Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Bildende Kunst und Literatur

sie mit den eigenen zu vergleichen. Die erotische Anziehung, die von der

Person der Mutter ausging, gipfelte bald in der Sehnsucht nach ihrem

für einen Penis gehaltenen Genitale. Mit der erst spät erworbenen Er-

kenntnis, daß das Weib keinen Penis besitzt, schlägt diese Sehnsucht oft

in ihr Gegenteil um, macht einem Abscheu Platz, der in den Jahren der

Pubertät zur Ursache der psychischen Impotenz, der Misogynie, der

dauernden Homosexualität werden kann. Aber die Fixierung an das

einst heißbegehrte Objekt, den Penis des Weibes, hinterläßt unauslösch-

liche Spuren im Seelenleben des Kindes, welches jenes Stück infantiler

Sexual Forschung mit besonderer Vertiefung durchgemacht hat. Die fe-

tischartige Verehrung des weiblichen Fußes und Schuhes scheint den

Fuß nur als Ersatzsymbol für das einst verehrte, seither vermißte Glied

des Weibes zu nehmen; die »Zopfabschneider« spielen, ohne es zu wis-

sen, die Rolle von Personen, die am weiblichen Genitale den Akt der

Kastration ausführen.

Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität kein richtiges

Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur Auskunft greifen, diese

Mitteilungen für unglaubwürdig zu erklären, solange man den Stand-

punkt unserer kulturellen Geringschätzung der Genitalien und der Ge-

schlechtsfunktionen überhaupt nicht verläßt. Zum Verständnis des kind-

lichen Seelenlebens bedarf es urzeitlicher Analogien. Für uns sind die

Genitalien schon seit einer langen Reihe von Generationen die Pudenda,

Gegenstände der Scham, und bei weiter gediehener Sexualverdrängung

sogar des Ekels. Wirft man einen umfassenden Bück auf das Sexualleben

unserer Zeit, besonders das der die menschliche Kultur tragenden Schich-

ten, so ist man versucht zu sagen 1 : Widerwillig nur fügen sich die heute

Lebenden in ihrer Mehrheit den Geboten der Fortpflanzung und fühlen

sich dabei in ihrer menschlichen Würde gekränkt und herabgesetzt. Was

an anderer Auffassung des Geschlechtslebens unter uns vorhanden ist,

hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen Volksschichten zurückgezo-

gen, versteckt sich bei den höheren und verfeinerten als kulturell minder-

wertig und wagt seine Betätigung nur unter den verbitternden Mah-

nungen eines schlechten Gewissens. Anders war es in den Urzeiten des

Menschengeschlechts. Aus den mühseligen Sammlungen der Kulturfor-

scher kann man sich die Überzeugung holen, daß die Genitalien ur-

sprünglich der Stolz und die Hoffnung der Lebenden waren, göttliche

Verehrung genossen und die Göttlichkeit ihrer Funktionen auf alle neu

1 [Dieser Teil des Satzes wurde 1919 hinzugefügt.]

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