Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Goethe-Preis

ersten affektiven Bindungen des Menschenkindes vertraut. Er feierte

sie in der Zueignung der Faust-Dichtung in Worten, die wir für jede

unserer Analysen wiederholen könnten:

»Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,

Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.

Versuch’ ich wohl, euch diesmal festzuhalten?«

– – – – – – – – – –

»Gleich einer alten, halbverklungnen Sage

Kommt erste Lieb’ und Freundschaft mit herauf.«

Von der stärksten Liebesanziehung, die er als reifer Mann erfuhr, gab

er sich Rechenschaft, indem er der Geliebten zurief: »Ach, du warst in

abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau.« 1

Er stellte somit nicht in Abrede, daß diese unvergänglichen ersten Nei-

gungen Personen des eigenen Familienkreises zum Objekt nehmen.

Den Inhalt des Traumlebens umschreibt Goethe mit den so stimmungs-

vollen Worten:

»Was von Menschen nicht gewußt

Oder nicht bedacht,

Durch das Labyrinth der Brust

Wandelt in der Nacht.« 2

Hinter diesem Zauber erkennen wir die altehrwürdige, unbestreitbar

richtige Aussage des Aristoteles, das Träumen sei die Fortsetzung unserer

Seelentätigkeit in den Schlafzustand, vereint mit der Anerkennung des

Unbewußten, die erst die Psychoanalyse hinzugefügt hat. Nur das

Rätsel der Traumentstellung findet dabei keine Auflösung.

In seiner vielleicht erhabensten Dichtung, der Iphigenie, zeigt uns

Goethe ein ergreifendes Beispiel einer Entsühnung, einer Befreiung der

leidenden Seele von dem Druck der Schuld, und er läßt diese Katharsis

sich vollziehen durch einen leidenschaftlichen Gefühlsausbruch unter

dem wohltätigen Einfluß einer liebevollen Teilnahme. Ja, er hat sich

selbst wiederholt in psychischer Hilfeleistung versucht, so an jenem

Unglücklichen, der in den Briefen Kraft genannt wird, an dem Pro-

fessor Plessing, von dem er in der Campagne in Frankreich erzählt, und

das Verfahren, das er anwendete, geht über das Vorgehen der katho-

1 [Aus dem an Charlotte von Stein gerichteten Gedicht: ›Warum gabst du uns die

tiefen Blicke‹.]

2 [Aus dem Gedicht ›An den Mond‹, letzte Fassung.]

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