MEINE KLASSIKER

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R E I S E

In der

Zeitmaschine

Zeitmaschine

In einem abgeschiedenen Schweizer Bergtal arbeiten die

besten Uhrmacher der Welt. Das Vallée de Joux

macht die Zeit sichtbar – und das schon seit Jahrhunderten

FERNSICHT Von den

Berghängen des Vallée de

Joux reicht der Blick bei

schönem Wetter bis zum

Gipfel des Mont Blanc

V O N G I S B E R T L . B R U N N E R

F OTO S : F O C U S , P R (4 )

D Doch

Die Zeit scheint stillzustehen, dort, wo sie gemacht

wird. Im Vallée de Joux ist es ruhig, beschaulich,

leise, als würde das ganze Tal die

Luft anhalten, um ja keinen der Uhrmacher

in seiner Konzentration zu stören. Nur ein

kleines Versehen, eine Unachtsamkeit, ein

Ausrutschen des Werkzeugs – und die Arbeit

mehrerer Stunden ist in einem Augenblick

zunichtegemacht.

Die Fähigkeit zur Koordination von Auge

und Hand, gebündelt im kleinen Ausschnitt

einer zehnfach vergrößernden Lupe, ist

Grundvoraussetzung für die Aufnahme in

den elitären Zirkel der Uhrmacher, denen

hochfeine Chronometer anvertraut werden.

Ausdauer eine andere. Die Arbeitsabläufe

lassen sich nicht weiter beschleunigen, sie

SEEBLICK Um den Lac de Joux

liegen die traditionsreichen

Uhrmacherorte (o.). Zum Brauchtum

zählt auch das Alphornblasen (r.).

Altes Jaeger-LeCoultre-Plakat (l.)

verweigern sich allen Rationalisierungsmaßnahmen.

Uhrmacher Uhrmacher auf diesem

Niveau sind Individualisten. Sie benutzen

meistens nur ihr eigenes Werkzeug, Werkzeug,

das sie penibel pflegen und abends pedantisch

wegsperren, weil sie es von den

Vätern oder gar Großvätern geerbt haben.

Veränderung bedeutet hier immer Verschlechterung.

Aber da hat man im Vallée de Joux nichts

zu befürchten. Im Sommer leuchten die bebewaldeten Berghänge grün, im Herbst schillern

die Farben des Laubs, im Winter liegt

eine Kruste zuckrigen Schnees über der

Landschaft, und im Frühjahr geht alles wieder

von vorn los. Wie seit Ewigkeiten.

Obwohl es das Weltzentrum der haute horlogerie,

der Uhrmacherkunst, ist, geht kein Flug

in das Vallée de Joux. Die Reise mit dem Zug

ist beschwerlich. Der Weg ist zwar nicht das

Ziel, aber das Ziel lohnt einen Umweg. Vom

Gipfel des 1 483 Meter hohen Dent de Vaulion

hat man einen unendlich schönen Blick

über das ganze Tal. Egal, ob man von Osten

oder Westen kommt, die Route ist gesäumt

mit Sehenswürdigkeiten, die den Jahrhunderten

trotzen: mittelalterliche Städte (wie

Romainmôtier) und Tropfsteinhöhlen (wie

in Vallorbe).

Und genauso alt wie die Sehenswürdigkeiten

scheint der Ruf zu sein, den sich das

Schweizer Tal aufgebaut hat. Lange Zeit

lebten die Combiers, wie die Einwohner genannt

werden, äußerst bescheiden von der

Landwirtschaft. Im Winter war das Tal quasi

von der Außenwelt abgeschnitten. Dann

brachen die Menschen das Eis aus dem See

Joux und lagerten es in Grotten, um es im

Sommer an Kühlhäuser zu verkaufen.

1740 nahm der 19-jährige Bauernsohn

Samuel-Olivier Meylan seine Ersparnisse

und wanderte nach Rolle, um dort das Uhrmacherhandwerk

zu lernen. Nach einigen

Irrwegen kehrte Meylan in seine Heimatgemeinde

im Tal zurück und begann mit der

Herstellung von Uhren in Handarbeit. Er

lernte seine Brüder und weitere Bauernsöhne

an und läutete damit im Vallée de Joux

eine neue Ära ein.

Tatsächlich zeichneten sich die Uhrmacher

bald durch die Herstellung von komplizierten

Vorrichtungen wie Kalendarien

aus. Speziell diese Kadraturen (wie man die

mechanischen Zusatzfunktionen einer Uhr

nennt) begründeten den Ruf des Vallée de

Joux als „Tal der Cadraturies“. Wegen ihrer

Komplexität und Qualität wurden die Produkte

aus dem Joux-Tal für die Genfer Fabrikanten

immer wichtiger.

Die mechanisierte Fertigung von Uhrenbestandteilen

ist untrennbar mit Charles

Antoine LeCoultre verknüpft, der 1833

LeCoultre & Co gründete, woraus später

Jaeger-LeCoultre hervorging. Der begnadete

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