Bildende Kunst und Literatur

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Jünglingen, die er zu Schülern annahm. Der letzte dieser Schüler, Fran-

cesco Melzi, begleitete ihn nach Frankreich, blieb bis zu seinem Tode bei

ihm und wurde von ihm zum Erben eingesetzt. Ohne die Sicherheit

seiner modernen Biographen zu teilen, die die Möglichkeit eines sexuel-

len Verkehrs zwischen ihm und seinen Schülern natürlich als eine grund-

lose Beschimpfung des großen Mannes verwerfen, mag man es für weit-

aus wahrscheinlicher halten, daß die zärtlichen Beziehungen Leonardos

zu den jungen Leuten, die nach damaliger Schülerart sein Leben teilten,

nicht in geschlechtliche Betätigung ausliefen. Man wird ihm auch von

sexueller Aktivität kein hohes Maß zumuten dürfen.

Die Eigenart dieses Gefühls- und Geschlechtslebens läßt sich im Zusam-

menhalt mit Leonardos Doppelnatur als Künstler und Forscher nur in

einer Weise begreifen. Von den Biographen, denen psychologische Ge-

sichtspunkte oft sehr ferne liegen, hat meines Wissens nur einer, Edm.

Solmi, sich der Lösung des Rätsels genähert; ein Dichter aber, der Leo-

nardo zum Helden eines großen historischen Romans gewählt hat,

Dmitry Sergewitsch Mereschkowski, hat seine Darstellung auf solches

Verständnis des ungewöhnlichen Mannes gegründet und seine Auffas-

sung, wenn auch nicht in dürren Worten, so doch nach der Weise des

Dichters in plastischem Ausdruck unverkennbar geäußert 1 . Solmi urteilt

über Leonardo: »Aber das unstillbare Verlangen, alles ihn Umgebende

zu erkennen und mit kalter Überlegenheit das tiefste Geheimnis alles

Vollkommenen zu ergründen, hatte Leonardos Werke dazu verdammt,

stets unfertig zu bleiben.« 2 In einem Aufsatze der Conference Fiorentine

wird die Äußerung Leonardos zitiert, die sein Glaubensbekenntnis und

den Schlüssel zu seinem Wesen ausliefert:

»Nessuna cosa si può amare nè odiare, se prima non si ha cognition di

quella.« 3

Also: Man hat kein Recht, etwas zu lieben oder zu hassen, wenn man

sich nicht gründliche Erkenntnis seines Wesens verschafft hat. Und das-

selbe wiederholt Leonardo an einer Stelle des Traktats von der Male-

rei, wo er sich gegen den Vorwurf der Irreligiosität zu verteidigen

scheint:

»Als ich Gott, den Herrn, als Neugeborenes darstellte, warfst du mich ins Gefängnis;

wenn ich ihn nun als erwachsen darstelle, wirst du mir Schlimmeres antun.«]

1 Mereschkowski [1902]: Leonardo da Vinci. (Deutsche Übersetzung, 1903.) Das

Mittelstück einer großen Romantrilogie, die Christ und Antichrist betitelt ist. Die bei-

den anderen Bände heißen Julian Apostata und Peter der Große und Alexei.

2 Solmi (1908, 46).

3 Bottazzi (1910, 193) [J. P. Richter (1939, Bd. 2, 244)].

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