MEINE KLASSIKER

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MEINE KLASSIKER

»Wir wollen beweisen, dass man

wirtschaftliche Entwicklung von

Umweltfolgen abkoppeln kann«

Jahr 460 000 Menschen vorzeitig an den

Folgen verseuchter Luft und verschmutzten

Trinkwassers. Zudem ist die Zahl

der mit Fehlbildungen geborenen Babys

in nur fünf Jahren um fast 40 Prozent

gestiegen. Die Umweltschäden lösen

zunehmend Unruhen und Proteste im

Land aus.

Auch die Zensur scheint bei diesem

Thema weitgehend aufgehoben zu sein.

Wer derzeit englischsprachige chinesische

Zeitungen wie die „Shanghai Daily“ liest,

findet täglich Berichte über verdreckte

Seen und Landstriche oder Leserbriefe

mit Klagen über mancherlei Sauerei. Da

passt es gut ins Bild des langen Marsches

zum Saubermann-Image, dass in China

nun die erste Ökostadt der Welt entsteht.

„Mit Dongtan zeigen wir, wie Städte in

Zukunft wachsen können, ohne die Umwelt

zu zerstören“, sagt Peter Head, Nachhaltigkeitsbeauftragter

bei Arup und Leiter

des Projekts. Der Konzern hat das

saubere Bauen als Wachstumsbranche

erkannt: Städte wie Dubai, Khartoum,

Lagos, Mumbai und Rio de Janeiro werden

ihre Einwohnerzahlen in den kommenden

30 Jahren verdoppeln. „Unsere

chinesischen Auftraggeber meinen es sehr

ernst“, sagt Head. Die Ingenieure wollten

die neue Stadt ursprünglich nur zu – auch

schon fortschrittlichen – 60 Prozent mit

erneuerbarer Energie versorgen. Aber die

Chinesen verlangten 100 Prozent.

Alex Mitchell wandert weiter über die

Grasfelder, auf denen Ende des Jahres die

Bauarbeiten für die Ökostadt beginnen.

Irgendwo hier lebt der Schwarzstirnlöffler,

einer der seltensten Vögel der Welt, der

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das Ganze angeblich erst ausgelöst hat.

Weil ein unkontrolliert expandierendes

Schanghai den sowieso schon vom Aussterben

bedrohten Tieren den Lebensraum

genommen hätte, kamen die Chinesen

überhaupt erst auf die Idee zur umweltverträglichen

Großstadt.

Wobei ihnen das nicht jeder

glaubt. Chinesische Umweltschützer

beklagen

vielmehr, dass ausgerechnet

die Bauarbeiten für

die neue Ökostadt dem raren Vogel endgültig

den Garaus machen könnten. Schon

aus Imagegründen gibt man sich bei Arup

deshalb alle Mühe, die Tiere vor Unbill zu

bewahren: Der breite Streifen grasbewachsener

Auen, in denen der Schwarzstirnlöffler

lebt, bleibt unbebaut – auch in Zu-

HIER LIEGT DIE ÖKOSTADT

Auf dieser Insel sollen bald 500 000

Menschen umweltfreundlich leben

Bald führt die längste

Hängebrücke der

Welt nach Dongtan

kunft, egal, wie sehr Dongtan wächst.

2010 werden die ersten Apartments verkauft,

und schon 2050 sollen hier über

500 000 Einwohner leben – etwa so viele

wie heute in Bremen oder Düsseldorf. Damit

der Müll dieser Menschen nicht das

schöne Ökoprojekt zunichtemacht, hat

sich Alex Mitchell ein zentrales Abfall-

Ansaugsystem ausgedacht: Wer seinen

Mülleimer ausleert, schüttet den Inhalt

in eine Art Rohrpost, die per Unterdruck

alles in die Müllsortier- und Recyclinganlage

saugt.

Dort wird der Müll entweder recycelt

oder zur Energiegewinnung verbrannt. Es

gibt zwei getrennte Wasserversorgungssysteme:

eines mit Trink- und eines mit

wiederaufbereitetem Abwasser, um Toiletten

zu spülen oder Pflanzen zu gießen.

„Eine grüne Insel, die beweist, dass man

wirtschaftliche Entwicklung von den Folgen

für die Umwelt abkoppeln kann“,

sagt Alejandro Gutierrez, der für das Projekt

zuständige Architekt.

Er hatte mit seinem über 100 Mann umfassenden

Team herausgefunden, dass

eine Ökostadt keineswegs leer sein muss;

ursprünglich war geplant gewesen, nur

50 000 Menschen auf der Insel anzusiedeln.

Doch das hätte zu einer wenig energieeffizienten

Vorstadtarchitektur mit Einfamilienhäusern

und Gärten geführt. Frei

stehende Häuser nämlich haben zu viel

Außenfläche, die Einwohner brauchen

Autos für das Pendeln zur Arbeit, öffentliche

Verkehrsmittel rechnen sich nicht.

Erst wenn genügend Menschen auf

einem Fleck leben, entstehen ökologische

Synergieeffekte. Alejandro Gutierrez fand

die perfekte Zahl bei etwa 5 500 Einwohnern

pro Quadratkilometer. Das entspricht

in etwa der Bevölkerungsdichte von Kopenhagen.

Und auch wenn auf der Insel heute

noch das Gras rauscht und Vögel durchs

Marschland tapsen – die Autobahnabfahrt

gibt es schon fast. Die Hängebrücke, die

Dongtan mit dem Festland um Schanghai

verbinden wird, ist zehn Kilometer lang;

damit wäre sie die längste der Welt. Die

meisten Pfeiler stehen schon, aber von der

Insel aus gesehen verschwindet das Ende

des Bauwerks im Dunst.

In Deutschland würden Genehmigungsverfahren

und Bau eines solchen Monstrums

Jahrzehnte dauern – wenn sie denn

überhaupt zustande kämen. „Hier: zwei

Jahre“, sagt Alex Mitchell und grinst.

Noch ist China eines der schmutzigsten

Länder der Welt. Aber die sauberste Stadt

der Welt kann vielleicht tatsächlich nur

hier entstehen.

F OTO : M A R K U S A L B E R S

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