Bildende Kunst und Literatur

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Bildende Kunst und Literatur

Bildende Kunst und Literatur

vor und unmittelbar nach dem Traum diese Nachforschung ihn er-

füllte, und daß der Traum selbst nur eine von seinem Bewußtsein er-

stickte Antwort auf die Frage nach dem Aufenthalt der Gradiva war.

Irgendeine Macht, die wir nicht erkennen, hemmt aber zunächst auch

das Bewußtwerden des wahnhaften Vorsatzes, so daß zur bewußten

Motivierung der Reise nur unzulängliche, streckenweise zu erneuernde

Vorwände erübrigen. Ein anderes Rätsel gibt uns der Dichter auf,

indem er den Traum, die Entdeckung der vermeintlichen Gradiva auf

der Straße und die Entschließung zur Reise durch den Einfluß des

singenden Kanarienvogels wie Zufälligkeiten ohne innere Beziehung

aufeinander folgen läßt.

Mit Hufe der Aufklärungen, die wir den späteren Reden der Zoë Bert-

gang entnehmen, wird dieses dunkle Stück der Erzählung für unser Ver-

ständnis erhellt. Es war wirklich das Urbild der Gradiva, Fräulein Zoë

selbst, das Hanold von seinem Fenster aus auf der Straße schreiten sah

(G. S. 89), und das er bald eingeholt hätte. Die Mitteilung des Traumes:

sie lebt ja am heutigen Tage in der nämlichen Stadt wie du, hätte so

durch einen glücklichen Zufall eine unwiderstehliche Bekräftigung er-

fahren, vor welcher sein inneres Sträuben zusammengebrochen wäre.

Der Kanarienvogel aber, dessen Gesang Hanold in die Ferne trieb,

gehörte Zoë, und sein Käfig stand an ihrem Fenster, dem Hause Hanolds

schräg gegenüber. (G. S. 135 [S. 31].) Hanold, der nach der Anklage des

Mädchens die Gabe der »negativen Halluzination« besaß, die Kunst

verstand, auch gegenwärtige Personen nicht zu sehen und nicht zu er-

kennen, muß von Anfang an die unbewußte Kenntnis dessen gehabt

haben, was wir erst spät erfahren. Die Zeichen der Nähe Zoës, ihr Er-

scheinen auf der Straße und der Gesang ihres Vogels so nahe seinem

Fenster, verstärken die Wirkung des Traumes, und in dieser für seinen

Widerstand gegen die Erotik so gefährlichen Situation – ergreift er die

Flucht. Die Reise entspringt einem Aufraffen des Widerstandes nach

jenem Vorstoß der Liebessehnsucht im Traum, einem Fluchtversuch von

der leibhaftigen und gegenwärtigen Geliebten weg. Sie bedeutet prak-

tisch einen Sieg der Verdrängung, die diesmal im Wahne die Oberhand

behält, wie bei seinem früheren Tun, den »pedestrischen Untersuchun-

gen« an Frauen und Mädchen, die Erotik siegreich gewesen war. Überall

aber ist in diesem Schwanken des Kampfes die Kompromißnatur der

Entscheidungen gewahrt; die Reise nach Pompeji, die von der lebenden

Zoë wegführen soll, führt wenigstens zu ihrem Ersatz, zur Gradiva. Die

Reise, die den latenten Traumgedanken zum Trotze unternommen wird,

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