)

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Gösslin (schaut in die Ferne). Pforzheim.

Markgraf (holt ihn ein). So weit voraus?

Gösslin. Ja.

Markgraf. Da liegt also Pforzheim. Ohne Blut will ich es machen. Aber vielleicht stehen die Bürger schon

auf den Mauern und Türmen. - Wie Gott will.

Gösslin. Nein, wie du willst. - Du willst die Lunte legen, dass der Brand über die Stadt hinweggeht, dass

die hohen Dächer verschwinden, die Häuser zu Ruinen, die Mauern geschwärzt, die Kirchen entweiht,

die Bilder zerhackt, die Altäre umgestürzt werden.

Du willst es!

Markgraf. Leuprant, Vielleicht ist auch für mich schon die Kugel gegossen. Nein, ich muss. Die Truppe ist

heran. (Geräusch, er will weiter.)

Gösslin (stellt sich vor ihn, zieht das Schwert). Markgraf, hier beginnt Pforzheim. Es gilt. Wehr dich.

Markgraf (erschrickt, will nach dem Schwert greifen, fasst sich dann aber an die Brust, ringt nach Luft

und bricht zusammen).

Gösslin (weicht entsetzt zurück, Geräusch der heranrückenden Truppe wird stärker, Gösslin ruft in die

Kulisse). Halt! Der Arzt soll kommen. (Gösslin kniet nieder zum Markgrafen, kurz danach kommt

der Arzt.)

Arzt (Kniet nieder, untersucht; Mittlerweile sind einige Soldaten erschienen; der Arzt richtet sich auf).

Ihre Fürstlichen Gnaden sind an einem Stickflusse verschieden.

(Alle nehmen die Kopfbedeckung ab; Gösslin drückt dem Toten die Augen zu.)

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Textbuch PFORZHEIM IN AUFRUHR

(Pforzheim. Nacht. Stimmen der Bürger.)

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Hans A. Lichter am Klaffnert.

Deimling. Fackeln in mondheller Nacht?!

Enderle. Ganz nah sind sie schon, die Fackeln!

Gösslin (Stimme aus dem Off). Halt. Im Namen des Markgrafen Georg Friedrich begehre ich Einlass für

die irdischen Reste des weiland Markgrafen Ernst Friedrich von Baden und Hochberg, Landgrafen

zu Sausenberg, Herrn zu Röteln und Badenweiler.

(Das Tor wird geöffnet, man hört das Geräusch. Gösslin erscheint, hinter ihm auf einer Bahre

getragen der tote Markgraf.)

Alt Peter Gösslin (erscheint und tritt auf seinen Sohn zu).

Gösslin (will seinen Vater umarmen). Vater!

Alt Peter Gösslin (weicht zurück). So, so! Auch hiesig?

Gösslin (blickt seinen Vater eine Weile stumm an). Der Markgraf ist unterwegs verschieden.

(Die Leiche wird abgesetzt.)

Alt Peter. Davon wollen wir uns überzeugen.

Gösslin. Ihr traut mir nicht, Vater?

Alt Peter. Das wäre zu viel verlangt, Hauptmann.

(Jetzt erscheinen, während sich Alt Peter Gösslin zu der Leiche niederkniet, nach und nach die

Bürger auf der Bühne im weiten Kreis um die Szene. Dann richtet sich Alt Peter Gösslin auf.)

Kalt.

Black

Ende

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