Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci

ren jungen Leuten eine Anzeige wegen verbotenen homosexuellen Um-

ganges, die mit seinem Freispruch endete. Es scheint, daß er in diesen

Verdacht geriet, weil er sich eines übel beleumundeten Knaben als Mo-

dells bediente1. Als Meister umgab er sich mit schönen Knaben und

Leonardo den Zeugungsakt in Form

eines anatomischen Sagittaldurchschnittes

darstellte, so müßte ja der linke

männliche Fuß oberhalb der Bildfläche

gedacht werden, und umgekehrt sollte

aus demselben Grunde der weibliche

Fuß der linken Seite angehören. Tatsächlich

aber hat Leonardo weiblich und

männlich vertauscht. Die Figur des

Mannes besitzt einen linken, die des

Weibes einen rechten Fuß. Bezüglich

dieser Vertauschung orientiert man sich

am leichtesten, wenn man bedenkt, daß

die großen Zehen der Innenseite der

Füße angehören.

Aus dieser anatomischen Zeichnung

allein hätte man die den großen Künstler

und Forscher beinahe verwirrende

Libidoverdrängung erschließen können.«

[Hier ergänzte Freud 1923:] Diese Darstellung

Reitlers hat allerdings die Kritik

gefunden, es sei nicht zulässig, aus

einer flüchtigen Zeichnung so ernste

Schlüsse zu ziehen, und es stehe nicht

einmal fest, ob die Stücke der Zeichnung

wirklich zusammengehören.

[Die hier wiedergegebene, von Reitler

analysierte und von ihm (wie infolgedessen

auch von Freud) für das Leonardosche

Original gehaltene anatomische

Zeichnung ist in Wirklichkeit, wie

sich inzwischen herausgestellt hat, eine

Reproduktion einer Lithographie von

Wehrt, die 1830 selbst als Kopie eines

seinerseits 1812 herausgebrachten Kupferstichs

von Bartolozzi veröffentlicht

wurde. Bartolozzi ergänzte die Füße,

die Leonardo fortgelassen hat, und

Wehrt fügte im Antlitz des Mannes den Fig. 1

mürrischen Ausdruck hinzu, Leonardos

Originalzeichnung, die sich im Schloß

von Windsor (Quaderni d’ Anatomia, III folio, 3 v.) befindet, zeigt das Antlitz in ruhiger

neutraler Stimmung.]

1 Auf diesen Zwischenfall bezieht sich nach Scognamiglio (1900, 49) eine dunkle und

selbst verschieden gelesene Stelle des Codex Atlanticus: Quando io feci Domeneddio

putto voi mi metteste in prigione, ora s’ io lo fo grande, voimi farete peggio, [Etwa:

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