Bildende Kunst und Literatur

lalegion.pictures.com

Bildende Kunst und Literatur

Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit

Mutter sexuell zu verkehren. Im Vergleich mit diesen beiden waren

allerdings die zur Fixierung des Schuldgefühls begangenen Verbrechen

Erleichterungen für den Gequälten. Man muß sich hier daran erinnern,

daß Vatermord und Mutterinzest die beiden großen Verbrechen der

Menschen sind, die einzigen, die in primitiven Gesellschaften als solche

verfolgt und verabscheut werden. Auch daran, wie nahe wir durch

andere Untersuchungen der Annahme gekommen sind, daß die Mensch-

heit ihr Gewissen, das nun als vererbte Seelenmacht auftritt, am Ödi-

pus-Komplex erworben hat.

Die Beantwortung der zweiten Frage geht über die psychoanalytische

Arbeit hinaus. Bei Kindern kann man ohneweiters beobachten, daß sie

»schlimm« werden, um Strafe zu provozieren, und nach der Bestrafung

beruhigt und zufrieden sind. Eine spätere analytische Untersuchung

führt oft auf die Spur des Schuldgefühls, welches sie die Strafe suchen

hieß. Von den erwachsenen Verbrechern muß man wohl alle die ab-

ziehen, die ohne Schuldgefühl Verbrechen begehen, die entweder keine

moralischen Hemmungen entwickelt haben oder sich im Kampf mit der

Gesellschaft zu ihrem Tun berechtigt glauben. Aber bei der Mehrzahl

der anderen Verbrecher, bei denen, für die die Strafsatzungen eigentlich

gemacht sind, könnte eine solche Motivierung des Verbrechens sehr wohl

in Betracht kommen, manche dunkle Punkte in der Psychologie des

Verbrechers erhellen und der Strafe eine neue psychologische Fundie-

rung geben.

Ein Freund hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, daß der »Ver-

brecher aus Schuldgefühl« auch Nietzsche bekannt war. Die Präexistenz

des Schuldgefühls und die Verwendung der Tat zur Rationalisierung

desselben schimmern uns aus den Reden 1 Zarathustras Ȇber den blei-

chen Verbrecher« entgegen. Überlassen wir es zukünftiger Forschung zu

entscheiden, wieviele von den Verbrechern zu diesen »bleichen« zu

rechnen sind.

1 [In den Ausgaben vor 1924: »dunklen Reden«. – Schon in der Falldarstellung des

»Kleinen Hans« (1909 b), Studienausgabe, Bd. 8, 41, und ferner in der des »Wolfs-

mannes« (1918 b), ibid., 147, klingt die Vorstellung an, Schuldgefühle könnten ein

Motiv für die Missetat sein. Die letztere Arbeit wurde zwar später als der vorliegende

Essay veröffentlicht, ihre Niederschrift erfolgte jedoch zum größten Teil schon im Jahr

davor.]

253

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine