Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Eine Kindheitserinnerung aus ›Dichtung und Wahrheit‹

Sicherheiten abgesehen – bleibt, die Deutung einer Kinderhandlung auf

eine einzige Analogie zu begründen. Ich hatte darum auch meine Auf-

fassung der kleinen Szene aus Dichtung und Wahrheit durch Jahre zu-

rückgehalten. Da bekam ich eines Tages einen Patienten, der seine Ana-

lyse mit folgenden, wortgetreu fixierten Sätzen einleitete:

»Ich bin das älteste von acht oder neun Geschwistern 1 . Eine meiner

ersten Erinnerungen ist, daß der Vater, in Nachtkleidung auf seinem

Bette sitzend, mir lachend erzählt, daß ich einen Bruder bekommen

habe. Ich war damals dreidreiviertel Jahre alt; so groß ist der Alters-

unterschied zwischen mir und meinem nächsten Bruder. Dann weiß ich,

daß ich kurze Zeit nachher (oder war es ein Jahr vorher?) 2 einmal ver-

schiedene Gegenstände, Bürsten – oder war es nur eine Bürste? – Schuhe

und anderes aus dem Fenster auf die Straße geworfen habe. Ich habe

auch noch eine frühere Erinnerung. Als ich zwei Jahre alt war, über-

nachtete ich mit den Eltern in einem Hotelzimmer in Linz auf der Reise

ins Salzkammergut. Ich war damals so unruhig in der Nacht und machte

ein solches Geschrei, daß mich der Vater schlagen mußte.«

Vor dieser Aussage ließ ich jeden Zweifel fallen. Wenn bei analytischer

Einstellung zwei Dinge unmittelbar nacheinander, wie in einem Atem

vorgebracht werden, so sollen wir diese Annäherung auf Zusammenhang

umdeuten. Es war also so, als ob der Patient gesagt hätte: Weil ich er-

fahren, daß ich einen Bruder bekommen habe, habe ich einige Zeit

nachher jene Gegenstände auf die Straße geworfen. Das Hinauswerfen

der Bürsten, Schuhe usw. gibt sich als Reaktion auf die Geburt des Bru-

ders zu erkennen. Es ist auch nicht unerwünscht, daß die fortgeschafften

Gegenstände in diesem Falle nicht Geschirr, sondern andere Dinge

waren, wahrscheinlich solche, wie sie das Kind eben erreichen konnte …

Das Hinausbefördern (durchs Fenster auf die Straße) erweist sich so

als das Wesentliche der Handlung, die Lust am Zerbrechen, am Klirren

und die Art der Dinge, an denen »die Exekution vollzogen wird«, als

inkonstant und unwesentlich.

Natürlich gilt die Forderung des Zusammenhanges auch für die dritte

Kindheitserinnerung des Patienten, die, obwohl die früheste, an das

Ende der kleinen Reihe gerückt ist. Es ist leicht, sie zu erfüllen. Wir

verstehen, daß das zweijährige Kind darum so unruhig war, weil es

1 Ein flüchtiger Irrtum auffälliger Natur. Es ist nicht abzuweisen, daß er bereits durch

die Beseitigungstendenz gegen den Bruder induziert ist. (Vgl. Ferenczi, ݆ber passagere

Symptombildung während der Analyse‹, 1912.)

2 Dieser den wesentlichen Punkt der Mitteilung als Widerstand annagende Zweifel

wurde vom Patienten bald nachher selbständig zurückgezogen.

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