Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Der Wahn und die Träume in W. Jensens ›Gradiva‹

Schule gelehrte Mathematik und Geometrie, bis seine Fassungskraft eines

Tages plötzlich vor einigen harmlosen Aufgaben erlahmte. Von zweien

dieser Aufgaben ließ sich noch der Wortlaut feststellen: Zwei Körper

stoßen aufeinander, der eine mit der Geschwindigkeit … usw. – Und:

Einem Zylinder vom Durchmesser der Fläche in ist ein Kegel einzu-

schreiben usw. Bei diesen für einen anderen gewiß nicht auffälligen An-

spielungen an das sexuelle Geschehen fand er sich auch von der Mathe-

matik verraten und ergriff auch vor ihr die Flucht.

Wenn Norbert Hanold eine aus dem Leben geholte Persönlichkeit wäre,

die so die Liebe und die Erinnerung an seine Kinderfreundschaft durch

die Archäologie vertrieben hätte, so wäre es nur gesetzmäßig und

korrekt, daß gerade ein antikes Relief die vergessene Erinnerung an

die mit kindlichen Gefühlen Geliebte in ihm erweckte; es wäre sein

wohlverdientes Schicksal, daß er sich in das Steinbild der Gradiva ver-

liebte, hinter welchem vermöge einer nicht aufgeklärten Ähnlichkeit die

lebende und von ihm vernachlässigte Zoë zur Wirkung kommt.

Fräulein Zoë scheint selbst unsere Auffassung von dem Wahn des jun-

gen Archäologen zu teilen, denn das Wohlgefallen, dem sie am Ende

ihrer »rückhaltlosen, ausführlichen und lehrreichen Strafrede« Aus-

druck gegeben, läßt sich kaum anders als durch die Bereitwilligkeit be-

gründen, sein Interesse für die Gradiva von allem Anfang an auf ihre

Person zu beziehen. Dieses war es eben, was sie ihm nicht zugetraut

hatte und was sie trotz aller Wahnverkleidung doch als solches er-

kannte. An ihm aber hatte nun die psychische Behandlung von ihrer

Seite ihre wohltätige Wirkung vollbracht; er fühlte sich frei, da nun der

Wahn durch dasjenige ersetzt war, wovon er doch nur eine entstellte

und ungenügende Abbildung sein konnte. Er zögerte jetzt auch nicht,

sich zu erinnern und sie als seine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin

zu erkennen, die sich im Grunde gar nicht verändert habe. Aber etwas

anderes fand er höchst sonderbar –

»Daß jemand erst sterben muß, um lebendig zu werden«, meinte das

Mädchen. »Aber für die Archäologen ist das wohl notwendig.« (G.

S. 141.) Sie hatte ihm offenbar den Umweg noch nicht verziehen, den er

von der Kinderfreundschaft bis zu dem neu sich knüpfenden Verhältnis

über die Altertumswissenschaft eingeschlagen hatte.

»Nein, ich meine dein Name … Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeu-

tend ist und ›die im Schreiten Glänzende‹ bezeichnet.« (G. S. 142.)

Darauf waren nun auch wir nicht vorbereitet. Unser Held beginnt sich

aus seiner Demütigung zu erheben und eine aktive Rolle zu spielen. Er

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