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AG E N DA

DIE ZUKUNFT

DES WOHNENS

Ausgerechnet die Umweltsünder-Nation China baut die erste

Ökostadt der Welt. Und will damit allen anderen Staaten vormachen, wie

nachhaltiges Wachstum aussehen kann. Ein Besuch auf der Baustelle

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F OTO S : A R U P (2)

Schanghai liegt gerade weit genug

entfernt. Der Lärm der

Metropole, der Smog, die Menschenmassen

sind weit weg.

Hier wogt goldenes Gras bis

zum Horizont. Doch wenn Alex

Mitchell auf diese raue, ursprüngliche

Landschaft blickt, sieht er

Probleme. Er sieht Müll, und er sieht die

Stadt, die hier für eine halbe Million Menschen

entstehen soll. Er sieht weggeworfene

Verpackungen und Plastikflaschen,

vergiftete Seen, Autoabgase. Mitchell lächelt

bei dem Gedanken. Denn er und seine

Kollegen werden all das verhindern.

Der in Hongkong geborene Abfallexperte

arbeitet für den Londoner Arup-

Konzern, der weltweit schon mehr als ein

Architekten-Hirngespinst in Beton gegossen

hat. Arup hat etwa das Opernhaus in

Sydney mit verwirklicht oder das Centre

Pompidou in Paris. In Chinas Hauptstadt

Peking errichtet das Unternehmen für die

Olympischen Spiele im kommenden Jahr

einen ganzen Satz futuristischer Bauten:

das „Vogelnest“ des Architektenbüros

Herzog & de Meuron, das blau leuchtende

Schwimmstadion „Wasserwürfel“, die sta-

tisch unmöglich erscheinende CCTV-Zentrale

von Rem Koolhaas und den spektakulären

neuen Flughafen-Terminal des

britischen Granden Lord Norman Foster.

Rund 1 000 Kilometer weiter südöstlich

rettet man allerdings gleich die Welt. Hier,

auf der Insel Chongming vor Schanghai,

entsteht die erste Ökostadt des Planeten.

Dongtan heißt das Projekt, und es ist der

am Reißbrett entworfene Traum jedes

Umweltschützers: In unterirdischen Pflanzenfabriken

wachsen Nahrung für die

Bewohner und Brennmaterial für Mini-

Kraftwerke, deren Abwärme wiederum

das Wasser erhitzt. Nur emissionsfreie

Fahrzeuge dürfen in die Stadt.

Alle Gebäude sind nach höchstmöglicher

Energieeffizienz gebaut, Entfernungen

so bemessen, dass Bewohner gern zu

Fuß gehen. 65 Prozent des Stadtgebietes

bleiben grün, dazu kommen viele Seen

und Kanäle. Außerdem – hier fangen Mitchells

Augen an zu strahlen – werden 90

Prozent des Mülls recycelt oder zur Energiegewinnung

genutzt. Ein Dorf für antimodernistische

Ökofanatiker?

Im Gegenteil. Dongtan ist Hightech-

Projekt und Marketing-Geniestreich. Die

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Grünes Hightech-Idyll:

In der Ökostadt Dongtan,

hier ein Modell, sollen in

einigen Jahren 500 000

Menschen leben

Grüner bauen:

Peter Head,

Projektleiter

und Planer der

Ökostadt

geplante Kundschaft: wohlhabende Chinesen,

die den Smog ebenso leid sind wie

den schlechten Ruf einer Nation von Umweltsündern.

Die Zeitwahl könnte nicht

besser sein. Rechtzeitig zu Olympia hat

die chinesische Regierung die Disziplin

Ökologie entdeckt.

Auf dem jüngsten Parteitag sprach Präsident

Hu Jintao das Thema so offen an

wie noch nie. Chinas Wirtschaftswachstum

werde „mit unmäßig hohen Kosten

bei unseren Rohstoffen und unserer

Umwelt erzielt“. Einer Studie der Weltbank

zufolge sterben in seinem Land jedes

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