Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

II. KAPITEL

Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo in eine seiner

wissenschaftlichen Niederschriften eine Mitteilung aus seiner Kindheit

eingestreut. An einer Stelle, die vom Fluge des Geiers handelt, unter-

bricht er sich plötzlich, um einer in ihm auftauchenden Erinnerung aus

sehr frühen Jahren zu folgen.

»Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so gründlich

mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als eine ganz frühe Er-

innerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier zu mir

herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und

viele Male mit diesem seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.« 1

Eine Kindheitserinnerung also, und zwar höchst befremdender Art. Be-

fremdend wegen ihres Inhaltes und wegen der Lebenszeit, in die sie

verlegt wird. Daß ein Mensch eine Erinnerung an seine Säuglingszeit

bewahren könne, ist vielleicht nicht unmöglich, kann aber keineswegs als

gesichert gelten. Was jedoch diese Erinnerung Leonardos behauptet, daß

ein Geier dem Kinde mit seinem Schwanz den Mund geöffnet, das

klingt so unwahrscheinlich, so märchenhaft, daß eine andere Auffassung,

die beiden Schwierigkeiten mit einem Schlage ein Ende macht, sich un-

serem Urteile besser empfiehlt. Jene Szene mit dem Geier wird nicht

eine Erinnerung Leonardos sein, sondern eine Phantasie, die er sich spä-

ter gebildet und in seine Kindheit versetzt hat 2 . Die Kindheitserinne-

1 »Questo scriver si distintamente del nibio par che sia mia destino, perchè nella mia

prima ricordatione della mia infantia e’ mi parea che, essendo io in culla, che un nibio

venissi a me e mi aprissi la bocca colla sua coda e molte volte mi percuotesse con tal

coda dentro alle labbra.« (Codex atlanticus, F. 65 V. nach Scognamiglio [1900, 22].)

[Im oben zitierten Text führt Freud die Herzfeldsche Übersetzung des italienischen

Originals an. Darin finden sich zwei Übersetzungsfehler: »nibio« müßte »Milan« und

nicht »Geier« heißen (s. die editorische Vorbemerkung, S. 89 oben), und das Wort

»dentro« ist nicht mitübersetzt; es müßte richtig heißen: »zwischen die Lippen«, nicht

»gegen die Lippen«. Diesen zweiten Fehler hat Freud übrigens selbst berichtigt (S. 112

unten).]

2 [1919 hinzugefügte Anm.:] Havelock Ellis hat in einer liebenswürdigen Besprechung

dieser Schrift (1910) gegen die obenstehende Auffassung eingewendet, diese Erinnerung

Leonardos könne sehr wohl eine reale Begründung gehabt haben, da Kindererinne-

rungen oft sehr viel weiter zurückreichen, als man gewöhnlich glaubt. Der große Vogel

brauchte ja gerade kein Geier gewesen zu sein. Ich will dies gerne zugestehen und zur

Verminderung der Schwierigkeit die Annahme beitragen, die Mutter habe den Besuch

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