Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Dostojewski und die Vatertötung

die Tatsache seines außerordentlichen Schuldgefühls wie seiner maso-

chistischen Lebensführung werden wir auf eine besonders starke femi-

nine Komponente zurückführen. So ist die Formel für Dostojewski: ein

besonders stark bisexuell Veranlagter, der sich mit besonderer Intensität

gegen die Abhängigkeit von einem besonders harten Vater wehren kann.

Diesen Charakter der Bisexualität fügen wir zu den früher erkannten

Komponenten seines Wesens hinzu. Das frühzeitige Symptom der »To-

desanfälle« laßt sich also verstehen als eine vom Über-Ich strafweise

zugelassene Vateridentifizierung des Ichs. Du hast den Vater töten

wollen, um selbst der Vater zu sein. Nun bist du der Vater, aber der

tote Vater; der gewöhnliche Mechanismus hysterischer Symptome. Und

dabei: jetzt tötet dich der Vater. Für das Ich ist das Todessymptom

Phantasiebefriedigung des männlichen Wunsches und gleichzeitig maso-

chistische Befriedigung; für das Über-Ich Strafbefriedigung, also sadisti-

sche Befriedigung. Beide, Ich und Über-Ich, spielen die Vaterrolle

weiter. – Im ganzen hat sich die Relation zwischen Person und Vater-

objekt bei Erhaltung ihres Inhalts in eine Relation zwischen Ich und

Über-Ich gewandelt, eine Neuinszenierung auf einer zweiten Bühne,

Solche infantile Reaktionen aus dem Ödipuskomplex mögen erlöschen,

wenn die Realität ihnen keine weitere Nahrung zuführt. Aber der Cha-

rakter des Vaters bleibt derselbe, nein, er verschlechtert sich mit den

Jahren, und so bleibt auch der Vaterhaß Dostojewskis erhalten, sein

Todeswunsch gegen diesen bösen Vater. Nun ist es gefährlich, wenn die

Realität solche verdrängte Wünsche erfüllt. Die Phantasie Ist Realität

geworden, alle Abwehrmaßregeln werden nun verstärkt. Nun nehmen

Dostojewskis Anfälle epileptischen Charakter an, sie bedeuten gewiß

noch immer die strafweise Vateridentifizierung, sind aber fürchterlich

geworden wie der schreckliche Tod des Vaters selbst. Welchen, insbe-

sondere sexuellen, Inhalt sie dazu noch aufgenommen haben, entzieht

sich dem Erraten.

Eines ist merkwürdig: in der Aura des Anfalles wird ein Moment der

höchsten Seligkeit erlebt, der sehr wohl den Triumph und die Befreiung

bei der Todesnachricht fixiert haben kann, auf den dann sofort die um so

grausamere Strafe folgte. So eine Folge von Triumph und Trauer, Fest-

freude und Trauer, haben wir auch bei den Brüdern der Urhorde, die

den Vater erschlugen, erraten und finden ihn in der Zeremonie der

Totemmahlzeit wiederholt 1 . Wenn es zutrifft, daß Dostojewski in Sibi-

1 [S. Totem und Tabu (1912–13), Abschnitt 5 des vierten Aufsatzes.]

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