Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci

Psychoanalyse genötigt hat, auf so unzureichendes Material hin ein Gut-

achten abzugeben.

Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das historische Material

und bei gesichertster Handhabung der psychischen Mechanismen würde

eine psychoanalytische Untersuchung an zwei bedeutsamen Stellen die

Einsicht in die Notwendigkeit nicht ergeben können, daß das Indivi-

duum nur so und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo

die Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegitimen Ge-

burt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den entscheidendsten Ein-

fluß auf seine Charakterbildung und sein späteres Schicksal übten, in-

dem die nach dieser Kindheitsphase eintretende Sexualverdrängung ihn

zur Sublimierung der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine

sexuelle Inaktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese Ver-

drängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit hätte

nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Individuum viel-

leicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger ausgiebig ausgefallen.

Wir müssen hier einen Grad von Freiheit anerkennen, der psychoana-

lytisch nicht mehr aufzulösen ist. Ebensowenig darf man den Ausgang

dieses Verdrängungsschubes als den einzig möglichen Ausgang hin-

stellen wollen. Einer anderen Person wäre es wahrscheinlich nicht ge-

glückt, den Hauptanteil der Libido der Verdrängung durch die Subli-

mierung zur Wißbegierde zu entziehen; unter den gleichen Einwir-

kungen wie Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung der

Denkarbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur Zwangs-

neurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos er-

übrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische Bemühung: seine

ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine außeror-

dentliche Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe.

Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das die Psycho-

analyse erkennen kann. Von da an räumt sie der biologischen For-

schung den Platz. Verdrängungsneigung sowie Sublimierungsfähigkeit

sind wir genötigt, auf die organischen Grundlagen des Charakters zu-

rückzuführen, über welche erst sich das seelische Gebäude erhebt. Da die

künstlerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimierung

innig zusammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch das Wesen der

künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch unzugänglich ist. Die bio-

logische Forschung unserer Zeit neigt dazu, die Hauptzüge der orga-

nischen Konstitution eines Menschen durch die Vermengung männlicher

und weiblicher Anlagen im [chemischen] stofflichen Sinne zu erklären;

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