Chancengleichheit braucht Aktivität – Anti ... - Migration-online

migration.online.de

Chancengleichheit braucht Aktivität – Anti ... - Migration-online

stammen. Sie wurden unter anderem nach

empfundener Diskriminierung bei der

Lehrstellensuche befragt: 26,8 Prozent der

türkischen Jugendlichen sind ihrer Meinung

nach schon einmal benachteiligt worden, bei

den Jugendlichen, deren Eltern aus Ex-Jugoslawien

stammen, waren es nur 14 Prozent.

Die Frage nach Diskriminierung am

Arbeitsplatz wurde von 14,9 Prozent der

türkischen und 11,9 Prozent der exjugoslawischen

Jugendlichen bejaht. Es

wurde über verbale Übergriffe und Anfeindungen

von Kollegen, Vorgesetzten oder

Kunden berichtet, über Benachteiligungen

bei der Verteilung von Arbeit und von mangelnder

Unterstützung bei der Karriere.

Eine weitere Studie über Benachteiligung am

Arbeitsmarkt ist von der Internationalen

Arbeitsorganisation (ILO) in Genf initiiert

worden. Darin spielten Einstellungspraktiken

eine zentrale Rolle. Auf Stellenangebote wurden

jeweils zwei fingierte Bewerbungen eingeschickt,

beide Bewerber besaßen dieselben

beruflichen Qualifikationen, nur die Namen

variierten: Einer war ausländischer Herkunft,

der andere nicht. Es gab signifikant mehr Einladungen

zu Vorstellungsgesprächen für diejenigen

mit deutschem Namen. Das europäische

forum für migrationsstudien hatte in der

Auftragsphase die Mitwirkung abgelehnt,

weil hier Betriebe vorsätzlich getäuscht wurden

und diese Studie auch in sozialwissenschaftlicher

Hinsicht durchaus umstritten

war. Aber zumindest kann man aus diesem

Beispiel eine tendenzielle Benachteiligung

von MigrantInnen erkennen.

Andere Einzeldaten, die das Bild von Diskriminierung

in Betrieben verdeutlichen können,

erschließen sich über Rechtsstreitigkeiten. So

entschied ein Frankfurter Landgericht im Jahre

2001, dass die Kündigung eines Geschäftsführers

einer GmbH allein wegen seiner ethnischen

Herkunft sittenwidrig und damit nichtig

sei. Die Klage eines britischen Staatsbür-

Seite 12

03 Über Diskriminierung und Vorurteil

gers indischer Herkunft gegen die deutsche Tochterfirma einer türkischen

Bank hatte deshalb Erfolg. Es gibt die bekannt gewordenen

Fälle über die Einstellung von Lehrerinnen muslimischen Glaubens,

die darauf bestehen, mit Kopftuch zu unterrichten. Der badenwürttembergische

Verwaltungsgerichtshof hat entschieden, dass die

Ablehnung der Einstellung dieser Lehrerin gerechtfertigt sei, während

auf der anderen Seite das Verwaltungsgericht Lüneburg einer Klägerin

muslimischen Glaubens das Recht zusprach, auch mit Kopftuch ihren

Schuldienst zu versehen. Im Bezug auf diese Frage gibt es eine ungeklärte

Rechtslage.

Eine ganze Reihe von Rechtsfällen befasst sich mit individueller Diskriminierung.

Das Arbeitsrecht sieht durchaus einige Möglichkeiten

vor, etwas dagegen zu tun. Arbeitnehmende, die durch fremdenfeindliche

oder rassistische Übergriffe, Beleidigungen oder Tätlichkeiten

gegenüber ausländischen Arbeitskollegen aufgefallen sind, können

entlassen werden. Grundlage sind sowohl individualrechtliche

Regelungen, als auch kollektivrechtliche Bestimmungen, insbesondere

die neuen Normen des Betriebsverfassungsgesetzes. So hielt das

Bundesarbeitsgericht in seinem Urteil vom 1. Juli1999 eine Kündigung

gegenüber einem Auszubildenden, der während der Arbeitszeit

ein Blechschild mit der Aufschrift „Arbeiten macht frei, Türkei schönes

Land“ angefertigt und an der Werkbank eines türkischen Arbeitnehmers

befestigt hatte, sowie während der Arbeitszeit Lieder mit antisemitischen

und rassistischen Inhalten gesungen hatte, ohne vorherige

Abmahnung für gerechtfertigt. Schon zwei Jahre zuvor entschied das

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, dass ausländerfeindliches Verhalten

im Betrieb ein Entlassungsgrund sei. Außerdem wies das Gericht

die Klage eines Maschinenführers zurück, dem gekündigt wurde,

weil er einen türkischen Arbeitskollegen mit ausländerfeindlichen

Aussagen und Zeichnungen konfrontiert hatte. Er hatte dem türkischen

Kollegen damit gedroht, dieser werde „aufgehängt, sobald der

Befehl von oben kommt.“ Nichts desto trotz gibt es eine Reihe von

Diskriminierungsfällen am Arbeitsplatz, die nicht vor Gericht verhandelt

werden, weil die Betroffenen aus Furcht vor weiteren Nachteilen

häufig nicht gegen die Diskriminierung vorgehen.

Was die persönlichen Einstellungen als Grundlage von Vorurteil und

Diskriminierung angeht, gilt: Je höher der Bildungsabschluss einer

Person und die Informiertheit, desto geringer ihre Tendenz, Vorurteile

zu haben, rassistisch zu denken oder andere menschenfeindliche Einstellungen

zu teilen. Das bestätigt zunächst mal den Ansatz, mit richtigen

Informationen Aufklärung zu betreiben. Jedoch ist die Wirksamkeit

von Aufklärung abhängig von bestimmten Bedingungen. Die Wirksamkeit

von Aufklärung variiert mit der Glaubwürdigkeit der

Informationsquelle: Je glaubwürdiger die Informationsquelle, desto

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine