Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Beispiel die Möglichkeit einer universellen Sündflut und rechnete in der

Geologie ebenso unbedenklich wie die Modernen mit Jahrhundert-

tausenden.

Unter seinen »Prophezeiungen« finden sich so manche, die das Fein-

gefühl eines gläubigen Christen beleidigen müßten, zum Beispiel 1 :

Die Bilder der Heiligen angebetet.

»Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts vernehmen,

welche die Augen offen haben und nicht sehen; sie werden zu diesen

reden und keine Antwort bekommen; sie werden Gnaden erbitten von

dem, welcher Ohren hat und nicht hört; sie werden Lichter anzünden für

den, der blind ist.«

Oder: Vom Klagen am Karfreitag (l. c. 297).

»In allen Teilen Europas wird von großen Völkerschaften geweint wer-

den um den Tod eines einzigen Mannes, der im Orient gestorben.«

Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den heiligen Gestalten

den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit benahm und sie ins Mensch-

liche zog, um große und schöne menschliche Empfindungen an ihnen

darzustellen. Muther rühmt von ihm, daß er die Dekadenzstimmung

überwand und den Menschen das Recht auf Sinnlichkeit und frohen

Lebensgenuß wiedergab. In den Aufzeichnungen, welche Leonardo in

die Ergründung der großen Naturrätsel vertieft zeigen, fehlt es nicht an

Äußerungen der Bewunderung für den Schöpfer, den letzten Grund all

dieser herrlichen Geheimnisse, aber nichts deutet darauf hin, daß er

eine persönliche Beziehung zu dieser Gottesmacht festhalten wollte. Die

Satze, in welche er die tiefe Weisheit seiner letzten Lebensjahre gelegt

hat, atmen die Resignation des Menschen, der sich der Ἀνάγϰη, den Ge-

setzen der Natur, unterwirft und von der Güte oder Gnade Gottes keine

Milderung erwartet. Es ist kaum ein Zweifel, daß Leonardo die dog-

matische wie die persönliche Religion überwunden und sich durch seine

Forscherarbeit weit von der Weltanschauung des gläubigen Christen

entfernt hatte.

Aus unseren vorhin [S. 120 u. ff.] erwähnten Einsichten in die Entwick-

lung des kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme nahegelegt,

daß auch Leonardos erste Forschungen im Kindesalter sich mit den Pro-

blemen der Sexualität beschäftigten. Er verrät es uns aber selbst in

1 Nach Herzfeld (1906, 292).

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci

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