Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Bildende Kunst und Literatur

von den Tafeln, deren Stellung er als die ursprüngliche hinnimmt. So

verlegt er sich den Weg zu einer Auffassung wie die unsrige, welche

durch die Wertung gewisser unscheinbarer Details zu einer überraschen-

den Deutung der ganzen Figur und ihrer Absichten gelangt.

Wie nun aber, wenn wir uns beide auf einem Irrwege befänden? Wenn

wir Einzelheiten schwer und bedeutungsvoll aufnehmen würden, die

dem Künstler gleichgültig waren, die er rein willkürlich oder auf ge-

wisse formale Anlässe hin nur eben so gestaltet hätte, wie sie sind, ohne

etwas Geheimes in sie hineinzulegen? Wenn wir dem Los so vieler Inter-

preten verfallen wären, die deutlich zu sehen glauben, was der Künstler

weder bewußt noch unbewußt schaffen gewollt hat? Darüber kann ich

nicht entscheiden. Ich weiß nicht zu sagen, ob es angeht, einem Künstler

wie Michelangelo, in dessen Werken soviel Gedankeninhalt nach Aus-

druck ringt, eine solche naive Unbestimmtheit zuzutrauen, und ob dies

gerade für die auffälligen und sonderbaren Züge der Mosesstatue an-

nehmbar ist. Endlich darf man noch in aller Schüchternheit hinzufügen,

daß sich in die Verschuldung dieser Unsicherheit der Künstler mit dem

Interpreten zu teilen habe. Michelangelo ist oft genug in seinen Schöp-

fungen bis an die äußerste Grenze dessen, was die Kunst ausdrücken

kann, gegangen; vielleicht ist es ihm auch beim Moses nicht völlig ge-

glückt, wenn es seine Absicht war, den Sturm heftiger Erregung aus

den Anzeichen erraten zu lassen, die nach seinem Ablauf in der Ruhe

zurückblieben.

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