Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci

mehr als einem seiner Biographen geregt. W. Pater, der in dem Bilde der

Mona Lisa die »Verkörperung aller Liebeserfahrung der Kulturmensch-

heit« sieht [1873, 118] und sehr fein [ibid., 117] »jenes unergründliche

Lächeln, welches bei Leonardo stets wie mit etwas Unheilverkündendem

verbunden scheint«, behandelt, führt uns auf eine andere Spur, wenn er

äußert 1 :

»Übrigens ist das Bild ein Porträt. Wir können verfolgen, wie es sich von

Kindheit auf in das Gewebe seiner Träume mischt, so daß man, sprächen

nicht ausdrückliche Zeugnisse dagegen, glauben möchte, es sei sein end-

lich gefundenes und verkörpertes Frauenideal …«

Etwas ganz Ähnliches hat wohl M. Herzfeld im Sinne, wenn sie aus-

spricht, in der Mona Lisa habe Leonardo sich selbst begegnet, darum

sei es ihm möglich geworden, soviel von seinem eigenen Wesen in das

Bild einzutragen, »dessen Züge von jeher in rätselhafter Sympathie in

Leonardos Seele gelegen haben.« 2

Versuchen wir diese Andeutungen zur Klarheit zu entwickeln. Es mag

also so gewesen sein, daß Leonardo vom Lächeln der Mona Lisa ge-

fesselt wurde, weil dieses etwas in Ihm aufweckte, was seit langer Zeit

in seiner Seele geschlummert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich.

Diese Erinnerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen,

nachdem sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer wieder

neuen Ausdruck geben. Die Versicherung Paters, daß wir verfolgen

können, wie sich ein Gesicht wie das der Mona Lisa von Kindheit auf

in das Gewebe seiner Träume mischt, scheint glaubwürdig und verdient

wörtlich verstanden zu werden.

Vasari erwähnt als seine ersten künstlerischen Versuche »teste di fem-

mine, che ridono« 3 . Die Stelle, die ganz unverdächtig ist, weil sie nichts

erweisen will, lautet vollständiger in deutscher Übersetzung 4 : »indem

er in seiner Jugend einige lachende weibliche Köpfe aus Erde formte, die

in Gips vervielfältigt wurden, und einige Kinderköpfe, so schön, als ob

sie von Meisterhand gebildet wären …«

Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der Darstellung von

zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei Sexualobjekte mah-

nen müssen, welche wir aus der Analyse seiner Geierphantasie erschlos-

sen haben. Waren die schönen Kinderköpfe Vervielfältigungen seiner

1 Pater [l. c.;] 1906, 157. (Aus dem Englischen.)

2 Herzfeld (1906, LXXXVIII).

3 [»Lachende weibliche Köpfe.«] Bei Scognamiglio (1900, 32).

4 Von L. Schorn (1843, Bd. 3, 6).

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